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Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a

9 December 1916, Dornach

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Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I

Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Zunächst, um es nicht zu vergessen, möchte ich ankündigen, daß wir morgen bereits um drei Uhr beginnen, damit einige der Freunde, welche wahrscheinlich schon morgen abreisen müssen, die Zeit dazu finden, dem Vortrag beizuwohnen. Dann möchte ich Sie bitten, diese Aufführung, die wir heute versuchten, Ihnen zu geben, nicht allzu sehr übelzunehmen. Man muß sie selbstverständlich im Zusammenhange verstehen mit der ganzen Faust-Dichtung, nicht als eine Einzelheit, und ich werde versuchen wie ich glaube schon morgen —, anfügend an meinen Vortrag, dann einiges zur Erläuterung gerade dieser Dichtung zu sagen, bevor wir sie am Montag wiederholen.

[ 1 ] My dear friends! First of all, lest I forget, I would like to announce that we will begin as early as three o’clock tomorrow, so that some of our friends who will likely have to leave tomorrow will have time to attend the lecture. I would also like to ask you not to take this performance—which we attempted to present to you today—too much to heart. Of course, it must be understood in the context of the entire Faust epic, not as an isolated detail, and I will try—I believe as early as tomorrow—to add a few words to my lecture explaining this particular poem before we repeat the performance on Monday.

[ 2 ] Heute möchte ich, da ich bemerkt habe, daß dies doch den Wünschen einiger unserer Freunde entspricht, einige weitere Bemerkungen zu dem machen — so weit es möglich ist —, was ich am letzten Montag begonnen habe. Ich werde also heute und morgen weiter in diese Sache einzudringen versuchen, muß aber — damit wir uns verstehen und keine Mißverständnisse auftreten, wenn ich die Sache mehr von der geistigen Seite beleuchten soll, wie das nunmehr zu geschehen hat — einiges vorausschicken. Denn ohne daß man in der Lage ist, auf gewisse Verhältnisse in der Gegenwart und in den Zeiten, in denen sich diese Gegenwart vorbereitet hat, zu schauen, ohne daß man also in der Lage ist, auf diese Verhältnisse auf dem physischen Plan zu schauen, ist es nicht möglich, auf die tieferen, gewissermaßen okkulten Seiten einzugehen. Sie wissen ja, daß es sich hier nicht um irgendeine Parteinahme handelt, daß es sich nicht um Sympathien oder Antipathien handelt, sondern um die Darlegung gewisser Verhältnisse, die eben manchem, wie ich gehört habe, zum Verständnis der gegenwärtigen schweren Zeit wünschenswert ist. Ich will also heute, soweit es unsere Zeit gestattet, noch einige vorbereitende Erläuterungen geben.

[ 2 ] Today, since I have noticed that this is in fact in line with the wishes of some of our friends, I would like to make a few more comments—as far as possible—on what I began last Monday. So today and tomorrow I will try to delve further into this matter, but—so that we understand one another and no misunderstandings arise when I shed light on the matter more from the spiritual side, as must now be done—I must preface this with a few remarks. For unless one is able to look at certain conditions in the present and in the times that led up to this present—in other words, unless one is able to look at these conditions on the physical plane—it is not possible to delve into the deeper, so to speak, occult aspects. You know, of course, that this is not a matter of taking sides, nor is it a matter of sympathies or antipathies, but rather of presenting certain circumstances which, as I have heard, many people find helpful in understanding the difficult times we are currently facing. So today, as time permits, I would like to offer a few more preparatory explanations.

[ 3 ] Zunächst müssen wir uns schon klar sein darüber, daß alles, was äußerlich auf dem physischen Plane geschieht, abhängig ist von den zugrunde liegenden geistigen Kräften und Mächten. Es ist aber im Konkreten schwierig, die Art und Weise des Wirkens dieser geistigen Kräfte und Mächte präzis kennenzulernen, denn an einigen Stellen des physischen Planes liegen, man möchte sagen Einbrüche, deutlichere Einbrüche der geistigen Welt vor als an andern Stellen. Ich habe hier öfter darauf hingedeutet, daß es gewissermaßen Verbindungslinien gibt von der äußeren Welt durch die mannigfaltigsten Zwischenverhältnisse hindurch zu okkulten Bruderschaften und wiederum von den okkulten Bruderschaften hinein in die geistige Welt. Wenn man diese Dinge richtig verstehen will, so muß man vor allen Dingen ins Auge fassen, daß da, wo Menschen gewissermaßen mit Zuhilfenahme geistig wirksamer Kräfte arbeiten — sei es im guten, sei es im schlimmen Sinne —, immer mit großen Zeiträumen gerechnet wird. Und noch etwas, worauf vieles ankommt [bei diesen Bruderschaften], ist, die Verhältnisse des physischen Planes mit einer gewissen Kaltblütigkeit zu überschauen und sie zu benützen.

[ 3 ] First of all, we must be clear that everything that happens externally on the physical plane depends on the underlying spiritual forces and powers. In concrete terms, however, it is difficult to gain a precise understanding of the manner in which these spiritual forces and powers operate, for in some places on the physical plane there are—one might say—intrusions, more distinct intrusions of the spiritual world than in other places. I have often pointed out here that there are, so to speak, connecting lines from the outer world—through the most varied intermediary relationships—to occult brotherhoods, and in turn from the occult brotherhoods into the spiritual world. If one wishes to understand these things correctly, one must first and foremost bear in mind that wherever people work, so to speak, with the aid of spiritually active forces—whether for good or for evil—great spans of time are always involved. And another factor that is of great importance [for these brotherhoods] is to survey the conditions of the physical plane with a certain detachment and to make use of them.

[ 4 ] Das ist insbesondere dann erforderlich, wenn man sich der vorhandenen geistigen Richtungen, Strömungen bedienen will, um das oder jenes zu erreichen. Sie werden im Verlaufe meiner Darstellungen schon sehen, inwiefern das eine oder das andere in gutem oder schlechtem Sinne angestrebt und erreicht wird. Eine Eigentümlichkeit derer, die sich geistiger Kräfte bedienen, ist diese, daß sie sehr häufig — ich sage «sehr häufig», nicht «immer» —, Gründe haben, nicht selbst auf die Bühne des äußeren, physischen Planes zu treten, sondern sich [geeigneter] Mittelspersonen zu bedienen — Mittelspersonen, durch die gewisse Pläne erreicht, verwirklicht werden können. Nun handelt es sich darum, daß diese Dinge oftmals so geschehen müssen, daß die andern Menschen sie nicht merken. Wir haben ja aus den verschiedenen Betrachtungen gesehen, daß die Menschen gewissermaßen unaufmerksam sind, nicht gerne hinschauen auf das, was geschieht. Das aber benützen viele, welche sich gewisser okkulter Zusammenhänge bedienen, um in der Welt zu wirken. Wer diese nicht so anschaut, wie man sie gewöhnlich betrachtet, sondern wer mit einem freien, offenen Blick sich diese Welt anschaut, wird wissen, daß es für diejenigen, die sich solcher Mittel bedienen wollen, stets beeinflußbare Menschen gibt. Und wenn es jemand darauf anlegt, Menschen zu beeinflussen und in einem gewissen Sinne als Okkultist vielleicht nicht ganz gewissenhaft ist, so kann er solche Beeinflussungen schon bewirken.

[ 4 ] This is particularly necessary when one wishes to make use of existing spiritual movements and currents to achieve this or that. As my explanations unfold, you will see to what extent one thing or another is sought and achieved, whether for good or for ill. A characteristic of those who make use of spiritual forces is that they very often—I say “very often,” not “always”—have reasons not to step onto the stage of the outer, physical plane themselves, but rather to make use of [suitable] intermediaries—intermediaries through whom certain plans can be achieved and realized. Now the point is that these things often have to happen in such a way that other people do not notice them. We have seen from various considerations that people are, in a sense, inattentive; they do not like to look closely at what is happening. But many who make use of certain occult connections take advantage of this to work in the world. Anyone who does not view this world as it is usually viewed, but rather looks at it with a free, open gaze, will know that there are always people who can be influenced by those who wish to make use of such means. And if someone sets out to influence people and, in a certain sense, is perhaps not entirely conscientious as an occultist, then he can indeed bring about such influences.

[ 5 ] Wie gesagt, ich will Ihnen Vorbereitendes geben. Nehmen wir ein Beispiel — ich will ganz elementar vorgehen, Sie werden schon sehen, daß uns dieses Elementare zum Verständnis von Tiefergehendem führt —, nehmen wir also ein Beispiel. So schrieb Richard Graf von Pfeil, [ein preußischer Offizier], der sich [über lange Jahre] in Petersburg [und anderen Orten in Rußland] aufgehalten und umgesehen hat, die folgenden Zeilen über den [Eindruck, den er anläßlich seiner Verabschiedung] im Jahre 1889 vom damals regierenden Kaiser von Rußland, Alexander III., hatte:

[ 5 ] As I said, I want to give you some background information. Let’s take an example—I’ll keep it very basic; you’ll see that this basic understanding will lead us to a deeper understanding—so let’s take an example. Richard Graf von Pfeil, [a Prussian officer] who had spent [many years] in St. Petersburg [and other places in Russia] and had looked around, wrote the following lines about the [impression he had, on the occasion of his farewell] in 1889 of the then-reigning Emperor of Russia, Alexander III:

Der Gesamteindruck, den mir Kaiser Alexander III. in dieser Unterredung machte, war der von mir lange vermutete, daß er absichtlich von seiner Umgebung in einem tiefen Mißtrauen gegen Deutschland gehalten werde und daß sich dieses Mißtrauen nunmehr derart in ihm eingewurzelt habe, daß an eine Änderung überhaupt kaum noch zu denken sei. Er war von seiner tiefen Friedensliebe mit Recht überzeugt, glaubte aber auch an die seiner Ratgeber und der sonstigen maßgebenden Persönlichkeiten in Rußland, von denen viele den Frieden durchaus nicht so wünschten wie er.

The overall impression that Emperor Alexander III made on me during this conversation was the one I had long suspected: that he was deliberately being kept in a state of deep mistrust toward Germany by those around him, and that this mistrust had now become so deeply ingrained in him that a change was hardly conceivable at all. He was rightly convinced of his own deep love of peace, but he also believed in that of his advisors and other influential figures in Russia, many of whom by no means desired peace as much as he did.

[ 6 ] Sie haben also an hervorragender Stelle einen Menschen, den man so beschreiben muß: Er ist beeinflußbar für diejenigen, die sich zur Beeinflussung an ihn herandrängen, die sich aber nicht selber zeigen wollen, die nicht selber in den Vordergrund treten wollen. Nehmen Sie an, jemand, der gewisse Zusammenhänge kennt, die sich aus dem Impulse des fünften nachatlantischen Zeitraums ergeben, und diese Zusammenhänge in seinem Sinne oder im Sinne irgendeiner Gemeinschaft ausnützen will — was tut der? Der sucht an eine solche hervorragende Persönlichkeit heranzukommen, sucht Einfluß zu gewinnen, indem er die Vorstellung erweckt, daß es ihm im eminentesten Sinne ganz fernliegt, irgendeinen Einfluß zu gewinnen, in der Hoffnung, niemand bemerke, daß er Einfluß gewinnen will, aber er gewinnt diesen Einfluß. Man braucht ja nur gewisse Arten, seine Sätze zu formen, gewisse Arten, seine Wendungen zu gebrauchen, um einfach durch die Formung gewisser Sätze, durch das Aussprechen gewisser Worte oder durch noch andere Mittel, die ich nicht schildern will, Einfluß auf die Menschen zu gewinnen. Man braucht nur die Mittel zu kennen, wie man jemanden beeinflussen kann, um ihn in eine gewisse Richtung zu bringen. Weil manche Leute bis zu einem gewissen Grade unaufmerksam sind, scheint ihnen die Welt ihrem Urteile nach einfach gut, und weil die Welt für sie also gut ist, wird sie sich selbstverständlich auch darnach richten. Nun ja, Alexander II. mochte ja von seiner tiefen Friedensliebe mit Recht überzeugt gewesen sein, aber er glaubte ebenso auch allen seinen Ratgebern und sonstigen maßgebenden Persönlichkeiten in Rußland, von denen viele den Frieden durchaus nicht so sehr wünschten wie er.

[ 6 ] So you have, in a prominent position, a person who must be described as follows: He is susceptible to influence by those who press themselves upon him to exert that influence, but who do not wish to reveal themselves or step into the limelight. Suppose someone knows certain connections arising from the impulses of the fifth post-Atlantean epoch and wants to exploit these connections for his own purposes or for the purposes of some group—what does he do? He seeks to gain access to such an outstanding personality, seeks to gain influence by creating the impression that, in the most eminent sense, it is entirely foreign to him to seek any influence whatsoever, in the hope that no one will notice that he wants to gain influence—yet he does gain that influence. All it takes is a certain way of phrasing one’s sentences, a certain way of using one’s turns of phrase, to gain influence over people simply by the way certain sentences are formed, by the utterance of certain words, or by other means that I do not wish to describe. One need only know the means by which one can influence someone to steer them in a certain direction. Because some people are inattentive to a certain degree, the world simply seems good to them in their judgment, and because the world is thus good to them, it will naturally conform to that view as well. Well, Alexander II may indeed have been rightly convinced of his deep love of peace, but he also believed all his advisors and other influential figures in Russia, many of whom did not desire peace nearly as much as he did.

[ 7 ] Wie leicht so etwas im weitesten Umfange möglich ist, sehen Sie an einem andern Fall — Sie sehen es gerade daran, was ich in bezug auf die Blavatsky erzählt habe. Nachdem eine Zeitlang jener Mahatma, den man mit dem Signum K. H. bezeichnet, einen guten Einfluß auf sie hatte, wurde er mittels gewisser Machinationen durch einen anderen Meister ersetzt, [ohne daß die Blavatsky dies bemerkte]. Dieser war ein Spion im Solde einer gewissen Körperschaft, aber entlaufen aus okkulten Bruderschaften, in deren Hochgrade er eingeweiht war, so daß es ihm möglich war, selber als Mahatma im Hintergrund zu bleiben, aber durch die Blavatsky gewisse Dinge zu erreichen, die er erreichen wollte. Ich will Sie durch die Anführung dieser elementaren Dinge nur hinweisen auf das, worauf man aufmerksam sein muß, wenn man die Dinge beurteilen will, denn durch die Art und Weise, wie Geschichte geschrieben wird, wird die Welt vielfach irregeführt ganz irregeführt. Es handelt sich nämlich bei der Geschichtsschreibung wirklich auch um etwas Tieferes. So an der alleräußersten Oberfläche des physischen Daseins, in der alleräußersten Maja wird man sagen: Nun ja, wenn der oder jener Professor ein tüchtiger Mann ist und die historischen Methoden kennt, so weiß er das Richtige geschichtlich darzustellen. — Das muß aber durchaus nicht sein.

[ 7 ] You can see just how easily something like this can happen on the widest possible scale from another case—you can see it precisely from what I have recounted regarding Blavatsky. After that Mahatma, known by the initials K. H., had exerted a positive influence on her for some time, he was replaced by another Master through certain machinations, [without Blavatsky noticing]. This individual was a spy in the pay of a certain organization, but had defected from occult brotherhoods into whose highest degrees he had been initiated, so that he was able to remain in the background as a Mahatma himself, while using Blavatsky to achieve certain things he desired. By citing these basic facts, I merely wish to point out what one must be mindful of when judging such matters, for the way history is written often leads the world astray—completely astray. For the writing of history really involves something much deeper. Thus, at the very outermost surface of physical existence, in the very outermost Maya, one might say: Well, if this or that professor is a capable man and knows the historical methods, then he knows how to present history correctly. — But that is by no means necessarily the case.

[ 8 ] Ob man als Geschichtsschreiber das Richtige darzustellen vermag ‚oder nicht, das hängt davon ab, ob einen sein Karma dazu führt, das Richtige kennenzulernen oder nicht. Das ist sehr wichtig. Und das Richtige drückt sich oftmals nicht aus in dem, worauf man beliebig den Blick wendet, sondern das Richtige drückt sich sehr häufig nur für den aus, der an die richtigen Stellen den Blick wenden kann — ich könnte auch sagen, der durch sein Karma dahin geführt wird, das Richtige im richtigen Augenblick da zu sehen, wo sich an einer einzelnen Erscheinung etwas Bedeutsames ausspricht. Oftmals drückt sich nämlich in einer einzelnen Erscheinung etwas aus, was ein Licht auf dasjenige wirft, was sich eigentlich in Jahrzehnten vollzieht — aber nur in der Art eines Blitzschlages, der schnell etwas beleuchtet. So will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, um vorzubereiten auf solche Dinge, die für uns dann bei der mehr geistigen Betrachtung besonders wichtig sein werden. Ich will Ihnen also eine kleine Geschichte erzählen.

[ 8 ] Whether a historian is able to portray the truth—or not—depends on whether one’s karma leads one to know the truth or not. This is very important. And the truth is often not revealed in whatever one happens to look at, but rather it is very often revealed only to those who can direct their gaze to the right places—I could also say, those who are guided by their karma to see the truth at the right moment, where something significant is expressed in a single phenomenon. For often, a single phenomenon reveals something that sheds light on what is actually unfolding over decades—but only in the manner of a flash of lightning that quickly illuminates something. So I would like to tell you a little story to prepare you for such things, which will then be particularly important for us in our more spiritual contemplation. So I would like to tell you a little story.

[ 9 ] Es gab in Wien einen Mediziner — es gibt ihn noch, aber jetzt befaßt er sich nicht mehr so mit diesen Dingen —, der schon in den achtziger Jahren in den Grenzen, in denen es, wenn wir so sagen dürfen, berechtigt ist — nicht in den Grenzen, in denen es seit den Freud’schen Theorien getrieben wird —, analytische Psychologie, Psychoanalyse betrieben hat. Er hat mit seiner Psychoanalyse gewisse, auch große Erfolge gehabt, weil er imstande war, durch sein besonderes Gebaren allerlei aus den Leuten herauszukriegen durch Katechisation. Ich habe Ihnen in einem früheren Vortrage dargestellt, was es bedeutet, allerlei herauszukriegen. Nun, zu diesem Ärzte kam im Jahre 1886 ein Mann, der ihm den Anschein erweckte, daß viel in ihm stecken könnte. Nun hatte er ihn zu behandeln, zu behandeln namentlich als einen nervösen Menschen. Es war also für einen Arzt, der sich darauf versteht, allerlei herauszulesen aus dem Seelenleben, sozusagen ein gefundener Fall, der als Fall schon außerordentlich interessant war. Und er brachte heraus, daß der Betreffende eine in die verschiedensten politischen Strömungen verwickelte Persönlichkeit war — eine Persönlichkeit, die, wie man so sagt, überall seine Nase hineinstecken konnte und seine Finger mit im Spiel hatte; er fand heraus, daß der Betreffende auch für gewisse Journale des Kontinents Artikel schrieb, die auf den Herrscher des betreffenden Staates einen großen Einfluß hatten.

[ 9 ] There was a physician in Vienna—he is still there, but he no longer deals with these matters to the same extent—who, as early as the 1880s, practiced analytical psychology and psychoanalysis within the limits where it is, if we may say so, justified—not within the limits to which it has been taken since Freud’s theories. He achieved certain—and indeed significant—successes with his psychoanalysis because he was able, through his particular manner, to draw all sorts of things out of people by means of questioning. I explained to you in an earlier lecture what it means to draw all sorts of things out of people. Well, in 1886, a man came to this doctor who gave him the impression that there might be a great deal going on inside him. Now he had to treat him—specifically, as a nervous individual. So for a doctor skilled at reading all sorts of things from the inner life of the soul, this was, so to speak, a case made for him—one that was already extraordinarily interesting in and of itself. And he discovered that the man in question was a figure involved in a wide variety of political movements—a figure who, as they say, could stick his nose into everything and had a hand in everything; he found out that the man also wrote articles for certain journals on the continent that had a great influence on the ruler of the state in question.

[ 10 ] Der betreffende Patient — Vojdarevič hieß er und war der Sprößling, der sehr spät geborene Sprößling einstiger Vojdarevič der Herzegovina — sagte dazumal noch so mancherlei. Unter anderem wußte er auch genau Bescheid, wie die Fäden liefen, als vor dem Beginne des Russisch-Türkischen Krieges in den siebziger Jahren in der Herzegovina und in Bosnien von Rußland her diese Dinge eingefädelt worden sind. Unter gewöhnlichen Verhältnissen verrät ein solcher Mensch derartige Dinge nicht, aber wenn der psychoanalytische Arzt über ihn kommt — nun ja, da kommt mancherlei anderes heraus, was sonst nicht herauskommt. Und nachdem er so eine Weile, das heißt öfters katechisiert worden war, wurde es klar, daß dazumal der gute Vojdarevič auch seine Finger mit im Spiele hatte, als vor der Kriegserklärung des Königs Milan und des Fürsten Nikita an die Türkei Mitte der siebziger Jahre die Aufstände in Bosnien und der Herzegovina arrangiert wurden, daß dazumal dieser Vojdarevič mit im Spiele war, als man von Rußland aus Nikita und Milan Anlaß gab, der Türkei den Krieg zu erklären. Nicht wahr, äußerlich sagt man dann: Jetzt haben sich die Leute empört über die schlechte türkische Behandlung. — Die mag ja auch da gewesen sein; das soll nicht geleugnet werden. Ich stelle nur die Zusammenhänge dar, aber man muß sich klar sein darüber, daß die Ursachen oftmals viel weiter zurückliegen und [und viel früher] «gemacht» werden. Also es handelt sich darum, daß jener Vojdarevič tief in diese Dinge verwickelt war.

[ 10 ] The patient in question—his name was Vojdarevič, and he was the scion, the very late-born scion of the former Vojdarevič family of Herzegovina—had a great deal to say at the time. Among other things, he knew exactly how the strings were pulled when, before the start of the Russo-Turkish War in the 1870s, these matters were orchestrated from Russia in Herzegovina and Bosnia. Under normal circumstances, a man like that wouldn’t reveal such things, but when the psychoanalyst gets hold of him—well, then all sorts of other things come out that wouldn’t otherwise come to light. And after he’d been grilled like that for a while—that is, after being questioned repeatedly—it became clear that back then, good old Vojdarevič also had a hand in the matter when the uprisings in Bosnia and Herzegovina were orchestrated prior to King Milan and Prince Nikita’s declaration of war on Turkey in the mid-1870s; that back then, this Vojdarevič was in on it when Russia gave Nikita and Milan cause to declare war on Turkey. Isn’t that right? Outwardly, people say: “Now the people have risen up in outrage over the Turks’ mistreatment.”—That may well have been the case; that should not be denied. I’m merely outlining the context, but one must be clear that the causes often lie much further back and are “engineered” much earlier. So the point is that this Vojdarevič was deeply involved in these matters.

[ 11 ] Was aber weiter noch herauskam aus ihm, das veranlaßte jenen Arzt damals, zu einer einflußreichen Stelle seines Landes zu gehen, denn das, was herauskam, wenn auch nur in abgebrochenen Sätzen, war doch so, daß der Arzt, der immerhin ein heller Kopf war, allerlei aus diesen abgebrochenen Sätzen entnehmen konnte. So wurde ihm mitgeteilt, daß der russische Botschafter in der Türkei in Wien sei und nicht in Konstantinopel, wie die Zeitungen meldeten. Ferner wurde ihm gesagt, daß dieser Botschafter nicht nach Konstantinopel reise, wie wiederum die Zeitungen meldeten, sondern nach Petersburg. Ferner kam heraus, daß der russische Minister des Äußeren nicht, wie die Zeitungen sagten, in die böhmischen Bäder gehe, sondern in Petersburg zu Hause bleibe. Diese beiden Dinge machten einen sonderbaren Eindruck auf den Arzt: daß der russische Botschafter in Konstantinopel über Wien nach Petersburg reise und daß der russische Minister des Äußeren nicht in die böhmischen Bäder gehe, sondern in Petersburg bleibe — also, um dort den Botschafter zu empfangen — und daß die Zeitungen etwas ganz anderes meldeten. Und da ging es ihm wie ein Blitz durch den Kopf — das sind solche dunklen, instinktartigen Intuitionen: Diese ganze Sache hängt damit zusammen, daß in Bulgarien der Battenberger, Alexander von Battenberg, abgesetzt werden wird. Dem Arzt war das nicht recht geheuer, und er teilte das — wie ich schon sagte — an maßgebender Stelle mit. Aber diese «maßgebende» Stelle wußte nichts anderes, als daß der russische Gesandte in Privatangelegenheiten, wie man so sagt, nach Petersburg gehe — sie war auch zufrieden mit solcher Auskunft, wie dies sehr häufig ist, weil man eben auch an maßgebender Stelle zuweilen von jenem Unaufmerksamkeitsdrang erfüllt ist, von dem ich sprach, und durchaus nicht darauf aus ist, die Dinge tiefer zu prüfen. Und eine Woche später mußte der Battenberger «abdampfen»!

[ 11 ] But what else came out of him prompted that doctor at the time to go to an influential figure in his country, for what came out—even if only in broken sentences—was such that the doctor, who was, after all, a sharp mind, was able to glean all sorts of things from those broken sentences. He was thus informed that the Russian ambassador to Turkey was in Vienna and not in Constantinople, as the newspapers reported. He was also told that this ambassador was not traveling to Constantinople, as the newspapers again reported, but to St. Petersburg. It also emerged that the Russian Minister of Foreign Affairs was not, as the newspapers claimed, going to the Bohemian spas, but was staying at home in St. Petersburg. These two things made a strange impression on the doctor: that the Russian ambassador in Constantinople was traveling via Vienna to St. Petersburg, and that the Russian Minister of Foreign Affairs was not going to the Bohemian spas but was staying in St. Petersburg—that is, to receive the ambassador there—and that the newspapers were reporting something entirely different. And then it struck him like a bolt of lightning—those dark, instinctive intuitions: This whole affair is connected to the fact that in Bulgaria, Alexander von Battenberg is about to be deposed. The doctor found this rather unsettling, and he reported it—as I have already said—to the relevant authorities. But these “authoritative” sources knew nothing more than that the Russian envoy was traveling to St. Petersburg on private business, as they say—and they were satisfied with this information, as is very often the case, because even those in positions of authority are sometimes overcome by that urge to be inattentive that I spoke of, and are by no means inclined to examine matters more deeply. And a week later, the Battenberg had to “set sail”!

[ 12 ] Sie sehen, ein eigentlich recht unbedeutendes Ereignis für einen Historiker, aber ein Ereignis, welches im tiefsten Sinne Licht wirft. Und wäre nicht «zufällig», wie man so sagt, der Arzt dahin gelangt, diese Dinge psychoanalytisch aus jenem Vojdarevič herauszubekommen, so wäre das niemals ans Licht gekommen. Allein die Fäden des Karma gehen in sonderbarer Weise, und man weiß einfach durch die Katechisierung, daß Vojdarevič, der außerdem noch manches andere nach dieser Richtung hin verraten hat, daß er dazu ausersehen war, in Bosnien und der Herzegovina selber wiederum Vojdarevič zu werden, wenn die ganze Geschichte richtig gelänge für die Nachkommen der alten Vojdarevič. Aus dem Lichtblitz, der auf die Sache fiel, weiß man, wie die Fäden vom russischen Osten herübergingen nach der Herzegovina und Bosnien, und man kann die Geschichte, die später eine große Rolle gespielt hat, an ihrem Ursprung erlauschen, denn jener Vojdarevič war im Dienste Rußlands von vornherein an der ganzen Sache beteiligt.

[ 12 ] As you can see, this is actually a rather insignificant event for a historian, but one that sheds light in the deepest sense. And if the doctor had not “by chance,” as they say, managed to extract these things from Vojdarevič through psychoanalysis, this would never have come to light. Yet the threads of karma run in strange ways, and one simply knows from the interrogation that Vojdarevič—who, moreover, revealed many other things along these lines—was destined to become Vojdarevič once again in Bosnia and Herzegovina itself, if the whole story were to turn out correctly for the descendants of the old Vojdarevič family. From the flash of insight that shed light on the matter, we know how the threads ran from the Russian East to Herzegovina and Bosnia, and we can trace the origins of the story that later played such a major role, for that Vojdarevič was involved in the whole affair from the very beginning in the service of Russia.

[ 13 ] Sie sehen, hier handelt es sich darum, nicht gerade durch Zauberei, aber jedenfalls dadurch, daß man die Verhältnisse des physischen Planes in der richtigen Weise ausnützt, ganz bestimmte Ziele zu verwirklichen. Und jener Vojdarevič war nur dadurch, daß er nervös geworden war, dahin gekommen, seiner Aufgabe gewissermaßen nicht recht zu dienen, denn ihm war viel eingeflößt worden und er war zu vielem ausersehen. Sie sehen hier ein eminentes Beispiel, wie man in der Welt wirkt, indem man gleichzeitig die Spuren verwischt, in bewußter Weise die Spuren seines Wirkens verwischt. Und Sie werden dadurch einen Begriff bekommen, daß die Beurteilung der Weltverhältnisse doch nicht so leicht ist, wie man sie sich gewöhnlich vorstellt. Denn diejenigen, welche in systematischer Weise gewissermaßen hinter den Kulissen der Weltgeschichte mitwirken wollen, die kennen die Art, wie man solche Fäden benützt, sehr genau, und sie haben die Kaltblütigkeit, diese Dinge in der entsprechenden Weise gründlich auszunützen. Und man kann in dieser Beziehung vieles ausnützen. Nur der Erkenntnisdrang und der Erkenntniswille können einen dazu führen, in den Dingen der Welt klar zu sehen.

[ 13 ] As you can see, the point here is to achieve very specific goals—not exactly through magic, but certainly by making proper use of the conditions of the physical plane. And that Vojdarevič had come to a point where he was, in a sense, failing to fulfill his task properly simply because he had become nervous; for much had been instilled in him, and he had been designated for many things. Here you see an outstanding example of how one works in the world while simultaneously covering one’s tracks—deliberately erasing the traces of one’s actions. And this will give you an idea that assessing world affairs is not as easy as one usually imagines. For those who wish to play a systematic role, so to speak, behind the scenes of world history know very well how to use such threads, and they have the cold-bloodedness to exploit these things thoroughly in the appropriate manner. And there is much that can be exploited in this regard. Only the thirst for knowledge and the will to understand can lead one to see the affairs of the world clearly.

[ 14 ] Wenn man diese Dinge verstehen will — was nun auch viele unserer Freunde anstreben —, so muß man ins Auge fassen, was da vorhanden ist, um gewissermaßen benützt, ausgenützt zu werden. Fassen wir einmal ins Auge, wie die Strömungen der fünften nachatlantischen Zeit hindurchwirken durch gewisse äußerlich wahrnehmbare Bestrebungen, äußerlich vorhandene Tatsachen der gegenwärtigen Zeit im weiteren Sinne. Da haben wir zunächst im Osten von Europa das russische Volk — jenes russische Volk, von dem ich ja schon am letzten Montag gesagt habe, daß es eigentlich ganz Europa gewissermaßen ans Herz gewachsen ist. In diesem russischen Volke, zusammen mit den verschiedenen andern Slawenstämmen, lebt — ich habe das ja öfter dargestellt — völkisches Zukunftselement, denn in dem Volkstum, das als das slawische zusammengefaßt wird, lebt die Substanz, aus der sich später einmal die Geistesströmung des sechsten nachatlantischen Zeitraums entwickeln wird.

[ 14 ] If one wishes to understand these things—which is, after all, what many of our friends are striving for—one must take into account what is already present, so to speak, to be used and utilized. Let us consider how the currents of the fifth post-Atlantean epoch are at work through certain outwardly perceptible endeavors, outwardly existing facts of the present time in the broader sense. First, in Eastern Europe, we have the Russian people—that Russian people of whom I already spoke last Monday, saying that, in a sense, all of Europe has come to hold them dear. Within this Russian people, together with the various other Slavic tribes, there lives—as I have often described—a national element of the future; for within the ethnic group collectively known as the Slavs lies the substance from which the spiritual current of the sixth post-Atlantean epoch will one day develop.

[ 15 ] Und wir haben es zu tun in diesem slawischen Element erstens mit dem russischen Volk als solchem, dann mit den übrigen einzelnen Slawenstämmen, welche zwar differenziert sind gegenüber dem Russentum, sich aber dann doch als Slawen mit den russischen Slawen bis zu einem gewissen Grade verbunden fühlen. Aus diesem Zusammenhang geht oder ging hervor, was man heute als Panslawismus bezeichnet, gewissermaßen als eine Empfindung der Zusammengehörigkeit im Geistigen, im Gemütsleben, und im politischen Leben, im politischen Kulturleben, durch alle Slawen hindurch. Nun, insofern so etwas innerhalb der Volksseele ist, ist es selbstverständlich eine durchaus ehrliche und auch im höheren Sinne der menschlichen Evolution richtige Sache, obschon mit dem Worte «Pan-» heute ein großer Mißbrauch getrieben wird. Für den, der die Verhältnisse kennt, ist es möglich, jene geistige Gemeinschaft, welche die Slawenseelen in der eben charakterisierten Weise, ich möchte sagen durchzittert, «Panslawismus» zu nennen. Von einem «Pangermanismus» zu reden, gleichgültig, wo es geschieht, ob innerhalb oder außerhalb Deutschlands, ist jedoch ein Unsinn, nicht bloß ein Unfug, denn man kann nicht alle Dinge in dieselbe Schablone hineinzwängen — was es nicht gibt, von dem kann man auch nicht sprechen. Es kann irgend etwas einmal als eine Theorie auftauchen, auch in einzelnen Köpfen spuken, aber von solchen Dingen unterscheidet sich das Reale, das — wie ich sagte — die verschiedenen Slawenseelen durchzittert und sich differenziert nach den verschiedenen slawischen Volksstämmen.

[ 15 ] And within this Slavic element, we are dealing first with the Russian people as such, and then with the other individual Slavic tribes, which, while distinct from the Russian people, nevertheless feel a certain degree of connection to the Russian Slavs as fellow Slavs. From this connection arises—or arose—what is today referred to as Pan-Slavism, in a sense a sense of belonging together in the spiritual realm, in emotional life, and in political life and political culture, shared by all Slavs. Now, insofar as something like this exists within the national soul, it is, of course, an entirely sincere and, in the higher sense of human evolution, a proper thing—even though the prefix “Pan-” is widely misused today. For those familiar with the circumstances, it is possible to call that spiritual communion—which permeates the Slavic souls in the manner just described, I might say—“Pan-Slavism.” To speak of “Pan-Germanism,” however it occurs—whether within or outside Germany—is, however, nonsense, not merely absurdity, for one cannot force all things into the same mold—one cannot speak of what does not exist. Something may emerge as a theory at some point, or even haunt individual minds, but reality differs from such things; it—as I said—shakes the various Slavic souls to their core and manifests itself differently among the various Slavic tribes.

[ 16 ] Von dieser Tatsache, daß man es im Osten von Europa mit einem differenzierten Volkselemente zu tun hat, wissen alle, welche sich seit dem 19. Jahrhundert ernsthaft mit gewissen okkulten Erkenntnissen befaßt haben. Daß in dem Slawenelemente jenes Zukunftsvölkische lebt, das weiß der Okkultist und wußte es immer. Und wenn unter den Okkultisten der Theosophischen Gesellschaft etwas anderes behauptet worden ist, zum Beispiel, daß in den Amerikanern dieses Zukunftselement für die sechste Unterrasse steckt, so beweist das nur, daß diese Okkultisten keine Okkultisten waren ‚oder sind beziehungsweise daß sie anderes erreichen wollen als dasjenige, was in den Tatsachen vorgesehen ist. So müssen wir auf der einen Seite damit rechnen, daß wir es im Osten zu tun haben mit einem gewissermaßen Zukunft in sich tragenden, wie aus dem Blute herauskommenden Element. Aber dieses Element ist heute noch vielfach naiv, kennt sich selbst noch nicht, hat in sich, ich möchte sagen prophetisch-instinktiv das, was sich aus ihm entwickeln soll. In Träumen ist es vielfach vorhanden. Und wie jedem Okkultisten weiter — ich meine jetzt nicht im Sinne der äußeren Tatsachen, sondern als Kulturtatsache —, bekannt ist, daß in einer ganz bestimmten Weise das polnische Element [unter den slawischen Völkern] das am meisten vorgeschrittene, kulturell das solideste ist, weil es zugleich religiös und politisch gefestigt ist. Dieses polnische Element, [nach Mitteleuropa] vorgeschoben, unterscheidet sich im wesentlichen dadurch von allen andern Slawenstämmen, daß es ein einheitliches, in sich gefestigtes Geistesleben hat von einer außerordentlichen Schwung- und Tragkraft. Ich will dies heute nur skizzieren; wir werden vielleicht auf diese Dinge noch weiter eingehen.

[ 16 ] Everyone who has seriously studied certain occult insights since the 19th century is aware of the fact that one is dealing with a differentiated ethnic element in Eastern Europe. The occultist knows—and has always known—that within the Slavic element lies that future ethnic essence. And if some occultists within the Theosophical Society have claimed otherwise—for example, that this future element for the sixth subrace is found in Americans—this only proves that these occultists were not—or are not—true occultists, or that they seek to achieve something other than what is actually intended. Thus, on the one hand, we must reckon with the fact that in the East we are dealing with an element that, in a sense, carries the future within itself, as if emerging from the blood itself. But this element is still largely naive today; it does not yet know itself; it possesses within itself—I would say prophetically and instinctively—that which is to develop from it. It is often present in dreams. And as is well known to every occultist—I do not mean in the sense of external facts, but as a cultural fact—the Polish element [among the Slavic peoples] is, in a very specific way, the most advanced and culturally the most solid, because it is both religiously and politically established. This Polish element, which has advanced [into Central Europe], differs fundamentally from all other Slavic tribes in that it possesses a unified, internally cohesive spiritual life of extraordinary vitality and staying power. I will only sketch this out today; we may delve into these matters further later.

[ 17 ] Stellen wir uns das vor die Seele, was ich soeben charakterisiert habe. Nun gibt es — wiederum den Okkultisten in seiner tieferen Bedeutung sehr wohl bekannt —, ich möchte sagen wie das Gegenbild davon, wie eine Art von Gegensatz zu dem eben Charakterisierten, das Geistesleben des britischen Volkes. Und ich meine vorzugsweise jetzt die Art des Geisteslebens, wie es sich für die Welt darstellt aus den britischen Institutionen, aus dem britischen Volksleben heraus. Dieses Element trägt vor allen Dingen einen außerordentlich starken politischen Charakter in sich, ist im eminentesten Sinne politisch veranlagt. Daher ist eine Folge davon, daß aus diesem Element das von der ganzen übrigen Welt am meisten bewunderte politische Denken hervorgegangen ist, gewissermaßen das fortgeschrittenste, das freieste politische Denken. Und man kann sagen: Überall, wo man in den übrigen Gegenden der Erde nach politischen Einrichtungen gesucht hat, in denen Freiheit, wie man sie verstehen lernte vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert herein, wohnen kann, machte man Anleihen bei britischem Denken. Denn die Französische Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts war in sich selber mehr eine Gefühlssache, war mehr ein Leidenschaftsimpuls, und dasjenige, was an Gedanken darinnen war, war aus britischem Denken herübergetragen. Die Art und Weise, wie man die politischen Begriffe formt, wie man politische Körperschaften gliedert, wie man den Volkswillen in möglichst freie politische Organisationen hineinleitet, so daß er von allen Seiten wirken kann, das kommt nach der ursprünglichen Anlage in diesem britischen politischen Denken zum Ausdruck — daher die so vielfache Nachahmung der britischen Institutionen bei den aufstrebenden Staatswesen des 19. Jahrhunderts. In irgendeiner Weise hat man an vielen Stellen immer etwas herüberzunehmen versucht von der britischen Art und Weise, wie man parlamentarisch lebt, wie man parlamentarische Einrichtungen macht, denn in dieser Beziehung ist das britische Denken der Lehrmeister der neueren Zeit.

[ 17 ] Let us hold before our minds what I have just described. Now there is—again, something very well known to the occultist in its deeper meaning—I would say the counter-image of this, a kind of contrast to what I have just described: the spiritual life of the British people. And I am referring here primarily to the nature of that spiritual life as it presents itself to the world through British institutions and British national life. Above all, this element possesses an extraordinarily strong political character; it is, in the most eminent sense, politically inclined. Consequently, the political thought that has emerged from this element is the most admired by the rest of the world—in a sense, the most advanced and freest political thought. And one can say: wherever people in other parts of the world have sought political institutions in which freedom—as it came to be understood from the end of the 18th century into the 19th—could thrive, they drew upon British thought. For the French Revolution at the end of the 18th century was, in and of itself, more a matter of emotion, more an impulse of passion, and the ideas it contained were borrowed from British thought. The way in which political concepts are formulated, the way political bodies are structured, and the way the will of the people is channed into political organizations that are as free as possible—so that it can exert its influence from all sides—is expressed, according to its original conception, in this British political thought—hence the widespread emulation of British institutions by the emerging states of the 19th century. In one way or another, attempts have consistently been made in many places to adopt something of the British way of conducting parliamentary life and establishing parliamentary institutions, for in this regard, British thought is the guiding light of modern times.

[ 18 ] Im 19. Jahrhundert, etwa bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein, kam nun innerhalb Englands in ganz hervorragendem Maße gerade dieses politische Denken zum Ausdruck in außerordentlich bedeutenden Persönlichkeiten — in Persönlichkeiten, welche ihre Gedanken ganz im Sinne dieser politischen Vorstellungen formten. Und da zeigte sich vor allen Dingen eines: Es schien diesen Persönlichkeiten, daß man mit diesem politischen Denken das Heil der Welt bewirken könnte, wenn man sich nur diesem politischen Denken hingeben würde, wenn nichts anderes leben würde als dieses politische Denken in den äußeren Einrichtungen der verschiedenen Körperschaften. Daher erwiesen sich Persönlichkeiten, welche sich vielleicht nach der einen oder andern Richtung zwar einseitig, aber mit ihren Gedankenformen ganz im Sinne dieses politischen Denkens orientierten und versuchten, in dieser Weise zu wirken, als ganz hervorragende und zugleich moralische Persönlichkeiten.

[ 18 ] In the 19th century, roughly up until the final decades of that century, this very political way of thinking found expression to a remarkable degree within England through extraordinarily significant figures—figures who shaped their thoughts entirely in accordance with these political ideas. And one thing became particularly evident: It seemed to these figures that this political thinking could bring about the salvation of the world, if only one were to devote oneself entirely to it, if nothing else were to exist but this political thinking within the external structures of the various institutions. Consequently, individuals who—though perhaps one-sided in one direction or another—oriented their thought patterns entirely in accordance with this political philosophy and sought to act in this way proved to be truly outstanding and, at the same time, moral figures.

[ 19 ] Ich erinnere an Cobden, an Bright und so weiter, um Größere, die sonst genannt werden, nicht zu nennen, denn auf diesem Gebiete ist es, sobald man an eine recht hervorragende Stelle gestellt wird, sehr leicht möglich — na ja, [abzuirren]. Deshalb nenne ich solche, die nach keiner Richtung hin abgeirrt sind, sondern die wirklich bedeutend sind in dem Sinne, wie ich das jetzt meine; es könnten aber noch viele andere Namen genannt werden. Was ich eben charakterisiert habe, ist wirklich als ein Impuls bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts dort vorhanden gewesen, und es ist in einem gewissen Sinne das Gegenbild zu dem, was ich früher charakterisiert habe als im Slawenvolk liegend. Denn dieses Denken, wie ich es charakterisiert habe, diese Art, Gedanken zur politischen Orientierung zu bilden, das ist so recht im Charakter der fünften nachatlantischen Periode gelegen. Da gehört es hinein, da muß es ausgebildet werden, und an der Stelle, von der ich gesprochen habe, ist es in der richtigen Weise ergriffen worden. Wir haben also auf der einen Seite dasjenige, was durch Verstand, durch Klugheit, durch politische Moral zum Vorschein kommt — das haben wir auf der einen Seite und auf der andern Seite dasjenige, was tief, ich möchte sagen nicht nur in den Gemütern, sondern im Blute als zukunftsvölkisches Element veranlagt ist.

[ 19 ] I recall Cobden, Bright, and so on—not to mention the greater figures who are usually cited—because in this field, once one is placed in a truly prominent position, it is very easy to—well, [go astray]. That is why I mention those who have not strayed in any direction, but who are truly significant in the sense I mean now; many other names could, however, be mentioned. What I have just characterized was indeed present there as an impulse right up into the 1890s, and in a certain sense it is the counterpart to what I previously characterized as lying within the Slavic peoples. For this way of thinking, as I have characterized it—this manner of forming thoughts for political orientation—is truly inherent in the character of the fifth post-Atlantean period. It belongs there; it must be developed there; and in the context I have described, it has been grasped in the right way. So on the one hand we have that which comes to light through reason, through wisdom, through political morality—we have that on the one hand; and on the other hand, we have that which is deeply rooted, I would say, not only in the minds but in the blood as a future national element.

[ 20 ] Nun müssen wir uns klar sein darüber, daß dasjenige, was ich Ihnen jetzt erzähle, nicht bloß meine Weisheit ist, sondern daß das etwas ist, was die Leute, die sich um solche Dinge kümmern, im ganzen 19. Jahrhundert so angeschaut haben, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe. Namentlich in jenen westlichen Bruderschaften, von denen ich Ihnen erzählt habe, lebte eine ganz genaue Kenntnis von dem, was ich Ihnen auseinandergesetzt habe, wie auch von dem Zusammenhang dieser Dinge mit der Entwicklungsströmung, der Evolutionsströmung des fünften nachatlantischen Zeitraums in den sechsten nachatlantischen Zeitraum hinüber. Und es lebte bei einzelnen der Wille — wir werden noch sehen, inwiefern im guten oder im bösen Sinne —, es lebte der Wille, die entsprechenden Kräfte zu benützen. Denn sehen Sie, das sind ja wirklich real vorhandene Kräfte: auf der einen Seite das Talent zu einem solchen Denken, wie ich es charakterisiert habe, auf der andern Seite ein entsprechendes zukunftsvölkisches Element.

[ 20 ] Now we must be clear that what I am telling you now is not merely my own insight, but rather something that people who were concerned with such matters throughout the 19th century viewed exactly as I have just described it to you. Particularly within those Western brotherhoods I have told you about, there was a very precise understanding of what I have explained to you, as well as of the connection between these things and the developmental current—the evolutionary current—from the fifth post-Atlantean epoch into the sixth post-Atlantean epoch. And among some individuals there was a will—we shall yet see to what extent this was for good or for evil—there was a will to make use of the corresponding forces. For you see, these are indeed forces that actually exist: on the one hand, the talent for the kind of thinking I have characterized; on the other hand, a corresponding element of future national identity.

[ 21 ] Wer nun so etwas benützen will, der kann es benützen. Aber es lebt ja, meine lieben Freunde, durchaus nicht bloß das, was ich geschildert habe als Strömung, sondern neben dieser Strömung leben andere, und man muß nach und nach auch auf diese andern Strömungen hinweisen. Sehen Sie, es gibt in der Welt Mittel, um, ich möchte sagen Suggestionen im Großen auszuführen. Wenn man Suggestionen im Großen ausführen will, dann muß man irgend etwas in die Welt setzen, was Eindruck macht. So wie man einen einzelnen Menschen suggestionieren kann, wie ich es Ihnen geschildert habe, so kann man, indem man die entsprechenden Mittel anwendet, ganze Gruppen von Menschen suggestionieren, besonders wenn man weiß, was diese Gruppen von Menschen konkret zusammenbindet. Man kann die Kraft, die in einem einzelnen Menschen ist, in eine gewisse Richtung lenken. Er kann dann von seiner tiefen Friedensliebe überzeugt sein, aber das, was er tut, das tut er, weil er von anderer Seite suggestioniert wird — dieser Mensch ist ganz anders als das, was er tut. So kann man es aber, wenn man die entsprechenden Kenntnisse hat, mit den Gemütern ganzer Gruppen machen — da muß man dann nur die entsprechenden Mittel wählen. Man muß sozusagen eine Kraft, die keine bestimmte Richtung hat, die aber lebt wie die Kraft in gewissen Slawenstämmen, die muß man in eine gewisse Richtung schieben durch eine Suggestion im Großen.

[ 21 ] Anyone who wants to use something like this is free to do so. But, my dear friends, what I have described as a current is by no means the only one that exists; other currents exist alongside it, and little by little we must also point out these other currents. You see, there are means in the world for—I would say—carrying out large-scale suggestion. If one wants to carry out large-scale suggestion, then one must put something into the world that makes an impression. Just as one can suggest to an individual, as I have described to you, so too, by applying the appropriate means, one can suggest to entire groups of people—especially if one knows what specifically binds these groups of people together. One can direct the power that resides within an individual in a certain direction. That person may then be convinced of their deep love of peace, but what they do, they do because they are being influenced by an outside source—this person is entirely different from what they do. However, if one possesses the necessary knowledge, one can do the same with the minds of entire groups—one need only choose the appropriate means. One must, so to speak, take a force that has no specific direction—but which lives on, like the force found in certain Slavic tribes—and channel it in a certain direction through large-scale suggestion.

[ 22 ] Nun gibt es eine solche Suggestion im Großen — eine Suggestion, die ganz wunderbar im Großen gewirkt hat und weiter wirkt und weiter wirken wird: Das ist das sogenannte «Testament Peters des Großen». Sie kennen die Geschichte Peters des Großen, Sie wissen, wie dieser Peter der Große bemüht war, westliches Leben in Rußland einzuführen. Das brauche ich Ihnen nicht zu schildern; das können Sie in jedem Konversationslexikon nachlesen, denn ich will hier nicht äußere Geschichte schildern, auch nicht für das eine oder andere Sympathien entwickeln, sondern nur, zunächst in elementarer Weise, auf gewisse Tatsachen hinweisen. Nun, es gilt vieles von jenem Peter dem Großen, aber nur das gilt nicht, daß er jenes Testament verfaßt hat, denn dieses Testament ist in bezug auf Peter den Großen eine Fälschung. Es rührt nicht von ihm her, sondern es erschien einmal, wie solche Dinge erscheinen, aus allerlei Untergründen heraus; es wurde hineingeworfen in die Menschheitsentwicklung, war auf einmal da, hat aber nichts zu tun mit Peter dem Großen, sondern mit andern Untergründen, aber es wirkt überzeugend, denn es vindiziert Rußland — bitte, ich sage jetzt nicht dem [russisch]-slawischen Volke, sondern Rußland —, [es gibt ihm die Rechtfertigung] sich in Zukunft über den Balkan auszudehnen, bis nach Konstantinopel, bis zu den Dardanellen und so weiter. Das alles steht in dem «Testament Peters des Großen». Man wird von diesem Testament Peters des Großen in einer Weise berührt, daß man, wenn man es kennenlernt, sich wirklich sagt: Die Sache ist wahrhaftig keine Stümperei, sondern sie ist mit einem großen, genialischen Zug in die Welt gesetzt. — Ich denke zuweilen noch immer daran, welchen Eindruck dieses «Testament Peters des Großen» einmal machte, als ich es in einem Lehrkurse, den ich zu halten hatte, gleichsam seminaristisch mit einzelnen Schülern durchnahm, um daran zu zeigen, welche Tragweite die einzelnen Paragraphen dieses Testaments haben und wie ihr Einfluß auf die Kulturentwicklung Europas ist.

[ 22 ] Now there is one such suggestion on a grand scale—a suggestion that has had a truly marvelous effect on a grand scale and continues to have an effect and will continue to do so: This is the so-called “Testament of Peter the Great.” You are familiar with the story of Peter the Great; you know how hard Peter the Great strove to introduce Western ways of life into Russia. I need not describe this to you; you can read about it in any general encyclopedia, for I do not wish to recount external history here, nor to express sympathy for one side or the other, but only to point out certain facts, initially in a basic way. Now, much of what is said about Peter the Great is true, but the one thing that is not true is that he wrote that will, for this will is a forgery as far as Peter the Great is concerned. It does not originate from him, but appeared—as such things do—from all sorts of underlying currents; it was thrown into the course of human development, was suddenly there, but has nothing to do with Peter the Great, only with other underlying currents; yet it seems convincing, for it vindicates Russia—please, I am not speaking now of the [Russian]-Slavic people, but of Russia—[it provides it with justification] to expand into the Balkans in the future, all the way to Constantinople, to the Dardanelles, and so on. All of this is contained in the “Will of Peter the Great.” One is so moved by this “Testament of Peter the Great” that, upon becoming acquainted with it, one truly says to oneself: This is certainly no slapdash work, but rather it was brought into the world with a grand, ingenious stroke of genius. — I still sometimes think about the impression this “Testament of Peter the Great” once made when I went through it with individual students in a seminar-style setting during a course I was teaching, in order to demonstrate the significance of the individual paragraphs of this testament and how it has influenced the cultural development of Europe.

[ 23 ] Nun handelt es sich, wenn man durch so etwas wirken will, immer darum, daß man nicht bloß eine Strömung erregt, sondern daß man die eine Strömung immer durchkreuzt mit einer andern, so daß sich diese beiden Strömungen in irgendeiner Weise gegenseitig beeinflussen. Denn man erlangt nämlich nicht viel, wenn man mit einer Strömung gewissermaßen nur geradeaus läuft, sondern man muß manchmal von der Seite her ein Licht werfen können auf diese Strömung, damit sich manches verwirrt, damit sich manche Spuren verwischen, damit sich manches sozusagen in ein undurchdringliches Dickicht hineinverliert. So etwas ist sehr wichtig. Daher kommt es auch, daß sich gewisse okkulte Strömungen, welche das eine oder das andere Ziel verfolgen, zuweilen ganz entgegengesetzte Aufgaben setzen. Aber diese entgegengesetzten Aufgaben wirken so, daß sie so gut wie alle Spuren verwischen. Ich könnte Sie auf eine Stelle in Europa hinweisen, auf die einmal in einer bestimmten Zeit, als es sich um Bedeutungsvolles handelte, gewisse Freimaurergesellschaften, sogenannte geheime Gesellschaften, einen großen Einfluß hatten, das heißt: Es taten bestimmte Menschen etwas unter dem suggestiven Einfluß gewisser Freimaurergesellschaften mit einem okkulten Hintergrund. Nun handelte es sich aber darum, die Spuren an der betreffenden Stelle unklar zu machen. Daher leitete man an dieselbe Stelle etwas jesuitischen Einfluß hin, so daß an dieser einen Stelle sich freimaurerischer und jesuitischer Einfluß trafen. Es gibt nämlich durchaus höhere Stellen, die ebensogut Freimaurer wie Jesuiten sind, es gibt solche Imperien, die sich sowohl des Instruments des Jesuitismus wie des Instruments der Freimaurerei bedienen können, um durch das Zusammenwirken beider das zu erreichen, was sie erreichen wollen. Man darf nicht glauben, daß es in der Welt nicht Menschen geben könnte, die beides zugleich sein können — Jesuit und Freimaurer —, denn diese Menschen sind darüber hinaus, bloß nach der einen Seite hin zu wirken; sie wissen, wie man die Dinge von verschiedenen Seiten her fassen muß, wenn man sie in eine bestimmte Richtung schieben will. Ich sage das, um — wiederum in elementarer Weise — auf gewisse Zusammenhänge hinzuweisen.

[ 23 ] Now, if one wants to have an effect through something like this, it is always a matter of not merely setting a current in motion, but of constantly crossing one current with another, so that these two currents influence each other in some way. For one does not achieve much by simply moving straight ahead with a current, so to speak; rather, one must sometimes be able to shed light on this current from the side, so that certain things become confused, so that certain traces are blurred, so that certain things, so to speak, get lost in an impenetrable thicket. This is very important. That is why certain occult currents, which pursue one goal or another, sometimes set themselves completely opposing tasks. But these opposing tasks have the effect of blurring virtually all traces. I could point you to a place in Europe where, at a certain time—when something of great significance was at stake—certain Masonic societies, so-called secret societies, exerted a great deal of influence; that is to say, certain people acted under the suggestive influence of certain Masonic societies with an occult background. However, the aim was to obscure the traces at that particular location. Therefore, some Jesuit influence was directed toward that same location, so that at this one location, Masonic and Jesuit influences converged. For there are indeed higher authorities who are just as much Freemasons as they are Jesuits; there are such empires that can make use of both Jesuitism and Freemasonry as instruments to achieve, through the interaction of the two, whatever they wish to achieve. One must not believe that there could be no people in the world who can be both at the same time—Jesuits and Freemasons—for these people are beyond merely acting from one side; they know how to approach matters from various angles if one wishes to steer them in a certain direction. I say this to point out—again in a basic way—certain connections.

[ 24 ] Nun, Peter der Große — kommen wir noch einmal zu ihm zurück — führte Westliches ein in Rußland. Vielen, die echte Slawenseelen sind und das war immer vorhanden, ist aber ganz besonders stark geworden während dieser Kriegszeit —, vielen echten Slawenseelen ist alles, was gerade Peter der Große als westliches Element nach Rußland gebracht hat, tief verhaßt; sie haben eine tiefe Antipathie dagegen. Auf der andern Seite existiert das «Testament Peters des Großen», das nicht von ihm ist, sondern das irgendwie aufgetaucht ist und zu gleicher Zeit geeignet ist, sich jetzt nicht eines einzelnen Menschen, sondern ganzer slawischer Zusammenhänge suggestiv zu bedienen, eine große Suggestion über ganze Volksmassen hin auszudehnen, in denen dann zugleich die Antipathie gegen den Westen lebt, die ihnen symbolisiert ist in dem Namen Peters des Großen. Wir haben da in einer, ich möchte sagen historisch genialen Weise zwei Dinge — Sympathie mit dem Testament Peters des Großen und Antipathie gegen alles Westliche — zu gleicher Zeit sehr schön durcheinanderwirken, so durcheinanderwirken, daß sich eben eine außerordentliche Wirksamkeit einstellen kann. Da haben wir also gewissermaßen noch auf eine weitere Seite der Strömung im Osten hingewiesen. Ich werde im weiteren Verlauf zeigen, wie eine solche Strömung, nachdem man sie jahrelang vorbereitet hat, dann von einem bestimmten Moment an benützt werden kann. Man hat also eine Hauptströmung, in die man gleichsam zwei Nebenströmungen hat hineinlaufen lassen. Man rechnet, sagte ich gleich im Eingang, mit langen Zeiträumen: Hat man einmal eine solche Strömung eingeleitet, so wird sie zu etwas, das dann [über längere Zeit] benützt werden kann.

[ 24 ] Well, Peter the Great—let’s return to him once more—introduced Western influences into Russia. To many who possess true Slavic souls—and this has always been the case, though it has become particularly pronounced during this time of war—to many true Slavic souls, everything that Peter the Great brought to Russia as a Western element is deeply hated; they harbor a deep antipathy toward it. On the other hand, there is the “Testament of Peter the Great,” which is not his own, but which somehow came to light and is at the same time capable of making suggestive use not of a single individual but of entire Slavic contexts, of extending a powerful suggestion across entire masses of people, within whom there simultaneously lives an antipathy toward the West, symbolized to them by the name of Peter the Great. Here, in what I would call a historically ingenious way, we have two things—sympathy for the “Testament of Peter the Great” and antipathy toward everything Western—interacting beautifully at the same time, interacting in such a way that an extraordinary effect can take hold. So here, in a sense, we have pointed to yet another aspect of the current in the East. I will show later on how such a current, after years of preparation, can then be utilized from a certain point onward. So we have a main current into which, as it were, two secondary currents have been allowed to flow. As I said right at the beginning, one must reckon with long periods of time: once such a current has been set in motion, it becomes something that can then be utilized [over a longer period of time].

[ 25 ] Aber wir wollen uns noch in anderer Weise vorbereiten. Da möchte ich auf eine andere Strömung hinweisen, die nun im Westen neben derjenigen einhergeht, die aus sich heraus das bisher reifste politische Denken für den fünften nachatlantischen Zeitraum hervorgebracht hat. Diese andere Strömung, auf die ich sie aufmerksam machen will, hat sich nun mehr im Okkulten gehalten und nur zeitweise — durch Hineingießen in allerlei öffentliche Wirksamkeiten — den okkulten Untergrund gezeigt. Und da muß ich eben wiederum hinweisen auf gewisse okkulte Bruderschaften des Westens. Diese charakterisieren sich vor allen Dingen dadurch, daß sie solche Verhältnisse, wie ich sie jetzt geschildert habe, genau kennen und ihren Schülern mitteilen, ihre Schüler genau darüber unterrichten, wie es um die fünfte, um die sechste nachatlantische Entwicklungsperiode steht, was da für Kräfte mitspielen, wie das eine, das Klugheitselement, und wie das andere, das völkische Element, wirken und so weiter, daß sie aber zugleich ihren Schülern zeigen, wie man solche Dinge nun zu dem einen oder anderen benützen kann.

[ 25 ] But let us prepare ourselves in another way as well. I would like to point out another current that now runs parallel in the West to the one that has, of its own accord, produced the most mature political thought to date for the fifth post-Atlantean epoch. This other current, to which I wish to draw your attention, has largely remained within the occult sphere and has only occasionally—by pouring itself into all manner of public activities—revealed its occult underpinnings. And here I must once again point to certain occult brotherhoods in the West. These are characterized above all by the fact that they are thoroughly familiar with the circumstances I have just described and communicate them to their students, instructing their students precisely on the state of the fifth and sixth post-Atlantean periods of development, what forces are at play there, how one element—the element of wisdom— and how the other—the ethnic element—operates, and so on; but at the same time, they show their students how such things can be used for one purpose or another.

[ 26 ] Nun ist bei einer solchen okkultistischen Richtung, die sich, wie schon gesagt, in Bruderschaften auslebt, eine Grundlehre diese, daß dasselbe, was das römische Volk für die vierte nachatlantische Zeit war, die englisch sprechenden Menschen für die fünfte nachatlantische Zeit sind. Das ist eine Grundlehre bei diesen okkulten Verbrüderungen, und zwar sagt man, es müsse unter allen Umständen mit folgendem gerechnet werden: Das lateinische Element, das sich in den verschiedenen romanischen Kulturen und Völkerschaften zum Ausdruck bringt, ist dasjenige, worauf zuerst der Blick gerichtet werden muß. Dieses Element ist dazu bestimmt — ich lehre nichts von mir aus, sondern wiederhole nur die Lehre, die da immer gegeben worden ist —, dieses Element, das von der lateinischen Strömung durchdrungen ist, ist dazu bestimmt, immer mehr und mehr in den Materialismus zu versinken — in den Materialismus der Wissenschaft, in den Materialismus des Lebens, in den Materialismus der Religion. Um das braucht man sich als solches nicht zu kümmern, denn das wird sich selber durch die Dekadenz, in die es fällt, auflösen. Man müsse also, sagt man, sein Hauptaugenmerk darauf richten, daß dasjenige, was man die lateinische Rasse nennt, in der vollen Auflösung begriffen sei, daß das ein untergehendes Element sei und man deshalb die Aufgabe habe, die Dinge so einzurichten, daß mit Bedacht alles unternommen werde, damit das lateinische Element untergehe.

[ 26 ] Now, in such an occult movement—which, as already mentioned, manifests itself in brotherhoods—a fundamental teaching is that what the Roman people were for the fourth post-Atlantean epoch, the English-speaking people are for the fifth post-Atlantean epoch. This is a fundamental teaching of these occult brotherhoods, and it is said that one must, under all circumstances, take the following into account: The Latin element, which finds expression in the various Romance cultures and peoples, is that to which one’s attention must first be directed. This element is destined—I am not teaching anything of my own accord, but merely repeating the teaching that has always been given—this element, which is permeated by the Latin current, is destined to sink deeper and deeper into materialism—into the materialism of science, into the materialism of life, into the materialism of religion. One need not concern oneself with this as such, for it will dissolve of its own accord through the decadence into which it is falling. One must therefore, it is said, focus one’s attention on the fact that what is called the Latin race is in the process of complete dissolution, that it is a dying element, and that one therefore has the task of arranging matters so that everything is undertaken with deliberation to ensure the demise of the Latin element.

[ 27 ] Diese Anschauung geht so weit, daß man sagt: Aufgenommen werden muß in alle politischen Impulse, aber auch in alle okkulten und religiösen Impulse an Kraft dasjenige, was das lateinische Element auf die schiefe Ebene hinunterführt. — Dabei darf man selbstverständlich äußerlich zeigen, was man [im einzelnen] will, aber das muß immer dazu dienen, die Welt gewissermaßen leer zu machen von diesem lateinischen Element. Denn, so sagt man, es sei eben dem fünften nachatlantischen Zeitraum die Aufgabe zugeteilt, es vor seinem Ende so weit zu bringen, daß vom Westen her alles durchdrungen sein werde von der Kultur der englischsprechenden Völker — ebenso wie am Ende des vierten nachatlantischen Zeitraums alles von der romanischen Kultur durchdrungen gewesen sei. Also, ich spreche nur von dem, was als Lehre vorhanden war und vorhanden ist in jenen okkulten Bruderschaften und in entsprechender Weise eben herausgeleitet werden kann und auch herausgeleitet worden ist. Und es wurde zudem immer gelehrt: So wie einstmals das germanisch-englische Element, das germanisch-britische Element, wie man dort sagt, den Römern entgegentrat, so werden die Slawen, wird das slawische Element dereinst dem englischen Element entgegentreten, denn das ist der Gang der Welt. So lehrt man: Das ist der Gang der Welt. Nur findet gewissermaßen eine Umdrehung um einen Winkel von neunzig Grad statt: Während das romanische, das römische Element vom Norden her impulsiert wurde, findet nun der Impuls vom Osten nach dem Westen statt.

[ 26 ] Now, in such an occult movement—which, as already mentioned, manifests itself in brotherhoods—a fundamental teaching is that what the Roman people were for the fourth post-Atlantean epoch, the English-speaking people are for the fifth post-Atlantean epoch. This is a fundamental teaching of these occult brotherhoods, and it is said that one must, under all circumstances, take the following into account: The Latin element, which finds expression in the various Romance cultures and peoples, is that to which one’s attention must first be directed. This element is destined—I am not teaching anything of my own accord, but merely repeating the teaching that has always been given—this element, which is permeated by the Latin current, is destined to sink deeper and deeper into materialism—into the materialism of science, into the materialism of life, into the materialism of religion. One need not concern oneself with this as such, for it will dissolve of its own accord through the decadence into which it is falling. One must therefore, it is said, focus one’s attention on the fact that what is called the Latin race is in the process of complete dissolution, that it is a dying element, and that one therefore has the task of arranging matters so that everything is undertaken with deliberation to ensure the demise of the Latin element.

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[ 28 ] Nun müssen wir uns klar sein, daß nun in vieles, was öffentlich gelesen werden kann, was gedruckt wird, was sonst irgendwie hineinsikkert in das menschliche Zusammenleben, solche Dinge hineinfließen. Man hat schon die Mittel und Wege, sie so einfließen zu lassen, daß man das nicht erkennt, was ich jetzt erzählt habe. Denn denken Sie, wenn in gewissen Gegenden bekannt würde, was ich erzählt habe es wäre natürlich undenkbar! Man sagt die Dinge eben anders; es handelt sich ja darum, daß man einen suggestiven Einfluß ausüben kann. Man sagt die Dinge anders. Man tut das eine und sagt aber das andere und umgekehrt, und so kann man oftmals etwas tun, was wie das Entgegengesetzte ausschaut von dem, was man möchte, daß es geschieht — und man tut es trotzdem!

[ 28 ] Now we must be aware that such things find their way into much of what is read in public, what is printed, and what otherwise seeps into human society in one way or another. People already have the means and methods to introduce them in such a way that what I have just described goes unnoticed. Just imagine—if what I have said were to become known in certain circles, it would, of course, be unthinkable! People simply phrase things differently; the point is to exert a suggestive influence. They phrase things differently. They do one thing but say another—and vice versa—and in this way, they can often do something that appears to be the opposite of what they want to happen—and yet they do it anyway!

[ 29 ] Betrachten Sie solche Dinge, wie ich sie bis jetzt skizzenhaft geschildert habe, als eine Art geistiger Atmosphäre — denn daß sie eine Art geistiger Atmosphäre sind, dafür wird schon gesorgt. Man kann da oder dort etwas lesen, etwas recht Harmloses, aber zwischen den Zeilen — und dieser Begriff «zwischen den Zeilen» kann dabei etwas recht, recht Reales sein —, zwischen den Zeilen liest man etwas ganz anderes mit, erfährt etwas ganz anderes, schaut etwas ganz anderes an. Nun sind aber doch die Menschen hineinversetzt in diese Atmosphäre — ihre Gedanken bilden sich danach. Manchmal nehmen die Gedanken der gescheitesten Leute ganz besondere Formen an. Will man also beurteilen, wie die Menschen denken, so genügt es nicht, den Enthusiasmus der Unaufmerksamkeit zu entwickeln, von dem ich jetzt öfters gesprochen habe, sondern man muß aufmerksam sein für das, was als Atmosphäre da ist, in der die Menschen drinnen leben, denn das ist etwas Konkretes, das ist nicht jenes Nebulose, Abstrakte, von dem viele Leute reden, wenn sie vom Einfluß des Milieus und so weiter sprechen, wie zum Beispiel der Eucken. Er redet vom Einfluß des Milieus und bemerkt nicht, daß er bei seiner ganzen Charakteristik wirklich auf der einen Seite sagt: das Milieu macht den Menschen — und auf der andern Seite: das Milieu wird von den Menschen gemacht —, was ungefähr soviel heißt wie: Ich will mich an meinem eigenen Haarschopf in die Höhe heben. — Von diesem Gesichtspunkte muß man das Darinnenstehen der Menschen in dem, was man als Milieu bezeichnet, sehen, aber dieses Milieu geht ganz konkret aus gewissen Strömungen hervor; es ist nicht das Unbestimmte, das viele Leute meinen.

[ 29 ] Consider such things, as I have outlined them so far, as a kind of intellectual atmosphere—for it is already ensured that they are a kind of intellectual atmosphere. One might read something here or there—something quite harmless—but between the lines—and this notion of “between the lines” can be something quite, quite real—between the lines one reads something entirely different, experiences something entirely different, and sees something entirely different. Yet people are immersed in this atmosphere—their thoughts are shaped by it. Sometimes the thoughts of the most intelligent people take on very particular forms. So if one wants to assess how people think, it is not enough to cultivate the enthusiasm of inattention, of which I have spoken frequently, but one must be attentive to the atmosphere that exists, in which people live, for that is something concrete; it is not that nebulous, abstract concept that many people refer to when they speak of the influence of the milieu and so on, such as Eucken, for example. He speaks of the influence of the milieu and fails to notice that, in his entire characterization, he is really saying, on the one hand: the milieu makes the person—and on the other hand: the milieu is made by the people—which amounts to roughly the same as: “I want to lift myself up by my own hair.” — From this perspective, one must view people’s immersion in what is called the milieu, but this milieu arises quite concretely from certain currents; it is not the indeterminate concept that many people have in mind.

[ 30 ] Und nun nehmen wir wiederum einen konkreten Fall. Sie müssen verzeihen, ich habe schon letzten Montag gesagt: So bequem kann ich es Ihnen nicht machen, Sie müssen auch auf einzelne Dinge eingehen Sie werden schon den Zusammenhang morgen einsehen. Nehmen wir also wieder einen konkreten Fall. Ich möchte Ihnen einzelne Stellen vorlesen aus einem Briefe, den Mitrofanov, ein Geschichtsprofessor in St. Petersburg, Mitte April 1914 geschrieben hat an einen Deutschen, der sein Lehrer war an einer deutschen Universität und mit dem er befreundet geblieben ist. Diesen Geschichtsprofessor haben Sie sich — ohne daß Sie jetzt weiter etwas zu tun brauchen — als drinnenstehend zu denken in den verschiedenen Strömungen. Im April 1914 schreibt Mitrofanov einen Brief, in dem folgende Stelle vorkommt:

[ 30 ] And now let’s take another specific case. You’ll have to forgive me—I already said last Monday: I can’t make it that easy for you; you’ll have to go into the details as well. You’ll see the context tomorrow. So let’s take another specific case. I would like to read you some passages from a letter that Mitrofanov, a history professor in St. Petersburg, wrote in mid-April 1914 to a German who had been his teacher at a German university and with whom he had remained friends. You should imagine this history professor—without needing to do anything further at this point—as being deeply involved in the various currents of thought. In April 1914, Mitrofanov wrote a letter containing the following passage:

[...] die Mißstimmung gegen die Deutschen ist in jedermanns Seele und Munde, und selten, dünkt es mir, war die öffentliche Meinung einstimmiger.

[...] the resentment toward the Germans is in everyone's heart and on everyone's lips, and I believe public opinion has rarely been more unanimous.

[ 31 ] Eine besonders interessante Stelle in diesem Brief ist nun die folgende; ich bitte Sie, recht achtzugeben auf diese Stelle, aber nicht wegen des Namens, der da drinnen vorkommt — man kann Sympathie oder Antipathie haben, noch so große Sympathien oder Antipathien —, ich will nur auf das Formale, was da lebt, aufmerksam machen.

[ 31 ] A particularly interesting passage in this letter is the following; I ask you to pay close attention to this passage, but not because of the name that appears in it—one may feel sympathy or antipathy, however strong those feelings may be—I merely wish to draw your attention to the formal aspect that comes alive there.

Es ist vielleicht der größte politische Fehler Bismarcks gewesen, daß er nicht mehr russisch sein wollte, (...]

Perhaps Bismarck’s greatest political mistake was that he no longer wanted to be Russian, (...]

[ 32 ] — schreibt dieser Petersburger Geschichtsprofessor —

[ 32 ] — writes this St. Petersburg history professor —

[...] als es die russischen Diplomaten waren, [...]

[...] rather than the Russian diplomats, [...]

[ 33 ] — auf dem Berliner Kongreß

[ 33 ] — at the Congress of Berlin

[...] welche aus Schwäche und Unverständnis die Interessen ihres Vaterlandes auf dem Kongreß schnöde preisgaben.

[...] who, out of weakness and a lack of understanding, callously abandoned the interests of their homeland at the Congress.

[ 34 ] Denken Sie sich, das ist doch ein herrliches Verlangen! Der Mann wirft dem Bismarck vor, er hätte «russischer» sein sollen als die russischen Staatsmänner, die damals auf dem Berliner Kongreß waren. Deshalb muß man die Landsleute von diesem Bismarck hassen. Über die Sache mag jeder denken, wie er will, aber dieser Satz ist jedenfalls etwas außerordentlich Originelles. Aber gerade weil er sich solchen Gedanken hingibt, der gute Professor von St. Petersburg, kann er auch schreiben:

[ 34 ] Just imagine—what a wonderful desire that is! The man accuses Bismarck of not having been “more Russian” than the Russian statesmen who were present at the Congress of Berlin at the time. That is why one must hate Bismarck’s compatriots. Everyone is free to think what they will about the matter, but this statement is, in any case, something extraordinarily original. But it is precisely because he indulges in such thoughts—this good professor from St. Petersburg—that he is also able to write:

Als Reaktion dagegen [...]

In response to this, however [...]

[ 35 ] — gegen das, was als Dreibund in Mitteleuropa entstand —

[ 35 ] — in opposition to what emerged as the Triple Alliance in Central Europe —

[...] wurde der Zweibund geschlossen, und Rußland wurde dadurch mit dem rachedurstigen Frankreich verbunden, anstatt dem Dreibund zuzugehören.

[...] the Dual Alliance was formed, thereby linking Russia with a France thirsting for revenge, rather than having it belong to the Triple Alliance.

[ 36 ] Weiter schreibt er:

[ 36 ] He goes on to write:

Für Rußland ist die Balkanfrage keine guerre de luxe, kein abenteuerlicher "Traum der Slawophilen: Ihre Lösung ist eine unzweifelhaft ökonomische und politische Notwendigkeit. Das ganze russische Budget ist auf der Ausfuhr nach dem Auslande basiert; wird die Kommerzbilanz passiv, so ist der russische Schatz bankerott, indem er nicht imstande sein wird, die Zinsen seiner enormen auswärtigen Schulden zu bezahlen. Und 2/s dieser Ausfuhr gehen durch die südlichen Häfen und weiter durch die beiden

türkischen Meerengen. Ist dieser Ausgang einmal geschlossen, so stockt der russische Handel, und die ökonomischen Folgen dieser Sperre wären unabschbar — der letzte türkisch-italienische Krieg hat es hinreichend gezeigt. Nur der Besitz des Bosporus und der Dardanellen kann diesem unerträglichen Zustande ein Ende bereiten, weil die Existenz einer Weltmacht wie Rußland von Zufällen und fremder Willkür nicht abhängen darf. Andererseits kann Rußland unmöglich gegenüber dem Schicksal der Südslawen auf der Balkanhalbinsel sich ganz gleichgültig verhalten. Die kleinen Balkanstaaten sind erstens eine Rückendeckung für die Meerengen und zweitens wurde im Laufe der Jahrhunderte zuviel russischen Blutes und zuviel russischen Goldes für die Balkanhelden verwendet, [...]

For Russia, the Balkan question is not a “war of luxury,” nor is it an adventurous “dream of the Slavophiles”: its resolution is an unquestionable economic and political necessity. The entire Russian budget is based on exports to foreign countries; if the trade balance turns negative, the Russian treasury will go bankrupt, as it will be unable to pay the interest on its enormous foreign debts. And two-thirds of these exports pass through the southern ports and on through the two

Turkish straits. Once this outlet is closed, Russian trade will grind to a halt, and the economic consequences of such a blockade would be incalculable—the last Turkish-Italian war has amply demonstrated this. Only control of the Bosporus and the Dardanelles can put an end to this intolerable situation, because the existence of a world power like Russia must not depend on chance or the whims of others. On the other hand, Russia cannot possibly remain entirely indifferent to the fate of the South Slavs on the Balkan Peninsula. The small Balkan states serve, first, as a rear guard for the straits, and second, over the centuries, too much Russian blood and too much Russian gold have been spent on the Balkan heroes, [...]

[ 37 ] — halten Sie das zusammen mit einigem, was ich über das Slawische Wohltätigkeitskomitee am Montag gesagt habe — zuviel russischen Goldes wurde verwendet!—

[ 37 ] — keep that in mind along with some of what I said on Monday about the Slavic Charitable Committee — too much Russian gold was spent!—

[...] um die ganze Sache jetzt fahren zu lassen — es wäre ein moralischer und politischer Selbstmord für jede russische Regierung. Man darf natürlich nicht die Bedeutung der panslawistischen Idee zu hoch anschlagen, aber sie existiert und lebt zweifellos, und die Slawophilen-Demonstrationen im Jahre 1913 auf den Straßen so vieler russischer Städte, wo sogar die oppositionellen Elemente sich beteiligten, geben einen prägnanten Ausdruck dafür.

[...] to let the whole thing slide now—it would be moral and political suicide for any Russian government. Of course, one must not overestimate the significance of the Pan-Slavic idea, but it undoubtedly exists and is alive, and the Slavophile demonstrations in 1913 on the streets of so many Russian cities—in which even opposition elements took part—are a striking expression of this.

[ 38 ] Dann wird in diesem Briefe vom April 1914 zusammengefaßt:

[ 38 ] This letter from April 1914 then summarizes:

Noch einmal: Der Drang nach Süden ist eine historische, politische und ökonomische Notwendigkeit, und der fremde Staat, der sich diesem Drange widersetzt, ist eo ipso ein feindlicher Staat. Inzwischen geht der Dreibund konsequent auf diesem Pfade des Krieges. In Österreich hält man auch den Drang nach Süden für eine historische Notwendigkeit, und die Österreicher haben von ihrem Standpunkte ebenso recht wie von dem ihrigen die Russen. Die mächtige habsburgische Monarchie hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts drei Richtungen, in welche sie sich ausdehnen konnte: nach Italien, nach Deutschland und nach der Balkanhalbinsel. Nach dem Jahre 1866 ist nur noch der letzte Weg übriggeblieben; Bismarck hat wieder, diesmal vielleicht ohne es zu wollen, Österreich und Rußland zum entscheidenden Kampfe gegeneinander gestellt, und indem er den Dreibund schloß, stellte er die Kräfte des Deutschen Reiches Österreich zur Verfügung. Österreich hat es natürlicherweise ausgenützt: überall und bei jeder Gelegenheit, wenn es sich um die Balkanen handelte, fanden die Russen Österreich auf ihrem Wege. Die Annexion von Bosnien und Herzegovina, welche in Rußland einen tiefen Eindruck machte, war eigentlich nur eine Seite in dem dicken Buch der russisch-österreichischen Feindschaft. So groß war die Empörung, so deutlich trat die Gefahr heran, daß sogar die überaus friedliebende russische Regierung, trotz der noch zu dieser Zeit zerrütteten Finanzen, zum Kriege bereit war.

Once again: The drive southward is a historical, political, and economic necessity, and any foreign state that opposes this drive is, by its very nature, a hostile state. Meanwhile, the Triple Alliance is consistently pursuing this path toward war. In Austria, too, the drive southward is regarded as a historical necessity, and the Austrians are just as right from their standpoint as the Russians are from theirs. In the first half of the 19th century, the powerful Habsburg Monarchy had three directions in which it could expand: toward Italy, toward Germany, and toward the Balkan Peninsula. After 1866, only the last of these paths remained; Bismarck once again—this time perhaps unwittingly—pitted Austria and Russia against each other in a decisive struggle, and by forming the Triple Alliance, he placed the forces of the German Empire at Austria’s disposal. Austria naturally took advantage of this: wherever and whenever the Balkans were at stake, the Russians found Austria standing in their way. The annexation of Bosnia and Herzegovina, which made a deep impression in Russia, was actually just one chapter in the thick book of Russo-Austrian hostility. So great was the outrage, so clearly did the danger loom, that even the exceedingly peace-loving Russian government, despite its finances still being in disarray at that time, was prepared for war.

[ 39 ] Er meint im Jahre 1908.

[ 39 ] He is referring to the year 1908.

Aber der «Nibelunge» an der Spree hob drohend die gepanzerte Faust, und Rußland, seiner Bundesgenossen nicht sicher, mußte nachgeben. Im Jahre 1913 erschien die Verwirklichung der slawisch-russischen Idee endlich ganz nahe: Die Türken wurden aufs Haupt geschlagen, die siegreichen Südslawen drangen bis nach Saloniki und Konstantinopel; noch einen kleinen Ruck und die Sache war fertig.

But the “Nibelung” on the Spree raised its armored fist in a threatening gesture, and Russia, unsure of its allies, was forced to yield. In 1913, the realization of the Slavic-Russian ideal finally seemed very close: the Turks had been dealt a crushing blow, and the victorious South Slavs advanced as far as Thessaloniki and Constantinople; just one more small push and the matter would be settled.

[ 40 ] Dieser Brief ist ganz interessant, denn er macht auf manches Merkwürdige aufmerksam. So zum Beispiel ereifert sich der Herr darüber:

[ 40 ] This letter is quite interesting because it draws attention to a number of peculiar things. For example, the gentleman gets quite worked up about this:

Die Essener Werkstätten schickten der türkischen Artillerie ihre Kanonen, den Geschützen von Creuzot zwar nicht ebenbürtig, aber doch sehr gut gemacht; und was die Hauptsache ist — deutsche Instruktoren drillten die Feldarmee der Osmanen.

The Essen workshops supplied the Turkish artillery with their cannons, which, while not quite on par with the Creuzot guns, were nevertheless very well made; and, most importantly, German instructors drilled the Ottoman field army.

[ 41 ] Und weiter:

[ 41 ] And further:

Es ist den Russen jetzt klar geworden: [(...]

It has now become clear to the Russians: [(...]

[ 42 ] — April 1914 —

[ 42 ] — April 1914 —

[...] Wenn alles so verbleibt, wie es jetzt ist, geht der Weg nach Konstantinopel durch Berlin. Wien ist eigentlich eine sekundäre Frage.

[...] If everything stays the way it is now, the route to Constantinople goes through Berlin. Vienna is really a secondary issue.

[ 43 ] April 1914! Dann wird allerlei ausgeführt, und dasjenige, was ausgeführt wird, zeigt deutlich, daß in diesem Kopf ganz genau etwas wie ein Traum von dem lebt, was in kurzer Zeit geschehen soll. Ob der betreffende Kopf sich das [zeitlich] so nahe gedacht hat, das mag eine andere Frage sein, aber der betreffende Kopf — selbstverständlich auch mit seinem Rumpf und mit seinen Gliedmaßen — besuchte nun [im Juli 1914] seinen Lehrer in Berlin. Da sprachen sie allerlei, und ich will auch noch einiges von dem angeben, was da gesprochen wurde, was da der Professor der Geschichte sagte:

[ 43 ] April 1914! All sorts of things are then described, and what is described clearly shows that something very much like a dream of what is to happen in the near future is alive in this mind. Whether that person had imagined it would happen so soon is another question, but that person—along with his torso and limbs, of course—visited his teacher in Berlin [in July 1914]. They discussed all sorts of things, and I would also like to mention some of what was said there, specifically what the professor of history said:

Wenn Ihr uns nicht Konstantinopel laßt, ist der Krieg unvermeidlich [...]

If you do not let us have Constantinople, war is inevitable [...]

[ 44 ] Dabei sagte er dazumal immer wieder,

[ 44 ] At the time, he kept saying,

[...] daß wir [...]

[...] that we [...]

[ 45 ] — die Deutschen —

[ 45 ] — the Germans —

[...] doch die von Gott gesetzten Lehrer des russischen Volkes seien und daß wir nur Frieden mit ihm zu halten brauchten, um das ganze Riesenreich durch unsere innere Überlegenheit geistig zu erobern und zu unterwerfen.

[...] but that they were the teachers of the Russian people appointed by God, and that we need only maintain peace with them in order to spiritually conquer and subjugate the entire vast empire through our inner superiority.

[ 46 ] Aber er sagte auch darauf:

[ 46 ] But he also replied:

Glauben Sie nicht, daß Sie uns besiegen können; ich besitze auf meinem Gute in Saratov ein Haus, das meine Vorfahren seit Hunderten von Jahren bewohnt haben; aber mit eigenen Händen würde ich es anzünden, ehe ich zuließe, daß deutsche Soldaten sich darin einquartierten.

Don't think you can defeat us; I own a house on my estate in Saratov that my ancestors have lived in for hundreds of years; but I would set it on fire with my own hands before I would allow German soldiers to take up quarters there.

[ 47 ] Und dann sagte er wieder:

[ 47 ] And then he said again:

Warum der Krieg? Wir könnten uns doch ganz gut mit Rußland vertragen, indem wir Österreich mit ihm teilten und Deutsch-Österreich zum Deutschen Reiche zögen. — und also der andere Teil von Österreich zu Rußland käme! Das wird Mitte Juli 1914 gesagt!

Why the war? We could get along quite well with Russia by dividing Austria with it and incorporating German Austria into the German Empire—and thus the other part of Austria would go to Russia! This was said in mid-July 1914!

[ 48 ] Man könnte, sehen Sie, in mancherlei Weise zeigen, wie sich die Gedankenformen in dem entsprechenden Milieu drinnen bilden. Mancherlei ist in der letzten Zeit geschehen, was da oder dort Verwunderung erregen kann. Aber was geschieht, geht ja zuweilen da, wo mehr autokratische Formen herrschen, von einzelnen Stellen aus, anderswo manchmal mehr von Volksströmungen. Man darf niemals generalisieren, denn da [an der einen Stelle] ist es so, an einer andern ist es anders. So zum Beispiel könnte man fragen: Worauf beruhte denn das Vorgehen eines solchen Staates wie Rumänien — dieses eigentümliche, rätselhafte Vorgehen? Nun, ich will hier nicht von dem, was den letzten Anstoß gegeben hat, sprechen, aber ich will von der Strömung sprechen. Ich will nicht so sprechen, wie man es jetzt vielfach findet, daß man, wie man sagt, «historisch» darstellt, denn diese Historie, die sich allmählich vom 19. ins 20. Jahrhundert herein gebildet hat, die ist im Grunde keinen Schuß Pulver wert. Eine wirkliche Historie muß sozusagen symptomatisch vorgehen, muß eben die einzelnen Situationen zeigen, muß die Dinge wie Blitzlichter beleuchten. Auf ein solches Blitzlicht möchte ich Sie noch hinweisen.

[ 48 ] You see, one could demonstrate in various ways how thought-forms are formed within the corresponding milieu. Many things have happened recently that may cause astonishment here and there. But what happens sometimes originates in individual instances in places where more autocratic forms prevail, while elsewhere it is sometimes driven more by popular movements. One must never generalize, for in one place it is one way, and in another it is different. For example, one might ask: What was the basis for the actions of a country like Romania—these peculiar, enigmatic actions? Well, I do not wish to speak here of what provided the final impetus, but I do wish to speak of the underlying current. I do not wish to speak in the way that is so common today—what is called a “historical” account—because this history, which gradually took shape from the 19th into the 20th century, is, at the root of it, not worth a grain of salt. A true history must proceed, so to speak, symptomatically; it must show the individual situations and illuminate things like flashes of lightning. I’d like to draw your attention to one such flash of lightning.

[ 49 ] Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß in Rumänien seit einiger Zeit vieles rätselhaft war; aber man rechnete im ganzen Osten mit einer ganz bestimmten Voraussetzung, die wie eine suggestive Vorstellung ungemein viele Menschen beherrschte. Ich will sie Ihnen nicht aus allgemeinen Eindrücken heraus charakterisieren, ich will Ihnen nicht etwas Unbestimmtes erzählen, sondern ich will Ihnen nur mitteilen die Äußerungen, die der rumänische Minister des Innern im Jahre 1913, Take Ionescu, einem gewissen Herrn Redlich gegenüber gemacht hat. Er sagte ungefähr wörtlich, daß nach seiner Meinung die österreichisch-ungarische Monarchie nicht länger existieren werde als bis zum Tode Franz Josephs und der müsse doch bald sterben. Dann würde es sich darum handeln, diese Monarchie in ihre einzelnen Stücke zu zerteilen. — Das war eine fest eingewurzelte Meinung, und nach dieser fest eingewurzelten Meinung hat man seine ganzen Gedanken nach einer bestimmten Richtung hin geordnet. Das war wiederum solch eine Suggestion, die weitverbreitet war.

[ 49 ] Anyone familiar with the situation knows that many things in Romania have been puzzling for some time; but throughout the East, people were operating on the basis of a very specific assumption that, like a suggestive idea, held an immense sway over a great many people. I do not wish to characterize it based on general impressions, nor do I wish to tell you something vague; rather, I simply wish to share with you the remarks that the Romanian Minister of the Interior in 1913, Take Ionescu, made to a certain Mr. Redlich. He said, more or less verbatim, that in his opinion the Austro-Hungarian Monarchy would not survive beyond the death of Franz Joseph—and he was bound to die soon. Then the task would be to break this monarchy down into its individual parts. — That was a deeply held belief, and based on this deeply held belief, one’s entire line of thought was directed toward a specific goal. This, in turn, was another such suggestion that was widely held.

[ 50 ] In einem Brief, den ein anderer Russe geschrieben hat, wird viel davon geredet, was denn Rußland jetzt noch von Frankreich haben könne. Und es wird auseinandergesetzt, daß Rußland von Frankreich gar nicht mehr viel für seine eigentlichen Pläne haben könne, daß eigentlich Rußland das Opfer von Frankreich werden müsse, wenn die Dinge nicht anders würden. In diesem Brief, der von Kočubej herrührt, nein, es ist ein Aufsatz, den Fürst Kočubej geschrieben hat und der in der Pariser [Halbmonatsschrift] «Le Correspondant» am 25. Juni 1914 veröffentlicht worden ist — ich nehme nicht einen beliebigen Zeitungsartikel, sondern den Aufsatz eines bekannten Mannes, der sich gründlich in das, was im Milieu lebte, eingearbeitet hatte. So spricht er auch davon, ob es denn nicht vielleicht besser wäre — wie gesagt, ich erzähle —, ob es denn nicht vielleicht doch besser für Rußland wäre, nicht mehr auf das französische Bündnis zu bauen, sondern sich wieder an Deutschland anzuhängen. Diese Möglichkeit erörtert der Fürst Ko£ubej. Er schreibt, [ausgehend von der Möglichkeit eines gezielten russischen Vordringens nach dem Fernen Osten]:

[ 50 ] In a letter written by another Russian, there is much discussion of what Russia could possibly still gain from France at this point. And it argues that Russia can no longer gain much from France for its actual plans, that Russia would in fact have to become France’s victim unless things changed. This letter, which comes from Kochubey—no, it is an essay written by Prince Kochubey and published in the Paris [biweekly] Le Correspondant on June 25, 1914—I am not citing just any newspaper article, but an essay by a well-known man who had thoroughly familiarized himself with the prevailing atmosphere of the time. He also discusses whether it might not be better—as I said, I’m just recounting—whether it might not, after all, be better for Russia to no longer rely on the French alliance but to align itself with Germany once again. Prince Kočubej explores this possibility. He writes, [based on the possibility of a targeted Russian advance into the Far East]:

Aber es war unausführbar wegen des französisch-russischen Bündnisses, welches Rußland zum ständigen Gegner Deutschlands, seines mächtigen West-Nachbarn, machte.

But it was unfeasible because of the Franco-Russian Alliance, which made Russia a permanent adversary of Germany, its powerful western neighbor.

[ 51 ] Sehen Sie, in diesem Kopfe spiegelt sich die Sache also so, daß Rußland zum Gegner Deutschlands gemacht wird durch den Druck des französischen Bündnisses.

[ 51 ] You see, in this line of thinking, the situation is viewed in such a way that Russia is made into Germany’s adversary due to pressure from the French alliance.

Daher für Rußland die Alternative: seinem Bunde mit Frankreich zugunsten einer deutschen Annäherung zu entsagen = oder seinen Plan der östlichen Ausbreitung [...]

Therefore, Russia faces a choice: to renounce its alliance with France in favor of a rapprochement with Germany = or to abandon its plan for expansion to the east [...]

[ 52 ] — der Ausbreitung herüber nach Asien —

[ 52 ] — its spread across to Asia —

[..] fallen zu lassen.

[..] to let go.

[ 53 ] Und dann sagt er [einige Zeilen] weiter:

[ 53 ] And then, a few lines later, he says:

Aber welches auch die Überraschungen sein mögen, die uns diese Zukunft aufbewahrt, das eine ist schon jetzt gewiß, daß die Triple-Entente nur dann eine wirkliche politische Verbindung sein würde, wenn Frankreich den dreijährigen Militärdienst durchsetzte und England die allgemeine Wehrpflicht einführte.

But whatever surprises the future may hold for us, one thing is already certain: the Triple Entente would only be a genuine political alliance if France enforced three years of military service and England introduced universal conscription.

[ 54 ] Juni 19141 So also wird von diesem Fürsten die Triple-Alliance angesehen, die sich allmählich gebildet hat. Denn mit dem französischen Bündnis allein, meint er, ginge es nicht mehr. Die Franzosen müßten vor allen Dingen recht stark sein, aber das genüge noch nicht; England müsse die allgemeine Wehrpflicht einführen!

[ 54 ] June 19141 This, then, is how this prince views the Triple Alliance, which has gradually taken shape. For, he believes, the alliance with France alone would no longer suffice. Above all, the French would have to be quite strong, but that alone would not suffice; England would have to introduce universal conscription!

[ 55 ] Sie sehen, der Gedanke ist so umspannend, daß zu seiner Verwirklichung keine Zeit bis zum Kriegsausbruch mehr war, aber — die allgemeine Wehrpflicht in England ist doch noch eingeführt worden. Es handelt sich wirklich darum, wenn man die realen Verhältnisse in der Welt verstehen will, daß man nicht bloß beliebig das oder jenes herausgreift, sondern daß man den Willen entwickelt, auf dasjenige hinzuschauen, worauf es ankommt. Ein einziger Mensch kann ja etwas viel Wichtigeres sagen als hundert andere, die wie die Blinden von der Farbe reden und nur nachsprechen und deren Worte keine Wirkung haben.

[ 55 ] As you can see, the idea is so far-reaching that there was no time left to implement it before the outbreak of war, but—universal conscription was nevertheless introduced in England. If one wants to understand the real conditions in the world, it is truly a matter of not merely picking out this or that at random, but of developing the will to look at what really matters. A single person can, after all, say something far more important than a hundred others who, like the blind, talk about color and merely parrot what they hear, and whose words have no effect.

[ 56 ] Ich versuchte also zunächst auf der einen Seite Ihnen, meine lieben Freunde, darzustellen, wie sich konkrete Milieus bilden, auf der andern Seite wenigstens ein paar Beispiele anzuführen, welche zeigen, wie die Menschen hineingestellt sind in die Milieus und daß man, wenn man die Gedanken verstehen will, die da oder dort geäußert werden, dieses Milieu kennenlernen muß. Es ist schon notwendig, sich wenigstens einmal gründlich mit der Forderung zu durchdringen, die an das Leben gestellt werden muß, so wie es sich heute entwickelt: nicht den Enthusiasmus der Unaufmerksamkeit auszubilden, sondern gewissermaßen den Enthusiasmus der Aufmerksamkeit.

[ 56 ] So I first attempted, on the one hand, to explain to you, my dear friends, how specific social milieus are formed, and on the other hand, to cite at least a few examples that show how people are situated within these milieus—and that if one wishes to understand the ideas expressed here or there, one must become familiar with this milieu. It is indeed necessary to thoroughly grasp, at least once, the demand that must be placed on life as it is developing today: not to cultivate the enthusiasm of inattention, but, so to speak, the enthusiasm of attention.

[ 57 ] Wir wollen morgen von solchen Dingen weitersprechen und von da ausgehend immer mehr versuchen, in das Innere der Sache einzudringen. Wir müssen solche Einzelheiten schon auch haben. Es wäre bequemer, nur ganz oben zu schweben, aber wer nicht wenigstens einzelne Fälle aus der Wirklichkeit kennt, der kann auch nicht die richtigen Fragen an die geistige Welt stellen.

[ 57 ] We want to continue discussing such matters tomorrow and, building on that, try more and more to delve into the heart of the matter. We do need such details. It would be easier to just float around at a high level, but unless one is familiar with at least a few specific real-life cases, one cannot ask the right questions of the spiritual world.

[ 58 ] Also morgen kommen wir um drei Uhr zusammen.

[ 58 ] So we'll meet tomorrow at three o'clock.