Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a
10 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wenn wir von unserem Gesichtspunkte aus solche Dinge betrachten wollen, wie wir sie jetzt behandeln, so dürfen wir doch eben niemals aus dem Auge verlieren die Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Betrachtung für das Verständnis der Menschheitsentwicklung im fünften nachatlantischen Zeitraum, aber auch [für die Einsicht in] die Vorbereitung dessen, was für den sechsten nachatlantischen Zeitraum zu geschehen hat. Denn wenn man nicht aufmerksam ist auf das, was gerade versäumt wird von der Menschheit, von der heutigen materialistischen Menschheit, in bezug auf geisteswissenschaftliche Weltbeobachtung, so kann man nicht zu den Ursachen dessen vorrücken, was den heutigen Zeitereignissen zugrunde liegt.
[ 1 ] My dear friends! If we wish to consider such matters from our perspective, as we are doing now, we must never lose sight of the significance of spiritual scientific observation for understanding human development in the fifth post-Atlantean epoch, but also [for gaining insight into] the preparation of what is to take place in the sixth post-Atlantean epoch. For if one is not attentive to what is currently being neglected by humanity—by today’s materialistic humanity—with regard to spiritual-scientific observation of the world, one cannot advance to the causes underlying today’s current events.
[ 2 ] Und um einen gewissen Ausgangspunkt gewinnen zu können für weitere Betrachtungen, möchte ich erwähnen, wie sich das Hinaufschauen zu den Welten, auf die sich unsere Geisteswissenschaft bezieht, bei einzelnen Menschen sozusagen zwangsweise einstellt. Es ist wichtig zu durchschauen, daß dieses erzwungene Heranbändigen dieser Menschen zu einer gewissen Weltbetrachtung heute noch sporadisch ist, bloß da und dort auftritt, aber gerade in diesem sporadischen Auftreten ist außerordentlich Charakteristisches zu sehen. Ich habe vor kurzem die Tatsache erwähnt, daß von einem gewissen Hermann Bahr ein Drama erschienen ist, «Die Stimme», in dem, allerdings in einer katholisierenden Weise, versucht wird, die Welt, die uns als physisch-sinnliche umgibt, an geistige Ereignisse und geistige Vorgänge anzuknüpfen. Nach diesem Drama, aber nicht lange nachher, wurde von Hermann Bahr der Roman «Himmelfahrt» geschrieben, und Hermann Bahrs Roman «Himmelfahrt» ist wirklich in gewisser Beziehung ein Zeitdokument. Ich will dieses Zeitdokument seinem künstlerischen und literarischen Werte nach nicht überschätzen, aber es ist ein Zeitdokument. Und wie das Karma so läuft — gerade diesen Hermann Bahr kenne ich seit langer, langer Zeit, seit er ein ganz junger Student war. Und in diesem Roman «Himmelfahrt» schildert er einen Romanhelden, wie man das ja in der Ästhetik nennt — Franz nennt er ihn —, der mir erscheint wie eine Art Abbild Abbild, nicht eine Selbstcharakteristik —, wie eine Art Abbild des Hermann Bahr selber. Nun kommt in diesem Roman allerlei Interessantes vor. Der Roman ist während des Krieges geschrieben. Er ist offenbar eine Auseinandersetzung des Österreichers Hermann Bahr mit den gegenwärtigen Ereignissen.
[ 2 ] And in order to establish a starting point for further considerations, I would like to mention how, for some individuals, the act of looking up toward the worlds to which our spiritual science refers occurs, so to speak, involuntarily. It is important to realize that this compelled orientation of these individuals toward a certain worldview is still sporadic today, occurring only here and there; yet it is precisely in this sporadic occurrence that something extraordinarily characteristic can be seen. I recently mentioned the fact that a certain Hermann Bahr has published a play, Die Stimme (The Voice), in which—albeit in a Catholicizing manner—an attempt is made to link the physical, sensory world that surrounds us to spiritual events and spiritual processes. Shortly after this play, Hermann Bahr wrote the novel Himmelfahrt (“Ascension”), and Hermann Bahr’s novel Himmelfahrt is truly, in a certain sense, a document of its time. I do not wish to overestimate the artistic and literary value of this historical document, but it is a historical document. And as fate would have it—I have known this very Hermann Bahr for a long, long time, ever since he was a very young student. And in this novel Himmelfahrt, he portrays a protagonist—as they say in aesthetics—whom he calls Franz—who strikes me as a kind of reflection, not a self-portrait, but a kind of reflection of Hermann Bahr himself. Now, all sorts of interesting things happen in this novel. The novel was written during the war. It is evidently an engagement by the Austrian Hermann Bahr with contemporary events.
[ 3 ] Wir brauchen nur in dieser sozusagen abstrakten Form daran zu denken, inwiefern der Held des Romans, Franz, eine Art Abbild eines in der Gegenwart lebenden Menschen ist, der jetzt etwa zweiundfünfzig bis dreiundfünfzig Jahre alt ist, die Zeitereignisse mitgemacht hat, früh angefangen hat, in einer ganz intensiven Weise mit allen möglichen Zeitströmungen zu leben, denn er ist schon als Student wegen dieses Lebens mit den verschiedenen Zeitströmungen zweimal, von zwei Universitäten, relegiert worden und war immer darauf aus, sich seelisch zu verbinden mit gewissen, auch künstlerischen Geistesströmungen. Es ist nicht eine Selbstschilderung — man findet nichts Biographisches von Hermann Bahr darinnen —, aber es ist dieser Held Franz doch etwas, worauf vielleicht Bahr abgefärbt hat. So sehen wir in diesem Helden Franz einen Menschen geschildert, der versucht, sich auseinanderzusetzen mit alldem, was man an geistigen Bestrebungen gegenwärtig in der Welt äußerlich finden kann, um Aufklärung zu bekommen über die Weltenzusammenhänge.
[ 3 ] We need only consider, in this abstract form, so to speak, the extent to which the novel’s hero, Franz, is a kind of reflection of a person living in the present—someone who is now about fifty-two to fifty-three years old, who has lived through the events of his time, who began early on to engage in a very intense way with all manner of contemporary trends, for even as a student, because of this engagement with various intellectual currents, he was expelled twice—from two different universities—and was always eager to connect spiritually with certain intellectual currents, including artistic ones. It is not an autobiography—one finds nothing biographical about Hermann Bahr in it—but this hero, Franz, is nonetheless something onto which Bahr may have projected himself. Thus, in this hero Franz, we see a portrayal of a person who attempts to grapple with all the intellectual endeavors currently visible in the world in order to gain insight into the interconnections of the world.
[ 4 ] Da wird uns gleich im Anfang geschildert, wo dieser Franz sich überall herumgetrieben hat, um sich klar zu werden über die Weltverhältnisse: erst Botaniker bei Wiesner — das ist ein berühmter Botaniker, der an der Wiener Universität gelehrt hat —, dann Chemiker bei Ostwald, der auf Wunsch von Haeckel der Vorsitzende des MonistenBundes geworden ist, dann in Schmollers Seminar, an Richets Klinik, wo er sich bekannt machen konnte mit den Ideen Richets, bei Freud in Wien — selbstverständlich mußte jemand, der hineinkommen will in die gegenwärtigen Geistesströmungen, auch die Psychoanalyse kennenlernen. Er war auch bei den Theosophen in London und kam zusammen mit Kunstmalern, mit Radierern, mit Tennisspielern und so weiter. Also, er ist nicht einseitig: er ist ebenso bei Richet im Laboratorium gewesen wie bei den Theosophen in London. Überall sucht er sich zurechtzufinden. Dann treibt ihn natürlich sein Geschick, sein Karma, weiter in der Welt herum, und da wird verschiedenes erzählt, wie er denn da oder dort darauf aufmerksam wird, daß es doch gewisse Hintergründe in der Menschheitsevolution gibt und daß man auf diese Hintergründe wohl aufmerksam sein soll. Ich habe Sie gestern mit einem solchen Hintergrunde bekanntgemacht, und ich will Sie jetzt darauf hinweisen, wie ein anderer hingebändigt worden ist, solche Hintergründe anzuerkennen. Deshalb will ich Ihnen jetzt ein Stück aus diesem Roman vorlesen.
[ 4 ] Right at the beginning, we are told about all the places Franz wandered to in order to gain a clear understanding of the state of the world: first as a botanist under Wiesner—a famous botanist who taught at the University of Vienna— then a chemist under Ostwald, who, at Haeckel’s request, became the chairman of the Monist League, then in Schmoller’s seminar, at Richet’s clinic, where he was able to familiarize himself with Richet’s ideas, and with Freud in Vienna—of course, anyone who wants to engage with contemporary intellectual currents must also become acquainted with psychoanalysis. He was also among the Theosophists in London and mingled with painters, engravers, tennis players, and so on. So, he is not one-sided: he spent time in Richet’s laboratory just as much as he did with the Theosophists in London. He sought to find his way in everything. Then, of course, his destiny—his karma—drove him further out into the world, and various stories are told about how, here and there, he became aware that there are indeed certain underlying factors in human evolution and that one ought to be mindful of these underlying factors. Yesterday I introduced you to one such underlying context, and now I want to point out to you how another person was led to acknowledge such underlying contexts. That is why I would now like to read you a passage from this novel.
Wichtiger war ihm aber jetzt, ob er ihr und was er ihr antworten sollte.
But what mattered more to him now was whether he should answer her—and what he should say.
[ 5 ] Franz hatte eine weibliche Persönlichkeit gefunden, die besonders fromm war — eine eigene Art von Frömmigkeit hatte Klara —, darüber will ich aber nicht sprechen, nur andeuten, daß dies für ihn ein wichtiger Anlaß war.
[ 5 ] Franz had found a woman who was particularly devout—Klara had her own kind of piety—but I don’t want to talk about that; I’ll just mention that this was an important reason for him.
Wichtiger war ihm aber jetzt, ob er ihr und was er ihr antworten sollte. Höflich danken und dann gelassen warten, bis sie der Zufall ihm zuführt? Oder vielleicht auch ihren Rat befolgen, sich an einen der frommen Männer wenden und dies dann zum Anlaß nehmen, darüber wieder an sie zu schreiben?
But what mattered more to him now was whether he should reply to her—and what he should say. Should he thank her politely and then calmly wait until chance brought her his way? Or perhaps he should follow her advice, turn to one of the pious men, and then use that as an opportunity to write to her again?
[ 6 ] Fromme Männer sind in diesem Zusammenhang hier katholische Geistliche, bei denen er zunächst auch sucht, ob man sich mit dem, was sie finden, was sie wissen, zurechtfinden kann im Weltenzusammenhange. Dann sagt er weiter:
[ 6 ] In this context, “pious men” refers to Catholic clergy, whom he first turns to in order to determine whether one can make sense of the world based on what they have discovered and what they know. He then goes on to say:
Zunächst aber mußte er sich doch vor allem erst darüber klar werden, was er selbst denn eigentlich wollte. War er einfach verliebt und also seine Neigung, fromm zu werden, auch nur der verkappte Wunsch, ihr zu gefallen? Er hatte sicherlich nicht bewußt gelogen, aber es konnte sein, daß ihn sein alles verklärendes Gefühl für sie jede ihrer Eigenschaften, ihrer Gewohnheiten begehrenswert erscheinen ließ. Dem geliebten Wesen möchte man unwillkürlich gleichen, und was ihm lieb und wert ist, wird es dem Liebenden auch. Aber das stimmte hier ja gar nicht! Er war doch schon auf dem Wege zum Glauben, bevor er sie noch kannte. Er hätte sie kaum je kennen gelernt ohne jenen seltsamen, ihm selbst ganz unerklärlichen inneren Drang, der ihn auf einmal sanft in die Kirchen zog und sie vor der Heiligen, selbst fast einer Heiligen gleich, finden ließ. Er hätte sie sonst gar nicht bemerkt; er liebte vielleicht auch gar nicht sie, sondern an ihr doch bloß die Erscheinung seiner eigenen Sehnsucht. Und es war gar nicht Liebe, nicht was ihm bisher Liebe geheißen hatte, es war die Seligkeit, fromm zu sein, die er empfand! War er denn aber fromm? Er wußte nur, daß er es sich wünschte, aber es gleichsam noch immer nicht wagte, vielleicht aus Furcht, sich wieder zu betrügen, wie ja noch jeder Wunsch ihn immer wieder betrogen hatte, und wenn er auch jetzt wieder enttäuscht würde, dann blieb ihm ja keiner mehr! Er wäre gern fromm gewesen, aber die Frage war freilich, ob er es konnte. Fromm wie jene Bettler, die er um das stiere Glück ihrer dumpfen Andacht so beneidete? Kaum. Er hatte dazu doch vom Baume der Erkenntnis schon zu viel genascht. Fromm wie Klara? Er war nicht mehr im Stande der geistigen Unschuld. Aber gab es nicht vielleicht eine Art zweiter Unschuld, wiedergewonnener Unschuld? Gab es nicht eine Frömmigkeit des seine Grenzen erkennenden, des gedemütigten Verstandes, einen Glauben der Wissenden, eine Hoffnung aus Verzweiflung? Lebten nicht in allen Zeiten einsame verborgene weise Männer, der Welt abgewendet, einander durch geheime Zeichen verbunden, im Stillen wunderbar wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer höheren Region über den Völkern, über den Bekenntnissen, im Grenzenlosen, im Raum einer reineren, Gott näheren Menschlichkeit? Gab es nicht auch heute noch, überall in der Welt zerstreut und versteckt eine Ritterschaft des Heiligen Grals? Gab es nicht Jünger einer vielleicht unsichtbaren, nicht zu betretenden, bloß empfundenen, aber überall wirkenden, alles beherrschenden, Schicksal bestimmenden weißen Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine sozusagen an‚onyme Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht kennen, nichts von einander wissen und doch aufeinander, ja miteinander wirken, bloß durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in seiner theosophischen Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschäftigt, aber er hatte offenbar immer nur falsche Theosophen kennengelernt, vielleicht ließen sich die wahren nicht kennenlernen. Und plötzlich fiel ihm ein, ob nicht vielleicht der Domherr [...]
First of all, however, he had to figure out for himself what he actually wanted. Was he simply in love, and was his desire to become devout merely a disguised wish to please her? He certainly hadn’t lied intentionally, but it was possible that his feelings for her—which made everything seem more beautiful—caused every one of her traits and habits to appear desirable to him. One instinctively wants to be like the one one loves, and what is dear and valuable to that person becomes so to the lover as well. But that wasn’t true at all in this case! He had already been on the path to faith before he even knew her. He would hardly ever have met her without that strange inner urge—utterly inexplicable even to himself—that suddenly drew him gently into the churches and led him to find her before the saint, herself almost like a saint. Otherwise, he would not have noticed her at all; perhaps he did not even love her, but merely the manifestation of his own longing in her. And it was not love at all—not what he had hitherto called love—but the bliss of being devout that he felt! But was he pious, then? He knew only that he wished to be, but still did not dare, as it were—perhaps out of fear of deceiving himself again, just as every desire had deceived him time and again—and if he were to be disappointed once more now, then he would have none left! He would have liked to be pious, but the question, of course, was whether he could be. Pious like those beggars whom he so envied for the unadulterated bliss of their simple devotion? Hardly. After all, he had already tasted too much from the tree of knowledge. Pious like Klara? He was no longer capable of spiritual innocence. But was there not perhaps a kind of second innocence, a regained innocence? Was there not a piety of the mind that recognizes its limits, of the humbled intellect—a faith of the knowledgeable, a hope born of despair? Have there not always been solitary, hidden, wise men, turned away from the world, connected to one another through secret signs, working wonders in silence with an almost magical power, in a higher realm above the peoples, above the creeds, in the boundless, in the realm of a purer humanity closer to God? Is there not even today, scattered and hidden throughout the world, a knighthood of the Holy Grail? Are there not disciples of a perhaps invisible, inaccessible, merely sensed, yet omnipresent, all-governing, fate-determining White Lodge? Was there not always on earth, so to speak, an “anonymous” community of saints who do not know one another, know nothing of one another, and yet influence one another—indeed, work together—merely through the rays of their prayers? Even during his theosophical period, such thoughts had occupied him greatly, but he had apparently only ever encountered false theosophists; perhaps the true ones could not be known. And suddenly it occurred to him: might the canon [...]
[ 7 ] Er hatte nämlich einen Domherrn kennengelernt, der sich ihm gegenüber merkwürdigerweise als ein nach vielen Richtungen hin vorurteilsloser Mensch gezeigt hatte.
[ 7 ] He had, in fact, met a canon who, strangely enough, had struck him as a person free of prejudice in many respects.
Und plötzlich fiel ihm ein, ob nicht vielleicht der Domherr einer von diesen wahren Meistern wäre, von den verborgenen geistigen Weltregenten, von den geheimen Hütern des Grals? Er wurde sich jetzt erst bewußt, daß ihm der Domherr immer schon gleichsam durch ein Versprechen großer Offenbarungen angezogen, als ob da die Worte des Lebens aufbewahrt sein müßten. Das Ansehen, in dem dieser Priester stand, die Scheu, ja Furcht, mit der man von ihm sprach, der Gehorsam, den ihm auch Widerwillige bezeigten, die tiefe Einsamkeit, die ihn umgab, die rätselhafte Macht, Freunden helfen, Feinden schaden zu können, die man ihm nachsagte, wenn er auch lächelnd bedauerte, weder den Dank der Freunde noch den Groll der Feinde zu verdienen — das alles ging doch weit über die Bedeutung, über die Kraft, über die Würde seines Amts, seiner äußeren Stellung, und wenn es die einen mit den «guten Bezichungen, die er halt hat», [...]
And suddenly it occurred to him: Could the canon perhaps be one of those true masters, one of the hidden spiritual rulers of the world, one of the secret guardians of the Grail? Only now did he realize that he had always been drawn to the canon, as it were, by a promise of great revelations, as if the words of life were to be preserved there. The esteem in which this priest was held, the reverence—even fear—with which people spoke of him, the obedience even those who were reluctant to do so showed him, the deep solitude that surrounded him, the enigmatic power to help friends and harm enemies that was attributed to him—even though he smiled and lamented that he deserved neither the gratitude of his friends nor the resentment of his enemies — all of this went far beyond the significance, the power, and the dignity of his office and his outward position, and while some attributed it to the “good connections he happens to have,” [...]
[ 8 ] — so sagt man in Österreich: «die er halt hat» —
[ 8 ] — as they say in Austria: “the ones he just has” —
[...] die anderen gar mit dem Gerücht seiner Abstammung von einem hohen Herrn erklärten, so blieb noch immer die magische Gewalt seines Blickes, seiner Gegenwart, ja seines bloßen Namens unerklärt. Es gab ein Dutzend Domherren in der Stadt; er aber war der Domherr. Wer vom Domherrn sprach, meinte ihn. Wer um die Exzellenz fragte, wurde gar nicht gleich verstanden. Sie konnten sich noch immer nicht daran gewöhnen, ihn so zu nennen; er blieb ihnen der Domherr. Er schritt im Zuge bescheiden hinter dem rotprangenden Kardinal, aber alle blickten nur auf ihn.
[...] While others even attributed it to the rumor that he was descended from a nobleman, the magical power of his gaze, his presence, and indeed his very name remained unexplained. There were a dozen canons in the city; but he was the Canon. When anyone spoke of the Canon, they meant him. When someone asked after His Excellency, they weren’t even understood at first. They still couldn’t get used to calling him that; to them, he remained the Canon. He walked modestly in the procession behind the cardinal in his resplendent red robes, but everyone’s eyes were fixed only on him.
[ 9 ] — auf den Domherrn, nicht auf den Kardinal! —
[ 9 ] — the canon, not the cardinal! —
Wenn er zur bestimmten Stunde seinen gewohnten Gang unterließ, gleich hieß es in der Stadt: Der Domherr ist verreist! — Und wenn es dann wieder hieß: Der Domherr ist zurück —, so schien das von der größten Wichtigkeit für die ganze Stadt. Franz erinnerte sich eines Gesprächs, vor Jahren in Rom,
Whenever he failed to take his usual walk at the usual time, word immediately spread throughout the city: “The canon has gone away!” — And when word then spread again that “The canon is back,” it seemed to be of the utmost importance to the entire city. Franz recalled a conversation he’d had years ago in Rome,
[ 10 ] — verzeihen Sie, daß ich das jetzt vorlese, aber Hermann Bahr hat das geschrieben, und ich bitte um Entschuldigung
[ 10 ] — Please forgive me for reading this aloud now, but Hermann Bahr wrote this, and I apologize
[.—.] mit einem Engländer, der, nachdem er die ganze Welt durchreist, sich in der Heiligen Stadt niedergelassen hatte, weil er behauptete, nichts Geheimnisvolleres gefunden zu haben als die Monsignori. Wer sie verstehen könnte, hätte den Schlüssel zum Schicksal der Menschheit. Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie, reich, unabhängig, Junggeselle und ein richtiger Engländer, nüchtern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkünstlerisch, ein derber, vergnügter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, starker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur eine einzige Leidenschaft störte, die Neugierde, alles zu sehen, alles kennenzulernen, überall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner anderen Absicht als, um schließlich, von welchem Ort immer man sprach, befriedigt sagen zu können: O ja! —, das Hotel zu wissen, in dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswürdigkeiten, die er aufgesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er verkehrt hatte. Um bequemer zu reisen und überall Zutritt zu haben, war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Er lobte die Nützlichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es müsse noch eine ähnliche, doch besser geleitete, mächtigere Verbindung höherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie er ja, wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden gewesen wäre, sich natürlich an diesen gewendet hätte. Er ließ sich nicht ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe geheimer Führer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen verborgenen Männern gemacht, die selbst ihren nächsten Dienern unbekannt seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den Spuren dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei, von der die andere bloß eine höchst törichte Kopie mit unzulänglichen Mitteln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben bei den Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten ahnungslose Statisten wären, deren Gedränge bloß die vier oder fünf wirklichen Herren der Welt zu verbergen hätte. Und Franz mußte heute noch über die komische Verzweiflung seines Engländers lachen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kommen, sondern immer wieder bloß an Statisten, aber sich dadurch nicht irremachen ließ, sondern immer nur noch mehr Respekt vor einer so wohlbehüteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in die er schließlich doch noch eingelassen zu werden wettete, und wenn er bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die Kutte nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen müßte, denn da er überall den unsichtbaren Fäden einer über die ganze Welt gesponnenen Macht nachgespürt hatte, war er nicht abgeneigt, auch die Juden schr zu schätzen, und er sprach gelegentlich stockernst den Verdacht aus, ob nicht vielleicht im letzten innersten Kreise dieses verborgenen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori höchst einträchtig beisammen säßen, was ihm übrigens gleichgültig gewesen wäre, wenn sie nur auch ihn mitzaubern ließen.
[.—.] with an Englishman who, after traveling the entire world, had settled in the Holy City because he claimed to have found nothing more mysterious than the Monsignori. Whoever could understand them would hold the key to the fate of humanity. He was a clever man of mature years, from a good family, wealthy, independent, a bachelor, and a true Englishman—sober, practical, unsentimental, completely unmusical, unartistic, a coarse, cheerful hedonist, an angler, rower, sailor, a hearty eater, a heavy drinker, a bon vivant whose contentment was disturbed by only a single passion: the curiosity to see everything, to get to know everything, to have been everywhere at least once—really with no other purpose than to be able to say, with satisfaction, whenever any place was mentioned: “Oh yes! —, to know the hotel where Cook had put him up there, and the sights he had visited, and the people of rank or fame with whom he had associated. To travel more comfortably and gain access everywhere, he had been advised to become a Freemason. He praised the usefulness of this organization until he believed he had discovered that there must be another similar, yet better-led, more powerful organization of a higher order, which he now absolutely wanted to join—just as, if there had been another, better Cook to be found anywhere, he would naturally have turned to him. He would not be dissuaded: the world was ruled by a very small group of secret leaders; so-called history was made by these hidden men, who were unknown even to their closest servants, just as those servants were unknown to theirs, and he claimed that, following the trail of this secret world government—this true Freemasonry, of which the other was merely a highly foolish copy with inadequate means—he had found its seat in Rome, specifically among the Monsignori, though of course most of them, too, were unsuspecting extras whose throng served merely to conceal the four or five true masters of the world. And Franz still had to laugh today at the comical desperation of his Englishman, who now had the misfortune of never encountering the right person, but instead always coming across mere extras—yet he did not let this mislead him, but instead gained even more respect for such a well-protected, impenetrable society, into which he ultimately bet he would still be admitted, even if he had to remain in Rome until the end of his life, and even if he had to take the habit or perhaps even undergo circumcision; for having traced the invisible threads of a power spun across the entire world everywhere, he was not averse to holding the Jews in high regard as well, and he occasionally voiced, in all seriousness, the suspicion that perhaps, within the innermost circle of this hidden world web, rabbis and monsignors sat together in perfect harmony—which, incidentally, would have been of no consequence to him, provided they would only let him share in their magic.
[ 11 ] Sie sehen, da sucht einer! Es wird auf einen Menschen hingedeutet, der da sucht. Und Sie können ganz sicher sein, obzwar es nicht eine Autobiographie ist, aber dieser Hermann Bahr hat schon jenen Engländer kennengelernt. Das ist alles aus dem Leben.
[ 11 ] You see, someone is searching there! It refers to a person who is searching there. And you can be absolutely certain—even though it’s not an autobiography—that this Hermann Bahr had already met that Englishman. It’s all taken from real life.
Franz hatte sich damals schon zuweilen gefragt, ob nicht in der Narretei des Engländers doch vielleicht irgendeine Wahrheit versteckt sein könnte. Das Leben, das der einzelnen wie das der Völker, auf den ersten Blick so sinnlos, aus der Nähe nichts als ein Wust von Zufällen, zeigt sich, aus einiger Entfernung von der Höhe gesehen, doch stets wohl geplant und fest gelenkt. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß Gott selbst unmittelbar eingreift, um mit eigener Hand den Unsinn, die Tollheit der menschlichen Willkür seinen Zwecken anzupassen, sind wir genötigt, uns gewisser maßen ein Zwischenreich, durch das sein Wille vermittelt wird, einen Kreis von still waltenden Menschen, durch den er auf die Welt einwirkt, sozusagen Stationen der göttlichen Kraft und Weisheit, zu denken, von denen aus ihre Strahlen in die dunkle Menschheit gehen und zuletzt doch alles immer wieder ordnen. Diese Linsen Gottes, den schaffenden Geist sammelnd und in die Welt zerstreuend, diese geheimen Ordner, diese verborgenen Könige wären es, durch die zuletzt doch aller Wahnsinn immer wieder zur Vernunft, die Leidenschaft zum Schweigen gebracht, Zufall zur Notwendigkeit, Chaos Gestalt, Finsternis hell wird, und wer wäre nicht in seinem Leben Menschen begegnet, die wirklich eine merkwürdige Hoheit und Entfernung haben, in dem Rufe stehen, durch ihren bloßen Blick verwünschen oder beglücken zu können und, so still sie sich halten, doch weit zu wirken scheinen? Es sind meistens gerade ganz einfach lebende Menschen, Hirten, Landärzte, Dorfpfarrer, oft auch alte Frauen oder auch frühreife Kinder, die bald sterben, und alle haben etwas, was sie den anderen unheimlich macht und was ihnen eine große Gewalt über Mensch und Vich, ja, wie man immer wieder versichern hört, über die ganze Natur, auf Quellen, Erze, Wetter, Sonnenschein und Regen, Hagelschlag und Trockenheit gibt. Wenn wir ihren Weg kreuzen, haben wir, oft im selben Augenblick gleich, manchmal nach Jahren erst, das bestimmte Gefühl, daß dadurch über unser Leben entschieden worden ist. Sie selbst empfinden, scheint's, ihre Kraft eher als eine Last, vielleicht fast als einen Fluch, jedenfalls aber als eine Pflicht. Sie leben abgewendet und sind froh, wenn sie verschont werden. Es ließe sich schon denken, daß sie alle durch die weite Welt hin miteinander in Verbindung sind, sich Zeichen geben oder vielleicht auch die Zeichen noch mächtigerer geheimer Fürsten weitergeben, alles vielleicht ganz unbewußt, oder doch nur halb bewußt, mehr sozusagen inneren Aufträgen erliegend, triebhaft gehorchend, als sich selbst entschließend, wie sie denn überhaupt ihrer eigenen Kraft nicht mächtig zu sein, sondern selbst von ihr überwältigt zu werden scheinen; alle diese Fähigkeiten finden sich fast nur bei getrübtem oder vielleicht aussetzendem Bewußtsein. Franz hatte schon in jungen Jahren solche Menschen gekannt, in den Bergen sind sie ja nicht selten. Er erinnerte sich ihrer wieder bei den schwärmerischen Schrullen des Engländers. Und viel später erst war er auf den Gedanken gekommen, ob denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fähigkeiten nicht angeboren wären, ihrer teilhaft werden, ob man sich zu solchen Kräften erziehen, ob man sie durch Training erlernen könnte. Aber die theosophischen Übungen hatten ihn bald enttäuscht, und erst durch den Anblick der verzückten Beter in den dunklen Kirchen war er wieder daran erinnert worden. Diese Menschen hatten es durch Übung dahin gebracht, sich in einen Zustand versetzen zu können, wo das Leid, die Not, der Neid schwiegen; sie kamen vom Gebet beschwichtigt, getröstet und gestärkt zurück.
Even back then, Franz had sometimes wondered whether there might not be some truth hidden in the Englishman’s folly after all. Life—whether that of individuals or of nations—which at first glance seems so meaningless, and up close appears to be nothing but a jumble of coincidences, nevertheless reveals itself, when viewed from a distance and from on high, to be consistently well-planned and firmly guided. Unless we are willing to assume that God Himself intervenes directly to adapt, with His own hand, the nonsense, the folly of human caprice to his purposes, we are compelled to conceive, to a certain extent, an intermediate realm through which his will is mediated—a circle of silently ruling human beings through whom he acts upon the world, so to speak, stations of divine power and wisdom, from which their rays shine into dark humanity and ultimately, time and again, bring everything back into order. These lenses of God, gathering the creative spirit and scattering it into the world; these secret organizers, these hidden kings—it is through them that, in the end, all madness is repeatedly brought back to reason, passion is silenced, chance becomes necessity, chaos takes shape, darkness into light—and who has not encountered people in their life who truly possess a strange dignity and aloofness, who are reputed to be able to curse or bless with a mere glance, and who, however quiet they may be, seem to exert a far-reaching influence? They are mostly people who live very simple lives—shepherds, country doctors, village pastors, often old women or precocious children who die young—and they all possess something that makes them seem eerie to others and grants them great power over people and animals, indeed, as one hears repeatedly asserted, over all of nature—over springs, ores, weather, sunshine and rain, hailstorms and drought. When we cross their path, we have—often at that very moment, sometimes only years later—the distinct feeling that a decision about our lives has been made as a result. They themselves, it seems, perceive their power more as a burden, perhaps almost as a curse, but in any case as a duty. They live in seclusion and are glad when they are spared. One might well imagine that they are all connected with one another across the vast world, sending signals to one another or perhaps even passing on the signals of even more powerful secret rulers, all of this perhaps entirely unconsciously, or at least only half-consciously, more, so to speak, yielding to inner imperatives, obeying instinctively than deciding for themselves—since they do not seem to be in control of their own power at all, but rather appear to be overwhelmed by it; all these abilities are found almost exclusively in cases of clouded or perhaps faltering consciousness. Franz had known such people even in his youth; after all, they are not uncommon in the mountains. He recalled them again upon hearing the Englishman’s rapturous ramblings. And it was not until much later that the thought occurred to him: might it not be possible for someone who was not born with such abilities to acquire them—could one cultivate such powers, or learn them through training? But the theosophical exercises had soon disappointed him, and it was only the sight of the ecstatic worshippers in the dark churches that had reminded him of this again. Through practice, these people had managed to put themselves into a state where suffering, hardship, and envy fell silent; they returned from prayer soothed, comforted, and strengthened.
[ 12 ] Also mit den theosophischen Übungen wollte es der Franz, wie Sie sehen, nicht halten; auf diese Weise wollte er den Übergang zu einer Erkenntnis der geistigen Welten nicht finden. Aber Sie sehen, da dämmert etwas, da dämmert etwas von jenen Dingen, von denen wir gestern sprechen mußten. Sie sehen also: Es werden heute Leute herangebändigt anzuerkennen, wie sozusagen die Fäden laufen; die Menschen fangen an, aufmerksam zu werden, daß sich gewisse Leute solcher Fäden bedienen. Es wäre nur zu wünschen, daß solche Leute wie dieser Hermann Bahr — nur mit größerem Ernste noch, als sie es tun — an die Sache heranträten. Sogar der Domherr, dem er wirklich begegnet ist, hat es mit größerem Ernste gemacht; bei diesem Domherrn war er — Hermann Bahr — tatsächlich einmal eingeladen, in einer merkwürdigen Gesellschaft, die er nun in seinem Roman schildert. Aus dieser Schilderung sieht man, daß der Domherr mit allen Menschen, ebensogut mit den frommen Mönchen wie mit den Weltzynikern und den frivolen Menschen, verkehrte und sie alle an seinen Tisch lud. Aber dem Franz fiel doch allerlei auf. Der Domherr führte ihn ins Arbeitszimmer, wärend die andern sich in verschiedener Weise unterhielten — wenn abgegessen ist, so folgt ja immer noch etwas. Da führte ihn der Domherr also in sein Arbeitszimmer:
[ 12 ] So, as you can see, Franz wasn’t interested in the theosophical exercises; he didn’t want to use them to find his way to an understanding of the spiritual worlds. But you see, something is dawning—something is dawning regarding those things we had to talk about yesterday. So you see: People today are gradually being led to recognize, so to speak, how the strings are pulled; people are beginning to take notice that certain individuals make use of such strings. One can only hope that people like this Hermann Bahr would approach the matter with even greater seriousness than they currently do. Even the canon whom he actually met took it more seriously; Hermann Bahr was in fact once invited to this canon’s home, into a peculiar circle of people that he now describes in his novel. From this description, one can see that the canon associated with all kinds of people—the pious monks just as much as the worldly cynics and the frivolous—and invited them all to his table. But Franz did notice all sorts of things. The canon led him into his study while the others entertained themselves in various ways—after all, once the meal is over, there’s always something else to do. So the canon led him into his study:
Die Nichte hatte sich entfernt, der Ehrengast aber, Onkel Erhard und die Exzellenz, in bequemen Stühlen andächtig der Verdauung ergeben, hatten noch immer nicht auserzählt, die Geschichten wurden bedenklicher, der Spott verwegener, die Anspielungen deutlicher, und unsere ganze Welt, Hof, Adel und Generalstab, zog in Anekdoten auf, nichts blieb verschont, es schien, daß alles überhaupt nur aus Anekdoten bestand. Franz trat angewidert weg, zur Bibliothek hin. Sie war nicht groß, aber gewählt. Von Theologie nur gerade das Nötigste, [...]
The niece had left, but the guest of honor, Uncle Erhard, and His Excellency, settled comfortably in their chairs and devotedly giving themselves over to digestion, had still not finished telling their stories; the tales were growing more troubling, the mockery bolder, the allusions clearer, and our entire world—the court, the nobility, and the General Staff—was portrayed in anecdotes; nothing was spared, it seemed as if everything consisted solely of anecdotes. Franz stepped away in disgust, heading for the library. It was not large, but well-curated. As for theology, only the bare essentials, [...]
[ 13 ] — man war ja bei einem Dombherrn, der braucht für sich selber die Theologie am wenigsten —
[ 13 ] — after all, we were visiting a canon, who needs theology the least of all —
[...] die Bollandisten, viel Franziskanisches, Meister Eckhart, die geistlichen Übungen, Katharina von Genua, die Mystik von Görres und Möhlers Symbolik. Philosophie schon mehr: der ganze Kant, samt den Schriften der «Kant-Gesellschaft», Deussens «Upanischaden» und seine Geschichte der Philosophie, Vaihingers Philosophie des Als Ob und schr viel Erkenntniskritisches. Dann die griechischen und römischen Klassiker, Shakespeare, Calderon, Cervantes, Dante, Machiavelli und Balzac im Original, aber von Deutschen nur Novalis und Goethe, dieser in verschiedenen Ausgaben, seine Naturwissenschaftlichen Schriften in der Weimarer. Einen Band davon nahm Franz und fand viele Randbemerkungen von der Hand des Domherrn, der in diesem Augenblick den jungen Mönch und den Jesuiten verließ und zu ihm trat. Er sagte: «Ja, die Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand. Leider! Da sieht der alte Heide, der er doch durchaus gewesen sein soll, auf einmal ganz anders aus und dann versteht man doch auch den Schluß des «Fausv erst. Ich habe mir ja nie vorstellen können, Goethe tue da bloß auf einmal katholisch, [...]
[...] the Bollandists, a great deal of Franciscan literature, Meister Eckhart, the Spiritual Exercises, Catherine of Genoa, the mysticism of Görres, and Möhler’s Symbolik. As for philosophy, even more: the complete works of Kant, including the writings of the “Kant Society”; Deussen’s Upanishads and his History of Philosophy; Vaihinger’s Philosophy of the As If; and a great deal of critical philosophy of knowledge. Then the Greek and Roman classics, Shakespeare, Calderón, Cervantes, Dante, Machiavelli, and Balzac in the original, but of German authors only Novalis and Goethe—the latter in various editions, his scientific writings in the Weimar edition. Franz took one volume of these and found many marginal notes in the canon’s hand; at that very moment, the canon left the young monk and the Jesuit and approached him. He said: “Yes, nobody knows Goethe’s scientific writings. What a pity! There, the old pagan—which he is said to have been, after all—suddenly looks quite different, and then one finally understands the ending of Faust. I could never have imagined that Goethe was just suddenly pretending to be Catholic there, [...]
[ 14 ] — nicht wahr, das muß man dem Domherrn, der alles «katholisch» haben will, verzeihen; für uns ist das Wichtigste, daß er sich an die Naturwissenschaftlichen Schriften gewendet hat
[ 14 ] — don’t you think we should forgive the canon, who wants everything to be “Catholic”? For us, the most important thing is that he has turned to scientific writings
[...] Goethe tue da bloß auf einmal katholisch, nur zur malerischen Wirkung. Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu groß, vor jedem Dichter, um zu glauben, daß einer, gerade wenn er sein letztes Wort sagt, ein Kostüm anlegen sollte. Aber in den Naturwissenschaftlichen Schriften steht ja auf jeder Seite, wie katholisch Goethe war, [...]
[...] Goethe is just pretending to be Catholic here, purely for dramatic effect. My respect for the poet—for any poet, for that matter—is far too great to believe that someone should don a costume just as they’re about to speak their final words. But in his Natural Science Writings, every page attests to just how Catholic Goethe was, [...]
[ 15 ] — das muß man dem Domherrn verzeihen —
[ 15 ] — one must forgive the canon for that —
[...] unwissentlich vielleicht und jedenfalls ohne den rechten Mut dazu. Es liest sich, als hätte da jemand, mit den katholischen Wahrheiten unbekannt, sie sozusagen unversehens auf eigene Faust aus sich selber entdeckt, wobei es freilich ohne manche Gewaltsamkeiten und Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber doch im großen Ganzen nichts Entscheidendes, Norwendiges und Wesentliches fehlt, selbst der Schuß von Aberglauben, Magie oder wie man das nennen will, was den richtigen, geborenen Protestanten an unserer heiligen Lehre stets so verdächtig bleibt — selbst das nicht! Ich habe ja oft meinen eigenen Augen kaum getraut! Ist man aber bei Goethe dem kryptogamen Katholiken nur erst einmal auf der Spur, so sieht man ihn bald überall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste, den er freilich lieber «Genius nennt, [...]
[...] perhaps unwittingly, and in any case without the necessary courage. It reads as if someone, unfamiliar with Catholic truths, discovered them, so to speak, unexpectedly on his own, though of course not without a fair share of forced interpretations and oddities; yet on the whole, nothing decisive, necessary, or essential is missing—not even that touch of superstition, magic, or whatever one might call it, which always remains so suspect to the true, born-again Protestant regarding our holy doctrine—not even that! I have often scarcely believed my own eyes! But once you’re on the trail of Goethe, the cryptic Catholic, you soon see him everywhere. His trust in the Holy Spirit—whom he, of course, prefers to call “Genius,” [...]
[ 16 ] — Goethe mit rechtem Grunde natürlich! —
[ 16 ] — Goethe, of course, and with good reason! —
[...] sein tiefes Gefühl für die Sakramente, deren ihm nur noch zu wenige sind, sein Sinn für das «Ahndevolle, seine Begabung zur Ehrfurcht, gar aber, daß er, ganz unprotestantisch, sich niemals mit dem Glauben begnügt, sondern überall auf die Anerkennung Gottes durch die lebendige Tat, durch das fromme Werk dringt, gar dieses so seltene, höchste, schwierigste Begreifen, daß der Mensch nicht von Gott geholt werden kann, wenn er nicht selbst sich Gott holt, das Begreifen dieser furchtbaren menschlichen Freiheit, selber wählen zu müssen und die dargebotene Gnade nehmen, aber auch ausschlagen zu können, durch welche Freiheit allein die Gnade Gottes dem Menschen, der sich für sie entscheidet, der sie sich nimmt, erst zum eigenen Verdienste wird, das alles ist auch in seinen Übertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so stockkatholisch, daß ich, wie du siehst, [...]
[...] his deep sense of the sacraments, of which there are still too few for him; his sense of the “mystical”; his gift for reverence; and, above all, the fact that he, in a thoroughly un-Protestant way, never content with mere faith, but everywhere striving for the acknowledgment of God through living action, through pious works—and even that rare, supreme, and most difficult understanding that man cannot be brought to God unless he brings himself to God—the understanding of this terrible human freedom to have to choose for oneself and to accept the grace offered, but also to be able to reject it—through which freedom alone does God’s grace become a personal merit for the person who chooses it, who takes it for himself—all of this remains, even in his exaggerations and distortions, so staunchly Catholic that, as you can see, [...]
[ 17 ] — sie hatten sich nämlich schon geduzt, so also der Domherr zum Franz
[ 17 ] — they were already on a first-name basis, so the canon said to Franz
[...] oft genug an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben konnte, wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht. Und wenn Zacharias Werner erzählt hat, er sei durch einen Satz in den Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so glaub ich ihm das aufs Wort. Womit ich natürlich nicht leugnen will, daß es daneben auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar einen beinahe jüdischen Goethe gibt und ihn durchaus nicht als das Muster eines Katholiken reklamieren will, was er übrigens immer noch eher war als der plattvergnügte Wald- und Wiesenmonist, den die neudeutschen Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen.»
[...] was often able to jot down in the margins passages from the Tridentine Council where the same idea is expressed, at times in almost the same words. And when Zacharias Werner said that a single sentence in Elective Affinities had converted him to Catholicism, I take him at his word. By this I certainly do not mean to deny that there is also a pagan, a Protestant, and even an almost Jewish Goethe, nor do I wish to claim him as the paragon of a Catholic—which, incidentally, he was still more than the shallow, pleasure-seeking, run-of-the-mill monist that the New German schoolmasters parade under his name.”
[ 18 ] Man sieht, es wird immerhin schon selbst in diesen Kreisen ein anderer Goethe gesucht, der den Weg in die geistige Welt hinein gehen kann — allerdings ein anderer Goethe, als der «plattvergnügte Waldund Wiesenmonist», den die Goethe-Biographen beschrieben haben und als der er heute der Welt verzapft wird. Sie sehen, die Wege, die dieser Franz macht — ich sage nicht der Domherr, sondern der Franz —, diese Wege sind nicht so ganz verschieden von denen, die Sie verwoben finden in dem, was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen — Sie sehen, es kann schon eine Notwendigkeit vorliegen.
[ 18 ] As you can see, even within these circles there is already a search underway for a different Goethe—one who can find his way into the spiritual world—though certainly a different Goethe than the “shallowly cheerful, forest-and-meadow monist” described by Goethe’s biographers and as whom he is peddled to the world today. You see, the paths that this Franz takes—I’m not talking about the canon, but about Franz—these paths are not all that different from those you’ll find interwoven in what we call anthroposophically oriented spiritual science—you see, there may well be a necessity here.
[ 19 ] Nun bitte ich Sie, sich zu erinnern — die meisten werden sich daran erinnern, ich weiß aber nicht, ob ich es auch hier erwähnt habe, doch habe ich es öfters erwähnt —, erinnern Sie sich, wie ich gesagt habe, daß zu den verborgenen Ereignissen unserer gegenwärtigen Zeit, zu den konkreten verborgenen Ereignissen unserer gegenwärtigen Zeit, ganz abgesehen von allem äußeren physischen Geschehen, der Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich gehört. Und zwar habe ich dazumal einen besonderen Wert darauf gelegt, daß wirklich für die Gesamtwelt — wenn wir physische und geistige Welt zusammennehmen — etwas Neues eintrat, daß es vor der Ermordung des Franz Ferdinand ganz anders war als nachher. Meine lieben Freunde, was geht es einen bei solchen Dingen an, wie sie sich im Äußeren, in der Maja ausnehmen — bei solchen Dingen geht einen an, wie die Dinge innerlich laufen. Und da habe ich gesagt: Was da hinaufgestiegen ist in die geistigen Welten als Seele dieses Franz Ferdinand, wurde ein Zentrum für ganz starke, mächtige Wirkungen, und vieles, was gegenwärtig geschieht, hängt gerade damit zusammen, daß da ein einzigartiger Übergang zwischen Leben und sogenanntem Tod vorgegangen ist, daß diese Seele etwas ganz anderes wurde, als andere Seelen es werden.
[ 19 ] Now I ask you to recall—most of you will remember this, though I don’t know if I’ve mentioned it here before—but I have mentioned it often—do you recall how I said that among the hidden events of our present time, the concrete hidden events of our present time, quite apart from all external physical occurrences, is the death of Archduke Franz Ferdinand of Austria? And at that time, I placed particular emphasis on the fact that something new truly came into being for the world as a whole—if we consider the physical and spiritual worlds together—that things were very different before the assassination of Franz Ferdinand than they were afterward. My dear friends, what does it matter to us how such things appear on the outside, in the Maya—what matters to us is how things unfold inwardly. And so I said: What ascended into the spiritual worlds as the soul of Franz Ferdinand became a center for very strong, powerful effects, and much of what is happening at present is connected precisely to the fact that a unique transition took place between life and so-called death, that this soul became something entirely different from what other souls become.
[ 20 ] Ich sagte, für denjenigen, der die letzten Jahrzehnte geistig bewußt mitgemacht hat, liegt ein Hauptgrund für die gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse in der die ganze Welt durchtränkenden Furcht, die die einzelnen Menschen voreinander hatten, wenn sie sich dessen auch nicht bewußt waren, die aber vor allen Dingen die einzelnen Nationen voreinander gehabt haben. Und hätte man sehenden Auges diese Furchtursache verfolgt, so würde man nicht so viel Unsinn über die Kriegsursachen reden, wie man es heute tut. Diese Furcht konnte so bedeutsam sein, weil sie als Gefühlszustand hineinverwoben ist in dasjenige, was ich Ihnen gestern erzählte, durch Beispiele erzählte. Betrachten Sie das sozusagen als eine Art Skizze. Aber nun geht durch das alles die Furchtaura. In ganz bestimmter Weise zusammenhängend mit dieser Furchtaura war diese Seele von Franz Ferdinand. Daher ist dieser gewaltsame Tod keineswegs etwas bloß Äußerliches. Ich sagte das, weil es für mich eine Beobachtung war, weil das wirklich ein besonderes, ein bedeutsames Ereignis war, das zusammenhängt mit mancherlei, was in der Gegenwart geschieht.
[ 20 ] I said that for anyone who has consciously participated in the events of the past decades, a major reason for the current painful events lies in the fear permeating the entire world—the fear that individual people had of one another, even if they were not aware of it, but above all the fear that individual nations had of one another. And if one had clearly traced the source of this fear, one would not be talking so much nonsense about the causes of war as one does today. This fear could be so significant because, as an emotional state, it is interwoven with what I told you yesterday, illustrating it with examples. Consider this, so to speak, as a kind of sketch. But now the aura of fear pervades all of this. Franz Ferdinand’s soul was connected in a very specific way to this aura of fear. Therefore, his violent death is by no means merely an external event. I said this because it was an observation on my part, because it was truly a special, significant event connected to many things happening in the present.
[ 21 ] Nun, ich weiß nicht — ich will nicht annehmen, daß solche Dinge, die ja selbstverständlich in unseren Kreisen behütet werden, überall außerhalb unseres Kreises erzählt werden; Tatsache ist aber, daß ich gleich vom Kriegsanfang an diese Sache vorgetragen habe in den verschiedensten Zweigen — dafür sind Zeugen da, daß sie vorgetragen worden ist. Das Buch von Hermann Bahr ist viel später, ist ja erst vor kurzem erschienen. Dennoch finde ich darinnen die folgende Stelle — und ich bitte Sie, die Tatsache ins Auge zu fassen, daß also im Kreise unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft hingewiesen wird auf solch ein bedeutendes, spirituell bedeutendes Ereignis und daß man dann nachträglich in einem Buche — es ist nachträglich geschrieben — das folgende findet: Es handelt sich in diesem Roman darum, daß da ein Mensch auftritt, der eigentlich immer ganz töricht erscheint. Er ist allerdings eine Art verkappter Prinz, aber er tritt als ein ganz törichter Mensch auf und nimmt niedrige Dienste an. Nur als er verkündigen hört durch einen öffentlichen Anschlag — er ist auf dem Lande: Auf den Erzherzog Franz Ferdinand ist ein Attentat ausgeführt worden —, da macht er eine solche Äußerung, daß er nicht nur beinahe gelyncht, sondern auch eingesperrt wird, denn wie sollte nicht jede Polizei selbstverständlich davon überzeugt sein, wenn jemand unmittelbar nach dem Attentat eine solche Äußerung tut, daß er mit im Komplott ist? Das ist ja selbstverständlich, wenn auch viele, viele Meilen dazwischen liegen, wenn auch das eine in Sarajevo und das andere in Salzburg geschehen ist. Trotzdem ist der Mann für die Polizeiweisheit selbstverständlich im Komplott.
[ 21 ] Well, I don’t know—I don’t want to assume that such matters, which are of course kept confidential within our circles, are being discussed everywhere outside our circle; but the fact is that I have been presenting this matter in a wide variety of contexts right from the start of the war—and there are witnesses to the fact that it has been presented. Hermann Bahr’s book came much later; in fact, it was published only recently. Nevertheless, I find the following passage in it—and I ask you to consider the fact that, within our anthroposophically oriented spiritual science, reference is made to such a significant, spiritually significant event, and that one then subsequently finds the following in a book—which was written after the fact: This novel is about a man who always appears to be quite foolish. He is, in fact, a sort of prince in disguise, but he presents himself as a completely foolish man and takes on menial jobs. But when he hears the announcement via a public notice—he is in the countryside: an assassination has been carried out against Archduke Franz Ferdinand—he makes a remark that not only nearly gets him lynched but also lands him in jail, for how could any police force not be convinced, as a matter of course, that someone who makes such a remark immediately after the assassination is part of the conspiracy? That goes without saying, even if many, many miles lie between the two places, even if one event took place in Sarajevo and the other in Salzburg. Nevertheless, to the police, it is self-evident that the man is part of the conspiracy.
[ 22 ] Dadurch aber kommt heraus, daß dieser törichte Mensch im Grunde genommen ein verkappter Prinz ist, der ein tief bedeutsames, mystisches Tagebuch hat. Es kommt aber auch heraus, warum er eigentlich jene Äußerung getan hat. Und darüber steht nun folgendes:
[ 22 ] But this reveals that this foolish man is, in essence, a prince in disguise who keeps a deeply meaningful, mystical diary. It also reveals why he actually made that remark. And the following is written about this:
Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, [...]
The enchanted—and now disenchanted—prince, [...]
[ 23 ] Er war also eigentlich ein Prinz, aber die ganze Prinzenschaft ist ihm zu dumm geworden, und er wurde der verkappte alte Blasl, der niedrige Dienste annahm, recht blöde tat, sich sogar von seinen Herrschaften prügeln ließ und meist gar nichts sagte; nur bei gewissen Anlässen wurde er gesprächig, aber sonst sagte er gar nichts. Man fand dann, da man selbstverständlich untersuchte, wie die Sache sich verhielte, ein mystisches Manuskript, das er selber geschrieben hatte — das ist hier drinnen im Buch mitgeteilt:
[ 23 ] So he was actually a prince, but the whole business of being a prince had grown tiresome to him, and he became the disguised old Blasl, who took on menial jobs, acted quite foolishly, even let his masters beat him, and usually said nothing at all; only on certain occasions did he become talkative, but otherwise he said nothing at all. When they investigated the matter—as was only natural—they found a mysterious manuscript that he himself had written—this is recounted here in the book:
Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer, seit Franz wußte, daß es eine Verkleidung war, sagte lächelnd: «Vergeben Sie mir den Betrug, der ja für mein Gefühl eigentlich keiner war. Der Infant Don Tadeo bin ich längst nicht mehr. Wenn mich Umstände nötigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fällt mir diese Rolle viel schwerer. Für mich war ich der alte Blasl wirklich, und wenn ich überhaupt log, so hätte ich mich belogen, nicht Sie. Daß ich Ihnen Ungelegenheiten bereiten würde, konnte ich nicht wissen. Es tut mir leid genug. Natürlich war's das albernste Mißverständnis. Ich habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je begegnet zu sein, genau gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir waren in Verbindung, wenn auch nicht auf die hiesige Art.»
The enchanted—and now disenchanted—prince, still in his old clothes and otherwise exactly the same as before, yet somehow different ever since Franz had learned it was a disguise, said with a smile: “Please forgive me for the deception—though, as far as I’m concerned, it wasn’t really one at all. I haven’t been the Infante Don Tadeo for a long time now. If circumstances compel me to portray him again for a while, this role is much harder for me. To myself, I really was the old Blasl, and if I lied at all, I would have been lying to myself, not to you. I had no way of knowing that I would cause you any inconvenience. I’m truly sorry. Of course, it was the silliest misunderstanding. I knew the heir to the throne very well—though I’d never actually met him—and he was very dear to me; we were in contact, even if not in the way people do here.”
[ 24 ] «Hiesige» Art» — gemeint ist die physische Art: Wir waren in Verbindung, wenn auch nicht in der Art des physischen Planes.
[ 24 ] “Local” species — meaning the physical species: We were in contact, though not in the physical sense.
«Er hatte längst die Grenzen der irdischen Wirksamkeit überschritten und stand mit einem Fuß schon in dem anderen Raum des rein geistigen Tuns. Er mußte nun ganz hinüber, das wußte ich; um in Erfüllung zu gehen, hat er nicht mehr bleiben können. Von dort aus erst wird seine Tat geschehen. Ich wunderte mich nur, daß das Schicksal so lange mit ihm zögerte. Und als ich an jenem Sonntag aus der Kirche tretend, wo ich eben im Gebet von neuem versichert worden war, die beklommene Menge fand, wußte ich gleich, daß er endlich befreit war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von drüben erst verrichten. Hier hat er es nur versprechen können, sein Leben war nur eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie als einen konstitutionellen Monarchen denken können, mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug, Dafür war sein Format zu groß. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat an sich gerissen. Dieser Tote wird jetzt erst leben und von Grund auf. Das empfand ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte. Sie werden aber begreifen, daß ich wenig Aussicht hatte, mich darüber mit jenen Bauern zu verständigen. Ich ergab mich lieber stumm und wundere mich nur, daß sie mir nicht den Garaus machten. Ich war darauf gefaßt, und es wäre jetzt vorüber. Mir steht also noch ein Rest zu tun bevor. Sei’s!» Er hatte dies alles immer in dem gleichen Ton gesagt, der gewissermaßen nicht interpungierte, und nur selten
“He had long since crossed the boundaries of earthly activity and already had one foot in the other realm of purely spiritual action. He now had to cross over completely—I knew that; he could no longer remain here for his mission to be fulfilled. Only from there will his deed take place. I was only surprised that fate had hesitated so long with him. And when, stepping out of church that Sunday—where I had just been reassured anew through prayer—I found the anxious crowd, I knew at once that he was finally set free. What is to be accomplished through him can only be carried out from the other side. Here, he could only promise it; his life was merely a foretaste. Only now can it come to pass. I could never have imagined him as a constitutional monarch, with parliamentarianism and all that nonsense; his stature was too great for that. But now, in one fell swoop, he has seized the initiative. This dead man will now truly live—and from the ground up. That is what I felt upon hearing the news; that is what my words meant. But you will understand that I had little hope of making myself understood to those peasants. I preferred to remain silent and am only surprised that they didn’t finish me off. I was prepared for that, and it would be over by now. So I still have a little work left to do. So be it!” He had said all this in the same tone, which, in a sense, lacked punctuation, and only rarely
[ 25 ] Franz einmal aus seinen abgestorbenen Augen stier anblickend. Dann bat er ihn noch, von seinen Heften nichts zu sagen und auch selbst sie zu vergessen. «Es steht darin die Wahrheit, aber nur für mich; dazu muß man meine Zeichensprache verstehen. Was darin steht, ist richtig, aber die Worte sind ungültig.» Franz konnte nicht unterlassen, ihm den Eindruck zu schildern, den er von den Heften hatte. Franz war nämlich der einzige Mensch, der Spanisch verstand in jener Stadt, und wurde, da diese Hefte spanisch geschrieben waren, zugezogen — wobei ich daran erinnere, daß da ein bißchen Ironie dabei ist, nennt man doch in Österreich alles «spanisch», was man nicht gleich versteht, aber jedenfalls waren es spanische Hefte. Man mußte aber doch, da man den Blasl respektive den Infanten im Verdacht hatte, daß er mit im Komplott sein könnte, diese Hefte lesen, und weil der Franz einmal in Spanien war und deshalb Spanisch lesen konnte, mußte er sie lesen — Hermann Bahr war nämlich wirklich auch in Spanien gewesen.
[ 25 ] Franz stared at him once with his lifeless eyes. Then he asked him not to say anything about his notebooks and to forget about them himself. “The truth is in them, but only for me; to understand it, one must understand my sign language. What is written there is true, but the words are meaningless.” Franz couldn’t help but describe to him the impression the notebooks had made on him. Franz was, in fact, the only person in that city who understood Spanish, and since these notebooks were written in Spanish, he was called in—though I should point out that there’s a bit of irony here, since in Austria people call everything “Spanish” that they don’t immediately understand—but in any case, they were Spanish notebooks. However, since Blasl—or rather, the Infante—was suspected of being involved in the conspiracy, these notebooks had to be read; and because Franz had once been to Spain and could therefore read Spanish, he had to read them—Hermann Bahr, after all, had actually been to Spain as well.
[ 26 ] Sie sehen also — da man annehmen muß, daß Hermann Bahr die Sache nicht gesteckt worden ist — ein merkwürdiges Heranbändigen eines Menschen zu diesen Dingen, eine Notwendigkeit in der Gegenwart, sich mit diesen Dingen zu befassen, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Und ich glaube, daß es berechtigt ist, ein wenig zu erstaunen darüber, daß solche Dinge gegenwärtig in Romanen auftauchen, denn das hängt zusammen mit dem inneren Gefüge unserer Zeit. Allerdings, zunächst werden nur Menschen ergriffen, die ein ähnliches Leben haben wie Hermann Bahr, der so nach und nach alles Mögliche durchgemacht hat und jetzt, in seinen alten Tagen, nachdem er sich lange zum Impressionismus bekannt hat, auch noch versucht, den Expressionismus und alles andere, was sich so ergibt, zu verstehen. Er ist ein Mensch, der wirklich in der Lage war, mit seiner Seele sich mit den verschiedensten Strömungen äußerlich und innerlich zu verbinden, der wirklich selber bei den Ostwaldianern, bei Richet und bei den Theosophen in London war und es mit denen versucht hat, und zuletzt, da er nicht genug Ausdauer gehabt hat, an den Domherrn Zinger| gekommen ist, den er nun für einen Meister hält. Ja, er hat innere und äußere Strömungen durchgemacht.
[ 26 ] So you see—since one must assume that Hermann Bahr was not prompted to do this—a remarkable way of bringing a person to terms with these matters, a necessity in the present to grapple with them, to engage with them. And I believe it is justified to be a little surprised that such things are appearing in novels at present, for this is connected to the inner fabric of our time. Admittedly, at first it is only people who lead a life similar to Hermann Bahr’s who are moved by this—a man who has gradually gone through all sorts of experiences and who now, in his old age, after having long professed his allegiance to Impressionism, is still trying to understand Expressionism and everything else that arises from it. He is a person who was truly able to connect, both outwardly and inwardly, with the most diverse movements through his soul; who was actually among the Ostwaldians, Richet, and the Theosophists in London and tried his hand at those circles; and finally, since he lacked sufficient perseverance, came to Canon Zinger, whom he now regards as a master. Yes, he has gone through inner and outer currents.
[ 27 ] Als ich ihn kennenlernte, hatte er eben [als Student in Berlin] sein Drama «Die neuen Menschen» geschrieben, dessen er sich jetzt sehr schämt; das war in streng sozialdemokratischem Sinn verfaßt, und es gab damals keinen glühenderen Sozialdemokraten als Hermann Bahr. [Vorher als Student in Österreich] war er zur deutschnationalen Bewegung übergetreten. Wiederum: Keiner war ein radikalerer Deutschnationaler als Hermann Bahr gewesen. Da, [in Berlin, nach dem Ende seiner Studienzeit] — er war mittlerweile vierundzwanzig Jahre alt geworden und mußte sich endlich als Soldat stellen — wurde er Einjährig-Freiwilliger. Keiner wurde ein so radikal militaristisch gesinnter Mann wie Hermann Bahr — er war jetzt ganz von soldatischer Gesinnung durchdrungen. In dieser Zeit schrieb er einen kleinen Einakter, der weniger bedeutend ist. Dann schrieb er «Die große Sünde», [wo er aus seiner Enttäuschung gegenüber der sozialistischen Bewegung und der Politik im allgemeinen keinen Hehl machte].
[ 27 ] When I first met him, he had just [as a student in Berlin] written his play Die neuen Menschen (The New People), of which he is now deeply ashamed; it was written in a strictly social-democratic vein, and at that time there was no more ardent social democrat than Hermann Bahr. [Previously, as a student in Austria], he had joined the German nationalist movement. Again, no one had been a more radical German nationalist than Hermann Bahr. Then, [in Berlin, after completing his studies]—he was now twenty-four years old and finally had to enlist as a soldier—he became a one-year volunteer. No one became as radically militaristic as Hermann Bahr—he was now completely imbued with a soldier’s mindset. During this time, he wrote a short one-act play of minor significance. Then he wrote Die große Sünde [in which he made no secret of his disappointment with the socialist movement and politics in general].
[ 28 ] Sie sehen, er wußte seine Seele mit den äußeren Strömungen zu verbinden, dabei hat er es aber nie versäumt, sich auch schon ganz ernsthaft mit inneren Strömungen bekannt zu machen. Dann, nachdem er seine Soldatenzeit [und den sich anschließenden Pariser Aufenthalt] hinter sich hatte, ging er für kurze Zeit wieder nach Berlin und redigierte dort eine moderne Wochenschrift, die «Freie Bühne für modernes Leben» hieß. In alles konnte er sich verwandeln, aber nur nicht in einen Berliner! Er war kaum [in Paris] angekommen, er konnte noch nicht einmal ein reflexives Verbum mit «être» konjugieren, sondern nur mit «avoir», da schrieb er schon begeisterte Briefe über den Sonnenmenschen Boulanger, der Europa schon zeigen werde, was wahre, echte Kultur ist. Dann ging er nach Spanien, wurde ein glühender Gegner des Sultans von Marokko, gegen den er Artikel schrieb, aber in spanischer Sprache. Dann kam er zurück, nicht als eine Kopie von Daudet — nicht eine Kopie, denn er war als Mensch ein Rassengemisch —, aber er sah äußerlich doch so ähnlich aus.
[ 28 ] As you can see, he knew how to connect his soul with external trends, yet he never failed to familiarize himself quite seriously with internal trends as well. Then, after his military service [and his subsequent stay in Paris] were behind him, he returned to Berlin for a short time and edited a modern weekly magazine there called Freie Bühne für modernes Leben (Free Stage for Modern Life). He could transform himself into anything—except a Berliner! He had barely arrived [in Paris]; he couldn’t even conjugate a reflexive verb with “être,” only with “avoir”—yet he was already writing enthusiastic letters about the “sun-man” Boulanger, who would show Europe what true, genuine culture is. Then he went to Spain, became a fervent opponent of the Sultan of Morocco, against whom he wrote articles—but in Spanish. Then he returned, not as a copy of Daudet—not a copy, for as a person he was a mixture of races—but outwardly he did look quite similar.
[ 29 ] Er erzählte uns dazumal in dem berühmten alten Cafe Griensteidl, das seit dem Jahre 1848 in seinen Räumen schon alle möglichen Leute gesehen hat, welche in Österreich eine gewisse Bedeutung hatten, und wo Lenau, Anastasius Grün und alle möglichen anderen Leute verkehrten, wo selbst die Kellner eine besondere Berühmtheit erlangt hatten, denn wer kannte in Wien nicht den berühmten Franz und später den Heinrich vom Griensteidl? Jetzt ist es abgerissen, aber gerade weil Hermann Bahr dort so viel geredet hat von der Art und Weise, wie seine Seele sich ins Franzosentum versetzt hat, geredet hat von dem Sonnenmenschen Boulanger, wurde ein anderer aufsässig, und als das Cafe Griensteidl abgerissen wurde, schrieb Karl Kraus die Broschüre «Die demolierte Literatur». Ich erinnere mich noch lebhaft, wie uns Hermann Bahr von seinen großen Eindrücken, die er gehabt hatte, erzählte und daß er, der Linzer, den schönsten Künstlerkopf in ganz Paris gehabt habe; ich erinnere mich noch ganz lebendig, wie er von Maurice Barres schwärmte, wie er die Leute mit den Ideen von Maurice Barr&s suggestionierte, wie er in intensiver Weise alles vertrat, was dazumal anfing, Jungfranzosentum zu sein, wie man wirklich aus einem begeisterten Herzen heraus, das eine ganze Literaturströmung miterlebt hat mit all ihrem Wollen, kennenlernte all das, was da war. Dann gründete er selber mit einigen andern zusammen in Wien eine Wochenschrift, in der er wirklich bedeutsame Artikel schrieb — er vertiefte sich schon immer mehr und mehr, nur gingen bei ihm immer eine Trivialisierung und eine Vertiefung Hand in Hand. Und so hat er sich nun weiter gewandelt wie einst vom Deutschnationalen zum Sozialdemokraten, vom militärisch Gesinnten zum glühenden Boulangisten und Anhänger des Maurice Barres und anderer; dann hat er sich schließlich verwandelt in einen Anerkenner der impressionistischen Kunst.
[ 29 ] He told us back then at the famous old Café Griensteidl, which since 1848 had seen all sorts of people pass through its doors—people who were of some importance in Austria—and where Lenau, Anastasius Grün, and all sorts of other people used to frequent—a place where even the waiters had achieved a special kind of fame, for who in Vienna didn’t know the famous Franz and, later, Heinrich from the Griensteidl? Now it has been torn down, but precisely because Hermann Bahr spoke so much there about the way his soul had immersed itself in French culture, spoke of the “sun-man” Boulanger, someone else took offense, and when Café Griensteidl was demolished, Karl Kraus wrote the pamphlet “The Demolished Literature.” I still vividly remember how Hermann Bahr told us about the profound impressions he’d had and how he—a native of Linz—had the most beautiful artist’s face in all of Paris; I still remember very vividly how he raved about Maurice Barré, how he inspired people with Maurice Barré’s ideas, how he passionately championed everything that was then beginning to take shape as “Young French-ism,” and how, truly from an enthusiastic heart that had witnessed an entire literary movement with all its aspirations, one came to know everything that was happening there. Then, together with a few others, he founded a weekly journal in Vienna, in which he wrote truly significant articles—he delved deeper and deeper, though in his case, trivialization and depth always went hand in hand. And so he has now undergone a further transformation, just as he once did—from a German nationalist to a social democrat, from a militarist to an ardent Boulangist and follower of Maurice Barrès and others; finally, he has become an admirer of Impressionist art.
[ 30 ] Ab und zu ist er immer wieder nach Berlin gekommen, da ist er aber immer sehr schnell wieder fortgegangen; das war der einzige Ort, den er nicht leiden konnte. Dagegen liebte er Wien ganz furchtbar und brachte das in vieler, vieler Beziehung zum Ausdruck. In den letzten Jahren haben ihn öfters die Danziger, seine geliebten Danziger, eingeladen, denen er Vorträge hielt über Expressionismus, die sie sehr gut verstanden haben sollen und die ja auch erschienen sind in seinem Buch über den Expressionismus. Da schwärmt er nun auch von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, da zeigt er, daß er auch ein wenig herangekommen ist an das, was wir als Anthroposophie kennenlernen, aber es ist eben erst ein Anfang bei ihm. Nur nebenbei will ich sagen, daß er in seinem letzten Buche über den Expressionismus den Danzigern alles Schöne sagt — selbstverständlich um ihre großen Vorzüge gegen die Berliner ins rechte Licht zu setzen. Man hat in letzter Zeit vielfach erzählt, Hermann Bahr sei katholisch geworden. Nun, so ganz katholisch wird er auch nicht geworden sein; er wird es in demselben Grade geworden sein, wie er boulangistisch war. Aber er ist ein Mensch — Sie haben es nun auch in seinem neuesten Roman gesehen —, der gerade durch das Weltmännische, das er wegen der Sehnsucht, in seiner Art alles kennenzulernen, eben hat, berührt wurde von der Notwendigkeit, in der Gegenwart Dinge kennenzulernen wie den Aufstieg des Menschen in die geistige Welt oder wie die Zusammenhänge von Mensch zu Mensch — Zusammenhänge anderer Art als jene, die bloß durch die gewöhnlichen physischen Mittel zustande kommen, mit andern Worten: Zusammenhänge, wie wir sie gestern auch charakterisiert haben.
[ 30 ] Every now and then he would return to Berlin, but he always left again very quickly; it was the only place he couldn’t stand. In contrast, he loved Vienna terribly and expressed this in many, many ways. In recent years, the people of Danzig—his beloved Danzigers—have often invited him to give lectures on Expressionism, which they are said to have understood very well and which, of course, also appeared in his book on Expressionism. There he also raves about Goethe’s scientific writings, showing that he has come a little closer to what we know as anthroposophy, but for him it is really only a beginning. Just as an aside, I’d like to mention that in his latest book on Expressionism, he says all sorts of nice things about the people of Danzig—naturally, to highlight their great merits in contrast to those of the Berliners. It has been widely reported lately that Hermann Bahr has become a Catholic. Well, he probably hasn’t become a full-fledged Catholic; he’s become one to the same extent that he was a Boulangist. But he is a person—as you have now seen in his latest novel—who, precisely because of the cosmopolitanism he possesses due to his longing to know everything in his own way, has been moved by the necessity of understanding, in the present, things such as humanity’s ascent into the spiritual world or the connections between people — connections of a different kind than those that arise merely through ordinary physical means; in other words: connections such as we characterized yesterday.
[ 31 ] Nun, Sie können immerhin verstehen, wenn es von mir mit einer gewissen Bedeutung aufgefaßt wird, daß nicht nur allgemeine Anklänge in solch einem Romane sind, sondern daß die Dinge bis zu einem so konkreten Punkt kommen wie dem Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand. Daran sehen Sie, daß die Dinge viel konkreter zu nehmen sind, als man gewöhnlich meint. Nun, gerade solche Dinge aber müssen uns darauf hinweisen, daß das, was auf dem physischen Plan geschieht, vielfach nur wie ein Symptom ist — ein Symptom für das, was eigentlich in Wirklichkeit geschieht, was gewissermaßen hinter den Kulissen des Daseins vorgeht. Denn Sie können sich unmöglich eine [richtige] Vorstellung machen, wenn Sie in den Zeitungen nur dasjenige lesen, was im Zusammenhange mit diesen Ereignissen ich meine jetzt nur mit diesem Attentat — vorgegangen ist. Und wenn Sie nicht an Geistiges appellieren, können Sie sich unmöglich die Vorstellung machen, daß man überhaupt zu einer wirklichen Bedeutung der Sache geführt wird. Aber es ist heute noch nicht möglich, über diese Dinge ganz unbefangen zu sprechen und alles das auszudrükken, was damit zusammenhängt. Aber auf einiges, zunächst mehr Äußeres, darf doch wohl hingedeutet werden.
[ 31 ] Well, you can at least understand that I attach a certain significance to the fact that such a novel contains not only general allusions, but that events reach a point as concrete as the death of Archduke Franz Ferdinand. This shows you that things must be taken much more concretely than is usually assumed. Well, it is precisely such things, however, that must point out to us that what happens on the physical plane is often merely a symptom—a symptom of what is actually happening in reality, of what is going on, so to speak, behind the scenes of existence. For you cannot possibly form a [proper] understanding if you read in the newspapers only what has taken place in connection with these events—I mean, for now, only this assassination. And if you do not appeal to the spiritual realm, you cannot possibly grasp that one is led to the true significance of the matter at all. But it is not yet possible today to speak about these things entirely impartially and to express everything that is connected with them. However, it is surely permissible to allude to certain aspects, initially more superficial ones.
[ 32 ] Erinnern wir uns an das, was gestern über die slawische Welt, über das slawische Gemüt gesagt worden ist. Halten wir damit zusammen, daß durch das sogenannte Testament Peters des Großen, das etwa im Jahre 1813 auftritt, vielleicht auch etwas früher, etwas verbreitet wird— und zwar mit Grund so verbreitet wird, als wenn es von Peter dem Grossen selber herrührte —, das suggestiv wirken soll, was eine naturgemäße Strömung wie die slawische Gemütsströmung gewissermaßen einnehmen soll, um sie zu lenken und zu leiten. Wohin leiten? Leiten in die Bahnen des Russizismus, so daß das alte Slawentum gewissermaßen als Träger der russischen Staatsidee erscheint. Weil das so ist, muß auch genau unterschieden werden zwischen dem Geistigen des Slawentums, demjenigen, was als Strömung des alten Slawentums existiert, und demjenigen, was sich, ich möchte sagen wie ein äußeres Gefäß herrichten möchte, um dieses ganze Slawentum aufzunehmen: der Russizismus, das Russentum.
[ 32 ] Let us recall what was said yesterday about the Slavic world and the Slavic spirit. Let us bear in mind that the so-called “Testament of Peter the Great,” which appeared around 1813, or perhaps even a little earlier—and was circulated, quite justifiably, as if it had originated from Peter the Great himself—is intended to have a suggestive effect on what a natural current such as the Slavic spirit is, in a sense, supposed to take on, in order to steer and guide it. Where to guide it? To steer it into the channels of Russism, so that ancient Slavic culture appears, as it were, as the bearer of the Russian state ideal. Because this is the case, a precise distinction must also be made between the spiritual essence of Slavic culture—that which exists as a current of ancient Slavic culture—and that which, I might say, seeks to set itself up as an external vessel to contain this entire Slavic culture: Russism, the Russian spirit.
[ 33 ] Nun darf man nicht vergessen, daß eine große Anzahl von slawischen Volksstämmen, Volksstammesteilen wenigstens, innerhalb des Rahmens der österreichisch-ungarischen Monarchie leben. Die österreichisch-ungarische Monarchie hat ja — lassen Sie mich die Finger zu Hilfe nehmen, um zu zählen — Deutsche, Tschechen, Slowenen, Slowaken, Serben, Kroaten, Slawonen, Polen, Rumänen, Ruthenen, Magyaren und Italiener innerhalb ihrer Grenzen wohnen Sie sehen, viel mehr Völkerschaften als die Schweiz! Nun haben wir [zwölf Völkerschaften], und das, was da lebt innerhalb dieser Völkerschaften, kann nur derjenige erkennen, der einmal innerhalb dieser Völkerschaften längere Zeit wirklich mitgelebt hat mit den Ereignissen und verstanden hat die verschiedenen Strömungen, die da innerhalb Österreich-Ungarns leben. Insofern es sich um das Slawische handelt, muß man sagen, daß in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine wesentliche Bestrebung — durchgehend durch die Dinge — die war, eine Möglichkeit zu finden, wie diese verschiedenen Völkerschaften in Frieden und in Freiheit miteinander leben können. Und die ganze Geschichte Österreich-Ungarns in den letzten Jahrzehnten, mit all den scharfen Kämpfen, ist nur zu verstehen, wenn man sie faßt unter dem Prinzip der Individualisierung der einzelnen Stämme — diese ist natürlich schwierig, weil ja die Leute nicht so bequem nebeneinander leben, sondern vielfach ineinander geschachtelt sind. Unter den Deutschen Österreichs gibt es sehr, sehr viele, welche auch das Heil der Deutschen gerade darin sehen, die einzelnen Slawenstämme in Österreich möglichst zu individualisieren, das heißt eine Form zu suchen, wie sie selbständig und frei sich individuell entwickeln können. Daß solche Dinge nicht schnell gefunden werden können, ist selbstverständlich; es braucht Zeit, aber es ist immerhin eine solche Bewegung durchaus vorhanden.
[ 33 ] Now, one must not forget that a large number of Slavic tribes—or at least parts of them—live within the borders of the Austro-Hungarian Monarchy. The Austro-Hungarian Monarchy—let me use my fingers to count—has Germans, Czechs, Slovenes, Slovaks, Serbs, Croats, Slavonians, Poles, Romanians, Ruthenians, Magyars, and Italians living within its borders. As you can see, that’s far more ethnic groups than Switzerland! Now we have [twelve ethnic groups], and what exists within these groups can only be understood by someone who has actually lived among them for an extended period of time, experiencing the events firsthand and grasping the various currents at play within Austria-Hungary. As far as the Slavic peoples are concerned, it must be said that in the last decades of the 19th century, a fundamental aspiration—permeating everything—was to find a way for these various peoples to live together in peace and freedom. And the entire history of Austria-Hungary in those final decades, with all its fierce struggles, can only be understood if one views it through the lens of the individualization of the various tribes—which is, of course, difficult, since the people do not simply live side by side but are often intertwined. Among the Germans of Austria, there are very, very many who see the salvation of the Germans precisely in individualizing the various Slavic tribes in Austria as much as possible—that is, in seeking a way for them to develop independently and freely as distinct entities. It goes without saying that such solutions cannot be found quickly; it takes time, but such a movement certainly exists.
[ 34 ] Dann haben wir neben diesen innerhalb des Rahmens von Österreich-Ungarn vereinigten Slawenstämmen die Balkanslawen, welche lange Zeit unter türkischer Herrschaft waren, in den letzten Jahrzehnten diese türkische Herrschaft aber abgestreift und einzelne balkanslawische Staaten begründet haben: Bulgarien, Serbien und Montenegro. Was sich neben dem, was ich jetzt angeführt habe, noch als das im Geistesleben am weitesten vorgeschrittene polnisch-slawische Volk findet, das ist schon gestern von mir erwähnt worden. Ich will Sie jetzt nur auf die wichtigsten Verzweigungen aufmerksam machen, denn ich kann diese Dinge ja auch nur nach und nach entwickeln. Nun lebt aber gerade in all diesen slawischen Völkern und Volksstämmen bis zu einem gewissen Grade dasjenige, was ich gestern als das einheitliche, elementarische völkische Element bezeichnet habe, was eben eine Vorbereitung für die Zukunft ist — das lebt darinnen.
[ 34 ] In addition to these Slavic tribes united within the framework of Austria-Hungary, we have the Balkan Slavs, who were under Turkish rule for a long time but have, in recent decades, shaken off that Turkish rule and established individual Balkan Slavic states: Bulgaria, Serbia, and Montenegro. In addition to what I have just mentioned, there is also the Polish-Slavic people, who are the most advanced in terms of intellectual life—a point I already touched upon yesterday. I would now like to draw your attention only to the most important aspects, for I can, after all, only develop these ideas step by step. Yet it is precisely within all these Slavic peoples and tribes that, to a certain degree, what I described yesterday as the unified, elemental national element—which is, in fact, a preparation for the future—remains alive within them.
[ 35 ] Nun fassen wir die Sache zunächst äußerlich. Warum war, äuBerlich angesehen, jener Franz Ferdinand von einer gewissen Bedeutung? Er war von einer gewissen Bedeutung, weil er mit seinem Wesen, durch seine ganzen Neigungen — das Äußere müssen Sie eben symbolisch auffassen für etwas, was innerlich lebte — sozusagen der äußere Ausdruck für gewisse Strömungen war, weil in seinem Wesen etwas lebte, was — sobald es sich nur hätte ganz befreien können — außerordentlich verständnisvoll der individuellen Entwicklung des Slawentums entgegengekommen wäre. Man kann ihn [trotz gewisser Einschränkungen] geradezu einen intensiven Freund des Slawentums nennen, und er hatte Verständnis — vielleicht müßte ich sagen: dasjenige, was in ihm lebte, was ihm selber nicht voll bewußt war, hatte Verständnis dafür —, was für Formen das Zusammenleben der Slawen annehmen muß, wenn diese sich individuell entwickeln sollen.
[ 35 ] Let us first consider the matter from an external perspective. Why, viewed from the outside, was Franz Ferdinand of some significance? He was of a certain significance because, through his very nature and all his inclinations—you must understand the outward aspects symbolically as representing something that lived within him—he was, so to speak, the outward expression of certain currents; because there lived within him something that—had it only been able to free itself completely—would have responded with extraordinary understanding to the individual development of Slavic culture. One can [despite certain limitations] call him nothing less than an ardent friend of Slavic culture, and he had an understanding—perhaps I should say: that which lived within him, of which he himself was not fully aware, had an understanding—of the forms that the coexistence of the Slavs must take if they are to develop individually.
[ 36 ] Man muß nun ins Auge fassen, daß [in diesem Fall] der Gang des Karmas ein höchst eigentümlicher war. Man darf nicht vergessen, es war einmal ein Thronfolger da gewesen, auf den große Hoffnungen gesetzt wurden, insbesondere nach jener Richtung, in welcher viele liberale und freigeistige Menschen der Gegenwart denken — der Thronfolger Erzherzog Rudolf. Klar war es denjenigen, welche die Verhältnisse und den Menschen, den Erzherzog Rudolf, kannten, daß durch seine Seele etwas wirkte, was ich gestern englisches politisches Denken — Gedankenformen für die Art und Weise, Staaten zu verwalten — genannt habe. Und man erwartete von ihm eine Übertragung dieses Denkens auf die österreichischen Verhältnisse; dem waren auch seine Neigungen zugetan. Aber Sie wissen, wie das Karma gewirkt hat und in welcher Weise das, was da hätte geschehen sollen, verunmöglicht worden ist. Nun war das andere möglich, daß ein in ganz anderer Richtung sich bewegender Mann bedeutsam werden konnte. Und da ist es wirklich nicht so ganz ohne Bedeutung, wenn darauf aufmerksam gemacht wird:
[ 36 ] One must now recognize that [in this case] the course of karma was a most peculiar one. One must not forget that there was once an heir to the throne in whom great hopes were placed, particularly in the direction in which many liberal and free-thinking people of the present day think—the heir to the throne, Archduke Rudolf. It was clear to those who knew the circumstances and the man himself—Archduke Rudolf—that something was at work within his soul that I referred to yesterday as English political thought—thought forms concerning the way states are governed. And people expected him to apply this way of thinking to the Austrian situation; his own inclinations were also aligned with this. But you know how karma worked and in what way what should have happened was made impossible. Now the opposite became possible: that a man moving in a completely different direction could become significant. And it is truly not without significance when attention is drawn to this:
Hier hat er es nur versprechen können, sein Leben war nur eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie als einen konstitutionellen Monarchen denken können, mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug.
Here, he could only make a promise; his life was merely a preview. Only now can it come to pass. I could never have imagined him as a constitutional monarch, with parliamentarism and all that nonsense.
[ 37 ] Aber so hätte man sich vor allen Dingen den anderen Mann denken müssen! Sie sehen, das Karma ist an der Arbeit, und wir müssen dieses Karma so an der Arbeit erblicken, um zu noch höheren Höhen des Verständnisses aufsteigen zu können. Dasjenige, was hätte eingerichtet werden sollen und können — jetzt nicht nach dem Willen dieser oder jener Menschen, sondern nach den Intentionen der Weltenevolution —, was durch diese das Slawentum mit Verständnis beobachtende Seele hätte eingeleitet werden können — ich will jetzt vorläufig nur abstrakt charakterisieren —, das wäre, meine lieben Freunde, wirklich von befreiender Wirkung gerade für das Slawentum gewesen. Aber es wäre zu gleicher Zeit vernichtend gewesen für das, was der Russizismus mit dem Slawentum will, denn der Russizismus will das Slawentum in seinen Rahmen, den er durch das «Testament Peters des Großen» bereitet, fassen und es als sein Mittel benützen. Er will es fassen. Wie schnell solche Dinge sich verwirklichen können, das hängt natürlich von mancherlei Nebenströmungen und Nebenumständen ab. Aber wichtig ist, einen richtigen Blick zu haben für das, was sich nach einer bestimmten Richtung hin anbahnt. Es ist daher selbstverständlich, daß ein Verständnis für das, was da eigentlich wob, nur diejenigen haben konnten, welche das Slawentum etwas tiefer betrachteten, und daß diesem entgegengearbeitet werden mußte von jenen, die eigentlich den Slawismus durch den Russizismus vernichten wollen.
[ 37 ] But above all, one would have had to imagine the other man! You see, karma is at work, and we must perceive this karma at work in order to ascend to even greater heights of understanding. That which should and could have been established—not according to the will of this or that person, but according to the intentions of world evolution—that which could have been initiated by this soul observing Slavic culture with understanding—I will for now characterize only in abstract terms—that, my dear friends, would truly have had a liberating effect, especially for Slavic culture. But at the same time, it would have been devastating for what Russism seeks to do with Slavic culture, for Russism seeks to bring Slavic culture within the framework it has prepared through the “Testament of Peter the Great” and to use it as its instrument. It seeks to bring it under its control. How quickly such things can come to pass naturally depends on various secondary currents and circumstances. But it is important to have a clear understanding of what is developing in a certain direction. It goes without saying, therefore, that only those who viewed Slavdom with some depth could truly grasp what was actually taking shape there, and that this had to be counteracted by those who actually seek to destroy Slavism through Russism.
[ 38 ] Nun, besonders heikel, besonders penibel werden die Dinge, wenn Personen in Strömungen eingreifen und mit Mitteln rechnen, die eben mit okkulten Strömungen zusammenhängen, und solche Gesellschaften gibt es [einige] weit über die Erde hin. Manche davon sind tieferreichende Gesellschaften, wie diejenigen, die wir morgen noch kennenlernen wollen. Manche sind nur am Rande berührt, aber trotzdem sie nur berührt sind, müssen sie, gerade weil sie berührt sind, immerhin schon als Gefäße aufgefaßt werden, durch welche die okkulten Strömungen hindurchgehen. Und jene Gesellschaft, von welcher verlangt wurde nach dem Tode des Erzherzogs Franz Ferdinand, daß sie aufgelöst werden sollte in Serbien, die «Narodna odbrana», das war eine Gesellschaft, die immerhin die ganz genaue Fortsetzung einer früheren, ganz im Okkulten arbeitenden Gesellschaft war, die nur ein wenig ihre Methode geändert hatte — ich will eben nur Tatsachen erzählen. Sehen Sie, da haben Sie eine Berührung mit der Art, wie mit einer okkulten Gesellschaft politisch gearbeitet wird — einer okkulten Gesellschaft, die ihr Aktionszentrum zwar in Serbien hatte, die aber ihre Fäden überallhin, wo es Slawen gab, erstreckte und die mit den mannigfaltigsten andern Gesellschaften im Zusammenhang stand und vor allen Dingen wiederum einen inneren Zusammenhang hatte mit westlichen Gesellschaften. Daher kann man in einer solchen Gesellschaft Dinge lehren, die schon zusammenhängen mit den okkultistischen Wirkungen, die durch die Welt gehen.
[ 38 ] Well, things become particularly delicate, particularly sensitive, when individuals intervene in these movements and rely on methods that are connected to occult movements, and there are [some] such societies scattered far and wide across the globe. Some of these are more deeply rooted societies, such as those we will learn about tomorrow. Some are only marginally involved, but even though they are only marginally involved, they must—precisely because they are involved—still be regarded as vessels through which the occult currents flow. And that society—the “Narodna odbrana”—which was ordered to be dissolved in Serbia following the death of Archduke Franz Ferdinand, was a society that was, after all, the direct continuation of an earlier society that operated entirely within the occult and had merely altered its methods slightly—I am simply stating the facts. You see, here you have an example of how an occult society operates politically—an occult society that, while having its center of operations in Serbia, extended its influence everywhere there were Slavs, was connected to a wide variety of other societies, and, above all, had an inner connection with Western societies. That is why, in such a society, one can teach things that are already connected to the occult forces at work throughout the world.
[ 39 ] Warum müssen wir, meine lieben Freunde, so mancherlei Umwege machen, um auch nur einigermaßen zu einem Verständnis dessen zu kommen, was wir eigentlich verstehen müssen? Wundern Sie sich nicht, daß so mancherlei Umwege gemacht werden müssen, denn gar leicht entsteht ein oberflächliches Urteilen, wenn man seine Einsichten anwenden will auf unmittelbare Vorgänge, in denen man mit Sympathien und Antipathien drinnensteckt; gar leicht entstehen da falsche Vorstellungen und Mißverständnisse. Denn wie geschieht es einem oft? Man hat seine Sympathien und Antipathien in der Seele, zu denen selbstverständlich jeder sein gutes Recht hat, aber man hat oftmals Grund, sich diese nicht einzugestehen, sondern sich selber, ich will nicht sagen etwas vorzumachen, sondern in die Autosuggestion zu versetzen, man urteile objektiv. Würde man sich ruhig gestehen, ich habe diese oder jene Sympathien, so würde man sich die Wahrheit eingestehen; aber während man «objektiv» urteilen will, gesteht man sich nicht die Wahrheit, sondern betäubt sich gewissermaßen über die Wahrheit hinweg. Nun ja, warum kann denn der Mensch solche Anlagen haben? Einfach deshalb, weil der Mensch sehr leicht, wenn er sich bemüht, die Wirklichkeit zu verstehen, auf merkwürdige Widersprüche stößt, und wenn der Mensch auf Widersprüche stößt, dann sucht er über diese so hinwegzukommen, daß er von zwei einander widersprechenden Dingen das eine annimmt und das andere zurückstößt. Das aber heißt sehr häufig, die Wirklichkeit überhaupt nicht verstehen wollen.
[ 39 ] Why, my dear friends, must we take so many detours just to gain even a modicum of understanding of what we actually need to understand? Do not be surprised that we must take so many detours, for it is all too easy to form superficial judgments when one tries to apply one’s insights to immediate events in which one is caught up in likes and dislikes; false impressions and misunderstandings arise all too easily in such situations. For how often does this happen to us? We have our sympathies and antipathies in our souls—to which, of course, everyone is fully entitled—but we often have reason not to admit them to ourselves; rather than—I won’t say deceiving ourselves—we put ourselves under autosuggestion, convincing ourselves that we are judging objectively. If one were to calmly admit, “I have these or those sympathies,” one would be admitting the truth; but while one wants to judge “objectively,” one does not admit the truth to oneself, but rather, in a sense, numbs oneself to the truth. Well then, why can human beings have such tendencies? Simply because, when people strive to understand reality, they very easily encounter strange contradictions, and when they encounter contradictions, they seek to overcome them by accepting one of two contradictory things and rejecting the other. But very often, this means not wanting to understand reality at all.
[ 40 ] Ich will Ihnen ein Beispiel geben, wie man sich in einen Widerspruch, in einen ernsten Widerspruch verwickeln kann, wenn man nicht versteht, wie der lebensvolle Zusammenhang des Widerspruchsvollen mit der ganzen, vollen Wirklichkeit ist. Wir nennen innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft Christentum dasjenige, was ergriffen ist von der Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, was ergriffen ist davon, daß der Christus verurteilt worden ist, gestorben ist, begraben worden ist, aber auch in echtem, wahrem Sinne auferstanden ist und als Auferstandener weiterlebt; Das nennen wir Mysterium von Golgotha) und wir können niemandem das Recht zugestehen, sich einen Christen zu nennen, der dieses nicht anerkennt. Was war aber notwendig, damit der Christus das für die Menschenentwicklung durchmachte, was ich eben geschildert habe? Dazu war notwendig, daß ihn der Judas verriet, dazu war notwendig, daß er ans Kreuz geschlagen worden ist. Und hätten diejenigen, die ihn ans Kreuz schlugen, ihn nicht ans Kreuz geschlagen, dann hätte das Mysterium von Golgatha zum Heile der Menschheit nicht stattgefunden. Wäre der Christus nicht von Judas verraten worden, dann wäre das Mysterium von Golgatha nicht geschehen. Hier haben Sie einen furchtbaren, realen, ich möchte sagen, einen ins Große, ins Gigantische getriebenen Widerspruch.
[ 40 ] I would like to give you an example of how one can become entangled in a contradiction—a serious contradiction—if one does not understand the vital connection between what is contradictory and the whole, full reality. Within our anthroposophically oriented spiritual science, we call “Christianity” that which is gripped by the significance of the Mystery of Golgotha—that which is gripped by the fact that Christ was condemned, died, was buried, but also rose again in a genuine, true sense and lives on as the Risen One; We call this the Mystery of Golgotha, and we cannot grant anyone the right to call themselves a Christian who does not acknowledge this. But what was necessary for Christ to undergo, for the sake of human development, what I have just described? For this to happen, it was necessary for Judas to betray him; it was necessary for him to be crucified. And if those who crucified him had not crucified him, then the Mystery of Golgotha would not have taken place for the salvation of humanity. If Christ had not been betrayed by Judas, then the Mystery of Golgotha would not have happened. Here you have a terrible, real—I would say—a contradiction driven to the extreme, to the gigantic.
[ 41 ] Läßt sich denn ein Mensch denken, der sagt: Ihr Christen verdankt dem Judas, daß Euer Mysterium von Golgatha überhaupt zustande gekommen ist; ihr Christen verdankt den Henkersknechten, die Christus ans Kreuz geschlagen haben, daß Euer Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat? — Soll deshalb einer berechtigt sein, den Judas und die Henkersknechte zu verteidigen, trotzdem es wahr ist, daß ihnen der Sinn der Erdengeschichte verdankt wird? Kann solch eine Frage so einfach beantwortet werden? Kommt man nicht auf Widersprüche, meine lieben Freunde, die dastehen und die ein furchtbares Geschick sind?
[ 41 ] Is it even conceivable that someone might say: “You Christians owe it to Judas that your Mystery of Golgotha came about at all; you Christians owe it to the executioners who nailed Christ to the cross that your Mystery of Golgotha took place”? — Does that mean anyone is justified in defending Judas and the executioners, even though it is true that the meaning of earthly history is owed to them? Can such a question be answered so simply? Do we not encounter contradictions, my dear friends, that stand before us and spell a terrible fate?
[ 42 ] Denken Sie einmal nach über das, was ich jetzt vor Sie hingestellt habe. Wir werden morgen in diesen Betrachtungen weiterfahren. Das letzte habe ich nur ausgesprochen, damit Sie nachdenken können darüber, daß es nicht so einfach ist zu sagen: Von zwei Dingen, die einander widersprechen, nehme ich das eine, das andere weise ich zurück. — Die Wirklichkeit ist tiefer als das, was der Mensch oftmals mit seinem Denken umfassen will, und es ist doch nicht so ohne Grund, wenn Nietzsche aus einem fast wahnsinnig gewordenen Kopf heraus das Wort geprägt hat: «Die Welt ist tief und tiefer, als der Tag gedacht.»
[ 42 ] Think for a moment about what I have just presented to you. We will continue these reflections tomorrow. I mentioned that last point only so that you might reflect on the fact that it is not so simple to say: “Of two things that contradict each other, I accept one and reject the other.” — Reality is deeper than what humans often try to grasp with their minds, and it is not without reason that Nietzsche, from a mind that had nearly gone mad, coined the phrase: “The world is deep, and deeper than the day has thought.”
[ 43 ] Nun werden wir, nachdem ich versucht habe, Sie in formaler Weise auf die Natur des realen Widerspruchs hinzuweisen, morgen noch tiefer in die Materie einzudringen versuchen, die wir jetzt vorbereitend angeschlagen haben. Ich will jetzt nur eine ganz kurze Pause machen; Sie können herinnen bleiben. Und ich werde dann, damit es verstanden werden kann, noch ganz kurz etwas sprechen über die Goethe’sche «Walpurgisnacht», über «Faust», weil ja vielleicht das doch auch manchem nützlich werden kann. Also nur ein paar Minuten wollen wir Pause machen, damit wir die Sachen nicht ineinander laufen lassen.
[ 43 ] Now that I have attempted to draw your attention, in a formal manner, to the nature of the real contradiction, we will try tomorrow to delve even deeper into the subject we have now begun to explore. I’d like to take just a very short break now; you may stay in here. And then, to help you understand, I’ll speak very briefly about Goethe’s “Walpurgis Night” and “Faust,” since that might also be useful to some of you. So let’s take just a few minutes’ break so that we don’t let the topics run into one another.
