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Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a

11 December 1916, Dornach

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Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Indem ich mit den Betrachtungen fortfahre, welche ich heute vor acht Tagen hier begonnen habe, möchte ich noch einmal bemerken, daß — wenn nicht Mißverständnisse entstehen sollen — die Dinge, die ich sage, so aufzunehmen sind, daß in keiner Weise das eine oder andere Volk als ganzes oder das Volk als solches durch ein Urteil, wie es aus den Tatsachen heraus abgegeben werden soll, getroffen zu denken ist. Man würde mich vollständig mißverstehen, meine lieben Freunde, wenn man immer wieder und wieder in der Weise generalisieren würde, daß mit dem, was ich in bezug auf die wirklichen, realen Elemente, also zum Beispiel über gewisse Persönlichkeiten, sage, Völker gemeint seien. Die meisten Menschen wissen ja auch gar nicht, um was es sich handelt, wenn sie sich mit der einen oder andern Persönlichkeit, die gewissermaßen repräsentativ für das eine oder andere Volk dasteht oder wenigstens dazustehen scheint, identifizieren, indem sie sagen: Ich gehöre diesem Volk an! Sie wissen ja gar nicht, um was es sich eigentlich handelt; sie reden im Grunde vollständig aus dem Finstern heraus. Und wohin soll es denn kommen mit dem Urteilen der Menschen, wenn so geurteilt wird, daß das Urteil eigentlich nur mit der bloßen Phrase, nur dem Worte nach, etwas trifft, während in Wirklichkeit gar nichts getroffen werden kann, weil man bei einem solchen Urteilen durchaus nicht auf die realen, auf die wirklichen Tatsachen stößt.

[ 1 ] My dear friends! As I continue the reflections I began here eight days ago, I would like to note once again that—if misunderstandings are to be avoided—the things I say should be understood in such a way that in no way is one people or another, as a whole, or the people as such, to be thought of as affected by a judgment that is to be rendered based on the facts. One would completely misunderstand me, my dear friends, if one were to generalize time and again in such a way that what I say regarding the actual, real elements—for example, about certain personalities—were taken to refer to entire peoples. After all, most people have no idea what they are actually talking about when they identify with one personality or another—who, in a sense, stands as representative of one people or another, or at least appears to do so—by saying, “I belong to this people!” They have no idea what this is actually about; they are, in essence, speaking completely in the dark. And where will human judgment end up if judgments are made in such a way that the judgment actually only applies to a mere phrase, only in name, while in reality nothing can be grasped at all, because such judgments do not in the least touch upon the real, actual facts.

[ 2 ] Ich habe vor, soweit das möglich ist, meine lieben Freunde, Ihre Blickrichtung, Ihre seelische Sehrichtung auf dreierlei zu lenken. Erstens möchte ich einiges Verständnis erwecken — es kann ja natürlich nur ein gewisses Verständnis sein — für dasjenige, was als große geistige Strömungen den Zeitereignissen zugrunde liegt. Dann will ich ihre Aufmerksamkeit lenken darauf, wie diese Strömungen sich betätigen an dem einen oder andern Orte, wie sie, sei es mit Hilfe von Vereinigungen, Bruderschaften, gewissermaßen durch die Menschen hindurchwirken, sei es, daß sie mehr oder weniger bewußt oder unbewußt durch die einzelnen Menschen selber wirken. Und dann möchte ich zeigen, wie man auf die charakteristischen Dinge schauen muß, auf diejenigen Dinge, auf die es ankommt, wenn man verstehen will, wie sich das, was auf dem physischen Plan geschieht, erklären läßt aus den großen Zusammenhängen.

[ 2 ] My dear friends, I intend, as far as possible, to direct your gaze—your spiritual focus—toward three things. First, I would like to awaken some understanding—though, of course, it can only be a certain degree of understanding—of the great spiritual currents that underlie current events. Then I want to direct your attention to how these currents are at work in one place or another—whether they act through associations, brotherhoods, and, so to speak, through human beings, or whether they act more or less consciously or unconsciously through the individual human beings themselves. And then I would like to show how one must look at the characteristic aspects—those aspects that are crucial if one wishes to understand how what happens on the physical plane can be explained in terms of the larger contexts.

[ 3 ] Wenn man seinen Standpunkt so hoch wählt, daß man die großen Zusammenhänge ins Auge faßt, dann nimmt sich manches anders aus, als wenn man nur die einzelnen zusammengewürfelten Tatsachen anschaut, die sich einem gerade darbieten, denn die Geschichte der Menschheit wird auch in ihren schmerzlichsten Ereignissen schon gelenkt und geleitet von geistigen Impulsen. Aber diese geistigen Impulse wirken auch gegeneinander, und die Menschen sind in vielfach einander widerstrebende Impulse hineingestellt. Jene, die immer nur denken, die weisheitsvolle Weltenordnung wird es schon machen, die machen es sich allzu leicht. Wenn das der Fall wäre, gäbe es im weiten physischen Weltumfange nirgends das, was es doch gibt: eine menschliche Freiheit. Auf der andern Seite aber sind durchaus Impulse der Notwendigkeit vorhanden — große karmische Impulse, die in allem wirken. Und wir wollen gerade bei diesen Betrachtungen ein wenig Rücksicht darauf nehmen, wie die karmischen Impulse wirken. Nur muß man sich eben mit den Einzelheiten dann schon abgeben, muß zum Beispiel sein Augenmerk zunächst darauf richten, wie die Dinge sich gestalten, wenn eine bestimmte große Gegensätzlichkeit vorliegt, die im fortlaufenden Entwicklungsgang der Menschheit von Bedeutung ist. Eine solche Gegensätzlichkeit ist diejenige, die nun einmal besteht zwischen dem Westen und dem Osten des europäischen Kulturraumes, und ich habe charakterisiert, was sich im Westen ergeben hat und was im Osten als Zukunftsvölkisches lebt. Das sind reale Kräfte, die vorhanden sind. Gewiß, die meisten Menschen wissen nichts von diesen realen Kräften, aber es gab immer einzelne Menschen, die etwas von diesen Kräften kennenlernten.

[ 3 ] If one adopts a perspective high enough to take in the broader context, then many things appear differently than when one merely looks at the individual, haphazardly assembled facts that happen to present themselves; for even in its most painful events, the history of humanity is already guided and directed by spiritual impulses. But these spiritual impulses also work against one another, and human beings are placed within a web of impulses that are often in conflict with one another. Those who simply assume that the wise order of the universe will take care of everything are taking the easy way out. If that were the case, there would be nothing in the vast physical universe that actually exists: human freedom. On the other hand, however, there are certainly impulses of necessity—great karmic impulses that are at work in everything. And in these very considerations, we want to give some thought to how these karmic impulses work. But one must then grapple with the details; one must, for example, first direct one’s attention to how things take shape when a certain great contrast exists that is significant in the ongoing course of human development. One such opposition is that which exists between the West and the East of the European cultural sphere, and I have characterized what has emerged in the West and what lives on in the East as a future national spirit. These are real forces that exist. Certainly, most people know nothing of these real forces, but there have always been individual people who have come to know something of these forces.

[ 4 ] Nun ist zweierlei möglich. Entweder die Menschen wissen nichts von diesen realen Kräften — dann kann es sehr leicht geschehen, daß diese Menschen unbewußt zum Werkzeuge werden, indem sie aus Unaufmerksamkeit, ohne daß sie im gewöhnlichen Sinne viel dafür können, sich gebrauchen lassen von solchen, die [durch ihren Egoismus] mehr oder weniger hineingerissen werden in die Strömungen und deren Verhalten sich ergibt als eine Resultierende aus diesen real waltenden Strömungen und ihrem Egoismus; diese Menschen wirken dann suggestiv auf diejenigen, die unaufmerksam sind. Oder aber es kann sich das andere ergeben, was gerade für die letzten Jahrzehnte des europäischen Lebens so wichtig und bedeutsam ist: Es können sich immer einzelne Menschen finden, welche auf diesem oder jenem Wege durch okkultistische Bruderschaften etwas erfahren von dem, was als geistige Kräfte da ist, und es bewußt mißbrauchen, es bewußt in irgendeinem Sinne gebrauchen — vielleicht auch gar nicht einmal in einem Sinne gebrauchen, von dem man sagen kann, daß man ein vernichtendes Urteil darüber zu fällen hat. Aber es ist doch wie ein Spielen mit dem Feuer, wenn Menschen, die nicht wissen, wie man mit geistigen Impulsen umgeht, diesen geistigen Impulsen eine gewisse Richtung geben — insbesondere dann, wenn solche Dinge entstehen, wie sie zum Beispiel dadurch entstanden sind, daß sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa verschiedene mehr oder weniger okkulte Bruderschaften gebildet haben, die immer von der Peripherie Europas stark beeinflußt waren und die bis zu einem gewissen Grade mit okkulten Mitteln gearbeitet haben, wie zum Beispiel die «Omladina», die vieles durchsetzt hat mit den Impulsen, die in ihr gelebt haben.

[ 4 ] Now, two things are possible. Either people know nothing about these real forces — in which case it can very easily happen that these people unconsciously become tools, in that, out of inattention and through no fault of their own in the usual sense, they allow themselves to be used by those who [through their selfishness] are more or less swept up in the currents, and whose behavior results as a combination of these actually prevailing currents and their selfishness; these people then exert a suggestive influence on those who are inattentive. Or the opposite may occur, which has been so important and significant, especially in the last few decades of European life: There will always be individuals who, through occult brotherhoods in one way or another, gain some experience of what exists as spiritual forces and consciously abuse them, consciously use them in some sense—perhaps not even in a sense that would warrant a damning judgment. But it is still like playing with fire when people who do not know how to handle spiritual impulses give these spiritual impulses a certain direction—especially when such things arise, as they did, for example, when various more or less occult brotherhoods formed in Central Europe during the second half of the 19th century—brotherhoods that were always strongly influenced by the periphery of Europe and that, to a certain extent, worked with occult means, such as the “Omladina,” which permeated many things with the impulses that lived within it.

[ 5 ] Nun ist die «Omladina» eine solche Verbindung gewesen, die mit einem bestimmten Kultus, wie er ja sonst in okkulten Bruderschaften, in den Graden, gebraucht wird, in ihrer Anhängerschaft gearbeitet hat, so daß wir in der «Omladina» in Mitteleuropa sehr geheime Bruderschaften hatten, die namentlich über die verschiedensten slawischen Gegenden, auch über die Balkanländer, verbreitet waren. Sie arbeiteten wirklich dadurch mit okkulten Mitteln, daß sie ein Zeremoniell hatten. Und indem sie untereinander in Verbindung standen, haben sie viel gewirkt, vieles unterirdisch durchwühlt, bis einmal durch dasjenige, was man einen Zufall nennt, aber eben nur so nennt, durch einen Prozeß, der in Böhmen stattgefunden hat, die Sache herausgekommen ist. Diese Bruderschaften haben dann, ich möchte sagen unter anderen Masken ihre Fortsetzung gefunden.

[ 5 ] Now, the “Omladina” was one such organization that operated among its followers using a specific ritual, as is otherwise customary in occult brotherhoods and within their degrees, so that within the “Omladina” in Central Europe we had very secret brotherhoods that were spread throughout various Slavic regions, including the Balkan countries. They truly operated through occult means, employing a specific ceremonial system. And because they were in contact with one another, they had a profound impact, stirring up much beneath the surface, until eventually—through what one might call a coincidence, though it is merely called that—the matter came to light through a trial that took place in Bohemia. These brotherhoods then continued their work, I might say, under different guises.

[ 6 ] Eine solche Maske war die «Narodna odbrana» in Serbien, die so häufig genannt worden ist im Beginne der jetzigen schmerzlichen Ereignisse. Diese Strömung, durch die schon etwas eingeflossen ist, was mit okkulten Mitteln arbeitete und in deren Bereich Menschen waren, die zum Teil von der Sache gewußt haben, zum Teil auch nichts gewußt haben und unbewußte Werkzeuge waren — also durch diese Strömung ist vieles mitimpulsiert, was sich in den letzten Jahrzehnten abgespielt hat im europäischen Südosten, in den Balkanländern. Und wenn in den westlichen, namentlich in den englischen Bruderschaften in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von dem großen kommenden Weltkriege gesprochen wurde — und wie ich Ihnen mitgeteilt habe, ist immer davon gesprochen worden —, so ist immer gerade auf die Wichtigkeit dessen hingewiesen worden, was in den Balkanländern sich abspielt, was sich dort abspielen sollte, dort kommen sollte.

[ 6 ] One such front was the “Narodna odbrana” in Serbia, which was so frequently mentioned at the beginning of the current painful events. This current—through which certain elements had already seeped in that worked with occult means, and within whose sphere there were people who were partly aware of the matter and partly unaware, serving as unwitting instruments—this current, in other words, has helped drive much of what has unfolded in recent decades in southeastern Europe, in the Balkan countries. And when, in the Western—namely the English—brotherhoods during the last decades of the 19th century, people spoke of the great coming world war—and as I have told you, this was always discussed—the importance of what was taking place in the Balkan countries, what was to take place there, and what was to come there, was always specifically emphasized.

[ 7 ] Daher gestatten Sie mir, daß ich einleitend gerade darüber noch einiges sage. Denn lenkt man den Blick nur auf dasjenige, was — ich habe es jetzt schon öfter gesagt — als Geistiges die Dinge durchzieht, so hat man nicht die Untergründe, um die richtigen Fragen zu stellen. Man weiß nicht, wie das, was geistig geschieht, sich gewissermaßen hier unten abbildet auf dem physischen Plane. Und gerade diese wichtige Frage will ich nach dem Appell, den ich gestern an Sie gerichtet habe, nämlich nachzudenken über den großen Konflikt des Mysteriums von Golgatha, gerade diese Seite will ich für Sie in diesen Betrachtungen besonders entwickeln. Und indem ich das einleitend charakterisiere, was uns dann als Basis für manches dienen wird, muß ich ganz besonders betonen, daß ich Sie bitte, ja nicht zu glauben, daß das, was ich jetzt sagen werde, sich auf irgendein Volk als solches bezieht. Denn niemand kann mehr Sympathien haben mit dem unglücklichen serbischen Volke als ich — nicht bloß, weil es in den letzten Zeiten so viel Schmerzliches erfahren hat, sondern vor allem darum, weil durch Jahrzehnte dieses Volk als solches der Spielball der verschiedensten Existenzen war, der verschiedensten Elemente. Diese haben sich in der Weise, wie ich es gestern und vorgestern angedeutet habe, sich dessen bedient, was in diesem Volke lebt, um es für Dinge zu gebrauchen, von denen wir nur sagen können: Es liegt zugrunde etwas Mißbräuchliches, denn es soll das, was innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraums als reale Evolutionsimpulse der Menschheit vorhanden ist, in eine gewisse Richtung gebracht werden.

[ 7 ] Therefore, please allow me to say a few more words about this right at the outset. For if one focuses solely on what—as I have said many times before—permeates things as the spiritual, one lacks the foundation needed to ask the right questions. One does not know how what happens spiritually is, so to speak, reflected here below on the physical plane. And following the appeal I made to you yesterday—namely, to reflect on the great conflict of the Mystery of Golgotha—it is precisely this aspect that I wish to develop for you in particular in these reflections. And as I begin by outlining what will then serve as a basis for many things, I must emphasize very strongly that I ask you not to believe that what I am about to say refers to any particular people as such. For no one can feel more sympathy for the unfortunate Serbian people than I do—not merely because they have experienced so much suffering in recent times, but above all because, for decades, this people as such has been the plaything of the most diverse forces and elements. As I indicated yesterday and the day before, these forces have exploited what lives within this people in order to use it for purposes about which we can only say: there lies at the root something abusive, for the aim is to steer what exists within the fifth post-Atlantean epoch as real evolutionary impulses of humanity in a certain direction.

[ 8 ] Einiges muß ich wenigstens sagen, aber ich will da nicht weiter zurückgehen als bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich weiß, wie wenig man heute solche Betrachtungen anstellt, die wirklich aufklärend sein können. Ich will nur skizzieren, und in einer Skizze ist selbstverständlich einiges immer nur mit Konturlinien gezeichnet. Ich weiß, wie wenig man geneigt ist, auf die realen Tatsachen einzugehen, aber einige von ihnen muß man doch kennen. Und so möchte ich denn nur zurückgehen bis zu Michael Obrenović, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte als Herrscher in Serbien, der eine sympathische Persönlichkeit war und von dem wahrhaftig nicht gesagt werden kann, daß er irgendwie in einer üblen Weise diejenigen Impulse geleitet hätte, die natürlich der Angehörige eines bestimmten Volkes vor allen Dingen sieht. Man kann die Impulse eines Volkes so lenken, daß man sie — aus Volks- oder Einzelegoismus heraus — gewissermaßen weit überspannt, daß man die einzelnen Volksimpulse nicht so treibt, daß sie im Einklang mit den Impulsen der gesamten Menschheit wirken. In dieser Beziehung ist es ja außerordentlich schwierig, das Richtige zu treffen, aber darauf kommt es jetzt in diesem Falle nicht an, denn bei Michael Obrenović war es so, daß er mit seinen Ideen eigentlich im wesentlichen im Sinne — nun lassen Sie mich dieses Wort gebrauchen, wenn es vielleicht auch etwas einseitig gebraucht ist — der «guten» europäischen Impulse lief. Aber er ging in der Richtung dieser guten europäischen Impulse eben nur so weit, als er gehen konnte als echter serbischer Patriot. Und man kann sich durchaus auf den serbischen Standpunkt stellen, auch wenn bei Michael eine gewisse Einseitigkeit zu sehen ist, aber das tut nichts. Man kann sagen — wenn ein Mann in solcher Weise wie er seinen Patriotismus auslebt, so ist dieses Ausleben sicherlich auch verständlich für jeden, der durch Geburt, Abstammung und Erziehung einen anderen Patriotismus haben muß. Ich brauche Ihnen nur mit einigen Worten zu sagen, was ein Mann, der ihn gut gekannt hat, was Milan Piroćanac — verzeihen Sie, wenn ich einzelne Worte schlecht ausspreche, das kann nicht anders sein, da mir ja all diese Sprachen nicht geläufig sind — über das Ideal des Michael Obrenović geäußert hat. Er sagt von Michael Obrenović:

[ 8 ] There are at least a few things I must say, but I do not wish to go back any further than the second half of the 19th century. I know how rarely such reflections—which can truly be enlightening—are made today. I merely wish to sketch things out, and in a sketch, of course, some details are always drawn only in outline. I know how little people are inclined to delve into the actual facts, but one must still be aware of some of them. And so I would like to go back only as far as Michael Obrenović, who played a significant role as ruler of Serbia in the second half of the 19th century; he was a likable figure, and it truly cannot be said that he in any way misdirected those impulses that, naturally, a member of a particular people perceives above all else. One can direct the impulses of a people in such a way that—out of national or individual egoism—one, so to speak, exaggerates them to a great extent, so that one does not drive the individual national impulses in a way that allows them to act in harmony with the impulses of all humanity. In this regard, it is, of course, extraordinarily difficult to strike the right balance, but that is not what matters in this particular case, for in Michael Obrenović’s case, his ideas were essentially in line with—well, let me use this word, even if it may be somewhat one-sided—the “good” European impulses. But he went in the direction of these “good” European impulses only as far as he could go as a true Serbian patriot. And one can certainly take the Serbian point of view, even if a certain one-sidedness is evident in Michael’s case—but that doesn’t matter. One could say—when a man expresses his patriotism in the way he did, this expression is certainly understandable to anyone who, by birth, ancestry, and upbringing, must have a different kind of patriotism. I need only tell you in a few words what a man who knew him well—Milan Piroćanac—said about Michael Obrenović’s ideal. Please forgive me if I mispronounce certain words; that is inevitable, since I am not fluent in all these languages. He says of Michael Obrenović:

Sein politisches Endziel war nicht die Schaffung Großserbiens, sondern die Bildung einer südslawischen Konföderation unter der Hegemonie Serbiens — eine Föderation, welche außer Serbien, Bosnien-Herzegovina, Montenegro auch das von Serbien ohne Hilfe Österreichs oder Rußlands zu befreiende Bulgarien angehören sollte.

His ultimate political goal was not the creation of Greater Serbia, but the formation of a South Slavic confederation under Serbian hegemony—a federation that, in addition to Serbia, Bosnia-Herzegovina, and Montenegro, would also include Bulgaria, which Serbia was to liberate without the help of Austria or Russia.

[ 9 ] Also an eine Balkankonföderation dachte Michael. Von einer solchen Konföderation sprachen in den guten Zeiten des westeuropäischen Okkultismus auch die im allerbesten Sinne unterrichteten und wirkenden Okkultisten Westeuropas. Und wenn auch dieses Ideal vielleicht manchem andern widerstrebte, so muß man doch sagen, es war eben ein Ideal, das in gewissen realen Impulsgebungen der fünften nachatlantischen Zeit stand. Nun aber erhob sich gegen dieses Ideal des Michael Obrenović gerade ein großer Teil der serbischen Intelligenz, namentlich unter der Führung von Jovan Ristić. Diese serbische Intelligenz fügte ein anderes Element in die Sache hinein. Während Michael Obrenović aus der slawischen Kraft des Balkans heraus — ohne Hilfe Österreichs und Rußlands — eine Balkanföderation schaffen wollte, handelte es sich für diejenigen, zu deren Führern Jovan Ristić gehörte, darum, unter allen Umständen Serbien in den Dienst dessen zu stellen, was von Rußland ausgeht, um durch Suggestionierung des slawischen Gemütes mit Hilfe des «Testamentes Peters des Großen» einen Rahmen zu schaffen für den Russizismus. Von diesem von der «Omladina» tief beeinflußten Elemente wurde dazumal die Parole ausgegeben, daß eine Bewegung in die Welt zu setzen sei, die den Bestrebungen Michaels so entgegenzuwirken habe, daß Rußland für Serbien unter allen Umständen dasselbe werden solle, was Frankreich bei der Schöpfung des neuen Italiens für Piemont gewesen sei — diese Parole wurde ausgegeben. So wie Frankreich seine Dienste den Piemontesen geleistet habe, um Piemont in das moderne Italien überzuleiten, so sollte Rußland Serbien dienen, damit Serbien auf dem Balkan, auf der andern Seite des Adriatischen Meeres, etwas würde, [worauf man rechnen konnte] — aber nur unter der Führung dessen, was einbezogen werden sollte in die geheimnisvollen Impulse des «Testamentes Peters des Großen».

[ 9 ] So Michael was thinking of a Balkan confederation. During the heyday of Western European occultism, even the most highly educated and active occultists in Western Europe spoke of such a confederation. And even if this ideal may have been distasteful to some, one must still say that it was an ideal rooted in certain real impulses of the fifth post-Atlantean epoch. Now, however, a large portion of the Serbian intelligentsia, notably under the leadership of Jovan Ristić, rose up against this ideal of Michael Obrenović. This Serbian intelligentsia introduced another element into the matter. While Michael Obrenović sought to create a Balkan federation drawing on the Slavic strength of the Balkans—without the aid of Austria or Russia—the aim of those whose leaders included Jovan Ristić it was a matter of placing Serbia, under all circumstances, in the service of what emanated from Russia, in order to create a framework for Russification by influencing the Slavic mindset with the help of the “Testament of Peter the Great.” At that time, this faction—deeply influenced by the “Omladina”—put forth the slogan that a movement must be launched to counter Michael’s aspirations in such a way that Russia would, under all circumstances, become for Serbia what France had been for Piedmont in the creation of the new Italy—this was the slogan they put forth. Just as France had rendered its services to the Piedmontese to guide Piedmont into modern Italy, so Russia was to serve Serbia so that Serbia might become something [that could be counted on] in the Balkans, on the other side of the Adriatic Sea—but only under the leadership of that which was to be incorporated into the mysterious impulses of the “Testament of Peter the Great.”

[ 10 ] Nun, Sie werden einsehen, daß da Kollisionen herauskommen müssen, [wenn Sie sich folgende Verhältnisse vergegenwärtigen]. Im ganzen gibt es etwa sechs Millionen Serben. Davon sind nur dreieinhalb Millionen in Serbien und Montenegro; zweieinhalb Millionen leben in Österreich — sie sind in vorhergehenden Zeiten dort eingewandert. Dies alles ist aber umringt und durchsetzt von vier Millionen katholischen und einer halben Million mohammedanischen Südslawen. Also, machen Sie sich eine Vorstellung davon, was da an geistigem Chaos ineinander lebt und was es heißt, in dieses Chaos eine solche Bewegung hinein zu leiten, wie es die «Omladina» war. Da kann man Verschiedenes machen, wenn man die Dinge in der richtigen Weise benützt. Und diejenigen, welche mit solchen Mitteln arbeiten, wie es bei der «Omladina» der Fall war, die stellen immer die eine Strömung gegen die andere, so daß sich daraus etwas ganz Bestimmtes ergibt.

[ 10 ] Well, you will see that conflicts are bound to arise [if you consider the following circumstances]. In total, there are about six million Serbs. Of these, only three and a half million are in Serbia and Montenegro; two and a half million live in Austria—they immigrated there in earlier times. But all of this is surrounded and interspersed with four million Catholic and half a million Muslim South Slavs. So, try to imagine the intellectual chaos that coexists there and what it means to introduce a movement such as “Omladina” into this chaos. One can achieve various things if one uses these circumstances in the right way. And those who work with such means, as was the case with “Omladina,” always pit one current against another, so that something very specific emerges from it.

[ 11 ] So kam es, daß Michael Obrenović eine furchtbare Gegnerschaft fand und daß diese Gegnerschaft die Möglichkeit erlangte, wirksam gegen ihn zu arbeiten, indem man sie nicht in Serbien, sondern außerhalb, in Ungarn, organisierte, indem man also dort eine gegnerische Bewegung mit gegnerischer Presse organisierte. Wenn Sie verstehen, daß die «Omladina» nicht bloß in Serbien war, sondern ihre Verbindungen bis in die Staaten Mitteleuropas hatte, dann konnte man selbstverständlich einmal, wenn es nötig war, die «Omladina» in Serbien schweigen lassen und allerlei organisieren von außerhalb her. Dadurch hielt man sich die Möglichkeit offen, wenn die Sache irgendwie ruchbar wurde, zu sagen: Der fremde Staat hat das organisiert. — Das mußte man sich in einem solchen Falle immer offenhalten. Zu alldem kam, daß Michael Obrenović beim serbischen Volke sehr beliebt war und daß das wirklich eine elementare Liebe war. Das ist auch eine okkulte Kraft. Dieser Liebe des Volkes mußte man schon entgegensetzen entweder eine gleiche Liebe — die konnte man aber natürlich nicht so ohne weiteres aufbringen — oder aber etwas, was revolutionierte. So wirkte in die verschiedenen Bestrebungen, die mit der «Omladina» zusammenhingen, die dynastische Gegnerschaft zwischen den Obrenovići und den Karadjordjevići hinein. Die Karadjordjevići saßen in Genf, hatten in den verschiedensten Gegenden Europas Schulden und strebten für sich den serbischen Thron an. Sie hatten Gelegenheit, mit den verschiedensten Gesellschaften Europas, deren es ja wirklich zahlreiche gibt, und den in diesen Gesellschaften wirkenden Impulsen bekannt zu werden. Und man kann, indem man sozusagen Hand in Hand arbeitet, auf diese Weise Verschiedenstes machen — namentlich wenn man solche Mittel zur Verfügung hat, wie ich sie angedeutet habe. Man ordnet dann seine Verhältnisse so, daß man von verschiedenen Orten aus — namentlich müssen die Orte dann in verschiedenen Staaten liegen das Verschiedenste bewirken kann. So richtete sich der Alexander Karadjordjevići seine Vermögensverwaltung in Szegedin ein, in Ungarn. Sein Vermögensverwalter, nun ja, er war der Bankier — zu verwalten hatte er ja nichts Besonderes, aber er war der Bankier. Doch eines Tages hat er eine Anzahl Sträflinge beeinflußt — Menschen, die zu beeinflussen waren, denn man macht so etwas mit Sträflingen oder ähnlichen Elementen —, und diese Sträflinge ermordeten am 10. Juni 1868 den Michael. Das war die erste Etappe, um in einer gewissen Richtung weiterzukommen. So haben wir also am 10. Juni 1868 die Ermordung des Michael Obrenović.

[ 11 ] Thus it came to pass that Michael Obrenović faced fierce opposition, and that this opposition was able to work effectively against him by organizing not in Serbia but outside it—in Hungary—that is, by establishing an opposition movement there with its own opposition press. If you understand that the “Omladina” was not confined to Serbia but had connections extending into the states of Central Europe, then it was of course possible, when necessary, to silence the “Omladina” in Serbia and organize all sorts of things from outside. This kept open the possibility, should the matter somehow become public, of saying: “A foreign state organized this.” — One always had to keep that option open in such a case. Added to all this was the fact that Michael Obrenović was very popular among the Serbian people, and that this was truly a primal love. That, too, is an occult force. One had to counter this love of the people either with an equal love—which, of course, one could not simply muster—or with something that would spark a revolution. Thus, the dynastic rivalry between the Obrenović and Karadjordjević families influenced the various movements associated with the “Omladina.” The Karadjordjević family was based in Geneva, had debts in various parts of Europe, and sought the Serbian throne for themselves. They had the opportunity to become acquainted with the most diverse societies in Europe—of which there are indeed numerous—and with the impulses at work within these societies. And by working, so to speak, hand in hand, one can accomplish a wide variety of things in this way—especially when one has at one’s disposal the means I have alluded to. One then organizes one’s affairs in such a way that, from various locations—and these locations must be in different countries—one can bring about the most diverse effects. Thus, Alexander Karadjordjević established his estate management in Szeged, Hungary. His estate manager—well, he was the banker—he didn’t really have anything in particular to manage, but he was the banker. But one day he influenced a number of convicts—people who were susceptible to influence, for that is how one deals with convicts or similar elements—and on June 10, 1868, these convicts assassinated Michael. That was the first step toward making progress in a certain direction. So on June 10, 1868, we have the assassination of Michael Obrenović.

[ 12 ] Der alleinige männliche Nachfolger, ein Neffe des Michael, war ein sehr armer Kerl, war außerdem noch jung, fast ein Knabe, und aller Einfluß kam nun in die Hände des vorhin genannten Jovan Ristić, der so recht der Typus einer gewissen Art von Politikern war — ein großer Politiker von gewissen Gesichtspunkten aus. Da Ristić all diese Gesichtspunkte auch in seinen Werken vertreten hat, so kann den äußeren Wegen, auf denen er seine inneren Absichten ausführen wollte, nachgegangen werden. Vor allen Dingen stellte er als obersten Grundsatz auf, daß Serbien und die Serben stets nur den Impulsen Rußlands zu folgen hätten, aber nicht so, daß dies immer offen geschehen solle, sondern daß es besser sei, dem Impuls Rußlands zu folgen, indem man einige Konzessionen mache und freundnachbarliche Ausgleiche suche mit der habsburgischen Monarchie. So solle man ruhig auch einmal dies oder jenes gegen Rußland unternehmen, zusammen mit der habsburgischen Monarchie, denn in Wirklichkeit handelte es sich darum, alles im Dienste Rußlands zu tun. Um das aber zu erreichen, mußte man zum Schein zuweilen mit den andern gehen. Das war oberster Grundsatz.

[ 12 ] The sole male heir, a nephew of Michael, was a very poor fellow; he was also still young—almost a boy—and all influence now fell into the hands of the aforementioned Jovan Ristić, who was truly the archetype of a certain kind of politician—a great politician from certain points of view. Since Ristić also advocated all these viewpoints in his writings, it is possible to trace the external means by which he sought to carry out his inner intentions. Above all, he established as a supreme principle that Serbia and the Serbs should always follow Russia’s lead, but not in such a way that this should always be done openly; rather, it was better to follow Russia’s lead by making certain concessions and seeking amicable compromises with the Habsburg Monarchy. Thus, one should not hesitate to take this or that action against Russia, in conjunction with the Habsburg Monarchy, for in reality the aim was to do everything in the service of Russia. But to achieve this, one had to go along with the others for appearances’ sake from time to time. That was the supreme principle.

[ 13 ] Nun war es Ristić vor allen Dingen darum zu tun, sich festzusetzen, Anhänger zu gewinnen. Das war schwer, denn den Milan Obrenović liebten die Serben — [wenigstens solange er an der Herrschaft war] — nicht, und es durfte natürlich niemand die geheimen Fäden auch nur ahnen, durch welche Ristić selber mit der Ermordung des Michael Obrenović zusammenhing. Man kann solchen Dingen sehr fernestehen und ihnen zugleich sehr nahestehen. Man musste dann also die Fäden verwischen. Das konnte er, indem er es auf eine gewisse Weise dahin brachte, daß in Serbien bekannt, also verbreitet wurde, der Mord an Michael Obrenović sei in Ungarn angezettelt worden, die Magyaren seien eigentlich schuld daran. Das wurde ihm auch in den Kreisen, auf die es ankam, durchaus geglaubt.

[ 13 ] Ristić’s primary concern now was to establish himself and win supporters. That was difficult, because the Serbs did not love Milan Obrenović—[at least not while he was in power]—and, of course, no one was to even suspect the secret connections through which Ristić himself was linked to the assassination of Michael Obrenović. One can be very distant from such matters and yet very close to them at the same time. So the threads had to be obscured. He was able to do this by managing, in a certain way, to make it known—and thus spread the word—in Serbia that the murder of Michael Obrenović had been instigated in Hungary, and that the Magyars were actually to blame. This was also fully believed in the circles that mattered.

[ 14 ] Nun lief in die Strömung, auf die ich hier hinweise, noch eine andere hinein, die von zehn Menschen im Jahre 1872 gegründet worden ist. Sie sollte im Einklange mit andern europäischen Strömungen wirken und wurde daher in Zürich gegründet. Also 1872. Einer der zehn hat das Programm dieser «Brüderschaft der Zehn», zu der auch Nikola Pašić gehörte, entworfen. In diesem Programm heißt es wörtlich:

[ 14 ] Now, another movement—founded by ten people in 1872—merged with the one I am referring to here. It was intended to operate in harmony with other European movements and was therefore founded in Zurich. So, in 1872. One of the ten drafted the program of this “Brotherhood of Ten,” to which Nikola Pašić also belonged. This program states verbatim:

Die Vereinigung aller Serben setzt die Zertrümmerung der Türkei und die Zertrümmerung Österreich-Ungarns, die Beseitigung der Staatlichkeit Montenegros und Volksfreiheit in Serbien voraus.

The unification of all Serbs requires the destruction of Turkey and the destruction of Austria-Hungary, the abolition of Montenegro’s statehood, and freedom for the people of Serbia.

[ 15 ] Also, diese zehn hatten ein ganz bestimmtes Programm; 1872 ist es ausgearbeitet worden. Es handelte sich dann darum, dieses Programm [der Radikalen] immer mehr und mehr in die [liberale] Strömung des Risti€ hineinzuarbeiten, der ja nun die richtige Persönlichkeit an der richtigen Stelle war: er, der Machthaber, neben dem minderjährigen Milan — das also ging sehr gut zusammen, denn es handelt sich für gewisse Strömungen immer darum, den richtigen Mann an der richtigen Stelle zu gewinnen, um durch ihn das Mannigfaltigste zu erreichen. Der Universitätsprofessor Jovan Skerlić, der auch ein wenig Verbindung hatte mit dieser radikalen Richtung, schrieb zum Beispiel den Satz [über die politische Überzeugung der Anhänger dieser Richtung):

[ 15 ] So, these ten had a very specific program; it was drawn up in 1872. The goal was then to increasingly incorporate this program [of the Radicals] into the [liberal] current of the Risti€—who was, after all, the right person in the right place: he, the ruler, alongside the underage Milan—and this worked out very well, because for certain movements it is always a matter of securing the right man in the right place in order to achieve a wide variety of goals through him. University professor Jovan Skerlić, who also had some connection to this radical movement, wrote, for example, the following sentence [about the political convictions of the movement’s followers]:

Die Freiheit des serbischen Volkes und die Existenz Österreich-Ungarns schließen sich aus.

The freedom of the Serbian people and the existence of Austria-Hungary are mutually exclusive.

[ 16 ] Ich will nur Tatsachen erzählen — ich will keinem Serben bestreiten, daß von seinem Standpunkte aus ein solches Programm durchaus eine Möglichkeit ist.

[ 16 ] I just want to state the facts—I don’t want to deny any Serb that, from his point of view, such a program is certainly a possibility.

[ 17 ] Als dann Milan Obrenović volljährig wurde, da brachten es die Umstände mit sich, daß er sich freimachen wollte von dieser radikalen Strömung; er wollte freikommen davon. Er wollte — im Einverständnis mit Österreich-Ungarn — serbischen Patriotismus treiben. Nun wirkte in der Folgezeit immer ineinander auf der einen Seite dasjenige, was von Milan Obrenović ausging — es war zwar sehr schwach, aber immerhin doch da — und auf der andern Seite dasjenige, was dem alles entgegen war — ich habe es oben angedeutet und worin hineinspielt die Prätendentschaft der Karadjordjevići. Merkwürdig ist, daß zur Krönung Alexanders III. von Rußland niemand von der Dynastie der Obrenovići eingeladen wurde, dagegen Peter Karadjordjević, der Prätendent, der später, nach dem Alexander Obrenović, zum serbischen Thron kam.

[ 17 ] When Milan Obrenović came of age, circumstances led him to want to break away from this radical movement; he wanted to free himself from it. He wanted—in agreement with Austria-Hungary—to promote Serbian patriotism. In the period that followed, there was a constant interplay, on the one hand, between what emanated from Milan Obrenović—though it was very weak, it was there nonetheless—and, on the other hand, between what was opposed to all of that—I have alluded to this above, and the Karadjordjević claim to the throne plays a role in this. It is curious that no one from the Obrenović dynasty was invited to the coronation of Alexander III of Russia, whereas Peter Karadjordjević, the pretender who later, after Alexander Obrenović, ascended to the Serbian throne, was invited.

[ 18 ] Intimer noch sollten die Bande, welche von Rußland zum Balkan führten, geknüpft werden dadurch, daß man, als man die Zeit gekommen fand, dem Peter Karadjordjević die älteste Tochter des Nikita von Montenegro vermittelte, was diesem gar nicht sehr angenehm war, weil er selber gern nach den Obrenovići den serbischen Thron gehabt hätte. Aber man gab von russischer Seite eine Million als Mitgift, die der alte Nikita von Montenegro selbstverständlich einsteckte — für solche Künste hatte er ja einiges Verständnis. Ich will Sie nicht mit der äußeren Geschichte belasten, aber ich will doch das entschiedene Eintreten Österreich-Ungarns für Serbien erwähnen, das in die Zeit dieses unglücklichen Krieges Serbiens gegen Bulgarien fällt, so daß Serbien, nachdem es den Krieg verloren hatte, keine Gebietseinschränkung erfuhr. Aber das alles war für die Partei der Onmladinisten gleichgültig; da handelte es sich wirklich nur darum, mitzuwirken bei jener Strömung, welche den Slawismus in den Russizismus einzufangen hatte — ich habe es Ihnen bereits charakterisiert. Und diese Partei konnte gut arbeiten. Serben und nicht etwa Ausländer in Serbien haben eine merkwürdige Statistik aufgestellt, welche zwar bloß «Statistik» ist — wie gesagt, man kann vieles davon abziehen —, aber selbst wenn nur die Hälfte davon wahr ist, so ist es noch immer sehr bezeichnend, sehr charakteristisch. In den Jahren zwischen 1883 und 1887 gewann nämlich diese radikale Partei der Omladinisten ganz besonders viele Anhänger, und in dieser Zeit beging sie 364 politische Morde, um diejenigen, die nicht da zu sein hatten auf dem physischen Plan, wenn diese Partei sich weiter ausbreiten sollte, nicht als Störenfriede zu haben. Wie gesagt, das ist nicht von Auswärtigen angegeben, sondern von Serben selber: 364 politische Morde zwischen 1883 und 1887! Wenn Sie annehmen, es sei nur die Hälfte davon wahr, so ist das ja noch immerhin genug.

[ 18 ] The ties between Russia and the Balkans were to be made even closer when, upon deeming the time ripe, Peter Karadjordjević was betrothed to the eldest daughter of Nikita of Montenegro—a development that did not please Nikita at all, since he himself would have liked to succeed the Obrenović dynasty on the Serbian throne. But the Russians provided a million as a dowry, which old Nikita of Montenegro naturally pocketed—he certainly had a knack for such schemes. I do not wish to burden you with the broader historical context, but I do wish to mention Austria-Hungary’s decisive support for Serbia, which coincided with the period of Serbia’s unfortunate war against Bulgaria, so that Serbia, having lost the war, suffered no territorial losses. But all of this was of no concern to the Omladinist party; for them, it was really only a matter of participating in that movement which was intended to channel Slavism into Russism—I have already described this to you. And this party was quite effective. Serbs—and not foreigners in Serbia—have compiled a remarkable set of statistics, which, admittedly, are merely “statistics”—as I said, much can be discounted—but even if only half of it is true, it is still very telling, very characteristic. Namely, between 1883 and 1887, this radical party of the Omladinists gained a particularly large number of followers, and during this period it committed 364 political murders to ensure that those who were not supposed to be there—physically speaking—would not act as troublemakers should the party continue to expand. As I said, this is not reported by outsiders, but by Serbs themselves: 364 political murders between 1883 and 1887! Even if you assume that only half of this is true, that is still enough.

[ 19 ] Dann muß vor allen Dingen der große Aufschwung ins Auge gefaßt werden, den diese Partei in den neunziger Jahren erfuhr und der die Regierung in Wien ganz besonders [beunruhigte], ihr sozusagen mächtig in die Zügel schoß. Ein mächtiger Ruck, nachdem man schon lange subversiv gearbeitet hatte, ergab sich insbesondere, als eines Tages in den neunziger Jahren sämtliche Städte in Serbien beflaggt waren, im Fahnenschmuck prangten. Das war der Tag, an dem bekannt wurde, daß das Bündnis zwischen Rußland und Frankreich perfekt geworden war, und das war auch in der Zeit, in der man hinter dem Rücken der Dynastie der Obrenovići viele tausend Gewehre in Frankreich bestellen wollte für die radikale Partei. Das war aber auch die Zeit, in welcher auf den Plan trat eine Persönlichkeit, durch die vieles hindurchwirkte, für deren Stellung man wegen ihrer Herkunft außerordentlich schwer die Zustimmung der maßgebenden Kreise bekommen konnte, trotzdem auf der einen Seite von Rußland aus diese Persönlichkeit besonders ins Auge gefaßt worden war für bestimmte Zwecke. Aber die Partei, die die «Omladina» fortsetzte, genierte sich etwas, gerade eine solche Persönlichkeit in einer solchen Stellung zu einem bedeutsamen Instrument zu machen. Das war die Persönlichkeit, die Alexander Obrenović 1897 zunächst zu seiner Mätresse erheben durfte: Draga Mašin.

[ 19 ] First and foremost, one must consider the major resurgence this party experienced in the 1990s, which particularly [alarmed] the government in Vienna, giving it, so to speak, a powerful jolt. A powerful jolt—after a long period of subversive activity—occurred in particular when, one day in the 1890s, all the cities in Serbia were decked out in flags, resplendent with flag decorations. That was the day it became known that the alliance between Russia and France had been finalized, and it was also during the period when, behind the Obrenović dynasty’s back, plans were made to order many thousands of rifles from France for the Radical Party. But that was also the time when a figure emerged who exerted a profound influence behind the scenes; due to his background, it was extremely difficult to secure the approval of the influential circles for his appointment, even though, on the one hand, Russia had specifically singled out this figure for certain purposes. But the party that carried on the legacy of “Omladina” was somewhat reluctant to make precisely such a figure in such a position a key instrument. This was the figure whom Alexander Obrenović was initially able to make his mistress in 1897: Draga Mašin.

[ 20 ] Dazumal betrat also diese Persönlichkeit den Plan der Ereignisse. Und es ist immerhin bedeutsam, daß ein Freund der Dynastie Obrenović, Vladan Djordjević, ein sehr schönes Buch geschrieben hat, aus dem man viel lernen kann: «Das Ende der Obrenovitch». Ich empfehle Ihnen besonders das viertletzte Kapitel in diesem Buche, denn Sie werden in diesem Kapitel sehen — wenn es auch von Djordjević nur vorsichtig, sozusagen unbewußt angedeutet ist, wie sonderbar doch die Fäden der Weltgeschichte gehen, denn Djordjević erzählt von dem eigentümlichen Besuche, den er bei Draga Main hat machen müssen, da sie ja eine wichtige Persönlichkeit war. Und er weist darauf hin, wie der Zauber, den sie auszuüben hatte, ausging von einer ganz bestimmten Parfümmischung, die — ein wirklicher Zauber — abgestimmt war auf die Individualität der betreffenden Persönlichkeit, die suggestioniert werden sollte. Sie werden manchen, auch im okkultistischen Sinne wichtigen Wink für das Gebiet der niederen Zauberkünste bekommen, wenn Sie die umschleierte Darstellung von Vladan Djordjević im viertletzten Kapitel seines dicken Buches «Das Ende der Obrenovitch» lesen — mit Verständnis lesen. Und Sie werden dann erstaunt sein, wie vieles dadurch erreicht werden kann, daß diejenigen, die etwas erreichen wollen, im Hintergrund bleiben und das, was zunächst zu geschehen hat, den Verführungskünsten einer Frau überlassen, welche in der entsprechenden Weise die Kunst der Parfümmischung beherrscht, was ja auch schon im 17. Jahrhundert an mancherlei Höfen eine große Rolle in der Politik gespielt hat. Und man kann die Geschichte nicht wirklich schreiben, wenn man nicht zu gleicher Zeit auch Fachmann ist in der Kenntnis gewisser Parfümwirkungen in der Geschichte gewisser Zeiten und Perioden.

[ 20 ] At that time, this figure entered the course of events. And it is significant, after all, that a friend of the Obrenović dynasty, Vladan Djordjević, wrote a very fine book from which one can learn a great deal: The End of the Obrenović Dynasty. I especially recommend the fourth-to-last chapter in this book, because in that chapter you will see—even if Djordjević only hints at it cautiously, almost unconsciously—how strangely the threads of world history unfold, for Djordjević recounts the peculiar visit he was compelled to make to Draga Main, since she was, after all, an important figure. And he points out how the magic she was to perform stemmed from a very specific perfume blend that—a true magic—was tailored to the individuality of the person in question, who was to be influenced. You will gain many insights—some of them significant even in an occult sense—into the realm of the lower magical arts if you read Vladan Djordjević’s veiled account in the fourth-to-last chapter of his voluminous book The End of the Obrenovićs—and read it with understanding. And you will then be amazed at how much can be achieved when those who wish to accomplish something remain in the background and leave what must first take place to the seductive arts of a woman who has mastered the art of perfume blending in the appropriate manner—a practice that, after all, played a major role in politics at various courts as early as the 17th century. And one cannot truly write history without also being an expert in the effects of certain perfumes throughout specific eras and periods.

[ 21 ] Dann kam ein Ereignis, das immerhin einiges Licht warf auf, ich möchte sagen sonderbare karmische Zusammenhänge. Die Partei, die ich Ihnen charakterisiert habe, arbeitete weiter, immer weiter. Man brachte es dahin, daß endlich — wiederum durch eine solche Anzettelung, wie ich es Ihnen schon charakterisiert habe — ein Attentatsversuch gegen den zwar längst zurückgetretenen König Milan stattfand, der aber immer noch eine Rolle in Serbien spielte und den man namentlich ja auch allerlei Rollen spielen ließ. Dabei wurde Nikola Pšsič — Sie kennen den Namen — [beinahe] auch mit zum Tode verurteilt. Überhaupt wurde er dazumal nur dadurch vom Tode errettet, daß Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn Einspruch erhob gegen seine Hinrichtung. Sie wissen, Pšsič ist der Name jenes serbischen Ministerpräsidenten, welcher bei Kriegsausbruch im Amt war!

[ 21 ] Then an event occurred that, at any rate, shed some light on what I would call strange karmic connections. The party I have described to you continued its work, pressing on and on. They managed to bring it to the point where, finally—again through the kind of instigation I have already described to you—an assassination attempt took place against King Milan, who had long since abdicated but still played a role in Serbia and whom, as you know, they allowed to play all sorts of roles. In the process, Nikola Pšsič—you know the name—was [almost] also sentenced to death. In fact, he was saved from death at that time only because Emperor Franz Joseph of Austria-Hungary objected to his execution. As you know, Pšsič is the name of the Serbian prime minister who was in office when the war broke out!

[ 22 ] Nun handelte es sich bei all diesen Dingen um etwas, was notwendig geworden war. Denken Sie, daß man ja das, was man erreichen wollte, nicht erreichen konnte, wenn die Obrenovići geblieben wären. Dazu mußte, unter russischer Protektion, Peter Karadjordjević auf den Thron kommen. Nun hatte man die Draga Mašin, die mittlerweile den Alexander geheiratet hatte, auch unter russische Protektion genommen. Sie war aber nun der radikalen Partei höchst unbequem geworden, denn man schämte sich ihrer. Das alles zog man in Erwägung — das alles war etwas, mit dem man durchaus rechnete, denn es handelte sich von der Seite, von der die Draga Mašin ins Spiel gebracht wurde, nicht etwa darum, just diese «angenehme» Persönlichkeit mit den Parfümkünsten auf den Thron von Serbien zu bringen, sondern darum, die Dynastie der Obrenovići in ihrem Repräsentanten, Alexander, unmöglich zu machen. Man mußte doch erst die Obrenovići lächerlich machen; man mußte doch erst die Draga Mašin zur Königin gemacht haben, um sie nachher umbringen zu können, denn sonst hätte man ja den Mord nicht in einer zweckentsprechenden Weise eingerichtet. Es handelte sich eben darum, gerade denjenigen

[ 22 ] All of these things, however, had become necessary. Consider that one would not have been able to achieve what one set out to do if the Obrenović family had remained in power. For that to happen, Peter Karadjordjević had to ascend to the throne under Russian protection. Meanwhile, Draga Mašin, who had since married Alexander, had also been placed under Russian protection. However, she had now become a major thorn in the side of the Radical Party, for they were ashamed of her. All of this was taken into consideration—all of this was something they had fully anticipated, for the motive behind bringing Draga Mašin into the picture was not to place this “pleasant” personality with a talent for perfumery on the throne of Serbia, but rather to render the Obrenović dynasty, in the person of Alexander, unviable. After all, one had to first ridicule the Obrenovićs; one had to first make Draga Mašin queen in order to be able to kill her afterward, for otherwise the murder would not have been staged in a manner appropriate to the purpose. The point was precisely to target that very person

[ 23 ] zu dienen, denen Draga Mašin äußerlich höchst unbequem war, aber um sie dann wegzubekommen, mußte man die ganze Komödie einleiten, und die Draga mußte sie spielen. Auf die Einzelheiten dieser Komödie, die bis zur Vorspiegelung der guten Hoffnung auf einen künftigen Thronfolger ging — der aber niemals im «Anzug» war —, will ich nicht weiter eingehen. Aber es darf doch darauf hingewiesen werden, daß ganz sonderbare Persönlichkeiten aufgegriffen wurden, welche zwischen Genf, wo sich die Karadjordjevići aufhielten, und dem Balkan eine gewisse Verbindung herstellten sowie auch noch verschiedene weitergehende Verbindungen.

[ 23 ] to serve those for whom Draga Mašin was, on the surface, a major inconvenience; but in order to get rid of her, they had to stage the whole charade, and Draga had to play her part. I do not wish to go into further detail about this charade, which went so far as to feign high hopes for a future heir to the throne—who, however, was never “in the running.” But it should be noted that some very peculiar individuals were enlisted, who established a certain connection between Geneva—where the Karadjordjević family was staying—and the Balkans, as well as various other, more far-reaching connections.

[ 24 ] Aber der Peter Karadjordjević hatte die Weisung bekommen, sich still in Genf zu halten, sich da nur ja nicht zu rühren. Dagegen war eine ganze Reihe von Unterhändlern auf die verschiedensten Orte verteilt, welche dazu berufen waren, im Sinne von Rußland die ganze Aktion zu leiten, der ganzen Aktion ein Gesicht zu geben. Und ich möchte Sie hier an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß es ja durchaus nicht darauf ankommt, besonders auf die Persönlichkeiten zu deuten, die irgend etwas [in solchen Zusammenhängen] tun. So gab es zum Beispiel einen Unterhändler, einen Montenegriner, der eine sehr wichtige Rollespielte bei dem, was von den Karadjordjevići zusammen mit Rußland unternommen worden ist. Aber diesem kam es gar nicht darauf an, der radikalen serbischen Partei oder sonst irgend jemandem zu dienen. Das hat er später gezeigt, namentlich dadurch, daß er die zahlreichen Briefe, die er in dieser verhängnisvollen Sache mit Peter Karadjordjević gewechselt hatte, in Wien zum Kauf anbot. Der Verkauf in Wien ist nur dadurch vereitelt worden, daß der gute Karadjordjević selber hundertfünfzigtausend Franken schwitzte, um diese Briefe, die dazumal gewechselt worden waren, wieder im Jahre 1907 zurückzukaufen.

[ 24 ] But Peter Karadjordjević had been instructed to keep a low profile in Geneva and under no circumstances to make a move there. In contrast, a whole series of negotiators were scattered across various locations; they had been appointed to direct the entire operation in Russia’s interest and to give the whole operation a public face. And I would like to draw your attention here to the fact that it is by no means important to focus specifically on the individuals who do anything [in such contexts]. For example, there was a negotiator, a Montenegrin, who played a very important role in what the Karadjordjević family undertook together with Russia. But it was not at all his intention to serve the radical Serbian party or anyone else. He demonstrated this later, notably by offering for sale in Vienna the numerous letters he had exchanged with Peter Karadjordjević regarding this fateful matter. The sale in Vienna was thwarted only because the good Karadjordjević himself shelled out one hundred and fifty thousand francs to buy back these letters, which had been exchanged at that time, in 1907.

[ 25 ] Ich will auf diese Dinge nur hindeuten, aber, meine lieben Freunde, wenn einmal die Geschichte dessen geschrieben werden wird — und sie wird einmal geschrieben werden —, was sich.abgespielt hat dazumal in Wien im Restaurant Hopfner, was sich abgespielt hat am 22. Januar 1903 in Linz, was sich abgespielt hat im April in Mödling im Hotel Biegler, wenn einmal die Geschichte davon geschrieben wird, wie da zustande gekommen ist jenes Dokument, wodurch der Karadjordjević sich verpflichtete, nichts zu unternehmen gegen diejenigen, die den Alexander Obrenović und die Draga Ma$in ermorden werden, wenn er auf den Thron kommen sollte, dann wird das ein Kapitel sein, das auf vieles Licht werfen wird. Namentlich wird das wichtig sein, was am 22. Januar 1903 in Linz von Peter Karadjordjević unterschrieben worden ist, sowie die Besprechung, die einige im Dienste dieser Sache stehende Offiziere im Gasthause Kolarac in Belgrad hatten.

[ 25 ] I merely wish to allude to these matters, but, my dear friends, when the history of what took place back then in Vienna at the Hopfner Restaurant, what took place on January 22, 1903, in Linz, and what took place in April in Mödling at the Hotel Biegler is finally written—and it will be written one day— when the story is finally written about how that document came to be—the one in which Karadjordjević pledged not to take any action against those who would assassinate Alexander Obrenović and Draga Ma$in should he ascend to the throne—then that will be a chapter that sheds light on many things. In particular, what Peter Karadjordjević signed in Linz on January 22, 1903, will be significant, as will the meeting that several officers working toward this cause held at the Kolarac Inn in Belgrade.

[ 26 ] Nach all diesen Präliminarien wurde im Juni 1903 der in der Welt ja in anderer Weise — [ohne Wissen um solche Hintergründe] — bekannt gewordene Mord in Belgrad durchgeführt. Eine wichtige Rolle bei diesem Mord spielte ein gewisser Leutnant Voja Tankosić. Es ist nicht unbedeutend, daß dazumal der Anführer einer der Gruppen, welche überall verteilt waren, um die verschiedenen Anhänger des Alexander Obrenović und der Draga Ma$in zu ermorden, Leutnant Voja Tankosić war. Sie wissen vielleicht, daß unter den Persönlichkeiten, auf welche hingewiesen wurde in den Untersuchungen, die von Österreich nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand gemacht worden sind, unter denjenigen Persönlichkeiten in Serbien, von denen der Mord in Sarajevo organisiert worden ist, ein gewisser Major Tankosić genannt worden ist. Es ist derselbe Voja Tankosić, der dazumal die Aufgabe hatte, die beiden Brüder Lunjevici, die Brüder der Draga Ma$in, zu ermorden, und dem dann die Aufgabe zufiel, nachdem er mittlerweile zum Major avanciert war, die Rolle, die ja in der Welt bekannt geworden ist, bei der Ermordung des Franz Ferdinand zu spielen. Es ist wichtig, damit man auch an realen Objekten die Zusammenhänge sieht, darauf hinzuweisen, wie das eine in dem Folgenden weiter fortwirkt.

[ 26 ] After all these preliminaries, the assassination in Belgrade—which had become known to the world in a different light—[without knowledge of such background details]—was carried out in June 1903. A certain Lieutenant Voja Tankosić played an important role in this assassination. It is not insignificant that at that time, Lieutenant Voja Tankosić was the leader of one of the groups that were scattered throughout the country to assassinate the various supporters of Alexander Obrenović and Draga Ma$in. You may know that among the individuals named in the investigations conducted by Austria following the assassination of Archduke Franz Ferdinand—specifically, among those in Serbia who organized the assassination in Sarajevo—a certain Major Tankosić was mentioned. This is the same Voja Tankosić who, at that time, was tasked with assassinating the two Lunjević brothers—Draga Ma$in’s brothers—and who, after having since been promoted to major, was then assigned the role—which has since become known throughout the world—in the assassination of Franz Ferdinand. It is important—so that one can see the connections through real-life examples—to point out how one event continues to have repercussions in what follows.

[ 27 ] Die Dynastie der Obrenovići war nun also weggeräumt, und es handelte sich darum, den Karadjordjević auf den serbischen Thron zu bringen, denn PaSi€ zum Beispiel war, wenn er auch in allem drinnensteckte, noch nicht sogleich damit einverstanden, daß Peter Karadjordjević auf den Thron komme — Pšsič wollte dazumal einen Engländer auf den serbischen Thron befördern. Selbst im Osten Europas war man nicht überall derselben Meinung. So zum Beispiel konnten in St. Petersburg Leute — und das kann historisch nachgewiesen werden, sie wohnten in der Nähe — hören, wie die Großfürstin Milica Nikolajevna nach dem Bekanntwerden der Ermordung des Obrenović sich vernehmen ließ: Trinken wir auf das Wohl des Königs Nikita von Serbien. — Also in diesen Kreisen bestand die Tendenz, den Nikita von Montenegro — diesen Mann, den Sie ja dem Namen nach kennen werden — auf den serbischen Thron zu bringen. Aber als es zur Entscheidung kam, erschien der damalige russische Geschäftsträger in Belgrad, Čarykov, und erklärte wörtlich: Ich bin gekommen, um die Mitteilung zu machen, daß meine Regierung — das heißt die russische Regierung — nur dann einverstanden sein wird, wenn bei der morgigen Königswahl Prinz Karadjordjević einstimmig zum König von Serbien gewählt wird.

[ 27 ] The Obrenović dynasty had now been swept aside, and the task at hand was to place the Karadjordjević on the Serbian throne, for PaSi€, for example—even though he was involved in everything—did not immediately agree that Peter Karadjordjević should ascend the throne — Pšsič wanted to install an Englishman on the Serbian throne at that time. Even in Eastern Europe, not everyone shared the same opinion. For example, in St. Petersburg, people—and this can be historically verified; they lived nearby—could hear Grand Duchess Milica Nikolayevna say, after the news of Obrenović’s assassination became known: “Let us drink to the health of King Nikita of Serbia.” — So in these circles there was a tendency to place Nikita of Montenegro—this man, whom you will surely know by name—on the Serbian throne. But when the time came to make a decision, the then Russian chargé d’affaires in Belgrade, Čarykov, appeared and declared, word for word: “I have come to announce that my government—that is, the Russian government—will only agree if, in tomorrow’s election, Prince Karadjordjević is unanimously elected King of Serbia.”

[ 28 ] Meine lieben Freunde, da habe ich Sie auf eine Reihe von Tatsachen hingewiesen, welche Ihnen zeigen sollen, wie Dinge wirken, wenn sie in gewisse Bahnen geleitet werden, denn man muß schon eine konkrete Vorstellung von dem haben, was eigentlich in der Welt geschieht. Nun, ich will sozusagen symptomatisch vorgehen. Es können sich die Dinge ja erst dann zu einem Bilde vereinigen und uns einen Aufstieg zu den Grundwahrheiten der Sache geben, wenn wir auf mancherlei eingehen. Bei alledem muß ich immer betonen: Standpunkte kann man haben, und den Standpunkt eines jeden kann man begreifen. Aber wer einen solchen Standpunkt hat, sollte sich dessen bewußt sein, und vor allen Dingen muß man sich dies selbst eingestehen; man sollte nicht so ohne weiteres über die Dinge urteilen, als ob man von einem höheren Forum aus urteile.

[ 28 ] My dear friends, I have pointed out to you a series of facts intended to show you how things work when they are directed along certain paths, for one must have a concrete idea of what is actually happening in the world. Now, I would like to proceed, so to speak, symptomatically. After all, things can only come together to form a coherent picture—and enable us to ascend to the fundamental truths of the matter—if we consider various aspects. In all of this, I must always emphasize: One can have different points of view, and one can understand everyone’s point of view. But whoever holds such a point of view should be aware of it, and above all, one must admit this to oneself; one should not judge matters so readily, as if judging from a higher vantage point.

[ 29 ] Wirklich, ich habe mich in der letzten Zeit — gerade in der letzten Zeit — oftmals fragen müssen, woher denn gewisse Dinge kommen, wie denn gewisse Dinge entstehen. Ich habe Ihnen, als ich diese Betrachtungen begonnen habe, gesagt, daß es mir wirklich schmerzlich gewesen ist zu erfahren, wie man nach der einen Richtung hin im Grunde nur unfreundlichen, mindestens zweifelhaften Urteilen begegnet und wie gerade diejenigen Leute, die solche unfreundlichen Urteile nach einer gewissen Seite hin haben, sich die Fähigkeit zuschreiben, die Dinge objektiv zu beurteilen. Man braucht ja nicht weit zu gehen, um zu sehen, was da an Unfreundlichkeiten in Betracht kommt. Ich möchte dabei immer wieder betonen, daß ich jeden Standpunkt verstehe, aber nicht, wenn angegeben wird, daß ein Urteil auf einer gewissen objektiven Grundlage gefaßt worden sei — angeblich auf einer objektiven Grundlage. Man kann zum Beispiel lesen:

[ 29 ] Truly, I have often found myself wondering lately—especially lately—where certain things come from, how certain things come about. When I began these reflections, I told you that it was truly painful for me to learn how, in one particular direction, one essentially encounters only unfriendly—or at the very least dubious—judgments, and how precisely those people who hold such unfriendly judgments in a certain regard attribute to themselves the ability to judge things objectively. One need not look far to see what kinds of unkindnesses are at play here. I would like to emphasize again and again that I understand every point of view, but not when it is claimed that a judgment has been formed on a certain objective basis—allegedly on an objective basis. For example, one can read:

Für die Frage der Schuld am Ausbruche des Krieges sind die bereits bekannten diplomatischen Aktenstücke von entscheidendem Werte. Man muß sie freilich gründlich studieren; was nur schr wenige getan haben; wer sie verächtlich auf die Seite schiebt, der kennt sie offenbar nicht. Aus diesem Zeughaus ziehen die Staatsmänner, in ihren Reden, gelegentlich einzelne Argumente heraus, die natürlich auf die Unwissenden großen Eindruck machen; es gilt aber jedesmal, die Texte in ihrem Zusammenhang und in ihrer Vollständigkeit zu lesen. Die Lektüre der diplomatischen Bücher ist auf den ersten Blick ebenso trocken wie verwirrend; aus eigener Erfahrung darf ich jedoch sagen, daß sie immer anziehender, ja immer packender wird; diese dürren, oft schwerfälligen, nicht selten verlogenen Texte lesen sich zuletzt wie die Szenen einer Tragödie.

The diplomatic documents already in the public domain are of decisive importance when it comes to the question of who was to blame for the outbreak of the war. Of course, they must be studied thoroughly—something only a few have done; those who dismissively set them aside are clearly unfamiliar with them. From this treasure trove, statesmen occasionally draw out individual arguments in their speeches, which naturally make a great impression on the uninformed; however, it is always important to read the texts in their context and in their entirety. At first glance, reading diplomatic documents is as dry as it is confusing; yet from my own experience, I can say that it becomes increasingly engaging, even gripping; these dry, often ponderous, and not infrequently deceptive texts ultimately read like scenes from a tragedy.

[ 30 ] Das sagt der Verfasser.

[ 30 ] Here's what the author says.

Das Resultat dieser Lektüre ist für mich ganz klar. Es liegt ein Verbrechen an der Menschheit vor; es ist von den Regierungen der Zentralmächte begangen worden. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern noch öfters habe ich das Problem wieder von vorne aufgegriffen, mit neuen Möglichkeiten geprüft, und immer wieder mußte ich zu demselben Resultate gelangen. Noch heute würde ich, im Bewußtsein meiner Subjektivität, dieses Resultat bezweifeln, wenn nicht andere denselben Schluß gezogen hätten, die unter ganz andern Verhältnissen an das Problem herantraten. Das Urteil der Kriegführenden, die für das eigene Land eintreten, oder das Urteil derjenigen, die aus politischer Überzeugung die Regierung des eigenen Landes bekämpfen, kann logisch zwingend sein, es hätte doch für mich noch nicht jene moralische Kraft, die die Gewißheit schafft. Wenn ich also von «andern» spreche, so verstehe ich darunter einige Deutschschweizer, deren persönliche Verhältnisse, alte Sympathien und wissenschaftlich Schulung durchaus deutsch sind und deren Objektivität und Autorität in unserem Lande so groß sind, daß die bloße Nennung ihrer Namen den tiefsten Eindruck machen würde. Diese Männer wollen nicht in die Öffentlichkeit treten; es ist ihr gutes Recht; so werde ich sie nicht nennen. Schon im November 1914 hat einer von ihnen, in kleinem Kreise, mit streng wissenschaftlicher Kritik das deutsche Weißbuch vernichtet; aus einem jüngsten Gespräch weiß ich, daß die letzte Kanzlerrede dieses Urteil bloß verschärft hat. Die vielerwähnte «Einkreisung», der von Rußland für das Jahr 1917 geplante Krieg und andere Dinge dieser Art, das sind Behauptungen, denen ich ja nicht jeden Wert absprechen möchte; sie führen bereits zur andern Serie von Tatsachen hinüber, haben aber bloß eine relative, zum Teil hypothetische Bedeutung und ändern nichts an der Tatsache, daß Ende Juli 1914 der Krieg noch hätte vermieden werden Können; daß er.aber von einer’ Seite gewollt und ausgeführt würde.

The conclusion I draw from this reading is quite clear to me. A crime against humanity has been committed; it was perpetrated by the governments of the Central Powers. Not once, not ten times, but even more often have I revisited the problem from the beginning, examined it in light of new possibilities, and time and again I have had to arrive at the same conclusion. Even today, fully aware of my own subjectivity, I would doubt this conclusion were it not for the fact that others—who approached the problem under entirely different circumstances—have reached the same conclusion. The judgment of those waging war who defend their own country, or the judgment of those who oppose their own country’s government out of political conviction, may be logically compelling; yet for me, it would still lack that moral force which creates certainty. So when I speak of “others,” I mean certain German-speaking Swiss whose personal circumstances, long-standing sympathies, and scholarly training are thoroughly German, and whose objectivity and authority in our country are so great that the mere mention of their names would make the deepest impression. These men do not wish to appear in public; that is their right; so I will not name them. As early as November 1914, one of them, in a small circle, demolished the German White Paper with rigorous scholarly criticism; from a recent conversation, I know that the chancellor’s latest speech has only reinforced this judgment. The much-discussed “encirclement,” the war planned by Russia for 1917, and other matters of this sort—these are assertions to which I do not wish to deny all value; they already lead over to the other set of facts, but have only a relative, partly hypothetical significance and do not alter the fact that at the end of July 1914, the war could still have been avoided; that it was, however, willed and carried out by one side.

[ 31 ] Nun, meine lieben Freunde, ich darf sagen, daß ich wahrhaftig öfter — viel öfter als ein Dutzend Mal — die sämtlichen Blau-, Rot- und Weißbücher wirklich studiert habe und bei mir wirklich zugelassen habe jede Richtung des Urteils; [je nach dem Ergebnis] hätte ich dann eben die Möglichkeit finden müssen, mit den realen Tatsachen auszukommen. Aber wenn ich alles, alles in Erwägung ziehe, so muß ich sagen: Die Urteile, die ich höre, sie erinnern mich doch immer und immer wieder nur an eines — an lange Diskussionen, die mit den Worten schließen: Tut nichts, der Jude wird verbrannt! — Ob es nun mehr oder weniger geistreiche Menschen sind, man hört doch immer wieder nur die Stimmung heraus: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt! — Und da man niemals eine objektive Begründung finden kann für so schwerwiegende Behauptungen, wie sie zum Beispiel da gemacht werden, so können diese Dinge doch nur als etwas genommen werden, was im eminentesten Sinn zu einer Frage werden muß: Woher kommt es denn, daß ein so großer Teil der Menschen das Urteil hat, das zuletzt eben zusammengefaßt wird mit dem Ausspruch — wenn auch nicht mit diesen Worten selbstverständlich: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt! — Woher kommt das denn?

[ 31 ] Well, my dear friends, I can say that I have indeed studied all the Blue, Red, and White Books—far more often than a dozen times—and have truly allowed myself to consider every possible perspective; [depending on the outcome] I would then have simply had to find a way to come to terms with the actual facts. But when I take everything—absolutely everything—into consideration, I must say: The judgments I hear remind me, time and time again, of only one thing—of long discussions that conclude with the words: “Never mind, the Jew will be burned!” — Whether the people making these statements are more or less intelligent, the underlying sentiment is always the same: “Do nothing—the German will be burned!” — And since one can never find an objective justification for such grave assertions as those made here, for example, these things can only be taken as something that, in the most fundamental sense, must become a question: How is it that such a large proportion of people hold the view that is ultimately summed up by the statement—even if not in those exact words, of course: “Do nothing; the German will be burned!”—How did this come about?

[ 32 ] Gerade in diesem Urteil fließt vieles zusammen, meine lieben Freunde. Und es fließt namentlich deshalb vieles zusammen, weil es nichts nützt, dies oder jenes dort vorzubringen, wo die Gründe liegen, die zu diesem Urteil führen. Und dennoch, meine lieben Freunde, ist die Frage, die ich hiermit aufwerfe, in der tiefsten Bedeutung auch eine Herzens- und Seelenfrage. Ich weiß, was man alles gedacht hat, als ich aus einer bestimmten Notwendigkeit heraus meine Broschüre «Gedanken während der Zeit des Krieges» schrieb, die — wie es im Untertitel heißt — «für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen» bestimmt war. Ich weiß, daß dies Gedanken sind — rechnen Sie es mir nicht als Unbescheidenheit an, wenn ich es ausspreche —, ich weiß, daß dies Gedanken sind, die einstmals von der Geschichte als diejenigen Gedanken angesehen werden, welche in Betracht kommen, und mag es auch noch so lange dauern! Aber ich weiß auch, daß gewisse Dinge nicht möglich sein werden — aus inneren geistigen Zusammenhängen heraus nicht möglich sein werden —, solange nicht, an gewissen Stellen wenigstens, eine Empfindung für die Richtigkeit dieser Gedanken da ist. Und diejenigen, welche sich nicht durch das innere Schwergewicht solcher Gedanken überzeugen lassen wollen, die werden noch von mancher Seite Lehren empfangen müssen. Eine gewichtige Lehre wird der Welt schon zuteil werden, wenn die Programme solcher Leute wie Lloyd George verwirklicht werden. Aber vielleicht werden noch manche andere Lektionen nötig sein — auch gewisse Leute der Peripherie werden solche Lektionen erhalten. Und man könnte manches anders gestalten, wenn man sich weniger betäuben lassen wollte durch jene Urteile, die ich charakterisiert habe.

[ 32 ] It is precisely in this judgment that many things come together, my dear friends. And they come together, in particular, because it is of no use to raise this or that point where the reasons that lead to this judgment lie. And yet, my dear friends, the question I am raising here is, in its deepest sense, also a matter of the heart and soul. I know what people thought when, out of a certain necessity, I wrote my pamphlet Thoughts During the Time of War, which—as the subtitle states—was intended “for Germans and those who do not believe they must hate them.” I know that these are thoughts—please do not take it as immodesty when I say this—I know that these are thoughts that will one day be regarded by history as the ones that matter, no matter how long it may take! But I also know that certain things will not be possible—will not be possible due to inner spiritual connections—as long as there is no sense, at least in certain quarters, of the truth of these thoughts. And those who refuse to be convinced by the inner weight of such thoughts will still have to learn many lessons from various quarters. The world will certainly receive a weighty lesson when the programs of people like Lloyd George are put into practice. But perhaps many other lessons will be necessary—certain people on the periphery will also receive such lessons. And one could shape many things differently if one were less willing to be numbed by those judgments that I have characterized.

[ 33 ] Das, was ich Ihnen sage, ist schon wahr, denn ein Teil der Lösung wird darin bestehen, daß an manchen Stellen das Urteil in die eben angedeutete Bahn gerückt wird. Was nützt es denn, wenn zum Beispiel ein Angehöriger der englischen Nation sich für diesen oder jenen Mann einsetzt, durch den dieses oder jenes wirkt, und es wie eine persönliche Beleidigung aufnimmt, wenn gerade diese Persönlichkeit

[ 33 ] What I am telling you is indeed true, for part of the solution will consist in steering judgment in the direction I have just indicated in certain instances. What good does it do, for example, if a member of the English nation advocates for this or that man, through whom this or that is accomplished, and takes it as a personal insult when precisely this individual

[ 34 ] in einer objektiven Weise charakterisiert wird? Gerade weil aus der englischen Kultur das hervorgeht, was ich vorgestern charakterisiert habe — jene besondere Formung politischer Gedanken —, ist es auch möglich, daß manches Tiefere dahinter ist, was als Werkzeug benützt wird, um manches in ganz sonderbare Richtungen zu lenken. Denn, meine lieben Freunde, es liegt das Eigentümliche vor, daß man als das ungeeignetste Instrument für gewisse Impulse, die vom Westen Europas herkommen, das anzusehen hat, was ich als politische Gedanken der englischen Kultur charakterisiert habe. Es ist durchaus möglich — und es ist wirklich so —, daß auf der einen Seite das steht, was gerade das englische Volk im fünften nachatlantischen Zeitraum zu verwirklichen berufen ist, daß aber dieses stets durchkreuzt wird von ganz anderer Seite her. Und man muß schon auch auf mancherlei andere Stimmen im Orchester hören, selbst wenn in diesem Orchester die schönen Stimmen sind, die ich vorgestern charakterisiert habe.

[ 34 ] is characterized in an objective manner? Precisely because English culture gives rise to what I characterized the day before yesterday—that particular shaping of political thought—it is also possible that there is something deeper underlying it, something that is used as a tool to steer certain things in quite peculiar directions. For, my dear friends, there is a peculiarity here: what I have characterized as the political ideas of English culture must be regarded as the least suitable instrument for certain impulses coming from Western Europe. It is entirely possible—and indeed this is the case—that on the one hand there stands what the English people are called upon to realize in the fifth post-Atlantic epoch, but that this is constantly thwarted by forces coming from a completely different direction. And one must certainly also listen to various other voices in the orchestra, even if this orchestra includes the beautiful voices I described the day before yesterday.

[ 35 ] So möchte ich zum Beispiel Ihre Aufmerksamkeit lenken auf einen Ausspruch Lord Roseberys aus dem Jahre 1893 — nicht aus dem Grunde, weil just dieser eine Ausspruch eine besondere Wichtigkeit hätte, sondern weil ein solcher Ausspruch ein symptomatischer Ausdruck ist für etwas, was existiert und gerade in diesem Ausspruch charakteristisch herauskommt; man könnte es durch viele andere ÄuRerungen charakterisieren, aber in diesem Ausspruch kommt es gerade charakteristisch heraus. Lord Rosebery sagte — es ist übersetzt:

[ 35 ] For example, I would like to draw your attention to a statement made by Lord Rosebery in 1893—not because this particular statement is of special importance, but because such a statement is a symptomatic expression of something that exists and is particularly evident in this very statement; one could characterize it through many other statements, but in this particular remark it comes across most characteristically. Lord Rosebery said—the translation reads:

Man sagt, daß unser Reich groß genug ist und daß wir genug Territorien besitzen. [...] Wir dürfen aber nicht nur das ins Auge fassen, was wir heute nötig haben, sondern auch das, was wir in der Zukunft nötig haben werden. [...] Wir müssen uns bewußt bleiben, daß es ein Teil unserer Pflicht und unseres Erbteils ist, dafür zu sorgen, daß die Welt den Stempel unseres Volkes trage und nicht den irgendeines anderen.

It is said that our empire is large enough and that we possess enough territory. [...] However, we must not focus solely on what we need today, but also on what we will need in the future. [...] We must remain mindful that it is part of our duty and our heritage to ensure that the world bears the stamp of our people and not that of any other.

[ 36 ] Es ist wichtig zu wissen, daß auch solche Stimmen sich in das Weltenorchester hineinmischen. Nun ist Lord Rosebery an und für sich nach dieser Richtung hin nicht eine bedeutende Persönlichkeit gewesen, aber in solch einem Ton ergoß sich dasjenige, auf das wir eben hindeuten werden. Das ist wichtig ins Auge zu fassen, daß immerhin von da — nicht vom Volke, aber von einem Mann, hinter dem Gruppen stehen —, herübertönte der Anspruch darauf, daß die ganze Welt den Stempel des englischen Volkes aufgedrückt bekommt. Das, meine lieben Freunde, ist aber nichts anderes als die Resonanz dessen, was in manchen okkulten Bruderschaften immer gelehrt wurde — gelehrt wurde zum Beispiel auch mit den Worten: Das lateinische Wesen ist im Untergange, das ist in der Dekadenz, das braucht man nur sich selbst zu überlassen, das kann uns nicht mehr irgendwie behelligen; der fünfte nachatlantische Zeitraum gehört den englischsprechenden Völkern allein, sie haben die Erde zu dem zu machen, was sich aus ihnen entwickelt. Man muß das, was da in okkulten Bruderschaften als eine feste Lehre gegeben wurde, widerklingen hören in Lord Roseberys Ausspruch, und man wird immerhin manches daraus lernen können, denn es handelt sich darum, auf die richtigen Stellen hinzuschauen. Was äußerlich geschieht, meine lieben Freunde, das kann Komödie sein, und es handelt sich nur darum, daß man die Komödie durchschaut und sie nicht als weltbeglückende Ereignisse ins Auge faßt.

[ 36 ] It is important to realize that such voices, too, blend into the world’s orchestra. Now, Lord Rosebery was not, in and of himself, a significant figure in this regard, but it was in precisely this tone that the sentiment we are about to point out was expressed. It is important to bear in mind that, after all, from there—not from the people, but from a man backed by certain groups—came the claim that the entire world should bear the stamp of the English people. That, my dear friends, is nothing other than the resonance of what has always been taught in certain occult brotherhoods—taught, for example, with the words: The Latin essence is in decline, it is in decadence; one need only leave it to its own devices; it can no longer trouble us in any way; the fifth post-Atlantean epoch belongs solely to the English-speaking peoples; they are to shape the Earth into what develops from within them. One must hear the echoes of what was presented as a fixed doctrine in occult brotherhoods in Lord Rosebery’s statement, and one will at least be able to learn something from it, for the point is to look at the right aspects. What happens on the surface, my dear friends, may be a comedy, and the only thing that matters is that one sees through the comedy and does not regard it as events that bring happiness to the world.

[ 37 ] Nicht wahr, wenn sich jemand auf den Standpunkt stellt, auf den sich Lord Rosebery dazumal gestellt hat, dann braucht mit ihm nicht diskutiert zu werden, denn in solchen Dingen ist eine Diskussion ganz unnötig. Man kann auch nicht davon sprechen, daß jemand kein Recht hätte, einen solchen Standpunkt einzunehmen. Er hat selbstverständlich das Recht. Jeder hat das Recht, sich auf diesen Standpunkt Lord Roseberys zu stellen, aber er soll sagen: Mein Endziel ist, die Welt englisch zu machen — und nicht: Ich kämpfe für Freiheit und Recht der kleinen Völkerschaften. — Darum handelt es sich. Man kann den Standpunkt Lord Roseberys von seinem Gesichtspunkt aus ganz gut begreifen. Wenn man sich aber nicht auf seinen Standpunkt stellt, so stellt man sich notwendigerweise auf einen andern Standpunkt, und dann gibt es zwischen den zwei Standpunkten keine Einigung, sondern nur die Möglichkeit, daß sich mit den Mitteln, die die Welt dafür hat, die Sache ausgleicht. Dann müssen unter Umständen solche Standpunkte notwendigerweise zum Kriegsausbruche führen. Das ist ja ganz selbstverständlich, denn sonst müßte man verlangen, daß sich die andern freiwillig einem solchen Standpunkte unterwerfen. Ist ihr Standpunkt aber der, daß sie das nicht wollen, dann kommen eben die Konflikte. Deshalb, meine lieben Freunde, will ich auch nur Standpunkte charakterisieren, denn es kommt doch nicht darauf an, ein objektives Urteil über etwas zu fällen, was nicht objektiv sein kann, sondern wo man einfach wählen muß.

[ 37 ] Isn’t it true that if someone takes the position that Lord Rosebery took back then, there’s no point in discussing the matter with him, because discussion is entirely unnecessary in such matters? Nor can one say that someone has no right to take such a position. Of course he has that right. Everyone has the right to adopt Lord Rosebery’s position, but they should say: “My ultimate goal is to make the world English”—and not: “I am fighting for the freedom and rights of small nations.”—That is the crux of the matter. One can quite well understand Lord Rosebery’s position from his point of view. But if one does not adopt his standpoint, one necessarily adopts a different one, and then there is no agreement between the two standpoints—only the possibility that the matter will be settled by the means available to the world. Under certain circumstances, such standpoints must inevitably lead to the outbreak of war. That goes without saying, for otherwise one would have to demand that the others voluntarily submit to such a standpoint. But if their standpoint is that they do not want to do so, then conflicts will inevitably arise. That is why, my dear friends, I wish only to characterize these standpoints, for what matters is not to pass an objective judgment on something that cannot be objective, but simply to make a choice.

[ 38 ] Deshalb kann ich auch einen Standpunkt wie den des französischen Außenministers Hanotaux begreifen, den er im Jahre 1909 in dem Buche über Faschoda und die Teilung Afrikas einnimmt. Er sagt da:

[ 38 ] That is why I can also understand a viewpoint such as that expressed by French Foreign Minister Hanotaux in his 1909 book on Fashoda and the Partition of Africa. He states there:

Seit zehn Jahren ist das Werk vollendet; Frankreich hat seinen Rang unter den vier Weltmächten behauptet. Es ist in allen Weltteilen zu Hause. Französisch spricht man und wird man immer sprechen in Afrika, in Asien, in Amerika, in Ozeanien. [...] Herrschaftskeime sind ausgesät in allen Teilen des Erdballs. Sie werden gedeihen unter dem Schutze des Himmels.

For ten years now, the work has been complete; France has maintained its place among the four world powers. It is at home in every part of the world. French is spoken—and will always be spoken—in Africa, Asia, the Americas, and Oceania. [...] The seeds of dominion have been sown in every corner of the globe. They will flourish under the protection of Heaven.

[ 39 ] Auch einen solchen Standpunkt kann man selbstverständlich begreifen, aber daß sich eventuell Kollisionen ergeben können mit andern Standpunkten — das muß doch eingesehen werden.

[ 39 ] Of course, one can understand such a point of view, but one must recognize that conflicts with other points of view may arise.

[ 40 ] Nun muß man auch etwas anderes objektiv in Erwägung ziehen. Es ist oftmals gerade in Deutschland das Wort «Kolonialpolitik» gebraucht worden. Aber bevor Deutschland begonnen hat, eine Art Kolonialpolitik zu treiben, was ja im Grunde genommen niemals in Bismarcks Absicht gelegen hat, denn Deutschland — und darauf kann später einmal eingegangen werden — mußte erst zur Kolonialpolitik «herangebändigt» werden, nicht einmal von sich aus, sondern auf eine sehr merkwürdige Weise von ganz anderer Seite her. Es lag überhaupt so wenig im Charakter des deutschen Volkes, eine Kollision nach dieser Richtung hervorzurufen, daß Sie zum Beispiel in den berühmten Reden Fichtes an die Deutsche Nation ausdrücklich lesen können: Die Deutschen werden niemals einem Volke hereinreden, das von der Freiheit der Meere spricht und eigentlich damit meint, gegen alle anderen die Meere zu beherrschen. — Vor allen Dingen, man wußte auch in Frankreich, daß geradezu die Neigung bestand, jenes Ziel, das hier Hanotaux ausspricht, nicht irgendwie zu durchkreuzen, sondern ruhig Frankreich seinen Weg als Kolonialvolk gehen zu lassen.

[ 40 ] Now we must also objectively consider something else. The term “colonial policy” has often been used, particularly in Germany. But before Germany began to pursue any kind of colonial policy—which, after all, was never really Bismarck’s intention, since Germany—and this can be discussed later—first had to be “coerced” into colonial policy, not even of its own accord, but in a very peculiar way from a completely different quarter. It was so very much against the nature of the German people to provoke a conflict of this kind that, for example, in Fichte’s famous Addresses to the German Nation, you can read explicitly: “The Germans will never pander to a people that speaks of freedom of the seas but actually means to dominate the seas against all others.” — Above all, it was also known in France that there was a distinct inclination not to thwart in any way the goal that Hanotaux articulates here, but rather to calmly let France go its own way as a colonial power.

[ 41 ] Nun findet sich aber in dem Buch des Ministers Hanotaux, das ich angeführt habe, noch die folgende Stelle:

[ 41 ] However, the book by Minister Hanotaux that I cited also contains the following passage:

Es wird Sache der Geschichte sein, festzustellen, welches der leitende Gedanke Deutschlands und seiner Regierung bei den verwickelten Streitigkeiten gewesen ist, unter denen sich die Teilung Afrikas und die letzte Phase der französischen Kolonialpolitik vollzogen hat. Man kann annehmen, daß zu Anfang die Bismarck’sche Politik mit Genugtuung zugesehen hat, wie Frankreich sich auf entfernte und schwierige Unternehmungen einließ, die für lange Jahre hinaus die Aufmerksamkeit des Landes und seiner Regierung voll in Anspruch nehmen mußten. Immerhin ist es nicht sicher, daß diese Rechnung sich auf die Dauer als richtig erwiesen hat, da schließlich Deutschland seinerseits den gleichen Weg beschritt und — freilich etwas spät — die verlorene Zeit wiederzugewinnen suchte. Wenn dieser Staat aus freiem Ermessen [...]

It will be up to history to determine what Germany’s and its government’s guiding principle was amid the complex disputes that marked the partition of Africa and the final phase of French colonial policy. One can assume that, at the outset, Bismarck’s policy watched with satisfaction as France embarked on distant and difficult undertakings that were bound to fully occupy the attention of the country and its government for many years to come. Nevertheless, it is not certain that this calculation proved correct in the long run, since Germany ultimately followed the same path and—albeit somewhat late—sought to make up for lost time. If this state, of its own free will [...]

[ 42 ] — bitte, er sagt «aus freiem Ermessen» —

[ 42 ] — please note, he says “at his discretion” —

[...] die koloniale Initiative anderen überlassen hat, darf er sich nicht wundern, wenn diese die besten Stücke erlangt haben.

[...] having left the colonial initiative to others, he should not be surprised if they have secured the best opportunities.

[ 43 ] Man kann natürlich selbstverständlich wiederum diesen Standpunkt durchaus verstehen, aber er enthält doch ein Geständnis: daß Deutschland «aus freiem Ermessen» der Kolonialpolitik Frankreichs die besten Stücke überlassen hat — urteilen Sie jetzt nicht sogleich nach den Einzelheiten, die ich gebe, denn erst, wenn ich sie alle beisammen habe, wird es ein Gesamtbild ergeben.

[ 43 ] Of course, one can certainly understand this point of view, but it does contain an admission: that Germany, “of its own free will,” ceded the best parts to France’s colonial policy—please do not jump to conclusions based on the details I am providing, for only when I have gathered them all together will a complete picture emerge.

[ 44 ] Sehen Sie, man kann die Frage aufwerfen, wie es denn überhaupt möglich ist, so leichtsinnig einen Zusammenhang zu konstruieren zwischen den Ereignissen, die sich etwa vom 22. bis 24., 25. Juli 1914 abspielten, und denen der nächsten Tage. Sie glauben gar nicht, wie leichtsinnig es ist, wie unbändig leichtsinnig es ist, wenn man in diesen Ereignissen eine bloße Kontinuität sucht und glaubt, daß so ohne weiteres aus dem Ultimatum von Österreich an Serbien der große Weltkrieg entstanden sei oder gar hätte entstehen müssen. Es mußte mancherlei anderes hinzukommen; es mußte mancherlei anderes seit Jahrzehnten vorbereitet sein. Aber man muß in einer gewissen Weise ein Auge haben und aufmerksam sein für manches, was da geschehen ist. Den Herren, die so ohne weiteres über die vielen Bücher in der Weise urteilen, wie ich es Ihnen an einem Beispiel gezeigt habe, möchte ich raten, nicht nur zu lesen, wie man heute oftmals liest, sondern so zu lesen, daß man im Lesen bemerkt, welche Dinge eigentlich spielten. Und da muß man ja, wie Sie vielleicht wissen, auf manches ganz besonders hinschauen können. So stand [in den Aufzeichnungen der Gespräche, die im Juli des Jahres 1914 stattfanden] — ich setze mich vorläufig wirklich ruhig dem Mißverständnisse aus, daß ich allerlei zusammentrage, was sich nicht so ohne weiteres beweisen ließe, denn alle diese Dinge kann ich gut beweisen —, aber das muß ich doch sagen: Man lese all dies, was viele Gespräche, die im Juli des Jahres 1914 stattgefunden haben, wiedergibt, und sehe darauf, wie diese Gespräche verlaufen sind. Wie man ja sonst auch im Leben manchmal geradezu an den Mienen noch etwas absehen kann, was zu dem bloßen Worte dazukommt, so kann man erst recht beim Politiker dahinterkommen, was er will — aus der Miene, aus der Geste manchmal viel mehr als aus dem, was er sagt. Dieses ist oftmals sogar dazu bestimmt, das zu verdecken, was eigentlich vorgebracht werden soll. Und außerdem werden Berichte über solche Imponderabilien zumeist richtiger gegeben als die Berichte über Worte.

[ 44 ] You see, one might ask how it is even possible to so recklessly construct a connection between the events that took place, say, from July 22 to 24 or 25, 1914, and those of the following days. You have no idea how reckless it is—how wildly reckless—to seek a mere continuity in these events and to believe that the Great War arose, or indeed had to arise, simply as a result of Austria’s ultimatum to Serbia. Many other factors had to come into play; many other things had to have been in the making for decades. But one must, in a certain sense, keep an eye out and be attentive to some of what happened there. To those gentlemen who so readily pass judgment on the many books in the manner I have shown you with an example, I would advise not merely to read—as people often do today—but to read in such a way that, as you read, you notice what was actually at play. And there, as you may know, one must be able to pay very close attention to certain things. So it was written [in the records of the conversations that took place in July 1914]—for the time being, I’m willing to risk the misunderstanding that I’m compiling all sorts of things that can’t be easily proven, because I can indeed prove all of these things—but I must say this: Read all of this, which recounts many conversations that took place in July 1914, and observe how these conversations unfolded. Just as one can sometimes in life discern something from facial expressions that goes beyond mere words, so too can one—especially with politicians—gain insight into what they really want—often much more from their facial expressions and gestures than from what they say. This is often even intended to conceal what is actually meant to be conveyed. Moreover, reports on such intangible factors are usually more accurate than reports on what is actually said.

[ 45 ] Und da möchte ich denn fragen: Warum spielte denn eine Persönlichkeit wie Sazonov deutlich zwei Rollen in den ganzen Verhandlungen? Warum spielte Sazonov diese Rolle, die den Eindruck machen mußte eines außerordentlich aufgeregten Menschen, der sich aber mit aller Gewalt Mühe gibt, um ruhig zu sein, so daß seine Ruhe den Eindruck des Einstudierten macht? Warum spielte er diese Rolle, aus der zu ersehen ist, daß er nicht zuhört, sondern nur das sagt, was er vorbereitet hat — was nicht die rechte Antwort ist auf die Frage, die ihm gestellt wird, sondern etwas, wovon man sehr gut weiß, sehr gut sieht, es ist vorbereitet? Warum spielt er diese Rolle, wenn er mit denjenigen verhandelt, die Österreich zu ihm geschickt hat, und warum nimmt sich sein Verhalten ganz anders aus, wenn er mit den Gesandten der Entente verhandelt? Warum hört er da zu? Warum findet man — wenn er nachher darüber schreibt — solche Sätze, von denen man wissen kann, daß sie ihm zuerst von den Gesandten der Entente gesagt worden sind? Man braucht sie nur miteinander zu vergleichen! Warum hört er da zu? Und warum weiß er bereits, was er sagen wird, wenn er zum Beispiel mit dem Gesandten Österreichs spricht — bis zu dem Grade, daß er sogar ein wenig aus der Rolle fällt? Denn bei den ersten Worten des österreichischen Gesandten, bei dessen Besuch am 24. Juli, sagte Sazonov: Ach, Sie brauchen mir das alles gar nicht zu sagen, das weiß ich schon alles! Es genierte ihn, was der Gesandte sagen wollte, denn er hatte seine Antwort schon fertig! Und warum legte er bei dieser einstudierten Rede besonderen Wert darauf, daß unter gar keinen Umständen von Österreich die Auflösung der «Narodna odbrana», der Fortsetzung der Bestrebungen der «Omladina», verlangt werden dürfe — warum dieses? Ich will es nur als Frage aufwerfen — man muß eben Fragen stellen, oftmals sogar negative Fragen, denn negativ gestellte Fragen [können besonders aufschlußreich sein].

[ 45 ] And so I would like to ask: Why did a figure like Sazonov clearly play two roles throughout the negotiations? Why did Sazonov play this role, which must have given the impression of an extremely agitated man who, however, is trying with all his might to remain calm, so that his composure comes across as rehearsed? Why did he play this role, which makes it clear that he is not listening, but is merely saying what he has prepared—which is not the right answer to the question being asked of him, but something that one knows very well, and can clearly see, has been prepared? Why does he play this role when negotiating with those whom Austria has sent to him, and why does his behavior appear entirely different when he negotiates with the envoys of the Entente? Why does he listen then? Why, when he writes about it afterward, do we find such sentences that we can be certain were first said to him by the envoys of the Entente? One need only compare them! Why does he listen in those instances? And why does he already know what he is going to say when, for example, he speaks with the Austrian envoy—to the point that he even strays slightly from his script? For at the very first words of the Austrian envoy during his visit on July 24, Sazonov said: “Oh, you don’t need to tell me any of that; I already know it all!” He was embarrassed by what the envoy was about to say, because he already had his answer ready! And why, in this rehearsed speech, did he place particular emphasis on the fact that under no circumstances should Austria be asked to dissolve the “Narodna odbrana” or to halt the efforts of the “Omladina”—why this? I just want to raise it as a question—one simply has to ask questions, often even negative ones, because questions phrased negatively [can be particularly revealing].

[ 46 ] Es wird zum Beispiel die Schuld der deutschen Regierung an dem Kriege konstruiert. Demgegenüber kann die Frage gestellt werden: Was wäre geschehen, wenn sich das vollzogen hätte, was die deutsche Regierung eigentlich gewollt hat: die Lokalisierung des Krieges zwischen Österreich und Serbien? Denn das kann jedes Kind aus den Verhandlungen erkennen, daß das das Ziel der deutschen Regierung war: den Krieg zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren, das heißt, es nicht weiter kommen zu lassen als zu einem Krieg zwischen Österreich und Serbien. Diese Frage kann man ja auch aufwerfen: Was wäre in diesem Fall geschehen? Diese Frage sollte sich jeder gewissenhaft beantworten.

[ 46 ] For example, the German government is being blamed for the war. In response, one might ask: What would have happened if the German government’s actual intention—to confine the war to Austria and Serbia—had been carried out? After all, any child can see from the negotiations that this was the German government’s goal: to confine the war to Austria and Serbia—that is, to prevent it from escalating beyond a war between Austria and Serbia. One might also ask: What would have happened in that case? Everyone should answer this question conscientiously.

[ 47 ] Aber eine andere Frage muß man auch gewissenhaft beantworten. Nicht wahr, was hätte auch noch geschehen müssen, um den Krieg zu lokalisieren? Das war, daß Rußland stillgehalten hätte, daß es sich nicht eingemischt hätte. Hätte es sich nicht eingemischt, so wäre der Krieg lokalisiert worden. Notwendigkeiten spielen natürlich auch von anderer Seite hinein, aber das sind Notwendigkeiten, die nichts zu tun haben mit dem Willen der Menschen — und nichts mit der Schuldfrage. Aber warum taucht denn in den Diskussionen zwischen Sir Edward Grey und allen andern niemals der Gesichtspunkt der Lokalisierung auf, wenigstens niemals in ernsthafter Weise, sondern warum taucht denn — und zwar schon vom 23. Juli ab — sofort der Gesichtspunkt auf: Rußland muß befriedigt werden? Niemals taucht der Gesichtspunkt auf, man solle Österreich mit Serbien allein lassen, sondern immer der Gesichtspunkt, man könne Rußland unmöglich zumuten, Serbien allein zu lassen. Und dieser Gesichtspunkt der Lokalisierung tauchte auch dann nicht auf, als Österreich das bindende Versprechen abgab, kein serbisches Territorium zu erobern, überhaupt nichts zu erobern. Kann man zum Beispiel sagen, daß man das nicht geglaubt hat? Dann hätte man ja warten können, denn es ist auch sonst vorgekommen — denken Sie nur an frühere Ereignisse —, daß man ruhig die Leute sich zuerst hat raufen lassen und nachher Konferenzen veranstaltet hat. Warum wird es sogleich die Aufgabe derer, mit denen dieser Sir Edward Grey spricht, die Sache so zu definieren, als ob diese Angelegenheit immer eine russische Frage sei? Das ist auch etwas, was sich jemand, der die Sache wirklich gewissenhaft ins Auge fassen will, beantworten muß.

[ 47 ] But there is another question that must also be answered conscientiously. Isn’t it true that something else would have had to happen in order to contain the war? That was for Russia to have remained on the sidelines, to have refrained from intervening. Had it not intervened, the war would have been contained. Of course, other factors also come into play, but these are necessities that have nothing to do with human will—and nothing to do with the question of blame. But why does the issue of containing the war never come up in the discussions between Sir Edward Grey and everyone else—at least never in a serious way—and why, instead—as early as July 23—does the question immediately arise: Russia must be appeased? The idea that Austria should be left alone with Serbia never comes up; instead, the argument is always that one could not possibly expect Russia to leave Serbia alone. And this aspect of localization did not come up even when Austria made a binding promise not to conquer any Serbian territory—not to conquer anything at all. Can one say, for example, that this promise was not believed? In that case, one could have waited, for it has happened before—just think of earlier events—that people were first allowed to fight it out, and conferences were held afterward. Why is it immediately the task of those with whom this Sir Edward Grey is speaking to define the matter as if this issue were always a Russian question? That is also something that anyone who truly wishes to examine the matter conscientiously must answer for themselves.

[ 48 ] Und damit, meine lieben Freunde, kommt man zu dem Punkte, dem wichtigen Punkte des Verhältnisses zwischen Mitteleuropa, England, Amerika und so weiter, mit andern Worten zu alledem, was hinter den Worten des Lord Rosebery steckt, was damit zusammenhängt und sich daran angliedert. Dazu kommt man, und auch zur Frage: Woher kommt denn so etwas, was ich gestern charakterisiert habe als die Furcht, die da herrschte unter den Völkern, die Furcht voreinander? — Nun, es würde heute zu weit führen, das ganz zu erklären, aber ich werde schon noch darauf eingehen müssen, bevor ich die Sache zu dem Ziele führe, zu dem sie eigentlich kommen soll. Ich möchte nur bemerken, daß Dinge geschehen sind, aus denen sich vernünftigerweise gar nichts anderes folgern ließ, als was nachher tatsächlich auch eingetreten ist. [Nichts anderes ließ sich daraus schließen], als daß in England hinter jenen, die gewissermaßen die Hampelmänner waren, eine mächtige, einflußreiche Gruppe von Menschen existierte, die zum Kriege mit Deutschland trieb, die den Krieg mit Deutschland absolut wollte. Durch sie wurde der Weltkrieg, den man immer vorausgesagt hatte, in gewisse Bahnen geleitet — denn man kann natürlich das, was geschehen soll, in gewisse Bahnen leiten, die wiederum richtig gestaltet sein müssen. Und so entstand bei einer gewissen Anzahl von Leuten in Mitteleuropa, namentlich in Deutschland — keineswegs aus einer Sehnsucht heraus, durchaus mit England einen Krieg zu beginnen, der vom Standpunkte Deutschlands aus ganz sinnlos gewesen wäre —, da entstand der mit Furcht verbundene Glaube, daß ein Krieg, in dem Deutschland und England Gegner sein müßten, von einer gewissen Gruppe in England im geeigneten Zeitpunkte zum Ausbruch gebracht werden würde. Und mancherlei einzelne Ereignisse wiesen auch diejenigen, die nur oberflächlich schauten, auf diese Dinge hin.

[ 48 ] And this, my dear friends, brings us to the point—the crucial point—of the relationship between Central Europe, England, America, and so on; in other words, to everything that lies behind Lord Rosebery’s words, everything connected to them and linked to them. This brings us to that point, and also to the question: Where does something like this come from—what I characterized yesterday as the fear that prevailed among the peoples, the fear of one another? — Well, it would take us too far afield to explain that fully today, but I will have to return to it before I bring the matter to the conclusion it is actually meant to reach. I would just like to note that events took place from which one could reasonably draw no other conclusion than what actually occurred afterward. [Nothing else could be concluded from them] other than that in England, behind those who were, so to speak, the puppets, there existed a powerful, influential group of people who were driving the country toward war with Germany, who absolutely wanted war with Germany. Through them, the World War—which had always been predicted—was steered along certain paths—for one can, of course, steer what is destined to happen along certain paths, which in turn must be properly shaped. And so, among a certain number of people in Central Europe, particularly in Germany—by no means out of a desire to start a war with England, which from Germany’s standpoint would have been completely senseless—there arose a belief, mingled with fear, that a war in which Germany and England would have to be adversaries would be brought about by a certain group in England at the appropriate moment. And various individual events pointed to these things even to those who looked only superficially.

[ 49 ] So mache ich Sie vor allen Dingen auf eines aufmerksam, das für ein Urteil wichtig ist: Bis 1908, vielleicht sogar bis 1909 gab es in England noch immer weite Kreise, die sogar dem König Eduard VII. nicht sehr ferne standen oder, besser gesagt, er ihnen — weite Kreise, die es als eine Unmöglichkeit betrachteten, daß Rußland sich jemals Konstantinopel nähern dürfe oder die ganz freie Durchfahrt durch die Dardanellen, wie es sie anstrebt, immerfort haben solle. Nun war in dieser Zeit ein Ereignis eingetreten, welches in wenigen Monaten vieles geändert hat. Damals sprachen zwei Menschen miteinander, von denen namentlich der eine viel, sehr viel vom Ausdeuten der Worte verstand. Es handelte sich nämlich dazumal darum, als Kompensation für die Annektierung von Bosnien und der Herzegovina im Einverständnis mit Österreich die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für Rußland zu bekommen. Das strebte Rußland an. Und Izvolskij, der zwar ein gescheiter Mann ist, aber noch gescheiter zu sein glaubt, als er wirklich ist, glaubte dazumal tatsächlich, Österreichs Zustimmung zugunsten Rußlands, aber gegen die englischen Bestrebungen sogar schon zu haben. Aber das war dann nicht so, und da mußte er einen anderen Kurs einschlagen.

[ 49 ] So, first and foremost, I would like to draw your attention to one point that is important for forming an opinion: Until 1908, perhaps even as late as 1909, there were still broad circles in England that were not very distant from King Edward VII—or, rather, to whom he was not very distant—broad circles that considered it impossible for Russia to ever be allowed to approach Constantinople or to maintain, as it aspired to, completely free passage through the Dardanelles. Now, during this time, an event occurred that changed many things within a few months. At that time, two people were speaking with one another, one of whom, in particular, understood a great deal—a very great deal—about interpreting words. The issue at hand then was to secure free passage through the Dardanelles for Russia as compensation for the annexation of Bosnia and Herzegovina, in agreement with Austria. That was Russia’s goal. And Izvolskij, who is indeed a clever man but believes himself to be even cleverer than he really is, actually believed at the time that he already had Austria’s consent in favor of Russia, but against British interests. But that turned out not to be the case, and so he had to change course.

[ 50 ] Dies war in den letzten Jahren nur eines der Ereignisse, die noch sehr vermehrt werden könnten. Und so ist denn vieles in diesen letzten Jahren reich, sehr reich an Winkelzügen, meine lieben Freunde, und solche Winkelzüge sind in der Peripherie wahrhaftig vielfach aufzufinden; da kommt man schon einmal nicht darum herum, das zu sehen. Wenn man die betreffenden Bücher hat, die ja nur die allerletzte Phase der Tragödie beschreiben, und wenn man diese zwölf-, fünfzehn-, zwanzigmal studiert und sich wirklich so plagt damit, wie ich mich ehrlich und redlich geplagt habe, so kommt man nicht darum herum — wir werden über diesen Punkt weitersprechen —, nicht darüber hinweg einzusehen, wie eine mächtige Gruppe, die sozusagen wiederum nur der Außenposten für gewaltige dahinterstehende Impulse war, hinter jenen Hampelmännern stand. Die waren ja selbstverständlich ehrliche Menschen, aber eben nur Hampelmänner und sind jetzt in die Versenkung verschwunden, so daß sich Europa bald davon überzeugen können wird, wer da nun noch nachkommen wird.

[ 50 ] This was just one of the events in recent years that could easily become much more frequent. And so, my dear friends, much of what has happened in these last few years is rich—very rich—in subterfuge, and such subterfuge can truly be found in abundance on the periphery; one simply cannot help but notice it. If one has the relevant books—which, after all, describe only the very last phase of the tragedy—and if one studies them twelve, fifteen, or twenty times and really struggles with them as I have honestly and earnestly struggled, then one cannot help but—we will discuss this point further—recognize how a powerful group, which was, so to speak, merely the outpost for the immense forces driving it from behind, stood behind those puppets. They were, of course, honest people, but merely puppets, and they have now faded into obscurity, so that Europe will soon be able to see for itself who will follow in their footsteps.

[ 51 ] Aber dadurch war doch die Situation entstanden, daß man sich in Mitteleuropa fragen konnte: Wird es möglich sein, daß genügend ehrliche Leute bei der Selektion an die Oberfläche kommen, um jene mächtige Gruppe zu überwinden, oder wird es nicht möglich sein? — Und es gab Leute, die sich zu sorgen begannen, weil sie für einen Kriegsfall die Koalition Rußland-Frankreich-England voraussahen. Es gab Leute, die eben darüber besorgt waren, und ich weiß wirklich nicht, ob man sich darüber zu wundern braucht, daß die Leute sich Sorgen machten. Man muß sich zwar über vieles wundern, aber darüber sollte man sich eigentlich nicht wundern, denn die weisen Herren, die die Bücher studieren, könnten doch immerhin, denke ich, das eine herausfinden, was sogar jene von der Universität Bern preisgekrönte Schrift herausgefunden hat: daß von seiten Englands der Krieg längst absolut unvermeidlich gemacht worden war, als die Verletzung der belgischen Neutralität stattfand. Aber alle, alle Dinge weisen darauf hin, daß man keinen Grund hatte, mit dem man sich hätte sehen lassen, mit dem man vor das englische Volk hätte hintreten können, denn die Gründe, die es für den Krieg gab, durften nicht gesagt werden — unter keinen Umständen! Und die Sache war auch so: Wäre jemand als englischer Minister mit den Gründen, um die es sich tatsächlich handelt, vor das Parlament getreten — er wäre hinweggefegt worden von der Volksstimmung. Daher mußte zum Beispiel Sir Edward Grey so sonderbare Reden halten.

[ 51 ] But this had created a situation in which people in Central Europe were asking themselves: Will it be possible for enough honest people to emerge through the selection process to overcome that powerful group, or will it not be possible? — And there were people who began to worry because they foresaw a Russia-France-England coalition in the event of war. There were people who were concerned about precisely that, and I really don’t know if one needs to be surprised that people were worried. There are certainly many things to be surprised about, but this is not one of them, for the wise gentlemen who study the books could, I think, at the very least have discovered what even that award-winning treatise from the University of Bern found: that, on England’s part, the war had long since been made absolutely inevitable by the time the violation of Belgian neutrality took place. But everything, absolutely everything, points to the fact that there was no reason that would have stood up to scrutiny, no reason that could have been presented to the English people, because the reasons for the war were not to be spoken of—under any circumstances! And the situation was this: If any English minister had appeared before Parliament with the actual reasons at stake, he would have been swept aside by public opinion. That is why, for example, Sir Edward Grey had to deliver such peculiar speeches.

[ 52 ] Es ist leicht und billig zu sagen, das englische Volk hätte keinen Krieg gewollt. Das braucht man nicht zu sagen — es ist selbstverständlich, das weiß jeder. Niemand, der auf die wirklichen Tatsachen hindeutet, ist der Meinung, daß das englische Volk als solches einen Krieg wollte — das englische Volk würde jeden, der den wahren Grund gesagt hätte, hinweggefegt haben. Man brauchte daher etwas ganz anderes als den wahren Grund, und das ist etwas, womit man allerdings dem englischen Volk kommen konnte: die Verletzung der belgischen Neutralität. Die mußte aber erst herbeigeführt werden. Daher mußte erst das verhindert werden, worauf Georg Brandes hingewiesen hat — das mußte verhindert werden. Es ist tatsächlich so: Hätte Sir Edward Grey nur den einen Satz gesprochen, so hätte dieser Einfall nicht stattgefunden. Und das wird die Geschichte einstmals feststellen, daß die Neutralität Belgiens niemals verletzt worden wäre, wenn Sir Edward Grey die Erklärung abgegeben hätte, die abzugeben ihm sehr leicht gewesen wäre, hätte er allein seinem Willen folgen können. Da er aber nicht seinem Willen zu folgen hatte, sondern einem Impuls, der von einer andern Seite her kam, so mußte er eine solche Erklärung abgeben, wodurch die Notwendigkeit gegeben war, daß die Neutralität Belgiens verletzt worden ist. Dadurch aber wurde ein verwendungsfähiger Grund für England geschaffen — den mußte man ja erst herbeischaffen. Oh, es wäre denjenigen, auf die es ankam, nichts unbequemer gewesen, als wenn die belgische Neutralität nicht verletzt worden wäre; das wäre ihnen am ungelegensten gekommen — selbstverständlich nicht dem Volk, auch nicht dem Parlament in seiner Mehrheit, aber, na — Parlamente! Nun aber prägte sich in dasjenige, was gewissermaßen da von England herüberwehte, gar mancherlei hinein, so daß man begreifen kann die immerhin merkwürdigen Dinge, die bestimmte Menschen erlebten, wie zum Beispiel jener Deutsche, der im April 1914 ein Gespräch hatte in England, in dem ihm sehr merkwürdige Dinge gesagt worden sind. Aber das werde ich noch in einem andern Zusammenhang erwähnen. Da alle diese Dinge doch immer mehr durchgesickert sind, so kann man es begreifen — man kann ja über diese Dinge sich allerlei Gedanken machen, aber man kann sie auch begreifen —, daß manche Leute sagten: Man muß darauf gefaßt sein, daß von England her das Schlimmste für Deutschland kommt. — Und so kam es denn, daß die Leute in Deutschland anfingen, über diese Dinge zu reden, namentlich im neuen Jahrhundert anfingen, so zu reden.

[ 52 ] It is easy and cheap to say that the English people did not want a war. There is no need to say that—it goes without saying; everyone knows it. No one who points to the real facts believes that the English people as a whole wanted a war—the English people would have swept aside anyone who had stated the true reason. Therefore, something quite different from the true reason was needed, and that is something that could indeed be presented to the English people: the violation of Belgian neutrality. But that first had to be brought about. Therefore, what Georg Brandes pointed out had to be prevented—that had to be prevented. The fact is this: Had Sir Edward Grey uttered just that one sentence, this incident would never have occurred. And history will one day confirm that Belgium’s neutrality would never have been violated if Sir Edward Grey had made the statement—which would have been very easy for him to make had he been able to follow his own will. But since he was not free to follow his own will, but rather an impulse that came from another quarter, he was compelled to make such a statement, which made it necessary for Belgium’s neutrality to be violated. This, however, created a pretext that England could exploit—one that had to be brought about in the first place. Oh, nothing would have been more inconvenient for those who mattered than if Belgian neutrality had not been violated; that would have been the most inopportune outcome for them—not, of course, for the people, nor for the majority in Parliament, but, well—parliaments! But now, all sorts of things became ingrained in what was, so to speak, blowing over from England, so that one can understand the rather strange things that certain people experienced, such as that German who, in April 1914, had a conversation in England in which very strange things were said to him. But I will mention that in another context. Since all these things have seeped through more and more, one can understand—one can certainly ponder these matters in all sorts of ways, but one can also understand them—that some people said: One must be prepared for the worst for Germany to come from England. — And so it came to pass that people in Germany began to talk about these things, particularly in the new century.

[ 53 ] Eine solche Stimme will ich nun anführen; Sie müssen aber bitte verzeihen, daß ich gerade diese Stimme anführe — man muß ja in dieser Zeit für so vieles um Verzeihung bitten, weil so viel Sonderbares in der Welt herumschwirrt, daß man, ich möchte schon sagen tatsächlich paradox werden muß, wenn man die Wahrheit sagen will. So führe ich Ihnen eine Stelle an aus einem berühmt gewordenen Buche, das im Jahre 1911 geschrieben worden ist und das sich mit dem auseinandersetzt, was eventuell Deutschland von seiten Englands drohen könnte. In diesem Buch heißt es:

[ 53 ] I would now like to cite such a voice; but please forgive me for citing this particular one—after all, in these times one must ask forgiveness for so many things, because there is so much strangeness swirling about in the world that one, I would even say, must actually become paradoxical if one wants to speak the truth. So I will quote a passage from a book that has become famous, written in 1911, which deals with what might potentially threaten Germany from England. The book states:

Immerhin kann die englische Politik auch andere Bahnen einschlagen und, statt eines Krieges, einen Ausgleich mit Deutschland suchen. Uns wäre diese Lösung jedenfalls die erwünschtere.

After all, British policy could also take a different course and, instead of war, seek a compromise with Germany. In any case, we would prefer this solution.

[ 54 ] Ja, meine lieben Freunde, dieser Satz ist aus einem berühmt gewordenen Buch, nämlich aus dem Buch «Deutschland und der nächste Krieg» von Bernhardi. Sie wissen, daß man ihn neben Treitschke im Auslande zu einer gewissen Berühmtheit hat kommen lassen, die er in Deutschland zwar nicht hat — aber so ist es. Ich will Ihnen noch eine Stelle vorlesen — sie ist geschrieben worden im Jahre 1911:

[ 54 ] Yes, my dear friends, this sentence is from a book that has become famous, namely Bernhardi’s Germany and the Next War. You know that, alongside Treitschke, he has been allowed to achieve a certain degree of fame abroad—a fame he does not enjoy in Germany—but that is how it is. I’d like to read another passage to you—it was written in 1911:

Eine solche Machterweiterung durch Gebietserwerbung in Europa selbst zu suchen, dürfte unter den heutigen Verhältnissen für Deutschland so gut wie ausgeschlossen sein. Das im Osten an Rußland verlorene deutsche Kolonialland könnte nur infolge eines großen, für uns siegreichen Krieges wieder gewonnen werden und würde dann wahrscheinlich einen fortwährenden Anlaß zu erneuten Kriegen geben.

Under current circumstances, it is virtually impossible for Germany to seek such an expansion of power through territorial acquisition within Europe itself. The German colonial territories lost to Russia in the east could only be regained as a result of a major war in which we were victorious, and would then likely provide a constant pretext for further wars.

[ 55 ] Es wird also als das Unwünschenswerteste hingestellt, etwa nach Rußland hin Eroberungen zu machen!

[ 55 ] So it is portrayed as the most undesirable thing to undertake conquests, say, in Russia!

Auch das ehemalige Südpreußen, das bei der zweiten Teilung Polens mit Preußen vereinigt wurde, wieder zu erwerben, würde der polnischen Bevölkerung wegen seine schweren Bedenken haben.

Even reclaiming former South Prussia, which was annexed by Prussia during the Second Partition of Poland, would raise serious concerns among the Polish population.

[ 56 ] Das ist aus einem Kapitel eines Buches, in dem ausgeführt wird, daß unter den mancherlei Dingen, die Deutschland zu tun habe, vor allen Dingen dieses ist, daß es sich ja nicht beifallen lasse, Eroberungskriege in Europa zu machen, irgendwelche Eroberungskriege anzuzetteln. Die Stelle, die ich eben vorgelesen habe, worauf sogar hingewiesen wird, wie unsinnig es wäre, russische Gebiete von Rußland loszulösen, sie ist — ja, verzeihen Sie — auch aus dem Buche von Bernhardi. So wäre es vielleicht gescheiter, wenn diejenigen Menschen in der Peripherie, die von Bernhardi sprechen, doch mit einiger Vorurteilslosigkeit darauf achten würden, was eigentlich in seinem Buche steht vor allen Dingen den Zusammenhang aufsuchen würden, unter dem die Dinge da stehen. Wenn auch manches in diesem Buche recht ungeschickt ausgedrückt ist, so könnte man, gerade wenn man dieses Buch studieren würde, zum mindesten sehen, daß es gescheiter wäre, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, als sie so zu nehmen, wie sie heute genommen werden.

[ 56 ] This is from a chapter of a book that explains that, among the many things Germany must do, the most important is that it must not allow itself to wage wars of conquest in Europe or instigate any wars of conquest whatsoever. The passage I just read aloud—which even points out how absurd it would be to sever Russian territories from Russia—is—yes, forgive me—also from Bernhardi’s book. So it might be wiser if those people on the periphery who speak of Bernhardi would, with a measure of open-mindedness, pay attention to what is actually written in his book—and, above all, seek to understand the context in which these matters are presented. Even if some things in this book are expressed rather clumsily, one could—precisely by studying this book—at least see that it would be wiser to take things as they are than to take them as they are taken today.

[ 57 ] Wir werden, meine lieben Freunde, am nächsten Mittwoch um 7 Uhr wieder eine Lichtbilderveranstaltung machen und uns hier am nächsten Sonnabend um 7 Uhr wieder treffen.

[ 57 ] My dear friends, we will hold another slide show next Wednesday at 7:00 p.m. and meet here again next Saturday at 7:00 p.m.