Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I
Wege zu einer objektiven Urteilsbildung
GA 173a
11 Dezember 1916, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Indem ich mit den Betrachtungen fortfahre, welche ich heute vor acht Tagen hier begonnen habe, möchte ich noch einmal bemerken, daß — wenn nicht Mißverständnisse entstehen sollen — die Dinge, die ich sage, so aufzunehmen sind, daß in keiner Weise das eine oder andere Volk als ganzes oder das Volk als solches durch ein Urteil, wie es aus den Tatsachen heraus abgegeben werden soll, getroffen zu denken ist. Man würde mich vollständig mißverstehen, meine lieben Freunde, wenn man immer wieder und wieder in der Weise generalisieren würde, daß mit dem, was ich in bezug auf die wirklichen, realen Elemente, also zum Beispiel über gewisse Persönlichkeiten, sage, Völker gemeint seien. Die meisten Menschen wissen ja auch gar nicht, um was es sich handelt, wenn sie sich mit der einen oder andern Persönlichkeit, die gewissermaßen repräsentativ für das eine oder andere Volk dasteht oder wenigstens dazustehen scheint, identifizieren, indem sie sagen: Ich gehöre diesem Volk an! Sie wissen ja gar nicht, um was es sich eigentlich handelt; sie reden im Grunde vollständig aus dem Finstern heraus. Und wohin soll es denn kommen mit dem Urteilen der Menschen, wenn so geurteilt wird, daß das Urteil eigentlich nur mit der bloßen Phrase, nur dem Worte nach, etwas trifft, während in Wirklichkeit gar nichts getroffen werden kann, weil man bei einem solchen Urteilen durchaus nicht auf die realen, auf die wirklichen Tatsachen stößt.
[ 2 ] Ich habe vor, soweit das möglich ist, meine lieben Freunde, Ihre Blickrichtung, Ihre seelische Sehrichtung auf dreierlei zu lenken. Erstens möchte ich einiges Verständnis erwecken — es kann ja natürlich nur ein gewisses Verständnis sein — für dasjenige, was als große geistige Strömungen den Zeitereignissen zugrunde liegt. Dann will ich ihre Aufmerksamkeit lenken darauf, wie diese Strömungen sich betätigen an dem einen oder andern Orte, wie sie, sei es mit Hilfe von Vereinigungen, Bruderschaften, gewissermaßen durch die Menschen hindurchwirken, sei es, daß sie mehr oder weniger bewußt oder unbewußt durch die einzelnen Menschen selber wirken. Und dann möchte ich zeigen, wie man auf die charakteristischen Dinge schauen muß, auf diejenigen Dinge, auf die es ankommt, wenn man verstehen will, wie sich das, was auf dem physischen Plan geschieht, erklären läßt aus den großen Zusammenhängen.
[ 3 ] Wenn man seinen Standpunkt so hoch wählt, daß man die großen Zusammenhänge ins Auge faßt, dann nimmt sich manches anders aus, als wenn man nur die einzelnen zusammengewürfelten Tatsachen anschaut, die sich einem gerade darbieten, denn die Geschichte der Menschheit wird auch in ihren schmerzlichsten Ereignissen schon gelenkt und geleitet von geistigen Impulsen. Aber diese geistigen Impulse wirken auch gegeneinander, und die Menschen sind in vielfach einander widerstrebende Impulse hineingestellt. Jene, die immer nur denken, die weisheitsvolle Weltenordnung wird es schon machen, die machen es sich allzu leicht. Wenn das der Fall wäre, gäbe es im weiten physischen Weltumfange nirgends das, was es doch gibt: eine menschliche Freiheit. Auf der andern Seite aber sind durchaus Impulse der Notwendigkeit vorhanden — große karmische Impulse, die in allem wirken. Und wir wollen gerade bei diesen Betrachtungen ein wenig Rücksicht darauf nehmen, wie die karmischen Impulse wirken. Nur muß man sich eben mit den Einzelheiten dann schon abgeben, muß zum Beispiel sein Augenmerk zunächst darauf richten, wie die Dinge sich gestalten, wenn eine bestimmte große Gegensätzlichkeit vorliegt, die im fortlaufenden Entwicklungsgang der Menschheit von Bedeutung ist. Eine solche Gegensätzlichkeit ist diejenige, die nun einmal besteht zwischen dem Westen und dem Osten des europäischen Kulturraumes, und ich habe charakterisiert, was sich im Westen ergeben hat und was im Osten als Zukunftsvölkisches lebt. Das sind reale Kräfte, die vorhanden sind. Gewiß, die meisten Menschen wissen nichts von diesen realen Kräften, aber es gab immer einzelne Menschen, die etwas von diesen Kräften kennenlernten.
[ 4 ] Nun ist zweierlei möglich. Entweder die Menschen wissen nichts von diesen realen Kräften — dann kann es sehr leicht geschehen, daß diese Menschen unbewußt zum Werkzeuge werden, indem sie aus Unaufmerksamkeit, ohne daß sie im gewöhnlichen Sinne viel dafür können, sich gebrauchen lassen von solchen, die [durch ihren Egoismus] mehr oder weniger hineingerissen werden in die Strömungen und deren Verhalten sich ergibt als eine Resultierende aus diesen real waltenden Strömungen und ihrem Egoismus; diese Menschen wirken dann suggestiv auf diejenigen, die unaufmerksam sind. Oder aber es kann sich das andere ergeben, was gerade für die letzten Jahrzehnte des europäischen Lebens so wichtig und bedeutsam ist: Es können sich immer einzelne Menschen finden, welche auf diesem oder jenem Wege durch okkultistische Bruderschaften etwas erfahren von dem, was als geistige Kräfte da ist, und es bewußt mißbrauchen, es bewußt in irgendeinem Sinne gebrauchen — vielleicht auch gar nicht einmal in einem Sinne gebrauchen, von dem man sagen kann, daß man ein vernichtendes Urteil darüber zu fällen hat. Aber es ist doch wie ein Spielen mit dem Feuer, wenn Menschen, die nicht wissen, wie man mit geistigen Impulsen umgeht, diesen geistigen Impulsen eine gewisse Richtung geben — insbesondere dann, wenn solche Dinge entstehen, wie sie zum Beispiel dadurch entstanden sind, daß sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa verschiedene mehr oder weniger okkulte Bruderschaften gebildet haben, die immer von der Peripherie Europas stark beeinflußt waren und die bis zu einem gewissen Grade mit okkulten Mitteln gearbeitet haben, wie zum Beispiel die «Omladina», die vieles durchsetzt hat mit den Impulsen, die in ihr gelebt haben.
[ 5 ] Nun ist die «Omladina» eine solche Verbindung gewesen, die mit einem bestimmten Kultus, wie er ja sonst in okkulten Bruderschaften, in den Graden, gebraucht wird, in ihrer Anhängerschaft gearbeitet hat, so daß wir in der «Omladina» in Mitteleuropa sehr geheime Bruderschaften hatten, die namentlich über die verschiedensten slawischen Gegenden, auch über die Balkanländer, verbreitet waren. Sie arbeiteten wirklich dadurch mit okkulten Mitteln, daß sie ein Zeremoniell hatten. Und indem sie untereinander in Verbindung standen, haben sie viel gewirkt, vieles unterirdisch durchwühlt, bis einmal durch dasjenige, was man einen Zufall nennt, aber eben nur so nennt, durch einen Prozeß, der in Böhmen stattgefunden hat, die Sache herausgekommen ist. Diese Bruderschaften haben dann, ich möchte sagen unter anderen Masken ihre Fortsetzung gefunden.
[ 6 ] Eine solche Maske war die «Narodna odbrana» in Serbien, die so häufig genannt worden ist im Beginne der jetzigen schmerzlichen Ereignisse. Diese Strömung, durch die schon etwas eingeflossen ist, was mit okkulten Mitteln arbeitete und in deren Bereich Menschen waren, die zum Teil von der Sache gewußt haben, zum Teil auch nichts gewußt haben und unbewußte Werkzeuge waren — also durch diese Strömung ist vieles mitimpulsiert, was sich in den letzten Jahrzehnten abgespielt hat im europäischen Südosten, in den Balkanländern. Und wenn in den westlichen, namentlich in den englischen Bruderschaften in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von dem großen kommenden Weltkriege gesprochen wurde — und wie ich Ihnen mitgeteilt habe, ist immer davon gesprochen worden —, so ist immer gerade auf die Wichtigkeit dessen hingewiesen worden, was in den Balkanländern sich abspielt, was sich dort abspielen sollte, dort kommen sollte.
[ 7 ] Daher gestatten Sie mir, daß ich einleitend gerade darüber noch einiges sage. Denn lenkt man den Blick nur auf dasjenige, was — ich habe es jetzt schon öfter gesagt — als Geistiges die Dinge durchzieht, so hat man nicht die Untergründe, um die richtigen Fragen zu stellen. Man weiß nicht, wie das, was geistig geschieht, sich gewissermaßen hier unten abbildet auf dem physischen Plane. Und gerade diese wichtige Frage will ich nach dem Appell, den ich gestern an Sie gerichtet habe, nämlich nachzudenken über den großen Konflikt des Mysteriums von Golgatha, gerade diese Seite will ich für Sie in diesen Betrachtungen besonders entwickeln. Und indem ich das einleitend charakterisiere, was uns dann als Basis für manches dienen wird, muß ich ganz besonders betonen, daß ich Sie bitte, ja nicht zu glauben, daß das, was ich jetzt sagen werde, sich auf irgendein Volk als solches bezieht. Denn niemand kann mehr Sympathien haben mit dem unglücklichen serbischen Volke als ich — nicht bloß, weil es in den letzten Zeiten so viel Schmerzliches erfahren hat, sondern vor allem darum, weil durch Jahrzehnte dieses Volk als solches der Spielball der verschiedensten Existenzen war, der verschiedensten Elemente. Diese haben sich in der Weise, wie ich es gestern und vorgestern angedeutet habe, sich dessen bedient, was in diesem Volke lebt, um es für Dinge zu gebrauchen, von denen wir nur sagen können: Es liegt zugrunde etwas Mißbräuchliches, denn es soll das, was innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraums als reale Evolutionsimpulse der Menschheit vorhanden ist, in eine gewisse Richtung gebracht werden.
[ 8 ] Einiges muß ich wenigstens sagen, aber ich will da nicht weiter zurückgehen als bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich weiß, wie wenig man heute solche Betrachtungen anstellt, die wirklich aufklärend sein können. Ich will nur skizzieren, und in einer Skizze ist selbstverständlich einiges immer nur mit Konturlinien gezeichnet. Ich weiß, wie wenig man geneigt ist, auf die realen Tatsachen einzugehen, aber einige von ihnen muß man doch kennen. Und so möchte ich denn nur zurückgehen bis zu Michael Obrenović, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielte als Herrscher in Serbien, der eine sympathische Persönlichkeit war und von dem wahrhaftig nicht gesagt werden kann, daß er irgendwie in einer üblen Weise diejenigen Impulse geleitet hätte, die natürlich der Angehörige eines bestimmten Volkes vor allen Dingen sieht. Man kann die Impulse eines Volkes so lenken, daß man sie — aus Volks- oder Einzelegoismus heraus — gewissermaßen weit überspannt, daß man die einzelnen Volksimpulse nicht so treibt, daß sie im Einklang mit den Impulsen der gesamten Menschheit wirken. In dieser Beziehung ist es ja außerordentlich schwierig, das Richtige zu treffen, aber darauf kommt es jetzt in diesem Falle nicht an, denn bei Michael Obrenović war es so, daß er mit seinen Ideen eigentlich im wesentlichen im Sinne — nun lassen Sie mich dieses Wort gebrauchen, wenn es vielleicht auch etwas einseitig gebraucht ist — der «guten» europäischen Impulse lief. Aber er ging in der Richtung dieser guten europäischen Impulse eben nur so weit, als er gehen konnte als echter serbischer Patriot. Und man kann sich durchaus auf den serbischen Standpunkt stellen, auch wenn bei Michael eine gewisse Einseitigkeit zu sehen ist, aber das tut nichts. Man kann sagen — wenn ein Mann in solcher Weise wie er seinen Patriotismus auslebt, so ist dieses Ausleben sicherlich auch verständlich für jeden, der durch Geburt, Abstammung und Erziehung einen anderen Patriotismus haben muß. Ich brauche Ihnen nur mit einigen Worten zu sagen, was ein Mann, der ihn gut gekannt hat, was Milan Piroćanac — verzeihen Sie, wenn ich einzelne Worte schlecht ausspreche, das kann nicht anders sein, da mir ja all diese Sprachen nicht geläufig sind — über das Ideal des Michael Obrenović geäußert hat. Er sagt von Michael Obrenović:
Sein politisches Endziel war nicht die Schaffung Großserbiens, sondern die Bildung einer südslawischen Konföderation unter der Hegemonie Serbiens — eine Föderation, welche außer Serbien, Bosnien-Herzegovina, Montenegro auch das von Serbien ohne Hilfe Österreichs oder Rußlands zu befreiende Bulgarien angehören sollte.
[ 9 ] Also an eine Balkankonföderation dachte Michael. Von einer solchen Konföderation sprachen in den guten Zeiten des westeuropäischen Okkultismus auch die im allerbesten Sinne unterrichteten und wirkenden Okkultisten Westeuropas. Und wenn auch dieses Ideal vielleicht manchem andern widerstrebte, so muß man doch sagen, es war eben ein Ideal, das in gewissen realen Impulsgebungen der fünften nachatlantischen Zeit stand. Nun aber erhob sich gegen dieses Ideal des Michael Obrenović gerade ein großer Teil der serbischen Intelligenz, namentlich unter der Führung von Jovan Ristić. Diese serbische Intelligenz fügte ein anderes Element in die Sache hinein. Während Michael Obrenović aus der slawischen Kraft des Balkans heraus — ohne Hilfe Österreichs und Rußlands — eine Balkanföderation schaffen wollte, handelte es sich für diejenigen, zu deren Führern Jovan Ristić gehörte, darum, unter allen Umständen Serbien in den Dienst dessen zu stellen, was von Rußland ausgeht, um durch Suggestionierung des slawischen Gemütes mit Hilfe des «Testamentes Peters des Großen» einen Rahmen zu schaffen für den Russizismus. Von diesem von der «Omladina» tief beeinflußten Elemente wurde dazumal die Parole ausgegeben, daß eine Bewegung in die Welt zu setzen sei, die den Bestrebungen Michaels so entgegenzuwirken habe, daß Rußland für Serbien unter allen Umständen dasselbe werden solle, was Frankreich bei der Schöpfung des neuen Italiens für Piemont gewesen sei — diese Parole wurde ausgegeben. So wie Frankreich seine Dienste den Piemontesen geleistet habe, um Piemont in das moderne Italien überzuleiten, so sollte Rußland Serbien dienen, damit Serbien auf dem Balkan, auf der andern Seite des Adriatischen Meeres, etwas würde, [worauf man rechnen konnte] — aber nur unter der Führung dessen, was einbezogen werden sollte in die geheimnisvollen Impulse des «Testamentes Peters des Großen».
[ 10 ] Nun, Sie werden einsehen, daß da Kollisionen herauskommen müssen, [wenn Sie sich folgende Verhältnisse vergegenwärtigen]. Im ganzen gibt es etwa sechs Millionen Serben. Davon sind nur dreieinhalb Millionen in Serbien und Montenegro; zweieinhalb Millionen leben in Österreich — sie sind in vorhergehenden Zeiten dort eingewandert. Dies alles ist aber umringt und durchsetzt von vier Millionen katholischen und einer halben Million mohammedanischen Südslawen. Also, machen Sie sich eine Vorstellung davon, was da an geistigem Chaos ineinander lebt und was es heißt, in dieses Chaos eine solche Bewegung hinein zu leiten, wie es die «Omladina» war. Da kann man Verschiedenes machen, wenn man die Dinge in der richtigen Weise benützt. Und diejenigen, welche mit solchen Mitteln arbeiten, wie es bei der «Omladina» der Fall war, die stellen immer die eine Strömung gegen die andere, so daß sich daraus etwas ganz Bestimmtes ergibt.
[ 11 ] So kam es, daß Michael Obrenović eine furchtbare Gegnerschaft fand und daß diese Gegnerschaft die Möglichkeit erlangte, wirksam gegen ihn zu arbeiten, indem man sie nicht in Serbien, sondern außerhalb, in Ungarn, organisierte, indem man also dort eine gegnerische Bewegung mit gegnerischer Presse organisierte. Wenn Sie verstehen, daß die «Omladina» nicht bloß in Serbien war, sondern ihre Verbindungen bis in die Staaten Mitteleuropas hatte, dann konnte man selbstverständlich einmal, wenn es nötig war, die «Omladina» in Serbien schweigen lassen und allerlei organisieren von außerhalb her. Dadurch hielt man sich die Möglichkeit offen, wenn die Sache irgendwie ruchbar wurde, zu sagen: Der fremde Staat hat das organisiert. — Das mußte man sich in einem solchen Falle immer offenhalten. Zu alldem kam, daß Michael Obrenović beim serbischen Volke sehr beliebt war und daß das wirklich eine elementare Liebe war. Das ist auch eine okkulte Kraft. Dieser Liebe des Volkes mußte man schon entgegensetzen entweder eine gleiche Liebe — die konnte man aber natürlich nicht so ohne weiteres aufbringen — oder aber etwas, was revolutionierte. So wirkte in die verschiedenen Bestrebungen, die mit der «Omladina» zusammenhingen, die dynastische Gegnerschaft zwischen den Obrenovići und den Karadjordjevići hinein. Die Karadjordjevići saßen in Genf, hatten in den verschiedensten Gegenden Europas Schulden und strebten für sich den serbischen Thron an. Sie hatten Gelegenheit, mit den verschiedensten Gesellschaften Europas, deren es ja wirklich zahlreiche gibt, und den in diesen Gesellschaften wirkenden Impulsen bekannt zu werden. Und man kann, indem man sozusagen Hand in Hand arbeitet, auf diese Weise Verschiedenstes machen — namentlich wenn man solche Mittel zur Verfügung hat, wie ich sie angedeutet habe. Man ordnet dann seine Verhältnisse so, daß man von verschiedenen Orten aus — namentlich müssen die Orte dann in verschiedenen Staaten liegen das Verschiedenste bewirken kann. So richtete sich der Alexander Karadjordjevići seine Vermögensverwaltung in Szegedin ein, in Ungarn. Sein Vermögensverwalter, nun ja, er war der Bankier — zu verwalten hatte er ja nichts Besonderes, aber er war der Bankier. Doch eines Tages hat er eine Anzahl Sträflinge beeinflußt — Menschen, die zu beeinflussen waren, denn man macht so etwas mit Sträflingen oder ähnlichen Elementen —, und diese Sträflinge ermordeten am 10. Juni 1868 den Michael. Das war die erste Etappe, um in einer gewissen Richtung weiterzukommen. So haben wir also am 10. Juni 1868 die Ermordung des Michael Obrenović.
[ 12 ] Der alleinige männliche Nachfolger, ein Neffe des Michael, war ein sehr armer Kerl, war außerdem noch jung, fast ein Knabe, und aller Einfluß kam nun in die Hände des vorhin genannten Jovan Ristić, der so recht der Typus einer gewissen Art von Politikern war — ein großer Politiker von gewissen Gesichtspunkten aus. Da Ristić all diese Gesichtspunkte auch in seinen Werken vertreten hat, so kann den äußeren Wegen, auf denen er seine inneren Absichten ausführen wollte, nachgegangen werden. Vor allen Dingen stellte er als obersten Grundsatz auf, daß Serbien und die Serben stets nur den Impulsen Rußlands zu folgen hätten, aber nicht so, daß dies immer offen geschehen solle, sondern daß es besser sei, dem Impuls Rußlands zu folgen, indem man einige Konzessionen mache und freundnachbarliche Ausgleiche suche mit der habsburgischen Monarchie. So solle man ruhig auch einmal dies oder jenes gegen Rußland unternehmen, zusammen mit der habsburgischen Monarchie, denn in Wirklichkeit handelte es sich darum, alles im Dienste Rußlands zu tun. Um das aber zu erreichen, mußte man zum Schein zuweilen mit den andern gehen. Das war oberster Grundsatz.
[ 13 ] Nun war es Ristić vor allen Dingen darum zu tun, sich festzusetzen, Anhänger zu gewinnen. Das war schwer, denn den Milan Obrenović liebten die Serben — [wenigstens solange er an der Herrschaft war] — nicht, und es durfte natürlich niemand die geheimen Fäden auch nur ahnen, durch welche Ristić selber mit der Ermordung des Michael Obrenović zusammenhing. Man kann solchen Dingen sehr fernestehen und ihnen zugleich sehr nahestehen. Man musste dann also die Fäden verwischen. Das konnte er, indem er es auf eine gewisse Weise dahin brachte, daß in Serbien bekannt, also verbreitet wurde, der Mord an Michael Obrenović sei in Ungarn angezettelt worden, die Magyaren seien eigentlich schuld daran. Das wurde ihm auch in den Kreisen, auf die es ankam, durchaus geglaubt.
[ 14 ] Nun lief in die Strömung, auf die ich hier hinweise, noch eine andere hinein, die von zehn Menschen im Jahre 1872 gegründet worden ist. Sie sollte im Einklange mit andern europäischen Strömungen wirken und wurde daher in Zürich gegründet. Also 1872. Einer der zehn hat das Programm dieser «Brüderschaft der Zehn», zu der auch Nikola Pašić gehörte, entworfen. In diesem Programm heißt es wörtlich:
Die Vereinigung aller Serben setzt die Zertrümmerung der Türkei und die Zertrümmerung Österreich-Ungarns, die Beseitigung der Staatlichkeit Montenegros und Volksfreiheit in Serbien voraus.
[ 15 ] Also, diese zehn hatten ein ganz bestimmtes Programm; 1872 ist es ausgearbeitet worden. Es handelte sich dann darum, dieses Programm [der Radikalen] immer mehr und mehr in die [liberale] Strömung des Risti€ hineinzuarbeiten, der ja nun die richtige Persönlichkeit an der richtigen Stelle war: er, der Machthaber, neben dem minderjährigen Milan — das also ging sehr gut zusammen, denn es handelt sich für gewisse Strömungen immer darum, den richtigen Mann an der richtigen Stelle zu gewinnen, um durch ihn das Mannigfaltigste zu erreichen. Der Universitätsprofessor Jovan Skerlić, der auch ein wenig Verbindung hatte mit dieser radikalen Richtung, schrieb zum Beispiel den Satz [über die politische Überzeugung der Anhänger dieser Richtung):
Die Freiheit des serbischen Volkes und die Existenz Österreich-Ungarns schließen sich aus.
[ 16 ] Ich will nur Tatsachen erzählen — ich will keinem Serben bestreiten, daß von seinem Standpunkte aus ein solches Programm durchaus eine Möglichkeit ist.
[ 17 ] Als dann Milan Obrenović volljährig wurde, da brachten es die Umstände mit sich, daß er sich freimachen wollte von dieser radikalen Strömung; er wollte freikommen davon. Er wollte — im Einverständnis mit Österreich-Ungarn — serbischen Patriotismus treiben. Nun wirkte in der Folgezeit immer ineinander auf der einen Seite dasjenige, was von Milan Obrenović ausging — es war zwar sehr schwach, aber immerhin doch da — und auf der andern Seite dasjenige, was dem alles entgegen war — ich habe es oben angedeutet und worin hineinspielt die Prätendentschaft der Karadjordjevići. Merkwürdig ist, daß zur Krönung Alexanders III. von Rußland niemand von der Dynastie der Obrenovići eingeladen wurde, dagegen Peter Karadjordjević, der Prätendent, der später, nach dem Alexander Obrenović, zum serbischen Thron kam.
[ 18 ] Intimer noch sollten die Bande, welche von Rußland zum Balkan führten, geknüpft werden dadurch, daß man, als man die Zeit gekommen fand, dem Peter Karadjordjević die älteste Tochter des Nikita von Montenegro vermittelte, was diesem gar nicht sehr angenehm war, weil er selber gern nach den Obrenovići den serbischen Thron gehabt hätte. Aber man gab von russischer Seite eine Million als Mitgift, die der alte Nikita von Montenegro selbstverständlich einsteckte — für solche Künste hatte er ja einiges Verständnis. Ich will Sie nicht mit der äußeren Geschichte belasten, aber ich will doch das entschiedene Eintreten Österreich-Ungarns für Serbien erwähnen, das in die Zeit dieses unglücklichen Krieges Serbiens gegen Bulgarien fällt, so daß Serbien, nachdem es den Krieg verloren hatte, keine Gebietseinschränkung erfuhr. Aber das alles war für die Partei der Onmladinisten gleichgültig; da handelte es sich wirklich nur darum, mitzuwirken bei jener Strömung, welche den Slawismus in den Russizismus einzufangen hatte — ich habe es Ihnen bereits charakterisiert. Und diese Partei konnte gut arbeiten. Serben und nicht etwa Ausländer in Serbien haben eine merkwürdige Statistik aufgestellt, welche zwar bloß «Statistik» ist — wie gesagt, man kann vieles davon abziehen —, aber selbst wenn nur die Hälfte davon wahr ist, so ist es noch immer sehr bezeichnend, sehr charakteristisch. In den Jahren zwischen 1883 und 1887 gewann nämlich diese radikale Partei der Omladinisten ganz besonders viele Anhänger, und in dieser Zeit beging sie 364 politische Morde, um diejenigen, die nicht da zu sein hatten auf dem physischen Plan, wenn diese Partei sich weiter ausbreiten sollte, nicht als Störenfriede zu haben. Wie gesagt, das ist nicht von Auswärtigen angegeben, sondern von Serben selber: 364 politische Morde zwischen 1883 und 1887! Wenn Sie annehmen, es sei nur die Hälfte davon wahr, so ist das ja noch immerhin genug.
[ 19 ] Dann muß vor allen Dingen der große Aufschwung ins Auge gefaßt werden, den diese Partei in den neunziger Jahren erfuhr und der die Regierung in Wien ganz besonders [beunruhigte], ihr sozusagen mächtig in die Zügel schoß. Ein mächtiger Ruck, nachdem man schon lange subversiv gearbeitet hatte, ergab sich insbesondere, als eines Tages in den neunziger Jahren sämtliche Städte in Serbien beflaggt waren, im Fahnenschmuck prangten. Das war der Tag, an dem bekannt wurde, daß das Bündnis zwischen Rußland und Frankreich perfekt geworden war, und das war auch in der Zeit, in der man hinter dem Rücken der Dynastie der Obrenovići viele tausend Gewehre in Frankreich bestellen wollte für die radikale Partei. Das war aber auch die Zeit, in welcher auf den Plan trat eine Persönlichkeit, durch die vieles hindurchwirkte, für deren Stellung man wegen ihrer Herkunft außerordentlich schwer die Zustimmung der maßgebenden Kreise bekommen konnte, trotzdem auf der einen Seite von Rußland aus diese Persönlichkeit besonders ins Auge gefaßt worden war für bestimmte Zwecke. Aber die Partei, die die «Omladina» fortsetzte, genierte sich etwas, gerade eine solche Persönlichkeit in einer solchen Stellung zu einem bedeutsamen Instrument zu machen. Das war die Persönlichkeit, die Alexander Obrenović 1897 zunächst zu seiner Mätresse erheben durfte: Draga Mašin.
[ 20 ] Dazumal betrat also diese Persönlichkeit den Plan der Ereignisse. Und es ist immerhin bedeutsam, daß ein Freund der Dynastie Obrenović, Vladan Djordjević, ein sehr schönes Buch geschrieben hat, aus dem man viel lernen kann: «Das Ende der Obrenovitch». Ich empfehle Ihnen besonders das viertletzte Kapitel in diesem Buche, denn Sie werden in diesem Kapitel sehen — wenn es auch von Djordjević nur vorsichtig, sozusagen unbewußt angedeutet ist, wie sonderbar doch die Fäden der Weltgeschichte gehen, denn Djordjević erzählt von dem eigentümlichen Besuche, den er bei Draga Main hat machen müssen, da sie ja eine wichtige Persönlichkeit war. Und er weist darauf hin, wie der Zauber, den sie auszuüben hatte, ausging von einer ganz bestimmten Parfümmischung, die — ein wirklicher Zauber — abgestimmt war auf die Individualität der betreffenden Persönlichkeit, die suggestioniert werden sollte. Sie werden manchen, auch im okkultistischen Sinne wichtigen Wink für das Gebiet der niederen Zauberkünste bekommen, wenn Sie die umschleierte Darstellung von Vladan Djordjević im viertletzten Kapitel seines dicken Buches «Das Ende der Obrenovitch» lesen — mit Verständnis lesen. Und Sie werden dann erstaunt sein, wie vieles dadurch erreicht werden kann, daß diejenigen, die etwas erreichen wollen, im Hintergrund bleiben und das, was zunächst zu geschehen hat, den Verführungskünsten einer Frau überlassen, welche in der entsprechenden Weise die Kunst der Parfümmischung beherrscht, was ja auch schon im 17. Jahrhundert an mancherlei Höfen eine große Rolle in der Politik gespielt hat. Und man kann die Geschichte nicht wirklich schreiben, wenn man nicht zu gleicher Zeit auch Fachmann ist in der Kenntnis gewisser Parfümwirkungen in der Geschichte gewisser Zeiten und Perioden.
[ 21 ] Dann kam ein Ereignis, das immerhin einiges Licht warf auf, ich möchte sagen sonderbare karmische Zusammenhänge. Die Partei, die ich Ihnen charakterisiert habe, arbeitete weiter, immer weiter. Man brachte es dahin, daß endlich — wiederum durch eine solche Anzettelung, wie ich es Ihnen schon charakterisiert habe — ein Attentatsversuch gegen den zwar längst zurückgetretenen König Milan stattfand, der aber immer noch eine Rolle in Serbien spielte und den man namentlich ja auch allerlei Rollen spielen ließ. Dabei wurde Nikola Pšsič — Sie kennen den Namen — [beinahe] auch mit zum Tode verurteilt. Überhaupt wurde er dazumal nur dadurch vom Tode errettet, daß Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn Einspruch erhob gegen seine Hinrichtung. Sie wissen, Pšsič ist der Name jenes serbischen Ministerpräsidenten, welcher bei Kriegsausbruch im Amt war!
[ 22 ] Nun handelte es sich bei all diesen Dingen um etwas, was notwendig geworden war. Denken Sie, daß man ja das, was man erreichen wollte, nicht erreichen konnte, wenn die Obrenovići geblieben wären. Dazu mußte, unter russischer Protektion, Peter Karadjordjević auf den Thron kommen. Nun hatte man die Draga Mašin, die mittlerweile den Alexander geheiratet hatte, auch unter russische Protektion genommen. Sie war aber nun der radikalen Partei höchst unbequem geworden, denn man schämte sich ihrer. Das alles zog man in Erwägung — das alles war etwas, mit dem man durchaus rechnete, denn es handelte sich von der Seite, von der die Draga Mašin ins Spiel gebracht wurde, nicht etwa darum, just diese «angenehme» Persönlichkeit mit den Parfümkünsten auf den Thron von Serbien zu bringen, sondern darum, die Dynastie der Obrenovići in ihrem Repräsentanten, Alexander, unmöglich zu machen. Man mußte doch erst die Obrenovići lächerlich machen; man mußte doch erst die Draga Mašin zur Königin gemacht haben, um sie nachher umbringen zu können, denn sonst hätte man ja den Mord nicht in einer zweckentsprechenden Weise eingerichtet. Es handelte sich eben darum, gerade denjenigen
[ 23 ] zu dienen, denen Draga Mašin äußerlich höchst unbequem war, aber um sie dann wegzubekommen, mußte man die ganze Komödie einleiten, und die Draga mußte sie spielen. Auf die Einzelheiten dieser Komödie, die bis zur Vorspiegelung der guten Hoffnung auf einen künftigen Thronfolger ging — der aber niemals im «Anzug» war —, will ich nicht weiter eingehen. Aber es darf doch darauf hingewiesen werden, daß ganz sonderbare Persönlichkeiten aufgegriffen wurden, welche zwischen Genf, wo sich die Karadjordjevići aufhielten, und dem Balkan eine gewisse Verbindung herstellten sowie auch noch verschiedene weitergehende Verbindungen.
[ 24 ] Aber der Peter Karadjordjević hatte die Weisung bekommen, sich still in Genf zu halten, sich da nur ja nicht zu rühren. Dagegen war eine ganze Reihe von Unterhändlern auf die verschiedensten Orte verteilt, welche dazu berufen waren, im Sinne von Rußland die ganze Aktion zu leiten, der ganzen Aktion ein Gesicht zu geben. Und ich möchte Sie hier an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß es ja durchaus nicht darauf ankommt, besonders auf die Persönlichkeiten zu deuten, die irgend etwas [in solchen Zusammenhängen] tun. So gab es zum Beispiel einen Unterhändler, einen Montenegriner, der eine sehr wichtige Rollespielte bei dem, was von den Karadjordjevići zusammen mit Rußland unternommen worden ist. Aber diesem kam es gar nicht darauf an, der radikalen serbischen Partei oder sonst irgend jemandem zu dienen. Das hat er später gezeigt, namentlich dadurch, daß er die zahlreichen Briefe, die er in dieser verhängnisvollen Sache mit Peter Karadjordjević gewechselt hatte, in Wien zum Kauf anbot. Der Verkauf in Wien ist nur dadurch vereitelt worden, daß der gute Karadjordjević selber hundertfünfzigtausend Franken schwitzte, um diese Briefe, die dazumal gewechselt worden waren, wieder im Jahre 1907 zurückzukaufen.
[ 25 ] Ich will auf diese Dinge nur hindeuten, aber, meine lieben Freunde, wenn einmal die Geschichte dessen geschrieben werden wird — und sie wird einmal geschrieben werden —, was sich.abgespielt hat dazumal in Wien im Restaurant Hopfner, was sich abgespielt hat am 22. Januar 1903 in Linz, was sich abgespielt hat im April in Mödling im Hotel Biegler, wenn einmal die Geschichte davon geschrieben wird, wie da zustande gekommen ist jenes Dokument, wodurch der Karadjordjević sich verpflichtete, nichts zu unternehmen gegen diejenigen, die den Alexander Obrenović und die Draga Ma$in ermorden werden, wenn er auf den Thron kommen sollte, dann wird das ein Kapitel sein, das auf vieles Licht werfen wird. Namentlich wird das wichtig sein, was am 22. Januar 1903 in Linz von Peter Karadjordjević unterschrieben worden ist, sowie die Besprechung, die einige im Dienste dieser Sache stehende Offiziere im Gasthause Kolarac in Belgrad hatten.
[ 26 ] Nach all diesen Präliminarien wurde im Juni 1903 der in der Welt ja in anderer Weise — [ohne Wissen um solche Hintergründe] — bekannt gewordene Mord in Belgrad durchgeführt. Eine wichtige Rolle bei diesem Mord spielte ein gewisser Leutnant Voja Tankosić. Es ist nicht unbedeutend, daß dazumal der Anführer einer der Gruppen, welche überall verteilt waren, um die verschiedenen Anhänger des Alexander Obrenović und der Draga Ma$in zu ermorden, Leutnant Voja Tankosić war. Sie wissen vielleicht, daß unter den Persönlichkeiten, auf welche hingewiesen wurde in den Untersuchungen, die von Österreich nach der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand gemacht worden sind, unter denjenigen Persönlichkeiten in Serbien, von denen der Mord in Sarajevo organisiert worden ist, ein gewisser Major Tankosić genannt worden ist. Es ist derselbe Voja Tankosić, der dazumal die Aufgabe hatte, die beiden Brüder Lunjevici, die Brüder der Draga Ma$in, zu ermorden, und dem dann die Aufgabe zufiel, nachdem er mittlerweile zum Major avanciert war, die Rolle, die ja in der Welt bekannt geworden ist, bei der Ermordung des Franz Ferdinand zu spielen. Es ist wichtig, damit man auch an realen Objekten die Zusammenhänge sieht, darauf hinzuweisen, wie das eine in dem Folgenden weiter fortwirkt.
[ 27 ] Die Dynastie der Obrenovići war nun also weggeräumt, und es handelte sich darum, den Karadjordjević auf den serbischen Thron zu bringen, denn PaSi€ zum Beispiel war, wenn er auch in allem drinnensteckte, noch nicht sogleich damit einverstanden, daß Peter Karadjordjević auf den Thron komme — Pšsič wollte dazumal einen Engländer auf den serbischen Thron befördern. Selbst im Osten Europas war man nicht überall derselben Meinung. So zum Beispiel konnten in St. Petersburg Leute — und das kann historisch nachgewiesen werden, sie wohnten in der Nähe — hören, wie die Großfürstin Milica Nikolajevna nach dem Bekanntwerden der Ermordung des Obrenović sich vernehmen ließ: Trinken wir auf das Wohl des Königs Nikita von Serbien. — Also in diesen Kreisen bestand die Tendenz, den Nikita von Montenegro — diesen Mann, den Sie ja dem Namen nach kennen werden — auf den serbischen Thron zu bringen. Aber als es zur Entscheidung kam, erschien der damalige russische Geschäftsträger in Belgrad, Čarykov, und erklärte wörtlich: Ich bin gekommen, um die Mitteilung zu machen, daß meine Regierung — das heißt die russische Regierung — nur dann einverstanden sein wird, wenn bei der morgigen Königswahl Prinz Karadjordjević einstimmig zum König von Serbien gewählt wird.
[ 28 ] Meine lieben Freunde, da habe ich Sie auf eine Reihe von Tatsachen hingewiesen, welche Ihnen zeigen sollen, wie Dinge wirken, wenn sie in gewisse Bahnen geleitet werden, denn man muß schon eine konkrete Vorstellung von dem haben, was eigentlich in der Welt geschieht. Nun, ich will sozusagen symptomatisch vorgehen. Es können sich die Dinge ja erst dann zu einem Bilde vereinigen und uns einen Aufstieg zu den Grundwahrheiten der Sache geben, wenn wir auf mancherlei eingehen. Bei alledem muß ich immer betonen: Standpunkte kann man haben, und den Standpunkt eines jeden kann man begreifen. Aber wer einen solchen Standpunkt hat, sollte sich dessen bewußt sein, und vor allen Dingen muß man sich dies selbst eingestehen; man sollte nicht so ohne weiteres über die Dinge urteilen, als ob man von einem höheren Forum aus urteile.
[ 29 ] Wirklich, ich habe mich in der letzten Zeit — gerade in der letzten Zeit — oftmals fragen müssen, woher denn gewisse Dinge kommen, wie denn gewisse Dinge entstehen. Ich habe Ihnen, als ich diese Betrachtungen begonnen habe, gesagt, daß es mir wirklich schmerzlich gewesen ist zu erfahren, wie man nach der einen Richtung hin im Grunde nur unfreundlichen, mindestens zweifelhaften Urteilen begegnet und wie gerade diejenigen Leute, die solche unfreundlichen Urteile nach einer gewissen Seite hin haben, sich die Fähigkeit zuschreiben, die Dinge objektiv zu beurteilen. Man braucht ja nicht weit zu gehen, um zu sehen, was da an Unfreundlichkeiten in Betracht kommt. Ich möchte dabei immer wieder betonen, daß ich jeden Standpunkt verstehe, aber nicht, wenn angegeben wird, daß ein Urteil auf einer gewissen objektiven Grundlage gefaßt worden sei — angeblich auf einer objektiven Grundlage. Man kann zum Beispiel lesen:
Für die Frage der Schuld am Ausbruche des Krieges sind die bereits bekannten diplomatischen Aktenstücke von entscheidendem Werte. Man muß sie freilich gründlich studieren; was nur schr wenige getan haben; wer sie verächtlich auf die Seite schiebt, der kennt sie offenbar nicht. Aus diesem Zeughaus ziehen die Staatsmänner, in ihren Reden, gelegentlich einzelne Argumente heraus, die natürlich auf die Unwissenden großen Eindruck machen; es gilt aber jedesmal, die Texte in ihrem Zusammenhang und in ihrer Vollständigkeit zu lesen. Die Lektüre der diplomatischen Bücher ist auf den ersten Blick ebenso trocken wie verwirrend; aus eigener Erfahrung darf ich jedoch sagen, daß sie immer anziehender, ja immer packender wird; diese dürren, oft schwerfälligen, nicht selten verlogenen Texte lesen sich zuletzt wie die Szenen einer Tragödie.
[ 30 ] Das sagt der Verfasser.
Das Resultat dieser Lektüre ist für mich ganz klar. Es liegt ein Verbrechen an der Menschheit vor; es ist von den Regierungen der Zentralmächte begangen worden. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern noch öfters habe ich das Problem wieder von vorne aufgegriffen, mit neuen Möglichkeiten geprüft, und immer wieder mußte ich zu demselben Resultate gelangen. Noch heute würde ich, im Bewußtsein meiner Subjektivität, dieses Resultat bezweifeln, wenn nicht andere denselben Schluß gezogen hätten, die unter ganz andern Verhältnissen an das Problem herantraten. Das Urteil der Kriegführenden, die für das eigene Land eintreten, oder das Urteil derjenigen, die aus politischer Überzeugung die Regierung des eigenen Landes bekämpfen, kann logisch zwingend sein, es hätte doch für mich noch nicht jene moralische Kraft, die die Gewißheit schafft. Wenn ich also von «andern» spreche, so verstehe ich darunter einige Deutschschweizer, deren persönliche Verhältnisse, alte Sympathien und wissenschaftlich Schulung durchaus deutsch sind und deren Objektivität und Autorität in unserem Lande so groß sind, daß die bloße Nennung ihrer Namen den tiefsten Eindruck machen würde. Diese Männer wollen nicht in die Öffentlichkeit treten; es ist ihr gutes Recht; so werde ich sie nicht nennen. Schon im November 1914 hat einer von ihnen, in kleinem Kreise, mit streng wissenschaftlicher Kritik das deutsche Weißbuch vernichtet; aus einem jüngsten Gespräch weiß ich, daß die letzte Kanzlerrede dieses Urteil bloß verschärft hat. Die vielerwähnte «Einkreisung», der von Rußland für das Jahr 1917 geplante Krieg und andere Dinge dieser Art, das sind Behauptungen, denen ich ja nicht jeden Wert absprechen möchte; sie führen bereits zur andern Serie von Tatsachen hinüber, haben aber bloß eine relative, zum Teil hypothetische Bedeutung und ändern nichts an der Tatsache, daß Ende Juli 1914 der Krieg noch hätte vermieden werden Können; daß er.aber von einer’ Seite gewollt und ausgeführt würde.
[ 31 ] Nun, meine lieben Freunde, ich darf sagen, daß ich wahrhaftig öfter — viel öfter als ein Dutzend Mal — die sämtlichen Blau-, Rot- und Weißbücher wirklich studiert habe und bei mir wirklich zugelassen habe jede Richtung des Urteils; [je nach dem Ergebnis] hätte ich dann eben die Möglichkeit finden müssen, mit den realen Tatsachen auszukommen. Aber wenn ich alles, alles in Erwägung ziehe, so muß ich sagen: Die Urteile, die ich höre, sie erinnern mich doch immer und immer wieder nur an eines — an lange Diskussionen, die mit den Worten schließen: Tut nichts, der Jude wird verbrannt! — Ob es nun mehr oder weniger geistreiche Menschen sind, man hört doch immer wieder nur die Stimmung heraus: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt! — Und da man niemals eine objektive Begründung finden kann für so schwerwiegende Behauptungen, wie sie zum Beispiel da gemacht werden, so können diese Dinge doch nur als etwas genommen werden, was im eminentesten Sinn zu einer Frage werden muß: Woher kommt es denn, daß ein so großer Teil der Menschen das Urteil hat, das zuletzt eben zusammengefaßt wird mit dem Ausspruch — wenn auch nicht mit diesen Worten selbstverständlich: Tut nichts, der Deutsche wird verbrannt! — Woher kommt das denn?
[ 32 ] Gerade in diesem Urteil fließt vieles zusammen, meine lieben Freunde. Und es fließt namentlich deshalb vieles zusammen, weil es nichts nützt, dies oder jenes dort vorzubringen, wo die Gründe liegen, die zu diesem Urteil führen. Und dennoch, meine lieben Freunde, ist die Frage, die ich hiermit aufwerfe, in der tiefsten Bedeutung auch eine Herzens- und Seelenfrage. Ich weiß, was man alles gedacht hat, als ich aus einer bestimmten Notwendigkeit heraus meine Broschüre «Gedanken während der Zeit des Krieges» schrieb, die — wie es im Untertitel heißt — «für Deutsche und solche, die nicht glauben, sie hassen zu müssen» bestimmt war. Ich weiß, daß dies Gedanken sind — rechnen Sie es mir nicht als Unbescheidenheit an, wenn ich es ausspreche —, ich weiß, daß dies Gedanken sind, die einstmals von der Geschichte als diejenigen Gedanken angesehen werden, welche in Betracht kommen, und mag es auch noch so lange dauern! Aber ich weiß auch, daß gewisse Dinge nicht möglich sein werden — aus inneren geistigen Zusammenhängen heraus nicht möglich sein werden —, solange nicht, an gewissen Stellen wenigstens, eine Empfindung für die Richtigkeit dieser Gedanken da ist. Und diejenigen, welche sich nicht durch das innere Schwergewicht solcher Gedanken überzeugen lassen wollen, die werden noch von mancher Seite Lehren empfangen müssen. Eine gewichtige Lehre wird der Welt schon zuteil werden, wenn die Programme solcher Leute wie Lloyd George verwirklicht werden. Aber vielleicht werden noch manche andere Lektionen nötig sein — auch gewisse Leute der Peripherie werden solche Lektionen erhalten. Und man könnte manches anders gestalten, wenn man sich weniger betäuben lassen wollte durch jene Urteile, die ich charakterisiert habe.
[ 33 ] Das, was ich Ihnen sage, ist schon wahr, denn ein Teil der Lösung wird darin bestehen, daß an manchen Stellen das Urteil in die eben angedeutete Bahn gerückt wird. Was nützt es denn, wenn zum Beispiel ein Angehöriger der englischen Nation sich für diesen oder jenen Mann einsetzt, durch den dieses oder jenes wirkt, und es wie eine persönliche Beleidigung aufnimmt, wenn gerade diese Persönlichkeit
[ 34 ] in einer objektiven Weise charakterisiert wird? Gerade weil aus der englischen Kultur das hervorgeht, was ich vorgestern charakterisiert habe — jene besondere Formung politischer Gedanken —, ist es auch möglich, daß manches Tiefere dahinter ist, was als Werkzeug benützt wird, um manches in ganz sonderbare Richtungen zu lenken. Denn, meine lieben Freunde, es liegt das Eigentümliche vor, daß man als das ungeeignetste Instrument für gewisse Impulse, die vom Westen Europas herkommen, das anzusehen hat, was ich als politische Gedanken der englischen Kultur charakterisiert habe. Es ist durchaus möglich — und es ist wirklich so —, daß auf der einen Seite das steht, was gerade das englische Volk im fünften nachatlantischen Zeitraum zu verwirklichen berufen ist, daß aber dieses stets durchkreuzt wird von ganz anderer Seite her. Und man muß schon auch auf mancherlei andere Stimmen im Orchester hören, selbst wenn in diesem Orchester die schönen Stimmen sind, die ich vorgestern charakterisiert habe.
[ 35 ] So möchte ich zum Beispiel Ihre Aufmerksamkeit lenken auf einen Ausspruch Lord Roseberys aus dem Jahre 1893 — nicht aus dem Grunde, weil just dieser eine Ausspruch eine besondere Wichtigkeit hätte, sondern weil ein solcher Ausspruch ein symptomatischer Ausdruck ist für etwas, was existiert und gerade in diesem Ausspruch charakteristisch herauskommt; man könnte es durch viele andere ÄuRerungen charakterisieren, aber in diesem Ausspruch kommt es gerade charakteristisch heraus. Lord Rosebery sagte — es ist übersetzt:
Man sagt, daß unser Reich groß genug ist und daß wir genug Territorien besitzen. [...] Wir dürfen aber nicht nur das ins Auge fassen, was wir heute nötig haben, sondern auch das, was wir in der Zukunft nötig haben werden. [...] Wir müssen uns bewußt bleiben, daß es ein Teil unserer Pflicht und unseres Erbteils ist, dafür zu sorgen, daß die Welt den Stempel unseres Volkes trage und nicht den irgendeines anderen.
[ 36 ] Es ist wichtig zu wissen, daß auch solche Stimmen sich in das Weltenorchester hineinmischen. Nun ist Lord Rosebery an und für sich nach dieser Richtung hin nicht eine bedeutende Persönlichkeit gewesen, aber in solch einem Ton ergoß sich dasjenige, auf das wir eben hindeuten werden. Das ist wichtig ins Auge zu fassen, daß immerhin von da — nicht vom Volke, aber von einem Mann, hinter dem Gruppen stehen —, herübertönte der Anspruch darauf, daß die ganze Welt den Stempel des englischen Volkes aufgedrückt bekommt. Das, meine lieben Freunde, ist aber nichts anderes als die Resonanz dessen, was in manchen okkulten Bruderschaften immer gelehrt wurde — gelehrt wurde zum Beispiel auch mit den Worten: Das lateinische Wesen ist im Untergange, das ist in der Dekadenz, das braucht man nur sich selbst zu überlassen, das kann uns nicht mehr irgendwie behelligen; der fünfte nachatlantische Zeitraum gehört den englischsprechenden Völkern allein, sie haben die Erde zu dem zu machen, was sich aus ihnen entwickelt. Man muß das, was da in okkulten Bruderschaften als eine feste Lehre gegeben wurde, widerklingen hören in Lord Roseberys Ausspruch, und man wird immerhin manches daraus lernen können, denn es handelt sich darum, auf die richtigen Stellen hinzuschauen. Was äußerlich geschieht, meine lieben Freunde, das kann Komödie sein, und es handelt sich nur darum, daß man die Komödie durchschaut und sie nicht als weltbeglückende Ereignisse ins Auge faßt.
[ 37 ] Nicht wahr, wenn sich jemand auf den Standpunkt stellt, auf den sich Lord Rosebery dazumal gestellt hat, dann braucht mit ihm nicht diskutiert zu werden, denn in solchen Dingen ist eine Diskussion ganz unnötig. Man kann auch nicht davon sprechen, daß jemand kein Recht hätte, einen solchen Standpunkt einzunehmen. Er hat selbstverständlich das Recht. Jeder hat das Recht, sich auf diesen Standpunkt Lord Roseberys zu stellen, aber er soll sagen: Mein Endziel ist, die Welt englisch zu machen — und nicht: Ich kämpfe für Freiheit und Recht der kleinen Völkerschaften. — Darum handelt es sich. Man kann den Standpunkt Lord Roseberys von seinem Gesichtspunkt aus ganz gut begreifen. Wenn man sich aber nicht auf seinen Standpunkt stellt, so stellt man sich notwendigerweise auf einen andern Standpunkt, und dann gibt es zwischen den zwei Standpunkten keine Einigung, sondern nur die Möglichkeit, daß sich mit den Mitteln, die die Welt dafür hat, die Sache ausgleicht. Dann müssen unter Umständen solche Standpunkte notwendigerweise zum Kriegsausbruche führen. Das ist ja ganz selbstverständlich, denn sonst müßte man verlangen, daß sich die andern freiwillig einem solchen Standpunkte unterwerfen. Ist ihr Standpunkt aber der, daß sie das nicht wollen, dann kommen eben die Konflikte. Deshalb, meine lieben Freunde, will ich auch nur Standpunkte charakterisieren, denn es kommt doch nicht darauf an, ein objektives Urteil über etwas zu fällen, was nicht objektiv sein kann, sondern wo man einfach wählen muß.
[ 38 ] Deshalb kann ich auch einen Standpunkt wie den des französischen Außenministers Hanotaux begreifen, den er im Jahre 1909 in dem Buche über Faschoda und die Teilung Afrikas einnimmt. Er sagt da:
Seit zehn Jahren ist das Werk vollendet; Frankreich hat seinen Rang unter den vier Weltmächten behauptet. Es ist in allen Weltteilen zu Hause. Französisch spricht man und wird man immer sprechen in Afrika, in Asien, in Amerika, in Ozeanien. [...] Herrschaftskeime sind ausgesät in allen Teilen des Erdballs. Sie werden gedeihen unter dem Schutze des Himmels.
[ 39 ] Auch einen solchen Standpunkt kann man selbstverständlich begreifen, aber daß sich eventuell Kollisionen ergeben können mit andern Standpunkten — das muß doch eingesehen werden.
[ 40 ] Nun muß man auch etwas anderes objektiv in Erwägung ziehen. Es ist oftmals gerade in Deutschland das Wort «Kolonialpolitik» gebraucht worden. Aber bevor Deutschland begonnen hat, eine Art Kolonialpolitik zu treiben, was ja im Grunde genommen niemals in Bismarcks Absicht gelegen hat, denn Deutschland — und darauf kann später einmal eingegangen werden — mußte erst zur Kolonialpolitik «herangebändigt» werden, nicht einmal von sich aus, sondern auf eine sehr merkwürdige Weise von ganz anderer Seite her. Es lag überhaupt so wenig im Charakter des deutschen Volkes, eine Kollision nach dieser Richtung hervorzurufen, daß Sie zum Beispiel in den berühmten Reden Fichtes an die Deutsche Nation ausdrücklich lesen können: Die Deutschen werden niemals einem Volke hereinreden, das von der Freiheit der Meere spricht und eigentlich damit meint, gegen alle anderen die Meere zu beherrschen. — Vor allen Dingen, man wußte auch in Frankreich, daß geradezu die Neigung bestand, jenes Ziel, das hier Hanotaux ausspricht, nicht irgendwie zu durchkreuzen, sondern ruhig Frankreich seinen Weg als Kolonialvolk gehen zu lassen.
[ 41 ] Nun findet sich aber in dem Buch des Ministers Hanotaux, das ich angeführt habe, noch die folgende Stelle:
Es wird Sache der Geschichte sein, festzustellen, welches der leitende Gedanke Deutschlands und seiner Regierung bei den verwickelten Streitigkeiten gewesen ist, unter denen sich die Teilung Afrikas und die letzte Phase der französischen Kolonialpolitik vollzogen hat. Man kann annehmen, daß zu Anfang die Bismarck’sche Politik mit Genugtuung zugesehen hat, wie Frankreich sich auf entfernte und schwierige Unternehmungen einließ, die für lange Jahre hinaus die Aufmerksamkeit des Landes und seiner Regierung voll in Anspruch nehmen mußten. Immerhin ist es nicht sicher, daß diese Rechnung sich auf die Dauer als richtig erwiesen hat, da schließlich Deutschland seinerseits den gleichen Weg beschritt und — freilich etwas spät — die verlorene Zeit wiederzugewinnen suchte. Wenn dieser Staat aus freiem Ermessen [...]
[ 42 ] — bitte, er sagt «aus freiem Ermessen» —
[...] die koloniale Initiative anderen überlassen hat, darf er sich nicht wundern, wenn diese die besten Stücke erlangt haben.
[ 43 ] Man kann natürlich selbstverständlich wiederum diesen Standpunkt durchaus verstehen, aber er enthält doch ein Geständnis: daß Deutschland «aus freiem Ermessen» der Kolonialpolitik Frankreichs die besten Stücke überlassen hat — urteilen Sie jetzt nicht sogleich nach den Einzelheiten, die ich gebe, denn erst, wenn ich sie alle beisammen habe, wird es ein Gesamtbild ergeben.
[ 44 ] Sehen Sie, man kann die Frage aufwerfen, wie es denn überhaupt möglich ist, so leichtsinnig einen Zusammenhang zu konstruieren zwischen den Ereignissen, die sich etwa vom 22. bis 24., 25. Juli 1914 abspielten, und denen der nächsten Tage. Sie glauben gar nicht, wie leichtsinnig es ist, wie unbändig leichtsinnig es ist, wenn man in diesen Ereignissen eine bloße Kontinuität sucht und glaubt, daß so ohne weiteres aus dem Ultimatum von Österreich an Serbien der große Weltkrieg entstanden sei oder gar hätte entstehen müssen. Es mußte mancherlei anderes hinzukommen; es mußte mancherlei anderes seit Jahrzehnten vorbereitet sein. Aber man muß in einer gewissen Weise ein Auge haben und aufmerksam sein für manches, was da geschehen ist. Den Herren, die so ohne weiteres über die vielen Bücher in der Weise urteilen, wie ich es Ihnen an einem Beispiel gezeigt habe, möchte ich raten, nicht nur zu lesen, wie man heute oftmals liest, sondern so zu lesen, daß man im Lesen bemerkt, welche Dinge eigentlich spielten. Und da muß man ja, wie Sie vielleicht wissen, auf manches ganz besonders hinschauen können. So stand [in den Aufzeichnungen der Gespräche, die im Juli des Jahres 1914 stattfanden] — ich setze mich vorläufig wirklich ruhig dem Mißverständnisse aus, daß ich allerlei zusammentrage, was sich nicht so ohne weiteres beweisen ließe, denn alle diese Dinge kann ich gut beweisen —, aber das muß ich doch sagen: Man lese all dies, was viele Gespräche, die im Juli des Jahres 1914 stattgefunden haben, wiedergibt, und sehe darauf, wie diese Gespräche verlaufen sind. Wie man ja sonst auch im Leben manchmal geradezu an den Mienen noch etwas absehen kann, was zu dem bloßen Worte dazukommt, so kann man erst recht beim Politiker dahinterkommen, was er will — aus der Miene, aus der Geste manchmal viel mehr als aus dem, was er sagt. Dieses ist oftmals sogar dazu bestimmt, das zu verdecken, was eigentlich vorgebracht werden soll. Und außerdem werden Berichte über solche Imponderabilien zumeist richtiger gegeben als die Berichte über Worte.
[ 45 ] Und da möchte ich denn fragen: Warum spielte denn eine Persönlichkeit wie Sazonov deutlich zwei Rollen in den ganzen Verhandlungen? Warum spielte Sazonov diese Rolle, die den Eindruck machen mußte eines außerordentlich aufgeregten Menschen, der sich aber mit aller Gewalt Mühe gibt, um ruhig zu sein, so daß seine Ruhe den Eindruck des Einstudierten macht? Warum spielte er diese Rolle, aus der zu ersehen ist, daß er nicht zuhört, sondern nur das sagt, was er vorbereitet hat — was nicht die rechte Antwort ist auf die Frage, die ihm gestellt wird, sondern etwas, wovon man sehr gut weiß, sehr gut sieht, es ist vorbereitet? Warum spielt er diese Rolle, wenn er mit denjenigen verhandelt, die Österreich zu ihm geschickt hat, und warum nimmt sich sein Verhalten ganz anders aus, wenn er mit den Gesandten der Entente verhandelt? Warum hört er da zu? Warum findet man — wenn er nachher darüber schreibt — solche Sätze, von denen man wissen kann, daß sie ihm zuerst von den Gesandten der Entente gesagt worden sind? Man braucht sie nur miteinander zu vergleichen! Warum hört er da zu? Und warum weiß er bereits, was er sagen wird, wenn er zum Beispiel mit dem Gesandten Österreichs spricht — bis zu dem Grade, daß er sogar ein wenig aus der Rolle fällt? Denn bei den ersten Worten des österreichischen Gesandten, bei dessen Besuch am 24. Juli, sagte Sazonov: Ach, Sie brauchen mir das alles gar nicht zu sagen, das weiß ich schon alles! Es genierte ihn, was der Gesandte sagen wollte, denn er hatte seine Antwort schon fertig! Und warum legte er bei dieser einstudierten Rede besonderen Wert darauf, daß unter gar keinen Umständen von Österreich die Auflösung der «Narodna odbrana», der Fortsetzung der Bestrebungen der «Omladina», verlangt werden dürfe — warum dieses? Ich will es nur als Frage aufwerfen — man muß eben Fragen stellen, oftmals sogar negative Fragen, denn negativ gestellte Fragen [können besonders aufschlußreich sein].
[ 46 ] Es wird zum Beispiel die Schuld der deutschen Regierung an dem Kriege konstruiert. Demgegenüber kann die Frage gestellt werden: Was wäre geschehen, wenn sich das vollzogen hätte, was die deutsche Regierung eigentlich gewollt hat: die Lokalisierung des Krieges zwischen Österreich und Serbien? Denn das kann jedes Kind aus den Verhandlungen erkennen, daß das das Ziel der deutschen Regierung war: den Krieg zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren, das heißt, es nicht weiter kommen zu lassen als zu einem Krieg zwischen Österreich und Serbien. Diese Frage kann man ja auch aufwerfen: Was wäre in diesem Fall geschehen? Diese Frage sollte sich jeder gewissenhaft beantworten.
[ 47 ] Aber eine andere Frage muß man auch gewissenhaft beantworten. Nicht wahr, was hätte auch noch geschehen müssen, um den Krieg zu lokalisieren? Das war, daß Rußland stillgehalten hätte, daß es sich nicht eingemischt hätte. Hätte es sich nicht eingemischt, so wäre der Krieg lokalisiert worden. Notwendigkeiten spielen natürlich auch von anderer Seite hinein, aber das sind Notwendigkeiten, die nichts zu tun haben mit dem Willen der Menschen — und nichts mit der Schuldfrage. Aber warum taucht denn in den Diskussionen zwischen Sir Edward Grey und allen andern niemals der Gesichtspunkt der Lokalisierung auf, wenigstens niemals in ernsthafter Weise, sondern warum taucht denn — und zwar schon vom 23. Juli ab — sofort der Gesichtspunkt auf: Rußland muß befriedigt werden? Niemals taucht der Gesichtspunkt auf, man solle Österreich mit Serbien allein lassen, sondern immer der Gesichtspunkt, man könne Rußland unmöglich zumuten, Serbien allein zu lassen. Und dieser Gesichtspunkt der Lokalisierung tauchte auch dann nicht auf, als Österreich das bindende Versprechen abgab, kein serbisches Territorium zu erobern, überhaupt nichts zu erobern. Kann man zum Beispiel sagen, daß man das nicht geglaubt hat? Dann hätte man ja warten können, denn es ist auch sonst vorgekommen — denken Sie nur an frühere Ereignisse —, daß man ruhig die Leute sich zuerst hat raufen lassen und nachher Konferenzen veranstaltet hat. Warum wird es sogleich die Aufgabe derer, mit denen dieser Sir Edward Grey spricht, die Sache so zu definieren, als ob diese Angelegenheit immer eine russische Frage sei? Das ist auch etwas, was sich jemand, der die Sache wirklich gewissenhaft ins Auge fassen will, beantworten muß.
[ 48 ] Und damit, meine lieben Freunde, kommt man zu dem Punkte, dem wichtigen Punkte des Verhältnisses zwischen Mitteleuropa, England, Amerika und so weiter, mit andern Worten zu alledem, was hinter den Worten des Lord Rosebery steckt, was damit zusammenhängt und sich daran angliedert. Dazu kommt man, und auch zur Frage: Woher kommt denn so etwas, was ich gestern charakterisiert habe als die Furcht, die da herrschte unter den Völkern, die Furcht voreinander? — Nun, es würde heute zu weit führen, das ganz zu erklären, aber ich werde schon noch darauf eingehen müssen, bevor ich die Sache zu dem Ziele führe, zu dem sie eigentlich kommen soll. Ich möchte nur bemerken, daß Dinge geschehen sind, aus denen sich vernünftigerweise gar nichts anderes folgern ließ, als was nachher tatsächlich auch eingetreten ist. [Nichts anderes ließ sich daraus schließen], als daß in England hinter jenen, die gewissermaßen die Hampelmänner waren, eine mächtige, einflußreiche Gruppe von Menschen existierte, die zum Kriege mit Deutschland trieb, die den Krieg mit Deutschland absolut wollte. Durch sie wurde der Weltkrieg, den man immer vorausgesagt hatte, in gewisse Bahnen geleitet — denn man kann natürlich das, was geschehen soll, in gewisse Bahnen leiten, die wiederum richtig gestaltet sein müssen. Und so entstand bei einer gewissen Anzahl von Leuten in Mitteleuropa, namentlich in Deutschland — keineswegs aus einer Sehnsucht heraus, durchaus mit England einen Krieg zu beginnen, der vom Standpunkte Deutschlands aus ganz sinnlos gewesen wäre —, da entstand der mit Furcht verbundene Glaube, daß ein Krieg, in dem Deutschland und England Gegner sein müßten, von einer gewissen Gruppe in England im geeigneten Zeitpunkte zum Ausbruch gebracht werden würde. Und mancherlei einzelne Ereignisse wiesen auch diejenigen, die nur oberflächlich schauten, auf diese Dinge hin.
[ 49 ] So mache ich Sie vor allen Dingen auf eines aufmerksam, das für ein Urteil wichtig ist: Bis 1908, vielleicht sogar bis 1909 gab es in England noch immer weite Kreise, die sogar dem König Eduard VII. nicht sehr ferne standen oder, besser gesagt, er ihnen — weite Kreise, die es als eine Unmöglichkeit betrachteten, daß Rußland sich jemals Konstantinopel nähern dürfe oder die ganz freie Durchfahrt durch die Dardanellen, wie es sie anstrebt, immerfort haben solle. Nun war in dieser Zeit ein Ereignis eingetreten, welches in wenigen Monaten vieles geändert hat. Damals sprachen zwei Menschen miteinander, von denen namentlich der eine viel, sehr viel vom Ausdeuten der Worte verstand. Es handelte sich nämlich dazumal darum, als Kompensation für die Annektierung von Bosnien und der Herzegovina im Einverständnis mit Österreich die freie Durchfahrt durch die Dardanellen für Rußland zu bekommen. Das strebte Rußland an. Und Izvolskij, der zwar ein gescheiter Mann ist, aber noch gescheiter zu sein glaubt, als er wirklich ist, glaubte dazumal tatsächlich, Österreichs Zustimmung zugunsten Rußlands, aber gegen die englischen Bestrebungen sogar schon zu haben. Aber das war dann nicht so, und da mußte er einen anderen Kurs einschlagen.
[ 50 ] Dies war in den letzten Jahren nur eines der Ereignisse, die noch sehr vermehrt werden könnten. Und so ist denn vieles in diesen letzten Jahren reich, sehr reich an Winkelzügen, meine lieben Freunde, und solche Winkelzüge sind in der Peripherie wahrhaftig vielfach aufzufinden; da kommt man schon einmal nicht darum herum, das zu sehen. Wenn man die betreffenden Bücher hat, die ja nur die allerletzte Phase der Tragödie beschreiben, und wenn man diese zwölf-, fünfzehn-, zwanzigmal studiert und sich wirklich so plagt damit, wie ich mich ehrlich und redlich geplagt habe, so kommt man nicht darum herum — wir werden über diesen Punkt weitersprechen —, nicht darüber hinweg einzusehen, wie eine mächtige Gruppe, die sozusagen wiederum nur der Außenposten für gewaltige dahinterstehende Impulse war, hinter jenen Hampelmännern stand. Die waren ja selbstverständlich ehrliche Menschen, aber eben nur Hampelmänner und sind jetzt in die Versenkung verschwunden, so daß sich Europa bald davon überzeugen können wird, wer da nun noch nachkommen wird.
[ 51 ] Aber dadurch war doch die Situation entstanden, daß man sich in Mitteleuropa fragen konnte: Wird es möglich sein, daß genügend ehrliche Leute bei der Selektion an die Oberfläche kommen, um jene mächtige Gruppe zu überwinden, oder wird es nicht möglich sein? — Und es gab Leute, die sich zu sorgen begannen, weil sie für einen Kriegsfall die Koalition Rußland-Frankreich-England voraussahen. Es gab Leute, die eben darüber besorgt waren, und ich weiß wirklich nicht, ob man sich darüber zu wundern braucht, daß die Leute sich Sorgen machten. Man muß sich zwar über vieles wundern, aber darüber sollte man sich eigentlich nicht wundern, denn die weisen Herren, die die Bücher studieren, könnten doch immerhin, denke ich, das eine herausfinden, was sogar jene von der Universität Bern preisgekrönte Schrift herausgefunden hat: daß von seiten Englands der Krieg längst absolut unvermeidlich gemacht worden war, als die Verletzung der belgischen Neutralität stattfand. Aber alle, alle Dinge weisen darauf hin, daß man keinen Grund hatte, mit dem man sich hätte sehen lassen, mit dem man vor das englische Volk hätte hintreten können, denn die Gründe, die es für den Krieg gab, durften nicht gesagt werden — unter keinen Umständen! Und die Sache war auch so: Wäre jemand als englischer Minister mit den Gründen, um die es sich tatsächlich handelt, vor das Parlament getreten — er wäre hinweggefegt worden von der Volksstimmung. Daher mußte zum Beispiel Sir Edward Grey so sonderbare Reden halten.
[ 52 ] Es ist leicht und billig zu sagen, das englische Volk hätte keinen Krieg gewollt. Das braucht man nicht zu sagen — es ist selbstverständlich, das weiß jeder. Niemand, der auf die wirklichen Tatsachen hindeutet, ist der Meinung, daß das englische Volk als solches einen Krieg wollte — das englische Volk würde jeden, der den wahren Grund gesagt hätte, hinweggefegt haben. Man brauchte daher etwas ganz anderes als den wahren Grund, und das ist etwas, womit man allerdings dem englischen Volk kommen konnte: die Verletzung der belgischen Neutralität. Die mußte aber erst herbeigeführt werden. Daher mußte erst das verhindert werden, worauf Georg Brandes hingewiesen hat — das mußte verhindert werden. Es ist tatsächlich so: Hätte Sir Edward Grey nur den einen Satz gesprochen, so hätte dieser Einfall nicht stattgefunden. Und das wird die Geschichte einstmals feststellen, daß die Neutralität Belgiens niemals verletzt worden wäre, wenn Sir Edward Grey die Erklärung abgegeben hätte, die abzugeben ihm sehr leicht gewesen wäre, hätte er allein seinem Willen folgen können. Da er aber nicht seinem Willen zu folgen hatte, sondern einem Impuls, der von einer andern Seite her kam, so mußte er eine solche Erklärung abgeben, wodurch die Notwendigkeit gegeben war, daß die Neutralität Belgiens verletzt worden ist. Dadurch aber wurde ein verwendungsfähiger Grund für England geschaffen — den mußte man ja erst herbeischaffen. Oh, es wäre denjenigen, auf die es ankam, nichts unbequemer gewesen, als wenn die belgische Neutralität nicht verletzt worden wäre; das wäre ihnen am ungelegensten gekommen — selbstverständlich nicht dem Volk, auch nicht dem Parlament in seiner Mehrheit, aber, na — Parlamente! Nun aber prägte sich in dasjenige, was gewissermaßen da von England herüberwehte, gar mancherlei hinein, so daß man begreifen kann die immerhin merkwürdigen Dinge, die bestimmte Menschen erlebten, wie zum Beispiel jener Deutsche, der im April 1914 ein Gespräch hatte in England, in dem ihm sehr merkwürdige Dinge gesagt worden sind. Aber das werde ich noch in einem andern Zusammenhang erwähnen. Da alle diese Dinge doch immer mehr durchgesickert sind, so kann man es begreifen — man kann ja über diese Dinge sich allerlei Gedanken machen, aber man kann sie auch begreifen —, daß manche Leute sagten: Man muß darauf gefaßt sein, daß von England her das Schlimmste für Deutschland kommt. — Und so kam es denn, daß die Leute in Deutschland anfingen, über diese Dinge zu reden, namentlich im neuen Jahrhundert anfingen, so zu reden.
[ 53 ] Eine solche Stimme will ich nun anführen; Sie müssen aber bitte verzeihen, daß ich gerade diese Stimme anführe — man muß ja in dieser Zeit für so vieles um Verzeihung bitten, weil so viel Sonderbares in der Welt herumschwirrt, daß man, ich möchte schon sagen tatsächlich paradox werden muß, wenn man die Wahrheit sagen will. So führe ich Ihnen eine Stelle an aus einem berühmt gewordenen Buche, das im Jahre 1911 geschrieben worden ist und das sich mit dem auseinandersetzt, was eventuell Deutschland von seiten Englands drohen könnte. In diesem Buch heißt es:
Immerhin kann die englische Politik auch andere Bahnen einschlagen und, statt eines Krieges, einen Ausgleich mit Deutschland suchen. Uns wäre diese Lösung jedenfalls die erwünschtere.
[ 54 ] Ja, meine lieben Freunde, dieser Satz ist aus einem berühmt gewordenen Buch, nämlich aus dem Buch «Deutschland und der nächste Krieg» von Bernhardi. Sie wissen, daß man ihn neben Treitschke im Auslande zu einer gewissen Berühmtheit hat kommen lassen, die er in Deutschland zwar nicht hat — aber so ist es. Ich will Ihnen noch eine Stelle vorlesen — sie ist geschrieben worden im Jahre 1911:
Eine solche Machterweiterung durch Gebietserwerbung in Europa selbst zu suchen, dürfte unter den heutigen Verhältnissen für Deutschland so gut wie ausgeschlossen sein. Das im Osten an Rußland verlorene deutsche Kolonialland könnte nur infolge eines großen, für uns siegreichen Krieges wieder gewonnen werden und würde dann wahrscheinlich einen fortwährenden Anlaß zu erneuten Kriegen geben.
[ 55 ] Es wird also als das Unwünschenswerteste hingestellt, etwa nach Rußland hin Eroberungen zu machen!
Auch das ehemalige Südpreußen, das bei der zweiten Teilung Polens mit Preußen vereinigt wurde, wieder zu erwerben, würde der polnischen Bevölkerung wegen seine schweren Bedenken haben.
[ 56 ] Das ist aus einem Kapitel eines Buches, in dem ausgeführt wird, daß unter den mancherlei Dingen, die Deutschland zu tun habe, vor allen Dingen dieses ist, daß es sich ja nicht beifallen lasse, Eroberungskriege in Europa zu machen, irgendwelche Eroberungskriege anzuzetteln. Die Stelle, die ich eben vorgelesen habe, worauf sogar hingewiesen wird, wie unsinnig es wäre, russische Gebiete von Rußland loszulösen, sie ist — ja, verzeihen Sie — auch aus dem Buche von Bernhardi. So wäre es vielleicht gescheiter, wenn diejenigen Menschen in der Peripherie, die von Bernhardi sprechen, doch mit einiger Vorurteilslosigkeit darauf achten würden, was eigentlich in seinem Buche steht vor allen Dingen den Zusammenhang aufsuchen würden, unter dem die Dinge da stehen. Wenn auch manches in diesem Buche recht ungeschickt ausgedrückt ist, so könnte man, gerade wenn man dieses Buch studieren würde, zum mindesten sehen, daß es gescheiter wäre, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, als sie so zu nehmen, wie sie heute genommen werden.
[ 57 ] Wir werden, meine lieben Freunde, am nächsten Mittwoch um 7 Uhr wieder eine Lichtbilderveranstaltung machen und uns hier am nächsten Sonnabend um 7 Uhr wieder treffen.
