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Reflections on Contemporary History I
Ways to Form Objective Judgments
GA 173a

16 December 1916, Dornach

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Reflections on Contemporary History, Volume I, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band I

Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wären wir nicht eine Vereinigung, welche alle Dinge vom Gesichtspunkt der Erkenntnis, und zwar der vertieften geistigen Erkenntnis aus, zu betrachten hat, so wäre es selbstverständlich; daß ich gerade mit den von vielen! Seiten gewünschten Betrachtungen, die wir seit einigen Tagen anstellen, jetzt einhalten müßte, denn auf jeder anderen Grundlage als einer ernsthaften und objektiven Erkenntnis — wenn es sich denn um Erkenntnis handeln würde —, müßte selbstverständlich mit diesen Betrachtungen ausgesetzt werden bis zu dem Zeitpunkt, an dem effektive Ergebnisse der wichtigen Vorgänge unserer Tage vorliegen.

[ 1 ] My dear friends! If we were not an association whose purpose is to view all things from the perspective of knowledge—specifically, profound spiritual knowledge—it would, of course, be natural for me to now adhere to the reflections that many! —which we have been conducting for several days now—because on any basis other than serious and objective insight—if it were indeed a matter of insight—these reflections would naturally have to be suspended until such time as effective results of the important events of our day are available.

[ 2 ] Es ist, glaube ich, auch selbstverständlich, daß jede Seele, welche es ernst und aufrichtig mit dem menschlichen Heil meint, in banger Erwartung demjenigen entgegensieht, was in den nächsten Tagen geschieht, muß es sich doch durch die Tatsachen entscheiden, ob gewisse Stimmen aus dem, was wir in diesen Betrachtungen die Peripherie, den Umkreis, genannt haben, in der Lage sind, sich noch so weit auf sich selbst zu besinnen, daß der ganzen Menschheit, auch der Menschheit der Zukunft, eigentlich nicht zugemutet werden dürfte, daran zu glauben, daß man den Frieden für die Menschheit wolle, daß man für den Frieden kämpfe, wenn man die Möglichkeit, diesen Frieden zu erlangen — und zwar in verhältnismäßig kürzester Zeit zu erlangen —, nicht ergreift. Es wäre niemand, nicht einmal dem Scheine nach — dem Scheine nach sage ich — verpflichtet, an ein Quentchen Aufrichtigkeit in all jenen Deklamationen zu glauben, die vom Frieden oder gar vom Recht der Völker sich hören lassen, wenn die Dinge:so verlaufen würden, wie es nach den Zeitungsstimmen sich ausnimmt, die freilich für einen ernsten Beobachter heute nicht mehr in Betracht kommen. Aber die Welt wird ja in der nächsten Zeit Gelegenheit haben, weiteres zu hören, und sie wird sich entschließen müssen, entweder mit vollem Bewußtsein die Deklamationen von einem Willen zum Frieden it unrichtiger, in unwahrhaftiger Weise aufzunehmen und sie weiter noch irgendwie erheblich zu finden oder sich zur Wahrheit zu wenden. Aber wir, meine lieben Freunde, stehen ja eben auf dem Boden der Erkenntnis, und deshalb brauchen wir diese Betrachtungen nicht zu unterbrechen. Wir suchen die Wahrheit, und die Wahrheit muß in allen Fällen das sein, was zu suchen ist. Deshalb kann sie niemals im Ernste schädlich sein oder schädlich wirken.

[ 2 ] I believe it goes without saying that every soul that is serious and sincere about human salvation is looking forward with anxious anticipation to what will happen in the coming days; after all, the facts must ultimately determine whether certain voices from what we have called in these reflections the “periphery,” the “sphere,” are still capable of reflecting on themselves to such an extent that all of humanity—including the humanity of the future—should not really be expected to believe that they want peace for humanity, that they are fighting for peace, if they do not seize the opportunity to achieve this peace—and to achieve it in a relatively short time. No one—not even in appearance—would be obliged, I say in appearance, to believe in a shred of sincerity in all those declamations about peace or even the rights of nations, if things were to proceed as they appear to be heading, according to newspaper reports, which, of course, are no longer taken seriously by a serious observer today. But the world will, of course, have the opportunity to hear more in the near future, and it will have to decide either to consciously accept the declarations of a will for peace in a false and insincere manner—and continue to regard them as somehow significant—or to turn toward the truth. But we, my dear friends, stand precisely on the ground of knowledge, and therefore we need not interrupt these reflections. We seek the truth, and the truth must always be what is to be sought. Therefore, it can never in all seriousness be harmful or have a harmful effect.

[ 3 ] Ich will Ihnen nun heute einiges vor die Seele führen, was die Möglichkeit bieten kann, in mancher Richtung unser Urteil zu einem berechtigten zu machen. Ich möchte — und das werden Sie aus den verschiedenen Bemerkungen, die ich machte, wohl entnommen haben — nicht im geringsten weder den Standpunkt noch das Urteil von irgend jemandem beeinflussen, aber es handelt sich eben darum, sowohl den Tatsachen des physischen Planes wie den Tatsachen und Impulsen der geistigen Welt ruhig ins Auge zu schauen. Ich habe Ihnen schon vor einiger Zeit davon gesprochen, daß gewiß die Frage der Notwendigkeit im Weltengeschehen ins Auge gefaßt werden muß — selbst gegenüber den schmerzlichsten Ereignissen. Aber Anthroposophie wird uns niemals zu Fatalisten machen, wird uns niemals dazu bringen können, von der Notwendigkeit so zu sprechen, daß wir einfach sagen, man habe sich in diese Notwendigkeiten zu fügen wie in ein Fatum. Man wird die Frage aufwerfen können: Mußten denn diese schmerzlichen Ereignisse kommen, die da gekommen sind? Selbst für den Fall, daß man — es sei als Hypothese angenommen — sich gedrängt fühlen müßte zu sagen: Ja, sie sind notwendig gewesen —, selbst für diesen Fall kann es sich nicht darum handeln, sich einfach fatalistisch in diese Notwendigkeit zu fügen. Was ich damit meine, möchte ich zunächst einmal durch einen Vergleich klarmachen.

[ 3 ] Today I would like to bring a few things to your attention that may help us form a well-founded judgment in certain respects. I do not wish—and you will likely have gathered this from the various remarks I have made—to influence anyone’s point of view or judgment in the slightest, but the point is simply to calmly face both the facts of the physical plane and the facts and impulses of the spiritual world. I spoke to you some time ago about how the question of necessity in world events must certainly be considered—even in the face of the most painful events. But anthroposophy will never turn us into fatalists; it will never lead us to speak of necessity in such a way that we simply say one must submit to these necessities as to a fate. One might ask: Did these painful events that have occurred really have to happen? Even if—let us assume this as a hypothesis—one were compelled to say, “Yes, they were necessary,” even in that case, it cannot be a matter of simply submitting to this necessity in a fatalistic way. I would like to begin by clarifying what I mean by this through a comparison.

[ 4 ] Nehmen wir einmal an, zwei Menschen stritten sich darüber, wie es denn auf einem bestimmten Gebiete mit der Ernte des nächsten Jahres sein würde. Nun ja, da könnte jemand kommen und sagen: Diese Ernte hängt von den Naturnotwendigkeiten ab, man hat es mit einer äußeren Notwendigkeit zu tun. — Und er könnte sehr schön alle Notwendigkeiten aufzählen: das Wetter und die sonstigen Bedingungen, die mehr oder weniger von dem menschlichen Willen unabhängig sind. Schön, gut! Der andere könnte aber sagen: Du hast recht, das mag ja alles bestehen, aber es handelt sich vor allen Dingen darum, die Frage soweit praktisch ins Auge zu fassen, als sie unser praktisches Mittun erfordert. Und da kommt es mir eigentlich viel weniger darauf an, jetzt über das Wetter, über diese oder jene Dinge zu sprechen, sondern es kommt mir darauf an, daß ich, der ich beteiligt bin und beteiligt sein will an der Ernte des nächsten Jahres, den besten Samen ausstreue, den ich finden kann. Und wie auch die andern Faktoren sein mögen — es ist an mir, den besten Samen auszustreuen, und ich werde mich bemühen, es zu tun. — Der erste Mann mag Fatalist sein, der zweite wird die Grundlage für seinen Fatalismus nicht ableugnen, aber er wird alles tun, um den rechten Samen auszustreuen. Und so handelt es sich denn auch für jeden Menschen, der einsichtig sein will, vor allen Dingen darum, die Möglichkeit zu finden, den rechten Samen auszustreuen.

[ 4 ] Let’s suppose two people were arguing about what next year’s harvest would be like in a certain region. Well, someone might come along and say: This harvest depends on natural necessities; we’re dealing with an external necessity. — And he could very well list all the factors: the weather and other conditions that are more or less independent of human will. Fine, all right! But the other person might say: “You’re right, all that may be true, but the main point is to consider the issue from a practical perspective, to the extent that our practical involvement requires it.” And so, for me, it’s actually much less important to talk now about the weather or this or that; rather, what matters to me—as someone who is involved and wants to be involved in next year’s harvest—is that I sow the best seed I can find. And whatever the other factors may be—it’s up to me to sow the best seed, and I will strive to do so. — The first man may be a fatalist; the second will not deny the basis for his fatalism, but he will do everything to sow the right seed. And so, for every person who wishes to be discerning, the most important thing is to find the opportunity to sow the right seed.

[ 5 ] Nun bedeutet natürlich für die geistige Entwicklung der Menschheit dieses Wort «den rechten Samen ausstreuen» etwas viel Komplizierteres als für den Vergleich, den ich eben angeführt habe, denn es wird sich darum handeln, nicht bloß ein paar abstrakte Grundsätze geltend zu machen, sondern aus den Bedingungen der Menschheitsentwicklung heraus in richtiger Weise zu erkennen, was für diese Menschheitsentwicklung gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte notwendig ist. Wie auch das Wetter des nächsten Jahres sein mag, was auch für Hindernisse oder ungünstige Bedingungen eintreten mögen — wenn der zweite seinen Samen nicht ausstreut, dann wird ganz gewiß keine Ernte kommen, nicht einmal eine schlechte! Und so handelt es sich darum einzusehen, daß in der Gegenwart gewisse Bedingungen zu schaffen notwendig sind, gegen welche sich der größte, der weitaus größte Teil der Menschen heute noch sträubt — Bedingungen, die der Menschheitsentwicklung einverleibt werden müssen, damit eine gedeihliche, heilsame Entwicklung in der Zukunft geschehen könne. Und es handelt sich darum einzusehen, daß vor allen Dingen die Menschheit gegenwärtig in einer solchen Entwicklungsphase ist, daß es ihr innerhalb gewisser Grenzen selbst überlassen ist, mit ihren Irrtümern zurechtzukommen.

[ 5 ] Now, of course, for the spiritual development of humanity, the phrase “sowing the right seed” means something much more complex than in the comparison I just gave, for it will be a matter not merely of asserting a few abstract principles, but of correctly recognizing, based on the conditions of humanity’s development, what is necessary for this development at the present moment. Whatever the weather may be like next year, whatever obstacles or unfavorable conditions may arise—if the second person does not sow his seed, then there will certainly be no harvest, not even a poor one! And so it is a matter of recognizing that certain conditions must be created in the present—conditions to which the greatest, by far the greatest, portion of humanity still resists today—conditions that must be incorporated into human development so that a flourishing, wholesome development can take place in the future. And it is a matter of recognizing that, above all, humanity is currently in such a phase of development that, within certain limits, it is left to humanity itself to deal with its own errors.

[ 6 ] Das war in früheren Zeiten nicht so, meine lieben Freunde — in früheren Zeiten bis zu dem fünften nachatlantischen Zeitraum hinauf, als die Erdenmenschen, wenigstens zu einem großen Teil, dazu gebracht wurden, sich ihrer Freiheit völlig bewußt zu werden; vorher griffen göttlich-geistige Mächte direkt in die Erdenentwicklung ein, und sie griffen so ein, daß dieses Eingreifen der göttlich-geistigen Mächte von den Menschen auch empfunden wurde. Das war deutlich wahrzunehmen. Und es kommt heute darauf an, die Menschheit auf die Notwendigkeit hinzuweisen, zu gewissen Einsichten zu kommen, vor allen Dingen dazu zu kommen, über gewisse Dinge ein gesundes, ein mit den Entwicklungsbedingungen der Menschheit zusammenstimmendes Urteil zu haben. Daß ein Sich-Sträuben gegen dieses Urteil vorhanden ist, gehört zu den tieferen Veranlassungen der gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse.

[ 6 ] That was not the case in earlier times, my dear friends—in earlier times, up to and including the fifth post-Atlantean epoch, when the people of Earth, at least for the most part, were led to become fully aware of their freedom; before that, divine-spiritual powers intervened directly in Earth’s development, and they intervened in such a way that this intervention by the divine-spiritual powers was also sensed by human beings. It was clearly perceptible. And what matters today is to point out to humanity the necessity of arriving at certain insights—above all, of forming a sound judgment regarding certain matters, one that is in harmony with the conditions of human development. The fact that there is resistance to this judgment is one of the deeper causes of the current painful events.

[ 7 ] Gewiß, wir werden in diesen Tagen auch über die Frage zu sprechen haben, warum die Menschheit sich nicht vor einem Jahrhundert spirituelleren Tendenzen zugewendet hat, denn hätte sie das getan, so wäre ganz gewiß die heutige schmerzliche Lage nicht eingetreten. Aber diese Frage wollen wir für heute noch ein wenig vertagen und sie uns vielleicht morgen oder übermorgen vorlegen. Vor allen Dingen wollen wir daran festhalten, daß die schmerzlichen Ereignisse zum großen Teil aus dem Zurückweisen des Zusammenhanges mit der spirituellen Welt entstanden sind. Man mag daher die heutigen Zeitereignisse ein Karma des Materialismus nennen, aber man muß dann dieses Wort vom Karma des Materialismus nicht wiederum als Phrase nehmen, sondern man muß es in der richtigen Weise verstehen. Einsichten, die tief notwendig wären, sie sind in den Zeiten, die wir mehr oder weniger schon durchlebt haben, also in den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, nur ganz sporadisch aufgetreten, nur da oder dort aufgetreten. Gewiß, es sind einige Einsichten — und auf Einsichten kommt vieles an —, es sind einige Einsichten in die Menschheit geworfen worden, und man hat auch versucht, diese so in die Menschheit zu werfen, daß schließlich eine größere Anzahl von Menschen hätte davon erfaßt werden können. Aber es gibt gegenwärtig — aus Gründen, die eben später erwähnt werden können — noch ein ungeheures Sträuben in der Menschheit gegen jedwede mögliche höhere, auf spiritueller Grundlage ruhende Einsicht.

[ 7 ] Certainly, in the coming days we will also have to discuss the question of why humanity did not turn toward more spiritual tendencies a century ago; for if it had done so, today’s painful situation would most certainly not have arisen. But let us postpone this question for now and perhaps take it up tomorrow or the day after. Above all, let us bear in mind that these painful events have arisen largely from the rejection of our connection with the spiritual world. One might therefore call today’s events the karma of materialism, but one must not treat this phrase—the “karma of materialism”—as a mere cliché; rather, one must understand it correctly. Insights that would be deeply necessary have appeared only very sporadically in the times we have more or less already lived through—that is, in the last decades of the 19th and the first decades of the 20th century—arising only here and there. Certainly, there have been some insights—and much depends on insights— some insights have been cast upon humanity, and attempts have also been made to cast them in such a way that a larger number of people might ultimately have been reached by them. But at present—for reasons that can be mentioned later—there is still an immense resistance within humanity to any possible higher insight based on spiritual foundations.

[ 8 ] So ist vor Jahren eine gewisse Schrift erschienen. Sie können sagen: Eine Schrift ist erschienen? Na, es erscheinen viele Schriften, was hat das denn für eine Bedeutung? Höchstens eine theoretische Bedeutung kann es haben, wenn eine Schrift erscheint — sie kann der Belehrung dienen —, denn davon, daß die Menschen dieses oder jenes lesen, kann das Heil der Welt nicht abhängen. — Dennoch hängt viel mehr, als man glaubt, davon ab, ob gewisse Ideen, gewisse Einsichten sich verbreiten — gerade wenn Sie noch einmal in Ihrer Seele überschauen, was ich in den letzten zwei, drei Vorträgen gesagt habe, so werden Sie das selber zugeben können. Ein Buch, sagte ich, ist erschienen, und der Verfasser dieses Buches ist Brooks Adams; es ist vor Jahren in Amerika erschienen. Damals schien mir dieses Buch als eine der bedeutsamsten Manifestationen neuerer Menscheneinsicht, wenn auch die Art, wie dieses Buch in die Welt geschickt worden ist, dadurch verdorben wurde, daß einer der allergrößten Phraseure der Gegenwart, nämlich der Expräsident Roosevelt, die Vorrede dazu geschrieben hat. Aber es bleibt doch bestehen, daß die Ideen dieses Buches von Brooks Adams im weitesten Sinne hätten aufklärend wirken können. Für das europäische Geistesleben kam auch noch in Betracht, daß zum Beispiel die deutsche Übersetzung dieses Buches von Brooks Adams in einem Verlage erschienen ist, von dem man wußte, daß er im Dienste ganz bestimmter geistiger Richtungen steht geistiger Richtungen, die der unsrigen, der anthroposophischen, ganz entschieden feindlich und abträglich sind. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es handelt sich immer darum, ein Empfinden dafür zu haben, daß es von Bedeutung ist, wenn, ich möchte sagen gewisse Ideen unter solcher Flagge entsprechend in die Welt gesetzt werden. Denn es ist ein Unterschied, ob ein Buch, sagen wir im Cotta’sehen Verlage herausgegeben wird — einem angesehenen, vornehmen Verlage, der eben einfach Bücher erscheinen läßt —, oder ob ein Buch wie das angeführte in einem Verlage erscheint, in dem sonst Schriften im Dienste einer ganz besonderen Gesellschaft herausgegeben werden. Das ist ein großer Unterschied, ob man es nur mit Literatur oder ob man es mit gewollten Impulsen zu tun hat — das ist ein großer Unterschied!

[ 8 ] A certain text was published years ago. You might say: A text was published? Well, many texts are published—what significance does that really have? At most, the publication of a text can have theoretical significance—it can serve as instruction—because the salvation of the world cannot depend on whether people read this or that. — Nevertheless, much more depends on whether certain ideas and insights spread than one might think—if you take a moment to reflect in your heart on what I have said in the last two or three lectures, you will be able to admit this yourself. A book, I said, has been published, and the author of this book is Brooks Adams; it was published in America years ago. At the time, this book struck me as one of the most significant manifestations of recent insights into human nature, even though the way it was introduced to the world was marred by the fact that one of the greatest windbags of our time—namely, former President Roosevelt—wrote the foreword to it. But the fact remains that the ideas in this book by Brooks Adams could have had an enlightening effect in the broadest sense. For European intellectual life, it was also significant that, for example, the German translation of this book by Brooks Adams was published by a publishing house known to serve very specific intellectual currents—currents that are decidedly hostile and detrimental to our own, the anthroposophical one. But that is not the point; rather, it is always a matter of having a sense that it is significant when—I would say—certain ideas are put out into the world under such a banner. For there is a difference between a book being published, say, by Cotta—a respected, distinguished publishing house that simply publishes books—and a book like the one mentioned appearing from a publisher that otherwise releases works in the service of a very specific society. It makes a huge difference whether one is dealing solely with literature or with deliberate ideological impulses—that is a huge difference!

[ 9 ] Was enthält nun dieses Buch von Brooks Adams? Ich will Ihnen nur die Hauptideen entwickeln. Die Hauptideen werden in einer, ich möchte sogar sagen dilettantischen Weise — soweit man sie eben in ihrer Tragweite in Amerika erkennen konnte — ganz allgemein und abstrakt entwickelt. Aber zunächst ist es doch wichtig zu wissen, daß man von einer Stelle aus gewissermaßen versuchsweise solch einen «Vogel auffliegen» läßt. Die Ideen, die in diesem Buch entwickelt werden, sind etwa diese: Es gibt in der Welt verschiedene Völker, die durch lange Zeiten hindurch in Entwicklung begriffen sind. Man kann in der Entwicklung dieser Völker Aufgang und Niedergang verfolgen: sie werden geboren, sie machen ein Säuglingsalter, eine Jugendperiode durch, eine Periode des reifen Alters, ein Greisenleben, und sie gehen wieder zugrunde. Das ist natürlich zunächst keine tiefe Wahrheit, sondern nur ein Gerippe, aber was der Brooks Adams für diese Entwicklung der Völker als Gesetze entwickelt, das ist nun schon von einem gewissen Gewicht. So sagt er: Man kann beobachten, daß die Völker in der Regel in ihrer Jugend, wenn sie noch jugendliche Völker sind, mit Notwendigkeit zwei zusammengehörige Anlagen entwickeln. — Wenn man nun überhaupt eingehen will auf solche Ideen wie diese von Brooks Adams, so muß man natürlich Völker als solche von den einzelnen menschlichen Individuen, die zu den Völkern gehören, streng trennen und darf auch den Staatsbegriff nicht mit dem Volksbegriff verwechseln.

[ 9 ] So what does this book by Brooks Adams contain? I’ll just outline the main ideas for you. The main ideas are presented in a—I would even say amateurish—manner—to the extent that their implications could be grasped in America at the time—in a very general and abstract way. But first, it is important to know that one sets such a “bird” flying, so to speak, tentatively from a single vantage point. The ideas developed in this book are roughly as follows: There are various peoples in the world who have been in a state of development over long periods of time. One can trace the rise and fall of these peoples in their development: they are born, they go through infancy, a period of youth, a period of maturity, old age, and they eventually perish. Of course, this is not, at first glance, a profound truth, but merely a framework; yet what Brooks Adams formulates as laws governing this development of peoples is already of some significance. He says: One can observe that nations, as a rule, in their youth—when they are still youthful nations—necessarily develop two interrelated traits. — If one wishes to engage at all with ideas such as those of Brooks Adams, one must, of course, strictly distinguish nations as such from the individual human beings who belong to them, and one must also take care not to confuse the concept of the state with that of the nation.

[ 10 ] Gewisse Eigenschaften schreibt Brooks Adams also einer ganz bestimmten Entwicklungsperiode der Völker zu, und diese Eigenschaften gehören nach seiner Anschauung zusammen. So sagt er: Gewisse Völker haben in ihrem Jugendzeitalter erstens eine Anlage zur Imagination, das heißt, sie haben die Anlage, sich Vorstellungen zu bilden, welche vorzugsweise aus dem Inneren geschöpft sind, welche der produktiven Imagination ihren Ursprung verdanken — nicht der Überlegung, nicht dem, was man heute Wissenschaft nennt, sondern der schöpferischen Innenkraft des Menschen. — Solche Völker, meint Brooks Adams — ich referiere jetzt nur —, haben eine andere Eigenschaft, die notwendig damit verbunden ist, das heißt, diese Völker sind kriegerisch. Und untrennbar seien bei diesen Völkern von imaginativer Natur die Eigenschaften der Imagination und die kriegerischen Anlagen. Das hält er für ein Naturgesetz des geistigen Lebens dieser Völker. So ist für ihn zunächst gleichsam ein Typus von Völkern vorhanden: das sind die imaginativen und kriegerischen Völker.

[ 10 ] Brooks Adams thus attributes certain characteristics to a very specific period in the development of peoples, and in his view, these characteristics are interrelated. He says: Certain peoples, in their youth, first of all possess a predisposition toward imagination—that is, they have the capacity to form ideas that are drawn primarily from within, that owe their origin to productive imagination—not to reasoning, not to what is today called science, but to the creative inner power of human beings. — Such peoples, Brooks Adams argues—I am merely summarizing here—possess another characteristic that is necessarily linked to this; that is, these peoples are warlike. And among these imaginative peoples, the qualities of imagination and warlike dispositions are inseparable. He regards this as a natural law governing the spiritual life of these peoples. Thus, for him, there exists, as it were, a distinct type of people: the imaginative and warlike peoples.

[ 11 ] Es gibt für ihn aber noch einen anderen Typus von Völkern. Das sind diejenigen Völker, bei denen nicht mehr die Imagination vorherrscht, sondern die Imagination ist zu dem geworden, was man kühles, wissenschaftliches Urteil nennt. Solche Völker, welche ein kühles, wissenschaftliches Urteil haben, sind durch ihre eigene Natur nicht kriegerisch, sondern industriell und kommerziell. Und diese beiden Eigenschaften — nicht von Menschen, sondern von Völkern —, diese beiden Eigenschaften, insofern sie als Volkseigenschaften auftreten, gehören zusammen: wissenschaftlich und kommerziell schließlich ist das Industrielle nur die Grundlage des Kommerziellen. Also auf der einen Seite wissenschaftlich-kommerziell, auf der andern Seite imaginativ-kriegerisch.

[ 11 ] But for him, there is yet another type of people. These are the peoples in whom imagination no longer predominates, but rather imagination has given way to what is called cool, scientific judgment. Such peoples, who possess a cool, scientific judgment, are by their very nature not warlike, but industrial and commercial. And these two characteristics—not of individuals, but of peoples—these two characteristics, insofar as they manifest as national traits, belong together: scientifically and commercially, after all, the industrial is merely the foundation of the commercial. So, on the one hand, scientific-commercial; on the other, imaginative-warlike.

[ 12 ] Ich will diese Ideen vorläufig nicht kritisieren, sondern ich will nur erwähnen, daß sich hier, wenn auch in dilettantischer Weise, ein Urteil geltend macht, welches vor Jahren aus Amerika gewissermaßen «aufflatterte» und das besagt: Hütet Euch zu glauben, Ihr könntet die Menschheit oder, sagen wir besser die menschlichen Stiefel über jeden beliebigen Leisten schlagen. Glaubt nicht, Ihr könnt beliebige Ideale aufstellen. Beachtet wohl, daß man nur von dem reden darf, was in der Evolution begründet ist, und daß man einem Volke, wie zum Beispiel dem slawischen, welches imaginativen Charakter hat, nicht zumuten soll, unkriegerisch zu sein. — Wer das Buch von Brooks Adams aufmerksam liest, der wird gerade auf das letzte Beispiel besonders hingewiesen.

[ 12 ] For the time being, I do not wish to criticize these ideas, but I would simply like to mention that here, albeit in an amateurish way, a judgment is being asserted that, so to speak, “fluttered in” from America years ago and which states: Beware of believing that you can mold humanity—or, let us say, human boots—onto any old last. Do not believe that you can set up any ideals you like. Bear in mind that one may speak only of what is grounded in evolution, and that one should not expect a people—such as the Slavic people, who have an imaginative character—to be non-warlike. — Anyone who reads Brooks Adams’s book carefully will be drawn particularly to this last example.

[ 13 ] Und man soll auch nicht nach dem äußeren Schein urteilen, sondern nach den inneren Werten, nach den inneren Affinitäten. Dilettantisch ist das Buch schon aus dem Grunde, meine lieben Freunde, weil eine solche Erkenntnis, wenn sie überhaupt ausgesprochen wird, nur ausgesprochen werden darf auf der Grundlage spiritueller Einsichten. Solange man aber nicht spirituelle Einsichten hat, werden Urteile über die Evolution der Menschheit, bei der spirituelle Mächte mitwirken, selbstverständlich immer einseitig sein, denn man wird vor allen Dingen eine große Wahrheit ausschließen — die große Wahrheit, daß man innerhalb der Maja steht, insofern man es auf dem physischen Plan mit den Ereignissen, aber auch mit dem Willen der Menschen zu tun hat. Nun, sobald man die Maja nicht als Maja behandelt, muß man, meine lieben Freunde, Irrtümern verfallen; man muß immer Irrtümern verfallen, wenn man die Maja als eine Wirklichkeit behandelt. Und als eine Wirklichkeit behandelt man die Maja aber meistens schon dadurch, daß man auf das Werden innerhalb der Maja und auf das, was dem Werden ähnlich ist, nicht die richtige Aufmerksamkeit wendet. Wieso?

[ 13 ] And one should not judge by outward appearances, but rather by inner values, by inner affinities. The book is amateurish, my dear friends, for the very reason that such a realization—if it is to be expressed at all—may only be expressed on the basis of spiritual insights. But as long as one lacks spiritual insights, judgments about the evolution of humanity—in which spiritual forces are at work—will, of course, always be one-sided, for one will, above all, exclude one great truth—the great truth that one stands within Maya insofar as one is dealing on the physical plane with events, but also with the will of human beings. Now, as soon as one does not treat Maya as Maya, my dear friends, one is bound to fall into error; one is bound to fall into error whenever one treats Maya as a reality. And one usually treats Maya as a reality simply by failing to pay proper attention to the process of becoming within Maya and to that which is similar to this process of becoming. Why is that?

[ 14 ] Nun, nicht wahr, es wäre sehr schön, wenn es nicht ein Unsinn wäre, immer Frühling zu haben, immer blühende Pflanzen, immer sprossendes und sprießendes Leben zu haben. Und es könnte irgend jemand sagen: Warum haben es denn die Schöpfer der Welt nicht so eingerichtet, daß immer sprießendes, sprossendes Leben da ist? Warum müssen denn die schönen Tulpen, Lilien, Rosen abwelken und verfaulen? — Sehr einfach, nicht wahr: Damit sie wieder blühen können, deshalb müssen sie auch abwelken und verfaulen! — Insofern wir auf dem physischen Plan stehen, müssen wir uns klar sein, daß das eine ohne das andere nicht sein kann, ja, daß das eine um des andern willen da ist und daß der Goethe’sche Satz eine tiefe Wahrheit hat, die Natur habe den Tod erzeugt, um viel Leben zu haben. Weil die physische Welt die Maja ist, gibt es, solange man innerhalb der physischen Welt bleibt, keinen Ausgleich, sondern nur in dem Augenblicke gibt es einen Ausgleich, wenn man sich von der physischen zu der spirituellen Welt erheben kann. Dann wird dieser Ausgleich sich allerdings anders ausnehmen, als man glaubt, solange man die physische Welt für eine Wirklichkeit hält. Das heißt, es gibt eine Notwendigkeit, sich mit den Gesetzen der Maja bekannt zu machen und zu lernen, daß innerhalb der Maja nirgends ein Ausgleich gefunden werden kann, nicht durch Menschen und nicht durch andere Wesen, wenn nicht in die Maja dasjenige verwoben wird, was außerhalb der Maja liegt, was in der geistigen Wirklichkeit liegt.

[ 14 ] Well, wouldn’t it be wonderful—if it weren’t such nonsense—to always have spring, always have blooming plants, always have life sprouting and blossoming? And someone might ask: Why didn’t the creators of the world arrange things so that there would always be life sprouting and blossoming? Why do the beautiful tulips, lilies, and roses have to wither and rot? — Very simple, isn’t it: so that they can bloom again; that is why they must also wither and rot! — As long as we are on the physical plane, we must realize that one cannot exist without the other—indeed, that one exists for the sake of the other—and that Goethe’s statement contains a profound truth: nature created death in order to have abundant life. Because the physical world is Maya, as long as one remains within the physical world, there is no balance; rather, balance exists only at the moment one can rise from the physical to the spiritual world. Then, of course, this balance will appear different from what one believes while still regarding the physical world as reality. This means there is a need to familiarize oneself with the laws of Maya and to learn that within Maya, balance cannot be found anywhere—neither through human beings nor through other beings—unless that which lies outside of Maya, that which lies in spiritual reality, is woven into Maya.

[ 15 ] Daher handelt es sich vor allen Dingen immer darum, die Maja als Maja kennenzulernen — kennenzulernen, wie sich die Dinge innerhalb der Maja verhalten, wo dem Aufblühen, dem Aufsprossen, dem Aufsprießen das Abwelken beigesellt sein muß. Der Natur gegenüber wird das jeder leicht zugeben können; er ist geneigt, weil man eben in der Natur mit der Nase darauf gestoßen wird, diese Tatsache anzuerkennen. So wird jeder leicht zur Einsicht zu bringen sein: Im Sommer oder im Herbst 1917 kann nur das zu Früchten reifen, was in der entsprechenden vorjährigen Aussaatperiode gesät worden ist. Hat man schlechte Samen gesät, können nur schlechte Früchte geerntet werden — ganz selbstverständlich. Und deshalb wird man geneigt sein, auf die Aussaat zu sehen, und wird sich in diesem Falle nicht so leicht von der Maja umgaukeln lassen wie auf einem andern Gebiete des menschlichen Lebens, wo die Dinge getrübt auftreten. Denn, sehen Sie, weist man zu irgendeiner Zeit in einer ähnlichen Weise auf so etwas hin, was im Völkerleben das Gleiche wie die schlechte Aussaat für das jährliche Reifen der Früchte bedeutet, ja, so stößt man sogleich auf Vorurteile. Und diese sind im Kaliber etwa dem gleich, was vorliegt, wenn ich einem Menschen sage: Na ja, du darfst dich nicht wundern, wenn du heute Schlechtes erntest, denn siehe einmal deine Aussaat an —, und er mir dann sofort sagt: Was? Das ist meine Aussaat, und wenn du über die Aussaat des vorigen Jahres irgend etwas sagst, dann triffst du mich. — Ich will ihn aber gar nicht treffen, denn er kann höchst unschuldig an der Aussaat sein. Es handelt sich gar nicht darum, jemanden persönlich zu treffen, sondern darum, objektiv den Tatbestand zu konstatieren. Es kann sich mir gar nicht darum handeln, irgendwie zu urteilen über den Zusammenhang zwischen ihm und seiner Aussaat — das mag seine Sache sein, das überlasse ich ihm ganz. Aber für die objektive Erkenntnis kann es sich darum handeln, die Aussaat wirklich zu prüfen und hinzusehen auf das, worum es sich tatsächlich handelt. Bleibt man dabei objektiv, so wird es vielleicht auch dem, der selbst an dieser Aussaat beteiligt war, von Nutzen sein, sofern ihn nicht ein anderer — ja, wie sagt man? — «übers Ohr gehauen» hat; er wird vielleicht sogar recht viel Nutzen daraus ziehen können, wenn man ihm den Zusammenhang zwischen Ernte und Aussaat klarmacht. Dieses möchte ich nur sagen, um Sie darauf hinzuweisen, daß es darauf ankommt, die Gedanken in die richtige Richtung zu lenken, in der richtigen Art zu suchen.

[ 15 ] Therefore, above all else, it is always a matter of getting to know Maja as Maja—of understanding how things work within Maja, where blooming, sprouting, and budding must be accompanied by withering. Anyone can readily admit this when it comes to nature; one is inclined to acknowledge this fact precisely because one is confronted with it in nature. Thus, anyone can easily be persuaded to see that in the summer or fall of 1917, only what was sown during the corresponding planting period the previous year can ripen into fruit. If one has sown bad seeds, only bad fruit can be harvested—that goes without saying. And that is why one will be inclined to look to the sowing, and in this case will not be so easily deceived by Maja as in other areas of human life where things appear clouded. For, you see, if at any time one points out in a similar way something that, in the life of a nation, is the equivalent of poor sowing for the annual ripening of the fruit, well, one immediately encounters prejudice. And these prejudices are roughly on the same level as what happens when I say to someone: “Well, you shouldn’t be surprised if you reap bad things today, because just look at what you’ve sown”—and he then immediately replies: “What? That’s what I’ve sown, and if you say anything about last year’s sowing, you’re attacking me.” — But I don’t want to offend him at all, because he may be completely innocent when it comes to the sowing. It’s not at all a matter of offending anyone personally, but rather of objectively stating the facts. It’s not my place to pass any judgment whatsoever on the connection between him and his sowing—that may be his business; I leave that entirely up to him. But for the sake of objective understanding, it may be necessary to truly examine the sowing and look at what it actually entails. If one remains objective in this, it may even be of benefit to the one who was personally involved in this sowing—provided that someone else hasn’t, how shall I put it? — “pulled the wool over his eyes”; he may even be able to derive considerable benefit from it if the connection between harvest and sowing is made clear to him. I would just like to say this to point out to you that what matters is directing one’s thoughts in the right direction and searching in the right way.

[ 16 ] Und nun möchte ich, nachdem ich dies vorausgeschickt habe, etwas anführen — aus zwei verschiedenen Gründen, wie Sie gleich oder doch etwas später sehen werden. Ich habe im Verlaufe der hier in der letzten Zeit gehaltenen Betrachtungen aufmerksam gemacht auf einen König von England, der für England in bezug auf die religiöse Entwicklung auf dem Felde der Maja eine große Rolle spielte — gerade auf dem Felde der Maja eine große Rolle spielte: Heinrich VIII. Sie wissen, er hatte eine große Praxis im Sich-Entledigen seiner Frauen — er hatte es ja zu einer großen Anzahl von Frauen gebracht. Er hatte aber auch, na, sagen wir die Courage, sich vom Papste loszusagen, weil der Papst eine seiner Ehen nicht trennen wollte. Und aus diesem Grunde, weil der Papst eine seiner Ehen nicht trennen wollte, hatte dieser Heinrich VIII. die Courage, ganz England, soweit es von ihm abhing, eine neue Religion zu geben. Na ja, darüber haben wir also schon gesprochen.

[ 16 ] And now, having said that, I would like to mention something—for two different reasons, as you will see in a moment or a little later. In the course of the reflections I’ve been sharing here recently, I’ve drawn your attention to a king of England who played a major role for England in terms of religious development in the realm of the Maya—precisely in the realm of the Maya: Henry VIII. As you know, he was quite adept at getting rid of his wives—he had, after all, amassed a large number of them. But he also had—well, let’s say—the courage to break away from the Pope because the Pope refused to annul one of his marriages. And for this reason—because the Pope refused to annul one of his marriages—this Henry VIII had the courage to give all of England, as far as it depended on him, a new religion. Well, we’ve already spoken about that.

[ 17 ] Nun lebte während der Regierung Heinrichs VIII.—darauf habe ich auch schon aufmerksam gemacht — Thomas Morus, der große, bedeutende Thomas Morus. Er war ein Mann, der es in der damaligen Zeit Thomas Morus lebte in der Wende vom 15. ins 16. Jahrhundert —, in bezug auf die Geistigkeit zu jener Höhe brachte, auf der wir zum Beispiel auch den wunderbaren Pico della Mirandola finden und ähnliche bedeutende Persönlichkeiten. Dieser Thomas Morus war also ein erleuchteter Geist. Er hat es, trotzdem er ein erleuchteter Geist war, zum Staatskanzler Heinrichs VIII. gebracht, und er verachtete Heinrich VIII. nicht. Ich werde Ihnen gleich nachher den Beweis erbringen, daß er Heinrich VIII. nicht so ohne weiteres verachtet hat, weil er schon ein Geist war, der aus seinem Instinkte heraus — aus seinem erleuchteten Instinkte heraus — die Maja als Maja zu nehmen in der Lage war. Nun, Thomas Morus war aber zugleich ein frommer Mann wie Pico della Mirandola, ein aufrichtig frommer Mann, nicht solch ein frommer Mann wie Heinrich VII, auch nicht wie der Papst es war, aber ein aufrichtiger, ein ernsthaft frommer Mann. Und von seinem Gesichtspunkte aus lehnte er auch alle Reformationsversuche und alle reformatorischen Impulse, die ja in der damaligen Zeit schon aufgeleuchtet hatten, ab. Thomas Morus war in einer gewissen Beziehung ein treuer Sohn der katholischen Kirche, und er war nicht geneigt, mit dem König mitzugehen, wenn er auch aller Ehren teilhaftig geworden wäre, er war nicht geneigt mitzugehen, trotzdem er sogar Staatskanzler geworden war. Er war dennoch nicht geneigt, sich einfach deshalb einer anderen Religion anzuschließen, weil Heinrich VIII. eine andere Frau wollte. Deshalb wurde er nicht nur abgesetzt, sondern auch zum Tode verurteilt. Und die Akten dieses Prozesses, in dem er zum Tode verurteilt wurde — sie sind außerordentlich interessant und, meine lieben Freunde, sehr bezeichnend für die damalige Zeit. Wenn man das Gerichtsurteil liest, mit dem Thomas Morus zum Tode verurteilt worden ist, so hat es einen merkwürdigen Wortlaut — einen wirklich merkwürdigen Wortlaut; dieser Wortlaut stimmt bis zu dem Grade, in dem man so etwas vollzieht, überein mit etwas anderem.

[ 17 ] Now, during the reign of Henry VIII—as I have already pointed out—there lived Thomas More, the great and eminent Thomas More. He was a man who, in his time—Thomas More lived at the turn of the 15th to the 16th century—reached, in terms of intellectual depth, the same heights as, for example, the wonderful Pico della Mirandola and other similarly significant figures. This Thomas More was, therefore, an enlightened mind. Despite being an enlightened mind, he rose to become Chancellor to Henry VIII, and he did not despise Henry VIII. I will provide you with proof shortly that he did not simply despise Henry VIII, because he was already a mind capable—by virtue of his instinct, his enlightened instinct—of recognizing the Maya as the Maya. Now, Thomas More was at the same time a pious man like Pico della Mirandola—a sincerely pious man, not the kind of pious man that Henry VII was, nor like the Pope was, but a sincere, earnestly pious man. And from his point of view, he also rejected all attempts at reformation and all reformist impulses that had already begun to emerge at that time. In a certain sense, Thomas More was a faithful son of the Catholic Church, and he was not inclined to go along with the king, even though he had been granted every honor; he was not inclined to go along, even though he had even become Lord Chancellor. Nevertheless, he was not inclined to simply join another religion just because Henry VIII wanted another wife. That is why he was not only deposed but also sentenced to death. And the records of this trial, in which he was sentenced to death—they are extraordinarily interesting and, my dear friends, very indicative of the times. When one reads the court ruling by which Thomas More was sentenced to death, it has a peculiar wording—a truly peculiar wording; this wording corresponds, to the extent that such a thing is carried out, with something else.

[ 18 ] Die meisten von Ihnen werden es wissen, denn das steht längst alles in profanen Büchern, daß in den gebräuchlichen Freimaurerorden das Aufsteigen durch die Grade mit gewissen Formeln verbunden ist und daß in diesen Formeln auch die Angabe der Todesart enthalten ist, die denjenigen treffen soll, der das entsprechende Geheimnis dieses Grades nicht wahrt. Da wird ihm gesagt, daß er unter diesen oder jenen Umständen eines furchtbaren Todes zu sterben habe, in einem bestimmten Grade zum Beispiel, daß ihm der Leib aufzuschneiden sei und seine Asche in alle Winde, nach allen vier Weltgegenden, zerstreut werden solle. Wie gesagt, diese Dinge sind ja heute schon Gegenstand zahlreicher profaner Schriften geworden. Das über Thomas Morus gefällte Urteil stimmt nun durchaus mit einer bestimmten Gradformel überein: Er sollte auf unmenschliche Weise vom Leben zum Tode befördert werden. Aber damit wollte man sich nicht begnügen, man wollte auch seinen Leichnam in so viele Stücke zerteilen, als es Weltgegenden gibt, und die Teile in die verschiedenen Weltgegenden zerstreuen. Zu einem gewissen Teil ist das Urteil auch so vollstreckt worden.

[ 18 ] Most of you will know this, for it has long been recorded in secular books, that in the common Masonic orders, advancement through the degrees is linked to certain formulas, and that these formulas also specify the manner of death that is to befall anyone who fails to keep the corresponding secret of that degree. He is told that under such and such circumstances he is to die a terrible death; in a certain degree, for example, that his body is to be cut open and his ashes scattered to the four winds, to all four corners of the world. As mentioned, these matters have already become the subject of numerous secular writings. The sentence passed on Thomas More now corresponds exactly to a specific degree formula: he was to be brought from life to death in an inhuman manner. But they were not content with that; they also wanted to cut up his corpse into as many pieces as there are corners of the world and scatter the pieces to the various corners of the world. To a certain extent, the sentence was carried out in this manner.

[ 19 ] Nun bedenken Sie, daß wir mit diesem Ereignis immerhin — Thomas Moraus ist in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geboren, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stirbt er —, im Beginne der fünften nachatlantischen Periode stehen. Die Frage aber, meine lieben Freunde, darf gestattet sein: Hat Thomas Morus sonst nichts getan, als daß er einfach den Suprematseid nicht geschworen hat, das heißt wollte er bloß nicht anerkennen, daß nun die englische Kirche vom Papst unabhängig zu sein habe und anzunehmen habe, was Heinrich VIII. verhängt? Hatte er nicht auch anderes getan? Nun wollen wir seine bedeutendste Tat ins Auge fassen — eine Tat, die auch heute noch die allergrößte Bedeutung haben kann für den, der sie ordentlich ins Auge faßt. Thomas Morus hat das Buch «Utopia» geschrieben «Über die beste Art des Staates und die neue Insel Utopia». Dieses Buch handelt in seinem Hauptteil von den Einrichtungen der Insel Utopia, also über das Land «an keinem Ort», man könnte sagen über das «Nirgend-Land». Aber wer das Buch von Thomas Morus im richtigen Sinne liest, der wird sehen, daß es dem Thomas Morus auf die «Utopia» viel mehr ankommt als auf irgendein Land der äußeren physischen Wirklichkeit. Freilich, wenn man in dem Sinne töricht ist, daß man bei einem Mann wie Thomas Morus voraussetzt, er habe seine «Utopia» einfach geschrieben, um irgend etwas aus der Phantasie heraus zu dichten — mit anderen Worten, wenn man so über die Utopisten redet wie diejenigen, die sich besonders gescheit dünken, dann darf Thomas Morus nicht zu den Utopisten gerechnet werden, denn er wollte natürlich nicht bloß irgendein Phantasiegebilde vor die Menschen hinstellen, sondern er hat — so wie das in seiner Zeit möglich war — viel mehr mit einer solchen Sache sagen wollen. Der Hauptteil des Buches handelt von «Utopia», aber das Buch hat eine Einleitung, und diese Einleitung enthält ganz Mannigfaltiges; sie enthält auch, ich möchte sagen die Aufschlüsse darüber, warum Thomas Morus das Buch über die Insel Utopia geschrieben hat. Er erzählt darin ungefähr folgendes. Er sagt — und das ist eine wichtige Stelle, auf die ich Sie doch aufmerksam machen möchte, damit Sie sehen, daß er Heinrich VII. nicht verachtet hat —, er beginnt ja gleich so:

[ 19 ] Now consider that with this event—Thomas More was born in the second half of the 15th century and died in the first half of the 16th century—we are, after all, at the beginning of the fifth post-Atlantic period. But the question, my dear friends, must be allowed: Did Thomas More do nothing else but simply refuse to take the Oath of Supremacy—that is, did he merely refuse to acknowledge that the Church of England was now to be independent of the Pope and had to accept what Henry VIII decreed? Had he not done other things as well? Now let us consider his most significant deed—a deed that even today can still hold the greatest significance for those who give it proper consideration. Thomas More wrote the book Utopia: “On the Best Form of Government and the New Island of Utopia.” The main part of this book deals with the institutions of the island of Utopia—that is, the land “nowhere,” or, one might say, “Nowhere-Land.” But anyone who reads Thomas More’s book in the proper sense will see that Thomas More is far more concerned with “Utopia” than with any land of external physical reality. Of course, if one is foolish enough to assume—in the case of a man like Thomas More—that he wrote his “Utopia” simply to invent something out of his imagination—in other words, if one speaks of the Utopians in the same way as those who consider themselves particularly clever—then Thomas More must not be counted among the Utopians, for he naturally did not merely wish to present some figment of the imagination to people, but rather—as far as was possible in his time—he wanted to convey much more through such a work. The main part of the book deals with “Utopia,” but the book has an introduction, and this introduction contains a wide variety of material; it also contains—I would say—insights into why Thomas More wrote the book about the island of Utopia. In it, he recounts roughly the following. He says—and this is an important passage to which I would like to draw your attention, so that you can see that he did not despise Henry VII—he begins right away as follows:

Heinrich VIII, der unüberwindliche König von England, ein Fürst von seltenem und überlegenem Geiste, hatte vor nicht langer Zeit einen Zwist von gewisser Bedeutung mit dem durchlauchtigen Karl Prinzen von Kastilien. Ich wurde damals mit der Mission, diese Angelegenheiten zu ordnen und möglichst ins Reine zu bringen, als Gesandter nach Flandern geschickt.

Henry VIII, the invincible King of England, a prince of rare and superior intellect, had not long ago been involved in a dispute of some significance with His Highness Charles, Prince of Castile. At that time, I was sent as an envoy to Flanders with the mission of settling these matters and resolving them as best as possible.

[ 20 ] Nun ja, bei dieser Gelegenheit, da er als Gesandter in Angelegenheiten Heinrichs VIIL, den er einen erleuchteten und großen König nennt, nach Flandern geschickt wird, lernt er einen Mann kennen, den er — wie er erzählt — außerordentlich gescheit findet, geistig außerordentlich bedeutend findet, so daß er, [das heißt eigentlich sein Freund], den Mann fragt: Ja, wenn Sie so viele ausgezeichnete Dinge wissen und richtig beurteilen können, wie es der Fall ist bei Ihnen, warum stellen Sie Ihre Einsichten nicht in den Dienst dieses oder jenes Fürsten? — Thomas Morus meint nämlich, daß diejenigen, die im Dienste eines Fürsten stehen, zumeist nicht sehr erleuchtete Menschen sind und daß außerordentlich viel Gutes und Günstiges in der Welt geschehen könnte, wenn sich so erleuchtete Menschen in den Dienst von Fürsten stellen würden. Da erwidert der betreffende Mann: Das würde alles nichts nützen, denn würde ich in irgendeinem Ministerium meine Ansichten vorbringen, dann würde ich nicht die andern gescheiter machen, sondern sie würden mich — es ist nicht mit diesen Worten erzählt, aber es steht wirklich so darinnen — sehr bald hinauswerfen; ich würde gar nichts nützen, wenn ich das täte. Und um gewissermaßen zu erhärten, daß dieser Mann tatsächlich gelebt hat, dem er von sich aus angeblich nicht Recht gibt, erzählt Thomas Morus noch das Folgende. Er sagt: Ich kam dann mit diesem Manne in einer Gesellschaft zusammen, da waren die verschiedensten Leute, und da erzählte denn dieser Mann auch, wie er einmal in einer andern Gesellschaft versucht habe, seine Ansichten zu entwickeln.

[ 20 ] Well, on this occasion, when he is sent to Flanders as an envoy on behalf of Henry VIII—whom he calls an enlightened and great king—he meets a man whom he—as he recounts—finds extraordinarily clever and intellectually significant, so much so that he [that is, actually his friend] asks the man: “Well, if you know so many excellent things and are able to judge them correctly, as is the case with you, why don’t you put your insights to use in the service of this or that prince?” — Thomas More believes, in fact, that those who serve a prince are, for the most part, not very enlightened people, and that an extraordinary amount of good and benefit could come to the world if such enlightened people were to enter the service of princes. The man in question then replies: That would be of no use at all, for if I were to put forward my views in any government office, I would not make the others wiser, but rather they would—it is not told in these exact words, but that is indeed how it is presented—very soon throw me out; I would be of no use whatsoever if I did that. And to confirm, as it were, that this man actually existed—even though Thomas More himself supposedly does not agree with him—Thomas More goes on to recount the following. He says: “I later met this man in a gathering where there were all sorts of people, and there this man also recounted how he had once tried to express his views in another gathering.”

[ 21 ] Es handelt sich hier nicht bloß um eine Einleitung zu «Utopia», sondern Thomas Morus will vielmehr — und das ist das Kuriose — auf diese Weise eine Kritik des damaligen Englands geben, also des Englands von der Wende des 15. Jahrhunderts ins 16. Jahrhundert. Der englische Staatskanzler will also eine Kritik Englands geben. Wer nun so denkt wie Thomas Morus, gibt nicht eine Kritik eines Abstraktums, wenn er von England spricht, denn er weiß, daß das englische Volk etwas anderes ist als diejenigen, die in Betracht kommen, wenn man von der Konfiguration des englischen Staatswesens spricht — er weiß das ganz gut. Und er weiß, daß dieses Staatswesen auch nicht ein bloßes Abstraktum ist, sondern daß es gemacht wird von einzelnen; er weiß, daß man wirklich nicht das englische Volk kritisiert, wenn man die Handlungen dieser einzelnen kritisiert, von deren Konfigurationen aber alles abhängt, worauf es ankommt, wenn man vom englischen Staatswesen spricht. Thomas Morus nimmt also den besten, den bestmöglichen Ansatz, um konkret zu werden, denn es ist natürlich kein konkreter, sondern bloß ein unsinniger Ansatz, wenn man sagt: England ist so, Deutschland ist so, Italien ist so und so weiter —, denn damit redet man eigentlich in Wirklichkeit von nichts.

[ 21 ] This is not merely an introduction to Utopia; rather—and this is the curious part—Thomas More intends to use it to offer a critique of England at that time, that is, England at the turn of the 15th to the 16th century. The English Lord Chancellor thus seeks to critique England. Anyone who thinks like Thomas More does not offer a critique of an abstraction when speaking of England, for he knows that the English people are distinct from those who come into consideration when discussing the structure of the English state—he knows this very well. And he knows that this state is not merely an abstraction either, but that it is made up of individuals; he knows that one is not really criticizing the English people when one criticizes the actions of these individuals, upon whose conduct, however, everything that matters depends when speaking of the English state. Thomas More thus takes the best, the best possible approach to becoming concrete, for it is, of course, not a concrete but merely a nonsensical approach to say: “England is like this, Germany is like that, Italy is like this and so on”—for in reality, one is actually talking about nothing.

[ 22 ] Nun läßt er diesen Mann, der wie gesagt ein gescheiter, erleuchteter Mensch war, in einer größeren Gesellschaft zusammenkommen mit einem andern Mann, der ein «ausgezeichneter» Jurist war — also das war, was so die Welt einen ausgezeichneten Juristen nennt —, und er läßt diese beiden, also den gescheiten Menschen und den nach dem Urteil der Welt ausgezeichneten Menschen, in eine Diskussion über die englische Jurisprudenz kommen. Nun, die englische Jurisprudenz war damals noch nicht so, wie die heutige ist, aber das tut ja nichts — wir stehen eben doch im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums. Der gescheite Mensch fand, daß man außerordentlich töricht handle, wenn man gegen Diebe so vorgehe, wie man im damaligen England gegen Diebe vorging. Er fand, daß das gar nicht besonders gescheit sei. Überhaupt, die ganze Art und Weise, über den Diebstahl ‚oder über ähnliches zu denken, fand er gar nicht besonders gescheit; der Mann, der Utopia gesehen hat und es später auch beschreibt, fand das gar nicht gescheit, was dazumal an Ansichten vorhanden war, wie man sich zum Beispiel einem Dieb gegenüber zu benehmen habe, denn er fand, daß man vor allen Dingen nachzuforschen habe, woher seine Motive kämen. Dem «ausgezeichneten» Juristen war das selbstverständlich eine vollständig unverständliche Sache. Aber nun wollen wir uns wirklich mit den Auseinandersetzungen dieses gescheiten Menschen — nicht des «ausgezeichneten» Menschen — ein klein wenig bekannt machen. Dieser gescheite Mensch sagt:

[ 22 ] Now he brings this man—who, as I said, was a clever, enlightened person—into contact, in a larger gathering, with another man who was an “outstanding” jurist—that is, what the world generally calls an outstanding jurist— and he has these two—the intelligent man and the man whom the world deems “excellent”—engage in a discussion about English jurisprudence. Now, English jurisprudence at that time was not yet what it is today, but that doesn’t matter—after all, we are still at the beginning of the fifth post-Atlantean epoch. The wise man thought it was extremely foolish to deal with thieves the way they were dealt with in England at that time. He thought that wasn’t particularly wise at all. In fact, he didn’t find the whole way of thinking about theft—or similar matters—particularly wise at all; the man who saw Utopia and later described it did not find the views prevalent at the time—such as how one should behave toward a thief, for example—to be wise at all, for he believed that, above all, one must investigate the source of the thief’s motives. To the “excellent” jurist, this was, of course, a completely incomprehensible notion. But now let us really familiarize ourselves just a little with the arguments of this intelligent man—not the “excellent” man. This intelligent man says:

Eines Tages war ich bei diesem Prälaten zu Tisch. Der Zufall ließ mich dort auf einen Laien treffen, der jedoch in dem Rufe eines großen Rechtskundigen stand. Dieser Mensch überhäufte, ich weiß nicht zu welchem Zweck, die strenge Justiz gegen die Diebe mit Lobpreisungen. Mit groRem Wohlbehagen erzählte er, wie man sie hier und dort zu Zwanzigen an einem und dem nämlichen Galgen aufknüpfte. «Und dennoch», fügte er hinzu, «welcher Übelstand! Von all diesen Spitzbuben entgehen kaum zwei oder drei dem Strick, und England liefert deren von allen Seiten neue.» Mit jener Ungezwungenheit der Rede, die ich dem Kardinal gegenüber beobachtete, sagte ich darauf: «Darin liegt nichts, worüber Sie sich wundern dürften.»

One day I was dining with this prelate. By chance, I met a layperson there who, however, had a reputation as a great legal scholar. This man, for reasons unknown to me, heaped praise on the strict justice meted out to thieves. With great relish, he recounted how they were hanged here and there, twenty at a time, on one and the same gallows. “And yet,” he added, “what a misfortune! Of all these scoundrels, barely two or three escape the noose, and England keeps supplying new ones from all sides.” With the same ease of speech that I had observed in my conversation with the cardinal, I replied: “There is nothing in that that should surprise you.”

[ 23 ] Also jetzt redet der gescheite Mensch.

[ 23 ] So now the smart person is speaking.

«In dieser Beziehung ist der Tod eine ebenso ungerechte als unnütze Strafe. Um den Diebstahl zu bestrafen, ist sie zu grausam, und um ihn zu verhindern, zu schwach. Der einfache Diebstahl verdient den Galgen nicht, und die schrecklichste Buße wird denjenigen nicht vom Stehlen zurückschrecken, dem nur dies eine Mittel übrigbleibt, um nicht Hungers zu sterben. Hierin gleicht die Justiz Englands und mancher anderen Länder einem schlechten Lehrer, der seine Schüler lieber schlägt als unterrichtet. Man unterzieht die Diebe den schrecklichsten Martern. Wäre es nicht besser, allen Gliedern der Gesellschaft die Existenz zu sichern, damit niemand sich in die Notwendigkeit versetzt sähe, zuerst zu stehlen und dann vom Leben zum Tode gebracht zu werden?»

“In this regard, death is a punishment that is as unjust as it is useless. It is too cruel to punish theft, and too weak to prevent it. Simple theft does not deserve the gallows, and even the most terrible punishment will not deter from stealing those for whom this is the only means left to avoid starvation. In this respect, the justice system of England and many other countries resembles a bad teacher who prefers to beat his students rather than teach them. Thieves are subjected to the most terrible torments. Would it not be better to secure the livelihood of all members of society, so that no one would be driven by necessity to first steal and then be brought from life to death?”

[ 24 ] «Dafür ist von der Gesellschaft gesorgt», erwiderte mein Rechtskundiger, «die Industrie, der Ackerbau bieten dem Volke eine Menge von Existenzmitteln, aber es gibt Geschöpfe, die das Verbrechen der Arbeit vorziehen.» «Jetzt sind Sie, wo ich Sie haben wollte!», erwiderte ich.

[ 24 ] “Society takes care of that,” replied my legal expert, “industry and agriculture provide the people with plenty of means of subsistence, but there are those who prefer crime to work.” “Now you’re exactly where I wanted you!” I replied.

[ 25 ] Der Gescheite spricht jetzt wieder:

[ 25 ] The wise man speaks again:

«Von denjenigen, die mit Wunden bedeckt aus inneren oder auswärtigen Kriegen heimkehren, will ich gar nicht einmal reden, obgleich ich dazu wohl Grund hätte. Denn wie viele Soldaten verloren nicht in der Schlacht von Cornwallis oder in dem Feldzuge gegen Frankreich ein oder mehrere Glieder im Dienste des Königs und des Vaterlandes! Diese Unglücklichen waren zu schwach geworden, um ihr altes Handwerk fortzutreiben, und zu alt, um noch ein neues zu erlernen. Aber lassen wir das; wir leben nicht immer in Kriegszeiten. Werfen wir die Augen auf das, was täglich um uns her vorfällt.

Die vornehmste Ursache des öffentlichen Elends besteht in der überäßigen Anzahl von Edeln, die sich, gleich müßigen Hornissen, von ihres Nächsten Schweiß und Arbeit nähren und die ihre Ländereien bebauen lassen, indem sie, um ihre Revenuen zu vermehren, ihre Pächter bis aufs Blut aussaugen; eine andere Ökonomie kennen sie nicht. Aber handelt es sich darum, sich ein Vergnügen zu verschaffen, so sind sie verschwenderisch bis zum Wahnsinn, und sollten sie dadurch an den Bettelstab geraten. Nicht minder beklagenswert ist cs, daß sie ganze Scharen von müßigen Dienern, die nichts gelernt, wodurch sie sich ihre Existenz sichern könnten, in ihrem Gefolge haben.

Wenn diese Diener erkranken oder ihren Herrn durch den Tod verlieren, gibt man ihnen den Abschied, denn man will lieber Müßiggänger als Kranke ernähren, und häufig ist auch der Erbe des Verstorbenen nicht fähig, die ihm überkommene Dienerschaft fortzuhalten.

Nun sind diese Leute, wenn sie nicht das Herz haben zu stehlen, dem Hungertode ausgesetzt. In der Tat, was bleibt ihnen übrig? Während sie ein neues Unterkommen suchen, reiben sie ihre Gesundheit und ihre Kleider auf; und wenn die Krankheit sie gebleicht und die Zeit sie in Lumpen gehüllt hat, erschrickt man vor dem Gedanken, sie in Dienst zu nehmen. Selbst die Bauern fühlen sich dazu nicht gedrungen. Von einem Menschen, der sich von Jugend auf im Müßiggange und in Vergnügungen bewegt hat, der nur Säbel und Schild zu tragen, mit stolzem Auge auf die Nachbarschaft herabzusehen und alle Welt zu verachten gewohnt ist — von einem solchen Menschen wissen sie recht gut, daß er sich wenig dazu eignet, den Spaten und den Karst zu handhaben und im Dienste eines armen Landmanns um geringen Lohn und karge Nahrung getreulich zu arbeiten.»

«Gerade diese Menschenklasse ist es», ließ sich mein Gegner hierauf vernehmen, «die der Staat mit der größten Sorgfalt unterhalten und vervielfältigen muß. Bei ihnen findet man mehr Mut und geistige Tüchtigkeit als beim Handwerker und Ackersmann. Sie sind größer und stärker, und gehen sie zum Heere ab, so darf man, wenn eine Schlacht geliefert werden soll, gerade von ihnen am meisten erwarten.»

«Mit anderen Worten», erwiderte ich, [...]

“I won’t even mention those who return home covered in wounds from internal or external wars, although I would certainly have reason to do so. For how many soldiers lost one or more limbs in the service of the king and the fatherland—whether in the Battle of Cornwallis or in the campaign against France! These unfortunate men had become too weak to continue their old trade and too old to learn a new one. But let us leave that aside; we do not always live in times of war. Let us turn our eyes to what happens around us every day.

The principal cause of public misery lies in the excessive number of nobles who, like idle hornets, feed on the sweat and labor of their neighbors and have their estates cultivated by tenants whom they bleed dry in order to increase their revenues; they know no other way of managing their affairs. But when it comes to indulging in pleasure, they are extravagant to the point of madness, even if it means reduced to poverty. No less lamentable is the fact that they keep in their retinue whole hordes of idle servants who have learned nothing that might secure their livelihood.

When these servants fall ill or lose their master to death, they are dismissed, for it is preferable to support idlers rather than the sick, and often the deceased’s heir is not able to retain the servants he has inherited.

Now, unless these people have the heart to steal, they are doomed to starve to death. Indeed, what choice do they have? While searching for a new place to stay, they wear down their health and their clothes; and once illness has sapped their strength and time has left them clad in rags, people recoil at the thought of taking them into service. Even the farmers do not feel compelled to do so. Of a man who, from his youth, has lived a life of idleness and pleasure, who is accustomed only to carrying a saber and a shield, to looking down on his neighbors with a haughty eye, and to despising the whole world —of such a person they know full well that he is ill-suited to wielding the spade and the hoe and to working faithfully in the service of a poor farmer for meager wages and scant food.”

“It is precisely this class of people,” my opponent replied, “that the state must sustain and multiply with the greatest care. In them one finds more courage and intellectual ability than in the craftsman and the farmer. They are taller and stronger, and if they enlist in the army, it is precisely from them that one may expect the most when a battle is to be fought.”

“In other words,” I replied, [...]

[ 26 ] — also jetzt kommt wieder der gescheite Mann —

[ 26 ] — so here comes the smart guy again —

[...] «um den Waffen Ruhm und Erfolg zu sichern, muß man die Diebe vervielfältigen. Denn für die letzteren bilden jene Müßiggänger eine unerschöpfliche Schule, und beim Licht betrachtet, sind Spitzbuben nicht die schlechtesten Soldaten, und Soldaten sind nicht die furchtsamsten Spitzbuben; es gibt viel Analoges zwischen diesen beiden Metiers. Unglücklicherweise leidet nicht England allein an dieser gesellschaftlichen Wunde; sie haftet fast an allen Nationen.

Eine noch weit gefährlichere Pest nagt an dem inneren Leben Frankreichs. Jeder Fußbreit Landes ist dort mit Truppen wie besät, die vom Staat in Regimenter verteilt und besoldet werden. Und dies geschieht in Friedenszeiten — wenn man anders Pausen, in welchen der Krieg kaum mehr als Atem schöpft, so nennen darf. Dies traurige System rechtfertigt man mit dem nämlichen Grunde, nach welchem es Ihnen notwendig scheint, Myriaden untätiger Diener zu unterhalten. Gewisse furchtsame und finstere Politiker sind der Ansicht gewesen, als erfordere die Sicherheit des Staats eine zahlreiche, starke, beständig unter den Waffen stehende und aus Veteranen zusammengesetzte Armee. Neulingen wagen sie sich nicht anzuvertrauen. Man sollte fast meinen, daß sie den Krieg nur deshalb erregten, um dem Soldaten das Exerzitium beizubringen und, wie Sallust sagt, um durch diese große Menschenschlächterei zu verhindern, daß sein Herz und seine Hand einschlafen.

Frankreich lernt auf seine Unkosten die Gefahr kennen, diese Art fleischfressender Tiere zu ernähren. Gleichwohl dürfte es seine Augen nur auf die Römer, die Karthaginenser und eine Menge anderer Völker des Altertums werfen. Was ist ihnen aus diesen ungeheueren und immer schlagfertigen Armeen erwachsen? Die Verwüstung ihrer Länder, die Zerstörung ihrer Städte, der Untergang ihres Reichs. Ja, wenn es den Franzosen noch genützt hätte, ihre Soldaten gleichsam schon als Säuglinge einzuexerzieren! Aber Frankreichs Veteranen haben mit den Neugeworbenen Englands zu tun gehabt, und ich weiß nicht, ob sie sich rühmen können, häufig die Oberhand behalten zu haben. Ich will über dieses Kapitel schweigen; es möchte den Anschein haben, als suchte ich denjenigen, die mir zuhören, zu schmeicheln.»

[...] “To ensure glory and success for the military, one must increase the number of thieves. For the latter, those idlers serve as an inexhaustible school; and when viewed objectively, rogues are not the worst soldiers, and soldiers are not the most timid rogues; there are many parallels between these two professions. Unfortunately, England is not alone in suffering from this social scourge; it afflicts nearly all nations.

An even more dangerous plague is gnawing at the heart of France. Every foot of land there is littered with troops, organized into regiments and paid by the state. And this occurs in peacetime—if one may even call these lulls, during which war barely catches its breath, “peacetime.” This sad system is justified on the very same grounds by which it seems necessary to you to maintain myriads of idle servants. Certain fearful and sinister politicians have held the view that the security of the state requires a numerous, strong army, constantly under arms and composed of veterans. They dare not entrust themselves to newcomers. One might almost think that they stirred up war solely to teach soldiers drill and, as Sallust says, to prevent their hearts and hands from growing sluggish through this great slaughter of men.

France is learning, at its own expense, the danger of feeding this sort of flesh-eating beast. Nevertheless, it need only cast its eyes upon the Romans, the Carthaginians, and a host of other ancient peoples. What did these monstrous and ever-agile armies bring them? The devastation of their lands, the destruction of their cities, the downfall of their empire. Indeed, if only it had been of any use to the French to drill their soldiers, so to speak, while they were still infants! But France’s veterans have had to contend with England’s new recruits, and I do not know whether they can boast of having frequently gained the upper hand. I will remain silent on this subject; it might seem as though I were trying to flatter those who are listening to me.”

[ 27 ] So der Staatskanzler Thomas Morus. Man sieht, daß man eigentlich heute von diesem Staatskanzler nur das abzuschreiben braucht, was er dazumal mit Bezug auf die Armeen Frankreichs gesagt hat, und Sie könnten damit die allerschönsten Sätze fabrizieren und sie den englischen Ministern vorlegen, um gegen den «preußischen Militarismus» zu wettern. Nur sind wir am Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums, und vielleicht könnte die Zusammenstellung der heutigen Redereien mit dem, was dazumal am Ausgangspunkt der Dinge lag, unangenehm berühren nach gewissen Richtungen hin!

[ 27 ] So said State Chancellor Thomas More. It is clear that all one really needs to borrow from this State Chancellor today is what he said back then with regard to the French armies, and with that you could craft the most beautiful sentences and present them to the English ministers to rail against “Prussian militarism.” However, we are at the beginning of the fifth post-Atlantic era, and perhaps comparing today’s rhetoric with what lay at the starting point of events back then might strike a nerve in certain quarters!

[ 28 ] Nun, sehen Sie, Thomas Morus läßt einen Menschen reden — meinetwillen können Sie sagen, daß er ihn fingiert —, er läßt einen Menschen reden, der versucht, den Dingen auf den Grund zu kommen, und zwar in einer Weise versucht, den Dingen auf den Grund zu kommen, die manchen Leuten unangenehm ist, selbst wenn die Dinge überhaupt nur angetippt werden. Aber er geht nun weiter und sagt:

[ 28 ] Well, you see, Thomas More has a character speak—for my sake, you might say he’s inventing him—he has a character speak who tries to get to the bottom of things, and he tries to do so in a way that makes some people uncomfortable, even when the issues are only barely touched upon. But he goes on to say:

«Von welcher Seite ich die Frage betrachten mag, diese unzählige Masse von müßigen Menschen scheint mir für das Land, selbst für den Fall eines Krieges, der sich übrigens immer vermeiden läßt, ohne Nutzen. Dem Frieden gereicht sie außerdem zu einer wahren Plage; und der Friede verdient wohl, daß man sich mit ihm ebenso angelegentlich beschäftigt als mit dem Kriege.

Aber der Herren- und Bedientenstand sind nicht die einzigen Ursachen der Diebereien, von welchen Sie heimgesucht werden. Es gibt eine andere, die ausschließlich Ihrer Insel eigentümlich ist.»

“No matter how I look at the issue, this countless mass of idle people seems to me to be of no use to the country, even in the event of a war—which, incidentally, can always be avoided. Moreover, it is a true scourge to peace; and peace surely deserves to be attended to just as diligently as war.

But the classes of masters and servants are not the only causes of the thefts that plague you. There is another cause that is unique to your island.»

[ 29 ] So sagt der Mann, der aus Utopia kommt und der seinen Zuhörern etwas beibringen möchte über die Eigentümlichkeiten dieses Staates.

[ 29 ] So says the man who comes from Utopia and who wants to teach his listeners about the peculiarities of that state.

«Und worin besteht diese?», fragte der Kardinal.

“And what does it consist of?” asked the cardinal.

[ 30 ] Also auch einer, der sich an der Unterhaltung beteiligt.

[ 30 ] So, someone who participates in the conversation, too.

«In den unzähligen Schafherden; die heutigen Tages ganz: England bedecken, Diese überall anderswo so sanften und genügsamen Tiere sind bei Ihnen so gefräßig und grausam, daß sie sich selbst an den Menschen vergreifen und sie von den Feldern, aus den Häusern und Dörfern verjagen.

In der Tat, nach allen Punkten des Königreichs, wo man die feinste und kostbarste Wolle einsammelt, sieht man die Vornehmen, die Reichen und sogar sehr ehrwürdige Abbés hinzueilen, um sich das Terrain streitig zu machen. Ihre Renten, ihre Privilegien, die Revenuen ihrer Ländereien genügen diesen armen Leuten nicht; sie sind nicht zufrieden damit, in Untätigkeit und Vergnügungen zu leben, der Öffentlichkeit zur Last und dem Staat ohne Nutzen. In Umkreisen von vielen Meilen entfremden sie den Boden der Kultur, sie verwandeln ihn in Weiden, sie reißen Häuser und Dörfer nieder und verschonen nur die Kirchen — um Stallungen für ihre Hammel zu erhalten. Die bewohntesten und am besten kultivierten Stellen schaffen sie in Einöden um. Ohne Zweifel fürchten sie, daß es zu viele Gärten und Holzungen geben und daß es den wilden Tieren an Boden fehlen möchte.

So umzieht ein habsüchtiger Nimmersatt mehrere tausend Morgen Landes mit einer einzigen Ringmauer; rechtschaffene Landleute werden aus ihren Häuser verjagt, die einen durch Betrug; die anderndurehiGewält, die Glücklichsten durch eine Kettenreihe von Bedrückungen und Plakkereien, wodurch sie gezwungen werden, ihre Besitztümer zu verkaufen. Und dann wandern diese Familien, die weniger reich als zahlreich sind denn der Ackerbau verlangt viele Hände — über die Felder davon, Männer und Frauen, Witwen und Waisen, Väter und Mütter mit kleinen Kindern. Weinend fliehen die Unglücklichen das Dach, unter welchem sie geboren wurden, den Boden, der sie ernährte, und wissen nicht, wo sie eine Zufluchtsstätte suchen sollen. Um einen niedrigen Preis veräußern sie dann dasjenige, was sie von ihren Effekten haben mitnehmen können Gegenstände, die schon an und für sich nur einen geringen Wert haben. Ist diese schwache Quelle erschöpft, was bleibt ihnen übrig? Der Diebstahl und später ein regelrechtes Gehängtwerden.

Vielleicht ziehen sie es vor, ihr Elend als Bettler fortzuschleppen. Aber dann zögert man nicht, sie als Vagabunden und Menschen ohne Heimat ins Gefängnis zu werfen. Und worin besteht gleichwohl ihr Verbrechen? Es besteht in nichts anderem, als daß sie niemand finden können, der ihnen Arbeit gäbe, obgleich sie nur diese auf das Eifrigste suchen. Wer wird sie auch beschäftigen können? Sie verstehen nur das Feld zu bebauen; es gibt also da, wo weder an Saat noch Ernte mehr zu denken ist, für sie nichts zu tun. Ein einziger Schaf- oder Kuhhirt genügt jetzt, um Ländereien abweiden zu lassen, deren Bestellung früher mehrere Hundert Arme erheischte.

Eine andere Folge dieses verderblichen Systems ist der in mehreren Gegenden sehr hohe Preis der Lebensmittel.

Aber das ist nicht alles. Seit der Vervielfältigung der Weideplätze hat eine pestartige Vichseuche eine unermeßliche Anzahl von Schafen getötet. Es scheint fast, als hätte der Himmel die unersättliche Habsucht ihrer Zusammenraffer durch diese schreckliche Sterblichkeit bestrafen wollen, die er gerechter gegen ihre eigenen Köpfe gekehrt hätte. Der Preis der Wolle ist demgemäß so hoch gestiegen, daß die unbemittelten Tucharbeiter gegenwärtig keine mehr kaufen können. Und da haben Sie abermals eine Masse von arbeitslosen Leuten. Es ist nicht zu leugnen, daß die Zahl der Schafe täglich in außerordentlichen Verhältnissen wächst; der Preis derselben ist aber nichtsdestoweniger deshalb um Nichts gesunken, weil der Wollhandel, wenngleich er kein gesetzliches Monopol ist, sich in der Tat ausschließlich in den Händen einiger reichen Sammler befindet, die nichts zum Verkaufe drängt und die daher nur mit den größten Vorteilen verkaufen.»

“In the countless flocks of sheep that today cover the whole of England, these animals—which are so gentle and content elsewhere—are so voracious and cruel here that they even attack people and drive them from the fields, houses, and villages.

Indeed, throughout the kingdom—in all the regions where the finest and most precious wool is gathered—one sees the nobility, the wealthy, and even very venerable abbots rushing to stake their claim to the land. Their pensions, their privileges, and the income from their estates are not enough for these poor people; they are not content to live in idleness and pleasure, a burden on the public and of no use to the state. Within a radius of many miles, they strip the land of its crops, turning it into pastures; they tear down houses and villages, sparing only the churches—all to make room for their sheep. They turn the most inhabited and best-cultivated areas into wastelands. No doubt they fear that there will be too many gardens and woodlands and that wild animals might lack sufficient habitat.

This is how a greedy, insatiable man encloses several thousand Morgen of land with a single wall; honest country folk are driven from their homes—some through fraud; others by force; the luckiest ones through a series of oppressions and extortions, forcing them to sell their property. And then these families—who are less wealthy than they are numerous, for farming requires many hands—wander off across the fields: men and women, widows and orphans, fathers and mothers with small children. Weeping, these unfortunate people flee the roof under which they were born and the soil that nourished them, not knowing where to seek refuge. They then sell at a low price whatever belongings they were able to take with them—items that, in and of themselves, are of little value. Once this meager source is exhausted, what is left for them? Theft, and later, outright hanging.

Perhaps they prefer to drag out their misery as beggars. But then there is no hesitation in throwing them into prison as vagrants and people without a home. And yet what exactly is their crime? It consists of nothing more than the fact that they cannot find anyone to give them work, even though they seek it with the greatest eagerness. Who, indeed, will be able to employ them? They know only how to till the fields; thus, where neither sowing nor harvesting is to be considered, there is nothing for them to do. A single shepherd or cowherd is now enough to tend the pastures of lands whose cultivation once required several hundred poor people.

Another consequence of this pernicious system is the very high price of food in several regions.

But that is not all. Since the expansion of pasturelands, a plague-like sheep disease has killed an immeasurable number of sheep. It almost seems as if Heaven had wished to punish the insatiable greed of their hoarders through this terrible mortality, which it would have more justly turned against their own heads. The price of wool has consequently risen so high that the impoverished cloth workers can no longer afford to buy any. And there you have, once again, a mass of unemployed people. It cannot be denied that the number of sheep is growing at an extraordinary rate every day; nevertheless, their price has not fallen in the least, because the wool trade—although it is not a legal monopoly—is in fact exclusively in the hands of a few wealthy collectors who are under no pressure to sell and who therefore sell only at the most advantageous prices.”

[ 31 ] Nun, ich will diese Stelle nicht weiter vorlesen, meine lieben Freunde; ich will nur bemerken, daß Sie hier den Staatskanzler Thomas Morus, den Gesinnungsgenossen des Pico della Mirandola, eine herbe Kritik ausüben sehen durch den — meinetwillen fingierten — Menschen, der aus Utopia kommt, aber eine Kritik an etwas, was dazumal da war, was wirklich geschehen ist, denn dieses ist wirklich geschehen: daß über weite Gebiete hin die Leute von ihren Ländereien vertrieben worden sind, daß man jene, die mit ihren Händen den Boden bebauten, ausgetrieben hat und ihre Ländereien zu Stätten für die Schafherden der Grundbesitzer gemacht hat, die auf diese Weise eben durchaus den Ertrag der Wolle haben wollten. Daß es notwendig ist, an dieser Stelle einzugreifen, daß es solche Menschen gibt, welche die Leute von Land und Boden vertreiben, um diesen für Schafherden zu verwenden — das fand Thomas Morus notwendig zu sagen.

[ 31 ] Well, I do not wish to read any further from this passage, my dear friends; I merely wish to point out that here you see the Chancellor Thomas More, a kindred spirit of Pico della Mirandola, being subjected to harsh criticism by the—for my sake, fictional—man who comes from Utopia, but a criticism of something that existed at that time, something that actually happened, for this is what truly happened: that across vast regions, people were driven from their lands; that those who cultivated the soil with their own hands were expelled, and their lands were turned into pastures for the flocks of the landowners, who in this way sought to secure the yield of wool. That it is necessary to intervene at this point, that there are such people who drive others from their land and fields in order to use them for flocks of sheep—Thomas More felt it necessary to say this.

[ 32 ] Und jene Menschen, meine lieben Freunde, die in objektiver Weise die Wirkungen mit ihren Ursachen verknüpfen, können jetzt auf dem physischen Plan verfolgen, wie die heutige Gestalt des englischen Staates innig zusammenhängt mit dem, was dazumal geschehen ist und was von Thomas Morus in dieser Weise kritisiert wird. Und wenn man dem nachgeht mit den Mitteln, die es schon auch gibt, meine lieben Freunde, dann wird man finden: Das englische Volk ist für vieles nicht verantwortlich, wofür das politische England sehr wohl verantwortlich ist. Aber diejenigen, die für das politische England verantwortlich sind, die sind die Nachfolger und bis zu einem gewissen Grade sogar die Blutsnachfolger derer, die hier von Thomas Morus kritisiert werden. Da ist eine kontinuierliche Entwicklung, die bis dahin zurückreicht. Und wenn man solche Dinge ins Auge faßt, dann wird man wissen und finden können, daß in solchen Reden wie derjenigen von Lord Rosebery, die ich Ihnen neulich angeführt habe, mit drinnenstecken die Stimmen derer, welche sich dazumal auf diese Weise das Erträgnis aus der Wolle verschafften. Man muß überall nach den objektiven Zusammenhängen suchen.

[ 32 ] And those people, my dear friends, who objectively link effects to their causes, can now observe on the physical plane how the present form of the English state is intimately connected with what happened back then and what Thomas More criticized in this way. And if one investigates this using the means that are already available, my dear friends, one will find: The English people are not responsible for many things for which political England is very much responsible. But those who are responsible for political England are the successors—and to a certain extent even the direct descendants—of those criticized here by Thomas More. There is a continuous development that stretches back to that time. And if one considers such things, one will come to realize that speeches such as that of Lord Rosebery, which I quoted to you recently, contain the voices of those who, back then, secured their profits from wool in this very way. One must look everywhere for the objective connections.

[ 33 ] Vor allen Dingen aber muß man den Anspruch machen, nicht in einer beliebigen Weise mißverstanden zu werden. Was heißt es denn, wenn jemand einem vorwirft: Du solltest zartfühlender sein, denn der Engländer muß so und so denken! — Darum handelt es sich gar nicht, sondern es handelt sich darum, daß gewisse Dinge in unserem jetzigen Leben zurückgehen auf gewisse Ursachen und daß man diese Ursachen an den rechten Stellen suchen muß. Die wirklich echten Nachkommen, ja die Blutsnachkommen derjenigen, die dazumal die Leute von Haus und Hof, von Grund und Boden vertrieben haben, um Schafherden zu halten statt die Äcker zu belassen — diese Leute und ihre Impulse zu verteidigen, hat gewiß niemand aus dem Grunde eine Veranlassung, weil er Engländer ist. Es handelt sich also darum, meine lieben Freunde, sich ein wenig bekannt zu machen mit den Gesetzen, mit denen man es eigentlich zu tun hat, und auf das hinzuschauen, was real in der Welt ist, und nicht zu schwätzen, diese Nation habe dieses oder jenes verschuldet.

[ 33 ] Above all, however, one must insist on not being misunderstood in any way. What does it mean, after all, when someone accuses you: “You should be more sensitive, because the Englishman must think this way or that!” — That is not the point at all; rather, the point is that certain things in our present life stem from certain causes, and that one must look for these causes in the right places. Certainly no one has any reason—simply because he is English—to defend the true descendants, indeed the blood descendants, of those who once drove people from their homes and farms, from their land, in order to keep flocks of sheep instead of leaving the fields as they were. The point, my dear friends, is therefore to familiarize ourselves a little with the laws we are actually dealing with, and to look at what is real in the world, rather than to prattle on about how this nation is to blame for this or that.

[ 34 ] Ich werde jetzt, nachdem ich versucht habe, Ihnen einen charakteristischen Zusammenhang zwischen etwas, was in der Gegenwart ist, und etwas, was in der Vergangenheit war, vor Augen zu führen, ich werde jetzt an einen ganz andern Punkt gehen, um dann die einzelnen Punkte zusammenzuführen. Ich werde Ihnen einige Tatsachen vorlegen, weil es sich wirklich darum handelt, meine lieben Freunde, daß Sie Unterlagen bekommen sollen für Ihre Urteile; ich werde Ihnen jetzt einige mehr äußere Tatsachen vorlegen.

[ 34 ] Now that I have tried to illustrate a characteristic connection between something that exists in the present and something that existed in the past, I will now move on to a completely different point, so that I can then bring the individual points together. I will present some facts to you, because, my dear friends, the point is really that you should have the information you need to form your own judgments; I will now present some more objective facts to you.

[ 35 ] Wenn wir das gegenwärtige Europa überschauen, mit Ausnahme des von Slawen bewohnten östlichen Teiles, so finden wir, daß ein großer Teil dieses Europas hervorgegangen ist aus dem, was man für das 8. und 9. Jahrhundert das Reich Karls des Großen nennt. Dieses Reich Karls des Großen — wir wollen es nicht weiter charakterisieren, wir wollen auch nicht darauf Rücksicht nehmen, daß sich heute die verschiedensten Menschen um Karl den Großen streiten, denn dieses Streiten um Karl den Großen hat wirklich fast so viel Sinn, als wenn sich drei Söhne um ihren Vater streiten und dabei alle drei das Recht haben, den einen ihren Vater zu nennen. Es ist doch sehr häufig der Fall, daß sich drei Menschen nicht um etwas streiten würden, wenn sie nicht einen gemeinsamen Vater hätten, denn dann fiele das Streitobjekt wahrscheinlich weg — nämlich die Erbschaft!

[ 35 ] When we survey present-day Europe—with the exception of the eastern part inhabited by Slavs—we find that a large part of this Europe emerged from what is known as the Empire of Charlemagne in the 8th and 9th centuries. This Empire of Charlemagne—we shall not characterize it further, nor shall we take into account the fact that today the most diverse people argue about Charlemagne, for this arguing about Charlemagne really makes about as much sense as if three sons were arguing over their father, all three of whom have the right to call him their father. After all, it is very often the case that three people would not argue over something if they did not have a common father, for then the subject of the dispute would likely disappear—namely, the inheritance!

[ 36 ] Aus dem Reiche Karls des Großen sind im wesentlichen drei Teilgebiete hervorgegangen: der westliche Teil, der nach verschiedenen Wechselfällen zum heutigen Frankreich wurde, ein östlicher Teil, der im wesentlichen zum heutigen Deutschland und Österreich führte, mit Ausnahme der slawischen und magyarischen Gebiete, und ein mittlerer Teil, der im wesentlichen zu dem heutigen Italien wurde. Im Grunde genommen haben alle drei Teile absolut das gleiche Recht, sich auf Karl den Großen zurückzuführen. Und manchmal kann es ja sogar von merkwürdigen Empfindungen abhängen, ob die Menschen sich auf Karl den Großen zurückführen lassen wollen oder nicht — wenn jemandem einfällt, wie viele Sachsen Karl der Große hat abschlachten lassen, so könnte es sein, daß er gar kein besonderes Gewicht darauf legt, sich auf Karl den Großen zurückgeführt zu finden! Nun, diese drei Gebiete gingen also aus dem Reiche Karls des Großen hervor. Wenn wir vieles von dem verstehen wollen, was heute geschieht, so müssen wir auch ins Auge fassen, daß zwischen dem eigentlichen mittleren Gebiete und dem östlichen Gebiete durch das ganze Mittelalter hindurch gewisse Beziehungen bestanden, welche idealer Natur waren — solche Beziehungen, wie man sie heute auf diesem Felde, wenn man nicht gewisse Phrasen für ernst nehmen will, überhaupt nicht mehr kennt, denn was schließlich dem Heiligen Römischen Reich zugrunde lag, das waren schon zum großen Teil ideale Gründe. Und wer es nicht glauben will, daß es ideale Gründe waren, der lese einmal die Schrift über die Monarchie von Dante oder unterrichte sich sonst über die Art und Weise, wie Dante über diese Dinge dachte. Und er nehme nur einmal Rücksicht, daß Dante es war, der zum Beispiel dem Rudolf von Habsburg vorwarf, daß er sich zu wenig um Italien kümmere, den «schönsten Garten des Reiches». Dante war — wenigstens in dem Teil seines Lebens, auf den es vor allem ankommt —, ein absoluter Anhänger jener Idealgemeinschaft, welche sich da begründet hatte und die Deutschland-Italien hieß.

[ 36 ] Essentially, three subregions emerged from the empire of Charlemagne: the western part, which, after various vicissitudes, became present-day France; an eastern part, which essentially gave rise to present-day Germany and Austria, with the exception of the Slavic and Magyar territories; and a central part, which essentially became present-day Italy. Essentially, all three parts have exactly the same right to trace their lineage back to Charlemagne. And sometimes it can even depend on peculiar feelings whether people want to trace their lineage back to Charlemagne or not—if someone happens to recall how many Saxons Charlemagne had slaughtered, they might not place any particular importance on tracing their lineage back to him! Well, these three regions thus emerged from the empire of Charlemagne. If we want to understand much of what is happening today, we must also bear in mind that throughout the entire Middle Ages certain relationships of an ideal nature existed between the central region proper and the eastern region—relationships of a kind that, in this field today, are no longer known at all, unless one is willing to take certain clichés seriously, for what ultimately underlay the Holy Roman Empire was, to a large extent, idealistic motives. And anyone who refuses to believe that these were idealistic motives should read Dante’s treatise on monarchy or otherwise familiarize themselves with the way Dante thought about these matters. And let them just bear in mind that it was Dante, for example, who reproached Rudolf of Habsburg for paying too little attention to Italy, the “most beautiful garden of the Empire.” Dante was—at least during the part of his life that matters most—an absolute adherent of that ideal community that had been established there and was called Germany-Italy.

[ 37 ] Nun sehen wir die Republik Venedig vom 13., 14. Jahrhundert an sich gewissermaßen auflehnen gegen das, was vom Norden kam. Zwar verschlang Venedig das Patriarchat Aquileia, vor allen Dingen aber war es der Republik Venedig darauf angekommen, festen Fuß an der Adria, in den Küstengegenden der Adria, zu fassen. Nun, die Republik Venedig hatte viel Erfolg dazumal, und wir sehen, wie in der Tat dasjenige, was vom Norden kam, gerade unter dem Einflusse der Republik Venedig zurückgedrängt wurde. Dann kommt — ich habe es bei einer anderen Gelegenheit hier erörtert — das, was als die Renaissance bekannt ist, die gewissermaßen unter dem Eindrucke des Aufblühens der freien Städte auch in Italien groß wird. Dann kommt aber die Gegenreformation, die Politik, die von päpstlich-spanischer Seite ausgeht. Und wir sehen, daß man im Grunde genommen erst wiederum vom 18. Jahrhundert ab in Italien daran denken kann, sich zu erholen von jahrhundertelangen Schmerzen und Leiden. Und ich brauche nun nicht auszuführen — es kann das in jedem Geschichtswerk nachgelesen werden —, wie dann der Zeitpunkt heranrückte, in dem Italien unter dem Beifall der ganzen Welt seine Einigkeit fand. Und wer die Verhältnisse kennt, der weiß, daß nirgends mehr als in deutschen Gebieten — nun, vielleicht nirgends mehr kann man nicht sagen, aber jedenfalls ebensoviel als irgendwo sonst an Begeisterung für die Einigkeit Italiens aufgebracht worden ist.

[ 37 ] Now we see the Republic of Venice, starting in the 13th and 14th centuries, in a sense rebelling against what was coming from the north. Although Venice absorbed the Patriarchate of Aquileia, its primary concern was to gain a firm foothold on the Adriatic, particularly in the coastal regions of the Adriatic. Well, the Republic of Venice was very successful at that time, and we see how, in fact, the forces coming from the north were pushed back precisely under the influence of the Republic of Venice. Then comes—as I have discussed here on another occasion—what is known as the Renaissance, which, in a sense, flourished in Italy as well under the influence of the rise of the free cities. But then came the Counter-Reformation, the political movement originating from the papal-Spanish side. And we see that, essentially, it was not until the 18th century that Italy could even begin to think of recovering from centuries of pain and suffering. And I need not elaborate here—it can be read in any history book—on how the moment then approached when Italy achieved its unification to the applause of the entire world. And anyone familiar with the circumstances knows that nowhere more than in German territories—well, perhaps one cannot say “nowhere more,” but in any case just as much as anywhere else—was enthusiasm for Italian unification aroused.

[ 38 ] Aber nun kann die Frage aufgeworfen werden: Wie ist denn die moderne Einheit Italiens zustande gekommen? Und diese Vereinigung Italiens, meine lieben Freunde, müssen wir als Beispiel ins Auge fassen — als ein besonders wichtiges Beispiel, wie die Einheit von Staaten zustande kommt. Und auf der andern Seite müssen wir den Zusammenhang verstehen lernen zwischen dem, was ich Ihnen vor acht Tagen oder letzten Sonntag über die Vorgänge in Serbien erzählt habe, und den Vorgängen in Italien, denn da gibt es Zusammenhänge, die für ein Verständnis der Verhältnisse von ungeheurer Wichtigkeit sind. Aber man muß zuerst ein wenig ins Auge fassen, wie das Staatsgefüge Italiens, das gewiß neidlos anzuerkennende Staatsgefüge Italiens, zustande gekommen ist.

[ 38 ] But now the question may be raised: How did the modern unification of Italy come about? And this unification of Italy, my dear friends, we must consider as an example—a particularly important example of how the unification of states comes about. On the other hand, we must learn to understand the connection between what I told you eight days ago—or last Sunday—about the events in Serbia and the events in Italy, for there are connections that are of immense importance for understanding the situation. But first we must consider briefly how Italy’s state structure—a structure that must certainly be acknowledged without envy—came into being.

[ 39 ] Nicht wahr, man braucht da ja nur zurückzugehen bis zur Schlacht von Solferino, wo Frankreich auf der Seite von Italien stand und wo der erste Schritt gemacht wurde zu der späteren Gestaltung des modernen italienischen Staates. Da stehen wir also in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Und wir dürfen uns fragen: Wodurch ist es denn dazumal möglich geworden — denn die Sache stand ja wirklich recht sehr auf dem Spiele —, wodurch ist es denn dazumal möglich geworden? Lesen Sie die Geschichte, Sie werden das voll bewahrheitet finden, was ich Ihnen jetzt sage. Wodurch ist es denn möglich geworden, daß eben der erste Schritt auf dem Pfade des modernen Italiens durch Italien und Frankreich getan werden konnte bei Solferino? Dadurch, daß sich dazumal Preußen und Österreich Österreich hatte ja nur zu verlieren — nicht vereinigen konnten! Was dann später geschehen ist, ist dem zu verdanken, daß Italien in Camillo Cavour einen wirklich großen Staatsmann hatte, in dessen Seele die Idee aufging, in Italien, von diesem Anfang ausgehend, etwas zu bewirken, was wie zu einer Art Wiederaufleben alter römischer Größe führen könnte. Aber die Sache nahm einen andern Verlauf, und ich möchte sagen, etwas Ähnliches, wenn auch vielleicht mit einer ganz anderen Note, etwas Ähnliches, wie wir es gesehen haben bei dem Übergange von dem edlen Serbenfürsten Michael Obrenovič zu den späteren serbischen Herrschern, finden wir bei dem Übergang von der großen Seele Camillo Cavours zu den Seelen der späteren Staatsmänner — einen Übergang, könnte man sagen, von einem Idealismus zu einem zunächst ziemlich äußerlichen Realismus. Ich kann die Dinge ja nur skizzieren.

[ 39 ] Isn’t it true that we only need to go back to the Battle of Solferino, where France stood on Italy’s side and where the first step was taken toward the eventual formation of the modern Italian state? So there we are in the 1850s. And we might ask ourselves: What made it possible back then—since the stakes were truly very high—what made it possible back then? Read the history, and you will find that what I am telling you now is fully confirmed. What made it possible for Italy and France to take that very first step on the path to modern Italy at Solferino? Because at that time Prussia and Austria—Austria, after all, had only to lose—could not unite! What happened later is due to the fact that Italy had in Camillo Cavour a truly great statesman, in whose soul the idea took root that, starting from this beginning, he could bring about something in Italy that might lead to a kind of revival of ancient Roman greatness. But matters took a different course, and I would say that something similar—albeit perhaps with a completely different tone—something similar to what we saw in the transition from the noble Serbian prince Michael Obrenović to the later Serbian rulers, we find in the transition from the great soul of Camillo Cavour to the souls of the later statesmen—a transition, one might say, from idealism to a realism that was, at first, rather superficial. I can, of course, only sketch out these things.

[ 40 ] Italien ging von Etappe zu Etappe. Bereits im Sommer 1871 konnte Viktor Emanuel in Rom einziehen. Was hat es ihm möglich gemacht? Die deutschen Siege über Frankreich! Francesco Crispi, ein italienischer Staatsmann der späteren Zeit, hat es selber gesagt, denn von ihm rührt der folgende Satz her: Italien ging nach Rom dank der deutschen Siege. — Frankreich hatte bei Solferino den ersten Anstoß dazu gegeben; daß aber Rom die Hauptstadt des Königreichs Italien wurde, ist auf die deutschen Siege über Frankreich zurückzuführen. Und nun entwickelt sich ein merkwürdiges Verhältnis zwischen Italien und Frankreich. Es ist interessant zu sehen, wie Italien in dem Maße, in dem es seine Einheit konsolidierte, in ein merkwürdiges Verhältnis zu Frankreich kam: Es wurde zugleich Gegner und Verbündeter. Und nun kommt in Betracht, daß Italien Staatsmänner hatte, die — das ist die reine Wahrheit — sehr viel auf die Tatsache gaben, daß Italien als Staatsgefüge von außen zusammengefügt worden ist und daß der letzte große Schritt zur Einheit eigentlich Deutschland zu verdanken ist. Diese Staatsmänner, die waren da. Sie sahen auch, daß dazumal ein mögliches Zusammengehen mit Frankreich für Italien nicht fruchtbar sein konnte. Aber dieser einen Strömung widersprach eine andere — diejenige, welche allmählich heraufkam und namentlich vom Jahre 1876 an stark wurde; es widersprach dieser ersten Strömung diejenige der frankophilen demokratisch-linken Partei. Und nun schaukelte dieses Staatswesen sozusagen zwischen seinem gefühlsmäßigen Hinneigen zu Frankreich und seinem mehr praktischen Hinneigen zu Mitteleuropa. Aber das Merkwürdige war, daß in alldem, was sich da ausbildete, die Sache immer so lag, daß die praktische Ausrichtung nach Mitteleuropa zum Ausschlaggebenden wurde — dasjenige, was real vorlag.

[ 40 ] Italy moved from one stage to the next. As early as the summer of 1871, Victor Emmanuel was able to enter Rome. What made this possible? The German victories over France! Francesco Crispi, a later Italian statesman, said so himself; the following statement comes from him: Italy reached Rome thanks to the German victories. — France had provided the initial impetus at Solferino; but the fact that Rome became the capital of the Kingdom of Italy is attributable to the German victories over France. And now a peculiar relationship is developing between Italy and France. It is interesting to see how, as Italy consolidated its unity, it entered into a peculiar relationship with France: it became both an adversary and an ally. And now we must consider that Italy had statesmen who—and this is the plain truth—attached great importance to the fact that Italy, as a state structure, had been pieced together from the outside, and that the final great step toward unity was actually due to Germany. These statesmen were there. They also saw that, at that time, a possible alliance with France could not be fruitful for Italy. But this one current was countered by another—one that gradually emerged and grew strong, particularly from 1876 onward; this first current was countered by that of the Francophile democratic-left party. And so this political system wavered, so to speak, between its emotional inclination toward France and its more practical inclination toward Central Europe. But the remarkable thing was that in everything that was taking shape, the practical orientation toward Central Europe always proved to be the decisive factor—the one that actually existed.

[ 41 ] Nun kam eine neue Wendung in die ganze Sache, als Frankreich sich nach Tunis hinüber ausbreitete — Tunis hatte man ja immer als einen Ort betrachtet, der selbstverständlich zu Italien gehört. Nun fing Frankreich an, sich dort auszubreiten. Und da bekam die praktische Richtung in Italien Oberwasser — jene Richtung, welche sich nunmehr an Mitteleuropa anlehnte. Es ist zum Beispiel interessant, daß bei dem Berliner Kongreß der italienische Unterhändler fragte, warum Bismarck Frankreich das Anerbieten mache, sich ruhig in Afrika auszubreiten, ob er denn durchaus Italien in einen Krieg mit Frankreich verwickeln wolle. Jedenfalls war Italien für die damaligen italienischen Staatsmänner dadurch auf Deutschland angewiesen, und wie Bismarck das berühmte Wort gesprochen hat: Der Weg zu Deutschland führt über Wien —, so war Italien auch auf Österreich verwiesen, weshalb die alte Erbfeindschaft ad acta gelegt werden mußte, die Österreich als sein tragisches Geschick, möchte ich sagen, übernommen hatte. Denn mit alldem, was die Republik Venedig gemacht hatte, war eigentlich im Grunde genommen dasjenige aus Italien hinausgedrängt worden, was dann zu Deutschland ging; Österreich aber mußte das dann eben übernehmen — den Zug, der von Norden kam. Unter dem Einflusse des französischen Vorgehens in Nordafrika mußte die frankophile Richtung zurückstehen, und der Anschluß an Mitteleuropa wurde damals für Italien eine Selbstverständlichkeit.

[ 41 ] Now the whole situation took a new turn when France began to expand toward Tunis—a place that had always been regarded as naturally belonging to Italy. Now France began to expand there. And that is when the pragmatic faction in Italy gained the upper hand—the faction that was now aligning itself with Central Europe. It is interesting, for example, that at the Congress of Berlin, the Italian negotiator asked why Bismarck was offering France the opportunity to expand undisturbed in Africa, wondering whether he truly intended to drag Italy into a war with France. In any case, this meant that Italy was dependent on Germany in the eyes of the Italian statesmen of the time, and just as Bismarck famously said, “The road to Germany leads through Vienna,” so too was Italy dependent on Austria, which is why the old hereditary enmity had to be set aside—an enmity that Austria, I might say, had taken upon itself as its tragic fate. For with all that the Republic of Venice had done, what had essentially been driven out of Italy ended up going to Germany; Austria, however, had to take it on—the movement coming from the north. Under the influence of French actions in North Africa, the Francophile tendency had to take a back seat, and Italy’s integration into Central Europe became a matter of course at that time.

[ 42 ] Sie wissen, der Dreibund kam zustande — ich erwähne diese Dinge nur skizzenhaft, weil es ja schließlich nicht meine Aufgabe ist, Politik zu betreiben, aber gewisse Dinge muß man schon wissen, und sie werden heute leider viel zu wenig gewußt —, Sie wissen, 1882 kam der sogenannte Dreibund zustande. Und gewisse Menschen werden diesen Dreibund immer falsch beurteilen, weil sie sich nicht daran gewöhnen können, gültige Begriffe bei diesen Dingen anzuwenden. Es gibt ja wirklich Leute, die zum Beispiel die heutigen schmerzlichen Kriegsereignisse dem Dreibund zuschreiben und nicht dem sogenannten Dreiverband, der «Entente cordiale» oder wie das auch immer genannt wird. Aber sehen Sie, in solchen Dingen verwendet man nicht immer gültige Begriffe; überall sonst fragt man bei einem Ding, das zu etwas führen soll, ob es wirklich dazu führt und wie lange es taugt. Nun ist von denen, die am Dreibund beteiligt waren, immer gesagt worden, er sei zur Erhaltung des Friedens gemacht worden. Und er hat viele Jahrzehnte dazu getaugt, den Frieden zu erhalten, das heißt, er hat durch Jahrzehnte hindurch das gebracht, was man behauptete, wozu er bestimmt sei. Dann ist der Dreiverband gegründet worden, von dem man auch sagte «zur Erhaltung des Friedens». Aber es hat kein Jahrzehnt gebraucht — und der Friede war weg! Jedes andere Ding in der Welt, meine lieben Freunde, würde man nach dem beurteilen, was es hervorbringt; nur just in diesen Dingen läßt man sich nicht dazu herbei, ein objektives Urteil zu fällen. Schon nach fünf Jahren wurde jene geheime Sache eingefädelt, die die Möglichkeit gibt, die Alchemie jener Kugeln und Bomben genauer zu studieren, die, wie ich Ihnen neulich in verschiedenen Zusammenhängen sagte, in Sarajevo gebraucht worden sind, um jenes Attentat zustande zu bringen. Denn jenes Attentat vom Juni 1914, das hat ja [fast] nicht mißglücken können — sollten die einen Kugeln versagen, so sollten andere treffen! Es war dazumal wirklich in reichlichstem Maße dafür gesorgt, daß, selbst wenn das eine hätte versagen sollen, das andere nicht mißlungen wäre. Es war ein so wohldurchdachtes, man möchte sagen großangelegtes Attentat, wie überhaupt noch keines in der Weltgeschichte da war. Wenn man gewissermaßen die Alchemie dieser Kugeln studiert, so kommt man dazu, diese Dinge, die wir jetzt auf Wunsch unserer Freunde eben anführen, ein wenig zu durchschauen. Darauf werde ich noch zurückkommen.

[ 42 ] As you know, the Triple Alliance was formed—I’m only touching on these matters briefly, since it’s not my job to engage in politics, but there are certain things one simply must know, and unfortunately, far too few people are aware of them today—as you know, the so-called Triple Alliance was formed in 1882. And certain people will always misjudge this Triple Alliance because they cannot bring themselves to apply valid concepts to these matters. There really are people, for example, who attribute today’s painful events of war to the Triple Alliance and not to the so-called Triple Entente, the “Entente cordiale,” or whatever it may be called. But you see, in such matters, valid concepts are not always applied; everywhere else, when something is intended to lead to a certain outcome, one asks whether it actually achieves that outcome and how long it remains effective. Now, those involved in the Triple Alliance have always claimed that it was created to preserve peace. And for many decades, it served to preserve peace—that is, for decades it delivered what was claimed to be its purpose. Then the Triple Alliance was founded, which was also said to be “for the preservation of peace.” But it didn’t even take a decade—and peace was gone! Every other thing in the world, my dear friends, would be judged by what it produces; yet in these matters alone, people refuse to bring themselves to pass an objective judgment. After just five years, that secret project was set in motion, one that makes it possible to study more closely the alchemy of those bullets and bombs which, as I told you recently in various contexts, were used in Sarajevo to carry out that assassination. For that assassination in June 1914—it could [almost] not have failed—if some bullets failed, others were meant to hit! At the time, every possible precaution had been taken to ensure that, even if one were to fail, the other would not. It was such a well-thought-out—one might even say large-scale—assassination as the world had never seen before. If one studies, so to speak, the alchemy of these bullets, one begins to understand a little better these matters, which we are now citing at the request of our friends. I will return to this later.

[ 43 ] Es wurde nämlich schon nach fünf Jahren in das ganze Dreibundverhältnis von Mitteleuropa etwas hineingemischt, das man so bezeichnen kann: Es ist ein gewisser Zusammenhang geschaffen worden zwischen jedem Ereignis, das in Italien vorgeht, und jedem Ereignis, das auf dem Balkan vorgeht. Es wurde danach gestrebt, daß nichts auf dem Balkan vorgehen könne, ohne daß irgend etwas Entsprechendes in Italien geschehe. Und es sollten die Volksleidenschaften so zusammenspielen, daß niemals eine einseitige Handlung vorgehen könne da oder dort, sondern daß da immer parallel gefühlt und gedacht werde. Es war ein inniger Zusammenhang zwischen den verschiedenen Impulsen auf der apenninischen und auf der Balkanhalbinsel durch die ganzen Jahrzehnte hindurch. Manchmal tritt einem eine solche Sache ungemein symbolisch entgegen — symbolisch schön, in bezug auf die Theorie schön, so wie der Arzt einen besonders schweren Krankheitsfall, weil er ihm die Gelegenheit zu einer guten Operation gibt, einen «schönen Fall» nennt, aber dieser braucht deshalb überhaupt nicht schön zu sein.

[ 43 ] In fact, after only five years, something had already been introduced into the entire Triple Alliance relationship in Central Europe that can be described as follows: A certain connection had been established between every event taking place in Italy and every event taking place in the Balkans. The aim was to ensure that nothing could happen in the Balkans without something corresponding to it happening in Italy. And the passions of the people were to interact in such a way that no unilateral action could ever take place here or there, but that feelings and thoughts would always run parallel. There was a deep connection between the various impulses on the Apennine Peninsula and the Balkan Peninsula throughout the decades. Sometimes such a matter presents itself as immensely symbolic—symbolically beautiful, beautiful in terms of theory, just as a doctor calls a particularly severe medical case a “beautiful case” because it gives him the opportunity to perform a good operation, but this does not mean the case is actually beautiful at all.

[ 44 ] Wir waren einmal in Italien und besuchten in Rom einen Mann, der wirklich ein sehr netter, lieber Mensch war und ein sehr freundlicher Herr — er ist jetzt schon tot. Er führte uns in seinen Salon, und wir fanden bei diesem Herrn im Salon an ganz hervorragender Stelle die beiden Bilder von Draga Mašin und Alexander Obrenovič, groß, mit eigenhändigen Widmungen der betreffenden Persönlichkeiten. Dieser Mann, um den es sich da handelte, war nicht nur ein ganz berühmter Professor, sondern er war auch einer der Arrangeure der sogenannten lateinischen Liga, [der «Lega Nazionale»], die sich mit den Vorbereitungen für die Abtrennung Südtirols und Triests von Österreich und ihrer Angliederung an Italien befaßt. Nun, meine lieben Freunde, ich will selbstverständlich nicht aus einem so unbedeutenden Erlebnis große Schlüsse ziehen, aber ich muß doch sagen: Symbolisch bedeutsam ist es, daß jemand, der eine lateinische Liga arrangiert, der mit dieser lateinischen Liga vorzugsweise auch die Studenten der Universität Innsbruck revolutioniert — ich urteile nicht, ich kritisiere nicht, sondern ich erzähle nur —, daß dieser Mann in seinem Salon, also da, wo es jeder sehen soll, die Bilder von Alexander Obrenovič und Draga Ma$in mit eigenhändigen Widmungen hängen hat. Da dieses in der Zeit war, in der mir sehr wohl die geheimnisvollen Fäden bekannt waren, die zwischen Rom und Belgrad bestehen, machte es auf mich eben einen gewissen symptomatischen Eindruck, denn man wird schon durch sein Karma mit dem in der Welt zusammengeführt, was einem wichtig ist, und wenn man die Dinge anzuschauen vermag in der rechten Weise und sie zu durchschauen vermag, dann sieht man schon, daß einem das Karma an die Stelle hinführt, wo man dasjenige zu «riechen» hat, was man «riechen» soll für seine Erkenntnis.

[ 44 ] We were in Italy once and visited a man in Rome who was truly a very kind, dear person and a very friendly gentleman—he has since passed away. He led us into his parlor, and there, in a very prominent place, we found the two portraits of Draga Mašin and Alexander Obrenović, large and bearing handwritten dedications from the figures themselves. This man in question was not only a very famous professor, but he was also one of the organizers of the so-called Latin League, [the “Lega Nazionale”], which was involved in the preparations for the separation of South Tyrol and Trieste from Austria and their annexation to Italy. Well, my dear friends, I certainly do not wish to draw grand conclusions from such an insignificant experience, but I must say: It is symbolically significant that someone who organizes a Latin League—and who, through this Latin League, primarily seeks to stir up the students at the University of Innsbruck—I am not judging, I’m not criticizing, I’m just recounting—that this man has portraits of Alexander Obrenović and Draga Ma$in hanging in his salon, that is, where everyone is supposed to see them, with dedications in their own handwriting. Since this was at a time when I was well aware of the mysterious threads connecting Rome and Belgrade, it made a certain symptomatic impression on me, for one is brought together through one’s karma with that which is important to one in the world, and if one is able to look at things in the right way and see through them, then one can already see that karma leads one to the place where one is meant to “sense” what one is supposed to “sense” for one’s own insight.

[ 45 ] Nun verhielt es sich so, daß im Jahr 1888 — es war eines der Jahre, die ebensogut wie das Jahr 1914 zum Weltkrieg hätten führen können —, daß im Jahr 1888 dadurch, daß Crispi zum Dreibund hielt, diese Krise verhindert worden ist. Diese Krise ist also dadurch verhindert worden, daß Crispi, der italienische Ministerpräsident, zum Dreibund hielt. Aber er hielt zum Dreibund nur aus dem Grunde, weil Frankreich in Nordafrika vorrückte und sich dort ausbreitete. Nun betrieb Frankreich damals eine Politik, von der Frankreich selber sagte, man wolle Italien, das sich von Frankreich abzuwenden beginne, «durch Hunger wiedererobern», das heißt, man versuchte eine Art von Handelskrieg gegen Italien zu führen — den berühmten Handelskrieg, der ja dazumal wirklich eine große Rolle spielte. Und die Folge dieses Handelskrieges war, daß die praktischen Bande gerade zu Mitteleuropa immer enger geknüpft wurden. Und ich tue vielleicht gut, wenn ich dabei nicht irgendein Urteil aus Deutschland anführe, sondern das Urteil eines Franzosen, der sagte, das moderne Italien sei eine wirtschaftliche Organisation Deutschlands.

[ 45 ] Now, the fact was that in 1888—one of the years that could just as easily have led to World War I as 1914 did—that crisis was averted in 1888 because Crispi remained loyal to the Triple Alliance. This crisis was thus averted because Crispi, the Italian Prime Minister, remained loyal to the Triple Alliance. But he remained loyal to the Triple Alliance solely because France was advancing and expanding its presence in North Africa. At that time, France was pursuing a policy about which France itself said it wanted to “reconquer” Italy—which was beginning to turn away from France—“through starvation”; that is, it attempted to wage a kind of trade war against Italy—the famous trade war that indeed played a major role at the time. And the consequence of this trade war was that practical ties, particularly with Central Europe, became ever closer. And I would perhaps do well not to cite some opinion from Germany here, but rather the opinion of a Frenchman who said that modern Italy was an economic organization of Germany.

[ 46 ] Das heißt also — das ist ja oftmals betont worden, nicht nur von Deutschen, sondern auch von andern —, vor der Gefahr, von Frankreich durch Hunger erobert zu werden, was ja nicht gerade eine angenehme Sache ist, wurde Italien dadurch gerettet, daß es in innigere wirtschaftliche Beziehung zu Deutschland trat. Das alles wirkte zusammen, um die Krise am Ende der achtziger Jahre in friedlichem Sinne zu lösen. Diese Krise Ende der achtziger Jahre in ihren Einzelheiten zu studieren, ist außerordentlich interessant, und zwar aus dem Grunde interessant, weil das Studium dieser Einzelheiten gerade demjenigen etwas Besonderes gibt, der geneigt ist, auf Zusammenhänge zu schauen und sich nicht blenden zu lassen. Ich habe es gemacht, und es ist außerordentlich interessant, es zu machen. Es geschahen im Jahre 1888 Ereignisse, bei denen ich folgendes gemacht habe: Ich bin hergegangen und habe für alles dasjenige, was dazumal 1888 geschehen ist, skizzenhaft eingesetzt «1914» — anstelle von «1888». Es ist dasselbe, genau dasselbe, meine lieben Freunde! So wie 1914 die große Pressehetze losgegangen ist, die von Petersburg inspiriert war und nach Deutschland herübergriff, geradeso war es 1888. So wie 1914 ein Konflikt hervorgerufen werden sollte zwischen Deutschland und Österreich, so dazumal 1888. Kurz, in allen Einzelheiten sind die Dinge dieselben. Und interessant ist es, daß ich verschiedenen Leuten eine Rede vorlesen konnte, die dazumal im Jahre 1888 gehalten worden ist, in der ich nur statt «1888» fingiert «1914» eingesetzt habe, und jeder hat geglaubt, das, was dazumal im Jahre 1888 gesagt worden ist, beziehe sich auf 1914! Meine lieben Freunde, wenn solche Dinge möglich sind, dann wird man doch nicht von Zufälligkeiten sprechen, sondern man wird davon sprechen, daß da treibende Kräfte am Werke sind und daß System darin ist.

[ 46 ] In other words—as has often been emphasized, not only by Germans but also by others—Italy was saved from the danger of being conquered by France through starvation, which is certainly not a pleasant prospect, by entering into closer economic ties with Germany. All of this worked together to resolve the crisis at the end of the 1880s peacefully. Studying the details of this crisis at the end of the 1880s is extraordinarily interesting, and it is interesting precisely because studying these details offers something special to those who are inclined to look at the bigger picture and not allow themselves to be blinded. I have done so, and it is extraordinarily interesting to do so. In 1888, certain events took place in connection with which I did the following: I went and, in my notes on everything that happened back then in 1888, I sketchily substituted “1914” for “1888.” It is the same, exactly the same, my dear friends! Just as in 1914 the great press smear campaign began—inspired by St. Petersburg and spreading to Germany—so it was in 1888. Just as in 1914 a conflict was to be provoked between Germany and Austria, so it was back in 1888. In short, in every detail, the circumstances are the same. And it is interesting that I was able to read a speech to various people that had been delivered back in 1888, in which I simply substituted “1914” for “1888,” and everyone believed that what had been said back in 1888 referred to 1914! My dear friends, if such things are possible, then one cannot speak of mere coincidences, but rather of driving forces at work and of a system at play.

[ 47 ] Nun, 1888 ging die Sache vorüber aus den Gründen, die ich angeführt habe. Dann aber wurden die Verhältnisse noch schwieriger. Die Verhältnisse wurden insbesondere deshalb so schwierig, weil das ganze Verhältnis der apenninischen Halbinsel zu Mitteleuropa wirklich einen solchen Charakter annahm — es ist psychologisch interessant, gerade für den Geistesforscher ist es psychologisch interessant, diese Dinge zu studieren —, es nahm wirklich den Charakter an, daß Italien, das politische Italien, so behandelt werden mußte, wie manche Dame — verzeihen Sie, es sind nur die hysterischen gemeint. Es sind unglaubliche Dinge, die sich entwickelten, namentlich dadurch, daß immer mehr und mehr in Europa das Urteil aufkam und propagiert wurde: Österreich muß zerfallen. — Ich kritisiere diese Dinge nicht, ich erzähle nur.

[ 47 ] Well, in 1888 the matter blew over for the reasons I have cited. But then the situation became even more difficult. Circumstances became so difficult, in particular, because the entire relationship between the Apennine Peninsula and Central Europe truly took on a certain character—it is psychologically interesting, especially for the researcher of the spiritual realm, to study these things—it truly took on the character that Italy, political Italy, had to be treated like a certain kind of lady—forgive me, I mean only the hysterical ones. Incredible things unfolded, particularly as the view that “Austria must be dissolved” gained ground and was propagated more and more throughout Europe. — I am not criticizing these things; I am merely recounting them.

[ 48 ] In welcher Weise dieses Urteil in Europa propagiert wurde, davon können Sie sich ja überzeugen, wenn Sie Publikationen lesen wie jene von Loiseau, Chéradame und so weiter — Bücher, die durchaus davon handeln, wie Österreich in den nächsten Zeiten zerteilt werden wird. Und solche Urteile wie diejenigen von Loiseau und Chéradame wurden hineingeworfen in dasjenige, was da unten im Süden glimmte. Es war wirklich nicht leicht, unter diesen Umständen das zu treiben, was oftmals Politik genannt wird, denn sehen Sie, in Italien wurde zum Beispiel — ich will das nicht kritisieren, ich will gar nicht einmal im geringsten pro oder contra sprechen, sondern nur erzählen — sogar der Oberdank gefeiert, der ein Attentat auf den Kaiser Franz Joseph geplant hatte. Dagegen durfte in Wien in einer Ausstellung, die der Herzog der Abruzzen besuchen wollte, ein Bild nicht die «Seeschlacht bei Lissa» heißen — Österreich hatte sie nämlich gewonnen —, sondern es wurde einfach darauf geschrieben «Eine Seeschlacht», damit der Herzog der Abruzzen nicht beleidigt wurde, wenn er nach Wien in die Ausstellung kam. Das ist aber nur ein Beispiel für unzählige Beispiele — und das tat man tatsächlich. Ich kritisiere das nicht, aber ich frage nach der Gegenseitigkeit; ich frage, ob sich irgend jemand in Italien zu der Rücksicht herbeigelassen hätte, bei einer gewonnenen Seeschlacht den Namen wegzulassen — in Wien hat man es allerdings getan. Man mag das sogar falsch finden von einem gewissen Gesichtspunkte aus, aber ich frage nach der Gegenseitigkeit. Und das sei doch gesagt, um ein wenig die Stimmungen zu charakterisieren, denn auf solche Stimmungen kommt es an, wenn nun solch eine Strömung einzugreifen hat wie diejenige, die vom «Grand Orient de France» kam, wenn nun also okkulte Impulse ins Spiel gebracht werden.

[ 48 ] You can see for yourself how this view was propagated in Europe by reading publications such as those by Loiseau, Chéradame, and so on—books that deal explicitly with how Austria will be divided in the near future. And judgments such as those of Loiseau and Chéradame were thrown into the smoldering conflict down there in the south. It really wasn’t easy, under these circumstances, to engage in what is often called politics, because, you see, in Italy, for example—I don’t mean to criticize this; I don’t even want to take a position for or against it in the slightest, but merely to recount the facts—even the chief conspirator who had planned an assassination attempt on Emperor Franz Joseph was celebrated. In contrast, at an exhibition in Vienna that the Duke of Abruzzo intended to visit, a painting was not allowed to be titled “The Naval Battle of Lissa”—since Austria had won it—but was simply labeled “A Naval Battle” so that the Duke of Abruzzo would not be offended when he came to Vienna for the exhibition. But that is just one example among countless others—and that is indeed what was done. I am not criticizing this, but I am asking about reciprocity; I am asking whether anyone in Italy would have shown such consideration as to omit the name of a naval battle that had been won—in Vienna, however, they did just that. One might even consider this wrong from a certain point of view, but I am asking about reciprocity. And let this be said, if only to characterize the mood a little, for such moods are what matter when a current such as that which came from the “Grand Orient de France” is set in motion—when occult impulses are brought into play.

[ 49 ] Und es werden schon, meine lieben Freunde, gewisse Dinge, um die sich die Menschheit bisher nicht gekümmert hat, zu solchen werden müssen, um die sich die Menschheit kümmert, denn die «massoni» sind nicht so, daß sie nicht sehen, was da ist, sondern sie gehen — ebenso wie die anderen okkulten Bruderschaften — darauf aus, die Kräfte, die da sind, ins Spiel zu bringen. Sie wissen, daß da und dort Impulse vorhanden sind und wie man sie so benützen muß. Und wenn man auf der einen Seite, auf der apenninischen, eine gewisse Strömung hat und auf dem Balkan eine andere, dann müssen diese Strömungen in der entsprechenden Weise benützt werden, und dann kann man schon im rechten Augenblick, das heißt in dem für diese Leute rechten Augenblick, dieses oder jenes tun.

[ 49 ] And, my dear friends, certain things that humanity has not concerned itself with until now will have to become matters of concern to humanity, for the “Massoni” are not such that they fail to see what is there; rather, they—just like the other occult brotherhoods—seek to bring the forces that are present into play. They know that certain impulses exist here and there and how to make use of them. And if, on the one hand, in the Apennines, there is a certain current, and on the other, in the Balkans, there is another, then these currents must be utilized in the appropriate manner, and then, at the right moment—that is, at the moment that is right for these people—one can do this or that.

[ 50 ] Das also sei eine Vorbereitung für die alchimistische Betrachtung, von der ich Ihnen gesprochen habe und die uns dann etwas weiterführen wird. Ich bitte Sie, durchaus zu beachten, daß ich nicht anders kann, wenn ich den Wünschen unserer Freunde entsprechen soll, als einiges von dem, was in der Gegenwart spielt, zu erwähnen in Anknüpfung an Dinge, die es eben gibt, wenn auch vielleicht nicht jeder damit einverstanden ist, daß solche Dinge an die Oberfläche gebracht werden. Allein, es ist meine Überzeugung, meine lieben Freunde: Gerade darin, daß man vor diesen Dingen die Augen zudrückt und über das, was vorgeht, aus möglichst unsachlichen Untergründen heraus redet, liegt einer der Hauptgründe, daß solch Schmerzliches, wie es jetzt der Fall ist, über die Welt hinziehen kann, denn selbst diesen großen Dingen gegenüber sollte jeder mit der Selbsterkenntnis anfangen. Und ein Stück Selbsterkenntnis ist schon dies, daß man weiß: In dem Augenblicke, wo man sagt, solche Dinge gingen einen nichts an, man wolle nur von okkulten Dingen hören, fördert man, wenn auch zunächst nur im kleinen, jene Entwicklung, die, aus vielen einzelnen Gliedern [zu einer Kette] zusammengefügt und summiert, zu solchen Dingen führt, wie wir sie heute erleben. Denn okkult ist nicht nur das, was sich auf die höheren Welten bezieht — das ist ja gewiß zunächst für alle Menschen okkult —, aber okkult, meine lieben Freunde, ist für viele Menschen auch schon das, was auf dem physischen Plan geschieht. Und man möchte wünschen, daß manches Okkulte auf diesem Gebiet offenbar würde, denn daß so vieles für so viele, die dann doch urteilen, okkult bleibt, das bildet mit eine der Quellen für das Elend, das wir erleben.

[ 50 ] So this, then, is a prelude to the alchemical reflection I have spoken to you about, which will then take us a step further. I ask you to bear in mind that, if I am to comply with the wishes of our friends, I have no choice but to mention some of what is happening in the present in connection with things that actually exist—even if perhaps not everyone agrees that such things should be brought to light. However, it is my conviction, my dear friends: It is precisely in turning a blind eye to these things and speaking about what is happening from as biased a perspective as possible that one of the main reasons lies for such painful events—as is now the case—to sweep across the world; for even in the face of these great matters, everyone should begin with self-knowledge. And part of self-knowledge is simply this: knowing that the moment one says such things are none of one’s business—that one wants to hear only about occult matters—one is fostering, even if only on a small scale at first, that development which, when the many individual links are joined together and added up, leads to such events as we are experiencing today. For the occult is not only that which relates to the higher worlds—which is certainly occult to all people at first—but, my dear friends, for many people, even what happens on the physical plane is already occult. And one might wish that some of the occult in this realm would become manifest, for the fact that so much remains occult to so many who are otherwise capable of judgment is one of the sources of the misery we are experiencing.

[ 51 ] Morgen werden wir uns, wenn niemand etwas dagegen hat, wieder um fünf Uhr treffen.

[ 51 ] Tomorrow, if no one objects, we'll meet again at five o'clock.