Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band II
Das Karma der Unwahrhaftigkeit
GA 173a
7 Januar 1917, Dornach
Fünfzehnter Vortrag
[ 1 ] Gerade bei unseren jetzigen Betrachtungen über die Zeitereignisse kann es uns so recht zum Bewußtsein kommen, was wir für unsere Seele gewinnen können dadurch, daß wir uns einzuleben versuchen in geisteswissenschaftliche Erkenntnis. Es ist ja oftmals betont worden, daß geisteswissenschaftliche Erkenntnis nicht Theorie bleiben, sondern lebendig werden soll dadurch, daß sie sich gewissermaßen mit den ihr naturgemäß heiligen Gefühlen, Empfindungen und sonstigen Impulsen durchdringt und unserer Seele einen gewissen Schwung, eine gewisse Stimmung gibt, so daß wir uns als Geisteswissenschafter anders in den Menschenzusammenhang hineinfügen, als dies ein Nichtgeisteswissenschafter tut.
[ 2 ] Wir haben verschiedene Erwägungen angestellt über die Zugehörigkeit des Menschen zu diesem oder jenem Volkstum, oder, wie man auch sagt in der neueren Zeit, zu dieser oder jener Nation oder Nationalität. Nun ist gerade das Allgemein-Menschliche das, was der Mensch an sich trägt, ohne daß es sich in dieses oder jenes Volkstum individualisiert, spezifiziert, was man sich durch die Geisteswissenschaft voll zum Bewußtsein bringen kann, weil ja alles das, was den Hauptinhalt der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ausmacht, wirklich für jeden Menschen gilt, ohne irgendeinen Gruppenunterschied. Und wenn man vom anthroposophischen Standpunkte aus nationale Differenzierungen betrachtet, so betrachtet man sie ja auch anders als vom nichtanthroposophischen Standpunkte, indem man gewissermaßen objektiv ins Auge faßt, worauf diese Differenzierungen beruhen. Die Dinge können objektiv ins Auge gefaßt werden.
[ 3 ] Wir sind uns ja der Dreigliedrigkeit unserer Seele in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele bewußt, welche drei Glieder ausgefüllt, durchgeistigt, durchlebt werden von der Ichheit. Die Empfindungsseele ist dasjenige, was von der italienischen Volksseele besonders beeinflußt wird, wenn die Kräfte und Impulse der Volksseele in die einzelne Menschenseele hineinwirken. Die Verstandes- oder Gemütsseele im einzelnen Menschen ist für die französische, die Bewußtseinsseele für die britische Volksseele, das Ich für die mitteleuropäischen und das Geistselbst für die Volksseelen der slawischen Völker besonders empfänglich. Wenn wir dies erkennen und durchdringen, so sollten wir nicht mehr dazu verführt werden, Urteile zu fällen, wie sie eben sehr häufig gefällt werden.
[ 4 ] Jemand, der diese Dinge gehört hat, ist nun gewissermaßen wütend geworden aus dem Grunde, weil er vernommen hat: Durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wird das deutsche Volkstum so interpretiert, als ob die Volksseele hereinwirkt in das Ich. — Sein Irrtum war, daß er dies für etwas Höheres gehalten hat, als wenn die Bewußtseinsseele von der Volksseele beeinflußt wird. Das lag an ihm! In der Geisteswissenschaft werden die Dinge in ihrer Objektivität nebeneinander hingestellt. Die Volksseelen haben ihre Aufgaben, und die bestehen in diesem Hereinwirken. Aber bei diesem Hereinwirken der Volksseele in die Menschenseele müssen wir uns durchaus klar sein, daß gerade in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum eine gewisse Entwickelung vor sich gehen muß. Und als das erste Glied dieser Entwickelung müßten eigentlich diejenigen sich fühlen, die jetzt zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft hinneigen.
[ 5 ] Wodurch wirkt denn eigentlich die Volksseele in das Menschengemüt herein? Wenn wir so, wie die Menschheit einmal ist, betrachten, was in bezug auf diese Sache geschieht, so müssen wir sagen: Das Hereinwirken der Volksseele in die individuelle Menschenseele ist zunächst ein unterbewußtes, das nur teilweise heraufsteigt in das Bewußtsein. Der Mensch fühlt sich diesem oder jenem Volkstum angehörig, und in der Hauptsache geschieht ja die Einwirkung der Volksseele auf die Individualität des Menschen durch den Umweg des mütterlichen Prinzips. Das mütterliche Prinzip ist eingebettet in das Volksseelentum. Was den Menschen als physisch-ätherisches Naturwesen mehr herausreißt aus dem Gruppenhaften, ist die Einwirkung des väterlichen Impulses. Das habe ich in früheren Jahren öfter auseinandergesetzt. Für die christliche Weltanschauung liegt das schon in den Evangelien ausgedrückt. Auch darüber ist in früheren Jahren gesprochen worden. Im wesentlichen wird, so wie die Dinge heute noch liegen, zunächst durch das Blut vom Volkstume aus in den Menschen hereingewirkt, und durch dasjenige, was im Ätherleibe dem Blute entspricht. Natürlich haben wir es da mit einem mehr oder weniger animalischen Impulse zu tun, und er bleibt animalisch für den weitaus größten Teil der heutigen Menschen. Der Mensch gehört einem gewissen Volkstum an durch sein Blut. Welche geheimnisvollen Kräfte und Impulse in das Blut hineinwirken, ist schwierig im einzelnen auseinanderzusetzen, weil diese Impulse außerordentlich vielgestaltig, mannigfaltig sind. Aber sie liegen unter der Oberfläche des Bewußstseins.
[ 6 ] Viel bewußter lebt der Mensch in all dem, was an Menschlichkeit ohne Unterschied der Nation in ihm lebt. Daher wird auch das Pathos, die Leidenschaft, der Affekt, mit dem sich der Mensch einer Nationalität angehörig fühlt, mit einer gewissen elementaren Kraft hervortreten. Der Mensch wird nicht versuchen, logische Gründe oder Urteile geltend zu machen, wenn es sich für ihn darum handelt, seine Zusammengehörigkeit mit seiner Nationalität zu bestimmen oder zu empfinden. Das Blut und das Herz, das unter dem Einflusse des Blutes steht, bringt den Menschen mit seiner Nationalität zusammen, läßt ihn in der Nationalität drinnen leben. Die Impulse, die da in Betracht kommen, sind unterbewußt, und es ist schon viel gewonnen, wenn man sich dieses unterbewußten Charakters bewußt ist. Gerade in bezug darauf ist es wichtig, wenn der Mensch, der an die Geisteswissenschaft herantritt, in sich selber eine Entwickelung durchmacht, wenn er in bezug auf diese Dinge gewissermaßen anders empfindet als die übrige Menschheit. Wenn Menschen, die nicht der Geisteswissenschaft angehören, gefragt werden, wie sie mit ihrer Nationalität zusammenhängen, so werden und müssen sie sagen: Durch das Blut! — Das ist die einzige Idee, die sie sich über die Zugehörigkeit zu ihrer Nationalität machen können. Der Geisteswissenschafter soll allmählich dazu kommen, sich nicht diese Antwort zu geben, sondern eine andere. Würde er sich nicht allmählich zu dieser andern Antwort entwickeln können, so würde er die Geisteswissenschaft nur theoretisch nehmen, nicht im eigentlichen Sinne praktisch und lebendig. Während also der Nichtgeisteswissenschafter sich nur die Antwort geben kann: Durch mein Blut hänge ich mit meiner Nationalität zusammen, durch mein Blut verteidige ich dasjenige, was in der Nation lebt, durch mein Blut fühle ich die Verpflichtung, mich zu identifizieren mit meiner Nationalität —, muß der Geisteswissenschafter sich die andere Antwort geben: Durch mein Karma bin ich mit der Nationalität verbunden, denn es ist ein Teil des Karma. — Sobald man Karmabegriffe einführt, vergeistigt man allerdings das gesamte Verhältnis. Und während der Nichtgeisteswissenschafter für alles das, was er als Angehöriger eines bestimmten Volkes tut, das Pathos, die Impulsivität, das Blut aufrufen wird, wird derjenige, der die geisteswissenschaftliche Entwickelung durchgemacht hat, sich durch das Karma verbunden fühlen mit diesem oder jenem Volkstum.
[ 7 ] Das ist eine Vergeistigung der Sache. Außerlich mag dasselbe ablaufen, äußerlich mag der Mensch, wenn er diese Vergeistigung empfindet, das gleiche geltend machen; aber innerlich wird die Sache vergeistigt sein, und er wird ganz anders empfinden als derjenige, der die Zugehörigkeit gewissermaßen nur animalisch empfindet.
[ 8 ] Da sehen Sie gerade einen Punkt, in dem Zugehörigkeit zur Geisteswissenschaft die Seele zu etwas anderem macht, eine andere Stimmung in die Seele hineinbringt. Sie sehen aber zugleich, wie weit das allgemeine Zeitbewußtsein zurück ist hinter dem, was heute von den willigen Leuten wohl gewußt werden könnte. Das allgemeine Zeitbewußtsein kann gar nicht anders, als die Zugehörigkeit des Menschen zur Nationalität nach dem Blute, oder nach dem, was sehr wenig blutsmäßig, aber eben im Zusammenhange mit dem Blut und aus diesem Anschauen des Blutes heraus geregelt wird, auffassen. Es wird eine viel freiere Auffassung dieser Zugehörigkeit Platz greifen, wenn die ganze Angelegenheit als eine Karmaangelegenheit betrachtet wird. Dann werden gewisse feine Begriffe auftauchen für denjenigen, der sich vielleicht der oder jener Nationalität bewußt anschließt und dadurch eine Karmaschwenkung vollzieht.
[ 9 ] Aber wie wir die Sache auch nehmen, ob in dem unvollkommenen Sinn, in dem der größte Teil der Menschheit es heute empfinden muß, oder in dem vollkommeneren Sinn, in dem man es empfinden kann als Angehöriger der Geisteswissenschaft, es bleibt bestehen, daß durch die allgemeinen Weltenverhältnisse die Menschheit heute in Gruppen differenziert ist. Und nichts kann uns schmerzlicher als die gegenwärtigen Ereignisse zum Bewußtsein bringen, daß diese Gruppendifferenzierung heute in hohem Maße noch vorhanden ist. Dabei wird diese Gruppendifferenzierung vielfach vermischt mit ganz andern Verhältnissen und Tatsachen, um den menschlichen Gemütern eine Aufklärung darüber zu erschweren, warum solch schmerzliche Gegensätze, solche schmerzlichen Disharmonien in der Menschheit auftreten können, wie sie jetzt aufgetreten sind.
[ 10 ] Kurz, in dem, was da berührt wird, liegt ein Tragisches, das mit der gewöhnlichen Logik, den äußerlichen oberflächlichen Urteilen nichts zu tun haben sollte; denn ob man die Sache auffaßt als eine Blutsache oder als eine Karmasache: das Blut liegt unterhalb, das Karma oberhalb des Logischen. Daher müssen durch dasjenige, was da ins Auge gefaßt wird, notwendigerweise Konflikte im menschlichen Zusammenleben resultieren, und diese Konflikte muß man eben als notwendige verstehen. Zu glauben, daß diese Konflikte sich beurteilen lassen nach denselben Begriffen, die gültig sind zwischen einzelnen Menschen, führt zu den größten Irrtümern, und darinnen besteht der große Irrtum, daß heute im weitesten Umfange über Völkerkonflikte so gesprochen wird, wie wenn es sich um Menschenkonflikte, um Konflikte zwischen menschlichen Individuen handelte. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: Begriffe wie Recht und Freiheit sind anwendbar auf die einzelnen menschlichen Individualitäten; sie als Programmpunkte für Völker anzugeben, bedeutet von vornherein, nichts zu wissen von den Eigentümlichkeiten des Volkstümlichen, gar nicht den Willen haben, auf das Eigentümliche des Volksmäßigen einzugehen.
[ 11 ] Für denjenigen, der die Dinge durchschaut und sachliche, naturgemäße Notwendigkeiten aus der geistigen Erkenntnis heraus zu durchblicken vermag, ist der Glaube, der heute aus vielen Publikationen spricht, ganz gleich mit dem Glauben, den ein Haifisch haben würde, wenn er sagt: Ich will ein Abkommen treffen mit den kleinen Fischen, die ich sonst fresse! Es ist unmenschlich, es ist inhuman, die kleinen Fische zu fressen; ich werde das abstellen! — Er stellt sich damit sein Todesurteil aus, denn es ist in der Welt eben einmal so eingerichtet, daß der Haifisch die kleinen Fische frißt!
[ 12 ] Man muß eine gründliche Empfindung dafür bekommen, daß man die Welt nicht verstehen kann, wenn man nicht im Realen die notwendigen Konflikte sieht, die zum Tragischen in der Welt führen. Und es heißt zugleich, die Eigentümlichkeit des physischen Planes überhaupt nicht zu verstehen, wenn man meint, innerhalb des physischen Planes könne so etwas sein wie ein Paradies. Das Paradies ist nicht auf der Erde. Es muß notwendigerweise Unverstand herrschen bei denjenigen, die entweder in der physischen Welt das neue Jerusalem als eine Utopie realisieren, oder wie ein Sozialdemokrat irgendeinen andern allgemein befriedigenden Zustand herbeiführen wollen. Es ist ein tiefes Gesetz, daß der Mensch, insofern er hier auf dem physischen Plane lebt, nur dann zu einer befriedigenden Auffassung der Wirklichkeit kommen kann, wenn er sich bewußt ist, daß es höhere Welten gibt, daß er mit seiner Seele mit höheren Welten zusammenhängt. Nur wenn wir wissen, daß wir Bürger höherer Welten sind, ist eine Befriedigung möglich. Daher würde auch mit dem Auslöschen des geistigen Bewußtseins der Menschheit eine Zeit heraufkommen müssen, in der diese nicht mehr verstehen könnte, warum so viel Unheil, so viel Konflikte hier in der Welt sind. Lösen können sich diese Konflikte nur, wenn man sich nicht nur in der physischen, sondern auch in der geistigen Welt lebendig darinnen fühlt. Dann fängt man an zu begreifen: Ebenso wie der Mensch nicht immer jung sein kann, sondern auch altern muß, so muß es auch ein Abtragen dessen geben, was aufgebaut wurde, daß zugleich mit der Entstehung Konflikte, Zerstörung da sein müssen. Wenn man dieses versteht, so versteht man, daß auch zwischen Menschengruppen Konflikte eintreten müssen. Diese Konflikte sind das Tragische im Weltengeschehen, und als Tragisches muß man sie auffassen.
[ 13 ] Ich möchte, um den lebendigen Begriff, die lebendige Idee, die ich damit meine, so recht vor Ihre Seele hinzustellen, an einen etwas herben Ausspruch erinnern, den der Dichter Friedrich Hebbel getan hat. Hebbel war ja ein Genie von einer etwas schwerfälligen Art, der, trotz eines reichlichen Welthumors, schwer produzierte. Ich habe Ihnen ja schon ausgeführt, daß er der geisteswissenschaftlichen Auffassung der Welt nicht sehr fern stand. Er hat zum Beispiel als Plan in sein Tagebuch die Behandlung des folgenden Stoffes eingetragen: Der wiederverkörperte Plato sitzt als Schüler in einer Gymnasialklasse, wo der Lehrer gerade den Plato durchnimmt, und versteht gar nichts von dem, was im Plato enthalten sein soll, so daß der Professor ihn hart anfährt. Diese Idee wollte Hebbel dramatisch behandeln. Er ist nicht dazugekommen; aber man sieht, daß ihm selbst die Wiedergabe des Reinkarnationsgedankens in der Dramatik vorschwebte.
[ 14 ] Nun hat Hebbel Grillparzer erlebt, der sein Zeitgenosse war. Hebbel war, wie gesagt, ein etwas schwerfälliges, schwerblütiges Genie, und als er sich die Grillparzerschen Dramen «Das Goldene Vlies», «Weh dem, der lügt!», «Der Traum ein Leben» und so weiter angeschaut hatte, sagte er — und das ist eben sehr interessant: Grillparzer bringt tragische Konflikte zur Darstellung, aber solche, bei denen man immer sagen kann, wenn die Menschen nur ganz klug wären und die Verhältnisse durchschauten, so würden sich diese Konflikte zuletzt ausgleichen müssen. — Bei Grillparzer kommt eigentlich nach Hebbel das Tragische dadurch zustande, daß die Menschen nicht genügend klug sind, um das Tragische zu durchschauen. Das aber sei nicht das richtige Tragische; das richtige Tragische zwischen Menschen entsteht erst dann, wenn die Beteiligten so klug, so umsichtig sein mögen, wie sie nur wollen, und ihnen alle Klugheit, alle Umsichtigkeit nicht helfen: es muß der Konflikt herauskommen.
[ 15 ] Was Hebbel als Dramatiker für sich in Anspruch nimmt, was er das eigentlich Tragische nennt, das müssen wir als eine Kategorie, als einen Begriff in die Menschheitsentwickelung, in das eigentlich Menschliche einführen, sonst wird man immer zu dem einfältigen Urteil kommen, daß sich dies oder jenes hätte vermeiden lassen. Die Dinge lassen sich nicht vermeiden, wenn sie zu solchen Konflikten führen, wie der gegenwärtige es ist. Und alle Deklamationen über den Schuldbegriff nehmen sich vor einer eindringlichen Beurteilung recht deplaciert aus.
[ 16 ] Deshalb stellte ich diese Betrachtungen an, die wir in den letzten Tagen und Wochen gepflogen haben, um klar hervortreten zu lassen, daß man selbst einer solchen Erscheinung wie dem Opiumkrieg gegenüber nicht in dem Sinne von Schuld spricht, wie man in dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch, von Einzelmensch zu Einzelmensch von Schuld spricht. Denn diese Begriffe: Schuld, Freiheit und so weiter, wie sie auf den einzelnen Menschen anwendbar sind, sind nicht anwendbar für Seelen, die auf andern Planen leben, und die Volksseelen leben eben nicht auf dem physischen Plan, sondern wirken nur durch die individuelle Seele auf den physischen Plan herein; sie haben ihren Sitz eben in andern Sphären, auf andern Planen.
[ 17 ] Diese Dinge werden heute schon von einzelnen Menschen gefühlt. Aber man versteht diese nicht, wenn man mit den Begriffen, die heute gang und gäbe sind, die Ereignisse beurteilen will und nicht versucht, die sachlichen Unterlagen ins Auge zu fassen. Sich heute als ein Angehöriger irgendeiner Nationalität hinzustellen und über andere Nationalitäten so zu urteilen, wie man nur über einen einzelnen Menschen urteilen könnte, das zeigt nichts anderes als ein Zurückgebliebensein in der Urteilsfähigkeit. Daß allerdings bis in die furchtbarsten historischen Dokumente hinein, von denen unendliche Blutmengen abhängen werden, die Ignoranz, die Zurückgebliebenheit spricht, weil gewisse Staatsmänner hinter dem zurückgeblieben sind, was man heute schon wissen kann, dies ist natürlich eine historische Notwendigkeit. Aber auf der andern Seite kommt dazu, daß für diejenigen, die es hören wollen, immer wieder betont werden muß, daß der Fortschritt und das Heil der Menschheit darinnen bestehen, das Urteil aus dem spirituellen Leben herauszuholen, um weiterzukommen.
[ 18 ] Aber gefühlt wird an manchen Stellen, was heute zum Urteilen notwendig ist. Nur kann es nicht zum Bewußtsein gebracht werden. Dafür ein Beispiel, denn Geisteswissenschaft wird uns wirklich erst, wenn ich so sagen darf, in unser geistiges Fleisch und Blut übergehen, wenn wir die äußere, alltägliche Wirklichkeit betrachten lernen unter dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. In England wirkte in den siebziger, achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Historiker Professor Seeley. Was er lehrte, war vielfach bestimmend für dasjenige, was später in den Gemütern vieler Menschen lebte. Seeley ist vielleicht der erste historische Imperialist Englands, historisch als Imperialist, imperialistisch als Historiker, denn er betrachtete die britische Geschichte, wie sie sich in den Jahrhunderten entwickelt hat, unter dem Gesichtspunkt, daß sie hintendiert hat nach der Begründung des großen britischen Weltreiches, das ja heute ein Viertel der bewohnbaren Erde einnimmt. In seinen Vorträgen, die in den siebziger Jahren gedruckt erschienen sind, viele Auflagen erlebt haben — es gab Jahre, in denen jedes Jahr eine neue Auflage erschien, er hat viele Schüler gehabt —, ging er darauf aus, all die einzelnen Tatsachen zusammenzustellen, durch die das Britische Reich das geworden ist, was es heute ist. Und er sah darin etwas wie eine göttliche Fügung, daß die einzelnen Stücke sich so zusammengeschlossen haben auf Grund dieser oder jener Impulse. Er stellt auch die Frage: Wie ist das eigentlich alles gekommen? — und sagt ausdrücklich: Menschen, die das alles beschlossen haben, die zu irgendeinem Zeitpunkt etwas getan haben, um wiederum ein Stück zum Britischen Reich dazuzufügen, in der Absicht, ein Imperium allergrößten Stiles zustande zu bringen, solche Menschen hat es nicht gegeben; sondern das alles ist in früheren Zeiten wie instinktiv geschehen. — Instinktiv sind diese einzelnen Teile zusammengekommen, und es liegt nach Seeleys Anschauung wie eine göttlich-geistige Ordnung in diesem Zusammenkommen. Jetzt, sagte er, ist unsere Aufgabe, das, was bisher instinktiv geschehen ist, ins Bewußte heraufzuheben und das instinktiv Gewordene zu einem festgefügten, noch niemals in der Welt dagewesenen Imperium abzurunden. Und seine Aufgabe als imperialistischer Historiker sah er gerade darin, mit Bewußtsein zu durchdringen, was unbewußt zusammengefügt worden ist. Seeley will gewissermaßen in das gegenwärtige Bewußtsein des fünften nachatlantischen Zeitraums heraufheben, was aus noch atavistischen Kräften gemäß den Gesetzen des vierten nachatlantischen Zeitraums zu der Entstehung des britischen Imperiums beigetragen hat. Aber wir haben darauf hingewiesen, daß es nicht nur das verstandesmäßige, vernunftgemäße Denken ist, welches das instinktive Zusammenströmen der Teile ergreift, sondern ich konnte Ihnen sagen, daß in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch gewisse Angehörige von okkultistischen Strömungen da waren, welche nun nicht nur mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, sondern mit dem okkulten Bewußtsein sich darangemacht haben, dieses britische Imperium auszubauen, indem sie geradezu Landkarten vor ihre Seelen und die ihrer Zuhörer, ihrer Schüler, hinstellten, welche zeigten, was entstehen muß, wenn das britische Imperium über die Welt hin seine Kräfte strahlt. Mit Bewußtsein wurde in diesen okkulten Zusammenhängen die Idee vertreten: Der fünfte nachatlantische Zeitraum gehört den englisch sprechenden Menschen. Und unter diesem Gesichtspunkte wurden alle Einteilungen vorgenommen und alle Details eingerichtet. Gewiß hat der «Regius-Professor» das nicht durchschaut; aber andere haben es durchschaut und bewußt zu ihren Impulsen gemacht. Das muß durchaus festgehalten werden.
[ 19 ] Über das Durchschaute wollen wir noch sprechen; aber das Nichtdurchschaute dringt doch in die Menschengemüter ein und macht sich in gewisser Weise darin zu schaffen. Und so entstand in unserer Zeit schon ein merkwürdiges Zusammenwirken dessen, was gewissermaßen okkult im Hintergrunde lauert und an Fäden zieht, und dessen, was, nichts wissend von diesen Dingen, vorne auf dem Schauplatz der Ereignisse des physischen Planes lebt.
[ 20 ] Solche Dinge muß man wissen, um Urteile in der richtigen Weise fällen zu können. Ich habe Ihnen schon in der letzten Zeit einzelne merkwürdige Tatsachen angeführt, die Sache von dem «Almanach der Madame de Thebes» und ähnliche; Sie erinnern sich, daß ich diese Dinge angeführt habe. Aber ohne nach irgendeiner Seite hin Partei zu ergreifen, sondern rein objektiv: Ist es nicht eine eigentümliche Sache, die für denjenigen, der bloß denkt, zu denken gibt, für denjenigen, der spirituelle Zusammenhänge ins Auge faßt, aber mehr fordert als bloßes Nachdenken, schon ein Nachsinnen und ein Aufnehmen der Sache in seine Impulse, — ist es nicht eigentümlich, daß schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein englisches Buch erschienen ist, das drei Redakteure der «Times» zu Verfassern hatte und den Titel trägt: «Der Krieg von 189. .»? Die Zeiträume, die man da ins Auge faßte, waren allerdings etwas dilettantisch behandelt. Gemeint ist schon der jetzige Krieg, nur wollte man ihn etwas verfrüht ansetzen. In diesem Buch wird ein kleiner Fehler gemacht, es wird nämlich erzählt, daß durch ein Attentat auf den bulgarischen Fürsten Ferdinand der Krieg seinen Anfang nehmen soll, und dann werde daraus der europäische Weltenbrand entstehen. Und über die Details dieses europäischen Weltenbrandes wird mit merkwürdiger Prophetie so gesprochen, daß in den Hauptzügen die Dinge, die sich abgespielt haben, bestätigt werden. Man kann sagen, der größte Irrtum dieses Buches ist der, daß der bulgarische Fürst Ferdinand mit dem Franz Ferdinand von Österreich verwechselt worden ist, und daß die Sache sich nicht in Sofia, sondern in Sarajewo zugetragen hat. Aber ich meine, es ist doch von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung, daß dieses Buch 1892 erschienen ist und in einer so merkwürdigen Weise ein kommendes Ereignis darstellt. Wenn man versucht, sich nicht abstrakte Urteile zu bilden, sondern sein Urteil zu bilden auf Grundlage dessen, was da ist, dann kommt man allein dazu, die Fähigkeit zu entwickeln, ein wenig hineinzuschauen in die Konfiguration der Dinge.
[ 21 ] Natürlich haben auch diejenigen, die etwas sehen konnten von den Ereignissen, die da geschehen sollten — wie das ja immer ist, wenn man über solche Dinge spricht —, in den Einzelheiten das oder jenes verschoben. Man sieht nicht immer alles genau. Aber das sollte zu denken geben, daß immerhin Menschen da waren, die so viel Veranlassung hatten, sich mit den Dingen zu beschäftigen, daß sie bis zu ihrer Publikation gegangen sind. Ich will Ihnen alles dieses nur vorlegen, und zwar gerade in dem Zusammenhange, in dem wir sind, damit Sie Ihr Beurteilungsvermögen daran schärfen. Man muß ja tatsächlich den Willen dazu haben, auf die Tatsachen hinzusehen, die Tatsachen im Zusammenhang miteinander zu sehen. Ich habe in früheren Betrachtungen, die hier angestellt worden sind, gesagt: Man kommt im fünften nachatlantischen Zeitraum nur zurecht, wenn man auf der einen Seite nach Imagination strebt, und auf der andern Seite danach, die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Alle vorgefaßten Urteile werden immer mehr und mehr bloße Phrasen sein, werden verurteilt sein, immer mehr und mehr zu bloßen Phrasen zu werden. Aber was man am wenigsten mit dem bloßen abstrakten Denken beurteilen kann, ohne sich auf ein mit den Tatsachen verbundenes Denken einzulassen, das sind eben die tragischen Konflikte der Welt, das tragische Zusammenspielen der Impulse, die so wirken, wie ich es vorhin charakterisiert habe.
[ 22 ] Heute besteht, ich möchte sagen, ein welthistorischer Trick darin, Dinge zu sagen, die einleuchtend sind, die auf viele Menschen überzeugend wirken, aber eigentlich gar nichts besagen, gar nicht dieGrundlage für ein gültiges Urteil abgeben können. Greifen wir ein Urteil heraus wie dieses, das oft ausgesprochen wird: Die Machthaber des Britischen Reiches haben den Krieg nicht gewollt. — Dafür werden die entsprechenden Korrespondenzen, Telegramme, Briefe und so weiter über allerlei Konferenzvorschläge und dergleichen angeführt. Menschen, die nicht wirklichkeitsgemäß, die abstrakt urteilen, können ja unter Umständen davon überzeugt sein, weil die Sache nach dem vorhandenen Material sogar sehr einleuchtend gemacht werden kann. Aber bei einem Urteil kommt es nicht bloß darauf an, ob es einleuchtend, ob es abstrakt richtig ist, sondern ob es in der Wirklichkeit lebt. Daß die Machthaber des Britischen Reiches — oder vielmehr gewisse Machthaber, auf die es ankam — den Krieg nicht gewollt haben, das kann man unter Umständen sehr leicht beweisen, und mit diesem Beweis auf die ganze Welt der Peripherie den allergrößten Eindruck machen. Man braucht, indem man dieses beweist — ich sage: «beweist» —, gar nicht einmal unmittelbar eine Unwahrheit zu sagen; aber eine reale Verlogenheit bleibt es doch. Warum? Gerade weil es wahr ist und sich als wahr beweisen läßt, diese Wahrheit aber keinen Firlefanz wert ist, es auf sie gar nicht ankommt. Denn man kann überzeugt sein, daß die Machthaber des Britischen Reiches den Konflikt sogar gern verhindert hätten, insofern das Britische Reich daran beteiligt ist. Aber was sie jetzt erreichen wollen durch den Krieg, das haben sie mit aller Energie gewollt — diejenigen, auf die es ankommt. Hätte sich das ohne Krieg erreichen lassen, so wäre es ihnen selbstverständlich viel lieber gewesen, und von vornherein war es gar nicht so ausgeschlossen, diese Ziele durch andere Mittel als den Krieg zu erreichen. Dazu hätte man nur, bevor es zum Krieg kam, irgendein Surrogat einer zwischenstaatlichen Einrichtung schaffen müssen, so etwas, wo sich die Repräsentanten der verschiedenen Staaten zusammensetzen und über gewisse Dinge entscheiden. Wenn man vorher dafür gesorgt hat, daß man in einer solchen Körperschaft die Majorität hat, so kann man selbstverständlich seine Ziele auch ohne Krieg erreichen, sofern die Minorität darauf eingeht.
[ 23 ] Also Sie sehen: darauf kommt es gar nicht an, ob man zuletzt den Krieg führen oder verhindern wollte; sondern darauf, was man überhaupt wollte. Und daß man das wollte, was aus den verschiedenen Andeutungen, die ich gemacht habe — es können ja immer nur Andeutungen sein —, hervorgeht, das wird dem objektiven Betrachter wohl klar sein. Aber immer bitte ich Sie, dabei zu berücksichtigen, daß ich nicht moralisch urteile, sondern den Begriff der Tragik in die Waagschale werfe, und daß, wenn die Leute Konflikte miteinander ausfechten, wenn viel Blut vergossen wird, dies aus der Tragik der Konflikte hervorgeht. Da muß man dann allerdings, wenn man äußerlich diese Tragik sehen will, schon den Willen haben, die Dinge ein wenig anders an sich herankommen zu lassen, als man sie gewöhnlich an sich herankommen läßt.
[ 24 ] Wie oft tönt uns entgegen: Mitschuldig an diesem Krieg sind jene Urteile, Empfindungen und Gefühle, die Menschen, wie zum Beispiel Treitschke und Bernhardi, im deutschen Volke verbreitet haben. — Nehmen wir gerade das Groteske heraus: Wie oft haben wir diese Namen als die Namen ganz abenteuerlicher Kerle nennen hören, auch von Menschen, die in der ehrlichsten Weise überzeugt sind, damit das Richtige zu treffen. Manchmal wird noch Nietzsche hinzugefügt, manchmal noch einige andere. Man kann viel lernen, wenn man das, was, ich möchte sagen, im «Reich des Wahrhaftigen» solchen Dingen zugrunde liegt, in Betracht zieht. Aber bevor ich gewissermaßen vom spirituellen Standpunkte gerade hierauf eingehe — man kann viel über das Spirituelle lernen, wenn man das Alltägliche betrachtet —, möchte ich Sie doch darauf aufmerksam machen, daß gerade bei Erscheinungen wie dem deutschen Historiker Treitschke einem das Tragische der Menschheitsentwickelung vor Augen treten kann. Man muß nur nicht nach der äußersten Oberfläche urteilen.
[ 25 ] Wenn ich nach der äußersten Oberfläche geurteilt hätte, so hätte ich den Treitschke seit einer gewissen Zeit wahrhaftig für ein gesellschaftliches Ungetüm halten müssen. Ich bin nur einmal mit ihm zusammengewesen, zu der Zeit, als er schon vollständig taub war. Man schrieb auf Zettelchen, was man ihm sagen wollte, und er antwortete dann. Als ich ihm vorgestellt wurde, fragte er mich: Woher sind Sie? — Ich schrieb ihm auf, daß ich Österreicher sei. Er antwortete: Ja, ja — er war ein Polterer, er hörte ja selber nichts —, die Österreicher, die sind entweder Genies oder Lumpen, eines von beiden —, und so fort. So ging es eigentlich bei Treitschke immer: Wenn man sich nicht zum Genie rechnen wollte, so hatte man, nicht wahr, sein Fett weg. Ein temperamentvoller Mann, der schon einen gewissen Fond hatte, aber in oftmals scharf konturierten Begriffen sich äußerte. Er hat eine «Geschichte des deutschen Volkes» geschrieben, die viel zitiert wird. Sie könnte auch anders zitiert werden, als sie gewöhnlich zitiert wird, denn wenn man im Auslande eine Sammlung von Grobheiten gegen die Deutschen zusammenstellen wollte, so könnte man sie aus Treitschke abschreiben. Aber das wird man unterlassen, vielmehr sucht man dasjenige auf, was im geringeren Maße vorhanden ist als die Wahrheiten, die Treitschke seinem eigenen Volke sagt: man sucht nach Stellen, wo er, wie man glaubt, besonders «preußisch-militaristisch» geschrieben hat.
[ 26 ] Da möchte ich Ihnen ein Urteil anführen, das immerhin nicht uninteressant ist. Es stammt von einem Manne, der schon ein Urteil haben konnte, weil er auch Historiker war, und den Treitschkes ja gewiß vorhandene Antipathie gegen die neuere englische Geschichte und Entwickelung besonders interessierte. Diese Antipathie hatte Treitschke nun einmal, sie trat auch sehr bald hervor, wenn man ihn kennenlernte.
[ 27 ] Dieser Historiker, der Treitschke gut kannte, schreibt nun: Treitschkes Unwillen gegen das moderne England habe teils seinen geschichtlichen, teils seinen moralischen Grund; Englands Weltmacht kränke Treitschke als Mensch wegen ihrer Unmoralität, ihrer Arroganz, wegen ihrer Prätentionen. «Nicht ohne Gerechtigkeit» — ich bitte, das wohl zu beachten — «schildert Treitschke Englands Politik im 18. und 19. Jahrhundert als konsequent darauf gerichtet, Preußen niederzuhalten, sobald die englischen Politiker das wahre Wesen dieses Staates entdeckten und die große Zukunft, die ihm das Schicksal vorbehalten hatte, ahnten. War England nicht 1864 und 1866, dann 1870/71 und vor allem 1874/75 Preußens verräterischer aber furchtsamer Feind?»
[ 28 ] So sagt dieser Historiker, indem er Treitschkes Antipathie gegen England bespricht. Das Stärkste, was er zu Treitschkes Gunsten anführt, ist dessen «Überzeugung, daß Englands Weltoberherrschaft in gar keinem Verhältnis zu Englands wirklicher Kraft und wirklichem Werte in politischer, sozialer, intellektueller und moralischer Hinsicht stehe.» Er sagt weiter: «Sein Abscheu ist der Widerwille gegen Humbug... Was Deutschland an England haßt, ist dasselbe, was Napoleon an England haßte — eine anmaßende, arrogante, kleinbürgerliche Selbstgerechtigkeit, die in Wirklichkeit keineswegs Patriotismus oder so hohe, ernste Vaterlandsliebe wie die deutsche in den Jahren 1813 und 1870, sondern nur eine engbrüstige insulare Eigenliebe ist. ... Das sagt ja im Grunde genommen das Lied «Rule Britannia».» Er fährt fort: «Aber Treitschke ist selten witzig, hingegen oftmals sehr, obgleich unabsichtlich, beleidigend. Er ist ebenso unfähig wie Heine» — den der Historiker im Eingang mit Treitschke anführt —, «irgend etwas Schönes im englischen Charakter zu sehen.»
[ 29 ] Das ist auch ein Urteil über Treitschke. Und weil wir gerade bei diesem Historiker sind, möchte ich von ihm noch ein anderes Urteil anführen, das er über den vielgeschmähten Bernhardi gefällt hat: «Was das Buch», sagt er — und das Buch, von dem er spricht, ist gerade das, welches jetzt immer als ein besonders abscheuliches Buch zitiert wird — «als wirklich epochemachend kennzeichnet, ist, daß es uns einen definitiven Versuch eines deutschen Offiziers gibt, sich nicht nur klarzumachen, wie Deutschland mit Aussicht auf Erfolg Krieg gegen England führen könne, sondern auch warum es einen derartigen Krieg führen müsse.»
[ 30 ] Dieses alles schreibt über Treitschke und über Bernhardi der englische Professor Cramb, der von seinem Standpunkte aus der Treitschke Englands genannt werden kann. Wer auf die Sache eingeht, findet in der ganzen Tonlage zwischen Cramb und Treitschke außerordentliche Ähnlichkeit, denn Cramb ist zu gleicher Zeit mit ganzem Gemüte dabei, klarzumachen, daß das britische Imperium die Welt beherrschen muß, daß alles getan werden muß, um das britische Imperium zur Weltherrschaft zu bringen. Und man kann sagen, daß er nicht anders über England redet, als Treitschke — selbstverständlich mit den Verschiedenheiten des Engländers und des Deutschen — über Deutschland redet. Da sehen wir, wie von zwei Männern, von denen jeder von seinem Gesichtspunkte aus das Gegenteil des andern sagen muß, wenigstens der eine den andern durchaus würdigen kann. Man war in gewissem Sinne wirklich schon so weit, daß man für das Überindividuelle, Historische, das abgestreift hatte, was abgestreift werden muß.
[ 31 ] Daher ist es ein ungemein betrübsamer Rückfall, ein Zurückgeworfenwerden der Menschen, wenn jetzt sogar in den allerschwerwiegendsten Dokumenten völlig unzutreffend geurteilt wird. Man braucht wirklich nicht weit zu gehen, sondern man braucht nur, ich möchte sagen, den Spürsinn — den man aber heute nur durch irgendeine Verbindung mit der Geisteswissenschaft aufrechterhalten kann — zu haben, um das Richtige aufzusuchen; dann kann man die Wahrheiten schon mit Händen greifen. Es ist allerdings einfach grotesk, wenn, nachdem Jahrhunderte hindurch das russische Programm von der Erwerbung der Dardanellen und Konstantinopels vorhanden war, und dieses Programm auch eingestanden wird, gleichzeitig gesagt wird: Wir sind unschuldig, höchst unschuldig! — Wiederum haben wir diese Zusammenstellung: Wir sind höchst unschuldig — aber wir wollen eben erobern, trotzdem sind wir höchst unschuldig —, in einem historischen Dokument allerersten Ranges, das in der letzten Zeit durch die Welt gegangen ist, dem Zarenerlaß. Aber sehen Sie, auch in Rußland haben die Leute nicht immer so geurteilt wie heute.
[ 32 ] Da ist zum Beispiel von Kuropatkin 1910 ein Buch erschienen über die «Aufgaben der russischen Armee». In diesem Buche ist eine merkwürdige Stelle, die sich, ich möchte sagen, diejenigen ein wenig in das Gehirn klopfen sollten, die von der großen Unschuld Rußlands sprechen. Da steht: «Wenn Rußland der Einmischung in eine für es fremde und zu gleicher Zeit für Österreich ein so nahes Lebensinteresse bildende Sache nicht ein Ende setzt, so kann man im 20. Jahrhundert der serbischen Frage wegen den Ausbruch eines Krieges zwischen Rußland und Österreich erwarten.» Das sagt 1910 der russische General Kuropatkin, der natürlich dasjenige vor sich hat, was von Rußlands Seite her wegen des serbischen Konfliktes zu einem Kriege mit Österreich führen mußte.
[ 33 ] Nun entsteht die Frage: Warum das heutige Entstellen der Wahrheit? — Einfach darum, weil man nicht ohne weiteres die Wahrheit sagen kann und doch etwas sagen muß. Ich deutete das schon gestern an. Die Dinge, die gesagt werden, sind eben dazu gesagt, um einen Nebel um die Wahrheit zu verbreiten, gerade um die Blicke der Menschen von der Wahrheit abzulenken. Dazu muß man natürlich solche Argumente wählen, die den Leuten, die nicht den Willen haben, auf der Dinge Gründe wirklich einzugehen, unmittelbar aus der Sentimentalität heraus einleuchtend sind.
[ 34 ] Das wäre zu wünschen, daß vor allen Dingen immer mehr und mehr Menschen die ganze, volle Bedeutung auch der unbewußten oder unterbewußten Unwahrheit verstünden. Ich habe es oft ausgesprochen: Damit kann man sich nicht entschuldigen, daß der oder jener etwas gesagt habe, und man habe es geglaubt. — Zwar werde ich niemals den Standpunkt vertreten, daß viele von den Leuten, die heute das oder jenes sagen, es nicht auch glauben. Diesen Standpunkt will ich nicht ohne weiteres vertreten, aber es kommt darauf gar nicht an. Die Dinge wirken in der Welt, und derjenige, der etwas sagt, hat die Verpflichtung, sich um die Wahrheit zu kümmern; da genügt nicht der bloße Glaube. Wenn jemand unbewußt oder auch unterbewußt etwas in der Weise umkehrt, wie ich es angedeutet habe, indem er sogar sagt, er habe den Krieg verhindern wollen, so ist diese Wahrheit angesichts dessen, daß man dann eben durch andere Mittel als den Krieg dasjenige erreichen wollte, was man zu erreichen hoffte und mit aller Intensität anstrebte, keinen Pfifferling wert und etwas viel Schlimmeres als eine Unwahrheit, trotzdem sie äußerlich scheinbar eine Wahrheit ist. Und dieses ist das ungeheuer schwere Karma der Menschheit in der Gegenwart, daß man sich nicht verpflichtet fühlt zu der wirklichen, realen, in den Tatsachen lebenden Wahrheit und Wahrhaftigkeit, ja daß heute schon das ihr Entgegengesetzte weltregierend geworden ist und, wie es scheint, immer mehr und mehr weltregierend werden soll. Die äußerlichen Taten sind immer die Konsequenz dessen, was in der Menschheit als Gedanke lebt; sie sind die Konsequenz der Unwahrhaftigkeit, die vielleicht gerade mit dem Schein des Wahren auftritt, weil sie sich, wie man sagt, «beweisen» läßt, aber eben nur für die Oberflächlichkeit. Das, was so im Urteil der Menschen lebt, das kann gewissermaßen auf einem andern Plane Kanonendonner und Blut sein. Da besteht schon ein Zusammenhang. Es ergibt sich daraus aber die Konsequenz, daß wir immer mehr und mehr auf das Tatsächliche eingehen, daß wir einen Sinn uns aneignen müssen, der uns dahin führt, an den rechten Orten diejenigen Dinge zu sehen, die wirklich aufklärend sind, die das Wesentliche enthüllen.
