Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band II
Das Karma der Unwahrhaftigkeit
GA 173a
8 Januar 1917, Dornach
Sechzehnter Vortrag
[ 1 ] Als ich auf mehrfachen Wunsch mich entschlossen hatte, über einige Fragen aus der unmittelbaren Geschichte der Gegenwart zu sprechen, habe ich ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß es sich hier um die Erkenntnis von Tatsachen handeln soll und nicht die Rede davon sein könne, daß hier Politik oder irgend etwas mit Politik Zusammenhängendes getrieben werde; ich habe sogar diese Bemerkung öfters wiederholt. Allein es scheint doch, als ob immer wieder unter uns die Sorglosigkeit — um kein anderes Wort zu gebrauchen — in bezug auf solche Dinge einreißt, und daß man nicht bedenkt, daß ein gewisser Anspruch darauf besteht, die Wahrheit, wenn sie so intensiv ausgesprochen wird, auch in der Ausdrucksweise zu beobachten. Denn es scheint da oder dort von diesen Vorträgen in dem Sinne geredet zu werden, als würden hier politische Vorträge gehalten. Rücksichtslosigkeit ist ja bei einigen unserer Mitglieder auf der Tagesordnung und waltet seit langer Zeit — selbstverständlich unter einigen; ich rede nur von denen, die gemeint sind. Und alles, was aus der Besorgnis für unsere Sache heraus gesagt und immer wiederholt wurde, fruchtete nach gewissen Richtungen hin nichts. Man kann es ja deutlich merken, daß immer wieder und wieder die hier besprochenen Dinge in der eigentümlichsten Weise an Außenstehende weitergegeben werden. An sich habe ich gegen Mitteilungen, wenn sie in den selbstverständlichen Grenzen gehalten werden, nichts. Aber aus den verschiedenen Publikationen, die in der letzten Zeit erschienen sind, zu denen ja zum Beispiel auch das von Vollrathscher Seite ausgehende Unerhörteste gehört, ist deutlich ersichtlich, daß die Dinge nicht immer so weitergegeben werden, wie sie hier besprochen worden sind, sondern, vielleicht aus Unverstand, so, daß die greulichsten Entstellungen möglich sind. Ich weiß wohl, daß das aus unserer Mitte heraus geschieht, und wenn ich immer wieder und wieder dazu schweige und nicht gegen sogenannte Mitglieder, die sich in dieser Weise aufführen, nach der einen oder andern Richtung hin die Konsequenzen zu ziehen versuche, so ist das aus Liebe zu unserer gesamten Bewegung und unserer gesamten Gesellschaft. Denn es ist natürlich nicht möglich, fortwährend gewissermaßen Femgerichte abzuhalten. Wohl aber wäre möglich, daß diejenigen Mitglieder, die von solchen Dingen wissen, sich der Sache auch annehmen, und sich in sachgemäßer Weise gegenüber solchen Mitgliedern verhalten, von denen ja bekannt sein kann, wie sie sich zuweilen zu dem hier gegegebenen Geistesgut stellen. Dabei will ich nicht einmal — obwohl auch das zuweilen der Fall ist — sagen, daß immer eine direkte moralische Verfehlung vorliegen muß, wohl aber eine geringe Einsicht in das, was man zu tun vermag. Wer solche Mitteilungen machen will, sollte sich immer in durchaus treuer, ich möchte sagen, Selbsterkenntnis fragen, ob er die Dinge so genau verstanden hat, daß er sie mitteilen kann. Es ist schon notwendig, immer wieder von Zeit zu Zeit hierauf aufmerksam zu machen. Ohne Veranlassung geschieht es ja nicht, das können Sie mir glauben. Aber schließlich muß es nach und nach zu einem völligen Verstummen über gewisse Dinge kommen, und was dann aus unserer Bewegung werden muß, das ist ja leicht abzusehen. Dies wird mitveranlaßt von den Mitgliedern, die es immer wieder und wieder nicht vermeiden können, die tollsten Bezeichnungen für dieses oder jenes zu wählen, welche dann selbstverständlich zu den greulichsten Entstellungen führen. Es ist nun einmal nicht notwendig, daß überall, wo es jeder hören kann, der nicht zu uns gehört, über unsere Dinge gesprochen wird, und daß man Bezeichnungen wählt, die einem bequem sind, die sich aber gar nicht decken mit der ganzen Intention, die hier zugrunde liegt.
[ 2 ] Ich muß es schon gestehen: Wenn da oder dort für dasjenige, was ich auf mehrfachen Wunsch hin hier als Betrachtungen anstelle, die Bezeichnung «politische Vorträge» gewählt wird, so muß ich das durchaus als eine ganz persönliche Attacke auf mich selber ansehen.
[ 3 ] Nachdem wir nun die Betrachtungen angestellt haben, die in die Vorträge der letzten Wochen eingefügt wurden, wird es heute möglich sein, einiges Zusammenfassende zu sagen, um Licht zu verbreiten über Zusammenhänge, deren Kenntnis uns zum Verständnis der Gegenwart behilflich sein kann. Ich werde zuerst ganz trocken, in alleräußerlichster Weise versuchen, die Ereignisse historisch zu erzählen, die sich zugetragen haben, um dann auf der Grundlage der in den letzten Wochen gewonnenen Einsichten auf einige tieferliegende Ursachen hinzuweisen. Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß ich gerade heute versuchen werde, in der Darstellung jedes Wort sorgfältig abzuwägen, damit gewissermaßen jedes Wort die Begrenzung gibt, innerhalb welcher die Anschauung, die vertreten wird, zutage treten soll. Zunächst will ich also, wie gesagt, ganz kurz historische Ereignisse, Gesichtspunkte und Impulse in ganz äußerlicher Weise zusammenstellen.
[ 4 ] Aufgetreten sind die gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse, wie Sie ja alle wissen, im Zusammenhange mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand im Juni 1914. Es schloß sich an dieses Attentat in ganz Europa eine Zeitungskampagne, die in verschiedenen, ich möchte sagen, aufspritzenden Wogen zeigte, bis zu welchem Grade gewisse Leidenschaften überall entfesselt waren. Das Ganze führte dann zu dem bekannten Ultimatum der österreichisch-ungarischen Monarchie an Serbien, welches im wesentlichen von Serbien abgelehnt wurde; darauf zu dem österreichisch-serbischen Konflikt, der nach den Intentionen der leitenden österreichischen Staatsmänner in einem militärischen Einmarsch in Serbien bestehen sollte, ohne Annexion serbischen Gebietes, mit der einzigen Absicht, durch die militärische Pression die Annahme des Ultimatums zu erzwingen. Durch das Ultimatum sollte verhindert werden, daß von Serbien aus eine Agitation gegen den Bestand der österreichisch-ungarischen Monarchie auf dem Wege über die österreichischen Südslawen sich geltend machen könne. Österreich umfaßt ja eine ganze Reihe von Völkerschaften — dreizehn anerkannte Sprachen gibt es, aber viel mehr Völkerstämme — und es hat in seinen südlichen Partien eine slawische Bevölkerung, mehr im Westen die slowenisch-slawische Bevölkerung, dann angrenzend nach Osten die dalmatinische, kroatische, slowenische, serbische, serbo-kroatische Bevölkerung; dann die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, welche in den von Österreich 1908 annektierten, ihm aber viel früher als Okkupationsgebiet zugewiesenen Landesteilen Bosnien und der Herzegowina wohnen. An diese österreichischen Südslawen grenzt Serbien. Von Serbien, so glaubte Österreich nachweisen zu können — und die Nachweise sind ja für jeden, der sie suchen will, überall zu finden —, ging eine Agitation aus, darauf hinauslaufend, ein südslawisches Reich unter serbischer Oberherrschaft zu begründen mit Losreißung der südslawischen Bevölkerung Österreichs. Mit diesen Dingen mußte das Attentat auf Franz Ferdinand unbedingt in Zusammenhang gebracht werden, und zwar aus folgendem Grunde: Die österreichisch-ungarische Monarchie ist seit dem Jahre 1867 ein dualistischer Staat, der nach einem ja wenig prägnanten Ausdruck umfaßt «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», und als zweites Gebiet die «Länder der heiligen Stephanskrone». Zu den im Reichsrat vertretenen Ländern gehört Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain und Istrien, Dalmatien, Mähren, Böhmen und Schlesien, Galizien, Lodomerien und die Bukowina. Zu den Ländern der heiligen Stephanskrone gehört vor allen Dingen das magyarische Gebiet, dem einverleibt wurde das frühere Siebenbürgen, das wiederum von den verschiedensten Völkerschaften bewohnt wird; sodann Kroatien und Slawonien, die eine Art eingeschränkter Selbstverwaltung innerhalb des ungarischen Staates haben. Also eine dualistische Monarchie.
[ 5 ] Nun ging der Thronfolger Franz Ferdinand, wie man wissen konnte, darauf aus, die Mängel des Dualismus in Osterreich-Ungarn zu überwinden und an die Stelle des Dualismus einen Trialismus zu setzen. Der Trialismus sollte dadurch herauskommen, daß die zu Österreich gehörenden südslawischen Gebiete in einer ähnlichen Weise selbständig gemacht werden sollten, wie die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder und die Länder der heiligen Stephanskrone selbständig waren. Es wäre damit anstatt des Dualismus ein Trialismus entstanden. Wenn man bedenkt, was der Thronfolger Franz Ferdinand wollte, so kann man sich vorstellen, daß dies im Falle der Verwirklichung zu einer Individualisierung der einzelnen südslawischen Stämme geführt hätte in einer Art südslawischen Gemeinschaft innerhalb der österreichisch-slawischen Gebiete. Damit wäre man dem Ziele einen Schritt nähergekommen, die westlichen Slawen gewissermaßen mit der westlichen Kultur zu amalgamieren, und dem, was ich in diesen Betrachtungen Russizismus genannt habe, entgegenzuarbeiten. Es wäre dies durchaus möglich gewesen, denn Österreich ist eine durchaus föderalistische Staatsgestaltung, nicht eine zentralistische, und hatte vor dem Kriege die Tendenz, den einzelnen Völkerschaften mehr und mehr den Föderalismus zu bringen. Von 1867 bis 1879 hatte man den Zentralismus angestrebt, von 1879 an konnte man die zentralistischen Bestrebungen als gescheitert ansehen, und der Staat steuerte von da an dem Föderalismus zu.
[ 6 ] Dem stand gegenüber, daß von Serbien das Bestreben ausging, eine südslawische Konföderation zu begründen unter der Hegemonie von Serbien. Nicht ging dies vom serbischen Volke aus, aber ich habe es ja charakterisiert, wie die Völker in einer gewissen Weise eben einfach suggestiv geführt werden. Dazu mußten natürlich die südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns losgerissen werden.
[ 7 ] Damit habe ich kurz zusammengefaßt, was dem österreichisch-serbischen Konflikt zugrunde liegt. Denn innerhalb dessen, was ich jetzt zum Ausdruck zu bringen versuchte, haben wir es zu tun mit dem österreichisch-serbischen Konflikt. Es wäre denkbar gewesen, daß dieser Konflikt — ich habe den Ausdruck schon einmal gebraucht — «lokalisiert» worden wäre. Dann wäre — es sei dies hypothetisch gesagt — der europäische Weltkrieg vermieden worden. Was wäre geschehen, wenn die streng umgrenzten Intentionen der österreichischen Staatsmänner sich verwirklicht hätten? Es wäre ein Teil der österreichisch-ungarischen Armee in Serbien einmarschiert und so lange dort geblieben, bis Serbien sich bereit erklärt hätte, jenes Ultimatum anzunehmen, durch welches die Möglichkeit, daß sich unter serbischer Hegemonie, und selbstverständlich unter russischer Oberherrschaft, eine südslawische Konföderation bildet, beseitigt worden wäre. Hätte sich keine der europäischen Mächte in diese Angelegenheit hineingemischt, hätten alle gewissermaßen Gewehr bei Fuß gestanden, so wäre nichts anderes erfolgt als die Annahme jenes Ultimatums. Denn das war garantiert, daß eine irgendwie geartete Annektierung von serbischem Gebiete unter keinen Umständen stattfinden sollte. Die Folge wäre dann gewesen, daß solche Attentate, wie sie mehrfach vorgekommen sind — denn das auf Franz Ferdinand war ja nur der Abschluß einer ganzen Reihe von Attentaten, die von serbischen Agitatoren angestiftet worden waren —, nicht mehr hätten vorkommen können, und ohne solche Agitation geht oder ging ja selbstverständlich die Errichtung der südslawischen Konföderation unter Rußlands Oberaufsicht nicht. Wären die Dinge so verlaufen — noch einmal sei es hypothetisch hingestellt —, so hätte es niemals zu diesem Kriege kommen können.
[ 8 ] Wie hängt nun dieser österreichisch-serbische Konflikt mit dem Weltkriege zusammen? Will man diesen Zusammenhang erkennen, so muß man schon durch die Erkenntnis der äußeren Verhältnisse hindurch, ich möchte sagen, in die tieferen Geheimnisse der europäischen Politik hineingehen. Nicht Politik wollen wir treiben, sondern uns die Erkenntnis dessen vor die Seele führen, was in dieser Politik gelebt hat. Ich möchte Ihnen die Frage beantworten: Wie wurde aus dem österreichisch-serbischen Konflikt ein europäischer Konflikt? Wie hängt die österreichisch-serbische Frage an der europäischen Frage?
[ 9 ] Da müssen wir unsere Aufmerksamkeit richten auf das, was ich eben über die südslawische Konföderation gesagt habe. Diese südslawische Konföderation, unabhängig von Österreich, aber im Zusammenhange mit Rußland, sozusagen unter russischer Oberaufsicht, lag im Interesse des britischen Imperiums, und zwar um so mehr, je mehr dieses Imperium bewußte Gestalt annahm. Gerade die Aufrichtung — wie man es da nannte — der Donau-Konföderation, womit man diese südslawische Konföderation meinte, welche die südslawischen Völker mit Rumänien zusammen umfassen und die österreichischen Südslawen einschließen sollte, führte man ausdrücklich an in jenen Gemeinschaften, von denen ich gesprochen habe. So daß wir in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts überall in den okkulten Schulen des Westens, aber unter dem unmittelbaren Einfluß der britischen Okkultisten, den Hinweis darauf finden, daß eine solche Donau-Konföderation entstehen müsse. Man suchte auch mit allen Mitteln die ganze europäische Politik so zu lenken, um eine solche Donau-Konföderation mit Abtretung der österreichisch-slawischen Gebiete zur Entstehung zu bringen.
[ 10 ] Warum lag diese, Österreich feindliche, Rußland freundliche DonauKonföderation im Interesse des britischen Imperiums? Diejenigen Mächte, welche in der letzten Zeit infolge des über die Welt ausgebrochenen Imperialismus am intensivsten zusammenstießen, weil sie innerhalb des in Betracht kommenden Territoriums die größten Mächte sind, die in Wirklichkeit in der stärksten Feindschaft miteinander leben solche inneren Feindschaften können sich ja äußerlich als Freundschaften, als Allianzen dokumentieren —, sind das britische Imperium und das russische Imperium. Und wenn man so spinnefeind ist, aber doch in der Welt nebeneinander lebt, so folgt, weil unsere Erde eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit hat, aus solchem feindlichem Nebeneinandersein etwas ganz Bestimmtes. Die Eigentümlichkeit unserer Erde, die ich meine, ist ihre Kugelgestalt. Wäre unsere Erde eine überallhin ausdehnbare Ebene, so könnten solche Konflikte nicht zustandekommen. Aber da unsere Erde Kugelgestalt hat, so kommt man nicht nur, wenn man von einem Punkte immer geradeaus geht, an diesen Punkt wieder zurück, sondern es ist auch so, daß sich ausbreitende Imperien an einem gewissen Punkte zusammenstoßen, und daß sie beim Aufeinanderprallen ihre entgegengesetzten Interessen ausleben müssen. Das geschah zwischen dem britischen und dem russischen Imperium, und trat neben vielem anderem in der präzisesten Weise bei dem Zusammenprallen in Persien zutage, wo man eben hart aneinanderstieß. Und die Frage war: Soll Rußland sich gegen Indien hinunterbewegen und dort allmählich das britische Imperium begrenzen, oder kann das britische Imperium einen Wall vorschieben?
[ 11 ] Wenn man Herrschaftsziele verfolgt, so kann man dies tun durch Krieg oder auf andere Weise, je nachdem einem das eine oder das andere günstiger erscheint. Für das britische Imperium schien zunächst das Günstigste zu sein, vorläufig — bei Staaten rechnet man ja immer mit begrenzten Zeiträumen — Rußland abzuhalten, sich gegen Indien hin vorzuschieben, und ihm einen andern Auslaufkanal zu geben, es nach einer andern Richtung hin zu beschäftigen, um den selbstverständlichen Ehrgeiz des russischen Imperiums — Imperien sind immer ehrgeizig — zu sättigen. Das sollte dadurch geschehen, daß man Rußland die Oberherrschaft über die sogenannte Donau-Konföderation einräumte,. Es bestand somit für das britische Imperium das indirekte Interesse, die Donau-Konföderation so groß wie möglich zu gestalten, denn die Slawen im Süden wollten zusammengehören, und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wurde auf die Weise geschürt, wie ich Ihnen ja erzählt habe. Es sollte also diese südslawische Konföderation Rußland in die Hände gespielt werden, damit es nach andern Richtungen hin seine Fühlhörner zurückzöge. Insofern lag die unter russischer Oberherrschaft zu gründende südslawische Konföderation im britischen Interesse. Das war eine lange Geschichte, die von langer Hand vorbereitet worden ist.
[ 12 ] So sehen wir einen der Fäden, durch welche die österreichisch-serbische Frage an die Frage der großen Weltherrschaftsgestaltung angeknüpft wird, denn dadurch wurde das ganze Verhältnis zwischen dem britischen und dem russischen Imperium in die Sache hineingezogen. Es handelte sich da nicht um Österreich und Serbien, sondern die österreichisch-serbische Frage wurde ganz selbstverständlich zu der Frage: Soll von Österreich ein Schritt gemacht werden zum Trialismus hin, wodurch die südslawische Konföderation von ihrem Wege abgebracht worden wäre, oder soll ein Schritt gemacht werden in Richtung der russifizierten südslawischen Konföderation? — Damit wurde gewissermaßen die österreichisch-serbische Frage an die europäische Frage angekoppelt.
[ 13 ] Wenn so etwas vorhanden ist — und das, was ich jetzt auseinandersetzte, sind durchaus reale, in den Menschen lebende Impulse gewesen —, dann ist es wie eine elektrische Ladung, die sich einmal entladen wird. Also auf einen der Fäden haben wir dadurch hingewiesen.
[ 14 ] Es ist ja allerdings noch stark die Frage, ob, wenn nichts anderes vorhanden gewesen wäre als das, was ich bis jetzt besprochen habe, der österreichisch-serbische Konflikt zu dem Weltkrieg geführt hätte. Es ist sogar im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß er es getan hätte, wenn nichts anderes vorhanden gewesen wäre. Aber es waren genügend andere Impulse da, welche verstärkend wirkten. Vor allen Dingen war innerhalb der europäischen Verhältnisse das französisch-russische Bündnis vorhanden. Seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bestand die französisch-russische Allianz, die, wenn man die Verhältnisse objektiv betrachtet, so unnatürlich wie möglich ist. Daß diese Allianz seitens Frankreichs unter dem Gesichtspunkt abgeschlossen worden war, Elsaß-Lothringen wieder zurückzugewinnen, wird ja kaum irgend jemand bezweifeln können; denn man kann sich ja gar nicht denken, daß irgendein anderer Grund zu dieser Allianz hätte sein können. Alle andern Gründe würden nur gegen eine solche Allianz gesprochen haben. Aber schließlich kommt es auf solche Gründe bei den treibenden Impulsen auch nicht so sehr an, sondern es kommt darauf an, daß eine solche Allianz vorhanden ist; denn durch ihre Existenz als solche ist sie eine reale Macht: Sie ist da. Und viel wichtiger, als was schließlich das Ziel dieser Allianz war, ist die Tatsache, daß man es mit einem westlichen und mit einem östlichen Staate zu tun hat, die in ihrer militärischen Macht zusammen etwas Ungeheures darstellen, und die Deutschland zwischen sich hatten, das selbstverständlich in bezug auf seine militärische Macht gegenüber der vereinigten überwältigenden militärischen Macht von Frankreich und Rußland sich fortwährend als gefährdet fühlen mußte. Dieses Eingeschlossensein von Deutschland zwischen Westen und Osten ist durch die französisch-russische Allianz zu einer treibenden europäischen Kraft geworden.
[ 15 ] Will man noch nach weiteren Impulsen suchen, die in Betracht kommen, so muß man folgendes ins Auge fassen: Der Imperialismus der letzten Jahrzehnte hat zu einer allgemeinen Expansionslust geführt. Man muß zum Beispiel nur sehen, in welch ungeheurem Maße das britische Imperium gewachsen ist. An territorialer Ausdehnung ist das Frankreich der letzten Jahrzehnte ungleich bedeutsamer gewachsen als Frankreich zu irgendeiner früheren Zeit, als es, wie es sich ausdrückte, an der Spitze der Zivilisation von Europa marschierte.
[ 16 ] Nun hängen die Ereignisse der letzten Jahrzehnte kettenartig zusammen: die Dinge verliefen immer so, daß das Folgende ohne das Vorhergehende nicht hätte eintreten können. Der nächste Ausgangspunkt — selbstverständlich könnte man auch noch weiter zurückgehen — liegt in der Ergreifung der Oberherrschaft über Ägypten durch das Britische Reich. Solche Dinge rechtfertigt man in dem heutigen Denken dadurch, daß man sagt, man müsse seinen Besitz in einer gewissen Weise abrunden und sichern. Diese Ausdehnung der englischen Herrschaft über Ägypten rechtfertigte man damit, daß man sagte, man müsse nach Indien hin eine Vermittelung haben. Man hoffte auch Arabien dazu zu haben, so daß also eine unmittelbare Verbindung mit Indien vorhanden gewesen wäre.
[ 17 ] Daß das Britische Reich seine Macht über Ägypten ausdehnte, das war gewissermaßen schon eine Art Wall gegen eine unangenehme Ausdehnung des russischen Imperiums nach Westen; denn eine solche Ausdehnung nach Westen konnte dem britischen Imperium nicht allzuviel anhaben, wenn gerade diese Verbindung durch Ägypten und über Ägypten nach Indien vorhanden war.
[ 18 ] Nun erzeugt bei sich ausbreitenden Imperien, weil die Erde eben eine Kugel ist und man nicht endlos Land finden kann, weil man zusammenstößt, die Ausdehnung des einen Imperiums mit einer gewissen Notwendigkeit die Lust des andern, sich gleichfalls auszudehnen. Und nur die Folge der Ausdehnung der britischen Herrschaft über Ägypten war die Ausdehnung der französischen Herrschaft über Marokko in zwei Etappen, 1905 und 1911. Dadurch, daß man sich gegenseitig diese Herrschaft anerkannte — Frankreich anerkannte die britische Herrschaft in Ägypten, das Britische Reich anerkannte die französische Herrschaft über Marokko —, waren bereits die Fäden gezogen zu einer politischen Allianz zwischen dem Französischen und dem Britischen Reich. Aber weil das Deutsche Reich eingeschlossen war in der Mitte, suchte man, wie Ihnen ja auch bekannt ist, den Dreibund aufzurichten: Deutschland-Österreich-Italien. Bei dieser Verteilung von Marokko und Ägypten und bei dem, was daraus folgte, gelang es, namentlich mit Hilfe eines alten italienischen Politikers, der in diese Dinge gut eingeweiht war, auf der sogenannten Konferenz von Algeciras Italien schon dazumal in den Bereich der Herrschaftsverhältnisse des Westbundes Frankreich-England zu ziehen. Nach der Algeciras-Konferenz haben vernünftige Leute in Mitteleuropa nicht mehr geglaubt, daß Italien zum Dreibund halten könnte. Für Italien mußten sich nach der ganzen Art, wie es sich verhalten hat, Konsequenzen ergeben aus der französischen Besitzergreifung von Marokko. Und was folgte, war: die Erlaubnis an Italien, sich in Tripolis festzusetzen. Damit aber hatte gewissermaßen Italien die Erlaubnis des Westens erhalten, gegen die Türkei Krieg zu führen. So daß aus Ägypten folgte Marokko, aus Marokko Tripolis; und da durch Tripolis die Türken anfingen, neuerdings geschwächt zu werden, folgte aus Tripolis der Balkankrieg. Diese Ereignisse gehören kettenartig zusammen, eines ist nicht ohne das andere denkbar: Ägypten-Marokko-Tripolis-Balkankrieg. Da die Türkei geschwächt war durch den italienisch-türkischen Krieg, den Tripoliskrieg, glaubten sich die südslawischen Völker, die die andern mit sich zogen, und die griechischen Völker stark genug, nun die Balkanhalbinsel für sich zu gewinnen. Dadurch aber verkoppelte sich die Tendenz zur südslawischen Konföderation, die ich Ihnen charakterisiert habe, mit den nationalen Aspirationen der Balkanländer. Und jetzt vereinigen sich diese beiden Ketten, und Sie finden, der Balkankrieg ist so verlaufen, daß Serbien dadurch ganz besonders gewonnen hat. Serbien ist sehr mächtig geworden, ungleich mächtiger als es vorher war. Dadurch wurden neuerdings jene Ideale aufgestachelt, die südslawische Konföderation unter der Hegemonie Serbiens und unter der Oberherrschaft Rußlands zu gründen. Daraus jene Agitationen, die gipfelten in dem Attentat gegen Franz Ferdinand, daraus der österreichisch-serbische Krieg. Jetzt haben wir die beiden Glieder zusammengeschlossen. Die österreichisch-serbische Frage war an die europäische Frage durch den ganzen historischen Hergang angeschlossen.
[ 19 ] Menschen nun, welche die Dinge verfolgt haben, sahen schon viele Jahre vorher unter solchen Verhältnissen den kommenden Krieg wie ein Damoklesschwert über der europäischen Kultur hängen. Überall, wo die Dinge besprochen wurden, konnte man unzählige Male hören: Man ist sich klar darüber, daß aus den Prätentionen Rußlands ein Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa hervorgehen müsse. — Dieser Konflikt, der war eine Notwendigkeit. Niemand, der in Wirklichkeit Geschichte studiert, wird sagen, daß diesem Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa nicht eine, man könnte sagen, geistige Notwendigkeit zugrunde lag. Geradeso wie sich in alten Zeiten der Konflikt ergab zwischen den römischen und germanischen Völkern, so mußte sich in der neueren Zeit der Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa ergeben. In welcher Form er zutage treten würde, das konnte in der mannigfaltigsten Weise variieren, aber dieser Konflikt mußte sich ergeben. Die andern Dinge waren, soweit sie den Osten betrafen, in diesen Konflikt eingeschlossen.
[ 20 ] Man hatte es also mit den Prätentionen des Russizismus zu tun, und nun sagte man sich: Irgendwo wird sich etwas ergeben, das dazu führen wird, daß Rußland seine Prätentionen, die Oberherrschaft über den Balkanbund auszudehnen, geltend macht. — Das konnte man erwarten, Nach den geographischen Verhältnissen mußte das einen Zusammenprall zwischen Rußland und Österreich geben. In dem Augenblick des Zusammenpralls zwischen Rußland und Österreich mußte sich alles andere — so sagte seit langen Jahren jeder, der über diese Dinge nachdachte — automatisch ergeben.
[ 21 ] Wie würde nach den bestehenden Bündnisverhältnissen, wenn Rußland Österreich angreift, sich die Lage gestalten? — so fragte man sich. Daß Österreich von sich aus Rußland angreifen würde, daran dachte natürlich niemand, und man konnte es auch nicht denken; Österreich konnte gar nicht in die Lage kommen, Rußland anzugreifen. Also mußte man erwarten, daß die Dinge sich irgendwie so gestalten würden, daß Österreich angegriffen wird von Rußland. Nun schön! Infolge des Bündnisses zwischen Österreich und Deutschland müßte Deutschland zu Österreich stehen und seinerseits Rußland angreifen. Dadurch, daß Rußland angegriffen würde von Deutschland — ich erzähle jetzt, was man voraussetzte —, würde das russisch-französische Bündnis in Aktion treten. Frankreich müßte an der Seite Rußlands Deutschland angreifen. Durch die Beziehungen zwischen Frankreich und England ob sie nun vertragsmäßig aufgeschrieben sind oder nicht — müßte England an der Seite Rußlands und Frankreichs angreifen. Diese Dinge sah man voraus. Die Bündnisverhältnisse und Allianzen müßten sozusagen automatisch wirken.
[ 22 ] Nun, die Dinge verliefen nicht ganz so, wie man es jeden Tag hören konnte von den Leuten, die sich Sorge machten um die europäische Zukunft, aber wie verliefen sie? Im wesentlichen verliefen sie doch so: Die Geschichte des Ultimatums, die Ablehnung des Ultimatums, das konsequente Bestehen auf der Annahme des Ultimatums von seiten Österreichs habe ich ja geschildert. Was nicht eintrat, das war, daß die europäischen Mächte unbeteiligt blieben; sondern es zeigte sich sogleich, daß Rußland die Prätention erhob, als Protektor Serbiens aufzutreten. Damit aber war an eine Lokalisierung der österreichisch-serbischen Frage nicht mehr zu denken. Von seiten des Britischen Reiches kamen allerlei unfruchtbare Vorschläge, wie man sie macht, wenn man entweder gedankenlos in Ereignisse eingreifen will, oder wenn man sich von vorneherein den Weltruf zubereiten will, man habe auf friedlichem Wege die Sache beilegen wollen: Man will es gerade nicht, aber man will es später so sagen können.
[ 23 ] Es kam der unfruchtbare Vorschlag, eine Konferenz ausgerechnet aus England, Deutschland, Frankreich und Italien zusammenzusetzen, um über die schwebenden Fragen zu entscheiden. Nun denken Sie sich, was dabei herausgekommen wäre! Man hätte durch eine Majorität entscheiden sollen, ob die österreichischen Forderungen an Serbien berechtigt sind oder nicht. Stellen Sie sich die Abstimmung vor, die nun herausgekommen wäre, aber aus den realen Verhältnissen, bitte! Italien war innerlich abgefallen, Frankreich war an der Seite Rußlands, Rußland war selbstverständlich nur befriedigt, wenn Österreich das Recht abgesprochen wurde, sein Ultimatum zu fordern, England war für die Donau-Konföderation; abgesehen von Österreich ergab das die Majorität Italien, Frankreich, England. Deutschland wäre selbstverständlich unter allen Umständen überstimmt worden. Diese Konferenz konnte zu nichts anderem führen, als daß unter allen Umständen nicht erfüllt worden wäre, was Österreich von seinem Standpunkte aus notwendigerweise fordern mußte. Das heißt, man konnte diese Konferenz abhalten, aber sie wäre eine Komödie geblieben; denn entweder hätte Österreich seine Forderungen aufgeben müssen, oder aber es hätte auch nach der Konferenz, wie sie auch ausgefallen wäre, auf der Annahme seines Ultimatums beharren müssen. Also war dieser Konferenzvorschlag ein bloßer Bluff, wie man sagt. Wenn Sie dagegen die Dokumente genau verfolgen, sehen Sie, daß von Anfang an von seiten Rußlands die Prätention bestand, sich in die serbisch-österreichische Frage einzumischen, und ob es nun auf dem vorhin geschilderten automatischen Wege zu dem Weltkriege kam, oder dadurch, daß man eine Situation erzeugte, die notwendigerweise zu dem Kriege führen mußte, das ist ja schließlich einerlei.
[ 24 ] Und diese Situation wurde ja erzeugt. Denn unter den verschiedenen Impulsen müssen Sie auch eine ganz bestimmte Stimmung ins Auge fassen. Vielleicht war kein Weltereignis, kein historisches Ereignis so abhängig von einer ganz bestimmten Stimmung, wie gerade dieses Ereignis. Die seelische Verfassung der Menschen, welche an dem Ausbruche des Krieges Ende Juli 1914 beteiligt waren, gehört durchaus zu den wichtigsten Ursachen. Es mag auch bei früheren Kriegsausbrüchen Aufregungen gegeben haben, gewiß, aber sie brachen nicht so orkanartig, so stürmisch herein wie die Tatsachen zwischen dem 24. Juli und dem 1. August 1914. In wenigen Tagen schob sich für die beteiligten Personen eine ungeheure Aufregung zusammen, in die alles konzentriert war, was seit Jahren sich angesammelt hatte an Besorgnis vor diesem kommenden Ereignis. Und diese Stimmung muß durchaus ins Auge gefaßt werden. Wer diese Stimmung nicht ins Auge fassen will, der wird immer nur in Phrasen reden.
[ 25 ] Nun, wenn man die Stimmung etwas charakterisieren will, so könnte man ja die allerverschiedensten Gesichtspunkte angeben. Ich will aber nur auf einen aufmerksam machen. Vorangegangen war ja ein mit dem Kriegsausbruche zwar indirekt, aber doch sehr stark zusammenhängendes Ereignis, das ganz innerhalb der andern europäischen Ereignisse angesehen werden soll und muß, wenn man es richtig werten will. Das ist die nach dem Balkankrieg beschlossene deutsche Wehrvorlage, wo durch einen einmaligen großen Wehrbeitrag für eine Vergrößerung der deutschen Armee gesorgt wurde. Diese Vergrößerung der deutschen Armee, die übrigens bei Kriegsausbruch noch nicht im entferntesten durchgeführt war, kann jeder im Zusammenhange mit den Ergebnissen des Balkankrieges studieren. Diese Ergebnisse zeigten eben, daß von einer unbestimmten Zukunft der Zusammenprall zwischen Rußland und Österreich hereingeschoben wurde. Nur durch Verhältnisse, die ich hier nicht schildern will, ist 1913 verhindert worden, daß Rußland schon dazumal Österreich angriff, um sich die Oberherrschaft und Oberaufsicht über die Balkan-Konföderation zu erwerben. Die Vergrößerung der deutschen Armee war unter keinem andern Gesichtspunkte erfolgt — wie gesagt, ich will heute meine Sätze sehr genau stellen —, als unter dem der drohenden Auseinandersetzung mit dem Osten. Dennoch erfolgte prompt darauf die französische Reaktion: Vergrößert Deutschland seine Armee, müssen wir auch etwas tun, um die Armee zu verstärken. Das heißt aber nichts anderes, als daß dasjenige, was für Mitteleuropa ein Schicksal, eine unabänderliche Notwendigkeit war: nach Osten hin vorzusorgen — immer Verstärkungen im Westen erzeugte, was natürlich wiederum zurückwirkte.
[ 26 ] Und so entwickelten sich eben dann die Dinge. Gerade alles dasjenige, was mit dieser Wehrvorlage nach dem Balkankriege zusammenhing, das erzeugte furchtbare Besorgnis in Mitteleuropa, denn man sah die ganze Peripherie von Europa gegen Mitteleuropa gerichtet. Der Unterschied war nur der, daß einige glaubten, Italien würde trotzdem mit Mitteleuropa in irgendeiner Weise mitgehen, die andern setzten das schon nicht mehr voraus.
[ 27 ] Nun konnte man sich immer noch denken, daß — hypothetisch — der Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre. Das hätte aber nur unter der einen Voraussetzung geschehen können, daß Rußland nicht sogleich mit drohenden Kriegsmaßregeln geantwortet hätte, das heißt der Mobilisierung, die aber unter den obwaltenden Verhältnissen eine drohende Kriegsmaßregel darstellte. Für Mitteleuropa war gar nicht daran zu denken, daß Frankreich nicht mit Rußland gehen könnte, sondern man mußte damit rechnen, daß ein Angriff von zwei Fronten her erfolgen werde. Diesem Angriff gegenüber konnte bei den dafür Verantwortlichen natürlich nur der Gedanke aufkommen, ihn in irgendeiner Weise zu paralysieren. Niemand, der in diesen Dingen verantwortlich darin stand, konnte etwa denken: Wir können vierzehn Tage lang konferieren! — Abgesehen davon, daß bei dieser Konferenz gar nichts hätte herauskommen können, wie ich Ihnen gezeigt habe, hätte das die sichere Niederlage bedeutet. Man kann aber nicht mit einer sicheren Niederlage von vornherein rechnen. Die einzige Möglichkeit war, durch Schnelligkeit die ungeheure militärische Übermacht von Westen und Osten auszugleichen.
[ 28 ] Dies war aber auf keinem andern Wege als — wie ich Ihnen schon angedeutet habe — durch Völkerrechtsbruch zu bewerkstelligen, nämlich durch den Durchmarsch durch Belgien. Auf einem andern Wege hätte man unmöglich etwas anderes erreichen können, als den größten Teil der deutschen Armee im Westen in langem Defensivkriege aufzubrauchen und die Invasion vom Osten her zu haben. Da trat eben einer jener historischen Momente ein, wo — man mag das nun mehr oder weniger geschickt oder ungeschickt ausdrücken — ein Staat gezwungen ist, einen Rechtsbruch in Szene zu setzen zu seiner Selbsterhaltung. Derjenige, der für den Staat verantwortlich ist, kann ja nicht anders handeln. Aber — und ich wäge heute meine Worte, wie gesagt, so daß sie scharf begrenzt sind — es war in Mitteleuropa für manche Leute, auf die es ankam, im höchsten Maße ungeheuerlich, es nach zwei Fronten aufzunehmen.
[ 29 ] Und so machte man den Versuch, vielleicht mit einer Front auszukommen. Sorgfältige, wenigstens sorgfältig gemeinte Versuche wurden gemacht, Frankreich neutral zu halten, und der Glaube war vorhanden, daß es gelingen könnte, Frankreich neutral zu halten. Frankreich irgend etwas anzutun, daran dachte ja kein Mensch in Mitteleuropa. Das kann man mit einem Gefühl von noch so großer Verantwortlichkeit sagen: Frankreich irgend etwas antun wollte in Mitteleuropa wirklich niemand, in Deutschland niemand. Was dann geschehen ist, ist ja nur geschehen unter dem Gesichtspunkte, so schnell wie möglich im Westen fertig zu werden, um die drohende Invasion im Osten zu verhüten. Und man muß sich daher fortwährend wundern, daß so viel in der Welt geredet wird von all dem Terrorismus, der von seiten Deutschlands nach dem Westen hin entwickelt worden ist. Der ganze Terrorismus wäre ja weggeblieben, wenn Frankreich seine Neutralität erklärt hätte.
[ 30 ] Frankreich hatte es ja in der Hand, Belgien und sich vor jeder Attacke zu schützen. Daß Frankreich gezwungen war, seinen Vertrag gegenüber Rußland zu halten, das ist Frankreichs Sache, das darf man nicht ins Feld führen, wenn man gegen den Terrorismus von Deutschland spricht; denn die Allianzen der andern Staaten gehen ja die feindlichen Staaten nichts an.
[ 31 ] Da es direkt nicht möglich war, Frankreich neutral zu halten, versuchte man es auf dem Wege durch England, aber auch da war nichts zu erringen, und die diesbezüglichen Verhältnisse habe ich ja schon mehrfach berührt: wie es England wiederum in der Hand gehabt hätte, Belgien zu retten, aber ebensogut, Frankreich zu retten. Diese Dinge müssen wirklich sachlich und objektiv ins Auge gefaßt werden. Denn das bitte ich Sie als eine ganz objektive Feststellung zu betrachten: Alle Mühe hat man sich gegeben, nachdem der Krieg nicht zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren war, da Rußland dies nicht zuließ, ihn wenigstens nicht auf den Westen übergreifen zu lassen. Der Wahnsinn, sich nach zwei oder später gar nach drei Fronten schlagen zu wollen, hat wirklich die Leute in Mitteleuropa nicht befangen.
[ 32 ] Aber daß sich dann alles übrige angeschlossen hat an Weltunwahrheit, darüber braucht man sich ja nicht zu verwundern in unserer heutigen Zeit, wo man wirklich mit jedem Tage neuerdings erstaunt sein kann, was alles gesagt, geschrieben, gedruckt werden kann. Bevor ich hier hereingegangen bin, fand ich, mir auf den Tisch gelegt, eine Broschüre von einem der Beteiligten an der Neurralitätsdebatte mit Georg Brandes. Da ist auf englischer Seite William Archer, in dessen Broschüre man nebeneinander gestellt liest die schwarze Verruchtheit von Germany und die vollständige Unschuld von «the Allies», den Alliierten. Da sind zur Zusammenstellung der schwarzen Verruchtheiten von Germany und der engelhaften, völligen Unschuld der Alliierten zehn Punkte; aber es genügt, wenn man nur einen, den zweiten Punkt ins Auge faßt: Im zweiten Punkte heißt es mit Bezug auf Deutschland, daß dort jedenfalls eine beträchtliche Partei sei, welche offen agitiert für weitere Territorialexpansionen, sei es in oder außerhalb von Europa. Dem sei gegenüberzustellen auf seiten der Alliierten — in englischer Sprache, bitte: die Alliierten hätten keinen Wunsch nach irgendwelchen territorialen Expansionen, am wenigsten auf Deutschlands Kosten; selbst Frankreichs Gefühl für Elsaß-Lothringen sei ein ausschließlich friedliches.
[ 33 ] Meine lieben Freunde, viel ist möglich in der heutigen Zeit, zu drucken und zu sagen! Die andern neun Punkte sind von derselben Couleur. Man stelle sich vor, was in den letzten Jahrzehnten zur Expansion von England und Frankreich vorgegangen ist und lese dann: Diese Länder haben keinen Wunsch nach territorialen Expansionen. — Es ist eben heute durchaus möglich, daß das genaue Gegenteil der Wahrheit gesagt, gedruckt wird, und daß die Leute es glauben, daß unzählige Menschen es glauben. Die Leute glauben ja die Dinge.
[ 34 ] So liegen die Dinge rein äußerlich, geschichtlich. Nun muß man diesen äußerlichen geschichtlichen Gang eben zusammenhalten mit dem, was sich für uns ergeben kann, wenn wir wissen, welche Impulse von Westen her durch lange Zeiten gewirkt haben. Man hat noch nicht alle diejenigen Impulse, welche sich gewisser mehr oder weniger okkulter Kräfte bedienen, wie sie besprochen worden sind, wenn man nur, ich möchte sagen, auf die äußersten Ranken dieser okkulten Impulse hinweist: auf die Freimaurerei. Denn durch die westliche Freimaurerei, Sie haben es ja gesehen, wird vieles bewirkt. Da sind diejenigen, die viele Fäden ziehen. Und ich habe Ihnen gesagt: In diesen Dingen wird mit langen Zeiträumen gerechnet.
[ 35 ] Fassen wir einmal, zusammen mit den Gesichtspunkten, die ich Ihnen entwickelt habe, ins Auge, daß sich die moderne Freimaurerei in England, selbstverständlich auf Früherem aufbauend, im Beginne des 18. Jahrhunderts konsolidiert. Im Inneren des Britischen Reiches, nicht des Imperiums, aber des Vereinigten Königreichs, bleibt die Freimaurerei im wesentlichen — ich möchte, um mich genau auszudrücken, sagen — so, daß schon sehr respektable Interessen verfolgt werden. Aber überall anders, an vielen Orten außerhalb des eigentlichen Britischen Reiches, werden von der Freimaurerei ausschließlich oder hauptsächlich politische Interessen verfolgt. Solche politischen Interessen im allerausgesprochensten Sinne werden ja verfolgt von dem «GrandOrient de France», aber auch von andern «Grand-Orients». Nun könnte man sagen: Was geht denn das die Engländer an, wenn in andern Ländern politische Tendenzen verfolgt werden von gewissen Freimaurerorden, die okkulten Hintergrund haben? Aber halten Sie damit die Tatsache zusammen, daß die erste Hochgradloge in Paris von England aus begründet worden ist, nicht von Frankreich aus! Nicht Franzosen, sondern Briten haben sie begründet; sie haben die Franzosen in ihre Loge nur eingefädelt. Halten Sie auch den Umstand damit zusammen, daß, sich anschließend an diese Hochgradloge, die 1725 von England aus in Paris begründet wurde, dann 1729 eine der erstbegründeten entsprechende Loge in Paris selbst vom Grand-Orient sanktioniert wurde. Dann erfolgten, wiederum von England aus, Gründungen in Gibraltar 1729, Madrid 1728, Lissabon 1736, Florenz 1735, Moskau 1731, Stockholm 1726, Genf 1735, Lausanne 1739, Hamburg 1737. Ich könnte das Verzeichnis lange fortsetzen; ich könnte Ihnen zeigen, wie mit einem Netz, zwar andern Charakters als im Britischen Reich selber, diese Logen gegründet worden sind als die äußeren Instrumente für gewisse okkultistisch-politische Impulse. Neben den sich überschiagenden Wandlungen, wie sie sich historisch zeigen etwa in dem Furor der Jakobiner, dem politischen Wirken der Carbonari, der Cortes in Spanien und anderen ähnlichen Zusammenhängen, spielen sie auch stark hinein in die kulturgeschichtliche Entwickelung und treiben Ranken, die man verfolgen kann bis in die Werke der größten Geister jener Zeit. Man denke an die von Rousseau ausgehende Naturphilosophie, an die immer zynischer werdende, jedoch zuerst aufklärerisch wirkende kritische Philosophie eines Voltaire, an die den damaligen Zynismus überwinden wollenden Bemühungen der Illuminaten und ähnlicher Kreise. Diese fortschrittlichen Kreise wurden von der Reaktion zertreten und wirkten unterirdisch mannigfaltig weiter. Und jetzt haben Sie den Ursprung von vielem, das ich Ihnen ja schon charakterisiert habe. Aber Sie müssen einen gewissen Wert darauf legen, daß heute der englische Freimaurer sagen kann: Seht unsere Logen an, die sind sehr anständig — und die andern gehen uns nichts an. Wenn man aber den historischen Zusammenhang und die im Wechselspiel gegeneinander gerichteten treibenden Kräfte durchschaut, dann ist es durchaus hohe britische Politik, die sich dahinter verbirgt.
[ 36 ] Wenn man nach den tieferen Gründen dieser Politik frägt, muß man, um die Sache zu verstehen, die neuere Geschichte ein wenig zu Hilfe nehmen. Diese geht seit dem 17. Jahrhundert — seit dem 16. bereitet sich das schon vor — darauf aus, zu demokratisieren, in dem einen Land mit größerer, in dem andern mit geringer Geschwindigkeit, indem man den Wenigen die Macht wegnimmt und sie über große Massen ausbreitet. Ich treibe nicht Politik, daher werde ich mich weder für oder gegen Demokratie oder für oder gegen etwas anderes aussprechen; ich will nur Tatsachen hinstellen. Der Drang nach Demokratisierung geht durch die neuere Zeit in mehr oder minder beschleunigtem Tempo, so daß sich verschiedene Strömungen dabei bilden. Aber es ist ein Fehler, überall da, wo mehrere Ströme in Betracht kommen, nur den einen zu verfolgen. Strömungen verlaufen eben in der Welt so, daß immer die eine das Komplement der andern ist. Ich möchte sagen: eine grüne und eine rote Strömung laufen nebeneinander, wobei die Farbe nichts Okkultes bedeuten, sondern nur besagen soll, daß eben zwei Strömungen nebeneinander laufen. Aber die Menschen werden gewöhnlich, ich möchte sagen, hypnotisiert, immer nur auf die eine Strömung zu blicken und sehen dann die historische Parallelströmung nicht. Wenn man einem Huhn den Schnabel in den Erdboden drückt und eineLinie zieht, so läuft es bekanntlich dieser Linie entlang. So sind dieMenschen heute, besonders die Universitätshistoriker, sie betrachten immer nur eine Seite, daher können sie niemals den historischen Gang wirklich verstehen.
[ 37 ] Als eine Parallelströmung zu der demokratischen ergab sich die Benutzung okkulter Motive in den verschiedenen Orden, vereinzelt auch in den Freimaurerorden. Geistig sind sie ja durch ihre Zwecke und Ziele nicht, aber, sagen wir, es entwickelte sich eine geistige Aristokratie parallel zu jener Demokratie, die in der Französischen Revolution wirkte, es entwickelte sich die Aristokratie der Loge. Wollte man als Mensch in der heutigen Zeit klar sehen, um der Welt offen gegenübertreten und sie verstehen zu können, so müßte man sich nicht durch die demokratische Logik, die ja nur in ihrer eigenen Sphäre berechtigt ist, durch Phrasen über den demokratischen Fortschritt und so weiter blenden lassen; man müßte eben auch hinweisen auf jenes Einschiebsel, das sich geltend machte in dem Bestreben, den Wenigen die Herrschaft zu verschaffen durch die Mittel, die man im Schoß der Loge hat, dem Ritual und seiner suggestiven Wirkung. Auf dieses müßte man auch hinweisen.
[ 38 ] Im materialistischen Zeitalter hat man das wohl verlernt, aber vor den fünfziger Jahren haben die Leute schon auf diese Dinge hingewiesen. Und schlagen Sie philosophische Historiker aus den Jahren vor 1850 auf, so werden Sie sehen, daß die auf den Zusammenhang der Französischen Revolution und aller folgenden Entwickelung mit den Logen hinweisen. In den Zeiten, die als vorbereitend für die Gegenwart in Betracht kommen, hat sich die westliche geschichtliche Entwickelung, die westliche Welt niemals von den Logen emanzipiert. Immer war der Einfluß der Logen stark wirksam, das Logentum wußte die Kanäle zu finden, um den Gedanken der Menschen gewisse Richtungen einzuprägen. Und wenn man ein solches Netz gesponnen hat, wovon ich Ihnen nur einzelne Maschen angegeben habe, dann braucht man nur auf den Knopf zu drücken und die Sache wirkt weiter.
[ 39 ] Eine Emanzipation von all diesen Verhältnissen und ein SichStellen rein auf das unbefangene Menschentum ist ja wirklich nur eingetreten unter dem Einfluß einer so großen Geistigkeit, wie sie sich, anknüpfend an Lessing, über Herder, Goethe und weiter herüber bis in die deutsche Philosophie hinein entwickelt hatte. Da haben Sie eine Geistesströmung — man braucht bei Goethe nur das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ins Auge zu fassen —, die rechnete mit alldem, was in den Logen lebte, aber so — Sie können die Dinge auch in «Wilhelm Meisters Wanderjahren», in andern Goethe-Schriften lesen —, daß man das Geheimnis aus dem Dunkel der Logen herausholte und es zur rein menschlichen Angelegenheit machte. Das war ein Stoff, mit dem man sich emanzipieren konnte, der noch heute die Emanzipation möglich macht. Daher sehen Sie die ganze deutsche Geistesentwickelung mit Bezug auf den Teil, den ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» geschildert habe, als vergessenen Klang, ganz unabhängig von allen Umtrieben des Logentums.
[ 40 ] Sie werden leicht überall Wege finden können, durch die innerhalb der westlichen Kultur der letzten Jahrhunderte, die der Gegenwart vorangegangen sind, die Prägung der Gedanken in der exoterischen Welt durch die Esoterik der Logen nachgewiesen werden kann. Selbstverständlich gilt dies nicht von der Zeit vor Elisabeth, vor Shakespeare; aber von dem, was später kommt, gilt es. Die an Lessing, Herder, Goethe angeschlossene deutsche Geisteskultur steht ohne einen solchen Zusammenhang da. Sie werden sagen: Es gibt doch eine deutsche Maurerei — in Österreich ist sie bekanntlich verboten, da gibt es sie nicht — und eine magyarische Maurerei. Aber die haben sie nicht mittun lassen, die andern. Das ist eine recht harmlose Gesellschaft, die zwar mit ihren Geheimnissen sehr dick tut, aber nur den Worten nach. Jene realen, mächtigen Impulse, die ausgehen von jenen Seiten, die ich Ihnen geschildert habe, die finden Sie im deutschen Freimaurertum, dem ich ja nicht zu nahe treten möchte, wahrhaftig nicht, und man kann es daher leicht begreifen, wie mancherlei Dinge sehr sonderbarer Art eintreten können. Denken Sie einmal, es würde jemandem einfallen, die Dinge, die ich Ihnen über Orden, ihre geheimen Verbindungen und ihre äußersten Ranken, die Freimaurerlogen, gesagt habe, in Deutschland vorzubringen. — Es könnte ja sehr nützlich sein, diese Dinge dort vorzubringen, aber was würde geschehen? Man würde selbstverständlich Sachverständige fragen — Sachverständige sind ja in diesem Falle die Freimaurer selbst —, wie es damit sei; aber keinem Freimaurer in Deutschland würde einfallen, etwas anderes zu sagen, als daß die englischen Logen sich durchaus nicht mit Politik beschäftigen. Sie beschäftigen sich mit Dingen, die durchaus respektabel sind. — Das weiß er; das andere weiß er nämlich nicht. Man kann sogar, wie es geschehen ist, zur Antwort bekommen, wenn man diese oder jene Namen aufzählt: Ja, der steht nicht in den Freimaurerlisten. — Die Liste haben sie schon, aber nicht das Bewußtsein davon, daß vielleicht die wichtigsten Leute nicht auf den Listen stehen. Kurz, die deutsche Freimaurerei ist eine recht harmlose Gesellschaft.
[ 41 ] Dabei bleibt aber doch bestehen, und das darf wirklich ohne Hochmut, ohne irgendeine nationale Allüre gesagt werden, daß das geistige Leben, soweit es von gewissen westlichen okkulten Brüderschaften gepflegt wird, wirklich aus Mitteleuropa stammt. Gehen Sie historisch zu Werke. Robert Fludd: Schüler von Paracelsus; Saint-Martin in Frankreich: ein Schüler von Jakob Böhme. Wenn Sie den Ursprung suchen der Bewegung selbst, dann haben Sie ihn in Mitteleuropa. Aus dem Westen kommt die Organisation, die Eingliederung in Grade — gewisse westliche Logen verteilen ja zweiundneunzig Grade, denken Sie, wie hoch man steigt, es gibt Leute mit zweiundneunzig Graden! —, die Verwendung der Dinge im politischen Sinne und das Einmischen gewisser Außerlichkeiten.
[ 42 ] Wir haben ja jetzt wiederum ein Beispiel, das wirklich charakteristisch ist, und auf das ich Sie schon aufmerksam gemacht habe. Ich schildere dieses alles nur, um Sie auf den objektiven Bestand der Dinge aufmerksam zu machen, so wie man naturhistorische Dinge schildert, nicht aus irgendeiner nationalen Allüre heraus. Ich habe Sie aufmerksam gemacht, daß jetzt ein Buch erschienen ist von Sir Oliver Lodge, in dem er Mitteilungen seines auf dem Schlachtfelde gefallenen Sohnes wiedergibt, die er durch verschiedene Medien erhalten hat. Das Buch von einem so ausgezeichneten Gelehrten wird ohne Zweifel großes Aufsehen machen. Ich brauche, nachdem ich jetzt das Buch erhalten habe, nichts von dem zurückzunehmen, was ich Ihnen vor einiger Zeit gesagt habe. Ich habe ja gesagt, ich würde auf die Sache zurückkommen. Der stärkste Beweis, den Sir Oliver Lodge gibt, ist der folgende: Es werden Sitzungen mit verschiedenen Medien angestellt und die Seele des auf dem Schlachtfelde gefallenen, verstorbenen Raymond Lodge manifestiert sich. Die andern Sitzungen besagen wirklich nichts, was nicht jeder wüßte, der mit solchen Dingen bekannt ist; sie würden auch kaum einen besonderen Eindruck gemacht haben. Aber eine Tatsache hat auf den großen Gelehrten SirOliver Lodge, auf seine ganze Familie, die bis dahin solchen Dingen gegenüber sehr skeptisch war, doch einen starken Eindruck gemacht. Das ist, daß in einer Sitzung von einem Gruppenbilde gesprochen wurde, auf dem, mit andern zusammen, auch der Sohn von Oliver Lodge aufgenommen sei. Dieses Gruppenbild, das sogar mehrmals hintereinander gemacht worden sei, wurde ungefähr so beschrieben, daß man zwar immer die betreffenden Personen an demselben Orte sieht, aber in anderer Verteilung, wenn eine neue Aufnahme gemacht worden ist; so daß man immer dieselben Personen sieht, aber mit verschiedenen Gesten. Dieses Gruppenbild beschrieb Raymond Lodge durch das Medium in der Sitzung, die in England stattgefunden hat. Von diesem Bild wußten aber Sir Oliver Lodge und seine Familie nichts, denn es war in der letzten Lebenszeit des Raymond Lodge an der französisch-belgischen Front gemacht und von ihm an seine Angehörigen geschickt worden, aber noch nicht angekommen. So ist also durch das Medium ein Gruppenbild beschrieben worden, das existierte, das aber die Familie, also die Sitzungsteilnehmer, nicht kannten, sondern erst kennenlernten, nachdem es durch das Medium beschrieben worden war.
[ 43 ] Das ist natürlich etwas für okkultistische Dilettanten ungeheuer Überzeugendes; denn was sollte man denken, wenn ein Bild, eine Gruppenphotographie beschrieben wird, die niemand kennt an Ort und Stelle, wo die Sitzung stattfindet. Die Familie, die Sitzungsteilnehmer kennen sie nicht, die Medien kennen sie selbstverständlich auch nicht, denn sie ist noch gar nicht in England angekommen, sie ist erst auf dem Wege. Sie kam erst später an. Und dennoch wird eine sehr genaue Beschreibung gegeben, wo der Raymond Lodge sitzt, wo die andern sitzen, sogar wie er die Hand auf die Schulter eines Freundes legt. Was könnte überzeugender sein als dieses?
[ 44 ] Aber sehen Sie, diese Sache kann eben so, wie das Sir Oliver Lodge tut, wirklich nur von okkultistischen Dilettanten interpretiert werden. Denn würde Sir Oliver Lodge gar nichts Besonderes wissen, sondern nur ein wenig die Literatur zum Beispiel bei Schubert oder ähnlichen Leuten, die in Deutschland etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch über solche Dinge schrieben, untersucht haben, so würde er zahlreiche Beispiele gefunden haben für das, was jedem wahren Okkultisten gut bekannt ist: daß schon bei herabgedämpftem Bewußtsein Zukünftiges gesehen wird. Der einfachste Fall des Zukünftigsehens ist, wenn jemand in einem somnambulen Anfall einen Leichenzug sieht, der aber erst in ein paar Tagen stattfindet; der Betreffende ist noch gar nicht gestorben, aber einer sieht den Leichenzug. Da wird Zukünftiges gesehen. Das ist etwas ganz Gewöhnliches bei herabgedämpftem Bewußtsein. Nun bedenken Sie, was stattgefunden hat: Eine Photographie ist gemacht worden in Flandern, die Photographie ist auf dem Wege nach England; der Zeitpunkt wird eintreten, wo sie ihre Augen darauf haben werden und ihren Verstand, wo die Angehörigen sie in Gedanken haben werden. Das sieht das Medium als ein Zukunftsbild voraus. Ob man voraussagt, daß man einen Leichenzug sieht, oder ob man voraussagt: diese Familie wird nach einigen Tagen ein Gruppenbild des Sohnes bekommen, eine Photographie, die so und so sein wird — das ist im Grunde ganz genau dieselbe Erscheinung. Es ist nur eine Zukunftsangelegenheit vorausgesagt. Das ist ein Phänomen.
[ 45 ] Würde man also etwas gewußt haben von wirklichen okkulten Tatsachen, so würde man eine solche Interpretation nicht haben geben können. Aber diese ganze Interpretation kommt eben dadurch zustande, daß die okkultistischen Werte, die okkultistischen Gesetze vermateriaJisiert werden, daß man nicht jene Entwickelung mitmachen will, welche im inneren Prozesse die geistige Welt erfaßt, sondern auch das Spirituelle laboratoriumsmäßig, rein materalistisch vor sich haben möchte. Es ist eine Vermaterialisierung des Spirituellen, die auch bei Sir Oliver Lodge veranstaltet wird. Aber das ist nur ein Beispiel für die Art, wie es mit allem Spirituellen geht. Man kann diese Dinge schon beobachten, wenn man sieht, wie es von Paracelsus zu Fludd, von Jakob Böhme zu Saint-Martin weitergeht; da findet man überall die Materialisierung.
[ 46 ] Und wir konnten uns ja auch als Anthroposophische Gesellschaft vor der Materialisierung nur dadurch retten, daß wir uns von der Theosophical Society emanzipierten. Denn tief hinein in das soziale Wirken gehen die Impulse, die von solchen Verbindungen ausgehen, wie ich sie charakterisiert habe. Selbstverständlich muß ich Sie auch da wieder bitten, mich nicht mißzuverstehen. Ich sage nicht, daß das im selbstverständlichen Charakter der westlichen Völker liegt; aber es ist da und hat Einfluß gewonnen auf den historischen Gang und ist schon auch nicht ohne Einfluß auf die Unwahrhaftigkeit, die jetzt in einer so furchtbaren Weise hereinwirkt. Und besonders auf diese Unwahrhaftigkeit bin ich verpflichtet, Ihr Augenmerk zu richten, denn diese Unwahrhaftigkeit tritt ja doch in der Weise auf, daß sie eigentlich immer die Form der Anklage annimmt, der Beschuldigung des andern. Was ist denn die traurige Note vom Silvesterabend wiederum anderes, als eine mit gleicher Verdrehung der Tatsachen verfertigte Anklage, ebenso verdreht wie das, was ich Ihnen hier von Mr. Archer vorgelesen habe. Aber man sieht, die Dinge fangen schon an, geglaubt zu werden, fangen schon an, ihre Rolle zu spielen. Und wenn einige Wochen vergangen sein werden, dann werden die Menschen längst vergessen haben, daß in einer ja für die Welt gar nicht zu verkennenden Weise die Möglichkeit, zu einem Frieden zu gelangen, da war, daß diese Möglichkeit aber vereitelt worden ist von seiten der Peripheriemächte; und die Menschen werden in Europa wiederum anfangen zu glauben, daß das Friedensangebot von den Ententemächten rein aus Menschenliebe, aus höherer Humanität abgelehnt worden ist, mit der sonderbaren Motivierung, daß, weil man den Frieden anstrebt, man ihn verhindern müsse. Aber selbst solch groteske Unwahrhaftigkeiten finden heute Glauben. Daß sie geglaubt werden können, das beruht auf der Vorbereitung durch jenen Okkultismus, den ich Ihnen geschildert habe. Denn im Grunde genommen gehört eine argeKorruption des Gemütes dazu, Sätze nebeneinander zu schreiben wie die beiden, die ich Ihnen angeführt habe von dem schwarzen und dem weißen Raben. Aber diese Korruption des Gemütes, sie ergibt sich in einer Atmosphäre, in die solche Organismen hineinwirken, wie ich es Ihnen dargestellt habe.
[ 47 ] Auch in dieser Beziehung bestand — das kann objektiv gesagt werden — in Mitteleuropa die Tendenz, sich zu emanzipieren. Alles, was als mitteleuropäisches Geistesleben von Lessing, Herder, Goethe und so weiter aufgeworfen ist — das haben Sie ja hinlänglich aus den verschiedenen Darstellungen gesehen, die im Verlauf unseres anthroposophischen Lebens gegeben wurden —, es ist das alles darauf angelegt, sich allmählich in die spirituelle Welt hineinzuentwickeln; aber es ist nicht darauf angelegt, auf die Dauer irgendeinen Kompromiß zu schließen mit demjenigen, was in jenen Strömungen des Westens lebt, die ich Ihnen charakterisiert habe. Das ist nicht möglich. Und daher treten die Dinge in einer andern Weise auf.Gehen wir zu dem ja heute auch schon im Westen verschimpfierten Fichte zurück, zu seinen «Reden an die deutsche Nation». Welches ist das Ziel, das Fichte im Auge hat? Selbsterziehung des deutschen Volkes! Er will nicht, daß die andern getroffen werden durch seine «Reden an die deutsche Nation», sondern er spricht davon, daß die Deutschen ergriffen werden sollen, daß sie sich selber besser machen sollen. Aber man hat eine wahre, nennen wir es «Genialität», gerade dasjenige, was in Deutschland entsteht, mißzuverstehen. Geradeso, wie man aus dem harmlosen Nationallied «Deutschland, Deutschland über alles» — was nichts anderes heißt, man braucht nur die folgenden Zeilen zu lesen, als das Vaterland lieben, denn es werden ja nur die Teile des Vaterlandes aufgezählt — das Groteskeste gemacht hat, so kann man auch Fichte, wenn man will, mißverstehen, denn er beginnt seine «Reden an die deutsche Nation» mit folgenden Worten: «Ich spreche für Deutsche schlechtweg und von Deutschen schlechtweg.» Aber warum sagt er das? Weil Deutschland in lauter kleine Individualstaaten zerfallen ist, und er nicht zu den Preußen, zu Schwaben, zu Sachsen und was weiß ich, zu Oldenburgern, Mecklenburgern, Osterreichern und so weiter sprechen wollte, sondern zu Deutschen. Zusammenfassen die Individualitäten, das war es, worauf es ihm ankam. Also es ist eine Angelegenheit, die er mit den Deutschen selber abmacht. Ich will die Deutschen nicht loben, aber solche Dinge dürfen doch zur Charakteristik angeführt werden. Ich werde heute auf diese Sache geführt, weil wirklich die Tendenz besteht, einen andern Ton anzuschlagen im Zentrum als an der Peripherie. Und wenn unsere anthroposophische Sache etwas beteiligt ist an diesem andern Ton, dann darf das schon unter uns auch gesagt werden. Eben heute erhielt ich eine Broschüre von unserem Freunde Ludwig von Polzer, der ja hier gearbeitet hat. Ludwig von Polzer: «Betrachtungen während der Zeit des Krieges.» Sehen Sie, es ist ganz interessant — ob man nun im einzelnen übereinstimmt oder nicht mit dem, was unser Freund Polzer sagt —, daß er sich nicht viel damit beschäftigt, über die andern zu schimpfen und herzufallen, dafür aber seinen Österreichischen Landsleuten recht sehr die Leviten liest. Er ist vor allen Dingen darauf bedacht, zu ihnen zu sprechen. Selbstverständlich ist er durch sein Karma Österreicher, aber er liest seinen Österreichischen Landsleuten die Leviten. Da lesen wir nicht: Wir sind unschuldig, wir haben nie das oder jenes gemacht, wir sind ganz weiße Engel und alle andern sind schwarze Teufel —, sondern da liest man:
«Warum haßt und zerfleischt sich die Menschheit? Sind es wirklich die äußeren politischen Meinungsverschiedenheiten, die so viel Leid notwendig machen? Die kämpfenden Parteien meinen zu wissen, um was es geht, und keine weiß es in Wirklichkeit.
Eine untergehende, dekadente Kultur kämpft ihren Todeskampf. Die Zentralstaaten, die für die ersten Keime einer neuen kämpfen, kennen diese noch nicht, kämpfen für etwas, was ihnen noch unbekannt und sind selbst ganz durchsetzt von der Gesinnung, gegen welche ihre eigenen Soldaten im Kampfe bluten.
Es soll gleichsam ausgespieen werden das entartete Alte und daher sieht man es auch mächtig ein letztes Mal ins Kraut schießen. Begegnen wir sie nicht auch bei uns auf Schritt und Tritt, die Gesinnung der Entente, welche die alte dekadente Kultur trägt? Hat sie nicht auch uns dutchseucht? — In den Moden wird sie auf der Gasse herumgetragen, im Baustil ist sie verkörpert, in der Reklame grinst sie uns an, im Geschäftsleben treibt sie ihre Orgien, im Organisationswahnsinn und Bürokratismus bläht sie sich auf, in einem verlogenen wichtigtuenden Humanismus belügt sie sich selbst, die Presse trachtet ihre Ententegenossin in Wahrheitsliebe zu überbieten und so weiter.
Da haben wir sie, die Entente, wie sie im eigenen Lande wütet und rast und angibt, für die braven Soldaten und Landsleute, von denen schon fast alle den Opfertod erlitten, zu arbeiten. — Alles, was da so scheußlich auch bei uns ins Kraut schießt — ein letztesmal hoffentlich vor dem Untergang — ist nicht deutsch.»
[ 48 ] Also dasjenige, was er im eigenen Lande zu tadeln hat, nennt er «nicht deutsch». Er will in erster Linie den eigenen Landsleuten ins Gewissen reden. Solcher Dinge stehen noch mehr in diesem Buche. Es ist gut, daß es einmal mit unseren Bestrebungen im Einklange hervorgebracht wird und im Zusammenhange damit. Wir brauchen ja nicht mit allem, Satz für Satz, einverstanden zu sein, was unter uns hervortritt. Gerade das wird die schönste Errungenschaft sein, daß wir alles selbständig verarbeiten, daß wir unsere Individualität wahren, daß wir nichts auf eine Dogmatik oder Autorität hin annehmen. Die Dinge, die sich durchsetzen sollen, sind schon dazu geeignet, sich durch sich selbst durchzusetzen, nicht auf Autorität hin. Aber einmütig können wir zusammenstehen, wenn unsere Gesellschaft einen Sinn haben soll. Dazu gehört aber freilich, daß wir dasjenige beachten, was unter uns vorgeht, daß wir eine gewisse Anerkennung haben für diejenigen, die mit uns mitgehen und die sich bemühen, dasjenige, was in unserer Anthroposophischen Gesellschaft geschieht, so vor die Welt zu bringen, daß es wirklich in den Intentionen unserer Gesellschaft liegt. Gerade das verständige Verarbeiten der Zeitimpulse von unserem Gesichtspunkte aus ist es, was wir tun können, um dieser Zeit zu helfen. Wir brauchen den Mut nicht sinken zu lassen, mögen die Dinge sich auch noch so ungünstig entwickeln; denn wenn in der Zeitlichkeit die Dinge auch noch so fatal werden könnten, wir können uns des Lessingschen Gedankens erinnern: Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein? —, ein Gedanke, der jeden einzelnen Menschen angeht.
[ 49 ] Gerade in bezug auf die richtige Wertung und Schätzung desjenigen, was unter uns sich geltend macht, sollten wir uns, ich möchte sagen, gute Sitten aneignen. Ich darf in diesem Zusammenhange, ohne jemandem etwas Unangenehmes sagen zu wollen, vielleicht doch eines erwähnen. Die Zeitschrift «Das Reich» von Alexander von Bernus gibt sich alle Mühe, sich in unserer Strömung zu bewegen. Nun, was geht es einen an, ob man mit dem einen oder andern Beitrag in dieser Zeitschrift einverstanden ist oder nicht? Man kann ja gut mit vielem nicht einverstanden sein. Aber von seiten unserer Mitglieder sind gerade dieser Bestrebung gegenüber viele Fehler gemacht worden. Wenn man sieht, wie von allen Seiten das Beschimpfen getrieben wird, dann muß man sagen, ist es wirklich nicht richtig, daß Bestrebungen Steine in den Weg geworfen werden, die ehrlich im Sinne unserer Richtung gemeint sind. Natürlich konnte sich jeder sein Urteil bilden über die Dichtungen, die Alexander von Bernus gemacht hat im Anschlusse an gewisse historische okkulte Lehren, die sich in unserer Mitte finden. Daß aber aus unserer Mitgliedschaft sackgrobe Briefe in großen Fluten anrücken mußten, das halte ich für ganz überflüssig. Denn wohin kommen wir, wenn wir dasjenige, was für uns eintritt, schlecht behandeln, und uns um dasjenige, was uns beschimpft, in der Regel sehr wenig kümmern, sondern ruhig die Leute schimpfen lassen?
[ 50 ] Ich wollte Sie bei dieser Gelegenheit eben auf diese Zeitschrift «Das Reich» aufmerksam machen, die sich bemüht, unsere Bestrebungen zu fördern, weil ich auf die Frage, die etwa gestellt werden kann: Was können wir denn tun? — erwidern möchte: Dafür sind ja diese Betrachtungen gehalten worden, um die Antwort darauf zu geben! — Was können wir tun? Verständig im Sinne unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft uns zu den Angelegenheiten der Gegenwart verhalten! — Denn was wäre uns diese Geisteswissenschaft, wenn wir wirklich nicht über jenen Standpunkt der Menschen hinauskommen könnten, der gegenwärtig in allen Gebieten Europas von nationalen Aspirationen und dergleichen spricht und die Ereignisse im Sinne dieser nationalen Aspirationen gestaltet. Niemand braucht innerhalb der Gesellschaft, welche der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft dient, ein ungetreuer Sohn seines Volkes zu werden oder irgend etwas zu verleugnen, was er nicht verleugnen soll, weil er durch sein Karma mit einem gewissen Volke zusammengeschmiedet ist. Aber niemand ist wirklich Anthroposoph, der seine Augen verschließt gegen das Ungeheuerliche, das in der Gegenwart geschieht, der sich betäuben lassen will von allen jenen Betäubungsmitteln, die heute gewisse Machthaber anwenden, um nicht sagen zu müssen, was sie eigentlich anstreben. Daher lassen Sie uns auf das hinweisen, was leicht geglaubt wird, wenn es in sentimentaler Form an uns herantritt, während dasjenige auch heute noch immer hinter den Vorhängen der okkulten Ereignisse zurückgehalten werden muß, was immer zurückgehalten worden ist hinter den Vorhängen, hinter denen sich die okkulten Ereignisse abspielen.
[ 51 ] Denn für uns muß es klar sein, daß wieder die Zeit eintreten kann ich wähle heute meine Worte sehr vorsichtig und sage also: eintreten kann —, wo, weil man durchaus nicht den Frieden haben will, der Kampf sehr grausam wird, vielleicht grausamer als er schon war, wenn nicht von irgendeiner Seite doch etwas eintritt, um die Grausamkeit zu verhindern. Dann wird man wiederum die Möglichkeit finden, über die Grausamkeiten Mitteleuropas zu reden, und wird in Schutt und Trümmer begraben die Tatsache, daß man ja diese Grausamkeiten seinerseits hätte verhindern können, wenn man nicht wie ein Stier brüllend auf die Friedensaufforderungen geantwortet hätte. Es lag ja in der Hand der Peripheriemächte, den Frieden herbeizuführen. Aber es wird die Zeit kommen — es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Zeit trotzdem kommt —, wo man wiederum sagen wird: Gegen alles Völkerrecht machen die Deutschen dies oder jenes.
[ 52 ] Ja, meine lieben Freunde, wer umringt wird und eingeschlossen ist, dem von dem Umringenden her Vorwürfe zu machen, daß er sich nach allen Seiten verteidigt, nachdem man verhindert hat, was hätte hintanhalten können, was er tut, das ist zwar jetzt gang und gäbe — aber man muß es in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit einsehen. Daher muß man schon auch neben all das, was zum Beispiel in Belgien geschehen sein mag, die Tatsache stellen, daß von seiten des Britischen Reiches all das, was in Belgien geschehen ist, hätte verhindert werden können.
[ 53 ] Deshalb, mag es noch so rauh klingen, so bleibt es doch eine Unwahrhaftigkeit, wenn man über die belgischen Grausamkeiten redet und gar nicht ins Auge faßt, wie leicht diese von englischer Seite hätten verhindert werden können. Und gewiß ist es einfach eine Selbstverständlichkeit, daß man das tragische Geschick Frankreichs empfindet. Aber Frankreich hatte es wirklich in der Hand, sich an dem Kriege nicht zu beteiligen.
[ 54 ] Die Mittelmächte hatten es nicht in der Hand, einen fruchtlosen Defensivkrieg zu führen, nachdem sie gesehen hatten, daß sich Frankreich unter allen Umständen beteiligen würde. Das ist billig, zu sagen, man hätte sich einfach Grenze an Grenze gegenüberstehen können; das war eben nicht möglich, weil der russisch-französische Militarismus ein so überwiegender ist gegenüber dem, was man preußischen Militarismus nennt.
[ 55 ] Diese Dinge in ihrer Wahrheit ins Auge zu fassen, das können wir uns trotz aller Zugehörigkeit zu der einen oder zu der andern Gruppe vornehmen, ich sage nicht «müssen», sondern können. Und wenn wir es verarbeiten und es zum Inhalte unseres Lebens wird, dann kann jeder an seiner Stelle dasjenige tun, das er eben tun möchte, indem er die Frage stellt: Was vermag der einzelne zu tun? — Werden sich nicht immer mehr und mehr Menschen finden, die den Gedanken hegen, gemeinsamen europäischen Widerstand dem Kriegswillen verborgen wirkender Mächte entgegenzustellen, dann, ja dann ist der Zusammenbruch der europäischen Kultur nicht zu vermeiden. Schon braust uns vom Osten herüber ein Kriegswille entgegen — aus Japan, wo sich ein Imperialismus vorbereitet, der vielleicht ein viel mächtigerer sein wird, als ihn die bisherigen Imperien hatten. Der Eroberungswille äußert sich in dem Ruf des neuen Nationalliedes, das, anklingend an die englische Hymne «Rule Britannia», nun ertönen läßt sein «Rule Nippon». Damit Sie sehen, daß die europäischen Mächte Grund gehabt hätten, das Wort Friede, den Inhalt des Friedensgedankens jetzt nicht zu verhöhnen, möchte ich Ihnen den folgenden Hymnus vorlesen, den die japanischen Zeitungen bringen:
Als Nipun auf des Herrn Gebot
Der Flut enttaucht im Morgenrot,
Hallt tönend durch die weite Welt
Ein Ruf vom blauen Himmelszelt:
Zur Herrschaft, Japan, bist du geboren,
Erhebe dich stolz mit der Morgensonne:
Ich habe dich zum Herrn dieser Erde erkoren.
Zerrissen von Haß und blinder Wut
Sinkt hin Europa im eignen Blut,
Doch du, von Schuld und Fehler rein,
Sollst dieser Erde Hüter sein.
Zur Herrschaft, Japan, bist du geboren.
Erhebe dich stolz mit der Morgensonne!
Ich habe dich zum Herrn meiner Erde erkoren.
[ 56 ] So tönt es herüber vom Osten. So antwortet der Osten auf das im Blut schwimmende Europa. Und dem gegenüber gibt es in Europa Menschen, die den Friedensruf verhöhnen wollen! Das ist eine Tatsache, die wir nicht tief genug bedenken können.
