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Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band III
Die Wirklichkeit okkulter Impulse
GA 173c

28 Januar 1917, Dornach

Dreiundzwanzigster Vortrag

[ 1 ] Heute werde ich einiges Allgemeinere sagen, vielleicht in aphoristischen Betrachtungen, um dann am Dienstag etwas vorzutragen über die Bedeutung unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft für die Gegenwart und für die Menschheitsevolution. Ich möchte gerade dann einiges für uns gewiß Beherzigenswerte vorbringen, das ja auf der einen Seite eine Art Rückblick auf unsere Tätigkeit sein wird, auf der andern Seite aber auch einiges zur Darstellung bringen soll, was uns wichtig sein kann für die ganze Beurteilung unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung und der Art, wie wir in ihr stehen. Es scheint mir, daß es im gegenwärtigen Zeitpunkt notwendig ist, eine solche Betrachtung uns einmal zu Herzen zu führen.

[ 2 ] Heute möchte ich zunächst einiges von dem vorbringen, was uns Menschen gewissermaßen unsere Stellung im Weltenall fühlen lassen kann. Der Mensch des materialistischen Zeitalters fühlt sich ja eigentlich, man könnte sagen, verlassen und vereinsamt im Weltenall. Sehen Sie, der Mensch hat als solcher das Gefühl, wenn man ihm einen Finger abhackt oder eine Hand, ein Bein amputiert, daß man ihm etwas nimmt, was mit seinem physischen, leiblichen Wesen zusammenhängt, er empfindet die Zusammengehörigkeit des Teiles mit dem Ganzen seiner Leiblichkeit. Nun, in früheren Zeiten der Menschheitsevolution fühlte man ja noch ganz anders. Man fühlte nicht nur, daß die Hand, der Arm, das Bein ein Glied von einem selbst sind, sondern man fühlte sich selber als Glied in einem Ganzen. Man konnte für frühere Zeiten in ganz anderem Sinne als jetzt vom Gruppen-Ich sprechen; die Stämme, die Familien durch Generationen hinauf fühlten sich wie ein Ganzes. Wir haben das öfters ausgeführt. Aber in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung fühlte man in bezug auf das äußere physische Dasein noch anders: man fühlte gewissermaßen sich im ganzen Weltenall drinnenstehend, herausgebildet aus dem ganzen Weltenall. So wie man jetzt fühlt, daß der Finger, die Hand ein Glied des ganzen Organismus sind, so fühlte man in alten Zeiten: Da oben ist die Sonne, sie geht ihre Bahn; dasjenige, was sie ist, das ist nicht ohne Beziehung zu uns selbst. Wir sind ein Stück jenes Gebietes, das die Sonne durchmißt, wir sind ein Stück des Weltenalls, das durch den Mond in gewissen Rhythmus gebracht wird. — Kurz, man fühlte das Weltenall wie einen großen Organismus und fühlte sich darinnen, wie sich der Finger heute am Leibe fühlen kann. Daß dieses Gefühl, diese Empfindung dem Menschen mehr oder weniger abhandengekommen ist, das hängt gar sehr zusammen mit dem Heraufkommen des Materialismus. Und namentlich ist es die heutige Wissenschaft, welche es ganz verschmäht, auf dieses Drinnenstehen im Kosmos einen besonderen Wert zu legen. Die Wissenschaft nimmt den Menschen so, wie er sich als einzelne Leiblichkeit darstellt, untersucht dann anatomisch, physiologisch seine einzelnen Stücke und beschreibt, was da bemerkt werden kann. Nicht mehr ist es in der Wissenschaft Brauch, den Menschen anzusehen als ein Glied im ganzen Organismus des Weltenalls, soweit es physisch sichtbar ist.

[ 3 ] Nun wird die menschliche Betrachtung, auch die wissenschaftliche Betrachtung wiederum zurückkehren müssen zu einer Eingliederung des Menschen in das ganze kosmische All. Der Mensch wird sich wiederum drinnenstehend fühlen müssen im ganzen kosmischen All. Er wird es nicht mehr so können, wie das in alten Zeiten der Fall war; er wird es dadurch können müssen, daß er seine heute abstrakte, auf den einzelnen Menschen angewendete Wissenschaft erweitert durch gewisse Erwägungen, durch gewisse Urteile, von denen wir heute nur eines — wir haben schon vor einigen Wochen darauf hingewiesen — anführen wollen, welches uns zeigen soll, in welcher Richtung sich das wissenschaftliche Denken bewegen wird, das zugleich viel menschlicher werden wird als das heutige wissenschaftliche Denken, wenn der Mensch wiederum das Bewußtsein, im ganzen kosmischen All drinnenzustehen, finden soll.

[ 4 ] Sie wissen, daß der sogenannte Frühlingspunkt, das heißt der Punkt, in dem die Sonne im Frühling aufgeht, nicht immer an derselben Stelle ist, sondern daß er vorrückt in dem Kreis, den wir als den Tierkreis bezeichnen. Wir wissen ja, daß dieser Frühlingspunkt bezeichnet wird, und immer, lange Zeit, seit die Menschheit denkt, bezeichnet wurde dadurch, daß man die Stelle im 'Tierkreis angibt, wo der Frühlingspunkt liegt. So sah man die Sonne ungefähr vom 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha bis ins 15. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha im Sternbild des Widders im Frühling aufgehen, aber nicht immer an derselben Stelle, sondern der Frühlingspunkt, dieser Aufgangspunkt rückte vor. Während dieser Zeit ging er durch das Sternbild des Widders. Seit jener Zeit ist der Frühlingspunkt in das Sternbild der Fische eingerückt. Ich bemerke ausdrücklich, die Astronomie rechnet heute nicht nach den Sternbildern selbst; daher werden Sie in den Kalendern noch immer den Frühlingsaufgangspunkt im Sternbild des Widders finden, wo er ja in Wirklichkeit nicht steht. Die Astronomie hat beibehalten die Annahme des früheren Zyklus, sie teilt einfach den ganzen Kreis in zwölf Glieder und nennt, ganz unbekümmert um die Sternbilder selber, den zwölften Teil ein Zeichen, und wird fortfahren, auch wenn sie vorrückt, diese Einteilung beizubehalten. Sie wissen ja aus unserem Kalender, wie es sich mit dieser Sache verhält. Nun, das ist ja für uns nicht wichtig. Für uns ist wichtig, daß dieser Frühlingspunkt vorrückt, also durch den ganzen Tierkreis weitergeht, so daß immer um ein Stückchen weiter der Aufgangspunkt der Sonne ist. Er muß also durch den ganzen Tierkreis durchgehen und wieder zurückkommen an die alte Stelle. Dazu braucht er ungefähr 25920 Jahre. Diese 25920 Jahre nennt man auch das sogenannte platonische Jahr, das Weltenjahr. Also es ist ein großes Jahr, das platonische Jahr. Das platonische Jahr umfaßt die Zeit, während welcher der Frühlingspunkt, der Aufgangspunkt der Sonne, durchgeht durch den Tierkreis. Also die Zeit, nach welcher der Sonnenaufgang wieder angekommen ist für den Frühling an demselben Punkt, umfaßt 25920 Jahre. Die Angaben sind nach den verschiedenen Berechnungen verschieden, es kommt jetzt nicht auf genaue Zahlen an, sondern auf den Rhythmus, der darinnen liegt. Sie können sich ja denken, daß ein großer Weltenrhythmus darinnen liegt, daß gewissermaßen diese Bewegung, die in dem eben Ausgesprochenen gegeben ist, nach 25 920 Jahren immer wiederkehrt.

[ 5 ] Wir können also sagen: Diese 25920 Jahre sind für das Leben der Sonne etwas sehr Wichtiges, weil das Leben der Sonne in dieser Zeit eine Einheit durchmacht, eine richtige Einheit; denn die nächsten 25 920 Jahre sind eine Wiederholung. So daß wir rhythmisches Ablaufen haben mit der Einheit von 25 920 Jahren.

[ 6 ] Nachdem wir dieses große Weltenjahr betrachtet haben, betrachten wir einmal etwas Kleines, etwas, was innig zusammenhängt mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod, also mit dem Leben, insofern wir Menschen des physischen Kosmos sind. Betrachten wir es zunächst. Es ist ja unzweifelhaft: ein Wichtigstes für dieses Leben im physischen Leibe ist ein Atemzug, ein Einatmen und Ausatmen, denn auf diesem Einatmen und Ausatmen beruht ja im Grunde genommen unser physisches Leben; sobald das Atmen unterbrochen wäre, würden wir nicht physisch leben können. Ein Atemzug ist in der Tat etwas sehr Bedeutungsvolles. Ein Atemzug bringt uns die Luft, die uns belebt in der Form, wie sie uns beleben kann. Wir wandeln durch unseren eigenen Organismus diese Luft wiederum um, so daß sie Todesluft ist, daß sie uns töten würde, wenn wir sie in dem Zustande, in dem sie ist nach einem Atemzug, wiederum einatmen würden.

[ 7 ] Nun hat der Mensch im Durchschnitt in einer Minute achtzehn Atemzüge. Sie sind ja nicht gleich, sind in der Jugend anders als im Alter, aber wenn man das Mittel nimmt, so bekommt man als Normalzahl der Atemzüge achtzehn in der Minute. Wir erneuern in dieser Weise achtzehnmal rhythmisch unser Leben in der Minute. Probieren wir einmal, wie oft wir das in einem Tage tun. Also in einer Stunde 18 mal 60 gleich 1080. In vierundzwanzig Stunden: 1080 mal 24 gleich 25 920, also 25 920mal!

[ 8 ] Sie sehen, dieses Leben, wie es an einem Tage abläuft, hat einen merkwürdigen Rhythmus. Wenn wir eine Einheit, eine Lebenseinheit in einem Atemzuge nehmen, so ist das für uns etwas sehr Bedeutungsvolles, denn das rhythmische Wiederholen des Atemzuges unterhält unser Leben. Ein Tag gibt uns solche Atmungsrhythmen in genau derselben Zahl, wie die Zahl der Jahre ist, die die Sonne braucht, um ihren Aufgangspunkt wiederum an denselben Ausgang zurückzuführen. Das heißt, wenn wir uns einen Atemzug als ein Jahr im Kleinen denken, so vollenden wir ein platonisches Jahr im Kleinen, ein Abbild also, ein mikrokosmisches Abbild des platonischen Jahres, in einem Tage. Das ist außerordentlich bedeutsam, denn daraus ersehen Sie, daß unser Atmungsprozeß, also etwas, was in unserem menschlichen Wesen verläuft, demselben Rhythmus, nur mit einem Zeitunterschiede, unterliegt, wie dasjenige, was im Großen als Rhythmus dem Sonnengang zugrunde liegt.

[ 9 ] Es ist wichtig, sich solch eine Sache einmal vor die Seele zu bringen. Denn wenn man das, was damit gesagt ist, in ein Gefühl verwandelt, dann ist dieses Gefühl ein solches, das uns sagt: Wir sind ein Abbild des Makrokosmos. Es ist nicht bloß eine Phrase, nicht bloß ein Gerede, daß der Mensch ein Abbild des Makrokosmos ist, sondern es ist im Detail nachzuweisen. Sie können daraus auch ein Gefühl bekommen, wie gut fundiert alle Gesetze sind, die aus der Geisteswissenschaft kommen, weil sie alle auf einer solchen intimen Kenntnis des inneren Zusammenhanges im Weltenall beruhen; nur kann man nicht immer alle Details klarlegen.

[ 10 ] Nun müssen wir natürlich bei solchen Dingen uns vor allem darüber klar sein, daß der Mensch in einer gewissen Weise aus dem ganzen Weltenall teilweise herausgerissen ist. Er steht im ganzen in dem Rhythmus des Weltenalls drinnen, aber er ist in einer gewissen Weise wiederum frei; er ändert einiges, so daß es immer nicht genau zusammenstimmt, aber in diesem Nicht-genau-Zusammenstimmen liegt gerade die Möglichkeit seiner Freiheit. In dem Zusammenstimmen im allgemeinen aber liegt das Darinnenstehen im kosmischen All.

[ 11 ] Ich muß diese Bemerkungen, die ich eben gemacht habe, aus einem gewissen Grunde machen, damit nicht dasjenige mißverstanden wird, was ich jetzt sagen werde. Nachdem wir den Atemzug betrachtet haben, betrachten wir jetzt einmal ein größeres, das nächstgrößere Lebenselement: den Wechsel von Schlafen und Wachen. Der Atemzug gilt uns eben als das kleinste Lebenselement. Jetzt betrachten wir den Wechsel von Schlafen und Wachen. Man kann in der Tat den Wechsel von Schlafen und Wachen in einer gewissen Weise in Analogie mit dem Atmen betrachten.

[ 12 ] Sie wissen, ich habe des öftern das Aufnehmen des Astralleibes und des Ich beim Aufwachen, und wiederum das Herauslassen des Astralleibes und des Ich beim Einschlafen geradezu wie ein im Laufe von Tag und Nacht erfolgendes Aus- und Einatmen beschrieben. Aber wir können es sogar noch in einem viel materialistischeren Sinne ins Auge fassen. Wenn wir die Luft einatmen: sie geht herein, sie geht heraus. Das ist das Aufnehmen der Luft, das Ausatmen der Luft, also einfach ein Hin- und Herpendeln des Stofflichen: Heraus, herein, heraus, herein. In einer ganz ähnlichen Weise vollzieht sich schön ein Rhythmus in den Wechselzuständen von Schlafen und Wachen. Denn wenn wir des Morgens beim Aufwachen in uns aufnehmen unser Ich und unseren Astralleib, so wird unser Ätherleib zurückgedrängt, er wird aus dem Haupte heraus mehr in die andern Glieder des Organismus hineingedrängt. Und wenn wir wiederum einschlafen, den astralischen Leib und das Ich hinausbefördern aus uns, dann verbreitet sich der Ätherleib in derselben Weise, wie er im ganzen Unterleib ist, auch in das Haupt, so daß wir ein fortwährendes Rhythmisieren haben: Ätherleib heruntergedrückt — aufgewacht; er bleibt herunten, während wir wachen. Wenn wir einschlafen, wird er wiederum in den Kopf hinaufgedrängt. Und so geht es auf, ab, auf, ab im Laufe von vierundzwanzig Stunden, wie der Atem aus- und eingeht. Also wir haben ein rhythmisches Bewegen des Ätherischen im Laufe von vierundzwanzig Stunden. Natürlich liegen beim Menschen wiederum Unregelmäßigkeiten vor, darauf beruht ja sein Freiheitsvermögen, sein Freiheitsgrad, aber im ganzen gilt das, was ich gesagt habe.

[ 13 ] Nun könnten wir sagen: Also atmet etwas in uns — es ist jetzt ein anderes Atmen, es ist jetzt ein Auf- und Absteigen —, etwas atmet in uns während eines Tages, wie etwas in uns während des achtzehnten Teiles einer Minute atmet. Nun, wir wollen einmal probieren, ob dieses, was da atmet in diesem Auf- und Absteigen des ätherischen Leibes, auch so etwas darstellt wie einen Zirkelgang, wie ein Zurückgehen zu seinem Ausgangspunkte. Da müßten wir einmal verfolgen, was 25 920 Tage eigentlich sind. Denn 25920 solche Atemzüge des Auf- und Abgehens würden dann in bezug auf dieses Auf- und Abgehen einer Nachbildung des platonischen Jahres entsprechen müssen. So wie ein Tag 25920 Atemzügen entspricht, so müßten 25920 Tage auch irgend etwas im menschlichen Leben entsprechen. Wieviel Jahre sind denn das? Probieren wir das einmal.

[ 14 ] Nehmen wir das Jahr im Durchschnitt zu 365% Tagen und dividieren wir, so bekommen wir 25 920 :365,25 = etwa 71, also sagen wir einundsiebzig Jahre, das heißt die durchschnittlichemenschliche Lebensdauer. Der Mensch hat natürlich seine Freiheit und wird oftmals viel älter, aber Sie wissen, das patriarchalische Lebensalter wird ja sogar mit siebzig Jahren angegeben. Sie haben die menschliche Lebensdauer: 25920 Tage, 25920 große solche Atemzüge: wiederum ein Zyklus, der in wunderbarer Weise mikrokosmisch abbildet das Makrokosmische. So daß wir sagen können: Leben wir einen Tag, bilden wir mit 25 920 Atemzügen das platonische Weltenjahr ab; leben wir einundsiebzig Jahre, bilden wir mit 25920 großen Atemzügen — Auf- und Abstieg von Aufwachen und Einschlafen — wiederum das platonische Jahr ab.

[ 15 ] Nun können wir von diesem übergehen zu dem, was in Details auszuführen heute zu weit führen würde, aber ich will andeuten, was nun okkultistisch empfunden werden kann. Wir sind umgeben von derLuft. Die Luft gibt uns die Möglichkeit zum nächsten Lebenselemente, das sich vollzieht im Rhythmus der Atemzüge. Dasjenige also, was auf der Erde ist, die Luft, gibt uns diesen Rhythmus. — Wer gibt uns denn den andern Rhythmus? Die Erde selbst! Denn er wird ja dadurch geregelt, daß die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, wenn wir im neueren astronomischen Sinne sprechen, im Wechsel von Tag und Nacht. So daß wir also sagen können: Die Luft atmet in uns bei einem Atemzug; die Erde, indem sie uns aufwachen und einschlafen läßt, atmet, pulst in uns durch ihre Achsendrehung, durch ihren Wechsel von Tag und Nacht. Und unser Lebensalter können wir uns nun für die Erde als einen Tag eines Lebewesens vorstellen, das, statt daß es einen Atemzug macht in einer achtzehntel Minute, eben den Atemzug macht in Tag und Nacht. Für dieses sind siebzig Jahre eben ein Tag, und das Tag- und Nachtwerden im gewöhnlichen Sinne ist sein Atemzug.

[ 16 ] Sie sehen, man kann sich da in einem größerer Leben darinnen fühlen, das nur einen längeren Atemzug hat, nämlich den Atemzug, der in vierundzwanzig Stunden verläuft, und einem längeren Tag, der siebzig, einundsiebzig Jahre dauert. Da kann man sich in einem Lebewesen drinnen fühlen, das einen so viel längeren Puls- und Atmungsrhythmus hat. Sie sehen also: es ist ganz und gar richtig, wenn man vom Mikrokosmos als dem Abbild des Makrokosmos spricht, denn die ganze Abbildlichkeit läßt sich zahlenmäßig nachweisen. Wenn wir also sagen: Die Luft atmet in uns, veratmet sich in uns, das Irdische atmet in uns, insofern wir dem größeren Lebewesen angehören, so könnten wir eventuell die Frage aufwerfen: Vielleicht stehen wir jetzt nicht nur zu der Luft, die auf der Erde ist, zu der ganzen Erde mit ihrem Rhythmus von Tag und Nacht, sondern zu dem ganzen Sonnenaufgang, wie er sich im platonischen Jahre wiederum zu seinem Ausgangspunkt zurückführt, auch in einer gewissen Beziehung?

[ 17 ] Diese Dinge sind von allerhöchstem Interesse, aber sie gehen an der heutigen Wissenschaft geradezu wesenlos vorbei, weil diese keine Rücksicht auf sie nimmt. Einmal trat mir dieser Gegensatz der heutigen Wissenschaft und der Wissenschaft, die da kommen muß, ich möchte sagen, ganz leibhaftig entgegen. Ich habe Ihnen ja vielleicht schon erzählt, daß ich im Herbst 1889 gerufen wurde, um mitzuarbeiten am Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar zur Bearbeitung der naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes, die ich dann redigiert habe für die größere Weimarische Goethe-Ausgabe, die sogenannte SophienAusgabe. Da handelte es sich darum, alles dasjenige zu studieren, was an den Dokumenten, die Goethe hinterlassen hat, zu ersehen war über seine anatomischen, physiologischen, zoologischen, botanischen, mineralogischen, geologischen und auch meteorologischen Studien. Goethe hat außerordentlich viel Studien gemacht über die Witterung im Laufe eines Jahres, namentlich im Zusammenhange mit den Barometerständen, und man konnte ganz erstaunt sein über die große Zahl von Tabellen, die Goethe zum Zwecke der Meteorologie ausgearbeitet hat. Von denen ist ja nur weniges veröffentlicht, Sie finden einige solcher Tafeln reproduziert in meiner Ausgabe, aber es ist wenig davon veröffentlicht. Goethe hat wirklich, so wie man heute Fieberkurven tabellarisch macht, die Barometerstände eines Ortes und verschiedener Orte eingezeichnet in Tabellen, und hat, indem er den Barometerstand eines Tages zu einer bestimmten Zeit aufgenommen hat, dann ein paar Stunden später, wiederum später, wiederum später und so weiter, das verfolgt während Monaten. Er versuchte, auf diese Weise die entsprechenden Kurven herauszukriegen für die verschiedenen Orte.

[ 18 ] Solche Kurven der Barometerstände sind etwas, womit die heutige Wissenschaft noch wenig anzufangen weiß. Aber Goethe wollte diese Kurven aufnehmen, die ihm gleichsam ein Analogon gaben für den Puls, wenn man ihn aufnimmt in der Fieberkurve. Also eine Art Erdenpuls wollte er da aufnehmen, allerdings den regelmäßigen, regulären Erdenpuls. Was wollte er damit? Er wollte nachweisen, daß die Schwankungen des Barometerstandes im Laufe des Jahres nicht so unregelmäßig vor sich gehen, wie die gewöhnliche Meteorologie es annimmt, sondern daß darin eine gewisse Regelmäßigkeit lebt, die nur modifiziert wird durch untergeordnete Zeitenumstände. Er wollte nachweisen, daß die Gravitation der Erde ein Aus- und Einatmen darstellt während eines Jahres, er wollte gerade auf das hinweisen, was sich ausdrückt auch im menschlichen Aus- und Einatmen. Das wollte er im Barometerstande wiederfinden. Solche Ausführungen der Wissenschaft wird es auch in Zukunft geben, wenn man wiederum das Mikrokosmische im Makrokosmischen untersuchen wird. Ganze Haufen von solchen Tabellen hat Goethe gemacht, um das Pulsieren, das Atmen, das Aus- und Einatmen der Erde, wie er es selber nannte, zu studieren.

[ 19 ] Sie sehen ja, wie auch in dieser Beziehung bei Goethe ein Hinarbeiten auf eine Gestalt der Wissenschaft vorliegt, wie sie erst die Zukunft bringen muß. Man bekommt dabei auch zugleich ein Bild jenes ungeheueren Fleißes, den Goethe angewendet hat, um zu den Dingen zu kommen, zu denen er gekommen ist. Bei ihm ist nie irgend etwas bloß eine Behauptung, wie es so häufig bei andern der Fall ist. Wenn ein anderer redet vom Pulsieren der Erde, so meint er oftmals ein bloßes Bild, eine Metapher, es ist ihm einfach ein Aperçu. Goethe hat bei einer Bemerkung, die er in drei, vier Zeilen zusammenfaßt, zum Beispiel wenn er sagt, die Erde atmet aus und ein, einen ganz hohen Haufen von Tabellen, auf Grund derer er eine solche Behauptung aufstellt. Er hat immer Erfahrungswissen dahinter; während die meisten Menschen sagen: Erfahrungswissen — Schall, Dunst! — Daß man etwas hinter sich stehen haben muß, wenn man einen Ausspruch tut, das kann insbesondere an Goethe studiert werden. — So also wären wir auch auf diese Weise dazu gekommen, zu erkennen, wie die Erde selber als ein großes Wesen atmet.

[ 20 ] Nun wollen wir einmal probieren, ob man von einem solchen Atmen auch sprechen kann, wenn man sich in das ganze platonische Sonnenjahr hineinstellt. Da haben wir 25920 Jahre. Behandeln wir diese 25920 Jahre jetzt einmal rücksichtslos wie eir Jahr und suchen wir, wie sich das dann verhält zu einem Tag. Wenn wir das als Ganzes als ein Jahr betrachten und finden wollen, was auf einen Tag fällt, so müssen wir durch 365 14 dividieren, dann kriegen wir einen Tag heraus; wenn das Ganze ein Jahr ist und wir dividieren durch 365 14, haben wir einen Tag. Wollen wir einmal sehen, was das gibt, wenn wir dividieren. Wir haben schon einmal dividiert, da kriegten wir einundsiebzig Jahre heraus, die menschliche Lebensdauer. Das heißt, die menschliche Lebensdauer ist ein Tag für das ganze platonische Jahr. Das ganze platonische Jahr würde also mit Bezug auf die menschliche Lebensdauer so aufgefaßt werden können, daß wir nun als physische Wesen, indem wir unsere Lebensdauer durchmessen, selber herausgeatmet sind aus dem, was im ganzen platonischen Jahr vor sich geht, und dann würden einundsiebzig Jahre, als ein Tag aufgefaßt, ein Atemzug sein des Wesens, das das platonische Jahr durchlebt.

[ 21 ] Also mit dem achtzehnten Teil einer Minute sind wir ein Lebensglied der Luft, mit einem Tag sind wir ein Lebensglied der Erde, mit unserer ganzen Lebenszeit sind wir so, wie wenn wir mit unserer Geburt ein Atemzug wären aus dem Wesen, das 25 920 Jahre als ein Jahr betrachtet, herausgeatmet in einem Tag und wieder zurückgeatmet. Da hätten wir, wenn wir auf unseren physischen Leib sehen, in diesem physischen Leib, der also sein Patriarchenalter durchlebi, einen Atemzug des großen Wesens, das so lange lebt, daß für es 25920 Jahre ein Jahr sind. Dann sind wir selber mit unserem Patriarchenalter ein Tag. Also, wenn wir ein Wesen betrachten, das mit unserer Erde lebt, die Tag und Nacht in vierundzwanzig Stunden wechselt, dann ist das ein Atemzug für unseren Ätherleib. Und ein Atemzug für unseren Astralleib wäre der wirkliche Atemzug von einer achtzehntel Minute.

[ 22 ] Da haben Sie ein Analogon für eine uralte Behauptung, denn in den Vorzeiten hat man sich etwas vorgestellt, was man bezeichnet hat als die «Tage und Nächte Brahmas». Da haben Sie ein Analogon dafür. Denken Sie sich ein Geistwesen, für das unsere einundsiebzig Jahre dasjenige sind, was ein Atemzug für unsere Atmungsluft ist: dann sind wir der Atemzug dieses Wesens. Indem wir durch unsere Geburt als kleiner Knirps in die Welt hineingestellt werden, atmet uns das Wesen aus, das das platonische Jahr durchlebt wie ein Jahr, also daran sein Alter mißt. Das atmet uns also hinaus in das Weltenall, und wenn wir sterben, atmet es uns wieder ein: hinausgeatmet — hineingeatmet. Gehen wir nun zur Erde: Sie atmet uns in einem Tag aus und ein. Und jetzt gehen wir zu der Luft, die ein Teil der Erde ist: Sie atmet uns in einer achtzehntel Minute aus und ein, und immer bildet die Zahl 25 920 die Rückkehr zum Ausgangspunkt. Da haben Sie einen regelmäßigen Rhythmus, da fühlt man sich drinnenstehen im Weltenall, da lernt man wissen, daß wirklich das menschliche Leben und ein Tag des menschlichen Lebens für größere, umfassendere Wesen dasselbe ist wie in unserem Leben ein Atemzug. Und wenn man diese Erkenntnis gefühlsmäßig in sich aufnimmt, dann wird einem das Wort vom Ruhen im Weltenall etwas außerordentlich Bedeutungsvolles.

[ 23 ] Diese Dinge liegen schon durchaus auf. der Bahn der wissenschaftlichen Betrachtung, und man wird nichts anderes brauchen als die Gesinnung der Geisteswissenschaft, um die Zahlen, die ja jeder kennt, die in jedem Konversationslexikon stehen, in dieser Weise zu verwerten. Aber wird man sie einmal verwerten, dann wird man aus der gewöhnlichen Wissenschaft heraus den Anschluß gewinnen an die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.

[ 24 ] Nun, in ähnlicher Weise wird man alles geordnet finden nach der Zahl, wie wir gesehen haben, aber auch nach dem Maße. Und solch ein Wort wie das biblische: Alles im Weltenall ist nach Maß und Zahl geordnet —, das wird einen tiefen Inhalt bekommen können aus der menschlichen Wissenschaft heraus.

[ 25 ] Aber gehen wir weiter. Was hängt denn mit unserem Atem zusammen, gleichsam wie eine Dependance unseres Atems? Unsere Sprache! Organmäßig hängt unsere Sprache mit dem Atmen zusammen, und es kommt die Sprache nicht nur aus demselben Organ heraus, sondern es hängt ja das Sprechen mit dem Atmen zusammen, das ist mit dem, was in dem Rhythmus von einer achtzehntel Minute drinnensteckt. So sprechen wir, und so spricht zu uns der Mensch, der neben uns auf der Erde steht. Wie die Luft neben uns auf der Erde ist, uns umgibt, so sprechen mit Beziehung zu dem Atmungsrhythmus die Menschen, die in unserer Umgebung sind. Es würde daraus folgen, daß auch mit jenem Atmen, das an Tag und Nacht gebunden ist, ein Sprechen zusammenhängt, allerdings jetzt mit Wesen, die zum Organismus der Erde gehören, die, so wie die Menschen zur Luft, zum Organismus der Erde gehören. Dasjenige, was in früheren, in uralten Zeiten als Weisheit den Menschen von höheren Wesen mitgeteilt worden ist, das ist ihnen nicht auf solche Weise mitgeteilt worden, daß das zusammenhing mit dem Atmungsrhythmus in einer achtzehntel Minute, sondern das hing mit jenem Atmungsrhythmus zusammen, der einen Tag zu seiner Einheit hatte. Da haben sie nicht so schnell lernen können in jener alten Zeit; da mußten sie so lange Worte abwarten, die dem entsprechen, daß der Atemzug vierundzwanzig Stunden dauert. Und auf diese Weise ist die alte Erkenntnis entstanden, die auf dem Grund der Dinge heute waltet und die man in den verschiedenen Traditionen erkennt. Sie wurde vermittelt von höheren Wesen, welche mit der Erde so zusammenhängen wie der Mensch mit der Luft, und welche zu dem Menschen herankommen. Derjenige, der heute sich zu Initiationen hinaufarbeitet, der merkt noch etwas von dem. Denn die Dinge kommen viel, viel langsamer an den Menschen heran, die aus der geistigen Welt mitgeteilt werden, als die Dinge, die auf den Flügeln unserer gewöhnlichen Luftvorgänge mitgeteilt werden.

[ 26 ] Deshalb ist es so bedeutungsvoll, daß derjenige, welcher zur Initiation strebt, die große Bedeutung des Überganges von Einschlafen und Aufwachen in sich erfühlen lernt. Im Einschlafen und Aufwachen, in diesem Übergang, da fühlen wir am allerehesten, wie Geistwesen geheimnisvoll mit uns sprechen; erst später geht das in eine gewisse Willkür ein. Und wenn Sie den Zugang zu der Welt gewinnen wollen, in der die Toten weilen, dann ist das auch ein guter Weg, wenn Sie sich bewußt sind, daß am ehesten die Toten sprechen im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Im Einschlafen allerdings ist es schwierig, weil der Mensch in der Regel, wenn er einschläft, sogleich in die Bewußtlosigkeit gerät und nicht gewahr wird, was ihm die Toten sagen. Aber im Aufwachen, wenn man es dahin bringt, daß man den Moment des Aufwachens gut ins Auge faßt, dann kann man da am allerehesten mit den Toten in Kommunikation treten, gerade im Aufwachen. Nur muß man versuchen, den Moment des Aufwachens recht in seine Willkür hereinzubekommen. In die Willkür hereinbekommen, das heißt mit andern Worten: Man muß trachten, aufzuwachen, aber noch nicht in das Licht des Tages überzugehen. Sie wissen ja, es gibt eine — meinetwillen nennen Sie es abergläubische — Regel: Wenn man einen Traum so richtig halten will für die Erinnerung, so darf man nicht ans Fenster, ins Licht schauen, sonst vergißt man ihn leicht. So ist es aber namentlich für die feinen Beobachtungen, die aus der geistigen Welt fließen. Man muß versuchen, gewissermaßen im Finstern, aber im willkürlich herbeigeführten Finstern, indem man nicht horcht auf Geräusche, indem man nicht die Augen aufmacht, bewußt, aber noch nicht dem Tag entgegenlebend aufzuwachen. Dann merkt man das Hereinkommen der Mitteilungen der geistigen Welt am besten.

[ 27 ] Nun könnten Sie sagen: Aber dann kann man ja im Verlaufe seines Lebens sehr wenig an Mitteilungen bekommen! — Denn bedenken Sie, wie schwierig es wäre, wenn wir also im Grunde genommen nur die Möglichkeit hätten, im Laufe unseres Lebens soviel Mitteilungen zu bekommen, wie sonst an einem Tage. Es genügt zwar schon, aber wir können es ja nicht ausnützen, denn da ist die Kindheit und so weiter. Aber nun ist die Erde daran beteiligt, und — das bitte ich Sie zu berücksichtigen — die Erde bekommt diese Mitteilungen in ihren Ätherleib; und da kann, weil dieses aufgeschrieben bleibt im Erdenäther, die Mitteilung weiter studiert werden. Ebenso können noch umfassendere Mitteilungen, die uns das Wesen vermittelt, welches zum Lebenselemente das platonische Jahr hat, im Sonnenäther, der die ganze Welt ausfüllt, studiert werden auf die Weise, wie es beschrieben ist in einzelnen Partien von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in andern Büchern.

[ 28 ] Sie sehen daraus, wie man ein Band weben kann von der gewöhnlichen Wissenschaft zu der Geisteswissenschaft. Allerdings wird derjenige, dem die Geisteswissenschaft fremd ist, kaum dahin kommen, das, was in der äußeren Wissenschaft gegeben ist, in der entsprechenden Weise zu verwerten. Aber für den, der die Gesinnung der Geisteswissenschaft hat, wird schon kein Zweifel sein können, wenn er an diese Dinge herandringt, daß einmal eine Zeit kommen wird, wo wirklich sich äußere Wissenschaft und Geisteswissenschaft voll miteinander verbinden werden.

[ 29 ] Ich sagte: Einen Teil nur habe ich Ihnen vorgeführt, nämlich den rhythmischen Gang, der sich ins Atmen eingliedert. Nun gibt es vieles, was, wenn es zahlenmäßig vorgeführt wird, zeigt, wie der Mikrokosmos mit dem Makrokosmos zusammenstimmt, und der Mensch kann sich ein umfassendes Gefühl erwerben von diesem Zusammenstimmen. Solch ein umfassendes Gefühl hat man auch den älteren Schülern der Mysterien noch bis ins 15. Jahrhundert herein gegeben. Bevor sie überhaupt irgend etwas von Wissen aufnehmen sollten, versuchte man ihnen ein Gefühl des Darinnenstehens im Weltenall beizubringen. Und das ist wiederum ein Kennzeichen der materialistischen Zeit, daß man heute ein Wissen aufnehmen kann, ohne daß man gefühlsmäßig auf dieses Wissen vorbereitet ist. Ich habe darauf aufmerksam gemacht schon in den einleitenden Worten zu dem ersten Kapitel von «Das Christentum als mystische Tatsache», wo ich darauf hingewiesen habe, wie in den Mysterien zuerst ein gewisses Gefühl entwickelt wurde und dann das Wissen betrachtet worden ist.

[ 30 ] Insbesondere wird das Gefühl des Entsprechens von Mikrokosmos und Makrokosmos wichtig sein, wenn man wiederum zu konkreten Begriffen kommen will über dasjenige, wofür heute nur Abstraktionen vorhanden sind. Denn was ist denn in der heutigen abstrakten materialistischen Zeit vielfach «ein Volk»? So und so viel Menschen, die in gleicher Weise sprechen! Denn die materialistische Zeit hat natürlich kein Urteil über das Volkswesen als einer besonderen Individualität, über die wir ja oft gesprochen haben. Wir sprechen von dem Volkswesen als einer besonderen Individualität, als einer richtigen einzelnen Individualität. So sprechen wir von dem Volkswesen. Aber dem Materialismus ist ja das Volkswesen nichts anderes als eine Anzahl von Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. Das ist ein Abstraktum, da bezieht sich der Begriff nicht auf ein konkretes Wesen. Was folgt Ihnen denn aber daraus, daß man wirklich nicht von einem Abstraktum spricht, wenn man vom Volkstum oder vom Volkswesen spricht, sondern von einem konkreten Wesen?

[ 31 ] Nun, man hat in der Anthroposophie die Möglichkeit, den Menschen, der auch ein konkretes Wesen ist, zu studieren: physischen Leib, ätherischen Leib, astralischen Leib, Ich. Wenn das Volkswesen auch ein konkretes Wesen ist, so könnte man ja das Volkswesen auch so studieren, könnte man ja da auch eine Gliedlichkeit im Volkswesen annehmen so könnten Sie sagen.

[ 32 ] Nun, das kann man auch. Und im wahren Okkultismus werden auch die andern Wesenheiten studiert, die noch da sind außer dem Menschen, die ebenso konkrete Wesen sind wie der Mensch. Nur muß man die Glieder in anderem suchen als beim Menschen, sonst wenn sie dieselben Glieder hätte, wäre ja eine Volksseele ein Mensch; aber ein Mensch ist die Volksseele nicht, es ist eben ein anderes Wesen. Die Sache ist so, daß man bei dem Volkswesen wirklich die einzelnen Volksseelen studieren muß, dann bekommt man Begriffe, die richtig sind. Man kann ja auch nicht generalisieren, sonst kommt man wiederum zu Abstraktionen, daher kann man nur gewissermaßen in Exempeln sprechen. Greifen wir heraus eine Volksseele, diejenige, die heute, sagen wir, das italienische Volk beherrscht, insofern ein Volk in seinen Einzelwesen von einer Volksseele beherrscht ist. Greifen wir eine einzelne solche Volksseele heraus, fragen wir uns: Wie können wir denn von dieser besonderen Volksseele sprechen? — Beim Menschen sagen wir, der Mensch hat seinen physischen Leib, und wenn wir beim Menschen vom physischen Leib sprechen, so sagen wir von ihm: so und so viel Salze, so und so viel anderes Mineralisches, fünf Prozent Festes, dann das Flüssige, dann das Luftförmige, das in ihm ist und so weiter; das ist sein physischer Leib. Wenn wir von einer Volksseele wie der italienischen sprechen, so hat sie ja nicht einen menschlichen Leib, aber sie hat auch etwas, was wenigstens in Analogie mit dem physischen Leib betrachtet werden kann. Sie hat nur nicht zum physischen Leib Salze, nicht feste Bestandteile, nicht flüssige Bestandteile, die italienische Volksseele — womit ich nicht sagen will, daß nicht andere Volksseelen flüssige Bestandteile haben, aber die italienische hat keine —, sondern sie beginnt mit den luftförmigen Bestandteilen. Sie hat keine wäßrigen und keine andern Bestandteile in sich, und der Leib der italienischen Volksseele ist aus Luft gewoben als dichtestem Materiellen; alles andere ist feiner in ihr. So daß, wenn wir vom Menschen sagen, daß er Erdiges in sich hat, so müssen wir von der italienischen Volksseele sagen: sie hat zunächst Luftförmiges. Haben wir beim Menschen Wässeriges, so hat die italienische Volksseele Wärme. Der Mensch hat dann Luftförmiges, das er ein- und ausatmet, die italienische Volksseele dafür Licht, das bei ihr der Luft des Menschen entspricht. Der Mensch hat Wärme in sich; die italienische Volksseele dafür Töne, den Sphärenton nämlich.

[ 33 ] Damit haben Sie ungefähr das, was dem physischen Leibe entspricht, nur sind die Ingredienzien andere. Statt daß wir wie beim Menschen sagen: Festes, Flüssiges, Luftförmiges und Wärmehaftes —, müssen wir, wenn wir etwas Ähnliches — es ist ja dann nicht in demselben Sinne ein physischer Leib — als physischen Leib für die italienische Volksseele annehmen, sagen: Luft, Wärme, Licht, Ton. — Daraus aber werden Sie sehen können, wenn wirklich die italienische Volksseele den Menschen, zu dem sie gehört, beseelt, so kann sie den Umweg wählen durch das Atmen, weil ihr unterster, dichtester Bestandteil die Luft ist. In der Tat, die Korrespondenz zwischen dem einzelnen Menschen und der Volksseele geschieht bei dem italienischen Volke durch das Atmen. Da teilt sich die Volksseele dem Menschen mit. Das ist ein wirklicher, ein realer Vorgang. Natürlich atmet man durch etwas ganz anderes, aber in den Atmungsprozeß hinein stiehlt sich die Volksseele in ihrem Einfluß.

[ 34 ] Ebensogut könnte man von dem ausgehen, was dem Ätherleibe entspricht. Das würde beim Lebensäther beginnen, würde dann statt des Lichtäthers das haben, was zunächst angeführt ist in meiner «Theosophie» als Begierdenglut; dann würde dem Tonäther dasjenige, was dort als fließender Reiz angeführt ist, entsprechen und so weiter. Sie finden schon die Ingredienzien in meiner «Theosophie» angeführt, Sie müssen sie nur anwenden können. Und würden Sie nun weiter studieren, wie nun diese Korrespondenz, diese Kommunikation zwischen der Volksseele und dem einzelnen Menschen ist, würden Sie das weiter studieren auf Grundlage dessen, was ich hier anführe, so würden Sie sehen, wie alle die Eigenschaften, die im Volkscharakter liegen, mit diesen Dingen zusammenhängen. Das ist ganz und gar zu studieren, konkret zu studieren.

[ 35 ] Man kann diese Dinge nur beispielsmäßig anführen. Sagen wir, wir wollten die russische Volksseele studieren. Da würden wir als unterstes Glied gar nichts Materielles finden in dem Sinne, wie Festes, Flüssiges, Luftförmiges und Wärmehaftes materiell sind, sondern da würden wir als unterstes Glied finden, was also der russischen Volksseele so eigen ist wie dem Menschen das Salzige, als das Feste würden wir den Lichtäther finden. Und dann würden wir den Tonäther der russischen Volksseele so eigen finden wie dem Menschen das, was er als Flüssigkeit in sich hat, den Lebensäther wie der Mensch in sich die Luft hat, und die Begierdenglut so eigen dem, was dem physischen Leib entspricht bei der russischen Volksseele, wie der Mensch die Wärme in sich hat. Und man könnte dann fragen: Wie stellt sich denn dann die russische Volksseele mit dem einzelnen russischen Menschen in Kommunikation? — Das geschieht auf die Weise, daß das Licht, das sich niederläßt, rückstrahlt in gewisser Weise aus dem, was die Erde ist. Das Licht übt gewisse Wirkungen auf die Erde. Es strahlt nicht nur, ich möchte sagen, physisch zurück, sondern namentlich aus der Vegetation, aus dem, was der Boden trägt, strahlt das Licht zurück. Nicht direkt wirkt das Licht auf den einzelnen Russen, sondern es wirkt zuerst in die Erde hinein, aber nicht eben in die grobe physische Erde, sondern in Pflanzen und in alles dasjenige, was auf der Erde wächst und gedeiht, und das strahlt wieder zurück. Und in dem, was da zurückstrahlt, in dem ist das Medium gegeben, wodurch sich die russische Volksseele mit dem einzelnen Russen in Kommunikation setzt. Daher ist beim Russen die Beziehung zu seinem Boden, zu alledem was die Erde hervorbringt, viel größer als bei andern Völkern. Das hängt mit diesem eigentümlichen Verhalten der Volksseele zusammen. Und der fließende Reiz — das ist ungeheuer bedeutsam —, der ist die erste Ätheringredienz für die russische Volksseele, der ist so etwas wie das Licht für den Menschen.

[ 36 ] Da kommen Sie zu dem konkreten Volkswesen, kommen dazu, studieren zu können: Wie spricht ein Geist zum andern Geist, der jetzt, wenn der eine Geist der Mensch ist, die Volksseele ist. Im Unterbewußtsein vollzieht sich das. Indem der Italiener atmet und mit dem Atmen sein Leben unterhält — also bewußt etwas ganz anderes will, also ein- und ausatmet, um sein Leben zu unterhalten —, raunt und spricht im Unterbewußtsein mit ihm die Volksseele. Er hört es nicht, aber sein astralischer Leib nimmt es wahr und lebt in dem, was da unter der Schwelle seines Bewußtseins ausgetauscht wird zwischen der Volksseele und dem einzelnen Menschen.

[ 37 ] Und in demjenigen, was durch die Befruchtung mit dem Sonnenlichte der russische Boden ausstrahlt, sind enthalten die geheimnisvollen Runen, die raunenden Runen, durch welche die russische Volksseele mit dem einzelnen Russen spricht, währerd er über seine Erde geht oder das Leben empfindet, das dem Lichte entstrahlt. Denn glauben Sie nicht, daß die Dinge wiederum materiell genommen werden wollen. Sie können natürlich als Russe in der Schweiz leben; auch in der Schweiz ist das Licht vorhanden, das von der Erde zurückgestrahlt wird. Wenn Sie Italiener sind, so werden Sie in der Schweiz mit dem Atmen Ihre Volksseele raunen hören, wenn Sie Russe sind, werden Sie auch aus dem schweizerischen Boden dasjenige aufsteigen fühlen, was Sie als Russe hören können. Sie müssen die Dinge nicht materiell nehmen. Das ist nicht an Orte gebunden, obwohl selbstverständlich, weil der Mensch wiederum in einer gewissen Weise materiell gestimmt ist, der eigene Ort mehr gibt. Die italienische Luft mit dem ganzen Klima erleichtert ja selbstverständlich und befördert dieses Sprechen, das ich charakterisiert habe, der russische Boden erleichtert und befördert das andere, aber Sie können es nicht materialistisch nehmen, der Russe kann selbstverständlich auch anderswo Russe sein als in Rußland, obwohl selbstverständlich die russische Erde das Russischsein speziell zustande bringt. Sie sehen, es wird auf der einen Seite dem Materialismus Rechnung getragen; aber auf der andern Seite ist er etwas bloß Relatives, nichts Absolutes. Denn nicht bloß ist das Licht, das über dem russischen Boden ist, im Leibe der russischen Volksseele enthalten, sondern Licht überall, überhaupt; und eine russische Volksseele hat ja — wie Sie wissen, habe ich das alles schon charakterisiert — Erzengelrang. Der Erzengel ist aber nicht an den Ort gefesselt, er ist überräumlich.

[ 38 ] Solche Dinge, solche konkreten Begriffe müßten zugrunde liegen, wenn sachgemäß geredet werden soll über die Beziehungen des Menschen zu seinem Volke. Nun denken Sie sich, wie weit die heutige Menschheit davon entfernt ist, auch nur eine Ahnung zu haben über das Konkrete, um das es sich handelt, wenn man den Namen eines Volkes ausspricht. Dennoch werden heute Weltenprogramme hinausgestreut, wobei man fortwährend mit Volksnamen herumwirft. In welchem Grade das alles Phrase ist, was da in der Welt herumwimmelt, das werden Sie sich zum Bewußtsein bringen können, wenn Sie so recht erwägen, daß das Volkswesen ein konkretes Wesen ist und jedes Volkswesen eigentlich ein anderes. Denn was beim italienischen Volkswesen Luft ist, ist beim russischen Volkswesen Licht; und das bedingt wiederum eine ganz andere Art von Kommunikation zwischen dem Volkswesen und dem einzelnen Menschen. Anthropologie ist materialistische, äußerliche Betrachtung; Anthroposophie wird die Wahrheit, die realen Verhältnisse, die Wirklichkeiten enthüllen müssen. Da die Menschen heute so weit in ihrem Materialismus entfernt sind von aller Wirklichkeit, ist es kein Wunder, wenn in so willkürlicher und deshalb lügenhafter Weise über die Dinge gesprochen wird, die man heute geradezu zu Weltprogrammen macht.

[ 39 ] Am Dienstag wollen wir also über das Wesen unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft weitersprechen. Im Zusammenhange damit will ich dann auch über einiges aus der Gegenwart sprechen, das ja nur wirklich verstanden werden kann vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Denn das heute von der Menschheit zu tragende Leid hängt vielfach gerade damit zusammen, daß man gar keine Klarheit will über die Dinge, über die man spricht, daß man wütende Worte in die Welt hinaussendet, für die man weit entfernt ist, die Wirklichkeiten zu kennen. Das kann einem besonders vor Augen treten, wenn man wiederum so etwas in die Hand bekommt wie zum Beispiel die jetzt in der Schweiz hier erschienene Broschüre «Conditions de Paix de l’Allemagne» von einem, der sich Hungaricus nennt, und die man nur durchzulesen braucht, um alle, alle Mängel des gegenwärtigen vertrackten materialistischen Denkens durchschauen zu können, wenn man geisteswissenschaftlich orientierte Gesinnung hat. Daher möchte ich auch dann gerade, aber nur in methodischer Weise, in bezug auf die Art und Weise des Denkens, über diese Broschüre am Dienstag ein paar Worte sprechen, weil diese Broschüre so recht charakteristisch ist für diese materialistische, vertrackte Art des Denkens diese «Conditions de Paix de l'Allemagne» von Hungaricus.