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Central Europe between East and West
GA 174a

4 May 1918, Munich

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Central Europe between East and West, tr. SOL
  1. Mitteleuropa zwischen Ost und West

Zwölfter Vortrag

Twelfth Lecture

[ 1 ] Aus den Betrachtungen, die wir vorgestern hier angestellt haben, vielleicht auch im weiteren Sinne aus den öffentlichen Betrachtungen dieser Tage, wird zu ersehen sein, daß gerade in der Gegenwart eine gewisse Notwendigkeit vorliegt für die Menschheit, geisteswissenschaftliche Interessen zu entwickeln. Denn diese Geisteswissenschaft ist neben ihren anderen Aufgaben, die sie im engeren Sinn für den einzelnen Menschen, für sein Gemüt, seine Lebensbedürfnisse, seine Seelenangelegenheiten hat, in der Lage, Klarheit zu schaffen über gewisse Dinge, die der Mensch in der Gegenwart unbedingt einmal betrachten muß. Und gerade von diesem Gesichtspunkt aus habe ich darauf hingewiesen, wie es nötig ist, den Ernst, mit dem heute Geisteswissenschaft von denen, die ihr nahetreten wollen, ins Auge gefaßt werden muß, vor allen Dingen auf die Seele wirken zu lassen. Man muß versuchen, heute nach den mannigfaltigsten Richtungen hin zu erforschen, womit es eigentlich zusammenhängt, daß die Menschheit in eine solche katastrophale Lage kommen konnte. Denn, was diese katastrophale Lage bedeutet, es wird heute noch nicht von vielen Menschen eigentlich in der ganzen Tiefe und mit dem vollen Ernst betrachtet. Es wird aber die Zeit kommen, wo die Ereignisse, die Tatsachen selber, diesen Ernst noch in ganz anderer Weise offenbaren werden, als das heute schon der Fall ist. Aber gerade auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehend, sollte man einsehen, daß es nicht genügt, gewissermaßen bis zum allerletzten Augenblick zu warten mit dem Verständnis dessen, was man zu verstehen nötig hat gegenüber den tief ruhenden Forderungen der Zeit. Vor allem ist es notwendig, schon darauf einzugehen, daß gewisse Wahrheiten, die der Menschheit notwendig sind in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft, eben unbequem sind, daß es viel bequemer ist, Loblieder anzustimmen, wie wir es in dieser oder jener Beziehung, durch die großen kulturwissenschaftlichen Errungenschaften vor allen Dingen, so herrlich weit gebracht haben, als auf dasjenige hinzuweisen, was in den Verhältnissen der Menschen selbst zueinander wirkt und lebt über das Erdenrund hin, und was namentlich wirkt und lebt, um gewissermaßen den Charakter der gegenwärtigen Menschheit zu bedingen. Die gegenwärtige Menschheit ist zu mancherlei herausgefordert, ist notwendigerweise dazu geführt, dieses und jenes zu verstehen; aber manches, was verstanden werden soll, ist eben unbequem zu verstehen, erfordert eine gewisse rückhaltlose, vorurteilsfreie Beurteilung des eigenen menschlichen Wesens.

[ 1 ] From the reflections we offered here the day before yesterday—and perhaps, in a broader sense, from the public discourse of recent days—it will become apparent that, especially at the present time, there is a certain necessity for humanity to develop an interest in spiritual science. For, in addition to its other tasks—which, in the narrower sense, pertain to the individual human being, to his mind, his life’s needs, and the affairs of his soul—this spiritual science is capable of shedding light on certain matters that people today absolutely must consider. And it is precisely from this point of view that I have pointed out how necessary it is to allow the seriousness with which spiritual science must be regarded today by those who wish to approach it to take effect, above all, on the soul. We must strive today to explore, in the most diverse directions, what actually lies behind the fact that humanity could have come to such a catastrophic situation. For what this catastrophic situation actually means is not yet being considered by many people today in all its depth and with the full gravity it deserves. But the time will come when the events—the facts themselves—will reveal this gravity in a completely different way than is already the case today. But precisely on the foundation of spiritual science, one should realize that it is not enough to wait, so to speak, until the very last moment to understand what one needs to understand in the face of the deeply latent demands of the times. Above all, it is necessary to acknowledge that certain truths—which are essential for humanity in the present and in the near future—are, in fact, uncomfortable; that it is much more convenient to to sing songs of praise—as we have so magnificently achieved in this or that regard, above all through the great achievements of cultural science—rather than to point out what acts and lives in the relationships among human beings themselves across the globe, and what, in particular, acts and lives to determine, so to speak, the character of present-day humanity. Contemporary humanity is challenged in many ways and is necessarily led to understand this and that; but some of what is to be understood is, in fact, uncomfortable to grasp, requiring a certain unreserved, unprejudiced assessment of our own human nature.

[ 2 ] Es bestehen gewisse Tendenzen in der Zeitentwickelung. Man kann hypothetisch sagen: Es wäre ja wohl möglich, daß man fortfahren würde, solche Dinge für etwas Großes zu betrachten, wie die vorgestern erwähnte sogenannte Begabungsprüfung. Gewisse Pädagogen der Gegenwart nämlich propagieren diese Dinge, betrachten sie als etwas ungeheuer Großes, und die übrige Menschheit verschmäht es, sich ein Urteil über diese Dinge zu verschaffen, findet es unbequem, nicht zu schlafen gegenüber solchen ahrimanischen Tendenzen, wie sie hereingeführt werden durch so etwas wie die Begabungsprüfung und noch vieles andere. Wenn solche Bestrebungen, solche Ideale — Ideale sind es natürlich auch — weiter bestehen sollen, dann wird dies einen tiefgehenden Einfluß haben auf die ganze Entwickelung des menschlichen Seelenwesens, vor allen Dingen einen ganz bestimmt konfigurierten Einfluß auf die Grundkräfte des menschlichen Seelenwesens: Denken, Fühlen und Wollen. Man darf sich einmal hypothetisch fragen, denn es soll ja die Sache nicht stattfinden, es soll ja der Sache abgeholfen werden durch die Bestrebungen derer, die sich zur anthroposophischen Weltanschauung bekennen, aber hypothetisch kann man sich fragen, um zu wissen, was man zu tun hat: Welche Konfiguration müssen die drei Haupt-Seelenkräfte des Menschen gewinnen, wenn solche Tendenzen, wie sie in der Gegenwart aus der materialistischen Gesinnung, aus dem Ahrimanischen heraus herrschend sind, allein Platz greifen würden, wenn nicht geistiges Streben, geistiges Wollen ihnen entgegentreten würden? — So groß und gewaltig auf dem Gebiet der Technik, die ja von der Naturwissenschaft gespeist wird, und auf anderen Gebieten der naturwissenschaftliche Fortschritt wirken kann: dem menschlichen Vorstellen, dem menschlichen Denken wird ja allmählich gerade dieser naturwissenschaftliche Fortschritt, gerade die Grundstruktur des heutigen Denkens immer mehr und mehr den Charakter der Beschränktheit, der Borniertheit aufdrücken. Man kann das nicht anders charakterisieren, denn im weitesten Umkreis zeigt sich ja heute schon, ich möchte sagen, der Anfang dieser Borniertheit, dieser Beschränktheit, die darin bestehen wird, daß man immer mehr und mehr sündigen

[ 2 ] There are certain trends in the course of history. One could hypothetically say: It would certainly be possible that people would continue to regard such things as something of great importance, such as the so-called aptitude test mentioned the day before yesterday. Certain contemporary educators, in fact, promote these things, regard them as something immensely significant, while the rest of humanity shuns forming an opinion about them, finding it inconvenient to remain vigilant in the face of such Ahrimanic tendencies as those introduced by things like the aptitude test and many other such measures. If such endeavors, such ideals—and they are, of course, ideals—are to continue to exist, then this will have a profound influence on the entire development of the human soul, and above all, a very specific influence on the fundamental forces of the human soul: thinking, feeling, and willing. One may ask oneself this question hypothetically—for this situation is not meant to come to pass; it is to be remedied through the efforts of those who adhere to the anthroposophical worldview—but hypothetically, one may ask in order to know what must be done: What configuration must the three main soul forces of the human being assume if tendencies such as those currently prevailing—arising from a materialistic mindset and from the Ahrimanic—were to take hold unopposed, were it not for spiritual striving and spiritual will to counter them? — No matter how great and powerful scientific progress may be in the field of technology—which is, after all, fueled by the natural sciences—and in other areas: it is precisely this scientific progress, precisely the fundamental structure of contemporary thinking, that will gradually impose an ever-increasing character of narrowness and narrow-mindedness upon human imagination and human thought. One cannot characterize this any other way, for even today, in the broadest sense, we can already see—I would say—the beginning of this narrow-mindedness, this limitation, which will consist in the fact that we are sinning more and more

[ 3 ] wird gegen eine Sache, die gestern im öffentlichen Vortrag geltend ge macht worden ist: sündigen wird gegen das Aufschließen der ganzen Seele der Welt gegenüber. Man wird sich immer mehr darauf beschränken, theoretisch, intellektuell auf dasjenige zu hören, was die Begriffe, die Vorstellungen sagen. Ich wollte einmal öffentlich auch darauf hinweisen, daß ja zwei Menschen ganz dasselbe sagen können mit Worten, und man durchaus nicht berechtigt ist zu meinen, daß dasjenige, was von beiden Menschen ausgeht, dasselbe ist.

[ 3 ] One will sin against a point that was raised yesterday in the public lecture: one will sin against opening one’s whole soul to the world. One will increasingly limit oneself to listening—theoretically, intellectually—to what concepts and ideas say. I would also like to point out publicly that two people can say exactly the same thing with words, and yet one is by no means justified in assuming that what emanates from both of them is the same.

[ 4 ] Heute leben wir in der Zeit der Programme. Die Zeit der Programme ist eben die Zeit des Intellektualismus. Was tut man heute eigentlich am liebsten, wenn man sich dem Wohl der Menschheit opfert? Man gründet einen Verein für alles mögliche und stellt Programme, Ideale auf. Diese können ja selbstverständlich sehr geistvoll, sehr wohlwollend, sehr einleuchtend sein; für die Entwickelung der Menschheit brauchen sie für keinen Schuß Pulver Wert zu haben. Aber man geht darauf aus, sich zu fragen: Was will denn der Betreffende? — Und wenn der Betreffende sagt — nun, nehmen wir irgend etwas Abstraktes, heute liebt man Abstraktes —: ich will allgemeine Menschenliebe kultivieren —, dann denkt man: Was kann man Schöneres tun? Da muß man sich natürlich einem solchen Verein anschließen! — Aber wir leben doch in einer Zeit, in der durch eine gewisse Übersättigung, welche die Kultur erlangt hat, es ungeheuer leicht ist, die schönsten Programme, die schönsten Ideen aufzustellen. Man kann dabei mit Bezug auf dasjenige, was man an Sinn und Interesse für das Gesamtwohl der Menschheit. und ihre wahren Angelegenheiten hat, ein sehr beschränkter Mensch sein. Man hat heute auch, ich möchte sagen, in feineren Angelegenheiten der Kultur manchmal im höheren Sinn recht mit Dingen, in denen man nach der Ansicht sehr vieler Leute vielleicht ganz und gar nicht recht hat. So zum Beispiel kann man heute in die Lage kommen, dichterisches Gestammel, das aber wirklich und wahrhaftig innere Seelenkraft ankündigt, höher zu stellen als vollendete Verse, die einfach dadurch als solche auftreten, daß ja in bezug auf die äußere Konfiguration des Dichtens, die Sprache selbst, der Sprachgeist heute Verse schreibt und nur die Menschenseele dazu benützt. Glänzende Verse in bezug auf den alten Versstil kann heute einer machen, der da gar keine starke Seelenkraft hat. Solche Dinge muß man berücksichtigen in einer Zeit, in der große, eminent große Fragen an die Menschheitsentwickelung herantreten, wie in dieser jetzigen Zeit.

[ 4 ] Today we live in the age of programs. The age of programs is, in fact, the age of intellectualism. What do people actually prefer to do today when they devote themselves to the welfare of humanity? They found associations for all sorts of causes and establish programs and ideals. These can, of course, be very witty, very benevolent, very convincing; yet they may be worth not a single grain of gunpowder for the development of humanity. But one is inclined to ask: What does the person in question actually want? — And if the person in question says—well, let’s take something abstract, since people love abstractions these days—: “I want to cultivate universal love for humanity”—then one thinks: What could be more beautiful? Of course, one must join such an association!—But we live in an age in which, due to a certain oversaturation that culture has reached, it is incredibly easy to come up with the most beautiful programs and the most beautiful ideas. And yet, in terms of one’s sense of and interest in the common good of humanity and its true concerns, one can be a very limited person. Today, I would say, even in the finer matters of culture, one is sometimes right in a higher sense regarding things in which, in the view of very many people, one is perhaps not right at all. For example, one may find oneself today in a position where one values poetic stammering—which, however, truly and genuinely heralds inner spiritual strength—more highly than perfected verses that appear as such simply because, in terms of the external form of poetry—the language itself—the spirit of language writes verses today and merely uses the human soul as a tool. Today, someone who lacks any strong inner strength of the soul can still produce brilliant verses in the old poetic style. Such things must be taken into account in an age when great—truly eminent—questions regarding human development are arising, as they are in the present time.

[ 5 ] So muß man schon sagen: Lernen müssen die Menschen, ihre ganze Seele aufzuschließen gegenüber ganzen Seelen; lernen müssen die Menschen, immer weniger und weniger zu halten vom Inhalt dessen, was man sagt, und lernen müssen sie, immer mehr und mehr Einblick zu gewinnen in das Wissen und in die Kraft dessen, was von dieser oder jener Persönlichkeit in die Welt gesetzt wird. Wir erleben doch das furchtbarste weltgeschichtliche Schauspiel, daß über die ganze Erde hin die Menschen Grundsätze anbeten, wie sie von Woodrow Wilson ausgehen, weil diese Grundsätze einleuchten, weil diese Grundsätze sich nicht widerlegen lassen. Selbstverständlich leuchten sie ein, selbstverständlich lassen sie sich nicht widerlegen, aber sie sind so alt wie das menschliche Denken; immerfort hat man so gesagt. Es ist in all diesen Dingen gar nichts, was mit den realen, konkreten, unmittelbar gegenwärtigen Aufgaben zusammenhängt. Aber die Menschen finden es unbequem, sich in die realen, konkreten, unmittelbar gegenwärtigen Aufgaben hineinzuversetzen, die Beweglichkeit des Denkens zu entwickeln. Denn diese Beweglichkeit des Denkens gehört dazu, um in das unmittelbar Konkrete hineinzugehen. Freilich, man braucht manchmal lang, um sich in dieses Konkrete hineinzufinden; aber heute ist es notwendig, solche Dinge zu verstehen, in die Seele der Menschheitsentwickelung sich ein bißchen hineinzuversetzen.

[ 5 ] So one must say: People must learn to open their whole souls to other whole souls; people must learn to attach less and less importance to the content of what is said, and they must learn to gain more and more insight into the knowledge and power of what this or that personality brings into the world. After all, we are witnessing the most terrifying spectacle in world history: across the entire earth, people are worshiping principles such as those put forth by Woodrow Wilson, because these principles make sense, because these principles cannot be refuted. Of course they make sense, of course they cannot be refuted, but they are as old as human thought; people have always spoken this way. There is absolutely nothing in all these things that has anything to do with the real, concrete, immediately present tasks. But people find it inconvenient to immerse themselves in the real, concrete, immediately present tasks, to develop the agility of thought. For this agility of thought is essential for entering into the immediately concrete. Admittedly, it sometimes takes a long time to find one’s way into this concreteness; but today it is necessary to understand such things, to put oneself a little into the soul of human development.

[ 6 ] Es gibt eine Stadt, in der eine süddeutsche Bevölkerung wohnt. In dieser Stadt erstand im 18. Jahrhundert eine sehr bedeutende Persönlichkeit: Johann Heinrich Lambert. Kant, der Zeitgenosse von Johann Heinrich Lambert, hat Lambert das größte Genie seines Jahrhunderts genannt; denn wären nur die Lambertschen Ideen an die Stelle getreten der sogenannten Kant-La Placeschen Theorie, so wäre etwas sehr Bedeutsames herausgekommen. Dieser Lambert war in einer Stadt, die jetzt eine süddeutsche Stadt ist, als Sohn eines Schneiders aufgewachsen, zeigte schon eine besondere Begabung in seinem vierzehnten Lebensjahre. Der Vater stellte ein Ansuchen um Unterstützung an den weisen Rat der Stadt. Dieser ließ sich endlich nach langen Bemühungen bewegen, vierzig Franken für den talentvollen Jungen zu stiften unter der Bedingung, daß er niemals wieder um eine Unterstützung anfrage. Hundert Jahre mußten vergehen, da stiftete diese Stadt, in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, diesem Mann ein Denkmal, den sie als Knaben mit vierzehn Jahren hinausgejagt hatte. Er mußte damals die Stadt verlassen und ist durch besondere Verhältnisse in Berlin zu seiner Größe gekommen. Jetzt steht ein schönes Denkmal, auf dem oben die Weltkugel ist, um anzudeuten, daß dieser Genius herausgeboren ist aus dieser großen, gewaltigen Stadt, die solche Genies bergen konnte, daß der Genius, der die Welt zu umfassen wußte, eben diesem Boden entstammt!

[ 6 ] There is a city inhabited by people from southern Germany. In the 18th century, a very important figure was born in this city: Johann Heinrich Lambert. Kant, a contemporary of Johann Heinrich Lambert, called Lambert the greatest genius of his century; for if Lambert’s ideas had taken the place of the so-called Kant-La Place theory, something very significant would have come of it. This Lambert grew up in a town—which is now a town in southern Germany—as the son of a tailor, and already showed a special talent at the age of fourteen. His father submitted a request for financial support to the city’s wise council. After much effort, the council was finally persuaded to grant forty francs to the talented boy on the condition that he never again ask for financial support. A hundred years had to pass before this city, in the 1840s, erected a monument to this man whom it had driven out as a fourteen-year-old boy. He had to leave the city at that time and, due to special circumstances, achieved greatness in Berlin. Now there stands a beautiful monument, topped by a globe, to signify that this genius was born of this great, mighty city—a city capable of nurturing such geniuses—and that the genius who knew how to embrace the world hails from this very soil!

[ 7 ] Manchmal braucht man noch länger als hundert Jahre, um einzusehen, was so herumwimmelt an Begabungen. Das mag gehen, mochte gehen bis in unsere Zeit. Aber wie oft ist es gerade unter uns betont worden, daß die Zeit herangerückt ist, in der die Menschen erwachen müssen zum freien, auf sich selbst gestellten Bewußtsein, in dem die Menschen nicht mehr verschlafen dürfen, was um sie herum vorgeht. Diese Zeit rückt mit Riesenschritten heran. Die Menschen müssen lernen, ihre Seelen aufzuschließen, um zu sehen, was wirklich da ist. Denn, wie gesagt, durch die eigentümliche Konfiguration der materialistischen Kultur droht das Denken, das Vorstellen beschränkt, borniert zu werden. Geisteswissenschaft gibt Begriffe, Vorstellungen, die nicht gestatten, daß man in seinem Denken borniert wird. Man wird fortwährend aufgefordert, gerade durch die geisteswissenschaftlichen Begriffe, von den verschiedensten Seiten eine Sache zu betrachten. Darum ärgern sich gerade heute auch noch viele, die in den geisteswissenschaftlichen Reihen stehen, wenn sie hören: Nun kommt ein neuer Zyklus, da wird die Sache von ganz anderer Seite angefaßt. — Aber gerade das ist unvermeidlich, daß die Dinge von den verschiedensten Seiten angefaßt werden, und daß man endlich einmal hinauskommt über etwas, was ich nennen möchte die Verabsolutierung des Urteils. Es läßt sich nicht gut die Wahrheit, die im Geiste erfaßt wird, in scharfen Konturen fassen, weil der Geist ein Bewegliches ist. Geisteswissenschaft arbeitet also der Borniertheit entgegen in bezug auf das Denken. Es ist natürlich schwer, dies der Gegenwart zu sagen, aber notwendig ist es.

[ 7 ] Sometimes it takes even longer than a hundred years to realize just how many talents are out there. That may be true, or may have been true, right up to our own time. But how often has it been emphasized, especially among us, that the time has come when people must awaken to a free, self-reliant consciousness—a consciousness in which people can no longer remain oblivious to what is happening around them. This time is approaching in giant strides. People must learn to open their souls to see what is truly there. For, as I said, the peculiar configuration of materialistic culture threatens to make thinking and imagination limited and narrow-minded. Spiritual science provides concepts and ideas that do not allow one’s thinking to become narrow-minded. One is constantly challenged—precisely through the concepts of spiritual science—to view a matter from a wide variety of perspectives. That is why, even today, many within the ranks of spiritual science are annoyed when they hear: “Now a new cycle is coming, and the subject will be approached from a completely different angle.” — But it is precisely this that is inevitable: that things are approached from the most diverse angles, and that one finally moves beyond what I would like to call the “absolutization of judgment.” The truth grasped by the spirit cannot be clearly defined within sharp contours, because the spirit is a dynamic force. Spiritual science thus works against narrow-mindedness in regard to thinking. It is, of course, difficult to say this to the present generation, but it is necessary.

[ 8 ] Das zweite, was man in der Seele beobachtet, ist das Fühlen. In bezug auf das Fühlen, auf die Gefühlswelt, welches ist da die Tendenz, der die Menschheit aus der materialistischen Kultur heraus zustrebt? Man kann sagen: Gerade auf diesem Gebiete hat sie es reichlich weit gebracht. Auf dem Gebiete des Fühlens bringt die materialistische "Kultur Engherzigkeit, Philistrosität hervor. Ins Riesengroße sich auszuwachsen, dazu ist die Philistrosität unserer materialistischen Kultur eigentlich ganz besonders veranlagt. Engherzigkeit der Interessen! Im engsten Kreise möchten sich die Menschen immer mehr und mehr abschließen. Aber der Mensch ist heute nicht mehr dazu berufen, im engsten Kreise sich einzuschließen, er ist heute dazu berufen, zu erkennen, wie er ein Ton ist in der großen kosmischen Symphonie.

[ 8 ] The second thing one observes in the soul is feeling. With regard to feeling, to the world of emotions, what is the tendency toward which humanity is striving, emerging from materialistic culture? One could say: It is precisely in this area that it has come a long way. In the realm of feeling, materialistic “culture” breeds narrow-mindedness and philistinism. Our materialistic culture’s philistinism is, in fact, particularly predisposed to growing to enormous proportions. Narrow-mindedness of interests! People want to shut themselves off more and more within their narrowest circles. But human beings today are no longer called to shut themselves off within their narrowest circles; they are called today to recognize how they are a single note in the great cosmic symphony.

[ 9 ] Führen wir uns noch einmal etwas vor Augen, um gleich das, was hier gemeint ist, von einem umfassenden Standpunkte aus zu betrachten, etwas, was schon einmal hier erwähnt worden ist. Ich möchte sagen: Berechnen kann man — und heute hält man viel auf Berechnung, in welch wundervoller Weise der Mensch sich eingliedert in den Kosmos. In einer Minute ist die Zahl unserer Atemzüge etwa achtzehn. Das gibt, multipliziert mit sechzig und vierundzwanzig in einem Tag: 25920 Atemzüge. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden 25 920 Atemzüge! Versuchen Sie nun folgendes auszurechnen: Sie wissen, jedes Jahr rückt der Frühlingspunkt, der Aufgangspunkt der Sonne im Frühling um ein Stückchen am Himmelsgewölbe weiter. Gehen wir zurück in sehr ferne Zeiten. Die Sonne ist im Frühling aufgegangen im Stier, dann ein Stückchen weiter im Stier und wieder ein Stückchen weiter, bis sie in den Widder eingetreten ist, und dann wieder weiter, und so geht die Sonne herum, scheinbar natürlich. Wieviel Jahre braucht die Sonne, um so ruckweise immer ein Stückchen vorwärtszuschreiten, so daß sie wieder an dem selben Punkt ankommt? Viele solcher Rucke macht die Sonne: sie braucht 25 920 Jahre, um durch solche Rucke vorwärts zukommen, das heißt, die Sonne vollendet einen Umkreis im großen Kosmos in 25 920 Jahren, in so viel Jahren, als wir Atemzüge in einem Tage machen. Denken Sie sich, welch wunderbare Zusammenstimmung! Wir atmen im Tage 25 920mal, die Sonne rückt vor, und wenn sie den Ruck 25920mal gemacht hat, wie wir unseren inneren Ruck, einen Atemzug, dann ist sie einmal herumgekommen um den Kosmos. So sind wir ein Abbild des Makrokosmos mit unserer Atmung.

[ 9 ] Let us once again consider something that has already been mentioned here, so that we may view what is meant here from a comprehensive perspective. I would like to say: One can calculate—and today great importance is placed on calculation—just how wonderfully human beings are integrated into the cosmos. In one minute, we take about eighteen breaths. Multiplying that by sixty and twenty-four in a day gives us 25,920 breaths. Twenty-five thousand nine hundred twenty breaths in twenty-four hours! Now try to calculate the following: As you know, every year the vernal equinox—the point where the sun rises in the spring—moves a little further along the celestial sphere. Let’s go back to very distant times. The sun rose in the spring in Taurus, then a little further along in Taurus, and a little further still, until it entered Aries, and then on again—and so the sun moves around, seemingly naturally. How many years does it take for the sun to advance in such jerky, incremental steps, so that it returns to the same point? The sun makes many such jerks: it takes 25,920 years to move forward through these jerks—that is, the sun completes one full circuit in the great cosmos in 25,920 years, the same number of years as the number of breaths we take in a day. Just imagine what a marvelous harmony this is! We breathe 25,920 times a day; the Sun moves forward, and when it has made 25,920 such jerks—just as we make our inner jerk, a single breath—it has completed one full circuit around the cosmos. Thus, with our breathing, we are a reflection of the macrocosm.

[ 10 ] Es geht weiter: Die Durchschnittslebensdauer — das kann natürlich viel weiter gehen, aber dafür sterben auch manche früher —, die Lebensdauer ist durchschnittlich siebzig, einundsiebzig Jahre. Was ist dieses eigentlich, dieses menschliche Leben? Es ist ja auch eine Summe von Atemzügen. Nur sind es andere Atemzüge. Beim gewöhnlichen physischen Atmen saugen wir die Luft ein und stoßen sie aus. In einem vierundzwanzigstündigen Tage, wenn wir ordentliche, rechtschaffene Leute sind und nicht die Nächte verlumpen, da machen wir eine große Einatmung unseres Ich und des astralischen Leibes beim Aufwachen, und atmen wiederum Ich und astralischen Leib aus beim Einschlafen: das ist auch ein Atemzug. Jeder Tag ein Atemzug unseres physischen und ätherischen Leibes gegenüber dem Ich und astralischen Leib. Wie oft machen wir das in einem Leben, das ungefähr siebzig, einundsiebzig Jahre dauert? Rechnen Sie sich das aus, wieviel Tage der Mensch eigentlich lebt: 25920 Tage! Das heißt, nicht nur in einem Tage ahmen wir mit unseren Atmungsrucken den Gang der Sonne im Weltengang nach, indem wir so viel Atmungszüge entwickeln, als die Sonne Rucke macht, bis sie wieder an denselben Punkt im Kosmos zurückkommt, sondern wir führen den großen Atem, das Einatmen des Ich und des astralischen Leibes in den physischen und Ätherleib und das Ausatmen des Ich und astralischen Leibes, in den siebzig, einundsiebzig Jahren ebenso oft aus, als wir in einem Tage atmen: 25 920mal, so viel wie die Sonne Rucke macht, bis sie wieder an denselben Punkt zurückkommt. Solche Dinge, wodurch sich uns zeigen kann, wie wir in der großen Harmonie des Alls mit unserem Menschenleben zahlenmäßig und auch sonst darinnenstehen, könnten wir viele anführen, und sie würden nicht minder überraschen, nicht minder großartig anmuten, als wenn wir recht empfinden, was ich eben ausgeführt habe. Vieles ist verborgen in den Verhältnissen, in denen der Mensch in der Welt drinnensteht, aber dieses Verborgene hat seine tiefe Wirkung, weil es eigentlich dasselbe ist, was in alten Zeiten als die Sphärenharmonie aufgefaßt worden ist.

[ 10 ] Let’s continue: The average lifespan—which, of course, can be much longer, though some people die earlier—is, on average, seventy or seventy-one years. What exactly is this, this human life? It is, after all, a sum of breaths. Only these are different kinds of breaths. In ordinary physical breathing, we inhale air and exhale it. In a twenty-four-hour day—if we are decent, upright people and do not waste our nights—we take a deep inhalation of our “I” and astral body upon waking, and exhale our “I” and astral body again upon falling asleep: that, too, is a breath. Every day is a breath of our physical and etheric bodies in relation to the “I” and the astral body. How often do we do this in a lifetime that lasts about seventy or seventy-one years? Do the math and figure out how many days a human actually lives: 25,920 days! This means that not only do we mimic the course of the sun in the cosmic cycle with our breathing movements in a single day—by generating as many breaths as the sun makes movements until it returns to the same point in the cosmos—but we also perform the great breath, the inhalation of the “I” and the astral body into the physical and etheric bodies, and the exhalation of the “I” and the astral body—just as often over the course of those seventy or seventy-one years as we breathe in a single day: 25,920 times, as many times as the Sun makes its cycles until it returns to the same point. We could cite many such examples that reveal to us how, in the great harmony of the universe, our human lives are integrated—both numerically and in other ways—and they would be no less surprising, no less magnificent, than if we truly grasped what I have just explained. Much is hidden in the relationships in which human beings are embedded in the world, but this hidden aspect has a profound effect, because it is, in fact, the very same thing that was understood in ancient times as the harmony of the spheres.

[ 11 ] Das allerdings ruft unser Interesse für die ganze Welt auf. Wir lernen allmählich verstehen, daß wir von uns als Menschen gar nichts wissen, wenn wir unser Interesse philiströs eingeschränkt halten auf den allernächsten Umkreis. Das aber ist das Charakteristikum der neueren Zeit immer mehr und mehr geworden, Philistrosität! Ja, Philistrosität ist geradezu die Grundstimmung der religiösen Weltanschauung geworden; und von da aus strahlte ja in viele Gemüter hinein diese Grundstimmung der Philistrosität. Gehen Sie in die ersten Jahrhunderte des Christentums zurück: da gab es eine Lehre, die grandios war. Sie war für die damalige Zeit. Heute muß sie durch unsere geisteswissenschaftliche Anschauung ersetzt werden, weil die verschiedenen Zeiten verschiedene Anforderungen an die Menschheit stellen, aber dazumal war sie eine grandiose Lehre, die Gnosis. Sehen Sie sich an, in welch großartiger Weise in der Forschung der Äonen, in der Forschung der verschiedenen geistigen Hierarchien diese Gnostiker dachten, wie sich diese kleine Erde anreiht an die große kosmische Weltentwickelung mit ihren vielen, vielen Wesenheiten, in deren Reihen aber doch der Mensch hineingestellt ist. Es gehörte Beweglichkeit des Denkens, es gehörte ein gewisser guter Wille dazu, seine Begriffe auszubilden, nicht sie verkalken, verschleimen zu lassen, wie man das jetzt tut, um zur Gnosis sich emporzuschwingen. Dann kam — nicht das Christentum, aber die christliche Konfessionalität. Und fragen Sie heute herum, was die meisten offiziellen Vertreter des Christentums am allermeisten hassen: die Gnosis. Und Anthroposophie schwärzen sie am meisten auch deshalb an; mit Anthroposophie selber beschäftigen sie sich ja nicht, dazu sind sie zu bequem, aber sie haben, wenn sie hineinschauen in irgendein Buch, so eine dunkle Ahnung, einen dunklen Begriff: Das könnte auch so eine Gnosis sein, um Gottes willen! Da müssen wir ja neue Begriffe aufnehmen, da müssen wir den Geist beweglich machen! Wir haben die Menschen endlich zur Einfachheit des Denkens gebracht, besonders auf religiösem Gebiet. Man kann, so sagt man, nicht ermessen, was daraus wird, wenn man sich in solch hohe Kreise aufschwingt! — Man sagt: Der Mensch kann schon dahin kommen, im einfachsten Gemüt das höchste Göttliche zu erreichen; da braucht man sich nicht anzustrengen, sondern das einfachste, kindliche Gemüt kann das höchste Göttliche in jedem Augenblick erreichen.

[ 11 ] This, however, awakens our interest in the whole world. We are gradually coming to understand that we know absolutely nothing about ourselves as human beings if we restrict our interest in a philistine manner to our immediate surroundings. Yet this—philistinism—has increasingly become the defining characteristic of modern times! Yes, philistinism has become the very underlying mood of the religious worldview; and from there, this underlying mood of philistinism has radiated into many minds. Go back to the first centuries of Christianity: there was a teaching that was magnificent. It was appropriate for its time. Today it must be replaced by our spiritual-scientific perspective, because different eras place different demands on humanity, but back then it was a magnificent teaching—Gnosticism. Consider the magnificent way in which these Gnostics thought in their exploration of the Aeons and the various spiritual hierarchies—how this small Earth fits into the great cosmic evolution of the world with its many, many beings, among whose ranks humanity is nevertheless placed. It took flexibility of thought; it took a certain degree of goodwill to develop their concepts—not to let them become ossified or encrusted, as is done today—in order to rise up to Gnosis. Then came—not Christianity, but Christian denominationalism. And ask around today what most official representatives of Christianity hate most of all: Gnosis. And that is also why they denounce anthroposophy the most; they do not actually engage with anthroposophy itself—they are too complacent for that—but when they glance into any book, they have a vague, dark suspicion, a vague notion: “This could be another form of Gnosticism, for heaven’s sake!” So we must adopt new concepts; we must make the spirit flexible! We have finally led people to simplicity of thought, especially in the religious sphere. People say you cannot fathom what will come of it when you soar into such lofty spheres! — They say: A person can indeed reach the highest divine even with the simplest mind; there is no need to strain oneself—even the simplest, childlike mind can attain the highest divine at any moment.

[ 12 ] Ja, diese Dinge muß man durchschauen! Diese Dinge wirklich anzuschauen, darauf kommt es an, denn von diesen Dingen geht die Grundstimmung der neueren Zeit aus, geht die Philistrosität aus. Deshalb ist die religiöse Stimmung in den verschiedenen Konfessionen so philiströs geworden, weil ihr das, was ich soeben geschildert habe, zugrunde liegt. Sie schmeichelt heute den Menschen, die vorgeben, bescheiden zu sein, aber eigentlich im Grunde furchtbar unbescheiden sind, denn Unbescheidenheit, Größenwahn ist ein Grundcharakteristikum unserer Zeit. Alles wird beurteilt, und wenn es noch so schwer erlebt ist, wenn es an der Stirne trägt die Schwierigkeit des Erlebens: es wird beurteilt, auch von demjenigen beurteilt, der ganz gut wissen kann, daß er sich nicht sonderlich bemüht hat, um viel zu erleben, der nur bemüht war, zu dem Selbstverständlichen zu kommen: daß es keine Mühe machen darf, Gott zu erkennen, sondern daß der Gott sich eben dem einfachsten, kindlichen Gemüt jederzeit ergeben muß, wenn es ihn haben will. So muß man sehen, daß die Philistrosität vor allen Dingen zurückgedrängt werden muß durch Geisteswissenschaft. Aber die Philistrosität, sie sitzt noch ganz woanders, als man heute vielfach glaubt, und viele von denen, die gerade glauben, über die Philistrosität so recht herauszukommen, die stecken sehr weit über den Kopf darinnen. Viele «Ismen» und viele Modernismen, die es sich gerade zum Programm machen, nicht so zu sein wie die Philister, sind eigentlich nichts anderes als das maskierteste Philistertum. Das ist das zweite. Auf denkerischem, auf vorstellendem Gebiet muß zurückgedrängt werden die heranziehende Beschränktheit, auf gefühlsmäßigem Gebiet die heranschreitende Philistrosität. Weitherzigkeit der Interessen muß dafür Platz greifen, der Wille, wirklich hinzuschauen auf das, was auf dem großen Tableau der irdischen Entwickelung vor sich geht.

[ 12 ] Yes, one must see through these things! What really matters is to look at these things closely, for it is from them that the prevailing mood of modern times stems—and from them that philistinism springs. That is why the religious atmosphere in the various denominations has become so philistine—because it is based on what I have just described. Today it flatters people who pretend to be modest but are actually, deep down, terribly immodest, for immodesty and megalomania are fundamental characteristics of our time. Everything is judged, and no matter how difficult the experience may have been, no matter how much the difficulty of that experience is etched on one’s brow: it is judged—even by those who may well know that they have not made any great effort to experience much, who have only strived to arrive at what is self-evident: that it should not require any effort to recognize God, but that God must simply surrender Himself at all times to the simplest, childlike mind, whenever it desires Him. Thus, one must recognize that philistinism must above all be pushed back through spiritual science. But philistinism is rooted in a place quite different from what is commonly believed today, and many of those who believe they have truly transcended philistinism are, in fact, deeply mired in it. Many “-isms” and many modernist movements, which make it their very program not to be like the philistines, are in fact nothing other than philistinism in its most disguised form. That is the second point. In the realm of thought and imagination, the encroaching narrowness must be pushed back; in the realm of feeling, the advancing philistinism must be pushed back. In their place, a broad-mindedness of interests must take hold—the will to truly look at what is unfolding on the grand canvas of earthly development.

[ 13 ] Wir haben vorgestern versucht, etwas im Konkreten die Wirkung der Volksgeister zu charakterisieren. Das sind ja Erzengel. Daraus konnten Sie schon entnehmen: Diese Volksgeister hängen zusammen mit den Orten, an denen sich gewisse Menschen auf der Erde entwickeln. Durch die Luft wirkt der Volksgeist in Italien, durch alles Flüssige wirkt er in den Gebieten des heutigen Frankreich und so weiter, wie ich es charakterisiert habe. Aber natürlich durchkreuzen sich diese Dinge mit mancherlei anderen, und man muß sich klar sein, daß auf der Erde die Menschen nebeneinander leben, daß gewisse Phasen der Entwickelung in gewissen Gegenden zurückbleiben. In manchen Fällen bringen die Menschen sie weiter, in anderen bringen sie sie sogar in Verfall. Nun ist etwas ungeheuer Bedeutsames zu beobachten. Wenn wir die gesamte Erde als einen Organismus betrachten und uns fragen: Was geht über die gesamte Erde hin vor? — dann können wir zunächst die verschiedenen Gebiete Asiens, den asiatischen Osten betrachten, wie man es nennt. In diesem asiatischen Osten verkörpern sich heute vielfach Seelen, welche durch ihr Karma, durch das, was sie aus früheren Erdenleben mitgebracht haben, noch in früheren Eigentümlichkeiten der Menschheitsentwickelung stecken, Seelen, die Körper suchen, in denen sie noch bis in ein gewisses höheres Alter abhängig sein können von der leiblich-physischen Entwickelung. Das Normale ist ja, daß man heute nur abhängig ist bis in das siebenundzwanzigste Jahr herauf. Das ist überhaupt dasjenige, was den Grundcharakter unserer Zeit repräsentiert, daß man bis in das siebenundzwanzigste Jahr abhängig ist von der leiblich-physischen Entwickelung. Das ist sehr bedeutsam in unserer Zeit. Man versteht vieles in unserer Zeit, wenn man diese Dinge ins Auge faßt. Ich habe auf eines ja wohl auch hier schon hingewiesen.

[ 13 ] The day before yesterday we attempted to characterize, in concrete terms, the effect of the national spirits. These are, after all, archangels. From this you could already infer that these national spirits are connected to the places where certain people develop on Earth. The national spirit acts through the air in Italy; it acts through all things liquid in the regions of present-day France, and so on, as I have described. But of course these factors intersect with many others, and one must be aware that people live side by side on Earth, and that certain phases of development lag behind in certain regions. In some cases, people advance these phases; in others, they even cause them to decline. Now, something immensely significant can be observed. If we regard the entire Earth as an organism and ask ourselves: What is taking place across the entire Earth? — then we can first consider the various regions of Asia, the Asian East, as it is called. In this Eastern Asia, souls are incarnating today in large numbers who, due to their karma—that is, what they have brought with them from previous earthly lives—are still caught up in earlier stages of human development; souls who seek bodies in which they can remain dependent on physical development even into a certain advanced age. The norm today, of course, is that one is dependent only up to the age of twenty-seven. This is, in fact, what represents the fundamental character of our time: that one is dependent on physical development up to the age of twenty-seven. This is very significant in our time. One can understand much about our time by taking these things into account. I have, in fact, already pointed this out here as well.

[ 14 ] Ich fragte mich einmal: Wie wäre ein Mensch, der so ganz der Typus unserer Zeit sein sollte, wie müßte der in diese Zeit mit seinem ganzen Arbeiten, mit seinem ganzen Wirken hineintreten? — Er müßte gewissermaßen alles ausschließen von sich, was sonst an die Menschen von außen herangebracht wird und sie beeinträchtigt, sich nur sich selbst zu überlassen bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahre. Dasjenige, was man den Selfmademan nennt, einen selbstgemachten Menschen, ein solcher müßte es sein. Bis zum siebenundzwanzigsten Jahre müßte er wenig durch das, was das Normale, das Repräsentative in unserer Zeit durchlöchert, berührt werden, bis zum siebenundzwanzigsten Jahre müßte er sich ganz auf sich selbst gestellt entwickeln. Dann, gleich nachdem er aus sich selbst gemacht hat, was eben ein heutiger Mensch aus sich machen kann, dann müßte er zum Beispiel ins Parlament gewählt werden. Nicht wahr, das bedeutet ja heute auf der Höhe der Zeit stehen, ins Parlament gewählt zu werden! Dann, wenn er ins Parlament gewählt ist und nach ein paar Jahren gar Minister geworden ist, dann ist er in gewisser Weise stigmatisiert, dann bemerken esdieLeute später, wenn man nach der einen oder anderen Richtung umfällt und dieses oder jenes Malheur hat. Und dann? Wie muß es weitergehen? Man kann sich dann nicht mehr weiter entwickeln, man bleibt dann der Typus seiner Zeit, man ist dann der richtige Repräsentant seiner Zeit. Solche Menschen gibt es jetzt, habe ich vor einiger Zeit wohl auch hier gesagt: das ist zum Beispiel Lloyd George. Es gibt keinen Menschen, der charakteristischer, typischer das zum Ausdruck bringt, was in unserer Zeit vorhanden ist, als Lloyd George, der bis zum siebenundzwanzigsten Jahr alles dasjenige, was ein Mensch heute aus dem Leiblich-Physischen ziehen kann, aus sich herausgebracht hat. Er war Autodidakt, er war frühzeitig ins Leben, in den Sozialismus hineingekommen, hat frühzeitig gelernt, daß man mit siebenundzwanzig Jahren, nicht wahr, hineingehört ins Parlament. Er wurde ins Parlament gewählt und war dort sehr bald einer der gefürchtetsten Redner, sogar einer der gefürchtetsten Blinzler — so sagt man: Blinzler —, er saß immer so da und lauerte, wenn andere redeten. In seinem Augenaufschlag war etwas Besonderes, das war bekannt bei Lloyd George. Dann kam das Ministerium Campbell-Bannerman. Da sagte man: Was machen wir mit dem Lloyd George? Er ist gefährlich. Es ist das beste, wir machen ihn zum Minister. — Und da nahm man ihn herein ins Ministerium. Ja, aber auf welchen Ministerposten versetzen wir ihn? Er ist ein sehr begabter Mensch! Nun, wir versetzen ihn auf den Posten, wo er gar nichts versteht. Da wird er am nützlichsten sein, da wird er am wenigsten zu schaffen machen! — Man machte ihn zum Minister der Eisenbahnen und Schiffsbauten. In wenigen Monaten eignete er sich dasjenige an, was er brauchte. Er machte die großartigsten Reformen, die großartigsten Sachen.

[ 14 ] I once asked myself: What would a person be like who were to be the very embodiment of our time? How would such a person have to enter into this era with all his work, with all his activities? — He would have to, in a sense, shut out everything that is otherwise imposed on people from the outside and affects them, leaving himself entirely to his own devices until the age of twenty-seven. He would have to be what is called a “self-made man,” a person who has made himself. Until the age of twenty-seven, he would have to be scarcely touched by what undermines what is normal and representative in our time; until the age of twenty-seven, he would have to develop entirely on his own. Then, immediately after he has made of himself what a person today can make of himself, he would have to be elected to Parliament, for example. Isn’t that right? After all, being elected to Parliament today means being at the cutting edge of the times! Then, once he’s been elected to Parliament and, after a few years, has even become a minister, he is, in a certain sense, stigmatized; people will notice it later when he veers in one direction or another and suffers this or that mishap. And then? How must things proceed from there? One can no longer develop further; one remains the archetype of one’s time; one is the true representative of one’s time. Such people exist today—as I believe I mentioned here some time ago—Lloyd George, for example. There is no one who expresses what is present in our time more characteristically, more typically, than Lloyd George, who by the age of twenty-seven had drawn out of himself everything that a human being can draw from the physical-material realm today. He was self-taught; he entered life—and socialism—at an early age, and learned early on that at twenty-seven, one belongs in Parliament, doesn’t one? He was elected to Parliament and very soon became one of its most feared orators—even one of the most feared “blinkers”—as they say: “blinkers”— he always sat there like that, lying in wait while others spoke. There was something special about the way he raised his eyes; Lloyd George was well aware of it. Then came the Campbell-Bannerman cabinet. People said: What are we going to do with Lloyd George? He’s dangerous. The best thing is to make him a minister. — And so they brought him into the cabinet. Yes, but which ministerial post should we assign him to? “He’s a very talented man! Well, let’s put him in a position where he doesn’t understand a thing. That’s where he’ll be most useful; that’s where he’ll cause the least trouble!” — They made him Minister of Railways and Shipbuilding. In just a few months, he mastered what he needed to know. He carried out the most magnificent reforms, the most magnificent achievements.

[ 15 ] Nicht wahr, man kann den Typus des Menschen der Gegenwart nicht besser schildern, als wenn man Lloyd George schildert. Es ist wie konzentriert, wie der Extrakt aus dem Materialismus der Gegenwart heraus, und man kann vieles in der Gegenwart verstehen, wenn man auf so etwas einzugehen vermag. So ist es in der Mitte der Welt, möchte ich sagen, zwischen dem asiatischen Osten und dem amerikanischen Westen. Vorzugsweise in der europäischen Kultur ist es so, daß man bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahre aus dem Leiblich-Physischen das herausziehen kann, was auch für das Seelisch-Geistige bedeutsam sein kann. Dann muß ein geistig-seelischer Impuls in der Seele erregt werden, wenn man weiterkommen will, dann gibt das Körperlich-Physische nichts mehr her. Daher ist in einem Menschen wie Lloyd George alles das, was die Gegenwart von selbst gibt, daher hat er aber auch gar nichts von dem, was frei errungen werden soll. Die Gegenwart gibt natürlich viel Genialität, viel Begabungen, aber sie gibt nichts Geistiges von selbst her. Das muß durch Freiheit erobert werden. Aber in Asien ist noch vielfach Gelegenheit dazu, Körper zu finden, die bis über das siebenundzwanzigste oder achtundzwanzigste Jahr hinaus noch die seelisch-geistige Entwickelung mitmachen lassen. Daher inkarnieren sich dort die Seelen, die dem Leiblich-Physischen noch über diese Zeit hinaus etwas entnehmen wollen. Daher ist dort auch noch eine selbstverständlich spirituelle Kultur, eine Kultur, welche darauf hält, daß die Dinge um uns herum geistig angeschaut werden, daß Geistiges erkannt werde in der Welt. Es greift natürlich auch da im Osten eine große Dekadenz Platz, weil sich der Materialismus ausgebreitet hat, und da er für den Osten am wenigsten geeignet ist, so wirkt die Dekadenz dort am meisten. Aber bei denjenigen, die die führenden Leute sind, sieht man, wie noch eine selbstverständliche Spiritualität vorhanden ist. Die verachten die europäisch-materialistische Kultur innerlich doch im allerumfänglichsten Sinn. Solche Menschen wie Rabindranath Tagore, der vor kurzem eine Rede gehalten hat über den Geist Japans, der sagt: Wir Orientalen nehmen selbstverständlich für die äußeren technischen Kulturverhältnisse die europäischen Errungenschaften an; aber wir stellen sie in unsere Remisen, in unsere Ställe, lassen sie ja nicht in unsere Wohnstuben hineinkommen, diese europäische Kultur —, weil ihm das Spirituelle etwas Selbstverständliches ist. Solche Dinge muß man heute wissen, denn diese Dinge sind ja die Grundkräfte dessen, was über die Welt hinüber geschieht, wovon die Weltereignisse heute abhängen.

[ 15 ] Isn’t it true that there’s no better way to describe the modern human being than by describing Lloyd George? It’s as if he were a concentrated essence, an extract from the materialism of our time, and one can understand much about the present if one is able to engage with something like that. This is how it is at the center of the world, I would say, between the Asian East and the American West. In European culture in particular, it is the case that up to the age of twenty-seven, one can draw from the physical-bodily realm what may also be significant for the soul-spiritual realm. Then a spiritual-soul impulse must be aroused in the soul if one wishes to progress further; at that point, the physical body can offer nothing more. That is why a person like Lloyd George possesses everything that the present age offers of its own accord, but consequently he has nothing at all of what must be freely attained. The present age naturally provides much genius and many talents, but it offers nothing spiritual of its own accord. That must be won through freedom. But in Asia there are still many opportunities to find bodies that allow for spiritual and soul development even beyond the age of twenty-seven or twenty-eight. That is why souls who wish to draw something from the physical realm even beyond this time incarnate there. That is why there is still a naturally spiritual culture there—a culture that insists on viewing the things around us from a spiritual perspective, on recognizing the spiritual in the world. Of course, a great deal of decadence is also taking hold in the East because materialism has spread, and since it is least suited to the East, the decadence has the greatest effect there. But among the leading figures, one can see that a natural spirituality still exists. Deep down, they despise European materialistic culture in the most comprehensive sense. People such as Rabindranath Tagore, who recently gave a speech on the spirit of Japan, say: “We Orientals naturally adopt European achievements when it comes to external technical and cultural conditions; but we put them in our sheds, in our stables; we certainly do not let this European culture into our living rooms—because for him, the spiritual is something self-evident. One must be aware of such things today, for these are the fundamental forces behind what is happening throughout the world, upon which world events today depend.

[ 16 ] Sie werden sagen: Ja, wir haben doch wahrhaftig zum Beispiel in unserer mitteleuropäischen Kultur die feste Anlage zu einer, sogar von klaren, hellen Ideen getragenen Spiritualität! — Die haben wir auch, und wir können so reden von dieser Spiritualität, wie ich in meinem Buch «Vom Menschenrätsel» von einer vergessenen Strömung im deutschen Geistesleben zu reden versuchte. Um uns zu durchdringen mit einer Spiritualität, die nun wirklich in der Entwickelung der Menschen über das hinausgehen würde, was die orientalische Spiritualität je geleistet hat, brauchten wir uns nur zu erfüllen mit den wunderbaren Imaginationen, die wir zum Beispiel bei Herder schon oder bei Goethe finden. So etwas Großes hat die orientalische Kultur nicht hervorgebracht wie Herder, der in jedem neuen Morgensonnenaufgang ein Bild der neuen Weltschöpfung sieht und es in großartiger Weise schildert. Diejenigen, die heute keine Philister sein wollen, sind doch solche Philister, daß sie sagen: Um so etwas Uraltes kümmert man sich nicht mehr —, und wenn man die Leute nach Herder fragt, so ist das längst vergessen. Und der Orientale, wenn er die Verhältnisse beurteilt, so beurteilt er natürlich dasjenige, was da in der äußeren wirklichen Strömung der mitteleuropäischen Kultur lebt.

[ 16 ] You will say: Yes, surely we have, for example, in our Central European culture, a firm foundation for a spirituality that is even sustained by clear, luminous ideas! — We do have that, too, and we can speak of this spirituality in the same way that I attempted to speak of a forgotten current in German intellectual life in my book *The Enigma of Man*. To imbue ourselves with a spirituality that would truly go beyond what Eastern spirituality has ever achieved in human development, we need only fill ourselves with the wonderful imaginings that we find, for example, in Herder or in Goethe. Eastern culture has not produced anything as great as Herder, who sees in every new sunrise an image of the creation of the world anew and describes it in magnificent fashion. Those who do not want to be philistines today are, in fact, such philistines that they say: “We no longer concern ourselves with such ancient things”—and when you ask people about Herder, he has long since been forgotten. And when the Oriental assesses the situation, he naturally assesses what is alive in the outward, real current of Central European culture.

[ 17 ] Lesen Sie den scharfsinnigen Chinesen Xu Hung-Ming, der in wohlwollender Weise die mitteleuropäische Kultur beschrieben hat, oder lesen Sie den Vortrag, den Rabindranath Tagore vor kurzem gehalten hat. Dann werden Sie sehen, die Leute fragen sich: Welche Stellung nimmt dieses Europa in dem Gesamtfortschritt der Menschheit ein? — Sie haben eine Ahnung davon, daß dieses Mitteleuropa berufen wäre, die Menschen über dasjenige hinauszuführen, was der Spiritualismus ihnen selbst gegeben hat. Aber dann schauen sie nach, ob nicht dieses Mitteleuropa versäumt hat, die großen Anlagen, die großen Keime zu entfalten, die da sind, die es enthält. Einen Goethe, so sagen die Leute, haben die Menschen gehabt; ja, aber sie wissen nichts aus ihm zu machen, diese biederen Deutschen, diese materialistischen Deutschen! — Als sein letzter Enkel starb, war noch einmal Gelegenheit, den Goetheanismus in das deutsche Geistesleben einzuführen. Unter der wirklich unvergleichlich großartigen Ägide einer deutschen Fürstin wurde das Goethe-Schiller-Archiv gegründet. Ein großer Impuls war gegeben in den achtziger Jahren. Man hat auch die Goethe-Gesellschaft gegründet, aber man hat sich ständig geniert, irgend jemanden an die Spitze zu berufen, der sich nun wirklich mit der Spiritualität Goethes beschäftigt hätte. Das fand man nicht würdig, und bei der letzten Wahl hat man nicht einen Menschen an die Spitze der Goethe-Gesellschaft gestellt, welcher darinnen stehen würde in jener Spiritualität, die durch Goethe angeregt ist, sondern man berief einen ehemaligen Finanzminister. Ja, nach solchen Dingen muß aber die Welt dasjenige beurteilen, was in Mitteleuropa geschieht! Das Erbe Goethes wird heute von einem ehemaligen Finanzminister verwaltet, der ja allerdings den symptomatischen Vornamen hat «Kreuzwendedich». Aber ich weiß nicht, ob, wenn sich das Symptomatische dieses Vornamens erfüllen würde, etwas Besseres an die Stelle treten würde.

[ 17 ] Read the insightful Chinese scholar Xu Hung-Ming, who has described Central European culture in a sympathetic light, or read the lecture Rabindranath Tagore recently gave. Then you will see that people are asking themselves: What role does this Europe play in the overall progress of humanity? — They have a sense that this Central Europe is called upon to lead people beyond what Spiritualism itself has given them. But then they look to see whether this Central Europe has failed to develop the great potentials, the great seeds that are there, that it contains. People say that humanity had a Goethe; yes, but they don’t know what to make of him—these staid Germans, these materialistic Germans! — When his last grandson died, there was yet another opportunity to introduce Goetheanism into German spiritual life. Under the truly incomparably magnificent patronage of a German princess, the Goethe-Schiller Archive was founded. A great impetus was given in the 1880s. The Goethe Society was also founded, but there has always been a reluctance to appoint anyone to its leadership who would truly engage with Goethe’s spirituality. This was deemed unworthy, and in the last election, not a single person was placed at the head of the Goethe Society who would embody that spirituality inspired by Goethe; instead, a former finance minister was appointed. Yes, but it is on the basis of such things that the world must judge what is happening in Central Europe! Goethe’s legacy is today administered by a former finance minister who, admittedly, bears the symptomatic first name “Kreuzwendedich.” But I do not know whether, if the symbolism of this first name were to be fulfilled, something better would take its place.

[ 18 ] Diese Dinge würden nur anders werden können, wenn an die Stelle der engherzigen Interessen große Interessen treten würden, wenn man wirklich darauf hinblicken würde, wie die Impulse über die Erde hin wirken, wie die Leiber im Osten, ich möchte sagen, eine etwas zurückgebliebene Spiritualität möglich machen für die Seelen, die sich in solchen Leibern heute mit einer zurückgebliebenen Spiritualität inkarnieren wollen, die noch etwas vom Physisch-Leiblichen hergeben für die Seelen über das siebenundzwanzigste Jahr hinaus. Im Osten bleibt man auf früherer Stufe der Menschheitsentwickelung stehen, da bleibt man stehen auf demjenigen, was die Menschheit schon durchgemacht hat. Hier in der Mitte ist man auf jenem Standpunkt, wo der Umschwung sich vollziehen muß, wo man bis zum siebenundzwanzigsten Jahre heute — in der Mitte des 15. Jahrhunderts war es das achtundzwanzigste Lebensjahr — aus dem Leiblich-Physischen das Nötige herausziehen kann. Da muß man aber für die weitere Entwickelung der Menschenseele, wenn man nicht früh alt werden will und nicht nichts haben will von seiner Jugend, einen geistig-seelischen, einen freien spirituellen Impuls haben, nicht, wie der Orientale, einen unfreien spirituellen Impuls.

[ 18 ] These things could only change if narrow-minded interests were replaced by broader interests, if we truly looked at how these impulses affect the Earth, how the bodies in the East, I would say, a somewhat backward spirituality is made possible for the souls who wish to incarnate in such bodies today with a backward spirituality, which still offers something from the physical-bodily realm to the souls beyond the age of twenty-seven. In the East, one remains at an earlier stage of human development; there, one remains at the stage that humanity has already gone through. Here in the middle, we are at the point where the turning point must take place, where today—up to the age of twenty-seven (in the middle of the 15th century, it was the twenty-eighth year of life)—one can draw what is necessary from the physical body. However, for the further development of the human soul—if one does not wish to grow old prematurely or to have nothing left of one’s youth—one must have a spiritual-soul impulse, a free spiritual impulse, and not, like the Easterners, an unfree spiritual impulse.

[ 19 ] Gehen wir weiter nach dem Westen hinüber, nach Amerika. Da ist die Menschheit so geartet, daß sie zurückbleibt, daß sie dieses Maß nicht erreicht. Im Orient ist die Menschheit gewissermaßen auf früheren Stufen zurückgeblieben, in der Mitte haben Sie das normale Alter, im Westen, in Amerika — ich habe das vorgestern charakterisiert —, da wirkt das Erden-Unterirdische. Selbst auf solche Geister wie Woodrow Wilson wirkt es so, daß sie besessen sind von ihren eigenen Worten, ihren eigenen Prinzipien. Sie sind wie früh gealterte — aber das Wort hat etwas andere Wertung — wie früh gealterte Kinder, die nicht bis zur vollen Auswirkung dessen kommen können, was bis zum siebenundzwanzigsten Jahre ausgewirkt werden kann. Wenn man einmal durchschauen wird das, was in der Gegenwart vielen Leuten so starken Eindruck macht, dann wird man zum Beispiel die Frage aufwerfen: Wie konnte es denn nur kommen, daß ein Geist wie Woodrow Wilson, der mit seinem Alter niemals mehr in sich aufgenommen hat, als man bis zum siebenundzwanzigsten Jahre aufnimmt, der große Weltenschulmeister werden konnte? — Die Weite des Interesses, um solche Dinge sich wirklich in echter Art vor die Seele zu rücken, die hat man eben nicht. Man will nicht heraus aus der Philistrosität!

[ 19 ] Let us continue further westward, to America. There, humanity is such that it lags behind, that it does not reach this level. In the East, humanity has, in a sense, remained at earlier stages; in the Middle, you have the normal stage of development; in the West, in America—as I described the day before yesterday—the earthly-underworld forces are at work. Even on minds like Woodrow Wilson’s, these forces act in such a way that they become obsessed with their own words, their own principles. They are like prematurely aged—though the word carries a slightly different connotation—like prematurely aged children who cannot reach the full realization of what can be achieved by the age of twenty-seven. Once people see through what makes such a strong impression on many people today, they will, for example, raise the question: How on earth could it have come to pass that a mind like Woodrow Wilson’s—which, by the time of his death, had never absorbed more than one typically absorbs by the age of twenty-seven—could become the great schoolmaster of the world? — One simply lacks the breadth of interest required to truly bring such matters to the forefront of one’s soul in an authentic way. One refuses to break free from philistinism!

[ 20 ] Jener merkwürdige Zug in der Menschheitsentwickelung, der damit charakterisiert ist: Vom Osten nach dem Westen, von dem Aufbewahren eines Früheren durch das normale Mittlere hindurch nach dem Dekadenten des Westens hin —, das liegt in der Völker- und Erdenentwickelung, nicht im einzelnen Menschen selbstverständlich. Interesse dafür muß entwickelt werden, damit man weiß, was für Impulse über die Erde hin wirken, damit man sie zu werten versteht. Und in der Mitte hier war durch lange Zeit hindurch der Zug aus dem Süden das Maßgebende, indem die mitteleuropäische Kultur von griechisch-römischem Wesen übergossen worden ist. Das konservative Wesen des Südens kam herüber. Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Ein besonders fortschrittliches Element des Nordens muß die mitteleuropäische Bevölkerung durchdringen. Und dieses Besondere, ich möchte sagen, die für heute günstigen Impulse der Hyperboräerzeit, die müssen durch unsere Seele hindurchgehen. Das ist es, was berücksichtigt werden muß. Sonst geht, wenn der Mensch nicht die Augen und die Seele öffnet gegenüber diesen großen Impulsen des Menschheitswerdens, die Erde eine falsche Entwickelungsrichtung, wird nicht Humus für den kosmischen Weltbau, und dasjenige, was die letzte Entwickelungsepoche der Erde bedeuten sollte, muß von einem anderen Planeten in Anspruch genommen werden.

[ 20 ] That remarkable trend in human development, characterized by a movement from East to West—from the preservation of the past, through the normal middle phase, toward the decadence of the West—is, of course, to be found in the development of peoples and the Earth, not in the individual human being. An interest in this must be cultivated so that we may know what kinds of impulses are at work across the Earth, and so that we may understand how to evaluate them. And here in the center, for a long time, the influence from the South was the defining factor, as Central European culture was imbued with a Greco-Roman character. The conservative nature of the South made its way here. Today we stand at a turning point. A particularly progressive element from the North must permeate the Central European population. And this particular quality—I would say the impulses of the Hyperborean era that are favorable for our time—must pass through our souls. This is what must be taken into account. Otherwise, if human beings do not open their eyes and souls to these great impulses of becoming human, the Earth will take a wrong course of development, will not become humus for the cosmic world-building, and what was meant to be the Earth’s final epoch of development will have to be claimed by another planet.

[ 21 ] Es sind schon große Interessen auf dem Spiel. Es ist notwendig, daß man sich aus der Philistrosität herausarbeitet und zu den großen Interessen hinaufentwickelt. Nur dann, wenn man solche Interessen sich aneignet, kommt man dazu, gewisse Erscheinungen in unserer Gegenwart in der richtigen Weise zu werten. Man kann deutlich sehen: Es gabeln sich die menschlichen Naturen in unserer Zeit. Das ist heute im Anfang; doch gabeln sich die Menschen. Die einen sind Naturen, welche gewissermaßen das Leiblich-Physische in sich verhärten. Sie entwickeln es in einer gewissen Verhärtung bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahre, dann bleiben sie stehen, sie lehnen das GeistigSeelische ab. Wenn sie nicht gerade fortwährend Anregung haben, um die Menschheit aufzuregen, um die Menschheit zum Unheil zu führen wie Lloyd George, dann versulzen, versauern sie, gehen über in das rechte Philistertum, werden stumpf. In der einen Gabelrichtung liegt die Verstumpfung der Menschheit. Die anderen überlassen sich bis zum siebenundzwanzigsten Jahre allen treibenden, pulsierenden Kräften des Physisch-Leiblichen, ziehen alle Geistigkeit aus dem Physisch-Leiblichen heraus. Im Physischen liegt viel. Vergessen Sie nicht, wir kommen alle ungeheuer weisheitsvoll zur Welt; wir hätten das Weisheitsvolle nur umzugestalten in Bewußtsein, umzugestalten dasjenige, was da weisheitsvoll in unserer ganzen Leiblichkeit ist. Geisteswissenschaft versucht, in einer harmonischen, durchgeistigten Art alles das, was im Nerv, Blut und Muskel ist, heraufzuholen ins Bewußtsein. Geisteswissenschaft lehnen nicht nur die Stumpflinge ab, sondern auch vielfach diejenigen — und es werden ihrer immer mehr werden —, die lebendig pulsierend bis zur Geschlechtsreife und bis zum siebenundzwanzigsten Jahre dasjenige fühlen, was als Genialiität im Nerv, Blut, Muskel drunten kocht und siedet. Diese überhitzten Naturen, die gewissermaßen das menschliche Leben verbrennt, werden immer häufiger und häufiger. Sporadisch treten sie heute schon außerordentlich häufig auf. Man bevölkert mit ihnen die Irrenhäuser und so weiter. Aber man sieht nicht ein, daß die wirkliche Heilung in der anthroposophisch ‘orientierten Geisteswissenschaft liegt.

[ 21 ] There are indeed great interests at stake. It is necessary to break free from philistinism and develop toward these great interests. Only by embracing such interests can one come to evaluate certain phenomena of our present time in the proper way. One can clearly see that human natures are diverging in our time. This is only just beginning today; yet people are diverging. Some are of a nature that, so to speak, hardens the physical aspect within themselves. They develop it with a certain rigidity until the age of twenty-seven, then they come to a standstill; they reject the spiritual and soul aspects. Unless they have a constant drive to stir up humanity, to lead humanity to ruin—as Lloyd George did—they become jaded, embittered, slip into outright philistinism, and grow dull. One branch of this fork leads to the dulling of humanity. The others, up to the age of twenty-seven, surrender themselves to all the driving, pulsating forces of the physical-bodily realm, drawing all spirituality out of the physical-bodily realm. There is much in the physical realm. Do not forget: we are all born with immense wisdom; we need only transform that wisdom into consciousness—to transform what is already present as wisdom within our entire physical being. Spiritual science seeks, in a harmonious, spiritually imbued way, to bring everything that is in the nerves, blood, and muscles up into consciousness. Spiritual science is rejected not only by the dull-witted, but also, in many cases, by those—and their numbers are growing—who, with a living, pulsating intensity from puberty through their twenty-seventh year, feel what is simmering and boiling as genius deep within their nerves, blood, and muscles. These overheated natures, which, so to speak, burn up human life, are becoming more and more common. Even today, they appear sporadically with extraordinary frequency. They fill the mental hospitals and so on. But people fail to realize that true healing lies in anthroposophically “oriented spiritual science.”

[ 22 ] Fine typische Natur ist ja zu einer Weltberühmtheit geworden in der neueren Zeit. Das ist der Philosoph Otto Weininger. Nicht wahr, Otto Weininger war ein Mensch, der in allerchaotischster Weise, ungeläutert, unharmonisiert dasjenige hervorholte, was im Nerv, Muskel, Blut liegt, und der dann das weltberühmt gewordene Buch «Geschlecht und Charakter» geschrieben hat, auf welches die Menschen, die auf alles hereinfallen, auch da hereingefallen sind. So daß auch die Philister hereingefallen sind, die nicht verstanden haben, daß es, trotz alles Unsinnigen, Widerlichen, eine Idee, eine Offenbarung eines Elementarischen von Nerv, Blut und Muskel war. An solche Menschen tritt das Elementare heran, aus ihrer Menschheit selbst heraus tritt das an sie heran, was — nur in geordneter, harmonischer Weise — die Geisteswissenschaft entwickeln möchte. Solche Menschen müssen sich, weil sie es nicht aus der Geisteswissenschaft gelernt haben — da würden sie es ordentlich lernen —, sondern weil ihre Nerven, ihr Blut, ihre Muskeln es fordern, eine Frage stellen, welche die Menschheit sich heute notwendigerweise stellen muß. Ohne diese Frage kommt die Menschheit nicht weiter. Sie lautet: Wie werde ich, indem ich hier in die physische Welt durch die Geburt oder Empfängnis hereingetreten bin, ein Fortsetzer meines geistig-seelischen Daseins vom letzten Tod bis zu dieser Geburt? — Solche und ähnliche Fragen, wie wir sie in der Geisteswissenschaft aufwerfen, wie wir sie als Grundfragen der fortschreitenden Geisteskultur betrachten, müssen aufgeworfen werden und werden aufgeworfen werden von denen, die heraufsieden lassen, was in Nerv, Blut und Muskel ist.

[ 22 ] A certain type of nature has, after all, become world-famous in recent times. That is the philosopher Otto Weininger. Isn’t that right? Otto Weininger was a man who, in the most chaotic way—unrefined and unharmonized—brought to light what lies in the nerves, muscles, and blood, and who then wrote the world-famous book *Sex and Character*, which people who fall for anything also fell for. So even the philistines fell for it, failing to understand that, despite all the nonsense and repugnance, it was an idea, a revelation of something elemental in the nerves, blood, and muscles. The elemental approaches such people; from within their very humanity itself comes to them what—only in an orderly, harmonious way—spiritual science seeks to develop. Such people must ask a question—not because they have learned it from spiritual science (where they would learn it properly), but because their nerves, their blood, and their muscles demand it—a question that humanity today must necessarily ask itself. Without this question, humanity cannot move forward. It is this: How do I, having entered the physical world through birth or conception, become a continuation of my spiritual-soul existence from my last death up to this birth? — Such questions and others like them, as we raise them in spiritual science and regard them as fundamental questions of advancing spiritual culture, must be raised and will be raised by those who allow what lies within their nerves, blood, and muscles to well up.

[ 23 ] Sehen Sie, gerade bei Otto Weininger ist ein Kapitel außerordentlich interessant. Er hat sich gefragt: Warum bin ich eigentlich ins Erdenleben gezogen? — Und er hat sich diese Frage aus dem, was ich eben charakterisiert habe, aus der Weisheit, die im Muskel, Blut und Nerv liegt, in seiner Art beantwortet, aber in der Art, die den Menschen verzehrt, verbrennt. Er hat sich gefragt: Warum werde ich denn aus der geistig-seelischen Welt, in der ich früher war, hereingezogen ins Erdenleben? — Er fand keine Antwort als diese: Weil ich feig war, weil ich nicht allein bleiben wollte in der geistig-seelischen Welt und deshalb die Verknüpfung mit anderen Menschen suchte. Ich hatte nicht den Mut, allein zu sein, ich suchte den Schutz im Mutterleibe. — Das waren für ihn durchaus ehrliche Antworten, die er sich gegeben hat. Warum haben wir keine Erinnerung, fragte er, an dasjenige, was vor der Geburt verflossen ist? Weil wir durch die Geburt so geworden sind! — Wörtlich sagt er: Weil wir so tief gesunken sind, daß wir das Bewußtsein verloren haben. Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müßte er sich nicht suchen und wieder finden.

[ 23 ] You see, there is one chapter in Otto Weininger’s work that is particularly interesting. He asked himself: Why did I actually come into this earthly life? — And he answered this question for himself—based on what I have just described, on the wisdom that lies in muscle, blood, and nerves—in his own way, but in a way that consumes and burns a person up. He asked himself: Why am I drawn from the spiritual-soul world, where I used to be, into earthly life? — He found no answer other than this: Because I was cowardly, because I did not want to remain alone in the spiritual-soul world and therefore sought connection with other human beings. I did not have the courage to be alone; I sought protection in my mother’s womb. — These were, for him, entirely honest answers that he gave himself. “Why,” he asked, “do we have no memory of what happened before birth? Because that is what we became through birth!” — He says, word for word: “Because we have sunk so deeply that we have lost our consciousness.” If human beings had not lost themselves at birth, they would not have to search for themselves and find themselves again.

[ 24 ] Das sind typische Erscheinungen; heute treten sie noch sporadisch auf. Es sind diejenigen, die in ihrer Jugend aus Blut, Nerv und Muskel das herausholen, was nur dann gedeihlich werden kann im gesamten Menschenprozeß, wenn es abgeklärt, harmonisiert wird durch dasjenige, was Geisteswissenschaft geben soll. Dazu müssen aber die Interessen im allgemeinen Menschenleben ins große getrieben werden. Es muß die Philistrosität zurücktreten. Dieses Eingeschlossensein der Menschen im engen Interessenkreis, das muß geradezu systematisch bekämpft werden. Gewisse Fragen müssen eine ganz andere Gestalt annehmen, als sie bis in unsere Tage herein haben. Die religiöse Entwickelung der letzten Jahrtausende, wie hat sie denn selbst die Frage gegliedert, die noch ein wenig die Menschen mit dem Spirituellen zusammenhält? Ein materialistisch gebildeter, geistreicher Mensch der Gegenwart, der eine hohe Stellung in einem gewissen Umkreis eingenommen hat, sagte mir einmal: Wenn man den Staat mit der Kirche vergleicht, dann bekommt man die Ansicht, daß es die Kirche doch noch leichter habe als der Staat. — Nun, ich will nichts über den Wert dieses Urteils sagen, aber jener Mann meinte, daß es die Kirche doch noch leichter habe als der Staat, denn der Staat verwalte das Leben, die Kirche den Tod, und vor dem Tod haben die Menschen doch mehr Angst als vor dem Leben; daher habe die Kirche es leichter. — Er betrachtete das natürlich als Unsinn, weil er ganz materialistisch gesinnt war.

[ 24 ] These are typical phenomena; today they still occur sporadically. They are the people who, in their youth, draw from their blood, nerves, and muscles what can only flourish within the entire human process if it is refined and harmonized by what spiritual science is meant to provide. To achieve this, however, interests in general human life must be expanded to a broader scale. Philistinism must take a back seat. This confinement of people within a narrow circle of interests must be combated in a systematic manner. Certain questions must take on a completely different form than they have up to the present day. How, then, has the religious development of the past millennia structured the very question that still binds people to the spiritual to some extent? A materialistically educated, witty person of our time, who has attained a high position within a certain circle, once said to me: “If one compares the state with the church, one gets the impression that the church still has it easier than the state.” — Well, I won’t comment on the validity of that judgment, but that man believed that the church does indeed have it easier than the state, because the state administers life, while the church administers death, and people are, after all, more afraid of death than of life; therefore, the church has it easier. — He naturally regarded this as nonsense, because he was entirely materialistic in his outlook.

[ 25 ] Aber auch dieses Kapitel ist ja eigentlich in ein recht egoistisches Fahrwasser gebracht worden. Im Grunde genommen fragt der Mensch heutzutage: Was tritt ein mit meinem seelisch-geistigen Leben, wenn ich durch die Pforte des Todes getreten bin? — Und darin stecken viele egoistische Impulse. Gerade die Unsterblichkeitsfrage würde unter dem Einfluß der Geisteswissenschaft eine ganz andere Gestalt annehmen. Man würde in der Zukunft nicht allein fragen: Inwiefern ist das geistig-seelische Leben nach dem Tod eine Fortsetzung des Lebens hier auf Erden —, sondern: Inwiefern ist das Leben auf der Erde hier eine Fortsetzung des Lebens, das ich früher in der geistig-seelischen Welt zugebracht habe? — Da wird man dann hinblicken können auf so etwas wie das Folgende.

[ 25 ] But this chapter, too, has actually been steered into rather self-centered waters. Essentially, people today ask: What happens to my soul and spiritual life once I have passed through the gate of death? — And there are many self-centered impulses at work here. The question of immortality, in particular, would take on an entirely different form under the influence of spiritual science. In the future, people would not ask only: To what extent is life after death a continuation of life here on Earth—but rather: To what extent is life here on Earth a continuation of the life I previously lived in the spiritual-soul world? — Then one will be able to look toward something like the following.

[ 26 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, so ist bei ihm in der ersten Zeit das imaginative Vorstellen recht stark ausgebildet; eine umfassende Bilderwelt entrollt sich ihm imaginativ. Ich möchte das nennen ein Entrollen der Bilderwelt. Das zweite Drittel des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt ist vorzugsweise von Inspirationen ausgefüllt. Inspirationen treten im menschlichen Leben im zweiten Drittel dieses Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auf. Und Intuitionen im letzten Drittel. Nun bestehen Intuitionen darin, daß der Mensch sich mit seinem Selbst, seinem Seelischen in andere Wesenheiten versetzt, und das Ende dieser Intuitionen besteht darin, daß er sich in den physischen Leib versetzt. Dieses Sich-Versetzen in den physischen Leib durch die Geburt ist bloß die Fortsetzung des hauptsächlich intuitiven Lebens des letzten Drittels zwischen Tod und neuer Geburt. Und das muß eigentlich auftreten, wenn der Mensch ins Physische hereintritt, das muß ein besonders charakteristischer Zug sein beim Kinde: das Sich-Versetzen ins andere Leben. Es muß das tun, was andere tun, nicht was aus einem selbst hervorgeht, sondern imitierend, nachahmend, was der andere tut.

[ 26 ] When a person passes through the gate of death, their imaginative faculty is quite strongly developed at first; a vast world of images unfolds before them in their imagination. I would like to call this an “unfolding of the world of images.” The second third of life between death and a new birth is primarily filled with inspirations. Inspirations occur in human life during the second third of this period between death and a new birth. And intuitions occur in the final third. Now, intuitions consist in a person projecting their self—their soul—into other beings, and the culmination of these intuitions is that they project themselves into the physical body. This projection into the physical body through birth is merely the continuation of the primarily intuitive life of the final third between death and a new birth. And this must actually occur when a human being enters the physical realm; it must be a particularly characteristic trait in the child: the act of placing oneself into another life. The child must do what others do—not what arises from within itself, but by imitating and emulating what others do.

[ 27 ] Warum mußte ich beschreiben, als ich über «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» sprach, daß die Kinder in den ersten sieben Jahren vorzugsweise Nachahmer sind? Weil die Nachahmung, weil das Sich-Versetzen in andere die Fortsetzung der intuitiven Welt ist, die im letzten Drittel des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt da ist. Man sieht noch hereinströmen und hereinleuchten das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn man recht sinnvoll das Leben des Kindes hier betrachtet. Die Unsterblichkeitsfrage wird auf diese Basis gestellt werden müssen: Inwiefern ist das Leben hier auf der Erde eine Fortsetzung des seelisch-geistigen Lebens? — Dann wird man aber auch lernen, dieses Leben auf der Erde besonders wichtig zu nehmen, aber nicht im egoistischen Sinn. Dann wird man sich vor allen Dingen an das Verantwortlichkeitsgefühl halten, das so begründet wird, daß man sich sagt: Ich habe fortzusetzen hier dasjenige, was mir auferlegt ist dadurch, daß ich etwas als Erbschaft aus dem Seelisch-Geistigen mitgebracht habe. — Es wird einen ungeheuren Umschwung bedeuten in der Auffassung der Menschen, wenn sie von dem anderen Gesichtspunkte aus sprechen werden. Denn dasjenige, was die Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erlebt, dieser große geistige Umkreis, der erlebt wird in Imaginationen, Inspirationen, Intuitionen, das ist für dort das Diesseits; und was wir hier erleben, ist für dort das Jenseits. Und dieses Jenseits verstehen wollen, würdigen wollen, das wird ein Teil der neugestalteten Unsterblichkeitsfrage werden, die in weniger egoistischer Weise in die geistige Entwickelung der Menschheit eingreifen wird, als es vielfach die Unsterblichkeitsfrage in der religiösen Entwickelung der verflossenen Jahrtausende getan hat.

[ 27 ] Why did I have to explain, when speaking about *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*, that children in their first seven years are primarily imitators? Because imitation—because putting oneself in another’s place—is the continuation of the intuitive world that exists in the last third of life, between death and a new birth. One can still see the life between death and a new birth flowing in and shining through when one truly contemplates the child’s life here. The question of immortality will have to be posed on this basis: To what extent is life here on Earth a continuation of the soul-spiritual life? — Then, however, we will also learn to regard this life on Earth as particularly important, but not in an egoistic sense. Above all, people will hold fast to a sense of responsibility grounded in the realization that: I must continue here what has been entrusted to me by virtue of having brought with me an inheritance from the soul-spiritual realm. — It will mark a tremendous shift in people’s understanding when they begin to speak from this different perspective. For what the soul experiences between death and a new birth—this vast spiritual realm experienced through imaginations, inspirations, and intuitions—is, from that perspective, the “here and now”; and what we experience here is, from that perspective, the “hereafter.” And the desire to understand and appreciate this “beyond” will become part of the newly formulated question of immortality, which will influence the spiritual development of humanity in a less egotistical way than the question of immortality has often done in the religious development of past millennia.

[ 28 ] Solche Dinge wollte ich schildern, um zu zeigen, wie die Menschheit herauskommen soll aus der Philistrosität, um zu zeigen, wie man eben kein Philister ist. Man ist kein Philister, wenn man hinausgehen kann über das engste Interesse, und wenn man auch ein Interesse hat dafür, daß man hier auf Erden in einem Tag 25920 Atemzüge macht, was der Anzahl der Tage in einem Erdenleben entspricht und was auch den «Rucken» der Sonne entspricht, die sie vollführt, indem sie herumkreist in der kosmischen Ellipse. Hinaus erweitern die Interessen über das, was dazu geführt hat, daß es einen vergessenen Strom im deutschen Geistesleben gibt, hinaus erweitern das Interesse über das, was auf der ganzen Erde sich im Geiste konfiguriert, was der Grundton der orientalischen, der mittleren, der westlichen Geistesentwickelung ist: wie die asiatische Geistesentwickelung abhängig ist gewissermaßen von einer östlichen Strömung, die in die Dekadenz kam im Westen, wie die mittlere Strömung, erst abhängig von dem Süden, abhängig wird in der Zukunft von dem Norden. Diese Dinge führen uns auf den großen Plan der Menschheitsentwickelung, überwinden die Philistrosität, stellen das Fühlen in bezug auf die Menschheitsentwickelung richtig ein und lehren uns wirklich mitfühlen dasjenige, was in der Menschheit als Impulse lebt.

[ 28 ] I wanted to describe such things to show how humanity should break free from philistinism, to show how one is not a philistine. One is not a philistine if one can transcend one’s narrowest interests, and if one also takes an interest in the fact that here on Earth one takes 25,920 breaths in a single day—a number corresponding to the number of days in an earthly life and also to the “swing” of the sun as it orbits in the cosmic ellipse. Interests extend beyond what has led to the existence of a forgotten current in German spiritual life; they extend beyond what is taking shape spiritually across the entire Earth—which is the fundamental tone of Eastern, Middle, and Western spiritual development: how Asian spiritual development is, in a sense, dependent on an Eastern current that fell into decadence in the West, and how the Central current, initially dependent on the South, will in the future become dependent on the North. These things lead us to the grand plan of human development, help us overcome philistinism, set our feelings regarding human development on the right course, and teach us to truly empathize with the impulses that live within humanity.

[ 29 ] Und das Wollen: Auch das Wollen entwickelt sich in den materialistischen Impulsen in einer ganz bestimmten Weise. Es entwickelt sich dahin, daß die Menschen immer ungeschickter und ungeschickter werden, und zwar im großen klassischen Sinn ungeschickter und ungeschickter werden. Was kann heute der Mensch? Das Engste, wozu er trainiert wird, was ihn in einen kleinen Kreis hineinstellt. Dasjenige, was Geisteswissenschaft an Begriffen, an Gefühlen, an Impulsen entwickelt, das geht schon bis in die Glieder. Wenn sich jemand recht in die Geisteswissenschaft einlebt, so wird er geschickt, paßt sich an die Umgebung an, lernt im Laufe seines Lebens manchmal Dinge, von denen man, wenn er noch ganz klein ist, sagt, er habe nicht die geringste Anlage dazu. Geisteswissenschaft wird, wenn sie richtig ergriffen wird, den Menschen auch geschickt machen. Heute sind die Menschen nicht einmal im Kleinsten geschickt. Man lernt Menschen kennen, die nicht die kleinsten Handgriffe kennen, man lernt Herren kennen, die sich nicht einmal einen Knopf annähen können, wenn er abgerissen ist, viel weniger etwas anderes. Aber darauf kommt es an, daß die Menschen wiederum vielseitig werden können, daß sie sich anpassen können an die Umgebung, daß dieses Eingeschlossensein in den engsten Kreis und damit das Ungeschicktwerden für die Welt überwunden werde.

[ 29 ] And the will: The will, too, develops in a very specific way under the influence of materialistic impulses. It develops in such a way that people become more and more clumsy—clumsier and clumsier in the broad, classical sense. What can a person do today? Only the narrowest things for which they are trained—things that confine them to a small circle. What spiritual science develops in terms of concepts, feelings, and impulses extends all the way down into the limbs. When someone truly immerses themselves in spiritual science, they become skilled, adapt to their surroundings, and—over the course of their life—sometimes learn things that, when they were very young, people said they had not the slightest aptitude for. Spiritual science, when properly grasped, will also make people skilled. Today, people are not skilled even in the smallest of ways. One meets people who do not know the simplest of manual tasks; one meets gentlemen who cannot even sew on a button when it has come off, much less do anything else. But what matters is that people can once again become versatile, that they can adapt to their surroundings, and that this confinement to the narrowest circle—and the resulting lack of dexterity in the wider world—be overcome.

[ 30 ] So sonderbar es klingt, diese dreifache Aufgabe hat die Menschheit für die Gegenwart und die nächste Zukunft mit Bezug auf Denken, Fühlen und Wollen: daß die Borniertheit überwunden werde und ein bewegliches Sich-Hineinfinden in die Verhältnisse der Welt dann Platz greife, daß das Philistertum überwunden werde und weitherzige Interessen die Menschenherzen ergreifen, daß die Ungeschicklichkeit überwunden werde, und die Menschen geschickt werden und auch zur Geschicklichkeit erzogen werden auf den mannigfaltigsten Gebieten des Lebens. Verstehen lernen die Welt auf den mannigfaltigsten Gebieten des Lebens! Heute tut man selbstverständlich das Gegenteil von alledem. Man steuert in die Ungeschicklichkeit, in die Philistrosität, in die Borniertheit hinein, und das sind die notwendigen Konsequenzen der materialistischen Denkart. Gewiß, es kann nicht jeder Mensch lernen, wenn er sich ein Bein gebrochen hat, dieses selber wieder einzurichten; aber es braucht nicht die Ungeschicklichkeit so weit kultiviert zu werden, daß jemand keinen Sinn mehr dafür hat, wie er sich im einfachsten Krankheitsfall selber helfen kann, und dergleichen. Geschicktes Verständnis, um in den verschiedensten Lagen des Lebens diesem Leben gewachsen zu sein, darauf kommt es an.

[ 30 ] As strange as it may sound, humanity faces this threefold task in the present and the near future with regard to thinking, feeling, and willing: that narrow-mindedness be overcome and a flexible adaptation to the conditions of the world take hold; that philistinism be overcome and broad-minded interests take hold of people’s hearts; that clumsiness be overcome, and that people become skilled and be educated in skill in the most diverse areas of life. Learning to understand the world in the most diverse areas of life! Today, of course, we are doing the exact opposite of all this. We are heading toward clumsiness, philistinism, and narrow-mindedness—and these are the inevitable consequences of the materialistic way of thinking. Certainly, not everyone can learn to set a broken leg on their own; but there is no need to cultivate clumsiness to the point where someone no longer has any sense of how to help themselves in even the simplest case of illness, and the like. Skilled understanding—the ability to cope with life in its most diverse situations—that is what matters.

[ 31 ] Hat man denn nicht mit dem Heraufkommen dieser neueren Zeit so recht gesehen, wie die Dinge sich eigentlich entwickelt haben? Wer mit sehenden Augen herumgefragt hat bei den Erscheinungen der Gegenwart in den letzten Jahrzehnten, dem zeigte sich klar, daß eigentlich der Sinn, Weltanschauung zu entwickeln, der Sinn, Weltanschauungsimpulse zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, nur bei denen rege war, die zu gleicher Zeit nur den Willen hatten, rein materialistische Weltanschauungsinteressen zu entwickeln, nämlich auf dem Gebiet des Sozialismus. Im Grunde genommen ist überhaupt nur da, wo man im sozialistischen Sinn die Welt reformieren wollte, eine Betrachtung über Weltanschauungsfragen dagewesen. Kam man über die sozialistische Flut[?] herauf, war Interesselosigkeit vorhanden; höchstens enge Cliqueninteressen, festhaltend an Althergebrachtem, oder wenn man glaubte, je etwas Neues zu erfassen, so waren es abstrakte Worte, die Vorleuchten des Wilsonianismus, wie es in den sogenannten liberalen Parteien besonders schlimm gewütet hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Wille, in die geistigen, in die spirituellen Impulse der Welt einzudringen, wie der Sozialismus eindringen wollte in die materiellen, ein solcher Wille war nicht da: Stumpfheit war da [in bezug auf das Geistige], wo das Bourgeoistum begann — im großen ganzen selbstverständlich; Ausnahmen sind abgerechnet. Die Anwesenden sind ja immer ausgenommen, das bedingt ja schon die Höflichkeit.

[ 31 ] With the advent of this modern era, haven’t we actually gained a clearer understanding of how things have truly developed? Anyone who has looked around with discerning eyes at the phenomena of the present in recent decades has clearly seen that the impulse to develop a worldview—the impulse to make worldview impulses the object of consideration—was actually alive only among those who, at the same time, had the will to develop purely materialistic worldview interests, namely in the realm of socialism. Essentially, reflection on worldview issues has existed only where there was a desire to reform the world in a socialist sense. Beyond the socialist tide[?], there was a lack of interest; at most, there were narrow clique interests clinging to the old ways, or if one believed one had grasped something new, it consisted of abstract words—the forerunners of Wilsonianism, which raged particularly fiercely in the so-called liberal parties during the second half of the 19th century. A will to penetrate the intellectual and spiritual impulses of the world—just as socialism sought to penetrate the material ones—such a will was absent: there was dullness [with regard to the spiritual] where the bourgeoisie began—on the whole, of course; exceptions have been accounted for. Those present are, of course, always exempt; that is simply a matter of courtesy.

[ 32 ] Nun, diesen Erscheinungen sich gegenüberzustellen und sich solche Fragen, wie sie heute aufgeworfen worden sind, auch in solchem Sinn zu beantworten, wie wir sie heute zu beantworten versuchten, ist im Grunde genommen eins und dasselbe. Denn große Dinge hängen mit diesen Sachen zusammen. Im Osten Europas sehen wir, wie sich, ich möchte sagen, im Extrakt etwas vorbereitet, wofür Europa heute furchtbar wenig Verständnis hat. Wir auf unserem Gebiete haben oftmals gerade auf die Entwickelungskeime dieses europäischen Ostens hingewiesen. Dieser europäische Osten will nämlich — ich will es heute in besonderer Form aussprechen — verstehen lernen, daß das ganze menschliche Leben einen Sinn hat! Und wenn das sechste nachatlantische Kulturzeitalter herankommt, dann soll der europäische Osten in der Erdenentwickelung zeigen, daß das ganze menschliche Leben einen Sinn hat, und nicht bloß das für wahr halten, was in der Jugendzeit schulmäßig eingetrichtert wird. Der Osten soll zeigen, daß der Mensch in Entwickelung ist bis zum Tode hin, daß jedes Jahr Neues und Neues bringt, und daß man, wenn man durch die Todespforte geht, noch weiter mit dem Irdischen zusammenhängt und die Weisheit auch nach dem Tode hereinbringt. Was will denn eigentlich dasjenige Seelenelement, das bis vor kurzem das russische genannt werden konnte, das jetzt provisorisch in ein Chaos einmündet, aber seinen Weg finden wird in der europäischen Kulturentwickelung und damit in der Kulturentwickelung der ganzen Menschheit? Was will es denn, dieses Element des Ostens?

[ 32 ] Well, confronting these phenomena and answering questions such as those raised today—in the same spirit in which we have attempted to answer them today—is, in essence, one and the same thing. For great matters are connected to these issues. In Eastern Europe, we see how—I would say, in essence—something is taking shape for which Europe today has terribly little understanding. We, in our own sphere, have often pointed precisely to the seeds of development in this Eastern Europe. For this Eastern Europe wants—and I want to express this today in a special way—to learn to understand that the whole of human life has a meaning! And when the sixth post-Atlantean cultural epoch approaches, then Eastern Europe is to demonstrate, within the course of Earth’s evolution, that the whole of human life has a meaning—and not merely to accept as true what is drummed into them in school during their youth. The East should demonstrate that human beings continue to develop right up to death, that each year brings something new, and that when one passes through the gate of death, one remains connected to the earthly realm and brings wisdom even after death. What, then, does that element of the soul actually seek—the one that until recently could be called “Russian,” which is now provisionally descending into chaos but will find its way within the cultural development of Europe and thus within the cultural development of all humanity? What does this element of the East seek?

[ 33 ] Es will Sinn heraufkommen sehen dafür, daß das ganze menschliche Leben in Entwickelung begriffen ist, und der Augenblick des Todes nur ein besonders wichtiger Moment dieser Entwickelung ist. Dieses Prinzip muß ja auch in Mitteleuropa schon Anhänger und Bekenner finden, und wird sie aus solchen Voraussetzungen heraus, wie wir sie angeführt haben, auch finden. Bis aber dieses Prinzip erkannt ist, wird man immer glauben: Je jünger man ist, desto mehr kann man einen Standpunkt haben. — Die jüngsten Dachse und Dachsinnen haben ja heute ihren abgeschlossenen, festen Standpunkt, haben nichts in sich im Grunde genommen von dem großen Erwartungsvollen, Hoffnungsvollen: daß jedes Jahr neue Geheimnisse enthüllt, daß der Augenblick des Todes neue Geheimnisse enthüllt. Der europäische Osten entwickelt Seelen, die heute noch im Unterbewußten gerade das Verständnis dafür entwickeln, daß der Mensch am weisesten ist und am besten urteilen kann über die irdischen, menschlichen Verhältnisse, gerade wenn er stirbt. Und aus diesen Seelen, die heute im Osten leben, werden sich solche herausbilden, die nicht bloß anfragen bei den jungen Dachsen, bei den Parlamenten, wie man über die Angelegenheiten der Menschen entscheiden soll, sondern die anfragen auch bei den Toten, die lernen werden, den Verkehr mit den Toten einzurichten und den Verkehr mit den Toten fruchtbar zu machen hier für die irdische Entwickelung. Man wird in der Zukunft fragen: Was sagen die Toten dazu? — Und man wird die spirituellen Wege finden, wenn man sich geisteswissenschaftlich so weit vertiefen wird, die Toten, nicht nur die Lebendigen zu fragen, wenn es sich darum handelt, die großen Angelegenheiten der Menschen hier auf der Erde zu entscheiden. Das will der Osten. Und niemals ist noch etwas aufeinandergeprallt, was schlechter zusammenpaßt, als wie es heute im europäischen Osten geschieht. Denn dasjenige, was die Seele dieses europäischen Ostens ist, das ist das genaue Gegenteil von dem, was als Trotzkismus oder Leninismus aus dem pursten, wenn auch sich selbst mißverstehenden Materialismus der Gegenwart sich heute darauf gestülpt hat. Noch niemals ist in der Menschheitsentwickelung etwas, was so wenig zusammenpaßt, aufeinandergeprallt wie der spirituelle Keim des Ostens und der materialistische Leninismus, diese Karikatur, diese wüsteste Karikatur des menschlichen Kulturfortschritts, die gar keinen Sinn und kein Verständnis hat für wirklich Geistiges, die aber so verständlich ist aus dem Grundnerv der Gegenwart heraus. Das wird die Zukunft erkennen lernen.

[ 33 ] It makes sense to view the whole of human life as a process of development, and the moment of death as merely a particularly important stage in that development. This principle must surely find followers and adherents even in Central Europe, and—based on the premises we have outlined—it will indeed find them. But until this principle is recognized, people will always believe: The younger one is, the more one can have a fixed point of view. — The youngest badgers today have their own complete, fixed point of view; they have, in essence, nothing within them of that great sense of anticipation and hope: that every year reveals new mysteries, that the moment of death reveals new mysteries. Eastern Europe is developing souls who, even today, are developing in their subconscious precisely the understanding that a person is at their wisest and best able to judge earthly, human circumstances precisely when they are dying. And from among these souls living in the East today, there will emerge those who do not merely ask the young badgers or the parliaments how to decide on human affairs, but who also ask the dead; they will learn to establish communication with the dead and to make that communication fruitful here for earthly development. In the future, people will ask: What do the dead say about this? — And they will find the spiritual paths when they have delved so deeply into spiritual science that they will consult the dead—not just the living—when it comes to deciding the great affairs of humanity here on Earth. That is what the East wants. And never before have two things collided that are less compatible than what is happening today in Eastern Europe. For the very soul of this Eastern Europe is the exact opposite of what has been imposed upon it today in the form of Trotskyism or Leninism—arising from the purest, albeit self-misunderstanding, materialism of the present. Never before in the development of humanity have two things that are so incompatible collided as the spiritual seed of the East and materialistic Leninism—this caricature, this most savage caricature of human cultural progress, which has no sense of or understanding for what is truly spiritual, yet is so understandable from the very core of the present. The future will come to recognize this.

[ 34 ] Das, meine lieben Freunde, ist, was ich bloß als Zusammenfassung Ihnen sagen wollte mit Bezug auf solche Dinge, die Interesse in unseren Herzen entzünden sollen. Man muß für so etwas Verständnis kriegen; man darf nicht stumpf bleiben für das, was im tieferen Sinn in den Seelen vorgeht. Das wollte ich bei diesem unserem Zusammensein heute in Ihre Seelen, in Ihre Herzen legen.

[ 34 ] That, my dear friends, is what I simply wanted to say to you by way of a summary regarding those things that are meant to kindle interest in our hearts. One must develop an understanding for such things; one must not remain oblivious to what is taking place in the depths of the soul. That is what I wanted to place in your souls and in your hearts during our gathering today.