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The Rudolf Steiner Archive

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Mitteleuropa zwischen Ost und West
GA 174a

19 Mai 1917, München

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Ich will heute einen Ausgangspunkt nehmen, der uns zum Verständnis führen kann von manchem, was uns in der gegenwärtigen Zeit umgibt und dem wir fragend gegenüberstehen. Unsere Zeit fordert so verstanden zu werden, daß der Mensch sich in sie hineinstellt mit einem tieferen, einem geistigen Verständnis. Doch ist auf der anderen Seite in weitesten Kreisen eine tiefe Abneigung vorhanden gegen ein geistiges Verstehen der menschlichen Verhältnisse; ja, eine solche Abneigung ist vorhanden, daß man den Versuch nach geistigem Verständnis, den Versuch nach dem Verständnis solcher Impulse, welche die menschlichen Handlungen in unserer schwierigen Zeit zu tragen vermögen, als etwas Phantastisches, etwas Unmögliches, etwas Kindisches von vornherein ablehnt. Dennoch sollen gerade diese Betrachtungen, die wir hier zusammen pflegen können, dem gewidmet sein, was zwar, wie das leicht begreiflich ist, nicht unmittelbar von den Verhältnissen der Zeit spricht — das kann man ja nicht, wie bekannt ist —, was aber zu einigem Verständnis denjenigen führen kann, der sich Mühe gibt, zu einem solchen Verständnis von wahrhaftig tieferen Ausgangspunkten aus zu kommen.

[ 2 ] Zum Verständnis einer Zeit, in der tiefste Menschheitskräfte gewissermaßen aufgewühlt werden, in der tiefste Menschheitskräfte wirken, wenn auch für die meisten Menschen ganz unbewußt, ist notwendig, daß man nicht nur herumredet über allerlei Ideale und allerlei Dinge, sondern daß man das Verständnis sucht aus einem größeren Überblick über die Menschheitsentwickelung im allgemeinen. Wir haben ja immer versucht, innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen zu einem solchen größeren Überblick über die Menschheitsentwickelung zu kommen, und das Mannigfaltigste in dieser Beziehung ist schon getan worden. Ich möchte heute einiges von etwas anderen Gesichtspunkten aus wiederum vorbringen.

[ 3 ] Wir wissen, daß sich innerhalb der Menschheitsentwickelung däs zugetragen hat, was wir den Durchgang durch die große atlantische Katastrophe nennen. Wir wissen, daß das, was jetzt als Menschheit lebt, zurückverfolgt werden kann zu gewissen Entwickelungszuständen, die sich vor jener atlantischen Katastrophe abgespielt haben, und daß dann nach dieser atlantischen Katastrophe für uns zu verzeichnen sind die erste nachatlantische Kulturperiode, die ich gewöhnlich nenne die altindische, die zweite, die ich gewöhnlich die altpersische nenne, die dritte die assyrisch-babylonisch-ägyptische, die vierte die griechisch-römische; und in der fünften leben wir und haben darauf hinzusehen, wie die fünfte von einer sechsten abgelöst werden soll.

[ 4 ] Nun handelt es sich darum, daß so innerlich, so geistig, ich möchte fast sagen, so menschlich, wie die Entwickelung innerhalb der Menschheit jetzt sich abspielt, sie sich überhaupt erst nach der atlantischen Katastrophe abspielen konnte. Die Menschen, die heute im allgemeinen abgeneigt sind, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten, denken: Mensch ist Mensch, und so wie die Seelenentwickelung der Menschen heute ist, so war sie, seit es Menschen gibt; und wenn wir zurückgehen von dem, was man heute als Menschheit ansieht, so kommt man allerdings zu primitiven Zuständen, dann aber in die Tierheit hinunter. — Diese materielle Auslegung der Entwickelungsgeschichte kann ja vor einer geistigen Betrachtungsweise nicht bestehen; denn gerade wenn wir zurückgehen und immer weiter und weiter zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, finden wir, daß die Grundimpulse, die Grundkräfte, die der Entwickelung zugrunde liegen, immer geistiger und geistiger werden, obwohl, wenn wir die Sache richtig einsehen wollen, wir uns erst zu einem richtigen Begriffe vom Geistigen durchringen müssen.

[ 5 ] Für unsere nachatlantische Zeit ist der vierte Zeitraum vor allen Dingen ein bedeutungsvoller, der bedeutungsvollste für den Sinn der ganzen Erdenentwickelung: er ist der Zeitraum, in den das Mysterium von Golgatha hineinspielt. Und der fordert uns auf, die Zeit vorher wie eine Art von Vorbereitung zum Mysterium von Golgatha aufzufassen, die Zeit nachher wie eine Art Erfüllung dessen, was als Impuls gekommen ist durch das Mysterium von Golgatha. Wenn wir aber in der atlantischen Entwickelung zurückgehen, dann finden wir, daß der fünfte Zeitraum innerhalb der atlantischen Entwickelung für diese Zeit zwischen der lemurischen Entwickelung und der unsrigen der wichtigste ist, weil in diesem fünften Zeitraum der atlantischen Entwickelung innerhalb des atlantischen Menschenlebens sich außerordentlich Bedeutungsvolles, Einschneidendes zugetragen hat, weil dazumal gewissermaßen der Ausgangspunkt genommen wurde von etwas, was wir gerade die mehr seelische Entwickelung nennen können der nachatlantischen Zeit. Wenn wir zurückgehen in die atlantische Zeit, finden wir dort nicht die tierische Menschheit, von welcher der materialistisch gedeutete Darwinismus so gerne spricht; wir finden eine Menschheit, die allerdings ein Leben hatte, welches viel dumpfer war als das der nachatlantischen Menschheit, und wenn man von der Dumpfheit des Seelenlebens spricht, dann möchte man ja — aber der Vergleich bleibt ein ganz äußerlicher — sagen: Es gleicht dieses dumpfere traumhafte Seelenleben der atlantischen Zeit dem traumhaften Seelenleben der gegenwärtigen höheren Tiere. — Aber der Vergleich, wenn man ihn so machen würde, wäre ein durchaus hinkender, weil die gegenwärtigen Tiere in ihrem dumpfen, traumartigen Bewußtseinsleben durchaus nicht das erleben, erfahren, was die Atlantier fast bis zum Ablauf des fünften Zeitraumes in ihrem traumartigen dumpfen Bewußtsein erlebten.

[ 6 ] Was ist denn das wesentlichste Kennzeichen dieses traumartigen Bewußtseins der alten Atlantier? Das wesentlichste Kennzeichen ist, daß die Menschen, die damals lebten — verzeihen Sie, wenn das, was ich sage, materialistisch ausschaut; aber das Materialistische erkennt man eben nur dann, wenn man es beherrscht, wenn man weiß von den Impulsen des Geistigen —, so lebten, daß mit ihrem seelischen Leben ihr Ernährungs-, ihr Essensleben in einer sehr nahen Beziehung stand. Sie können ja natürlich dann einwenden: Nun, eine genügend nahe Beziehung herrscht schon auch zwischen dem Seelenleben manches Menschen der Gegenwart und demjenigen, was er ißt! — Das ist alles richtig, wir wissen, daß ein großer Teil der gegenwärtigen Menschheit das Essen keineswegs unterschätzt. Es braucht das auch nicht als ein Vorwurf an sich schon bezeichnet zu werden. Aber der Unterschied zwischen dem inneren Erleben beim Schmecken einer Speise, dem Wohlgefühl, das ein heutiger Mensch empfindet, wenn er die Speise mit sich leiblich verbindet, und dem inneren Erleben der atlantischen Menschheit in der Zeit, von der ich jetzt spreche, ist doch ein großer. Der atlantische Mensch aß, er aß diese oder jene Speise; er nahm also diese oder jene Stoffe zu sich, und indem er sie mit seinem leiblichen Dasein verband, ging in seinem Bewußtsein eine Erkenntnis davon auf, von welchen Elementargeistern dieser Stoff durchdrungen ist. Er schlang also nicht so wie der gegenwärtige Mensch mit großer Bewußtlosigkeit den Stoff hinunter, sondern war sich bewußt, welche Elementargeistigkeiten er mit sich vereinte, indem er den Stoff mit seinem leiblichen Dasein verband. Der Stoffwechsel war damals zu gleicher Zeit ein Geisteswechsel, ein Elementargeisterwechsel.

[ 7 ] Es war so, daß man die Stoffe bezeichnen konnte als Träger dieser oder jener elementargeistigen Impulse oder sogar Wesenheiten, daß man fühlte, es gehen mit dem Essen geistige Kräfte in einen hinein, und daß man fühlte, indem man verdaute: es arbeiten geistige Impulse in einem. So einer setzte sich nicht bloß hin und verdaute wie ein gegenwärtiger Mensch, sondern fühlte sich leiblich durchdrungen von diesen oder jenen Elementargeistern, so daß ein Materialismus, wie er heute herrscht, in der damaligen Zeit eigentlich gar nicht möglich war. Man konnte gar nicht sagen, man glaube nur an die Sterblichkeit des Daseins, denn man aß ja die geistigen Impulse, sie durchwallten einen, indem man verdaute. Man brauchte gewissermaßen, um Antimaterialist zu sein, nur zu essen. Und das Hinuntergehen in die Dumpfheit des Unbewußtseins, das ist wesentlich eine Errungenschaft dieses fünften atlantischen Zeitraumes. Das Essen und Verdauen wurde gewissermaßen ungeistiger; es blieb aber immer noch etwas im sechsten atlantischen Zeitraum, was noch geistiger war: das war das Atmen.

[ 8 ] Wenn heute der Mensch einatmet oder ausatmet, so kommt ihm zum Bewußtsein, daß er die Luft ein- oder ausatmet; wenigstens sagt es ihm so der Chemiker. Dazumal war nicht dies bloß im Bewußtsein, sondern es war — das hielt noch im ganzen sechsten atlantischen Zeitraum an — dem Menschen klar: mit der eingeatmeten Luft nahm er elementargeistige Kräfte ein, und mit der ausgeatmeten atmete er elementargeistige Kräfte aus. Das Atmen wurde von vornherein durch das, was es eben war, als ein geistig-seelischer Vorgang, nicht nur als ein körperlich-leiblicher Vorgang angesehen. Und im letzten atlantischen Zeitraum nahm dann etwas ab, was bis dahin geblieben war, was später eigentlich nur noch in der Erinnerung lebte: Indem man Töne hörte, Farben sah, war man sich klar, daß in dem Tone, den man hörte, in der Farbe, die man sah, Geistiges lebte, daß geistige Kräfte ins Auge drangen, wenn man Farben sah, und geistige Kräfte in das Innere drangen, wenn man "Töne hörte. Diese Dinge sind alle im dumpfen Bewußtsein der damaligen Zeit vorhanden gewesen. Die Menschen . haben sich das hellere Bewußtsein erobert, aber auf Kosten ihres geisti‚geren Bewußtseins haben sie die Durchgeistigtheit ihres Wechselverkehrs mit der äußeren Welt aufgeben müssen. Jede Epoche hat eben ihre besondere Eigentümlichkeit. So wie der einzelne Mensch Lebensalter durchmacht und die Lebensalter in bezug auf leibliche und seelische Beschaffenheit verschieden sind, so macht eben auch die ganze Menschheitsentwickelung Zustände durch, und die späteren Entwickelungszustände sind verschieden von den früheren. Es wäre töricht, wenn ein Mann zwischen fünfzig und sechzig Jahren glauben würde, daß das, was sein leiblich-geistiges Dasein ist, wieder zurückrufen sollte sein Dasein zwischen dem zehnten und zwanzigsten Jahre, wie es töricht wäre, wenn man nicht unterscheiden würde zwischen den verschiedenen Lebensaltern in ihren Qualitäten. Töricht ist es, zu glauben, daß dasjenige, was in einer späteren Lebensentwickelungsepoche das Artgemäße ist, auch so war in einer früheren. Die Dinge kehren niemals wieder, und sie sind in aufeinanderfolgenden Lebensaltern verschiedener als man denkt.

[ 9 ] Ich habe mir nun angelegen sein lassen, gerade etwas zu erfahren über die Lebensalter der Menschen in der nachatlantischen Zeit. Derjenige, der bloß von Analogien ausgeht, der kann ja auch auf die Entwickelung der Menschheit hinblicken, dann wird er sich sagen: Wie der einzelne Mensch durchmacht Kindheit, Jugend, Mannheit, Alter, so wird es auch die Menschheit durchmachen. Wenn man aber auf die wirkliche Beobachtung, auf die wirklichen Tatsachenverhältnisse eingeht, so stimmt das nicht. Man kann einfach diese Analogien nicht zugrunde legen, und nur, wenn man es ernst meint mit der Geistesforschung, dann findet man, was eigentlich zugrunde liegt. Und da hat sich mir denn herausgestellt, daß etwas ganz anderes zugrunde liegt als das, was man vielleicht so bezeichnen könnte, daß man sagt, wie der einzelne Mensch, so mache auch die Menschheit Jugend, Mannbarkeit und Alter durch. — Das ist nicht richtig. Es hat sich mir herausgestellt, daß die Menschheit in der ersten nachatlantischen Kulturperiode, der urindischen, in einem gewissen Lebensalter allerdings war, aber in einem Lebensalter, das sich nicht mit der Jugend vergleichen läßt, sondern das sich vergleichen läßt mit dem individuellen menschlichen Lebensalter vom sechsundfünfzigsten bis zurück zum neunundvierzigsten Lebensjahr. Wenn man also das Alter von dazumal für die ganze Menschheit mit dem Lebensalter des einzelnen Menschen vergleichen will, muß man es nicht mit der Jugendperiode, sondern mit diesem reiferen Lebensalter vergleichen. Dann kommt die urpersische Kulturperiode. Da macht die Menschheit, indem sie sich weiter entwickelt, ein Lebensalter durch, das nun, wenn man es vergleichen will mit einem Lebensalter des einzelnen, dem vom neunundvierzigsten bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahre entspricht. Der Mensch wird älter, die Menschheit wird jünger. Der ägyptische Zeitraum muß verglichen werden beim Einzelmenschen mit dem Lebensalter zwischen dem zweiundvierzigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahr. Der griechisch-römische Zeitraum muß verglichen werden mit dem Lebensalter des einzelnen zwischen dem fünfunddreißigsten und achtundzwanzigsten Lebensjahre, und die jetzige fünfte nachatlantische Kulturperiode ist vergleichbar mit dem Lebensalter des Menschen vom achtundzwanzigsten bis einundzwanzigsten Jahre. Und wenn wir fragen: Wie alt ist die jetzige Menschheit? — so müssen wir antworten: Sie hat ein Alter von ungefähr siebenundzwanzig Jahren. Und nur dann versteht man alles das, was sich innerhalb der Menschheit zugetragen hat, wenn man dieses merkwürdige Geheimnis der Entwickelung vor seine Seele hintreten läßt. Denn so verhält sich die Sache wirklich.

[ 10 ] Das aber hat ganz bestimmte Folgen, hat ganz bestimmte Wirkungen in bezug auf das Erleben der Menschen. Was heißt denn: In der ersten nachatlantischen Kulturperiode war die ganze Menschheit in einem Alter von sechsundfünfzig bis neunundvierzig Jahren? Das heißt: der einzelne Mensch machte selbstverständlich das durch, daß er zuerst ein, zwei, drei Jahre alt wurde; aber das Grundhafte der Menschheit, in das der einzelne sich hineinlebte, was die ganze Menschheit umfaßte, bot etwas dar, was der individuelle Mensch erst erlebt zwischen dem neunundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Lebensjahr. Daher kommt auch in dieser Zeit so viel vor von ursprünglichem, elementarischem Wissen der Menschheit, das wir bewundern können, weil die ganze Menschheit so alt war, und weil man hineinwuchs in eine so alte Menschheit. Man nahm als junger Dachs von fünfundzwanzig Jahren mit der Menschheitsaura dasjenige auf, was weisheitsvoll ist, wie wenn es von einem älteren Menschen kommt. Das Weisheitsvolle war über die ganze Menschheit ausgegossen. Man nahm auch moralisch in dieser Weise auf, indem man dasjenige schätzte, in das man hineinwuchs wie in die Menschheitsaura, so wie man ein grau gewordenes Haupt schätzt deshalb, weil es grau geworden ist. Und so war ausgegossen über dem menschlichen Kulturleben ein Gefühl der Andacht und Pietät, das selbstverständlich war. Es hatte das die weitere Folge, daß man mit seiner individuellen Entwickelung hinauswuchs über das, was Gemeingut der Menschheit war, erst nachdem man sechsundfünfzig Jahre alt geworden war. Erst dann konnte man von einer eigenen Entwickelung reden, dann erst konnte man sich individuell herausheben aus dem Untergrund desjenigen, was einem von außen zufloß. Allerdings kamen damals viele Menschen nicht dazu, eine der Lebensperiode zwischen dem neunundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Lebensjahre entsprechende innere Entwickelung durchzumachen. Dann wurden sie wie Kinder angesehen, fühlten sich auch wie Kinder, die um sich herum spüren den geistigen Inhalt des Menschheitsalters.

[ 11 ] Der nächste Zeitraum, der urpersische, brachte schon nicht mehr solch hohe Offenbarungen und Kulturimpulse, wie sie die weisen Väter im ersten nachatlantischen Zeitraum durch ihren Umgang mit geistigen Wesenheiten in die Menschheit getragen haben. Die ganze Menschheit zeigte nur jene Reife, die sich vergleichen läßt mit dem individuellen menschlichen Lebensalter zwischen dem neunundvierzigsten und zweiundvierzigsten Lebensjahre. Und wollte man gewissermaßen individuell hinauswachsen über die allgemeine Menschheitsaura, so konnte man das erst mit dem neunundvierzigsten Lebensjahre. Aber man wuchs durch die individuelle Entwickelung in eine Reife hinein, die eben erst eintreten konnte mit dem neunundvierzigsten Lebensjahre.

[ 12 ] Und so war es wiederum in der chaldäisch-ägyptischen Zeit. Die Aura, in die man hineinwuchs, läßt sich vergleichen mit dem Lebensalter des einzelnen Menschen zwischen dem zweiundvierzigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahre; in der griechisch-lateinischen Zeit mit dem Lebensalter zwischen dem fünfunddreißigsten und achtundzwanzigsten Jahre. Das ist das Merkwürdige dieser griechisch-lateinischen Zeit, daß die individuelle Lebensmitte des Menschen zusammenfällt mit der Lebensmitte der allgemeinen Menschheit, nur daß die Menschheit im allgemeinen Strom herunterläuft, der Mensch aber hinaufsteigt. Daher das eigentümlich Harmonische der griechischen Bildung, von der die gegenwärtige Menschheit nur so wenig einen Begriff hat. Aber wenn dafür ein Grieche fünfunddreißig Jahre alt war, dann blieb er gewissermaßen ein Durchschnittsmensch, blieb immer fünfunddreißig Jahre alt, wenn er nicht etwas Individuelles in sich entwickelte, das über die allgemeine Menschheitsaura hinausging. Dafür wurde nämlich in den älteren Zeiten gesorgt, daß sich der einzelne hinaufentwickeln konnte.

[ 13 ] Nun kam die fünfte nachatlantische Zeit, in der wir leben. Die Menschheit wird in dieser fünften nachatlantischen Zeit durchmachen ein Lebensalter, das sich vergleichen läßt mit dem individuellen Lebensalter zwischen dem achtundzwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre. Das heißt: ein Mensch, der sich nur im allgemeinen dem Strom des Daseins überläßt, demjenigen, was in das Seelenleben einfach dadurch eingeht, daß man Mensch ist, der wird nicht älter als achtundzwanzig Jahre. Sorgt er nicht durch eine spirituelle Entwickelung dafür, daß er seine Seele individuell vorwärts bringt, so bleibt er immer achtundzwanzig Jahre, besser gesagt, er wird nicht über siebenundzwanzig Jahre kommen. Die allgemeine Menschheit kann uns nicht mehr geben, als daß sie uns bis zum siebenundzwanzigsten LebensJahre bringt. Suchen wir nicht in unserer Zeit nach einer Anfeuerung und Aneiferung der individuellen Seelenkräfte, die uns über den Strom des allgemeinen Menschheitsdaseins hinübertragen, so werden wir, auch wenn wir hundert Jahre alt werden, nie älter als siebenundzwanzig Jahre. Und ob wir manuelle Arbeiter sind oder Professoren, oder was immer: Wenn wir nicht eine spirituelle Entwickelung suchen, die der Seele Begriffe gibt, welche die äußere Menschheit ihr nicht geben kann, bleiben wir immer siebenundzwanzig Jahre alt. Gewiß, wir werden äußerlich selbstverständlich älter, die Zeit läßt sich nicht aufhalten; aber unsere Seele erlangt ohne eigene Entwickelung nicht mehr als eine Reife von siebenundzwanzig Jahren. Man versteht unsere Zeit wirklich nicht, wenn man nicht diese Eigentümlichkeit, die eben geschildert worden ist, entsprechend ins Auge faßt. Ich habe mir wirklich im Laufe der Jahre viele charakteristische Fragen unserer Zeit vorgelegt, Fragen des Lebens, der Kulturentwickelung, der Menschheitsmisere, über das, was die gegenwärtige Menschheit freut, worunter sie leidet: der Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit ist erst gegeben, wenn man die Tatsache ins Auge faßt, die ich eben auseinandergesetzt habe. Das, was unserer Zeit fehlt, kann man nicht durchdringen, wenn man nicht dieses ins Auge faßt.

[ 14 ] Wir erleben Philosophien, vor denen wir deshalb staunend stehen, weil sie bei allgemeinen Deklamationen stehenbleiben und nicht die geringste Fähigkeit zeigen, in konkrete Wirklichkeiten einzutauchen. Woher kommt das? Ich habe mir gegenüber einer einzelnen Persönlichkeit diese Frage vorgelegt. Da habe ich gefunden, daß der Träger der Euckenschen Philosophie ein Mann ist, der alles Feuer hat eines Menschen, der nicht älter werden kann als siebenundzwanzig Jahre. Gewiß, er redet dann weiter — denn er hat heute schon ein erkleckliches Alter erreicht —, er redet mit etwas rauher Stimme, bewegt sich mit anderen Gesten, lernt noch etwas dazu. Aber das bedeutet nichts; die ganze Art ist nicht älter als siebenundzwanzig Jahre. Diese siebenundzwanzigjährige Art trägt man durchs ganze Leben hindurch. Das wird besonders auffällig, wenn Menschen Ideen ins Leben einführen sollen, wenn sie Ideen hegen sollen, durch die das Leben beherrscht wird.

[ 15 ] Nun kommen wir da auf ein etwas gefährliches Gebiet; aber machen wir das so, daß wir möglichst weit die Beispiele suchen. Ich habe mir bei verschiedenen Persönlichkeiten der Gegenwart, welche die Aufgabe haben, Ideen zu entwickeln, die in das gegenwärtige Leben eingreifen, so eingreifen, daß die Zeitereignisse von diesen Ideen beherrscht werden sollen, die Frage vorgelegt, wie es mit ihnen steht. Da gibt es nun eine charakteristische Persönlichkeit. Ich habe mir viel Mühe gegeben, auf diesem Gebiet ja nicht danebenzuhauen, aber es nützt nichts, wenn man den Dingen nicht auf den Grund geht in ihren konkreten Erscheinungen. Sucht man nach einer Persönlichkeit, die ganz so ist, daß sie niemals älter werden kann als siebenundzwanzig Jahre, niemals reifere Ideen haben kann als ein Mensch mit siebenundzwanzig Jahren, so findet man sie merkwürdigerweise, als eine besonders charakteristische Persönlichkeit, zum Beispiel in dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn man die verschiedenen Programme studiert, die er entwickelt hat, so tragen diese den besonderen Typus eines Menschen, der nicht älter werden kann als siebenundzwanzig Jahre, weil diese Seele niemals das Geringste von dem aufgenommen hat, was nicht von außen den Seelen zugetragen wird. Gewiß, ein Mensch kann mehr oder weniger begabt sein. — Begabung mag einem solchen Menschen zugestanden werden —, aber die Ideen, die er entwickelt, sind in bezug auf Reife der Anschauung, auf Durchschlagskraft und auf das Praktische des Lebenssinnes siebenundzwanzig Jahre alt und werden nicht älter, und wenn der Mann hundert Jahre alt wird, wenn er nicht anfängt sich spirituell zu vertiefen und der Seele Feuerkraft zuzuführen von innen.

[ 16 ] Wir leben heute in einem solchen Zeitalter, daß wir das, was über das siebenundzwanzigste Lebensjahr hinausgeht, von innen den Seelen zuleiten müssen. Im siebenundzwanzigsten Jahre sind die Menschen noch nicht lebenspraktisch; sie können noch so sehr sich dafür halten, sie sind nicht lebenspraktisch. Das ist der Grund, warum die verschiedenen Ideen des Wilson so unpraktisch und sprunghaft sind, und warum sie in weitesten Kreisen so gefallen. Sie gefallen mit derselben Gefallenskraft, mit der jugendliche Ideen eben gefallen, jugendliche Ideen, die sich ergeben in allerlei Deklamationen von Freiheiten der Völker und dergleichen. Das ist ja alles sehr schön! Aber so regiert man heute die Welt, die Anforderungen stellt an die Durchschlagskraft der Ideen, daß man eine große Deklamation erläßt über den Frieden, und dann den Krieg um so stärker entfesselt!

[ 17 ] Man möchte so recht eine Empfindung hervorrufen von dem, was in die Wirklichkeit einschlagende Ideen sind, Ideen, die Schlagkraft haben, die mit der Wirklichkeit verwachsen können. Ideen, die bloße Deklamationen sind, schöne Ideen werden ja viel geäußert; gerade junge Ideen sind ja schön. Aber wir brauchen Ideen, die den Menschen verbinden mit der Wirklichkeit. Was ist es denn für eine wunderschöne Idee, wenn sich einer heute hinstellt und sagt: Die Welt muß eine Neuorientierung empfangen! — Von dieser hat sich bis jetzt als das Schönste erwiesen das Wort selber! Das ist das einzig schöne: das Wort selber, denn stellt man sich hin und redet davon, so ist das gewiß sehr schön. Sehr schön ist es auch, zu sagen: Der Tüchtigste muß an den richtigen Ort gestellt werden. — Wunderbar schöne Ideen! Aber wie ist es, wenn just der Neffe oder der Schwiegersohn der 'Tüchtigste ist? Mit der schönen Idee ist gar nichts getan, sondern mit der realen Erkenntnis der Wirklichkeit, mit der Fähigkeit für das, was real ist, was wirklich ist.

[ 18 ] Dies ist so einer der Gesichtspunkte, um die es sich handelt, wenn man in einem tieferen Sinn verstehen will, wie die Kultur der gegenwärtigen Zeit ist. Durch diese Eigentümlichkeit der Zeit drängt sich ja gerade auf, wie notwendig es ist, daß die Menschen sich heute seelisch vertiefen, daß sie suchen, für das spätere individuelle Lebensalter dasjenige durch individuelle Entwickelung zu erlangen, was die allgemeine Menschheit nicht mehr hergibt. Es ist natürlich leichter, in Euckenscher Weise zu reden von Wiedererneuerung des Lebens, Erfassung der Lebensmächte im Inneren, von allen möglichen Dingen, bei denen man sich ganz schön jugendlich erheben kann, die aber zu nichts anderem geeignet sind als zu Deklamationen. Und wenn man gar politische Programme macht mit solchen Ideen wie Wilson, dann ist das von unabsehbaren Folgen! Es ist natürlich leichter, als in ernster Forschung, in ernster Vertiefung die Wirklichkeit aufzusuchen und in die tieferen Impulse des Lebens einzudringen.

[ 19 ] Soll unsere geisteswissenschaftliche Bewegung einen wirklich tiefen Sinn haben, dann muß sie vor allen Dingen den Willen in sich bergen, in die konkreten Entwickelungsimpulse der Menschheit einzudringen, muß dafür vorhanden sein, diese großen Zusammenhänge des Lebens zu erfassen, denn sonst bleibt auch innerhalb unserer Geisteswissenschaft alles bloße Theorie. Und bloße Theorie ist gar nichts wert, wenn man noch so sehr sich selbst erhaben dünkende Empfindungen damit verbinden will. Einzig und allein das, was unterzutauchen vermag in das Leben, was das Leben erfaßt, ist wirklich von Wert. Allerlei Mystik, wobei die Menschen darnach streben, in sich selbst das oder jenes zu finden, das kann ja sehr schöne Resultate zeitigen, aber wir müssen von uns absehen und auf die großen Menschheitsaufgaben hinsehen können, um vor allen Dingen zu verstehen, was not tut, was man eigentlich verstehen muß, was man verstehen soll. Sonst wird man gerade über die wichtigsten Dinge der Geisteswissenschaft einfach hinweghören. Und über wichtige Dinge der Geisteswissenschaft ist ja im Laufe der Jahre, seitdem wir unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft haben, eigentlich in großem Maßstabe hinweggehört worden.

[ 20 ] Wenn sich die lieben Freunde nur einmal erinnern würden, welche Antwort von mir immer gegeben worden ist seit vielen Jahren, wenn ich gefragt worden bin, wie es sich denn verhalte mit der Reinkarnation, da doch die Menschheit immer zunehme, wenn sich die Freunde erinnern möchten, wie seit Jahrzehnten die stereotype Antwort gegeben worden ist: Es könnte sein, daß die Menschen sehr bald erfahren, welche Dezimierung der Menschheit stattfinden könnte gerade in Europa —, dann werden Sie ermessen, was gemeint war, wenn Sie jetzt zurückblicken, und wenn Sie sich erinnern an den Ton, mit dem diese Antwort gegeben worden ist. Immer wurde gesagt, wenn von der Zunahme der Bevölkerung gesprochen wurde: Es könnte sehr bald eine Zeit kommen, wo auch in schmerzlicher Art eine Abnahme der Bevölkerungszahl eintreten könnte! — Es handelt sich auf geisteswissenschaftlichem Gebiete wirklich nicht darum, mit Theorien den leichtgeschürzten Bedürfnissen mancher Menschen entgegenzukommen, sondern aus den Impulsen der Zeit heraus auch auf nebenher gestellte Fragen Antwort zu geben. Und beim Entgegennehmen der Geisteswissenschaft handelt es sich viel mehr darum, das Gewicht desjenigen, was gesagt werden soll, aufzufassen und ins Herz zu schließen, als die Neugierde, und wenn sie eine scheinbar noch so hochstehende ist, zu befriedigen.

[ 21 ] Dies, meine lieben Freunde, wollte ich zunächst als den ersten Teil der Betrachtungen Ihnen überliefern, die bei entsprechender Berücksichtigung zum Verständnis unserer Zeit gerade führen sollen, und die wir in diesen Tagen tiefer pflegen wollen.

[ 22 ] Da die Zeit abgelaufen ist, die verwendet werden muß zu den allgemeinen Betrachtungen, so darf ich vielleicht, ohne daß jemand den Vorwurf erheben kann, daß ich etwas abknipse von dem eigentlich anthroposophischen Inhalt, übergehen zu etwas, was schon einmal mit ein paar Worten angedeutet werden muß. Ich kann aber nicht dazu übergehen, ohne auch mancher Seelen zu gedenken, die von dem physischen Plan hinübergegangen sind in das geistige Leben, die manchen von denen nahegestanden haben, welche heute hier sitzen. Es ist nicht möglich, auf die einzelnen Namen alle einzugehen. Von der Aufrichtigkeit der Empfindungen gegenüber allen, die von dem physischen Plan nach dem geistigen hinweggegangen sind, sind ja wohl unsere lieben Freunde entsprechend orientiert. Nicht umhin kann ich aber, gerade eines Mannes dem Namen nach zu gedenken, der nach mancherlei Hindernissen sich zuletzt gerade mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft so schön, so innig zusammengefunden hat, und der gerade in der letzten Zeit für die Vertretung dieser Geisteswissenschaft nach außen ganz Erhebliches und Bedeutsames geleistet hat. Ich meine unseren lieben Freund Ludwig Deinhard, bei dessen Übergabe des physischen Leibes an die physischen Elemente und Hinweggehen der Seele in die geistige Welt unser lieber Freund Sellin so schöne Worte gesprochen hat. Er mußte um so mehr geschätzt werden, als er nicht aus einem blinden Glauben, aus blinder Anhängerschaft, sondern gerade nach mancherlei Widerstand sich so schön mit unserer Strömung zusammengefunden hat, und in der letzten, immer schwieriger gewordenen Zeit rückhaltlos nichts gescheut hatte, um vor der breiteren Öffentlichkeit für diese geistige Strömung mit ganzer Seele einzutreten. Ich scheue mich nicht, ausdrücklich zu sagen, daß ich die Art und Weise, wie Ludwig Deinhard vor der breiten Öffentlichkeit für diese Bewegung eingetreten ist, zu dem ganz besonders Wertvollen zähle.

[ 23 ] Dann darf ich auch gedenken des in diesen Tagen verstorbenen Professors Sachs, der sein ganzes Leben einer großen Idee nachgegangen ist, einer großen musiktechnischen Idee, und der stets zu verbinden wußte das bescheidene Wirken, in das der einzelne Mensch eingespannt werden kann, mit umfassenden Ideen, und mit dem es wirklich erhebend war zu sprechen, weil das, was er als Mensch wollte, immer einmündete in großes künstlerisches Wollen. Man kann sich glücklich schätzen, gerade solche Menschen inmitten unserer Bewegung zu haben.

[ 24 ] Nach diesen erhebenden Ausblicken bin ich schon einmal genötigt, wieder einmal genötigt, einige weniger erhebende Ausblicke zu pflegen, weil ich durch das, was sich zugetragen hat, in gewisser Beziehung doch zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen bin, insofern mein Anteil an der geisteswissenschaftlichen Bewegung, die durch die Anthroposophische Gesellschaft gepflegt werden soll, in Betracht kommt. Es hat sich ja im Laufe der Zeit etwas, was in hohem Grade ein Segen sein sollte innerhalb der gegenwärtigen Kulturentwickelung, die anthroposophische Bewegung, durch viele ihrer Erscheinungen mehr oder — weniger zu einer Art von Hemmnis entwickelt für das, was von mir gemeint ist als die geisteswissenschaftliche Bewegung. Und es nützt nichts, über diese Dinge etwa sich hinwegzutäuschen, insbesondere nützt es nichts, wenn Gefahr vorhanden ist, daß mancherlei Dinge, die mit der Anthroposophischen Gesellschaft verknüpft sind, Hemmnisse werden könnten gerade für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Gestatten Sie deshalb — da wir lange Jahre miteinander gewirkt haben, so dürfen solche Dinge rückhaltlos besprochen werden —, daß diese Dinge von mir ganz offen, so wie es mir ums Herz ist, behandelt werden. Man kann sagen: Im allgemeinen hat sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gewohnheitsmäßig etwas herausgebildet, was in dieser Weise nicht weiter bestehen darf, weil die Urteile der gegenwärtigen Welt über das, was Anthroposophie oder Geisteswissenschaft will, allzusehr getrübt werden müßten, wenn es in derselben Weise weiterginge, wie es bisher gegangen ist.

[ 25 ] Gehen wir von einer Einzelheit aus: Oftmals wird in der Außenwelt draußen gesagt — und es ist das schon Usus geworden —, daß ich wegen geisteswissenschaftlicher Dinge selber eigentlich weniger angegriffen werde, wegen dessen, was mit der Gesellschaft zusammenhängt, sehr viel. Insbesondere ist einer der Vorwürfe, die erhoben werden, der, daß in der Gesellschaft ein blinder Autoritätsglaube herrsche, eine blinde Anhängerschaft, daß hier vieles aus reiner Devotion gemacht werde und dergleichen. Darf ich demgegenüber auch einmal meinen Eindruck vorbringen, so muß ich sagen: Für die meisten Dinge liegt das vor, daß zuallerletzt das geschieht, was eigentlich von mir als das Richtige angesehen wird, von mir als das angesehen wird, was vielleicht wünschenswert wäre. Ich glaube nicht, daß in irgendeiner sonstigen Gesellschaft so sehr nichts gegeben wird auf das, was eigentlich die speziellen Wünsche irgendeines in ihr Wirkenden sein können. Wenn das auch anders aussieht, es ist doch so. Nur muß die Dinge niemand übelnehmen. Und daß man die Augen zudrückt, den Kopf in den Sand steckt, das ist nur von Übel.

[ 26 ] Meine lieben Freunde, ich habe mancherlei über Stimmungen in der hiesigen Anthroposophischen Gesellschaft in diesen Tagen gehört. Ich kam heute Abend hierher, hier in den Vorraum, und entgegen strömte mir der frömmste Weihrauchduft. Glauben Sie nicht, daß jemand, der auf das Sachliche, Innere sich richtet, gerade besondere Wünsche darnach hat, daß ihm das Sprechen den ganzen Abend schwer gemacht wird dadurch, daß zu dieser Äußerlichkeit des frommen Weihrauchduftes gegriffen wird, und daß er sich Kopfschmerzen nach Hause tragen muß wegen des frommen Weihrauchduftes, wobei ich noch ganz absehe davon, wie die Wahrheit mißverstanden wird, wenn der Weihrauchduft — verzeihen Sie — in die profane Welt hinausduftet. Es mag ja unangenehm sein, dergleichen besonders zu erwähnen, aber symptomatisch sind solche Dinge doch. Fragen Sie einmal nach, ob von mir jemals zu etwas so Äußerlichem eine Initiative ausgegangen ist? Doch das nur nebenher.

[ 27 ] Das aber, was mir das Allerwichtigste ist, das ist, in welcher Weise sich die Mitgliedschaft in Verbindung fühlt mit dem, was als geistiges Leben durch die anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Bewegung geht. Sehen Sie, es sind in der letzten Zeit, wie Sie wissen, die mannigfaltigsten Angriffe, zum Teil gedruckt, zum Teil noch gedruckt werdend, in die Offentlichkeit gekommen. Wenn von der heutigen äußeren Welt gegen die Geisteswissenschaft Einwürfe kommen, braucht man sich darüber weder zu wundern, noch braucht man das besonders schmerzlich zu empfinden; das ist nur natürlich, nur selbstverständlich. Dem kann schon begegnet werden. Vor sachlichen Diskussionen braucht sich Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht zu scheuen. Vor dem, was gerade aus der Mitgliedschaft emporwirbelt, braucht man sich vielleicht auch nicht zu scheuen. Aber folgendes schadet ungeheuer demjenigen, was die Kraft unserer Bewegung eigentlich sein soll: Man darf schon sagen, es steht einzig da in dieser Bewegung, in dieser Gesellschaft vor allen Dingen, daß die wohlwollendsten Absichten und Maßnahmen, die wohlwollendsten Verhaltungsmaßregeln gegenüber den Mitgliedern gerade hier am meisten in Gift und Galle und auch in das Kleid der Verleumdung, der Verunglimpfung, des allerpersönlichsten Angriffs getaucht werden, was alles nach einer sehr bekannten Richtung hinzielt. Die Dinge, die geleistet werden, vielleicht aus mystischem Bedürfnis heraus — ich weiß es nicht —, an reinen Erfindungen, an reinen Unwahrheiten, die sind eigentlich so leicht nirgends anders zu finden. Der Wille aber, sich richtig zu diesen Dingen zu verhalten, der wird nicht energisch genug gepflegt. Ja, der Wille, die Dinge nur wirklich unbefangen zu sehen, wird auch nicht energisch genug angestrebt.

[ 28 ] Der Ernst, der in der geisteswissenschaftlichen Bewegung liegt, die besondere Art, mit der sie vertreten werden muß, sollte wenigstens studiert werden. Was der einzelne tun kann, hängt natürlich von den Lebensverhältnissen und von dem Verschiedensten ab; aber studieren sollte man doch das, was ist, und sich nicht allen möglichen Wahnideen hingeben. Sachlichkeit und Unpersönlichkeit ist ja insbesondere innerhalb unserer rein den geistigen Dingen gewidmeten Bewegung notwendig, und nichts ist schädlicher, als wenn persönlichste Interessen, Eitelkeit, Ehrgeiz in die Reihen unserer Bewegung hereingetragen werden. Gewiß, die Dinge treten verbrämt, maskiert auf, aber man sollte auf das wahre Antlitz der Dinge hinschauen, sollte sie so betrachten, daß man auf die Wahrheit der Sache kommt. Wenn irgend jemand eine Summe von Angriffen verfaßt und ganz gut weiß, was hinter den Angriffen steckt, ganz gut weiß, wie gerade das, was er angreift, so sein muß, wegen des eigentümlichen Charakters der Geisteswissenschaft, dann tut man nicht genug, wenn man Satz für Satz widerlegt. Behauptet und widerlegt werden kann viel, nämlich. alles, aber oftmals kommt es bei den Dingen nicht auf das an, was gesagt wird: die Gründe liegen ja in etwas ganz anderem. Wenn jemand dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag eine Schrift anträgt und diese zurückgewiesen werden muß, und der Betreffende dann Feind wird, so sind die Ursachen doch woanders zu suchen als in den Sätzen, die der Betreffende drechselt. Und man erfährt nicht die Wahrheit, wenn das Allerwichtigste, wenn die eigentlichen Gründe in den Hintergrund treten.

[ 29 ] Wenn jemand diesen oder jenen Angriff drechselt über allerlei törichte esoterische Wirkungen, deren Torheit handgreiflich ist für jeden, der nicht blind ist, dann geht man auch fehl, wenn man dergleichen Dinge, die reine Erfindungen sind, nicht zurückführt auf die ganze Sachlage. Dann steckt vielleicht ein Mensch dahinter, der einmal in einem kleinen Orte Mitteldeutschlands gelebt hat, dem plötzlich die Idee kam, ein großer Mann zu werden. Zuerst suchte er ein großer Mann zu werden auf eine kleine Weise; er schrieb an Frau Dr. Steiner, was er denn tun solle, um aus den engen Verhältnissen der kleinen Stadt befreit zu werden. Soll er in ein Geschäft hinein heiraten, oder dies auf irgendeine andere Weise bewirken? Wenn ihm dann bedeutet wurde, daß wir uns mit der Entscheidung der Frage, ob man einheiraten soll oder nicht, nicht befassen, wird er vielleicht immer noch nicht abgedrängt. Er kommt weiter, kommt heran, nimmt Teil an manchem, stellt sich vielleicht auch vor die Gesellschaft, wenn eine große Versammlung ist, und deklamiert mit riesiger Lungenkraft ein Schillersches Gedicht, obwohl er von Deklamation nicht die geringste Ahnung hat. Er wird ausgelacht. Das beleidigt den Ehrgeiz. Dann will er ein großer Maler werden. Es wird sogar eingegangen bis zu einem gewissen Grade auf die Idee. Es wird alles getan, um den Betreffenden zu unterstützen, daß er etwas lernen kann; es wird ihm entgegengekommen. Allein der Betreffende will ein Künstler werden, findet es aber unbequem, etwas zu lernen. Er will nicht ein Künstler werden eigentlich, sondern will es sein, und wenn dann die anderen aus innerster Überzeugung nichts anderes tun können, als den Rat geben, etwas zu lernen, dann ist es kränkend. Man ist doch ein Genie, und die muten einem zu, daß man erst etwas lernen soll! Sie tun zwar alles, ihn etwas lernen zu lassen, aber gerade das ist kränkend.

[ 30 ] Nun, in solcher Linie könnte noch manches angeführt werden. Das sind die wahren Gründe, warum man ein Feind einer solchen abscheulichen Gesellschaft werden muß. Dann wird allerlei Zeug geschrieben. Was geschrieben wird, auf das kommt es wenig an. Es könnte natürlich ebensogut etwas anderes geschrieben werden, denn die wirklichen Gründe sind ganz woanders zu suchen. Und so kann es weitergehen, und wird weitergehen, wird noch ganz andere Dimensionen annehmen. Alle diese Dinge haben aber mit Geisteswissenschaft als solcher nicht das geringste zu tun. Aber sie können sich mit großer Intensität entwickeln aus einer Gesellschaft heraus, welche versucht, nicht auf der sachlichen Basis, welche die Geisteswissenschaft als solche liefert, sich aufzubauen, sondern welche innerhalb derselben allerlei Cliquenwesen sucht, allerlei persönliche soziale Verhältnisse. Sie sehen, ich deute nur das eine oder das andere an. Vielleicht läßt sich noch in den folgenden Tagen das eine oder das andere sagen. Aber all das geht wirklich nicht auf Geisteswissenschaft zurück, sondern geht zurück auf die Auffassung, die vielfach herrscht über das, was in der Gesellschaft geschehen soll. Gerade diejenigen, für die am meisten gesorgt worden ist, gehören zu denen, die jetzt mit Verunglimpfungen, mit reinen Erfindungen am allermeisten hausieren.

[ 31 ] Deshalb bin ich genötigt, meine lieben Freunde, zu einschneidenden Maßregeln zu greifen. Ich bitte Sie wenigstens darum, die zwei Teile dieser Maßregeln immer wirklich zu nennen, damit nicht wiederum neuerdings Verleumdungen entstehen, indem man nur einen Teil mitteilt. Wenn diese Maßregel hart ist für manchen, dann bitte, bedenken Sie, daß sie für mich ebenso hart ist wie für die davon Betroffenen, daß es mir ebenso leid tut, daß sie notwendig ist, und daß Sie sich nicht an mich wenden, sondern an diejenigen, die diese Maßregeln verursacht haben. Suchen Sie dort die Gründe, suchen Sie dort aber auch das, was in der Zukunft zu geschehen hat, zu erkennen, indem Sie Ihre Betrachtung dahin lenken: wovon die Verleumdungen ausgegangen sind. Das ist vielfach das, was als Persönliches spielt. Gewiß, ich bin jedem mit persönlichem Rat zur Seite gestanden: für esoterische Dinge war diese persönliche Aussprache sehr häufig ziemlich unnötig und, was das Esoterische betrifft, so werde ich Sorge tragen, daß ein guter Ersatz da sein kann. Aber weil das Persönliche dazu geführt hat, ist es nötig, daß künftighin alles im vollsten Licht der Offentlichkeit vor sich geht. Daß dabei jeder zu seinem esoterischen Recht kommen kann, dafür werde ich sorgen; aber ich werde niemand mehr zu einer sogenannten esoterischen Privatbesprechung aus der Gesellschaft heraus empfangen. Diese Privatbesuche muß ich ausnahmslos einstellen, damit nicht gerade von diesen Privatbesuchen die Verleumdungen hergeholt werden können. Ist für den einen oder anderen dies hart, so muß doch gerade aus zwei Gründen diese Maßregel getroffen werden: erstens weil für den Betrieb des esoterischen Lebens gerade diese Dinge nicht notwendig sind. Das werde ich sehr bald beweisen. In kurzer Zeit sollen Sie einen vollständigen Ersatz haben, trotzdem die Privatgespräche wegfallen müssen, die sich häufig so abspielten, daß die Mitglieder mit Dingen herankamen, die mit dem esoterischen Leben nichts zu tun hatten. Zweitens aus dem Grunde, weil ich dadurch dokumentiere, wie das aus der Luft gegriffen ist, daß für das esoterische Leben des einen oder anderen nicht gesorgt wurde. Lesen Sie nur «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Niemand hat es nötig, nach so und so vieler Zeit gerade einen persönlichen Impuls zu erlangen. Das zweite, was zu dieser Maßregel gehört und was ich bitte, nicht zu vergessen, ist, daß ich jeden, der Privatbesprechungen bis jetzt gehabt hat, entbinde irgendeines Versprechens, was ja auch niemals gegeben worden ist, irgendeiner Gepflogenheit, über solche Privatbesprechungen nicht zu sprechen. Von mir aus kann jeder, so viel er will, mitteilen von dem, was ich mit irgend jemand gesprochen habe, denn ich habe nichts zu verbergen. Wer will, kann jedem alles mitteilen. Auch das Vergangene kann in das volle Licht der Öffentlichkeit gestellt werden. Dann wird am besten die Möglichkeit gewonnen werden, die Unwahrheit von der Wahrheit zu unterscheiden, wird am besten der Maßstab dafür gefunden werden können, wieviel gerade innerhalb unserer Bewegung geflunkert wird. Aber die beiden Maßregeln gehören zusammen. Noch einmal wiederhole ich, daß derjenige nicht die Sache im wahren Licht vertreten wird, der nur den ersten Teil mitteilt; der andere gehört dazu.

[ 32 ] Noch will ich erwähnen, meine lieben Freunde: Sollte es manchem schwer sein, dann bitte, wenden Sie sich an diejenigen Orte, die Sie ja insbesondere hier leicht finden können, wenden Sie sich an diejenigen, die diese Dinge notwendig gemacht haben. Es geht nicht, daß dasjenige, was die geisteswissenschaftliche Bewegung für die Welt sein soll, unmöglich gemacht werden sollte durch die Cliquenwirtschaft innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, denn dadurch wird gerade das, was als Nerv in der Geisteswissenschaft lebt, am meisten den Mißverständnissen der äußeren Welt ausgesetzt. Glauben Sie, daß die Dinge, die im Sinne der Gesellschaft unternommen werden müssen, zu meiner persönlichen Befriedigung unternommen werden? Man hat mir vorgeworfen, daß ich nach der einen oder anderen Richtung irgend etwas der Gesellschaft entzöge, weil zum Beispiel der Dornacher Bau unternommen werden mußte, Glauben Sie, daß mir persönlich an dem Dornacher Bau irgend mehr liegen kann als einem anderen Mitglied, das es ernst meint mit unserer Sache, daß ich bei diesem Bau irgendwelche persönlichen Aspirationen gehabt habe? Würde der Bau nicht möglich gewesen sein, ich wäre der allerletzte gewesen, der sich in die Notwendigkeit nicht gefügt hätte. Daß irgend etwas von dem, was vertreten werden muß, auch aus so wichtigen Dingen heraus, wie es der Dornacher Bau ist, anders vertreten werden sollte, als es aus den inneren Gründen der Dinge sein muß, das dürfte nimmer geschehen.

[ 33 ] Die einschneidenden, eben erwähnten Maßregeln müssen insbesondere aus dem Grunde endlich einmal getroffen werden, weil, nachdem ich jahrzehntelang über das eine und andere hinlänglich geredet habe, nie der Ernst meiner Worte empfunden worden ist. Vielleicht wird dieser Ernst empfunden werden, wenn nun diese Maßregel eingeführt wird. Es bestehen ja auch andere Gesellschaften, ohne daß sie zu denselben Dingen führen, die gerade in dieser Gesellschaft vorgekommen sind.

[ 34 ] Dies, meine lieben Freunde, mußte gerade wegen unserer Freundschaft gesagt werden, darf nicht ungesagt bleiben. Wer es ernst meint mit der anthroposophischen Bewegung, wird den Weg finden, wenn durch den Ernst der Sachlage auch solche Maßnahmen nötig sind. Denn die Bewegung als solche ist zu heilig, als daß sie durch allerlei persönliche Aspirationen ausgelöscht werden dürfte, und es ist ja hinlänglich viel nach dieser Richtung geschehen. Diejenigen unserer lieben Mitglieder — und es gibt ja viele gerade solche —, die in hingebungsvoller Art, in aufopferungsvoller Art in der Bewegung, in der Gesellschaft arbeiten, werden die letzten sein, die über diese Maßregeln sich beschweren, die werden sie am allerbedeutungsvollsten finden. Ich glaube nicht, daß ich gerade von denjenigen mißverstanden werde, welche es wirklich ernst und aufrichtig mit unserer Bewegung meinen; die werden mir recht geben. Es werden auch solche da sein, die mir unrecht geben; dieses Unrecht nehme ich gerne hin.

[ 35 ] Die Zeit ist vorgeschritten. Ich werde in den Betrachtungen, die ich heute angestellt habe, morgen fortfahren und vielleicht auch noch einige Bemerkungen hinzusetzen zu dem, was ich zuletzt über allerlei in der Gesellschaft gesagt habe. Es ist oft recht hart gewesen, manchem zuzuschauen.