Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b
30 September 1914, Stuttgart
Erster Vortrag
[ 1 ] Was wir im Grunde genommen ja schon lange voraussehen konnten, schnell ist es durch allerlei Ereignisse, die sich in der letzten Zeit abgespielt haben, über die Welt hereingebrochen. Zeugen ernster Ereignisse sind wir dadurch geworden, deren tiefe Bedeutung in vollem Umfange erst eine spätere Zeit wird wirklich ermessen können. Und vieles, ich möchte sagen, auch nur von Äußerlichkeiten desjenigen, was diesen ernsten Ereignissen zugrunde liegt, entzieht sich heute durchaus der Betrachtung. Für uns aber, meine lieben Freunde, sei vor allen Dingen ein Wort bedeutsam in dieser ernsten Zeit, das ich etwa in folgender Weise aussprechen will: Wir haben durch Jahre hindurch versucht, in uns die geistige Erkenntnis zu vertiefen, wir haben versucht, das Wissen, Fühlen und Empfinden von den geistigen Welten zu unserer Sache zu machen, und auch alles dasjenige, was mit diesem Wissen, Fühlen und Empfinden zusammenhängt. Jetzt aber stehen wir tatsächlich davor, in einem gewissen Sinne eine Prüfung ablegen zu müssen, ob wir imstande sind, auch unter dem Eindruck all des Schweren, das jetzt geschieht, festzuhalten an den großen Idealen, die uns vorgezeichner sind durch das Wissen und Fühlen der geistigen Welt. Da, wo in unseren Zweigen Freunde zusammensitzen, die zum größten Teil ein gemeinsames Fühlen vereint, da ist es ja gewiß leichter, festzuhalten an dem, was Geisteswissenschaft der Menschheit bringen soll, aber wir müssen immer und überall die großen Ideale, die schon in unserem ersten Grundsatz ausgesprochen sind, nicht aus dem Auge lassen. Wir sind ja nicht eine Gesellschaft, die ihre Ausbreitung innerhalb homogener Völkermassen hat, wir suchen vielmehr den versöhnenden Geist über die ganze Erde hin zu verbreiten. Damit hängt es zusammen, daß wir einer gewissen Prüfung unterzogen werden, denn wahrhaftig schwierig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn für Objektivität gegenüber dem Höchsten, nämlich gegenüber der Gerechtigkeit, voll zu entwickeln.1Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht als durchwegs zuverlässig betrachtet werden. Manches deutet auf eine lückenhafte, wenn nicht sogar fehlerhafte Überlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei auf die Hinweise am Schluß des Bandes verwiesen.
[ 2 ] Gerade aus den Gründen, die aus meinen heutigen Worten hervorgehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner, hat es vor allem das deutsche Volk gegenwärtig leichter als andere, objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht bloß den unmittelbaren Empfindungen zu überlassen, sondern als ernste Anthroposophen müssen wir versuchen, mit Verständnis in die Sprache einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne führen muß.
[ 3 ] Nicht weil ich es als etwas Persönliches vorbringen will, sondern weil die Sache für mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwähnen: Der erste Band meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» ist vielleicht in den Händen mancher von Euch. Der zweite Band war in der zweiten Hälfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zeilen schloß er ab. Die Stelle war gerade für mich das Merkwürdige, Symptomatische. Ich hatte die beiden französischen Philosophen Boutroux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so objektiv als möglich zu tun. Dann hatte ich den Übergang zu machen zu Preuß, einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem ich die französische Philosophie der Gegenwart dargestellt hatte, überzugehen zu dem, was diesseits des Rheins, was in Deutschland an Gedanken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein brach der Krieg aus. Oft mußte ich mir die leeren Felder des dreizehnten Bogens anschauen.
[ 4 ] Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins. Sie sind Ihnen ja hinlänglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehässigsten Beschuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf. Man möchte sagen, es war betrübend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete Vertreter des französischen Geisteslebens wühlten Haß und Leidenschaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Persönliche als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche über die Entwickelungsgeschichte der Philosophie die französische Philosophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemühte, ihr voll gerecht zu werden, da könnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung erfüllen, wenn sie erleben muß, während sie mit aller Kraft versucht, mit der größtmöglichen Objektivität sich hineinzuleben in die Philosophie des Westens, daß diese dann ungeachtet aller Tatsachen über die «barbarische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war um so bitterer, als einer der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice Maeterlinck war.
[ 5 ] Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt, fußt ganz auf Novalis, ist ganz geschöpft aus Novalis, und Maurice Maeterlinck wäre nichts ohne Novalis. Alle seine späteren Werke entsprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschöpften Fundament. Das wirft auch ein Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Gerechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genügend, die Stimmen zu hören, die da und dort unter dem Eindruck der Leidenschaft gesprochen werden, sondern nötig ist, daß wir uns die Tatsachen vergegenwärtigen. Läßt man diese sprechen, so führt es zur Objektivität. Und solche Objektivität ist nicht einerlei mit einem Gleichgültigsein gegenüber diesen Beziehungen.
[ 6 ] Großes geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine künftige Zeit wird nötig haben, für das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drängt sich zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefügte Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen.
[ 7 ] Wie einstmals, in der vollen Blüte der griechisch-lateinischen Kultur, die Römer die Punischen Kriege gegen Karthago auskämpfen mußten, wie damals die denkwürdige Schlacht bei Mylä entschied über das Geschick der Römer, die ihre aufblühende griechisch-römische Kultur zu erhalten hatten gegenüber einem Überfluten untergehender Kräfte von seiten des zwar äußerlich noch starken Reiches der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwärtigen Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand damals zwischen den Römern und den Karthagern eine merkwürdige Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegenüber Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die Römer auf die ungewöhnliche Idee, Enterbrücken herzustellen, die von Schiff zu Schiff führten und gewissermaßen die Seeschlacht in eine Landschlacht umwandelten, so daß die Römer auf dem ihnen vertrauten Boden einen großen Sieg errangen. Wie nun damals etwas Unerhörtes für jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Menschen denken können, in Lüttich abgespielt, was eine gewisse Beziehung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem künftige Zeiten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwähne diese Dinge nur, weil ich aufmerksam machen möchte auf das Bedeutsame der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen.
[ 8 ] Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es möchte einem das Herz zerreißen, wenn man bedenkt, was sich gegenübersteht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusagen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen steht, auf etwas anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtigkeit ist, gedacht zu werden.
[ 9 ] Ich darf über diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil ich gewissermaßen durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, daß es so viel beigetragen habe zu dem Völkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich, daß ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich hatte keine Gelegenheit, die eigentümlichen Gefühle des Zusammenhangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Außerdem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Österreich selbst den Deutschenhaß kennenlernte, wo Deutsch-Österreich noch stand unter dem Eindruck der Siege Preußens, wo auch die Deutschen in Österreich die Reichsdeutschen haßten. Eine Voreingenommenheit für Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimatlosigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt mich, objektiv zu sprechen, voll Bewußtsein, daß gerade da die anthroposophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann. Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Deshalb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zuletzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg, der zusammenhängt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unauslöschlich ist für alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen worden. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des Krieges. Dieser Sieg läßt sich in folgender Weise charakterisieren: War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt. Über dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres über das Verhältnis dieses Volkes zu der Völkerentwickelung erfahren will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie». Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Trifolium, das gegenwärtig dort an der Spitze gegen deutsches Geistestum steht: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Fäden, die von Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis zu seinem letzten Blatt.
[ 10 ] Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklärung dieser Faden zwischen Deutschlands und Österreichs Leitung und dem Zarismus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein großer Sieg... [Das Folgende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, daß das Geschehen, welches sich damals zwischen der europäischen Mitte, den Westmächten und Rußland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung aufrufe. Vgl. auch die Fußnote auf Seite 13.]
[ 11 ] Darin liegen bedeutsame Züge der Weltgeschichte. Man braucht sich nicht die Augen zu verschließen für die Unnatur des Bundes zwischen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit steht. Versuchen wir nur, das weiter zu üben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Geisteswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns aufgedrungen ist, gelernt haben.
[ 12 ] Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indischer Gelehrter, der über die Art, wie Frau Besant nach Toleranz schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen, dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe: Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! — Es zeugt von wenig Denken, wenn man nicht einsieht, daß es eine Absurdität ist, zu verlangen, daß der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich zu wehren.
[ 13 ] Ich habe es die letzten Wochen oft hören müssen, daß gesagt wurde: Wenn Österreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hätte, so wäre das «tolerant» gewesen. — Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem die Hand abgehauen werden soll: Sei tolerant! — Wir haben mancherlei Möglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum abspielt, Objektivität zu gewinnen; aber dazu müssen wir richtig denken können. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie. Es gibt jenen Zyklus über die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen könnten, dann wäre alle unsere damalige Beschäftigung mit diesem Zyklus ein theoretisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir sie durchzufühlen wissen, wo es sich darum handelt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt nötig ist. Im vorletzten Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, daß sich die verschiedenen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das Zusammenspiel der drei Seelenkräfte. Der Inhalt der Rede, die Worte, die jede der drei Persönlichkeiten dort spricht, müssen genau so gesprochen sein, wie sie sind, da jede der Persönlichkeiten eines der drei Seelenglieder des Menschen darstellt.
[ 14 ] Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hingewiesen darauf, wie sich, wenn wir die Völker Italiens, Spaniens nehmen, für unsere Zeit Nachklänge des dritten nachatlantischen Zeitalters zeigen: der Volkscharakter ist ausgeprägt als Empfindungsseele. Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewußtseinsseele, und in Europas Mitte ist es das Ich.
[ 15 ] Wissen wir nicht, daß es Kämpfe in der eigenen Seele geben kann, daß die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen können? Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Prüfung der Seele». Wir können ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns wirken lassen. Und wir müssen versuchen, dieses Bild so in unserer Seele zur Klarheit zu bringen, daß wir wissen, wie wir in Europas Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grundlagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schicksal die Welt erfüllt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem, was jetzt vorgeht, erklärlich werden, wenn wir alles das in Betracht ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann erst werden wir die nötige Objektivität erlangen.
[ 16 ] Es ist in allen Kriegen vorgekommen, daß der eine dem anderen die Schuld gibt. Für uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht, so zu denken; für uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich will ich es klarmachen.
[ 17 ] Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Wäre es da gescheit, wenn der Greis dem Kinde grollen würde und sagte: Du Kind in deiner jugendlichen Kraft, du bist schuld, daß ich die Gebrechen des Alters trage! Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vorgeworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir müssen uns klarmachen: Das, was geschieht, ist im Karma der Völker begründet. Auch im Leben der Völker gibt es Jugend und Alter; und wie im menschlichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, daß das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch töricht, im Leben der Völker solchen Vorwurf zu erheben.
[ 18 ] Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir müssen hinblicken auf das Tatsächliche, auf das Objektive. Die tieferen Grundlagen der gegenwärtigen Ereignisse entziehen sich heute noch der Besprechung — abgesehen davon, daß eine solche heute bei manchem böses Blut machen würde —, aber in einer anderen Weise kann ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt.
[ 19 ] Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Europas Ich. — Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich möchte einen Mann anrufen, der nicht Theosoph war — er lebte im deutschen Geiste —, um zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte. Ich weiß, daß dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist. Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch den Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.»
[ 20 ] Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Möglichkeit herbeiführen, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!»
[ 21 ] Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie der Menschengeist in seinen besten, höchsten Persönlichkeiten voll tiefster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will, aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit ängstlichem Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen.
[ 22 ] Dann noch eine merkwürdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht bemerken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt?
[ 23 ] Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms möchte ich Ihnen vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfüllung findet in dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten, allesamt als Einheit gefaßt, erfüllt ein allverständliches Feingefühl, das selbst die rohesten Völker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geistigen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde menschliche Geschöpfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Damit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den ersten Grundsatz unserer Gesellschaft.
[ 24 ] Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den Ruf, den der deutsche Geist ertönen ließ in den Stimmen der Besten seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität. Eine Beleuchtung erfährt dadurch auch die Tatsache, daß der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bisherigen Lebenssitten anpaßt den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige Kultur, wohl aber seine Nationalität hingebend.
[ 25 ] Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet, uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschließen vor dem, was wirklich beachtet werden muß.
[ 26 ] Auch für den Okkultisten gab es Überraschungen in der letzten Zeit; und ich darf sagen, während meines Kursus in Norrköping konnte oder mußte ich ein Wort sprechen, das auf solcher Überraschung beruht hat. Es ist wahr: Daß diese Ereignisse eintreten mußten, konnte man seit Jahren voraussehen, auch daß sie schicksalsgemäß in diesem Jahre kommen mußten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als daß wir uns zum Münchner Zyklus versammeln würden, und dann, wenn wir auseinandergehen würden — so konnte man erwarten —, dann würden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegenüberstehen. Da kam das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane, wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Überraschung, als ich vergleichen konnte die Individualität, die durch dieses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges ist da geschehen: Diese Persönlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft geworden. Ich erwähne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die Dinge auf dem physischen Plan Symbolum für Geistiges sind, und wie, genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklärt werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von Ihnen wissen von meinem früheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreckliche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht niedersenken auf den physischen Plan, weil astralische Kräfte auf dem physischen Plan versammelt waren, Furchtkräfte, die ihm hindernd entgegenwirkten. — Es war am 20. Juli, als ich wußte, daß die Furchtkräfte nun Kräfte des Mutes, der Kühnheit wurden. Eine unbeschreiblich großartige Tatsache: Die Kräfte der Furcht wurden zu Kräften des Mutes. Da war es nicht mehr unerklärlich, was auf dem physischen Plan als ein so einzigartiges Phänomen sich abspielte: jener Enthusiasmus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir bekannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war.
[ 27 ] Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft friedliebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich über sie ergoß.
[ 28 ] Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betrübnis hörte, welche ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Tagen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele, als ich gewahr wurde, welche Blüten deutscher Seelen hingeopfert werden mußten auf dem Feld. Ich mußte dem Schmerze nachhängen, und der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Blüte der Führer der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann?
[ 29 ] Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu kämpfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen muß das, was Geisteswissenschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmöglich erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann. Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu geben, sie kann auch da noch Trost gewähren. Ich weiß, es wird Seelen geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schöpfen werden aus solcher Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse.
[ 30 ] Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, daß Geisteswesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen Welt ist es vorgeschrieben, daß bis zu einem gewissen Zeitpunkt annähernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre 1950 oder 1970 sei es für die Menschheit der Erde bestimmt, ein gewisses Maß von Liebefähigkeit zur Bekämpfung des Egoismus zu erreichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefähigkeit erzeugen. Sie tut es ähnlich, wie das Holz im Ofen Wärme erzeugt. Sie kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Strömung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die großen Lehren der Anthroposophie. Aber wenn nicht genügend wäre das Entgegenkommen der menschlichen Seelen gegenüber dem Worte, wenn die Dinge zu langsam vor sich gehen würden, so daß bis zu dem Zeitpunkt, der vorgeschrieben ist, die Liebefähigkeit und Aufopferung nicht genügend entfaltet wäre, dann muß ein anderer Lehrmeister eintreten.
[ 31 ] In Dornach ist es symbolisch vorgeführt worden. Eigentlich war die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, daß der ganze Bau bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend überragenden Anhöhe von Osten und Südosten als Wahrzeichen des Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Säulen mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soll auch die Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelöst werden. Ich konnte mich überzeugen, daß die rechte Akustik gefunden ist. Der Klang, wie er von einem gewissen Punkte her geprüft wurde, ergab, daß die Akustik die richtige für den Bau sei. Aber in diese Akustik hin ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben hören, sondern zuerst hörten sie den Widerhall des Kanonendonners vom Süden des Elsaß, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentümliche Symbolik! Eine Symbolik, die vielleicht doch angeführt werden darf. Ein anderer Lehrmeister ist manchmal nötig!
[ 32 ] War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer Woche vollzogen! Welche Summe von Bekämpfung des Egoismus! Welche Summe von Aufopferungsfähigkeit, von Menschenliebe ist da entstanden!
[ 33 ] Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr, spielte mir Karma eine Zeitung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem österreichischen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie während der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von allen Seiten Liebesdienste erwiesen werden, und am Schluß kommt ein Passus — der Krieger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten —, da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut und mit all dem, was wir haben, für die gerechte Sache einzustehn; aber auch die, die zu Hause bleiben, können wirken. — Dann kommen die großen Worte, er sagt: «Wen Gott erhört, der bete — wer nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem inbrünstigen Wunsche nach dem Siege...», und er trägt so das Seine bei! — Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit gepflegt haben. Mag das nächste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines wird das Ereignis zeitigen: Spiritualität in der menschlichen Seele, die solche sonst noch lange nicht gefunden haben würde.
[ 34 ] Groß sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit großen Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch übereinanderlegen. So wie der Kampf der Römer gegen die Punier, wie die Kriege der Völkerwanderung wichtig und eingreifend waren für die werdende Kultur der Völker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines in Euer Empfinden hineinleben können: daß diejenigen, die heute im Felde, in der Schlacht ihr Blut vergießen, dieses Blut als Opfer bringen für etwas, was geschehen muß. Geschehen muß es zum Heile der — Menschheit. Und wenn wir auf die großen Opfer schauen, auf die Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen, so doch innerlich mit großer Befriedigung erfüllen: daß heiliges Blut fließt, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben, werden die wichtigsten Mitglieder werden für zukünftige Zeiten. Vieles wird uns verständlich werden, wenn wir uns entschließen können, in dem fließenden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir unsere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist Früchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfüllen kann sich gerade in den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener einfache Soldat gesagt hat.
[ 35 ] Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Überzeugung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustönen; und das ist nötig, wenn die Formel, die wir unseren Ausführungen voransetzten, wirken soll. Unter den Kämpfern gibt es schon solche, die in dem rechten Glauben dienen.
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 36 ] Meine lieben Freunde! Daß wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegenüberstellen, damit wir die Prüfung bestehen können, daß wir gerechten Auges die Ereignisse, die Verhältnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vortrages. Spiritualität wird schon kommen auch durch jenen großen Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken jetzt richtig in der Zeit der Prüfung in Euren Seelen sein, dann wird jener Raum, der jetzt erfüllt ist von durcheinanderflutenden Leidenschaften, erfüllt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen, echten Gefühlen. Solche Gefühle werden dauernd weiterleben.
[ 37 ] Ich flehe in mancher Nacht, daß es viele Anthroposophen geben möge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden; und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die Möglichkeit haben, unseren Platz auszufüllen in echtem Liebesdienst. Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktätig in die Welt bringen dürfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder dort stehen, daß dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir gerade ausersehen sind.
[ 38 ] Nur mit Tränen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen Osterreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mitanhörte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthroposophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt, und ihn seine Pflicht erfüllen läßt da, wo das Schicksal ihn hingestellt hat. Und dieselben Gefühle und Gedanken traten mir aus dem Brief eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusammenkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen war. Solche Gedanken und Gefühle sind es, die heute in den Seelen leben müssen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfüllen suchen, unsere Urteilskraft walten lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfüllen: Wenn einstmals Europas Völker nicht mehr sich in den Schlachten gegenüberstehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die stärksten sein, sie werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fühlen, wird zum Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefühl, daß ein Sieg unausbleiblich ist: der Sieg des Geistes.
[ 39 ] Merkwürdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in diesem Frühling gesprochen. Er sagte über unser Verhältnis zu Rußland, daß Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu achten. Und über England wurde im Juli gesagt, daß die Entspannung Fortschritte mache, daß die Verhandlungen mit England noch nicht abgeschlossen seien, daß sie aber in diesem Sinne weitergeführt würden. So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwärtigen, wie menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht. Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg nicht gewollt! — Oh, man möchte — verstehen Sie mich recht! —, um es grotesk auszudrücken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die gebührende Beachtung fänden, um ihnen den Nachdruck geben zu können, der ihnen gebührt.
[ 40 ] Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht so ist, daß man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes dürfen wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsausbruch mußte ich in einer Zeitung Sätze lesen, wie den folgenden: Trotz Liebknechts Rüge halte ich dafür, daß man im politischen Leben die Wahrheit nicht zu sagen braucht, außer wenn es herauskommen würde oder einem selber schaden würde. — Der Ausspruch ist geprägt aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt wären ohne diesen Krieg, und den zu überwinden Aufgabe unserer Bewegung ist, die — im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches — als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.»
[ 41 ] Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedürfen, wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn darum handelt es sich, daß wir zu jener Objektivität hindurchdringen, die nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird man auch heute schon erkennen können, was eine spätere Zeit erkennen wird: daß dieser Krieg eine Verschwörung ist gegen deutsches Geistesleben.
[ 42 ] Zu solcher Objektivität kann uns verhelfen der Spruch, der an den Volksgeist sich wendet:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
[ 43 ] Viel kann für unsere Seelen und für das Finden des rechten Weges hervorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem Spruche uns werden kann. Dann aber weiß ich, daß etwas geschehen wird, daß ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soll, da sein wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was Anthroposophie in die Welt bringt, daß Hoffnungen entgegengekommen werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen möchte mit den Worten:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
[ 44 ] Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktätige Liebe wollen wir üben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages. Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Verhältnisse, um solche Objektivität zu erlangen, wie sie heute notwendig ist, und die so schwer zu erlangen ist für viele. Vielleicht können hier auch diejenigen unserer auswärtigen Freunde klärend wirken, die diese Worte hören.
[ 45 ] Wenn wir zu solcher Objektivität durchdringen und zu solcher Bereitschaft werktätiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine Kraft erstehen, die nutzbar sein kann für diejenigen Geister, die ihr Wirken hineinsenden in die Geschicke der Völker und die auch in diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und führend der Menschheit zur Seite stehen.
