The Spiritual Background of World War I
GA 174b
30 September 1914, Stuttgart
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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Was wir im Grunde genommen ja schon lange voraussehen konnten, schnell ist es durch allerlei Ereignisse, die sich in der letzten Zeit abgespielt haben, über die Welt hereingebrochen. Zeugen ernster Ereignisse sind wir dadurch geworden, deren tiefe Bedeutung in vollem Umfange erst eine spätere Zeit wird wirklich ermessen können. Und vieles, ich möchte sagen, auch nur von Äußerlichkeiten desjenigen, was diesen ernsten Ereignissen zugrunde liegt, entzieht sich heute durchaus der Betrachtung. Für uns aber, meine lieben Freunde, sei vor allen Dingen ein Wort bedeutsam in dieser ernsten Zeit, das ich etwa in folgender Weise aussprechen will: Wir haben durch Jahre hindurch versucht, in uns die geistige Erkenntnis zu vertiefen, wir haben versucht, das Wissen, Fühlen und Empfinden von den geistigen Welten zu unserer Sache zu machen, und auch alles dasjenige, was mit diesem Wissen, Fühlen und Empfinden zusammenhängt. Jetzt aber stehen wir tatsächlich davor, in einem gewissen Sinne eine Prüfung ablegen zu müssen, ob wir imstande sind, auch unter dem Eindruck all des Schweren, das jetzt geschieht, festzuhalten an den großen Idealen, die uns vorgezeichner sind durch das Wissen und Fühlen der geistigen Welt. Da, wo in unseren Zweigen Freunde zusammensitzen, die zum größten Teil ein gemeinsames Fühlen vereint, da ist es ja gewiß leichter, festzuhalten an dem, was Geisteswissenschaft der Menschheit bringen soll, aber wir müssen immer und überall die großen Ideale, die schon in unserem ersten Grundsatz ausgesprochen sind, nicht aus dem Auge lassen. Wir sind ja nicht eine Gesellschaft, die ihre Ausbreitung innerhalb homogener Völkermassen hat, wir suchen vielmehr den versöhnenden Geist über die ganze Erde hin zu verbreiten. Damit hängt es zusammen, daß wir einer gewissen Prüfung unterzogen werden, denn wahrhaftig schwierig ist es in der Zeit, in der wir jetzt leben, den Sinn für Objektivität gegenüber dem Höchsten, nämlich gegenüber der Gerechtigkeit, voll zu entwickeln.1Anmerkung der Herausgeber: Die Nachschrift dieses Vortrags kann nicht als durchwegs zuverlässig betrachtet werden. Manches deutet auf eine lückenhafte, wenn nicht sogar fehlerhafte Überlieferung der gesprochenen Worte. Der Leser sei auf die Hinweise am Schluß des Bandes verwiesen.
[ 1 ] What we had, in fact, long been able to foresee has now rapidly come upon the world through all manner of events that have unfolded in recent times. We have thus become witnesses to grave events whose profound significance will only be fully appreciated in the future. And much of what lies beneath these grave events—even, I would say, merely their outward manifestations—is entirely beyond our comprehension today. For us, however, my dear friends, one thing above all should be significant in these grave times, which I would like to express in the following way: For years we have sought to deepen our spiritual understanding; we have sought to make the knowledge, feeling, and perception of the spiritual worlds our own, along with everything connected to this knowledge, feeling, and perception. But now we are indeed faced with the need, in a certain sense, to undergo a test to see whether we are capable—even under the weight of all the hardships that are now unfolding—of holding fast to the great ideals that have been set before us through our knowledge and feeling of the spiritual world. Where friends gather in our branches, united for the most part by a shared sense of feeling, it is certainly easier to hold fast to what spiritual science is meant to bring to humanity; yet we must never, anywhere, lose sight of the great ideals already expressed in our first principle. After all, we are not a society that seeks to expand within homogeneous ethnic groups; rather, we seek to spread the spirit of reconciliation throughout the entire world. This is why we are subjected to a certain test, for it is truly difficult in the times in which we now live to fully develop a sense of objectivity toward the Highest—namely, toward justice. 1Editor’s note: The transcript of this lecture cannot be considered entirely reliable. There are indications of an incomplete, if not erroneous, recording of the spoken words. The reader is referred to the notes at the end of the volume.
[ 2 ] Gerade aus den Gründen, die aus meinen heutigen Worten hervorgehen werden, haben es in gewissem Sinne Mitteleuropas Bewohner, hat es vor allem das deutsche Volk gegenwärtig leichter als andere, objektiv gerecht zu sein. Aber auch da ist es notwendig, uns nicht bloß den unmittelbaren Empfindungen zu überlassen, sondern als ernste Anthroposophen müssen wir versuchen, mit Verständnis in die Sprache einzudringen, die heute die Gerechtigkeit im geistigen Sinne führen muß.
[ 2 ] Precisely for the reasons that will become clear from my remarks today, the inhabitants of Central Europe—and above all the German people—currently find it, in a certain sense, easier than others to be objectively just. But even here, it is necessary not to rely solely on our immediate feelings; rather, as serious anthroposophists, we must strive to penetrate with understanding the language that must today guide justice in the spiritual sense.
[ 3 ] Nicht weil ich es als etwas Persönliches vorbringen will, sondern weil die Sache für mich symptomatisch ist, will ich folgendes erwähnen: Der erste Band meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» ist vielleicht in den Händen mancher von Euch. Der zweite Band war in der zweiten Hälfte des Juli bis Seite 204 gedruckt. Mitten in den Zeilen schloß er ab. Die Stelle war gerade für mich das Merkwürdige, Symptomatische. Ich hatte die beiden französischen Philosophen Boutroux und Bergson zu charakterisieren gehabt. Ich versuchte das so objektiv als möglich zu tun. Dann hatte ich den Übergang zu machen zu Preuß, einem unbeachteten, gewaltigen Denker. Ich hatte, nachdem ich die französische Philosophie der Gegenwart dargestellt hatte, überzugehen zu dem, was diesseits des Rheins, was in Deutschland an Gedanken ersprossen ist. Da aber war der Bogen leer, denn da hinein brach der Krieg aus. Oft mußte ich mir die leeren Felder des dreizehnten Bogens anschauen.
[ 3 ] Not because I want to present this as something personal, but because the matter is symptomatic to me, I would like to mention the following: The first volume of my book The Riddles of Philosophy may be in the hands of some of you. The second volume had been printed up to page 204 in the second half of July. It ended right in the middle of a line. That very spot was, for me, the strange, symptomatic part. I had been tasked with characterizing the two French philosophers, Boutroux and Bergson. I tried to do so as objectively as possible. Then I had to make the transition to Preuß, an overlooked but formidable thinker. After presenting contemporary French philosophy, I was to move on to what had sprung up on this side of the Rhine—the ideas that had emerged in Germany. But the page was blank, for the war broke out just as I was about to fill it. I often found myself looking at the empty spaces of the thirteenth page.
[ 4 ] Und damals kamen verschiedene Stimmen von jenseits des Rheins. Sie sind Ihnen ja hinlänglich bekannt, jene Stimmen. Da sprach man von deutscher Barbarei und dergleichen und warf die gehässigsten Beschuldigungen und Verleumdungen gegen uns auf. Man möchte sagen, es war betrübend, was man da zu erleben bekam. Gerade geachtete Vertreter des französischen Geisteslebens wühlten Haß und Leidenschaft im Volke auf. Und in diesem Falle darf wohl das Persönliche als symptomatisch angesehen werden: Wenn man in einem Buche über die Entwickelungsgeschichte der Philosophie die französische Philosophie zu behandeln hatte, wenn die Seele sich bemühte, ihr voll gerecht zu werden, da könnte es wahrlich die Seele mit Erbitterung erfüllen, wenn sie erleben muß, während sie mit aller Kraft versucht, mit der größtmöglichen Objektivität sich hineinzuleben in die Philosophie des Westens, daß diese dann ungeachtet aller Tatsachen über die «barbarische Art jenseits des Rheins» schreit. Es war um so bitterer, als einer der schlimmsten Angreifer und Hasser des deutschen Wesens Maurice Maeterlinck war.
[ 4 ] And at that time, various voices were heard from across the Rhine. You are, of course, well acquainted with those voices. They spoke of German barbarism and the like, and hurled the most vicious accusations and slanders at us. One might say it was distressing to witness what was happening there. Respected representatives of French intellectual life were stirring up hatred and passion among the people. And in this case, the personal experience may well be regarded as symptomatic: when, in a book on the history of the development of philosophy, one had to deal with French philosophy, when the soul strove to do it full justice, it could truly fill the soul with bitterness to witness—while striving with all one’s might to immerse oneself in the philosophy of the West with the greatest possible objectivity—that this philosophy then, regardless of all facts, cries out about the “barbaric ways beyond the Rhine.” It was all the more bitter because one of the worst attackers and haters of the German spirit was Maurice Maeterlinck.
[ 5 ] Es ist sonderbar: das erste Werk, das von Maeterlinck erschien und das schon ganz sein Wesen und seine Eigenart zum Ausdruck bringt, fußt ganz auf Novalis, ist ganz geschöpft aus Novalis, und Maurice Maeterlinck wäre nichts ohne Novalis. Alle seine späteren Werke entsprangen ganz aus diesem ersten, aus Novalis geschöpften Fundament. Das wirft auch ein Licht darauf, wie unsere Zeit es versteht, die Gerechtigkeit zu handhaben. Es ist heute durchaus nicht genügend, die Stimmen zu hören, die da und dort unter dem Eindruck der Leidenschaft gesprochen werden, sondern nötig ist, daß wir uns die Tatsachen vergegenwärtigen. Läßt man diese sprechen, so führt es zur Objektivität. Und solche Objektivität ist nicht einerlei mit einem Gleichgültigsein gegenüber diesen Beziehungen.
[ 5 ] It is strange: the first work published by Maeterlinck—one that already fully expresses his essence and his distinctive character—is based entirely on Novalis, is entirely drawn from Novalis, and Maurice Maeterlinck would be nothing without Novalis. All of his later works sprang entirely from this first foundation, drawn from Novalis. This also sheds light on how our time understands the administration of justice. Today, it is by no means sufficient to listen to the voices spoken here and there under the influence of passion; rather, it is necessary that we bring the facts to mind. Letting the facts speak leads to objectivity. And such objectivity is not the same as indifference toward these matters.
[ 6 ] Großes geht in unserer Zeit vor, Ungeheures. Und eine künftige Zeit wird nötig haben, für das, was in unserer Zeit vorgeht, im Sinne dessen, wie wir von Wiederholungen sprechen, bedeutsame Ereignisse vergangener Zeiten heranzuziehen. Nicht nur eines, vieles drängt sich zusammen, um eine Wiederholung zu bilden, eine zusammengefügte Wiederholung von bedeutenden geschichtlichen Ereignissen.
[ 6 ] Great things are happening in our time—monstrous things. And a future era will need to draw upon significant events of the past—in the sense in which we speak of repetitions—to make sense of what is happening in our time. Not just one event, but many are converging to form a repetition, a composite repetition of significant historical events.
[ 7 ] Wie einstmals, in der vollen Blüte der griechisch-lateinischen Kultur, die Römer die Punischen Kriege gegen Karthago auskämpfen mußten, wie damals die denkwürdige Schlacht bei Mylä entschied über das Geschick der Römer, die ihre aufblühende griechisch-römische Kultur zu erhalten hatten gegenüber einem Überfluten untergehender Kräfte von seiten des zwar äußerlich noch starken Reiches der Karthager, so finden wir am Ausgangspunkte des gegenwärtigen Krieges etwas wie eine Wiederholung gewisser Ereignisse. Es darf das an diesem Orte hier schon heute ausgesprochen werden. Es fand damals zwischen den Römern und den Karthagern eine merkwürdige Schlacht statt. Die Karthager hatten eine gewaltige Flotte, der gegenüber Rom mit seinen wenigen Schiffen machtlos schien. Da kamen die Römer auf die ungewöhnliche Idee, Enterbrücken herzustellen, die von Schiff zu Schiff führten und gewissermaßen die Seeschlacht in eine Landschlacht umwandelten, so daß die Römer auf dem ihnen vertrauten Boden einen großen Sieg errangen. Wie nun damals etwas Unerhörtes für jene Zeit geschah, so hat sich etwas, was die wenigsten Menschen denken können, in Lüttich abgespielt, was eine gewisse Beziehung zeigt zu den geschilderten Ereignissen und von dem künftige Zeiten als einem allerersten Ereignis sprechen werden. Ich erwähne diese Dinge nur, weil ich aufmerksam machen möchte auf das Bedeutsame der Geschehnisse, innerhalb derer wir in der Gegenwart stehen.
[ 7 ] Just as in the past, at the height of Greco-Roman culture, the Romans were forced to wage the Punic Wars against Carthage, and just as the memorable Battle of Mylae decided the fate of the Romans—who had to preserve their flourishing Greco- -Roman culture in the face of an onslaught from the Carthaginian Empire—which, though outwardly still powerful, was in decline—so we find at the outset of the present war something of a repetition of certain events. This may already be stated here today. A remarkable battle took place back then between the Romans and the Carthaginians. The Carthaginians had a mighty fleet, against which Rome, with its few ships, seemed powerless. Then the Romans came up with the unusual idea of constructing boarding bridges that led from ship to ship, effectively transforming the naval battle into a land battle, so that the Romans achieved a great victory on ground familiar to them. Just as something unheard-of for that time happened back then, something that very few people can even imagine took place in Liège—an event that bears a certain resemblance to the events described and which future generations will speak of as one of the very first events of its kind. I mention these things only because I wish to draw attention to the significance of the events in which we currently find ourselves.
[ 8 ] Sind es doch gerade diese Tage, in denen wichtige Entscheidungen im Osten und im Westen auf des Messers Schneide stehen. Es möchte einem das Herz zerreißen, wenn man bedenkt, was sich gegenübersteht, und es darf gerade in diesen Tagen, wo die Entscheidung sozusagen wie etwas Ungewisses vor dem Blick des Menschen steht, auf etwas anderes aufmerksam gemacht werden, was von ungeheurer Wichtigkeit ist, gedacht zu werden.
[ 8 ] For it is precisely during these days that important decisions in the East and the West hang in the balance. It is enough to break one’s heart when one considers what stands in opposition to one another, and especially in these days, when the decision lies, so to speak, as something uncertain before people’s eyes, attention must be drawn to something else that is of immense importance to consider.
[ 9 ] Ich darf über diese Dinge so sprechen, wie ich sprechen werde, weil ich gewissermaßen durch mein Karma dazu vorbereitet bin. Geboren bin ich ja in demjenigen Reiche, von dem man sagt, daß es so viel beigetragen habe zu dem Völkerkriege; aber herangewachsen, sehe ich, daß ich schon in der Kindheit zur Heimatlosigkeit bestimmt war. Ich hatte keine Gelegenheit, die eigentümlichen Gefühle des Zusammenhangs mit den Land- und Volksgenossen selbst zu erleben. Außerdem fiel meine Kindheit in die Zeit, wo ich in Österreich selbst den Deutschenhaß kennenlernte, wo Deutsch-Österreich noch stand unter dem Eindruck der Siege Preußens, wo auch die Deutschen in Österreich die Reichsdeutschen haßten. Eine Voreingenommenheit für Deutschland in mir zu erzeugen, war keine Gelegenheit. Diese Heimatlosigkeit, die mir durch mein Karma gegeben worden ist, berechtigt mich, objektiv zu sprechen, voll Bewußtsein, daß gerade da die anthroposophische Gesinnung durch meine Worte sprechen kann. Es geziemt sich heute nicht, prophetische Worte zu sprechen. Deshalb mag derjenige unerwidert bleiben, der da sagt: Wo der Sieg zuletzt bleiben mag, sei zweifelhaft. Aber ein Sieg, ein wichtiger Sieg, der zusammenhängt auch mit einer geistigen Betrachtung, der unauslöschlich ist für alle kommenden Zeiten, der ist schon errungen worden. Welches ist dieser Sieg? Er wurde erfochten vor Ausbruch des Krieges. Dieser Sieg läßt sich in folgender Weise charakterisieren: War nicht Europas Mitte lange Zeit verbunden mit dem Osten? Wir reden wahrlich nicht von dem Volke, das in Europas Osten wohnt. Über dieses Volk sind wir gut unterrichtet, und wer da Wahres über das Verhältnis dieses Volkes zu der Völkerentwickelung erfahren will, der lese den Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie». Etwas anderes ist dieses Volk im Osten und etwas anderes das Trifolium, das gegenwärtig dort an der Spitze gegen deutsches Geistestum steht: der Zarismus, der russische Militarismus, der eine Schlappe erhalten hat, und der verlogene Panslawismus. Es gab Fäden, die von Europas Herzen nach diesem Trifolium gingen, wenn auch nicht bis zu seinem letzten Blatt.
[ 9 ] I am able to speak about these things as I will because, in a sense, my karma has prepared me for it. I was, after all, born in the very realm said to have contributed so much to the Great War; but as I have grown up, I see that I was destined to be homeless even in childhood. I had no opportunity to experience for myself the unique feelings of connection with my countrymen and fellow citizens. Moreover, my childhood fell during a time when I myself became acquainted with hatred of Germans in Austria, when German-Austria was still under the influence of Prussia’s victories, and when even the Germans in Austria hated the Germans of the German Empire. There was no opportunity for a bias in favor of Germany to develop within me. This sense of homelessness, bestowed upon me by my karma, entitles me to speak objectively, fully aware that it is precisely here that the anthroposophical spirit can speak through my words. It is not fitting today to speak prophetic words. Therefore, let those who say, “Where victory may ultimately lie is doubtful,” remain unanswered. But a victory—an important victory—one that is also connected to a spiritual perspective, one that is indelible for all time to come—has already been won. What is this victory? It was won before the outbreak of the war. This victory can be characterized as follows: Was not the heart of Europe long connected to the East? We are certainly not speaking of the people who dwell in Eastern Europe. We are well informed about this people, and anyone who wishes to learn the truth about this people’s relationship to the development of nations should read the lecture series “The Mission of Individual National Souls in Connection with Germanic-Nordic Mythology.” This people in the East is one thing, and the trifolium that currently stands at the forefront there against German spirituality is another: Tsarism, Russian militarism—which has suffered a defeat—and the mendacious Pan-Slavism. There were threads running from the heart of Europe to this trifolium, though not quite to its very last leaf.
[ 10 ] Am 31. Juli dieses Jahres wurde durch die Kriegserklärung dieser Faden zwischen Deutschlands und Österreichs Leitung und dem Zarismus zerrissen, hinweggefegt. Das war ein großer Sieg... [Das Folgende ist unklar. Der Sinn scheint etwa der zu sein, daß das Geschehen, welches sich damals zwischen der europäischen Mitte, den Westmächten und Rußland abspielte, zur weltgeschichtlichen Besinnung aufrufe. Vgl. auch die Fußnote auf Seite 13.]
[ 10 ] On July 31 of this year, the declaration of war severed and swept away this thread connecting the leadership of Germany and Austria with Tsarism. That was a great victory... [The following is unclear. The meaning seems to be that the events unfolding at that time between the heart of Europe, the Western Powers, and Russia call for a reflection on world history. See also the footnote on page 13.]
[ 11 ] Darin liegen bedeutsame Züge der Weltgeschichte. Man braucht sich nicht die Augen zu verschließen für die Unnatur des Bundes zwischen Europas Westen und Nordwesten und dem Osten, wenn man auf anthroposophischem Boden der Gerechtigkeit steht. Versuchen wir nur, das weiter zu üben in dieser schweren Zeit, was wir durch die Geisteswissenschaft selbst und durch manches von dem auch, was uns aufgedrungen ist, gelernt haben.
[ 11 ] These are significant aspects of world history. One need not turn a blind eye to the unnatural nature of the alliance between Western and Northwestern Europe and the East if one stands on the anthroposophical ground of justice. Let us simply try, in these difficult times, to continue practicing what we have learned through spiritual science itself and through some of what has been forced upon us.
[ 12 ] Als wir im Streite mit Frau Besant waren, war es sogar ein indischer Gelehrter, der über die Art, wie Frau Besant nach Toleranz schrie, sagte, Mrs. Besant mache es so, wie wenn man einem Menschen, dem die Hand abgehauen wird und der sich dagegen wehrt, zurufe: Sei tolerant, sonst beginnst du den Streit! — Es zeugt von wenig Denken, wenn man nicht einsieht, daß es eine Absurdität ist, zu verlangen, daß der andere sich die Hand abhauen lassen solle, ohne sich zu wehren.
[ 12 ] When we were in a dispute with Mrs. Besant, it was actually an Indian scholar who, commenting on the way Mrs. Besant was clamouring for tolerance, said that Mrs. Besant was acting as if one were to shout at a person whose hand is being cut off—and who is resisting it—saying: ‘Be tolerant, or you’ll start the fight!’ — It shows a lack of thought not to realize that it is absurd to demand that the other person allow his hand to be cut off without resisting.
[ 13 ] Ich habe es die letzten Wochen oft hören müssen, daß gesagt wurde: Wenn Österreich den Krieg mit Serbien nicht begonnen hätte, so wäre das «tolerant» gewesen. — Genau derselbe Fall! Man ruft dem zu, dem die Hand abgehauen werden soll: Sei tolerant! — Wir haben mancherlei Möglichkeiten, durch das, was sich so schmerzhaft um uns herum abspielt, Objektivität zu gewinnen; aber dazu müssen wir richtig denken können. Denken lernen ist auch eine Aufgabe der Theosophie. Es gibt jenen Zyklus über die Volksseelen. Aber wenn wir jetzt in ernster Zeit ihn nicht in heiligstem Ernst verstehen könnten, dann wäre alle unsere damalige Beschäftigung mit diesem Zyklus ein theoretisches Spiel. Erst dann sind uns diese Dinge in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir sie durchzufühlen wissen, wo es sich darum handelt, sich Klarheit zu verschaffen, wie es jetzt nötig ist. Im vorletzten Vortrage des Zyklus versuchte ich darzustellen, daß sich die verschiedenen Volksseelen so zueinander verhalten, wie ich es im letzten Bilde der «Pforte der Einweihung» zu schildern versuchte in bezug auf das Zusammenspiel der drei Seelenkräfte. Der Inhalt der Rede, die Worte, die jede der drei Persönlichkeiten dort spricht, müssen genau so gesprochen sein, wie sie sind, da jede der Persönlichkeiten eines der drei Seelenglieder des Menschen darstellt.
[ 13 ] I have heard it said often in recent weeks that if Austria had not started the war with Serbia, that would have been “tolerant.” — Exactly the same case! They shout at the one whose hand is about to be cut off: “Be tolerant!” — We have various ways of gaining objectivity through what is so painfully unfolding around us; but to do so, we must be able to think correctly. Learning to think is also a task of theosophy. There is that cycle on the national souls. But if, in these grave times, we were unable to understand it with the utmost seriousness, then all our previous engagement with this cycle would have been nothing more than a theoretical exercise. Only then have these things become second nature to us—when we know how to feel them deeply, especially when it comes to gaining the clarity that is now so necessary. In the penultimate lecture of the series, I attempted to illustrate that the various national souls relate to one another in the same way that I tried to depict in the final image of The Portal of Initiation with regard to the interplay of the three soul forces. The content of the speech—the words spoken by each of the three personalities there—must be spoken exactly as they are, since each of the personalities represents one of the three soul members of the human being.
[ 14 ] Im vorletzten Vortrage des Volksseelenzyklus werden Sie hingewiesen darauf, wie sich, wenn wir die Völker Italiens, Spaniens nehmen, für unsere Zeit Nachklänge des dritten nachatlantischen Zeitalters zeigen: der Volkscharakter ist ausgeprägt als Empfindungsseele. Bei Frankreich ist es die Verstandesseele, bei England die Bewußtseinsseele, und in Europas Mitte ist es das Ich.
[ 14 ] In the penultimate lecture of the “Souls of the Peoples” cycle, you are shown how, when we consider the peoples of Italy and Spain, echoes of the third post-Atlantean epoch are evident in our time: the national character is distinctly that of the feeling soul. In France, it is the intellectual soul; in England, the conscious soul; and in the heart of Europe, it is the “I.”
[ 15 ] Wissen wir nicht, daß es Kämpfe in der eigenen Seele geben kann, daß die einzelnen Glieder im Kampfe gegeneinander stehen können? Aufmerksam darauf ist gemacht im zweiten Drama, der «Prüfung der Seele». Wir können ein Bild davon gewinnen, was sich in unserer Zeit abspielt, wenn wir alles das, was dort zum Ausdruck kommt, auf uns wirken lassen. Und wir müssen versuchen, dieses Bild so in unserer Seele zur Klarheit zu bringen, daß wir wissen, wie wir in Europas Mitte das Ich zu suchen haben. So haben wir gleichsam mitten in den Tagen des Friedens in stiller geistiger Arbeit in jenem Zyklus die Grundlagen von etwas vor unsere Seele gestellt, was heute als schweres Schicksal die Welt erfüllt. Im Grunde genommen wird uns vieles von dem, was jetzt vorgeht, erklärlich werden, wenn wir alles das in Betracht ziehen, was in dem oben genannten Zyklus ausgesprochen ist. Dann erst werden wir die nötige Objektivität erlangen.
[ 15 ] Do we not know that there can be struggles within our own souls, that the individual parts of our being can be at odds with one another? This is brought to our attention in the second drama, The Trial of the Soul. We can gain a picture of what is unfolding in our time if we allow everything expressed there to take effect within us. And we must try to bring this picture into such clarity within our souls that we know how to seek the “I” at the heart of Europe. Thus, in the midst of days of peace, so to speak, through quiet spiritual work in that cycle, we have laid before our souls the foundations of something that today fills the world as a heavy fate. Fundamentally, much of what is happening now will become clear to us if we take into account everything that is expressed in the aforementioned cycle. Only then will we attain the necessary objectivity.
[ 16 ] Es ist in allen Kriegen vorgekommen, daß der eine dem anderen die Schuld gibt. Für uns, meine lieben Freunde, geziemt es sich nicht, so zu denken; für uns geziemt sich ein anderes. Durch einen Vergleich will ich es klarmachen.
[ 16 ] In every war, one side has blamed the other. For us, my dear friends, it is not fitting to think that way; for us, something else is fitting. I will make this clear by means of a comparison.
[ 17 ] Man nehme an, jemand sei alt geworden, und stelle sich daneben vor ein Kind in Frische und voll Kraft. Wäre es da gescheit, wenn der Greis dem Kinde grollen würde und sagte: Du Kind in deiner jugendlichen Kraft, du bist schuld, daß ich die Gebrechen des Alters trage! Nicht gescheiter ist es, wenn jetzt zum Beispiel den Deutschen vorgeworfen wird, sie seien schuld an dem Kriege. Wir müssen uns klarmachen: Das, was geschieht, ist im Karma der Völker begründet. Auch im Leben der Völker gibt es Jugend und Alter; und wie im menschlichen Leben die frische Kraft des Kindes nicht schuld daran ist, daß das Alter jene Frische nicht mehr hat, so ist es auch töricht, im Leben der Völker solchen Vorwurf zu erheben.
[ 17 ] Suppose someone has grown old, and imagine a child standing next to him, full of vitality and strength. Would it be wise, then, for the old man to resent the child and say: “You, child, in your youthful vigor, you are to blame for the infirmities of old age that I bear!” It is no wiser, for example, to now accuse the Germans of being to blame for the war. We must realize: What happens is rooted in the karma of nations. In the life of nations, too, there is youth and old age; and just as in human life the fresh vigor of a child is not to blame for the fact that old age no longer possesses that vigor, so too is it foolish to level such a reproach in the life of nations.
[ 18 ] Aber alles das, was geredet wird, darf uns nicht blind machen; wir müssen hinblicken auf das Tatsächliche, auf das Objektive. Die tieferen Grundlagen der gegenwärtigen Ereignisse entziehen sich heute noch der Besprechung — abgesehen davon, daß eine solche heute bei manchem böses Blut machen würde —, aber in einer anderen Weise kann ich auf das aufmerksam machen, worauf es ankommt.
[ 18 ] But we must not let all this talk blind us; we must focus on what is real, on what is objective. The deeper foundations of current events are still beyond discussion today—aside from the fact that such a discussion would cause ill will among some—but I can draw attention to what really matters in another way.
[ 19 ] Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Europas Ich. — Das ist eine objektive okkulte Tatsache. Ich möchte einen Mann anrufen, der nicht Theosoph war — er lebte im deutschen Geiste —, um zu charakterisieren, wozu die Gesinnung des Ich es gebracht hatte. Ich weiß, daß dies nicht die Gesinnung eines einzelnen Menschen ist. Es ist die Herman Grimms, der noch im geistigen Sinne Goetheblut in seinen Adern hatte. Er spricht die wunderbaren Worte: «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch den Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.»
[ 19 ] As anthroposophists, we know: Europe’s “I” rests in the German spirit. — This is an objective occult fact. I would like to refer to a man who was not a Theosophist—he lived in the German spirit—to illustrate what the “I” mindset had brought about. I know that this is not the mindset of a single individual. It is that of Herman Grimm, who, in a spiritual sense, still had Goethe’s blood flowing through his veins. He speaks these wonderful words: “The solidarity of the moral convictions of all human beings is today the church that unites us all. We are searching more passionately than ever for a visible expression of this community. All truly serious aspirations of the masses know only this one goal. The division among nations no longer exists here. We feel that no national distinction prevails when it comes to the ethical worldview. We would all sacrifice ourselves for our fatherland; but we are far from longing for or bringing about the moment when this could happen through war. The assurance that maintaining peace is our most sacred wish is no lie. “Peace on earth and goodwill toward men” permeates us.”
[ 20 ] Nehmen Sie als Antwort darauf das, was die anthroposophische Lehre uns bringt. Unsere geistige Bewegung will die Möglichkeit herbeiführen, solche Sehnsucht zu befriedigen. Und dann noch andere Worte Herman Grimms: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!»
[ 20 ] Consider, in response to this, what the anthroposophical teaching offers us. Our spiritual movement seeks to create the possibility of satisfying such a longing. And here are some more words from Herman Grimm: “Recognizing humanity as a totality, they regard themselves as subject to an invisible court of justice enthroned as if in the clouds; they consider it a misfortune not to be permitted to stand before it, and they seek to align their inner conflicts with its judicial proceedings.” With anxious striving, they seek justice here. How hard the French of today are striving to present the war against Germany that they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations—indeed, from the Germans themselves!”
[ 21 ] Man nehme als Antwort auf dieses Bild, was die Anthroposophie von den Reichen der Hierarchien sagt. Ergreifend ist, zu sehen, wie der Menschengeist in seinen besten, höchsten Persönlichkeiten voll tiefster Sehnsucht ist nach dem, was die Geisteswissenschaft bringen will, aber an ihr vorbeigeht, sie nicht findet, und wie dann mit ängstlichem Bestreben die Menschen ihr Recht hier suchen.
[ 21 ] Let us take as a response to this image what anthroposophy says about the realms of the hierarchies. It is moving to see how the human spirit, in its finest and highest personalities, is filled with the deepest longing for what spiritual science seeks to offer, yet passes it by, fails to find it, and how people then seek their rightful place here with anxious striving.
[ 22 ] Dann noch eine merkwürdige Tatsache. Herman Grimm sagt: «Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern!» Nur zu gut gedacht ist das. Die Anstrengung, diesen Krieg als eine sittliche Forderung hinzustellen, kann man sie heute nicht bemerken aus dem, was uns aus dem Westen entgegenkommt?
[ 22 ] And here is another curious fact. Herman Grimm says: “How hard today’s French are trying to portray the war against Germany they are planning as a moral imperative, the acceptance of which they demand from other nations—indeed, from the Germans themselves!” That is all too well put. Can’t we see this effort to portray this war as a moral imperative in what is coming to us from the West today?
[ 23 ] Und dann noch ein drittes Wort Herman Grimms möchte ich Ihnen vorlesen. Wieder werden Sie finden, wie es seine Erfüllung findet in dem, was unsere Bewegung bringt: «Die Bewohner unseres Planeten, allesamt als Einheit gefaßt, erfüllt ein allverständliches Feingefühl, das selbst die rohesten Völker ahnen, und das zu verletzen sie Scheu tragen. Die Menschen von heute erkennen jedem Einzelnen in geistigen Dingen das Recht individueller Selbstbestimmung zu. Selbst wilde menschliche Geschöpfe lassen sich zu diesen Gedanken hinleiten.» Damit aber spricht Herman Grimm nichts anderes aus als gerade den ersten Grundsatz unserer Gesellschaft.
[ 23 ] And now I would like to read to you a third passage by Herman Grimm. Once again, you will find how it finds its fulfillment in what our movement brings about: “The inhabitants of our planet, taken as a whole, are imbued with a universally understood sensitivity that even the most primitive peoples sense, and which they are reluctant to violate. People today recognize the right of every individual to self-determination in spiritual matters. Even the most primitive human beings can be guided toward these ideas.” In saying this, however, Herman Grimm is expressing nothing other than the very first principle of our society.
[ 24 ] Da sehen Sie, wie unsere Anthroposophie eine Antwort ist auf den Ruf, den der deutsche Geist ertönen ließ in den Stimmen der Besten seines Geisteslebens. Das Herz Europas hegt eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität. Eine Beleuchtung erfährt dadurch auch die Tatsache, daß der Deutsche, wo er hinkommt, sich unter Opferung seiner bisherigen Lebenssitten anpaßt den Landesgewohnheiten, nicht seine geistige Kultur, wohl aber seine Nationalität hingebend.
[ 24 ] There you can see how our anthroposophy is a response to the call that the German spirit has sounded through the voices of the finest minds in its intellectual life. The heart of Europe harbors a deep longing for spirituality. This also sheds light on the fact that wherever Germans go, they adapt to local customs by sacrificing their previous way of life, surrendering not their spiritual culture but their nationality.
[ 25 ] Dies alles, meine lieben Freunde, ist auf der einen Seite geeignet, uns gerecht sein zu lassen, und dabei doch nicht die Augen zu verschließen vor dem, was wirklich beachtet werden muß.
[ 25 ] All of this, my dear friends, serves, on the one hand, to help us be fair, while at the same time not turning a blind eye to what really needs to be taken into account.
[ 26 ] Auch für den Okkultisten gab es Überraschungen in der letzten Zeit; und ich darf sagen, während meines Kursus in Norrköping konnte oder mußte ich ein Wort sprechen, das auf solcher Überraschung beruht hat. Es ist wahr: Daß diese Ereignisse eintreten mußten, konnte man seit Jahren voraussehen, auch daß sie schicksalsgemäß in diesem Jahre kommen mußten. Aber Anfang Juli war nicht mehr zu sagen, als daß wir uns zum Münchner Zyklus versammeln würden, und dann, wenn wir auseinandergehen würden — so konnte man erwarten —, dann würden wir bedeutungsvollen Ereignissen gegenüberstehen. Da kam das Attentat von Sarajewo. Wenn ich oft betont habe, wie anders die Dinge sind hier auf dem physischen Plane als auf dem geistigen Plane, wie oft das Gegenbild sich zeigt, so war es doch auch zu meiner Überraschung, als ich vergleichen konnte die Individualität, die durch dieses Attentat gegangen ist, vor und nach dem Tode. Etwas Eigenartiges ist da geschehen: Diese Persönlichkeit ist zu einer kosmischen Kraft geworden. Ich erwähne dies, um darauf aufmerksam zu machen, wie die Dinge auf dem physischen Plan Symbolum für Geistiges sind, und wie, genau genommen, alle Ereignisse des physischen Planes erst erklärt werden, wenn man hindurchsieht nach dem geistigen Plane. Einige von Ihnen wissen von meinem früheren Ausspruch. Ich sagte: Das Schreckliche schwebte in der astralischen Welt, es konnte sich nur nicht niedersenken auf den physischen Plan, weil astralische Kräfte auf dem physischen Plan versammelt waren, Furchtkräfte, die ihm hindernd entgegenwirkten. — Es war am 20. Juli, als ich wußte, daß die Furchtkräfte nun Kräfte des Mutes, der Kühnheit wurden. Eine unbeschreiblich großartige Tatsache: Die Kräfte der Furcht wurden zu Kräften des Mutes. Da war es nicht mehr unerklärlich, was auf dem physischen Plan als ein so einzigartiges Phänomen sich abspielte: jener Enthusiasmus. Das ist eine Tatsache, die mir einzigartig war, und soviel mir bekannt ist, auch keinem Okkultisten vorher bekannt war.
[ 26 ] There have been surprises for the occultist as well in recent times; and I may say that during my course in Norrköping, I was able—or rather, had to—say a few words based on such a surprise. It is true: one could have foreseen for years that these events were bound to occur, and also that they were destined to happen this year. But at the beginning of July, all that could be said was that we would gather for the Munich cycle, and then, when we parted ways—as one might expect—we would be faced with significant events. Then came the assassination in Sarajevo. Although I have often emphasized how different things are here on the physical plane compared to the spiritual plane, and how often the opposite pattern emerges, it was nevertheless a surprise to me when I was able to compare the individuality that had undergone this assassination, both before and after death. Something peculiar happened there: this personality became a cosmic force. I mention this to draw attention to how things on the physical plane are symbols of the spiritual, and how, strictly speaking, all events on the physical plane can only be explained when one looks through them to the spiritual plane. Some of you are familiar with my earlier statement. I said: The terrible thing hovered in the astral world; it simply could not descend onto the physical plane because astral forces were gathered on the physical plane—forces of fear that counteracted it and prevented its descent. — It was on July 20 that I knew the forces of fear had now become forces of courage and boldness. An indescribably magnificent fact: the forces of fear became forces of courage. Then it was no longer inexplicable what was unfolding on the physical plane as such a unique phenomenon: that enthusiasm. This is a fact that was unique to me, and as far as I know, was unknown to any occultist before me.
[ 27 ] Nun, Sie alle sind ja Zeugen gewesen, wie dieser Enthusiasmus in einigen Tagen die Menschen ergriffen hat, die vorher wahrhaft friedliebende Menschen waren, wie eine Welle von Mut sich über sie ergoß.
[ 27 ] Well, you have all witnessed how, in just a few days, this enthusiasm has swept over people who were previously truly peace-loving, and how a wave of courage has washed over them.
[ 28 ] Es kamen bald die Zeiten, wo man mit Betrübnis hörte, welche ungeheuren Opfer dieser Krieg fordert. Und als ich in den ersten Tagen des September in Berlin war, zog tiefer Schmerz in meine Seele, als ich gewahr wurde, welche Blüten deutscher Seelen hingeopfert werden mußten auf dem Feld. Ich mußte dem Schmerze nachhängen, und der erzeugt — nicht aus eigenem Verdienst — okkulte Forschung. In Schmerzen wird der Seele okkulte Erkenntnis geschenkt. Die bange Frage stand vor meiner Seele: Wenn insbesondere die Blüte der Führer der einzelnen Korpsmassen dahingerafft wird, was wird dann?
[ 28 ] The time soon came when one heard with sorrow of the immense sacrifices this war was demanding. And when I was in Berlin in the first days of September, a deep sorrow gripped my soul as I realized what blossoms of the German spirit had to be sacrificed on the battlefield. I had to dwell on this pain, and it gave rise—not through any merit of my own—to occult research. In times of pain, the soul is granted occult knowledge. The anxious question stood before my soul: If, in particular, the finest leaders of the individual corps are swept away, what will become of us?
[ 29 ] Und da konnte man sehen, wie die Gefallenen es waren, die nach dem Tode auf dem Schlachtfelde denen halfen, die nach ihnen zu kämpfen hatten. Das ergab die hellseherische Forschung. Wenn die Toten den Lebenden helfen, dann ist das inmitten des Schmerzes ein Trost. Meine lieben Freunde, hineingreifen muß das, was Geisteswissenschaft ist, in das Leben in den Momenten, wo jeder Trost unmöglich erscheint, wo die rechte Seelenstimmung nicht gefunden werden kann. Auch da vermag geistige Erkenntnis die rechte Seelenstimmung zu geben, sie kann auch da noch Trost gewähren. Ich weiß, es wird Seelen geben aus unserer Gemeinschaft, die Mut schöpfen werden aus solcher Erkenntnis inmitten der traurigen Ereignisse.
[ 29 ] And there one could see how it was the fallen who, after their death on the battlefield, helped those who had to fight after them. This was the finding of clairvoyant research. When the dead help the living, it is a comfort in the midst of pain. My dear friends, spiritual science must reach into life at those moments when all comfort seems impossible, when the right state of mind cannot be found. Even then, spiritual insight can provide the right state of mind; even then, it can still offer comfort. I know there will be souls in our community who will draw courage from such insight in the midst of these sad events.
[ 30 ] Aus dem Studium der Geisteswissenschaft wissen wir, daß Geisteswesen Lenker und Leiter des Menschheitsganges sind. In der geistigen Welt ist es vorgeschrieben, daß bis zu einem gewissen Zeitpunkt annähernd das eine oder andere geschieht. Nehmen wir an, bis zum Jahre 1950 oder 1970 sei es für die Menschheit der Erde bestimmt, ein gewisses Maß von Liebefähigkeit zur Bekämpfung des Egoismus zu erreichen. Alles, was Geisteswissenschaft ist, will diese Liebefähigkeit erzeugen. Sie tut es ähnlich, wie das Holz im Ofen Wärme erzeugt. Sie kann erzeugt werden durch das Wort; und innerhalb unserer Strömung wird es versucht, sie zu erzeugen durch die großen Lehren der Anthroposophie. Aber wenn nicht genügend wäre das Entgegenkommen der menschlichen Seelen gegenüber dem Worte, wenn die Dinge zu langsam vor sich gehen würden, so daß bis zu dem Zeitpunkt, der vorgeschrieben ist, die Liebefähigkeit und Aufopferung nicht genügend entfaltet wäre, dann muß ein anderer Lehrmeister eintreten.
[ 30 ] From the study of spiritual science, we know that spiritual beings are the guides and leaders of humanity’s journey. In the spiritual world, it is predetermined that, up to a certain point in time, one thing or another will happen. Let us assume that by the year 1950 or 1970, it is destined for humanity on Earth to attain a certain capacity for love in order to combat selfishness. Everything that constitutes spiritual science aims to generate this capacity for love. It does so in much the same way that wood generates heat in a stove. It can be generated through the word; and within our movement, we strive to generate it through the great teachings of anthroposophy. But if the receptivity of human souls to the word were insufficient, if things were to proceed too slowly, so that by the prescribed time the capacity for love and self-sacrifice were not sufficiently developed, then another teacher must step in.
[ 31 ] In Dornach ist es symbolisch vorgeführt worden. Eigentlich war die Absicht, den Bau Anfang August fertig zu haben. Daraus ist nichts geworden; es war vom Karma nicht vorbestimmt, daß der ganze Bau bis zu dieser Zeit fertig stehe und herunterschaue von seiner die Gegend überragenden Anhöhe von Osten und Südosten als Wahrzeichen des Geistes. Doch es erheben sich in die weite Landschaft hinein die Säulen mit den Kuppeln als Geisteswarte. In unserem Bau soll auch die Frage der Beschaffung eines akustisch guten Raumes gelöst werden. Ich konnte mich überzeugen, daß die rechte Akustik gefunden ist. Der Klang, wie er von einem gewissen Punkte her geprüft wurde, ergab, daß die Akustik die richtige für den Bau sei. Aber in diese Akustik hin ein konnten unsere Freunde nicht zuerst das Wort vom geistigen Leben hören, sondern zuerst hörten sie den Widerhall des Kanonendonners vom Süden des Elsaß, und anstatt des Lichtes aus der geistigen Welt zogen von dem Scheinwerfer vom Fort Istein weite Lichtmassen in den Bau hinein und durchleuchteten ihn. Eine eigentümliche Symbolik! Eine Symbolik, die vielleicht doch angeführt werden darf. Ein anderer Lehrmeister ist manchmal nötig!
[ 31 ] This was symbolically demonstrated in Dornach. The original intention was to have the building completed by early August. That did not happen; it was not destined by karma for the entire building to be finished by that time, looking down from its hilltop—which towers over the surrounding area—from the east and southeast as a spiritual landmark. Yet the columns with their domes rise into the vast landscape as spiritual watchtowers. In our building, the question of creating a space with good acoustics must also be resolved. I was able to confirm that the right acoustics have been achieved. The sound, as tested from a certain vantage point, confirmed that the acoustics are suitable for the building. But within this acoustic setting, our friends did not first hear the word of spiritual life; instead, they first heard the echo of cannon fire from the south of Alsace, and instead of light from the spiritual world, vast masses of light streamed into the building from the searchlight at Fort Istein and illuminated it. A peculiar symbolism! A symbolism that perhaps may be mentioned after all. Sometimes a different teacher is needed!
[ 32 ] War es nicht ein ungeheurer Lehrmeister? Stellt er sich nicht dem Materialismus gewaltig entgegen? Was hat sich dann alles in einer Woche vollzogen! Welche Summe von Bekämpfung des Egoismus! Welche Summe von Aufopferungsfähigkeit, von Menschenliebe ist da entstanden!
[ 32 ] Wasn’t he a tremendous teacher? Doesn’t he stand in powerful opposition to materialism? Just think of everything that has taken place in a single week! What a display of the fight against selfishness! What a display of self-sacrifice and love for humanity has emerged there!
[ 33 ] Als ich kürzlich von Wien zurückfuhr, spielte mir Karma eine Zeitung in die Hand. Darin stand eine Schilderung von einem österreichischen Krieger, der in das Feld zog. Er beschreibt zuerst, wie während der Fahrt zum Kriegsschauplatz den Soldaten von allen Seiten Liebesdienste erwiesen werden, und am Schluß kommt ein Passus — der Krieger ist aller Wahrscheinlichkeit nach nie der Theosophie nahegetreten —, da sagt er: Wir, die wir in das Feld ziehen, versuchen mit all dem Mut und mit all dem, was wir haben, für die gerechte Sache einzustehn; aber auch die, die zu Hause bleiben, können wirken. — Dann kommen die großen Worte, er sagt: «Wen Gott erhört, der bete — wer nicht beten kann, der sammle alle seine Gedanken und Willenskräfte zu dem inbrünstigen Wunsche nach dem Siege...», und er trägt so das Seine bei! — Von der Kraft der Empfindung haben wir lange Jahre gesprochen. So lebt jetzt in einem einfachen Soldaten, was wir in jahrelanger Arbeit gepflegt haben. Mag das nächste Ergebnis dieses oder jenes sein, eines wird das Ereignis zeitigen: Spiritualität in der menschlichen Seele, die solche sonst noch lange nicht gefunden haben würde.
[ 33 ] When I was recently driving back from Vienna, Karma slipped a newspaper into my hands. It contained an account of an Austrian soldier marching off to war. He first describes how, during the journey to the theater of war, the soldiers are showered with acts of kindness from all sides, and at the end there is a passage—the soldier has in all likelihood never had any exposure to theosophy—in which he says: “We who are marching off to the front are trying, with all our courage and with all that we have, to stand up for the just cause; but those who stay at home can also make a difference.” — Then come the grand words: “Let those whom God hears pray—and those who cannot pray should gather all their thoughts and powers of will into the fervent desire for victory...,” and in this way he makes his own contribution! — We have spoken for many years about the power of feeling. Thus, what we have nurtured through years of work now lives on in a simple soldier. Whatever the immediate outcome may be, this event will bring about one thing: spirituality in the human soul—a spirituality that would otherwise have taken much longer to emerge.
[ 34 ] Groß sind diese Ereignisse. Zu vergleichen sind sie nur mit großen Ereignissen der Vergangenheit, die sich zyklisch übereinanderlegen. So wie der Kampf der Römer gegen die Punier, wie die Kriege der Völkerwanderung wichtig und eingreifend waren für die werdende Kultur der Völker, so ist nicht weniger bedeutsam der Kampf, in dessen Mitte wir stehen. Und aus manchem Wort, das ich spreche, wird eines in Euer Empfinden hineinleben können: daß diejenigen, die heute im Felde, in der Schlacht ihr Blut vergießen, dieses Blut als Opfer bringen für etwas, was geschehen muß. Geschehen muß es zum Heile der — Menschheit. Und wenn wir auf die großen Opfer schauen, auf die Schmerzen, eines kann uns doch, wenn auch nicht freudig stimmen, so doch innerlich mit großer Befriedigung erfüllen: daß heiliges Blut fließt, geheiligt durch die Ereignisse; und die, die es vergossen haben, werden die wichtigsten Mitglieder werden für zukünftige Zeiten. Vieles wird uns verständlich werden, wenn wir uns entschließen können, in dem fließenden Blut geheiligtes Opferblut zu sehen. Wenn wir unsere Seelen mit dieser Wahrheit durchdringen, dann wird der Geist Früchte in uns tragen. Sagen darf ich es: Erfüllen kann sich gerade in den Seelen unserer lieben anthroposophischen Freunde das, was jener einfache Soldat gesagt hat.
[ 34 ] These events are momentous. They can only be compared to great events of the past, which overlap cyclically. Just as the struggle of the Romans against the Carthaginians, and the wars of the Migration Period, were important and transformative for the emerging culture of the peoples, so too is the struggle in the midst of which we now stand no less significant. And perhaps one thought among the many I speak will take root in your hearts: that those who today shed their blood on the battlefield are offering this blood as a sacrifice for something that must happen. It must happen for the salvation of—humanity. And when we look upon the great sacrifices, upon the suffering, there is one thing that, while it may not fill us with joy, can nonetheless fill us inwardly with great satisfaction: that sacred blood is flowing, sanctified by the events; and those who have shed it will become the most important figures for times to come. Much will become clear to us if we can resolve to see in the flowing blood a blood sacrifice that has been sanctified. If we allow this truth to permeate our souls, then the Spirit will bear fruit within us. I may say this: it is precisely in the souls of our dear anthroposophical friends that what that simple soldier said can be fulfilled.
[ 35 ] Die Gedanken, die in der anthroposophischen Seele als Überzeugung gehegt werden, sie werden besonders stark hinaustönen; und das ist nötig, wenn die Formel, die wir unseren Ausführungen voransetzten, wirken soll. Unter den Kämpfern gibt es schon solche, die in dem rechten Glauben dienen.
[ 35 ] The thoughts cherished as convictions in the anthroposophical soul will resonate particularly strongly; and this is necessary if the formula we set forth at the beginning of our remarks is to have an effect. Among the fighters, there are already those who serve with the right faith.
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Spirits of your souls, watchful guardians,
May your wings carry
The imploring love of our souls
To the earthly people entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine forth in aid
To the souls it lovingly seeks.
[ 36 ] Meine lieben Freunde! Daß wir den Sinn dessen, was wir an Gedanken gelernt haben, jetzt den Ereignissen gegenüberstellen, damit wir die Prüfung bestehen können, daß wir gerechten Auges die Ereignisse, die Verhältnisse ins Auge fassen, das war der Zweck meines heutigen Vortrages. Spiritualität wird schon kommen auch durch jenen großen Lehrmeister, der jetzt hinzieht durch Europa. Aber der Mensch ist zur Freiheit geboren. Vieles liegt an denen, die mit uns vereint sind in der geistigen Bewegung. Werden die anthroposophischen Gedanken jetzt richtig in der Zeit der Prüfung in Euren Seelen sein, dann wird jener Raum, der jetzt erfüllt ist von durcheinanderflutenden Leidenschaften, erfüllt sein mit hell leuchtenden Geistgedanken, mit heiligen, echten Gefühlen. Solche Gefühle werden dauernd weiterleben.
[ 36 ] My dear friends! The purpose of my lecture today was for us to now apply the meaning of what we have learned to current events so that we may pass the test—to view these events and circumstances with a fair and balanced eye. Spirituality will indeed come, also through that great teacher who is now traveling through Europe. But human beings are born to freedom. Much depends on those who are united with us in the spiritual movement. If anthroposophical ideas are now truly present in your souls during this time of trial, then that space, which is now filled with conflicting passions, will be filled with brightly shining spiritual thoughts and with sacred, genuine feelings. Such feelings will live on forever.
[ 37 ] Ich flehe in mancher Nacht, daß es viele Anthroposophen geben möge, die solche lichtvoll strahlende Gedankenkraft hinaussenden; und wenn wir dazu auch das richtige Wollen finden, werden wir die Möglichkeit haben, unseren Platz auszufüllen in echtem Liebesdienst. Seien wir achtsam, wo wir die Liebe auch werktätig in die Welt bringen dürfen. Unser Karma wird es schon dahin bringen, ob wir da oder dort stehen, daß dies oder jenes von uns gefordert wird, zu dem wir gerade ausersehen sind.
[ 37 ] On many a night I pray that there may be many anthroposophists who send out such a radiant, luminous power of thought; and if we can also find the right will to do so, we will have the opportunity to fulfill our role in genuine service of love. Let us be mindful of wherever we may be called upon to actively bring love into the world. Our karma will ensure—whether we stand here or there—that this or that is required of us, for which we have been specifically chosen.
[ 38 ] Nur mit Tränen in den Augen konnte ich den Brief eines jungen Osterreichers an seine Mutter lesen, der am 26. Juli die Worte mitanhörte, die in Dornach gesprochen wurden, wie das, was Anthroposophie an Gesinnung und an Kraft geben kann, in seinem Herzen lebt, und ihn seine Pflicht erfüllen läßt da, wo das Schicksal ihn hingestellt hat. Und dieselben Gefühle und Gedanken traten mir aus dem Brief eines anderen jungen Freundes entgegen, der ebenfalls jener Zusammenkunft in Dornach beigewohnt hatte und dann ins Feld gezogen war. Solche Gedanken und Gefühle sind es, die heute in den Seelen leben müssen: Da, wo die Pflicht sich uns zeigt, sie zu erfüllen suchen, unsere Urteilskraft walten lassen und achtsam sein, wo unsere Liebe verlangt wird. Dann wird eines sich in der Zukunft erfüllen: Wenn einstmals Europas Völker nicht mehr sich in den Schlachten gegenüberstehen werden, dann werden unter den Gedanken diese, die wir jetzt hinaussenden, die bleibenden sein, die werden die stärksten sein, sie werden ein Ewiges darstellen. Das, was wir jetzt fühlen, wird zum Heile sein, wenn es verbunden wird mit dem Gefühl, daß ein Sieg unausbleiblich ist: der Sieg des Geistes.
[ 38 ] It was only with tears in my eyes that I could read the letter from a young Austrian to his mother, who on July 26 heard the words spoken in Dornach—how what anthroposophy can offer in terms of spirit and strength lives in his heart and enables him to fulfill his duty wherever fate has placed him. And the same feelings and thoughts came to me from the letter of another young friend who had also attended that gathering in Dornach and then gone off to the front. It is such thoughts and feelings that must live in our souls today: wherever duty calls, we must seek to fulfill it, exercise our judgment, and be mindful of where our love is needed. Then one thing will come to pass in the future: When, one day, the peoples of Europe no longer face one another in battle, then among the thoughts we are now sending out, these will be the enduring ones; they will be the strongest; they will represent something eternal. What we feel now will be for the good if it is combined with the feeling that victory is inevitable: the victory of the spirit.
[ 39 ] Merkwürdige Worte hat ein Staatsmann in Deutschland noch in diesem Frühling gesprochen. Er sagte über unser Verhältnis zu Rußland, daß Deutschland in freundschaftlichem Einvernehmen stehe mit Petersburg, welches entschlossen sei, auf Pressetreibereien nicht zu achten. Und über England wurde im Juli gesagt, daß die Entspannung Fortschritte mache, daß die Verhandlungen mit England noch nicht abgeschlossen seien, daß sie aber in diesem Sinne weitergeführt würden. So konnte ein namhafter Staatsmann im Juli noch sprechen. Man lese diese Worte jetzt wieder und versuche sich zu vergegenwärtigen, wie menschliche Urteilskraft vor den dahinflutenden Ereignissen steht. Eines aber kann erhellen aus diesen Worten: Wir haben den Krieg nicht gewollt! — Oh, man möchte — verstehen Sie mich recht! —, um es grotesk auszudrücken, Nichtdeutscher sein, damit diese Worte die gebührende Beachtung fänden, um ihnen den Nachdruck geben zu können, der ihnen gebührt.
[ 39 ] A statesman in Germany spoke some remarkable words just this past spring. Commenting on our relationship with Russia, he said that Germany was on friendly terms with St. Petersburg, which was determined to pay no heed to media hype. And in July, it was said of England that détente was making progress, that negotiations with England were not yet concluded, but that they would continue in this spirit. This is how a prominent statesman was still able to speak in July. Read these words again now and try to imagine how human judgment stands in the face of the torrent of events. One thing, however, becomes clear from these words: We did not want the war! — Oh, one would like—understand me correctly!—to put it grotesquely, to be a non-German, so that these words might receive the attention they deserve, so that one might give them the emphasis they deserve.
[ 40 ] Aber die menschliche Seele braucht etwas, was bleibt, was nicht so ist, daß man heute von Dingen spricht, die morgen schon sich als unhaltbar erweisen; sie braucht etwas, was heute Wahrheit ist und was morgen Wahrheit ist. Solche Wahrheit wird sie nur finden, wenn sie sich mit dem Geiste verbindet. Auf die Sieghaftigkeit des Geistes dürfen wir vertrauen. Wer sich mit dem Geiste verbindet, wird den rechten Weg finden zu jener Weisheit, die eben nur aus der Verbindung mit dem Geiste entstehen kann. Gerade in der Woche vor dem Kriegsausbruch mußte ich in einer Zeitung Sätze lesen, wie den folgenden: Trotz Liebknechts Rüge halte ich dafür, daß man im politischen Leben die Wahrheit nicht zu sagen braucht, außer wenn es herauskommen würde oder einem selber schaden würde. — Der Ausspruch ist geprägt aus dem Materialismus unserer Zeit, in dem wir erstickt wären ohne diesen Krieg, und den zu überwinden Aufgabe unserer Bewegung ist, die — im Gegensatz zu der Unglaublichkeit eines solchen Spruches — als ersten Satz die Worte hat: «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit.»
[ 40 ] But the human soul needs something that endures, something that is not such that we speak of things today that will prove untenable tomorrow; it needs something that is true today and will remain true tomorrow. It will find such truth only when it unites itself with the Spirit. We may trust in the triumph of the Spirit. Whoever unites with the Spirit will find the right path to that wisdom which can arise only from union with the Spirit. Just in the week before the outbreak of war, I had to read sentences in a newspaper such as the following: “Despite Liebknecht’s rebuke, I maintain that in political life one need not speak the truth unless it would come to light or harm oneself.” — This statement is shaped by the materialism of our time, in which we would have been suffocated had it not been for this war, and which our movement is tasked with overcoming—a movement that, in contrast to the incredibility of such a statement, begins with the words: “Wisdom lies only in the truth.”
[ 41 ] Da zeigt es sich, wie sehr wir des Geistes der Wahrheit bedürfen, wenn wir die Dinge in ihrer Wirklichkeit erfassen wollen. Denn darum handelt es sich, daß wir zu jener Objektivität hindurchdringen, die nur durch den Geist der Wahrheit errungen werden kann. Dann wird man auch heute schon erkennen können, was eine spätere Zeit erkennen wird: daß dieser Krieg eine Verschwörung ist gegen deutsches Geistesleben.
[ 41 ] This shows just how much we need the Spirit of Truth if we want to grasp things as they really are. For what is at stake is that we penetrate to that objectivity which can be attained only through the Spirit of Truth. Then we will be able to recognize even today what a later age will come to realize: that this war is a conspiracy against German spiritual life.
[ 42 ] Zu solcher Objektivität kann uns verhelfen der Spruch, der an den Volksgeist sich wendet:
[ 42 ] The following saying, which appeals to the national spirit, can help us achieve such objectivity:
Du, meines Erdenraumes Geist!
Enthülle Deines Alters Licht
Der Christ-begabten Seele,
Daß strebend sie finden kann
Im Chor der Friedenssphären
Dich, tönend von Lob und Macht
Des Christ-ergebenen Menschensinns!
O Spirit of my earthly realm!
Reveal the light of your age
To the soul endowed with Christ,
So that, striving, it may find
In the choir of the spheres of peace
You, resounding with praise and power
Of the human spirit devoted to Christ!
[ 43 ] Viel kann für unsere Seelen und für das Finden des rechten Weges hervorgehen, wenn wir lebendig mit dieser Seele vereinen, was aus solchem Spruche uns werden kann. Dann aber weiß ich, daß etwas geschehen wird, daß ein wichtiges Glied in dem, was sich entwickeln soll, da sein wird, etwas, was in der anthroposophischen Seele leben wird und was Anthroposophie in die Welt bringt, daß Hoffnungen entgegengekommen werden wird, die ich zusammenfassend aussprechen möchte mit den Worten:
[ 43 ] Much can emerge for our souls and for finding the right path when we vividly unite with this soul what such a saying can become for us. But then I know that something will happen, that an important link in what is to unfold will be present—something that will live within the anthroposophical soul and that will bring anthroposophy into the world—and that hopes will be fulfilled, which I would like to summarize with the words:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geist-bewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of the battles,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows—
Guiding souls, spiritually aware,
Direct their minds toward the spirit realm.
[ 44 ] Das ist es, meine lieben Freunde, worauf es ankommt: werktätige Liebe wollen wir üben, aufmerksam wachen auf die Forderungen des Tages. Und dann wollen wir vorurteilsfrei und klar hineinschauen in die Verhältnisse, um solche Objektivität zu erlangen, wie sie heute notwendig ist, und die so schwer zu erlangen ist für viele. Vielleicht können hier auch diejenigen unserer auswärtigen Freunde klärend wirken, die diese Worte hören.
[ 44 ] This, my dear friends, is what matters: let us practice active love and remain alert to the demands of the day. And then, free from prejudice and with a clear mind, let us examine the circumstances in order to attain the kind of objectivity that is necessary today—and which is so difficult for many to achieve. Perhaps those of our friends abroad who hear these words can also help shed light on the situation.
[ 45 ] Wenn wir zu solcher Objektivität durchdringen und zu solcher Bereitschaft werktätiger Liebe, dann kann aus solchem Streben eine Kraft erstehen, die nutzbar sein kann für diejenigen Geister, die ihr Wirken hineinsenden in die Geschicke der Völker und die auch in diesen ernsten, schweren Zeiten helfend und führend der Menschheit zur Seite stehen.
[ 45 ] If we attain such objectivity and such a willingness to love through service, then a power can arise from such striving that can be of use to those spirits who direct their influence into the destinies of nations and who, even in these grave and difficult times, stand by humanity, offering help and guidance.
