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Die geistigen Hinter des Ersten Weltkrieges
GA 174b

11 Mai 1917, Stuttgart

Neunter Vortrag

[ 1 ] Es ist meine Absicht, Ihnen bei dieser meiner Anwesenheit von Dingen zu sprechen, welche die Ereignisse der Gegenwart dem suchenden Menschensinn ein wenig tiefer verständlich machen können. Nicht in äußerlicher Weise sollen diese Dinge besprochen werden, sondern es soll auf einiges hingedeutet werden, wodurch der Mensch gewissermaßen in geistiger Erweiterung Verständnis dieser unserer Gegenwart gewinnen kann. Diese Absicht, welche bei mir seit langem bestand für diesen Stuttgarter Besuch, wollen wir auch durchführen. Es steht uns ja auch noch der Vortrag am nächsten Sonntag zur Verfügung.

[ 2 ] Mit Rücksicht auf mancherlei, das, ich möchte sagen, wie Wellenschläge unserer Zeit — ich sage das mit vollem Bedacht — von außen hereinspielt in unsere Bewegung, erscheint es mir aber zunächst notwendig, heute in einer Art Einleitung einiges Prinzipielle vorzubringen, das geeignet sein kann, manche Mißverständnisse zu zerstreuen, die nur allzuleicht, in unserer die Tiefe des Gedankens und des Empfindens ja hassenden Zeit, über Anthroposophie entstehen können, das auf der anderen Seite geeignet sein kann, in uns selbst ein richtiges Verhältnis zu dem, was uns Anthroposophie sein kann, zu gewinnen.

[ 3 ] Versuchen wir einmal, uns die Frage so recht vorzulegen: Was suchen wir, wenn wir den Weg wählen in die anthroposophische Bewegung hinein? — Wir suchen auf diesem Wege die Möglichkeit zu gewinnen, ein Verhältnis zur Geisteswelt zu finden, das den Bedürfnissen nach dieser geistigen Welt entspricht, die in uns geboren werden aus den Kräften, aus den Lebensverhältnissen der Gegenwart heraus. Keiner kommt ja, wenn er nicht oberflächlich ist, zu uns, der auf gangbarerem Wege als bei uns ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen kann. Keiner kommt zu uns, der ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen kann auf denjenigen Wegen, die seit Jahrhunderten draußen voll anerkannt sind, und die ihre Gangbarkeit dem Umstande verdanken, daß die Menschen nachzudenken vergaßen über die Berechtigung dessen, was sich den allgemeinen Lebensnotwendigkeiten eingefügt hat. Dagegen wird viel diskutiert über die Berechtigung, wenn etwas gewissermaßen zuerst auftreten muß in der Welt. Wir können nicht oft genug uns dasjenige, was aus dem Geiste unserer Zeit heraus Anthroposophie sein soll und sein will, vor Augen halten und es in Zusammenhang bringen mit dem in uns, was nach Anthroposophie drängen kann, was uns zur Anthroposophie bringen will.

[ 4 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, Anthroposophie würde nicht da sein, wenn es nur den einen oder anderen Menschen gäbe, der es sympathisch findet, für solche Ideen, wie sie in der Anthroposophie leben nun, gebrauchen wir den offiziösen Ausdruck —, zu agitieren. Anthroposophie entspringt durchaus der Erkenntnis, daß es in unserer Zeit suchende Seelen gibt, die nur auf dem Wege der Anthroposophie dasjenige finden können, was sie eben suchen. Nicht weil irgend jemand Anthroposophie haben will, wird Anthroposophie getrieben, sondern weil die Seelen nach Anthroposophie verlangen. Dagegen spricht nicht, daß manche dieses leugnen, denn in der Seele lebt viel Unterbewußtes und Unbewußtes, das, richtig gedeutet, nichts anderes darstellt als gerade die Sehnsucht nach Anthroposophie. Die Sehnsucht vor allen Dingen — wenn wir eines aus dieser Anthroposophie herausheben —, die Sehnsucht danach, den größten Impuls der Erdenentwickelung, den Christus-Impuls, auf dem Wege zu erkennen, der dem Bedürfnis der Gegenwart angemessen ist, den Weg zum Christus-Impuls auf die Art zu finden, die das Herz ersehnen muß, wenn es sich wirklich innerhalb der Lebensverhältnisse der Gegenwart verstehen will. Nun sind solche allgemeinen, abstrakten Sätze, wie ich sie eben jetzt ausgesprochen habe, für denjenigen gewiß einleuchtend, der jahrelang auf dem Boden der Anthroposophie steht. Aber um was es sich handelt, das ist dieses: wirklich seine Seele so mit dem Geiste dieser Worte zu durchdringen, daß diese Worte nicht bloß abstrakt, nicht bloß theoretisch in uns bleiben, sondern daß sie zum Inhalt unseres ganzen Lebens, vor allen Dingen zum Inhalt unserer Gesinnung werden.

[ 5 ] Ich habe wohl auch hier schon ein Beispiel erzählt, das besonders charakteristisch ist: Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag über das Thema «Bibel und Weisheit», worin ich versuchte auseinanderzusetzen, wie auch der positiv christliche Mensch, gerade wenn er sich recht versteht, den Weg zur Anthroposophie finden kann, indem ich schilderte, wie Anthroposophie durch ihre Voraussetzungen tiefer eindringen kann in die großen, ja niemals auszuschöpfenden Geheimnisse des Urbuches der Menschheit, der Bibel. Nach dem Vortrage kamen zwei katholische Priester an mich heran, die an dem Vortrag teilgenommen hatten. Und aus ihren Worten ging klar hervor, daß sie eigentlich aus ihrer christlichen Lehre, so wie sie sie auffaßten, wie sie sie als Theologen kannten — vielleicht nicht so sehr als auf irgendwelche Dinge hin verpflichtete Priester, sondern als Theologen kannten —, nichts Besonderes einwenden konnten. So begaben sie sich denn auf einen Seitenweg und sagten: Ja, sehen Sie, es ist ja nichts Besonderes zu sagen von unserem Standpunkte aus gegen das, was Sie gerade heute vorgebracht haben, als dieses: Wenn wir reden, dann reden wir so, daß jeder auffassen kann, was wir sagen. Sie reden allerdings auch vom Christentum, aber nur für diejenigen, die einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben oder sich besonders für diese Art vorbereitet haben. — Ich erwiderte darauf: Ja, sehen Sie, Hochwürden, darauf kommt es nicht an, was Sie oder ich denken über die Frage, was zu allen Menschen gesprochen werden soll, denn das führt das ganze Thema auf den Abweg der persönlichen Meinung. Es ist gar nicht besonders wunderbar, daß ein jeder von dem, was er treibt, glaubt, daß es allgemein-menschlich gültig ist. Warum sollte man sich denn darüber wundern; sonst würde er es ja nicht treiben! Aber darauf kommt es eben nicht an, was Sie oder ich denken, daß es richtig ist. Unsere Art, über den Geist zu forschen, fängt damit erst an, daß wir uns erheben über diese persönliche Meinung, und die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit ins Auge fassen. In unserem Falle liegt diese Wirklichkeit sehr nahe. Sie liegt einfach in der Antwort auf die Frage: Kommen heute alle Leute, für die Sie zu reden glauben — Sie glauben ja für alle Leute zu reden —, noch zu Ihnen in die Kirche? Die Frage beantwortet eine Tatsache — die Frage, ob Sie meinen, daß Sie für alle Leute reden. Daß das allen Leuten gelten soll, das entspricht nur Ihrer Meinung; das andere entspricht nur einer Tatsache. Sagen Sie mir, ob alle Leute in die Kirche gehen! — Darauf konnten sie mir nichts anderes erwidern, als daß eine Anzahl von Leuten eben nicht in die Kirche gehen. Das widerlegt Sie, sagte ich, denn dann sprechen Sie gerade für die nicht, die nicht in die Kirche gehen. Und unter denen sind zahlreiche Menschen, zu denen ich zu sprechen habe, und die auch das Recht haben, den Weg zum Christus in der Gegenwart zu finden.

[ 6 ] Das heißt, sein Urteil nicht richten nach dem, was man persönlich für wahr oder falsch hält, sondern sein Urteil den Forderungen und Aufgaben der Wirklichkeit unterstellen. Es ist allerdings viel bequemer zu theoretisieren, was richtig oder falsch ist, als in allen Einzelheiten konkret die Wirklichkeit zu studieren, immerfort mit aufmerksamem Ohr hinzulauschen auf dasjenige, was die Wirklichkeit von uns fordert. Anthroposophie will nicht etwas anderes sein, als was Antwort gibt auf Fragen, die sie nicht selber stellt, sondern die die Herzen, die Seelen in der Gegenwart stellen, wenn sie sich richtig verstehen. Und ich bin mir bewußt: die Fragen, die in meinen ja allerdings schon sehr zahlreich vorliegenden Schriften gestellt werden, sind nicht von mir gestellt. Die Antworten sind vielfach von mir gegeben, die Fragen aber sind nicht von mir gestellt. Die Fragen werden gerade von demjenigen gestellt, was die Zeitkultur hervorbringt, was gerade zum Beispiel die Naturwissenschaft in der Zeitkultur hervorbringt, was jeder fragen muß, der Interesse hat an den Forderungen der Zeit, und dem vor allen Dingen es ernst ist um die wichtigsten Bedürfnisse der Seelen der Gegenwart.

[ 7 ] Wenn man sich diese Voraussetzungen einmal einigermaßen vor die Seele ruft, dann zeigt es sich uns als wahr, daß eine Grundintention in der ganzen Ihnen vorliegenden anthroposophischen Literatur herrscht, eine Grundansicht, eine Grundtendenz und eine Grundgesinnung. Geht man alle diese Schriften durch, nicht mit der wohlwollenden Gesinnung, die wir vielleicht innerhalb unseres Kreises gewonnen haben, sondern mit dem kritischen Blick, den man gerade aus der gegenwärtigen Zeitkultur heraus gewinnen kann, dann wird man eines als den Kernpunkt dieser ganzen anthroposophischen Literatur finden. Das ist, daß alles darauf ausgeht, der Menschenseele dasjenige zu bringen, wonach diese Menschenseele vor allen Dingen in der Gegenwart verlangen muß: Selbständigkeit, Urteilskraft aus dem eigenen Inneren heraus. Ich habe öfter dem Drängen widerstehen müssen, das von dieser oder jener Seite an mich gestellt worden ist, populär zu schreiben. Ich habe diesem Drängen immer widerstanden, aus dem einfachen Grunde, weil es sich nicht darum handeln kann, innerhalb der anthroposophischen Literatur den Menschen Glaubensartikel zu geben, die sie, wenn sie wollen, in leichtgeschürztem Verständnis entgegennehmen, sondern weil es sich nur darum handeln kann in dieser Literatur, eigene Urteilsfähigkeit, das eigene Seelensuchen aufzurufen. Das herrscht, wie sich jeder, der will, überzeugen kann, innerhalb dieser ganzen anthroposophischen Literatur.

[ 8 ] Nirgends wird darauf ausgegangen, einen blinden Glauben hervorzurufen. Gewiß, es werden Dinge erzählt, die nicht ohne weiteres nachgeprüft werden können, aber sie werden erzählt als Tatsachen der geistigen Welt, die jeder als Mitteilungen entgegennehmen kann und an die er immer weiter und weitergehend seinen kritischen Maßstab schon anlegen kann, wenn er will. Und wir haben ja gesehen, daß in der letzten Zeit verständnisvoll auf die Sache eingehende Freunde es dahin gebracht haben, bis zu einem hohen Grade selbst an die subtilsten Dinge mit der Sonde einer vorurteilslosen Kritik heranzugehen. Vor dieser vorurteilslosen Kritik braucht dasjenige, was in der hier gemeinten anthroposophischen Literatur enthalten ist, niemals zurückzuschrecken. Diese vorurteilslose Kritik wird es bestehen; es wird sie um so besser bestehen, je vorurteilsloser diese Kritik ist: Niemals wird von mir jemand etwas anderes hören, wenn es sich um diese Frage handelt, als dieses: Prüfet, prüfet, prüfet, aber bleibt nicht beim Prüfen, sondern suchet gerade vor allen Dingen dadurch zu prüfen, daß ihr immer tiefer und immer tiefer mit den Mitteln des gegenwärtigen Denkens in die Dinge hereinzukommen versucht. — Weil dies angestrebt wird, können die Schriften dieser Literatur die Menschen gerade selbständig machen.

[ 9 ] Nun allerdings erlebt man gar mancherlei, wenn man die Art und Weise überblickt, wie Anthroposophie entgegengenommen wird. Die Menschen begegneten mir ja immer wieder und wiederum, die den einen oder anderen Vortrag sich anhörten, die eine oder andere kleine Schrift lasen, und dann sich nicht mehr sehen ließen. Das ist ihr gutes Recht, selbstverständlich, es soll das niemandem vorgeworfen werden. Und wenn sie dann von einem Bekannten gefragt wurden, warum sie nicht mehr erschienen sind — in aller Freundschaft selbstverständlich, nicht wie mit irgendeinem Vorwurf —, dann gaben sie zur Antwort: Ja, wenn wir näher auf die Sache eingehen, fürchten wir, überzeugt zu werden. Es ist dies ganz gewiß ein bedeutsames Wort, es weist aber auch auf bedeutsame Tatsachen hin. Was versucht wird, ist ja gerade: loszukommen von dem Erbübel unserer Zeit, dem Aufstellen von persönlichen Meinungen, dem Aufstellen von persönlichen Thecrien, und die Seelen hinzulenken auf dasjenige, was die Geistigkeit der Welt selber sagt, wenn wir die Möglichkeit finden, uns dieser Geistigkeit der Welt mit ganzer Seele hinzugeben und von den Methoden zu sprechen, von den Mitteln zu sprechen, durch welche die Seele dahin gelangt, gewissermaßen die Geistigkeit der Welt selber anzuhören.

[ 10 ] Eine in dieser Weise zwar aus den tiefsten Bedürfnissen der Zeit hervorgehende Weltanschauung, die jedoch dem, was die Leute der Gegenwart glauben, so gründlich widerspricht, nun, solche Weltanschauung wird nur langsam und allmählich sich in die Seelen der Menschen hineinfinden. Die Seelen der Menschen hängen an dem Gewohnten, die Seelen der Menschen haben es am liebsten, wenn sie ihre eigene Wasserklarheit von der Kanzel hören und sich sagen können von dem, was sie hören: Das habe ich schon lange gedacht. — Solche Wahrheiten, die «schon lange gedacht» worden sind, sind allerdings die in der Gegenwart auftretenden anthroposophischen Lehren nicht. Aber das ist in den Augen vieler Menschen gerade der Hauptfehler, daß sie sich nicht sagen können: Das habe ich schon lange gedacht —, und daß sie sich nicht sagen wollen: Wenn ich recht tief in meinem Inneren schürfe, dann wird da nichts ausgesprochen, was eine persönliche Meinung ist, sondern was zusammenhängt gerade mit den Entwickelungsfaktoren der Menschheit. — Auf solche Entwickelungsfaktoren der Menschheit werden wir während meines diesmaligen Aufenthaltes in Stuttgart noch mannigfaltig zurückkommen. So ist es begreiflich, daß mancherlei Hindernisse und Hemmnisse entstehen, wenn die Menschen versuchen, an die Anthroposophie, an die Geisteswissenschaft heranzukommen.

[ 11 ] Mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wird im Laufe der Zeit viel gelesen, nicht nur innerhalb derjenigen, die den verschiedenen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft angehören, sondern es wird in der Gegenwart auch draußen viel gelesen. Beim Lesen gerade dieses Buches kann immer wieder und wiederum eine Erfahrung gemacht werden, die außerordentlich charakteristisch ist. Es liest da oder dort jemand das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und schreibt mir einen Brief darüber. Und selbstverständlich, ich bin jedesmal erfreut darüber, wenn mir jemand einen verständigen Brief schreibt über irgendein Buch oder über irgend etwas anderes, insbesondere aber über das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber das gewöhnliche ist, daß der Brief, der geschrieben wird, der klarste Beleg dafür ist, der allerklarste Beleg, daß der Betreffende das Buch nicht verstanden hat, überhaupt die allerwichtigsten Dinge des Buches sich in die materialistischste Gesinnung der Gegenwart umgesetzt hat. Denn dasjenige, worauf die Menschen zumeist anbeißen, wenn sie an dieses Buch kommen, das ist das Folgende. Aber schicken wir noch etwas voraus: Es kann eine ganze Summe von Zweifeln demjenigen aufstoßen, der das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» liest, und es wird schon viele Menschen geben, welche Zeugnis davon ablegen können, daß ich immer bereit bin, über diese Zweifel mit den Menschen mich zu unterhalten, und daher möchte ich durchaus nicht, daß, was ich jetzt sage, so erscheint, als ob es irgend jemand abschrecken sollte, den Brief, von dem ich eben sprach, zu schreiben. Es soll nicht abgeschreckt werden von dem Schreiben dieses Briefes, aber der Brief wird sehr häufig geschrieben, indem die Menschen an eine besondere Sache anbeißen, wo ihnen unmittelbar das Ding sich ins Materialistische umsetzt. Es ist vieles gesagt in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das bei richtiger Beobachtung den Menschen gerade dazu führt, von sich aus, von seiner Seele aus den Weg in die geistige Welt hinein zu finden. Gerade dieses Buch ist daraufhin angelegt, den Menschen so selbständig wie möglich zu machen, ihm gar nicht irgend etwas aufzudringen auf irgendeinem subjektiven Weg, sondern ihm nur die Hindernisse hinwegzuräumen, damit er selber die Wahrheit finden kann. Das beste Mittel zunächst, dieses Buch aufzunehmen, das wäre: seinen Inhalt sich in innerer Tat anzueignen. Aber da haken die Menschen ein bei dem Satz: Derjenige, bei dem die nötige Reife eingetreten ist, der findet schon, wenn er nur richtig sucht, seinen geistigen Lehrer. — Also, da haben wir es! Da schreibe ich einen Brief an denjenigen, der das Buch geschrieben hat, da wird er mein geistiger Lehrer; das ist das einfachste! — Da haben wir die Übersetzung ins Materialistische. Daß diese Stelle gerade für einen nach Selbständigkeit suchenden Menschen der heiligste Antrieb sein könnte, weiter zu suchen, um den Weg zu finden, der vielleicht in etwas ganz anderem bestehen könnte, als einen Brief an jemand zu schreiben: Du, gib mir Anweisungen —, das ist sehr vielen Lesern des Buches eben unbequem. Sie suchen nicht genügend in dem Buche. Und so gehört denn dieses Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», trotzdem es unter den so geschriebenen Büchern heute vielleicht zu den gelesensten gehört innerhalb der deutschen Welt und sogar vielfach in fremde Sprachen übersetzt ist, es gehört zu den Büchern, die am meisten mißverstanden werden. Und es ist doch kinderleicht zu verstehen, wenn man es nur vorurteilslos auf sich wirken läßt. und nicht es sich ins materialistisch Bequeme übersetzt.

[ 12 ] Gewissermaßen suchen die Menschen heute auch hier dasjenige, was sie gewohnt sind auf anderen Gebieten zu suchen. Wie sehr sind die Menschen heute von der Gewohnheit durchdrungen, sich nicht selber zu helfen, das heißt, nicht dasjenige zu lernen, womit man sich in der einen oder anderen Lage helfen kann, sondern sich helfen zu lassen und sich nicht zu bekümmern um die Prinzipien, nach denen ihnen geholfen wird. Wozu braucht man sich heute viel zu bekümmern über die Art und Weise, wie man gesundheitlich am besten lebt? Man läßt es sich verschreiben von einem, der dafür da ist, und man braucht dann nicht nachzuprüfen, nach welchen Prinzipien er verschreibt, man übergibt sein Schicksal demjenigen, der als Autorität aufgestellt ist. Warum sollte man denn nicht gerade auf dem geistigen Wege, auf dem menschlich wichtigsten Wege zunächst den Drang haben, auch sein Schicksal irgendeinem anderen zu übergeben? Aber wenn nun gerade dasjenige Werk, wodurch man dazu angeregt wird, am allermeisten sich zur Aufgabe macht, die Menschenseele selbständig zu machen!

[ 13 ] Man darf sagen: Gerade die naturwissenschaftliche Forschung hat heute einen bestimmten Stand erreicht, und dieser Stand der .naturwissenschaftlichen Forschung wäre zugänglich denjenigen, die heute berufen sind, die naturwissenschaftlichen Fächer zu vertreten, wenn nicht die meisten einfach sich in ihr Fach einspinnen und nicht über die Grenzen ihres Faches hinausgehen würden. Wenn sich nur, ich will sagen, ein Dutzend der offiziellen Vertreter — und nur diese werden ja heute gehört — aufraffen würden mit innerster Ehrlichkeit, und dann mit dem, was sich ergibt aus diesem naturwissenschaftlichen Stand, dasjenige prüfen würden, was in’meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», in meiner «Theosophie» steht, dann würden sie alles von der Seite her bewahrheitet finden, die man charakterisieren kann, indem man sagt: Seht euch das Leben an, ob das Leben dasjenige nicht bestätigt, was durch Geisteswissenschaft erfahren werden kann, was hier aus der geistigen Welt heraus gesucht wird! — Wer heute Naturwissenschaft wirklich beherrscht, kommt zur Beglaubigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Dies ist durchaus eine Wahrheit. Aber wir stehen vor der eigentümlichen Tatsache, daß sich gerade diejenigen, die eine solche Prüfung vornehmen könnten, absolut nicht darum kümmern, bis jetzt nicht sich darum gekümmert: haben, daß niemand diese Fragen auch nur aufgeworfen hat — von denjenigen sehe ich ab, die aus unseren Kreisen die Anregung dazu empfangen haben —, daß niemand die Aufgabe sich gestellt hat, die geisteswissenschaftlichen Resultate der Anthroposophie an der, aber voll verstandenen, naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart wirklich zu prüfen! Vor dieser Prüfung braucht die geisteswissenschaftliche Forschung wahrhaftig nicht die geringste Angst zu haben, die wird sie bestehen. Sie soll nur angestellt werden, sie wird bestanden werden. Aber allerdings, in einer Zeit, in der man nicht einmal die Geneigtheit hat, auf die allerprimitivsten Wahrheiten einzugehen, wird diese Prüfung vielleicht noch lange auf sich warten lassen.

[ 14 ] Den Drang, nicht nur logisch zu sein, sondern wirklichkeitsgemäß zu sein, das heißt, sein Urteil sich nicht nur nach abstrakter Logik, sondern durch Versenkung in die Wirklichkeit zu bilden, diesen Drang haben wenige in unserer Gegenwart. Logisch zu sein, das streben ja viele an, aber erst ein gewisses Gehen hinter die Logik macht es möglich, auch die Tragweite der Logik selber einzusehen, sonst merkt man gar nicht, welche Konfusion man gerade mit solchen sehr zusammenstimmenden Urteilen machen kann. Sehen Sie, mit seinem eigenen Urteil immer übereinstimmend sein, oder mit dem Urteil eines anderen übereinstimmend sein, ist gewiß logisch, es kann aber zu recht sonderbaren Kollisionen führen. Zum gleichen Gedanken kamen Karl V., der Österreicher, und der französische König Franz I. Sie waren gewissermaßen völlig einverstanden mit Bezug auf einen bestimmten Gedanken, den sie verwirklichen wollten. Franz sagte: Mein lieber Bruder will ja ganz genau dasselbe wie ich. Wir beide wollen genau dasselbe. — Sie wollten nämlich beide Mailand erobern! Ja, sehen Sie, da merkt man es — nämlich wenn man den Nachsatz sagt. Aber daß solche Urteile ungeheuer viel herumschwirren und gerade das Denken der Gegenwart beherrschen, zum Unheil dieser Gegenwart, darauf auch nur zu kommen, haben wenige in der Gegenwart die Neigung.

[ 15 ] Es ist merkwürdig, wie — verzeihen Sie das philiströse Bild — erleuchtete Geister zuweilen die Urteilsfähigkeit heute beim Schwanz aufzäumen, wie wenn einer ein Pferd aufzäumte am Schwanz, statt vorne am Haupte. Aber solch ein Aufzäumen wird sofort gelten gelassen, wenn der Betreffende offiziell autorisiert ist. Wer einen Sinn für das Lebendige im Denken, Fühlen und Wollen hat, der konnte seit langen Jahren wahre Qualen ausstehen bei der ganzen Art und Formung, wie manches Denken in der Gegenwart ist. Ich weiß mich jetzt noch zu erinnern, wie ich meine erste Vorlesung in Wien über elliptische Funktionenlehre hörte — verzeihen Sie das Wort, es kommt aber auf den Geist desjenigen an, was ich ausdrücken will, und nicht darauf, daß der eine oder andere das, was ich jetzt heranziehe, versteht. Ich hörte also bei dem damals schon berühmten Professor Leo Königsberger Vorlesungen. Er war so berühmt, daß er, als er zum Professor ernannt war, gleich an die Regierung schreiben konnte, daß er zum Hofrat ernannt werden wolle, nicht bloß zum Professor. Als ich also die erste Vorlesung bei ihm hörte, kam er auf die Frage: Wie verhält es sich mit den Zahlen? Die Menschen nehmen an positive und negative Zahlen. Positive Zahlen entsprechen dem Geld, das ich habe, negative Zahlen dem Geld, das ich nicht habe, das ich schuldig bin. Es gibt aber noch andere Zahlen. Nun bezeichnen die Mathematiker durch eine Linie, in deren Mitte sie eine O schreiben, die positiven und negativen Zahlen: plus 1, plus 2; minus 1, minus 2. Und dazu hat dann der berühmte Gauß noch eine neue Zahlenlinie hinzugefügt, so daß man die Ebene anfüllen kann mit verschiedenen Arten von Zahlen. Ich will über die Berechtigung dieser Zahlenebene nicht sprechen, aber Leo Königsberger begann dazumal seine Vorlesung über die elliptischen Funktionen damit, daß er sagte: Es könnte nun sein, daß jemand heute sagen würde, man könne auch ebensogut senkrecht zu dieser Ebene Zahlen annehmen. Als ich als ganz junger Dachs von sechzehn, siebzehn Jahren die Geschichte mit der Zahlenebene kennengelernt habe, da machte ich dazumal schon einen Einwand: Ich sagte, dann könne man ja auch den Raum mit Zahlen ausgefüllt denken. — Der Lehrer beruhigte mich freundlich, indem er sagte: Na, warten’s bis in die nächsten Jahrhunderte! — was selbstverständlich auf mich, den jungen Dachs, einen großen Eindruck machte. Nun hörte ich Leo Königsberger in Wien dieselbe Frage behandeln. Er sagte: Nehmen wir an, es gäbe diese drei Arten von Zahlen, nicht nur die Zahlen, die in der Ebene der beiden Linien liegen, sondern die Zahlen, die in der dritten Dimension liegen. Wir nehmen hypothetisch an, solche Zahlen gäbe es, und ich würde eine solche Zahl multiplizieren mit einer anderen Zahl. Nun werde ich Ihnen zeigen, daß, wenn man sie multipliziert, das Produkt unter Umständen null sein kann. Da das aber niemals sein kann, so kann es keine solche Zahl geben. — Nun, sehen Sie, so etwas anzuhören ist eine Qual. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob die ganze Geschichte richtig ist oder nicht, aber wenn man das eine annimmt, das andere nicht anzunehmen, sondern die Behauptung aufzustellen: weil das Produkt null sei, könne es keine solche Zahl geben —, so etwas anzuhören, das ist eine Qual, weil selbstverständlich das Richtige dies ist, daß wenn man zwei Zahlen hat, die null geben, man annehmen muß, daß dann null entstehen könne durch Multiplizieren, nicht das Umgekehrte; das ist das Nächstliegende. Aber ob diese Urteile nun in der Mathematik leben, ob diese Urteile in politischen Noten leben, zum Beispiel in den Noten des Herrn Wilson, sie führen eben immer auf dieselben Gedankenformen zurück. Wenn aber diese Urteilsformen leben in denjenigen Urteilen, die da wirksam sein wollen für das Schicksal der Menschheit, dann bedeutet ein Irrtum im Urteil noch etwas ganz anderes als ein Irrtum in einer bloß eingeschränkten wissenschaftlichen Spekulation, wie es in vieler Beziehung die Lehre des Leo Königsberger ist.

[ 16 ] Man muß schon darauf aufmerksam machen, wie es zur Charakteristik unserer Gegenwart gehört, daß sich die Menschen mit ihrem Urteil nicht der Wirklichkeit anpassen wollen. Sie wollen nicht in der Wirklichkeit leben, weil sie es in den einfachsten Dingen nicht wollen. Sie wollen bei den einfachsten Dingen dasjenige voraussetzen, was ihnen lieb ist, nicht was sich aus der Wirklichkeit ergibt. Daß man in vieler Beziehung lernen muß, anders zu denken, um aus manchem Unheil der Gegenwart herauszukommen, daß man lernen muß, nicht bloß über alles zu denken, sondern anders zu denken, darauf kommt ungeheuer viel an. Wenn die Menschen mit ihren alten Denkgewohnheiten anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so recht begreifen könnten, dann würden sie sich schneller einleben können in die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Die aber sollen nicht mit den alten Denkgewohnheiten, sondern sie müssen gerade mit dem neuen Denken erfaßt werden, und darauf lassen sich die Leute so ungeheuer schwer ein.

[ 17 ] Nun, das sind so Teile der Gründe, warum es in der Gegenwart so schwierig ist, mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft durchzukommen, einfach weil sie stoßen muß an die allerallernächstliegenden Vorurteile. Aber gerade weil diese Sache so ist, wird Geisteswissenschaft nicht eigentlich bekämpft, denn das Bekämpfen der Geisteswissenschaft steht ja, das muß man gestehen, auf sehr schwachen Füßen. Suchen Sie sich diejenigen wissenschaftlichen Erörterungen einmal auf, welche versuchen, in ernster Weise und auf die Sache eingehend, Geisteswissenschaft, wie sie vorliegt, zu behandeln, suchen Sie sich Abhandlungen oder dergleichen dieses Kalibers auf! Wer sich jemals damit befaßt hat, wird sehen, wie wenig es nach dieser Richtung gibt. Aber es mag ja vielleicht auch gar nicht bequem sein, auf diesem Wege vorwärtszugehen. Denn sehen Sie, mir erzählte vor einigen Jahren einmal ein Student, der eben sich anschickte, an einer sehr bekannten Universität als Philosoph seinen Doktor zu machen: er wollte eine Dissertation schreiben, die ihm geraten worden war von einem berühmten Professor. Diese Dissertation sollte handeln über den großen russischen Denker Solowjow. Dazumal war von Solowjow nicht viel mehr gedruckt als ein paar Sachen, die von Nina Hoffmann herausgegeben worden sind; später kam ja viel mehr heraus. Ich frug den Studenten: Warum gibt Ihnen der Professor gerade den Rat, über diesen Solowjow die Dissertation zu machen? — Ja, sagte der Student, der Professor weiß von diesem Philosophen gar nichts und möchte etwas erfahren. — Das ist also der beste Weg: Man läßt den Schüler eine Doktorarbeit über Solowjow schreiben, wenn der Schüler russisch kann; dann erfährt man etwas über ihn. So entstand denn die Doktorarbeit über Solowjow. Aber ungefähr aus derselben Gesinnung heraus entstehen sehr viele Doktorarbeiten. Es ist geradezu dies vielfach eine Maxime, wie Themen für Doktorarbeiten gegeben werden. Damit aber wird eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung herangezogen, herangezüchtet, könnte man sagen. Der betreffende Professor hätte natürlich nur einen Weg haben können, den Solowjow wirklich kennenzulernen, wenn er die Absicht gehabt hätte, nicht nur Professor der Philosophie zu sein, sondern auch die Philosophie der Gegenwart kennenzulernen in einem ihrer hervorragendsten Vertreter: Er hätte versuchen müssen, Solowjow selber zu studieren, so gut es geht, wenn auch das wenigste von Solowjow übersetzt ist, und er nicht selbst russisch kann. Es ist ein unbequemer Weg, man darf aber schon sagen: Für viele, die zu einem eigenen Urteil über Geisteswissenschaft kommen wollten, ist heute der Weg viel unbequemer, Geisteswissenschaft kennenzulernen. Denn es ist noch ein Unterschied, ob nun ein Professor eine Dissertation machen läßt über Solowjow, oder ob er etwa eine Dissertation machen ließe über die Geisteswissenschaft. Über Solowjow geht es noch halbwegs, ein Urteil zu gewinnen, wenn die Dissertation fertig ist, denn der Schüler ist ja ohnehin gut dressiert, dieses Urteil nur abzugeben in dem Sinne, wie eben Philosophie gelehrt wird. Aber was sollte denn ein heutiger Professor zum Beispiel mit einer Dissertation über Geisteswissenschaft anfangen? Er könnte ja gar nichts damit anfangen. Er würde absolut ratlos davorstehen. Und noch unbequemer ist natürlich der Weg, nicht auf dem Umweg einer Dissertation die Sache kennenzulernen, sondern etwa gar irgendwie erschöpfend die Sache selbst zu studieren.

[ 18 ] Aber alle diese Dinge sind für den ehrlich Suchenden, nach Wahrheit Strebenden der Gegenwart kein Hindernis; er lechzt vielleicht gerade nach Geisteswissenschaft. Viele von Ihnen wissen das, meine lieben Freunde. Aber sie sind ein Hindernis für die meisten, die heute im gewohnheitsmäßigen Leben stehen, diese Geisteswissenschaft anzuerkennen, irgendwie etwas anderes zu tun, als diese Geisteswissenschaft in Grund und Boden zu bohren. Sie geht nicht von ihnen aus, und da sie nicht von ihnen kommt, muß sie in Grund und Boden gebohrt werden. In sachlicher Weise kann man das nicht tun; das zeigen heute schon die Tatsachen. Denn diejenigen, die es versucht haben, an die Geisteswissenschaft heranzukommen, sind in der Regel nicht Gegner geworden, sind gewiß keine blinden Anhänger geworden, aber auch keine Gegner. Es gibt ja solche auch. Aber ein großer Teil unserer Zeitgenossen hat eben einfach das persönliche Interesse, diese Geisteswissenschaft auszutilgen, ihr zunächst das Leben in der Gegenwart unmöglich zu machen. Wird er es auf dem Wege versuchen, den man selbstverständlich, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, voll anerkennen kann, wird er es versuchen, auf dem Wege des ehrlichen literarischen Kampfes das ins Feld zu führen, was man dagegen zu sagen hat, was ein anderer zu sagen hat, so ist selbstverständlich gar nichts dagegen einzuwenden. Allein das will man eben nicht, das ist zu unbequem. Viel bequemer ist es, die ganze Sache auf das persönliche Gebiet hinüberzuspielen, nicht über dasjenige zu sprechen, was in der Geisteswissenschaft gesagt wird, sondern über allerlei anderes zu sprechen. Und das, sehen Sie, ist es gerade, was in unserer unmittelbaren Gegenwart heute versucht wird und in den nächsten Zeiten immer mehr versucht werden wird, und worauf ich einmal doch Ihre Aufmerksamkeit hinlenken möchte. Denn das wird dazu führen, daß zahlreiche Unzufriedene, die immer wiederum aus persönlichen Gründen unzufrieden werden innerhalb unserer Gesellschaft, leicht zu Werkzeugen gemacht werden können für diejenigen, die Anthroposophie aus der Welt schaffen wollen, aber es nicht auf dem ehrlichen Wege anstreben — sie würden auch nicht ans Ziel gelangen auf dem ehrlichen Wege —, die nicht wissenschaftliche Diskussionen anstreben, sondern den ehrlichen Weg meiden, dafür aber danach streben, der geisteswissenschaftlichen Bewegung irgendeinen Skandal anzuhängen und alles ins Persönliche zu übersetzen.

[ 19 ] Da ja meine Zeit, über Sachliches zu sprechen, abgelaufen ist, so daß niemand sagen kann, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehme für das, was mit der Gesellschaft und ihren Interessen zu tun hat, statt die sachlichen Fragen zu behandeln, darf ich das Folgende jetzt hinzufügen: Jene Menschen finden sich immer zahlreicher, welche sich geeignet erweisen, von den also charakterisierten Personen gebraucht zu werden, und man hat die Verpflichtung, wenn man es mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ehrlich meint, auf diese Dinge genauer hinzuweisen.

[ 20 ] Da ist ein Mensch — vor vielen Jahren kam sein Name zum erstenmal vor unsere Augen —, er stammt aus einer kleinen Stadt, und Frau Dr. Steiner empfing eines Tages ein Schreiben, wie sie so oft vorkommen: Ich fühle mich unglücklich in meiner Lage, ich möchte meine Lage verbessern. — Und einer der Briefe, die diesen Ton hatten, stellte die Frage nach einem Rat, der dem betreffenden Menschen gegeben werden sollte: ob er besser täte, in irgendein Haus, in ein Geschäft einzuheiraten, oder aber auf irgendeine andere Weise seinen weiteren Weg in der Welt zu suchen. Ja, man muß schon die Wahrheit ungeschminkt sagen, wenn man den Dingen auf den Grund kommen will, und wenn man nicht blind demjenigen, was sich in der nächsten Zeit abspielen wird, gegenüberstehen will. Nun wurde dem Manne zwar begreiflich gemacht, daß wir uns mit der Frage nicht beschäftigen können, ob er irgendwo hineinheiraten solle oder nicht, aber da er nicht nachließ, so wurde ihm auch bereitwillig manches zur Verfügung gestellt, was geeignet war, seinen Bedürfnissen nach geistiger Belehrung, die er zu haben vorgab, entgegenzukommen. Indem er sich solchen geistigen Dingen hingab, wie er sie sich vorstellte, kam er sehr bald darauf, daß es doch für einen so großen Geist nichts wäre, in einer kleinen Stadt ein Geschäft zu versorgen. Er sehnte sich nach größeren Kreisen. Er hatte sich offenbar einiges erspart und kam nach Berlin. Er fand, daß es ja ganz schön ist, Geisteswissenschaft zu treiben, allein er fühlte in sich auch ein besonderes künstlerisches Talent, und er verlangte nun von der Gesellschaft, daß sie dieses fördere. Man kommt ja gerne den Leuten zu Hilfe, nicht wahr. Die Proben, die der Betreffende aus seiner Kunst gab, sprachen zwar gegen alles Talent, aber mancher lernt ja auch ohne Talent so viel, daß es knappen Ansprüchen manchmal genügt. Und so kam es denn, daß der Betreffende an verschiedene Mitglieder, die das oder jenes ihm schaffen konnten, empfohlen wurde, daß man ihn förderte. Allein immer stellte es sich heraus, daß die Sache namentlich daran scheiterte, daß der Betreffende zwar eine Kunst ausüben, aber nichts lernen wollte, weil er der Ansicht war, mehr zu können als alle die Lehrer, die für ihn sorgen wollten. Und die Folge war, daß, weil er jedem Lehrer davonlief, man am Schlusse gar nichts mehr tun konnte. Man hatte Nachsicht über Nachsicht, konnte aber nichts Besonderes mehr tun, es gefiel dem Betreffenden nichts. Denn selbstverständlich war das wiederum in seinen Augen so ein eklatanter Fall, wie die Welt das werdende Genie verkennt! Daß niemand anderer diese Ansicht in ehrlicher Weise teilen konnte, ja, meine lieben Freunde, es war wahrhaftig nicht unsere Schuld. Das ist die Hauptsache, alle anderen Dinge sind Nebensache. Und so ging es denn bei diesem Menschen so, wie es bei vielen geht. Sie suchen zuerst eine Förderung innerhalb unserer Gesellschaft, und wenn ihnen diese Förderung nach ihrem Sinn nicht zuteil wird, werden sie Gegner. Und dann treten sie mit allerlei Dingen auf. Von dem, was hinter den Dingen steht, davon reden sie nie, selbstverständlich. Sie treten mit allerlei Dingen auf, die man dann am besten widerlegt, wenn man erst die Gründe darlegt. Selbstverständlich war es die purste gekränkte Eitelkeit und Unfähigkeit in diesem Falle. Und alles übrige, was nun als Brimborium darauf aufgerichtet wurde, war die allertörichteste Erfindung, die allertörichteste Phantasterei. Aber heute findet man selbstverständlich die Journale, die diese Dinge aufnehmen. Denn der Betreffende, den ich meine, heißt Erich Bamler. Und wenn man den Dingen bei solchen Unternehmungen wahrhaftig auf den Grund geht, dann hat man nicht nötig, sich solch einen Aufsatz herzunehmen, der zumeist gar nichts besagt, weil alle einzelnen Dinge ja gar nicht das ausdrücken, was sie sagen, sondern sie gehen ja aus ganz anderen Dingen hervor. Und man ist eigentlich töricht, wenn man das Wesenlose ernsthaftig widerlegen will. Denn darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf dasjenige, was dahinter liegt.

[ 21 ] Nehmen wir einen anderen Fall: Ein Mann, dem es auch nicht gerade an Eitelkeit fehlt, fand sich vor Jahren, nachdem er erst gegen die Anthroposophie allerlei einzuwenden hatte, bei dieser Anthroposophie ein. Ich war der allerletzte, der gerade diese Persönlichkeit geholt hätte. Er fand sich ein. Es zeigte sich mancherlei, das nicht gerade darauf hinauslief, daß diese Persönlichkeit ganz unpersönliche Zwecke in unserer Gesellschaft anstrebte. Das kann man ja auch nicht verlangen, daher kann es auch nicht getadelt werden, wenn man manchmal auch persönlich angestrebten Zwecken schon einigermaßen entgegenkommt. Es wird auch solchen persönlichen Zwecken zuweilen entgegengekommen, weil man gerade auf diesem Umweg manche Menschen doch zum Richtigen führen kann. Und so kam es denn, daß der Betreffende zuerst mit uns recht zufrieden war. Er schrieb nämlich eine Schrift. Ich ließ mich sogar herbei, ein Nachwort dazu zu schreiben, und die Schrift wurde auch aufgenommen in unseren Verlag. Er war gut mit uns; wir waren Leute, mit denen sich reden ließ. Dann ließ der Betreffende eine andere Schrift drucken, und nachdem diese Schrift mancherlei Schicksale gehabt hatte, die uns jetzt nichts angehen, bot er diese wieder dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag an. Es war aber unmöglich, diese Schrift im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag aufzunehmen. Auf den ersten Seiten dieser Schrift steht, ich hätte gewisse Sachen über das Christus-Problem nur angedeutet, und der betreffende Herr möchte das Nähere ausführen. Ich sage das wahrhaftig nicht aus gekränkter Eitelkeit, obwohl in diesem Falle mir dies vorgeworfen wird; aber der Satz, in dem sie mir vorgeworfen wird, ist eine dreiste Unwahrheit, denn die Sache, die da erwähnt wird, hat nicht stattgefunden. Ohne Rücksicht darauf, daß ich vielleicht Grund hatte, nicht weiterzugehen, werden dann Dinge weiter ausgeführt in einer Weise, die einen erinnern kann an eine andere Geschichte, die sich zugetragen hat, und von der diese Geschichte wenigstens eine Miniaturausgabe ist. Auf diese andere Geschichte muß ich auch wiederum zurückkommen und werde es nachher kurz tun. In dieser Schrift des betreffenden Herrn wurden allerlei Dinge, die nur in Vorträgen von mir gesagt waren, einfach mitgeteilt. Frau Dr. Steiner nahm mit Recht daran Anstoß und wies diese Schrift für den Verlag zurück. Und der Herr entwickelte sich, weil ihm diese Schrift zurückgewiesen wurde, zu einem Gegner. Nun kann man freilich nicht sagen, wenn man für ein Journal einen Aufsatz schreibt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist von Grund aus schlecht, weil mir von dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag meine Schrift zurückgewiesen worden ist. Das geht nicht! Aber das wäre die Wahrheit gewesen! Also, man erfindet — trotzdem der Betreffende unzählige Male über die Sache unterrichtet worden ist — das Märchen über die Widersprüche. Der Betreffende weiß sehr gut, wie es sich mit diesen Widersprüchen verhält, aber er macht darüber Zeitungsartikel! Was in diesen Zeitungsartikeln steht, hat keinerlei Bedeutung, denn Gegner ist der Betreffende nicht geworden wegen dieser Sache. Die Sache hätte er ja längst wissen können, als er eingetreten ist. Gegner ist er geworden aus dem angegebenen Grunde. Manche bezweifeln ja, daß man so ohne weiteres die Hypothese aufstellen darf: Was nachher ist, das ist auch kausal durch das Vorhergehende bedingt; aber auffällig bleibt es immerhin, daß die Gegnerschaft des Herrn Max Seiling unmittelbar auf die Zurückweisung seiner Schrift durch unseren Verlag folgte. Selbstverständlich ist es, daß man eine solche Sache leicht ableugnen kann, daß man allerlei einwenden kann, aber es kommt eben nicht darauf an, was der eine oder andere einwendet, sondern darauf, welches die Tatsachen sind.

[ 22 ] Es erinnert das ja tatsächlich an einen etwas genialeren Fall; dies ist nur eine Miniaturausgabe davon. Der genialere Fall ist der, daß ein Herr, der früher in Amerika war, aber ein guter Europäer ist, vor einigen Jahren durch ein altbewährtes Mitglied gerufen, hier in Deutschland sich aufhielt und sich alle möglichen Vorträge angehört hat, überall auch mit großer Emsigkeit die Vorträge zu bekommen suchte, die seit Jahren gehalten worden waren, indem er sie dem oder jenem abverlangte. Nachdem er alles getreulich eingepackt hatte, was er abgeschrieben hatte, ging er wieder nach Amerika. Er sagte dort, daß er hier gewesen sei, daß er sich mit meiner Lehre bekanntgemacht habe, daß er aber nicht zufrieden sein könne mit meiner Lehre, sondern viel tiefer gehen müsse, daher würde man bei ihm manches finden, was in meinen Büchern noch nicht zu finden ist. Denn als er alles ausgeschürft habe, was bei mir zu finden ist, da wäre er berufen worden zu einem Meister, der da irgendwo in den Transsilvanischen Alpen haust; der habe ihm dann vieles mitgeteilt, das er jetzt seinem Buche einverleibe. Nun war aber alles das, was er seinem Buche einverleibte, dasjenige, was er hier in den Vorträgen abgelauscht und was er abgeschrieben hatte! Und dann wurde das Buch genannt: «Rosenkreuzerische Weltanschauung». Es erschien in Amerika und machte dort großes Aufsehen: das Buch also, das kombiniert war aus dem, was er hier von mir gehört hatte, und dem, was der Meister dann in den Transsilvanischen Alpen ihm gesagt haben soll. Nachzuprüfen brauchten die Leute nicht, was von mir war, konnten es auch nicht, denn es war ja zum Teil in unseren interneren Vorträgen gesagt worden. Aber damit nicht genug, daß das nun als ein englisch-amerikanisch geschriebenes Buch erschien, sondern es fand sich eine deutsche Buchhandlung, die das Buch übersetzte und als «Weltanschauung der Rosenkreuzer» herausgab. Der Herausgeber war Dr. Vollrath.

[ 23 ] Das sind nur so einige Proben der Praxis, wie man es macht, meine lieben Freunde! Auf diese Dinge darf schon hingeschaut werden. Es muß darauf hingeschaut werden, denn das sind die Mittel, mit denen man auf der einen Seite benutzt, was auf unserem Boden wächst, und wie man es auf der anderen Seite bekämpft. Es darf schon gesagt werden: Vielleicht wurde niemals mit schlimmeren Mitteln gegen irgend etwas zu kämpfen gesucht, wie jetzt angefangen wird gegen uns zu kämpfen, gerade gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Daher werden Sie es begreiflich finden, wenn, gewissermaßen einer eisernen Notwendigkeit folgend, zu dem einzigen Mittel gegriffen wird, das die Sache zwar nicht abwenden, aber vielleicht einige Besserung bringen kann, wenn auch alles sich zusammentun wird, um den Persönlichkeiten, die mit der Sache verknüpft sind, die denkbar größten Schwierigkeiten zu machen. Allein das eine muß doch bedacht werden: Geredet ist über diese Sache zuviel worden, aber immer eigentlich für taube Ohren. Daher bleibt nichts anderes übrig, als — um der Sache, der wir ja alle ergeben sein müssen, in entsprechender Weise zu dienen — sich einer gewissen eisernen Notwendigkeit zu fügen. Diese eiserne Notwendigkeit ergibt sich einfach. Nehmen Sie an, Geisteswissenschaft würde als Literatur auftreten, würde da sein als Literatur. Es wäre dann ganz unmöglich — in der Theorie ist es möglich, aber gegenüber den konkreten Tatsachen wäre es ganz unmöglich —, daß sich all diese Dinge an die Geisteswissenschaft anschlössen, die sich angeschlossen haben, und die sich in wahrhaft schlimmster, unwürdigster Weise anschließen werden. Dasjenige, was wir unterscheiden müssen von der geisteswissenschaftlichen Bewegung, die eine reine Erkenntnis-, eine Weltanschauungsbewegung der Gegenwart sein will, ist die Anthroposophische Gesellschaft. In der Idee ist diese Anthroposophische Gesellschaft sehr gut, aber in der Praxis entwickelt sie sich — nicht wie mir scheint, sondern wie die Tatsachen lehren — vielfach so, daß jeden Tag Dinge an uns herantreten, welche zeigen, es ist dies keine Übertreibung, wie innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft sich mit einer gewissen Leichtigkeit Cliquenwesen, speziell persönliche Interessen pro und kontra, in der ausgiebigsten Weise entwickeln. Es ist schwierig, die persönlichen Interessen von den rein sachlichen zu trennen auf dem Boden einer Gesellschaft. Aber denken Sie, daß gerade durch den gesellschaftlichen Betrieb Tür und Tor geöffnet wird denjenigen Leuten, die nicht durch ehrliche Diskussion der Geisteswissenschaft entgegentreten wollen, sondern die auf dem Umwege der persönlichen Anschwärzung, durch persönliche Verleumdungen Geisteswissenschaft zu Fall bringen wollen. Denn das darf man schon sagen: sie wollen Geisteswissenschaft zu Fall bringen.

[ 24 ] Vor Jahren habe ich mich entschlossen, den Wünschen der verschiedenen Mitglieder nach persönlichen Besprechungen entgegenzukommen, den jüngsten und ältesten Mitgliedern gegenüber in der weitgehendsten Weise. Nur in den letzten Jahren, als die Sachen schon so herankamen, mußte von der alten Gepflogenheit manchmal sporadisch abgegangen werden; aber eben nur sporadisch, in Ausnahmen. Trotzdem öfter betont worden ist, daß in dem, was in der Literatur vorliegt, und in dem, was hier in den Vorträgen gesagt wird, reichlich vorhanden ist, was der einzelne gerade zu seiner selbständigen Entwickelung braucht, so daß persönliche Rücksprachen sich nur beziehen konnten auf ein Aussprechen eben von Mensch zu Mensch, wird es immer wieder vorkommen, daß an den persönlichen Verkehr der Mitglieder mit mir das tollste Geflunker — verzeihen Sie den Ausdruck — innerhalb der Gesellschaft sich angliedert, und von den Außenstehenden dann die Wege gesucht werden zu allerlei Verunglimpfungen und Verleumdungen. Mit dem Geflunker meine ich, daß nur allzuoft innerhalb des Kreises der Gesellschaft die Menschen recht geneigt sind, wenn sie so ein gut klingendes Wörtchen haben, dieses gutklingende Wörtchen zu ihrer eigenen tiefen Befriedigung zu brauchen. Wie wohl tut es zum Beispiel doch manchem, wenn er sagen kann: Ich bin ein esoterischer Schüler geworden. — Und wie wohl erst tut es manchem, wenn er sagen kann: Ja, weißt du, das ist etwas ganz Geheimnisvolles, das darf ich dir nicht sagen; darüber darf ich dir ja nichts sagen. — Sich in Szene zu setzen, sich ein gewisses Ansehen zu geben, das steckt hinter manchem Ausdruck, der gebraucht wird, und der dann von den Draußenstehenden oft in recht böswilliger Weise mißbraucht wird. Alle diese Dinge, die jetzt gerade in böswilliger Absicht gebraucht werden, hätten niemals sich abspielen können, wenn nicht in ein falsches Licht gerückt würde dasjenige, was zwar berechtigten Wünschen und vielleicht einem ebenso berechtigten Entgegenkommen dieser Wünsche entspricht, das aber nun angesichts dessen, was die Außenwelt daraus macht, nicht weiter aufrechterhalten werden kann, so schwer es mir auch wird, meine lieben Freunde. Selbstverständlich, in der Gesellschaft kann jeder freundschaftliche Verkehr bestehen, aber die eiserne Notwendigkeit zwingt mich dazu, Privataudienzen einzustellen. Mir tut das insbesondere deshalb leid, weil mancher sagen wird: Warum sollen denn die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden? — Aber wenn man in einer Gesellschaft ist, so ist das selbstverständlich ein Karma der Gesellschaft, und es läßt sich die Sache gar nicht anders machen. Alles dasjenige, was sich abgespielt hat in Privatgesprächen, die gesucht worden sind, das ist etwas, was angesichts jener böswilligen Verleumdungen einfach aufhören muß. |

[ 25 ] Glauben Sie nicht, daß mir das weniger leid tut als Ihnen, aber ich weiß, daß, wie alles, was ich über solche Dinge gesprochen habe, in den Wind gesprochen war, auch mein heutiges Sprechen in den Wind gesprochen sein würde, wenn nicht Maßnahmen getroffen würden, die einfach zwingen, sich den Ernst der Sache zum Bewußtsein zu bringen.

[ 26 ] Es ist leicht, Verleumdungen anzuknüpfen an dasjenige, was im Privatgespräch mit den einzelnen Mitgliedern gesagt wird, wenn diese Verleumdungen den Grad erreichen, daß zum Beispiel da oder dort gesagt wird, dieses oder jenes Mitglied sei hypnotisiert worden. Nun, meine lieben Freunde, gegenüber diesen Dingen werde ich gleich eine andere Maßregel ergreifen müssen, aus der Sie ersehen werden — und ich rede wirklich aus einfachem Pflichtgefühl gegenüber unserer Bewegung heraus —, daß es mir heute und jetzt in dieser Sache der allerbitterste Ernst ist um der Heiligkeit der Geisteswissenschaft wegen. Wenn einer Bewegung wie dieser einfach als Prinzip zugrunde liegt, in niemandes Freiheitssphäre einzugreifen, und wenn dies streng befolgt wird, wenn alles streng abgelehnt wird, was in eines Menschen Freiheitssphäre eingreift, und man dann gerade mit diesen Dingen krebsen geht, dann ist es notwendig, daß einmal das eintrete, daß alles, was auf unserem Boden wachsen soll, im vollsten Lichte der Öffentlichkeit wächst. Wenn die Dinge in voller Öffentlichkeit wachsen werden, dann wird den Verleumdern der Boden entzogen werden. Aber eine andere Methode gibt es in der Zukunft nicht mehr. Daher werde ich, soweit es an mir ist, danach trachten, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich in der Zukunft immer mehr und mehr im vollen Lichte der Öffentlichkeit abspielt. Sie hat die Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Und am heutigen Tage erkläre ich Innen ausdrücklich: In bezug auf diejenigen Privatgespräche, die seit Jahren mit den Mitgliedern stattgefunden haben, entbinde ich jeden des Versprechens, nicht über den Inhalt des Gespräches zu sprechen. Jeder kann, soviel ihm selber lieb ist, dasjenige mitteilen, was jemals vorgekommen ist in einem Privatgespräch mit einem Mitglied. Nichts wird sich finden, was das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hätte. Dann wird man auch nicht mehr krebsen gehen können mit Dingen, die etwa auf dem folgenden Boden stehen. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, wie man diese Dinge brauchen kann vor der krassesten Unwissenheit und dem Willen zur krassesten Unwissenheit.

[ 27 ] Nicht nur jener Erich Bamler, sondern auch noch andere, die aber ebenso «ehrlich» wie er kämpfen, haben vorgebracht und glauben im Grunde, daß ihnen unter allerlei esoterisch genannten Grundsätzen auch dieser gegeben worden wäre: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der Notwendigkeit, wie wenn es notwendig wäre, als ein gegebenes notwendiges Geschick.» Es tut eine Zeitlang wohl, solange man sich innerhalb der Gesellschaft gefördert glaubt, wenn man eine solche Regel bekommen hat, zu sagen: Ich bin ein esoterischer Schüler, denn ich meditiere immerfort: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der Notwendigkeit.» — Aber warum ist denn gerade jenen Leuten diese Regel gegeben, diese Regel angeraten worden? Aus dem einfachen Grunde, weil sie es nach ihrer Seelenverfassung brauchten! Es war ein durchaus nicht in ihre Freiheit eingreifender Ratschlag, sondern ein Ratschlag, dessen Tragweite und dessen Esoterik Sie beurteilen wollen, wenn ich Sie auf folgendes hinweise: Schopenhauer sagt in seiner Preisschrift über die Freiheit des Willens gegen den Schluß seines Aufsatzes, unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend: «Alles was geschieht, vom größten bis zum kleinsten, geschieht notwendig»; und er spricht von der beruhigenden Wirkung der Erkenntnis des Unvermeidlichen und Notwendigen. Es ist also den Leuten nichts anderes angeraten worden als dasjenige, was selbst Schopenhauer für ein erprobtes Mittel hält, über gewisse Seelendepressionen hinauszukommen.

[ 28 ] Nun, bei der Spekulation auf die krasseste Unwissenheit und auf den Willen zur krassesten Unwissenheit lassen sich natürlich den Leuten allerlei schöne Märchen erzählen: daß man grün und blau, besonders an den Beinen, geworden ist, indem man solche Grundsätze befolgt hat. Und bei jenen, die bei allem etwas Esoterisches aus den Fingern saugen wollen, lassen sich diese Dinge natürlich als Verleumdungen anbringen. Aber eben gerade wenn wir wissen, daß die Dinge, die in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft getrieben werden, von notwendigen Bedürfnissen tatsächlich gefordert werden, dann werden wir es begreiflich finden können, daß eine solche Maßregel, wie die vorher erwähnte, einmal wirklich ergriffen werden muß; einfach aus dem Grunde, damit man sieht, daß die Dinge ernst gemeint sind, um welche es sich handelt. Beklagen Sie sich nicht bei mir, der es ebenso hart empfindet wie Sie; beklagen Sie sich bei denjenigen, auf die ich Sie deutlich hingewiesen habe, und die es unmöglich machen, daß eine solche Maßregel vermieden werde. Mir ist es heute sehr schwer, Privatgespräche, die ja zahlreiche Mitglieder wünschen, aus diesen prinzipiellen Gründen ablehnen zu müssen. Ich weiß selbstverständlich auch, daß dieses auch wiederum als Verleumdung gegen mich ausgenützt werden wird, aber ich kann mich nicht nach persönlichen Gründen richten, sondern nach dem muß ich mich richten, was für unsere Bewegung notwendig ist. Das heißt, ich muß mich fügen dem Prinzip, ernst zu machen mit dem, was immer wieder und wiederum auf der einen Seite Anlaß gibt zum Geflunker, auf der anderen Seite der Anlaß ist zu den Verunglimpfungen und Verleumdungen von seiten derjenigen, die nicht ehrlich Geisteswissenschaft widerlegen wollen, sondern die sie auf andere Weise aus der Welt schaffen wollen.

[ 29 ] Prüfen Sie vieles von dem, was vorgegangen ist, Sie werden finden: die Anlässe stammen immer aus der Gesellschaft heraus. Angegriffen wird sehr selten die Gesellschaft, der Angriffspunkt bin gewöhnlich ich oder meine allernächste Umgebung. Prüfen Sie die Dinge. Aber indem man mich angreift, ist es schon so, daß man gerade in mir die Geisteswissenschaft treffen will. Denn es ist dem einen oder anderen höchst gleichgültig, ob da oder dort ein törichter esoterischer Ratschlag gegeben wird; die werden in der Welt genug gegeben. Was den Leuten aber nicht gleichgültig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft in der anthroposophischen Orientierung ein Kulturfaktor unserer Zeit ist, daß sie mitsprechen will. Das ist den Leuten nicht gleichgültig. Winkelesoteriker, die sind den Leuten gleichgültig; derjenige aber nicht, der nach seinem Schicksal nicht ein Winkelesoteriker bleiben kann. Den Winkelesoteriker würde man nicht treffen wollen, wenn er in Berlin vor fünfzig Leuten sitzt und denen Ratschläge geben würde. Man hat erst mit den Angriffen angefangen, als die Bücher über eine gewisse Zahl hinausgingen. Es wäre eine Sünde wider den Geist der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sie zugrunde gehen zu lassen, wenn es sich vielleicht verhindern läßt dadurch, daß einmal, vielleicht nur für eine Zeitlang, einiges entbehrt werden muß, weil sich die Moralität der Menschen der Gegenwart so entpuppt, wie sie sich jetzt entpuppt hat.

[ 30 ] Man hat oft erlebt, daß Dinge falsch dargestellt werden; aber wie es den Dingen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegenüber gemacht wird, wie Dinge erfunden werden, die gar nicht da sind und etwas ganz anderes, als stattgefunden hat, erzählt wird, das gehört doch zu den allergrößten Seltenheiten, selbst in der Geschichte der Menschheit. Und eine Neigung muß man haben, nicht bloß die Lawine zu sehen, wenn sie die Dörfer unten verschüttet, sondern die Neigung muß man haben, den Schneeball zu sehen, der von oben fällt, denn der wird zur Lawine. Gewiß, ich habe lange zugesehen und immer wieder und wiederum ermahnt, aber man hat die Ermahnungen nicht recht gehört oder jedenfalls sich nicht viel daraus gemacht. Die Menschen außerhalb unserer Gesellschaft werfen mir vor, einer meiner größten Fehler sei — heute zählen sie schon größere auf, das war vor einem Jahr —, daß ich blinde Anhänger mache, daß ich blind autoritätsgläubige Anhänger habe. Ich darf wohl sagen: Wenn es auf irgend etwas ankommt, wo man mir etwas Vertrauen von seiten der Mitglieder der Gesellschaft entgegenbringen und auf das Vertrauen hin das eine oder andere tun sollte, da finde ich in der Regel nicht sehr viel Anhängerschaft. Da geschieht in der Regel das Gegenteil von dem, was meine Meinung ist. So war es die ganzen Jahre hindurch. Es ist eigentlich immer das Gegenteil von dem geschehen, was meine Meinung war. Nur merkt man es nicht, weil ja in vielen Kreisen eine besondere Methode befolgt worden ist: Man hat weniger nach meiner Meinung gefragt, sondern nach der eigenen Meinung und hat dann den Leuten erzählt: Das hat er gesagt. — Ich war sehr weit entfernt davon, das gesagt zu haben, aber der Betreffende hätte gerne gehabt, daß ich es gesagt hätte; so hat er denn erzählt, ich hätte es gesagt. Es ist schon so: Wenn in der Außenwelt erzählt wird, daß ich blinde Anhänger habe, so zeigt die Praxis der Gesellschaft, daß das vollständige Gegenteil der Fall ist, in bezug auf die Dinge wenigstens, wo man mir mit einigem Vertrauen entgegenkommen müßte, weil ich mich manchmal jahrelang um ein Urteil bemüht habe, und der andere nicht.

[ 31 ] Das alles wird wirklich nicht ausgesprochen, um, wie man in Österreich sagt, zu raunzen oder zu greinen, oder gewissermaßen zu zetern, sondern das wird gesagt, weil die Symptome sich täglich jetzt zeigen, die darauf hinausgehen, daß auf dem angedeuteten Wege unserer geistigen Bewegung der Garaus gemacht werden soll, und weil die Neigung entstehen muß, den Schneeball oben zu sehen, und nicht erst die Lawine, wenn sie unten angekommen ist. Gerade ein paar Stunden bevor ich hierher gekommen bin, wurde mir unter anderem ein Brief vorgelesen, in dem wieder einmal erzählt wird, daß zwei aneinander gekommen sind; ich will keine Namen nennen, so kann man einen solchen Fall einfach als Fall anführen. Dem einen wird zur Last gelegt, daß er mit dem anderen Hypnose treibe, daß er sogar sich hinter den anderen gesetzt und meditiert habe in dessen Genick hinein, damit dem Betreffenden allerlei Schädliches in der Seele entstehe. Und die Sache wird dann weiter verfolgt. Es ist nur ein Fall, der letzte, nein, nicht der letzte, es kam hinterher noch ein anderer, aber es ist der, den ich vor drei Stunden gelesen habe. Das ist heute eine harmlose Sache, in ein paar Jahren braucht sie es nicht mehr zu sein: daß der eine sich hinter den anderen gesetzt haben soll, um ihm allerlei Schädliches ins Genick hinein zu meditieren und dadurch Einfluß auszuüben. Daß der Betreffende so harmlos in der Sache ist, wie nur möglich, daran besteht kein Zweifel. Aber heute, meine lieben Freunde, spielt das zwischen zwei Mitgliedern; in ein paar Jahren ist es zu einem «Fall Steiner» gemacht, der wiederum für solche «Studien» einen ganz netten Fall abgibt. Vielleicht geht es auch schneller und bedarf nicht erst der paar Jahre.

[ 32 ] Also, begreifen Sie es, daß wirklich eine für mich außerordentlich harte Notwendigkeit vorliegt, wenn ich für die nächsten Zeiten zu dem greifen muß, daß ich auf der einen Seite eben sage: Es muß versucht werden, daß sich Geisteswissenschaft in der vollen Öffentlichkeit abspielt. Niemand wird dadurch irgendwie zu kurz kommen, niemand wird irgendwie das nicht finden, was er suchen muß, weil sich alles in voller Öffentlichkeit abspielt. Aber all das Geschwätz: Das ist etwas geheimnisvoll Mystisches, das darf man nicht sagen und so weiter —, das soll keine Veranlassung mehr geben können zu allerlei Verleumdungen. Unser Verkehr mag noch so freundschaftlich sein, er darf kein anderer sein für die nächste Zeit als ein solcher, der von Freund zu Freund stattfindet, denn Privatgespräche müssen prinzipiell für die nächste Zeit aufhören. Vielleicht finden sich dadurch unsere lieben Mitglieder genötigt, wenn es auch unbequem ist, den Dingen doch etwas mehr nachzugehen und sich zu kümmern um die Dinge, um die man sich bisher ja recht wenig gekümmert hat.

[ 33 ] Wie gesagt, verzeihen Sie es, daß ich diese Sachen heute hier angebracht habe; ich habe sie ja angebracht in der Zeit, als der eigentliche Vortrag schon vorüber war, aber ich habe sie anbringen müssen, weil sie mit den Lebensfragen der Anthroposophischen Gesellschaft, der anthroposophischen Bewegung zusammenhängen. Dies, und nicht eine Unfreundlichkeit ist es, wenn ich sehr, sehr bedauern muß, in der nächsten Zeit die immer bereitwillig abgehaltenen Privatgespräche mit den lieben Mitgliedern nicht abhalten zu können. Dann wird dasjenige nicht entstehen können, wirklich im Konkreten nicht entstehen können, was so gerne von den böswilligen Feinden gesucht wird. — Denn, meine lieben Freunde, einen Einwand könnten Sie selbstverständlich machen, und es macht ihn jeder von sich aus in begreiflicher Weise, indem er nämlich findet: Mit mir könnte er aber sprechen. — Das hat jeder von denjenigen gesagt, die jetzt in der unflätigsten Weise ihre Angriffe erfolgen lassen; und manche von denjenigen, die jetzt die Werkzeuge ihrer Protektoren sind, wurden von sehr, sehr angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft an die Gesellschaft herangebracht. In gewisser Beziehung muß es schon anders werden, aber es kann nur durch die Mitglieder anders werden.