The Spiritual Background of World War I
GA 174b
11 May 1917, Stuttgart
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The Spiritual Background of World War I, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Es ist meine Absicht, Ihnen bei dieser meiner Anwesenheit von Dingen zu sprechen, welche die Ereignisse der Gegenwart dem suchenden Menschensinn ein wenig tiefer verständlich machen können. Nicht in äußerlicher Weise sollen diese Dinge besprochen werden, sondern es soll auf einiges hingedeutet werden, wodurch der Mensch gewissermaßen in geistiger Erweiterung Verständnis dieser unserer Gegenwart gewinnen kann. Diese Absicht, welche bei mir seit langem bestand für diesen Stuttgarter Besuch, wollen wir auch durchführen. Es steht uns ja auch noch der Vortrag am nächsten Sonntag zur Verfügung.
[ 1 ] It is my intention, during my time here, to speak to you about matters that may help the inquiring human mind understand current events a little more deeply. These matters are not to be discussed in a superficial manner, but rather, I wish to point to certain aspects through which people can, in a sense, gain an understanding of our present time through spiritual expansion. Let us carry out this intention, which I have held for a long time in connection with this visit to Stuttgart. After all, we still have next Sunday’s lecture ahead of us.
[ 2 ] Mit Rücksicht auf mancherlei, das, ich möchte sagen, wie Wellenschläge unserer Zeit — ich sage das mit vollem Bedacht — von außen hereinspielt in unsere Bewegung, erscheint es mir aber zunächst notwendig, heute in einer Art Einleitung einiges Prinzipielle vorzubringen, das geeignet sein kann, manche Mißverständnisse zu zerstreuen, die nur allzuleicht, in unserer die Tiefe des Gedankens und des Empfindens ja hassenden Zeit, über Anthroposophie entstehen können, das auf der anderen Seite geeignet sein kann, in uns selbst ein richtiges Verhältnis zu dem, was uns Anthroposophie sein kann, zu gewinnen.
[ 2 ] In view of various factors—which I would describe as the “ripples” of our time, so to speak—that, as I say with full deliberation, are flowing into our movement from the outside, it seems necessary to me, for the time being, to present today, in a sort of introduction, some fundamental principles that may be suitable for dispel certain misunderstandings that can all too easily arise regarding anthroposophy in our time—a time that, after all, abhors depth of thought and feeling—and that, on the other hand, may help us develop a proper relationship within ourselves to what anthroposophy can be for us.
[ 3 ] Versuchen wir einmal, uns die Frage so recht vorzulegen: Was suchen wir, wenn wir den Weg wählen in die anthroposophische Bewegung hinein? — Wir suchen auf diesem Wege die Möglichkeit zu gewinnen, ein Verhältnis zur Geisteswelt zu finden, das den Bedürfnissen nach dieser geistigen Welt entspricht, die in uns geboren werden aus den Kräften, aus den Lebensverhältnissen der Gegenwart heraus. Keiner kommt ja, wenn er nicht oberflächlich ist, zu uns, der auf gangbarerem Wege als bei uns ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen kann. Keiner kommt zu uns, der ein Verhältnis zur geistigen Welt gewinnen kann auf denjenigen Wegen, die seit Jahrhunderten draußen voll anerkannt sind, und die ihre Gangbarkeit dem Umstande verdanken, daß die Menschen nachzudenken vergaßen über die Berechtigung dessen, was sich den allgemeinen Lebensnotwendigkeiten eingefügt hat. Dagegen wird viel diskutiert über die Berechtigung, wenn etwas gewissermaßen zuerst auftreten muß in der Welt. Wir können nicht oft genug uns dasjenige, was aus dem Geiste unserer Zeit heraus Anthroposophie sein soll und sein will, vor Augen halten und es in Zusammenhang bringen mit dem in uns, was nach Anthroposophie drängen kann, was uns zur Anthroposophie bringen will.
[ 3 ] Let us try to frame the question properly: What are we seeking when we choose the path into the anthroposophical movement? — On this path, we seek to gain the ability to establish a relationship with the spiritual world that corresponds to the needs for this spiritual world, which arise within us from the forces and life circumstances of the present. After all, no one—unless they are superficial—comes to us who can establish a relationship with the spiritual world through a more accessible path than the one we offer. No one comes to us who can establish a relationship with the spiritual world through those paths that have been fully recognized for centuries, and which owe their viability to the fact that people have forgotten to reflect on the legitimacy of what has become integrated into the general necessities of life. In contrast, there is much discussion about legitimacy when something must, so to speak, first emerge in the world. We cannot emphasize often enough what anthroposophy is meant to be and aspires to be, emerging from the spirit of our time, and relate it to that within us which can yearn for anthroposophy, which seeks to lead us to anthroposophy.
[ 4 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, Anthroposophie würde nicht da sein, wenn es nur den einen oder anderen Menschen gäbe, der es sympathisch findet, für solche Ideen, wie sie in der Anthroposophie leben nun, gebrauchen wir den offiziösen Ausdruck —, zu agitieren. Anthroposophie entspringt durchaus der Erkenntnis, daß es in unserer Zeit suchende Seelen gibt, die nur auf dem Wege der Anthroposophie dasjenige finden können, was sie eben suchen. Nicht weil irgend jemand Anthroposophie haben will, wird Anthroposophie getrieben, sondern weil die Seelen nach Anthroposophie verlangen. Dagegen spricht nicht, daß manche dieses leugnen, denn in der Seele lebt viel Unterbewußtes und Unbewußtes, das, richtig gedeutet, nichts anderes darstellt als gerade die Sehnsucht nach Anthroposophie. Die Sehnsucht vor allen Dingen — wenn wir eines aus dieser Anthroposophie herausheben —, die Sehnsucht danach, den größten Impuls der Erdenentwickelung, den Christus-Impuls, auf dem Wege zu erkennen, der dem Bedürfnis der Gegenwart angemessen ist, den Weg zum Christus-Impuls auf die Art zu finden, die das Herz ersehnen muß, wenn es sich wirklich innerhalb der Lebensverhältnisse der Gegenwart verstehen will. Nun sind solche allgemeinen, abstrakten Sätze, wie ich sie eben jetzt ausgesprochen habe, für denjenigen gewiß einleuchtend, der jahrelang auf dem Boden der Anthroposophie steht. Aber um was es sich handelt, das ist dieses: wirklich seine Seele so mit dem Geiste dieser Worte zu durchdringen, daß diese Worte nicht bloß abstrakt, nicht bloß theoretisch in uns bleiben, sondern daß sie zum Inhalt unseres ganzen Lebens, vor allen Dingen zum Inhalt unserer Gesinnung werden.
[ 4 ] You see, my dear friends, anthroposophy would not exist if there were only one or two people who found it appealing to—let us use the unofficial term here—campaign for ideas such as those embodied in anthroposophy. Anthroposophy arises entirely from the realization that there are seeking souls in our time who can find what they are looking for only through the path of anthroposophy. Anthroposophy is not pursued because anyone wants it, but because souls yearn for it. The fact that some deny this does not contradict this, for there is much in the soul that is subconscious and unconscious which, when correctly interpreted, represents nothing other than precisely this longing for anthroposophy. Above all—if we were to single out one thing from this anthroposophy— the longing to recognize the greatest impulse in the development of the Earth—the Christ impulse—in a way that is appropriate to the needs of the present, to find the path to the Christ impulse in the manner that the heart must yearn for if it truly wishes to understand itself within the circumstances of present-day life. Now, such general, abstract statements as I have just made are certainly clear to anyone who has been grounded in anthroposophy for years. But what is at stake is this: truly permeating one’s soul with the spirit of these words, so that these words do not remain merely abstract or merely theoretical within us, but rather become the substance of our entire life—above all, the substance of our attitude.
[ 5 ] Ich habe wohl auch hier schon ein Beispiel erzählt, das besonders charakteristisch ist: Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag über das Thema «Bibel und Weisheit», worin ich versuchte auseinanderzusetzen, wie auch der positiv christliche Mensch, gerade wenn er sich recht versteht, den Weg zur Anthroposophie finden kann, indem ich schilderte, wie Anthroposophie durch ihre Voraussetzungen tiefer eindringen kann in die großen, ja niemals auszuschöpfenden Geheimnisse des Urbuches der Menschheit, der Bibel. Nach dem Vortrage kamen zwei katholische Priester an mich heran, die an dem Vortrag teilgenommen hatten. Und aus ihren Worten ging klar hervor, daß sie eigentlich aus ihrer christlichen Lehre, so wie sie sie auffaßten, wie sie sie als Theologen kannten — vielleicht nicht so sehr als auf irgendwelche Dinge hin verpflichtete Priester, sondern als Theologen kannten —, nichts Besonderes einwenden konnten. So begaben sie sich denn auf einen Seitenweg und sagten: Ja, sehen Sie, es ist ja nichts Besonderes zu sagen von unserem Standpunkte aus gegen das, was Sie gerade heute vorgebracht haben, als dieses: Wenn wir reden, dann reden wir so, daß jeder auffassen kann, was wir sagen. Sie reden allerdings auch vom Christentum, aber nur für diejenigen, die einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben oder sich besonders für diese Art vorbereitet haben. — Ich erwiderte darauf: Ja, sehen Sie, Hochwürden, darauf kommt es nicht an, was Sie oder ich denken über die Frage, was zu allen Menschen gesprochen werden soll, denn das führt das ganze Thema auf den Abweg der persönlichen Meinung. Es ist gar nicht besonders wunderbar, daß ein jeder von dem, was er treibt, glaubt, daß es allgemein-menschlich gültig ist. Warum sollte man sich denn darüber wundern; sonst würde er es ja nicht treiben! Aber darauf kommt es eben nicht an, was Sie oder ich denken, daß es richtig ist. Unsere Art, über den Geist zu forschen, fängt damit erst an, daß wir uns erheben über diese persönliche Meinung, und die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit ins Auge fassen. In unserem Falle liegt diese Wirklichkeit sehr nahe. Sie liegt einfach in der Antwort auf die Frage: Kommen heute alle Leute, für die Sie zu reden glauben — Sie glauben ja für alle Leute zu reden —, noch zu Ihnen in die Kirche? Die Frage beantwortet eine Tatsache — die Frage, ob Sie meinen, daß Sie für alle Leute reden. Daß das allen Leuten gelten soll, das entspricht nur Ihrer Meinung; das andere entspricht nur einer Tatsache. Sagen Sie mir, ob alle Leute in die Kirche gehen! — Darauf konnten sie mir nichts anderes erwidern, als daß eine Anzahl von Leuten eben nicht in die Kirche gehen. Das widerlegt Sie, sagte ich, denn dann sprechen Sie gerade für die nicht, die nicht in die Kirche gehen. Und unter denen sind zahlreiche Menschen, zu denen ich zu sprechen habe, und die auch das Recht haben, den Weg zum Christus in der Gegenwart zu finden.
[ 5 ] I believe I have already shared an example here that is particularly telling: I once gave a lecture in a city in southern Germany on the topic “The Bible and Wisdom,” in which I attempted to explain how even a devout Christian—especially if they truly understand themselves—can find their way to anthroposophy. I did this by describing how anthroposophy, through its underlying principles, can penetrate more deeply into the great, indeed inexhaustible mysteries of humanity’s primordial book, the Bible. After the lecture, two Catholic priests who had attended it approached me. And it was clear from their words that, based on their Christian doctrine—as they understood it, as they knew it as theologians—perhaps not so much as priests bound by certain obligations, but as theologians—they could not really raise any specific objections. So they took a different tack and said: “Yes, you see, from our standpoint there’s really nothing specific to say against what you’ve just presented today, other than this: When we speak, we do so in a way that everyone can understand what we’re saying. You, however, also speak about Christianity, but only to those who have attained a certain level of education or have specifically prepared themselves for this kind of subject.” — I replied: “Yes, you see, Reverend, it doesn’t matter what you or I think about the question of what should be said to all people, because that leads the whole topic astray into the realm of personal opinion. It’s not at all surprising that everyone believes what they do is universally valid for all humanity. Why should anyone be surprised by that? Otherwise, they wouldn’t be doing it in the first place! But what matters is not what you or I think is right. Our way of exploring the spirit begins precisely by rising above this personal opinion and focusing on reality—true reality. In our case, this reality is very close at hand. It lies simply in the answer to the question: Do all the people for whom you believe you speak—since you believe you speak for everyone—still come to your church today? The question is answered by a fact—the question of whether you believe you speak for everyone. That this should apply to everyone is merely your opinion; the other is merely a fact. Tell me, do all people go to church?—To that, they could give me no other answer than that a number of people simply do not go to church. That refutes you, I said, for then you are not speaking for precisely those who do not go to church. And among them are numerous people to whom I must speak, and who also have the right to find the way to Christ in the present.
[ 6 ] Das heißt, sein Urteil nicht richten nach dem, was man persönlich für wahr oder falsch hält, sondern sein Urteil den Forderungen und Aufgaben der Wirklichkeit unterstellen. Es ist allerdings viel bequemer zu theoretisieren, was richtig oder falsch ist, als in allen Einzelheiten konkret die Wirklichkeit zu studieren, immerfort mit aufmerksamem Ohr hinzulauschen auf dasjenige, was die Wirklichkeit von uns fordert. Anthroposophie will nicht etwas anderes sein, als was Antwort gibt auf Fragen, die sie nicht selber stellt, sondern die die Herzen, die Seelen in der Gegenwart stellen, wenn sie sich richtig verstehen. Und ich bin mir bewußt: die Fragen, die in meinen ja allerdings schon sehr zahlreich vorliegenden Schriften gestellt werden, sind nicht von mir gestellt. Die Antworten sind vielfach von mir gegeben, die Fragen aber sind nicht von mir gestellt. Die Fragen werden gerade von demjenigen gestellt, was die Zeitkultur hervorbringt, was gerade zum Beispiel die Naturwissenschaft in der Zeitkultur hervorbringt, was jeder fragen muß, der Interesse hat an den Forderungen der Zeit, und dem vor allen Dingen es ernst ist um die wichtigsten Bedürfnisse der Seelen der Gegenwart.
[ 6 ] This means not basing one’s judgment on what one personally considers to be true or false, but rather subjecting one’s judgment to the demands and challenges of reality. It is, however, much more convenient to theorize about what is right or wrong than to study reality concretely in all its details, constantly listening attentively to what reality demands of us. Anthroposophy does not seek to be anything other than a source of answers to questions that it does not ask itself, but rather those that hearts and souls in the present ask when they truly understand themselves. And I am aware that the questions posed in my writings—which are, admittedly, already very numerous—are not questions I have posed myself. In many cases, I have provided the answers, but the questions were not posed by me. The questions are posed precisely by what the culture of our time brings forth—what, for example, the natural sciences bring forth within that culture—and they are the questions that must be asked by anyone who is interested in the demands of our time and who, above all, is seriously concerned with the most important needs of the souls of the present.
[ 7 ] Wenn man sich diese Voraussetzungen einmal einigermaßen vor die Seele ruft, dann zeigt es sich uns als wahr, daß eine Grundintention in der ganzen Ihnen vorliegenden anthroposophischen Literatur herrscht, eine Grundansicht, eine Grundtendenz und eine Grundgesinnung. Geht man alle diese Schriften durch, nicht mit der wohlwollenden Gesinnung, die wir vielleicht innerhalb unseres Kreises gewonnen haben, sondern mit dem kritischen Blick, den man gerade aus der gegenwärtigen Zeitkultur heraus gewinnen kann, dann wird man eines als den Kernpunkt dieser ganzen anthroposophischen Literatur finden. Das ist, daß alles darauf ausgeht, der Menschenseele dasjenige zu bringen, wonach diese Menschenseele vor allen Dingen in der Gegenwart verlangen muß: Selbständigkeit, Urteilskraft aus dem eigenen Inneren heraus. Ich habe öfter dem Drängen widerstehen müssen, das von dieser oder jener Seite an mich gestellt worden ist, populär zu schreiben. Ich habe diesem Drängen immer widerstanden, aus dem einfachen Grunde, weil es sich nicht darum handeln kann, innerhalb der anthroposophischen Literatur den Menschen Glaubensartikel zu geben, die sie, wenn sie wollen, in leichtgeschürztem Verständnis entgegennehmen, sondern weil es sich nur darum handeln kann in dieser Literatur, eigene Urteilsfähigkeit, das eigene Seelensuchen aufzurufen. Das herrscht, wie sich jeder, der will, überzeugen kann, innerhalb dieser ganzen anthroposophischen Literatur.
[ 7 ] Once we have brought these premises to mind to some extent, it becomes clear to us that a fundamental intention pervades all the anthroposophical literature before you—a fundamental view, a fundamental tendency, and a fundamental attitude. If one goes through all these writings—not with the benevolent attitude we may have acquired within our circle, but with the critical eye that can be gained precisely from the culture of our time—one will find one thing as the central point of all this anthroposophical literature. That is, everything is directed toward bringing to the human soul what that soul must above all else seek in the present: independence, the power of judgment arising from within oneself. I have often had to resist the pressure exerted on me from one side or another to write in a popular style. I have always resisted this pressure for the simple reason that the purpose of anthroposophical literature cannot be to provide people with articles of faith that they can, if they wish, accept in a simplified form; rather, the sole purpose of this literature must be to awaken one’s own power of judgment and one’s own soul-searching. This is the prevailing spirit, as anyone who wishes to do so can see for themselves, throughout the entire body of anthroposophical literature.
[ 8 ] Nirgends wird darauf ausgegangen, einen blinden Glauben hervorzurufen. Gewiß, es werden Dinge erzählt, die nicht ohne weiteres nachgeprüft werden können, aber sie werden erzählt als Tatsachen der geistigen Welt, die jeder als Mitteilungen entgegennehmen kann und an die er immer weiter und weitergehend seinen kritischen Maßstab schon anlegen kann, wenn er will. Und wir haben ja gesehen, daß in der letzten Zeit verständnisvoll auf die Sache eingehende Freunde es dahin gebracht haben, bis zu einem hohen Grade selbst an die subtilsten Dinge mit der Sonde einer vorurteilslosen Kritik heranzugehen. Vor dieser vorurteilslosen Kritik braucht dasjenige, was in der hier gemeinten anthroposophischen Literatur enthalten ist, niemals zurückzuschrecken. Diese vorurteilslose Kritik wird es bestehen; es wird sie um so besser bestehen, je vorurteilsloser diese Kritik ist: Niemals wird von mir jemand etwas anderes hören, wenn es sich um diese Frage handelt, als dieses: Prüfet, prüfet, prüfet, aber bleibt nicht beim Prüfen, sondern suchet gerade vor allen Dingen dadurch zu prüfen, daß ihr immer tiefer und immer tiefer mit den Mitteln des gegenwärtigen Denkens in die Dinge hereinzukommen versucht. — Weil dies angestrebt wird, können die Schriften dieser Literatur die Menschen gerade selbständig machen.
[ 8 ] Nowhere is there any attempt to instill blind faith. Certainly, things are recounted that cannot be readily verified, but they are presented as facts of the spiritual world that anyone can accept as messages and to which they can apply their critical standards more and more deeply, if they so choose. And we have seen, after all, that in recent times, friends who have approached the subject with understanding have managed to apply the probe of unbiased criticism even to the most subtle matters to a high degree. What is contained in the anthroposophical literature referred to here need never shy away from this unbiased criticism. It will withstand this unbiased criticism; it will withstand it all the better the more impartial this criticism is: You will never hear anything else from me on this matter other than this: Examine, examine, examine—but do not stop at examining; rather, seek above all to examine by trying to penetrate deeper and deeper into things using the tools of present-day thought. — Because this is the goal, the works of this literature can make people truly independent.
[ 9 ] Nun allerdings erlebt man gar mancherlei, wenn man die Art und Weise überblickt, wie Anthroposophie entgegengenommen wird. Die Menschen begegneten mir ja immer wieder und wiederum, die den einen oder anderen Vortrag sich anhörten, die eine oder andere kleine Schrift lasen, und dann sich nicht mehr sehen ließen. Das ist ihr gutes Recht, selbstverständlich, es soll das niemandem vorgeworfen werden. Und wenn sie dann von einem Bekannten gefragt wurden, warum sie nicht mehr erschienen sind — in aller Freundschaft selbstverständlich, nicht wie mit irgendeinem Vorwurf —, dann gaben sie zur Antwort: Ja, wenn wir näher auf die Sache eingehen, fürchten wir, überzeugt zu werden. Es ist dies ganz gewiß ein bedeutsames Wort, es weist aber auch auf bedeutsame Tatsachen hin. Was versucht wird, ist ja gerade: loszukommen von dem Erbübel unserer Zeit, dem Aufstellen von persönlichen Meinungen, dem Aufstellen von persönlichen Thecrien, und die Seelen hinzulenken auf dasjenige, was die Geistigkeit der Welt selber sagt, wenn wir die Möglichkeit finden, uns dieser Geistigkeit der Welt mit ganzer Seele hinzugeben und von den Methoden zu sprechen, von den Mitteln zu sprechen, durch welche die Seele dahin gelangt, gewissermaßen die Geistigkeit der Welt selber anzuhören.
[ 9 ] Now, however, one encounters all sorts of things when one takes a look at the way anthroposophy is received. Time and again, I came across people who listened to one lecture or another, read one or two short writings, and then were never seen again. That is their right, of course; no one should be blamed for it. And when they were then asked by an acquaintance why they had stopped coming—in a spirit of friendship, of course, not as a reproach—they replied: “Yes, if we look into the matter more closely, we’re afraid we’ll be convinced.” This is certainly a significant statement, but it also points to significant facts. What is being attempted, after all, is precisely this: to break free from the inherited evil of our time—the formulation of personal opinions, the formulation of personal theories— and to direct souls toward what the spirituality of the world itself says, if we find the possibility to devote ourselves with our whole soul to this spirituality of the world and to speak of the methods, of the means, through which the soul arrives, so to speak, at hearing the spirituality of the world itself.
[ 10 ] Eine in dieser Weise zwar aus den tiefsten Bedürfnissen der Zeit hervorgehende Weltanschauung, die jedoch dem, was die Leute der Gegenwart glauben, so gründlich widerspricht, nun, solche Weltanschauung wird nur langsam und allmählich sich in die Seelen der Menschen hineinfinden. Die Seelen der Menschen hängen an dem Gewohnten, die Seelen der Menschen haben es am liebsten, wenn sie ihre eigene Wasserklarheit von der Kanzel hören und sich sagen können von dem, was sie hören: Das habe ich schon lange gedacht. — Solche Wahrheiten, die «schon lange gedacht» worden sind, sind allerdings die in der Gegenwart auftretenden anthroposophischen Lehren nicht. Aber das ist in den Augen vieler Menschen gerade der Hauptfehler, daß sie sich nicht sagen können: Das habe ich schon lange gedacht —, und daß sie sich nicht sagen wollen: Wenn ich recht tief in meinem Inneren schürfe, dann wird da nichts ausgesprochen, was eine persönliche Meinung ist, sondern was zusammenhängt gerade mit den Entwickelungsfaktoren der Menschheit. — Auf solche Entwickelungsfaktoren der Menschheit werden wir während meines diesmaligen Aufenthaltes in Stuttgart noch mannigfaltig zurückkommen. So ist es begreiflich, daß mancherlei Hindernisse und Hemmnisse entstehen, wenn die Menschen versuchen, an die Anthroposophie, an die Geisteswissenschaft heranzukommen.
[ 10 ] A worldview that, while arising in this way from the deepest needs of the times, nevertheless so thoroughly contradicts what people today believe—well, such a worldview will find its way into people’s souls only slowly and gradually. People’s souls cling to the familiar; they prefer to hear their own crystal-clear convictions proclaimed from the pulpit and to be able to say of what they hear: “I’ve thought that for a long time.” — Such truths, which have been “thought for a long time,” are certainly not the anthroposophical teachings emerging today. But in the eyes of many people, this is precisely the main flaw: that they cannot say to themselves, “I’ve thought that for a long time”—and that they do not want to say to themselves: “If I dig deep enough within myself, what is expressed there is not a personal opinion, but something connected precisely with the factors of human development.” — We will return to such factors in human evolution in many ways during my current stay in Stuttgart. It is therefore understandable that various obstacles and hindrances arise when people try to approach anthroposophy, the spiritual science.
[ 11 ] Mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wird im Laufe der Zeit viel gelesen, nicht nur innerhalb derjenigen, die den verschiedenen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft angehören, sondern es wird in der Gegenwart auch draußen viel gelesen. Beim Lesen gerade dieses Buches kann immer wieder und wiederum eine Erfahrung gemacht werden, die außerordentlich charakteristisch ist. Es liest da oder dort jemand das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und schreibt mir einen Brief darüber. Und selbstverständlich, ich bin jedesmal erfreut darüber, wenn mir jemand einen verständigen Brief schreibt über irgendein Buch oder über irgend etwas anderes, insbesondere aber über das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber das gewöhnliche ist, daß der Brief, der geschrieben wird, der klarste Beleg dafür ist, der allerklarste Beleg, daß der Betreffende das Buch nicht verstanden hat, überhaupt die allerwichtigsten Dinge des Buches sich in die materialistischste Gesinnung der Gegenwart umgesetzt hat. Denn dasjenige, worauf die Menschen zumeist anbeißen, wenn sie an dieses Buch kommen, das ist das Folgende. Aber schicken wir noch etwas voraus: Es kann eine ganze Summe von Zweifeln demjenigen aufstoßen, der das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» liest, und es wird schon viele Menschen geben, welche Zeugnis davon ablegen können, daß ich immer bereit bin, über diese Zweifel mit den Menschen mich zu unterhalten, und daher möchte ich durchaus nicht, daß, was ich jetzt sage, so erscheint, als ob es irgend jemand abschrecken sollte, den Brief, von dem ich eben sprach, zu schreiben. Es soll nicht abgeschreckt werden von dem Schreiben dieses Briefes, aber der Brief wird sehr häufig geschrieben, indem die Menschen an eine besondere Sache anbeißen, wo ihnen unmittelbar das Ding sich ins Materialistische umsetzt. Es ist vieles gesagt in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das bei richtiger Beobachtung den Menschen gerade dazu führt, von sich aus, von seiner Seele aus den Weg in die geistige Welt hinein zu finden. Gerade dieses Buch ist daraufhin angelegt, den Menschen so selbständig wie möglich zu machen, ihm gar nicht irgend etwas aufzudringen auf irgendeinem subjektiven Weg, sondern ihm nur die Hindernisse hinwegzuräumen, damit er selber die Wahrheit finden kann. Das beste Mittel zunächst, dieses Buch aufzunehmen, das wäre: seinen Inhalt sich in innerer Tat anzueignen. Aber da haken die Menschen ein bei dem Satz: Derjenige, bei dem die nötige Reife eingetreten ist, der findet schon, wenn er nur richtig sucht, seinen geistigen Lehrer. — Also, da haben wir es! Da schreibe ich einen Brief an denjenigen, der das Buch geschrieben hat, da wird er mein geistiger Lehrer; das ist das einfachste! — Da haben wir die Übersetzung ins Materialistische. Daß diese Stelle gerade für einen nach Selbständigkeit suchenden Menschen der heiligste Antrieb sein könnte, weiter zu suchen, um den Weg zu finden, der vielleicht in etwas ganz anderem bestehen könnte, als einen Brief an jemand zu schreiben: Du, gib mir Anweisungen —, das ist sehr vielen Lesern des Buches eben unbequem. Sie suchen nicht genügend in dem Buche. Und so gehört denn dieses Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», trotzdem es unter den so geschriebenen Büchern heute vielleicht zu den gelesensten gehört innerhalb der deutschen Welt und sogar vielfach in fremde Sprachen übersetzt ist, es gehört zu den Büchern, die am meisten mißverstanden werden. Und es ist doch kinderleicht zu verstehen, wenn man es nur vorurteilslos auf sich wirken läßt. und nicht es sich ins materialistisch Bequeme übersetzt.
[ 11 ] My book *How Does One Gain Insights into the Higher Worlds?* has been widely read over time, not only among those who belong to the various circles of the Anthroposophical Society, but it is also widely read outside those circles today. When reading this particular book, one can time and again have an experience that is exceptionally characteristic. Here and there, someone reads the book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* and writes me a letter about it. And of course, I am always delighted when someone writes me a thoughtful letter about any book or about anything else, but especially about the book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*. But what usually happens is that the letter itself is the clearest proof—the very clearest proof—that the person in question has not understood the book; indeed, they have interpreted the book’s most essential points in light of the most materialistic mindset of our time. For what people usually latch onto when they come across this book is the following. But let us preface this with something else: A whole host of doubts may arise in the mind of anyone who reads the book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* , and there will certainly be many people who can attest that I am always willing to discuss these doubts with others; therefore, I certainly do not want what I am about to say to appear as though it were meant to deter anyone from writing the letter I just mentioned. People should not be deterred from writing this letter, but very often the letter is written because people latch onto a particular point where the subject immediately becomes materialistic to them. Much is said in the book *How to Gain Insight into the Higher Worlds*, which, when observed correctly, leads people precisely to find their own way into the spiritual world—from within themselves, from their own souls. This book in particular is designed to make people as independent as possible, not to impose anything on them through any subjective means, but simply to clear away the obstacles so that they can find the truth for themselves. The best way to begin engaging with this book would be to internalize its content through inner action. But this is where people get hung up on the sentence: “Those who have attained the necessary maturity will find their spiritual teacher if they only seek correctly.” — Well, there we have it! I’ll write a letter to the author of the book, and he’ll become my spiritual teacher; that’s the simplest way! — There we have the materialistic interpretation. The fact that this passage could be the most sacred impetus for someone seeking independence to keep searching—to find a path that might consist of something entirely different from writing a letter to someone saying, “Hey, give me instructions”—is precisely what makes many readers of the book uncomfortable. They do not search deeply enough within the book. And so this book, *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, even though it is perhaps one of the most widely read books of its kind in the German-speaking world today and has even been translated into many foreign languages, is among the books that are most misunderstood. And yet it is child’s play to understand, if one simply allows it to sink in without prejudice—and does not interpret it in terms of materialistic convenience.
[ 12 ] Gewissermaßen suchen die Menschen heute auch hier dasjenige, was sie gewohnt sind auf anderen Gebieten zu suchen. Wie sehr sind die Menschen heute von der Gewohnheit durchdrungen, sich nicht selber zu helfen, das heißt, nicht dasjenige zu lernen, womit man sich in der einen oder anderen Lage helfen kann, sondern sich helfen zu lassen und sich nicht zu bekümmern um die Prinzipien, nach denen ihnen geholfen wird. Wozu braucht man sich heute viel zu bekümmern über die Art und Weise, wie man gesundheitlich am besten lebt? Man läßt es sich verschreiben von einem, der dafür da ist, und man braucht dann nicht nachzuprüfen, nach welchen Prinzipien er verschreibt, man übergibt sein Schicksal demjenigen, der als Autorität aufgestellt ist. Warum sollte man denn nicht gerade auf dem geistigen Wege, auf dem menschlich wichtigsten Wege zunächst den Drang haben, auch sein Schicksal irgendeinem anderen zu übergeben? Aber wenn nun gerade dasjenige Werk, wodurch man dazu angeregt wird, am allermeisten sich zur Aufgabe macht, die Menschenseele selbständig zu machen!
[ 12 ] In a sense, people today are looking for the same things here that they are accustomed to looking for in other areas. To what extent are people today so steeped in the habit of not helping themselves—that is, of not learning what they need to do to help themselves in one situation or another—but rather of letting others help them and not worrying about the principles according to which they are being helped? Why should one worry so much today about the best way to live a healthy life? One has it prescribed by someone whose job it is to do so, and then one need not examine the principles according to which they prescribe; one entrusts one’s fate to the one who is established as an authority. Why shouldn’t one, especially on the spiritual path—the most important path for human beings—initially feel the urge to entrust one’s fate to someone else? But what if the very work that inspires this urge is, above all else, dedicated to making the human soul independent!
[ 13 ] Man darf sagen: Gerade die naturwissenschaftliche Forschung hat heute einen bestimmten Stand erreicht, und dieser Stand der .naturwissenschaftlichen Forschung wäre zugänglich denjenigen, die heute berufen sind, die naturwissenschaftlichen Fächer zu vertreten, wenn nicht die meisten einfach sich in ihr Fach einspinnen und nicht über die Grenzen ihres Faches hinausgehen würden. Wenn sich nur, ich will sagen, ein Dutzend der offiziellen Vertreter — und nur diese werden ja heute gehört — aufraffen würden mit innerster Ehrlichkeit, und dann mit dem, was sich ergibt aus diesem naturwissenschaftlichen Stand, dasjenige prüfen würden, was in’meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», in meiner «Theosophie» steht, dann würden sie alles von der Seite her bewahrheitet finden, die man charakterisieren kann, indem man sagt: Seht euch das Leben an, ob das Leben dasjenige nicht bestätigt, was durch Geisteswissenschaft erfahren werden kann, was hier aus der geistigen Welt heraus gesucht wird! — Wer heute Naturwissenschaft wirklich beherrscht, kommt zur Beglaubigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Dies ist durchaus eine Wahrheit. Aber wir stehen vor der eigentümlichen Tatsache, daß sich gerade diejenigen, die eine solche Prüfung vornehmen könnten, absolut nicht darum kümmern, bis jetzt nicht sich darum gekümmert: haben, daß niemand diese Fragen auch nur aufgeworfen hat — von denjenigen sehe ich ab, die aus unseren Kreisen die Anregung dazu empfangen haben —, daß niemand die Aufgabe sich gestellt hat, die geisteswissenschaftlichen Resultate der Anthroposophie an der, aber voll verstandenen, naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart wirklich zu prüfen! Vor dieser Prüfung braucht die geisteswissenschaftliche Forschung wahrhaftig nicht die geringste Angst zu haben, die wird sie bestehen. Sie soll nur angestellt werden, sie wird bestanden werden. Aber allerdings, in einer Zeit, in der man nicht einmal die Geneigtheit hat, auf die allerprimitivsten Wahrheiten einzugehen, wird diese Prüfung vielleicht noch lange auf sich warten lassen.
[ 13 ] It is fair to say that scientific research in particular has reached a certain level today, and this level of scientific research would be accessible to those who are currently called upon to represent the scientific disciplines if only most of them did not simply shut themselves away in their own fields and fail to look beyond the boundaries of their disciplines. If only, I mean, a dozen of the official representatives—and only they are heard today—would bring themselves to examine, with the utmost sincerity and based on what emerges from this current state of scientific research, what is written in my *Outline of Esoteric Science*, in my *Theosophy*—then they would find everything confirmed from the perspective that can be characterized by saying: Look at life—doesn’t life confirm what can be experienced through spiritual science, what is sought here from the spiritual world! — Anyone who truly masters natural science today comes to validate what anthroposophically oriented spiritual science offers. This is certainly a truth. But we are faced with the peculiar fact that precisely those who could undertake such an examination are absolutely unconcerned with it—and have not concerned themselves with it thus far: that no one has even raised these questions—I make an exception for those in our circles who have been inspired to do so—that no one has set themselves the task of truly testing the spiritual-scientific findings of anthroposophy against the scientific research of the present, which is, however, fully understood! Spiritual scientific research truly has not the slightest reason to fear this examination; it will pass it. It need only be undertaken, and it will be passed. But admittedly, in an age when people are not even inclined to engage with the most elementary truths, this examination may still be a long time coming.
[ 14 ] Den Drang, nicht nur logisch zu sein, sondern wirklichkeitsgemäß zu sein, das heißt, sein Urteil sich nicht nur nach abstrakter Logik, sondern durch Versenkung in die Wirklichkeit zu bilden, diesen Drang haben wenige in unserer Gegenwart. Logisch zu sein, das streben ja viele an, aber erst ein gewisses Gehen hinter die Logik macht es möglich, auch die Tragweite der Logik selber einzusehen, sonst merkt man gar nicht, welche Konfusion man gerade mit solchen sehr zusammenstimmenden Urteilen machen kann. Sehen Sie, mit seinem eigenen Urteil immer übereinstimmend sein, oder mit dem Urteil eines anderen übereinstimmend sein, ist gewiß logisch, es kann aber zu recht sonderbaren Kollisionen führen. Zum gleichen Gedanken kamen Karl V., der Österreicher, und der französische König Franz I. Sie waren gewissermaßen völlig einverstanden mit Bezug auf einen bestimmten Gedanken, den sie verwirklichen wollten. Franz sagte: Mein lieber Bruder will ja ganz genau dasselbe wie ich. Wir beide wollen genau dasselbe. — Sie wollten nämlich beide Mailand erobern! Ja, sehen Sie, da merkt man es — nämlich wenn man den Nachsatz sagt. Aber daß solche Urteile ungeheuer viel herumschwirren und gerade das Denken der Gegenwart beherrschen, zum Unheil dieser Gegenwart, darauf auch nur zu kommen, haben wenige in der Gegenwart die Neigung.
[ 14 ] Few people in our time feel the urge not only to be logical, but to be true to reality—that is, to form their judgments not only on the basis of abstract logic, but through immersion in reality. Many strive to be logical, but only by going beyond logic is it possible to grasp the full scope of logic itself; otherwise, one does not even realize the confusion that can be caused by such seemingly consistent judgments. You see, always agreeing with one’s own judgment, or agreeing with someone else’s judgment, is certainly logical, but it can lead to some rather strange conflicts. Charles V of Austria and King Francis I of France arrived at the same conclusion. They were, in a sense, in complete agreement regarding a specific idea that they wanted to bring to fruition. Francis said: “My dear brother wants exactly the same thing as I do.” “We both want exactly the same thing.”—For they both wanted to conquer Milan! Yes, you see, that’s where you notice it—namely, when you add that little phrase. But few people today are inclined even to consider that such judgments are swarming around in vast numbers and are dominating contemporary thought, to the detriment of the present.
[ 15 ] Es ist merkwürdig, wie — verzeihen Sie das philiströse Bild — erleuchtete Geister zuweilen die Urteilsfähigkeit heute beim Schwanz aufzäumen, wie wenn einer ein Pferd aufzäumte am Schwanz, statt vorne am Haupte. Aber solch ein Aufzäumen wird sofort gelten gelassen, wenn der Betreffende offiziell autorisiert ist. Wer einen Sinn für das Lebendige im Denken, Fühlen und Wollen hat, der konnte seit langen Jahren wahre Qualen ausstehen bei der ganzen Art und Formung, wie manches Denken in der Gegenwart ist. Ich weiß mich jetzt noch zu erinnern, wie ich meine erste Vorlesung in Wien über elliptische Funktionenlehre hörte — verzeihen Sie das Wort, es kommt aber auf den Geist desjenigen an, was ich ausdrücken will, und nicht darauf, daß der eine oder andere das, was ich jetzt heranziehe, versteht. Ich hörte also bei dem damals schon berühmten Professor Leo Königsberger Vorlesungen. Er war so berühmt, daß er, als er zum Professor ernannt war, gleich an die Regierung schreiben konnte, daß er zum Hofrat ernannt werden wolle, nicht bloß zum Professor. Als ich also die erste Vorlesung bei ihm hörte, kam er auf die Frage: Wie verhält es sich mit den Zahlen? Die Menschen nehmen an positive und negative Zahlen. Positive Zahlen entsprechen dem Geld, das ich habe, negative Zahlen dem Geld, das ich nicht habe, das ich schuldig bin. Es gibt aber noch andere Zahlen. Nun bezeichnen die Mathematiker durch eine Linie, in deren Mitte sie eine O schreiben, die positiven und negativen Zahlen: plus 1, plus 2; minus 1, minus 2. Und dazu hat dann der berühmte Gauß noch eine neue Zahlenlinie hinzugefügt, so daß man die Ebene anfüllen kann mit verschiedenen Arten von Zahlen. Ich will über die Berechtigung dieser Zahlenebene nicht sprechen, aber Leo Königsberger begann dazumal seine Vorlesung über die elliptischen Funktionen damit, daß er sagte: Es könnte nun sein, daß jemand heute sagen würde, man könne auch ebensogut senkrecht zu dieser Ebene Zahlen annehmen. Als ich als ganz junger Dachs von sechzehn, siebzehn Jahren die Geschichte mit der Zahlenebene kennengelernt habe, da machte ich dazumal schon einen Einwand: Ich sagte, dann könne man ja auch den Raum mit Zahlen ausgefüllt denken. — Der Lehrer beruhigte mich freundlich, indem er sagte: Na, warten’s bis in die nächsten Jahrhunderte! — was selbstverständlich auf mich, den jungen Dachs, einen großen Eindruck machte. Nun hörte ich Leo Königsberger in Wien dieselbe Frage behandeln. Er sagte: Nehmen wir an, es gäbe diese drei Arten von Zahlen, nicht nur die Zahlen, die in der Ebene der beiden Linien liegen, sondern die Zahlen, die in der dritten Dimension liegen. Wir nehmen hypothetisch an, solche Zahlen gäbe es, und ich würde eine solche Zahl multiplizieren mit einer anderen Zahl. Nun werde ich Ihnen zeigen, daß, wenn man sie multipliziert, das Produkt unter Umständen null sein kann. Da das aber niemals sein kann, so kann es keine solche Zahl geben. — Nun, sehen Sie, so etwas anzuhören ist eine Qual. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob die ganze Geschichte richtig ist oder nicht, aber wenn man das eine annimmt, das andere nicht anzunehmen, sondern die Behauptung aufzustellen: weil das Produkt null sei, könne es keine solche Zahl geben —, so etwas anzuhören, das ist eine Qual, weil selbstverständlich das Richtige dies ist, daß wenn man zwei Zahlen hat, die null geben, man annehmen muß, daß dann null entstehen könne durch Multiplizieren, nicht das Umgekehrte; das ist das Nächstliegende. Aber ob diese Urteile nun in der Mathematik leben, ob diese Urteile in politischen Noten leben, zum Beispiel in den Noten des Herrn Wilson, sie führen eben immer auf dieselben Gedankenformen zurück. Wenn aber diese Urteilsformen leben in denjenigen Urteilen, die da wirksam sein wollen für das Schicksal der Menschheit, dann bedeutet ein Irrtum im Urteil noch etwas ganz anderes als ein Irrtum in einer bloß eingeschränkten wissenschaftlichen Spekulation, wie es in vieler Beziehung die Lehre des Leo Königsberger ist.
[ 15 ] It is strange how—forgive the philistine image—enlightened minds sometimes bridle judgment by the tail these days, as if one were bridling a horse by the tail instead of by the head. But such a way of bridling is immediately accepted if the person in question is officially authorized. Anyone with a sense of the vitality of thought, feeling, and will has had to endure true torment for many years at the very nature and form of much of today’s thinking. I can still recall how I attended my first lecture in Vienna on the theory of elliptic functions—forgive the term, but what matters is the spirit of what I wish to express, not whether one person or another understands what I am now referring to. So I attended lectures by Professor Leo Königsberger, who was already famous at the time. He was so famous that when he was appointed professor, he was able to write to the government right away requesting that he be appointed a Court Councilor, not merely a professor. So when I attended his first lecture, he raised the question: What is the nature of numbers? People distinguish between positive and negative numbers. Positive numbers correspond to the money I have; negative numbers to the money I don’t have—the money I owe. But there are other numbers as well. Mathematicians represent positive and negative numbers with a line on which they write an “O” in the middle: plus 1, plus 2; minus 1, minus 2. And to this, the famous Gauss added yet another number line, so that the plane can be filled with different kinds of numbers. I do not wish to discuss the validity of this number plane, but Leo Königsberger began his lecture on elliptic functions back then by saying: It might be that someone today would say one could just as well assume numbers perpendicular to this plane. When I, as a very young badger of sixteen or seventeen, first learned about the story of the number plane, I raised an objection even back then: I said that one could then just as well imagine filling space with numbers. — The teacher reassured me kindly, saying, “Well, just wait until the next few centuries!” — which, of course, made a great impression on me, the young badger. Now I heard Leo Königsberger address the same question in Vienna. He said: “Let’s assume there are these three types of numbers—not just the numbers that lie in the plane defined by the two lines, but also the numbers that lie in the third dimension. Let’s hypothetically assume such numbers exist, and I would multiply one such number by another. Now I’ll show you that, under certain circumstances, the product of these two numbers can be zero. But since that can never be the case, no such number can exist. — Well, you see, listening to something like that is torture. I don’t want to discuss now whether the whole story is correct or not, but to accept one part while rejecting the other—and to make the claim that because the product is zero, no such number can exist— hearing something like that is torture, because of course the correct view is this: if you have two numbers that add up to zero, you must assume that zero can result from multiplication, not the other way around; that is the most obvious conclusion. But whether these judgments are found in mathematics or in political documents—for example, in Mr. Wilson’s documents—they always lead back to the same forms of thought. But if these forms of judgment are present in those judgments that seek to influence the fate of humanity, then an error in judgment means something entirely different from an error in a merely limited scientific speculation, as is the case in many respects with the teachings of Leo Königsberger.
[ 16 ] Man muß schon darauf aufmerksam machen, wie es zur Charakteristik unserer Gegenwart gehört, daß sich die Menschen mit ihrem Urteil nicht der Wirklichkeit anpassen wollen. Sie wollen nicht in der Wirklichkeit leben, weil sie es in den einfachsten Dingen nicht wollen. Sie wollen bei den einfachsten Dingen dasjenige voraussetzen, was ihnen lieb ist, nicht was sich aus der Wirklichkeit ergibt. Daß man in vieler Beziehung lernen muß, anders zu denken, um aus manchem Unheil der Gegenwart herauszukommen, daß man lernen muß, nicht bloß über alles zu denken, sondern anders zu denken, darauf kommt ungeheuer viel an. Wenn die Menschen mit ihren alten Denkgewohnheiten anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft so recht begreifen könnten, dann würden sie sich schneller einleben können in die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Die aber sollen nicht mit den alten Denkgewohnheiten, sondern sie müssen gerade mit dem neuen Denken erfaßt werden, und darauf lassen sich die Leute so ungeheuer schwer ein.
[ 16 ] It must be pointed out that it is a defining feature of our present age that people do not want to adapt their judgments to reality. They do not want to live in reality, because they refuse to do so even in the simplest matters. Even in the simplest matters, they want to assume what is dear to them, not what arises from reality. The fact that, in many respects, we must learn to think differently in order to escape some of the misfortunes of the present—that we must learn not merely to think about everything, but to think differently—is of immense importance. If people, with their old habits of thinking, could truly grasp anthroposophically oriented spiritual science, then they would be able to familiarize themselves more quickly with the truths of spiritual science. But these truths are not to be grasped with the old habits of thinking; rather, they must be grasped precisely with this new way of thinking—and people find it incredibly difficult to embrace this.
[ 17 ] Nun, das sind so Teile der Gründe, warum es in der Gegenwart so schwierig ist, mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft durchzukommen, einfach weil sie stoßen muß an die allerallernächstliegenden Vorurteile. Aber gerade weil diese Sache so ist, wird Geisteswissenschaft nicht eigentlich bekämpft, denn das Bekämpfen der Geisteswissenschaft steht ja, das muß man gestehen, auf sehr schwachen Füßen. Suchen Sie sich diejenigen wissenschaftlichen Erörterungen einmal auf, welche versuchen, in ernster Weise und auf die Sache eingehend, Geisteswissenschaft, wie sie vorliegt, zu behandeln, suchen Sie sich Abhandlungen oder dergleichen dieses Kalibers auf! Wer sich jemals damit befaßt hat, wird sehen, wie wenig es nach dieser Richtung gibt. Aber es mag ja vielleicht auch gar nicht bequem sein, auf diesem Wege vorwärtszugehen. Denn sehen Sie, mir erzählte vor einigen Jahren einmal ein Student, der eben sich anschickte, an einer sehr bekannten Universität als Philosoph seinen Doktor zu machen: er wollte eine Dissertation schreiben, die ihm geraten worden war von einem berühmten Professor. Diese Dissertation sollte handeln über den großen russischen Denker Solowjow. Dazumal war von Solowjow nicht viel mehr gedruckt als ein paar Sachen, die von Nina Hoffmann herausgegeben worden sind; später kam ja viel mehr heraus. Ich frug den Studenten: Warum gibt Ihnen der Professor gerade den Rat, über diesen Solowjow die Dissertation zu machen? — Ja, sagte der Student, der Professor weiß von diesem Philosophen gar nichts und möchte etwas erfahren. — Das ist also der beste Weg: Man läßt den Schüler eine Doktorarbeit über Solowjow schreiben, wenn der Schüler russisch kann; dann erfährt man etwas über ihn. So entstand denn die Doktorarbeit über Solowjow. Aber ungefähr aus derselben Gesinnung heraus entstehen sehr viele Doktorarbeiten. Es ist geradezu dies vielfach eine Maxime, wie Themen für Doktorarbeiten gegeben werden. Damit aber wird eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung herangezogen, herangezüchtet, könnte man sagen. Der betreffende Professor hätte natürlich nur einen Weg haben können, den Solowjow wirklich kennenzulernen, wenn er die Absicht gehabt hätte, nicht nur Professor der Philosophie zu sein, sondern auch die Philosophie der Gegenwart kennenzulernen in einem ihrer hervorragendsten Vertreter: Er hätte versuchen müssen, Solowjow selber zu studieren, so gut es geht, wenn auch das wenigste von Solowjow übersetzt ist, und er nicht selbst russisch kann. Es ist ein unbequemer Weg, man darf aber schon sagen: Für viele, die zu einem eigenen Urteil über Geisteswissenschaft kommen wollten, ist heute der Weg viel unbequemer, Geisteswissenschaft kennenzulernen. Denn es ist noch ein Unterschied, ob nun ein Professor eine Dissertation machen läßt über Solowjow, oder ob er etwa eine Dissertation machen ließe über die Geisteswissenschaft. Über Solowjow geht es noch halbwegs, ein Urteil zu gewinnen, wenn die Dissertation fertig ist, denn der Schüler ist ja ohnehin gut dressiert, dieses Urteil nur abzugeben in dem Sinne, wie eben Philosophie gelehrt wird. Aber was sollte denn ein heutiger Professor zum Beispiel mit einer Dissertation über Geisteswissenschaft anfangen? Er könnte ja gar nichts damit anfangen. Er würde absolut ratlos davorstehen. Und noch unbequemer ist natürlich der Weg, nicht auf dem Umweg einer Dissertation die Sache kennenzulernen, sondern etwa gar irgendwie erschöpfend die Sache selbst zu studieren.
[ 17 ] Well, these are some of the reasons why it is so difficult today to gain acceptance for anthroposophically oriented spiritual science—simply because it inevitably comes up against the most obvious prejudices. But precisely because this is the case, spiritual science is not actually being opposed, for opposition to spiritual science, one must admit, stands on very shaky ground. Just look for those scientific discussions that attempt to deal with spiritual science as it stands in a serious manner and in depth; look for treatises or similar works of this caliber! Anyone who has ever looked into this will see how little exists in this vein. But perhaps it is simply not convenient to proceed in this way. For you see, a few years ago a student told me—one who was just about to begin his doctoral studies in philosophy at a very well-known university: he wanted to write a dissertation that had been suggested to him by a famous professor. This dissertation was to be on the great Russian thinker Soloviev. At that time, not much more of Soloviev’s work had been published than a few pieces edited by Nina Hoffmann; much more was published later, of course. I asked the student: “Why did the professor specifically advise you to write your dissertation on Soloviev?” “Well,” said the student, “the professor knows nothing at all about this philosopher and would like to learn something about him.” “So that’s the best way: you have the student write a dissertation on Soloviev, provided the student knows Russian; then you learn something about him.” That is how the dissertation on Soloviev came about. But a great many dissertations arise from roughly the same mindset. In many cases, this is practically a maxim for how dissertation topics are assigned. In doing so, however, a certain scholarly mindset is fostered—or, one might say, cultivated. Of course, the professor in question would have had only one way to truly get to know Soloviev if he had intended not merely to be a professor of philosophy but also to understand contemporary philosophy through one of its most outstanding representatives: He would have had to try to study Soloviev himself as best he could, even though very little of Soloviev’s work has been translated and he himself does not know Russian. It is an inconvenient path, but one must admit: For many who wish to form their own judgment about the science of the spirit, the path to understanding it is much more inconvenient today. For there is still a difference between a professor having a dissertation written on Soloviev and, say, having a dissertation written on the science of the spirit. With Soloviev, it’s still somewhat possible to form a judgment once the dissertation is finished, since the student is, after all, well-trained to render that judgment only in the sense in which philosophy is currently taught. But what, for example, would a professor today do with a dissertation on spiritual science? He wouldn’t know what to make of it at all. He would be left completely at a loss. And even more uncomfortable, of course, is the path of getting to know the subject not through the detour of a dissertation, but rather by studying the subject itself in some way that is truly exhaustive.
[ 18 ] Aber alle diese Dinge sind für den ehrlich Suchenden, nach Wahrheit Strebenden der Gegenwart kein Hindernis; er lechzt vielleicht gerade nach Geisteswissenschaft. Viele von Ihnen wissen das, meine lieben Freunde. Aber sie sind ein Hindernis für die meisten, die heute im gewohnheitsmäßigen Leben stehen, diese Geisteswissenschaft anzuerkennen, irgendwie etwas anderes zu tun, als diese Geisteswissenschaft in Grund und Boden zu bohren. Sie geht nicht von ihnen aus, und da sie nicht von ihnen kommt, muß sie in Grund und Boden gebohrt werden. In sachlicher Weise kann man das nicht tun; das zeigen heute schon die Tatsachen. Denn diejenigen, die es versucht haben, an die Geisteswissenschaft heranzukommen, sind in der Regel nicht Gegner geworden, sind gewiß keine blinden Anhänger geworden, aber auch keine Gegner. Es gibt ja solche auch. Aber ein großer Teil unserer Zeitgenossen hat eben einfach das persönliche Interesse, diese Geisteswissenschaft auszutilgen, ihr zunächst das Leben in der Gegenwart unmöglich zu machen. Wird er es auf dem Wege versuchen, den man selbstverständlich, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, voll anerkennen kann, wird er es versuchen, auf dem Wege des ehrlichen literarischen Kampfes das ins Feld zu führen, was man dagegen zu sagen hat, was ein anderer zu sagen hat, so ist selbstverständlich gar nichts dagegen einzuwenden. Allein das will man eben nicht, das ist zu unbequem. Viel bequemer ist es, die ganze Sache auf das persönliche Gebiet hinüberzuspielen, nicht über dasjenige zu sprechen, was in der Geisteswissenschaft gesagt wird, sondern über allerlei anderes zu sprechen. Und das, sehen Sie, ist es gerade, was in unserer unmittelbaren Gegenwart heute versucht wird und in den nächsten Zeiten immer mehr versucht werden wird, und worauf ich einmal doch Ihre Aufmerksamkeit hinlenken möchte. Denn das wird dazu führen, daß zahlreiche Unzufriedene, die immer wiederum aus persönlichen Gründen unzufrieden werden innerhalb unserer Gesellschaft, leicht zu Werkzeugen gemacht werden können für diejenigen, die Anthroposophie aus der Welt schaffen wollen, aber es nicht auf dem ehrlichen Wege anstreben — sie würden auch nicht ans Ziel gelangen auf dem ehrlichen Wege —, die nicht wissenschaftliche Diskussionen anstreben, sondern den ehrlichen Weg meiden, dafür aber danach streben, der geisteswissenschaftlichen Bewegung irgendeinen Skandal anzuhängen und alles ins Persönliche zu übersetzen.
[ 18 ] But none of these things are an obstacle for the sincere seeker, the one striving for truth in the present day; he may indeed be yearning for spiritual science. Many of you know this, my dear friends. But they are an obstacle for most people today who are stuck in their habitual ways of life—an obstacle to recognizing this spiritual science, or to doing anything other than tearing it to shreds. It does not originate with them, and since it does not come from them, it must be torn to shreds. This cannot be done objectively; the facts already show that today. For those who have tried to approach spiritual science have generally not become opponents; they have certainly not become blind followers, but neither have they become opponents. There are, of course, some who do. But a large portion of our contemporaries simply have a personal interest in eradicating this spiritual science, in first making its existence in the present impossible. If they were to attempt this by the means that one—standing on the ground of spiritual science—can, of course, fully acknowledge—if they were to attempt, through the means of an honest literary struggle, to bring to the fore what one has to say against it, what another has to say—then, of course, there is absolutely nothing wrong with that. But that is precisely what they do not want; it is too inconvenient. It is much more convenient to shift the entire matter onto the personal plane—not to speak about what is said in spiritual science, but to speak about all sorts of other things. And that, you see, is precisely what is being attempted in our immediate present today and will be attempted more and more in the times to come—and to which I would like to draw your attention. For this will lead to numerous dissatisfied individuals—who, time and again, become dissatisfied within our society for personal reasons—easily being turned into tools for those who want to do away with anthroposophy but do not seek to do so by honest means—they would not reach their goal by honest means anyway—those who do not seek scientific discussions but avoid the honest path, but instead strive to pin some kind of scandal on the spiritual science movement and reduce everything to personal matters.
[ 19 ] Da ja meine Zeit, über Sachliches zu sprechen, abgelaufen ist, so daß niemand sagen kann, daß ich Ihre Zeit in Anspruch nehme für das, was mit der Gesellschaft und ihren Interessen zu tun hat, statt die sachlichen Fragen zu behandeln, darf ich das Folgende jetzt hinzufügen: Jene Menschen finden sich immer zahlreicher, welche sich geeignet erweisen, von den also charakterisierten Personen gebraucht zu werden, und man hat die Verpflichtung, wenn man es mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ehrlich meint, auf diese Dinge genauer hinzuweisen.
[ 19 ] Since my time for discussing factual matters has run out—so that no one can say I am taking up your time with matters related to society and its interests instead of addressing the factual issues—I would now like to add the following: There are an ever-increasing number of people who prove themselves suitable for use by the individuals thus characterized, and if one is sincere about anthroposophically oriented spiritual science, one has an obligation to point these things out more precisely.
[ 20 ] Da ist ein Mensch — vor vielen Jahren kam sein Name zum erstenmal vor unsere Augen —, er stammt aus einer kleinen Stadt, und Frau Dr. Steiner empfing eines Tages ein Schreiben, wie sie so oft vorkommen: Ich fühle mich unglücklich in meiner Lage, ich möchte meine Lage verbessern. — Und einer der Briefe, die diesen Ton hatten, stellte die Frage nach einem Rat, der dem betreffenden Menschen gegeben werden sollte: ob er besser täte, in irgendein Haus, in ein Geschäft einzuheiraten, oder aber auf irgendeine andere Weise seinen weiteren Weg in der Welt zu suchen. Ja, man muß schon die Wahrheit ungeschminkt sagen, wenn man den Dingen auf den Grund kommen will, und wenn man nicht blind demjenigen, was sich in der nächsten Zeit abspielen wird, gegenüberstehen will. Nun wurde dem Manne zwar begreiflich gemacht, daß wir uns mit der Frage nicht beschäftigen können, ob er irgendwo hineinheiraten solle oder nicht, aber da er nicht nachließ, so wurde ihm auch bereitwillig manches zur Verfügung gestellt, was geeignet war, seinen Bedürfnissen nach geistiger Belehrung, die er zu haben vorgab, entgegenzukommen. Indem er sich solchen geistigen Dingen hingab, wie er sie sich vorstellte, kam er sehr bald darauf, daß es doch für einen so großen Geist nichts wäre, in einer kleinen Stadt ein Geschäft zu versorgen. Er sehnte sich nach größeren Kreisen. Er hatte sich offenbar einiges erspart und kam nach Berlin. Er fand, daß es ja ganz schön ist, Geisteswissenschaft zu treiben, allein er fühlte in sich auch ein besonderes künstlerisches Talent, und er verlangte nun von der Gesellschaft, daß sie dieses fördere. Man kommt ja gerne den Leuten zu Hilfe, nicht wahr. Die Proben, die der Betreffende aus seiner Kunst gab, sprachen zwar gegen alles Talent, aber mancher lernt ja auch ohne Talent so viel, daß es knappen Ansprüchen manchmal genügt. Und so kam es denn, daß der Betreffende an verschiedene Mitglieder, die das oder jenes ihm schaffen konnten, empfohlen wurde, daß man ihn förderte. Allein immer stellte es sich heraus, daß die Sache namentlich daran scheiterte, daß der Betreffende zwar eine Kunst ausüben, aber nichts lernen wollte, weil er der Ansicht war, mehr zu können als alle die Lehrer, die für ihn sorgen wollten. Und die Folge war, daß, weil er jedem Lehrer davonlief, man am Schlusse gar nichts mehr tun konnte. Man hatte Nachsicht über Nachsicht, konnte aber nichts Besonderes mehr tun, es gefiel dem Betreffenden nichts. Denn selbstverständlich war das wiederum in seinen Augen so ein eklatanter Fall, wie die Welt das werdende Genie verkennt! Daß niemand anderer diese Ansicht in ehrlicher Weise teilen konnte, ja, meine lieben Freunde, es war wahrhaftig nicht unsere Schuld. Das ist die Hauptsache, alle anderen Dinge sind Nebensache. Und so ging es denn bei diesem Menschen so, wie es bei vielen geht. Sie suchen zuerst eine Förderung innerhalb unserer Gesellschaft, und wenn ihnen diese Förderung nach ihrem Sinn nicht zuteil wird, werden sie Gegner. Und dann treten sie mit allerlei Dingen auf. Von dem, was hinter den Dingen steht, davon reden sie nie, selbstverständlich. Sie treten mit allerlei Dingen auf, die man dann am besten widerlegt, wenn man erst die Gründe darlegt. Selbstverständlich war es die purste gekränkte Eitelkeit und Unfähigkeit in diesem Falle. Und alles übrige, was nun als Brimborium darauf aufgerichtet wurde, war die allertörichteste Erfindung, die allertörichteste Phantasterei. Aber heute findet man selbstverständlich die Journale, die diese Dinge aufnehmen. Denn der Betreffende, den ich meine, heißt Erich Bamler. Und wenn man den Dingen bei solchen Unternehmungen wahrhaftig auf den Grund geht, dann hat man nicht nötig, sich solch einen Aufsatz herzunehmen, der zumeist gar nichts besagt, weil alle einzelnen Dinge ja gar nicht das ausdrücken, was sie sagen, sondern sie gehen ja aus ganz anderen Dingen hervor. Und man ist eigentlich töricht, wenn man das Wesenlose ernsthaftig widerlegen will. Denn darauf kommt es ja gar nicht an, sondern auf dasjenige, was dahinter liegt.
[ 20 ] There is a man—we first came across his name many years ago—who comes from a small town, and one day Dr. Steiner received a letter, the kind that comes so often: “I feel unhappy in my situation; I would like to improve my situation.” — And one of the letters written in this vein asked for advice to be given to the person in question: whether he would be better off marrying into a family or a business, or seeking his future path in the world in some other way. Yes, one must speak the unvarnished truth if one wants to get to the bottom of things and if one does not want to face the events of the near future blindly. Now, although it was made clear to the man that we could not concern ourselves with the question of whether he should marry into a family somewhere or not, since he persisted, he was willingly provided with a number of things suited to meeting his needs for spiritual instruction, which he claimed to seek. As he devoted himself to such spiritual matters—as he imagined them—he very soon came to the conclusion that it would not be fitting for such a great mind to run a business in a small town. He longed for broader circles. He had apparently saved up some money and came to Berlin. He found that while it was all well and good to pursue the humanities, he also sensed within himself a special artistic talent, and he now demanded that society foster it. People are always happy to help others, aren’t they? The samples of his art that the man in question presented spoke against any talent whatsoever, but some people, even without talent, learn enough to sometimes meet modest expectations. And so it came to pass that the man in question was recommended to various members who could arrange this or that for him, so that he might be supported. But time and again it turned out that the matter failed precisely because, although the person in question practiced an art, he was unwilling to learn anything, since he believed he was more capable than all the teachers who wanted to look after him. And the result was that, because he ran away from every teacher, in the end there was simply nothing more that could be done. We showed patience upon patience, but could do nothing more; nothing pleased the person in question. For, of course, in his eyes this was yet another glaring example of how the world fails to recognize a budding genius! That no one else could honestly share this view—well, my dear friends, it was truly not our fault. That is the main point; all other matters are secondary. And so it was with this man, just as it is with many. They first seek support within our society, and when this support is not granted to them as they see fit, they become opponents. And then they come forward with all sorts of things. They never speak of what lies behind these things, of course. They come forward with all sorts of things that are best refuted only after one has first laid out the reasons. Of course, in this case, it was pure wounded vanity and incompetence. And everything else that was then built up around it as a fuss was the most foolish invention, the most foolish fantasy. But today, of course, you’ll find journals that pick up on these things. For the person in question, whom I’m referring to, is named Erich Bamler. And if one truly gets to the bottom of things in such undertakings, then there is no need to bother with such an essay, which for the most part means nothing at all, because all the individual elements do not actually express what they say, but rather stem from entirely different things. And one is actually foolish to try to seriously refute the insubstantial. For that is not what matters at all; what matters is what lies behind it.
[ 21 ] Nehmen wir einen anderen Fall: Ein Mann, dem es auch nicht gerade an Eitelkeit fehlt, fand sich vor Jahren, nachdem er erst gegen die Anthroposophie allerlei einzuwenden hatte, bei dieser Anthroposophie ein. Ich war der allerletzte, der gerade diese Persönlichkeit geholt hätte. Er fand sich ein. Es zeigte sich mancherlei, das nicht gerade darauf hinauslief, daß diese Persönlichkeit ganz unpersönliche Zwecke in unserer Gesellschaft anstrebte. Das kann man ja auch nicht verlangen, daher kann es auch nicht getadelt werden, wenn man manchmal auch persönlich angestrebten Zwecken schon einigermaßen entgegenkommt. Es wird auch solchen persönlichen Zwecken zuweilen entgegengekommen, weil man gerade auf diesem Umweg manche Menschen doch zum Richtigen führen kann. Und so kam es denn, daß der Betreffende zuerst mit uns recht zufrieden war. Er schrieb nämlich eine Schrift. Ich ließ mich sogar herbei, ein Nachwort dazu zu schreiben, und die Schrift wurde auch aufgenommen in unseren Verlag. Er war gut mit uns; wir waren Leute, mit denen sich reden ließ. Dann ließ der Betreffende eine andere Schrift drucken, und nachdem diese Schrift mancherlei Schicksale gehabt hatte, die uns jetzt nichts angehen, bot er diese wieder dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag an. Es war aber unmöglich, diese Schrift im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag aufzunehmen. Auf den ersten Seiten dieser Schrift steht, ich hätte gewisse Sachen über das Christus-Problem nur angedeutet, und der betreffende Herr möchte das Nähere ausführen. Ich sage das wahrhaftig nicht aus gekränkter Eitelkeit, obwohl in diesem Falle mir dies vorgeworfen wird; aber der Satz, in dem sie mir vorgeworfen wird, ist eine dreiste Unwahrheit, denn die Sache, die da erwähnt wird, hat nicht stattgefunden. Ohne Rücksicht darauf, daß ich vielleicht Grund hatte, nicht weiterzugehen, werden dann Dinge weiter ausgeführt in einer Weise, die einen erinnern kann an eine andere Geschichte, die sich zugetragen hat, und von der diese Geschichte wenigstens eine Miniaturausgabe ist. Auf diese andere Geschichte muß ich auch wiederum zurückkommen und werde es nachher kurz tun. In dieser Schrift des betreffenden Herrn wurden allerlei Dinge, die nur in Vorträgen von mir gesagt waren, einfach mitgeteilt. Frau Dr. Steiner nahm mit Recht daran Anstoß und wies diese Schrift für den Verlag zurück. Und der Herr entwickelte sich, weil ihm diese Schrift zurückgewiesen wurde, zu einem Gegner. Nun kann man freilich nicht sagen, wenn man für ein Journal einen Aufsatz schreibt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist von Grund aus schlecht, weil mir von dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag meine Schrift zurückgewiesen worden ist. Das geht nicht! Aber das wäre die Wahrheit gewesen! Also, man erfindet — trotzdem der Betreffende unzählige Male über die Sache unterrichtet worden ist — das Märchen über die Widersprüche. Der Betreffende weiß sehr gut, wie es sich mit diesen Widersprüchen verhält, aber er macht darüber Zeitungsartikel! Was in diesen Zeitungsartikeln steht, hat keinerlei Bedeutung, denn Gegner ist der Betreffende nicht geworden wegen dieser Sache. Die Sache hätte er ja längst wissen können, als er eingetreten ist. Gegner ist er geworden aus dem angegebenen Grunde. Manche bezweifeln ja, daß man so ohne weiteres die Hypothese aufstellen darf: Was nachher ist, das ist auch kausal durch das Vorhergehende bedingt; aber auffällig bleibt es immerhin, daß die Gegnerschaft des Herrn Max Seiling unmittelbar auf die Zurückweisung seiner Schrift durch unseren Verlag folgte. Selbstverständlich ist es, daß man eine solche Sache leicht ableugnen kann, daß man allerlei einwenden kann, aber es kommt eben nicht darauf an, was der eine oder andere einwendet, sondern darauf, welches die Tatsachen sind.
[ 21 ] Let’s take another case: A man who is not exactly lacking in vanity found himself, years ago—after initially having all sorts of objections to anthroposophy—joining the anthroposophical movement. I was the very last person who would have sought out this particular individual. He came on his own. It became apparent that there were various factors at play that did not exactly suggest this individual was pursuing entirely impersonal goals within our society. One cannot really demand that, of course, so it cannot be criticized if, at times, one accommodates personally motivated goals to a certain extent. Such personal goals are also accommodated from time to time, because it is precisely through this roundabout way that one can lead some people to the right path. And so it came to pass that the person in question was initially quite satisfied with us. He wrote a treatise, in fact. I even went so far as to write an afterword for it, and the treatise was also accepted by our publishing house. He was on good terms with us; we were people with whom he could have a conversation. Then the person in question had another work printed, and after this work had undergone various vicissitudes—which are now none of our concern—he offered it once again to the Philosophical-Anthroposophical Publishing House. However, it was impossible to accept this work at the Philosophical-Anthroposophical Publishing House. On the first pages of this work, it is stated that I had merely alluded to certain matters concerning the Christ problem, and that the gentleman in question would like to elaborate on the details. I truly do not say this out of wounded vanity, although in this case I am being accused of just that; but the statement in which this is held against me is a brazen untruth, for the incident mentioned there never took place. Without taking into account that I may have had reason not to go further, the author then elaborates on certain matters in a way that may remind one of another incident that actually took place, of which this story is at least a miniature version. I must also return to that other incident, and I will do so briefly later. In this text by the gentleman in question, all sorts of things that I had only mentioned in lectures were simply reported. Dr. Steiner was rightly offended by this and rejected the manuscript for publication. And because his manuscript was rejected, the gentleman turned into an opponent. Now, of course, one cannot say when writing an essay for a journal: “The Anthroposophical Society is fundamentally bad because my manuscript was rejected by the Philosophisch-Anthroposophischer Verlag.” That won’t do! But that would have been the truth! So, despite having been informed about the matter countless times, he invents this fairy tale about the contradictions. He knows very well what the situation is regarding these contradictions, but he writes newspaper articles about them! What is written in these newspaper articles is of no significance whatsoever, for he did not become an opponent because of this matter. He could have known about this long ago, when he first joined. He became an opponent for the stated reason. Some doubt, of course, that one can so readily posit the hypothesis that what comes afterward is causally determined by what came before; but it remains striking, nonetheless, that Mr. Max Seiling’s opposition followed immediately after the rejection of his manuscript by our publishing house. Of course, it is easy to deny such a thing and to raise all sorts of objections, but what matters is not what one person or another objects to, but what the facts are.
[ 22 ] Es erinnert das ja tatsächlich an einen etwas genialeren Fall; dies ist nur eine Miniaturausgabe davon. Der genialere Fall ist der, daß ein Herr, der früher in Amerika war, aber ein guter Europäer ist, vor einigen Jahren durch ein altbewährtes Mitglied gerufen, hier in Deutschland sich aufhielt und sich alle möglichen Vorträge angehört hat, überall auch mit großer Emsigkeit die Vorträge zu bekommen suchte, die seit Jahren gehalten worden waren, indem er sie dem oder jenem abverlangte. Nachdem er alles getreulich eingepackt hatte, was er abgeschrieben hatte, ging er wieder nach Amerika. Er sagte dort, daß er hier gewesen sei, daß er sich mit meiner Lehre bekanntgemacht habe, daß er aber nicht zufrieden sein könne mit meiner Lehre, sondern viel tiefer gehen müsse, daher würde man bei ihm manches finden, was in meinen Büchern noch nicht zu finden ist. Denn als er alles ausgeschürft habe, was bei mir zu finden ist, da wäre er berufen worden zu einem Meister, der da irgendwo in den Transsilvanischen Alpen haust; der habe ihm dann vieles mitgeteilt, das er jetzt seinem Buche einverleibe. Nun war aber alles das, was er seinem Buche einverleibte, dasjenige, was er hier in den Vorträgen abgelauscht und was er abgeschrieben hatte! Und dann wurde das Buch genannt: «Rosenkreuzerische Weltanschauung». Es erschien in Amerika und machte dort großes Aufsehen: das Buch also, das kombiniert war aus dem, was er hier von mir gehört hatte, und dem, was der Meister dann in den Transsilvanischen Alpen ihm gesagt haben soll. Nachzuprüfen brauchten die Leute nicht, was von mir war, konnten es auch nicht, denn es war ja zum Teil in unseren interneren Vorträgen gesagt worden. Aber damit nicht genug, daß das nun als ein englisch-amerikanisch geschriebenes Buch erschien, sondern es fand sich eine deutsche Buchhandlung, die das Buch übersetzte und als «Weltanschauung der Rosenkreuzer» herausgab. Der Herausgeber war Dr. Vollrath.
[ 22 ] It actually reminds one of a somewhat more ingenious case; this is merely a miniature version of it. The more ingenious case is that of a gentleman who had previously been in America but is a true European; a few years ago, at the invitation of a long-standing member, he stayed here in Germany and attended all kinds of lectures, diligently seeking out everywhere the lectures that had been given over the years by asking this or that person for them. After he had faithfully packed up everything he had transcribed, he returned to America. There he said that he had been here, that he had familiarized himself with my teachings, but that he could not be satisfied with my teachings—he had to go much deeper—and therefore people would find many things in his work that are not yet to be found in my books. For once he had exhausted everything to be found in my teachings, he claimed to have been called to a master who dwells somewhere in the Transylvanian Alps; this master then imparted much to him, which he is now incorporating into his book. But everything he incorporated into his book was precisely what he had overheard in the lectures here and what he had copied down! And then the book was titled *The Rosicrucian Worldview*. It was published in America and caused quite a stir there—the very book that was a combination of what he had heard from me here and what the Master was said to have told him in the Transylvanian Alps. People did not need to verify what came from me—nor could they, since it had been said, in part, during our internal lectures. But as if that were not enough—that it had now appeared as a book written in English—a German publishing house translated the book and published it as *The Rosicrucian Worldview*. The editor was Dr. Vollrath.
[ 23 ] Das sind nur so einige Proben der Praxis, wie man es macht, meine lieben Freunde! Auf diese Dinge darf schon hingeschaut werden. Es muß darauf hingeschaut werden, denn das sind die Mittel, mit denen man auf der einen Seite benutzt, was auf unserem Boden wächst, und wie man es auf der anderen Seite bekämpft. Es darf schon gesagt werden: Vielleicht wurde niemals mit schlimmeren Mitteln gegen irgend etwas zu kämpfen gesucht, wie jetzt angefangen wird gegen uns zu kämpfen, gerade gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Daher werden Sie es begreiflich finden, wenn, gewissermaßen einer eisernen Notwendigkeit folgend, zu dem einzigen Mittel gegriffen wird, das die Sache zwar nicht abwenden, aber vielleicht einige Besserung bringen kann, wenn auch alles sich zusammentun wird, um den Persönlichkeiten, die mit der Sache verknüpft sind, die denkbar größten Schwierigkeiten zu machen. Allein das eine muß doch bedacht werden: Geredet ist über diese Sache zuviel worden, aber immer eigentlich für taube Ohren. Daher bleibt nichts anderes übrig, als — um der Sache, der wir ja alle ergeben sein müssen, in entsprechender Weise zu dienen — sich einer gewissen eisernen Notwendigkeit zu fügen. Diese eiserne Notwendigkeit ergibt sich einfach. Nehmen Sie an, Geisteswissenschaft würde als Literatur auftreten, würde da sein als Literatur. Es wäre dann ganz unmöglich — in der Theorie ist es möglich, aber gegenüber den konkreten Tatsachen wäre es ganz unmöglich —, daß sich all diese Dinge an die Geisteswissenschaft anschlössen, die sich angeschlossen haben, und die sich in wahrhaft schlimmster, unwürdigster Weise anschließen werden. Dasjenige, was wir unterscheiden müssen von der geisteswissenschaftlichen Bewegung, die eine reine Erkenntnis-, eine Weltanschauungsbewegung der Gegenwart sein will, ist die Anthroposophische Gesellschaft. In der Idee ist diese Anthroposophische Gesellschaft sehr gut, aber in der Praxis entwickelt sie sich — nicht wie mir scheint, sondern wie die Tatsachen lehren — vielfach so, daß jeden Tag Dinge an uns herantreten, welche zeigen, es ist dies keine Übertreibung, wie innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft sich mit einer gewissen Leichtigkeit Cliquenwesen, speziell persönliche Interessen pro und kontra, in der ausgiebigsten Weise entwickeln. Es ist schwierig, die persönlichen Interessen von den rein sachlichen zu trennen auf dem Boden einer Gesellschaft. Aber denken Sie, daß gerade durch den gesellschaftlichen Betrieb Tür und Tor geöffnet wird denjenigen Leuten, die nicht durch ehrliche Diskussion der Geisteswissenschaft entgegentreten wollen, sondern die auf dem Umwege der persönlichen Anschwärzung, durch persönliche Verleumdungen Geisteswissenschaft zu Fall bringen wollen. Denn das darf man schon sagen: sie wollen Geisteswissenschaft zu Fall bringen.
[ 23 ] These are just a few practical examples of how it’s done, my dear friends! These are certainly things worth paying attention to. We must pay attention to them, for these are the means by which, on the one hand, we make use of what grows on our soil, and, on the other hand, we combat it. It must be said: Perhaps never before have worse means been employed to fight against anything than those now being used to fight against us—specifically against anthroposophically oriented spiritual science! You will therefore find it understandable if, following what is, so to speak, an iron necessity, we resort to the only means that, while it may not avert the situation, might perhaps bring about some improvement—even if everyone joins forces to create the greatest possible difficulties for the individuals associated with this cause. Yet one thing must be borne in mind: Too much has been said about this matter, but it has always fallen on deaf ears. Therefore, there is no other option but—in order to serve the cause, to which we must all be devoted, in an appropriate manner—to submit to a certain iron necessity. This iron necessity arises quite simply. Suppose spiritual science were to appear as literature, were to exist as literature. It would then be entirely impossible—in theory it is possible, but in light of the concrete facts it would be entirely impossible—for all these things that have attached themselves to spiritual science, and that will attach themselves in the most terrible, most unworthy manner, to do so. What we must distinguish from the spiritual science movement—which aims to be a pure movement of knowledge and a contemporary worldview—is the Anthroposophical Society. In theory, this Anthroposophical Society is very good, but in practice—not as it seems to me, but as the facts show—it often develops in such a way that every day we are confronted with things that demonstrate—and this is no exaggeration—how, within this Anthroposophical Society, clique-like behavior, especially personal interests for and against, develop with a certain ease and to the greatest extent. It is difficult to separate personal interests from purely objective ones within the framework of a society. But consider that it is precisely through the workings of society that the floodgates are opened to those people who do not wish to engage with spiritual science through honest discussion, but who seek to bring spiritual science down through the roundabout route of personal slander and defamation. For one can certainly say this: they want to bring spiritual science down.
[ 24 ] Vor Jahren habe ich mich entschlossen, den Wünschen der verschiedenen Mitglieder nach persönlichen Besprechungen entgegenzukommen, den jüngsten und ältesten Mitgliedern gegenüber in der weitgehendsten Weise. Nur in den letzten Jahren, als die Sachen schon so herankamen, mußte von der alten Gepflogenheit manchmal sporadisch abgegangen werden; aber eben nur sporadisch, in Ausnahmen. Trotzdem öfter betont worden ist, daß in dem, was in der Literatur vorliegt, und in dem, was hier in den Vorträgen gesagt wird, reichlich vorhanden ist, was der einzelne gerade zu seiner selbständigen Entwickelung braucht, so daß persönliche Rücksprachen sich nur beziehen konnten auf ein Aussprechen eben von Mensch zu Mensch, wird es immer wieder vorkommen, daß an den persönlichen Verkehr der Mitglieder mit mir das tollste Geflunker — verzeihen Sie den Ausdruck — innerhalb der Gesellschaft sich angliedert, und von den Außenstehenden dann die Wege gesucht werden zu allerlei Verunglimpfungen und Verleumdungen. Mit dem Geflunker meine ich, daß nur allzuoft innerhalb des Kreises der Gesellschaft die Menschen recht geneigt sind, wenn sie so ein gut klingendes Wörtchen haben, dieses gutklingende Wörtchen zu ihrer eigenen tiefen Befriedigung zu brauchen. Wie wohl tut es zum Beispiel doch manchem, wenn er sagen kann: Ich bin ein esoterischer Schüler geworden. — Und wie wohl erst tut es manchem, wenn er sagen kann: Ja, weißt du, das ist etwas ganz Geheimnisvolles, das darf ich dir nicht sagen; darüber darf ich dir ja nichts sagen. — Sich in Szene zu setzen, sich ein gewisses Ansehen zu geben, das steckt hinter manchem Ausdruck, der gebraucht wird, und der dann von den Draußenstehenden oft in recht böswilliger Weise mißbraucht wird. Alle diese Dinge, die jetzt gerade in böswilliger Absicht gebraucht werden, hätten niemals sich abspielen können, wenn nicht in ein falsches Licht gerückt würde dasjenige, was zwar berechtigten Wünschen und vielleicht einem ebenso berechtigten Entgegenkommen dieser Wünsche entspricht, das aber nun angesichts dessen, was die Außenwelt daraus macht, nicht weiter aufrechterhalten werden kann, so schwer es mir auch wird, meine lieben Freunde. Selbstverständlich, in der Gesellschaft kann jeder freundschaftliche Verkehr bestehen, aber die eiserne Notwendigkeit zwingt mich dazu, Privataudienzen einzustellen. Mir tut das insbesondere deshalb leid, weil mancher sagen wird: Warum sollen denn die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden? — Aber wenn man in einer Gesellschaft ist, so ist das selbstverständlich ein Karma der Gesellschaft, und es läßt sich die Sache gar nicht anders machen. Alles dasjenige, was sich abgespielt hat in Privatgesprächen, die gesucht worden sind, das ist etwas, was angesichts jener böswilligen Verleumdungen einfach aufhören muß. |
[ 24 ] Years ago, I decided to accommodate the requests of various members for personal meetings, treating both the youngest and oldest members as equitably as possible. Only in recent years, as circumstances have evolved, has it sometimes been necessary to deviate sporadically from the old custom; but only sporadically, in exceptional cases. Nevertheless, it has often been emphasized that what is available in the literature and what is said here in the lectures provides more than enough of what the individual needs for his or her independent development, so that personal consultations could only pertain to a conversation from person to person; yet it will happen time and again that the members’ personal interactions with me give rise to the wildest gossip — forgive the expression — becomes attached to the Society, and outsiders then seek ways to engage in all manner of denigration and slander. By “nonsense,” I mean that all too often within the Society’s circle, people are quite inclined, when they come across such a nice-sounding little word, to use that nice-sounding little word for their own deep satisfaction. How good it feels to some, for example, when they can say: “I have become an esoteric student.” — And how much better it feels to some when they can say: “Yes, you know, that’s something quite mysterious; I can’t tell you that; I’m not allowed to say anything about it.” — To put oneself in the spotlight, to give oneself a certain air of prestige—that is what lies behind many of the expressions that are used, and which are then often misused by outsiders in a rather malicious way. All these things, which are now being used with malicious intent, could never have come to pass if what—though it corresponds to legitimate desires and perhaps an equally legitimate accommodation of those desires—were not being cast in a false light; yet, in light of what the outside world makes of it, this can no longer be sustained, however difficult it may be for me, my dear friends. Of course, friendly relations can exist within society, but ironclad necessity compels me to discontinue private audiences. I am particularly sorry about this because some will say: Why should the innocent suffer along with the guilty? — But when one is part of a society, this is naturally the karma of that society, and there is simply no other way to handle the matter. Everything that has taken place in private conversations that were sought out—that is something that, in light of those malicious slanders, simply must come to an end. |
[ 25 ] Glauben Sie nicht, daß mir das weniger leid tut als Ihnen, aber ich weiß, daß, wie alles, was ich über solche Dinge gesprochen habe, in den Wind gesprochen war, auch mein heutiges Sprechen in den Wind gesprochen sein würde, wenn nicht Maßnahmen getroffen würden, die einfach zwingen, sich den Ernst der Sache zum Bewußtsein zu bringen.
[ 25 ] Do not think that I am any less sorry about this than you are, but I know that, just as everything I have said about such matters has fallen on deaf ears, so too would what I say today fall on deaf ears unless measures were taken that would simply force people to realize the seriousness of the matter.
[ 26 ] Es ist leicht, Verleumdungen anzuknüpfen an dasjenige, was im Privatgespräch mit den einzelnen Mitgliedern gesagt wird, wenn diese Verleumdungen den Grad erreichen, daß zum Beispiel da oder dort gesagt wird, dieses oder jenes Mitglied sei hypnotisiert worden. Nun, meine lieben Freunde, gegenüber diesen Dingen werde ich gleich eine andere Maßregel ergreifen müssen, aus der Sie ersehen werden — und ich rede wirklich aus einfachem Pflichtgefühl gegenüber unserer Bewegung heraus —, daß es mir heute und jetzt in dieser Sache der allerbitterste Ernst ist um der Heiligkeit der Geisteswissenschaft wegen. Wenn einer Bewegung wie dieser einfach als Prinzip zugrunde liegt, in niemandes Freiheitssphäre einzugreifen, und wenn dies streng befolgt wird, wenn alles streng abgelehnt wird, was in eines Menschen Freiheitssphäre eingreift, und man dann gerade mit diesen Dingen krebsen geht, dann ist es notwendig, daß einmal das eintrete, daß alles, was auf unserem Boden wachsen soll, im vollsten Lichte der Öffentlichkeit wächst. Wenn die Dinge in voller Öffentlichkeit wachsen werden, dann wird den Verleumdern der Boden entzogen werden. Aber eine andere Methode gibt es in der Zukunft nicht mehr. Daher werde ich, soweit es an mir ist, danach trachten, daß die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sich in der Zukunft immer mehr und mehr im vollen Lichte der Öffentlichkeit abspielt. Sie hat die Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Und am heutigen Tage erkläre ich Innen ausdrücklich: In bezug auf diejenigen Privatgespräche, die seit Jahren mit den Mitgliedern stattgefunden haben, entbinde ich jeden des Versprechens, nicht über den Inhalt des Gespräches zu sprechen. Jeder kann, soviel ihm selber lieb ist, dasjenige mitteilen, was jemals vorgekommen ist in einem Privatgespräch mit einem Mitglied. Nichts wird sich finden, was das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hätte. Dann wird man auch nicht mehr krebsen gehen können mit Dingen, die etwa auf dem folgenden Boden stehen. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, wie man diese Dinge brauchen kann vor der krassesten Unwissenheit und dem Willen zur krassesten Unwissenheit.
[ 26 ] It is easy to link slander to what is said in private conversations with individual members when such slander reaches the point where, for example, it is claimed here and there that this or that member has been hypnotized. Well, my dear friends, in the face of such things I will have to take a different course of action immediately, from which you will see—and I speak truly out of a simple sense of duty toward our movement—that I am, here and now, taking this matter with the utmost seriousness for the sake of the sanctity of spiritual science. If a movement such as this is founded on the principle of not encroaching on anyone’s sphere of freedom, and if this is strictly observed—if everything that encroaches on a person’s sphere of freedom is strictly rejected—and yet one goes about spreading precisely these kinds of rumors, then it is necessary that a point be reached where everything that is to grow on our ground grows in the full light of public scrutiny. If things are to grow in full public view, then the ground will be pulled out from under the slanderers. But there will be no other method in the future. Therefore, as far as it is up to me, I will strive to ensure that anthroposophically oriented spiritual science takes place more and more in the full light of public scrutiny in the future. It has no reason to shy away from the public eye. And today I expressly declare to you: With regard to those private conversations that have taken place with members over the years, I release everyone from the promise not to speak about the content of the conversation. Everyone may, as much as they wish, share whatever has ever occurred in a private conversation with a member. Nothing will be found that should be kept from the public eye. Then it will no longer be possible to engage in underhanded dealings based on matters such as those I am about to describe. Let me give you an example of how such matters can be exploited in the face of the most blatant ignorance and the will to remain in the most blatant ignorance.
[ 27 ] Nicht nur jener Erich Bamler, sondern auch noch andere, die aber ebenso «ehrlich» wie er kämpfen, haben vorgebracht und glauben im Grunde, daß ihnen unter allerlei esoterisch genannten Grundsätzen auch dieser gegeben worden wäre: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der Notwendigkeit, wie wenn es notwendig wäre, als ein gegebenes notwendiges Geschick.» Es tut eine Zeitlang wohl, solange man sich innerhalb der Gesellschaft gefördert glaubt, wenn man eine solche Regel bekommen hat, zu sagen: Ich bin ein esoterischer Schüler, denn ich meditiere immerfort: «Sieh alles, was dich umgibt, an im Lichte der Notwendigkeit.» — Aber warum ist denn gerade jenen Leuten diese Regel gegeben, diese Regel angeraten worden? Aus dem einfachen Grunde, weil sie es nach ihrer Seelenverfassung brauchten! Es war ein durchaus nicht in ihre Freiheit eingreifender Ratschlag, sondern ein Ratschlag, dessen Tragweite und dessen Esoterik Sie beurteilen wollen, wenn ich Sie auf folgendes hinweise: Schopenhauer sagt in seiner Preisschrift über die Freiheit des Willens gegen den Schluß seines Aufsatzes, unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend: «Alles was geschieht, vom größten bis zum kleinsten, geschieht notwendig»; und er spricht von der beruhigenden Wirkung der Erkenntnis des Unvermeidlichen und Notwendigen. Es ist also den Leuten nichts anderes angeraten worden als dasjenige, was selbst Schopenhauer für ein erprobtes Mittel hält, über gewisse Seelendepressionen hinauszukommen.
[ 27 ] Not only Erich Bamler, but also others who fight just as “honestly” as he does, have argued—and fundamentally believe—that among all sorts of so-called esoteric principles, they too have been given this one: “ View everything around you in the light of necessity, as if it were necessary, as a given, inevitable fate.” For a while—as long as one feels supported within the community—it feels good, once one has received such a rule, to say: “I am an esoteric student, for I meditate constantly on: ‘View everything around you in the light of necessity.’” — But why, then, was this rule given—why was it recommended—to precisely those people? For the simple reason that, given the state of their souls, they needed it! It was by no means advice that infringed upon their freedom, but rather advice whose significance and esoteric nature you may judge for yourselves when I point out the following: Schopenhauer says in his prize-winning essay on the freedom of the will, toward the end of his treatise concerning our attitude toward the course of the world and fate: “Everything that happens, from the greatest to the smallest, happens necessarily”; and he speaks of the soothing effect of recognizing the inevitable and the necessary. Thus, people were advised of nothing other than what Schopenhauer himself considers a proven remedy for overcoming certain forms of mental depression.
[ 28 ] Nun, bei der Spekulation auf die krasseste Unwissenheit und auf den Willen zur krassesten Unwissenheit lassen sich natürlich den Leuten allerlei schöne Märchen erzählen: daß man grün und blau, besonders an den Beinen, geworden ist, indem man solche Grundsätze befolgt hat. Und bei jenen, die bei allem etwas Esoterisches aus den Fingern saugen wollen, lassen sich diese Dinge natürlich als Verleumdungen anbringen. Aber eben gerade wenn wir wissen, daß die Dinge, die in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft getrieben werden, von notwendigen Bedürfnissen tatsächlich gefordert werden, dann werden wir es begreiflich finden können, daß eine solche Maßregel, wie die vorher erwähnte, einmal wirklich ergriffen werden muß; einfach aus dem Grunde, damit man sieht, daß die Dinge ernst gemeint sind, um welche es sich handelt. Beklagen Sie sich nicht bei mir, der es ebenso hart empfindet wie Sie; beklagen Sie sich bei denjenigen, auf die ich Sie deutlich hingewiesen habe, und die es unmöglich machen, daß eine solche Maßregel vermieden werde. Mir ist es heute sehr schwer, Privatgespräche, die ja zahlreiche Mitglieder wünschen, aus diesen prinzipiellen Gründen ablehnen zu müssen. Ich weiß selbstverständlich auch, daß dieses auch wiederum als Verleumdung gegen mich ausgenützt werden wird, aber ich kann mich nicht nach persönlichen Gründen richten, sondern nach dem muß ich mich richten, was für unsere Bewegung notwendig ist. Das heißt, ich muß mich fügen dem Prinzip, ernst zu machen mit dem, was immer wieder und wiederum auf der einen Seite Anlaß gibt zum Geflunker, auf der anderen Seite der Anlaß ist zu den Verunglimpfungen und Verleumdungen von seiten derjenigen, die nicht ehrlich Geisteswissenschaft widerlegen wollen, sondern die sie auf andere Weise aus der Welt schaffen wollen.
[ 28 ] Well, by speculating on the most blatant ignorance and on the desire for the most blatant ignorance, one can, of course, tell people all sorts of lovely fairy tales: that one has turned green and blue—especially on the legs—by following such principles. And for those who want to conjure up something esoteric out of thin air in everything, these things can, of course, be presented as slander. But precisely because we know that the work being done in anthroposophically oriented spiritual science is actually driven by necessary needs, we will be able to understand that a measure such as the one mentioned earlier must indeed be taken at some point—simply so that people can see that the matters at hand are meant seriously. Do not complain to me, for I find this just as difficult as you do; complain to those whom I have clearly pointed out to you, and who make it impossible to avoid such a measure. It is very difficult for me today, for these matters of principle, to have to refuse private conversations, which many members desire. I am, of course, also aware that this, in turn, will be exploited as slander against me, but I cannot act on the basis of personal considerations; rather, I must act in accordance with what is necessary for our movement. This means I must adhere to the principle of taking seriously what, time and again, on the one hand gives rise to idle talk, and on the other hand is the cause of denigration and slander on the part of those who do not honestly wish to refute spiritual science, but rather seek to eliminate it by other means.
[ 29 ] Prüfen Sie vieles von dem, was vorgegangen ist, Sie werden finden: die Anlässe stammen immer aus der Gesellschaft heraus. Angegriffen wird sehr selten die Gesellschaft, der Angriffspunkt bin gewöhnlich ich oder meine allernächste Umgebung. Prüfen Sie die Dinge. Aber indem man mich angreift, ist es schon so, daß man gerade in mir die Geisteswissenschaft treffen will. Denn es ist dem einen oder anderen höchst gleichgültig, ob da oder dort ein törichter esoterischer Ratschlag gegeben wird; die werden in der Welt genug gegeben. Was den Leuten aber nicht gleichgültig ist, das ist, daß Geisteswissenschaft in der anthroposophischen Orientierung ein Kulturfaktor unserer Zeit ist, daß sie mitsprechen will. Das ist den Leuten nicht gleichgültig. Winkelesoteriker, die sind den Leuten gleichgültig; derjenige aber nicht, der nach seinem Schicksal nicht ein Winkelesoteriker bleiben kann. Den Winkelesoteriker würde man nicht treffen wollen, wenn er in Berlin vor fünfzig Leuten sitzt und denen Ratschläge geben würde. Man hat erst mit den Angriffen angefangen, als die Bücher über eine gewisse Zahl hinausgingen. Es wäre eine Sünde wider den Geist der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sie zugrunde gehen zu lassen, wenn es sich vielleicht verhindern läßt dadurch, daß einmal, vielleicht nur für eine Zeitlang, einiges entbehrt werden muß, weil sich die Moralität der Menschen der Gegenwart so entpuppt, wie sie sich jetzt entpuppt hat.
[ 29 ] Examine much of what has happened, and you will find that the causes always stem from society. Society itself is very rarely the target of attack; the target is usually me or my immediate circle. Examine these matters. But by attacking me, the intention is precisely to strike at spiritual science itself. For some people are utterly indifferent to whether foolish esoteric advice is given here or there; there is plenty of that in the world. What people are not indifferent to, however, is that spiritual science, in its anthroposophical orientation, is a cultural factor of our time—that it seeks to have a say. People are not indifferent to that. People are indifferent to armchair esotericists; but they are not indifferent to the one who, by virtue of his destiny, cannot remain an armchair esotericist. No one would want to meet the back-alley esotericist if he were sitting in Berlin in front of fifty people, giving them advice. The attacks only began once the books exceeded a certain number of copies. It would be a sin against the spirit of anthroposophically oriented spiritual science to let it perish if this might be prevented—even if it means, perhaps only for a time, having to do without certain things, because the morality of people today is turning out the way it has now turned out.
[ 30 ] Man hat oft erlebt, daß Dinge falsch dargestellt werden; aber wie es den Dingen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegenüber gemacht wird, wie Dinge erfunden werden, die gar nicht da sind und etwas ganz anderes, als stattgefunden hat, erzählt wird, das gehört doch zu den allergrößten Seltenheiten, selbst in der Geschichte der Menschheit. Und eine Neigung muß man haben, nicht bloß die Lawine zu sehen, wenn sie die Dörfer unten verschüttet, sondern die Neigung muß man haben, den Schneeball zu sehen, der von oben fällt, denn der wird zur Lawine. Gewiß, ich habe lange zugesehen und immer wieder und wiederum ermahnt, aber man hat die Ermahnungen nicht recht gehört oder jedenfalls sich nicht viel daraus gemacht. Die Menschen außerhalb unserer Gesellschaft werfen mir vor, einer meiner größten Fehler sei — heute zählen sie schon größere auf, das war vor einem Jahr —, daß ich blinde Anhänger mache, daß ich blind autoritätsgläubige Anhänger habe. Ich darf wohl sagen: Wenn es auf irgend etwas ankommt, wo man mir etwas Vertrauen von seiten der Mitglieder der Gesellschaft entgegenbringen und auf das Vertrauen hin das eine oder andere tun sollte, da finde ich in der Regel nicht sehr viel Anhängerschaft. Da geschieht in der Regel das Gegenteil von dem, was meine Meinung ist. So war es die ganzen Jahre hindurch. Es ist eigentlich immer das Gegenteil von dem geschehen, was meine Meinung war. Nur merkt man es nicht, weil ja in vielen Kreisen eine besondere Methode befolgt worden ist: Man hat weniger nach meiner Meinung gefragt, sondern nach der eigenen Meinung und hat dann den Leuten erzählt: Das hat er gesagt. — Ich war sehr weit entfernt davon, das gesagt zu haben, aber der Betreffende hätte gerne gehabt, daß ich es gesagt hätte; so hat er denn erzählt, ich hätte es gesagt. Es ist schon so: Wenn in der Außenwelt erzählt wird, daß ich blinde Anhänger habe, so zeigt die Praxis der Gesellschaft, daß das vollständige Gegenteil der Fall ist, in bezug auf die Dinge wenigstens, wo man mir mit einigem Vertrauen entgegenkommen müßte, weil ich mich manchmal jahrelang um ein Urteil bemüht habe, und der andere nicht.
[ 30 ] It is often the case that things are misrepresented; but the way in which matters pertaining to anthroposophically oriented spiritual science are treated—the way in which things are invented that do not exist at all, and accounts are given of events that are entirely different from what actually took place—is truly one of the greatest rarities, even in the history of humanity. And one must have a tendency not merely to see the avalanche when it buries the villages below, but one must have a tendency to see the snowball falling from above, for that is what becomes the avalanche. Certainly, I have watched for a long time and warned again and again, but people have not really heard the warnings—or at any rate, have not taken them very seriously. People outside our society accuse me of having one of my greatest faults—today they already list greater ones; that was a year ago—namely, that I create blind followers, that I have followers who blindly believe in authority. I can safely say: Whenever something important comes up—where the members of the Society should place some trust in me and, based on that trust, take one action or another—I generally find very little support. As a rule, the opposite of my opinion happens. That’s how it’s been all these years. In fact, the opposite of my opinion has always happened. But you don’t notice it, because in many circles a particular method has been followed: People have asked less about my opinion and more about their own, and then told others, “That’s what he said.”—I was very far from having said that, but the person in question would have liked me to have said it; so he went around saying that I had said it. It’s true: When it’s said in the outside world that I have blind followers, the reality of society shows that the exact opposite is the case—at least with regard to matters where people ought to approach me with some trust, because I have sometimes spent years striving to form a judgment, while others have not.
[ 31 ] Das alles wird wirklich nicht ausgesprochen, um, wie man in Österreich sagt, zu raunzen oder zu greinen, oder gewissermaßen zu zetern, sondern das wird gesagt, weil die Symptome sich täglich jetzt zeigen, die darauf hinausgehen, daß auf dem angedeuteten Wege unserer geistigen Bewegung der Garaus gemacht werden soll, und weil die Neigung entstehen muß, den Schneeball oben zu sehen, und nicht erst die Lawine, wenn sie unten angekommen ist. Gerade ein paar Stunden bevor ich hierher gekommen bin, wurde mir unter anderem ein Brief vorgelesen, in dem wieder einmal erzählt wird, daß zwei aneinander gekommen sind; ich will keine Namen nennen, so kann man einen solchen Fall einfach als Fall anführen. Dem einen wird zur Last gelegt, daß er mit dem anderen Hypnose treibe, daß er sogar sich hinter den anderen gesetzt und meditiert habe in dessen Genick hinein, damit dem Betreffenden allerlei Schädliches in der Seele entstehe. Und die Sache wird dann weiter verfolgt. Es ist nur ein Fall, der letzte, nein, nicht der letzte, es kam hinterher noch ein anderer, aber es ist der, den ich vor drei Stunden gelesen habe. Das ist heute eine harmlose Sache, in ein paar Jahren braucht sie es nicht mehr zu sein: daß der eine sich hinter den anderen gesetzt haben soll, um ihm allerlei Schädliches ins Genick hinein zu meditieren und dadurch Einfluß auszuüben. Daß der Betreffende so harmlos in der Sache ist, wie nur möglich, daran besteht kein Zweifel. Aber heute, meine lieben Freunde, spielt das zwischen zwei Mitgliedern; in ein paar Jahren ist es zu einem «Fall Steiner» gemacht, der wiederum für solche «Studien» einen ganz netten Fall abgibt. Vielleicht geht es auch schneller und bedarf nicht erst der paar Jahre.
[ 31 ] All this is certainly not being said in order to, as they say in Austria, grumble or whine, or, so to speak, rant; rather, it is being said because the symptoms are now becoming apparent on a daily basis, symptoms that point to the fact that the path of our spiritual movement, as indicated, is to be brought to an end, and because the tendency must arise to see the snowball at the top, and not just the avalanche once it has reached the bottom. Just a few hours before I came here, among other things, a letter was read to me in which it is recounted once again that two people have clashed; I do not wish to name names, so one can simply cite such a case as an example. One of them is accused of practicing hypnosis on the other, of even having sat behind the other and meditated into the back of his neck, so that all manner of harmful things might arise in the other’s soul. And the matter is then pursued further. It is just one case—the latest one; no, not the latest—another one came afterward—but it is the one I read three hours ago. Today this is a harmless matter, but in a few years it need not be so: that one person is said to have sat behind another to meditate all sorts of harmful things into the back of his neck and thereby exert influence. There is no doubt that the person in question is as harmless in this matter as could possibly be. But today, my dear friends, this is happening between two members; in a few years, it will be turned into a “Steiner case,” which in turn makes for a very nice case study for such “research.” Perhaps it will happen even faster and won’t take those few years.
[ 32 ] Also, begreifen Sie es, daß wirklich eine für mich außerordentlich harte Notwendigkeit vorliegt, wenn ich für die nächsten Zeiten zu dem greifen muß, daß ich auf der einen Seite eben sage: Es muß versucht werden, daß sich Geisteswissenschaft in der vollen Öffentlichkeit abspielt. Niemand wird dadurch irgendwie zu kurz kommen, niemand wird irgendwie das nicht finden, was er suchen muß, weil sich alles in voller Öffentlichkeit abspielt. Aber all das Geschwätz: Das ist etwas geheimnisvoll Mystisches, das darf man nicht sagen und so weiter —, das soll keine Veranlassung mehr geben können zu allerlei Verleumdungen. Unser Verkehr mag noch so freundschaftlich sein, er darf kein anderer sein für die nächste Zeit als ein solcher, der von Freund zu Freund stattfindet, denn Privatgespräche müssen prinzipiell für die nächste Zeit aufhören. Vielleicht finden sich dadurch unsere lieben Mitglieder genötigt, wenn es auch unbequem ist, den Dingen doch etwas mehr nachzugehen und sich zu kümmern um die Dinge, um die man sich bisher ja recht wenig gekümmert hat.
[ 32 ] So, please understand that I am truly faced with an extraordinarily difficult necessity when, for the time being, I must resort to saying, on the one hand: We must strive to ensure that spiritual science takes place in full public view. No one will be shortchanged in any way; no one will fail to find what they are seeking, because everything takes place in full public view. But all that chatter—that it’s something mysterious and esoteric, that one mustn’t speak of it, and so on—must no longer be allowed to give rise to all manner of slander. No matter how friendly our interactions may be, for the time being they must be nothing other than those that take place between friends, for private conversations must, as a matter of principle, cease for the time being. Perhaps this will compel our dear members—even if it is inconvenient—to delve a little deeper into these matters and to concern themselves with things that, until now, have received very little attention.
[ 33 ] Wie gesagt, verzeihen Sie es, daß ich diese Sachen heute hier angebracht habe; ich habe sie ja angebracht in der Zeit, als der eigentliche Vortrag schon vorüber war, aber ich habe sie anbringen müssen, weil sie mit den Lebensfragen der Anthroposophischen Gesellschaft, der anthroposophischen Bewegung zusammenhängen. Dies, und nicht eine Unfreundlichkeit ist es, wenn ich sehr, sehr bedauern muß, in der nächsten Zeit die immer bereitwillig abgehaltenen Privatgespräche mit den lieben Mitgliedern nicht abhalten zu können. Dann wird dasjenige nicht entstehen können, wirklich im Konkreten nicht entstehen können, was so gerne von den böswilligen Feinden gesucht wird. — Denn, meine lieben Freunde, einen Einwand könnten Sie selbstverständlich machen, und es macht ihn jeder von sich aus in begreiflicher Weise, indem er nämlich findet: Mit mir könnte er aber sprechen. — Das hat jeder von denjenigen gesagt, die jetzt in der unflätigsten Weise ihre Angriffe erfolgen lassen; und manche von denjenigen, die jetzt die Werkzeuge ihrer Protektoren sind, wurden von sehr, sehr angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft an die Gesellschaft herangebracht. In gewisser Beziehung muß es schon anders werden, aber es kann nur durch die Mitglieder anders werden.
[ 33 ] As I said, please forgive me for bringing up these matters here today; I did so after the actual lecture had already ended, but I had to address them because they are connected to the vital issues facing the Anthroposophical Society and the anthroposophical movement. This—and not any unfriendliness—is why I must express my deep, deep regret that in the near future I will not be able to hold the private conversations with our dear members that I have always been so willing to conduct. Then what is so eagerly sought by our malicious enemies will not be able to arise—it will truly not be able to arise in concrete terms. — For, my dear friends, you could of course raise an objection—and indeed, everyone does so of their own accord, quite understandably, by thinking: “But he could speak with me.” — That is what every one of those who are now launching their attacks in the most vile manner has said; and some of those who are now the tools of their protectors were introduced to the Society by very, very distinguished members of the Society. In a certain respect, things must change, but they can only change through the members.
