Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175
13 Februar 1917, Berlin
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir vor acht Tagen hier anstellten, gipfelten darin, daß es dem Geistesforscher wohl bekannt ist, wie wir gegenwärtig, trotzdem in der Außenwelt gewissermaßen der Höhepunkt, der Kulminationspunkt materialistischer Anschauung, materialistischer Gesinnung herrscht, wie wir trotzdem geistig in dem Anfangszeitlaufe einer Entmaterialisierung der Gedanken, der Vorstellungswelten stehen, was dann im Laufe der Zeit auch zu einer Vergeistigung, zu einem Durchdringen mit dem Geiste des Erdenlebens als solchem führen muß. Denn dasjenige, was das äußere Leben des physischen Planes ergreifen soll, es muß ja zuerst ergriffen werden von einigen und dann von immer mehr und mehr Menschen im geistigen Begreifen, im geistigen Erfassen. Und Geisteswissenschaft soll in dieser Beziehung ein An‚fang davon sein, daß die Menschen sich erheben in ihren Seelen zu dem, wozu sich heute schon die Seelen erheben können, wenn sie wollen, und wovon das äußere physische Leben noch kein Abbild ist, was es aber werden muß, wenn die Erde nicht gewissermaßen versumpfen soll im Niedergang der materialistischen Entwickelung. Man könnte die Situation des heutigen Menschen dadurch bezeichnen, daß man sagt, seine Seele ist eigentlich im allgemeinen ganz nah der geistigen Welt; aber die Vorstellungen und namentlich die Empfindungen, die aus der materialistischen Weltauffassung und materialistischen Weltgesinnung kommen, haben einen Schleier vor dasjenige gewoben, was im Grunde genommen heute ganz nahe vor der menschlichen Seele steht. Der Zusammenhang des physischen Erdendaseins — in dem doch der heutige Mensch, trotz mancherlei Deklamationen, die nach anderer Richtung hin gemacht werden, steht, mit seinem ganzen Wesen steht —, der Zusammenhang zwischen diesem materialistischen Erdendasein und der geistigen Welt kann von den Menschen gefunden werden, wenn der Mensch versucht, innere, mutvolle Kräfte zu entwickeln, um nicht nur dasjenige zu begreifen, was er begreifen kann dadurch, daß es sich vor seine äußeren Sinne als Natur malt, sondern auch dasjenige zu begreifen, was unsichtbar bleibt, was übersinnlich bleibt, womit man sich aber vereinigen und es erleben kann, wenn man die innere Kraft der Seele so weit aufrüttelt, daß man merkt, daß in dieser inneren Kraft der Seele ein übermenschliches Geistiges mitlebt.
[ 2 ] Dieser Zusammenhang darf nun nicht so gesucht werden, wie heute menschliche Zusammenhänge gesucht werden und menschliche Zusammenhänge verfolgt werden im groben äußeren Sinnesdasein. Denn der Zusammenhang zwischen der Menschenseele und der geistigen Welt wird gefunden werden in intimen Kräften der menschlichen Seele; in Kräften, welche diese menschliche Seele entwickelt, wenn sie Aufmerksamkeit entfaltet, innere, stille, ruhige Aufmerksamkeit, zu der sich der Mensch erst wiederum erziehen muß, nachdem er im materialistischen Zeitalter gewöhnt worden ist, Aufmerksamkeit auf dasjenige allein zu verwenden, was sich ihm mit Wucht von außen aufdrängt, was gewissermaßen an das Auffassungsvermögen heranschreit. Der Geist, der im Innern erlebt werden soll, der schreit nicht, der läßt auf sich warten, und man kommt ihm nahe, wenn man versucht, sich vorzubereiten auf dieses Nahekommen. Wenn man sagen kann gegenüber den Dingen der Außenwelt, die vor unsere Sinne sich hinstellen, die der äußeren Wahrnehmung sich aufdrängen: sie kommen heran, sie sprechen zu uns, so kann man ein ähnliches Wort nicht anwenden auf die Art und Weise, wie der Geist, die geistige Welt, an uns herankommt. Da die heutige Sprache, wie ich oft schon gesagt habe, mehr oder weniger geprägt ist für die äußere physische Welt, so ist es ja schwierig, Worte zu finden, die ein genaues Abbild desjenigen sind, was in der geistigen Welt vor der Seele steht. Aber man kann annäherungsweise doch versuchen zu zeigen, wie andersartig das Geistige an den Menschen herankommt als das Physische. Man möchte da sagen, das Geistige wird erlebt, indem man in jenem Augenblick, da man es erlebt, das Gefühl hat: man verdankt sich ihm. Fassen Sie dieses Wort genau auf: Man verdankt sich der geistigen Welt.
[ 3 ] Der physischen Welt stehen wir so gegenüber, daß wir sagen: Vor unseren Sinnen breitet sich aus das Mineralreich, aus demselben hervorgehend das Pflanzenreich, das Tierreich, und dann unser eigenes Reich, das menschliche. Und innerhalb des menschlichen fühlen wir uns gewissermaßen als obenstehend in der Aufeinanderfolge dieser äußeren Reiche. Gegenüber den geistigen Reichen fühlen wir uns untenstehend und die anderen Reiche über uns sich erhebend, die Reiche der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Und man fühlt sich so, daß man sich in jedem Augenblick gegenüber diesen Reichen fühlt als von ihnen erhalten und im Grunde fortwährend ins Leben gerufen. Man verdankt sich diesen Reichen. Man blickt zu ihnen auf, indem man sagt: Das eigene Leben, der eigene Seeleninhalt fließt aus den willensvollen Gedanken der Wesen dieser Reiche hernieder und bildet uns fortwährend. Dieses Gefühl des Sich-Verdankens den höheren Reichen sollte bei den Menschen ebenso lebendig entwickelt werden wie das Gefühl, sagen wir, daß man von außen Eindrücke bekommt in der physischen Wahrnehmung. Wenn diese beiden Empfindungen — die äußeren sinnlichen Dinge wirken auf uns, und dasjenige, was im Mittelpunkt unseres Wesens lebt, ist verdankt den höheren Hierarchien —, gleich lebendig in unserer Seele sind, dann ist die Seele in jenem Gleichgewicht, wo sie fortdauernd wahrnehmen kann in der rechten Weise das Zusammenwirken des Geistigen und des Physischen, das ja fortdauernd stattfindet, das aber ohne das Gleichgewicht dieser beiden charakterisierten Empfindungen eben nicht wahrgenommen werden kann.
[ 4 ] Die Entwickelung in die Zukunft hinein muß nun so geschehen, daß der Erdenentwickelung durch das Vorhandensein dieser beiden Empfindungen in der Menschenseele Kräfte zuwachsen, welche ihr in der heutigen materialistischen Zeit nicht zuwachsen können. Wir wissen ja, dasjenige, was hier gemeint ist, das deutet auf etwas hin, das sich gar sehr im Laufe der Menschheitsentwickelung geändert hat. Der Zusammenhang mit der geistigen Welt war in einer, allerdings dumpf bewußten Form, nur in der Urzeit der Menschheitsentwickelung vorhanden. Die Menschen hatten in der Urzeit ihrer Entwickelung nicht nur die beiden Zustände, die sie jetzt haben, Wachen und Schlafen und dazwischen ein chaotisches Träumen, sondern sie hatten einen die Wirklichkeit vermittelnden dritten Zustand, der nicht bloß ein Träumen war, sondern ein Auffassen in Bildern, wenn auch das Bewußtsein herabgedämpft war; ein Auffassen in Bildern, aber in Bildern, welche entsprachen einer geistigen Wirklichkeit. Zur Entwickelung des menschlichen Erdenvollbewußtseins mußte, wie wir wissen, diese Art der Auffassung der Welt beim Menschen zurücktreten. Der Mensch wäre nicht frei geworden, wenn dieser Zustand verblieben wäre. Der Mensch wäre nicht frei geworden, wenn er nicht allen Gefahren und Anfechtungen und Versuchungen des Materialismus ausgesetzt gewesen wäre. Aber der Mensch muß auch wiederum den Weg zurückfinden zur geistigen Welt, die er ergreifen muß im vollen irdischen Bewußtsein.
[ 5 ] Dies hängt zusammen mit ganz weiten Vorstellungskomplexen, die sich mit alledem geändert haben im Laufe der Menschheitsentwickelung, was sich so geändert hat, wie wir es jetzt angedeutet haben. Das Zusammenleben mit den aus diesem physischen Dasein hinweggegangenen Seelen war einfach für die Urzeit der Menschen ein selbstverständliches, das man nicht zu beweisen brauchte, denn in jenem Bewußtseinszustand, wo die Menschen in Bildern die geistige Welt wahrnahmen, lebten sie auch zusammen mit denjenigen, die irgendwie durch Karma mit ihnen verbunden waren im Leben und durch des Todes Pforte in die geistige Welt hinein gegangen waren. Sie wußten einfach: Die Toten sind vorhanden; sie sind nicht tot, sie leben; sie leben nur in einer anderen Form des Daseins. — Dasjenige, was man wahrnimmt, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Über Unsterblichkeit brauchte man in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht nachzudenken, denn man erlebte die sogenannten Toten. Aber weitgehende andere Wirkungen hatte dieses Zusammenleben mit den Toten. Die Toten fanden die Möglichkeit leichter als in der Gegenwart — ich sage nicht, daß sie sie in der Gegenwart nicht finden, aber ich sage, sie fanden die Möglichkeit leichter als in der Gegenwart —, durch die Menschen, denn dies ist der Weg, auf dem das geschehen kann, hier auf der Erde mitzuwirken bei dem, was auf der Erde geschieht. So daß dasjenige, was auf der Erde geschieht, in jenen Urzeiten der Menschheit so geschehen ist, daß in den Willensimpulsen der Menschen, in dem, was die Menschen sich vornahmen, was sie taten, mit die Toten wirkten.
[ 6 ] Der Materialismus hat wahrhaftig nicht nur materialistische Vorstellungen heraufgebracht — das wäre der allergeringste Schaden, denn materialistische Vorstellungen als solche schaden am allerwenigsten —, der Materialismus hat eine ganz andere Form des Zusammenseins mit der geistigen Welt heraufgebracht. Es ist in viel geringerem Maße möglich geworden, daß die sogenannten Toten durch die sogenannten Lebendigen sich hier in der Evolution der Erde betätigen. Auch zu diesem Zusammenhang mit den Toten muß die Menschheit wiederum zurückkehren. Das wird aber nur möglich, wenn die Menschheit gewissermaßen lernt, die Sprache der Toten zu verstehen. Und die Sprache, in der man sich mit den Toten verständigen kann, ist eben keine andere als die Sprache der Geisteswissenschaft. Gewiß, es schaut zunächst so aus, als ob dasjenige, was uns die Geisteswissenschaft vermittelt, von mehr oder weniger bloß zu einer geistigen Gelehrsamkeit sprechenden Dingen handelt, von Weltenentwickelung, von Menschheitsentwickelung, von der Gliederung der Menschennatur, was vielleicht Dinge sind, von denen mancher sagen möchte, es interessiere ihn nicht; er wolle etwas anderes haben, was sein Herz, sein Gemüt warm macht. Gewiß, das letztere ist eine gute Forderung, es handelt sich darum, wie weit man im ganzen Zusammenhang mit einer gewissen Art der Befriedigung einer solchen Forderung kommt. Wir lernen scheinbar nur kennen, wie sich die Erde auf Saturn, Sonne, Mond entwickelt hat, wie sich die verschiedenen Kulturepochen auf der Erde entwickelt haben, wie sich die Menschenwesenheit gliedert. Aber indem wir uns den Gedanken an diese nur scheinbar abstrakten, in Wirklichkeit sehr konkreten Dinge hingeben, indem wir uns bemühen, so zu denken, daß diese Dinge wirklich in Bildern vor unseren Seelen stehen, lernen wir, mit einer bestimmten Art uns in Gedanken und Vorstellungen zu bewegen, die wir auf eine andere Weise nicht unserer Seele beibringen können. Wenn wir richtig fühlen, wie unser ganzes Vorstellen anders wird dadurch, daß wir uns mit solchen geisteswissenschaftlichen Dingen beschäftigen, dann kommt eine Zeit, wo wir es ebenso absurd finden, zu sagen: uns interessiert nicht, uns mit diesen Dingen zu beschäftigen, wie wir es bei dem Kinde absurd finden würden, wenn es sagte, mich interessiert es nicht, das gleichgültige A B C kennenzulernen, sondern ich will sprechen können! Gegenüber dem, was die lebendige Sprache uns vermittelt, ist dasjenige, was das Kind mit seinem leiblichen Dasein vereinigen muß im Sprechenlernen, ebenso ein Abstraktes, wie ein Abstraktes ist dasjenige, was an Vorstellungen die Geisteswissenschaft liefert zu dem, was aus dem Denken, aus dem ganzen Vorstellen und Empfinden der Seele wird unter dem Einfluß dieser geisteswissenschaftlichen Vorstellungen.
[ 7 ] Dazu allerdings ist notwendig, daß man Geduld hat und daß man dasjenige, was die Geisteswissenschaft enthält, nicht seinem abstrakten Inhalt nach, sondern seinem Lebensinhalt nach annimmt. Das liegt nun dem heutigen Menschen mit Bezug auf dasjenige, was wir jetzt in Aussicht nehmen, ganz besonders fern. In anderer Beziehung freilich naturgemäß auch wiederum nahe. Denn der heutige Mensch ist gewöhnt, möglichst zufrieden zu sein, wenn er sich eine gewisse Sache, ein Kunstwerk auf irgendeinem Gebiete oder irgendeinen wissenschaftlichen Inhalt, einmal vor die Seele gerückt hat. Und wenn ein zweites Mal dasselbe vor die Seele tritt, liegt es heute so nahe, zu sagen, das kenne ich ja schon, damit habe ich mich schon einmal befaßt. — Das ist das Leben in Abstraktion. Auf einem anderen Gebiete, wo man das Leben seinem Lebensinhalte nach nimmt, seiner Lebenswirklichkeit nach, verfährt man nicht so. Denn man wird nicht leicht einen Menschen treffen, dem man ein Mittagsmahl vorsetzt, und der sich damit entschuldigt, nicht essen zu wollen, da er ja gestern oder vorgestern gegessen habe. Da vollführt der Mensch immer wieder und wiederum dasselbe. Das Leben lebt in Wiederholung des Gleichen. Soll das Geistige auch wirkliches Leben werden — und ohne daß es Leben wird, kann es uns nicht in Zusammenhang bringen mit der universellen geistigen Welt —, so muß es in unserer Seele gewissermaßen nachgebildet werden dem, was die Gesetze des Lebens in der ja auch aus dem Geiste heraus gebildeten, aber erstarrten physischen Welt sind. Und insbesondere werden wir gewahr, daß mit unserer Seele viel vorgeht, wenn wir in einer gewissen rhythmischen Regelmäßigkeit solche Eindrücke auf die Seele wirken lassen, welche eine gewisse Freiheit des Denkens, eine gewisse Emanzipiertheit des Denkens von der physischen Welt voraussetzen. Alles Heil, könnte man sagen — wenn man dieses sentimentale Wort anwenden darf —, alles Heil der geistigen Entwickelung des Menschen hängt davon ab, daß der Mensch sich dazu bequeme, das Geistige wirklich nicht in dem Sinne bloß zu nehmen, wie es heute bloß genommen wird, was charakterisiert werden kann mit dem: Oh, das kenne ich schon, damit habe ich mich schon beschäftigt —, sondern es im Lebenssinne zu nehmen, was immer verknüpft ist mit Wiederholung, mit einem, ich möchte sagen, Hintreten derselben Wirkung an dieselbe Stelle. Gerade wenn wir uns angelegen sein lassen, unsere Seele von geistigem Leben also zu durchsetzen, dann steigert sich auch unsere geistige innere Aufmerksamkeitsfähigkeit. Sie wird so intim, daß wir jene wichtigen Momente innerlich seelisch ins Auge fassen können, in denen die, ich möchte sagen, am meisten zum Herzen sprechenden Zusammenhänge mit der geistigen Welt sich entwickeln können.
[ 8 ] Zum Beispiel ist ein bedeutungsvoller Augenblick für den Verkehr mit der geistigen Welt derjenige des Einschlafens und derjenige des Aufwachens. Nun, der Augenblick des Einschlafens, der wird ja weniger fruchtbar sein für die meisten Menschen im Anfang ihrer geistigen Entwickelung, weil man eben hinterher eingeschlafen ist und damit das Bewußtsein so herabgetrübt ist, daß man das Geistige nicht wahrnimmt. Aber sehr fruchtbar kann werden der Augenblick des Übergehens aus dem Schlafen in das Wachen, wenn wir uns angewöhnen, diesen Augenblick nicht einfach unaufmerksam zu übertauchen, sondern wenn wir versuchen, Aufmerksamkeit auf ihn zu wenden, wenn wir versuchen, aufzuwachen so, daß das Bewußtsein gekommen ist, aber die Außenwelt nicht gleich mit ihrer groben Brutalität an uns herantritt. In dieser Beziehung liegt in Volksgebräuchen, die aus alten Zeiten herstammen, viel Richtiges, das man heute noch wenig versteht. Das einfache Volk, das noch nicht beleckt ist von der intellektuellen Kultur, sagt: Wenn man aufwacht, soll man nicht gleich ins Licht schauen. Also nicht gleich von außen einen brutalen Eindruck haben, sondern etwas in dem Zustand bleiben des Erwachtseins, aber noch nicht Eindrücke bekommen von der äußeren Welt.
[ 9 ] Wenn man dieses beobachtet, bleibt die Möglichkeit, gerade in diesem Moment des Aufwachens zu sehen, wie die karmisch mit uns verbundenen Toten an uns herankommen. Sie kommen nicht nur in diesem Augenblick an uns heran, aber dieser Augenblick ist derjenige, wo wir sie am besten wahrnehmen können. Und wir nehmen in diesem Augenblick nicht nur das wahr, sondern wir nehmen auch wahr, was in der Zeit außer diesem Augenblick zwischen den Toten und uns vorgeht. Denn die Wahrnehmung, die Perzeption der geistigen Welt, ist nicht in der gleichen Weise an die Zeit gebunden wie die Wahrnehmung der physischen Welt. Hierin liegt sogar eine Schwierigkeit in bezug auf das Auffassen der geistigen Welt und ihrer Wesenheit. Ein Augenblick des Wahrnehmens kann uns aus der geistigen Welt etwas über einen weiten Zeitraum sich Erstreckendes eben ganz momentan, ganz augenblicklich enthüllen. Die Schwierigkeit liegt darin, Geistesgegenwart genug zu haben, um dasjenige, was über weitere Zeiträume ausgedehnt ist, im Moment aufzufassen. Denn der Moment kann, wie dies meistens der Fall ist, im Status nascens vorübergehen. Im Entstehen ist zugleich die Sache wieder vergessen. Das ist überhaupt eine Schwierigkeit des Erfassens der geistigen Welt. Würde diese Schwierigkeit nicht vorliegen, so würden, namentlich in der Gegenwart, sehr viele Menschen die Eindrücke der geistigen Welt schon empfangen.
[ 10 ] Aber auch in anderen Lebensmomenten ist die Möglichkeit da, daß die geistige Welt in uns hineindringt. Zum Beispiel jedesmal, wenn wir einen Gedanken so entwickeln, daß der Gedanke aus uns entspringt. Wenn wir uns einfach dem Leben überlassen, wenn wir so im Leben hinschwimmen, dann ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß die echte, die wahre, die innerlich lebendige geistige Welt in uns hereinwirkt; aber in dem Moment, wo wir innerlich eine Initiative ergreifen, wo wir vor eine Entscheidung gestellt sind, daß wir uns selbst entschließen müssen, sei es auch in den kleinsten Dingen, da ist auch wiederum der günstigste Zeitpunkt da, daß namentlich die karmisch mit uns verbundenen Toten in unsere Bewußtseinssphäre hereinkommen. Es brauchen solche Augenblicke nicht wichtige Augenblicke in dem Sinne zu sein, was man so «wichtig» nennt im äußeren materiellen Leben. Es ist wirklich so, daß zuweilen dasjenige, was für die geistige Erfahrung wichtig ist, nicht wichtig erscheint im äußeren Leben. Aber für den, der solche Dinge durchschaut, scheint es außerordentlich klar zu sein, daß solche, vielleicht äußerlich unwichtige, innerlich außerordentlich wichtige Ereignisse, die da eintreten, tief karmisch bedingt sind. So ist es schon notwendig, intimere Seelenvorgänge zu betrachten, wenn man zum Verständnis der geistigen Welt kommen will. So zum Beispiel kann es sich herausstellen, daß ein Mensch auf der Straße geht oder in seinem Zimmer sitzt und irgendein unerwarteter Knall, ein unerwarteter Schall sich ereignet. Er erschrickt. Er kann einen Moment des Besinnens nach diesem Erschrecken haben, der ihm zeigt: Während dieses Erschreckens ist ihm aus der geistigen Welt Wichtiges geoffenbart worden. Man muß auf solche Dinge nur die Aufmerksamkeit wenden. Zumeist wendet der Mensch deshalb nicht die Aufmerksamkeit auf diese Dinge, weil er sich nur mit dem Erschrecken beschäftigt. Er denkt nur, wie er erschrocken ist. Daher ist es so wichtig, in der Weise, wie Sie es angedeutet finden können in meinem Buche «Theosophie» am Schlusse, oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», sich Gleichgewicht der Seele zu erwerben. Denn erwirbt man sich dieses Gleichgewicht der Seele, ist man nicht so perplex nach dem Erschrekken, daß man nur diesem Erschrecken sich hingibt, dann wird sich schon aufdrängen, wenn auch in intimer Weise, was man gerade in einem solchen, eben scheinbar unwichtigen, innerlich aber durchaus wichtigen Augenblick erlebt hat.
[ 11 ] Das alles sind natürlich Anfänge, die sich weiter entwickeln müssen. Denn indem wir diese Dinge entwickeln: Aufmerksamkeit auf den Moment des Aufwachens, Aufmerksamkeit auf den Moment, wo wir aufgerüttelt werden von außen nach der einen oder anderen Seite —, lernen wir wieder auffinden den Zusammenhang mit dem großen Kosmos, der stofflich und geistig ist, in dem wir als ein Glied drinnen stehen und aus dem wir herausgekommen sind; herausgekommen allerdings sind dazu, um freie Menschen zu werden, aber wir sind eben herausgekommen. In Wahrheit ist es schon so, wie der Mensch auch in der Urzeit angenommen hat, daß er nicht so verloren, gewissermaßen wie ein Welten-Eremit, auf der Erde herumgeht, was jetzt geglaubt wird. Sondern wahr ist es schon, was der Mensch der Urzeit angenommen hat, daß er ein Glied ist in dem ganzen großen kosmischen Zusammenhang, wie ein Finger ein Glied ist an unserem Organismus. Dieses Gefühl hat man heute nicht mehr, wenigstens die Mehrzahl der Menschen hat es nicht, ein Glied zu sein im großen Weltenorganismus, soweit er als Geistiges sich in einem Sichtbaren auslebt. Trotzdem könnte heute ein gewöhnliches wissenschaftliches Nachdenken den Menschen schon lehren, daß er mit seinem Leben ein solches Glied der ganzen Weltenordnung ist, in der er als Organismus drinnensteht. Nehmen Sie etwas sehr Einfaches, was jeder durch eine einfache Rechnung sich sagen kann.
[ 12 ] Nicht wahr, wir wissen alle, daß die Sonne im Frühling, am 21. März, an einem bestimmten Punkt des Himmels aufgeht. Wir nennen diesen Punkt den Frühlingspunkt. Wir wissen aber auch, daß dieser Frühlingspunkt nicht jedes Jahr derselbe ist, sondern daß er fortrückt. Wir wissen, daß jetzt die Sonne in den Fischen aufgeht. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert ist sie im Widder aufgegangen. Die Astronomie hat das beibehalten, «im Widder» zu sagen, aber das stimmt nicht mit der Wirklichkeit. — Diese Nebenbemerkung ist in diesem Augenblick nicht wichtig. — Also dieser Frühlingspunkt rückt vor; immer ein Stück weiter vorgerückt im Tierkreis geht die Sonne im Frühling auf. Daraus ist leicht zu sehen, daß sie in einer gewissen Zeit durch den ganzen Tierkreis wandelt, daß der Aufgangspunkt durch den ganzen Tierkreis wandelt. Nun, die Zeit, die notwendig ist, damit die Sonne so durch den ganzen Tierkreis wandelt, ist etwa 25 920 Jahre. Also wenn Sie den Frühlingspunkt in einem gewissen Jahr nehmen: im nächsten Jahr ist er vorgerückt, im nächsten Jahr wieder vorgerückt. Vergehen 25 920 Jahre, so kommt der Frühlingspunkt wieder auf denselben Punkt zurück. Also 25 920 Jahre ist ein für unser Sonnensystem außerordentlich bedeutungsvoller Zeitraum: Die Sonne vollendet einen Weltenschritt, möchte ich sagen, indem sie in ihrem Frühlingsaufgang auf denselben Punkt zurückkehrt. Nun hat Plato, der große griechische Philosoph, diese 25 920 Jahre ein Weltenjahr genannt — das große platonische Weltenjahr. Merkwürdig ist nun — schon sehr merkwürdig, aber wenn man auf diese ganze Merkwürdigkeit eingeht, unendlich tief bedeutungsvoll — erscheinend — das Folgende.
[ 13 ] Normal hat der Mensch in der Minute 18 Atemzüge. Sie ändern sich: In der Kindheit sind sie etwas zahlreicher, im Alter weniger zahlreich, aber durchschnittlich sind beim normalen Menschen 18 Atemzüge richtig. Rechnen wir uns einmal aus, wieviel das Atemzüge in einem Tage macht. Es ist eine einfache Rechnung: 18 mal 60, dann haben wir in einer Stunde 1080; das mal 24, die Stunden am Tage, ergibt 25 920 Atemzüge in einem Tage. Sie sehen daraus, daß dieselbe Zahl gewissermaßen regiert den menschlichen Tag mit Bezug auf seine Atemzüge, wie das große Weltenjahr durch diese Zahl regiert wird im Umgang des Frühlingspunktes durch den Tierkreis.
[ 14 ] Das ist eines der Zeugnisse, welches uns zeigt, daß wir nicht bloß so eine allgemeine, verschwommene, dunkel-mystische Redensart gebrauchen, wenn wir sagen: Mikrokosmos — Abbild des Makrokosmos, sondern daß der Mensch wirklich in einer wichtigen Tätigkeit, von der sein Leben in jedem Augenblick abhängt, von derselben Zahl regiert wird, von demselben Maß regiert wird, wie der Sonne Umlauf, in den er hineingestellt ist.
[ 15 ] Aber jetzt nehmen wir einmal noch etwas anderes: Nicht wahr, das Patriarchenalter, wie es gewöhnlich genannt wird, ist 70 Menschenjahre. 70 Menschenjahre sind natürlich nicht eine unbedingt bindende Zahl für den Menschen. Man kann selbstverständlich viel älter werden, aber der Mensch ist eben ein freies Wesen und übersteigt zuweilen weit solche Grenzpunkte. Aber halten wir uns an diese Patriarchenzeit und sagen wir: Der Mensch lebt durchschnittlich, normal, 70 bis 71 Jahre. Und untersuchen wir, wieviel Tage das sind, dann haben wir, nicht wahr, 365,25 Tage für das Jahr. Nehmen wir zunächst dieses mal 70, da haben wir 25 567,5; und nehmen wir 71, so hätten wir 365,25 mal 71 = 25 932,75. Sie sehen, bei 70 Jahren bekommen wir 25 567,5 Tage, bei 71 Jahren 25 932,75 Tage. Daraus ersehen Sie aber, daß zwischen 70 und 71 Jahren eben der Zeitpunkt liegt, wo das menschliche Leben genau 25 920 Tage umfaßt, so daß das Patriarchenalter eben dasjenige ist, welches 25 920 Tage umfaßt. Sie haben also den menschlichen Tag dadurch bestimmt, daß er 25 920 Atemzüge hat. Sie haben die menschliche Lebenszeit dadurch bestimmt, daß sie 25 920 Tage zählt.
[ 16 ] Nun wollen wir noch etwas untersuchen. Und das ist jetzt nicht schwer. Sie werden leicht einsehen, daß, wenn ich 25 920 Jahre, die der Sonnen-Frühlingspunkt braucht, um durch den Tierkreis hindurchzugehen, dividiere durch 365,25, so muß ich herausbekommen ungefähr 70 oder 71. Da bekomme ich 70 bis 71 heraus, denn ich habe es durch Multiplikation auch erhalten. Das heißt, wenn ich das platonische Jahr so behandle, daß es eben ein großes Jahr ist, und ich es dividiere, so daß ich einen Tag herausbekomme, so werde ich bekommen, was dann der Tag für das platonische Jahr ist. Was ist das? Das ist ein menschlicher Lebenslauf. Ein menschlicher Lebenslauf verhält sich zum platonischen Jahr wie ein Tag des Menschen zu einem Jahr.
[ 17 ] Die Luft ist um uns herum. Wir atmen sie ein und atmen sie aus. Sie ist zahlenmäßig so geregelt, daß sie, indem sie 25 920 mal geatmet wird, unseren Lebenstag abgibt. Was ist denn aber eigentlich dasjenige, was nun ein Lebenstag ist? Ein Lebenstag besteht ja darin, daß unser Ich und Astralleib aus unserem physischen Leib und Ätherleib herausgehen und wieder hineingehen. So daß Tag auf Tag sich das folgt: Das Ich und der Astralleib gehen hinaus, gehen hinein, gehen hinaus, gehen hinein, so wie der Atem aus- und eingeht. Viele unserer Freunde werden sich erinnern, daß ich sogar, um die Sache klarzumachen, in öffentlichen Vorträgen diesen Wechsel von Wachen und Schlafen mit einem langen Atemzug verglichen habe. So wie wir beim Atemzug die Luft aus- und einatmen, so gehen, indem wir aufwachen und einschlafen, Astralleib und Ich in den Ätherleib und physischen Leib hinein und hinaus. Damit aber ist nichts anderes gesagt, als: Es gibt ein Wesen, es kann ein Wesen vorausgesetzt werden, welches atmet, so wie wir atmen in einer achtzehntel Minute, ein Wesen, welches atmet, und dessen Atmen unser Aus- und Eingehen des Astralleibes und des Ich bedeutet. Dieses Wesen ist nichts anderes als das wirklich lebendige Erdenwesen. Indem die Erde Tag und Nacht erlebt, atmet sie, und ihr Atemprozeß trägt unser Schlafen und Wachen auf seinen Flügeln. Das ist der Atmungsprozeß eines größeren Wesens. Und jetzt nehmen Sie den Atmungsprozeß eines größeren Wesens, der Sonne, die da herumgeht. So wie die Erde einen Tag zubringt mit dem Herauslassen und Hereinholen des Ich und Astralleibes in den Menschen, so bringt das große, aber geistig der Sonne entsprechende Wesen uns Menschen hervor; denn die 79 bis 71 Jahre sind ja, wie wir nachgewiesen haben, ein Tag des Sonnenjahres, des großen platonischen Jahres. Unser gesamtes Menschenleben ist eine Aus- und Einatmung dieses großen Wesens, dem das platonische Jahr zugeteilt ist. Sie sehen: Wir haben einen kleinen Atem in einer achtzehntel Minute, der unser Leben regelt; wir stehen im Leben der Erde drinnen, deren Atemzug Tag und Nacht umfaßt: das entspricht unserem Hinaus- und Hereingehen des Ich und Astralleibes in den physischen und Ätherleib; und wir sind selber hereingeatmet von dem großen Wesen, dem der Sonnenumlauf entspricht als sein Leben, und unser Leben ist ein Atemzug dieses großen Wesens. Nun sehen Sie, wie wir im Makrokosmos drinnenstehen, wirklich drinnenstehen als ein Mikrokosmos, derselben Gesetzmäßigkeit in bezug auf die universellen Wesen unterliegend, wie der Atemzug in uns unserem menschlichen Wesen unterliegt. Da regiert Zahl und Maß. Aber was das Großartige, Bedeutungsvolle und uns tief zu Herzen Gehende ist: Zahl und Maß regiert in gleicher Art den großen Kosmos, den Makrokosmos und den Mikrokosmos. Es ist nicht eine bloße Redensart, es ist nicht bloß etwas mystisch Erfühltes, sondern etwas, was uns gerade die weisheitsvolle Betrachtung der Welt lehrt, daß wir als Mikrokosmos in dem Makrokosmos drinnenstehen.
[ 18 ] Wenn man solche ja ganz einfache Rechnungen macht — denn sie sind natürlich mit den allergebräuchlichsten wissenschaftlichen Zahlen zu erreichen —, und hat nicht ein Herz wie ein Holzklotz, sondern ein für die Geheimnisse des Weltendaseins fühlendes Herz, dann hört auch der Satz: Wir sind in das Weltenall hineingestellt — auf, ein bloß abstrakter Satz zu sein; er wird ein sehr lebendiger. Ein Wissen blüht auf, ein Fühlen, und trägt seine Früchte in den Willensimpulsen, und der ganze Mensch lebt das große Leben des göttlichen Weltenseins mit. Das ist aber der Weg, auf dem wir gewissermaßen den Anschluß finden in die geistige Welt hinein, und der muß gefunden werden in der Zeit, auf die wir ja hinwiesen in der letzten Betrachtung, in der der Christus auf der Erde ätherisch wandelt. Ich habe letzthin sogar auf das Jahr hingewiesen, in dem er begonnen hat, ätherisch auf unserer Erde zu wandeln. Er muß gefunden werden! Die Menschen müssen sich nur gewöhnen, den Zusammenhang, den intimen Zusammenhang erst wahrzunehmen, der schon aus dem Weltendasein heraus sich ergibt und der bewirken muß, wenn er wahrgenommen wird, daß das Bedürfnis, der intensive Trieb entsteht, diesen Anschluß an die geistige Welt zu suchen. Denn es wird gar nicht mehr lange dauern, dann werden die Menschen wenigstens gezwungen sein, eines einzusehen, das ist das Folgende.
[ 19 ] Man kann zwar die geistige Welt ableugnen, wenn man durch den Materialismus abgestumpft ist, aber man kann nicht in sich die Kräfte ertöten, die fähig sind, mit der geistigen Welt einen Zusammenhang zu suchen. Hinwegtäuschen kann man sich über die Existenz einer geistigen Welt, aber ertöten kann man die Kräfte in der Seele nicht, welche geeignet sind, den Menschen mit der geistigen Welt zusammenzubringen. Das aber hat etwas sehr Bedeutsames im Gefolge, und etwas, was man wohl berücksichtigen sollte gerade in unserer Zeit: Kräfte, die da sind, wirken, auch wenn man sie ableugnet. Der Materialist verbietet den nach dem Spirituellen gehenden Kräften in seiner Seele nicht, daß sie wirken; er kann es ihnen nicht verbieten; sie wirken. Also kann einer Materialist sein, können Sie sagen, und die nach dem Spirituellen gehenden Kräfte wirken doch in ihm. Ja, es ist so. Sie wirken in ihm. Es hilft nichts, sie wirken in ihm. Und was bewirken sie denn? Kräfte, die da sind, können zwar in bezug auf ihre ureigene Wirksamkeit unterdrückt werden; dann verwandeln sie sich aber in andere Kräfte. Und wenn man die Kräfte, die nach dem Spirituellen gehen, nicht verwendet, um Verständnis zu suchen des Spirituellen — ich sage jetzt nur «Verständnis» zu suchen des Spirituellen, mehr braucht man zunächst nicht —, wenn man diese Kräfte nicht dazu verwendet, dann verwandeln sie sich in Illusionskraft im menschlichen Leben. Dann wirken sie so, daß der Mensch sich im gewöhnlichen Leben in bezug auf die äußere Welt allen möglichen Illusionen hingibt. Das ist in unserer Zeit nicht so unbedeutsam einzusehen, denn in keiner Zeit haben die Menschen gewissermaßen mehr phantasiert als in unserer Zeit, obwohl sie die Phantasie nicht lieben. Das Phantasieren erstreckt sich nicht nur auf bestimmte Gebiete. Und man könnte, wenn man anfinge, Beispiele zu geben, was die Leute phantasieren, da sie doch nur Realisten, Materialisten sein wollen, wirklich auf alle möglichen Gebiete Licht werfen; man käme an kein Ende. Man könnte anfangen — nun, wir wollen nicht ketzerisch sein, aber wenn man zum Beispiel begönne damit, den Blick zu werfen auf das, was gewisse, sagen wir Staatsmänner, über den wahrscheinlichen Gang der Ereignisse in der Welt, vielleicht nur vor Wochen, vorausgesagt haben und was dann eingetroffen ist; wenn man diese Dinge vergleicht, wird man finden, daß die Illusionsfähigkeit schon seit vielen Jahren nicht gar klein ist.
[ 20 ] Nun, man kann alle Gebiete des Lebens in dieser Weise durchforschen, es ist ganz merkwürdig, wie man überall, überall heute die Illusionsfähigkeit ganz bedeutsam entwickelt findet. Diese Illusionsfähigkeit gibt gerade den Lebensauffassungen und Lebensgesinnungen der materialistisch gestimmten Leute zuweilen etwas Kindliches, um nicht zu sagen Kindisches. Wenn man heute sieht, was dazu gehört, damit Menschen das eine oder andere begreifen, was dazu gehört, sie mit der Nase drauf zu stoßen, dann wird man schon einen Begriff davon bekommen, was hier als «kindlich» um nicht zu sagen «kindisch», gemeint ist. Nun, so ist es. Wenn die Menschen sich abwenden von der geistigen Welt, dann müssen sie es damit bezahlen, daß sie illusionsfähig werden, daß sie die Fähigkeit verlieren, zutreffende Begriffe über die äußere physische Wirklichkeit und ihren Gang zu haben. Sie müssen auf einem anderen Gebiet phantasieren, weil sie an die Wahrheit jetzt Wahrheit, ob sie nun auf das geistige oder physische Leben sich bezieht — sich nicht halten wollen.
[ 21 ] Ich habe Ihnen ein naheliegendes Beispiel einmal angeführt, und wenn es auch pro domo gesprochen ist, so ist es doch ein typisches Beispiel: Man kann immer wiederum ganz verurteilende Besprechungen finden über diejenige Geisteswissenschaft, die von mir vertreten wird. Warum, das begründen die Betreffenden damit, daß sie sagen: Der phantasiert ja nur alles! Und das ist nicht erlaubt, nur zu phantasieren! — Also die Menschen wollen nicht mitgehen in die wirkliche geistige Welt, weil sie das für Phantasterei halten, und das Phantasieren verachten sie. Und dann schließen sie daran allerlei Auseinandersetzungen, die mit der Wirklichkeit so übereinstimmen wie das Weiße mit dem Schwarzen, zum Beispiel über meine Abstammung, über die Art und Weise dessen, was ich da oder dort getan habe. Da entwickeln sie die kühnste Phantasie. Da sehen Sie es unmittelbar nebeneinander gestellt: Flucht vor der _ geistigen Welt mit Befähigung zur Illusion! Das bemerkt der Betreffende nicht, aber das ist ganz gesetzmäßig. Ein gewisses Quantum von Kraft ist da gerichtet nach der geistigen Welt; ein gewisses Quantum von Kraft ist da gerichtet nach der physischen Welt. Wird das nach der geistigen Welt gerichtete Quantum nicht angewendet, so lenkt es sich dann nach der physischen Welt, nicht, um dort das Wirkliche und Wahre zu erfassen, sondern um dort den Menschen in Lebensillusionen zu stürzen. Dies läßt sich nicht im einzelnen Falle gleich so beobachten, daß man sagen kann: Aha, da ist der; der wird durch seine Abneigung vor der geistigen Welt in Illusionen gestürzt! — Solche Beispiele findet man schon, aber man muß sie suchen; daß es aber im Leben nicht so ohne weiteres sich nachweisen läßt, das kommt davon her, weil das Leben kompliziert ist und eines das andere beeinflußt. Es ist immer so, daß durchaus die stärkere Seele die schwächere Seele beeinflußt. So liegt, wenn man bei einer Seele ein Stück Illusionsfähigkeit findet, schon irgendwie der Grund zu dieser Illusionsfähigkeit in einem Haß oder einer Abneigung vor der geistigen Welt; es braucht nicht in der Seele, die illusioniert ist, selber zu liegen, sondern es kann suggeriert sein. Denn auf geistigen Gebieten ist die Ansteckungskraft viel größer als auf irgendeinem physischen Gebiete.
[ 22 ] Wie das mit dem allgemeinen Menschheitskarma zusammenhängt, wie diese Dinge überhaupt, wenn man sie betrachtet und dieses wichtige Gesetz der Metamorphose der Seelenkräfte ins Auge faßt, eine Metamorphose, eine Umwandlung der nach dem Geistigen gewendeten Kräfte zur Illusionskraft, im ganzen Zusammenhang des Lebens wirken und mit den Entwickelungsbedingungen unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft zusammenhängen, das wird dann Gegenstand der nächsten Betrachtung sein, wo wir fortfahren werden, dies Heutige auszuführen und dann anzuknüpfen an das Christus- und auch an das gegenwärtige Zeit-Mysterium, um dann einige Ausblicke wiederum zu gewinnen für die Bedeutung der geistigen Anschauung im allgemeinen.
