Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175
27 Februar 1917, Berlin
Vierter Vortrag
[ 1 ] Ich habe Ihnen das vorige Mal gesprochen von den drei Begegnungen, welche die menschliche Seele mit den Regionen der geistigen Welt hat. Ich werde über diesen Gegenstand noch einiges mehr zu sagen haben, und bei dieser Gelegenheit wird sich dann auch die Möglichkeit ergeben, eine Frage zu beantworten, welche von unseren Freunden gestellt worden ist im Anschluß an den letzten öffentlichen Vortrag im Architektenhaus bezüglich der Kräfte, welche zur Verwirklichung des Karma, des Schicksals, des äußeren Schicksals, aus einer früheren Inkarnation führen. Es ist mir gesagt worden, daß dies eine schwer verständliche Sache sei. Ich will also im Laufe der Vorträge auf dieses Thema zurückkommen. Allein es wird sich empfehlen, das erst zu tun, nachdem wir einiges besprochen haben, wodurch vielleicht dann das volle Verständnis dieser Sache herbeigeführt werden kann. Heute will ich aber, damit die Besprechung der drei Begegnungen in der geistigen Welt noch viel klarer werden kann, gewissermaßen episodisch etwas einfügen, das mir besonders wichtig erscheinen muß, gerade in dieser unmittelbar gegenwärtigen Zeit zu Ihnen gesprochen zu werden.
[ 2 ] Wenn wir überblicken, welche Ideen, welche Vorstellungen sich besonders in die Seelen aller Menschen, der Menschen aller Bildungsgrade, durch die geistige Entwickelung der letzten Jahrhunderte eingeschlichen haben, so müssen wir aufmerksam machen darauf, wie diese geistige Erziehung der letzten Jahrhunderte mächtig hingedrängt hat, die Weltentwickelung und das Hineingestelltsein des Menschen in diese Weltentwickelung nur nach Maßgabe naturwissenschaftlicher Vorstellungen zu bilden. Gewiß, es gibt heute sehr viele Menschen noch, welche der Meinung sind, daß sie ihr Gemüt, ihre Seele nicht nach naturwissenschaftlichen Vorstellungen gebildet haben. Aber diese Menschen bemerken nicht die tieferen Grundlagen ihrer Gemütsbildung; sie wissen nicht, wie eben naturwissenschaftliche Vorstellungen in einseitiger Weise sich eingeschlichen haben in die Gemüter und nicht nur alles Denken, sondern namentlich alles Fühlen in einer gewissen Weise bestimmen. Wer heute nämlich nachdenkt nach den gangbaren Begriffen, die jeder Mensch in denjenigen Gegenden hat, welche allgemeine Schulbildung haben, wer sein Gemüt bildet im Zusammenhang mit diesen Begriffen, ausgehend von diesen Begriffen, der kommt heute gar nicht dazu, das rechte, das wahre Verhältnis zu fühlen zwischen dem, was wir die moralische Welt, die Welt der moralischen Empfindungen nennen, und der Welt der äußeren Tatsachen. Wenn wir heute im Sinne unserer Zeit nachdenken, wie sich die Erde, ja, wie sich das ganze Himmelsgebäude entwickelt haben kann, und wie es zu einem gewissen Endzustand kommen könnte, so denken wir im Sinne rein äußerer sinnenfälliger Tatsachen nach. Denken Sie nur, wie tief bedeutsam es für die Seelen ist, wenn sie sich das auch nicht immer klar machen, daß es die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie von der Weltentstehung gibt: Aus einem rein materiellen Weltennebel — denn rein materiell wird er vorgestellt — habe sich nach rein physikalischen und auch chemischen Gesetzen die Erde, ja das Weltengebäude gebildet, habe sich im Sinne dieser Gesetze entwickelt und wird, so denken die Menschen, nach diesen Gesetzen auch sein Ende finden. Es wird einmal ein Zustand kommen, in dem dieses Weltengebäude gerade so mechanisch schließen wird, wie es mechanisch entstanden ist.
[ 3 ] Gewiß, ich wiederhole es noch einmal: Es gibt viele Menschen, die wehren sich heute dagegen, die Sache nur gerade so zu denken. Aber darauf kommt es nicht an; denn es kommt ja nie auf die Vorstellungen an, die wir uns bilden, sondern auf die Impulse des Gemüts, aus denen diese Vorstellungen gebildet sind. Die Vorstellung, die ich eben entwickelt habe, ist eine rein materialistische; sie ist eine solche, von der Herman Grimm sagt, daß ein Stück Aasknochen, um das ein hungriger Hund seine Kreise herummacht, ein appetitlicherer Anblick ist als dieses Weltengebäude nach Kant-Laplaceschen Begriffen. Aber es hat entstehen können, es hat sich bilden können. Und nicht nur, daß es sich hat bilden können, sondern es ist für die weitaus größte Zahl der Menschen, an die es herandringt, etwas Einleuchtendes. Und nur wenige Menschen gibt es, die so fragen wie Herman Grimm, wie sich künftige Gelehrten-Generationen damit abfinden werden, nachzudenken darüber, wie überhaupt, wie er meint, dieser Wahnsinn in unserer Zeit hat entstehen können; wie es möglich war, daß in irgendeiner Epoche dieser Wahnsinn über die Weltentstehung hat einleuchtend sein können für viele Menschen. Es gibt eben wirklich wenige Persönlichkeiten, welche so fragen, aus einer gesunden Gemütslage der Seele heraus so fragen. Und diejenigen, die so fragen, nun, die werden halt angesehen wenigstens auf diesen Gebieten — als eine Art verschrobener Köpfe. Aber wie gesagt, auf die Vorstellungen, die so gebildet sind, kommt es nicht an; auf die Gemütsimpulse kommt es an. Aus gewissen Gemütstendenzen heraus haben sich Vorstellungen ergeben, und wenn sie auch von Gelehrten ausgegangen sind und heute so an die Menschen herangebracht werden, daß die meisten Menschen doch noch glauben, daß nicht allein durch solche mechanischen Impulse die Welt entstanden ist, sondern daß da allerlei göttliche Impulse noch mitgespielt haben, so ist es doch eben möglich gewesen, daß solche Vorstellungen sich gebildet haben. Und es ist möglich gewesen, daß das Gemüt der Menschen, die Seelenverfassung der Menschen eine solche Gestalt angenommen hat, daß eben über die Weltentstehung eine rein mechanische Vorstellung sich hat bilden können. Das heißt: Auf dem Grunde der menschlichen Seelen ist die Neigung, materialistisch geartete Vorstellungen sich zu bilden. Und diese Neigung, die ist nun nicht nur bei den wenigen Gelehrten und anderen Menschen vorhanden, die daran glauben, sondern sie ist in breitem Umkreis bei allen möglichen Menschen vorhanden. Nur daß die meisten Menschen heute noch eine zu große Scheu haben, mutig, nun, ich möchte sagen, Haeckelianer zu werden und alles Geistige nur unter der Form des Materiellen vorzustellen. Die Menschen haben nicht den Mut. Sie lassen ja so etwas daneben noch gelten, was geistig ist; denken nicht nach.
[ 4 ] Wenn diese Vorstellung gilt, die charakterisiert worden ist, dann ist nur in einer gewissen Weise Platz für das Geistige, namentlich nur in einer gewissen Weise Platz für das Moralische. Denn denken Sie nur einmal nach: Wenn die Welt wirklich so entstanden wäre, wie die Kant-Laplacesche Theorie sich das vorstellt, und wenn die Welt nur durch physikalische Kräfte ihr Grab fände und in diesem Grabe eben begraben wären alle Menschen mit ihren Ideen, Empfindungen, Willensimpulsen, was wäre dann zum Beispiel, ich will von allem übrigen absehen, die ganze moralische Weltordnung? Was wäre aus ihr geworden? Was bedeutete es dann, wenn wir einmal gesagt hätten — nehmen wir einmal an, der Zustand des allgemeinen Grabes wäre gekommen —: Das ist gut, das ist böse; das ist recht, das ist unrecht? Vergessene Vorstellungen bedeutete es, hinweggeweht als etwas, was vielleicht nicht einmal, ja, wenn diese Weltordnung richtig ist, nicht einmal in irgendeiner Seelenerinnerung fortleben könnte. Das heißt, die Sache würde so liegen: Durch rein mechanische Ursachen, durch physikalische, vielleicht durch chemische Kräfte ist die Welt entstanden, geht sie zugrunde. Aus diesen Kräften treiben sich wie Blasen Erscheinungen auf, welche Menschen darstellen. Innerhalb dieser Menschen entstehen moralische Begriffe von Recht und Unrecht, Gut und Böse. Aber die ganze Welt geht wieder in Grabesstille über. Das ganze Recht und Unrecht, "Gut und Böse ist eben eine Illusion der Menschen gewesen, vergessen und versunken, wenn die Welt «Grab» geworden ist. Das einzige, was dann für die moralische Weltordnung bleibt, es ist doch das, daß die Menschen fühlen, solange wie die Episode währt, die da verläuft vom Anfangszustand bis zum Endzustand: sie brauchen solche Begriffe zum Zusammenleben, sie müssen sich eben moralische Begriffe ausbilden, aber diese moralischen Begriffe können in einer rein mechanischen Weltordnung nirgends verankert sein. Nicht wahr, eine natürliche Kraft, die Wärme, die Elektrizität, die greift ein in den Naturzusammenhang, die macht sich darin geltend; die moralische Kraft, die wäre, wenn die mechanische Weltenordnung richtig wäre, nur in der VorstelJung der Menschen da, die würde nicht eingreifen in die Naturordnung. Sie wäre nicht etwas wie die Wärme, welche die Körper ausdehnt, oder das Licht, welches die Körper erleuchtet, sichtbar macht, die Welt, den Raum durchdringt; sondern sie ist da, diese moralische Kraft, sie schwebt gewissermaßen als eine große Illusion über der mechanischen Weltordnung und vergeht, verweht, wenn die Welt ins Grab sich verwandelt.
[ 5 ] Man denkt diesen Gedanken nur nicht genügend durch. Daher wehrt man sich nicht gegen eine mechanische Weltordnung, sondern läßt sie, ich will nicht sagen aus Gutmütigkeit, aber aus Bequemlichkeit eben bestehen. Und wenn man ein gewisses Gemütsbedürfnis hat, so sagt man dann: Ja, das Wissen, das macht halt, daß wir eine solche mechanische Weltordnung ausdenken müssen; der Glaube fordert von uns etwas anderes, also stellen wir den Glauben neben das Wissen, glauben wir außer der mechanischen Natur noch an irgend etwas, woran zu glauben wir eben ein gewisses inneres Gemütsbedürfnis haben. — Das ist bequem. Man braucht sich nicht aufzulehnen gegen das, was zum Beispiel Herman Grimm wie einen Wahnsinn der gegenwärtigen Wissenschaft empfindet, man braucht sich nicht aufzulehnen. Aber es hat wirklich keine innere Berechtigung für denjenigen, der seine Gedanken zu Ende denken will, der wirklich mit seinen Gedanken zu Ende kommen will.
[ 6 ] Und wenn man sich frägt, woher es denn kommt, daß die Menschen heute so blind in einer gedanklichen Unmöglichkeit leben, daß sie eine solche gedankliche Unmöglichkeit hinnehmen, so liegt es — so sonderbar dies, wenn man zum erstenmal sich mit dem Gedanken vertraut machen soll, auch klingt — darin, daß die Menschen mehr oder weniger im Laufe der letzten Jahrhunderte schon verlernt haben, das ChristusMysterium, welches im Zentrum des neuzeitlichen Lebens stehen müßte, in seinem wahren, realen Sinne zu denken. Denn die Art, wie der Mensch der neueren Zeit über das Christus-Mysterium denkt, die ist so, daß sie auf sein ganzes übriges Denken und Fühlen ausstrahlt. Und es ist nun einmal so — wir werden ja vielleicht gerade über diese Tatsache in der nächsten Zukunft noch zu sprechen haben —, daß die Art, wie sich der Mensch zu dem Christus-Mysterium stellt seit dem Mysterium von Golgatha, eine Art, ich möchte sagen, Wertmesser ist für seine gesamte Begriffs- und Empfindungswelt. Kann er das Christus-Mysterium nicht als ein wirklich Reales auffassen, dann kann er auch mit Bezug auf die übrige Weltanschauung keine Vorstellungen und Begriffe entwickeln, welche von Wirklichkeit getränkt sind, welche wahrhaftig in die Wirklichkeit eingreifen.
[ 7 ] Dies ist es, was wir uns vor allen Dingen heute einmal ganz klar vor die Seele stellen wollen. Wenn der Mensch wirklich so denkt, wie ich es dargestellt habe und wie eigentlich mehr oder weniger unbewußt die meisten Menschen der Gegenwart denken, dann zerfällt die Welt auf der einen Seite in die mechanische Naturordnung, auf der anderen Seite in die moralische Weltordnung. Nun wird von zaghaften Seelen, die sich aber oftmals sehr mutig dünken, das Christus-Mysterium in die rein moralische Weltordnung hereingenommen; und es wird von allen in die rein moralische Weltordnung hineingenommen, welche in diesem Christus-Mysterium nichts anderes sehen, als daß zu einer bestimmten Zeit ein großer, sagen wir sogar auch der größte Lehrer der Erdenwelt aufgetreten ist, und daß es zunächst auf seine Lehre ankommt. Wenn man aber den Christus bloß als den, sei es auch größten Lehrer der Menschheit ansieht, so ist diese Anschauung in einer gewissen Weise durchaus vereinbar mit dieser Zweispaltung der Welt in Naturordnung und moralische Weltordnung. Denn natürlich könnte, auch wenn die Erde sich so gebildet hat, wie die mechanische Weltordnung das darstellt, und so zugrunde gehen würde, daß sie einmal ein allgemeines Grab wäre, einmal doch ein großer Lehrer auftreten, der ja wirklich viel wirken könnte, die Menschen zu bessern und zu belehren. Seine Lehre könnte erhaben sein, aber es würde nichts daran ändern, daß einmal, nach dem Ende der Dinge, das Ganze ein Grab wäre, und auch die Lehre Christi eben verweht und verwischt wäre, nicht einmal als Erinnerung in irgendeiner Wesenheit vorhanden wäre. Daß man das nicht denken will, das macht die Sache nicht aus. Wenn man sich nur überhaupt bekennt zur bloßen mechanischen Weltordnung, dann müßte man das so denken.
[ 8 ] Nun kommt alles darauf an, daß man einsieht, daß mit dem Mysterium von Golgatha etwas sich vollzogen hat, was nicht allein der moralischen Weltordnung, sondern der ganzen, gesamten Weltordnung angehört; was nicht allein der moralischen Wirklichkeit, die es ja im Sinne der mechanischen Weltordnung gar nicht geben kann, sondern der gesamten intensiven Wirklichkeit angehört.
[ 9 ] Sehen Sie, am besten werden wir dazu kommen, einzusehen, um was es sich da handelt, wenn wir nunmehr an die drei Begegnungen, die ich das letztemal erwähnt habe, ein wenig denken, aber in anderem Sinne, als ich das neulich ausgeführt habe. Jedesmal, sagte ich, wenn der Mensch schläft, in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen, begegnet er Wesen der geistigen Welt; Wesen der geistigen Welt, die mit seinem Geistselbst, wie wir es gewohnt sind zu nennen, substantiell gleichartig sind. Das heißt: Der Mensch kommt aus dem Schlafe, wenn er aufwacht, so heraus, daß er geistigen Wesen begegnet ist und die Nachwirkung der Begegnung, wenn es ihm auch unbewußt bleibt, in das äußere physische Leben hineinträgt. Sehen Sie, was sich da in der Seele abspielt, während wir diese alltägliche Begegnung haben, das bezieht sich in einer gewissen Weise durchaus auf die menschliche Zukunft. Der Mensch, der sich nicht mit Geisteswissenschaft befaßt, weiß heute ja noch wenig über dasjenige, was eigentlich in den Tiefen der Seele vorgeht, wenn der Mensch schläft. Die Träume, die für das gewöhnliche Leben etwas verraten könnten von diesen Vorgängen im Schlafe, sie verraten zwar etwas, aber sie verraten es auf eine solche Weise, daß die Wahrheit doch nicht so leicht an den Tag treten kann. Wenn der Mensch im Traum oder aus Träumen heraus aufwacht oder sich an Träume erinnert, so hängen diese Träume doch meist zusammen mit irgendwelchen Vorstellungen, die er sich schon im Leben angeeignet hat, mit Reminiszenzen. Das aber ist doch nur das Gewand desjenigen, was im Traume eigentlich lebt, respektive im Schlafzustand lebt. Wenn Sie sich den Traum in solche Vorstellungen kleiden, die aus Ihrem Leben sind, so sind diese Vorstellungen nur das Gewand; denn im Traume kommt umkleidet das zum Vorschein, was während des Schlafes eigentlich in der Seele vorgeht. Und was während des Schlafes in der Seele vorgeht, das bezieht sich weder auf die Vergangenheit noch sogar auf die Gegenwart, sondern das bezieht sich auf die Zukunft. Im Schlafe werden die Kräfte ausgebildet, die sich für die menschliche Wesenheit vergleichen lassen mit den Keimeskräften, die sich in der Pflanze entwickeln für eine nächste Pflanze. Wenn die Pflanze so heranwächst, dann entwickeln sich ja in der Pflanze immer schon für die nächste Pflanze die Keimeskräfte für das nächste Jahr. Diese Keimeskräfte gipfeln dann in der Samenbildung; da werden sie sichtbar. Aber wenn die Pflanze so wächst, heranwächst, sind schon die Keimeskräfte für die nächste Pflanze vorhanden. So sind die Keimeskräfte, sei es für die nächste Inkarnation, sei es aber auch für die Jupiter-Periode, im Menschen, und der Mensch bildet sie vorzugsweise aus im Schlafzustand. Was er da an Kräften ausbildet, das bezieht sich nicht gleich auf einzelne Ereignisse, es bezieht sich mehr auf die Grundkräfte der nächsten Inkarnation zum Beispiel, aber doch eben auf diese Kräfte der nächsten Inkarnation. Also im Schlafe arbeitet der Mensch an seinen Keimen für die nächste Inkarnation, überhaupt in die Zukunft hinüber. So daß der Mensch, wenn er schläft, schon in der Zukunft ist.
[ 10 ] Ich möchte doch in bezug auf diese Sache keine allzu große Unklarheit in Ihrer Seele lassen, deshalb sage ich zunächst: Es ist mit der nächsten Inkarnation für diesen Schlafzustand so, wie es mit dem Wissen des nächsten Tages ist. Wir wissen vom nächsten Tag, einfach aus der Erfahrung, daß die Sonne wieder aufgehen wird, auch ungefähr wie er verlaufen wird, wenn wir auch nicht wissen werden, welches Wetter wird, oder wie einzelne Ereignisse in unser Leben eingreifen. So ist die Seele zwar ein Prophet im Schlafe, aber wie ein Prophet, der nur auf das Große, Kosmische sieht, und nicht auf das Wetter. Also wer gar so sehr die Vorstellung hätte, daß die Einzelheiten der kommenden Inkarnation der Seele im Schlafe sich vorstellig machen, der würde in den Fehler verfallen, den derjenige macht, der glauben würde, er könnte, weil er ganz gewiß weiß, daß am nächsten Sonntag die Sonne aufgehen und untergehen wird, und weil er gewisse allgemeine Dinge weiß, auch wissen, wie das Wetter ist. Das alles aber ändert doch nichts daran, daß wir es während des Schlafes mit unserer Zukunft zu tun haben. So daß an unserer Zukunftsgestaltung die Kräfte arbeiten, die substantiell gleichartig unserem Geistselbst, uns begegnen in der Mitte der Schlafenszeit.
[ 11 ] Eine andere, weitere Begegnung — wenn ich die zweite Begegnung auslasse — ist dann die dritte Begegnung, von der ich das letztemal gesagt habe, daß sie einmal eintritt im ganzen Verlauf des menschlichen Lebens, in der Lebensmitte. Wenn der Mensch in den Dreißigerjahren ist, dann begegnet er dem, sagte ich, was man das Vater-Prinzip nennen kann, während er jede Nacht dem Geist-Prinzip begegnet. Dieses Begegnen mit dem Vater-Prinzip, das hat eine sehr große Bedeutung aus dem Grunde, weil — und Sie wissen, denn ich habe es erklärt, daß es auch für denjenigen eintreten muß, der vor dem dreißigsten Jahre stirbt; nur wenn man die Dreißigerjahre erlebt, tritt es im Laufe des Lebens ein, sonst tritt es mit einem frühzeitigen Tode eben vorher ein —, weil durch dieses Zusammentreffen der Mensch in die Lage kommt, sich die Erlebnisse des gegenwärtigen Lebens so tief einzuprägen, daß sie in die nächste Inkarnation hinüberwirken können. Also das, was Begegnung mit dem Vater-Prinzip ist, das hat es zu tun gerade wiederum mit dem Erdenleben der nächsten Inkarnation, während unser Begegnen mit dem Geist-Prinzip für die ganze Zukunft, über das ganze zukünftige Leben ausstrahlt, auch über dasjenige Leben, das sich zwischen Tod und neuer Geburt abspielt.
[ 12 ] Die Sache ist so, daß die Gesetze, in welche eingesponnen ist diese Begegnung, die wir einmal im Leben haben, nicht irdische Gesetze sind, sondern Gesetze, die innerhalb der Erdenentwickelung so geblieben sind, wie sie in der Mondenentwickelung waren. Und diese Gesetze hängen zusammen nach der physischen Seite hin mit unserer physischen Abstammung, überhaupt mit alledem, was die physische Vererbung bedeutet. Diese physische Vererbung ist ja nur die eine Seite der Sache; ihr liegen geistige Gesetze zugrunde, wie ich das hinlänglich schon angedeutet habe. So daß all dasjenige, was sich abspielt so, daß es die Begegnung mit dem Vater-Prinzip nötig hat, in die Vergangenheit zurückweist. Das ist Erbstück der Vergangenheit; das weist in die Mondenentwickelung zurück, in die früheren Inkarnationen zurück, wie in die Zukunft weist dasjenige, was bei jedem Schlaf sich abspielt. Wie das, was sich im Schlafe abspielt, den Keim ausbildet für die Zukunft, so ist das, was sich abspielt, indem die Menschen als Nachkommen ihrer Vorfahren geboren werden und auch hinübertragen aus früheren Inkarnationen dasjenige, was aus diesen früheren Inkarnationen eben herübergetragen werden muß, etwas, was von der Vergangenheit geblieben ist. Beides nun, dasjenige, was sich auf die Zukunft bezieht, und dasjenige, was sich auf die Vergangenheit bezieht, strebt gewissermaßen aus der Naturordnung heraus. Der Bauer geht noch mit Sonnenuntergang schlafen und steht mit Sonnenaufgang auf. Aber indern der Mensch weiterschreitet in der sogenannten Kultur, macht er sich los von der Naturordnung. Und in den Städten lernt man auch schon Leute kennen — wenn das auch nicht häufig ist —, die morgens sich schlafen legen und abends aufstehen. Der Mensch macht sich los von dieser bloßen Naturordnung; das liegt schon in der Möglichkeit seiner Freiheitsentwickelung. Da ist also der Mensch gewissermaßen, weil er eine Zukunft vorbereitet, die noch nicht da ist, herausgerissen aus der Naturordnung. Auch indem er die Vergangenheit, namentlich die Mondenvergangenheit, in die Gegenwart hereinträgt, ist er herausgerissen aus der Naturordnung. Denn niemand kann aus allgemeinen Naturgesetzen heraus irgendeine Notwendigkeit angeben dafür, daß Hans Müller gerade, sagen wir im Jahre 1914 geboren wird; da herrscht nicht eine solche Notwendigkeit wie beim Aufgang der Sonne oder bei sonstigen Naturvorgängen, weil darin die Naturordnung des Mondes herrscht. Da war alles so wie die Ordnung unseres Geborenwerdens auf Erden; während der Mondenzeit war alles so.
[ 13 ] Aber so recht in die Naturordnung hineingestellt ist der Mensch in bezug auf das, was für seine Gegenwart unmittelbar Bedeutung hat, was sich unmittelbar auf sein Erdendasein bezieht. Während er in bezug auf das Vater-Prinzip und in bezug auf das Geist-Prinzip Vergangenheit und Zukunft in sich trägt, ist er in bezug auf jene Begegnung, von der ich gesagt habe, daß sie sich im Jahreslauf vollzieht und noch zusammenhängt auch nun mit der Begegnung mit dem Christus, an die Naturordnung gebunden. Wäre er nicht an die Naturordnung gebunden, so würde die Folge sein, daß der eine Weihnachten im Dezember, der andere Weihnachten im März feierte und so weiter. Aber trotzdem sich die Völker in verschiedener Weise unterscheiden, schon mit Bezug darauf, wie sie das Weihnachtsfest begehen, irgend etwas von einer Festlichkeit, die immer irgendwie einen Bezug hat auf diese Begegnung, auf das, was ich meinte, fällt doch in die letzten Dezembertage. In bezug auf diese Begegnung, die in den Jahreslauf eingefügt ist, steht also der Mensch, und zwar weil dieses seine Gegenwart ist, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Naturlaufe; da fügt er sich dem Naturlaufe, während er mit Bezug auf Vergangenheit und Zukunft aus dem Naturlauf herausgetreten ist, seit Jahrtausenden schon herausgetreten ist.
[ 14 ] In alten Zeiten fügte sich der Mensch allerdings auch in bezug auf Vergangenheit und Zukunft dem Naturlaufe. So war nach dem Naturlaufe in alten Zeiten zum Beispiel in den germanischen Ländern die Geburt geregelt. Denn die Geburt durfte nur stattfinden, weil sie von den Mysterien aus geregelt wurde, zu einer ganz bestimmten Jahreszeit. Da war sie eingefügt in die Jahreszeit. Und geregelt wurde Empfängnis und Geburt in alten Zeiten, in weit zurückliegenden vorchristlichen Zeiten, in den germanischen Ländern durch dasjenige, was sich nur in schwachen Nachklängen erhalten hat als Mythe, durch den Hertha-Dienst. Der Hertha-Dienst umfaßte nämlich nichts Geringeres in alten Zeiten, als daß nur zu der Zeit, als die Hertha mit ihrem Wagen sich den Menschen näherte, die Tage der Empfängnis da waren; und wenn sie sich wieder zurückgezogen hatte, dann durften sie nicht mehr sein. Das bewirkte allerdings, daß dazumal als ehrlos galt — weil er aus dem Naturlauf herausfiel in bezug auf sein Menschendasein — derjenige, der nicht innerhalb einer gewissen Jahreszeit geboren war. Das war geradeso in alten Zeiten dem Naturlaufe angepaßt, wie angepaßt war diesem Naturlaufe das Schlafen und Wachen. Man ging eben, wenn die Sonne unterging, schlafen und wachte auf mit der Morgenröte. Aber diese Dinge haben sich verschoben. Nicht verschieben aber kann sich das Mittlere, die Anpassung an den Jahreslauf. Durch diese Anpassung an den Jahreslauf soll nämlich und muß im menschlichen Gemüt etwas erhalten bleiben.
[ 15 ] Was ist denn der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung? Das ist der ganze Sinn der menschlichen Erdenentwickelung, daß sich der Mensch an die Erde anpaßt, daß er die Bedingungen der Erdenentwickelung in sich aufnimmt; daß er hineinträgt in die Zukunft seiner Entwickelung dasjenige, was die Erde ihm geben kann — ich meine jetzt nicht bloß in einer Inkarnation, sondern durch alle Inkarnationen hindurch —, für die spätere Entwickelung ihm geben kann. Das ist der Sinn der Erdenentwickelung. Dieser Sinn der Erdenentwickelung, er kann nur verwirklicht werden dadurch, daß der Mensch gewissermaßen auf der Erde nach und nach vergessen lernte seinen Zusammenhang mit den kosmischen, mit den himmlischen Mächten. Der Mensch lernte vergessen seinen Zusammenhang mit den himmlischen Mächten. Wir wissen ja, daß in alten Zeiten die Menschen ein atavistisches Hellsehen hatten, aber gerade innerhalb dieses atavistischen Hellsehens wirkten ja die himmlischen Mächte in die Menschen hinein. Da hatte der Mensch noch seinen Zusammenhang mit den himmlischen Mächten; da ragte gewissermaßen das Himmelreich in das menschliche Gemüt hinein. Das mußte anders werden, damit der Mensch seine Freiheit entwickeln kann. Der Mensch mußte in seiner Anschauung, in seiner unmittelbaren Wahrnehmung nichts mehr haben von dem himmlischen Reich, damit er der Erde verwandt werde. Aus diesem Grunde aber ist auch die Möglichkeit allein gegeben gewesen, daß der Mensch in der extremsten Zeit der Erdenverwandtschaft eben materialistisch wurde, im fünften Zeitraum, in dem wir selber drinnenstehen. Der Materialismus ist nur der radikalste, extremste Ausdruck der Verwandtschaft des Menschen mit der Erde. Das aber würde bedingen, daß der Mensch wirklich der Erde verfiele, wenn nichts anderes eintreten würde. Der Mensch müßte der Erde verwandt werden, nach und nach ganz das Schicksal der Erde teilen. Er müßte die Wege nehmen, die die Erde selber nimmt, er müßte sich ganz einfügen der Erdenentwickelung, wenn nichts anderes eintreten würde. Er müßte gleichsam mit der Erde sich losreißen vom ganzen Kosmos und sein Schicksal ganz mit dem Schicksal der Erde verbinden.
[ 16 ] Das war aber nicht so gemeint für die Menschheit, sondern es war für die Menschheit anders gemeint. Der Mensch sollte auf der einen Seite sich richtig mit der Erde verbinden, aber es sollte Botschaft aus der himmlischen, geistigen Welt herunterkommen, die ihn, trotzdem er “ durch seine Natur erdenverwandt wird, wiederum hinwegträgt über diese Erdenverwandtschaft. Und dieses Herunterbringen der Himmelsbotschaft, das geschah durch das Mysterium von Golgatha. Daher mußte auf der einen Seite das Wesen, das durch das Mysterium von Golgatha ging, Menschenwesenheit annehmen, aber auf der anderen Seite in sich Himmelswesenheit tragen. Das heißt aber: Wir dürfen uns den Christus Jesus nicht bloß so vorstellen, daß er innerhalb der Menschheitsentwickelung nicht als auch einer sich entwickelt, und sei er auch der Höchste, sondern daß er sich als einer entwickelt, der aufnimmt himmlische Wesenheit, der nicht bloß eine Lehre verbreitet, sondern der in die Erde hereinträgt dasjenige, was aus dem Himmel kommt. Daher ist es wichtig, zu verstehen, was eigentlich die JohannesTaufe im Jordan ist: daß das nicht bloß eine moralische Handlung ist — ich sage nicht «nicht» eine moralische Handlung ist, sondern «nicht bloß» eine moralische Handlung ist —, sondern eine reale Handlung ist; daß da etwas geschieht, das so wirklich ist, wie die Naturereignisse wirklich sind, das so wirklich ist, wie wenn ich mit irgendeinem Wärmequell etwas erwärme und die Wärme übergeht in das Erwärmte, daß die Christus-Wesenheit übergeht in den Menschen Jesus von Nazareth bei der Johannes-Taufe. Das ist gewiß im höchsten Grade ein Moralisches, aber auch im Naturlaufe ein Wirkliches, wie die Naturerscheinungen wirklich sind. Und darauf kommt es an, daß das verstanden wird, daß man es nicht nur mit irgend etwas zu tun hat, was aus rationalistischen menschlichen Begriffen heraus stammt, die immer nur übereinstimmen mit dem mechanischen, dem physischen oder chemischen Naturlaufe, sondern daß es etwas ist, was als Idee zu gleicher Zeit so in der realen Wirklichkeit drinnensteht, wie die Naturgesetze in der realen Wirklichkeit oder eigentlich die Naturkräfte in der realen Wirklichkeit drinnenstehen,
[ 17 ] Von da aus, wenn man das erfaßt, werden dann auch andere Begriffe viel realer werden, als sie in der Gegenwart sind. Sehen Sie, der alte Alchimist — wir wollen uns jetzt nicht über Alchimie unterhalten, aber wir wollen auf das, was der Alchimist im Auge hatte, blicken; ob das berechtigt oder unberechtigt ist, darüber wollen wir uns nicht unterhalten, das kann vielleicht Gegenstand einer anderen Betrachtung sein —, er hatte im Auge, daß durch seine Vorstellungen nicht bloß etwas vorgestellt wird, sondern etwas geschieht. Sagen wir: Er räucherte. Und hatte er dann die Vorstellung oder sprach sie aus, so versuchte er, in diese Vorstellung eine solche Kraft hineinzubringen, daß die Räuchersubstanz wirklich Formen annahm. Er suchte solche Begriffe, die die Macht haben, in die äußere Naturrealität einzugreifen, nicht bloß innerhalb des Egoistischen des Menschen zu bleiben, sondern in die Naturrealität einzugreifen. Warum? Weil er auch noch von dem Mysterium von Golgatha die Vorstellung hatte, daß da etwas geschah, was in den Naturlauf der Erde eingreift, das ebenso eine Tatsache ist, wie ein Naturvorgang eine Naturtatsache ist.
[ 18 ] Sehen Sie, auf diesem beruht ein bedeutungsvoller Unterschied, der in der zweiten Hälfte des Mittelalters und gegen die neuere Zeit, gegen unsere fünfte, auf die griechisch-lateinische folgende Weltenperiode eintrat. In der Kreuzzugszeit, der Zeit des 12., 13., 14., 15., ja 16. Jahrhunderts gab es insbesondere Frauennaturen, welche ihr Gemüt in eine solche Mystik brachten, daß sie dieses innere Erlebnis, das ihnen die Mystik brachte, wie eine Hochzeit empfanden mit dem Geistigen, sei es mit dem Christus, oder sonst etwas. Mystische Hochzeiten feierten zahlreiche asketische Nonnen und so weiter. Ich will mich heute nicht über das Wesen dieser innerlichen mystischen Vereinigungen ergehen; aber es war eben ein innerhalb des Gemüts Verlaufendes, das dann nur mit Worten ausgesprochen werden konnte, das gewissermaßen innerhalb der Vorstellungen, der Empfindungen und noch des Wortes, in das die Empfindungen gekleidet werden können, verlief. Dem setzte dann aus gewissen Vorstellungen und geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen heraus Valentin Andreae seine «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» entgegen. Diese chymische Hochzeit, wir würden heute sagen chemische Hochzeit, sie ist auch ein menschliches Erlebnis. Aber wenn Sie sie durchlesen, diese Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz, so werden Sie sehen, daß es sich da nicht bloß um ein Gemütserlebnis handelt, sondern um etwas, was den ganzen Menschen ergreift, nicht bloß sich in Worten ausspricht; was nicht bloß hereingestellt ist wie ein Gemütserlebnis in die Welt, sondern wie ein realer Vorgang, ein Naturvorgang, wo der Mensch mit sich etwas macht, das wie ein Naturvorgang wird. Also etwas, was mehr von Wirklichkeit durchtränkt ist, meint Valentin Andreae mit seiner «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz», als eine bloß mystische Hochzeit etwa der Mechthild von Magdeburg, die eine Mystikerin war. Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur etwas getan für die Subjektivität des Menschen; durch die chymische Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas für die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgänge etwas für die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent christlichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer dachten — sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimisten —, Begriffe wollten sie, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger Art meistern könnten, durch die sie in die Wirklichkeit richtiger eingreifen könnten, solche Begriffe, die nun wirklich etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. Die materialistische Zeit hat zunächst über solche Begriffe einen Schleier geworfen. Und die Menschen, während sie heute meinen, gerade recht über die Wirklichkeit zu denken, leben viel mehr in Illusionen als die von ihnen verachteten Menschen zum Beispiel der Alchimistenzeit, welche Begriffe anstrebten, durch die die Wirklichkeit gemeistert werden kann.
[ 19 ] Was können denn heute die Menschen mit ihren Begriffen? Das erleben wir ja gerade in unserem Zeitalter, was die Menschen mit ihren Begriffen erreichen können: Illusionen, Begriffshülsen. Das ist dasjenige, dem die Menschen heute wie Götzen nachjagen: Begriffshülsen, die nichts zu tun haben mit der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit erlangt man nur dadurch, daß man untertaucht eben in die Wirklichkeit, aber nicht dadurch, daß man sich in beliebiger Weise Begriffe ausbildet. Und doch, an den gewöhnlichsten Dingen des Tages kann man den Unterschied von wirklichkeitsgesättigten Begriffen und unwirklichen Begriffen erkennen. Nur erkennen das die meisten Menschen heute nicht. Sie sind so unendlich befriedigt von bloßen Begriffsschatten, die keine Wirklichkeit haben. Denken Sie sich zum Beispiel, daß heute jemand sich hinstellt und eine Rede hält, in der er sagt, nun, nehmen wir an, es sagte jemand: Es müsse eine neue Zeit kommen, sie kündige sich schon an, eine ganz neue Zeit, in welcher der Mensch nur nach seinem eigenen Werte gemessen werden müsse, wo jeder Mensch kraft dessen, was er leisten kann, gewertet wird! — Nun, wer würde heute nicht sagen: Das ist einmal etwas, das nun aus dem tiefsten Verständnis unserer Zeit heraus gesprochen ist! Aber solange die Begriffe Hülsen bleiben, kann es noch so schön sein, es ist eben nicht wirklichkeitsdurchtränkt. Denn es kommt nicht darauf an, daß jemand dem Prinzip nachjagt, daß jeder Mensch nach seinen Kräften an den betreffenden Ort gestellt werden soll, wenn er nachher davon überzeugt ist, daß gerade sein Neffe derjenige ist, der der Tüchtigste ist. Es kommt nicht darauf an, was man für Begriffe, für Vorstellungen hat, sondern daß man vermag, in die Wirklichkeit mit seinen Begriffen hineinzudringen, Wirklichkeit zu erkennen! Prinzipien haben, Ideale haben, das tut sehr wohl, ist eine große Wollust, und sie auszusprechen, ist oftmals eine noch größere Wollust. Aber das, was not tut, ist: wirklich untertauchen in die Wirklichkeit, die Wirklichkeit erkennen und durchdringen das Wirkliche. Wir kommen immer tiefer hinein in dasjenige, was unsere unendlich traurige Zeit herbeigeführt hat, wenn wir diesen Götzendienst gegenüber den Begriffshülsen und Begriffsschatten immer weitertreiben, wenn wir nicht uns hineinfinden in die Anschauung, daß schöne Begriffe haben und schöne Vorstellungen haben, schöne Begriffe aussprechen und schöne Vorstellungen aussprechen, nicht einen Schuß Pulver wert ist, wenn es nicht verbunden ist mit dem Willen, in die Wirklichkeit unterzutauchen, die Wirklichkeit zu erkennen. Und taucht man in die Wirklichkeit unter, dann findet man in dieser Wirklichkeit nicht bloß das Materielle, sondern dann findet man eben auch den Geist. Das bringt allein vom Geiste ab, daß man mit Begriffsschatten, mit Begriffshülsen heute Götzendienst treibt. Das ist aber auch das unermeßliche Unglück unserer Zeit, daß die Menschen an schönen Worten sich berauschen. Und das ist zugleich das Unchristliche; denn das Grundprinzip des Christentums ist, daß der Christus in den Jesus von Nazareth nicht nur Lehren hineingegossen hat, sondern selber in ihn hineingezogen ist, das heißt, sich mit der irdischen Wirklichkeit so verbunden hat, in diese irdische Wirklichkeit eingezogen ist, und dadurch die lebendige Botschaft aus dem Kosmos geworden ist.
[ 20 ] Dasjenige Buch, welches, wenn es richtig gelesen wird, das wunderbarste Erziehungsmittel für die Wirklichkeit ist, das ist nun doch das Neue Testament. Nur muß nach und nach dieses Neue Testament in unsere Sprache übertragen werden. Die heutigen Übersetzungen sind nicht mehr so, daß sie den ursprünglichen Sinn völlig geben, aber wenn in die unmittelbare Sprache des Tages der alte Sinn übertragen wird, dann ist das Evangelium das allerbeste Mittel, die Menschen zu wirklichkeitsdurchtränktem Denken zu bringen, weil dieses Evangelium in jeder Zeile selber nicht solche Gedankenformen hat, welche zu Begriffsschatten und Begriffshülsen führen. Man muß nur die Dinge in ihrer tieferen Realität heute fassen. Es könnte schon fast trivial klingen, wenn man vom Sich-Berauschen an Begriffen spricht, aber dieses Berauschen an Begriffen ist nun eben einmal heute so ungeheuer verbreitet, daß es weniger auf die Vorstellungen, auf die Ideen, und wenn sie noch so schön klingen, ankommt, sondern darauf, daß der, der die Vorstellungen und Ideen ausspricht, in der Wirklichkeit steht. Das kann man so unendlich schwer heute begreifen. Man beurteilt ja fast alles, was in die Öffentlichkeit tritt, heute bloß nach dem Inhalt, und zwar nach dem Begriffsinhalt. Sonst würde man nicht die ideenleersten Dokumente — ich will nur sagen zum Beispiel die sogenannte Friedensnote des Professor Wilson, ich will sagen des Präsidenten Wilson, eine Hülse, eine bloße Zusammenstoppelung von Begriffsschatten —, man würde sie nicht für irgend etwas gehalten haben, was Tragkraft hat für die Realität. Wer Empfindung hat für Begriffsschattigkeit, der konnte aus dieser Zusammenstellung von bloßen Begriffsschatten wissen, daß das höchstens als Absurdität wirken könnte, die dann eine gewisse Realität sein könnte. Denn das, was not tut, ist heute eben: wirklichkeitsgesättigte Begriffe sich zu holen, zu suchen. Das aber setzt voraus, daß die Menschen tief, tief verwandt werden können mit der Wirklichkeit, daß sie selbstlos genug sind, sich mit dem, was in der Wirklichkeit lebt und webt, zu verbinden. Denn man kann vieles sehen in der Gegenwart, das gerade von diesem Suchen nach der Wirklichkeit abführt, ganz hinwegführt, und man merkt diese Dinge nicht.
[ 21 ] Mancherlei für den Kenner traurigste Dinge gehen vor sich. Zum Beispiel ist es in der Gegenwart möglich, daß die Menschen ergriffen werden, rein durch die Wortzusammenstellung, von einer Anzahl von Reden, die auch gedruckt worden sind; einer Anzahl von Reden, welche für denjenigen, der nicht auf die Worte, sondern auf die Wirklichkeiten geht, geradezu grauenvoll sind. Da sind Reden gehalten worden von einer sehr angesehenen Persönlichkeit der Gegenwart, die gleich in einer der ersten Reden den Standpunkt vertritt: Ja, mit Bezug auf die eine Seite des Menschen gehört der Mensch durchaus der Naturordnung an, und die Theologen tun nicht gut, wenn sie nicht die Naturordnung den reinen Naturforschern überlassen. — Dann führt der Redner weiter aus: In bezug auf die Naturordnung ist der Mensch rein ein Mechanismus; aber von diesem Mechanismus hängen auch die Verrichtungen der Seele ab. — Und was er nun als Verrichtungen der Seele angibt, das ist ungefähr alles, was die Seele überhaupt an Verrichtungen hat. Das soll nun auch den Naturforschern überlassen werden. Und für die Theologie bleibt dann nichts anderes als der Trost: Es ist alles an die Naturwissenschaft abgetreten, aber wir sollen nur noch reden! Dann kann man allerdings nur noch in Worthülsen reden. Dabei sind die Reden so gefaßt, daß sie Diskontinuitäten haben — ich werde auf das ganze Faktum in den nächsten Vorträgen noch einmal zurückkommen und darauf näher eingehen —, daß der nächste Gedanke, wenn er wirklich durchschaut wird, mit dem vorhergehenden Gedanken, mit dem er in Zusammenhang gebracht wird, nicht einmal irgendwie zusammen gedacht werden kann. Aber das Ganze klingt wunderschön. Und in der Vorrede zu diesen Vorträgen über sogenannte «Lebensgestaltung» steht, daß diese Vorträge vor Tausenden von Menschen vor kurzer Zeit gehalten worden sind, und daß jedenfalls noch viele Tausende das Bedürfnis haben werden, sich an diesen Vorträgen einen Seelentrost in ernster Zeit zu suchen. Diese Vorträge sind von dem berühmten Theologen Hunzinger und sind in der Quelle- und Meyer-Sammlung, ich glaube «Wissenschaft und Bildung» heißt sie, erschienen und sind geradezu etwas, was zu dem Gefährlichsten in der Gegenwart gehört, weil es bei einem schön klingenden Inhalt, bei einem berauschend klingenden Inhalt, das Gedankenleben der Menschen geradezu verwirrt, weil die Gedanken keinen Zusammenhang haben, und weil das Ganze eigentlich, sobald man es der berauschenden Worte entkleidet, nichts anderes ist als ein Nonsens, Dennoch, die Lobrednereien über diese Dinge erfüllen ungeheuer weite Kreise — ich werde Ihnen in einem der nächsten Vorträge im einzelnen nachweisen, welche Gedankenkonfusiionen darinnen sind — und niemand läßt sich darauf ein, die Gedankenformen zu prüfen, sondern jeder bleibt stehen bei den Wortschatten.
[ 22 ] Ja, dasjenige, was äußere Wirklichkeit ist, hängt durchaus zusammen mit demjenigen, was der Mensch innerlich entwickelt. Entwickelt er wirklichkeitsfremde Begriffe, dann muß die Wirklichkeit in Verwirrung kommen, und dann entstehen Zustände wie die heutigen. An dem, was als äußere Zustände einem entgegentritt, kann man nicht mehr die $ache beurteilen, sondern an dem muß man es beurteilen, was sich oftmals nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte, vielleicht noch länger vorher in den menschlichen Gemütern entwickelt. Da liegt es, was die Ursache ist. Da hinein muß man schauen. Alles aber hängt daran, daß der Christus nicht bloß seinem Lehrinhalt nach genommen werde, sondern daß das Mysterium von Golgatha in seiner Realität, in seiner Wirklichkeit geschaut wird, daß geschaut wird, daß da tatsächlich etwas Überirdisches durch die Person des Jesus von Nazareth sich mit dem Irdischen verbunden hat. Denn dann wird man darauf kommen, daß das Moralische nicht bloß dasjenige ist, was verweht und vergeht, wenn die Erde oder selbst das Himmelsgebäude ein Grab geworden ist, sondern daß die gegenwärtige Erde und das gegenwärtige Himmelsgebäude ein Grab werden kann, wie die gegenwärtige Pflanze zu Staub wird. Aber wie in der gegenwärtigen Pflanze der Keim zu der nächsten darinnensteckt, so steckt in der gegenwärtigen Welt der Keim zu der nächsten darinnen. Und die Menschen sind mit diesem Keim verbunden. Nur bedarf dieser Keim des Zusammenhanges mit dem Christus, damit er nicht, wie etwa der Pflanzenkeim, wenn er nicht befruchtet wird, mit dem Staub der Pflanze zerfällt, so mit dem Grabe der Erde zerfällt. Daß die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft künftiger Naturordnung ist, das ist der realste Gedanke, den es geben kann. Das Moralische ist nicht bloß etwas Ausgedachtes; das Moralische ist jetzt, wenn es wirklichkeitsgetränkt ist, als Keim vorhanden für spätere äußere Realitäten.
[ 23 ] Zu diesem Gedanken kommt keine solche Weltanschauung, von der Herman Grimm sagte, daß ein Stück Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumschleicht, ein appetitlicherer Anblick sei als die KantLaplacesche Weltordnung. Zu diesem Gedanken, daß das Moralische in sich die Kraft hat, ein Natürliches zu werden, daß es der Keim des Natürlichen ist, des Natürlichen der Zukunft, zu dem dringt die mechanische Weltenordnung niemals. Und warum nicht? Ja, sie muß ja in der Täuschung leben. Denn stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golgatha hätte nicht stattgefunden, dann wäre es so, wie die Kant-Laplacesche Theorie es sich vorstellt. Sie brauchen bloß das Mysterium von Golgatha von der Erde wegzudenken, dann wäre diese Theorie richtig. Denn die Erde mußte in einen Zustand einmal kommen, der, wenn er, sich selbst überlassen, weiterlaufen würde, das Menschliche in der Grabesöde enden ließe. Das mußte so geschehen, damit der Mensch durch Erdenverwandtheit die Freiheit erringen könne. Er findet dieses Grab nicht, weil die Erde in dem Augenblick, in dem die Krisis war, befruchtet wurde durch den Christus, weil der Christus heruntergestiegen ist — und weil der Christus die umgekehrte Kraft ist gegenüber der zum Grabesende führenden, das nämlich, was Keimeskraft ist —, hinaufzutragen den Menschen in die geistige Welt; das heißt, wenn die Erde Grab wird, wenn sie ihrem Schicksal nach der Kant-Laplaceschen Theorie folgt, das nicht mit zugrunde gehen zu lassen, was als Keim in ihr liegt, sondern es hinüberzutragen in die Zukunft. So daß die christlich-moralische Weltordnung dasjenige denkt, was Goethe die «höhere Natur in der Natur» nennt, und man sagen kann: Wer das Mysterium von Golgatha in der richtigen Weise als eine Realität denken kann, der kann auch real denken, der kann sich auch wirklichkeitsgesättigte Begriffe machen.
[ 24 ] Das aber ist notwendig, und das ist auch dasjenige, was die Menschen vor allen Dingen lernen müssen. Denn die Menschen haben in dieses fünfte nachatlantische Zeitalter herein entweder Begriffe sich bilden wollen, welche sie berauschen, oder Begriffe sich bilden wollen, welche sie blind machen. Begriffe, welche berauschen, sind vielfach auf religiösen Gebieten gemacht worden; Begriffe, welche blind machen, sind vielfach auf naturwissenschaftlichem Gebiet gemacht worden. Berauschen muß ein Begriff, welcher, indem er gelten läßt auf der anderen Seite die rein natürliche Ordnung, bloß an irgend etwas Moralisches denkt, wie Kant, der diese zwei Welten nebeneinanderstellt, die eine dem Wissen, die andere dem Glauben auslieferte. Solche Begriffe, die man dann ausbildet auf moralischem Gebiete, können berauschen, und durch den Rausch merkt man dann nicht, daß man dann eigentlich unweigerlich verfallen ist der Grabesstille der Welt, mit der verklungen und versunken ist all dasjenige, was moralische Weltenordnung ist. Oder Begriffe können blind machen, wie es die naturwissenschaftlichen, die nationalökonomischen und — verzeihen Sie, es schluckt sich schwer — die politischen Begriffe der Gegenwart sind. Blind machen diese Begriffe, wenn sie nicht gebildet werden so, daß sie in Zusammenhang stehen mit der geistig begriffenen Welt, sondern nur aus den Fetzen der äußeren sogenannten tatsächlichen, das heißt sinnlich-tatsächlichen Wirklichkeit heraus gebildet sind. So daß jeder nur so weit sieht, als seine Nase reicht, das heißt blind nur aus dem heraus urteilt, was er zwischen Geburt und Tod mit seinen Augen sehen und mit angelernten Begriffen umfassen kann, ohne daß er sich Begriffe ausbildet, die deshalb wirklichkeitsgetränkt sind, weil sie durchtränkt sind vom Geistigen, von Erfassung der geistigen Wirklichkeit.
[ 25 ] Man muß immer wieder und wiederum auf dasjenige hinweisen, was unserer Zeit so ganz besonders not tut, wirklich not tut. Denn selbst das Historische wirkt in unserer Zeit oftmals nur mehr wie Begriffsschatten. Wieviel wird deklamiert heute, ich will sagen, von dem, was Fichte zum deutschen Volk gesprochen hat! Was Fichte zum deutschen Volk gesprochen hat, begreift man erst, wenn man das ganze Leben Fichtes, dieses so tief in der Wirklichkeit stehende Leben Fichtes sich ansieht. Deshalb habe ich versucht, in meinem Buch «Vom Menschenrätsel» die Persönlichkeit Fichtes hinzustellen, wie sie geworden ist, wie sie schon von Kindheit auf verknüpft war mit der Wirklichkeit. Und man möchte so gerne, daß gerade solche Worte wie diese von dem Durchtränktsein der Vorstellungen und Ideen mit Wirklichkeiten, daß gerade diese heute nicht oberflächlich nur angehört werden, sondern tief innerlich genommen werden; wirklich tief innerlich genommen werden. Nur dann wird man sich ein freies, offenes Auge, ich meine Seelenauge, aneignen für dasjenige, was unserer Zeit so sehr not tut. Und jedem Menschen tut not ein solches freies, offenes Seelenauge. Derjenige, der es sich nicht besonders zur Aufgabe machte, gerade über diese hiermit berührten Fakten nachzudenken, der achtet viel zu wenig darauf, wie in unserer Zeit mit Begriffsschatten, mit Worthülsen gewirtschaftet wird, und wie alles darauf angelegt ist, den Menschen entweder in die berauschenden oder in die blind machenden Begriffe zu führen.
[ 26 ] Nehmen Sie so etwas, wie ich es heute gesagt habe, nicht in dem Sinne eines Agitatorischen, sondern in dem Sinne von etwas, das aussprechen will, was ist. Der Mensch muß gewiß mit seiner Zeit leben, und soll mit seiner Zeit leben, und er soll nicht, wenn irgend etwas charakterisiert wird, das so auffassen, als ob man damit meinte, daß alles und alles damit abgewiesen werde. Aber es soll das Gegengewicht geschaffen werden. Es ist heute nur natürlich, daß die Welt vor Impulsen steht, die ganz in den Materialismus hineinführen. Das kann nicht aufgehalten werden, denn dieses Hineinführen in den Materialismus, das hängt zusammen mit dem tiefen Bedürfnis unserer Zeit. Aber ein Gegengewicht muß geschaffen werden. Ich möchte sagen, alle Mächte stellen es darauf ab, den Menschen ganz fest in den Materialismus einzuführen. Das kann nicht aufgehalten werden; es gehört zum Wesen des fünften nachatlantischen Zeitraumes. Aber das Gegengewicht muß geschaffen werden. Ein besonders hervorragendes Mittel, den Menschen in den Materialismus hineinzujagen, ist das, was von diesem Gesichtspunkte aus kaum bemerkt wird: der Kinematograph. Es gibt kein besseres Erziehungsmittel zum Materialismus als den Kinematographen. Denn das, was man in dem Kinematographen schaut, das ist nicht Wirklichkeit, wie sie der Mensch sieht. Nur eine Zeit, welche so wenig Begriff hat von der Wirklichkeit wie diejenige, welche die Wirklichkeit als Götzen im Sinne des Materialismus anbetet, kann glauben, daß der Kinematograph eine Wirklichkeit bietet. Eine andere Zeit würde darüber nachdenken, ob der Mensch auf der Straße so geht wie im Kinematographen; und dann, wenn er sich fragt: Was hast du gesehen? — ob er wirklich das so im Bilde hatte, wie der Kinematograph es ihm vorstellt. Fragen Sie sich einmal ehrlich, aber tief ehrlich: Ist dasjenige, was Sie gesehen haben auf der Straße, näher dem Bilde, das sich nicht bewegt, das ein Maler Ihnen macht, oder dem schauderhaften funkelnden Bilde des Kinematographen? Wenn Sie sich ehrlich fragen, so werden Sie sich sagen: Das, was der Maler in Ruhe gibt, das gleicht viel mehr dem, was Sie selber auf der Straße sehen. Daher aber auch nistet sich, während der Mensch vor dem Kinematographen sitzt, das, was ihm der Kinematograph bietet, nicht in das gewöhnliche Wahrnehmungsvermögen ein, sondern in eine tiefere materielle Schicht, als wir sonst im Wahrnehmen haben. Der Mensch wird ätherisch glotzäugig. Er bekommt Augen wie ein Seehund, nur viel größer, wenn er sich dem Kinematographen hingibt. Ätherisch meine ich das. Da wirkt man nicht nur auf dasjenige, was der Mensch im Bewußtsein hat, sondern auf sein tiefstes Unterbewußtes wirkt man materialisierend. Fassen Sie das nicht auf wie eine Brandrede gegen den Kinematographen. Es soll ausdrücklich noch einmal gesagt werden: Es ist ganz natürlich, daß es Kinematographen gibt; die Kinematographenkunst wird noch immer mehr und mehr ausgebildet werden. Das wird der Weg in den Materialismus sein. Ein Gegengewicht muß geschaffen werden. Das kann nur darin bestehen, daß der Mensch mit der Sucht nach der Wirklichkeit, die im Kinematographen entwickelt wird, etwas verbindet. Wie er da mit der Sucht entwickelt ein Heruntersteigen unter die sinnliche Wahrnehmung, so muß er ein Heraufsteigen über die sinnliche Wahrnehmung, das heißt in die geistige Wirklichkeit, entwickeln. Dann wird ihm der Kinematograph nichts schaden; da mag er sich dann die kinematographischen Bilder ansehen, wie er will. Aber gerade durch solche Dinge wird der Mensch dahin geführt — indem kein Gegengewicht geschaffen wird —, nicht so, wie es notwendig ist, erdenverwandt zu werden, sondern immer erdenverwandter, erdenverwandter zu werden und zuletzt völlig abgeschnürt zu werden von der geistigen Welt.
