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Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha
GA 175

6 März 1917, Berlin

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Ich habe Ihnen gesprochen von den drei Begegnungen, denen die Menschenseele unterworfen ist im Verlaufe ihres Lebens zwischen Geburt und Tod, und die sie schon im Verlaufe dieses Lebens zwischen Geburt und Tod in Verbindung bringen mit den geistigen Welten. Auf diesen Gegenstand, den wir das letzte Mal episodisch vorbereitend gewissermaßen von außen berührt haben, werden wir heute noch einmal zurückkommen, wir werden ihn überhaupt genauer betrachten.

[ 2 ] Wir haben bemerkt, daß der Mensch in jener Zeit, in der er den Wechselzuständen von Schlafen und Wachen unterliegt, eine Begegnung hat, in der Regel in der Mitte seines Schlafzustandes. In der Regel sage ich deshalb, weil das der Schlafzustand sein soll, der der normale Nachtzustand ist. Also der Mensch hat in der Regel zwischen Schlafen und Aufwachen seine Begegnung mit derjenigen Welt, der unser Geistselbst verwandt ist, mit derjenigen Welt, in die wir versetzen die Wesenheiten aus jener Klasse der Hierarchien, die wir als die Angeloi bezeichnen. Wir kommen da also gewissermaßen jedesmal, wenn wir durch den Schlaf gehen, durch jene Welt durch, in welcher sich diese Wesen aufhalten; durch jene Welt, die die nächste — nach oben — ist zu unserer physischen Welt, und erfrischen, erstärken gewissermaßen unser ganzes geistiges Wesen durch diese Begegnung. Weil das so ist, weil man es also im Schlafzustand zu tun hat mit einem Verhältnis des Menschen mit der geistigen Welt, wird auch niemals eine bloß materialistische Erklärung des Schlafzustandes, wie sie von der äußeren Wissenschaft versucht wird, irgendwie befriedigen können. Man kann vieles, das im Menschen vorgeht, erklären aus den Veränderungen, die der Leib durchmacht vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und man kann dann aus diesen Veränderungen den Schlaf erklären wollen, aber es wird immer etwas Unbefriedigendes dabei bleiben, weil es sich im Schlafe eben um die angedeutete Begegnung, also um eine Beziehung des Menschen zur geistigen Welt handelt. Gerade wenn wir also den Schlafzustand betrachten, können wir sehen, wie der Mensch, wenn er keine Beziehung sucht in seinem Bewußtsein zur geistigen Welt, dann zu halbwahren Begriffen kommt, zu jenen halbwahren Begriffen, welche — da Begriffe, Vorstellungen sich ins Leben umsetzen — das Leben verfälschen und auch die großen Katastrophen des Lebens eigentlich in Wahrheit zuletzt doch herbeiführen.

[ 3 ] Halbwahre Begriffe! Sie sind aus dem Grunde in gewisser Beziehung sogar schlimmer als die ganz falschen Begriffe, weil die Menschen, welche sich halbwahre Begriffe, halbwahre Vorstellungen bilden, auf diesen halbwahren Vorstellungen bestehen, denn sie können sie ja beweisen; da sie halb wahr sind, lassen sie sich beweisen. Es wird ihnen auch eine Widerlegung nicht einleuchten, da die Begriffe eben halb wahr sind. Solche Begriffe verfälschen wirklich das Leben noch mehr als die ganz falschen, denen man ihre Falschheit ja eben sofort ansieht, anerkennt. Eine solche halbwahre Vorstellung ist diejenige, die heute zum Teil von der äußeren Wissenschaft verlassen ist, aber zum Teil, zum großen Teil sogar von dieser äußeren Wissenschaft noch immer vertreten wird. Es ist die Vorstellung, auf die ich schon öfter aufmerksam gemacht habe: daß wir schlafen, weil wir ermüdet sind. Es ist, wir können wirklich sagen, eine halbwahre Vorstellung, und sie wird gestützt durch eben auch eine halbwahre Beobachtung, auf die sich die Menschen berufen: daß das Leben des Tages den Körper ermüdet, und daß man daher, weil man ermüdet ist, schlafen müsse. Nun, ich habe schon darauf aufmerksam gemacht in früheren Vorträgen, daß sich durch diese Erklärung des Schlafes niemals erklären ließe, warum Rentiers, die gar nicht gearbeitet haben, oftmals bei den anregendsten Dingen, die von der Außenwelt kommen, sofort einschlafen, wenn sie dieses oder jenes hören. Daß sie ermüdet sind, wird man ganz gewiß nicht nachweisen können; und daß sie durchaus schlafen müssen, weil sie nun so abgerackert sind, das ist eben nur eine falsche, also eine halbwahre Beobachtung. Wir Menschen beobachten eben da, wenn wir glauben, daß wir durch die Ermüdung zum Schlafen gezwungen werden, nur halb. Und man sieht, worin die Halbheit besteht, erst dann, wenn man dasjenige, was von der einen Seite beobachtet wird, vergleicht mit dem, was von der anderen Seite beobachtet werden kann, wo man der anderen Halbheit begegnet. Sie werden gleich sehen, was ich damit meine.

[ 4 ] Schlafen und Wachen ist im einzelnen menschlichen Leben etwas, was rhythmisch abwechselt. Nur ist der Mensch ein Wesen, das auf Freiheit gestellt ist, und das daher auch mit Bezug auf den Rhythmus von Schlafen und Wachen eingreifen kann — hier mehr durch die Verhältnisse als durch dasjenige, was man Freiheit nennt, aber diese Verhältnisse sind eben die Grundlage der Freiheit —, eingreifen kann bei dem Gang der Ereignisse, und manchmal bei dem Rhythmus des Schlafens und Wachens nur allzu gerne eingreift. Ein anderer Rhythmus, den wir oft zusammengestellt haben mit Schlafen und Wachen, wenn er auch im gewöhnlichen Bewußtsein falsch zusammengestellt wird, ist der, welcher im Jahreslauf eintritt: der Wechsel von Sommer und Winter, wenn wir die Zwischenjahreszeiten unberücksichtigt lassen. Niemand wird es dabei einfallen zu sagen: Nun, während des Sommers strengt sich die Erde an und entfaltet diejenigen Kräfte, welche dazu führen, daß die Pflanzen wachsen, Kräfte, welche zu manchem anderen noch führen; da ermüdet sie, und es muß daher eine Winterruhe eintreten. — Ein jeder wird eine solche Vorstellung als absurd abweisen und wird sagen: "Daß der Winter eintritt, hat gar nichts zu tun mit der sommerlichen Anstrengung der Erde, sondern er tritt halt deshalb ein, weil die Sonne in ein anderes Raumesverhältnis zu dem Fleck Erde kommt, auf dem gerade der Winter eintritt. — Da wird man alles von Äußerem ableiten, beim Schlafen und Wachen alles von der Ermüdung, vom Inneren. Nun ist das eine genau ebenso falsch wie das andere, oder man könnte auch sagen, es ist das eine gerade so halb wahr wie das andere. Denn der Rhythmus von Schlafen und Wachen ist gerade ein solcher Rhythmus wie derjenige zwischen Winter und Sommer. Es ist ebensowenig wahr, daß wir nur deshalb schlafen, weil wir ermüdet sind, wie es wahr ist, daß der Winter eintritt, weil die Erde sich während des Sommers abgerackert hat, sondern beides beruht auf selbständigem Wirken eben eines Rhythmus, der hervorgebracht wird durch gewisse Verhältnisse. Der Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen wird eben dadurch hervorgebracht, daß die Menschenseele es nötig hat, die Begegnung mit der geistigen Welt immer wieder und wiederum herbeizuführen, daß sie immer wiederum ihre Begegnung mit der geistigen Welt braucht. Und wenn wir sagen würden, wir wollen schlafen, und deshalb fühlen wir Ermüdung, oder wenn wir sagen würden: wir treten in das Stadium ein, wo wir nach dem einen Teil des Rhythmus, nach dem Schlafzustand verlangen, und deshalb fühlen wir Ermüdung, dann würden wir etwas Richtigeres sagen als: weil wir ermüdet sind, müssen wir schlafen.

[ 5 ] Die Sache wird uns noch klarer werden, wenn wir einfach fragen: Ja, was tut denn die Seele eigentlich, wenn sie schläft? Für die Beantwortung einer solchen Frage hat die heutige geistlose Wissenschaft kein rechtes Verständnis, auch keine rechte Möglichkeit. Sehen Sie, im Wachen, da genießen wir — denn Genuß ist beim ganzen Leben immer vorhanden —, da genießen wir die äußere Welt. Wir genießen ja nicht bloß die äußere Welt, wenn wir eine gute Speise durch unseren Gaumen fühlen, wo wir das Wort «genießen», weil die Sache eben radikal wirkt, anwenden, sondern wir genießen während des ganzen Wachzustandes die äußere Welt, und alles Leben ist zu gleicher Zeit Genuß. Wenn es viel Unlust in der Welt gibt und das scheinbar kein Genuß ist, so ist das nur eine Täuschung, von der wir im späteren Zusammenhang in nächsten Vorträgen einmal sprechen werden. Im Wachen genießen wir die äußere Welt, im Schlafen genießen wir uns selbst. Geradeso wie wir, wenn wir mit unserer Seele im Leibe sind, durch den Leib die äuBere Welt genießen, so genießen wir, wenn wir mit unserer Seele außer dem Leibe sind, unseren eigenen Leib; denn während des Lebens zwischen Geburt und Tod sind wir mit dem Leibe doch zusammenhängend, auch außerhalb des Leibes. Darin besteht im wesentlichen der Schlafzustand, der gewöhnliche normale Schlafzustand, daß wir uns in unseren Leib vertiefen, daß wir unseren Leib genießen. Von außen genießen wir unseren Leib. Und die Träume, die gewöhnlichen chaotischen Träume wird derjenige richtig deuten, der sich sagt, sie sind Widerspiegelung desjenigen Leibesgenusses, den der Mensch hat, wenn er im traumlosen Schlaf ist.

[ 6 ] Diese Erklärung des Schlafes kommt schon näher dem Schlafbedürfnis, von dem ich gesprochen habe beim Rentier. Denn daß er ermüdet ist, das werden wir ihm nicht so leicht glauben; daß er aber seinen Leib so gerne hat, daß er ihn lieber genießen will als das, was ihm oftmals aus der äußeren Welt entgegenkommt, das werden wir gerade beim Rentier leicht glauben können. Er hat sich ja in der Regel so unendlich gern und genießt sich so gern, er genießt vielleicht sich viel lieber als, um nicht zu sagen einen Vortrag, den er schandenhalber anhört, sondern vielleicht zu sagen, irgendein schwierigeres, besseres Musikstück, bei dem er sofort einschläft, wenn er es sich anhören soll. Schlaf ist Selbstgenuß. Dadurch nun, daß wir im Schlafe, im normalen Schlafe, die Begegnung mit der geistigen Welt haben, dadurch wird dieser Schlaf nicht bloßer Selbstgenuß sein, sondern auch Selbstverständnis sein; bis zu einem gewissen Grade Selbstverständnis, Selbstauffassung. In dieser Beziehung ist tatsächlich unserer geistigen Bildung notwendig, daß die Menschen begreifen lernen, daß sie wirklich im normalen Schlaf untertauchen in den Geist und im Aufwachen wiederum auftauchen aus dem Geiste, daß sie lernen Ehrfurcht zu haben vor dieser Begegnung mit dem Geiste.

[ 7 ] Nun, damit wir nicht unvollständig sind, möchte ich noch einmal auf das sogenannte Ermüdungsrätsel zurückkommen. Denn hier wird ja das triviale Bewußtsein am allerleichtesten einhaken können. Es wird sagen: Nun ja, wir erfahren aber doch, daß wir ermüdet sind, und mit der Ermüdung tritt das Schlafbedürfnis ein. — Hier ist ein Punkt, wo man wirklich genau unterscheiden muß. Wir ermüden tatsächlich bei des Tages Arbeit, und während wir schlafen, sind wir in der Lage, die Ermüdung fortzuschaffen. Also dieser Teil der Sache ist wahr: Wir sind in der Lage, durch den Schlaf die Ermüdung wegzuschaffen. Aber der Schlaf besteht nicht darin, daß er etwa eine Wirkung der Ermüdung ist, sondern er besteht darin, daß man sich selbst genießt. Und in diesem Selbstgenusse erwirbt sich der Mensch die Kräfte, durch die er die eingetretene Ermüdung fortschafft. Also soweit ist die Sache wahr, daß der Schlaf Ermüdung wegschaffen kann. Daraus folgt aber nicht, daß jeder Schlaf Ermüdung wegschafft; wahr ist, daß jeder Schlaf ein Selbstgenuß ist, wahr ist aber nicht, daß jeder Schlaf Ermüdung wegschafft. Denn derjenige, der unnötig schläft, der bei jeder Gelegenheit einschläft und unnötig schläft, der kann auch eben wirklich ein Schlafen vollbringen, in dem keine Ermüdung weggeschafft wird, in dem bloß Selbstgenuß vorliegt. Durch einen solchen Schlaf wird man zwar — weil man gewöhnt ist vom normalen Leben her, durch den Schlaf die Ermüdung wegzuschaffen —, durch einen solchen Schlaf wird man zwar sich fortwährend anstrengen, auch Ermüdung wegzuschaffen. Wenn sie aber nicht da ist, die Ermüdung, wie das beim Rentier der Fall ist, wenn er im Konzert einschläft, wird er bloß an seinem Leibe herumwirtschaften, so wie man sonst herumwirtschaftet, wenn man Ermüdung fortschaffen will. Aber da die Ermüdung nicht da ist, wird er unnötig herumwirtschaften, und die Folge wird sein, daß er allerlei Folgezustände in seinem Leibe ausbrütet. Daher solche schlafenden Rentiers gerade am ärgsten geplagt sind von allerlei Dingen, die man als Neurasthenie, oder wie sie sonst heißen, die schönen Dinge, zusammenfaßt.

[ 8 ] Es ist eben doch durch den Zusammenhang mit der geistigen Wissenschaft beim Menschen ein Zustand denkbar, in dem er sich bewußt ist: Du lebst in einem Rhythmus, der dich in Abwechslung dazu bringt, in der physischen Welt zu sein und in der geistigen Welt zu sein. In der physischen Welt hast du deine Begegnung mit der äußeren physischen Natur; in der geistigen Welt hast du deine Begegnung mit den Wesen eben, die in der geistigen Welt leben.

[ 9 ] Nun werden wir vollständig die Sache verstehen, wenn wir etwas tiefer auf die ganze Wesenheit des Menschen von einem gewissen Gesichtspunkte eingehen. Sehen Sie, für die äußere Wissenschaft, die man die Biologie nennt, ist der Mensch gewöhnlich als Einheit betrachtet, und man teilt ihn notdürftig in Kopf, Brustteil und Unterleibsteil mit daran befindlichen Gliedern. In jenen alten Zeiten, in denen man noch ein atavistisches Wissen hatte, verband man schon mehr Vorstellungen mit dieser Teilung, mit dieser Gliederung des Menschen. Der große Plato, der griechische Philosoph, er weist dem Kopfe, dem Haupte die Weisheit zu, dem Brustteil das Mutartige im Menschen, dem Unterleibsteil weist er zu dasjenige, was niederste Regungen der menschlichen Natur sind. Und veredelt kann dasjenige, was dem Brustteil zugewiesen ist, werden, wenn Weisheit sich vereinigt mit dem Mutartigen, das an den Brustteil geknüpft ist, zum weisheitsvollen Mut, zur weisheitsvollen Aktivität. Und dasjenige, was als die niedere Gliedrigkeit des Menschen zu betrachten ist, was an dem Unterleib haftet — wenn es durchsonnt wird von der Weisheit, so nennt es Plato die Besonnenheit. Also da sehen wir schon, wie die Seele gegliedert und bezogen wird auf die verschiedenen Leibesteile. Heute, wo wir die Geisteswissenschaft haben, die für Plato noch nicht in derselben Weise zugänglich war, können wir über diese Dinge ja viel genauer sprechen.

[ 10 ] Indem wir von dem gesamten Menschen sprechen, sprechen wir zunächst, wenn wir von oben beginnen in der Viergliedrigkeit des Menschen, von seinem Ich. Alles dasjenige, was der Mensch seelisch-geistig sein eigen nennt, wirkt in seinem physischen Dasein zwischen Geburt und Tod durch die Werkzeuge des physischen Leibes. Wir können uns bei jedem Gliede des Menschen fragen: Durch welche Partien der physischen Leiblichkeit wirkt das betreffende Glied? Und da zeigt sich uns bei einer durchgreifenden geistigen Beobachtung, daß dasjenige was wir das Ich des Menschen nennen, tatsächlich, so wie der Mensch ist zwischen Geburt und Tod, gebunden ist — so grotesk es klingt, aber die Wahrheiten sind gewöhnlich verschieden von dem, was das Trivialbewußtsein sich vorstellt —, leiblich gebunden ist an dasjenige, was wir Unterleib nennen. Denn dieses Ich ist ja, wie ich oftmals gesagt habe, gegenüber der menschlichen Natur das Baby. Der physische Leib hat seine Anlage schon bekommen in der alten Saturnzeit, der Ätherleib in der alten Sonnenzeit, der Astralleib in der alten Mondenzeit, das Ich erst während der Erdenzeit. Es ist das jüngste unter den Gliedern der menschlichen Wesenheit. Es wird erst zur künftigen Vulkanzeit auf der Stufe stehen, auf der der physische Leib jetzt während der Erdenzeit steht. Das Ich ist gebunden an die niedrigste Leiblichkeit des Menschen, und diese niedrigste Leiblichkeit, die schläft eigentlich fortwährend. Sie ist nicht so organisiert, daß sie dasjenige, was in ihr verläuft, ins Bewußtsein heraufträgt. Was in der niederen Leiblichkeit des Menschen geschieht, das ist auch im gewöhnlichen Wachzustand dem Schlafe unterworfen. Unser Ich, das kommt uns als solches in seiner Wahrheit, in seiner wirklichen Wesenheit ebensowenig zum Bewußtsein, wie uns die Vorgänge unserer Verdauung zum Bewußtsein kommen. Was uns als Ich zum Bewußtsein kommt, ist die Reflexvorstellung, die Spiegelvorstellung, die in unser Haupt hinaufgeworfen wird. Wir sehen oder nehmen unser Ich eigentlich niemals wahr, weder im Schlafe, wo wir überhaupt bewußtlos sind im normalen Zustand, noch im Wachen, denn das Ich schläft auch während des Wachens. Das wirkliche Ich kommt nicht ins Bewußtsein herein, sondern nur der Begriff, die Vorstellung vom Ich, die wird heraufgespiegelt. Dagegen in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da kommt wirklich dieses Ich zu sich selber, nur wird der Mensch im normalen tiefen Schlafe nichts davon wissen, weil er eben noch unbewußt ist während des Erdenzustandes in diesem tiefen Schlafe. Dieses Ich ist also im Grunde genommen an die niederste Leiblichkeit des Menschen gebunden, und zwar während des Tages, während des Tagwachens von innen, während des Schlafes von außen.

[ 11 ] Gehen wir nun zu dem zweiten Gliede der menschlichen Natur, zu demjenigen, was wir als den Astralleib bezeichnen, dann finden wir diesen Astralleib in bezug auf die Werkzeuge, durch die er wirkt, von einem gewissen Gesichtspunkte aus gebunden an den Brustteil des Menschen. Und im Grunde genommen können wir von dem, was in diesem Astralleib vorgeht und durch den Brustteil wirkt, eigentlich nur träumen. Vom Ich können wir nur, so wie wir sind als Erdenmenschen, schlafend etwas wahrnehmen, das heißt eben bewußt nichts wahrnehmen. Von dem, was der Astralleib in uns wirkt, können wir träumen. Daher träumen wir im Grunde genommen fortwährend über unsere Gefühle, über dasjenige, was als Empfindungen in uns lebt. Die führen in der Tat ein traumhaftes Dasein in uns. So steht das Ich des Menschen außerhalb des Gebietes, das wir Menschen mit unserem gewöhnlichen sinnlichen Bewußtsein umfassen, denn das Ich schläft forwährend. Der Astralleib steht auch noch in einer gewissen Beziehung außerhalb dessen, was wir mit unserem sinnlichen Bewußtsein umfassen, denn er kann nur träumen. Mit beiden stehen wir also im Grunde genommen fortwährend, ob wir wachen oder schlafen, in der geistigen Welt drinnen, wirklich in der geistigen Welt drinnen.

[ 12 ] Dasjenige aber, was wir den Ätherleib nennen, das ist mit Bezug auf seine Leiblichkeit gebunden an das Haupt, an den Kopf. Und das ist dasjenige, was zunächst durch die eigenrümliche Organisation des Kopfes in uns fortwährend wachen kann, beziehungsweise fortwährend wachen kann, wenn es im Leibe ist, also wenn es mit der Leiblichkeit des Kopfes verbunden ist. So daß wir sagen können: Das Ich ist mit den niedersten Gliedern unseres Leibes verbunden, der Astralleib mit unserem Brustteil. Das Herz, von dessen Vorgängen wir nicht ein volles Bewußtsein, sondern fortwährend nur ein Traumbewußtsein haben, das schlägt, pulst unter dem Einfluß unseres Astralleibes. Wenn der Kopf denkt, so denkt er unter dem Einfluß des Ätherleibes. Und dann können wir noch den ganzen physischen Leib unterscheiden, die Zusammenfassung von allem; der hat nun seine Verbindung mit der gesamten Außenwelt.

[ 13 ] Jetzt sehen Sie einen merkwürdigen Zusammenhang: Das Ich ist an die niederen Glieder des Leibes gebunden, der Astralleib an den Herzteil, der Ätherleib an den Kopfteil, der physische Leib an die ganze Außenwelt, an die Umgebung. Dieser ganze physische Leib steht auch wirklich fortwährend im wachen Zustande mit der äußeren Umgebung im Verhältnis. Geradeso, wie wir mit dem ganzen Leibe mit der äußeren Umgebung im Verhältnis stehen, so steht unser Ätherleib mit unserem Haupt, der Astralleib mit dem Herzen und so weiter in Verbindung. Daraus aber werden Sie erkennen, wie, ich möchte sagen, wirklich geheimnisvoll die Zusammenhänge sind, in denen der Mensch in der Welt lebt. In Wirklichkeit verhalten sich die Dinge geradezu umgekehrt gegenüber dem, was wir im Trivialbewußtsein leicht glauben können. Es sind eben die niedersten Glieder der menschlichen Natur heute beim Menschen noch unvollkommene Ausbildungen seines Wesens; daher entsprechen sie auch als Leibesglieder eben dem, was wir das Baby genannt haben: dem Ich.

[ 14 ] In dem, was ich damit gesagt habe, sind unzählige Geheimnisse des menschlichen Lebens verborgen, unzählige Geheimnisse. Vor allen Dingen werden Sie, wenn Sie in diese ganze Sache eingehen, verstehen, wie aus dem Geiste heraus der ganze Mensch gebildet ist, nur, möchte ich sagen, auf verschiedenen Stufen. Das Haupt des Menschen ist aus dem Geist heraus gebildet, allein es ist mehr ausgeprägt, es hat eine spätere Bildungsstufe als die Brust, von der wir ja sagen können, sie sei ebenso eine Metamorphose für das Haupt, wie das Blatt im Sinne der Goetheschen Metamorphosenlehre eine Metamorphose für die Blüte ist. Und wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus den Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen betrachten, dann werden wir sagen: Das Ich weilt während des Wachens in der Tat bei all den Tätigkeiten im menschlichen Leibe, die die niedersten Tätigkeiten sind, die zuletzt gipfeln in der Blutbereitung. Bei diesen Tätigkeiten weilt das Ich während des Wachens. Das sind diejenigen Tätigkeiten des Leibes, die gewissermaßen auf der untersten Stufe der Geistigkeit stehen, denn alles Leibliche ist ja auch geistig: aber das, wovon wir jetzt reden, steht auf der untersten Stufe der Geistigkeit. Dadurch aber, daß das Ich während des Wachens auf der untersten Stufe der Geistigkeit steht, steht es während des Schlafes — beachten Sie das wohl! — mit Bezug auf den Menschen in der höchsten Stufe der Geistigkeit. Denn bedenken Sie folgendes: Wenn wir das Haupt ansehen, so wie wir es als Menschen auf uns tragen, so ist es in bezug auf seine äußere Bildung am meisten den Geist offenbarend. Das Haupt ist am meisten Abbild des Geistes, am meisten Offenbarung des Geistes; der Geist ist am weitesten in die Materie eingegangen. Dadurch aber hat er am wenigsten zurückgelassen im Geiste selber. Indem der Mensch am Haupte so viel Arbeit darauf verwendet hat, die äußere Leiblichkeit vergeistigt zu offenbaren, ist wenig zurückgeblieben im Geiste. Indem in den niederen Gliedern der menschlichen Leiblichkeit dasjenige, was nach außen sich gebildet hat, am wenigsten vergeistigt ist, am wenigsten geistig ausgearbeitet ist, ist in bezug auf diese niederen Glieder am meisten im Geistigen zurückgeblieben. Dem Kopf als Kopf entspricht am wenigsten Geistiges, weil er am meisten Geist in sich hat; dem Unterleib entspricht am meisten Geist, weil er am wenigsten in sich hat. Aber in diesem meisten Geist, der nicht in der Leiblichkeit lebt, da lebt das Ich während des Schlafens drinnen.

[ 15 ] Denken Sie diesen wunderbaren Ausgleich: Während also der Mensch eine niedere Natur hat in bezug auf seine Leiblichkeit, und das Ich in diese niedere Natur untertaucht mit dem Aufwachen, ist diese niedere Natur nur deshalb niedere Natur, weil der Geist am wenigsten gearbeitet hat, weil der Geist so viel zurückbehalten hat im geistigen Gebiet. Aber in dem, was er zurückbehalten hat, da ist das Ich während des Schlafes drinnen. So also ist das Ich während des Schlafes mit demjenigen heute schon zusammen, was der Mensch erst in späterer Zeit ausbilden wird, was der Mensch erst in der Zukunft zur EntwickeJung, zur Entfaltung bringen wird, was heute noch wenig, ich möchte sagen nur erst angedeutet ist, noch wenig ausgebildet ist in des Menschen Leiblichkeit. Wird daher das Ich bewußt des Zustandes, in dem es sich während des Schlafes befindet, wird es sich dieses Zustandes in Wahrheit bewußt, dann kann es sich sagen: Ich bin während des Schlafes in demjenigen, was meine heiligste menschliche Anlage ist. Und indem ich aus dem Schlafe heraustrete, indem ich aufwache, gehe ich aus der Welt meiner heiligsten Anlagen in dasjenige über, was heute nur eine schwache Andeutung dieser heiligsten Anlage ist.

[ 16 ] Ja, solche Dinge müssen durch die Geisteswissenschaft sich in unser Gefühl, in unsere Empfindungen einleben. Dann wird uns das Leben selber durchgeistigt werden von einem Zauberhauch der Heiligkeit. Und dann werden wir einen bestimmten, einen positiven Begriff verbinden mit demjenigen, was die Gnade des Geistes, des Heiligen Geistes genannt wird. Dann werden wir mit diesem Gesamtdasein des Menschen, das verläuft in dem Rhythmus zwischen Schlafen und Wachen, die Vorstellung verbinden: Du darfst teilnehmen an der geistigen Welt, du darfst darinnen sein. — Und haben wir einmal so recht gefühlt diesen Begriff, diese Vorstellung: Du darfst darinnen sein in der geistigen Welt, du wirst begnadet, indem du durchsetzt wirst mit der geistigen Welt, die dir durch dein gewöhnliches Erdenbewußtsein nicht zugänglich ist — haben wir das einmal so recht durchdrungen, dann haben wir auch gelernt, aufzublicken zu dem Geiste, der sich uns, ich möchte sagen, zwischen den Zeilen des Lebens offenbart, und der sich uns da ebenso offenbart, wie durch die äußeren Augen, die äußeren Ohren sich uns die äußere Natur offenbart. Aber das materialistische Zeitalter hat den Menschen in seinem Bewußtsein entfernt, von der Gnade des Geistes in seinem Gesamtdasein überstrahlt und durchdrungen zu sein. Daß das wiederum zurückerobert werde, das ist von so ungeheurer Wichtigkeit. Denn mehr als man denkt, fühlt das Tiefere unserer Seele in unserem Zeitalter den allgemeinen Materialismus unseres Zeitalters, nur ist die Menschenseele in diesem Zeitalter in der Regel viel zu schwach, um diejenigen Vorstellungen in sich zur Empfindung zu bringen, welche über den Materialismus hinausführen. Aber dies wäre eine solche Vorstellung, die von der Heiligkeit des Schlafes. Denn haben wir sie einmal verstanden, diese Heiligkeit des Schlafes, dann schreiben wir auch all dasjenige, was uns im wachen Leben an Gedanken, an Vorstellungen, die uns nicht an die Materie binden, zufällt, der Einwirkung des Geistes, die während des Schlafes erfolgt, zu. Wir sehen dann gewissermaßen nicht nur in unserem Wachzustand, der uns mit der Materie verbindet, dasjenige, was für uns Menschen wichtig ist — was geradeso wäre, als wenn wir nur die Winterszeit als für die Erde wichtig betrachteten —, sondern wir sehen die Ganzheit. Für die Erde sehen wir die Ganzheit, wenn wir den Winter im Zusammenhang mit dem Sommer betrachten; für den Menschen sehen wir die Ganzheit, wenn wir den Tag, das heißt die Verbindung mit der Materie, in Zusammenhang betrachten mit dem Schlafe, das heißt der Verbindung mit dem Geiste.

[ 17 ] Nun kann man bei oberflächlicher Betrachtung sagen: Also ist der Mensch, während er wacht, mit der Materie verbunden, kann also nichts wissen von dem Geiste; aber er weiß doch etwas von dem Geiste, während er wacht! — Nun, der Mensch hat ein Gedächtnis, und dieses Gedächtnis wirkt nicht nur im Bewußtsein, sondern auch im Unterbewußtsein. Hätten wir kein Gedächtnis, dann würde uns aller Schlaf nichts helfen. Und das ist etwas sehr Wichtiges, das bitte ich Sie, sich recht zu Gemüte zu führen — dann würde uns aller Schlaf nichts helfen. Denn dann wären wir ohne Gedächtnis unweigerlich zu jenem Glaubensbekenntnis geführt, das da sagt: Es gibt nichts anderes als das stoffliche Dasein. Nur weil wir im Unterbewußten das Gedächtnis an dasjenige bewahren, wenn wir auch nichts davon wissen im Oberbewußtsein, was wir während des Schlafes durchmachen, dadurch denken wir überhaupt nicht bloß materialistisch. Wenn der Mensch nicht bloß materialistisch denkt, wenn er überhaupt geistige Vorstellungen hat während des Tages, so rührt das davon her, daß sein Gedächtnis wirkt. Denn so, wie der Mensch jetzt als Erdenmensch ist, kommt er mit dem Geiste nur während des Schlafes zusammen.

[ 18 ] Nun handelt es sich darum, daß, wenn wir auf der anderen Seite ein so starkes Bewußtsein entwickeln könnten von dem, was mit uns während des Schlafes vorgeht, wie es für gewisse Zustände die Menschen der Vorzeit entwickeln konnten, wie es die Menschen in alten Zeiten entwickeln konnten, so würden wir gar nicht darauf kommen, den Geist zu bezweifeln, sondern dann würden wir uns nicht nur unterbewußt, sondern auch bewußt dessen erinnern, dem wir im Schlafe begegnet sind. Wenn der Mensch das bewußt durchmachte, was er im Schlafe durchmacht, dann würde es ebenso absurd sein, den Geist zu leugnen, wie es absurd wäre für den Wachenden, Tische und Stühle zu leugnen. Nun handelt es sich darum, daß die Menschheit wiederum dazu komme, die Begegnung mit dem Geiste im Schlafe wirklich richtig einzuschätzen. Das kann sie nur dadurch, daß sie die Tagesvorstellungen stark genug macht dazu; und das geschieht durch Vertiefung in die Geisteswissenschaft. In der Geisteswissenschaft beschäftigen wir uns mit Vorstellungen, die aus der geistigen Welt herausgeholt sind. Wir strengen unseren Kopf, das heißt den Ätherleib in unserem Kopfe an, sich Dinge vorzustellen, die nicht mit der äußeren Stofflichkeit zu tun haben, die in der Welt des Geistigen nur Wirklichkeit haben. Dazu ist eine stärkere Anstrengung notwendig als dazu, sich Dinge vorzustellen, die in der stofflichen Welt ihre Wirklichkeit haben. Und das ist ja der wahre Grund, warum die Leute nicht eingehen auf die Geisteswissenschaft. Sie erfinden allerlei Ausflüchte gegen die Geisteswissenschaft. Sie sagen, sie sei nicht logisch. Wenn sie angehalten würden, das Unlogische zu beweisen, so würden sie straucheln; denn das Unlogische der Geisteswissenschaft läßt sich nicht beweisen. Aber die Abweisung der Geisteswissenschaft, die Nichtanerkennung der Geisteswissenschaft, die beruht auf etwas ganz anderem, die beruht nämlich — ich weiß nicht, ob man, wenn es sich bloß um wissenschaftliche Auseinandersetzungen handelt, auch unhöflich sein darf — bloß auf seelischer Faulheit. Und wenn gewisse Gelehrte auch noch so fleißig mit Bezug auf alle die Vorstellungen sind, die sich auf die äußere Stofflichkeit beziehen, mit Bezug auf jene Kraft, die man anwenden muß, um den Geist zu fassen, sind sie eben faul, träge. Und darauf, daß sie nicht die Kraft aufbringen wollen, den Geist zu fassen, beruht es, daß sie die Geisteswissenschaft nicht anerkennen. Denn es gehört eben einfach mehr Kraft dazu, die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen zu denken, als die gewöhnlichen, an den Stoff gebundenen Vorstellungen zu denken. Die gewöhnlichen, an den Stoff gebundenen Vorstellungen, die denken sich eigentlich von selber; die nicht an den Stoff gebundenen Vorstellungen, die muß man denken, da muß man sich aufraffen, da muß man sich anstrengen. Und auf dieser Scheu vor der Anstrengung beruht die Abneigung gegenüber der Geisteswissenschaft. Das ist etwas, was man ins Auge fassen muß. Indem man aber also sich anstrengt, solche nicht an den Stoff gebundenen Vorstellungen aufzunehmen, sie durchzudenken, versetzt man die Seele in eine solche Regsamkeit, daß sie allmählich schon dazu kommen wird, wirklich das Bewußtsein zu entwickeln für das, was da vorgeht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen: daß da eine Begegnung mit dem Geiste stattfindet. Allerdings, ein gewisses Umlernen in bezug auf bestimmte Vorstellungen ist nötig. Denken Sie doch, wie wenig gerade manche Führer des geistigen Lebens heute dazu geeignet sind, solche Vorstellungen zu entwickeln. Denken Sie — jetzt hat das ja schon ein bißchen aufgehört, aber diejenigen, die heute Führer geworden sind, waren zum größten Teil während ihrer Lehrzeit, man nennt das Studentenzeit, so verbunden mit dem Leben, daß sie gelernt haben, wie man das nennt, Bettschwere sich anzutrinken: es wird so viel getrunken, daß die nötige Bettschwere da ist. Ja, da wird eine Vorstellung und damit eine Empfindung, eine Summe von Gefühlen über das Untertauchen in den Schlaf entwickelt, die allerdings nicht geeignet sind, sich die ganze Bedeutung des Schlafes klarzumachen. Da kann man dann ein großer Gelehrter sein mit Bezug auf all dasjenige, was an den Stoff gebunden ist, aber Einblick gewinnen in das, was eigentlich mit dem Menschen vorgeht zwischen Einschlafen und Aufwachen, das kann man ja natürlich dann nicht.

[ 19 ] Indem die Menschen sich also anstrengen werden, Vorstellungen, die nicht an die Materie gebunden sind, durchzudenken, werden sie Verständnis sich entwickeln für dasjenige, was ich die erste Begegnung, die Begegnung mit dem Geiste während des Schlafens, genannt habe. Dieses Verständnis aber muß in einer nicht allzu fernen Zukunft, wenn die Welt nicht in die Dekadenz kommen soll, das Leben durchleuchten, das Leben durchsonnen. Denn, kommen die Menschen nicht zu diesen Vorstellungen, ja, wodurch können sie sich dann nur Vorstellungen verschaffen? Dann können sie sich nur Vorstellungen verschaffen durch die Beobachtung der äußeren Verhältnisse, durch die Beobachtung der äußeren Welt. Solche Vorstellungen, die bloß durch die Beobachtung der äußeren Welt gewonnen werden, die lassen aber das Innere des menschlichen Wesens, das seelische Wesen träge sein. Das, was sich sonst anstrengen muß in geistigen Vorstellungen, das bleibt träge, bleibt unbenutzt, das verkommt. Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, daß der Mensch in seinem ganzen Verhältnis zur Welt blind wird, geistig blind wird. Dadurch, daß man nur Vorstellungen, Begriffe unter dem Einfluß der äußeren Verhältnisse sich entwickelt, unter dem Einfluß der äußeren Eindrücke, dadurch wird man geistig blind. Und geistige Blindheit, das ist dasjenige, was vorzugsweise das materialistische Zeitalter auszeichnet. In der Wissenschaft ist es nur gradweise schädlich, im praktischen Leben ist es aber von eminentem Schaden, dieses Blindsein mit Bezug auf die wirkliche Welt. Sehen Sie, je weiter wir ins Materielle heruntersteigen, desto mehr korrigieren sich im materialistischen Zeitalter die Dinge. Wenn man eine Brücke baut, da wird man durch die Verhältnisse gezwungen, richtige Vorstellungen zu gewinnen, richtig zu bauen, sonst wird bei dem ersten Wagen, der darüber fährt, die Brücke einstürzen. Wenn man einen Menschen kurieren will, lassen sich schon eher falsche Vorstellungen anwenden, denn es läßt sich nie nachweisen, wodurch ein Mensch gestorben ist oder gesund geworden ist. Da ist es durchaus nicht etwa notwendig, daß immer richtige Vorstellungen mitgespielt haben. Im Geistigen, wenn man wirken soll im Geistigen, da steht aber die Sache noch viel schlimmer. Und daher steht es ganz besonders schlimm in dem, was man gewöhnlich die praktischen Wissenschaften nennt, die Nationalökonomie oder dergleichen. Im materialistischen Zeitalter haben sich die Menschen auch gewöhnt, mit Bezug auf die Volkswirtschaftslehre sich nach den Eindrücken, den Vorstellungen, die aus der Außenwelt gebildet sind, zu richten; daher sind die Begriffe blind geworden. Alles was an Nationalökonomie entwickelt wird, das sind zum großen Teil geistig blinde Begriffe. Daher, und das muß als notwendige Folge eintreten, werden die Menschen mit ihren blinden Begriffen nur am Gängelband der Ereignisse hingezogen, sie überlassen sich den Ereignissen. Und wenn sie eingreifen in die Ereignisse, dann wird es auch danach!

[ 20 ] Das ist die eine Art, wie man, ohne daß man Geisteswissenschaft aufnimmt, zu Begriffen kommt, nämlich zu blinden Begriffen. Die andere Art, wie man zu Begriffen kommen kann, die ist diese, daß man nun, statt von außen, jetzt von innen sich zu Begriffen anregen läßt, das heißt nur dasjenige, was in den Emotionen, in den Leidenschaften lebt, gewissermaßen heraufsteigen läßt in die Seele. Dadurch bekommt man allerdings nicht blinde Begriffe, aber dasjenige, was man Rauschbegriffe, Rauschvorstellungen nennen kann. Und fortwährend pendeln die Menschen der Gegenwart, die sich zum Materialismus bekennen, zwischen blinden Begriffen und Rauschbegriffen hin und her. Blinde Begriffe, indem sie eigentlich von allem, was geschieht, sich gängeln lassen, und wenn sie eingreifen, das in der möglichst ungeschicktesten Weise tun! Rauschbegriffe, indem sie sich nur ihren Affekten, ihren Leidenschaften überlassen und sich der Welt so gegenüberstellen, daß sie eigentlich die Dinge nicht begreifen, sondern entweder alles lieben oder alles hassen, alles nur nach Liebe oder Haß, nach Sympathie und Antipathie beurteilen. Das ist insbesondere im materialistischen Zeitalter so. Denn nur dadurch, daß der Mensch auf der einen Seite seine Seele anstrengt, um zu geistigen Begriffen zu kommen, und auf der anderen Seite seine Gefühle entwickelt an den großen Angelegenheiten der Welt, dadurch kommt er zu klarsehenden Begriffen und Vorstellungen. Wenn wir uns erheben zu dem, was uns die Geisteswissenschaft sagt von den großen Zusammenhängen, über die heute die materialistische Weltanschauung lacht, über Saturnzeit, Sonnenzeit, Mondenzeit, über unseren Zusammenhang mit dem Weltenall, wenn man seine moralischen Empfindungen an diesen großen Menschheitszielen befruchtet, dann kommt man über die bloßen Affekte, die in Sympathie und Antipathie sich über alles ergehen, was uns in der Welt umgibt, hinaus; aber auch nur dadurch.

[ 21 ] Allerdings, notwendig ist, daß durch Geisteswissenschaft vieles geläutert wird, was in unserer Zeit lebt. Denn so ganz läßt sich der Mensch ja doch nicht von der geistigen Welt abschließen. Er läßt sich überhaupt nicht abschließen, er läßt sich nur scheinbar abschließen. Und wie er sich scheinbar abschließen läßt, darauf habe ich ja auch schon aufmerksam gemacht. Wenn der Mensch auf der einen Seite nur auf den Stoff schwört und auf die Eindrücke von der Außenwelt, so bleiben die Kräfte doch in ihm, die nach dem Geiste gerichtet sind, nur daß er dann den Geist auf einem falschen Gebiet anwendet, sich allerlei Illusionen hingibt. Daher sind im Grunde genommen die allerpraktischsten, materialistischsten Leute die stärksten Illusionäre, die Menschen, die sich den stärksten Illusionen hingeben. Da sehen wir manche Leute durch das Leben gehen, indem sie allen Geist ableugnen und furchtbar lachen, wenn einer davon spricht, daß jemand Geistiges wahrnimmt. «Ach, der sieht Gespenster!» sagen sie, und damit haben sie schon den Stab gebrochen, wenn sie von jemand sagen können: «Ach, der sieht Gespenster!» Sie sehen allerdings, wie sie meinen, keine Gespenster. Aber sie meinen nur, daß sie keine Gespenster sehen, denn sie sehen fortwährend Gespenster, richtig fortwährend Gespenster. Man kann einen Menschen, der nun wirklich so recht fußt auf seiner derb materialistischen Weltanschauung, prüfen und kann sehen, wie er sich über das, was der morgige Tag eventuell bringen kann, den allerärgsten Illusionen hingibt. Dieses Sich-Illusionen-Hingeben, das ist nur ein Ersatz dafür, daß er alles Geistige ableugnet. Er muß in Illusionen kommen, wenn er alles Geistige ableugnet; er muß notwendig in Illusionen kommen. Nur lassen sich, wie gesagt, die Illusionen auf den verschiedenen Gebieten des Lebens nicht leicht nachweisen, aber vorhanden sind sie überall, richtig überall. Aber die Menschen sind so geneigt, sich Ilusionen hinzugeben. Man kann es zum Beispiel alle Augenblicke einmal erleben, daß jemand sagt: Soll ich mein Geld in diese oder jene Unternehmung hineinstecken? Da wird ja Bier gebraut. Zu so was verwende ich mein Geld nicht; ich werde mich daran nicht beteiligen. — Er trägt es auf die Bank. Die Bank steckt, selbstverständlich ohne daß er es weiß, das Geld in die Bierbrauerei hinein. Es macht keinen Unterschied, es macht durchaus keinen Unterschied in der Objektivität; aber er ist in der Illusion, daß er zu so niederen Dingen sein Geld nicht hergibt.

[ 22 ] Nun kann man sagen: das, was ich da sage, ist etwas Hergeholtes. Es ist nichts Hergeholtes, es ist etwas, was das ganze Leben beherrscht. Die Menschen gehen heute nicht darauf aus, das Leben wirklich kennenzulernen, es zu durchschauen. Das hat aber eine große Bedeutung. Denn es ist ungeheuer wichtig, daß man dasjenige kennenlernt, in dem man wirklich drinnensteckt. Es ist heute nicht leicht, weil das Leben kompliziert geworden ist; aber wahr ist es doch, worauf ich aufmerksam gemacht habe. Denn sehen Sie, unter gewissen Umständen fällt einem eine Absurdität leicht auf. Ich will Sie auf etwas hinweisen durch ein Beispiel. Einmal wurde ein Brandstifter — ich erzähle einen wirklichen Fall — abgefaßt, der aus einem Hause herauslief, das er soeben in Brand gesteckt hatte. Er hatte es so eingerichtet, daß er noch gerade herauslaufen konnte. Er wurde abgefaßt und zur Verantwortung gezogen. Und da sagte er: Ja, er habe ein sehr gutes Werk getan, denn er habe gar nicht die Schuld, daß das Haus in Brand geraten sei, sondern die Arbeiter, die eben weggegangen seien von dem Haus, die hätten in der Dämmerung ein brennendes Licht stehenlassen. Wenn das in der Nacht heruntergebrannt wäre, so wäre das Haus dadurch während der Nacht in Brand gekommen. So habe er aber noch während des Tages das Haus angezündet. Das Haus wäre auf jeden Fall in Brand gekommen; und er habe das nur getan, um die Möglichkeit herbeizuführen denn wenn das Haus am Tage in Brand komme, so sei es doch möglich —, den Brand rasch zu löschen; in der Nacht sei das kompliziert, da würde das ganze Haus verbrennen, bei Tage könne man das Feuer schnell löschen. — Da hat man ihn gefragt: Ja, warum haben Sie denn das Licht nicht ausgelöscht? — Da sagte er: Ja, ich bin ein Pädagoge für die Menschheit. Hätte ich das Licht ausgelöscht, so wären die Arbeiter, die beteiligt waren, unvorsichtig geblieben, so aber sehen sie, was daraus wird, wenn sie vergessen, das Licht auszulöschen.

[ 23 ] Man lacht über ein solches Beispiel, weil man nur nicht beobachtet, wann man fortwährend solche Dinge macht. Solche Dinge, wie die, die der Mensch gemacht hat, der das Licht nicht ausgelöscht hat, sondern das Haus angezündet hat, solche Dinge macht man fortwährend. Man merkt es nur dann nicht, wenn sich die ganze Sache auf die geistige Welt bezieht und einen die Affekte, die Leidenschaften trüben und einem Rauschvorstellungen vorführen. Wenn man die Seele zu jener Elastizität, zu jener Biegsamkeit gewöhnt, die notwendig ist, um geistige Vorstellungen zu hegen, dann wird man auch das Denken so ausbilden, daß es sich wirklich durch das Dasein hindurchfindet, sich anpaßt dem Dasein. Wenn man das vermeidet, wird das Denken nie dem Dasein angepaßt sein, sondern das Denken wird gewissermaßen von dem Dasein gar nicht berührt, nur von seiner Oberfläche berührt sein. Daher kommt es, daß das materialistische Zeitalter — um jetzt die Sache zu vertiefen — die Menschen wirklich hinwegführt von allem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Geradeso wie man das Leibesleben untergräbt, wenn man nicht in der richtigen Weise schläft, so untergräbt man das Seelenleben, wenn man nicht in der richtigen Weise wacht. Und man wacht nicht in der richtigen Weise, wenn man sich nur den äußeren Eindrücken hingibt, wenn man ohne ein Bewußtsein des Zusammenhanges mit der geistigen Welt lebt. Geradeso wie derjenige, der sich im Schlafe durch gewisse Verhältnisse herumwirft, seine physische Gesundheit untergräbt, so untergräbt derjenige seine geistige Gesundheit, welcher sich im Wachen nur den äußeren Eindrücken der Welt hingibt, nur dem physischen Stoff hingibt. Dadurch wird aber verhindert, daß der Mensch in der richtigen Weise jene Begegnung, jene erste Begegnung, von der ich gesprochen habe, mit der geistigen Welt habe. Dadurch aber verliert der Mensch die Möglichkeit, mit der geistigen Welt überhaupt zusammenzuhängen, in der richtigen Weise zusammenzuhängen während des physischen Daseins. Und dadurch wird durchschnitten der Zusammenhang mit derjenigen Welt, in welcher wir die andere Zeit sind, wenn wir nicht im physischen Leibe verkörpert sind, der Zusammenhang mit derjenigen Welt, in die wir selber eingehen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen.

[ 24 ] Und ein Verständnis muß wiederum erworben werden von den Menschen, daß wir nicht bloß da sind, um am physischen Weltenall zu bauen während unseres physischen Daseins, sondern ein Verständnis muß erworben werden, daß wir während unseres gesamten Daseins mit der gesamten Welt verbunden sind. Diejenigen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, wollen mitwirken an der physischen Welt. Dieses Mitwirken ist nur scheinbar ein physisches Mitwirken, denn alles Physische ist nur ein äußerer Ausdruck des Geistes. Das materialistische Zeitalter hat die Menschen der Welt der Toten entfremdet; die geistige Wissenschaft muß die Menschen der Welt der Toten wiederum befreunden. Eine Zeit muß wiederum kommen, wo wir es den Toten nicht dadurch unmöglich machen, ihre Arbeit auch hier für die Vergeistigung der physischen Welt zu tun, daß wir uns ihnen entfremden. Denn der Tote kann nicht mit Händen angreifen die Dinge hier in der physischen Welt und physische Arbeit unmittelbar verrichten. Das wäre ein unsinniger Glaube. Der Tote kann auf geistige Weise wirken. Dazu braucht er aber die Werkzeuge, die ihm dazu zur Verfügung stehen; dazu braucht er das Geistige, das hier in der physischen Welt lebt. Wir sind nicht nur Menschen, sondern wir sind auch zu gleicher Zeit Werkzeuge, die Werkzeuge für die Geister, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Wir bedienen uns, solange wir im physischen Leibe verkörpert sind, der Feder oder des Hammers oder der Axt; sind wir nicht mehr im physischen Leibe verkörpert, dann sind unsere Werkzeuge die menschlichen Seelen selber. Und das beruht ja auf der eigentümlichen Wahrnehmungsart der Toten, die ich hier noch einmal erwähnen will. Ich habe es hier schon früher einmal erwähnt. Sehen Sie, nehmen Sie an, Sie haben vor sich — na, irgend etwas, ein Gefäßchen mit Salz; das sehen Sie. Sie sehen das Salz als weiße Körner, als weißes Pulver. Daß Sie das Salz als weißes Pulver sehen, das hängt von Ihrem Auge ab. Der Geist kann nicht das Salz als weißes Pulver sehen; wenn Sie aber das Salz auf die Zunge bringen und es schmecken, den eigentümlichen Salzgeschmack haben, dann beginnt für den Geist die Möglichkeit der Wahrnehmung. Ihren Geschmack des Salzes kann jeder Geist wahrnehmen. All dasjenige, was durch die Außenwelt im Menschen vorgeht, das kann jeder Geist, auch die Menschenseele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, wahrnehmen. Wie die Natur zu uns heraufreicht bis dahin, wo wir sie schmecken und riechen und sehen und hören, so reicht die Welt der Toten herunter bis in unser Gehörtes, Geschautes, Geschmecktes und so weiter. Was wir in der physischen Welt erleben, das erleben die Toten mit; es handelt sich aber darum, daß es nicht nur unserer Welt, sondern auch ihrer Welt angehört. Es gehört dann ihrer Welt an, wenn wir das, was wir von der Außenwelt empfangen, durchgeistigen eben mit geistigen Vorstellungen. Sonst wird dasjenige, was wir nur erleben als Wirkung des Stoffes, für den Toten etwas sein, was ihm wie unverständlich ist, wie dunkel ist. Eine Seele, die geistentfremdet ist, die ist für den Toten eine dunkle Seele. Dadurch ist während der materialistischen Zeit eine Entfremdung der Toten eingetreten gegenüber unserem Erdenleben. Diese Entfremdung muß wiederum hinweggeschafft werden. Ein inniges Zusammenleben der sogenannten Toten mit den sogenannten Lebendigen muß stattfinden. Das wird aber nur sein können, wenn die Menschen diejenigen Kräfte in der Seele entwickeln, die aktive, geistige sind, das heißt diejenigen Vorstellungen, Begriffe, Ideen entwickeln, die vom Geistigen handeln. Dadurch, daß der Mensch sich anstrengt, zum Geiste zu kommen im Gedanken, wird er auch allmählich zum Geiste in der Wirklichkeit kommen. Das heißt: Es wird eine Brücke geschlagen werden zwischen der physischen und der geistigen Welt. Das aber kann allein aus dem Zeitalter des Materialismus in jene Zeitalter hinüberführen, in denen die Menschen wiederum weder blind noch berauscht der Wirklichkeit gegenüberstehen werden, sondern sehend und gelassen. Sehend und gelassen dadurch, daß sie durch den Geist sehend geworden sind, und dadurch, daß sie durch jene Empfindungen und Gefühle, welche die großen Angelegenheiten der Welt betreffen, zum rechten Gleichmaß zwischen Sympathie und Antipathie kommen auch mit Bezug auf all dasjenige, was die nächste Umgebung von uns will.

[ 25 ] An diese Dinge wollen wir dann das nächste Mal anknüpfen und die Vorstellungen, die wir über die geistige Welt gewinnen können, gerade von diesem Gesichtspunkte aus noch mehr vertiefen.