Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176
21 August 1917, Berlin
Das Karma des Materialismus IV
[ 1 ] Der Mann, der einer der treuesten Mitarbeiter unserer geistigen Bewegung war, den Sie die Jahre des Krieges hindurch hier in unserem Kreise fast jede Woche haben sehen können, wir haben in diesen Tagen für diesen physischen Plan von ihm Abschied zu nehmen gehabt: von unserem lieben Freunde Herman Joachim. Indem wir, durchdrungen mit jener Gesinnung, die sich aus dem ergibt, was wir als geisteswissenschaftliche Erkenntnisse suchen, an das Ereignis des Todes, das wir bei den uns nahestehenden Menschen erfahren, herantreten, finden wir selbst etwas von dem, was uns eigen werden soll mit Bezug auf unsere Stellung, auf unser Verhältnis zur geistigen Welt. Wir blicken ja auf der einen Seite in einem solchen Falle zurück zu dem, was uns der Dahingegangene geworden ist in der Zeit, die wir mit ihm verleben durften, da wir seine Mitstrebenden sein durften; aber wir blicken zu gleicher Zeit vorwärts in die Welt hinein, welche die Seele aufgenommen hat, die mit uns vereint war und mit uns vereint bleiben soll, weil Bande sie mit uns zusammenschließen, welche geistiger Art sind und untrennbar sind durch das physische Ereignis des Todes.
[ 2 ] Herman Joachim, der Name ist ja in diesem Falle etwas, was als ein weithin Leuchtendes der von uns für den physischen Plan verlorenen Persönlichkeit voranging, ein Name, der tief verbunden ist mit der künstlerischen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts, ein Name, der verbunden ist mit der schönsten Art der ästhetischen Prinzipien in musikalischer Auffassung, und ich brauche hier nicht auseinanderzusetzen, was für die geistige Entwickelung der jüngsten Zeit der Name Joachim bedeutet. Aber wenn der, der jetzt von dem physischen Plan in die geistige Welt hin von uns gegangen ist, mit all seinen unvergleichlichen, schönen, großen Eigenschaften und mit ganz unbekanntem Namen in unsere Mitte getreten wäre: diejenigen, die das Glück gehabt haben, ihn kennenzulernen und die eigenen Bestrebungen mit den seinigen zu verbinden, sie hätten ihn denjenigen Persönlichkeiten zugezählt, die zu den allerwertvollsten ihres Lebens hier auf der Erde gehören, nur durch dasjenige, was ausgeströmt ist aus der Kraft seines eigenen Wertes, aus dem Umfänglichen und Sonnenhaften der eigenen Seele. Aber gerade in demjenigen, was diese Seele anderen Seelen in rein Menschlichem war, wirkte wohl dasjenige in dieser Seele nach, was als reinstes künstlerisch geistiges Element vom Vater her so großartig wirkte. Man möchte sagen, in jeder Geistesäußerung, in jeder Gedankenoffenbarung Herman Joachims war auf der einen Seite dieses Künstlerische, das auf der anderen Seite erkraftet und getragen war von echter, von intensivster Geistigkeit des Wollens, des Fühlens, des Strebens nach spiritueller Erkenntnis. So wie des Vaters große Intentionen hier im Blute walten, so war etwas in der geistigen Atmosphäre dieses Mannes, das schön eingeleitet war dadurch, daß Herman Grimm — dieser ausgezeichnete, dieser einzigartige Repräsentant des Geisteslebens Mitteleuropas — segnend seine Hand über den Täufling Herman Joachim gehalten hat, da er der Taufpate Herman Joachims war. Und seit ich dieses wußte, war mir dies ein lieber Gedanke, wie Sie begreifen werden nach manchem, was ich in diesem Kreise gerade über das gesagt habe, was an Geistigkeit von der Persönlichkeit Herman Grimms in der neueren Zeit ausgeht. Als ein lieber Freund Herman Grimms starb, schrieb Herman Grimm schöne Worte nieder; als der in seiner eigentümlichen persönlichen Individualität ganz einzige Walther Robert-Tornow starb, schrieb Herman Grimm nieder: «Aus der Gesellschaft der Lebenden scheidet er aus; in die Gesellschaft der Toten wird er aufgenommen. Es ist, als müsse man auch diese Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt.» Und dieses, daß man bei solchem Hinscheiden das Gefühl habe, man müsse auch die Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt, das meinte Herman Grimm nicht nur von dem, welchem er diese Worte nachsprach, sondern er meinte es überhaupt als ein in der Menschenseele vorhandenes Gefühl, wenn ein uns Nahestehender aus der physischen Welt hingeht in die geistige Welt. Wir blicken dann auf das zurück, was wir symptomatisch mit dem Dahingegangenen erleben durften, und betrachten dieses wohl gleichsam wie Fensteröffnungen, durch die wir hineinblicken können in ein unendliches Wesen; denn jede menschliche Seelenindividualität ist ja ein unendliches Wesen, und was wir mit ihr durchleben dürfen, das ist immer nur, wie wenn wir durch Fenster in eine unbegrenzte Gegend blickten. Aber es gibt eben Augenblicke im menschlichen Leben, wenn an diesem menschlichen Leben mehrere teilnahmen, in denen man dann tiefere Blicke in eine menschliche Individualität tun darf. Dann ist es immer, als wenn gerade in solchen Augenblicken, wo wir Blicke in menschliche Seelen tun dürfen, sich mit ganz besonderer Gewalt alles erschließen würde, was Geheimnis der geistigen Welt ist. In umfänglichen Vorstellungen, die sich mit dem Gefühl durchtränken, offenbart sich uns dann vieles von dem, was auch im gewöhnlichen Menschenleben an Großem, Gewaltigem, an geistig Strebendem lebt. |
[ 3 ] Eines solchen Augenblickes darf ich jetzt gedenken, weil ich ihn für mich symptomatisch empfinde, aber in objektiver Weise, mit Bezug auf das Wesen des Dahingegangenen. Als er in einem bedeutenden Augenblicke mit uns vor Jahren in Köln geisteswissenschaftlich vereint war, da konnte ich im Gespräche mit ihm nach noch nicht lange erfolgter persönlicher Bekanntschaft sehen, wie dieser Mann das Innerste seiner Seele verbunden hatte mit demjenigen, was als geistiges Wesen und Weben den Kosmos durchzieht, wie er, wenn ich so sagen darf, gefunden hatte den großen Anschluß menschlicher Seelenverantwortlichkeit gegenüber den geistig-göttlichen Mächten, welche mit der Weisheit der Weltenlenkung verbunden sind, und denen sich der einzelne Mensch in besonders bedeutungsvollem Augenblicke gegenübergestellt findet, wenn er sich die Frage vorlegt: Wie gliederst du dich ein in das, was als geistige Weltenlenkung dir vor das Seelenauge sich stellt? Wie darfst du denken aus deinem Selbstbewußtsein heraus, indem du weißt: ein verantwortliches Glied in der Kette der Weltgeistigkeit bist du selbst? — Daß er in aller Tiefe, in aller, wenn ich das Wort gebrauchen darf, seelischen Gründlichkeit einen solchen Augenblick als die Repräsentanz der Beziehung des Menschen zur Geistigkeit der Welt empfinden, erleben und fühlend erkennen konnte, das offenbarte mir damals Herman Joachims Seele.
[ 4 ] Er hat ja dann Schweres weiterhin durchgemacht. Schwer lastete auf ihm die Zeit, als jenes unnennbare Unheil, unter dem wir alle leiden, hereinbrach, nachdem er jahrelang in Frankreich, in Paris gelebt hat und dort die liebe Lebensgefährtin gefunden hat. Er mußte pflichtgemäß — aber zu gleicher Zeit diese Pflichtgemäßheit selbstverständlich als innerlich mit seinem Wesen verbunden auffassend — zurück in seinen alten Beruf als deutscher Offizier. Er hat diesen Beruf seither ausgefüllt an wichtiger, bedeutungsvoller Stelle, nicht nur mit treuem Pflichtgefühl, sondern mit hingebungsvollster Sachkenntnis, und so, daß er innerhalb dieses Berufes im höchsten, wahrsten Sinne human, in tiefster Bedeutung menschenfreundlich wirken konnte; wofür viele derjenigen, denen dieses menschenfreundliche Wirken zugute gekommen ist, die dankbarste Erinnerung bewahren werden. Ich selber gedenke oftmals derjenigen Gespräche, die ich in diesen drei Jahren der Trauer und des Menschenleides mit Herman Joachim führen konnte, wo er sich mir enthüllte als ein Mann, der mit umfassendem Verständnisse die Zeitereignisse zu verfolgen in der Lage war, der weit davon entfernt war, irgend etwas in bezug auf dieses Verständnis sich von Haß- oder Liebegedanken trüben zu lassen nach der einen oder anderen Seite hin, wo diese Haß- oder Liebegedanken die objektive Beurteilung in bezug auf die Zeitereignisse beeinträchtigt haben würden, der aber auch, trotzdem er durch diese verständnisvolle Auffassung unserer Zeit sich nicht alles in dieser Zeit auf uns lastende Schwere verhehlen konnte, aus den Tiefen des geistigen Wesens der Welt heraus, seine Hoffnungen und seine Zuversichten für den Ausgang stark und kräftig in seiner Brust trug.
[ 5 ] Herman Joachim gehörte zu denjenigen, die auf der einen Seite in völliger sachlicher, verstandesmäßiger Art, wie es sein soll, Geisteswissenschaft in sich aufnehmen, die aber auf der anderen Seite durch dieses Verstandesmäßige sich nichts nehmen lassen von der tiefen spirituellen Vertiefung, von der tiefen spirituellen Erfassung, von dem unmittelbaren Hingegebensein an den Geist, so daß diese spirituelle Erfassung, dieses unmittelbare Hingegebensein an den Geist weit entfernt ist, solch eine Seele jemals zu dem zu verleiten, was uns am gefährlichsten werden kann: zur Phantastik, zur Schwärmerei. Solche Phantastik, solche Schwärmerei geht ja zuletzt doch nur aus einem gewissen wollüstigen Egoismus hervor. Mit egoistischer Mystik hatte diese Seele nichts zu tun. Dafür aber um so mehr mit den großen spirituellen Idealen, mit den großen eingreifenden Ideen der Geisteswissenschaft.
[ 6 ] Herman Joachim war in jedem Augenblick darauf bedacht, was man tun könne, um an seiner eigenen Stelle die geisteswissenschaftlichen Ideale unmittelbar in das Leben überzuführen. Er, der Mitglied des Freimaurertums war, der tiefe Blicke in das Wesen der Freimaurerei hinein getan hat, aber auch in das Wesen der freimaurerischen Verbindungen, er hatte sich die große Idee vorgesetzt, dasjenige wirklich zu erreichen, was erreicht werden kann durch eine geistige Durchdringung des freimaurerischen Formalismus mit dem spirituellen Wesen der Geisteswissenschaft. Alles was das Freimaurertum aus Jahrhunderten aufgespeichert hat an tiefgründigen, aber formelhaft gewordenen, man möchte sagen, kristallisierten Erkenntnissen, das hatte sich Herman Joachim durch seine hohe Stellung innerhalb der Freimaurerei bis zu einem ganz besonderen Grade enthüllt. Aber er fand gerade auf diesem Platze, auf dem er stand, die Möglichkeit, das da Gefundene in den rechten Menschheitszusammenhang hineinzudenken und zu durchdringen dasjenige, was doch nur aus der Kraft der Geisteswissenschaft kommen kann, mit dem von ihm neu zu belebenden Althergebrachten. Und wenn man weiß, wie Herman Joachim in den letzten Jahren in dieser schweren Zeit nach dieser Richtung hin gearbeitet hat, wenn man den Ernst seines Wirkens und die Würde seines Denkens nach dieser Richtung hin, wenn man die Kraft seines Wollens und das Umfängliche seiner Arbeit auf diesem Gebiete einigermaßen kennt, dann weiß man, was der physische Plan gerade mit ihm verloren hat. Ich konnte nicht anders, als bei diesen und anderen ähnlichen Anlässen immer wieder daran denken, wie ein Amerikaner, der zu den Geistreichen in der letzten Zeit gerechnet wurde, den Spruch aufgezeichnet hat: Kein Mensch ist unersetzlich; tritt einer ab, so tritt sogleich wieder ein anderer auf seinen Posten. — Es ist selbstverständlich, daß solcher Amerikanismus nur aus der tiefsten Unkenntnis des wahren Lebens heraus sprechen kann. Denn die Wahrheit sagt gerade das Entgegengesetzte. Und die Wahrheit an der Wirklichkeit, wie ich es jetzt meine, gemessen, sagt uns vielmehr: Kein Mensch kann in Wirklichkeit in bezug auf alles dasjenige, was er dem Leben war, ersetzt werden. Und gerade wenn wir an hervorragenden Beispielen es sehen, wie in diesem Falle, dann werden wir tief durchdrungen von dieser Wahrheit; denn gerade in unserem Falle, im Falle Herman Joachim, werden wir so recht an das menschliche Lebenskarma gewiesen. Und dieses Verständnis des menschlichen Lebenskarmas, die karmische Auffassung der großen Schicksalsfragen, es ist ja das einzige, was uns zurechtkommen läßt, wenn wir solchen Hinweggang in verhältnismäßig frühem menschlichem Lebensalter und aus solcher ernsten, notwendigen Lebensarbeit heraus, vor unserem Seelenauge sich vollziehen sehen.
[ 7 ] Aber ein anderes mußte ich mir in diesen Tagen oftmals sagen beim Abschiednehmen von dem teuren Freunde, nachdem ich so Tag für Tag langsam die Seele aus den Regionen, wo sie so Wichtiges leisten sollte, hingehen gesehen habe in die anderen Regionen, wo wir sie suchen müssen durch die Kraft unseres Geistes, aus denen sie uns aber Helfer, Stärker und Kräftiger sein wird. Ich mußte denken: Alle die gewagten, alle die geistige Kräftigkeit vom Menschen verlangenden Ideen der karmischen Notwendigkeit, sie stellen sich uns vor die Seele hin, wenn wir solchen Tod erleben. Wir müssen oftmals dann Dinge sagen, die eben nur innerhalb unserer Geistesbewegung gesagt werden können, aber innerhalb unserer Geistesbewegung dann auch der Menschenseele die große Kraft geben, die über Tod und Leben hinüberreicht; beide übergreift.
[ 8 ] Lebendig steht vor mir Herman Joachims Seele. Lebendig sah ich sie drinnenstehen in einer aus vollster Freiheit heraus übernommenen geistigen Aufgabe. Lebendig sehe ich sie drinnenstehen in dem Ergreifen dieser Aufgabe. Dann erscheint mir der Tod dieser Seele wie etwas, was sie freiwillig übernimmt, weil sie aus einer anderen Welt heraus noch stärker, noch kräftiger, noch der Notwendigkeit angemessener, die Aufgabe übernehmen kann. Und fast könnte es solchen Ereignissen gegenüber zur Pflicht werden, auch von der Notwendigkeit des einzelnen Todes in ganz bestimmten Augenblicken zu sprechen. Ich weiß, nicht für alle Menschen kann dies ein Trost, ein stärkender Gedanke sein, den ich damit ausspreche. Aber ich weiß auch, daß es Seelen gibt, heute schon, welche sich an diesen Gedanken aufrichten können, gegenüber so manchem, was in unserer Zeit zu unserem tiefen Schmerze, zu unserem tiefen Leid besteht; dadurch besteht, daß wir sehen, wie es innerhalb der physischen Welt, innerhalb der materialistischen Strömungen, in denen wir im physischen Leibe verkörpert leben, so schwierig wird, die großen, notwendigen Aufgaben zu lösen. Da darf es schon auch ein Gedanke werden, der uns nach und nach aus dem Schmerz, aus der Trauer heraus lieb werden darf: daß einer wohl den Tod für den physischen Plan gewählt hat, um um so stärker seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Messen wir dann diesen Gedanken an dem Schmerze, den unsere liebe Freundin, die Gattin Herman Joachims, nunmehr zu empfinden und durchzumachen hat, messen wir den Gedanken an unserem eigenen Schmerz um den lieben teuren Freund, und versuchen wir unseren Schmerz selber dadurch zu adeln, daß wir ihn hinstellen neben einen großen Gedanken, wie ich ihn eben ausgesprochen habe; welcher Gedanke zwar den Schmerz nicht zu mildern, nicht herabzulähmen braucht, welcher Gedanke aber in diesen Schmerz hineinstrahlen kann wie etwas, das aus der Sonne der menschlichen Erkenntnis heraus selber leuchtet und uns menschliche Notwendigkeiten und Schicksalsnotwendigkeiten zu durchdringen lehrt. In solchem Zusammenhange wird ja wirklich solch ein Ereignis für uns zu gleicher Zeit etwas, was uns in das rechte Verhältnis zur geistigen Welt zu bringen vermag.
[ 9 ] Stärken wir uns an solchen Gedanken für die Hinneigungen, die wir entwickeln wollen: die Hinneigungen unserer seelischen Kräfte zu dem gegenwärtigen und künftigen Aufenthalte der teuren Seele, dann werden wir die Seele nimmer verlieren können, dann werden wir mit ihr tatkräftig verbunden sein. Und wenn wir die ganze Gewalt dieses Gedankens fassen: ein Mensch, der seine Umgebung lieben konnte wie wenige, der seinen Tod wohl auf sich genommen hat aus einer eisernen Notwendigkeit heraus — dann wird dieser ein unserer Weltanschauung würdiger Gedanke sein. Ehren wir so unsern lieben Freund, bleiben wir so mit ihm vereint. Diejenige, die als seine Lebensgefährtin hier auf dem physischen Plan zurückgeblieben ist, soll durch uns erfahren, daß wir mit ihr im Gedanken an den Teuren verbunden sein werden, daß wir ihr Freunde, Nahestehende bleiben wollen.
[ 10 ] Meine lieben Freunde, Herman Joachims Tod hat sich ja im Grunde genommen angeschlossen an viele Verluste, die wir innerhalb unserer Gesellschaft in dieser schweren Zeit hatten. Über einen der schwersten Verluste habe ich nicht gesprochen bis jetzt, weil ich selber zu stark daran beteiligt bin und zuviel damit verloren habe, als daß dieses Verbundensein durch das persönliche Element mit dem Verluste mir gestatten würde, manche Seite dieses Verlustes zu berühren.
[ 11 ] Eine größere Anzahl von Ihnen werden hier, in Liebe denke ich, sich unseres treuen Mitgliedes, unseres lieben Mitgliedes erinnern, der Schwester von Frau Dr. Steiner, Olga von Sivers, die wir ja in den letzten Monaten auch vom physischen Plan verloren haben. Gewiß, sie war nach außen hin nicht eine Persönlichkeit, welche in unmittelbaren, in gröberen greifbaren Wirkungen sich offenbaren konnte, eine Persönlichkeit, die durch und durch Bescheidenheit war. Aber meine lieben Freunde, wenn ich von dem absehe, was für mich selber und für Frau Dr. Steiner ein schmerzlicher, ein unersetzlicher Verlust ist, wenn ich davon absehe dies zu schildern, so darf ich doch gerade in diesem Falle auf das eine hinweisen: Olga von Sivers gehörte zu denjenigen unserer geistig Mitstrebenden, die vom Anfange an mit wärmster Seele gerade dasjenige aufgenommen haben, was der innerste Nerv unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurde von ihr aus tiefstem Verständnisse heraus und aus innerstem Verbundensein der Seele damit aufgenommen. Und Olga von Sivers war so geartet, daß sie, wenn sie derartiges aufnahm, es mit ihrem ganzen Wesen aufnahm. Und sie war ein ganzer Mensch. Das wußten diejenigen, die mit ihr verbunden waren. Sie war ebenso stark in ihrem Ablehnen alles desjenigen, was jetzt in mystisch-theosophischer Weise den Menschheitsfortschritt verunstaltet, was das spirituelle Leben auf allerlei Abwege bringt. Sie war stark in der Kraft des Unterscheidens zwischen demjenigen, was da als unserer Zeit gehörig sich in den Menschheitsfortschritt einleben will, für diesen wirken will, und zwischen demjenigen, was aus irgendwelchen anderen Impulsen und Beweggründen heraus sich jetzt auch als Theosophisches und dergleichen, als allerlei mystisches Streben hinstellt. Mit Bezug auf ursprüngliches Ergreifen derjenigen Wahrheit, nach der gerade wir streben, kann gerade Olga von Sivers zu den allervorbildlichsten unserer Mitstrebenden gezählt werden. Und auch sie war nie auch nur im geringsten durch ihr Wesen dazu veranlagt, die Aufgaben ihres Lebens, des äußeren Lebens, des unmittelbaren Tageslebens, die für sie oftmals schweren Pflichten dieses unmittelbaren Tageslebens, auch nur im geringsten zu vernachlässigen, oder durch das volle, ungeteilte Sicheinleben in unsere spirituelle Bewegung sich diesen Pflichten auch nur im geringsten zu entziehen. Und was sie, ich darf sagen, mit vollem Verständnisse von Anfang an als Inhalt unserer Bewegung in ihre ganze Seele aufgenommen hat, das übertrug sie auf andere. Da, wo es ihr gegönnt war unsere Lehre auf andere zu übertragen, da unterwarf sie sich dieser Aufgabe auch in wahrhaft mustergültiger Weise, unterwarf sich ihr so, daß sie die Kraft der Ideen durch das Liebevolle, ungeheuer Wohlwollende ihres Wesens zu durchdringen wußte, um durch diese zwei Seiten auf die Menschheit zu wirken: die Kraft der Ideen — und die besondere durch ihre Persönlichkeit bewirkte Art, die Ideen zu übertragen.
[ 12 ] So hat sie es gehalten, auch als jene Grenzen sie von uns trennten, die sich heute so furchtbar in das hineinstellen, was oftmals menschlich so nahe zusammengehört. Diese Grenzen hinderten sie nicht, für unsere Sache auch auf dem Gebiete zu wirken, das jetzt als Mitteleuropas — Feindesland gerechnet wird. Schwere Erlebnisse standen vor ihrer Seele, alle Schauer dieses furchtbaren Krieges, in dem sie eine wahrhaft humanitäre Tätigkeit bis in ihre letzten Krankenwochen hinein entwickelt hat, niemals an sich denkend, immer für diejenigen wirkend, die ihr aus dem furchtbaren Ereignis dieses Krieges heraus anvertraut waren, im edelsten Sinne Samariterdienst entwickelnd, durchdringend diesen Samariterdienst mit dem, was ihr ganzes Sinnen und Trachten aus unserer spirituellen Bewegung heraus durchsetzte. Obzwar mir nahestehend, darf ich gerade diese Seite ihres Wesens aus bewegter Seele heraus mitteilen, dieses hingebenden und opferfreudigen Mitgliedes, das Olga von Sivers wohl seit dem Bestehen dieser Bewegung war. Es war ein lieber, schöner Gedanke für Frau Dr. Steiner und für mich, wenn einmal andere Zeiten, als unsere traurigen der Gegenwart, kommen werden, diese Persönlichkeit auch wiederum in unserer räumlichen Nähe haben zu können. Auch hier hat eine eherne Notwendigkeit anders entschieden.
[ 13 ] Auch in diesem Falle ist der Tod etwas, was sich in unser Leben, wenn wir dieses Leben spirituell zu verstehen suchen, hineinstellt, klärend, erleuchtend dieses Leben. Gewiß, es ist viel einzuwenden gegen manches, was in unserer Gesellschaft waltet, was gerade unsere Gesellschaft zutage fördert. Aber, wir haben eben auch solches zu verzeichnen, haben solches vor unserer Seele, solches zu erleben, was als ein Schönstes, ein Höchstes, ein Bedeutungsvollstes gerade aus der Kraft, die durch die anthroposophische Bewegung durchdringt, um uns herum steht. Heute darf ich Ihnen von solchen Beispielen sprechen. Und manche von Ihnen werden sich wohl auch an ein Mitglied erinnern, das zwar nicht unserem Zweige angehörte, dessen ich aber gerade heute vielleicht doch gedenken darf, weil es ja auch in diesem Zweige im Kreise der Schwestern oftmals erschienen ist, von vielen hier gekannt, unsere Johanna Arnold, die vor kurzem von dem physischen Plan in die geistige Welt hinübergegangen ist. Ihre Schwester, die ein ebenso treu ergebenes Mitglied unserer Bewegung war, ist ihr vor zwei Jahren vorangegangen.
[ 14 ] In diesen Tagen mußte ich bei der Ausarbeitung der Broschüre gegen einen gehässigen Angreifer unserer Bewegung, Professor Max Dessoir, immer wieder über die Stelle gleiten, daß ich kein Verhältnis zur Wissenschaft habe, und daß gar die Masse meiner Anhänger auf jede eigene Denktätigkeit vollständig verzichte. Nun, eine Persönlichkeit wie Johanna Arnold ist der lebendigste Beweis dafür, welche ungeheure Lüge in einem solchen Ausspruche eines professoralen Ignoranten liegt. Die Größe, die in der Art des Hinübergehens in die geistige Welt bei Johanna Arnold lag, aber auch die innere Größe ihres ganzen seelischen Ergebenseins der Geisteswissenschaft, sie sind wirklich lebendige Beweise dafür, als was diese Geisteswissenschaft von wertvollsten Menschen genommen wird. Johanna Arnolds Leben war ein solches, das dem Menschen Prüfungen auferlegt, das aber auch den Menschen stärkt und stählt. Es war aber auch ein solches, welches eine große Seele offenbart. Nicht nur, daß Johanna Arnold während der Zeit ihrer Zugehörigkeit zur anthroposophischen Bewegung ihrem Zweige und den Nachbarkreisen eine kräftige Stütze war, nicht nur, daß sie in der Rheingegend so schön wirkte, schön wirkte im Zusammenhange mit mancher anderen Persönlichkeit — aus deren Reihe ist eine ja auch vor kurzem in die geistige Region hinauf uns entrissen worden: Frau Maud Künstler, die Unvergessene, die so innig ganz mit unserer Bewegung Verbundene —, nicht nur daß Johanna Arnold in ihrer Art seit ihrem Zusammenhange mit der anthroposophischen Bewegung wirkte, sondern sie offenbarte auch in diese Bewegung hinein selbst eine starke, kräftige Seele. Sieben Jahre war sie alt, da rettete sie der älteren Schwester, die dem Ertrinken nahe war, das Leben, mit edler Aufopferung und Mut, siebenjährig. Jahre verbrachte sie in England, und die Art, wie das Leben auf sie gewirkt hatte, zeigt, wie das Leben zwar zum großen Lehrmeister und auch zum Stärker und Kräftiger für die Seele wurde, aber auch zum OÖffenbarer alles dessen, was das Leben durchkraften kann, so daß sie offenbart, wonach sich die Seele als nach dem GöttlichGeistigen eben sehnt. Johanna Arnold wurde durch ihre große kräftige Seele Wohltäterin in ihrer Umgebung für die Anthroposophen, denen sie Führer wurde; sie wurde uns ein lieber Freund, weil wir sehen konnten, welch starke Kraft durch sie innerhalb unserer Bewegung verankert war. Den Sinn dieser Zeit zu verstehen, zu verstehen, was eigentlich jetzt mit der Menschheit geschieht: wie oft stellte mir in den letzten Jahren, seit diese furchtbare Zeit hereingebrochen ist, gerade Johanna Arnold diese bedeutungsvolle Frage. Unausgesetzt beschäftigte sie die Idee: Was will denn eigentlich diese Zeit furchtbarster Prüfung mit den Menschengeschlechtern, und was können wir, jeder einzelne, tun, um diese Zeit der Prüfung in der rechten Weise durchzumachen? Kein Tagesereignis im Zusammenhange mit der großen Zeitbewegung ging gerade an Johanna Arnolds Seele unvermerkt vorüber. Aber sie konnte auch alles in die großen Zusammenhänge hineinstellen, und sie wußte sich auch alles in Zusammenhang zu bringen mit dem geistigen Entwickelungsgange der Menschheit überhaupt. Fichte, Schelling, Hegel, Robert Hamerling waren ihr eindringliches Studium, dem sie sich hingab, um die Geheimnisse des Menschendaseins zu enträtseln. Oh, es lebt vieles doch innerhalb unserer Bewegung, dessen werden wir bei einer solchen Gelegenheit inne, vieles, was Menschenleben, Menschenwirken, Menschenentwickelung vertieft. Und wenn irgend jemand ein lebendiger Beweis dafür ist, daß es eine frivole Lüge ist, daß innerhalb unserer Bewegung auf eigene Denkarbeit verzichtet wird: Johanna Arnold ist ein solcher lebendiger Beweis und steht gerade durch ihre Kraft, ihre Hingebung, durch ihre Treue zur geisteswissenschaftlichen Bewegung und auch durch ihren Willen in ernster wissenschaftlicher Arbeit, in ernster Denkarbeit in die Geheimnisse der Menschheit einzudringen, vorbildlich vor denjenigen, die sie kennengelernt haben. Dankbar bin ich persönlich allen denjenigen, die dies in schöner Weise bei dem Heimgange unserer Freundin zum Ausdruck gebracht haben. Und die Schwester, die heute hier mit uns vereint ist und die beide Schwestern in so kurzer Zeit hat hingehen sehen, sie darf das Bewußtsein mitnehmen, daß wir, mit ihr in Gedanken verbunden, treu verbleiben wollen derjenigen, die von ihrer Seite aus der physischen Welt in die geistige Welt hinübergegangen ist, der wir nicht nur Erinnerung, sondern ein lebendiges Zusammensein mit ihr bewahren wollen.
[ 15 ] Meine lieben Freunde, auch solche Betrachtungen, die unmittelbar an das anknüpfen, was uns ja wohl schmerzlich berührt, sie gehören zu dem Ganzen — ich darf sagen, indem ich alles Pedantische von dem Wort abstreife — unseres lebendigen Studiums. Wir sehen gerade in der Gegenwart manches auch hinsterben, von dem wir nicht in gleicher Art wissen, daß es ein geistiges Aufleben finden kann, wie wir das von der Menschenseele sagen. Wir sehen so manche Hoffnung, so manche Erwartung hinsterben. Nun könnte man vielleicht wohl sagen: warum macht man sich, wenn man etwas klarer in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinblickt, unberechtigte Hoffnungen, unberechtigte Erwartungen? Aber Hoffnungen und Erwartungen sind Kräfte, sind wirksame Kräfte. Wir müssen sie uns machen. Nicht deshalb, weil wir etwa fürchten, sie könnten sich nicht erfüllen, dürfen wir sie unterlassen; sondern wir müssen sie uns machen, weil sie, wenn wir sie hegen, ob sie sich nun erfüllen oder nicht, als Kräfte wirken, weil etwas aus ihnen wird. Aber wir müssen uns auch zurechtfinden, wenn zuweilen nichts aus ihnen wird. Man möchte so gerne auf manchen Menschen, wenn er nur von irgendeiner Seite her anfängt, für ein Verständnis der geistigen Welt Wärme zu fassen, Hoffnungen setzen. Man setzt sie auch. Doch in unserer materialistischen Zeit verfliegen so manche Hoffnungen, und ich habe Ihnen in den letzten Betrachtungen geschildert, welches die tieferen Gründe sind, warum solche Hoffnungen verfliegen.
[ 16 ] Da müssen wir uns doch immer wieder klar sein: so groß in der äußeren physischen Welt heute auf manchem Gebiete dasjenige ist, was man Menschenmut nennt, auf geistigem Gebiete finden wir Menschenmut heute doch sehr selten. Daher sind schon solche Beispiele, wie wir sie heute anführen konnten, recht vorbildlich, müßten vorbildlich werden auch nach dem Äußeren unserer Gesellschaft und unserer Geistesbewegung hin. Es geht ja heute manchen Menschen, ich möchte sagen, ein Licht darüber auf: mit dem Materialismus geht es nicht mehr. Aber einzudringen in das, worin eingedrungen werden muß, wenn die Menschheit nicht anstatt zum Heil, zum Unheil in die Kulturentwickelung geführt werden soll, einzudringen in die konkrete, wirkliche Geisteswissenschaft, dagegen wendet sich ja das, was ich oftmals genannt habe ° die innere seelische Bequemlichkeit der Menschen. Manchmal sind die Menschen ungemein nahe daran, durch die Pforte in die Geisteswissenschaft hineinzugehen; aber es ist im Grunde genommen die Bequemlichkeit, welche sie hindert, ihre Seele so biegsam, so plastisch, so inhaltvoll zu machen, daß die auseinandergelegten Ideen der geistigen Welt, die wirklichen Inhalte der geistigen Welt, erfaßt werden können. Allgemeines Schwärmen in mystischer Welteneinheit, allgemeines Deklamieren: Wissenschaft allein macht es nicht, der Glaube muß kommen, — das ist ja etwas, was bei vielen heute anzutreffen ist. Aber der Mur. ins Konkrete der Betrachtung und Beschreibung desjenigen, was geistige Welt hinter unserer sinnlichen Welt ist, wirklich einzudringen, dieser Mut fehlt vielfach.
[ 17 ] Ich habe Ihnen im verflossenen Winter von Hermann Bahr erzählt, wie nahe dieser Mensch nach seinen letzten Büchern «Expressionismus» und seinem Roman «Himmelfahrt» eigentlich am Eindringen in die geistige Welt war. Ich habe da auch über die Wege Hermann Bahrs gesprochen. Nicht zu leugnen ist, daß der Mann trotz seiner vielen Schwankungen, trotz seiner vielen Wandlungen im Leben, das Streben nach dem Geiste hin endlich gefunden hat. Aber sehr merkwürdig ist doch eine Schrift, die er als seine neueste mir eben zugeschickt hat, und die da heißt: «Vernunft und Wissenschaft» Sonderabdruck aus der «Kultur», Jahrbuch der österreichischen Leo-Gesellschaft, 1917, Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck. Sie geht davon aus, wie die neuere Menschheit aus älterem Erkenntnisstreben heraus dazu gekommen ist, mehr auf die Vernunft allein zu bauen, durch die Vernunft das GöttlichGeistige zu suchen, den Weltenzusammenhang durch sie zu suchen. Hermann Bahr geht auch von der Frage aus: Wozu ist diese Vernunft, ist dieses Vernunftstreben gekommen, das man im achtzehnten Jahrhundert die Aufklärung nannte, und das ja das neunzehnte Jahrhundert vielfach durchsetzt hat. Gleich zu Anfang seiner Schrift sagt er:
[ 18 ] «Vor dem Kriege wähnte das Abendland, seine Völker hätten Gemeinsamkeiten. Es gab Kosmopolis, das Reich der guten Europäer, die glitzernde Welt der Millionäre, Dilettanten und Ästheten, der vaterlandslosen Existenzen im Schlafwagen, an den blauen Küsten und in den großen Hotels, der entwurzelten Weltenbummler. Es gab die stolze Republik der Geister in Wissenschaft und Kunst. Es gab das Völkerrecht. Es gab die Humanität. Es gab Internationalen der Arbeit, des Handels, des Geldes, des Gedankens, des Geschmackes, der Sitte, der Laune. Es gab Zwecke, gab Ziele, den sämtlichen Völkern des Abendlandes gemein. Sie glaubten zu diesen gemeinsamen Zwecken doch auch ein gemeinsames Mittel zu haben: die menschliche Vernunft. Durch sie, hofften sie, würde die Menschheit dereinst der ganzen Wahrheit, die dem Einzelnen vielleicht unerreichbar bleibt, mit vereinten Kräften allmählich fähig werden. Alle diese Gemeinsamkeiten hat uns der Krieg geraubt. Sie sind weg.»
[ 19 ] So legt sich Hermann Bahr diese Frage einmal vor, und er bringt schon unsere jetzige Seele zusammen mit dem einseitigen Vernunftstreben der Menschen. Er erinnert an ein interessantes Goethe-Faktum, welches wirklich interessant ist. Goethe betrachtete nämlich in Böhmen einen eigentümlich gestalteten Berg, den Kammerbühl, und es ergab sich ihm durch die Betrachtung, dieser Berg müsse seinem Entstehen nach vulkanischer Natur sein. Goethe hatte für sich den festen Glauben, daß der Berg durch alte vulkanische Kräfte entstanden sein müsse. Aber es gab andere, die nicht dieser Ansicht waren, sondern die annahmen, der Berg wäre neptunischer Natur, wäre durch sedimentäre Kräfte, durch Wasserkräfte in die Höhe getrieben. Goethe glaubte das eine, daß der Berg vulkanischer Natur wäre; aber er konnte die, welche anderer Meinung waren, nicht von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugen. Er fühlte, daß es ein gewisser innerer Impuls war, der ihm sagte: es repräsentiert sich mir der Berg vulkanisch; während die anderen sagten: es repräsentiert sich uns der Berg seiner Natur nach sedimentär. Und Hermann Bahr sagt sich nun: also ersehen wir daraus, daß ganz andere Impulse den Menschen in seinem Urteil treiben, Impulse, die erst hinter der Vernunft stehen. Aber nicht alle sind Goethes, meint er; doch alle werden, wenn sie der Vernunft zu folgen glauben, von ihren Impulsen bestimmt. Eine alte Zeit, das Mittelalter, so führt er weiter aus, hat die Menschen bestimmt, zu glauben, aus dem Glauben heraus zu Gedanken über die Welt zu kommen. Aber jetzt ist der Glaube zur Phrase geworden; er bestimmt höchstens noch das der Wissenschaft abgelegene Leben. Darin wirken die Impulse der Menschen. Aber welche Impulse wirken unter den heutigen Menschen? Hermann Bahr zählt einige dieser Impulse auf, die den Menschen dahin bringen, daß sie ihn glauben machen, er folge nur seiner Vernunft; doch in Wahrheit folge er seinen Impulsen, seinen Emotionen und so weiter. Die Amerikaner zum Beispiel wollten einen bestimmten starken Impuls. Den nannten sie Pragmatismus. Sie wollten das, was nützlich ist: Der berühmte Pragmatismus von William James. Aber was ist nach Hermann Bahrs Ansicht aus diesem Grundtriebe nach der Nützlichkeit geworden? «Es gab aber im abendländischen Menschen nur noch zwei Triebe», meint er, und macht nun bemerklich, wie im Mittelalter die Wissenschaft die «Magd» der Theologie war. Man hat sich ja in gewissen Zeiten nicht genug tun können in Anführung dieses Ausspruches: Die Wissenschaft die Magd der Theologie. Doch Hermann Bahr meint, wenn man auf die Kultur der neueren Zeit hinsieht, so ist die wahre Vernunft zwar nicht die Magd der Theologie, wohl aber die Magd unserer Gewinnsucht geworden. Und noch tiefere Fragen stellt er sich. Der einzelne Mensch, sagt er, kann für sich allein nicht bestehen, er muß in einer Gemeinsamkeit drinnen sein. Als diese Gemeinsamkeit hat der einzelne Mensch den Staat, in den er sich hineinstellt. Aber Hermann Bahr muß die Frage aufwerfen: Sind das nicht wieder Affekte, welche die einzelnen Staaten beherrschen? — Und nun sucht er die einzelne menschliche Seele zur Anknüpfung zu bringen an irgend etwas Geistiges. Er versucht zunächst an Goethe und Kant anzuknüpfen, und dann an folgende Gedanken. Er sagt sich: wir sehen in unserem heutigen niederen Leben innere Impulse wirken, die eigentlich die Vernunft dahin bringen, wohin sie wollen; aber das sagt uns nicht, etwas ist wahr oder unwahr, weil wir es durch die Vernunft widerlegt oder bewiesen haben, sondern weil wir so aus inneren Impulsen heraus wollen, so wie Goethe den Kammerbühl wollte als aus vulkanischer Natur heraus entstanden ansehen, während seine Gegner ihn aus sedimentärer Natur heraus entstanden wissen wollten. Es muß andere Impulse geben, sagt sich Hermann Bahr weiter, die nicht nur aus der niederen Menschennatur kommen. Da findet er das Genie. Was ein Mensch aus Genie tut, ist auch ein Impuls, aber nicht ein niederer. Es ist etwas, was hereinwirkt in den Menschen, was etwas Kosmisches hat. So meint er. Aber nun wird er fast zum Worthaarspalter, indem er das Grimmsche Wörterbuch durchstöbert, um hinter die Bedeutung des Wortes Genie zu kommen. Er macht sich zwar klar, was dieses Wort bei Goethe bedeutet, was es bei Schiller, bei den Romantikern und so weiter bedeutet, aber so ohne weiteres das Wort Genie anzuwenden, geht ja doch eigentlich nicht. Denn würde man das Wort Genie für den höchsten Impuls der Wissenschaft halten, so würden sicher alle Professoren sagen, sie wären Genies — und man hätte ebensoviele Genies zu verehren! Das will Hermann Bahr natürlich nicht. Daher sucht er nach der anderen Seite hin einen Ausweg, und da findet er: Goethe hat doch nicht so ganz Unrecht gehabt, das Genie nur vereinzelten Menschen zuzusprechen. Und da es doch wieder nur vereinzelten Menschen zugesprochen werden kann, so kann es nicht zum Impuls des wissenschaftlichen Wirkens gemacht werden. Kurz, er kommt dahin, einen inneren Zusammenhang der Menschenseele mit der geistigen Welt zu ahnen. Und da findet er einen Zusammenhang. Sie können mich in Stücke hacken, aber ich kann Ihnen den logischen Zusammenhang nicht klarmachen zwischen dem Goetheschen Genie-Gedanken und dem Kirchengesang «Veni Creator Spiritus», zwischen demjenigen, was in die menschliche Seele hereinzieht, wenn dieser Kirchengesang angestimmt wird; ein Zusammenhang, der gewiß groß und gewaltig ist, auch real ist, aber wie er mit dem Goetheschen Genie-Gedanken zusammenhängt, das weiß ich nicht, kann es auch nicht herausbringen. Aber Hermann Bahr will ja das eine: für sich selber sich klarmachen, daß die Vernunft, das bloße Vernunftstreben nicht zur Wahrheit führen kann. Hermann Bahr will zu dem nein sagen, wozu die Aufklärung ja gesagt hat. Die Aufklärung wollte in die Welt etwas hereinbringen, was über das aufklärt, was wir sehen und wahrnehmen. Da sollte die Vernunft erhöht werden. Aber weil jetzt, meint Hermann Bahr, die Vernunft zur Dienerin des äußeren Handwerks und der Technik geworden ist, will er sie absetzen und leiten lassen von Impulsen, die ihm vor Augen stehen. Und diese Impulse zeigen uns, wie ein Mensch, der bis an das Tor der Geisteswissenschaft gekommen ist, nun doch stillhält und zu bequem ist, in diese Geisteswissenschaft konkret hineinzugehen. Er meint, die Vernunft allein erreicht nichts, der Glaube muß hinzukommen und muß alles führen. Von Gott selbst müssen die Impulse kommen, also nicht aus der niederen Menschennatur, und durch den Glauben müssen sie in die Seele einziehen und den Menschen lenken. Die Wissenschaft muß vom Glauben gelenkt werden, die Vernunft allein kann nichts erreichen in der Wissenschaft.
[ 20 ] Hermann Bahr gibt sich viele Mühe, um für diese Idee Anknüpfungspunkte zu finden. Er weist zum Beispiel in interessanter Weise hin auf Friedrich Heinrich Jacobi, der einmal in einem schönen Briefwechsel den Gedanken ausgesprochen hat, daß es für die Wahrheit überall in der Menschennatur elastische Stellen gäbe. Eine sehr schöne Idee von Jacobi. Ich habe sie einmal anders ausgesprochen: Nehmen Sie die «Philosophie der Freiheit»; da haben Sie etwas, was als Ganzes ein Organismus ist, wo ein Gedanke aus dem anderen herauswächst; wenn man irgendwo an die elastischen Stellen kommt, geht das Denken von selbst weiter; da fühlt man das Walten des Geistes in der eigenen Seele. Darauf macht Jacobi aufmerksam, und darauf weist auch Hermann Bahr hin, daß etwas in der Menschenseele lebt, in ihr wirkt, so wie etwas Geistiges. Das Merkwürdigste ist, daß Hermann Bahr gewissermaßen den höheren Menschen, welcher der göttliche Mensch ist, im Menschen finden will, indem er die Vernunft zum Glauben zurückführt, indem er nicht die Impulse gelten läßt, die in der heutigen Wissenschaft Geltung haben. Aber einen Impuls findet er nicht, der in der heutigen Menschheit lebt, leben kann wenigstens. Das ist der Christus-Impuls! Es ist merkwürdig: nur an einer Stelle seiner Schrift — denn die beiden anderen Stellen, wo er noch vorkommt, sind ganz bedeutungslos — weist er auf den Christus hin, und diese Stelle ist nicht von Hermann Bahr, sondern von Pascal. Das ist jene Äußerung Pascals, daß wir Menschen uns selbst nur erkennen durch Jesus Christus, daß wir das Leben, den Tod nur durch Jesus Christus erkennen, und daß wir durch uns allein nichts wissen, weder von unserem Leben noch von unserem Tode, weder von Gott noch von uns selbst. — Da haben Sie von Pascal einen Impuls, der von innen wirkt, der nicht vom Menschen selbst stammt: der Christus-Impuls, der aber erst seit dem Mysterium von Golgatha in der Welt ist. Man muß zugleich historischen Sinn haben, wenn man darauf hinweisen will. Hermann Bahr kommt also auch nicht weiter als Harnack und die anderen; er kommt bis zu einem allgemeinen Gotte, der durch die Natur spricht, aber nicht zu einer lebendigen Auffassung des Christus. Hier haben Sie wieder ein Beispiel dafür, daß die Menschen nach der Wahrheit streben wollen, aber sie finden gerade den Christus nicht, und sie bemerken es nicht einmal. Hermann Bahr bemüht sich zu zeigen, wie das Prinzip des Strebens durch die Weltentwickelung geht. Er sagt einige schöne Worte über das Griechentum, über das Römertum, sogar über Mohammed. Ausgelassen ist nur das Mysterium von Golgatha! Indem er über das Christentum redet, tut er es erst wieder, wo er von dem heiligen Augustinus spricht. Man findet, selbst wenn man noch so viel deklamiert über die Vernunft und dergleichen, nicht den Christus; man findet nur den allgemeinen Gott. Aber Christus ist der Gott, der aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist in das irdische Leben und so wahr in uns lebt, wie unser unmittelbar Höchstes in uns lebt. Durch, das, was Pascal vorschwebt, erlangen wir Erkenntnis von der Welt, vom Leben wie vom Tode, von Gott wie von uns selbst, indem wir uns von dem Christus durchdringen lassen. Um aber das zu erkennen, ist Geisteswissenschaft notwendig. Anderes nicht. Und den Weg dahin bildet schon Goethe. Aber was sagt Hermann Bahr, indem er alle möglichen Goethe-Aussprüche zu rechtfertigen sich bemüht, indem er sozusagen sein Inneres aufschließen will, das in der letzten Zeit zum Glauben hingeführt worden ist? Er sagt: «Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants!» Die Einmündung bei demjenigen, das äußere Macht hat und in unserer Gegenwart bemerklich macht, daß es die Macht auch wieder entwickeln will. Die Menschen wollen nicht sehen, sie wollen nicht hören, und lassen an sich vorübergehen, was ihnen die Zeichen der Zeit deuten würden. Hermann Bahr weiß die Zeichen der Zeit in seiner Art allerdings besser zu deuten. Er weiß, daß in unserer Zeit manche Zeichen allerdings dafür sprechen, zu sagen: Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants! Es ist so recht ein Beispiel dafür, wenn die Bequemlichkeit Halt macht. Ich liebe Hermann Bahr, ich sagte das schon einmal; ich will nichts gegen ihn sagen, sondern nur besprechen, was an ihm als einer sehr begabten, bedeutungsvollen Persönlichkeit charakteristisch in unserer Zeit wirkt.
[ 21 ] Vernunft: es ist leicht sie anzuklagen! Man kann vieles gegen sie sagen, kann sagen, daß sie die Wahrheit nicht findet. Allein nur die Vernunft anklagen, heißt eben nicht tief genug in die Sache eindringen. Würde man tiefer eindringen, so würde man wissen, daß nur derjenige Vernunftgebrauch von der Wahrheit abführt, der von Ahriman durchdrungen ist, wie auch derjenige Glaubensgebrauch von der Wahrheit abführen kann, der von Luzifer durchdrungen ist. Der Glaube kann von Luzifer, die Vernunft von Ahriman durchdrungen werden. Aber weder Glaube noch Vernunft sind an sich zur Unwahrheit oder zum Irrtum führend; denn sie sind, wenn wir im religiösen Sinne sprechen wollen, menschliche Gottesgaben. Wandeln sie auf richtigen Wegen, so führen sie zur Wahrheit, nicht zu Irrtum und Unwahrheit. Und die tiefere Auffassung wäre die, zu erkennen, wie sich Ahriman in die Vernunft einschleicht und das hervorbringt, was die Verirrung der Vernunft ist. Dazu müßte man aber wieder in die konkrete geistige Welt eindringen und dürfte nicht zu bequem sein, die einzelnen Vorstellungen aufzunehmen, welche die geistige Welt wiedergeben. Will man in schauderhaften Abstraktionen sich verbreiten, so schimpft man auf die Vernunft und weiß nicht, daß die Vernunft in konkreter Entwickelung in der fünften nachatlantischen Kulturperiode das Ich in die Bewußtseinsseele hineinbringen muß. Man redet wie ein Blinder von den Farben. Aber wenn man heute vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus redet, dann muß man — ob Ihnen nun auch irgendwelche Ignoranten oder sonstige Leute allerlei Widersprüche vorwerfen — zu dem stehen, wie ich es schon auseinandergesetzt habe, was sich ergibt, wenn der Geist selber im Geiste sucht. Man hat eine persönliche Verantwortlichkeit gegenüber dem Geiste. Und gerade das ist, wie ich heute an besonderen Beispielen hervorheben konnte, an dem Menschen als etwas Großes zu empfinden: Verantwortlichkeit im Geiste zu fühlen für alles, was man tut, aber auch was man fühlt und denkt. Knüpft man aber an etwas historisch Gewordenes an, ohne das persönliche Suchen in dem der Menschheit Notwendigen, dann kann man vielleicht auch so sagen: «Wen es interessiert, welchen Weg mich Gott geführt hat» — so sagt nämlich Hermann Bahr —, «der sei auf meine Schriften «Inventur und «Expressionismus» hingewiesen, hüte sich aber, worum ich auch den Leser dieses Aufsatzes bitten muß, etwa meine persönlichen Erfahrungen zu verallgemeinern, die mir halfen, aber keineswegs ansprechen, deshalb auch anderen helfen zu können.» Wenn man sich also in alles das hineinbegibt, wofür das Vaticanum gilt, dann hat man nicht nötig für sein Persönliches einzustehen. Denn dann kann man wohl auch sagen: «Stößt also dem Leser hier irgendein Gedanke zu, der sich von diesen Grundgedanken entfernte, so will ich ihn ausdrücklich davor warnen, meiner Absicht zuzumessen, was nur durch die Nachlässigkeit oder Zweideutigkeit einer unglücklich gewählten Wendung verschuldet wäre, ganz gegen meinen Willen und zu meinem Schmerze.»
[ 22 ] Es ist doch gut, wenn jemand aufrichtig, ehrlich heute ein solches Bekenntnis, ich möchte sagen, von der Leber weg spricht. Er spricht dadurch ein Bekenntnis aus, das so weit als möglich von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entfernt ist. Er spricht aber auch aus, was in einer gewissen Geistesströmung, die heute wieder mächtig werden will, Grundbedingung ist: Was ich als einzelner liebe, was ich als einzelner glaube, was ich behaupte, ich bemerke von vornherein, daß dies nichts die Welt angeht; für die Welt halte ich maßgebend, was das Vaticanum für die Welt zu glauben, zu bekennen befiehlt; da mische ich auch meine Stimme mit hinein, ich will sie aber nur soweit gelten lassen, als das Vaticanum sie gelten läßt!
[ 23 ] Ich weiß nicht, in welchem Grade es noch zeitgemäß werden wird, ein solches Bekenntnis abzulegen. Aber daß Geisteswissenschaft auf dem Grunde ruhen muß: selber zu forschen und für das Geforschte mit voller Verantwortlichkeit einzutreten, das ist sicher. Sollte diese Geisteswissenschaft auch noch so viele Enttäuschungen, noch so viele zerschnittene Zuversichten haben, es muß doch darüber gesprochen werden, und auch wenn es Hoffnungen. sind, die zu etwas Besserem sich hätten hinwenden können, wie es bei Hermann Bahr der Fall ist.
