Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
21 August 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Das Karma des Materialismus IV
The Karma of Materialism IV
[ 1 ] Der Mann, der einer der treuesten Mitarbeiter unserer geistigen Bewegung war, den Sie die Jahre des Krieges hindurch hier in unserem Kreise fast jede Woche haben sehen können, wir haben in diesen Tagen für diesen physischen Plan von ihm Abschied zu nehmen gehabt: von unserem lieben Freunde Herman Joachim. Indem wir, durchdrungen mit jener Gesinnung, die sich aus dem ergibt, was wir als geisteswissenschaftliche Erkenntnisse suchen, an das Ereignis des Todes, das wir bei den uns nahestehenden Menschen erfahren, herantreten, finden wir selbst etwas von dem, was uns eigen werden soll mit Bezug auf unsere Stellung, auf unser Verhältnis zur geistigen Welt. Wir blicken ja auf der einen Seite in einem solchen Falle zurück zu dem, was uns der Dahingegangene geworden ist in der Zeit, die wir mit ihm verleben durften, da wir seine Mitstrebenden sein durften; aber wir blicken zu gleicher Zeit vorwärts in die Welt hinein, welche die Seele aufgenommen hat, die mit uns vereint war und mit uns vereint bleiben soll, weil Bande sie mit uns zusammenschließen, welche geistiger Art sind und untrennbar sind durch das physische Ereignis des Todes.
[ 1 ] The man who was one of the most devoted members of our spiritual movement—whom you were able to see here in our circle almost every week throughout the war years—we have had to bid farewell to him on this physical plane in recent days: our dear friend Herman Joachim. When we approach the event of death—which we experience in those closest to us—imbued with the spirit that arises from what we seek as spiritual-scientific insights, we ourselves discover something of what should become our own in relation to our position and our relationship to the spiritual world. On the one hand, in such a case, we look back on what the departed has come to mean to us during the time we were able to spend with him, as we were privileged to be his fellow seekers; but at the same time we look forward into the world that has received the soul which was united with us and is to remain united with us, because bonds of a spiritual nature—which are inseparable from the physical event of death—unite us with it.
[ 2 ] Herman Joachim, der Name ist ja in diesem Falle etwas, was als ein weithin Leuchtendes der von uns für den physischen Plan verlorenen Persönlichkeit voranging, ein Name, der tief verbunden ist mit der künstlerischen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts, ein Name, der verbunden ist mit der schönsten Art der ästhetischen Prinzipien in musikalischer Auffassung, und ich brauche hier nicht auseinanderzusetzen, was für die geistige Entwickelung der jüngsten Zeit der Name Joachim bedeutet. Aber wenn der, der jetzt von dem physischen Plan in die geistige Welt hin von uns gegangen ist, mit all seinen unvergleichlichen, schönen, großen Eigenschaften und mit ganz unbekanntem Namen in unsere Mitte getreten wäre: diejenigen, die das Glück gehabt haben, ihn kennenzulernen und die eigenen Bestrebungen mit den seinigen zu verbinden, sie hätten ihn denjenigen Persönlichkeiten zugezählt, die zu den allerwertvollsten ihres Lebens hier auf der Erde gehören, nur durch dasjenige, was ausgeströmt ist aus der Kraft seines eigenen Wertes, aus dem Umfänglichen und Sonnenhaften der eigenen Seele. Aber gerade in demjenigen, was diese Seele anderen Seelen in rein Menschlichem war, wirkte wohl dasjenige in dieser Seele nach, was als reinstes künstlerisch geistiges Element vom Vater her so großartig wirkte. Man möchte sagen, in jeder Geistesäußerung, in jeder Gedankenoffenbarung Herman Joachims war auf der einen Seite dieses Künstlerische, das auf der anderen Seite erkraftet und getragen war von echter, von intensivster Geistigkeit des Wollens, des Fühlens, des Strebens nach spiritueller Erkenntnis. So wie des Vaters große Intentionen hier im Blute walten, so war etwas in der geistigen Atmosphäre dieses Mannes, das schön eingeleitet war dadurch, daß Herman Grimm — dieser ausgezeichnete, dieser einzigartige Repräsentant des Geisteslebens Mitteleuropas — segnend seine Hand über den Täufling Herman Joachim gehalten hat, da er der Taufpate Herman Joachims war. Und seit ich dieses wußte, war mir dies ein lieber Gedanke, wie Sie begreifen werden nach manchem, was ich in diesem Kreise gerade über das gesagt habe, was an Geistigkeit von der Persönlichkeit Herman Grimms in der neueren Zeit ausgeht. Als ein lieber Freund Herman Grimms starb, schrieb Herman Grimm schöne Worte nieder; als der in seiner eigentümlichen persönlichen Individualität ganz einzige Walther Robert-Tornow starb, schrieb Herman Grimm nieder: «Aus der Gesellschaft der Lebenden scheidet er aus; in die Gesellschaft der Toten wird er aufgenommen. Es ist, als müsse man auch diese Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt.» Und dieses, daß man bei solchem Hinscheiden das Gefühl habe, man müsse auch die Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt, das meinte Herman Grimm nicht nur von dem, welchem er diese Worte nachsprach, sondern er meinte es überhaupt als ein in der Menschenseele vorhandenes Gefühl, wenn ein uns Nahestehender aus der physischen Welt hingeht in die geistige Welt. Wir blicken dann auf das zurück, was wir symptomatisch mit dem Dahingegangenen erleben durften, und betrachten dieses wohl gleichsam wie Fensteröffnungen, durch die wir hineinblicken können in ein unendliches Wesen; denn jede menschliche Seelenindividualität ist ja ein unendliches Wesen, und was wir mit ihr durchleben dürfen, das ist immer nur, wie wenn wir durch Fenster in eine unbegrenzte Gegend blickten. Aber es gibt eben Augenblicke im menschlichen Leben, wenn an diesem menschlichen Leben mehrere teilnahmen, in denen man dann tiefere Blicke in eine menschliche Individualität tun darf. Dann ist es immer, als wenn gerade in solchen Augenblicken, wo wir Blicke in menschliche Seelen tun dürfen, sich mit ganz besonderer Gewalt alles erschließen würde, was Geheimnis der geistigen Welt ist. In umfänglichen Vorstellungen, die sich mit dem Gefühl durchtränken, offenbart sich uns dann vieles von dem, was auch im gewöhnlichen Menschenleben an Großem, Gewaltigem, an geistig Strebendem lebt. |
[ 2 ] Herman Joachim—in this case, the name is something that shone far and wide, preceding the personality we have lost to the physical plane; a name deeply connected to the artistic development of the nineteenth century; a name associated with the most beautiful expression of aesthetic principles in music, and I need not elaborate here on what the name Joachim means for the spiritual development of recent times. But if the one who has now departed from the physical plane into the spiritual world had entered our midst with all his incomparable, beautiful, and great qualities, yet with a completely unknown name: those who had the good fortune to know him and to unite their own aspirations with his, they would have counted him among the most valuable personalities of their lives here on Earth, solely because of what radiated from the power of his own worth, from the vastness and radiance of his own soul. But it was precisely in what this soul was to other souls in a purely human sense that what had so magnificently manifested in him as the purest artistic and spiritual element inherited from his father continued to work within this soul. One might say that in every spiritual expression, in every revelation of thought by Herman Joachim, there was, on the one hand, this artistic quality, which was, on the other hand, strengthened and sustained by a genuine, most intense spirituality of will, of feeling, and of the striving for spiritual knowledge. Just as his father’s great intentions flow through his blood, so there was something in this man’s spiritual atmosphere that was beautifully foreshadowed by the fact that Herman Grimm—that outstanding, that unique representative of Central European spiritual life—had laid his blessing upon the child being baptized, Herman Joachim, as he was Herman Joachim’s godfather. And ever since I knew this, it has been a cherished thought of mine, as you will understand from much of what I have said in this circle specifically about the spiritual influence that has emanated from the personality of Herman Grimm in recent times. When a dear friend of Herman Grimm’s died, Herman Grimm wrote some beautiful words; when Walther Robert-Tornow—who was entirely unique in his peculiar personal individuality—died, Herman Grimm wrote: “He departs from the company of the living; he is received into the company of the dead. It is as if one must also inform these dead of who is joining their ranks.” And this feeling—that upon such a passing one feels compelled to inform even the dead of who is joining their ranks—Herman Grimm did not mean solely in reference to the person for whom he wrote these words; rather, he meant it as a feeling inherent in the human soul whenever a loved one departs from the physical world into the spiritual world. We then look back on what we were able to experience symptomatically with the departed, and regard this, as it were, as window openings through which we can gaze into an infinite being; for every individual human soul is, after all, an infinite being, and what we are allowed to experience with it is always only as if we were looking through windows into a boundless expanse. But there are indeed moments in human life—when several people have shared in that human life—in which one is permitted to gain deeper insights into a human individuality. Then it is always as if, precisely in such moments when we are allowed to glimpse into human souls, everything that constitutes the mystery of the spiritual world were to reveal itself with a very special intensity. In expansive visions, imbued with feeling, much of what lives in ordinary human life—the great, the powerful, and the spiritually aspiring—is then revealed to us. |
[ 3 ] Eines solchen Augenblickes darf ich jetzt gedenken, weil ich ihn für mich symptomatisch empfinde, aber in objektiver Weise, mit Bezug auf das Wesen des Dahingegangenen. Als er in einem bedeutenden Augenblicke mit uns vor Jahren in Köln geisteswissenschaftlich vereint war, da konnte ich im Gespräche mit ihm nach noch nicht lange erfolgter persönlicher Bekanntschaft sehen, wie dieser Mann das Innerste seiner Seele verbunden hatte mit demjenigen, was als geistiges Wesen und Weben den Kosmos durchzieht, wie er, wenn ich so sagen darf, gefunden hatte den großen Anschluß menschlicher Seelenverantwortlichkeit gegenüber den geistig-göttlichen Mächten, welche mit der Weisheit der Weltenlenkung verbunden sind, und denen sich der einzelne Mensch in besonders bedeutungsvollem Augenblicke gegenübergestellt findet, wenn er sich die Frage vorlegt: Wie gliederst du dich ein in das, was als geistige Weltenlenkung dir vor das Seelenauge sich stellt? Wie darfst du denken aus deinem Selbstbewußtsein heraus, indem du weißt: ein verantwortliches Glied in der Kette der Weltgeistigkeit bist du selbst? — Daß er in aller Tiefe, in aller, wenn ich das Wort gebrauchen darf, seelischen Gründlichkeit einen solchen Augenblick als die Repräsentanz der Beziehung des Menschen zur Geistigkeit der Welt empfinden, erleben und fühlend erkennen konnte, das offenbarte mir damals Herman Joachims Seele.
[ 3 ] I would now like to recall one such moment, because I find it symptomatic for me—but in an objective way, with regard to the essence of what has passed. Years ago in Cologne, when he was spiritually united with us at a moment of great significance, I was able to see in conversation with him—even though we had only recently become acquainted—how this man had connected the innermost part of his soul with that which, as a spiritual being and weaving force, permeates the cosmos; how he had, if I may say so, found the great connection between human soul responsibility and the spiritual -divine powers—which are connected to the wisdom of the guidance of the worlds—and with which the individual human being finds himself confronted in particularly significant moments when he asks himself the question: How do you integrate yourself into that which, as spiritual guidance of the worlds, stands before the eye of your soul? How may you think from within your self-awareness, knowing that you yourself are a responsible link in the chain of world spirituality? — That he was able, in all depth, in all—if I may use the word—soulful thoroughness, to perceive, experience, and intuitively recognize such a moment as the embodiment of humanity’s relationship to the spirituality of the world—this was revealed to me at that time by Herman Joachim’s soul.
[ 4 ] Er hat ja dann Schweres weiterhin durchgemacht. Schwer lastete auf ihm die Zeit, als jenes unnennbare Unheil, unter dem wir alle leiden, hereinbrach, nachdem er jahrelang in Frankreich, in Paris gelebt hat und dort die liebe Lebensgefährtin gefunden hat. Er mußte pflichtgemäß — aber zu gleicher Zeit diese Pflichtgemäßheit selbstverständlich als innerlich mit seinem Wesen verbunden auffassend — zurück in seinen alten Beruf als deutscher Offizier. Er hat diesen Beruf seither ausgefüllt an wichtiger, bedeutungsvoller Stelle, nicht nur mit treuem Pflichtgefühl, sondern mit hingebungsvollster Sachkenntnis, und so, daß er innerhalb dieses Berufes im höchsten, wahrsten Sinne human, in tiefster Bedeutung menschenfreundlich wirken konnte; wofür viele derjenigen, denen dieses menschenfreundliche Wirken zugute gekommen ist, die dankbarste Erinnerung bewahren werden. Ich selber gedenke oftmals derjenigen Gespräche, die ich in diesen drei Jahren der Trauer und des Menschenleides mit Herman Joachim führen konnte, wo er sich mir enthüllte als ein Mann, der mit umfassendem Verständnisse die Zeitereignisse zu verfolgen in der Lage war, der weit davon entfernt war, irgend etwas in bezug auf dieses Verständnis sich von Haß- oder Liebegedanken trüben zu lassen nach der einen oder anderen Seite hin, wo diese Haß- oder Liebegedanken die objektive Beurteilung in bezug auf die Zeitereignisse beeinträchtigt haben würden, der aber auch, trotzdem er durch diese verständnisvolle Auffassung unserer Zeit sich nicht alles in dieser Zeit auf uns lastende Schwere verhehlen konnte, aus den Tiefen des geistigen Wesens der Welt heraus, seine Hoffnungen und seine Zuversichten für den Ausgang stark und kräftig in seiner Brust trug.
[ 4 ] He continued to go through difficult times after that. The period when that unspeakable calamity—from which we all suffer—struck weighed heavily on him, after he had lived for years in France, in Paris, and had found his beloved partner there. He had to return—out of a sense of duty, though at the same time naturally regarding this duty as intrinsically linked to his very being—to his former profession as a German officer. Since then, he has fulfilled this duty in an important and significant position, not only with a faithful sense of duty but also with the most devoted expertise, and in such a way that, within this profession, he was able to act in the highest and truest sense of the word as a humanitarian, showing profound compassion for others; for which many of those who benefited from this compassionate work will cherish the most grateful memories. I myself often recall the conversations I was able to have with Herman Joachim during these three years of mourning and human suffering, in which he revealed himself to me as a man who was able to follow current events with comprehensive understanding, who was far from allowing his understanding to be clouded by thoughts of hatred or love toward one side or the other, where such feelings of hatred or love would have impaired an objective assessment of current events; yet, even though this understanding perspective on our times could not shield him from all the burdens weighing upon us during that period, he carried within his heart, drawing from the depths of the world’s spiritual essence, strong and steadfast hopes and confidence in the outcome.
[ 5 ] Herman Joachim gehörte zu denjenigen, die auf der einen Seite in völliger sachlicher, verstandesmäßiger Art, wie es sein soll, Geisteswissenschaft in sich aufnehmen, die aber auf der anderen Seite durch dieses Verstandesmäßige sich nichts nehmen lassen von der tiefen spirituellen Vertiefung, von der tiefen spirituellen Erfassung, von dem unmittelbaren Hingegebensein an den Geist, so daß diese spirituelle Erfassung, dieses unmittelbare Hingegebensein an den Geist weit entfernt ist, solch eine Seele jemals zu dem zu verleiten, was uns am gefährlichsten werden kann: zur Phantastik, zur Schwärmerei. Solche Phantastik, solche Schwärmerei geht ja zuletzt doch nur aus einem gewissen wollüstigen Egoismus hervor. Mit egoistischer Mystik hatte diese Seele nichts zu tun. Dafür aber um so mehr mit den großen spirituellen Idealen, mit den großen eingreifenden Ideen der Geisteswissenschaft.
[ 5 ] Herman Joachim was among those who, on the one hand, absorbed spiritual science in a completely objective, rational manner—as it should be—but who, on the other hand, did not allow this rational approach to detract from their deep spiritual immersion, their profound spiritual grasp, or their immediate devotion to the Spirit, so that this spiritual grasp, this immediate surrender to the Spirit, is far from ever leading such a soul into what can be most dangerous to us: fantasy, fanaticism. Such fantasy, such fanaticism ultimately arises only from a certain voluptuous egoism. This soul had nothing to do with egotistical mysticism. Instead, it was all the more concerned with the great spiritual ideals, with the great, transformative ideas of spiritual science.
[ 6 ] Herman Joachim war in jedem Augenblick darauf bedacht, was man tun könne, um an seiner eigenen Stelle die geisteswissenschaftlichen Ideale unmittelbar in das Leben überzuführen. Er, der Mitglied des Freimaurertums war, der tiefe Blicke in das Wesen der Freimaurerei hinein getan hat, aber auch in das Wesen der freimaurerischen Verbindungen, er hatte sich die große Idee vorgesetzt, dasjenige wirklich zu erreichen, was erreicht werden kann durch eine geistige Durchdringung des freimaurerischen Formalismus mit dem spirituellen Wesen der Geisteswissenschaft. Alles was das Freimaurertum aus Jahrhunderten aufgespeichert hat an tiefgründigen, aber formelhaft gewordenen, man möchte sagen, kristallisierten Erkenntnissen, das hatte sich Herman Joachim durch seine hohe Stellung innerhalb der Freimaurerei bis zu einem ganz besonderen Grade enthüllt. Aber er fand gerade auf diesem Platze, auf dem er stand, die Möglichkeit, das da Gefundene in den rechten Menschheitszusammenhang hineinzudenken und zu durchdringen dasjenige, was doch nur aus der Kraft der Geisteswissenschaft kommen kann, mit dem von ihm neu zu belebenden Althergebrachten. Und wenn man weiß, wie Herman Joachim in den letzten Jahren in dieser schweren Zeit nach dieser Richtung hin gearbeitet hat, wenn man den Ernst seines Wirkens und die Würde seines Denkens nach dieser Richtung hin, wenn man die Kraft seines Wollens und das Umfängliche seiner Arbeit auf diesem Gebiete einigermaßen kennt, dann weiß man, was der physische Plan gerade mit ihm verloren hat. Ich konnte nicht anders, als bei diesen und anderen ähnlichen Anlässen immer wieder daran denken, wie ein Amerikaner, der zu den Geistreichen in der letzten Zeit gerechnet wurde, den Spruch aufgezeichnet hat: Kein Mensch ist unersetzlich; tritt einer ab, so tritt sogleich wieder ein anderer auf seinen Posten. — Es ist selbstverständlich, daß solcher Amerikanismus nur aus der tiefsten Unkenntnis des wahren Lebens heraus sprechen kann. Denn die Wahrheit sagt gerade das Entgegengesetzte. Und die Wahrheit an der Wirklichkeit, wie ich es jetzt meine, gemessen, sagt uns vielmehr: Kein Mensch kann in Wirklichkeit in bezug auf alles dasjenige, was er dem Leben war, ersetzt werden. Und gerade wenn wir an hervorragenden Beispielen es sehen, wie in diesem Falle, dann werden wir tief durchdrungen von dieser Wahrheit; denn gerade in unserem Falle, im Falle Herman Joachim, werden wir so recht an das menschliche Lebenskarma gewiesen. Und dieses Verständnis des menschlichen Lebenskarmas, die karmische Auffassung der großen Schicksalsfragen, es ist ja das einzige, was uns zurechtkommen läßt, wenn wir solchen Hinweggang in verhältnismäßig frühem menschlichem Lebensalter und aus solcher ernsten, notwendigen Lebensarbeit heraus, vor unserem Seelenauge sich vollziehen sehen.
[ 6 ] Herman Joachim was constantly thinking about what could be done to directly translate the ideals of the spiritual sciences into life in his own sphere. He, who was a member of Freemasonry and who had gained deep insights into the essence of Freemasonry as well as into the nature of Masonic associations, had set himself the grand goal of truly achieving what can be achieved through a spiritual permeation of Masonic formalism with the spiritual essence of spiritual science. Everything that Freemasonry had accumulated over the centuries in the form of profound insights—which had, however, become formulaic, one might say crystallized—had been revealed to Herman Joachim to a very special degree through his high position within Freemasonry. But it was precisely in this position that he found the opportunity to place what he had discovered within the proper human context and to infuse the traditions he sought to revitalize with that which can come only from the power of spiritual science. And when one knows how Herman Joachim had been working in this direction in recent years during these difficult times; when one is somewhat familiar with the seriousness of his work and the dignity of his thinking in this direction; when one is somewhat aware of the strength of his will and the breadth of his work in this field—then one understands what the physical plane has lost in him. On these and other similar occasions, I could not help but think again and again of how an American, who was recently counted among the spiritual leaders, recorded the saying: “No one is irreplaceable; when one steps down, another immediately takes his place.” — It goes without saying that such Americanism can only spring from the deepest ignorance of true life. For the truth says precisely the opposite. And the truth, measured against reality as I now mean it, tells us rather: No human being can truly be replaced in regard to all that he was to life. And it is precisely when we see this in outstanding examples, as in this case, that we are deeply moved by this truth; for it is precisely in our case—the case of Herman Joachim—that we are so truly reminded of the karma of human life. And this understanding of human life’s karma—the karmic perspective on the great questions of destiny—is, after all, the only thing that allows us to come to terms with it when we see such a passing before the eye of our soul, occurring at a relatively early stage of human life and in the midst of such serious, necessary life’s work.
[ 7 ] Aber ein anderes mußte ich mir in diesen Tagen oftmals sagen beim Abschiednehmen von dem teuren Freunde, nachdem ich so Tag für Tag langsam die Seele aus den Regionen, wo sie so Wichtiges leisten sollte, hingehen gesehen habe in die anderen Regionen, wo wir sie suchen müssen durch die Kraft unseres Geistes, aus denen sie uns aber Helfer, Stärker und Kräftiger sein wird. Ich mußte denken: Alle die gewagten, alle die geistige Kräftigkeit vom Menschen verlangenden Ideen der karmischen Notwendigkeit, sie stellen sich uns vor die Seele hin, wenn wir solchen Tod erleben. Wir müssen oftmals dann Dinge sagen, die eben nur innerhalb unserer Geistesbewegung gesagt werden können, aber innerhalb unserer Geistesbewegung dann auch der Menschenseele die große Kraft geben, die über Tod und Leben hinüberreicht; beide übergreift.
[ 7 ] But there was something else I often had to tell myself during those days as I bid farewell to my dear friend, after watching, day by day, as his soul slowly departed from the realms where it was meant to accomplish such important work, and moved on to other realms—realms where we must seek it through the power of our spirit, yet from which it will return to us as a helper, stronger and more powerful. I had to think: All those daring ideas of karmic necessity—all those that demand spiritual strength from human beings—they present themselves to our soul when we experience such a death. We must then often say things that can only be said within the movement of our spirit, but which, within that movement, also give the human soul the great power that reaches beyond death and life; that transcends both.
[ 8 ] Lebendig steht vor mir Herman Joachims Seele. Lebendig sah ich sie drinnenstehen in einer aus vollster Freiheit heraus übernommenen geistigen Aufgabe. Lebendig sehe ich sie drinnenstehen in dem Ergreifen dieser Aufgabe. Dann erscheint mir der Tod dieser Seele wie etwas, was sie freiwillig übernimmt, weil sie aus einer anderen Welt heraus noch stärker, noch kräftiger, noch der Notwendigkeit angemessener, die Aufgabe übernehmen kann. Und fast könnte es solchen Ereignissen gegenüber zur Pflicht werden, auch von der Notwendigkeit des einzelnen Todes in ganz bestimmten Augenblicken zu sprechen. Ich weiß, nicht für alle Menschen kann dies ein Trost, ein stärkender Gedanke sein, den ich damit ausspreche. Aber ich weiß auch, daß es Seelen gibt, heute schon, welche sich an diesen Gedanken aufrichten können, gegenüber so manchem, was in unserer Zeit zu unserem tiefen Schmerze, zu unserem tiefen Leid besteht; dadurch besteht, daß wir sehen, wie es innerhalb der physischen Welt, innerhalb der materialistischen Strömungen, in denen wir im physischen Leibe verkörpert leben, so schwierig wird, die großen, notwendigen Aufgaben zu lösen. Da darf es schon auch ein Gedanke werden, der uns nach und nach aus dem Schmerz, aus der Trauer heraus lieb werden darf: daß einer wohl den Tod für den physischen Plan gewählt hat, um um so stärker seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Messen wir dann diesen Gedanken an dem Schmerze, den unsere liebe Freundin, die Gattin Herman Joachims, nunmehr zu empfinden und durchzumachen hat, messen wir den Gedanken an unserem eigenen Schmerz um den lieben teuren Freund, und versuchen wir unseren Schmerz selber dadurch zu adeln, daß wir ihn hinstellen neben einen großen Gedanken, wie ich ihn eben ausgesprochen habe; welcher Gedanke zwar den Schmerz nicht zu mildern, nicht herabzulähmen braucht, welcher Gedanke aber in diesen Schmerz hineinstrahlen kann wie etwas, das aus der Sonne der menschlichen Erkenntnis heraus selber leuchtet und uns menschliche Notwendigkeiten und Schicksalsnotwendigkeiten zu durchdringen lehrt. In solchem Zusammenhange wird ja wirklich solch ein Ereignis für uns zu gleicher Zeit etwas, was uns in das rechte Verhältnis zur geistigen Welt zu bringen vermag.
[ 8 ] Herman Joachim’s soul stands before me, alive. I saw it standing there, alive, engaged in a spiritual task undertaken out of the fullest freedom. I see it standing there, alive, as it takes on this task. Then the death of this soul appears to me as something it voluntarily accepts, because from another world it can take on the task even more strongly, even more powerfully, and in a manner even more appropriate to necessity. And in the face of such events, it could almost become a duty to speak also of the necessity of individual death at very specific moments. I know that what I am expressing here may not be a comfort or a source of strength for everyone. But I also know that there are souls—even today—who can find solace in this thought in the face of so much that exists in our time to our deep sorrow, to our deep suffering; a suffering that arises from seeing how difficult it has become to fulfill the great, necessary tasks within the physical world, within the materialistic currents in which we live embodied in our physical bodies. So let this also become a thought that, little by little, may grow dear to us even in the midst of our pain and grief: that someone may well have chosen death on the physical plane in order to be able to fulfill their task all the more fully. Let us then measure this thought against the pain that our dear friend, Herman Joachim’s wife, must now feel and endure; let us measure it against our own pain over the loss of our dear, cherished friend; and let us try to ennoble our own pain by placing it alongside a great thought, such as the one I have just expressed; a thought that, while it need not alleviate the pain or diminish it, can nevertheless shine into this pain like something that radiates from the sun of human knowledge itself and teaches us to penetrate human necessities and the inevitabilities of fate. In such a context, an event like this truly becomes, for us, something that is capable of bringing us into the proper relationship with the spiritual world.
[ 9 ] Stärken wir uns an solchen Gedanken für die Hinneigungen, die wir entwickeln wollen: die Hinneigungen unserer seelischen Kräfte zu dem gegenwärtigen und künftigen Aufenthalte der teuren Seele, dann werden wir die Seele nimmer verlieren können, dann werden wir mit ihr tatkräftig verbunden sein. Und wenn wir die ganze Gewalt dieses Gedankens fassen: ein Mensch, der seine Umgebung lieben konnte wie wenige, der seinen Tod wohl auf sich genommen hat aus einer eisernen Notwendigkeit heraus — dann wird dieser ein unserer Weltanschauung würdiger Gedanke sein. Ehren wir so unsern lieben Freund, bleiben wir so mit ihm vereint. Diejenige, die als seine Lebensgefährtin hier auf dem physischen Plan zurückgeblieben ist, soll durch uns erfahren, daß wir mit ihr im Gedanken an den Teuren verbunden sein werden, daß wir ihr Freunde, Nahestehende bleiben wollen.
[ 9 ] Let us draw strength from such thoughts for the inclinations we wish to cultivate: the inclinations of our spiritual powers toward the present and future abode of the beloved soul; then we will never be able to lose the soul, and we will be actively united with it. And when we grasp the full power of this thought—a person who was able to love his surroundings as few others could, who accepted his death out of an ironclad necessity—then this will be a thought worthy of our worldview. Let us thus honor our dear friend; let us thus remain united with him. The one who has remained here on the physical plane as his life partner shall learn through us that we will be united with her in our thoughts of our dear one, that we wish to remain her friends and loved ones.
[ 10 ] Meine lieben Freunde, Herman Joachims Tod hat sich ja im Grunde genommen angeschlossen an viele Verluste, die wir innerhalb unserer Gesellschaft in dieser schweren Zeit hatten. Über einen der schwersten Verluste habe ich nicht gesprochen bis jetzt, weil ich selber zu stark daran beteiligt bin und zuviel damit verloren habe, als daß dieses Verbundensein durch das persönliche Element mit dem Verluste mir gestatten würde, manche Seite dieses Verlustes zu berühren.
[ 10 ] My dear friends, Herman Joachim’s death has, in a sense, followed many other losses we have suffered within our society during these difficult times. I have not spoken about one of the most painful losses until now, because I am too deeply involved in it myself and have lost too much through it for this personal connection to the loss to allow me to address certain aspects of it.
[ 11 ] Eine größere Anzahl von Ihnen werden hier, in Liebe denke ich, sich unseres treuen Mitgliedes, unseres lieben Mitgliedes erinnern, der Schwester von Frau Dr. Steiner, Olga von Sivers, die wir ja in den letzten Monaten auch vom physischen Plan verloren haben. Gewiß, sie war nach außen hin nicht eine Persönlichkeit, welche in unmittelbaren, in gröberen greifbaren Wirkungen sich offenbaren konnte, eine Persönlichkeit, die durch und durch Bescheidenheit war. Aber meine lieben Freunde, wenn ich von dem absehe, was für mich selber und für Frau Dr. Steiner ein schmerzlicher, ein unersetzlicher Verlust ist, wenn ich davon absehe dies zu schildern, so darf ich doch gerade in diesem Falle auf das eine hinweisen: Olga von Sivers gehörte zu denjenigen unserer geistig Mitstrebenden, die vom Anfange an mit wärmster Seele gerade dasjenige aufgenommen haben, was der innerste Nerv unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurde von ihr aus tiefstem Verständnisse heraus und aus innerstem Verbundensein der Seele damit aufgenommen. Und Olga von Sivers war so geartet, daß sie, wenn sie derartiges aufnahm, es mit ihrem ganzen Wesen aufnahm. Und sie war ein ganzer Mensch. Das wußten diejenigen, die mit ihr verbunden waren. Sie war ebenso stark in ihrem Ablehnen alles desjenigen, was jetzt in mystisch-theosophischer Weise den Menschheitsfortschritt verunstaltet, was das spirituelle Leben auf allerlei Abwege bringt. Sie war stark in der Kraft des Unterscheidens zwischen demjenigen, was da als unserer Zeit gehörig sich in den Menschheitsfortschritt einleben will, für diesen wirken will, und zwischen demjenigen, was aus irgendwelchen anderen Impulsen und Beweggründen heraus sich jetzt auch als Theosophisches und dergleichen, als allerlei mystisches Streben hinstellt. Mit Bezug auf ursprüngliches Ergreifen derjenigen Wahrheit, nach der gerade wir streben, kann gerade Olga von Sivers zu den allervorbildlichsten unserer Mitstrebenden gezählt werden. Und auch sie war nie auch nur im geringsten durch ihr Wesen dazu veranlagt, die Aufgaben ihres Lebens, des äußeren Lebens, des unmittelbaren Tageslebens, die für sie oftmals schweren Pflichten dieses unmittelbaren Tageslebens, auch nur im geringsten zu vernachlässigen, oder durch das volle, ungeteilte Sicheinleben in unsere spirituelle Bewegung sich diesen Pflichten auch nur im geringsten zu entziehen. Und was sie, ich darf sagen, mit vollem Verständnisse von Anfang an als Inhalt unserer Bewegung in ihre ganze Seele aufgenommen hat, das übertrug sie auf andere. Da, wo es ihr gegönnt war unsere Lehre auf andere zu übertragen, da unterwarf sie sich dieser Aufgabe auch in wahrhaft mustergültiger Weise, unterwarf sich ihr so, daß sie die Kraft der Ideen durch das Liebevolle, ungeheuer Wohlwollende ihres Wesens zu durchdringen wußte, um durch diese zwei Seiten auf die Menschheit zu wirken: die Kraft der Ideen — und die besondere durch ihre Persönlichkeit bewirkte Art, die Ideen zu übertragen.
[ 11 ] Many of you here will, I believe, fondly remember our faithful member, our dear member, Dr. Steiner’s sister, Olga von Sivers, whom we have also lost from the physical plane in recent months. Certainly, outwardly she was not a person who could reveal herself through immediate, more tangible effects; she was a person who was modesty through and through. But my dear friends, if I set aside what is for myself and for Dr. Steiner a painful, irreplaceable loss—if I refrain from describing this—I may nevertheless point out one thing in this particular case: Olga von Sivers was among those of our spiritual companions who, from the very beginning, embraced with the warmest of hearts precisely that which constitutes the innermost essence of our anthroposophically oriented spiritual science. She embraced this anthroposophically oriented spiritual science out of the deepest understanding and out of her soul’s innermost connection with it. And Olga von Sivers was such a person that when she embraced something of this kind, she embraced it with her whole being. And she was a complete human being. Those who were close to her knew this. She was equally strong in her rejection of everything that now, in a mystical-theosophical way, distorts human progress and leads spiritual life astray in all manner of ways. She possessed a strong power of discernment between that which, as a legitimate part of our time, seeks to become integrated into humanity’s progress and to work for it, and that which, arising from all manner of other impulses and motives, now presents itself as theosophical and the like—as all sorts of mystical pursuits. With regard to the original grasping of the very truth toward which we ourselves strive, Olga von Sivers can be counted among the most exemplary of our fellow seekers. Nor was she ever in the least inclined, by her very nature, to neglect even in the slightest the tasks of her life—her outer life, her immediate daily life, the duties of that immediate daily life that were often difficult for her—nor to shirk these duties even in the slightest by immersing herself fully and undividedly in our spiritual movement. And what she—I may say—took into her very soul from the very beginning with full understanding as the essence of our movement, she passed on to others. Wherever she was granted the opportunity to convey our teaching to others, she devoted herself to this task in a truly exemplary manner—devoting herself to it in such a way that she knew how to infuse the power of the ideas through the loving, immensely benevolent nature of her being, so as to influence humanity through these two aspects: the power of the ideas—and the unique way in which she conveyed them through her personality.
[ 12 ] So hat sie es gehalten, auch als jene Grenzen sie von uns trennten, die sich heute so furchtbar in das hineinstellen, was oftmals menschlich so nahe zusammengehört. Diese Grenzen hinderten sie nicht, für unsere Sache auch auf dem Gebiete zu wirken, das jetzt als Mitteleuropas — Feindesland gerechnet wird. Schwere Erlebnisse standen vor ihrer Seele, alle Schauer dieses furchtbaren Krieges, in dem sie eine wahrhaft humanitäre Tätigkeit bis in ihre letzten Krankenwochen hinein entwickelt hat, niemals an sich denkend, immer für diejenigen wirkend, die ihr aus dem furchtbaren Ereignis dieses Krieges heraus anvertraut waren, im edelsten Sinne Samariterdienst entwickelnd, durchdringend diesen Samariterdienst mit dem, was ihr ganzes Sinnen und Trachten aus unserer spirituellen Bewegung heraus durchsetzte. Obzwar mir nahestehend, darf ich gerade diese Seite ihres Wesens aus bewegter Seele heraus mitteilen, dieses hingebenden und opferfreudigen Mitgliedes, das Olga von Sivers wohl seit dem Bestehen dieser Bewegung war. Es war ein lieber, schöner Gedanke für Frau Dr. Steiner und für mich, wenn einmal andere Zeiten, als unsere traurigen der Gegenwart, kommen werden, diese Persönlichkeit auch wiederum in unserer räumlichen Nähe haben zu können. Auch hier hat eine eherne Notwendigkeit anders entschieden.
[ 12 ] That is how she remained true to her principles, even when those borders separated her from us—borders that today so terribly stand in the way of what, in human terms, often belongs so closely together. These borders did not prevent her from working for our cause even in the region that is now considered enemy territory in Central Europe. Her soul was weighed down by harrowing experiences—all the horrors of that terrible war, during which she carried out truly humanitarian work right up until her final weeks of illness, never thinking of herself, always working for those entrusted to her in the midst of the terrible events of that war, carrying out Samaritan service in the noblest sense, imbuing this service with the very essence of her thoughts and aspirations drawn from our spiritual movement. Although she was close to me, I feel compelled, from the depths of my moved soul, to share this very aspect of her character—that of a devoted and self-sacrificing member, which Olga von Sivers had undoubtedly been since the founding of this movement. It was a dear and beautiful thought for Dr. Steiner and for me that, should times other than our present sad ones ever come, we might once again have this person in our immediate vicinity. Here, too, an ironclad necessity has decided otherwise.
[ 13 ] Auch in diesem Falle ist der Tod etwas, was sich in unser Leben, wenn wir dieses Leben spirituell zu verstehen suchen, hineinstellt, klärend, erleuchtend dieses Leben. Gewiß, es ist viel einzuwenden gegen manches, was in unserer Gesellschaft waltet, was gerade unsere Gesellschaft zutage fördert. Aber, wir haben eben auch solches zu verzeichnen, haben solches vor unserer Seele, solches zu erleben, was als ein Schönstes, ein Höchstes, ein Bedeutungsvollstes gerade aus der Kraft, die durch die anthroposophische Bewegung durchdringt, um uns herum steht. Heute darf ich Ihnen von solchen Beispielen sprechen. Und manche von Ihnen werden sich wohl auch an ein Mitglied erinnern, das zwar nicht unserem Zweige angehörte, dessen ich aber gerade heute vielleicht doch gedenken darf, weil es ja auch in diesem Zweige im Kreise der Schwestern oftmals erschienen ist, von vielen hier gekannt, unsere Johanna Arnold, die vor kurzem von dem physischen Plan in die geistige Welt hinübergegangen ist. Ihre Schwester, die ein ebenso treu ergebenes Mitglied unserer Bewegung war, ist ihr vor zwei Jahren vorangegangen.
[ 13 ] In this case, too, death is something that enters our lives—if we seek to understand these lives spiritually—clarifying and illuminating them. Certainly, there is much to object to in what prevails in our society, in what our society brings to light. But we also have such things to record, such things before our souls, such experiences to live through—things that stand around us as the most beautiful, the highest, and the most meaningful, arising precisely from the power that permeates the anthroposophical movement. Today I would like to speak to you about such examples. And some of you will probably also remember a member who, although not a member of our branch, I may perhaps commemorate today, since she often appeared in this branch among the sisters and was known to many here: our Johanna Arnold, who recently passed from the physical plane into the spiritual world. Her sister, who was an equally devoted member of our movement, preceded her two years ago.
[ 14 ] In diesen Tagen mußte ich bei der Ausarbeitung der Broschüre gegen einen gehässigen Angreifer unserer Bewegung, Professor Max Dessoir, immer wieder über die Stelle gleiten, daß ich kein Verhältnis zur Wissenschaft habe, und daß gar die Masse meiner Anhänger auf jede eigene Denktätigkeit vollständig verzichte. Nun, eine Persönlichkeit wie Johanna Arnold ist der lebendigste Beweis dafür, welche ungeheure Lüge in einem solchen Ausspruche eines professoralen Ignoranten liegt. Die Größe, die in der Art des Hinübergehens in die geistige Welt bei Johanna Arnold lag, aber auch die innere Größe ihres ganzen seelischen Ergebenseins der Geisteswissenschaft, sie sind wirklich lebendige Beweise dafür, als was diese Geisteswissenschaft von wertvollsten Menschen genommen wird. Johanna Arnolds Leben war ein solches, das dem Menschen Prüfungen auferlegt, das aber auch den Menschen stärkt und stählt. Es war aber auch ein solches, welches eine große Seele offenbart. Nicht nur, daß Johanna Arnold während der Zeit ihrer Zugehörigkeit zur anthroposophischen Bewegung ihrem Zweige und den Nachbarkreisen eine kräftige Stütze war, nicht nur, daß sie in der Rheingegend so schön wirkte, schön wirkte im Zusammenhange mit mancher anderen Persönlichkeit — aus deren Reihe ist eine ja auch vor kurzem in die geistige Region hinauf uns entrissen worden: Frau Maud Künstler, die Unvergessene, die so innig ganz mit unserer Bewegung Verbundene —, nicht nur daß Johanna Arnold in ihrer Art seit ihrem Zusammenhange mit der anthroposophischen Bewegung wirkte, sondern sie offenbarte auch in diese Bewegung hinein selbst eine starke, kräftige Seele. Sieben Jahre war sie alt, da rettete sie der älteren Schwester, die dem Ertrinken nahe war, das Leben, mit edler Aufopferung und Mut, siebenjährig. Jahre verbrachte sie in England, und die Art, wie das Leben auf sie gewirkt hatte, zeigt, wie das Leben zwar zum großen Lehrmeister und auch zum Stärker und Kräftiger für die Seele wurde, aber auch zum OÖffenbarer alles dessen, was das Leben durchkraften kann, so daß sie offenbart, wonach sich die Seele als nach dem GöttlichGeistigen eben sehnt. Johanna Arnold wurde durch ihre große kräftige Seele Wohltäterin in ihrer Umgebung für die Anthroposophen, denen sie Führer wurde; sie wurde uns ein lieber Freund, weil wir sehen konnten, welch starke Kraft durch sie innerhalb unserer Bewegung verankert war. Den Sinn dieser Zeit zu verstehen, zu verstehen, was eigentlich jetzt mit der Menschheit geschieht: wie oft stellte mir in den letzten Jahren, seit diese furchtbare Zeit hereingebrochen ist, gerade Johanna Arnold diese bedeutungsvolle Frage. Unausgesetzt beschäftigte sie die Idee: Was will denn eigentlich diese Zeit furchtbarster Prüfung mit den Menschengeschlechtern, und was können wir, jeder einzelne, tun, um diese Zeit der Prüfung in der rechten Weise durchzumachen? Kein Tagesereignis im Zusammenhange mit der großen Zeitbewegung ging gerade an Johanna Arnolds Seele unvermerkt vorüber. Aber sie konnte auch alles in die großen Zusammenhänge hineinstellen, und sie wußte sich auch alles in Zusammenhang zu bringen mit dem geistigen Entwickelungsgange der Menschheit überhaupt. Fichte, Schelling, Hegel, Robert Hamerling waren ihr eindringliches Studium, dem sie sich hingab, um die Geheimnisse des Menschendaseins zu enträtseln. Oh, es lebt vieles doch innerhalb unserer Bewegung, dessen werden wir bei einer solchen Gelegenheit inne, vieles, was Menschenleben, Menschenwirken, Menschenentwickelung vertieft. Und wenn irgend jemand ein lebendiger Beweis dafür ist, daß es eine frivole Lüge ist, daß innerhalb unserer Bewegung auf eigene Denkarbeit verzichtet wird: Johanna Arnold ist ein solcher lebendiger Beweis und steht gerade durch ihre Kraft, ihre Hingebung, durch ihre Treue zur geisteswissenschaftlichen Bewegung und auch durch ihren Willen in ernster wissenschaftlicher Arbeit, in ernster Denkarbeit in die Geheimnisse der Menschheit einzudringen, vorbildlich vor denjenigen, die sie kennengelernt haben. Dankbar bin ich persönlich allen denjenigen, die dies in schöner Weise bei dem Heimgange unserer Freundin zum Ausdruck gebracht haben. Und die Schwester, die heute hier mit uns vereint ist und die beide Schwestern in so kurzer Zeit hat hingehen sehen, sie darf das Bewußtsein mitnehmen, daß wir, mit ihr in Gedanken verbunden, treu verbleiben wollen derjenigen, die von ihrer Seite aus der physischen Welt in die geistige Welt hinübergegangen ist, der wir nicht nur Erinnerung, sondern ein lebendiges Zusammensein mit ihr bewahren wollen.
[ 14 ] While working on the pamphlet against a vicious attacker of our movement, Professor Max Dessoir, I found myself repeatedly coming across the claim that I have no connection to science, and that the vast majority of my followers completely renounce any independent thought. Well, a person like Johanna Arnold is the most vivid proof of what a colossal lie lies in such a statement by a professor who is ignorant. The greatness that lay in Johanna Arnold’s manner of passing into the spiritual world, but also the inner greatness of her entire soul’s devotion to spiritual science—these are truly living proofs of how this spiritual science is received by people of the highest worth. Johanna Arnold’s life was one that imposed trials upon a person, but one that also strengthened and steeled that person. But it was also a life that revealed a great soul. Not only was Johanna Arnold a strong pillar of support for her branch and neighboring circles during her time as a member of the anthroposophical movement, not only did she work so beautifully in the Rhine region, working beautifully in collaboration with many other personalities—one of whom was, in fact, recently snatched from us and taken up into the spiritual realm: Mrs. Maud Künstler, the unforgettable one, who was so deeply and wholly connected to our movement—not only did Johanna Arnold work in her own way from the time she became involved with the anthroposophical movement, but she also revealed within this movement herself a strong, vigorous soul. She was seven years old when, with noble self-sacrifice and courage, she saved the life of her older sister, who was on the verge of drowning—at the age of seven. She spent years in England, and the way life had shaped her shows how life became not only a great teacher and a source of strength and vitality for the soul, but also a revealer of all that life can endure, so that she revealed precisely what the soul longs for as the Divine-Spiritual. Through her great and powerful soul, Johanna Arnold became a benefactor in her community for the anthroposophists, for whom she became a guide; she became a dear friend to us because we could see what a powerful force was anchored within our movement through her. To understand the meaning of this time, to understand what is actually happening to humanity now: how often, in recent years, since this terrible time has broken upon us, has Johanna Arnold herself posed this significant question to me. She was constantly preoccupied with the idea: What does this time of the most terrible trial actually want from the human race, and what can we—each and every one of us—do to get through this time of trial in the right way? No daily event connected to the great currents of history passed unnoticed by Johanna Arnold’s soul. But she was also able to place everything within the larger context, and she knew how to relate everything to the spiritual development of humanity as a whole. Fichte, Schelling, Hegel, and Robert Hamerling were the subjects of her intensive study, to which she devoted herself in order to unravel the mysteries of human existence. Oh, there is so much alive within our movement—we realize this on such an occasion—so much that deepens human life, human activity, and human development. And if anyone is living proof that it is a frivolous lie to claim that our movement dispenses with independent thought: Johanna Arnold is such living proof, and through her strength, her devotion, her loyalty to the spiritual science movement, and her determination to penetrate the mysteries of humanity through serious scientific work and serious intellectual effort, she stands as an exemplary figure before all who have come to know her. I am personally grateful to all those who have expressed this so beautifully on the occasion of our friend’s passing. And the sister who is united with us here today—and who has seen both of her sisters pass away in such a short time—may take with her the assurance that we, united with her in thought, wish to remain faithful to the one who has passed from the physical world into the spiritual world, and that we wish to preserve not only the memory of her but also a living communion with her.
[ 15 ] Meine lieben Freunde, auch solche Betrachtungen, die unmittelbar an das anknüpfen, was uns ja wohl schmerzlich berührt, sie gehören zu dem Ganzen — ich darf sagen, indem ich alles Pedantische von dem Wort abstreife — unseres lebendigen Studiums. Wir sehen gerade in der Gegenwart manches auch hinsterben, von dem wir nicht in gleicher Art wissen, daß es ein geistiges Aufleben finden kann, wie wir das von der Menschenseele sagen. Wir sehen so manche Hoffnung, so manche Erwartung hinsterben. Nun könnte man vielleicht wohl sagen: warum macht man sich, wenn man etwas klarer in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinblickt, unberechtigte Hoffnungen, unberechtigte Erwartungen? Aber Hoffnungen und Erwartungen sind Kräfte, sind wirksame Kräfte. Wir müssen sie uns machen. Nicht deshalb, weil wir etwa fürchten, sie könnten sich nicht erfüllen, dürfen wir sie unterlassen; sondern wir müssen sie uns machen, weil sie, wenn wir sie hegen, ob sie sich nun erfüllen oder nicht, als Kräfte wirken, weil etwas aus ihnen wird. Aber wir müssen uns auch zurechtfinden, wenn zuweilen nichts aus ihnen wird. Man möchte so gerne auf manchen Menschen, wenn er nur von irgendeiner Seite her anfängt, für ein Verständnis der geistigen Welt Wärme zu fassen, Hoffnungen setzen. Man setzt sie auch. Doch in unserer materialistischen Zeit verfliegen so manche Hoffnungen, und ich habe Ihnen in den letzten Betrachtungen geschildert, welches die tieferen Gründe sind, warum solche Hoffnungen verfliegen.
[ 15 ] My dear friends, even such reflections—which tie in directly with what certainly touches us deeply—are part of the whole—and I may say this while setting aside any pedantic connotations of the word—of our living study. We see, especially in the present, many things fading away about which we do not know, in the same sense, whether they can find a spiritual revival, as we say of the human soul. We see so many hopes, so many expectations fading away. Now one might well ask: why, when one looks more clearly into the course of human development, does one entertain unjustified hopes, unjustified expectations? But hopes and expectations are forces—active forces. We must cultivate them. We must not refrain from doing so merely because we fear they might not be fulfilled; rather, we must cultivate them because, when we cherish them—whether they are fulfilled or not—they act as forces, because something comes of them. But we must also come to terms with the fact that sometimes nothing comes of them. One would so dearly like to place hopes in certain people when they begin, even from just one angle, to develop a warmth for understanding the spiritual world. And so one does place those hopes. Yet in our materialistic age, many such hopes vanish, and in my recent reflections I have described to you the deeper reasons why such hopes vanish.
[ 16 ] Da müssen wir uns doch immer wieder klar sein: so groß in der äußeren physischen Welt heute auf manchem Gebiete dasjenige ist, was man Menschenmut nennt, auf geistigem Gebiete finden wir Menschenmut heute doch sehr selten. Daher sind schon solche Beispiele, wie wir sie heute anführen konnten, recht vorbildlich, müßten vorbildlich werden auch nach dem Äußeren unserer Gesellschaft und unserer Geistesbewegung hin. Es geht ja heute manchen Menschen, ich möchte sagen, ein Licht darüber auf: mit dem Materialismus geht es nicht mehr. Aber einzudringen in das, worin eingedrungen werden muß, wenn die Menschheit nicht anstatt zum Heil, zum Unheil in die Kulturentwickelung geführt werden soll, einzudringen in die konkrete, wirkliche Geisteswissenschaft, dagegen wendet sich ja das, was ich oftmals genannt habe ° die innere seelische Bequemlichkeit der Menschen. Manchmal sind die Menschen ungemein nahe daran, durch die Pforte in die Geisteswissenschaft hineinzugehen; aber es ist im Grunde genommen die Bequemlichkeit, welche sie hindert, ihre Seele so biegsam, so plastisch, so inhaltvoll zu machen, daß die auseinandergelegten Ideen der geistigen Welt, die wirklichen Inhalte der geistigen Welt, erfaßt werden können. Allgemeines Schwärmen in mystischer Welteneinheit, allgemeines Deklamieren: Wissenschaft allein macht es nicht, der Glaube muß kommen, — das ist ja etwas, was bei vielen heute anzutreffen ist. Aber der Mur. ins Konkrete der Betrachtung und Beschreibung desjenigen, was geistige Welt hinter unserer sinnlichen Welt ist, wirklich einzudringen, dieser Mut fehlt vielfach.
[ 16 ] We must always be clear about this: no matter how great what is called “human courage” may be in many areas of the external physical world today, in the spiritual realm we find human courage very rarely these days. That is why examples such as those we have cited today are truly exemplary; they ought to serve as models even in the outward aspects of our society and our spiritual movement. Indeed, it is becoming clear to many people today—I would say—that materialism is no longer the way forward. But to penetrate into that which must be penetrated—if humanity is not to be led toward ruin rather than salvation in its cultural development—to penetrate into concrete, genuine spiritual science—this is precisely what I have often referred to as “people’s inner psychological complacency.” Sometimes people come incredibly close to stepping through the gateway into spiritual science; but it is, fundamentally, this complacency that prevents them from making their souls so flexible, so malleable, so rich in content that the ideas of the spiritual world—the true contents of the spiritual world—can be grasped. A general enthusiasm for mystical world unity, a general declamation that “science alone is not enough; faith must come”—this is something that is common among many people today. But the courage to truly delve into the concrete details of observing and describing what the spiritual world behind our sensory world is—this courage is often lacking.
[ 17 ] Ich habe Ihnen im verflossenen Winter von Hermann Bahr erzählt, wie nahe dieser Mensch nach seinen letzten Büchern «Expressionismus» und seinem Roman «Himmelfahrt» eigentlich am Eindringen in die geistige Welt war. Ich habe da auch über die Wege Hermann Bahrs gesprochen. Nicht zu leugnen ist, daß der Mann trotz seiner vielen Schwankungen, trotz seiner vielen Wandlungen im Leben, das Streben nach dem Geiste hin endlich gefunden hat. Aber sehr merkwürdig ist doch eine Schrift, die er als seine neueste mir eben zugeschickt hat, und die da heißt: «Vernunft und Wissenschaft» Sonderabdruck aus der «Kultur», Jahrbuch der österreichischen Leo-Gesellschaft, 1917, Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck. Sie geht davon aus, wie die neuere Menschheit aus älterem Erkenntnisstreben heraus dazu gekommen ist, mehr auf die Vernunft allein zu bauen, durch die Vernunft das GöttlichGeistige zu suchen, den Weltenzusammenhang durch sie zu suchen. Hermann Bahr geht auch von der Frage aus: Wozu ist diese Vernunft, ist dieses Vernunftstreben gekommen, das man im achtzehnten Jahrhundert die Aufklärung nannte, und das ja das neunzehnte Jahrhundert vielfach durchsetzt hat. Gleich zu Anfang seiner Schrift sagt er:
[ 17 ] Last winter I told you about Hermann Bahr, and how close he actually came to penetrating the spiritual world through his last books, *Expressionism*, and his novel *Himmelfahrt*. I also spoke then about Hermann Bahr’s path. It cannot be denied that, despite his many vacillations and the many changes in his life, this man ultimately found his way toward the spiritual. But a text he has just sent me as his latest work is indeed very curious; it is titled “Reason and Science,” a special reprint from *Kultur*, the yearbook of the Austrian Leo Society, 1917, published by Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck. It explores how modern humanity, growing out of an older quest for knowledge, has come to rely more on reason alone, to seek the divine-spiritual through reason, and to seek the interconnectedness of the worlds through it. Hermann Bahr also begins with the question: What has become of this reason, of this pursuit of reason, which in the eighteenth century was called the Enlightenment and which, indeed, permeated much of the nineteenth century? Right at the beginning of his essay, he says:
[ 18 ] «Vor dem Kriege wähnte das Abendland, seine Völker hätten Gemeinsamkeiten. Es gab Kosmopolis, das Reich der guten Europäer, die glitzernde Welt der Millionäre, Dilettanten und Ästheten, der vaterlandslosen Existenzen im Schlafwagen, an den blauen Küsten und in den großen Hotels, der entwurzelten Weltenbummler. Es gab die stolze Republik der Geister in Wissenschaft und Kunst. Es gab das Völkerrecht. Es gab die Humanität. Es gab Internationalen der Arbeit, des Handels, des Geldes, des Gedankens, des Geschmackes, der Sitte, der Laune. Es gab Zwecke, gab Ziele, den sämtlichen Völkern des Abendlandes gemein. Sie glaubten zu diesen gemeinsamen Zwecken doch auch ein gemeinsames Mittel zu haben: die menschliche Vernunft. Durch sie, hofften sie, würde die Menschheit dereinst der ganzen Wahrheit, die dem Einzelnen vielleicht unerreichbar bleibt, mit vereinten Kräften allmählich fähig werden. Alle diese Gemeinsamkeiten hat uns der Krieg geraubt. Sie sind weg.»
[ 18 ] “Before the war, the West believed its peoples shared common ground. There was Cosmopolis, the realm of the good Europeans, the glittering world of millionaires, dilettantes, and aesthetes, of stateless existences in sleeper cars, on the blue coasts, and in the grand hotels, of rootless globetrotters. There was the proud republic of minds in science and art. There was international law. There was humanity. There were international organizations of labor, trade, finance, thought, taste, custom, and whim. There were purposes and goals common to all the peoples of the West. They believed they possessed a common means to achieve these shared purposes: human reason. Through it, they hoped, humanity would one day, by joining forces, gradually become capable of grasping the whole truth—a truth that might remain beyond the reach of the individual. The war has robbed us of all these commonalities. They are gone.”
[ 19 ] So legt sich Hermann Bahr diese Frage einmal vor, und er bringt schon unsere jetzige Seele zusammen mit dem einseitigen Vernunftstreben der Menschen. Er erinnert an ein interessantes Goethe-Faktum, welches wirklich interessant ist. Goethe betrachtete nämlich in Böhmen einen eigentümlich gestalteten Berg, den Kammerbühl, und es ergab sich ihm durch die Betrachtung, dieser Berg müsse seinem Entstehen nach vulkanischer Natur sein. Goethe hatte für sich den festen Glauben, daß der Berg durch alte vulkanische Kräfte entstanden sein müsse. Aber es gab andere, die nicht dieser Ansicht waren, sondern die annahmen, der Berg wäre neptunischer Natur, wäre durch sedimentäre Kräfte, durch Wasserkräfte in die Höhe getrieben. Goethe glaubte das eine, daß der Berg vulkanischer Natur wäre; aber er konnte die, welche anderer Meinung waren, nicht von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugen. Er fühlte, daß es ein gewisser innerer Impuls war, der ihm sagte: es repräsentiert sich mir der Berg vulkanisch; während die anderen sagten: es repräsentiert sich uns der Berg seiner Natur nach sedimentär. Und Hermann Bahr sagt sich nun: also ersehen wir daraus, daß ganz andere Impulse den Menschen in seinem Urteil treiben, Impulse, die erst hinter der Vernunft stehen. Aber nicht alle sind Goethes, meint er; doch alle werden, wenn sie der Vernunft zu folgen glauben, von ihren Impulsen bestimmt. Eine alte Zeit, das Mittelalter, so führt er weiter aus, hat die Menschen bestimmt, zu glauben, aus dem Glauben heraus zu Gedanken über die Welt zu kommen. Aber jetzt ist der Glaube zur Phrase geworden; er bestimmt höchstens noch das der Wissenschaft abgelegene Leben. Darin wirken die Impulse der Menschen. Aber welche Impulse wirken unter den heutigen Menschen? Hermann Bahr zählt einige dieser Impulse auf, die den Menschen dahin bringen, daß sie ihn glauben machen, er folge nur seiner Vernunft; doch in Wahrheit folge er seinen Impulsen, seinen Emotionen und so weiter. Die Amerikaner zum Beispiel wollten einen bestimmten starken Impuls. Den nannten sie Pragmatismus. Sie wollten das, was nützlich ist: Der berühmte Pragmatismus von William James. Aber was ist nach Hermann Bahrs Ansicht aus diesem Grundtriebe nach der Nützlichkeit geworden? «Es gab aber im abendländischen Menschen nur noch zwei Triebe», meint er, und macht nun bemerklich, wie im Mittelalter die Wissenschaft die «Magd» der Theologie war. Man hat sich ja in gewissen Zeiten nicht genug tun können in Anführung dieses Ausspruches: Die Wissenschaft die Magd der Theologie. Doch Hermann Bahr meint, wenn man auf die Kultur der neueren Zeit hinsieht, so ist die wahre Vernunft zwar nicht die Magd der Theologie, wohl aber die Magd unserer Gewinnsucht geworden. Und noch tiefere Fragen stellt er sich. Der einzelne Mensch, sagt er, kann für sich allein nicht bestehen, er muß in einer Gemeinsamkeit drinnen sein. Als diese Gemeinsamkeit hat der einzelne Mensch den Staat, in den er sich hineinstellt. Aber Hermann Bahr muß die Frage aufwerfen: Sind das nicht wieder Affekte, welche die einzelnen Staaten beherrschen? — Und nun sucht er die einzelne menschliche Seele zur Anknüpfung zu bringen an irgend etwas Geistiges. Er versucht zunächst an Goethe und Kant anzuknüpfen, und dann an folgende Gedanken. Er sagt sich: wir sehen in unserem heutigen niederen Leben innere Impulse wirken, die eigentlich die Vernunft dahin bringen, wohin sie wollen; aber das sagt uns nicht, etwas ist wahr oder unwahr, weil wir es durch die Vernunft widerlegt oder bewiesen haben, sondern weil wir so aus inneren Impulsen heraus wollen, so wie Goethe den Kammerbühl wollte als aus vulkanischer Natur heraus entstanden ansehen, während seine Gegner ihn aus sedimentärer Natur heraus entstanden wissen wollten. Es muß andere Impulse geben, sagt sich Hermann Bahr weiter, die nicht nur aus der niederen Menschennatur kommen. Da findet er das Genie. Was ein Mensch aus Genie tut, ist auch ein Impuls, aber nicht ein niederer. Es ist etwas, was hereinwirkt in den Menschen, was etwas Kosmisches hat. So meint er. Aber nun wird er fast zum Worthaarspalter, indem er das Grimmsche Wörterbuch durchstöbert, um hinter die Bedeutung des Wortes Genie zu kommen. Er macht sich zwar klar, was dieses Wort bei Goethe bedeutet, was es bei Schiller, bei den Romantikern und so weiter bedeutet, aber so ohne weiteres das Wort Genie anzuwenden, geht ja doch eigentlich nicht. Denn würde man das Wort Genie für den höchsten Impuls der Wissenschaft halten, so würden sicher alle Professoren sagen, sie wären Genies — und man hätte ebensoviele Genies zu verehren! Das will Hermann Bahr natürlich nicht. Daher sucht er nach der anderen Seite hin einen Ausweg, und da findet er: Goethe hat doch nicht so ganz Unrecht gehabt, das Genie nur vereinzelten Menschen zuzusprechen. Und da es doch wieder nur vereinzelten Menschen zugesprochen werden kann, so kann es nicht zum Impuls des wissenschaftlichen Wirkens gemacht werden. Kurz, er kommt dahin, einen inneren Zusammenhang der Menschenseele mit der geistigen Welt zu ahnen. Und da findet er einen Zusammenhang. Sie können mich in Stücke hacken, aber ich kann Ihnen den logischen Zusammenhang nicht klarmachen zwischen dem Goetheschen Genie-Gedanken und dem Kirchengesang «Veni Creator Spiritus», zwischen demjenigen, was in die menschliche Seele hereinzieht, wenn dieser Kirchengesang angestimmt wird; ein Zusammenhang, der gewiß groß und gewaltig ist, auch real ist, aber wie er mit dem Goetheschen Genie-Gedanken zusammenhängt, das weiß ich nicht, kann es auch nicht herausbringen. Aber Hermann Bahr will ja das eine: für sich selber sich klarmachen, daß die Vernunft, das bloße Vernunftstreben nicht zur Wahrheit führen kann. Hermann Bahr will zu dem nein sagen, wozu die Aufklärung ja gesagt hat. Die Aufklärung wollte in die Welt etwas hereinbringen, was über das aufklärt, was wir sehen und wahrnehmen. Da sollte die Vernunft erhöht werden. Aber weil jetzt, meint Hermann Bahr, die Vernunft zur Dienerin des äußeren Handwerks und der Technik geworden ist, will er sie absetzen und leiten lassen von Impulsen, die ihm vor Augen stehen. Und diese Impulse zeigen uns, wie ein Mensch, der bis an das Tor der Geisteswissenschaft gekommen ist, nun doch stillhält und zu bequem ist, in diese Geisteswissenschaft konkret hineinzugehen. Er meint, die Vernunft allein erreicht nichts, der Glaube muß hinzukommen und muß alles führen. Von Gott selbst müssen die Impulse kommen, also nicht aus der niederen Menschennatur, und durch den Glauben müssen sie in die Seele einziehen und den Menschen lenken. Die Wissenschaft muß vom Glauben gelenkt werden, die Vernunft allein kann nichts erreichen in der Wissenschaft.
[ 19 ] Hermann Bahr once posed this question to himself, and he already brings our present soul into connection with humanity’s one-sided pursuit of reason. He recalls an interesting fact about Goethe that is truly fascinating. While in Bohemia, Goethe observed a peculiarly shaped mountain, the Kammerbühl, and his observation led him to conclude that the mountain must be of volcanic origin. Goethe was firmly convinced that the mountain must have been formed by ancient volcanic forces. But there were others who did not share this view; instead, they assumed the mountain was of a neptunian nature, having been driven upward by sedimentary forces and the forces of water. Goethe believed one thing—that the mountain was of volcanic origin—but he could not convince those who held a different opinion of the correctness of his assumption. He felt that it was a certain inner impulse that told him: “To me, the mountain appears volcanic,” while the others said: “To us, the mountain appears sedimentary by its very nature.” And Hermann Bahr now says to himself: “So we see from this that entirely different impulses drive human judgment—impulses that lie beyond reason.” But not all are like Goethe’s, he argues; yet all, when they believe they are following reason, are determined by their impulses. A bygone era—the Middle Ages—he continues, led people to believe that they could arrive at thoughts about the world through faith. But now faith has become a mere phrase; at most, it still shapes lives removed from science. It is within this realm that human impulses operate. But what impulses are at work among people today? Hermann Bahr lists some of these impulses, which lead people to believe that they are merely following their reason; yet in truth, they are following their impulses, their emotions, and so on. The Americans, for example, sought a certain strong impulse. They called it pragmatism. They wanted what is useful: the famous pragmatism of William James. But what, in Hermann Bahr’s view, has become of this fundamental drive toward utility? “There were, however, only two drives left in Western man,” he says, and goes on to note how, in the Middle Ages, science was the ‘handmaiden’ of theology. Indeed, at certain times, people could not get enough of citing this saying: ‘Science is the handmaiden of theology.’ Yet Hermann Bahr argues that, when one looks at modern culture, true reason is indeed no longer the handmaiden of theology, but has instead become the handmaiden of our greed. And he poses even deeper questions. The individual, he says, cannot exist on his own; he must be part of a community. For the individual, this community is the state, into which he places himself. But Hermann Bahr must raise the question: Are these not, once again, emotions that govern individual states? — And now he seeks to connect the individual human soul to something spiritual. He first attempts to draw on Goethe and Kant, and then on the following ideas. He tells himself: we see inner impulses at work in our present-day base existence that actually lead reason wherever they will; but that does not tell us that something is true or false because we have refuted or proven it through reason, but because we desire it out of inner impulses—just as Goethe wanted to view Kammerbühl as having arisen from a volcanic nature, while his opponents wanted to regard him as having arisen from a sedimentary nature. There must be other impulses, Hermann Bahr continues, that do not come solely from base human nature. There he finds genius. What a person does out of genius is also an impulse, but not a base one. It is something that works its way into the person, something that has a cosmic quality. So he believes. But now he almost becomes a hair-splitter as he pores over Grimm’s dictionary to get to the bottom of the meaning of the word “genius.” He does, of course, clarify what this word means to Goethe, what it means to Schiller, to the Romantics, and so on, but to simply apply the word “genius” without further thought is, after all, not really possible. For if one were to regard the word “genius” as the highest impulse of science, then surely all professors would say they were geniuses—and one would have just as many geniuses to revere! Of course, Hermann Bahr does not want that. Therefore, he looks for a way out from the other side, and there he finds: Goethe was not entirely wrong, after all, in attributing genius only to a few individuals. And since it can, after all, be attributed only to a few individuals, it cannot be made the driving force of scientific endeavor. In short, he comes to sense an inner connection between the human soul and the spiritual world. And there he finds a connection. You can tear me to pieces, but I cannot make clear to you the logical connection between Goethe’s concept of genius and the church hymn “Veni Creator Spiritus,” between what draws into the human soul when this hymn is sung; a connection that is certainly great and powerful, and is also real, but how it relates to Goethe’s concept of genius—I do not know, nor can I articulate it. But Hermann Bahr wants one thing: to make it clear to himself that reason, the mere pursuit of reason, cannot lead to the truth. Hermann Bahr wants to say “no” to what the Enlightenment said “yes” to. The Enlightenment sought to introduce into the world something that sheds light on what we see and perceive. Reason was to be elevated. But because, according to Hermann Bahr, reason has now become the servant of external craftsmanship and technology, he wants to set it aside and let himself be guided by the impulses that are before his eyes. And these impulses show us how a person who has reached the threshold of spiritual science now nevertheless hesitates and is too complacent to actually enter into this spiritual science. He believes that reason alone achieves nothing; faith must be added and must guide everything. The impulses must come from God Himself—not from lower human nature—and through faith they must enter the soul and guide the human being. Science must be guided by faith; reason alone can achieve nothing in science.
[ 20 ] Hermann Bahr gibt sich viele Mühe, um für diese Idee Anknüpfungspunkte zu finden. Er weist zum Beispiel in interessanter Weise hin auf Friedrich Heinrich Jacobi, der einmal in einem schönen Briefwechsel den Gedanken ausgesprochen hat, daß es für die Wahrheit überall in der Menschennatur elastische Stellen gäbe. Eine sehr schöne Idee von Jacobi. Ich habe sie einmal anders ausgesprochen: Nehmen Sie die «Philosophie der Freiheit»; da haben Sie etwas, was als Ganzes ein Organismus ist, wo ein Gedanke aus dem anderen herauswächst; wenn man irgendwo an die elastischen Stellen kommt, geht das Denken von selbst weiter; da fühlt man das Walten des Geistes in der eigenen Seele. Darauf macht Jacobi aufmerksam, und darauf weist auch Hermann Bahr hin, daß etwas in der Menschenseele lebt, in ihr wirkt, so wie etwas Geistiges. Das Merkwürdigste ist, daß Hermann Bahr gewissermaßen den höheren Menschen, welcher der göttliche Mensch ist, im Menschen finden will, indem er die Vernunft zum Glauben zurückführt, indem er nicht die Impulse gelten läßt, die in der heutigen Wissenschaft Geltung haben. Aber einen Impuls findet er nicht, der in der heutigen Menschheit lebt, leben kann wenigstens. Das ist der Christus-Impuls! Es ist merkwürdig: nur an einer Stelle seiner Schrift — denn die beiden anderen Stellen, wo er noch vorkommt, sind ganz bedeutungslos — weist er auf den Christus hin, und diese Stelle ist nicht von Hermann Bahr, sondern von Pascal. Das ist jene Äußerung Pascals, daß wir Menschen uns selbst nur erkennen durch Jesus Christus, daß wir das Leben, den Tod nur durch Jesus Christus erkennen, und daß wir durch uns allein nichts wissen, weder von unserem Leben noch von unserem Tode, weder von Gott noch von uns selbst. — Da haben Sie von Pascal einen Impuls, der von innen wirkt, der nicht vom Menschen selbst stammt: der Christus-Impuls, der aber erst seit dem Mysterium von Golgatha in der Welt ist. Man muß zugleich historischen Sinn haben, wenn man darauf hinweisen will. Hermann Bahr kommt also auch nicht weiter als Harnack und die anderen; er kommt bis zu einem allgemeinen Gotte, der durch die Natur spricht, aber nicht zu einer lebendigen Auffassung des Christus. Hier haben Sie wieder ein Beispiel dafür, daß die Menschen nach der Wahrheit streben wollen, aber sie finden gerade den Christus nicht, und sie bemerken es nicht einmal. Hermann Bahr bemüht sich zu zeigen, wie das Prinzip des Strebens durch die Weltentwickelung geht. Er sagt einige schöne Worte über das Griechentum, über das Römertum, sogar über Mohammed. Ausgelassen ist nur das Mysterium von Golgatha! Indem er über das Christentum redet, tut er es erst wieder, wo er von dem heiligen Augustinus spricht. Man findet, selbst wenn man noch so viel deklamiert über die Vernunft und dergleichen, nicht den Christus; man findet nur den allgemeinen Gott. Aber Christus ist der Gott, der aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist in das irdische Leben und so wahr in uns lebt, wie unser unmittelbar Höchstes in uns lebt. Durch, das, was Pascal vorschwebt, erlangen wir Erkenntnis von der Welt, vom Leben wie vom Tode, von Gott wie von uns selbst, indem wir uns von dem Christus durchdringen lassen. Um aber das zu erkennen, ist Geisteswissenschaft notwendig. Anderes nicht. Und den Weg dahin bildet schon Goethe. Aber was sagt Hermann Bahr, indem er alle möglichen Goethe-Aussprüche zu rechtfertigen sich bemüht, indem er sozusagen sein Inneres aufschließen will, das in der letzten Zeit zum Glauben hingeführt worden ist? Er sagt: «Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants!» Die Einmündung bei demjenigen, das äußere Macht hat und in unserer Gegenwart bemerklich macht, daß es die Macht auch wieder entwickeln will. Die Menschen wollen nicht sehen, sie wollen nicht hören, und lassen an sich vorübergehen, was ihnen die Zeichen der Zeit deuten würden. Hermann Bahr weiß die Zeichen der Zeit in seiner Art allerdings besser zu deuten. Er weiß, daß in unserer Zeit manche Zeichen allerdings dafür sprechen, zu sagen: Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants! Es ist so recht ein Beispiel dafür, wenn die Bequemlichkeit Halt macht. Ich liebe Hermann Bahr, ich sagte das schon einmal; ich will nichts gegen ihn sagen, sondern nur besprechen, was an ihm als einer sehr begabten, bedeutungsvollen Persönlichkeit charakteristisch in unserer Zeit wirkt.
[ 20 ] Hermann Bahr goes to great lengths to find points of connection for this idea. For example, he makes an interesting reference to Friedrich Heinrich Jacobi, who once expressed the thought in a beautiful exchange of letters that there are flexible points for truth everywhere in human nature. A very beautiful idea from Jacobi. I once expressed it differently: Take the *Philosophy of Freedom*; there you have something that, as a whole, is an organism, where one thought grows out of another; when you reach the elastic points somewhere, the thinking continues on its own; there you feel the workings of the spirit in your own soul. Jacobi draws attention to this, and Hermann Bahr also points out that something lives in the human soul, working within it, just like something spiritual. The most remarkable thing is that Hermann Bahr, in a sense, seeks to find the higher human being—who is the divine human being—within humanity, by leading reason back to faith, by rejecting the impulses that hold sway in contemporary science. But he does not find an impulse that lives in humanity today—or at least one that is capable of living. That is the Christ impulse! It is remarkable: in only one passage of his writing—for the other two passages where it appears are entirely insignificant—does he refer to Christ, and this passage is not by Hermann Bahr, but by Pascal. This is Pascal’s statement that we humans can only know ourselves through Jesus Christ, that we can only understand life and death through Jesus Christ, and that on our own we know nothing—neither of our life nor of our death, neither of God nor of ourselves. — Here you have an impulse from Pascal that works from within, that does not originate from human beings themselves: the Christ impulse, which, however, has only been in the world since the Mystery of Golgotha. One must also have a sense of history if one wishes to point this out. Hermann Bahr, then, does not get any further than Harnack and the others; he arrives at a general God who speaks through nature, but not at a living understanding of Christ. Here you have yet another example of how people want to strive for the truth, but they fail to find Christ, and they do not even realize it. Hermann Bahr endeavors to show how the principle of striving runs through the development of the world. He has some fine things to say about Greek civilization, about Roman civilization, and even about Muhammad. The only thing left out is the Mystery of Golgotha! When he speaks of Christianity, he does not return to it until he discusses St. Augustine. No matter how much one may declaim about reason and the like, one does not find Christ; one finds only the general God. But Christ is the God who descended from cosmic heights into earthly life and lives within us as truly as our immediate highest self lives within us. Through what Pascal has in mind, we gain knowledge of the world, of life as well as of death, of God as well as of ourselves, by allowing ourselves to be permeated by Christ. But to recognize this, spiritual science is necessary. Nothing else. And Goethe has already paved the way toward this. But what does Hermann Bahr say when he strives to justify all manner of Goethe’s sayings, seeking, as it were, to open up his inner self, which has recently been led to faith? He says: “I need hardly assure you that I profess the teachings of the Vatican Council, not the opinions of Goethe and Kant!” The convergence with that which holds external power and makes it evident in our present that it also intends to redevelop that power. People do not want to see, they do not want to hear, and they let pass them by what the signs of the times would reveal to them. Hermann Bahr, however, knows how to interpret the signs of the times better in his own way. He knows that in our time, certain signs do indeed point to saying: I hardly need to assure you that I profess the teachings of Vatican II, not the views of Goethe and Kant! This is a perfect example of what happens when complacency takes hold. I love Hermann Bahr—I’ve said that before; I have nothing against him, but merely wish to discuss what is characteristic about him as a highly gifted, significant figure in our time.
[ 21 ] Vernunft: es ist leicht sie anzuklagen! Man kann vieles gegen sie sagen, kann sagen, daß sie die Wahrheit nicht findet. Allein nur die Vernunft anklagen, heißt eben nicht tief genug in die Sache eindringen. Würde man tiefer eindringen, so würde man wissen, daß nur derjenige Vernunftgebrauch von der Wahrheit abführt, der von Ahriman durchdrungen ist, wie auch derjenige Glaubensgebrauch von der Wahrheit abführen kann, der von Luzifer durchdrungen ist. Der Glaube kann von Luzifer, die Vernunft von Ahriman durchdrungen werden. Aber weder Glaube noch Vernunft sind an sich zur Unwahrheit oder zum Irrtum führend; denn sie sind, wenn wir im religiösen Sinne sprechen wollen, menschliche Gottesgaben. Wandeln sie auf richtigen Wegen, so führen sie zur Wahrheit, nicht zu Irrtum und Unwahrheit. Und die tiefere Auffassung wäre die, zu erkennen, wie sich Ahriman in die Vernunft einschleicht und das hervorbringt, was die Verirrung der Vernunft ist. Dazu müßte man aber wieder in die konkrete geistige Welt eindringen und dürfte nicht zu bequem sein, die einzelnen Vorstellungen aufzunehmen, welche die geistige Welt wiedergeben. Will man in schauderhaften Abstraktionen sich verbreiten, so schimpft man auf die Vernunft und weiß nicht, daß die Vernunft in konkreter Entwickelung in der fünften nachatlantischen Kulturperiode das Ich in die Bewußtseinsseele hineinbringen muß. Man redet wie ein Blinder von den Farben. Aber wenn man heute vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus redet, dann muß man — ob Ihnen nun auch irgendwelche Ignoranten oder sonstige Leute allerlei Widersprüche vorwerfen — zu dem stehen, wie ich es schon auseinandergesetzt habe, was sich ergibt, wenn der Geist selber im Geiste sucht. Man hat eine persönliche Verantwortlichkeit gegenüber dem Geiste. Und gerade das ist, wie ich heute an besonderen Beispielen hervorheben konnte, an dem Menschen als etwas Großes zu empfinden: Verantwortlichkeit im Geiste zu fühlen für alles, was man tut, aber auch was man fühlt und denkt. Knüpft man aber an etwas historisch Gewordenes an, ohne das persönliche Suchen in dem der Menschheit Notwendigen, dann kann man vielleicht auch so sagen: «Wen es interessiert, welchen Weg mich Gott geführt hat» — so sagt nämlich Hermann Bahr —, «der sei auf meine Schriften «Inventur und «Expressionismus» hingewiesen, hüte sich aber, worum ich auch den Leser dieses Aufsatzes bitten muß, etwa meine persönlichen Erfahrungen zu verallgemeinern, die mir halfen, aber keineswegs ansprechen, deshalb auch anderen helfen zu können.» Wenn man sich also in alles das hineinbegibt, wofür das Vaticanum gilt, dann hat man nicht nötig für sein Persönliches einzustehen. Denn dann kann man wohl auch sagen: «Stößt also dem Leser hier irgendein Gedanke zu, der sich von diesen Grundgedanken entfernte, so will ich ihn ausdrücklich davor warnen, meiner Absicht zuzumessen, was nur durch die Nachlässigkeit oder Zweideutigkeit einer unglücklich gewählten Wendung verschuldet wäre, ganz gegen meinen Willen und zu meinem Schmerze.»
[ 21 ] Reason: it is easy to accuse it! One can say many things against it; one can say that it does not find the truth. But to accuse reason alone means not delving deeply enough into the matter. If one were to delve deeper, one would know that only the use of reason that is permeated by Ahriman leads away from the truth, just as the use of faith that is permeated by Lucifer can also lead away from the truth. Faith can be permeated by Lucifer, and reason by Ahriman. But neither faith nor reason in and of themselves lead to untruth or error; for they are, if we are to speak in a religious sense, gifts from God to humanity. If they follow the right paths, they lead to truth, not to error and untruth. And the deeper understanding would be to recognize how Ahriman creeps into reason and brings about what constitutes the aberration of reason. To do this, however, one would have to penetrate once more into the concrete spiritual world and not be too complacent in accepting the individual concepts that reflect the spiritual world. If one wishes to lose oneself in dreadful abstractions, one rails against reason, unaware that, in its concrete development during the fifth post-Atlantean cultural epoch, reason must bring the “I” into the conscious soul. One speaks of colors as if one were blind. But when speaking today from the standpoint of spiritual science, one must—even if some ignorant people or others accuse you of all sorts of contradictions—stand by what I have already explained: what arises when the spirit itself seeks within the spirit. One has a personal responsibility toward the spirit. And that is precisely what, as I was able to emphasize today using specific examples, is to be perceived as something great in the human being: to feel a sense of responsibility in the spirit for everything one does, but also for what one feels and thinks. But if one ties oneself to something that has come about historically, without engaging in personal seeking within what is necessary for humanity, then one might perhaps also say: “Anyone interested in the path God has led me down”—as Hermann Bahr puts it—“should refer to my writings *Inventur* and *Expressionism*, but should be careful—and this is what I must also ask of the reader of this essay—not to generalize my personal experiences, which helped me but by no means speak to others, and therefore cannot help others either.” So if one immerses oneself in all that the Vatican stands for, there is no need to defend one’s personal views. For then one might well say: “If, therefore, any thought here strikes the reader that deviates from these fundamental ideas, I wish to expressly warn him against attributing to my intention what would be caused solely by the carelessness or ambiguity of an unfortunately chosen turn of phrase—entirely against my will and to my sorrow.”
[ 22 ] Es ist doch gut, wenn jemand aufrichtig, ehrlich heute ein solches Bekenntnis, ich möchte sagen, von der Leber weg spricht. Er spricht dadurch ein Bekenntnis aus, das so weit als möglich von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entfernt ist. Er spricht aber auch aus, was in einer gewissen Geistesströmung, die heute wieder mächtig werden will, Grundbedingung ist: Was ich als einzelner liebe, was ich als einzelner glaube, was ich behaupte, ich bemerke von vornherein, daß dies nichts die Welt angeht; für die Welt halte ich maßgebend, was das Vaticanum für die Welt zu glauben, zu bekennen befiehlt; da mische ich auch meine Stimme mit hinein, ich will sie aber nur soweit gelten lassen, als das Vaticanum sie gelten läßt!
[ 22 ] It is certainly good when someone today speaks such a confession—I would say—from the heart, sincerely and honestly. In doing so, he is making a statement that is as far removed as possible from anthroposophically oriented spiritual science. But he is also expressing what is a fundamental condition in a certain spiritual movement that is seeking to regain power today: What I love as an individual, what I believe as an individual, what I assert—I note from the outset that this is none of the world’s business; for the world, I consider authoritative what the Vatican commands the world to believe and profess; I also add my voice to this, but I will only let it count to the extent that the Vatican allows it to count!
[ 23 ] Ich weiß nicht, in welchem Grade es noch zeitgemäß werden wird, ein solches Bekenntnis abzulegen. Aber daß Geisteswissenschaft auf dem Grunde ruhen muß: selber zu forschen und für das Geforschte mit voller Verantwortlichkeit einzutreten, das ist sicher. Sollte diese Geisteswissenschaft auch noch so viele Enttäuschungen, noch so viele zerschnittene Zuversichten haben, es muß doch darüber gesprochen werden, und auch wenn es Hoffnungen. sind, die zu etwas Besserem sich hätten hinwenden können, wie es bei Hermann Bahr der Fall ist.
[ 23 ] I do not know to what extent it will still be appropriate to make such a declaration. But it is certain that spiritual science must be based on conducting research itself and taking full responsibility for the findings. No matter how many disappointments this spiritual science may still face, no matter how many hopes may be dashed, it must still be discussed—even if these are hopes that could have led to something better, as is the case with Hermann Bahr.
