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Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

14 August 1917, Berlin

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Das Karma des Materialismus III

The Karma of Materialism III

[ 1 ] Ich habe das letzte Mal darauf hingewiesen, wie der Mensch, so wie er als Erdenmensch lebt, im Grunde abgeirrt ist von seiner im normalen Verlauf der Entwickelung liegenden, ich möchte sagen, kosmischen Weltenlage. Daß dies so ist, das ist uns ja hinlänglich bekannt, und ausgedrückt wird es in den verschiedenen Religionen sinnbildlich, imaginativ, in dem Symbolum, das als Erbsünde oder dergleichen herrscht. Für uns, geisteswissenschaftlich betrachtet, hängt das damit zusammen, daß im Grunde genommen des Menschen Urwesen, wenn wir so sagen dürfen, als Erdenmenschen, die Atmungsverrichtungen sind. Deshalb habe ich das letzte Mal darauf hingewiesen, daß der Atmungsrhythmus eigentlich so angesehen werden kann, daß der Mensch während seiner Erdenlaufbahn dazu bestimmt war, das wichtigste Erlebnis — und damit auch zugleich das Erkenntniserlebnis — im Atmungsrhythmus zu haben. Ich habe früher darauf hingewiesen und das letzte Mal die Sache summarisch wiederholt, daß gerade der Atmungsrhythmus in einer wunderbaren Harmonie mit dem ganzen Kosmos steht. Wie in einem normalen Menschenleben unsere Lebenstage in ihrer Zahl den Atemzügen an einem Tage gleichen, darauf und auch auf andere Zahlenverhältnisse habe ich hingewiesen, welche gewissermaßen das harmonische Zusammenstimmen unseres mikrokosmischen Atmungsprozesses mit den großen kosmischen Vorgängen zeigen können, in die unser Leben hineingestellt ist.

[ 1 ] Last time, I pointed out how human beings, as they live their lives on Earth, have essentially strayed from their proper place in the normal course of evolution—I would say, their cosmic position in the world. That this is so is, of course, well known to us, and it is expressed in the various religions symbolically and imaginatively through the concept of original sin or the like. From the perspective of spiritual science, this is connected to the fact that, fundamentally speaking, the primordial nature of human beings—if we may put it that way—as earthly beings consists of the acts of breathing. That is why I pointed out last time that the respiratory rhythm can actually be viewed in such a way that, during their earthly life, human beings were destined to have their most important experience—and thus also their experience of knowledge—within the respiratory rhythm. I have pointed this out before and briefly reiterated it last time: the breathing rhythm, in particular, is in wonderful harmony with the entire cosmos. I have pointed out how, in a normal human life, the number of our days corresponds to the number of breaths in a day, as well as other numerical relationships that can, in a sense, demonstrate the harmonious alignment of our microcosmic breathing process with the great cosmic processes within which our lives are situated.

[ 2 ] Außer den geisteswissenschaftlich erschaubaren Resultaten kann nun schon äußerlich darauf hingewiesen werden, wie eigentlich im menschlichen Atmungsrhythmus etwas ist, wodurch der Mensch noch mehr als durch alles andere ein Mikrokosmos, eine kleine Welt ist. Gerade im Atmen ahmt der Mensch die Vorgänge der großen Welt nach, auch das, was die große Welt mit uns vor hat. Und durchaus wahr ist es: Bei Vorgängen, die kleine Unterschiede haben, beachtet man die Verschiedenheiten nicht sehr genau, man individualisiert nicht; aber in Wahrheit gibt es nicht zwei Menschen, bei denen der Atmungsprozeß völlig gleich verliefe. Alle Menschen sind in bezug auf ihren Atmungsprozeß verschieden, weil jeder Mensch eine anders abgestimmte Saite des Weltenalls ist. Aber was da im Atmungsrhythmus vorgeht, bleibt für den Menschen in seinem jetzigen Erdenzustande unbewußt; oder es wird wenigstens nur in abnormen Zuständen bewußt und nimmt dann die verschiedensten seelisch-krankhaften Erscheinungsformen an. Unser normales Bewußtsein verläuft ja, wie wir wissen, gleichsam oberhalb des Atmungsprozesses; es ist mehr herausgehoben aus dem Makrokosmos. Würden wir statt unseres Gehirnprozesses den Atmungsvorgang zu unserem Erkenntnisprozesse haben, so würden wir in unserem Erkenntnisprozesse ganz anders im Weltenall drinnenstehen. Daß unser Erkenntnisprozeß an das Gehirn gebunden ist, preßt uns gewissermaßen aus dem Zusammenhange heraus, in dem wir sonst normalerweise im Makrokosmos drinnenstehen würden. Wie das Atmungsgeheimnis für den Menschen ein solches ist, darauf haben die religiösen Urkunden, wie ich auch schon angedeutet habe, dadurch hingewiesen, daß sie, wie zum Beispiel die Urkunde des Alten Testaments, aussprechen: Diejenige geistig-göttliche Wesenheit, welche mit der Führung, mit der Leitung des Menschen zu tun habe, habe dem Menschen den Atem eingeblasen, und er sei eine lebendige Seele geworden. Diese Aussage des Alten Testaments ist im Sinne des alten, atavistischen Hellsehens durchaus die Wiedergabe einer wahren Tatsache. Dadurch, daß nun nicht unser Atmungsprozeß die körperliche Grundlage unseres Erkennens darstellt, sondern unser Gehirnprozeß, dadurch war der Mensch mit Bezug auf seinen Intellekt in aller Zeit, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist, anders zur Welt gestellt, als er gestellt ist, nachdem das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Ich möchte sagen: neben den anderen Pforten, welche sich uns zum Verständnisse des Mysteriums von Golgatha schon aufgetan haben, soll heute eine andere noch betrachtet werden.

[ 2 ] In addition to the results that can be perceived through the humanities, it can already be pointed out from an external perspective that there is something in the human breathing rhythm that makes human beings, even more than anything else, a microcosm—a small world. It is precisely in breathing that human beings mimic the processes of the greater world, including what the greater world has in store for us. And it is absolutely true: in processes that involve minor differences, one does not pay close attention to the variations; one does not distinguish them as individual cases; but in reality, there are no two people whose breathing processes are completely identical. All human beings differ in their breathing process because each person is a string of the universe tuned differently. But what takes place in the breathing rhythm remains unconscious to human beings in their present earthly state; or at least it becomes conscious only in abnormal states and then takes on the most varied forms of mental illness. Our normal consciousness, as we know, operates, so to speak, above the breathing process; it is more detached from the macrocosm. If, instead of our brain processes, we were to use the breathing process as our cognitive process, we would be situated quite differently within the universe in our cognitive process. The fact that our cognitive process is bound to the brain, in a sense, pushes us out of the context in which we would otherwise normally be situated within the macrocosm. As I have already indicated, religious texts have pointed out that the mystery of breathing is such a mystery for human beings by stating—as, for example, the text of the Old Testament does—that: The spiritual-divine being who is concerned with the guidance and direction of humankind breathed the breath of life into humankind, and humankind became a living soul. This statement from the Old Testament is, in the sense of ancient, atavistic clairvoyance, a true account of a factual reality. Since it is not our respiratory process that constitutes the physical basis of our cognition, but rather our cerebral processes, human beings—in terms of their intellect—were placed in the world differently in all the time preceding the Mystery of Golgotha than they are now, after the Mystery of Golgotha took place. I would like to say: in addition to the other gateways that have already opened to us for understanding the Mystery of Golgotha, another is to be considered today.

[ 3 ] Wir können sagen: Eigentlich ist der Erkenntnisprozeß des Menschen, die ganze Stellung des Menschen zur Welt nicht die, welche ihm vor dem luziferischen Einfluß zugedacht war. Denn zugedacht war ihm ein Erkenntnisprozeß, dem der Atmungsrhythmus zugrunde liegt. Dadurch entwickelte sich — nehmen wir die Sache jetzt rein körperlich, aber das Körperliche hat dabei eine tiefere Bedeutung — beim Menschen vor dem Mysterium von Golgatha gewissermaßen das Erkennen anstatt an Brust und Atmung gebunden, höher herauf in seinem Organismus, an den Kopf und an die Sinne gebunden.

[ 3 ] We can say: In fact, the human process of cognition—the whole relationship of the human being to the world—is not what was intended for the human being before the Luciferic influence. For what was intended for them was a process of cognition based on the rhythm of breathing. As a result—let us consider this purely from a physical perspective for now, though the physical aspect has a deeper significance here—before the Mystery of Golgotha, human cognition was, so to speak, linked not to the chest and breathing, but higher up in the organism, to the head and the senses.

[ 4 ] So äußerlich betrachtet wird die äußere Naturwissenschaft den Unterschied zwischen dem Menschen vor dem Mysterium von Golgatha und nach demselben nicht so ohne weiteres einsehen und anerkennen. Aber dieser Unterschied ist, wenn er auch mit feineren Mitteln nur erkannt werden kann, ein außerordentlich großer.

[ 4 ] Viewed from this external perspective, the natural sciences will not readily grasp or acknowledge the difference between human beings before the Mystery of Golgotha and after it. But this difference, even if it can be recognized only through more subtle means, is extraordinarily great.

[ 5 ] In der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha stand der Mensch — wie das aus den verschiedenen Betrachtungen unserer Anthroposophie begreiflich sein kann — selbstverständlich zu geistigen Wesenheiten des Weltenalls, zu den Wesen der höheren Hierarchien in Beziehung. Aber wie? Unter den Wesen der höheren Hierarchien unterscheiden wir zunächst, unmittelbar angrenzend an das Reich der Menschen, die Angeloi, die Archangeloi und so weiter. Die nächsten Wesen also, zu denen wir aufschauen, wenn wir in die geistige Welt aufblicken, sind die Angeloi. Wir stehen als Menschen in Beziehung zu den Angeloi, und die Angeloi wieder fühlen ihre Beziehung zu uns Menschen. Auch für sie ist es nicht gleichgültig, welche Beziehung sie zu dem Menschen haben. Und den Unterschied zwischen dem Menschen vor dem Mysterium von Golgatha und nach demselben, können wir uns vor die Seele führen, wenn wir gerade die Beziehung des Menschen zu der Wesenheit der Angeloi ins Auge fassen.

[ 5 ] In the time before the Mystery of Golgotha, human beings—as can be understood from the various insights of our anthroposophy—naturally stood in relationship to spiritual beings of the universe, to the beings of the higher hierarchies. But how? Among the beings of the higher hierarchies, we first distinguish—immediately adjacent to the human realm—the angels, the archangels, and so on. The next beings, then, to whom we look up when we gaze into the spiritual world, are the angels. As human beings, we are connected to the angels, and the angels, in turn, feel their connection to us humans. For them, too, the nature of their relationship with human beings is not a matter of indifference. And we can bring to mind the difference between human beings before the Mystery of Golgotha and after it when we specifically consider the relationship of human beings to the beings of the angels.

[ 6 ] Da ist es sehr merkwürdig, daß vor dem Mysterium von Golgatha eine intime Beziehung bestand zwischen den Angeloi in ihrer ganzen Tätigkeit, in ihrem ganzen Wesen und dem menschlichen Intellekt. Man könnte förmlich sagen: der Hauptwohnsitz der Angeloi war für die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha der menschliche Intellekt. Die Menschen wußten nichts davon, daß die Angeloi in ihrem Intellekt wohnten; aber die Folge davon, daß sie dort wohnten, war, daß diese Menschen, in abnehmender Stärke allerdings, aber dennoch eines hatten: atavistisches, imaginatives Hellsehen. Was ich eben sagte: die Angeloi wohnten in dem Intellekt der Menschen vor dem Mysterium von Golgatha, gilt für das Leben der Menschen zwischen Geburt und Tod. Anders war es in dem Leben der Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da wohnten die Angeloi, und auch der einzelne der Angeloi, der einzelne Engel, der einem Menschen zugeteilt war, in den Erinnerungen an die Sinnesempfindungen; sie wohnten in den Bildern von dem, was den Menschen auf der Erde sinnlich umgab. Daher war bei den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt ein lebendiges Wissen von den Vorgängen auf der Erde vorhanden. Gewissermaßen könnte man sagen: Die Angeloi trugen das, was auf der Erde geschah, zu den Menschen hinauf. Ein recht anschauliches Wissen von dem Geschehen auf der Erde entwickelten die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 6 ] It is very remarkable, then, that before the Mystery of Golgotha there existed an intimate relationship between the Angeloi—in all their activity, in their very being—and the human intellect. One could literally say: for human beings before the Mystery of Golgotha, the human intellect was the primary dwelling place of the Angeloi. People knew nothing of the fact that the Angeloi dwelt within their intellect; but the consequence of their dwelling there was that these people possessed—albeit to a diminishing degree—one thing: atavistic, imaginative clairvoyance. What I just said—that the Angeloi dwelt within the human intellect before the Mystery of Golgotha—applies to human life between birth and death. It was different in human life between death and a new birth. There the Angeloi—and also the individual Angeloi, the individual angel assigned to a human being—dwelt in the memories of sensory perceptions; they dwelt in the images of what sensually surrounded human beings on Earth. Therefore, before the Mystery of Golgotha, human beings possessed a living knowledge of the events on Earth during the time between death and a new birth. In a sense, one could say: The Angeloi carried what happened on Earth up to human beings. Before the Mystery of Golgotha, during the time between death and a new birth, human beings developed a very vivid knowledge of the events on Earth.

[ 7 ] Da sehen wir hinein in die Beziehung zwischen den Angeloi und dem Menschenwesen in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha. Nach dem Mysterium von Golgatha wurde das anders; anders, indem natürlich dieses Anderswerden in Entwickelung begriffen ist. Wie ist es nun bei uns, den Menschen, nach dem Mysterium von Golgatha? Wie ist da die Beziehung des Menschen zu den Wesenheiten der Hierarchie der Angeloi?

[ 7 ] Here we gain insight into the relationship between the Angeloi and human beings in the time before the Mystery of Golgotha. After the Mystery of Golgotha, this changed; it changed in such a way that this transformation is, of course, part of the process of evolution. What is the situation now for us humans after the Mystery of Golgotha? What is the relationship of the human being to the beings of the hierarchy of the Angeloi?

[ 8 ] Bei uns ist es jetzt so, daß — allerdings unbewußt — in unseren sinnlichen Wahrnehmungen im Leben zwischen Geburt und Tod die Angeloi wohnen. Ja, wenn wir unsere Augen aufmachen und hinausschauen in die Welt, die uns umgibt und auf unsere Sinne wirkt, so wissen wir zwar nicht, daß, während der Sonnenstrahl in unser Auge dringt und die Dinge sichtbar werden, auf dem Sonnenstrahl der Ort zu finden ist, auf dem unser Engel wohnt. Aber es ist so: In den Schwingungen des Tones, in den Strahlungen des Lichtes und der Farben, in den anderen Sinneswahrnehmungen lebt die Wesenheit der Angeloi. Nur indem der Mensch die Sinneswahrnehmungen verwandeln muß in Vorstellungen, dringen die Angeloi nicht in das Vorstellungswesen mit ein, und der Mensch weiß nicht, wie er umgeben ist von der Wesenheit der Angeloi. Im allgemeinen sagt man in geisteswissenschaftlichen Vorträgen oftmals, man solle sich die geistige Welt nicht in einem Wolkenkuckucksheim vorstellen, sondern man soll sich vorstellen, daß uns die geistige Welt überall umgibt. Sie umgibt uns tatsächlich überall. Man kann auch konkret hinweisen, wie sie uns umgibt. Hier haben wir den Fall für die Angeloi; doch in unseren Intellekt kommt in der Zeit des Lebens zwischen Geburt und Tod das Bewußtsein nicht von dem Angeloi. Dagegen entwickelt der jetzige Mensch ein starkes Bewußtsein von seinem Zusammenhange mit den Wesen der Angeloi in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt; denn da wohnen gewissermaßen die Angeloi in seinem Intellekt.,

[ 8 ] For us, it is now the case that—albeit unconsciously—the Angeloi dwell within our sensory perceptions in the life between birth and death. Yes, when we open our eyes and look out into the world that surrounds us and acts upon our senses, we do not realize that, as the sunbeam enters our eye and things become visible, the sunbeam itself is the place where our angel dwells. But it is true: the essence of the Angeloi lives in the vibrations of sound, in the radiance of light and colors, and in our other sensory perceptions. It is only because human beings must transform sensory perceptions into mental images that the Angeloi do not penetrate into the realm of the imagination, and human beings are unaware of how they are surrounded by the essence of the Angeloi. In general, it is often said in lectures on spiritual science that one should not imagine the spiritual world as some far-fetched fantasy, but rather that one should imagine that the spiritual world surrounds us everywhere. It does indeed surround us everywhere. One can also point out specifically how it surrounds us. This is the case with the angels; yet during the period of life between birth and death, no awareness of the angels enters our intellect. In contrast, modern human beings develop a strong awareness of their connection with the angelic beings during the life between death and rebirth; for there, in a sense, the angels dwell in their intellect.,

[ 9 ] Was ich eben auseinandergesetzt habe, hat für das menschliche Leben eine bedeutsame Folge. Nehmen wir noch einmal den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha; in seinem Intellekt wohnten die Angeloi, der seine besonders. Dadurch war sein Sinnesleben ganz besonders zugänglich den luziferischen Gewalten. Das ganze Bewußtseinsleben des Menschen überhaupt war in der alten Zeit den luziferischen Gewalten zugänglich. Das ist anders geworden seit dem Mysterium von Golgatha. In unseren Intellekt dringen nicht ein, wie ich geschildert habe, die auf den Schwingen des Lichtes und der Farben, auf den Flügeln der Tonschwingungen und so weiter schreitenden Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi. Dadurch sind wir in der Zeit zwischen Geburt und Tod in unserem Intellekt durchsetzt von den Angriffen der ahrimanischen Mächte. Während sich der Mensch von diesem Gesichtspunkte aus vor dem Mysterium von Golgatha im wesentlichen den Attacken Luzifers ausgesetzt sah, ist der Intellekt ganz besonders seit dem Mysterium von Golgatha den Einflüssen der ahrimanischen Mächte ausgesetzt. Diese haben vor allem das Bestreben, in dem Menschen das Bewußtsein von seinem Zusammenhange mit der geistigen Welt zu erdrücken. Alle die Neigungen, welche der Mensch zum Materialismus entwickelt, in seinen Gedanken entwickelt, kommen in dieser direkten Beziehung auf den Intellekt von den Attacken der ahrimanischen Mächte her. Und wenn die in diesen Betrachtungen genugsam geschilderten materialistischen Zeittendenzen heute die Oberhand haben, so dürfen wir nicht vergessen, daß diese materialistischen Zeittendenzen von den Verwirrungen herrühren, welche Ahriman in dem menschlichen Intellekt anzurichten sich bestrebt.

[ 9 ] What I have just explained has a significant consequence for human life. Let us once again consider the human being before the Mystery of Golgotha; the Angeloi dwelt in his intellect—his own particular ones. As a result, his sensory life was particularly vulnerable to the Luciferic forces. In ancient times, the entire life of human consciousness was accessible to the Luciferic forces. This has changed since the Mystery of Golgotha. As I have described, the beings from the hierarchy of the Angeloi—who move on the wings of light and color, on the wings of sound vibrations, and so on—no longer penetrate our intellect. Consequently, in the time between birth and death, our intellect is permeated by the attacks of the Ahrimanic forces. Whereas, from this point of view, before the Mystery of Golgotha human beings were essentially exposed to the attacks of Lucifer, the intellect has been particularly exposed to the influences of the Ahrimanic forces since the Mystery of Golgotha. These forces strive above all to suppress in human beings the awareness of their connection to the spiritual world. All the tendencies toward materialism that human beings develop in their thoughts stem, in this direct relationship to the intellect, from the attacks of the Ahrimanic forces. And if the materialistic trends of our time—which have been sufficiently described in these reflections—prevail today, we must not forget that these materialistic trends stem from the confusion that Ahriman strives to wreak upon the human intellect.

[ 10 ] Die Dinge, von denen ich jetzt spreche, was sind sie? Wir haben vorhin gesagt: der Atmungsprozeß ist unterbewußt. Aber das, was ich jetzt meine, dieser Zusammenhang des Menschen mit der Wesenheit der Angeloi, ist auch nicht im Bewußtsein; er liegt über das Bewußtsein hinaus. Was in unserem Atmen vorgeht, liegt unterhalb des Bewußtseins; was durch dieses Zusammenwirken der Geistwelten, des nächststufigen Zusammenwirkens der Geistwelten in uns vorgeht in der Weise, wie ich das jetzt geschildert habe, ist überbewußt. In diesem überbewußten Prozesse wirkt und arbeitet geradeso die Kraft, welche durch das Mysterium von Golgatha in die Welt eingezogen ist, wie vor demselben die Jehova-Kraft in dem Menschen gewirkt hat. Wenn wir uns in den Geist — aber eben in den Geist — einer Schrift vertiefen, wie es zum Beispiel das Buch Hiob ist, und da gewahr werden, wie das Walten der Jehova-Kraft in den menschlichen Entwickelungen dargestellt werden soll — etwas was ja gerade im Buch Hiob ganz besonders stark zutage tritt —, so bekommen wir eine Vorstellung davon, wie diese Jehova-Kraft wirkte, die, wie gesagt, durch den Atmungsprozeß dem Menschen das Leben gegeben hat. Sie wirkte im Vererbungsprozef, wirkte darin so, wie es geschildert wird, bis ins dritte und vierte Glied hinunter. Wollen wir ein Analogon haben für die Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, so müssen wir die Christus-Kraft nehmen. So, wie die Jehova-Kraft ihre Beziehung hat zu dem menschlichen Atmungsprozeß, so hat die ChristusKraft, überhaupt das ganze Mysterium von Golgatha, eine Beziehung zu dem, was ich eben geschildert habe, als zu einem überbewußten Vorgang.

[ 10 ] What are these things I am speaking of now? We said earlier that the process of breathing is subconscious. But what I mean now—this connection between human beings and the essence of the Angeloi—is also not within consciousness; it lies beyond consciousness. What takes place in our breathing lies below the level of consciousness; what takes place within us through this interplay of the spiritual worlds—the next level of interplay among the spiritual worlds—in the way I have just described, is superconscious. In this superconscious process, the force that entered the world through the Mystery of Golgotha is at work in exactly the same way that the force of Jehovah was at work in human beings before that event. When we immerse ourselves in the spirit—but specifically in the spirit—of a text, such as the Book of Job, and become aware of how the workings of the power of Jehovah are to be depicted in human development—something that is particularly evident in the Book of Job— we gain an understanding of how this power of Jehovah worked, which, as mentioned, gave life to human beings through the process of breathing. It worked within the process of heredity, acting there, as described, all the way down to the third and fourth generations. If we want an analogy for the time after the Mystery of Golgotha, we must take the Christ-force. Just as the Jehovah-force is related to the human respiratory process, so the Christ-force—indeed, the entire Mystery of Golgotha—is related to what I have just described as a superconscious process.

[ 11 ] Wollen wir gewissermaßen eine Definition über die Sache haben, die wir da mit Bezug auf das Atmen besprochen haben, so könnten wir sagen: Der Atmungsprozeß ist für den Erdenmenschen entkleidet worden der Bewußtheit; die Bewußtheit ist für den Erdenmenschen durch den luziferischen Einfluß ausgelöscht worden. Dafür soll ihm die Möglichkeit eines Hineinlebens in das Überbewußte gegeben werden, in jenes Überbewußte, das ich eben andeutete: des Zusammenseins durch Sinnlichkeit oder Intellekt mit den Wesenheiten der Angeloi. Gewissermaßen als Ausgleich für das, was dem Menschen genommen worden ist: der Erkenntnisprozeß des Atmens, soll ihm gegeben werden der Erkenntnisprozeß des Überbewußten durch den Impuls des Mysteriums von Golgatha. Kraftvolle religiöse Naturen des Orients haben in ihren Gegenden vor dem Mysterium von Golgatha in das Atmen das Bewußtsein hereinbekommen wollen. Dies kann heute nicht nachgemacht werden, denn es würde zum Unheil führen. Aber alles, was wir in orientalischen Schriften der älteren Zeiten finden, um Atemübungen zu machen, läuft darauf hinaus, daß der Atmungsprozeß vom Bewußtsein durchstrahlt werde. Aber für gewisse höchste Dinge ist ja das Bewußtsein des Erdenmenschen doch zur Ohnmacht verurteilt, und wenn heute gewisse Gebräuche alter Zeiten nachgemacht werden, so tun dies die Menschen, weil sie nicht damit rechnen, daß durch Luzifer dem Menschen die völlige Durchleuchtung des Atmungsprozesses mit der Erkenntnis genommen ist. Dafür soll er aber seit dem Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr den überbewußten Prozeß des Zusammenhanges mit der geistigen Welt bekommen. Würden wir atmend erkennen, würden wir im Atmen den Erkenntnisprozeß haben, so würde uns bei jedem Einatmen immer bewußt sein, nicht daß wir Luft einatmen, sondern daß wir die Jahve-Kraft in uns hereinnehmen; und bei jedem Ausatmen würden wir wissen, daß wir Jahve ausatmen. In ähnlicher Weise soll dem Menschen bewußt werden, daß die Wesenheiten der Hierarchie der Angeloi gewissermaßen rhythmisch zu ihm auf- und absteigen, daß gewissermaßen die geistige Welt auf und ab flutet. Das kann nur sein, wenn der Impuls des Mysteriums von Golgatha sich immer mehr und mehr unter den Menschen auswirken kann.

[ 11 ] If we wish, so to speak, to define the matter we have been discussing in relation to breathing, we could say: For the earthly human being, the process of breathing has been stripped of consciousness; consciousness has been extinguished for the earthly human being through the Luciferic influence. In return, the human being is to be given the opportunity to live into the superconscious—that superconsciousness I just alluded to: the communion, through the senses or the intellect, with the beings of the Angeloi. In a sense, as compensation for what has been taken from human beings—the process of recognizing breathing—they are to be given the process of recognizing the superconscious through the impulse of the Mystery of Golgotha. Powerful religious figures of the East sought, in their regions before the Mystery of Golgotha, to bring consciousness into the act of breathing. This cannot be imitated today, for it would lead to disaster. But everything we find in ancient Eastern writings regarding breathing exercises boils down to the breathing process being permeated by consciousness. Yet for certain supreme realities, the consciousness of the earthly human being is, after all, doomed to powerlessness; and when certain customs of ancient times are imitated today, people do so because they do not take into account that, through Lucifer, the ability to fully illuminate the breathing process with knowledge has been taken from humanity. Instead, however, since the Mystery of Golgotha, human beings are to increasingly experience the superconscious process of connection with the spiritual world. If we were to recognize this through our breathing—if the process of insight were to take place within our breathing—then with every inhalation we would always be conscious, not that we are inhaling air, but that we are taking the power of Yahweh into ourselves; and with every exhalation we would know that we are exhaling Yahweh. In a similar way, human beings should become aware that the beings of the hierarchy of the Angeloi, so to speak, rhythmically ascend and descend toward them, that, so to speak, the spiritual world ebbs and flows. This can only happen if the impulse of the Mystery of Golgotha is able to take effect more and more among human beings.

[ 12 ] Man muß oft merkwürdige Worte gebrauchen, wenn man so recht charakterisieren will, was den Dingen der Welt zugrunde liegt. Wenn man davor zurückschrecken wollte, an entsprechender Stelle das rechte Wort zu gebrauchen, so könnte man doch nicht zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Durch Luzifer ist das eingetreten, was ich eben als Abstumpfung für das Atmen geschildert habe. Gewiß, es ist bildlich gemeint; aber man kann die Objekte hereinstrahlen fühlen in die Vorstellungen, wenn man das Bild richtig deutet. Es bedeutet: Jahve wollte bewußt in einem jeden Atemzug leben, der in des Menschen Leib eindringt, und er wollte sich für den Menschen bewußt zurückziehen bei jedem Ausatmen. Das ging. Luzifer aber wurde sein Gegner. Und das Bewußtsein, welches in der Jahve-Kraft liegt, wurde ausgeschlossen vor dem menschlichen Bewußtsein. Und hier kommt nun das schwere Wort, vor dem man nicht zurückschrecken darf es auszusprechen, wenn man im Sinne einer richtigen Erkenntnis charakterisieren will. Jahve mußte die Menschen vergessen, insofern sie auf der Erde leben; denn in das Bewußtsein, welches sie haben, konnte er nicht hineinschlagen. Es ist wirklich so etwas vorgegangen, daß allmählich die der JahveKraft zugrunde liegende Wesenheit und, bis in die geistige Welt hinauf, die geistigen Wesenheiten so die Menschen vergessen haben, wie wir etwas aus der Seele vergessen. Vergessen, aus dem Bewußtsein verloren haben sie die Menschen! Durch das Mysterium von Golgatha wurde das Bewußtsein wieder entzündet. Und hat man für die Menschen von der Urzeit bis zum Mysterium von Golgatha das tragische Wort zu sprechen: Und die Götter vergaßen der Menschen, — so muß man für die Zeit seit dem Mysterium von Golgatha sagen: Und die Götter wollen sich nach und nach der Menschheit wieder erinnern. — Sie wollen nach und nach mit ihren Kräften gerade in das, wovon der Erdenmensch sonst nicht das Geistige erfassen würde, sie wollen in die Gehirnweisheit, in das menschliche Vorstellungsleben, das an das Nervensystem gebunden ist, auch für den Erdenmenschen hereindringen. Der Himmel will die Erde betrachten, und das Fenster, das er nötig hat, um von oben das Untere zu betrachten, wurde ausgebrochen in der Zeit, als die Christus-Wesenheit bei der Johannestaufe im Jordan in die Jesus-Persönlichkeit eintrat. Und die Worte: «Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, ihn habe ich heute gezeugt», deuten darauf hin, daß das Obere das Untere wieder schauen will, daß das Obere in das Untere, jetzt nicht mit den Atemzügen, sondern mit den Gedanken und Vorstellungen — aus- und einströmen kann. Dazu ist im Grunde genommen die Zeit, welche bisher seit dem Mysterium von Golgatha verflossen ist, eine Art von Vorbereitung gewesen, und wir stehen nunmehr an der Wende, wo etwas anderes kommen muß, als bisher in der Wirkungsweise des Mysteriums von Golgatha war. Das ist wichtig, daß wir uns dieses gerade zum Bewußtsein bringen.

[ 12 ] One often has to use strange words if one wants to truly characterize what underlies the things of the world. If one were to shy away from using the right word in the appropriate context, one could not arrive at the knowledge of the truth. Through Lucifer, what I have just described as a dulling of the breath came to pass. Certainly, this is meant figuratively; but one can feel the objects radiating into one’s perceptions if one interprets the image correctly. It means: Yahweh wanted to live consciously in every breath that enters the human body, and he wanted to consciously withdraw from the human being with every exhalation. That was possible. But Lucifer became his adversary. And the consciousness that lies in the power of Yahweh was excluded from human consciousness. And here comes the difficult word, which one must not shy away from uttering if one wishes to characterize it in the sense of true understanding. Yahweh had to forget humanity, insofar as they live on Earth; for He could not penetrate the consciousness they possess. It truly happened that, little by little, the being underlying the power of Yahweh—and, extending up into the spiritual world, the spiritual beings—forgot human beings just as we forget something from our soul. They forgot human beings; they lost them from their consciousness! Through the Mystery of Golgotha, consciousness was rekindled. And if one were to speak the tragic words regarding humanity from primeval times up to the Mystery of Golgotha: “And the gods forgot humanity”—then one must say of the time since the Mystery of Golgotha: “And the gods wish to gradually remember humanity once more.” — Little by little, they wish to penetrate with their powers precisely into that which the earthly human being would otherwise be unable to grasp spiritually; they wish to penetrate into cerebral wisdom, into the human life of imagination bound to the nervous system, even for the earthly human being. Heaven wishes to look upon the Earth, and the window it needs to view the lower world from above was opened at the moment when the Christ Being entered the personality of Jesus at the baptism of John in the Jordan. And the words, “This is my beloved Son; today I have begotten him,” indicate that the Higher wishes to behold the Lower once more, that the Higher can flow in and out of the Lower—not now through the breath, but through thoughts and ideas. In essence, the time that has elapsed since the Mystery of Golgotha has been a kind of preparation, and we now stand at a turning point where something different must come than what has been the mode of action of the Mystery of Golgotha up to now. It is important that we bring this to our consciousness.

[ 13 ] Vorbereitung war es, was bisher war. Denn bis dahin haben höchstens einzelne Ausnahmenaturen sich durch Geisteswissenschaft dem Mysterium von Golgatha nähern können. Jetzt aber muß die Zeit eintreten, in welcher für einen größeren Teil der Menschheit insbesondere auch das Mysterium von Golgatha durch die Geisteswissenschaft aufgefaßt werden soll. Warum?

[ 13 ] What has happened so far has been a period of preparation. For up to that point, only a few exceptional individuals had been able to approach the Mystery of Golgotha through spiritual science. But now the time must come when a larger portion of humanity will be able to grasp the Mystery of Golgotha, in particular, through spiritual science. Why?

[ 14 ] Mit diesem Mysterium von Golgatha und seinem Verständnisse ist manches Geheimnis verbunden. Wie oft kommen die Menschen und fragen: Wie finde ich meine Beziehung zu dem Christus? — Eine gewiß berechtigte Frage. Aber ebenso verständlich ist es demjenigen, der in diese Dinge eingeweiht ist, daß diese Frage nicht so ohne weiteres beantwortet werden kann. Ich möchte dazu etwas als einen Vergleich sagen: Wir sehen die Dinge mit den Augen, aber wir sehen die Augen nicht. Damit die Augen sehen können, können sich die Augen selber nicht sehen; Spiegelbilder nur sehen sie, nicht die Augen selbst. Das, was sieht, wodurch man sieht, das kann nicht selbst gesehen werden. Der Mensch in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha aber muß die geistigen Welten sehen durch den Christus-Impuls, wie wir die äußeren Farben und so weiter durch das Auge sehen. Wie wir aber das Auge nicht selber sehen, so sehen wir auch den Christus-Impuls nicht, weil wir durch ihn die geistige Welt sehen.

[ 14 ] Many mysteries are connected to this mystery of Golgotha and its understanding. How often do people come and ask: How do I find my relationship to Christ? — A certainly legitimate question. But it is just as understandable to those who are initiated into these matters that this question cannot be answered so readily. I would like to offer a comparison: We see things with our eyes, but we do not see the eyes themselves. In order for the eyes to see, they cannot see themselves; they see only their reflections, not the eyes themselves. That which sees—the very means by which we see—cannot itself be seen. Yet in the age following the Mystery of Golgotha, human beings must see the spiritual worlds through the Christ impulse, just as we see external colors and so on through the eye. But just as we do not see the eye itself, so too we do not see the Christ impulse, because it is through him that we see the spiritual world.

[ 15 ] Damit hängt es zusammen, daß das Mysterium von Golgatha in Geheimnis gehüllt ist, auch historisch in Geheimnis gehüllt. Es sollte dasjenige historische Ereignis für die Nachwelt des Mysteriums von Golgatha werden, das nicht mit historischen Mitteln gefunden werden kann. Das Christus-Leben so in der Geschichte zu suchen, wie man ein anderes historisches Ereignis sucht, das käme ganz dem Triebe gleich, das Auge zu veranlassen, daß es das Auge selbst sähe. Es liegt in der Wesenheit des Mysteriums von Golgatha, daß der Christus Jesus nicht, wie Sokrates, Plato oder eine andere historische Persönlichkeit durch Dokumente gefunden werden kann, wie sonst historische Dokumente sind. Es liegt in der Wesenheit des Mysteriums von Golgatha, daß die Aufzeichnungen über dasselbe nicht historische sind, sondern daß es Aufzeichnungen inspirierter Menschen sind, von denen man immer mit historischen Mitteln den Beweis erbringen kann, sie seien keine eigentlichen historischen Dokumente. Wir würden in der menschheitlichen Entwickelung in dem Augenblicke geistig krank werden, wo das Mysterium von Golgatha in die Reihe der gewöhnlichen historischen Ereignisse eingereiht werden könnte. Wir würden es dann zwar auch noch nicht in der richtigen Weise sehen, aber wir würden es gleichsam so historisch wahrnehmen, wie wir das Auge wahrnehmen, wenn wir es verletzt haben. Das gesunde Auge sieht die Dinge, sieht nicht sich selbst. Hat das Auge einen Splitter in sich, der da bleibend ist, so sieht es einen schwarzen Raum vor sich und fängt an, sich selbst wahrzunehmen; aber das ist ein krankhaftes Wahrnehmen. So würde ein krankhaftes Wahrnehmen des Mysteriums von Golgatha eintreten, wenn der Mensch nicht in diesem Mysterium von Golgatha etwas hätte, was nicht wahrgenommen werden kann; wodurch man wahrnimmt, das hängt zusammen mit dem Geheimnis von Golgatha. Und das Merkwürdige ist das Folgende: Diese eigentümliche Lage wurde für den Menschen erst durch den Eintritt des Mysteriums von Golgatha gebracht. Im alten atavistischen Hellsehen haben die Menschen, solange der Christus oben in der geistigen Welt war, solange er nicht heruntergestiegen war, gewußt: Er ist da, und Er wird kommen. Daher finden wir merkwürdigerweise ein Bewußtsein von dem kommenden Christus aus unmittelbarer, eigener Erfahrung, wie jede andere Erfahrung ist, in der Prophetie. So lange konnten die Menschen von dem Christus wissen, als er, paradox ausgedrückt, noch nicht gekommen war. In dem Augenblicke aber, als er gekommen war, konnten sie nicht mehr auf dieselbe Weise von ihm wissen. Wie man das Auge erlebt, indem man sieht, so mußte unmittelbar in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha das Christus-Ereignis erlebt werden, nicht historisch gewußt werden.

[ 15 ] This is why the Mystery of Golgotha is shrouded in mystery—even historically. It was meant to become, for posterity, the historical event of the Mystery of Golgotha that cannot be discovered by historical means. To seek the life of Christ in history in the same way one seeks any other historical event would be entirely akin to the impulse to make the eye see itself. It lies in the very nature of the Mystery of Golgotha that Christ Jesus cannot, like Socrates, Plato, or any other historical figure, be found through documents of the kind that historical documents are otherwise. It is in the very nature of the Mystery of Golgotha that the records concerning it are not historical, but rather are the writings of inspired individuals, for whom one can always demonstrate, by historical means, that they are not actual historical documents. We would become spiritually ill in the course of human development the very moment the Mystery of Golgotha could be classified among ordinary historical events. We would still not see it in the right way, but we would perceive it, as it were, as historically as we perceive the eye when we have injured it. The healthy eye sees things; it does not see itself. If the eye has a splinter lodged in it, it sees a black space before it and begins to perceive itself; but this is a pathological perception. A pathological perception of the Mystery of Golgotha would thus arise if human beings did not have within this Mystery of Golgotha something that cannot be perceived; what one perceives is connected to the Mystery of Golgotha. And the remarkable thing is this: this peculiar situation was brought about for human beings only through the advent of the Mystery of Golgotha. In ancient, atavistic clairvoyance, as long as Christ was up in the spiritual world—as long as He had not yet descended—people knew: He is there, and He will come. Therefore, curiously enough, we find in prophecy a consciousness of the coming Christ derived from immediate, personal experience, just as any other experience is. People could know of the Christ as long as—paradoxically speaking—He had not yet come. But the moment He had come, they could no longer know of Him in the same way. Just as one experiences the eye through seeing, so too, in the time immediately following the Mystery of Golgotha, the Christ event had to be experienced directly, not merely known historically.

[ 16 ] Es ist interessant, auch einmal die Evangelien daraufhin zu prüfen, wie sie die Dinge, die ich jetzt aus der Geisteswissenschaft heraus klarlege, betrachten. Darüber ein anderes Mal.

[ 16 ] It is interesting to examine the Gospels to see how they view the things I am now clarifying from the perspective of spiritual science. More on that another time.

[ 17 ] So wurde es notwendig, daß die christliche Entwickelung, die das Christentum in sich schließen wollte, zunächst sich daraufhin organisierte, den Glauben zu setzen an die Stelle des Wissens, des erlebten Schauens, und zu verlangen, daß man nicht Wissen fordern solle über das Mysterium von Golgatha, sondern Glaubenserlebnisse haben solle. Aber nun denken wir: in unsere Vorstellungswelt herein — denn auch die Glaubensvorstellungen sind als Vorstellungen da — soll das Mysterium von Golgatha leuchten. Da kommt es zusammen mit allen Attacken Ahrimans. Unser Intellekt ist das Feld, auf welchem der Christus-Impuls mit den ahrimanischen Impulsen kämpfend zusammentrifft, und die Entwickelung, die rein äußere Entwickelung des Erdenmenschen wird so verlaufen, daß Ahriman nicht immer so gebunden sein wird. Die tausend Jahre werden ablaufen, und der Mensch muß anderes haben als die naive Kraft, mit der er bisher den ChristusImpuls aufrichtete in seinem Bewußtsein, sagen wir: in seinem Erdenbewußtsein. Der Mensch muß anderes haben. Was ist dieses andere?

[ 17 ] Thus it became necessary for Christian development—which sought to encompass Christianity within itself—to organize itself, at first, around replacing knowledge and direct, experiential insight with faith, and to demand that people not seek knowledge about the Mystery of Golgotha, but rather have experiences of faith. But now let us consider: the Mystery of Golgotha is to shine into our world of ideas—for ideas of faith, too, exist as ideas. This is where it comes into conflict with all of Ahriman’s attacks. Our intellect is the field on which the Christ impulse clashes with the Ahrimanic impulses, and the development—the purely external development of the earthly human being—will proceed in such a way that Ahriman will not always be so bound. The thousand years will come to an end, and human beings must possess something other than the naive power with which they have hitherto established the Christ impulse in their consciousness—let us say, in their earthly consciousness. Human beings must possess something else. What is this something else?

[ 18 ] Dieses andere ist die Geisteswissenschaft, durch die der Mensch sich spirituell aneignen soll, was wir den Christus-Impuls nennen, damit er in ihm die starke Kraft finde, in seinem Bewußtsein den ChristusImpuls zu schützen gegen die ahrimanischen Attacken. Denn was strebt Ahriman an? Er kann, nachdem nun der Christus-Impuls einmal in der Welt ist, ihn natürlich nicht wegschaffen. So stark ist er nicht. Denn der Christus ist in die Welt hereingetreten durch den Leib des Jesus von Nazareth. Wegschaffen kann er ihn nicht; was er aber kann, das ist, die menschlichen Vorstellungen in dem Intellekt so umzugestalten, daß sie nicht den Christus-Impuls erleben, sondern Masken für den Christus-Impuls, das heißt, daß sich die Menschen falsche Gestaltungen über den Christus aufstellen. Der Gefahr sind die Menschen ausgesetzt, daß sie zwar von dem Christus reden, aber jenes Bild sich von ihm entwerfen, welches Ahriman ihnen in ihrem Intellekt zubereitet. Wer heute die wahren Gestaltungen der menschlichen Geisteskultur-Entwickelung betrachten kann, der findet nicht immer wahre Gestalten da, wo die Gestalten des Christus in Bildern in die menschlichen Bewußtseine aufgenommen werden, sondern er findet heute die von Ahriman verzerrten Bilder des Christus in den menschlichen Vorstellungen. Das ist nicht immer der Christus, was diese oder jene Christus-Anhänger den Christus nennen. Und damit Ahriman seine Ziele erreicht, verdüstert, verwirrt er in vieler Beziehung den menschlichen Intellekt. Er verwirrt ihn auch an denjenigen Stellen, bei denen sich die Menschen oftmals Rat holen. Da kann man dann sehr merkwürdige Erfahrungen machen. Machen Sie die Erfahrungen, die zu machen sind, zum Beispiel wenn man einen katholischen Theologen nach seiner wahren Meinung über die Jungfrau Maria fragt. Gewiß, die meisten werden überhaupt nichts wissen, als was ihnen eingetrichtert ist; aber darauf kommt es nicht an. Einige aber gibt es, die über das Eingetrichterte sich theologische Kenntnisse erworben haben. Bei denen wird man überall einen merkwürdigen Zusammenklang finden zwischen dem Bilde des irdischen Weibes der Maria und dem kosmischen Bilde der himmlischen Kirche, denn für den wirklichen katholischen Theologen ist die Jungfrau Maria eins mit dem Weibe aus dem Symbol der Apokalypse, das den Mond unter den Füßen, die Sonne auf der Brust und über dem Haupt die sieben Sterne hat. Die kosmische Bedeutung ist nicht zu denken, ohne sich auszuleben in einer irdischen Realität. Ich könnte Ihnen aus der katholischen Literatur Schriften bringen, die beweisen, daß jetzt noch katholische Theologen schreiben: Die Jungfrau Maria ist gleich dem Sonnenweibe, das den Mond unter den Füßen und die Sterne über dem Haupte hat. — Also hier besteht durchaus noch der Zusammenhang des Irdischen mit dem Geistigen, mit dem KosmischGeistigen. Aber immer mehr und mehr schwindet das Kosmische durch Ahrimans Gewalt. Und wie schwindet es aus den Christus-VorstelJungen! Wie wenig ist heute Neigung vorhanden, den Christus als den großen kosmischen Geist zu erkennen, der aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist in den irdischen Menschenleib des Jesus von Nazareth, um darinnen zu wohnen! Der Anerkennung dessen sind heute viele Menschen abgeneigt, welche glauben, daß es gerade recht christlich ist, in den Christus-Begriff recht wenig Kosmisches hineinzubringen. Das wäre für einen Theologen des vierzehnten Jahrhunderts noch ganz unmöglich gewesen. Daß die Geschichte dieses nicht darstellt, das beruht nur darauf, daß die Geschichte selbst in vieler Beziehung eine Fälschung ist.

[ 18 ] This other path is spiritual science, through which human beings are to spiritually assimilate what we call the Christ impulse, so that they may find within themselves the strength to protect the Christ impulse in their consciousness against Ahrimanic attacks. For what does Ahriman strive for? Now that the Christ impulse is in the world, he cannot, of course, remove it. He is not that powerful. For Christ entered the world through the body of Jesus of Nazareth. He cannot remove it; but what he can do is to reshape human conceptions in the intellect in such a way that they do not experience the Christ impulse itself, but rather masks for the Christ impulse—that is, so that people construct false images of Christ for themselves. People are exposed to the danger that, although they speak of the Christ, they form an image of him that Ahriman has prepared for them in their intellect. Anyone who today can observe the true forms of the development of human spiritual culture will not always find true images where the images of the Christ are taken into human consciousness; rather, they will find today the images of the Christ distorted by Ahriman in human conceptions. What this or that follower of the Christ calls the Christ is not always the Christ. And so that Ahriman may achieve his goals, he clouds and confuses the human intellect in many ways. He also confuses it in those very areas where people often seek guidance. There one can then have very strange experiences. Have the experiences that are to be had—for example, when you ask a Catholic theologian for his true opinion about the Virgin Mary. Certainly, most will know nothing at all beyond what has been drummed into them; but that is not the point. There are, however, some who have acquired theological knowledge beyond what has been drummed into them. In them, one will find everywhere a remarkable harmony between the image of Mary as an earthly woman and the cosmic image of the heavenly Church; for the true Catholic theologian, the Virgin Mary is one with the woman from the symbol of the Apocalypse, who has the moon under her feet, the sun on her chest, and the seven stars above her head. The cosmic significance is inconceivable without finding expression in an earthly reality. I could provide you with writings from Catholic literature that prove that even today Catholic theologians still write: The Virgin Mary is like the woman of the sun, who has the moon under her feet and the stars above her head. — So here the connection between the earthly and the spiritual, with the cosmic-spiritual, certainly still exists. But the cosmic is fading more and more under Ahriman’s power. And how it is fading from conceptions of Christ! How little inclination exists today to recognize Christ as the great cosmic Spirit who descended from cosmic heights into the earthly human body of Jesus of Nazareth to dwell within it! Many people today are averse to acknowledging this, believing that it is precisely Christian to incorporate very little of the cosmic into the concept of Christ. This would have been entirely impossible for a theologian of the fourteenth century. The fact that history does not portray this is due solely to the fact that history itself is, in many respects, a forgery.

[ 19 ] Alles Interesse Ahrimans ist darauf gerichtet, die Menschen von dem Geistigen abzulenken und hinzulenken auf das Materielle, das zwar auch ein Geistiges ist, aber ein in der Erde verborgenes. Und gar mancherlei Finten und Listen gebraucht Ahriman, um die Menschen möglichst davon abzubringen, irgend etwas Kosmisches in die ChristusPersönlichkeit hineinzubringen. Man kann ja heute sogar schon — besonders in sozialdemokratischen Schriften ist das gar nicht selten — ein merkwürdiges ahrimanisches Christus-Bild finden, welches alles Überirdisch-Geistigen entkleidet ist, das nur rein menschlich sein soll, gar nicht zu reden von den Malern, die alles Mögliche getan haben, um das Kosmische aus der Christus-Gestalt herauszuexpedieren. Ich habe vor vielen Jahren hier in Berlin einmal eine Ausstellung von ChristusBildern gesehen, eines neben dem anderen. Ich habe den Katalog heute noch, worin ich mir meine Anmerkungen machte: ein ahrimanisches Christus-Bild neben dem anderen! Und wieviele Wanderapostel, welche heute in dieser oder jener Weise sektierend offiziell oder inoffiziell von dem Christus sprechen, wissen nicht, wie Ahriman ihnen im Nacken sitzt und sie verleitet, sein Bild von dem Christus-Impuls zu zeichnen, und nicht dasjenige, welches im Christus-Impuls selbst wirkt. Aber dieses Bild, das im Christus-Impuls selbst wirkt, kann im Sinne unserer Zeit durch nichts anderes dargestellt werden als durch die Mittel der Geisteswissenschaft. Indem die Geisteswissenschaft von denjenigen Schauungen handelt, welche man hat, wenn man außerhalb des Leibes ist, hat sie wieder die Möglichkeit, das Christus-Bild in seiner wahren Gestalt zu schauen. Solange man im Leibe ist, muß man sagen: Das Auge kann zwar die Farben sehen, aber nicht sich selbst. Wenn Sie sich in der Geistesschau aus dem Leib herausbegeben — wenn Sie sich selbst sehen, sehen Sie das Auge —, so sehen Sie den Christus-Impuls durch den Christus-Impuls. Denn die Geisteswissenschaft kann das ersetzen, was keine Historie geben kann: eine Schilderung des Christus-Begriffes kann sie geben. Wie die Geisteswissenschaft den Menschen dahin bringen kann, über das Auge zu schauen, so kann sie es dahin bringen, über den Christus-Impuls, durch den sonst die geistige Welt gesehen wird, zu sprechen. Dadurch wird es zwar erreicht, daß über den Christus-Impuls Vorstellungen gewonnen werden können, aber die Attacken Ahrimans werden deshalb nicht weggeschafft; ihnen muß man sich vielmehr tapfer und mutig gegenüberstellen. Und daß die Menschen den Christus-Begriff nicht durch Geisteswissenschaft ins Auge fassen wollen, das rührt davon her, daß sie eine unterbewußte Furcht davor haben, daß der Christus-Impuls, sobald er durch Geisteswissenschaft gesehen wird, an den Widerstand Ahrimans stößt. Wie kommt das jetzt, in unserer Zeit, zum Vorschein?

[ 19 ] All of Ahriman’s efforts are directed toward distracting people from the spiritual and drawing them toward the material—which is indeed also spiritual, but one that is hidden within the earth. And Ahriman employs all manner of tricks and ruses to dissuade people as much as possible from attributing anything cosmic to the personality of Christ. Indeed, even today—and this is by no means rare, especially in Social Democratic writings—one can find a strange, Ahrimanic image of Christ, stripped of everything supernatural and spiritual, intended to be purely human, not to mention the painters who have done everything possible to expel the cosmic element from the figure of Christ. Many years ago, here in Berlin, I once saw an exhibition of images of Christ, one next to the other. I still have the catalog today, in which I made my notes: one Ahrimanic image of Christ after another! And how many itinerant apostles, who today speak of Christ in one way or another—officially or unofficially, in a sectarian manner—do not realize how Ahriman is breathing down their necks, tempting them to draw his image of the Christ impulse rather than the one that is at work within the Christ impulse itself. But this image, which is at work within the Christ impulse itself, can be represented in the spirit of our time by nothing other than the methods of spiritual science. By dealing with the visions one has when outside the body, spiritual science once again has the possibility of beholding the image of Christ in its true form. As long as one is in the body, one must say: The eye can indeed see colors, but not itself. When you step out of the body in spiritual vision—when you see yourself, you see the eye—you see the Christ impulse through the Christ impulse. For spiritual science can provide what history cannot: it can offer a description of the concept of Christ. Just as spiritual science can lead people to see beyond the eye, so can it lead them to speak of the Christ impulse, through which the spiritual world is otherwise perceived. While this does make it possible to gain insights into the Christ impulse, it does not thereby remove Ahriman’s attacks; rather, one must face them bravely and courageously. And the reason people do not want to grasp the concept of Christ through spiritual science is that they have a subconscious fear that the Christ impulse, as soon as it is perceived through spiritual science, will encounter Ahriman’s resistance. How does this manifest itself now, in our time?

[ 20 ] Es wird in vielen Formen noch zum Vorschein kommen. Für unsere Zeit kommt es dadurch zum Vorschein, daß wir auf der einen Seite die ahrimanische Naturwissenschaft und die ahrimanische Geschichte haben, die den Gang der Kulturentwickelung und die Geschichte in ihrer Art darstellen, und daß diese anderseits mit ihren Begriffen — das aber sind diejenigen Begriffe, in denen Ahriman wirken muß, weil in uns Ahriman eben wirkt — den Christus-Impuls ausschließen. Es kann eine Philosophie, wie ich das schon einmal erwähnte, zwar zu einem allgemeinen Gottes-Begriff kommen, aber nie zu einem Christus-Begriff; den kann man aufnehmen, weil er einmal da ist, aber man kann nicht zu ihm kommen. Selbst bei einem Philosophen wie Lotze finden Sie ihn nicht. Und Harnack dürfte gar nicht von dem Christus sprechen, weil innerhalb seines Denkens der Christus-Begriff gar nicht auftritt; er spricht nur deshalb davon, weil er ihn in den Urkunden, in der Bibel und so weiter findet. Und in ähnlicher Weise dürften andere Theologen nicht von Christus sprechen. Daher ist auch das, was Harnack als den Christus schildert, mit keinen anderen Eigenschaften ausgestattet, als mit denen der allgemeinen Gottheit, oder, wenn er wieder nach der anderen Seite schwankt, finden wir bei ihm nur den bloßen Menschen Jesus.

[ 20 ] It will still manifest itself in many forms. In our time, this manifests itself in the fact that, on the one hand, we have Ahrimanic natural science and Ahrimanic history, which portray the course of cultural development and history in their own way, and that, on the other hand, these—with their concepts—exclude the Christ impulse; for these are precisely the concepts in which Ahriman must work, because Ahriman is indeed at work within us. As I have already mentioned, a philosophy can indeed arrive at a general concept of God, but never at a concept of Christ; one can accept it because it is already there, but one cannot arrive at it. You will not find it even in a philosopher like Lotze. And Harnack ought not to speak of Christ at all, because the concept of Christ does not occur at all within his thinking; he speaks of him only because he finds him in the documents, in the Bible, and so on. And in a similar way, other theologians ought not to speak of Christ. Therefore, what Harnack describes as Christ is endowed with no other attributes than those of the general deity, or, when he swings back to the other extreme, we find in him only the mere man Jesus.

[ 21 ] Was man aufnehmen muß, wenn man durch Geisteswissenschaft den Christus erfassen will, ist das geisteswissenschaftliche Bild des Christus mit dem vollen Bewußtsein, daß die äußere Wissenschaft — weder die Naturwissenschaft noch die Geschichte — zum Christus-Begriff nicht kommen kann, sondern daß sie Widerstand leisten wird, den Widerstand, den heute der antichristliche Mensch, der nur naturwissenschaftlich oder historisch denken will, gegenüber dem Christus-Begriff hat, im Gegensatz zu dem Gläubigen. Und wir müssen uns klar sein: da muß ein innerer Widerstand vorhanden sein, weil da zwei Welten zusammenwirken. Wir müssen mutig in diesen Widerstreit hinein; denn es ist der Widerstreit, der in der richtigen Theologie genugsam geschildert wird als der Widerstreit zwischen Christus und Ahriman. Eine lebendige Weltanschauung muß den Widerspruch in sich aufnehmen; denn der Widerspruch lebt in dem Kampfe zum Beispiel zwischen dem Christus und dem Ahriman.

[ 21 ] What one must take on board if one wishes to grasp Christ through spiritual science is the spiritual-scientific image of Christ, with the full awareness that external science—neither natural science nor history — cannot arrive at the concept of Christ, but rather that it will offer resistance—the same resistance that the anti-Christian person today, who wishes to think only in terms of natural science or history, opposes to the concept of Christ, in contrast to the believer. And we must be clear about this: there must be an inner resistance, because two worlds are interacting here. We must courageously enter into this conflict; for it is the conflict that is adequately described in true theology as the conflict between Christ and Ahriman. A living worldview must embrace this contradiction; for the contradiction lives in the struggle, for example, between Christ and Ahriman.

[ 22 ] Ich habe oftmals schon gesagt: Luzifer wirkt als Genosse des Ahriman. Sie wirken zusammen. Sie haben alles Interesse, den Menschen darüber zu täuschen, daß er den inneren Widerstreit haben soll, und sie haben darum alles Interesse, ihr Gegenreich wegzuschaffen. Daher erfinden sie im menschlichen Gemüt derartige Gedankenkombinationen wie die: In Einklang, in Harmonie mit dem Unendlichen. Warum entstehen solche Vorstellungsgebilde? Sie entstehen, weil die Menschen in ihrer Seele zu feige sind, sich dem Widerstreit gegenüberzustellen, und sich von Luzifer-Ahriman eine Harmonie mit dem Unendlichen erfinden lassen wollen. Es ist Befriedigungsuchen in solch einer Weltanschauung, wie sie in: «In Harmonie mit dem Unendlichen» zum Ausdruck kommt. Befriedigungsuchen in einer solchen Weltanschauung ist aber gleichbedeutend mit einem Sichlegen einer Binde vor die Augen. Heute scheut es der Mensch, nach der Mannigfaltigkeit des Kampfes auf geistigem Gebiete hinzuschauen. Weil stets Gegenkräfte auftreten müssen, wenn etwas an seiner richtigen Stelle außer acht gelassen wird, so treten natürlich auch hier Gegenkräfte auf. Weil sich der Mensch in den letzten Jahrhunderten so vorbereitet hat, daß er den inneren Kampf zwischen Mächten, die kämpfen müssen, sehr scheut, so tritt ihm dieser Kampf heute in einer furchtbaren Weise vor das äußere Auge. Eine solche Folge mußte mit derselben Notwendigkeit eintreten, wie auf die luziferische Verführung die Vertreibung aus dem Paradies eingetreten ist. Überall, auf allen Gebieten sehen wir, wie der heutige Mensch sehr geneigt ist, sich nur eine Scheinruhe zu verschaffen, denn sie hat nur eine Bedeutung zwischen Geburt und Tod. Darum halst er sich den einen Teil des Widerspruches ab. Natürlich ist das dann immer derjenige Teil, der aus dem Christus-Impuls kommt. Der naturgemäße Widerspruch kann so gerade Gegnerschaft finden. Und wenn Sie die verschiedenen Blechdarstellungen der sogenannten Widersprüche in meinen Schriften von so vielen Seiten heute geschildert finden, so haben Sie jetzt auch die Möglichkeit, selbst dieses in einer tieferen Weise zu beleuchten und den ahrimanischen Impuls darin zu sehen.

[ 22 ] I have often said: Lucifer acts as Ahriman’s ally. They work together. They have every interest in deceiving human beings about the fact that they are meant to experience inner conflict, and they therefore have every interest in eliminating their counter-realm. That is why they invent such thought patterns in the human mind as: “In harmony with the Infinite.” Why do such mental constructs arise? They arise because people are too cowardly in their souls to face this inner conflict, and are willing to let Lucifer and Ahriman invent for them a harmony with the Infinite. There is a search for satisfaction in such a worldview as expressed in “In Harmony with the Infinite.” But seeking satisfaction in such a worldview is tantamount to putting a blindfold over one’s eyes. Today, people shy away from looking at the diversity of the struggle in the spiritual realm. Since counterforces must always arise when something is neglected in its proper place, counterforces naturally arise here as well. Because human beings have prepared themselves over the last few centuries to the point where they greatly shy away from the inner struggle between forces that must contend, this struggle now presents itself to their outer eyes in a terrifying manner. Such a consequence was bound to occur with the same inevitability as the expulsion from Paradise followed the Luciferic temptation. Everywhere, in all areas, we see how modern human beings are very inclined to seek only an illusory peace, for it has meaning only between birth and death. That is why they cut themselves off from one aspect of the contradiction. Of course, this is always the part that stems from the Christ impulse. The natural contradiction can thus find opposition. And if you find the various depictions of the so-called contradictions in my writings described from so many angles today, you now also have the opportunity to shed light on this in a deeper way and to recognize the Ahrimanic impulse within it.

[ 23 ] Die Menschen wollen nicht fertig werden durch ein reales Sichgegenüberstellen mit den Kräften, mit denen man fertig werden muß; sie wollen den Widerstreit aus der Welt schaffen. Dadurch entstehen alle möglichen Dinge. Will man einen solchen Widerstreit aus der Welt schaffen, so muß er auf eine andere Weise zum Vorschein kommen. Das, was angerichtet wird von denjenigen, die den Widerstreit aus der Welt schaffen wollen, ist nicht schön. Es ist fast so, wie es ist — auf geisteswissenschaftlichem Gebiete tätig sein, gibt einem ja immer Gelegenheit, solche Erfahrungen zu machen —, wenn immer wieder und wieder Menschen kommen, die aus tiefstem Bedürfnis heraus die Frage stellen: Warum ist das Übel, ist der Schmerz in der Welt? — Solche Fragen sind leichter zu stellen, als man glaubt; denn die Menschen stellen oft diese Frage, um zu begreifen, wie es mit der guten Gottheit zusammenhängt, daß sie das Übel in der Welt zulasse. Was man zur Beantwortung solcher Fragen tun kann, das ist, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß sie doch jedenfalls nicht leugnen werden, daß das Gute in der Welt, das Vortreffliche, das Weisheitsvolle ein Göttliches ist. Wollen sie überhaupt die Güte Gottes rechtfertigen, so stehen sie schon auf dem Boden, daß sie das Weisheitsvolle dem guten Gotte zuschreiben. Warum läßt er aber das Übel zu? Ich kann nur immer so sagen: Fangen Sie bei einem atomistischen, bei einem kleinen Schmerz an; Sie ritzen sich und empfinden dadurch einen Schmerz. Jeder Schmerz beruht darauf, daß irgend etwas einer Zerstörung ausgesetzt ist. Es ist nur nicht immer durchsichtig, auf welche Weise der Schmerz entsteht, aber es ist so. Stellen wir uns aber nun vor, daß nicht mit dem Messer geritzt würde, sondern daß wir irgendwo eine besonders empfindliche Stelle hätten und sehr heiße Sonnenstrahlen darauf fielen. So könnte an etwas, wo noch nicht eine Blase ist, aber anfängt eine zu werden, eine Änderung des Gewebes entstehen, und es könnte dort ein kleiner Schmerz sich bemerkbar machen. Könnte stärker, durch eine größere Empfindlichkeit, die Sonnenwärme wirken, so könnte eine größere Verletzung geschehen. Und stellen Sie sich nun vor: an einer Stelle unseres Hauptes waren vor Äonen von Jahren zwei Stellen von besonderer Empfindlichkeit für dieSonnenstrahlen vorhanden. Sehen konnte der Mensch damals noch nicht, aber an jenen zwei Stellen mußten die Sonnenstrahlen jedesmal, wenn die Sonne aufging, ihm wehe tun. Da konnte ihm das Gewebe verletzt werden, und ein Schmerz mußte entstehen. Durch lange Zeiträume mußte dieser Vorgang sich abspielen, und die Ausheilung bestand darin, daß an jenen Stellen aus der Ausheilung die Augen entstanden. Auf dem Grunde der Verletzung entstanden die Augen. Und so wahr wie es ist, daß uns die Augen die Schönheit der Farbenwelt vergegenwärtigen, so wahr ist es, daß die Augen nur auf Grundlage der Verletzungen von besonders lichtempfindlichen Stellen durch die Sonnenwärme entstanden.

[ 23 ] People do not want to cope by actually confronting the forces they must face; they want to eliminate the conflict altogether. This gives rise to all sorts of things. If one wants to eliminate such a conflict, it must manifest itself in a different way. What is wrought by those who wish to eliminate this conflict from the world is not beautiful. It is almost as if—and working in the field of spiritual science always gives one the opportunity to have such experiences—people come time and again, driven by a deep inner need, to ask: Why is there evil, why is there suffering in the world? — Such questions are easier to ask than one might think; for people often ask this question in order to understand how it is possible that a benevolent deity would allow evil in the world. What one can do to answer such questions is to draw people’s attention to the fact that they certainly will not deny that the good in the world—the excellent, the wise—is divine. If they wish to justify God’s goodness at all, they are already standing on the ground that they attribute wisdom to the good God. But why does He allow evil? I can only say this: Start with an atomistic, minor pain; you cut yourself and thereby feel pain. Every pain is based on the fact that something is being subjected to destruction. It’s just not always clear how the pain arises, but that is the case. But let us now imagine that instead of being cut with a knife, we had a particularly sensitive spot somewhere and very hot rays of sunlight were falling on it. In this way, a change in the tissue could occur in a place where there is not yet a blister but one is beginning to form, and a slight pain might make itself felt there. If the sun’s heat were to act more intensely—due to greater sensitivity—a more severe injury could occur. And now imagine: eons of years ago, there were two spots on our head that were particularly sensitive to the sun’s rays. Humans could not yet see at that time, but at those two spots, the sun’s rays must have caused them pain every time the sun rose. This could have damaged the tissue, and pain must have resulted. This process must have unfolded over long periods of time, and the healing consisted in the eyes developing at those spots as a result of the healing process. The eyes arose from the site of the injury. And just as it is true that our eyes reveal to us the beauty of the world of colors, so it is true that the eyes arose solely on the basis of injuries to particularly light-sensitive areas caused by the sun’s heat.

[ 24 ] Es gibt nichts, was zum Glück, zur Freude, zur Seligkeit entstanden ist, ohne daß es hat entstehen können auf Grundlage des Schmerzes. Und den Schmerz, das Widerstreitende nicht haben wollen, heißt das Schöne, das Große, das Beseligende, das Gute nicht haben wollen. Da dringt man in ein Gebiet ein, wo man nicht mehr denken kann, wie man will, sondern wo man dem unterworfen ist, was in den Mysterien die eherne Notwendigkeit genannt worden ist. So wahr große Harmonie in der Welt ist, so wahr diese jetzige Harmonie auf Grundlage des Schmerzes entstehen mußte, so wahr ist es, daß man nicht aus einer schmerzlosen seelischen Wollust heraus, wie man sie in den Vorstellungskomplexen von «In Harmonie mit dem Unendlichen» empfinden will, den Christus-Impuls erreichen kann, sondern nur indem man sich mutig dem Widerstreit aussetzt, der sich auf dem Boden unseres Intellektes oder unseres Bewußtseins überhaupt zwischen dem Christus-Impuls und den ahrimanischen Impulsen abspielt, über den wir uns nicht leichtsinnig hinwegheben dürfen, indem wir sagen: wenn wir nicht Harmonie haben, sind wir unbefriedigt, müssen wir uns über diesen Widerstreit hinweg nach der Erreichung des Christus-Impulses hin entwickeln. Das tritt in den mannigfaltigen Gebieten ganz im Konkreten auf. Wenn der Mensch heute auf naturwissenschaftliche Weise die Welt begreifen will und dabei nicht den Christus-Impuls finden kann, und wenn er auf der anderen Seite auf geisteswissenschaftliche Weise die Welt begreifen lernt und dabei den Christus-Impuls finden kann, so muß er sich klar sein: widerstreitend ist es, aber gerade in seinem Widerstreit zusammenstimmend. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft sollen nicht eines sein, wie viele glauben, wo es nur auf Naturwissenschaft und nur auf Geisteswissenschaft ankommt. Sie sollen auch nicht so sein, daß man eines über das andere legen kann; sondern sie sollen, wenn man sie übereinanderlegen will, so sein, wie das linke und das rechte Ohr, die auch nicht vollständig zur Deckung gebracht werden können. Nicht darauf, ob zwei Dinge in Übereinstimmung miteinander gebracht werden können, kommt es an, sondern auf die Art des Zusammenstimmens.

[ 24 ] There is nothing that has come into being as happiness, joy, or bliss without having been made possible by pain. And to reject pain—that which is in conflict—means to reject beauty, greatness, bliss, and goodness. There one enters a realm where one can no longer think as one wishes, but where one is subject to what has been called “iron necessity” in the mysteries. Just as there is great harmony in the world, just as this present harmony had to arise on the basis of pain, so it is true that one cannot, out of a painless spiritual indulgence—such as one might seek in the imaginative complexes of In Harmony with the Infinite, but only by courageously exposing oneself to the conflict that takes place on the ground of our intellect or our consciousness in general between the Christ impulse and the Ahrimanic impulses—a conflict we must not recklessly rise above by saying: if we lack harmony, we are dissatisfied; we must develop beyond this conflict toward the attainment of the Christ impulse. This occurs in a very concrete way across a wide range of fields. If a person today seeks to understand the world through the natural sciences and cannot find the Christ impulse in doing so, and if, on the other hand, they learn to understand the world through the spiritual sciences and can find the Christ impulse there, then they must be clear about this: it is a conflict, but it is precisely in this conflict that harmony is found. Natural science and spiritual science are not meant to be one and the same, as many believe, where only natural science or only spiritual science matters. Nor are they meant to be such that one can be superimposed upon the other; rather, if one wishes to superimpose them, they should be like the left and right ears, which cannot be made to coincide perfectly either. What matters is not whether two things can be brought into agreement with one another, but the nature of that agreement.