Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
28 August 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Das Karma des Materialismus V
The Karma of Materialism V
[ 1 ] Es kommt immer wieder vor — und mit Recht —, daß gefragt wird: Wie kommt man dem Christus-Impuls, dem Christus-Wesen überhaupt nahe? — oder daß die Frage in irgendeiner anderen Form gestellt wird. Man kann sich in verschiedener Weise der großen Frage nähern, die darinnen liegt, daß eben der Mensch solches Bedürfnis empfinder, und wir haben ja im Laufe unserer anthroposophischen Betrachtungen wirklich diese Frage von den verschiedensten Seiten her ins Auge gefaßt. Uns ist ja bekannt, daß die eine oder die andere Begriffsreihe, die eine oder die andere Summe von Vorstellungen ebensowenig die geistige Wirklichkeit erschöpfen, wie das Bild eines Baumes, das photographisch von einer Seite her aufgenommen wird, die ganze Form dieses Baumes erschöpfen kann, und so können wir nur hoffen, durch die Betrachtungen von den verschiedensten Seiten her, an das heranzukommen, was wir die Wirklichkeit auf dem Gebiete des geistigen Lebens nennen können.
[ 1 ] Time and again—and quite rightly so—the question is asked: How can one even come close to the Christ impulse, the Christ being? —or the question is posed in some other form. One can approach the great question—which lies in the very fact that human beings feel such a need—in various ways, and indeed, in the course of our anthroposophical reflections, we have truly examined this question from a wide variety of angles. We know, of course, that no single set of concepts or collection of ideas can exhaust spiritual reality any more than a photograph of a tree taken from one side can capture the tree’s entire form, and so we can only hope, through considerations from the most diverse angles, to approach what we might call reality in the realm of spiritual life.
[ 2 ] Vor allen Dingen muß sich jeder darüber klar sein, daß das Auffinden des Christus etwas Intimes ist, und wir wissen ja, wie es zusammenhängt mit der Natur des menschlichen Ich. Wir wissen, daß diese Natur des menschlichen Ich schon in der Sprache dadurch sich ausdrückt, daß wir jedes andere Wort so anwenden können, daß wir etwas anderes damit bezeichnen können, niemals aber das Wort Ich so aussprechen können, daß es sich auf irgend etwas bezieht, was außer uns ist. Die innige Verbindung des durch Christus Wesenhaften mit diesem Ich, gibt für uns Menschen diesem Christus-Wesenhaften einen so intimen Charakter als das Ich selbst für uns hat. Deshalb sind alle die Betrachtungen, alle die Gefühlsimpulse, alle die sonstigen inneren Kräfte, welche wir in uns rege machen, wenn es sich um das ChristusProblem handelt, eben Wege zu dem Christus. Und hoffen können wir, und hoffen müssen wir, daß wir den Christus finden durch solche Betrachtungen, solche Empfindungen, Willensimpulse und dergleichen. Insbesondere ist es aber für die Gegenwart von ganz besonderer Wichtigkeit, den historischen Entwickelungsgang der Menschheit ins Auge zu fassen, auch bezüglich der Christus-Idee. Wir stehen in einem bedeutungsvollen historischen Augenblick, in einem so bedeutungsvollen historischen Augenblick, daß die Bedeutung vielleicht noch wenigen Menschen in ihrer vollen Tragweite aufgegangen ist. Schon darum geziemt es unserer Zeit, das historische Werden der Menschheit nicht außer acht zu lassen, wenn es sich um Wichtigstes handelt.
[ 2 ] Above all, everyone must realize that finding Christ is an intimate matter, and we know, after all, how it is connected to the nature of the human “I.” We know that this nature of the human “I” is already expressed in language in such a way that we can use any other word to denote something else, but we can never utter the word “I” in a way that refers to anything outside of ourselves. The intimate connection between the Christ-essence and this “I” gives this Christ-essence, for us human beings, a character as intimate as that of the “I” itself. Therefore, all the reflections, all the emotional impulses, and all the other inner forces that we stir within ourselves when dealing with the Christ-problem are precisely paths to the Christ. And we can hope—and indeed must hope—that we will find Christ through such reflections, such feelings, impulses of the will, and the like. In particular, however, it is of very special importance for the present to consider the historical course of human development, including with regard to the idea of Christ. We are standing at a momentous historical juncture—one so momentous that perhaps only a few people have yet grasped its full significance. For this reason alone, it is fitting for our time not to disregard the historical development of humanity when dealing with matters of the utmost importance.
[ 3 ] Nun wissen wir, daß das Werden der Menschenseele, der ganze Inhalt der Menschenseele ein anderer war vor dem Mysterium von Golgatha, daß er ein anderer ist nach demselben, und wir haben auch in der verschiedenen Weise geschildert, wie dieses Anderssein sich verhält. In der Zeit, in der noch mehr Gefühl in der Menschheit für die Bedeutung geistigen Erkennens vorhanden war, man kann sagen vor fünfzig bis sechzig Jahren, da haben auch mehr Menschen noch an den höchsten Problemen gerührt, und man findet immer wieder und wieder, wie in der Zeit vor fünfzig bis sechzig Jahren die Hinneigungen der Menschen, große Probleme in ihrer eigentlichen Tiefe aufzufassen, verschwinden. Wenn wir zum Beispiel die Schriften eines Seelenforschers wie Fortlage, der bis in die sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinein gewirkt hat, in dieHand nehmen, so finden wir noch eine merkwürdige Charakteristik des menschlichen Bewußtseins bei Fortlage, dem Psychologen, der in Jena und an anderen Stätten wirkte. Eine Definition des Bewußtseins erfahren wir bei ihm, welche, ich möchte sagen, die heutigen Philosophen schon sehr tadelnswert finden.
[ 3 ] We now know that the development of the human soul—the entire content of the human soul—was different before the Mystery of Golgotha, that it is different after it, and we have also described in various ways how this difference manifests itself. In the time when there was still a greater sense among humanity of the significance of spiritual knowledge—one might say fifty to sixty years ago—more people were still grappling with the highest problems, and time and again we see how, in the period fifty to sixty years ago, people’s inclination to grasp great problems in their true depth has disappeared. If, for example, we take up the writings of a psychologist such as Fortlage, who was active well into the 1860s, we still find a remarkable characterization of human consciousness in Fortlage, the psychologist who worked in Jena and elsewhere. He offers a definition of consciousness which, I would say, today’s philosophers already find highly reprehensible.
[ 4 ] Er sagt nämlich einmal, es war 1869, das menschliche Bewußtsein sei verwandt. mit dem Tode, mit Sterben, und indem wir im Laufe des Lebens Bewußtsein entwickeln, entwickeln wir eigentlich in uns — langsam, nacheinander — die Kräfte, welche im Augenblicke des Todes auf einmal an uns herantreten. So ist für Fortlage der Augenblick des Sterbens ein unendlich vervielfältigter Bewußtseinsakt. Das Bewußtsein ist für ihn, man könnte sagen, ein langsames Leben vom Sterben. Nicht das Leben ist ein Leben vom Sterben, aber das Bewußtsein im Menschen ist ein Leben vom Sterben, und der Tod ist ein in einem Moment zusammengedrängtes Bewußtsein.
[ 4 ] He once said—it was in 1869—that human consciousness is related to death, to dying, and that as we develop consciousness over the course of our lives, we are actually developing within ourselves—slowly, one after another—the powers that suddenly come upon us at the moment of death. Thus, for him, the moment of dying is an infinitely multiplied act of consciousness. Consciousness is for him, one might say, a slow life of dying. It is not life that is a life of dying, but consciousness in human beings is a life of dying, and death is consciousness condensed into a single moment.
[ 5 ] Es ist dies eine ungeheuer bedeutsame Bemerkung eines Psychologen. Es ist eine Bemerkung, wie gesagt, die der heutige Philosoph als unwissenschaftlich schon tadelt. Das ist ja auch geschehen.
[ 5 ] This is an immensely significant observation by a psychologist. It is an observation, as I said, that today’s philosophers already criticize as unscientific. And that is indeed what has happened.
[ 6 ] Nun kann man sagen: so bedeutsam diese Bemerkung für die Verhältnisse des heutigen menschlichen Seelenlebens, des Bewußtseinslebens ist, ganz richtig ist sie nicht für jede Zeit der menschlichen Seelenentwickelung. Das ist wieder außerordentlich wichtig. Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha hätte man so bei einer tieferen Erkenntnis nicht sprechen können. Unser heutiges Bewußtsein, das im gewöhnlichen Leben jeder früher vorhandenen atavistischen Hellseherkraft bar ist, lebt wirklich noch vom langsamen Sterben. Nicht so aber war es bei dem gegen das Mysterium von Golgatha allmählich hinschwindenden atavistischen Hellseherbewußtsein der alten Zeit. Obwohl natürlich Worte in solchem Falle immer sehr wenig das Richtige ausdrücken, so möchte man doch sagen: Dieses alte Bewußtsein war ein Überschuß von geistigem Leben über das organische Menschenleben, während wir uns jetzt in einem Überschusse des organischen Menschenlebens, das dem Sterben entgegengeht, über das geistige Leben befinden. Jetzt haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, wenn wir des Morgens beim Aufwachen in ihn zurückkommen; und dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, kommen wir dazu, Bewußtsein zu entwickeln, in dem Sinne, wie das heutige Gegenstandsbewußtsein ist. Anders war das, wie gesagt, bei den alten Leuten vor dem Mysterium von Golgatha. Sie hatten einen Überschuß des geistigen Lebens. Der ging nicht ganz auf, wenn sie des Morgens in den physischen Leib zurückkehrten, und dieser Überschuß drückte sich in ihrem atavistischen Hellsehen aus. Aber gegen das Mysterium von Golgatha zu wurde dieser Überschuß immer weniger und weniger, und in der Zeit des Mysteriums von Golgatha war für die Mehrzahl der Menschen ein Gleichgewicht vorhanden zwischen dem seelischen inneren Leben und dem organischen Leben des Leibes. Und dann nahm das organische Leben des Leibes überhand. Man möchte sagen: die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha wußten durch die Geburt, die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha wissen durch den Tod. Dadurch sehen wir auch wiederum, welch ein bedeutsamer Einschnitt in die Menschenentwickelung das Mysterium von Golgatha eigentlich ist.
[ 6 ] Now one might say: as significant as this remark is for the conditions of today’s human soul life—the life of consciousness—it is not entirely accurate for every stage of human soul development. This, too, is extraordinarily important. Thousands of years before the Mystery of Golgotha, one could not have spoken in this way with a deeper understanding. Our present-day consciousness, which in ordinary life is devoid of any atavistic clairvoyant power that once existed, truly still lives on the slow process of dying. But this was not the case with the atavistic clairvoyant consciousness of ancient times, which gradually faded away in the run-up to the Mystery of Golgotha. Although, of course, words can always express very little of the truth in such cases, one might nevertheless say: This ancient consciousness was an excess of spiritual life over organic human life, whereas we now find ourselves in a situation where organic human life—which is heading toward death—exceeds spiritual life. Now our consciousness arises from the fact that we are overwhelmed by the mortal body when we return to it in the morning upon waking; and because we are overwhelmed by the mortal body, we come to develop consciousness in the sense of today’s object-oriented consciousness. As I said, it was different for the ancient people before the Mystery of Golgotha. They had a surplus of spiritual life. This surplus was not entirely absorbed when they returned to the physical body in the morning, and it expressed itself in their atavistic clairvoyance. But as the Mystery of Golgotha approached, this surplus became less and less, and at the time of the Mystery of Golgotha, a balance existed for the majority of people between their inner soul life and the organic life of the body. And then the organic life of the body began to take over. One might say: people before the Mystery of Golgotha knew through birth; people after the Mystery of Golgotha know through death. This shows us once again what a significant turning point the Mystery of Golgotha actually is in human development.
[ 7 ] Nun geschah das Abnehmen des alten Hellseherbewußtseins, des bewußten Lebens vom Geborenwerden. Langsam und allmählich schwanden dem Menschen die seelischen Inhalte von einer geistigen Welt hin. Und eine Zeit kam, die fast ein Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha währte, in der eigentlich nur diejenigen noch etwas von der geistigen Welt erfahren konnten, von der früher alle erfahren hatten, die in die Mysterien eingeweiht waren. Daraus kann man verstehen, was in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» angeführt wurde, daß Plato, der von diesem Geheimnis wußte, die Bemerkung macht: Nur diejenigen Menschen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, sind im eigentlichen Sinne Menschen; die anderen leben mit ihren Seelen im Schlamm. — Eine eigentlich höchst grausame Bemerkung, die aber auf das zurückgeht, was ich jetzt ausgesprochen habe, und es entspricht nicht einer Willkür, sondern durchaus einer Notwendigkeit der menschlichen Entwickelung.
[ 7 ] Now came the decline of the old clairvoyant consciousness, of conscious life from the moment of birth. Slowly and gradually, the spiritual contents of a spiritual world faded from human consciousness. And a time came—lasting nearly a millennium before the Mystery of Golgotha—in which, in fact, only those who had been initiated into the Mysteries could still experience anything of the spiritual world that everyone had once experienced. From this one can understand what was stated in my work *Christianity as a Mystical Fact*—that Plato, who knew of this mystery, remarked: Only those people who are initiated into the mysteries are human beings in the true sense; the others live with their souls in the mud. — A remark that is actually extremely cruel, but which stems from what I have just stated, and it does not stem from arbitrariness, but rather from a necessity of human development.
[ 8 ] Nun stellen wir uns einmal für einen Augenblick vor, was dann geworden wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Wäre es nicht gekommen, so wäre die Entwickelung zunächst in derselben Weise fortgegangen; das heißt, es wären in der Außenwelt immer mehr und mehr Menschen gewesen, denen aller unmittelbare Zusammenhang mit der geistigen Welt hingeschwunden wäre, und zuletzt wäre es dahin gekommen, daß die Menschen überhaupt nicht mehr geisterfüllt, sondern nur Larven, nur eigentlich organische, ätherische und dergleichen Gliederungen wären. Wir wären längst in der Zeit, in _ welcher die Seelen der Menschen nicht fähig wären, in Leibern wirklich zu leben, wir wären längst in der Zeit, in welcher die Seelen nur in der geistigen Welt über ihren Leibern schwebten; wir wären längst in der Zeit, in der nur mehr möglich wäre, daß weiterentwickelte Seelen aus früheren Zeiten inspirierend von oben herunter in die Menschheit hineinwirkten. Nur dadurch könnte in dem Menschen noch ein Bewußtsein von der geistigen Welt auftreten, daß einzelne in den Mysterien inspiriert würden. Der Menschengeist würde selber gar nicht auf der Erde wohnen. Mysterienstätten wären diejenigen Stätten, in denen Inspirationen eintreten würden; nur würde Ahriman immer dagegen kämpfen, würde gegen die Inspirationen kämpfen, er würde immer die Menschenlarven abhalten, im Sinne der Inspirationen zu handeln beziehungsweise er würde die Absichten, welche ihnen inspiriert würden, ins Gegenteil verkehren.
[ 8 ] Now let us imagine for a moment what would have happened if the Mystery of Golgotha had not taken place. Had it not taken place, evolution would initially have continued in the same way; that is to say, there would have been more and more people in the outer world for whom all direct connection with the spiritual world would have faded away, and ultimately it would have come to pass that human beings would no longer be spirit-filled at all, but would merely be larvae—merely organic, etheric, and similar structures. We would long since have reached the time when human souls would be incapable of truly living in bodies; we would long since have reached the time when souls would merely hover above their bodies in the spiritual world; we would long since have reached the time when it would only be possible for more highly developed souls from earlier times to work inspiringly down into humanity from above. Only through this—by individuals being inspired within the Mysteries—could a consciousness of the spiritual world still arise in human beings. The human spirit itself would not dwell on Earth at all. Mystery sites would be the places where inspiration would occur; but Ahriman would always fight against this, would fight against the inspirations; he would always prevent human beings from acting in accordance with the inspirations, or rather, he would turn the intentions inspired in them into their opposites.
[ 9 ] Daher mußte es möglich gemacht werden, daß die menschliche Seele in dem menschlichen Leibe, der durch die Geburt entsteht und durch den Tod vergeht, wiederum, im allgemeinen, wohnen kann, weil dieser menschliche Leib in seinem Leben, das dem Tode entgegengeht, das schwächer gewordene Leben der Seele überwindet. Das wurde nur dadurch möglich, daß ein Wesen aus der geistigen Welt, eben das ChristusWesen, sich mit den irdischen Kräften verband, die jetzt für das Menschenbewußtsein die herrschenden wurden. Mit welchen Kräften also? Gerade mit den Kräften, von welchen man jetzt das Bewußtsein hat: mit den Todeskräften! Denken Sie, wie umfassend dadurch der Rosenkreuzer-Ausspruch wird: In Christo morimur, in Christus sterben wir! Er drückt ja gewissermaßen unser ganzes Wesen aus, er drückt dasjenige aus, was durch das Mysterium von Golgatha in die Entwickelung der Menschheit hineingekommen ist, was sich mit den todbringenden Kräften verbunden hat, damit diese todbringenden Kräfte das neuere Bewußtsein bilden können.
[ 9 ] Therefore, it had to be made possible for the human soul to dwell once again, in general, within the human body—which comes into being through birth and passes away through death—because this human body, in the course of its life as it approaches death, overcomes the soul’s weakened life. This became possible only because a being from the spiritual world—namely, the Christ Being—united with the earthly forces that have now become dominant in human consciousness. With which forces, then? Precisely with the forces of which we are now conscious: the forces of death! Consider how comprehensive the Rosicrucian saying becomes as a result: In Christo morimur, in Christ we die! It expresses, in a sense, our entire being; it expresses that which entered into the development of humanity through the Mystery of Golgotha, that which has united with the death-bringing forces so that these death-bringing forces might form the newer consciousness.
[ 10 ] Mit der Frage, wie es denn unter solchen Umständen komme, daß so viele Menschen auf der Erde den Christus noch nicht anerkennen, hangen so viele Geheimnisse zusammen und so tiefe Geheimnisse, daß darüber eben in der Gegenwart im allgemeinen noch nicht gesprochen werden kann. Aber richtig für die Menschheitsentwickelung ist dieses, was ich eben ausgesprochen habe.
[ 10 ] The question of how it is that, under such circumstances, so many people on Earth still do not recognize the Christ is linked to so many mysteries—and such profound mysteries—that it is generally not yet possible to speak about them at the present time. But what I have just said is true for the development of humanity.
[ 11 ] Denken Sie damit nun im Zusammenhange, wie das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat. Denken Sie damit im Zusammenhange, daß der Christus sich in dem Leibe des Jesus von Nazareth verkörpert hat, also in einem Leibe, der selbstverständlich dazumal denselben Bedingungen ausgesetzt war, denen die Leiber der Menschen überhaupt ausgesetzt waren. Nach den reinen Vererbungsmerkmalen war der Leib des Jesus von Nazareth denjenigen Bedingungen ausgesetzt, die sich allmählich dahin entwickelten, daß das Bewußtsein nun von dem Sterben des Leibes kommen soll. Was mußte denn geschehen, damit durch einen gewaltigen Ruck in die Entwickelung hinein ein entsprechender Impuls kam, als eine Kraft, die die Menschheitsentwickelung durchdrang von einem Bewußtsein, daß dem Tode verdankt ist zu leben? Es mußte das kommen, daß die Christus-Wesenheit, die drei Jahre hindurch in dem Leibe des Jesus von Nazareth lebte, diesem Leib etwas sagte, was aber nur im Augenblicke des Todes gesagt werden kann, denn nur im Augenblicke des Todes kann das alles zusammengedrängt werden, was Geheimnis des menschlichen Bewußtseins ist. Mußte also nicht, damit der gesamte Bewußtseinsimpuls, der da kommen mußte und in die Menschheit hineingedrängt werden konnte, mußte nicht der Christus den Jesus zum Sterben bringen? Das mußte er! Und wann sind wir selbst in jenem Augenblick, in dem wir hoffen können auf ein zusammengedrängtes Verständnis des Christus? Wir sind es in dem Augenblicke des Sterbens! Denn da sind alle diejenigen Kräfte im Augenblicke vorhanden, von denen unser Bewußtsein das ganze Leben hindurch erhalten wird. Im Moment des Sterbens sind wir geeignet, dasjenige aufzunehmen, was im Grunde genommen das Geheimnis unseres Bewußtseins ist, und damit aufzunehmen den Christus-Impuls. Wir bereiten uns also eigentlich, indem wir Verständnis, Gefühl und Empfindung suchen für den Christus-Impuls, zur Aufnahme des Christus-Impulses vor. Verständnis desjenigen, was uns im Tode trifft, können wir aber nur haben, wenn das Organ unseres Verständnisses befreit ist, das heißt, der Moment des Todes gibt uns zwar die Bedingungen, uns mit dem Christus zu vereinigen, aber erst wenn wir vom ätherischen Leibe befreit sind, ist auch unser Ich und unser astralischer Leib, welche die Verständnisorganisationen dazu sind, geeignet zu schauen, was sich da mit uns vereinigt hat.
[ 11 ] Consider this in the context of how the Mystery of Golgotha unfolded. Consider this in connection with the fact that Christ incarnated in the body of Jesus of Nazareth—that is, in a body that was, of course, subject at that time to the same conditions to which human bodies in general were subject. According to the laws of heredity alone, the body of Jesus of Nazareth was subject to conditions that gradually developed to the point where consciousness was now to arise from the death of the body. What, then, had to happen so that a corresponding impulse—a force that permeated human evolution—might arise through a powerful jolt in the course of development, stemming from a consciousness that owes its existence to death? It was necessary for the Christ Being, who lived in the body of Jesus of Nazareth for three years, to say something to that body—something that can only be said at the moment of death, for only at the moment of death can everything that constitutes the mystery of human consciousness be condensed into a single moment. So, in order for the entire impulse of consciousness—which had to come and be instilled into humanity—to be realized, did Christ not have to bring Jesus to his death? He had to! And when are we ourselves in that very moment in which we can hope for a concentrated understanding of Christ? We are in it at the moment of dying! For at that moment all those forces are present from which our consciousness will be sustained throughout our entire life. At the moment of death, we are capable of receiving what is, in essence, the mystery of our consciousness—and thereby receiving the Christ impulse. Thus, by seeking understanding, feeling, and sensation for the Christ impulse, we are actually preparing ourselves to receive the Christ impulse. However, we can only gain an understanding of what befalls us in death if the organ of our understanding is liberated; that is to say, while the moment of death provides us with the conditions to unite with Christ, it is only when we are freed from the etheric body that our “I” and our astral body—which are the organs of understanding—are capable of perceiving what has united with us.
[ 12 ] Damit nun auch die Bedingungen geschaffen wurden, daß das so sein könne, mußte noch etwas anderes im Mysterium von Golgatha eintreten. Nachdem gewissermaßen der Christus dem Jesus im Sterben auf Golgatha das Geheimnis des kommenden menschlichen Bewußtseins anvertraut hatte, mußte die gewaltige Tatsache eintreten, daß der Jesus, der den Christus enthielt, sich zu einem neuen Leben erhob aus jener Kraft heraus, die der Tod ist, das heißt, es mußte die Auferstehung eintreten, damit wir die Auferstehung dann verstehen können, wenn einige Tage nach dem Tode unser Ätherleib im Sinne unserer anthroposophischen Wissenschaft sich von uns ablöst. In diesem inneren Vorgange des Sterbens, des Sichablösens des ätherischen Leibes einige Tage nach dem Tode, leben wir nach in einer gewissen Weise das Mysterium von Golgatha. Denn das mußte ja sein, daß aus dem Tode Leben, nämlich Bewußtsein hervorkam. Aber dieses Bewußtsein mußte selbst leben, also aus dem Tode mußte Leben entstehen. Das war vor dem Mysterium von Golgatha nicht gewesen. Nur aus.dem Leben war vorher Leben entstanden. Man brauchte früher nicht zu verstehen, wie aus dem Tode Leben hervorgeht, sondern man brauchte nur zu verstehen, wie aus dem Leben Leben hervorgeht. Daher — das ist wiederum einer von den vielen Gesichtspunkten, durch die wir uns diesen Geheimnissen nähern — nahm das Christentum seinen Ursprung von der Auferstehung und darum ist kein sich so nennendes Christentum ein wirkliches Christentum, das nicht den Auferstehungsgedanken in all seiner Lebendigkeit voll durchdringt: daß der Christus, der in die Todeskräfte einzieht, ein Lebendiger ist! Das muß verstanden werden. Alles übrige gibt kein wahres Verständnis des Christentums, und ein neueres Christentum, das ohne den Auferstehungsgedanken auskommen will, ist kein Christentum. Auch die Begleiterscheinungen sind solche, welche sich in harmonischer Weise an das anschließen, was eben in bezug auf das Mysterium von Golgatha gesagt worden ist. Was die Menschheit brauchte, war Tod und Auferstehung.
[ 12 ] In order for the conditions to be created so that this could come to pass, something else had to occur within the Mystery of Golgotha. After Christ, so to speak, had entrusted to Jesus—as he lay dying on Golgotha—the mystery of the coming human consciousness, the momentous event had to occur in which Jesus, who contained Christ, rose to a new life out of that power which is death; that is to say, the Resurrection had to take place so that we might understand the Resurrection when, a few days after death, our etheric body—in the sense of our anthroposophical science—separates from us. In this inner process of dying, of the separation of the etheric body a few days after death, we relive, in a certain sense, the Mystery of Golgotha. For it was necessary that life—namely, consciousness—should emerge from death. But this consciousness itself had to live; thus, life had to arise from death. This had not been the case before the Mystery of Golgotha. Previously, life had arisen only from life. In the past, it was not necessary to understand how life arises from death; rather, it was only necessary to understand how life arises from life. Therefore—and this is yet another of the many perspectives through which we approach these mysteries—Christianity took its origin in the Resurrection; and for this reason, no Christianity that calls itself such is a true Christianity unless it is fully permeated by the idea of the Resurrection in all its vitality: that Christ, who enters into the forces of death, is a living being! This must be understood. Anything else fails to provide a true understanding of Christianity, and a modern form of Christianity that seeks to do without the idea of the Resurrection is not Christianity. The accompanying phenomena, too, are such that they harmoniously follow on from what has just been said regarding the Mystery of Golgotha. What humanity needed was death and resurrection.
[ 13 ] Nun bleibt aber unter denjenigen Gedanken, die man an das Mysterium von Golgatha anknüpfen kann, immer der Todesgedanke des Christus Jesus ein sehr, sehr fraglicher Gedanke, aus dem einfachen Grunde — ich habe ihn schon öfter hier angedeutet —, weil auf der einen Seite der Mensch eigentlich gezwungen ist, die Tatsache zu verurteilen, daß sich Menschen gefunden haben, die den Unschuldigen zu Tode brachten, und weil auf der anderen Seite wieder das vorliegt, daß, wenn dieser Tod nicht eingetreten wäre, die ganze Wohltat des Christentums nicht da wäre. Also durch ein Verbrechen ist die Wohltat des Christentums gekommen. Dieser fragwürdige Gedanke drängt sich ja immer mehr und mehr den Menschen auf. Sagen müssen sich die Menschen: hätte es damals diejenigen nicht gegeben, die damals so verbrecherisch waren, den Christus zu töten, dann gäbe es das Christentum nicht. Aber das Christentum will man doch haben.
[ 13 ] However, among the ideas that can be linked to the Mystery of Golgotha, the idea of the death of Christ Jesus remains a very, very questionable one, for the simple reason — as I have already hinted at here on several occasions — that, on the one hand, one is actually compelled to condemn the fact that there were people who put the innocent one to death, and, on the other hand, the fact remains that if this death had not occurred, the entire benefit of Christianity would not exist. So the benefits of Christianity came about through a crime. This questionable idea is indeed imposing itself more and more on people. People must ask themselves: if there had not been those who were so criminal as to kill Christ back then, Christianity would not exist. But people do want Christianity, after all.
[ 14 ] Da liegt eben einer derjenigen Punkte vor, wo man an das appellieren muß, was ich in einer der letzten Betrachtungen die Notwendigkeit, die eherne Notwendigkeit genannt habe. Der Mensch denkt in seinem Erdenleben nach seinen Gedanken. Er richtet nach seinen Gedanken die soziale Struktur des Lebens ein. Was wir als Volks-, Staats- und so weiter -einrichtungen haben, ist ja der menschliche Gedanke. Wir leben so, wie es die Menschen gemacht haben, ganz selbstverständlich, und unbeschadet dessen, daß die menschlichen Gedanken, nach denen die soziale Struktur bewirkt wird, entweder von Gott oder von dem Teufel kommen können. Im allgemeinen aber blicken wir zurück in sehr weit hinter dem Mysterium von Golgatha zurückliegende Zeiten. Daher wird es ohne weiteres einleuchten, daß in jenen alten Zeiten die Menschen durch ihr atavistisches Hellsehen auch die Gedankeneingebungen zur Herstellung der sozialen Struktur empfangen haben, daß aber gerade aus den heute auseinandergesetzten Gesichtspunkten die Menschen in der Hinentwickelung zu dem Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr Larven geworden sind, und dadurch den ahrimanischen Einflüssen immer zugänglicher wurden. Daher hat notwendigerweise in den Einrichtungen des Lebens immer mehr und mehr ahrimanisches da sein können. Es mußte zum Beispiel eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens kommen, wie wir sie jetzt haben, und es mußte sich gerade eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens, das ganz ahrimanisch durchsetzt war, an einem Erdenpunkte, ich möchte sagen, konzentrieren. Nicht überall, aber an einem Erdenpunkte konzentrierte sich das ganze ahrimanische Durchdringen der sozialen Struktur. Die Folge davon war, daß für diese soziale Struktur der Gegensatz, der göttliche Gegensatz des Hereinkommens eines Göttlichen nicht das Liebenswerteste, sondern das Hassenswerteste war, das, was ausgeschieden werden mußte. Das ist eine Begleiterscheinung, die notwendig damit verknüpft ist.
[ 14 ] This is precisely one of those points where we must appeal to what I called, in one of my recent reflections, the necessity—the ironclad necessity. In their earthly lives, people think according to their own thoughts. They organize the social structure of life according to their thoughts. What we have in the form of national, state, and other institutions is, after all, human thought. We live as human beings have arranged things, quite naturally, and regardless of the fact that the human thoughts according to which the social structure is brought about may come either from God or from the devil. In general, however, we look back to times lying far beyond the Mystery of Golgotha. It will therefore readily become clear that in those ancient times, through their atavistic clairvoyance, people also received the thought-inspirations for the creation of the social structure; but that, precisely from the perspectives discussed today, people—in their development leading up to the Mystery of Golgotha—became more and more like larvae, and thereby became increasingly susceptible to Ahrimanic influences. Consequently, Ahrimanic elements have necessarily been able to permeate the institutions of life more and more. For example, a conception of legal life such as we have today was bound to emerge, and it was precisely such a conception of legal life—one thoroughly permeated by Ahriman—that had to concentrate, so to speak, at a single point on Earth. Not everywhere, but at one point on Earth, the entire Ahrimanic permeation of the social structure became concentrated. The consequence of this was that, for this social structure, the opposite—the divine opposite of the coming of the Divine—was not the most lovable thing, but rather the most hateful, that which had to be expelled. This is a concomitant phenomenon that is necessarily linked to it.
[ 15 ] In zweifacher Weise sehen wir diese soziale Struktur herankommen. Auf der einen Seite sehen wir, wie aus dem jüdischen Gesetz heraus sich Formen gebildet haben, die nicht begreifen konnten, daß das Göttliche so nahe an die Menschen herankäme, wie es in dem Christus Jesus herangekommen ist, so daß dieses Gesetz notwendigerweise das nahe herangekommene Göttliche ausscheiden mußte, so sehr war es ahrimanisch durchsetzt worden. Die Römer hinwieder, die auch ihren Anteil an dem Tode des Christus Jesus hatten, waren in bezug auf alles Äußere in sozialer Strukturbildung stark. Man kann sich nichts Stärkeres denken in bezug auf soziale Strukturbildung wie das, was das Imperium Romanum gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha schon zustandegebracht hatte. Aber wie ist Pilatus, der Vertreter der stärksten weltlichen Macht, im Augenblicke, da das Mysterium von Golgatha eintritt, gegenüber der geistigen Macht ein Schwächling! Denn als nichts anderes, denn als ein Schwächling erscheint hier Pilatus, der überhaupt keinen Standpunkt gewinnen kann gegenüber dem, was geschehen soll.
[ 15 ] We see this social structure emerging in two ways. On the one hand, we see how forms arose out of Jewish law that were incapable of comprehending that the Divine could draw so close to humanity as it did in Christ Jesus, so that this law was necessarily compelled to exclude the Divine that had drawn so near, so thoroughly had it been permeated by Ahrimanic forces. The Romans, on the other hand, who also played their part in the death of Christ Jesus, were strong in terms of all external aspects of social structure-building. One cannot imagine anything stronger in terms of social structure-building than what the Roman Empire had already achieved precisely at the time of the Mystery of Golgotha. But how weak Pilate—the representative of the strongest earthly power—appears in the face of spiritual power at the very moment the Mystery of Golgotha takes place! For Pilate appears here as nothing other than a weakling, utterly unable to take a stand against what is about to happen.
[ 16 ] So sehen wir, wie sich auch in den Begleiterscheinungen dieses Ereignisses das zeigt, was ich in einer der letzten Betrachtungen hier angeführt habe: Als das Mysterium von Golgatha herankam, war die Menschheit am wenigsten geeignet, es zu verstehen. Sie hätte es verstanden in alter Zeit. Als es herankam, war sie am wenigsten geeignet, es zu verstehen, und erst auf anderen Wegen muß das Verständnis für dieses Ereignis kommen. Es ist wichtig, daß man das völlig ins Auge faßt.
[ 16 ] Thus we see how what I mentioned in one of my recent reflections is also evident in the accompanying events of this occurrence: As the Mystery of Golgotha drew near, humanity was least prepared to understand it. It would have understood it in ancient times. When it drew near, humanity was least prepared to understand it, and understanding of this event must come only through other means. It is important to fully grasp this point.
[ 17 ] Nun denken Sie einmal, wenn man das Geheimnis über den Menschentod und über das Aufwachen des Menschen aus seinem astralischen Leib und dem Ich heraus ins Auge zu fassen versucht und es in nahe Beziehung zu bringen versucht zu dem Mysterium von Golgatha, wie man da diesem Mysterium von Golgatha selbst, in seinem ganzen Gefühlsleben nahekommen muß. Durch Gedanken, durch Empfindungen kommt man diesem Mysterium nahe, nicht durch das allgemeine leere Wort: ich will den Christus in mir haben, — sondern durch die konkrete Erfassung desjenigen, was die konkrete Christus-Erscheinung in der Erdenentwickelung zu unserem eigenen Leben ist. Nicht umsonst vergeht gerade zwischen dem Tode und der Auferstehung des Christus Jesus so viel Zeit, wie bei uns zwischen dem Verlassen des physischen Leibes und dem Verlassen des Ätherleibes. Da ist für den heutigen Menschen nach dem Mysterium von Golgatha ein inniges Band zwischen ihm und dem Christus-Leben auf der Erde. Der Christus ist auf die Erde gekommen — können wir jetzt mit einer noch größeren Gewißheit sagen — aus dem Grunde, damit der Mensch der Erde nicht verlorengehe. Larven wären die Menschen geworden, deren Seelen von oben herunter die Menschen dirigiert hätten, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Die Tode hätten allmählich die Menschen von der Erde weggebracht. Der Zusammenhang des Menschen mit der Erde wurde wiedergeschaffen durch das Mysterium von Golgatha. Die Möglichkeit des Bewußtseins, das aus dem Tode kommen muß, wurde geschaffen durch das Mysterium von Golgatha.
[ 17 ] Now consider this: when one attempts to grasp the mystery of human death and of the human being’s awakening from the astral body and the “I,” and tries to relate it closely to the Mystery of Golgotha, one must draw near to this Mystery of Golgotha itself, in all its emotional life. One approaches this mystery through thoughts and feelings, not through the general, empty phrase: “I want to have Christ within me”—but through a concrete grasp of what the concrete manifestation of Christ in Earth’s evolution means for our own lives. It is no coincidence that the period between the death and the Resurrection of Christ Jesus is just as long as the period between leaving the physical body and leaving the etheric body. For people today, following the Mystery of Golgotha, there is a deep bond between them and the life of Christ on Earth. Christ came to Earth—as we can now say with even greater certainty—so that humanity on Earth might not be lost. Human beings would have become mere shells, their souls directed from above, had the Mystery of Golgotha not taken place. Death would have gradually removed human beings from the Earth. Humanity’s connection to the Earth was reestablished through the Mystery of Golgotha. The possibility of consciousness—which must arise from death—was created through the Mystery of Golgotha.
[ 18 ] Diese Dinge kann man heute verstehen, sie ergeben sich heute schon aus der Betrachtung der geistigen Welt, und diese Dinge können heute etwas werden, was die Menschen in ihre Seelen aufnehmen, um ihr Gemüt zu vertiefen. Und man darf wirklich fragen: Wird denn nicht dieses Gemüt vertieft, wenn es sich in bezug auf wichtigste Lebensereignisse, die uns jede Stunde bevorstehen können, so innig verbunden weiß, nicht nur im allgemeinen mit etwas Christus-Genanntem, sondern mit etwas, was konkret auf der Erde gelebt und durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist? Wird denn nicht ein Strom erzeugt von unserem eigentlichen Seelenleben zu den historischen Ereignissen von Golgatha, wenn wir die Sache so betrachten?
[ 18 ] These things can be understood today; they already emerge from a contemplation of the spiritual world, and today they can become something that people take into their souls to deepen their inner lives. And one may truly ask: Is not this inner life deepened when, in relation to the most important events of life—which may confront us at any moment—it knows itself to be so intimately connected, not merely in a general sense with something called “Christ,” but with something that was concretely lived on earth and passed through the Mystery of Golgotha? Does this not create a flow from our very soul life to the historical events of Golgotha, when we view the matter in this way?
[ 19 ] Da ist es denn notwendig, die Krisis zu betrachten, in der wir in der Gegenwart stehen. Vor acht Tagen habe ich an einem besonderen Beispiele diese Krisis klarmachen wollen. Ich habe zeigen wollen, wie ein Mensch, der sich bestrebt, wieder in das Leben des Christentums hineinzukommen, alles mögliche sucht — aber den Christus gerade nicht. Man kann eben heute einer durchaus anerkannten, vielleicht auch einflußreichen, und in der nächsten Zeit noch viel einflußreicher werdenden christlichen Gemeinschaft angehören, ohne den Christus zu suchen. Das ist das, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft immer wieder und wieder betont werden muß. Und es muß weiter betont werden, daß es des heutigen Menschen Aufgabe ist, die inneren Kräfte der Seele nicht zu scheuen, um solche konkreten geisteswissenschaftlichen Gedanken zu finden. Es muß eine gewisse Kraft der Seele aufgewendet werden, um diese Gedanken innerlich lebendig zu machen. Aber ohne das Aufwenden dieser Kraft der Seele kommen wir nicht weiter, denn es liegt einfach in der Natur des gegenwärtigen Menschen, daß er eine solche Kraft anwende. Aber eine Kraft, die eigentlich angewendet werden soll und nicht angewendet wird, erzeugt etwas Krankhaftes. Nun wird man nicht nur aus einem Mangel krank, sondern man kann auch aus einem Überschuß krank werden. Zahlreiche Menschen, die heute schwach sind, sind in Wirklichkeit heute stark. Lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen: Zahlreiche dieser Menschen sind heute innerlich stark. Manche Menschen, die ganz schwach herumgehen, unbefriedigt in ihrer Seele und nicht wissen, wie sie, sagen wir, «in Harmonie mit dem Unendlichen» kommen sollen, sind eigentlich unterbewußt stark; aber weil sie das, was unterbewußt stark in ihnen ist, nicht ins Bewußtsein heraufbringen können, weil sie nicht wissen, was da unten kraftet und strebt, so nimmt dieses Unterbewußte verkehrte Wege und führt sie zur Haltlosigkeit. Geisteswissenschaft will nichts anderes als das Zum-Bewußtsein-Bringen desjenigen, was in dem gegenwärtigen Menschen streben und kraften will, was ins Bewußtsein heraufkommen will. Und ins Bewußtsein heraufkommen will vor allen Dingen ein richtiges Verständnis, ein genügendes Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Das tritt einem heute manchmal in merkwürdiger Art entgegen.
[ 19 ] It is therefore necessary to consider the crisis we are currently facing. Eight days ago, I sought to illustrate this crisis using a specific example. I wanted to show how a person who strives to reenter the life of Christianity seeks everything possible—but not Christ himself. It is indeed possible today to belong to a thoroughly recognized, perhaps even influential, and in the near future even more influential Christian community without seeking Christ. This is what must be emphasized again and again on the basis of spiritual science. And it must be further emphasized that it is the task of modern humanity not to shy away from the inner powers of the soul in order to discover such concrete spiritual-scientific ideas. A certain strength of the soul must be exerted to bring these ideas to life within. But without exerting this strength of the soul, we will not make any progress, for it is simply in the nature of modern human beings to exert such a strength. Yet a strength that is meant to be exerted but is not results in something pathological. Now, one does not become ill only from a deficiency; one can also become ill from an excess. Many people who are weak today are, in reality, strong today. Let me state this paradox: Many of these people are inwardly strong today. Some people who go about looking very weak, dissatisfied in their souls and not knowing how to, let’s say, “come into harmony with the Infinite,” are actually subconsciously strong; but because they cannot bring what is subconsciously strong within them into consciousness—because they do not know what is striving and working down there—this subconscious takes wrong turns and leads them into instability. Spiritual science seeks nothing other than to bring into consciousness that which strives and works within the human being of today—that which seeks to rise into consciousness. And above all, what seeks to rise into consciousness is a true understanding, a sufficient understanding of the Mystery of Golgotha. This sometimes presents itself to us today in a remarkable way.
[ 20 ] Ich habe schon hingewiesen auf der einen Seite auf die Notwendigkeit, solches Verständnis zu finden, wie ich es jetzt eben angedeutet habe, und auf der anderen Seite auf das Zurückbeben vor einem solchen Verständnis. Daß eine Sehnsucht vorhanden ist, das Geistige wieder zu finden, das heute nicht ohne das Verständnis für das Mysterium von Golgatha gefunden werden kann, das zeigt sich ja an sehr vielen Erscheinungen, und das wird auch genügend betont von allen möglichen, namentlich Schriftstellern, die aber von einem wirklichen Verständnis so weit wie nur irgend möglich entfernt sind. Und wir müssen uns auch bekannt machen mit dem, was man, ich möchte sagen, auf diesem Gebiete täglich sehen kann, wovon man täglich vernehmen kann, damit wir das Leben in der Gegenwart verstehen lernen. Auf der einen Seite muß es die Aufgabe desjenigen sein, welcher Interesse für die Geisteswissenschaft entwickelt, den Inhalt dessen, was sich aus dem Geiste heute mitteilen will, selbst zu erkennen und auf der anderen Seite auch das Leben, das sich heute vor dem Herankommen von Geisteswissenschaft scheut, kennenzulernen, es gerade da kennenzulernen, wo es in einer Pseudogestalt auftritt, wo es so auftritt, als ob ein Streben nach dem Geiste vorhanden wäre — es ist ja auch vorhanden, aber eben nur im Unterbewußtsein —, wo man aber doch die wirkliche Gestalt der Geisteswissenschaft nicht aufkommen lassen will. Deshalb halte ich nicht damit zurück, auf solche unmittelbaren Erscheinungen des heutigen Lebens hinzuweisen.
[ 20 ] I have already pointed out, on the one hand, the necessity of finding the kind of understanding I have just alluded to, and, on the other hand, the reluctance to embrace such an understanding. The fact that there is a longing to rediscover the spiritual—which today cannot be found without an understanding of the Mystery of Golgotha—is evident in many phenomena, and this is also sufficiently emphasized by all sorts of people, particularly writers, who are, however, as far removed from a true understanding as is humanly possible. And we must also familiarize ourselves with what, I would say, can be seen and heard daily in this realm, so that we may learn to understand life in the present. On the one hand, it must be the task of those who develop an interest in spiritual science to recognize for themselves the content of what the spirit seeks to communicate today; and on the other hand, to become acquainted with the life that today shies away from the approach of spiritual science, to get to know it precisely where it appears in a pseudo-form, where it appears as if there were a striving toward the spirit—which is indeed present, but only in the subconscious—yet where people do not want to allow the true form of spiritual science to emerge. That is why I do not hesitate to point out such immediate manifestations of contemporary life.
[ 21 ] Da ist mir wieder gerade aus der heutigen Zeit heraus ein Aufsatz vor Augen gekommen, in welchem jemand erzählt, wie er auf ein solches heutiges Streben hingewiesen worden ist. Ein Schriftsteller — es sind ja zumeist Schriftsteller, die heute schreiben — wurde von einem Herrn, den er gut kennt, darauf hingewiesen, daß er einmal, wie man heute sagt, Johannes Müller unbedingt hören müsse. Was Johannes Müller ist, meinte der betreffende Herr, müsse man heute unbedingt erleben. Und er erzählt nun weiter: Als jener Herr den Namen Johannes Müller ausgesprochen hatte, fügte er sogleich hinzu, daß Johannes Müller Leiter eines Seelensanatoriums sei und so etwas wie eine neue Religion, eine Ethik begründet habe, aber bei dem Worte Religion war er auch schon augenblicklich wieder irgendwo anders, und mit einem Satze befanden sie sich auf dem Gebiete der ausführlichsten Christologie. Mit ungeheurer Schnelligkeit entwickelte der betreffende Herr seine Auffassung vom Leben Jesu, von da ging es zur liberalen Theologie, zur Marburger Schule, Heidelberger Schule und so weiter, dann zu den Alexandrinern, zu den Links-Hegelianern und so weiter. Man erlebt ja auf diesem Gebiete heute die Torheiten vieler Menschen, die gerade für das Interesse haben, was in der heutigen Zeit auftaucht, und was sie dann bei einer solchen Gelegenheit alles möglichst in einer Viertelstunde abraspeln. Und mit dem Ergebnis dieser Unterredung, die so schnell ablief, daß, so meint der betreffende Schriftsteller, seines Wissens nur noch Kainz so schnell sprechen konnte, und der auch nur, wenn er nach einer Gastspielvorstellung noch den letzten Eilzug nach Berlin erreichen wollte, mit diesem Ergebnis ging er nun zu einem Vortrage von Johannes Müller. Es war ein Vortrag über den Zweck des Lebens.
[ 21 ] I’ve just come across an essay from the present day in which someone recounts how he was made aware of such a contemporary pursuit. A writer—it is, after all, mostly writers who write today—was told by a gentleman he knows well that he absolutely must hear Johannes Müller, as they say today. What Johannes Müller is, the gentleman in question said, is something one simply must experience today. And he goes on to say: As soon as that gentleman had uttered the name Johannes Müller, he immediately added that Johannes Müller was the director of a spiritual sanatorium and had founded something like a new religion, an ethic; but as soon as the word “religion” was uttered, his mind was already elsewhere, and in a single sentence they found themselves in the realm of the most detailed Christology. With tremendous speed, the gentleman in question expounded his view of the life of Jesus; from there, the conversation moved on to liberal theology, the Marburg School, the Heidelberg School, and so on, then to the Alexandrians, the Left Hegelians, and so on. One witnesses, after all, the follies of many people in this field today—those who are particularly interested in whatever is currently in vogue, and who then, on such an occasion, rattle off as much as possible in a quarter of an hour. And with the result of this conversation—which proceeded so quickly that, according to the writer in question, to his knowledge only Kainz could speak that fast, and even then only when he wanted to catch the last express train to Berlin after a guest performance—with this result, he then went to a lecture by Johannes Müller. It was a lecture on the purpose of life.
[ 22 ] Nun findet er, daß Johannes Müller über den Zweck des Lebens so gesprochen hat, wie man das von richtigen Heiligen hört: man solle sich opfern, man solle nicht für sich leben, solle für die Allgemeinheit leben und so weiter. Aber, so erzählt er weiter, eines sei ein Malheur gewesen. Er hatte sich nämlich nach dem Bericht des Herrn, der so schnell sprach, ein gewisses Bild gemacht. Hätte das Bild zugetroffen, meint er, so hätte er geglaubt, was Johannes Müller sagte. Aber das Bild hatte gar nicht zugetroffen; er schildert dieses Bild, das er in Johannes Müller fand, in der folgenden Weise, die ich Ihnen nicht vorenthalten will, denn es ist wirklich etwas, was einen gründlich auf die Art und Weise aufmerksam machen kann, wie gegenwärtig heute verfahren wird. Er sagt:
[ 22 ] Now he believes that Johannes Müller spoke about the purpose of life in the same way one hears true saints speak: that one should sacrifice oneself, that one should not live for oneself, but for the common good, and so on. But, he goes on to say, there was one mishap. According to the account of the gentleman who spoke so quickly, he had formed a certain image in his mind. Had that image been accurate, he says, he would have believed what Johannes Müller said. But that image did not correspond to reality at all; he describes this image he found in Johannes Müller in the following way, which I do not wish to withhold from you, for it is truly something that can thoroughly draw one’s attention to the way things are handled today. He says:
[ 23 ] «Auf das Podium trat jedoch ein mittelgroßer untersetzter Mann mit kurzem Hals, buschigem Schnurrbart, blühender Gesichtsfarbe, das Urbild eines kerngesunden deutschen Kleinstädters. Ich konnte während des ganzen Vortrages die Vorstellung nicht loswerden: dieser Mann würde einen prachtvollen Chef für eine große altrenommierte Nürnberger Spielwarenfabrik abgeben. Auch die Art, wie Johannes Müller mit dem Publikum verkehrt, stört dieses Bild durchaus nicht. Seine Redeweise ist klar, bestimmt, freundlich, ruhig und doch von starker innerer Anteilnahme getragen, er sagt alles in der verständlichsten Form und außerdem zwei- bis dreimal, er ruht nicht eher, als bis das, was er sagen will, restlos und eindeutig herausgekommen ist, er schweift nicht ab, spricht stets «zur Sache, ist von dem ehrlichsten und ernstesten Wunsche erfüllt, dem Guten zu dienen: kurz, aus solchen Persönlichkeiten müßte ein idealer deutscher Stadtrat zusammengesetzt sein. Und so verhält es sich auch mit den leitenden Hauptideen: was Johannes Müller vorbrachte, waren im Grunde genommen die Feiertagsgedanken des deutschen Bürgers.»
[ 23 ] “However, a man of medium height and stocky build took the stage—with a short neck, a bushy mustache, and a rosy complexion—the very epitome of a robust, healthy German small-town resident. Throughout the entire lecture, I couldn’t shake the thought that this man would make a splendid head of a large, long-established Nuremberg toy factory. Nor does the way Johannes Müller interacts with the audience detract from this image in the least. His manner of speaking is clear, decisive, friendly, calm, and yet driven by strong inner conviction; he says everything in the most understandable way—and repeats it two or three times; he does not rest until what he wants to say has come across completely and unambiguously; he does not digress, always speaks “to the point,” and is filled with the most sincere and earnest desire to serve the good: in short, an ideal German city council should be composed of such personalities. And the same is true of the guiding principles: what Johannes Müller put forward were, in essence, the festive sentiments of the German citizen.”
[ 24 ] Wie hat sich nun der Betreffende aber vorgestellt, daß der sein sollte, der auf das Podium tritt und vom Sich-Opfern, vom Aufgehen in der Allgemeinheit spricht? Das sagt er auch:
[ 24 ] But how did the person in question imagine that he would be the one to step onto the podium and speak of self-sacrifice and of becoming one with the collective? He says this as well:
[ 25 ] «Wenn dieser Johannes Müller — dessen Bild sich mir nun einmal so fest in den Kopf gesetzt hat, daß ich überzeugt bin: er muß dennoch irgendwo wirklich existieren — sein müdes blasses Haupt in die schmale weiße Hand gestützt und, mit seinen traurigen braunen Augen irgendwohin, ganz irgendwo andershin blickend, mit sanfter klarer Stimme gesagt hätte: Ja, meine verehrten Anwesenden, glauben Sie mir: der Sinn des Lebens ist das Opfer, dann hätte nicht bloß ich, dann hätte jedermann, zumindest in diesem Augenblick, sich dasselbe sagen müssen.»
[ 25 ] “If this Johannes Müller—whose image has become so firmly fixed in my mind that I am convinced he must truly exist somewhere—had rested his weary, pale head in his slender white hand and, gazing with his sad brown eyes off into the distance, somewhere else entirely, had said in a gentle, clear voice: ‘Yes, my esteemed audience, believe me: the meaning of life is sacrifice,’ then not only I, but everyone, at least in that moment, would have had to say the same thing to themselves.”
[ 26 ] Das heißt: dann hätte der Betreffende ihm geglaubt. Ganz interessant. Warum hätte der Betreffende ihm geglaubt? Aus einem sehr einfachen Grunde: Der Betreffende ist ja nicht so wie die anderen Zuhörer, er ist im heutigen Sinne ein kritischer Kopf, der also immerhin mit einer gewissen Schlauheit, oder wie man für dasselbe Ding heute besser sagt, mit einer gewissen Schläue, manches durchschaut. Und so sagt er sich: wäre ein Mann mit blassem Gesicht und hinschmelzendem Blick aus verinnerlichten Augen gekommen, so hätte der vom Opfer sprechen können; man hätte ihm geglaubt, weil man ihm angesehen hätte, daß Sich-Opfern für diesen Mann eigentlich gar kein Opfer ist, daß dies die Freude seines Lebens ist, daß es ihn freut, Opfer zu bringen. Bei Johannes Müller trat das aber selbstverständlich aus dem äußeren Aussehen nicht sogleich hervor. Denn eigentlich trat dem Betreffenden nur vor Augen: Ja, so wie nun der sich ausdrückt, wie der sich offenbart, so ist es ihm ganz gewiß kein Opfer, so zu sprechen, sondern es freut ihn erst recht, so zu sprechen, er tut ganz das, was ihm gerade Spaß macht. — Das ist trivial ausgedrückt, etwas paradox natürlich auch. Er aber benennt es anders. Er meint: Dieser Mann will eigentlich immer das tun, was seinem Ich entspricht, was seinem Ich Freude macht, aber das sagt er nicht; denn sonst müßte er den Leuten sagen: Der Sinn des Lebens ist, immer das zu tun, wozu der Impuls vorhanden ist, wozu man getrieben ist, kurz, er müßte immer so ähnlich reden wie Nietzsche. Das tut er aber nicht; sondern er sagt immer das Gegenteil von dem, was ihm an der Stirn geschrieben ist.
[ 26 ] In other words: the person in question would have believed him. Quite interesting. Why would the person in question have believed him? For a very simple reason: The person in question is not like the other listeners; he is, in today’s terms, a critical thinker who, with a certain shrewdness—or, as we’d say today, a certain cunning—sees through many things. And so he tells himself: if a man with a pale face and a melting gaze had emerged from deep within his eyes, he could have spoken of sacrifice; people would have believed him, because they would have seen that, for this man, self-sacrifice is not really a sacrifice at all—that it is the joy of his life, that he takes pleasure in making sacrifices. In Johannes Müller’s case, however, this was not immediately apparent from his outward appearance. For what actually occurred to the person in question was this: Yes, the way he now expresses himself, the way he reveals himself—it is certainly no sacrifice for him to speak this way; on the contrary, it delights him all the more to speak this way; he is doing exactly what he finds enjoyable at the moment. — That’s a trivial way of putting it, and somewhat paradoxical, of course. But he puts it differently. He means: This man actually always wants to do what corresponds to his ego, what gives his ego pleasure, but he doesn’t say that; for otherwise he would have to tell people: The meaning of life is to always do what one feels an impulse to do, what one is driven to do—in short, he would always have to speak in a manner similar to Nietzsche’s. But he doesn’t do that; instead, he always says the opposite of what is written on his forehead.
[ 27 ] Heute aber ist vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Fassen wir diesen Satz einmal in seiner ganzen Tiefe ins Auge: Es ist, sagte ich, vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Es ist ja ganz zweifellos, daß die, welche am wenigsten geneigt sind, irgendwie der Allgemeinheit sich anders hinzugeben, als es ihrem Ich entspricht, daß diese ganz besonders geneigt sind zu hören: Der Sinn des menschlichen Lebens ist, sich zu opfern, sich der Allgemeinheit hinzugeben. Man will etwas anderes hören, als was Wirklichkeit ist.
[ 27 ] Today, however, there is often a longing to hear the opposite of what one actually does. Let us consider this sentence in all its depth: There is, as I said, often a longing to hear the opposite of what one actually does. There is no doubt that those who are least inclined to devote themselves to the community in any way other than what corresponds to their own sense of self are particularly inclined to hear: “The meaning of human life is to sacrifice oneself, to devote oneself to the community.” People want to hear something other than what is reality.
[ 28 ] Was liegt denn da eigentlich vor?
[ 28 ] What exactly is this?
[ 29 ] Es ist schon so: Wer das Leben heute studiert, wer einen Sinn für das hat, was um uns herum vorgeht, der wird finden, wenn er darauf achtet, was die Menschen am liebsten sehen, am liebsten hören, daß sie eigentlich das vernehmen wollen, was nicht so ist, wie die innersten Impulse ihres Lebens. Man täuscht sich natürlich über diese Tatsache. Aber diese Tatsache ist die hervorstechendste für den, der im Leben der Gegenwart beobachten kann. Man will die Sensation des Gegenteils von dem, was eigentlich ist. Es ist allerdings heute nicht viel Verständnis vorhanden, um solche Dinge zu bemerken. Das muß man durchaus ins Auge fassen. Es gibt ja auch heute viele Mittel, um über ein scharfes Ins-Auge-Fassen einer Sache sich hinwegzuhelfen. Es könnte zum Beispiel jemand Johannes Müller hören, wie er sagt: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, — und er könnte fortgehen, in eine Gesellschaft, die sehr groß sein könnte, und dort sagen: Ich habe eben einen ausgezeichneten Redner gehört, der hat mir einen Satz gesagt, der mir ungemein einleuchtend ist, und nach dem ich mich durchaus verhalten will, den ich für die Allgemeinheit anerkennen werde: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, wie ich diesen Satz auffasse. — Durch einen solchen Zusatz ist es ja heute leicht, über manche scharfe Auffassung, welche die Wirklichkeit notwendig machen würde, sich hinwegzuhelfen, und die Menschheit ist heute sehr geneigt, auf derlei Dinge einzugehen. Aber dabei bleibt eben durchaus die Wahrheit bestehen, daß es heute für viele Menschen, für die Mehrzahl der Menschen, eine Sensation ist, etwas anderes zu hören als das, was Wirklichkeit ist. Woher kommt das?
[ 29 ] It is indeed true: Anyone who studies life today, anyone who has a sense of what is happening around us, will find—if they pay attention to what people most like to see and hear—that they actually want to perceive things that are not in line with the innermost impulses of their lives. Of course, people are mistaken about this fact. But this fact is the most striking one for anyone who can observe life in the present. People want the sensation of the opposite of what actually is. However, there isn’t much understanding today to notice such things. One must certainly take this into account. After all, there are many ways today to avoid having to face a matter squarely. For example, someone might hear Johannes Müller say, “The meaning of life consists in sacrificing oneself for the common good”—and then go off to a gathering, which could be very large, and say there: “I’ve just heard an excellent speaker who said something to me that makes perfect sense to me, and I intend to act accordingly—I will uphold this for the common good: The meaning of life lies in sacrificing oneself for the common good, as I understand this statement.” — With such an addition, it is indeed easy today to gloss over certain harsh truths that reality would necessitate, and humanity today is very inclined to go along with such things. But the truth remains that for many people today—for the majority of people—it is a sensation to hear something other than what reality is. Where does this come from?
[ 30 ] Es kommt von der Sehnsucht, von der wirklich heute vorhandenen Sehnsucht vieler Menschen her, nicht befriedigt zu sein in der äußeren Wirklichkeit, sondern etwas haben zu wollen, was nicht in dieser Wirklichkeit aufgeht. Die Menschen wollen schon etwas, was sich in der äußeren Wirklichkeit nicht erschöpft, es ist ein durchaus wahrer Impuls, über die äußere Wirklichkeit hinaus zu wollen. Dieser Impuls lebt sich nur nicht in der gesunden Weise aus, das Hereinragen der geistigen Welt anzuerkennen, denn die Leute wollen überall einen Ausweg. Dem Manne zum Beispiel, dessen Schreiberei ich Ihnen vorhin vorgeführt habe, paßt selbstverständlich — so kann man wohl voraussetzen — Johannes Müller immer noch mehr als die Geisteswissenschaft, aus dem einfachen Grunde, weil Johannes Müller immer sagt: Der Sinn des Lebens ist, sich der Allgemeinheit hinzuopfern — und da kann er nun darüber einen Aufsatz schreiben, um dann mit dem Satze zu schließen: «Was aber der große allgemeine Zweck des Gesamtlebens ist, das werden wir niemals erfahren, und es ist schließlich auch gar nicht notwendig, daß wir es erfahren.» Es bleibt also immer noch die Möglichkeit, «geistvoll», «weltmännisch» zu sein und ein Philister, ein richtiger, ganz gewöhnlicher Philister. Diese Möglichkeit bleibt da doch auf diese Weise vorhanden.
[ 30 ] It stems from a longing—a longing that truly exists today among many people—not to be satisfied with external reality, but to want something that is not encompassed by that reality. People do indeed want something that is not limited to external reality; it is a thoroughly genuine impulse to want to go beyond external reality. However, this impulse does not manifest itself in a healthy way—that is, by acknowledging the influence of the spiritual world—because people want a way out of everything. For the man, for example, whose writings I presented to you earlier, Johannes Müller naturally—as one might well assume—still appeals to him more than spiritual science, for the simple reason that Johannes Müller always says: The meaning of life is to sacrifice oneself for the common good—and so he can write an essay on this, only to conclude with the sentence: “But what the great general purpose of life as a whole is, we will never know, and ultimately it is not at all necessary for us to know it.” So the possibility still remains of being “spiritual,” “worldly,” and yet a philistine—a genuine, entirely ordinary philistine. This possibility does, after all, remain open in this way.
[ 31 ] Diese Möglichkeit bleibt aber nicht vorhanden, wenn man ein Verhältnis zu derjenigen Weltanschauung suchen soll, der gegenüber ein Satz wie der vom Aufgehen in der Allgemeinheit zur bloßen Phrase wird, wenn man in unserer Zeit das Hereinsprechen der geistigen Welt mit ihren Forderungen für die Gegenwart nicht verkennt. Die einzelne Seele wird finden, inwiefern sie selbst in ihrer Entwickelung vorwärtskommen soll, inwiefern sie sich aber auch der Allgemeinheit aufopfern soll an der Stelle, wo sie steht, wenn sie auf das hinhorcht, was die geistige Welt gerade in diesem Zeitpunkte von ihr will. Dann ist es nicht nötig, allgemeine Phrasen zu drechseln, dann ist es aber wohl nötig, jene Kraft in der Seele zu entwickeln, welche die konkreten geistigen Erscheinungen herbeiführt. Ein Satz wie der: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit zu opfern, — gegen dessen Richtigkeit selbstverständlich nichts eingewendet wird, der aber aus dem angeführten Grunde nie besonders fruchtbar werden kann, ein solcher Satz bleibt eben eine Phrase, wenn nicht das eintritt, daß wir die geistige Wirklichkeit heute in die physische Wirklichkeit hineinzutragen verstehen. Denn dazu hat sich das Mysterium von Golgatha vollzogen, daß aus dem Tode neues Leben sprießt, daß, mit anderen Worten, aus unserem jetzigen Bewußtsein heraus, welches todverwandt ist, der lebendige Geist geboren werde. Und in diesem lebendigen Geistgebären aus dem todverwandten Bewußtsein stehen wir dem Mysterium von Golgatha nahe. Aber da und dort treten eben doch schon allerlei Anzeichen auf, daß die Menschen die Notwendigkeit einzusehen beginnen, auf das Geisteswissenschaftliche hinzuhorchen. Wir leben in einer schweren Zeit, leben in einer Zeit der Fragen, in einer Zeit der Konflikte, und jeder fühlt, daß gesucht werden muß, aus diesen Konflikten herauszukommen. Aber in den Tiefen der Zeit liegt es begründet, daß aus diesen Konflikten in Wahrheit nur herausgekommen werden kann — alles übrige muß ein In-Schein-Herauskommen sein — durch die Erfassung des Geistes, weil jedes übrige nicht eine volle Wirklichkeit ist, wenn es den Geist nicht erfaßt.
[ 31 ] However, this possibility does not hold if one is to seek a relationship with that worldview in which a statement such as “melting into the universal” becomes a mere phrase—if, in our time, one does not fail to recognize the spiritual world’s call and its demands for the present. The individual soul will discover to what extent it should advance in its own development, and to what extent it should also sacrifice itself for the common good right where it stands, if it listens to what the spiritual world wants from it at this very moment. Then it is not necessary to spin general platitudes; rather, it is necessary to develop within the soul the power that brings about concrete spiritual manifestations. A statement such as: “The meaning of life consists in sacrificing oneself for the common good”—against the truth of which, of course, no objection is raised, but which, for the reason cited, can never be particularly fruitful—such a statement remains merely a phrase unless we are able to carry spiritual reality into physical reality today. For the Mystery of Golgotha was fulfilled precisely so that new life might spring from death—in other words, so that the living spirit might be born out of our present consciousness, which is akin to death. And in this act of giving birth to the living spirit from a consciousness akin to death, we draw near to the Mystery of Golgotha. But here and there, all manner of signs are already appearing that people are beginning to recognize the necessity of listening to spiritual science. We live in difficult times, in a time of questions, in a time of conflicts, and everyone feels that a way out of these conflicts must be sought. But it is rooted in the depths of time that, in truth, the only way to emerge from these conflicts—anything else must be merely an apparent emergence—is through the grasping of the spirit, because everything else is not a full reality if it does not grasp the spirit.
[ 32 ] Das Mysterium von Golgatha ist zuerst aus der unmittelbaren physischen Erfahrung heraus ergriffen worden. Ich habe das öfter dargestellt, wie die ersten Zeiten des Christentums von dem Christus sprachen, weil noch Leute da waren, welche den Christus gesehen hatten; wie dann wiederum von dem Christus gesprochen worden ist, weil Leute da waren, die solche gekannt hatten, die den Christus gesehen hatten. Ich habe auf konkrete Erscheinungen hingewiesen, wie zum Beispiel in der Sprache der ersten Apostel etwas nachlebte von der Sprache des Christus. So können wir finden, daß die erste ChristusErfahrung, welche die Menschheit gemacht hat, eine solche vom physischen Plane her war. Aber bis in unsere Tage herein ist das verglommen, und die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert war eine solche Zeit, in der eigentlich das Christus-Verständnis dahingegangen ist, so daß es ganz notwendig ist, daß heute derartige Erscheinungen hervortreten können wie die, auf welche ich das letzte Mal am Schlusse der Betrachtungen hingewiesen habe, die das Christentum suchen, aber gar nicht den Impuls in sich haben, den Christus selbst zu suchen. Und was heute geschieht, es geschieht zu gleicher Zeit als Ausdruck einer Krisis im Christus-Verständnis. Es ist wichtig, einzusehen, daß wir in der Zeit einer Krisis des Christus-Verständnisses leben, und ein neues Christus-Verständnis, das notwendig ist, kann auf keinem anderen Wege kommen als auf dem der geisteswissenschaftlichen Vertiefung. Vielleicht stürmen gerade ahrimanische Kräfte gegen diese geisteswissenschaftliche Vertiefung mit solcher Kraft an, weil sie so notwendig ist für die Gegenwart. Das aber kann nicht hindern, daß derjenige, der erkennt, was Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, gerade diese Aufgabe in Zusammenhang denkt mit den großen weltgeschichtlichen Aufgaben der Gegenwart. Die Lösung der großen Fragen der Gegenwart — es ist wirklich nicht eine einseitige Propaganda-Idee für die Geisteswissenschaft, wenn das ausgesprochen wird — muß schon eine solche sein, bei der aus der Erkenntnis des Lebens der Gegenwart folgt: Lösung der wichtigsten Tatfragen der Gegenwart ist nur möglich, wenn in diese Lösung die Erkenntnis der Geisteswissenschaft eingeflossen ist.
[ 32 ] The Mystery of Golgotha was first grasped through direct physical experience. I have often described how, in the early days of Christianity, people spoke of the Christ because there were still people alive who had seen him; and how, later on, people spoke of the Christ because there were those who had known people who had seen him. I have pointed to concrete manifestations, such as how, for example, something of the language of Christ lived on in the language of the first apostles. Thus we can see that the first experience of Christ that humanity had was one of a physical nature. But this has faded away right up to our own day, and the turn of the nineteenth to the twentieth century was a time when the understanding of Christ had essentially faded away, so that it is absolutely necessary today for phenomena such as those I referred to last time at the end of my reflections to emerge—phenomena that seek Christianity but lack the impulse to seek Christ himself. And what is happening today is happening at the same time as an expression of a crisis in the understanding of Christ. It is important to realize that we are living in a time of crisis in the understanding of Christ, and a new understanding of Christ—which is necessary—can come through no other means than that of deepening spiritual science. Perhaps Ahrimanic forces are attacking this deepening of spiritual science with such intensity precisely because it is so necessary for the present. But this cannot prevent those who recognize the task of spiritual science from viewing this very task in connection with the great tasks of world history in the present. The solution to the great questions of the present—and it is truly not a one-sided propaganda idea for spiritual science to say this—must be one in which it follows from an understanding of contemporary life that the most important practical questions of the present can only be resolved if the insights of spiritual science are incorporated into that solution.
