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Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

28 August 1917, Berlin

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Das Karma des Materialismus V

Das Karma des Materialismus V

[ 1 ] Es kommt immer wieder vor — und mit Recht —, daß gefragt wird: Wie kommt man dem Christus-Impuls, dem Christus-Wesen überhaupt nahe? — oder daß die Frage in irgendeiner anderen Form gestellt wird. Man kann sich in verschiedener Weise der großen Frage nähern, die darinnen liegt, daß eben der Mensch solches Bedürfnis empfinder, und wir haben ja im Laufe unserer anthroposophischen Betrachtungen wirklich diese Frage von den verschiedensten Seiten her ins Auge gefaßt. Uns ist ja bekannt, daß die eine oder die andere Begriffsreihe, die eine oder die andere Summe von Vorstellungen ebensowenig die geistige Wirklichkeit erschöpfen, wie das Bild eines Baumes, das photographisch von einer Seite her aufgenommen wird, die ganze Form dieses Baumes erschöpfen kann, und so können wir nur hoffen, durch die Betrachtungen von den verschiedensten Seiten her, an das heranzukommen, was wir die Wirklichkeit auf dem Gebiete des geistigen Lebens nennen können.

[ 1 ] Es kommt immer wieder vor — und mit Recht —, daß gefragt wird: Wie kommt man dem Christus-Impuls, dem Christus-Wesen überhaupt nahe? — oder daß die Frage in irgendeiner anderen Form gestellt wird. Man kann sich in verschiedener Weise der großen Frage nähern, die darinnen liegt, daß eben der Mensch solches Bedürfnis empfinder, und wir haben ja im Laufe unserer anthroposophischen Betrachtungen wirklich diese Frage von den verschiedensten Seiten her ins Auge gefaßt. Uns ist ja bekannt, daß die eine oder die andere Begriffsreihe, die eine oder die andere Summe von Vorstellungen ebensowenig die geistige Wirklichkeit erschöpfen, wie das Bild eines Baumes, das photographisch von einer Seite her aufgenommen wird, die ganze Form dieses Baumes erschöpfen kann, und so können wir nur hoffen, durch die Betrachtungen von den verschiedensten Seiten her, an das heranzukommen, was wir die Wirklichkeit auf dem Gebiete des geistigen Lebens nennen können.

[ 2 ] Vor allen Dingen muß sich jeder darüber klar sein, daß das Auffinden des Christus etwas Intimes ist, und wir wissen ja, wie es zusammenhängt mit der Natur des menschlichen Ich. Wir wissen, daß diese Natur des menschlichen Ich schon in der Sprache dadurch sich ausdrückt, daß wir jedes andere Wort so anwenden können, daß wir etwas anderes damit bezeichnen können, niemals aber das Wort Ich so aussprechen können, daß es sich auf irgend etwas bezieht, was außer uns ist. Die innige Verbindung des durch Christus Wesenhaften mit diesem Ich, gibt für uns Menschen diesem Christus-Wesenhaften einen so intimen Charakter als das Ich selbst für uns hat. Deshalb sind alle die Betrachtungen, alle die Gefühlsimpulse, alle die sonstigen inneren Kräfte, welche wir in uns rege machen, wenn es sich um das ChristusProblem handelt, eben Wege zu dem Christus. Und hoffen können wir, und hoffen müssen wir, daß wir den Christus finden durch solche Betrachtungen, solche Empfindungen, Willensimpulse und dergleichen. Insbesondere ist es aber für die Gegenwart von ganz besonderer Wichtigkeit, den historischen Entwickelungsgang der Menschheit ins Auge zu fassen, auch bezüglich der Christus-Idee. Wir stehen in einem bedeutungsvollen historischen Augenblick, in einem so bedeutungsvollen historischen Augenblick, daß die Bedeutung vielleicht noch wenigen Menschen in ihrer vollen Tragweite aufgegangen ist. Schon darum geziemt es unserer Zeit, das historische Werden der Menschheit nicht außer acht zu lassen, wenn es sich um Wichtigstes handelt.

[ 2 ] Vor allen Dingen muß sich jeder darüber klar sein, daß das Auffinden des Christus etwas Intimes ist, und wir wissen ja, wie es zusammenhängt mit der Natur des menschlichen Ich. Wir wissen, daß diese Natur des menschlichen Ich schon in der Sprache dadurch sich ausdrückt, daß wir jedes andere Wort so anwenden können, daß wir etwas anderes damit bezeichnen können, niemals aber das Wort Ich so aussprechen können, daß es sich auf irgend etwas bezieht, was außer uns ist. Die innige Verbindung des durch Christus Wesenhaften mit diesem Ich, gibt für uns Menschen diesem Christus-Wesenhaften einen so intimen Charakter als das Ich selbst für uns hat. Deshalb sind alle die Betrachtungen, alle die Gefühlsimpulse, alle die sonstigen inneren Kräfte, welche wir in uns rege machen, wenn es sich um das ChristusProblem handelt, eben Wege zu dem Christus. Und hoffen können wir, und hoffen müssen wir, daß wir den Christus finden durch solche Betrachtungen, solche Empfindungen, Willensimpulse und dergleichen. Insbesondere ist es aber für die Gegenwart von ganz besonderer Wichtigkeit, den historischen Entwickelungsgang der Menschheit ins Auge zu fassen, auch bezüglich der Christus-Idee. Wir stehen in einem bedeutungsvollen historischen Augenblick, in einem so bedeutungsvollen historischen Augenblick, daß die Bedeutung vielleicht noch wenigen Menschen in ihrer vollen Tragweite aufgegangen ist. Schon darum geziemt es unserer Zeit, das historische Werden der Menschheit nicht außer acht zu lassen, wenn es sich um Wichtigstes handelt.

[ 3 ] Nun wissen wir, daß das Werden der Menschenseele, der ganze Inhalt der Menschenseele ein anderer war vor dem Mysterium von Golgatha, daß er ein anderer ist nach demselben, und wir haben auch in der verschiedenen Weise geschildert, wie dieses Anderssein sich verhält. In der Zeit, in der noch mehr Gefühl in der Menschheit für die Bedeutung geistigen Erkennens vorhanden war, man kann sagen vor fünfzig bis sechzig Jahren, da haben auch mehr Menschen noch an den höchsten Problemen gerührt, und man findet immer wieder und wieder, wie in der Zeit vor fünfzig bis sechzig Jahren die Hinneigungen der Menschen, große Probleme in ihrer eigentlichen Tiefe aufzufassen, verschwinden. Wenn wir zum Beispiel die Schriften eines Seelenforschers wie Fortlage, der bis in die sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinein gewirkt hat, in dieHand nehmen, so finden wir noch eine merkwürdige Charakteristik des menschlichen Bewußtseins bei Fortlage, dem Psychologen, der in Jena und an anderen Stätten wirkte. Eine Definition des Bewußtseins erfahren wir bei ihm, welche, ich möchte sagen, die heutigen Philosophen schon sehr tadelnswert finden.

[ 3 ] Nun wissen wir, daß das Werden der Menschenseele, der ganze Inhalt der Menschenseele ein anderer war vor dem Mysterium von Golgatha, daß er ein anderer ist nach demselben, und wir haben auch in der verschiedenen Weise geschildert, wie dieses Anderssein sich verhält. In der Zeit, in der noch mehr Gefühl in der Menschheit für die Bedeutung geistigen Erkennens vorhanden war, man kann sagen vor fünfzig bis sechzig Jahren, da haben auch mehr Menschen noch an den höchsten Problemen gerührt, und man findet immer wieder und wieder, wie in der Zeit vor fünfzig bis sechzig Jahren die Hinneigungen der Menschen, große Probleme in ihrer eigentlichen Tiefe aufzufassen, verschwinden. Wenn wir zum Beispiel die Schriften eines Seelenforschers wie Fortlage, der bis in die sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinein gewirkt hat, in dieHand nehmen, so finden wir noch eine merkwürdige Charakteristik des menschlichen Bewußtseins bei Fortlage, dem Psychologen, der in Jena und an anderen Stätten wirkte. Eine Definition des Bewußtseins erfahren wir bei ihm, welche, ich möchte sagen, die heutigen Philosophen schon sehr tadelnswert finden.

[ 4 ] Er sagt nämlich einmal, es war 1869, das menschliche Bewußtsein sei verwandt. mit dem Tode, mit Sterben, und indem wir im Laufe des Lebens Bewußtsein entwickeln, entwickeln wir eigentlich in uns — langsam, nacheinander — die Kräfte, welche im Augenblicke des Todes auf einmal an uns herantreten. So ist für Fortlage der Augenblick des Sterbens ein unendlich vervielfältigter Bewußtseinsakt. Das Bewußtsein ist für ihn, man könnte sagen, ein langsames Leben vom Sterben. Nicht das Leben ist ein Leben vom Sterben, aber das Bewußtsein im Menschen ist ein Leben vom Sterben, und der Tod ist ein in einem Moment zusammengedrängtes Bewußtsein.

[ 4 ] Er sagt nämlich einmal, es war 1869, das menschliche Bewußtsein sei verwandt. mit dem Tode, mit Sterben, und indem wir im Laufe des Lebens Bewußtsein entwickeln, entwickeln wir eigentlich in uns — langsam, nacheinander — die Kräfte, welche im Augenblicke des Todes auf einmal an uns herantreten. So ist für Fortlage der Augenblick des Sterbens ein unendlich vervielfältigter Bewußtseinsakt. Das Bewußtsein ist für ihn, man könnte sagen, ein langsames Leben vom Sterben. Nicht das Leben ist ein Leben vom Sterben, aber das Bewußtsein im Menschen ist ein Leben vom Sterben, und der Tod ist ein in einem Moment zusammengedrängtes Bewußtsein.

[ 5 ] Es ist dies eine ungeheuer bedeutsame Bemerkung eines Psychologen. Es ist eine Bemerkung, wie gesagt, die der heutige Philosoph als unwissenschaftlich schon tadelt. Das ist ja auch geschehen.

[ 5 ] Es ist dies eine ungeheuer bedeutsame Bemerkung eines Psychologen. Es ist eine Bemerkung, wie gesagt, die der heutige Philosoph als unwissenschaftlich schon tadelt. Das ist ja auch geschehen.

[ 6 ] Nun kann man sagen: so bedeutsam diese Bemerkung für die Verhältnisse des heutigen menschlichen Seelenlebens, des Bewußtseinslebens ist, ganz richtig ist sie nicht für jede Zeit der menschlichen Seelenentwickelung. Das ist wieder außerordentlich wichtig. Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha hätte man so bei einer tieferen Erkenntnis nicht sprechen können. Unser heutiges Bewußtsein, das im gewöhnlichen Leben jeder früher vorhandenen atavistischen Hellseherkraft bar ist, lebt wirklich noch vom langsamen Sterben. Nicht so aber war es bei dem gegen das Mysterium von Golgatha allmählich hinschwindenden atavistischen Hellseherbewußtsein der alten Zeit. Obwohl natürlich Worte in solchem Falle immer sehr wenig das Richtige ausdrücken, so möchte man doch sagen: Dieses alte Bewußtsein war ein Überschuß von geistigem Leben über das organische Menschenleben, während wir uns jetzt in einem Überschusse des organischen Menschenlebens, das dem Sterben entgegengeht, über das geistige Leben befinden. Jetzt haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, wenn wir des Morgens beim Aufwachen in ihn zurückkommen; und dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, kommen wir dazu, Bewußtsein zu entwickeln, in dem Sinne, wie das heutige Gegenstandsbewußtsein ist. Anders war das, wie gesagt, bei den alten Leuten vor dem Mysterium von Golgatha. Sie hatten einen Überschuß des geistigen Lebens. Der ging nicht ganz auf, wenn sie des Morgens in den physischen Leib zurückkehrten, und dieser Überschuß drückte sich in ihrem atavistischen Hellsehen aus. Aber gegen das Mysterium von Golgatha zu wurde dieser Überschuß immer weniger und weniger, und in der Zeit des Mysteriums von Golgatha war für die Mehrzahl der Menschen ein Gleichgewicht vorhanden zwischen dem seelischen inneren Leben und dem organischen Leben des Leibes. Und dann nahm das organische Leben des Leibes überhand. Man möchte sagen: die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha wußten durch die Geburt, die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha wissen durch den Tod. Dadurch sehen wir auch wiederum, welch ein bedeutsamer Einschnitt in die Menschenentwickelung das Mysterium von Golgatha eigentlich ist.

[ 6 ] Nun kann man sagen: so bedeutsam diese Bemerkung für die Verhältnisse des heutigen menschlichen Seelenlebens, des Bewußtseinslebens ist, ganz richtig ist sie nicht für jede Zeit der menschlichen Seelenentwickelung. Das ist wieder außerordentlich wichtig. Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha hätte man so bei einer tieferen Erkenntnis nicht sprechen können. Unser heutiges Bewußtsein, das im gewöhnlichen Leben jeder früher vorhandenen atavistischen Hellseherkraft bar ist, lebt wirklich noch vom langsamen Sterben. Nicht so aber war es bei dem gegen das Mysterium von Golgatha allmählich hinschwindenden atavistischen Hellseherbewußtsein der alten Zeit. Obwohl natürlich Worte in solchem Falle immer sehr wenig das Richtige ausdrücken, so möchte man doch sagen: Dieses alte Bewußtsein war ein Überschuß von geistigem Leben über das organische Menschenleben, während wir uns jetzt in einem Überschusse des organischen Menschenlebens, das dem Sterben entgegengeht, über das geistige Leben befinden. Jetzt haben wir unser Bewußtsein dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, wenn wir des Morgens beim Aufwachen in ihn zurückkommen; und dadurch, daß wir vom sterblichen Leibe überwältigt werden, kommen wir dazu, Bewußtsein zu entwickeln, in dem Sinne, wie das heutige Gegenstandsbewußtsein ist. Anders war das, wie gesagt, bei den alten Leuten vor dem Mysterium von Golgatha. Sie hatten einen Überschuß des geistigen Lebens. Der ging nicht ganz auf, wenn sie des Morgens in den physischen Leib zurückkehrten, und dieser Überschuß drückte sich in ihrem atavistischen Hellsehen aus. Aber gegen das Mysterium von Golgatha zu wurde dieser Überschuß immer weniger und weniger, und in der Zeit des Mysteriums von Golgatha war für die Mehrzahl der Menschen ein Gleichgewicht vorhanden zwischen dem seelischen inneren Leben und dem organischen Leben des Leibes. Und dann nahm das organische Leben des Leibes überhand. Man möchte sagen: die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha wußten durch die Geburt, die Menschen nach dem Mysterium von Golgatha wissen durch den Tod. Dadurch sehen wir auch wiederum, welch ein bedeutsamer Einschnitt in die Menschenentwickelung das Mysterium von Golgatha eigentlich ist.

[ 7 ] Nun geschah das Abnehmen des alten Hellseherbewußtseins, des bewußten Lebens vom Geborenwerden. Langsam und allmählich schwanden dem Menschen die seelischen Inhalte von einer geistigen Welt hin. Und eine Zeit kam, die fast ein Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha währte, in der eigentlich nur diejenigen noch etwas von der geistigen Welt erfahren konnten, von der früher alle erfahren hatten, die in die Mysterien eingeweiht waren. Daraus kann man verstehen, was in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» angeführt wurde, daß Plato, der von diesem Geheimnis wußte, die Bemerkung macht: Nur diejenigen Menschen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, sind im eigentlichen Sinne Menschen; die anderen leben mit ihren Seelen im Schlamm. — Eine eigentlich höchst grausame Bemerkung, die aber auf das zurückgeht, was ich jetzt ausgesprochen habe, und es entspricht nicht einer Willkür, sondern durchaus einer Notwendigkeit der menschlichen Entwickelung.

[ 7 ] Nun geschah das Abnehmen des alten Hellseherbewußtseins, des bewußten Lebens vom Geborenwerden. Langsam und allmählich schwanden dem Menschen die seelischen Inhalte von einer geistigen Welt hin. Und eine Zeit kam, die fast ein Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha währte, in der eigentlich nur diejenigen noch etwas von der geistigen Welt erfahren konnten, von der früher alle erfahren hatten, die in die Mysterien eingeweiht waren. Daraus kann man verstehen, was in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» angeführt wurde, daß Plato, der von diesem Geheimnis wußte, die Bemerkung macht: Nur diejenigen Menschen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, sind im eigentlichen Sinne Menschen; die anderen leben mit ihren Seelen im Schlamm. — Eine eigentlich höchst grausame Bemerkung, die aber auf das zurückgeht, was ich jetzt ausgesprochen habe, und es entspricht nicht einer Willkür, sondern durchaus einer Notwendigkeit der menschlichen Entwickelung.

[ 8 ] Nun stellen wir uns einmal für einen Augenblick vor, was dann geworden wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Wäre es nicht gekommen, so wäre die Entwickelung zunächst in derselben Weise fortgegangen; das heißt, es wären in der Außenwelt immer mehr und mehr Menschen gewesen, denen aller unmittelbare Zusammenhang mit der geistigen Welt hingeschwunden wäre, und zuletzt wäre es dahin gekommen, daß die Menschen überhaupt nicht mehr geisterfüllt, sondern nur Larven, nur eigentlich organische, ätherische und dergleichen Gliederungen wären. Wir wären längst in der Zeit, in _ welcher die Seelen der Menschen nicht fähig wären, in Leibern wirklich zu leben, wir wären längst in der Zeit, in welcher die Seelen nur in der geistigen Welt über ihren Leibern schwebten; wir wären längst in der Zeit, in der nur mehr möglich wäre, daß weiterentwickelte Seelen aus früheren Zeiten inspirierend von oben herunter in die Menschheit hineinwirkten. Nur dadurch könnte in dem Menschen noch ein Bewußtsein von der geistigen Welt auftreten, daß einzelne in den Mysterien inspiriert würden. Der Menschengeist würde selber gar nicht auf der Erde wohnen. Mysterienstätten wären diejenigen Stätten, in denen Inspirationen eintreten würden; nur würde Ahriman immer dagegen kämpfen, würde gegen die Inspirationen kämpfen, er würde immer die Menschenlarven abhalten, im Sinne der Inspirationen zu handeln beziehungsweise er würde die Absichten, welche ihnen inspiriert würden, ins Gegenteil verkehren.

[ 8 ] Nun stellen wir uns einmal für einen Augenblick vor, was dann geworden wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Wäre es nicht gekommen, so wäre die Entwickelung zunächst in derselben Weise fortgegangen; das heißt, es wären in der Außenwelt immer mehr und mehr Menschen gewesen, denen aller unmittelbare Zusammenhang mit der geistigen Welt hingeschwunden wäre, und zuletzt wäre es dahin gekommen, daß die Menschen überhaupt nicht mehr geisterfüllt, sondern nur Larven, nur eigentlich organische, ätherische und dergleichen Gliederungen wären. Wir wären längst in der Zeit, in _ welcher die Seelen der Menschen nicht fähig wären, in Leibern wirklich zu leben, wir wären längst in der Zeit, in welcher die Seelen nur in der geistigen Welt über ihren Leibern schwebten; wir wären längst in der Zeit, in der nur mehr möglich wäre, daß weiterentwickelte Seelen aus früheren Zeiten inspirierend von oben herunter in die Menschheit hineinwirkten. Nur dadurch könnte in dem Menschen noch ein Bewußtsein von der geistigen Welt auftreten, daß einzelne in den Mysterien inspiriert würden. Der Menschengeist würde selber gar nicht auf der Erde wohnen. Mysterienstätten wären diejenigen Stätten, in denen Inspirationen eintreten würden; nur würde Ahriman immer dagegen kämpfen, würde gegen die Inspirationen kämpfen, er würde immer die Menschenlarven abhalten, im Sinne der Inspirationen zu handeln beziehungsweise er würde die Absichten, welche ihnen inspiriert würden, ins Gegenteil verkehren.

[ 9 ] Daher mußte es möglich gemacht werden, daß die menschliche Seele in dem menschlichen Leibe, der durch die Geburt entsteht und durch den Tod vergeht, wiederum, im allgemeinen, wohnen kann, weil dieser menschliche Leib in seinem Leben, das dem Tode entgegengeht, das schwächer gewordene Leben der Seele überwindet. Das wurde nur dadurch möglich, daß ein Wesen aus der geistigen Welt, eben das ChristusWesen, sich mit den irdischen Kräften verband, die jetzt für das Menschenbewußtsein die herrschenden wurden. Mit welchen Kräften also? Gerade mit den Kräften, von welchen man jetzt das Bewußtsein hat: mit den Todeskräften! Denken Sie, wie umfassend dadurch der Rosenkreuzer-Ausspruch wird: In Christo morimur, in Christus sterben wir! Er drückt ja gewissermaßen unser ganzes Wesen aus, er drückt dasjenige aus, was durch das Mysterium von Golgatha in die Entwickelung der Menschheit hineingekommen ist, was sich mit den todbringenden Kräften verbunden hat, damit diese todbringenden Kräfte das neuere Bewußtsein bilden können.

[ 9 ] Daher mußte es möglich gemacht werden, daß die menschliche Seele in dem menschlichen Leibe, der durch die Geburt entsteht und durch den Tod vergeht, wiederum, im allgemeinen, wohnen kann, weil dieser menschliche Leib in seinem Leben, das dem Tode entgegengeht, das schwächer gewordene Leben der Seele überwindet. Das wurde nur dadurch möglich, daß ein Wesen aus der geistigen Welt, eben das ChristusWesen, sich mit den irdischen Kräften verband, die jetzt für das Menschenbewußtsein die herrschenden wurden. Mit welchen Kräften also? Gerade mit den Kräften, von welchen man jetzt das Bewußtsein hat: mit den Todeskräften! Denken Sie, wie umfassend dadurch der Rosenkreuzer-Ausspruch wird: In Christo morimur, in Christus sterben wir! Er drückt ja gewissermaßen unser ganzes Wesen aus, er drückt dasjenige aus, was durch das Mysterium von Golgatha in die Entwickelung der Menschheit hineingekommen ist, was sich mit den todbringenden Kräften verbunden hat, damit diese todbringenden Kräfte das neuere Bewußtsein bilden können.

[ 10 ] Mit der Frage, wie es denn unter solchen Umständen komme, daß so viele Menschen auf der Erde den Christus noch nicht anerkennen, hangen so viele Geheimnisse zusammen und so tiefe Geheimnisse, daß darüber eben in der Gegenwart im allgemeinen noch nicht gesprochen werden kann. Aber richtig für die Menschheitsentwickelung ist dieses, was ich eben ausgesprochen habe.

[ 10 ] Mit der Frage, wie es denn unter solchen Umständen komme, daß so viele Menschen auf der Erde den Christus noch nicht anerkennen, hangen so viele Geheimnisse zusammen und so tiefe Geheimnisse, daß darüber eben in der Gegenwart im allgemeinen noch nicht gesprochen werden kann. Aber richtig für die Menschheitsentwickelung ist dieses, was ich eben ausgesprochen habe.

[ 11 ] Denken Sie damit nun im Zusammenhange, wie das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat. Denken Sie damit im Zusammenhange, daß der Christus sich in dem Leibe des Jesus von Nazareth verkörpert hat, also in einem Leibe, der selbstverständlich dazumal denselben Bedingungen ausgesetzt war, denen die Leiber der Menschen überhaupt ausgesetzt waren. Nach den reinen Vererbungsmerkmalen war der Leib des Jesus von Nazareth denjenigen Bedingungen ausgesetzt, die sich allmählich dahin entwickelten, daß das Bewußtsein nun von dem Sterben des Leibes kommen soll. Was mußte denn geschehen, damit durch einen gewaltigen Ruck in die Entwickelung hinein ein entsprechender Impuls kam, als eine Kraft, die die Menschheitsentwickelung durchdrang von einem Bewußtsein, daß dem Tode verdankt ist zu leben? Es mußte das kommen, daß die Christus-Wesenheit, die drei Jahre hindurch in dem Leibe des Jesus von Nazareth lebte, diesem Leib etwas sagte, was aber nur im Augenblicke des Todes gesagt werden kann, denn nur im Augenblicke des Todes kann das alles zusammengedrängt werden, was Geheimnis des menschlichen Bewußtseins ist. Mußte also nicht, damit der gesamte Bewußtseinsimpuls, der da kommen mußte und in die Menschheit hineingedrängt werden konnte, mußte nicht der Christus den Jesus zum Sterben bringen? Das mußte er! Und wann sind wir selbst in jenem Augenblick, in dem wir hoffen können auf ein zusammengedrängtes Verständnis des Christus? Wir sind es in dem Augenblicke des Sterbens! Denn da sind alle diejenigen Kräfte im Augenblicke vorhanden, von denen unser Bewußtsein das ganze Leben hindurch erhalten wird. Im Moment des Sterbens sind wir geeignet, dasjenige aufzunehmen, was im Grunde genommen das Geheimnis unseres Bewußtseins ist, und damit aufzunehmen den Christus-Impuls. Wir bereiten uns also eigentlich, indem wir Verständnis, Gefühl und Empfindung suchen für den Christus-Impuls, zur Aufnahme des Christus-Impulses vor. Verständnis desjenigen, was uns im Tode trifft, können wir aber nur haben, wenn das Organ unseres Verständnisses befreit ist, das heißt, der Moment des Todes gibt uns zwar die Bedingungen, uns mit dem Christus zu vereinigen, aber erst wenn wir vom ätherischen Leibe befreit sind, ist auch unser Ich und unser astralischer Leib, welche die Verständnisorganisationen dazu sind, geeignet zu schauen, was sich da mit uns vereinigt hat.

[ 11 ] Denken Sie damit nun im Zusammenhange, wie das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat. Denken Sie damit im Zusammenhange, daß der Christus sich in dem Leibe des Jesus von Nazareth verkörpert hat, also in einem Leibe, der selbstverständlich dazumal denselben Bedingungen ausgesetzt war, denen die Leiber der Menschen überhaupt ausgesetzt waren. Nach den reinen Vererbungsmerkmalen war der Leib des Jesus von Nazareth denjenigen Bedingungen ausgesetzt, die sich allmählich dahin entwickelten, daß das Bewußtsein nun von dem Sterben des Leibes kommen soll. Was mußte denn geschehen, damit durch einen gewaltigen Ruck in die Entwickelung hinein ein entsprechender Impuls kam, als eine Kraft, die die Menschheitsentwickelung durchdrang von einem Bewußtsein, daß dem Tode verdankt ist zu leben? Es mußte das kommen, daß die Christus-Wesenheit, die drei Jahre hindurch in dem Leibe des Jesus von Nazareth lebte, diesem Leib etwas sagte, was aber nur im Augenblicke des Todes gesagt werden kann, denn nur im Augenblicke des Todes kann das alles zusammengedrängt werden, was Geheimnis des menschlichen Bewußtseins ist. Mußte also nicht, damit der gesamte Bewußtseinsimpuls, der da kommen mußte und in die Menschheit hineingedrängt werden konnte, mußte nicht der Christus den Jesus zum Sterben bringen? Das mußte er! Und wann sind wir selbst in jenem Augenblick, in dem wir hoffen können auf ein zusammengedrängtes Verständnis des Christus? Wir sind es in dem Augenblicke des Sterbens! Denn da sind alle diejenigen Kräfte im Augenblicke vorhanden, von denen unser Bewußtsein das ganze Leben hindurch erhalten wird. Im Moment des Sterbens sind wir geeignet, dasjenige aufzunehmen, was im Grunde genommen das Geheimnis unseres Bewußtseins ist, und damit aufzunehmen den Christus-Impuls. Wir bereiten uns also eigentlich, indem wir Verständnis, Gefühl und Empfindung suchen für den Christus-Impuls, zur Aufnahme des Christus-Impulses vor. Verständnis desjenigen, was uns im Tode trifft, können wir aber nur haben, wenn das Organ unseres Verständnisses befreit ist, das heißt, der Moment des Todes gibt uns zwar die Bedingungen, uns mit dem Christus zu vereinigen, aber erst wenn wir vom ätherischen Leibe befreit sind, ist auch unser Ich und unser astralischer Leib, welche die Verständnisorganisationen dazu sind, geeignet zu schauen, was sich da mit uns vereinigt hat.

[ 12 ] Damit nun auch die Bedingungen geschaffen wurden, daß das so sein könne, mußte noch etwas anderes im Mysterium von Golgatha eintreten. Nachdem gewissermaßen der Christus dem Jesus im Sterben auf Golgatha das Geheimnis des kommenden menschlichen Bewußtseins anvertraut hatte, mußte die gewaltige Tatsache eintreten, daß der Jesus, der den Christus enthielt, sich zu einem neuen Leben erhob aus jener Kraft heraus, die der Tod ist, das heißt, es mußte die Auferstehung eintreten, damit wir die Auferstehung dann verstehen können, wenn einige Tage nach dem Tode unser Ätherleib im Sinne unserer anthroposophischen Wissenschaft sich von uns ablöst. In diesem inneren Vorgange des Sterbens, des Sichablösens des ätherischen Leibes einige Tage nach dem Tode, leben wir nach in einer gewissen Weise das Mysterium von Golgatha. Denn das mußte ja sein, daß aus dem Tode Leben, nämlich Bewußtsein hervorkam. Aber dieses Bewußtsein mußte selbst leben, also aus dem Tode mußte Leben entstehen. Das war vor dem Mysterium von Golgatha nicht gewesen. Nur aus.dem Leben war vorher Leben entstanden. Man brauchte früher nicht zu verstehen, wie aus dem Tode Leben hervorgeht, sondern man brauchte nur zu verstehen, wie aus dem Leben Leben hervorgeht. Daher — das ist wiederum einer von den vielen Gesichtspunkten, durch die wir uns diesen Geheimnissen nähern — nahm das Christentum seinen Ursprung von der Auferstehung und darum ist kein sich so nennendes Christentum ein wirkliches Christentum, das nicht den Auferstehungsgedanken in all seiner Lebendigkeit voll durchdringt: daß der Christus, der in die Todeskräfte einzieht, ein Lebendiger ist! Das muß verstanden werden. Alles übrige gibt kein wahres Verständnis des Christentums, und ein neueres Christentum, das ohne den Auferstehungsgedanken auskommen will, ist kein Christentum. Auch die Begleiterscheinungen sind solche, welche sich in harmonischer Weise an das anschließen, was eben in bezug auf das Mysterium von Golgatha gesagt worden ist. Was die Menschheit brauchte, war Tod und Auferstehung.

[ 12 ] Damit nun auch die Bedingungen geschaffen wurden, daß das so sein könne, mußte noch etwas anderes im Mysterium von Golgatha eintreten. Nachdem gewissermaßen der Christus dem Jesus im Sterben auf Golgatha das Geheimnis des kommenden menschlichen Bewußtseins anvertraut hatte, mußte die gewaltige Tatsache eintreten, daß der Jesus, der den Christus enthielt, sich zu einem neuen Leben erhob aus jener Kraft heraus, die der Tod ist, das heißt, es mußte die Auferstehung eintreten, damit wir die Auferstehung dann verstehen können, wenn einige Tage nach dem Tode unser Ätherleib im Sinne unserer anthroposophischen Wissenschaft sich von uns ablöst. In diesem inneren Vorgange des Sterbens, des Sichablösens des ätherischen Leibes einige Tage nach dem Tode, leben wir nach in einer gewissen Weise das Mysterium von Golgatha. Denn das mußte ja sein, daß aus dem Tode Leben, nämlich Bewußtsein hervorkam. Aber dieses Bewußtsein mußte selbst leben, also aus dem Tode mußte Leben entstehen. Das war vor dem Mysterium von Golgatha nicht gewesen. Nur aus.dem Leben war vorher Leben entstanden. Man brauchte früher nicht zu verstehen, wie aus dem Tode Leben hervorgeht, sondern man brauchte nur zu verstehen, wie aus dem Leben Leben hervorgeht. Daher — das ist wiederum einer von den vielen Gesichtspunkten, durch die wir uns diesen Geheimnissen nähern — nahm das Christentum seinen Ursprung von der Auferstehung und darum ist kein sich so nennendes Christentum ein wirkliches Christentum, das nicht den Auferstehungsgedanken in all seiner Lebendigkeit voll durchdringt: daß der Christus, der in die Todeskräfte einzieht, ein Lebendiger ist! Das muß verstanden werden. Alles übrige gibt kein wahres Verständnis des Christentums, und ein neueres Christentum, das ohne den Auferstehungsgedanken auskommen will, ist kein Christentum. Auch die Begleiterscheinungen sind solche, welche sich in harmonischer Weise an das anschließen, was eben in bezug auf das Mysterium von Golgatha gesagt worden ist. Was die Menschheit brauchte, war Tod und Auferstehung.

[ 13 ] Nun bleibt aber unter denjenigen Gedanken, die man an das Mysterium von Golgatha anknüpfen kann, immer der Todesgedanke des Christus Jesus ein sehr, sehr fraglicher Gedanke, aus dem einfachen Grunde — ich habe ihn schon öfter hier angedeutet —, weil auf der einen Seite der Mensch eigentlich gezwungen ist, die Tatsache zu verurteilen, daß sich Menschen gefunden haben, die den Unschuldigen zu Tode brachten, und weil auf der anderen Seite wieder das vorliegt, daß, wenn dieser Tod nicht eingetreten wäre, die ganze Wohltat des Christentums nicht da wäre. Also durch ein Verbrechen ist die Wohltat des Christentums gekommen. Dieser fragwürdige Gedanke drängt sich ja immer mehr und mehr den Menschen auf. Sagen müssen sich die Menschen: hätte es damals diejenigen nicht gegeben, die damals so verbrecherisch waren, den Christus zu töten, dann gäbe es das Christentum nicht. Aber das Christentum will man doch haben.

[ 13 ] Nun bleibt aber unter denjenigen Gedanken, die man an das Mysterium von Golgatha anknüpfen kann, immer der Todesgedanke des Christus Jesus ein sehr, sehr fraglicher Gedanke, aus dem einfachen Grunde — ich habe ihn schon öfter hier angedeutet —, weil auf der einen Seite der Mensch eigentlich gezwungen ist, die Tatsache zu verurteilen, daß sich Menschen gefunden haben, die den Unschuldigen zu Tode brachten, und weil auf der anderen Seite wieder das vorliegt, daß, wenn dieser Tod nicht eingetreten wäre, die ganze Wohltat des Christentums nicht da wäre. Also durch ein Verbrechen ist die Wohltat des Christentums gekommen. Dieser fragwürdige Gedanke drängt sich ja immer mehr und mehr den Menschen auf. Sagen müssen sich die Menschen: hätte es damals diejenigen nicht gegeben, die damals so verbrecherisch waren, den Christus zu töten, dann gäbe es das Christentum nicht. Aber das Christentum will man doch haben.

[ 14 ] Da liegt eben einer derjenigen Punkte vor, wo man an das appellieren muß, was ich in einer der letzten Betrachtungen die Notwendigkeit, die eherne Notwendigkeit genannt habe. Der Mensch denkt in seinem Erdenleben nach seinen Gedanken. Er richtet nach seinen Gedanken die soziale Struktur des Lebens ein. Was wir als Volks-, Staats- und so weiter -einrichtungen haben, ist ja der menschliche Gedanke. Wir leben so, wie es die Menschen gemacht haben, ganz selbstverständlich, und unbeschadet dessen, daß die menschlichen Gedanken, nach denen die soziale Struktur bewirkt wird, entweder von Gott oder von dem Teufel kommen können. Im allgemeinen aber blicken wir zurück in sehr weit hinter dem Mysterium von Golgatha zurückliegende Zeiten. Daher wird es ohne weiteres einleuchten, daß in jenen alten Zeiten die Menschen durch ihr atavistisches Hellsehen auch die Gedankeneingebungen zur Herstellung der sozialen Struktur empfangen haben, daß aber gerade aus den heute auseinandergesetzten Gesichtspunkten die Menschen in der Hinentwickelung zu dem Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr Larven geworden sind, und dadurch den ahrimanischen Einflüssen immer zugänglicher wurden. Daher hat notwendigerweise in den Einrichtungen des Lebens immer mehr und mehr ahrimanisches da sein können. Es mußte zum Beispiel eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens kommen, wie wir sie jetzt haben, und es mußte sich gerade eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens, das ganz ahrimanisch durchsetzt war, an einem Erdenpunkte, ich möchte sagen, konzentrieren. Nicht überall, aber an einem Erdenpunkte konzentrierte sich das ganze ahrimanische Durchdringen der sozialen Struktur. Die Folge davon war, daß für diese soziale Struktur der Gegensatz, der göttliche Gegensatz des Hereinkommens eines Göttlichen nicht das Liebenswerteste, sondern das Hassenswerteste war, das, was ausgeschieden werden mußte. Das ist eine Begleiterscheinung, die notwendig damit verknüpft ist.

[ 14 ] Da liegt eben einer derjenigen Punkte vor, wo man an das appellieren muß, was ich in einer der letzten Betrachtungen die Notwendigkeit, die eherne Notwendigkeit genannt habe. Der Mensch denkt in seinem Erdenleben nach seinen Gedanken. Er richtet nach seinen Gedanken die soziale Struktur des Lebens ein. Was wir als Volks-, Staats- und so weiter -einrichtungen haben, ist ja der menschliche Gedanke. Wir leben so, wie es die Menschen gemacht haben, ganz selbstverständlich, und unbeschadet dessen, daß die menschlichen Gedanken, nach denen die soziale Struktur bewirkt wird, entweder von Gott oder von dem Teufel kommen können. Im allgemeinen aber blicken wir zurück in sehr weit hinter dem Mysterium von Golgatha zurückliegende Zeiten. Daher wird es ohne weiteres einleuchten, daß in jenen alten Zeiten die Menschen durch ihr atavistisches Hellsehen auch die Gedankeneingebungen zur Herstellung der sozialen Struktur empfangen haben, daß aber gerade aus den heute auseinandergesetzten Gesichtspunkten die Menschen in der Hinentwickelung zu dem Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr Larven geworden sind, und dadurch den ahrimanischen Einflüssen immer zugänglicher wurden. Daher hat notwendigerweise in den Einrichtungen des Lebens immer mehr und mehr ahrimanisches da sein können. Es mußte zum Beispiel eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens kommen, wie wir sie jetzt haben, und es mußte sich gerade eine solche Auffassung des gesetzlichen Lebens, das ganz ahrimanisch durchsetzt war, an einem Erdenpunkte, ich möchte sagen, konzentrieren. Nicht überall, aber an einem Erdenpunkte konzentrierte sich das ganze ahrimanische Durchdringen der sozialen Struktur. Die Folge davon war, daß für diese soziale Struktur der Gegensatz, der göttliche Gegensatz des Hereinkommens eines Göttlichen nicht das Liebenswerteste, sondern das Hassenswerteste war, das, was ausgeschieden werden mußte. Das ist eine Begleiterscheinung, die notwendig damit verknüpft ist.

[ 15 ] In zweifacher Weise sehen wir diese soziale Struktur herankommen. Auf der einen Seite sehen wir, wie aus dem jüdischen Gesetz heraus sich Formen gebildet haben, die nicht begreifen konnten, daß das Göttliche so nahe an die Menschen herankäme, wie es in dem Christus Jesus herangekommen ist, so daß dieses Gesetz notwendigerweise das nahe herangekommene Göttliche ausscheiden mußte, so sehr war es ahrimanisch durchsetzt worden. Die Römer hinwieder, die auch ihren Anteil an dem Tode des Christus Jesus hatten, waren in bezug auf alles Äußere in sozialer Strukturbildung stark. Man kann sich nichts Stärkeres denken in bezug auf soziale Strukturbildung wie das, was das Imperium Romanum gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha schon zustandegebracht hatte. Aber wie ist Pilatus, der Vertreter der stärksten weltlichen Macht, im Augenblicke, da das Mysterium von Golgatha eintritt, gegenüber der geistigen Macht ein Schwächling! Denn als nichts anderes, denn als ein Schwächling erscheint hier Pilatus, der überhaupt keinen Standpunkt gewinnen kann gegenüber dem, was geschehen soll.

[ 15 ] In zweifacher Weise sehen wir diese soziale Struktur herankommen. Auf der einen Seite sehen wir, wie aus dem jüdischen Gesetz heraus sich Formen gebildet haben, die nicht begreifen konnten, daß das Göttliche so nahe an die Menschen herankäme, wie es in dem Christus Jesus herangekommen ist, so daß dieses Gesetz notwendigerweise das nahe herangekommene Göttliche ausscheiden mußte, so sehr war es ahrimanisch durchsetzt worden. Die Römer hinwieder, die auch ihren Anteil an dem Tode des Christus Jesus hatten, waren in bezug auf alles Äußere in sozialer Strukturbildung stark. Man kann sich nichts Stärkeres denken in bezug auf soziale Strukturbildung wie das, was das Imperium Romanum gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha schon zustandegebracht hatte. Aber wie ist Pilatus, der Vertreter der stärksten weltlichen Macht, im Augenblicke, da das Mysterium von Golgatha eintritt, gegenüber der geistigen Macht ein Schwächling! Denn als nichts anderes, denn als ein Schwächling erscheint hier Pilatus, der überhaupt keinen Standpunkt gewinnen kann gegenüber dem, was geschehen soll.

[ 16 ] So sehen wir, wie sich auch in den Begleiterscheinungen dieses Ereignisses das zeigt, was ich in einer der letzten Betrachtungen hier angeführt habe: Als das Mysterium von Golgatha herankam, war die Menschheit am wenigsten geeignet, es zu verstehen. Sie hätte es verstanden in alter Zeit. Als es herankam, war sie am wenigsten geeignet, es zu verstehen, und erst auf anderen Wegen muß das Verständnis für dieses Ereignis kommen. Es ist wichtig, daß man das völlig ins Auge faßt.

[ 16 ] So sehen wir, wie sich auch in den Begleiterscheinungen dieses Ereignisses das zeigt, was ich in einer der letzten Betrachtungen hier angeführt habe: Als das Mysterium von Golgatha herankam, war die Menschheit am wenigsten geeignet, es zu verstehen. Sie hätte es verstanden in alter Zeit. Als es herankam, war sie am wenigsten geeignet, es zu verstehen, und erst auf anderen Wegen muß das Verständnis für dieses Ereignis kommen. Es ist wichtig, daß man das völlig ins Auge faßt.

[ 17 ] Nun denken Sie einmal, wenn man das Geheimnis über den Menschentod und über das Aufwachen des Menschen aus seinem astralischen Leib und dem Ich heraus ins Auge zu fassen versucht und es in nahe Beziehung zu bringen versucht zu dem Mysterium von Golgatha, wie man da diesem Mysterium von Golgatha selbst, in seinem ganzen Gefühlsleben nahekommen muß. Durch Gedanken, durch Empfindungen kommt man diesem Mysterium nahe, nicht durch das allgemeine leere Wort: ich will den Christus in mir haben, — sondern durch die konkrete Erfassung desjenigen, was die konkrete Christus-Erscheinung in der Erdenentwickelung zu unserem eigenen Leben ist. Nicht umsonst vergeht gerade zwischen dem Tode und der Auferstehung des Christus Jesus so viel Zeit, wie bei uns zwischen dem Verlassen des physischen Leibes und dem Verlassen des Ätherleibes. Da ist für den heutigen Menschen nach dem Mysterium von Golgatha ein inniges Band zwischen ihm und dem Christus-Leben auf der Erde. Der Christus ist auf die Erde gekommen — können wir jetzt mit einer noch größeren Gewißheit sagen — aus dem Grunde, damit der Mensch der Erde nicht verlorengehe. Larven wären die Menschen geworden, deren Seelen von oben herunter die Menschen dirigiert hätten, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Die Tode hätten allmählich die Menschen von der Erde weggebracht. Der Zusammenhang des Menschen mit der Erde wurde wiedergeschaffen durch das Mysterium von Golgatha. Die Möglichkeit des Bewußtseins, das aus dem Tode kommen muß, wurde geschaffen durch das Mysterium von Golgatha.

[ 17 ] Nun denken Sie einmal, wenn man das Geheimnis über den Menschentod und über das Aufwachen des Menschen aus seinem astralischen Leib und dem Ich heraus ins Auge zu fassen versucht und es in nahe Beziehung zu bringen versucht zu dem Mysterium von Golgatha, wie man da diesem Mysterium von Golgatha selbst, in seinem ganzen Gefühlsleben nahekommen muß. Durch Gedanken, durch Empfindungen kommt man diesem Mysterium nahe, nicht durch das allgemeine leere Wort: ich will den Christus in mir haben, — sondern durch die konkrete Erfassung desjenigen, was die konkrete Christus-Erscheinung in der Erdenentwickelung zu unserem eigenen Leben ist. Nicht umsonst vergeht gerade zwischen dem Tode und der Auferstehung des Christus Jesus so viel Zeit, wie bei uns zwischen dem Verlassen des physischen Leibes und dem Verlassen des Ätherleibes. Da ist für den heutigen Menschen nach dem Mysterium von Golgatha ein inniges Band zwischen ihm und dem Christus-Leben auf der Erde. Der Christus ist auf die Erde gekommen — können wir jetzt mit einer noch größeren Gewißheit sagen — aus dem Grunde, damit der Mensch der Erde nicht verlorengehe. Larven wären die Menschen geworden, deren Seelen von oben herunter die Menschen dirigiert hätten, wenn das Mysterium von Golgatha nicht gekommen wäre. Die Tode hätten allmählich die Menschen von der Erde weggebracht. Der Zusammenhang des Menschen mit der Erde wurde wiedergeschaffen durch das Mysterium von Golgatha. Die Möglichkeit des Bewußtseins, das aus dem Tode kommen muß, wurde geschaffen durch das Mysterium von Golgatha.

[ 18 ] Diese Dinge kann man heute verstehen, sie ergeben sich heute schon aus der Betrachtung der geistigen Welt, und diese Dinge können heute etwas werden, was die Menschen in ihre Seelen aufnehmen, um ihr Gemüt zu vertiefen. Und man darf wirklich fragen: Wird denn nicht dieses Gemüt vertieft, wenn es sich in bezug auf wichtigste Lebensereignisse, die uns jede Stunde bevorstehen können, so innig verbunden weiß, nicht nur im allgemeinen mit etwas Christus-Genanntem, sondern mit etwas, was konkret auf der Erde gelebt und durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist? Wird denn nicht ein Strom erzeugt von unserem eigentlichen Seelenleben zu den historischen Ereignissen von Golgatha, wenn wir die Sache so betrachten?

[ 18 ] Diese Dinge kann man heute verstehen, sie ergeben sich heute schon aus der Betrachtung der geistigen Welt, und diese Dinge können heute etwas werden, was die Menschen in ihre Seelen aufnehmen, um ihr Gemüt zu vertiefen. Und man darf wirklich fragen: Wird denn nicht dieses Gemüt vertieft, wenn es sich in bezug auf wichtigste Lebensereignisse, die uns jede Stunde bevorstehen können, so innig verbunden weiß, nicht nur im allgemeinen mit etwas Christus-Genanntem, sondern mit etwas, was konkret auf der Erde gelebt und durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist? Wird denn nicht ein Strom erzeugt von unserem eigentlichen Seelenleben zu den historischen Ereignissen von Golgatha, wenn wir die Sache so betrachten?

[ 19 ] Da ist es denn notwendig, die Krisis zu betrachten, in der wir in der Gegenwart stehen. Vor acht Tagen habe ich an einem besonderen Beispiele diese Krisis klarmachen wollen. Ich habe zeigen wollen, wie ein Mensch, der sich bestrebt, wieder in das Leben des Christentums hineinzukommen, alles mögliche sucht — aber den Christus gerade nicht. Man kann eben heute einer durchaus anerkannten, vielleicht auch einflußreichen, und in der nächsten Zeit noch viel einflußreicher werdenden christlichen Gemeinschaft angehören, ohne den Christus zu suchen. Das ist das, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft immer wieder und wieder betont werden muß. Und es muß weiter betont werden, daß es des heutigen Menschen Aufgabe ist, die inneren Kräfte der Seele nicht zu scheuen, um solche konkreten geisteswissenschaftlichen Gedanken zu finden. Es muß eine gewisse Kraft der Seele aufgewendet werden, um diese Gedanken innerlich lebendig zu machen. Aber ohne das Aufwenden dieser Kraft der Seele kommen wir nicht weiter, denn es liegt einfach in der Natur des gegenwärtigen Menschen, daß er eine solche Kraft anwende. Aber eine Kraft, die eigentlich angewendet werden soll und nicht angewendet wird, erzeugt etwas Krankhaftes. Nun wird man nicht nur aus einem Mangel krank, sondern man kann auch aus einem Überschuß krank werden. Zahlreiche Menschen, die heute schwach sind, sind in Wirklichkeit heute stark. Lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen: Zahlreiche dieser Menschen sind heute innerlich stark. Manche Menschen, die ganz schwach herumgehen, unbefriedigt in ihrer Seele und nicht wissen, wie sie, sagen wir, «in Harmonie mit dem Unendlichen» kommen sollen, sind eigentlich unterbewußt stark; aber weil sie das, was unterbewußt stark in ihnen ist, nicht ins Bewußtsein heraufbringen können, weil sie nicht wissen, was da unten kraftet und strebt, so nimmt dieses Unterbewußte verkehrte Wege und führt sie zur Haltlosigkeit. Geisteswissenschaft will nichts anderes als das Zum-Bewußtsein-Bringen desjenigen, was in dem gegenwärtigen Menschen streben und kraften will, was ins Bewußtsein heraufkommen will. Und ins Bewußtsein heraufkommen will vor allen Dingen ein richtiges Verständnis, ein genügendes Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Das tritt einem heute manchmal in merkwürdiger Art entgegen.

[ 19 ] Da ist es denn notwendig, die Krisis zu betrachten, in der wir in der Gegenwart stehen. Vor acht Tagen habe ich an einem besonderen Beispiele diese Krisis klarmachen wollen. Ich habe zeigen wollen, wie ein Mensch, der sich bestrebt, wieder in das Leben des Christentums hineinzukommen, alles mögliche sucht — aber den Christus gerade nicht. Man kann eben heute einer durchaus anerkannten, vielleicht auch einflußreichen, und in der nächsten Zeit noch viel einflußreicher werdenden christlichen Gemeinschaft angehören, ohne den Christus zu suchen. Das ist das, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft immer wieder und wieder betont werden muß. Und es muß weiter betont werden, daß es des heutigen Menschen Aufgabe ist, die inneren Kräfte der Seele nicht zu scheuen, um solche konkreten geisteswissenschaftlichen Gedanken zu finden. Es muß eine gewisse Kraft der Seele aufgewendet werden, um diese Gedanken innerlich lebendig zu machen. Aber ohne das Aufwenden dieser Kraft der Seele kommen wir nicht weiter, denn es liegt einfach in der Natur des gegenwärtigen Menschen, daß er eine solche Kraft anwende. Aber eine Kraft, die eigentlich angewendet werden soll und nicht angewendet wird, erzeugt etwas Krankhaftes. Nun wird man nicht nur aus einem Mangel krank, sondern man kann auch aus einem Überschuß krank werden. Zahlreiche Menschen, die heute schwach sind, sind in Wirklichkeit heute stark. Lassen Sie mich das Paradoxon aussprechen: Zahlreiche dieser Menschen sind heute innerlich stark. Manche Menschen, die ganz schwach herumgehen, unbefriedigt in ihrer Seele und nicht wissen, wie sie, sagen wir, «in Harmonie mit dem Unendlichen» kommen sollen, sind eigentlich unterbewußt stark; aber weil sie das, was unterbewußt stark in ihnen ist, nicht ins Bewußtsein heraufbringen können, weil sie nicht wissen, was da unten kraftet und strebt, so nimmt dieses Unterbewußte verkehrte Wege und führt sie zur Haltlosigkeit. Geisteswissenschaft will nichts anderes als das Zum-Bewußtsein-Bringen desjenigen, was in dem gegenwärtigen Menschen streben und kraften will, was ins Bewußtsein heraufkommen will. Und ins Bewußtsein heraufkommen will vor allen Dingen ein richtiges Verständnis, ein genügendes Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Das tritt einem heute manchmal in merkwürdiger Art entgegen.

[ 20 ] Ich habe schon hingewiesen auf der einen Seite auf die Notwendigkeit, solches Verständnis zu finden, wie ich es jetzt eben angedeutet habe, und auf der anderen Seite auf das Zurückbeben vor einem solchen Verständnis. Daß eine Sehnsucht vorhanden ist, das Geistige wieder zu finden, das heute nicht ohne das Verständnis für das Mysterium von Golgatha gefunden werden kann, das zeigt sich ja an sehr vielen Erscheinungen, und das wird auch genügend betont von allen möglichen, namentlich Schriftstellern, die aber von einem wirklichen Verständnis so weit wie nur irgend möglich entfernt sind. Und wir müssen uns auch bekannt machen mit dem, was man, ich möchte sagen, auf diesem Gebiete täglich sehen kann, wovon man täglich vernehmen kann, damit wir das Leben in der Gegenwart verstehen lernen. Auf der einen Seite muß es die Aufgabe desjenigen sein, welcher Interesse für die Geisteswissenschaft entwickelt, den Inhalt dessen, was sich aus dem Geiste heute mitteilen will, selbst zu erkennen und auf der anderen Seite auch das Leben, das sich heute vor dem Herankommen von Geisteswissenschaft scheut, kennenzulernen, es gerade da kennenzulernen, wo es in einer Pseudogestalt auftritt, wo es so auftritt, als ob ein Streben nach dem Geiste vorhanden wäre — es ist ja auch vorhanden, aber eben nur im Unterbewußtsein —, wo man aber doch die wirkliche Gestalt der Geisteswissenschaft nicht aufkommen lassen will. Deshalb halte ich nicht damit zurück, auf solche unmittelbaren Erscheinungen des heutigen Lebens hinzuweisen.

[ 20 ] Ich habe schon hingewiesen auf der einen Seite auf die Notwendigkeit, solches Verständnis zu finden, wie ich es jetzt eben angedeutet habe, und auf der anderen Seite auf das Zurückbeben vor einem solchen Verständnis. Daß eine Sehnsucht vorhanden ist, das Geistige wieder zu finden, das heute nicht ohne das Verständnis für das Mysterium von Golgatha gefunden werden kann, das zeigt sich ja an sehr vielen Erscheinungen, und das wird auch genügend betont von allen möglichen, namentlich Schriftstellern, die aber von einem wirklichen Verständnis so weit wie nur irgend möglich entfernt sind. Und wir müssen uns auch bekannt machen mit dem, was man, ich möchte sagen, auf diesem Gebiete täglich sehen kann, wovon man täglich vernehmen kann, damit wir das Leben in der Gegenwart verstehen lernen. Auf der einen Seite muß es die Aufgabe desjenigen sein, welcher Interesse für die Geisteswissenschaft entwickelt, den Inhalt dessen, was sich aus dem Geiste heute mitteilen will, selbst zu erkennen und auf der anderen Seite auch das Leben, das sich heute vor dem Herankommen von Geisteswissenschaft scheut, kennenzulernen, es gerade da kennenzulernen, wo es in einer Pseudogestalt auftritt, wo es so auftritt, als ob ein Streben nach dem Geiste vorhanden wäre — es ist ja auch vorhanden, aber eben nur im Unterbewußtsein —, wo man aber doch die wirkliche Gestalt der Geisteswissenschaft nicht aufkommen lassen will. Deshalb halte ich nicht damit zurück, auf solche unmittelbaren Erscheinungen des heutigen Lebens hinzuweisen.

[ 21 ] Da ist mir wieder gerade aus der heutigen Zeit heraus ein Aufsatz vor Augen gekommen, in welchem jemand erzählt, wie er auf ein solches heutiges Streben hingewiesen worden ist. Ein Schriftsteller — es sind ja zumeist Schriftsteller, die heute schreiben — wurde von einem Herrn, den er gut kennt, darauf hingewiesen, daß er einmal, wie man heute sagt, Johannes Müller unbedingt hören müsse. Was Johannes Müller ist, meinte der betreffende Herr, müsse man heute unbedingt erleben. Und er erzählt nun weiter: Als jener Herr den Namen Johannes Müller ausgesprochen hatte, fügte er sogleich hinzu, daß Johannes Müller Leiter eines Seelensanatoriums sei und so etwas wie eine neue Religion, eine Ethik begründet habe, aber bei dem Worte Religion war er auch schon augenblicklich wieder irgendwo anders, und mit einem Satze befanden sie sich auf dem Gebiete der ausführlichsten Christologie. Mit ungeheurer Schnelligkeit entwickelte der betreffende Herr seine Auffassung vom Leben Jesu, von da ging es zur liberalen Theologie, zur Marburger Schule, Heidelberger Schule und so weiter, dann zu den Alexandrinern, zu den Links-Hegelianern und so weiter. Man erlebt ja auf diesem Gebiete heute die Torheiten vieler Menschen, die gerade für das Interesse haben, was in der heutigen Zeit auftaucht, und was sie dann bei einer solchen Gelegenheit alles möglichst in einer Viertelstunde abraspeln. Und mit dem Ergebnis dieser Unterredung, die so schnell ablief, daß, so meint der betreffende Schriftsteller, seines Wissens nur noch Kainz so schnell sprechen konnte, und der auch nur, wenn er nach einer Gastspielvorstellung noch den letzten Eilzug nach Berlin erreichen wollte, mit diesem Ergebnis ging er nun zu einem Vortrage von Johannes Müller. Es war ein Vortrag über den Zweck des Lebens.

[ 21 ] Da ist mir wieder gerade aus der heutigen Zeit heraus ein Aufsatz vor Augen gekommen, in welchem jemand erzählt, wie er auf ein solches heutiges Streben hingewiesen worden ist. Ein Schriftsteller — es sind ja zumeist Schriftsteller, die heute schreiben — wurde von einem Herrn, den er gut kennt, darauf hingewiesen, daß er einmal, wie man heute sagt, Johannes Müller unbedingt hören müsse. Was Johannes Müller ist, meinte der betreffende Herr, müsse man heute unbedingt erleben. Und er erzählt nun weiter: Als jener Herr den Namen Johannes Müller ausgesprochen hatte, fügte er sogleich hinzu, daß Johannes Müller Leiter eines Seelensanatoriums sei und so etwas wie eine neue Religion, eine Ethik begründet habe, aber bei dem Worte Religion war er auch schon augenblicklich wieder irgendwo anders, und mit einem Satze befanden sie sich auf dem Gebiete der ausführlichsten Christologie. Mit ungeheurer Schnelligkeit entwickelte der betreffende Herr seine Auffassung vom Leben Jesu, von da ging es zur liberalen Theologie, zur Marburger Schule, Heidelberger Schule und so weiter, dann zu den Alexandrinern, zu den Links-Hegelianern und so weiter. Man erlebt ja auf diesem Gebiete heute die Torheiten vieler Menschen, die gerade für das Interesse haben, was in der heutigen Zeit auftaucht, und was sie dann bei einer solchen Gelegenheit alles möglichst in einer Viertelstunde abraspeln. Und mit dem Ergebnis dieser Unterredung, die so schnell ablief, daß, so meint der betreffende Schriftsteller, seines Wissens nur noch Kainz so schnell sprechen konnte, und der auch nur, wenn er nach einer Gastspielvorstellung noch den letzten Eilzug nach Berlin erreichen wollte, mit diesem Ergebnis ging er nun zu einem Vortrage von Johannes Müller. Es war ein Vortrag über den Zweck des Lebens.

[ 22 ] Nun findet er, daß Johannes Müller über den Zweck des Lebens so gesprochen hat, wie man das von richtigen Heiligen hört: man solle sich opfern, man solle nicht für sich leben, solle für die Allgemeinheit leben und so weiter. Aber, so erzählt er weiter, eines sei ein Malheur gewesen. Er hatte sich nämlich nach dem Bericht des Herrn, der so schnell sprach, ein gewisses Bild gemacht. Hätte das Bild zugetroffen, meint er, so hätte er geglaubt, was Johannes Müller sagte. Aber das Bild hatte gar nicht zugetroffen; er schildert dieses Bild, das er in Johannes Müller fand, in der folgenden Weise, die ich Ihnen nicht vorenthalten will, denn es ist wirklich etwas, was einen gründlich auf die Art und Weise aufmerksam machen kann, wie gegenwärtig heute verfahren wird. Er sagt:

[ 22 ] Nun findet er, daß Johannes Müller über den Zweck des Lebens so gesprochen hat, wie man das von richtigen Heiligen hört: man solle sich opfern, man solle nicht für sich leben, solle für die Allgemeinheit leben und so weiter. Aber, so erzählt er weiter, eines sei ein Malheur gewesen. Er hatte sich nämlich nach dem Bericht des Herrn, der so schnell sprach, ein gewisses Bild gemacht. Hätte das Bild zugetroffen, meint er, so hätte er geglaubt, was Johannes Müller sagte. Aber das Bild hatte gar nicht zugetroffen; er schildert dieses Bild, das er in Johannes Müller fand, in der folgenden Weise, die ich Ihnen nicht vorenthalten will, denn es ist wirklich etwas, was einen gründlich auf die Art und Weise aufmerksam machen kann, wie gegenwärtig heute verfahren wird. Er sagt:

[ 23 ] «Auf das Podium trat jedoch ein mittelgroßer untersetzter Mann mit kurzem Hals, buschigem Schnurrbart, blühender Gesichtsfarbe, das Urbild eines kerngesunden deutschen Kleinstädters. Ich konnte während des ganzen Vortrages die Vorstellung nicht loswerden: dieser Mann würde einen prachtvollen Chef für eine große altrenommierte Nürnberger Spielwarenfabrik abgeben. Auch die Art, wie Johannes Müller mit dem Publikum verkehrt, stört dieses Bild durchaus nicht. Seine Redeweise ist klar, bestimmt, freundlich, ruhig und doch von starker innerer Anteilnahme getragen, er sagt alles in der verständlichsten Form und außerdem zwei- bis dreimal, er ruht nicht eher, als bis das, was er sagen will, restlos und eindeutig herausgekommen ist, er schweift nicht ab, spricht stets «zur Sache, ist von dem ehrlichsten und ernstesten Wunsche erfüllt, dem Guten zu dienen: kurz, aus solchen Persönlichkeiten müßte ein idealer deutscher Stadtrat zusammengesetzt sein. Und so verhält es sich auch mit den leitenden Hauptideen: was Johannes Müller vorbrachte, waren im Grunde genommen die Feiertagsgedanken des deutschen Bürgers.»

[ 23 ] «Auf das Podium trat jedoch ein mittelgroßer untersetzter Mann mit kurzem Hals, buschigem Schnurrbart, blühender Gesichtsfarbe, das Urbild eines kerngesunden deutschen Kleinstädters. Ich konnte während des ganzen Vortrages die Vorstellung nicht loswerden: dieser Mann würde einen prachtvollen Chef für eine große altrenommierte Nürnberger Spielwarenfabrik abgeben. Auch die Art, wie Johannes Müller mit dem Publikum verkehrt, stört dieses Bild durchaus nicht. Seine Redeweise ist klar, bestimmt, freundlich, ruhig und doch von starker innerer Anteilnahme getragen, er sagt alles in der verständlichsten Form und außerdem zwei- bis dreimal, er ruht nicht eher, als bis das, was er sagen will, restlos und eindeutig herausgekommen ist, er schweift nicht ab, spricht stets «zur Sache, ist von dem ehrlichsten und ernstesten Wunsche erfüllt, dem Guten zu dienen: kurz, aus solchen Persönlichkeiten müßte ein idealer deutscher Stadtrat zusammengesetzt sein. Und so verhält es sich auch mit den leitenden Hauptideen: was Johannes Müller vorbrachte, waren im Grunde genommen die Feiertagsgedanken des deutschen Bürgers.»

[ 24 ] Wie hat sich nun der Betreffende aber vorgestellt, daß der sein sollte, der auf das Podium tritt und vom Sich-Opfern, vom Aufgehen in der Allgemeinheit spricht? Das sagt er auch:

[ 24 ] Wie hat sich nun der Betreffende aber vorgestellt, daß der sein sollte, der auf das Podium tritt und vom Sich-Opfern, vom Aufgehen in der Allgemeinheit spricht? Das sagt er auch:

[ 25 ] «Wenn dieser Johannes Müller — dessen Bild sich mir nun einmal so fest in den Kopf gesetzt hat, daß ich überzeugt bin: er muß dennoch irgendwo wirklich existieren — sein müdes blasses Haupt in die schmale weiße Hand gestützt und, mit seinen traurigen braunen Augen irgendwohin, ganz irgendwo andershin blickend, mit sanfter klarer Stimme gesagt hätte: Ja, meine verehrten Anwesenden, glauben Sie mir: der Sinn des Lebens ist das Opfer, dann hätte nicht bloß ich, dann hätte jedermann, zumindest in diesem Augenblick, sich dasselbe sagen müssen.»

[ 25 ] «Wenn dieser Johannes Müller — dessen Bild sich mir nun einmal so fest in den Kopf gesetzt hat, daß ich überzeugt bin: er muß dennoch irgendwo wirklich existieren — sein müdes blasses Haupt in die schmale weiße Hand gestützt und, mit seinen traurigen braunen Augen irgendwohin, ganz irgendwo andershin blickend, mit sanfter klarer Stimme gesagt hätte: Ja, meine verehrten Anwesenden, glauben Sie mir: der Sinn des Lebens ist das Opfer, dann hätte nicht bloß ich, dann hätte jedermann, zumindest in diesem Augenblick, sich dasselbe sagen müssen.»

[ 26 ] Das heißt: dann hätte der Betreffende ihm geglaubt. Ganz interessant. Warum hätte der Betreffende ihm geglaubt? Aus einem sehr einfachen Grunde: Der Betreffende ist ja nicht so wie die anderen Zuhörer, er ist im heutigen Sinne ein kritischer Kopf, der also immerhin mit einer gewissen Schlauheit, oder wie man für dasselbe Ding heute besser sagt, mit einer gewissen Schläue, manches durchschaut. Und so sagt er sich: wäre ein Mann mit blassem Gesicht und hinschmelzendem Blick aus verinnerlichten Augen gekommen, so hätte der vom Opfer sprechen können; man hätte ihm geglaubt, weil man ihm angesehen hätte, daß Sich-Opfern für diesen Mann eigentlich gar kein Opfer ist, daß dies die Freude seines Lebens ist, daß es ihn freut, Opfer zu bringen. Bei Johannes Müller trat das aber selbstverständlich aus dem äußeren Aussehen nicht sogleich hervor. Denn eigentlich trat dem Betreffenden nur vor Augen: Ja, so wie nun der sich ausdrückt, wie der sich offenbart, so ist es ihm ganz gewiß kein Opfer, so zu sprechen, sondern es freut ihn erst recht, so zu sprechen, er tut ganz das, was ihm gerade Spaß macht. — Das ist trivial ausgedrückt, etwas paradox natürlich auch. Er aber benennt es anders. Er meint: Dieser Mann will eigentlich immer das tun, was seinem Ich entspricht, was seinem Ich Freude macht, aber das sagt er nicht; denn sonst müßte er den Leuten sagen: Der Sinn des Lebens ist, immer das zu tun, wozu der Impuls vorhanden ist, wozu man getrieben ist, kurz, er müßte immer so ähnlich reden wie Nietzsche. Das tut er aber nicht; sondern er sagt immer das Gegenteil von dem, was ihm an der Stirn geschrieben ist.

[ 26 ] Das heißt: dann hätte der Betreffende ihm geglaubt. Ganz interessant. Warum hätte der Betreffende ihm geglaubt? Aus einem sehr einfachen Grunde: Der Betreffende ist ja nicht so wie die anderen Zuhörer, er ist im heutigen Sinne ein kritischer Kopf, der also immerhin mit einer gewissen Schlauheit, oder wie man für dasselbe Ding heute besser sagt, mit einer gewissen Schläue, manches durchschaut. Und so sagt er sich: wäre ein Mann mit blassem Gesicht und hinschmelzendem Blick aus verinnerlichten Augen gekommen, so hätte der vom Opfer sprechen können; man hätte ihm geglaubt, weil man ihm angesehen hätte, daß Sich-Opfern für diesen Mann eigentlich gar kein Opfer ist, daß dies die Freude seines Lebens ist, daß es ihn freut, Opfer zu bringen. Bei Johannes Müller trat das aber selbstverständlich aus dem äußeren Aussehen nicht sogleich hervor. Denn eigentlich trat dem Betreffenden nur vor Augen: Ja, so wie nun der sich ausdrückt, wie der sich offenbart, so ist es ihm ganz gewiß kein Opfer, so zu sprechen, sondern es freut ihn erst recht, so zu sprechen, er tut ganz das, was ihm gerade Spaß macht. — Das ist trivial ausgedrückt, etwas paradox natürlich auch. Er aber benennt es anders. Er meint: Dieser Mann will eigentlich immer das tun, was seinem Ich entspricht, was seinem Ich Freude macht, aber das sagt er nicht; denn sonst müßte er den Leuten sagen: Der Sinn des Lebens ist, immer das zu tun, wozu der Impuls vorhanden ist, wozu man getrieben ist, kurz, er müßte immer so ähnlich reden wie Nietzsche. Das tut er aber nicht; sondern er sagt immer das Gegenteil von dem, was ihm an der Stirn geschrieben ist.

[ 27 ] Heute aber ist vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Fassen wir diesen Satz einmal in seiner ganzen Tiefe ins Auge: Es ist, sagte ich, vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Es ist ja ganz zweifellos, daß die, welche am wenigsten geneigt sind, irgendwie der Allgemeinheit sich anders hinzugeben, als es ihrem Ich entspricht, daß diese ganz besonders geneigt sind zu hören: Der Sinn des menschlichen Lebens ist, sich zu opfern, sich der Allgemeinheit hinzugeben. Man will etwas anderes hören, als was Wirklichkeit ist.

[ 27 ] Heute aber ist vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Fassen wir diesen Satz einmal in seiner ganzen Tiefe ins Auge: Es ist, sagte ich, vielfach die Sehnsucht vorhanden, das Gegenteil von dem zu hören, was man eigentlich tut. Es ist ja ganz zweifellos, daß die, welche am wenigsten geneigt sind, irgendwie der Allgemeinheit sich anders hinzugeben, als es ihrem Ich entspricht, daß diese ganz besonders geneigt sind zu hören: Der Sinn des menschlichen Lebens ist, sich zu opfern, sich der Allgemeinheit hinzugeben. Man will etwas anderes hören, als was Wirklichkeit ist.

[ 28 ] Was liegt denn da eigentlich vor?

[ 28 ] Was liegt denn da eigentlich vor?

[ 29 ] Es ist schon so: Wer das Leben heute studiert, wer einen Sinn für das hat, was um uns herum vorgeht, der wird finden, wenn er darauf achtet, was die Menschen am liebsten sehen, am liebsten hören, daß sie eigentlich das vernehmen wollen, was nicht so ist, wie die innersten Impulse ihres Lebens. Man täuscht sich natürlich über diese Tatsache. Aber diese Tatsache ist die hervorstechendste für den, der im Leben der Gegenwart beobachten kann. Man will die Sensation des Gegenteils von dem, was eigentlich ist. Es ist allerdings heute nicht viel Verständnis vorhanden, um solche Dinge zu bemerken. Das muß man durchaus ins Auge fassen. Es gibt ja auch heute viele Mittel, um über ein scharfes Ins-Auge-Fassen einer Sache sich hinwegzuhelfen. Es könnte zum Beispiel jemand Johannes Müller hören, wie er sagt: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, — und er könnte fortgehen, in eine Gesellschaft, die sehr groß sein könnte, und dort sagen: Ich habe eben einen ausgezeichneten Redner gehört, der hat mir einen Satz gesagt, der mir ungemein einleuchtend ist, und nach dem ich mich durchaus verhalten will, den ich für die Allgemeinheit anerkennen werde: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, wie ich diesen Satz auffasse. — Durch einen solchen Zusatz ist es ja heute leicht, über manche scharfe Auffassung, welche die Wirklichkeit notwendig machen würde, sich hinwegzuhelfen, und die Menschheit ist heute sehr geneigt, auf derlei Dinge einzugehen. Aber dabei bleibt eben durchaus die Wahrheit bestehen, daß es heute für viele Menschen, für die Mehrzahl der Menschen, eine Sensation ist, etwas anderes zu hören als das, was Wirklichkeit ist. Woher kommt das?

[ 29 ] Es ist schon so: Wer das Leben heute studiert, wer einen Sinn für das hat, was um uns herum vorgeht, der wird finden, wenn er darauf achtet, was die Menschen am liebsten sehen, am liebsten hören, daß sie eigentlich das vernehmen wollen, was nicht so ist, wie die innersten Impulse ihres Lebens. Man täuscht sich natürlich über diese Tatsache. Aber diese Tatsache ist die hervorstechendste für den, der im Leben der Gegenwart beobachten kann. Man will die Sensation des Gegenteils von dem, was eigentlich ist. Es ist allerdings heute nicht viel Verständnis vorhanden, um solche Dinge zu bemerken. Das muß man durchaus ins Auge fassen. Es gibt ja auch heute viele Mittel, um über ein scharfes Ins-Auge-Fassen einer Sache sich hinwegzuhelfen. Es könnte zum Beispiel jemand Johannes Müller hören, wie er sagt: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, — und er könnte fortgehen, in eine Gesellschaft, die sehr groß sein könnte, und dort sagen: Ich habe eben einen ausgezeichneten Redner gehört, der hat mir einen Satz gesagt, der mir ungemein einleuchtend ist, und nach dem ich mich durchaus verhalten will, den ich für die Allgemeinheit anerkennen werde: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit hinzuopfern, wie ich diesen Satz auffasse. — Durch einen solchen Zusatz ist es ja heute leicht, über manche scharfe Auffassung, welche die Wirklichkeit notwendig machen würde, sich hinwegzuhelfen, und die Menschheit ist heute sehr geneigt, auf derlei Dinge einzugehen. Aber dabei bleibt eben durchaus die Wahrheit bestehen, daß es heute für viele Menschen, für die Mehrzahl der Menschen, eine Sensation ist, etwas anderes zu hören als das, was Wirklichkeit ist. Woher kommt das?

[ 30 ] Es kommt von der Sehnsucht, von der wirklich heute vorhandenen Sehnsucht vieler Menschen her, nicht befriedigt zu sein in der äußeren Wirklichkeit, sondern etwas haben zu wollen, was nicht in dieser Wirklichkeit aufgeht. Die Menschen wollen schon etwas, was sich in der äußeren Wirklichkeit nicht erschöpft, es ist ein durchaus wahrer Impuls, über die äußere Wirklichkeit hinaus zu wollen. Dieser Impuls lebt sich nur nicht in der gesunden Weise aus, das Hereinragen der geistigen Welt anzuerkennen, denn die Leute wollen überall einen Ausweg. Dem Manne zum Beispiel, dessen Schreiberei ich Ihnen vorhin vorgeführt habe, paßt selbstverständlich — so kann man wohl voraussetzen — Johannes Müller immer noch mehr als die Geisteswissenschaft, aus dem einfachen Grunde, weil Johannes Müller immer sagt: Der Sinn des Lebens ist, sich der Allgemeinheit hinzuopfern — und da kann er nun darüber einen Aufsatz schreiben, um dann mit dem Satze zu schließen: «Was aber der große allgemeine Zweck des Gesamtlebens ist, das werden wir niemals erfahren, und es ist schließlich auch gar nicht notwendig, daß wir es erfahren.» Es bleibt also immer noch die Möglichkeit, «geistvoll», «weltmännisch» zu sein und ein Philister, ein richtiger, ganz gewöhnlicher Philister. Diese Möglichkeit bleibt da doch auf diese Weise vorhanden.

[ 30 ] Es kommt von der Sehnsucht, von der wirklich heute vorhandenen Sehnsucht vieler Menschen her, nicht befriedigt zu sein in der äußeren Wirklichkeit, sondern etwas haben zu wollen, was nicht in dieser Wirklichkeit aufgeht. Die Menschen wollen schon etwas, was sich in der äußeren Wirklichkeit nicht erschöpft, es ist ein durchaus wahrer Impuls, über die äußere Wirklichkeit hinaus zu wollen. Dieser Impuls lebt sich nur nicht in der gesunden Weise aus, das Hereinragen der geistigen Welt anzuerkennen, denn die Leute wollen überall einen Ausweg. Dem Manne zum Beispiel, dessen Schreiberei ich Ihnen vorhin vorgeführt habe, paßt selbstverständlich — so kann man wohl voraussetzen — Johannes Müller immer noch mehr als die Geisteswissenschaft, aus dem einfachen Grunde, weil Johannes Müller immer sagt: Der Sinn des Lebens ist, sich der Allgemeinheit hinzuopfern — und da kann er nun darüber einen Aufsatz schreiben, um dann mit dem Satze zu schließen: «Was aber der große allgemeine Zweck des Gesamtlebens ist, das werden wir niemals erfahren, und es ist schließlich auch gar nicht notwendig, daß wir es erfahren.» Es bleibt also immer noch die Möglichkeit, «geistvoll», «weltmännisch» zu sein und ein Philister, ein richtiger, ganz gewöhnlicher Philister. Diese Möglichkeit bleibt da doch auf diese Weise vorhanden.

[ 31 ] Diese Möglichkeit bleibt aber nicht vorhanden, wenn man ein Verhältnis zu derjenigen Weltanschauung suchen soll, der gegenüber ein Satz wie der vom Aufgehen in der Allgemeinheit zur bloßen Phrase wird, wenn man in unserer Zeit das Hereinsprechen der geistigen Welt mit ihren Forderungen für die Gegenwart nicht verkennt. Die einzelne Seele wird finden, inwiefern sie selbst in ihrer Entwickelung vorwärtskommen soll, inwiefern sie sich aber auch der Allgemeinheit aufopfern soll an der Stelle, wo sie steht, wenn sie auf das hinhorcht, was die geistige Welt gerade in diesem Zeitpunkte von ihr will. Dann ist es nicht nötig, allgemeine Phrasen zu drechseln, dann ist es aber wohl nötig, jene Kraft in der Seele zu entwickeln, welche die konkreten geistigen Erscheinungen herbeiführt. Ein Satz wie der: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit zu opfern, — gegen dessen Richtigkeit selbstverständlich nichts eingewendet wird, der aber aus dem angeführten Grunde nie besonders fruchtbar werden kann, ein solcher Satz bleibt eben eine Phrase, wenn nicht das eintritt, daß wir die geistige Wirklichkeit heute in die physische Wirklichkeit hineinzutragen verstehen. Denn dazu hat sich das Mysterium von Golgatha vollzogen, daß aus dem Tode neues Leben sprießt, daß, mit anderen Worten, aus unserem jetzigen Bewußtsein heraus, welches todverwandt ist, der lebendige Geist geboren werde. Und in diesem lebendigen Geistgebären aus dem todverwandten Bewußtsein stehen wir dem Mysterium von Golgatha nahe. Aber da und dort treten eben doch schon allerlei Anzeichen auf, daß die Menschen die Notwendigkeit einzusehen beginnen, auf das Geisteswissenschaftliche hinzuhorchen. Wir leben in einer schweren Zeit, leben in einer Zeit der Fragen, in einer Zeit der Konflikte, und jeder fühlt, daß gesucht werden muß, aus diesen Konflikten herauszukommen. Aber in den Tiefen der Zeit liegt es begründet, daß aus diesen Konflikten in Wahrheit nur herausgekommen werden kann — alles übrige muß ein In-Schein-Herauskommen sein — durch die Erfassung des Geistes, weil jedes übrige nicht eine volle Wirklichkeit ist, wenn es den Geist nicht erfaßt.

[ 31 ] Diese Möglichkeit bleibt aber nicht vorhanden, wenn man ein Verhältnis zu derjenigen Weltanschauung suchen soll, der gegenüber ein Satz wie der vom Aufgehen in der Allgemeinheit zur bloßen Phrase wird, wenn man in unserer Zeit das Hereinsprechen der geistigen Welt mit ihren Forderungen für die Gegenwart nicht verkennt. Die einzelne Seele wird finden, inwiefern sie selbst in ihrer Entwickelung vorwärtskommen soll, inwiefern sie sich aber auch der Allgemeinheit aufopfern soll an der Stelle, wo sie steht, wenn sie auf das hinhorcht, was die geistige Welt gerade in diesem Zeitpunkte von ihr will. Dann ist es nicht nötig, allgemeine Phrasen zu drechseln, dann ist es aber wohl nötig, jene Kraft in der Seele zu entwickeln, welche die konkreten geistigen Erscheinungen herbeiführt. Ein Satz wie der: Der Sinn des Lebens besteht darin, sich der Allgemeinheit zu opfern, — gegen dessen Richtigkeit selbstverständlich nichts eingewendet wird, der aber aus dem angeführten Grunde nie besonders fruchtbar werden kann, ein solcher Satz bleibt eben eine Phrase, wenn nicht das eintritt, daß wir die geistige Wirklichkeit heute in die physische Wirklichkeit hineinzutragen verstehen. Denn dazu hat sich das Mysterium von Golgatha vollzogen, daß aus dem Tode neues Leben sprießt, daß, mit anderen Worten, aus unserem jetzigen Bewußtsein heraus, welches todverwandt ist, der lebendige Geist geboren werde. Und in diesem lebendigen Geistgebären aus dem todverwandten Bewußtsein stehen wir dem Mysterium von Golgatha nahe. Aber da und dort treten eben doch schon allerlei Anzeichen auf, daß die Menschen die Notwendigkeit einzusehen beginnen, auf das Geisteswissenschaftliche hinzuhorchen. Wir leben in einer schweren Zeit, leben in einer Zeit der Fragen, in einer Zeit der Konflikte, und jeder fühlt, daß gesucht werden muß, aus diesen Konflikten herauszukommen. Aber in den Tiefen der Zeit liegt es begründet, daß aus diesen Konflikten in Wahrheit nur herausgekommen werden kann — alles übrige muß ein In-Schein-Herauskommen sein — durch die Erfassung des Geistes, weil jedes übrige nicht eine volle Wirklichkeit ist, wenn es den Geist nicht erfaßt.

[ 32 ] Das Mysterium von Golgatha ist zuerst aus der unmittelbaren physischen Erfahrung heraus ergriffen worden. Ich habe das öfter dargestellt, wie die ersten Zeiten des Christentums von dem Christus sprachen, weil noch Leute da waren, welche den Christus gesehen hatten; wie dann wiederum von dem Christus gesprochen worden ist, weil Leute da waren, die solche gekannt hatten, die den Christus gesehen hatten. Ich habe auf konkrete Erscheinungen hingewiesen, wie zum Beispiel in der Sprache der ersten Apostel etwas nachlebte von der Sprache des Christus. So können wir finden, daß die erste ChristusErfahrung, welche die Menschheit gemacht hat, eine solche vom physischen Plane her war. Aber bis in unsere Tage herein ist das verglommen, und die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert war eine solche Zeit, in der eigentlich das Christus-Verständnis dahingegangen ist, so daß es ganz notwendig ist, daß heute derartige Erscheinungen hervortreten können wie die, auf welche ich das letzte Mal am Schlusse der Betrachtungen hingewiesen habe, die das Christentum suchen, aber gar nicht den Impuls in sich haben, den Christus selbst zu suchen. Und was heute geschieht, es geschieht zu gleicher Zeit als Ausdruck einer Krisis im Christus-Verständnis. Es ist wichtig, einzusehen, daß wir in der Zeit einer Krisis des Christus-Verständnisses leben, und ein neues Christus-Verständnis, das notwendig ist, kann auf keinem anderen Wege kommen als auf dem der geisteswissenschaftlichen Vertiefung. Vielleicht stürmen gerade ahrimanische Kräfte gegen diese geisteswissenschaftliche Vertiefung mit solcher Kraft an, weil sie so notwendig ist für die Gegenwart. Das aber kann nicht hindern, daß derjenige, der erkennt, was Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, gerade diese Aufgabe in Zusammenhang denkt mit den großen weltgeschichtlichen Aufgaben der Gegenwart. Die Lösung der großen Fragen der Gegenwart — es ist wirklich nicht eine einseitige Propaganda-Idee für die Geisteswissenschaft, wenn das ausgesprochen wird — muß schon eine solche sein, bei der aus der Erkenntnis des Lebens der Gegenwart folgt: Lösung der wichtigsten Tatfragen der Gegenwart ist nur möglich, wenn in diese Lösung die Erkenntnis der Geisteswissenschaft eingeflossen ist.

[ 32 ] Das Mysterium von Golgatha ist zuerst aus der unmittelbaren physischen Erfahrung heraus ergriffen worden. Ich habe das öfter dargestellt, wie die ersten Zeiten des Christentums von dem Christus sprachen, weil noch Leute da waren, welche den Christus gesehen hatten; wie dann wiederum von dem Christus gesprochen worden ist, weil Leute da waren, die solche gekannt hatten, die den Christus gesehen hatten. Ich habe auf konkrete Erscheinungen hingewiesen, wie zum Beispiel in der Sprache der ersten Apostel etwas nachlebte von der Sprache des Christus. So können wir finden, daß die erste ChristusErfahrung, welche die Menschheit gemacht hat, eine solche vom physischen Plane her war. Aber bis in unsere Tage herein ist das verglommen, und die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert war eine solche Zeit, in der eigentlich das Christus-Verständnis dahingegangen ist, so daß es ganz notwendig ist, daß heute derartige Erscheinungen hervortreten können wie die, auf welche ich das letzte Mal am Schlusse der Betrachtungen hingewiesen habe, die das Christentum suchen, aber gar nicht den Impuls in sich haben, den Christus selbst zu suchen. Und was heute geschieht, es geschieht zu gleicher Zeit als Ausdruck einer Krisis im Christus-Verständnis. Es ist wichtig, einzusehen, daß wir in der Zeit einer Krisis des Christus-Verständnisses leben, und ein neues Christus-Verständnis, das notwendig ist, kann auf keinem anderen Wege kommen als auf dem der geisteswissenschaftlichen Vertiefung. Vielleicht stürmen gerade ahrimanische Kräfte gegen diese geisteswissenschaftliche Vertiefung mit solcher Kraft an, weil sie so notwendig ist für die Gegenwart. Das aber kann nicht hindern, daß derjenige, der erkennt, was Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, gerade diese Aufgabe in Zusammenhang denkt mit den großen weltgeschichtlichen Aufgaben der Gegenwart. Die Lösung der großen Fragen der Gegenwart — es ist wirklich nicht eine einseitige Propaganda-Idee für die Geisteswissenschaft, wenn das ausgesprochen wird — muß schon eine solche sein, bei der aus der Erkenntnis des Lebens der Gegenwart folgt: Lösung der wichtigsten Tatfragen der Gegenwart ist nur möglich, wenn in diese Lösung die Erkenntnis der Geisteswissenschaft eingeflossen ist.