Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
4 September 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Das Karma des Materialismus VI
The Karma of Materialism VI
[ 1 ] In einer Zeit wie der unsrigen darf man vor allen Dingen nicht verwechseln die Wirklichkeit des geistigen Lebens und das Verständnis, welches die Menschen diesem geistigen Leben entgegenbringen. Es ist ja zweifellos: Wir leben in einer Zeit, in welcher das menschliche Verständnis und auch das menschliche Gebaren vom Materialismus ergriffen ist. Aber man darf nicht glauben, daß in dieser Zeit des Materialismus die geistigen Einflüsse etwa nicht vorhanden seien, daß gewissermaßen der Geist nicht da sei in seiner Wirksamkeit; das wäre falsch. Man kann sogar, so sonderbar der Ausspruch klingt, in unserer Zeit reichlich geistige Wirkungen, rein geistige Wirkungen im Menschenleben wahrnehmen. Sie treten überall auf, sie sind da. Und sie treten so auf, daß man nicht sagen kann, sie würden dort, wo sie auftreten, nicht gesehen oder sie wären dort nicht wirksam. So ist es nicht. Vielmehr ist es so, daß der brutale Wille der materialistischen Weltanschauungen gerade über dasjenige, was sich zeigt, was da ist, einfach zur Tagesordnung übergeht. Wenn man heute beobachtet, wie sich die Menschen zum Geiste verhalten, wie sie sich verhalten, wenn geistige Wirksamkeiten von irgend jemandem geltend gemacht werden, dann wird man immer an einen merkwürdigen Zwischenfall erinnert, der sich schon vor vielen Jahrzehnten in einer mitteleuropäischen Großstadt ereignet hat. Da war in einer wichtigen Sitzung einer wichtigen Körperschaft davon die Rede, wie auf gewisse Finanzgebarungen moralische Versumpftheit, niedrige moralische Anschauungen einen bösen Einfluß genommen haben. Da war selbstverständlich eine große Partei in dieser erlauchten, erleuchteten Körperschaft, welche Finanzfragen eben nur vom finanztechnischen Standpunkte aus betrachtet wissen wollte. Aber eine andere Minorität — es sind ja meistens Minoritäten — war auch vorhanden, welche die moralische Korruption hervorhob. Und ein Minister erhob sich und schob einfach dieses ganze Einmischen ungehöriger Begriffe hinweg, indem er sagte: Aber meine Herren, die Moral steht doch nicht auf der Tagesordnung! — So etwa, möchte man sagen, verhält sich heute ein großer Teil der Menschen, wenn die Rede auf spirituelle Erscheinungen, auf spirituelle Einflüsse kommt: Aber meine Herren, der Geist steht doch nicht auf der Tagesordnung! — Er steht nämlich nicht auf der Tagesordnung dort, wo verhandelt wird. Aber vielleicht treffen gerade die Verhandlungen nicht immer die Wirklichkeit; vielleicht ist gerade der Geist da, er wird aber nur nicht auf die Tagesordnung dort gesetzt, wo man über die Angelegenheiten der Menschheit redet.
[ 1 ] In a time like ours, one must above all avoid confusing the reality of spiritual life with the understanding that people bring to this spiritual life. There is no doubt about it: we live in an age in which human understanding and human behavior are gripped by materialism. But one must not believe that in this age of materialism spiritual influences are somehow absent, that the spirit, so to speak, is not active; that would be wrong. One can even—as strange as it may sound—perceive abundant spiritual effects, purely spiritual effects, in human life today. They occur everywhere; they are there. And they occur in such a way that one cannot say they go unnoticed where they appear, or that they are not effective there. That is not the case. Rather, the brutal will of materialistic worldviews simply brushes aside precisely that which is manifest, that which is present, as a matter of course. When one observes today how people relate to the spiritual, how they behave when spiritual influences are asserted by anyone, one is always reminded of a curious incident that took place many decades ago in a major Central European city. During an important meeting of a prominent body, the discussion turned to how certain financial practices had been adversely influenced by moral decay and low moral standards. Naturally, there was a large faction within this illustrious, enlightened body that insisted on viewing financial matters solely from a technical financial standpoint. But another minority—it is usually minorities, after all—was also present, one that emphasized the moral corruption. And a minister rose and simply brushed aside this whole intrusion of inappropriate concepts by saying: “But gentlemen, morality is not on the agenda!” — That, one might say, is roughly how a large portion of people behave today when the conversation turns to spiritual phenomena or spiritual influences: “But gentlemen, the spirit isn’t on the agenda, is it!” — It is indeed not on the agenda where matters are being discussed. But perhaps it is precisely these discussions that do not always reflect reality; perhaps the spirit is present there after all, but it is simply not placed on the agenda where the affairs of humanity are being discussed.
[ 2 ] Wer heute nämlich Gelegenheit hat zu prüfen, wer alles so denkt, der trifft alle Augenblicke irgendeine ganz bedeutsame Tatsache etwa dahingehend, daß er mit jemandem besprechen muß, wie dies oder jenes entstanden ist, wie der oder jener dies oder jenes gegründet hat, die eine oder die andere Sache ins Leben gerufen hat. Hat man Gelegenheit, intimer über solche Dinge mit Menschen zu sprechen, die insbesondere da oder dort berufen werden, dann erfährt man meistens etwas anderes, als diejenigen heute erfahren, vor denen man sich schämt, vom Geist zu sprechen. Man erfährt sehr häufig, daß dieses oder jenes nur getan worden ist, das eine oder das andere nur gegründet worden ist, weil der Betreffende diese oder jene Vision hatte, weil ihm dieser oder jener spirituelle Impuls gegeben worden ist. Wie gesagt, wer Gelegenheit hat wahrzunehmen, wie viele Menschen heute unter rein spirituellen Impulsen, sei es auf Visionen oder auch nur auf solche Träume hin, in denen sich ihnen spirituelle Impulse ankündigen können, dieses oder jenes tun, wer Gelegenheit hat in dieser Beziehung, ich möchte sagen, die Wirklichkeit zu beobachten, der weiß, daß heute unendlich viel mehr, als man glaubt, unter dem Einfluß von spirituellen Mächten, von spirituellen Impulsen geschieht, die aus der geistigen Welt hereinfließen in die physische Welt, und daß durchaus das theoretische Ablehnen, das anschauungsgemäße Ablehnen des Spirituellen nichts bedeutet gegenüber der Wichtigkeit spiritueller Tatsachen, die in unsere Welt durchaus lebendig hereinragen, aber allerdings nicht unbeeinflußt von dem herrschenden Materialismus. Solches Hereinragen spiritueller Impulse hat zu jeder Zeit in der Menschheitsentwickelung stattgefunden, und man sollte nur nicht glauben, daß es heute nicht da wäre. Spirituelle Impulse haben immer in die Menschheit hereingewirkt. Aber in unserem materialistischen Zeitalter kommen die Menschen in einer anderen Art solchen spirituellen Impulsen entgegen, als sie in Zeiten ihnen entgegenkommen, in welchen man mehr Bewußtsein von dem Dasein der spirituellen Welt hat. Nehmen wir gleich einen bedeutungsvollen konkreten Fall.
[ 2 ] For anyone who today has the opportunity to examine who all thinks this way will, at every moment, come across some very significant fact—such as having to discuss with someone how this or that came about, how this or that person established this or that, or how one thing or another was brought into being. If one has the opportunity to speak more intimately about such things with people who are specifically called to this or that task, then one usually learns something different from what is commonly known today—especially among those in whose presence one is ashamed to speak of the spirit. One very often learns that this or that was done, or that one thing or another was established, simply because the person in question had this or that vision, or because he or she received this or that spiritual impulse. As I said, anyone who has the opportunity to observe how many people today act on purely spiritual impulses—whether based on visions or even just on dreams in which spiritual impulses may reveal themselves to them—and who has the opportunity, in this regard, I would say, to observe reality—such a person knows that today infinitely more than one believes happens under the influence of spiritual powers, of spiritual impulses that flow from the spiritual world into the physical world, and that the theoretical rejection—or the rejection based on mere intuition—of the spiritual means absolutely nothing in the face of the importance of spiritual realities that most certainly project themselves vividly into our world, though certainly not without being influenced by prevailing materialism. Such projections of spiritual impulses have taken place at every stage of human development, and one should simply not believe that they do not exist today. Spiritual impulses have always influenced humanity. But in our materialistic age, people encounter such spiritual impulses in a different way than they do in times when there is greater awareness of the existence of the spiritual world. Let us consider a significant concrete example right away.
[ 3 ] Es ist aus gewissen Gründen außerordentlich schwierig, der Welt gewisse Tatsachen über die geistigen Verhältnisse mitzuteilen. Die Menschen sind nicht vorbereitet genug, sie haben in sich nicht die Begriffe, um in entsprechender Art solche Mitteilungen aus der geistigen Welt entgegenzunehmen, und leicht werden solche Mitteilungen in das Gegenteil verkehrt. So kommt es, daß gerade in der Gegenwart der in die geistige Welt Eingeweihte über die wichtigsten Dinge in vieler Beziehung schweigen muß. Man kann nicht einmal sagen, was geschehen würde, wenn über die wichtigsten Dinge einer völlig unreifen Menschheit gegenüber dieses oder jenes gesagt würde. Aber ein Fall, der sehr häufig vorkommt, ist der folgende: Verhandelt werden muß immer nach gewissen Weltgesetzen über die spirituellen Dinge. Wenn nun mit den Lebenden schlecht zu verhandeln ist, wie in der Gegenwart, so ist sehr häufig die Verhandlung mit den Toten eine um so regere, eine um so intensivere. Und man kann sagen: vielleicht war in wenigen Zeiten das Zusammenwirken, das bewußte Zusammenwirken des physischen Planes mit der geistigen Welt, in welche die Verstorbenen versetzt sind, ein so reges, wie es in der Gegenwart sein kann. Aber nehmen wir an, irgendwo findet eine Verhandlung statt, die nur sein kann zwischen einem Wissenden auf dem physischen Plan und einem Verstorbenen. Dann kann gerade dadurch etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Es kann gewissermaßen eine transzendente Indiskretion geschehen. Es können zwei Fälle eintreten. Nicht nur hier auf dem physischen Plane gibt es Horcher, die durch Schlüssellöcher horchen, sondern auch unter den Wesen der geistigen Welt gibt es Horcher, die Geister niederer Art sind, die aber eigentlich immer darauf aus sind, allerlei reelle spirituelle Tatsachen dadurch zu erfahren, daß sie horchen, daß sie namentlich das auffangen, was zwischen Wesen des physischen Planes und der geistigen Welt gesprochen wird. Da kann dann der eine Fall eintreten: Wenn ein Mensch besonders leidenschaftlich ist, von seinen Leidenschaften besonders ergriffen wird, so daß man von ihm sagt: er ist außer sich —, was ja durch Leidenschaft öfter vorkommt, oder wenn er betrunken ist, richtig physisch betrunken ist, oder wenn er in einem Ohnmachts- oder dergleichen Zustande ist, dann können solche Geister die Gelegenheit benutzen und über ihn kommen; und was sie ihm dann einimpfen, das kann ihm in Form einer Vision gleichzeitig oder später auftreten, und er kann dadurch allerlei erlauschen, was er nicht hören sollte.
[ 3 ] For certain reasons, it is extremely difficult to convey certain facts about spiritual conditions to the world. People are not sufficiently prepared; they lack the conceptual framework to receive such messages from the spiritual world in an appropriate manner, and such messages are easily misinterpreted as the opposite of what they are. This is why, especially at the present time, those initiated into the spiritual world must remain silent about the most important matters in many respects. One cannot even say what would happen if this or that were said about the most important matters to a completely immature humanity. But a situation that occurs very frequently is the following: Discussions about spiritual matters must always be conducted in accordance with certain worldly laws. Now, if it is difficult to communicate with the living—as is the case today—then communication with the dead is very often all the more lively and intense. And one might say: perhaps in few other times has the interaction—the conscious interaction—between the physical plane and the spiritual world, into which the deceased have passed, been as lively as it is today. But let us suppose that a conversation is taking place somewhere that can only be between a knowledgeable being on the physical plane and a deceased person. Then, precisely because of this, something very strange can happen. A kind of transcendent indiscretion can occur. Two scenarios can arise. It is not only here on the physical plane that there are eavesdroppers who listen through keyholes; among the beings of the spiritual world, too, there are eavesdroppers—spirits of a lower order—who are, in fact, always eager to learn all manner of genuine spiritual facts by eavesdropping, specifically by picking up what is spoken between beings of the physical plane and the spiritual world. Then one of the following situations may arise: If a person is particularly passionate, so overcome by his passions that one might say he is beside himself—which does indeed happen frequently due to passion—or if he is drunk, truly physically drunk, or if he is in a state of unconsciousness or something similar, then such spirits can seize the opportunity and take possession of him; and whatever they instill in him may appear to him in the form of a vision, either at that very moment or later, and through this he may overhear all sorts of things he ought not to hear.
[ 4 ] Wer Sinn und Beobachtungsgabe für so etwas hat, der weiß, daß heute in allen möglichen Büchern unserer Literatur Unzähliges geschrieben wird, Unzähliges vorhanden ist, insbesondere in mancher höchst zweifelhaften Literatur, was auf allerlei verkehrte Art durch Indiskretion aus dem geistigen Verkehr herstammend ist. Es kann nichts Wirksameres geben, als wenn irgendein Kobold den Schreiber eines Detektivromans, wenn er gerade betrunken ist, von sich besessen macht, in seine Menschlichkeit hineingeht, ihm irgendeinen Satz eingibt, so daß er diesen Satz in seinem Detektivroman unterbringt. Dieser Roman gelangt dann durch allerlei Hinter- oder auch Vordertreppen zu den Menschen, und jener Satz kann dann ganz besonders in den Menschenseelen wirken, kann insbesondere dadurch wirksam werden, weil er durch die Art, wie die Menschen solche Dinge aufnehmen, nicht das volle Bewußtsein ansprechend ist, sondern an sich schon etwas zum Unterbewußtsein Sprechendes ist.
[ 4 ] Anyone with the insight and powers of observation for such matters knows that today, in all manner of books in our literature—and especially in some highly dubious works—countless things are written and exist that stem, in all sorts of perverse ways, from indiscretions arising from intellectual exchanges. There can be nothing more effective than when some imp possesses the author of a detective novel—just as he is drunk—enters into his humanity, and inspires him with a certain sentence, so that he incorporates that sentence into his detective novel. This novel then finds its way to people through all sorts of back doors—or even front doors—and that particular sentence can then have a very special effect on people’s souls; it can be particularly effective precisely because, given the way people absorb such things, it does not appeal to their full consciousness but is, in and of itself, something that speaks to the subconscious.
[ 5 ] Das andere, was geschehen kann, ist, daß in irgendwelchen spiritistischen Sitzungen durch dieses oder jenes Medium das eine oder das andere geschildert wird, und dann mischt sich in das, was durch das Medium zutage tritt, die Kundgebung eines solchen Geistes hinein, der da seine Indiskretion unterbringen will. Wiederum ein Weg, der vielleicht gerade an dem Punkte, wo er eingeschlagen wird, ganz besonders wirksam ist. Es soll damit nicht etwas gesagt werden gegen das Mediumwesen an sich, sondern nur gegen seine Ausartung. Im Verlaufe des Menschheitskarmas treten verschiedene Dinge auf, die durch mediale Kundgebungen dieses oder jenes zutage fördern; das soll heute nicht besprochen werden, dagegen soll die Möglichkeit hervorgehoben werden, wie in der Tat gerade in einer Zeit, wie es die heutige ist, geistige Kanäle von der anderen Welt herübergehen in die physische Welt. Diese Kanäle sind sehr, sehr zahlreich, und sie sind viel mehr wirklich als man denkt. Dies vorausgesetzt, werden Sie begreifen, wenn ich nun etwas sage, was ganz gewiß der Gegenwart gegenüber heute vielfach noch als ein Paradoxon aufgefaßt werden kann, was aber doch tief wahr ist.
[ 5 ] Another possibility is that, during certain spiritualist séances, one thing or another is described through this or that medium, and then the manifestation of a spirit seeking to insert its indiscretion becomes intertwined with what is revealed through the medium. This, too, is a path that may be particularly effective precisely at the point where it is taken. This is not meant to speak against mediumship itself, but only against its degeneration. In the course of humanity’s karma, various things come to light through mediumistic manifestations of one kind or another; that is not to be discussed today. Instead, the focus is on highlighting the possibility that, indeed, especially in a time such as the present, spiritual channels extend from the other world into the physical world. These channels are very, very numerous, and they are far more real than one might think. Given this, you will understand when I now say something that can certainly still be regarded by many today as a paradox, but which is nevertheless profoundly true.
[ 6 ] Man wird in der Zukunft gewiß über die Ereignisse der Jahre 1914, 1915, 1916, 1917 schreiben. Man wird mancherlei schreiben in dem Sinne, wie Geschichtsschreiber eben schreiben. Man wird über die Ursachen dieses furchtbaren Weltkrieges schreiben, man wird nach allen Seiten die Dokumente durchstöbern, die sich in allen möglichen Archiven finden, und wird versuchen, aus diesen Dokumenten heraus eine plausible Geschichte, vielleicht des Jahres 1914, in bezug auf die europäischen Ereignisse zu schreiben. Das Wichtige, was wir bei einer solchen Sache einsehen müssen, ist dies, daß alle Dokumentenforschung, daß alle Berichterstattung, die nach dem Muster der historischen Forschung bis zur Gegenwart angeregt ist, nicht ausreichen wird, um die Ursachen dieses ungeheuren Weltereignisses klarzulegen. Denn unter den wichtigsten Ursachen werden solche sein, die ihrer Natur nach auf äußeren Dokumenten, die man mit Tinte oder Druckerschwärze fabriziert, eben nicht aufgezeichnet worden sind, sondern die, weil sie eben wiederum heute nicht «an der Tagesordnung» sind, gewissermaßen abgeleugnet werden. In diesen Tagen lasen Sie gewiß die Berichte über jene russische Gerichtsverhandlung, bei welcher der russische Kriegsminister Suchomlinoff, der damalige Generalstabschef und andere Persönlichkeiten bedeutsame Aussagen gemacht haben. Über diese Aussagen sind viele Leute entrüstet; bei diesen Aussagen fällt vielen Leuten ein, daß man ja darob sich stark moralisch entrüsten kann, darüber zum Beispiel, daß Suchomlinoff den Zaren angelogen hat, oder daß der russische Generalstabschef, als er den Mobilisationsbefehl noch in der Tasche hatte, dem deutschen Militärattache das feste Versprechen abgab, daß dieser Befehl noch nicht erlassen sei, weil er ihn erst nach wenigen Minuten an die betreffenden Stellen weitergeben wollte. Gewiß, darüber kann man sich entrüsten, darüber kann allerlei Moralisches deklamiert werden. Aber gelogen wird nun einmal heute so viel, daß es den Weltenkenner eigentlich nicht wundern sollte, daß an einer wichtigen Stelle einmal recht saftig gelogen worden ist. Dies jedoch und was die Leute darüber reden, ist nicht die Hauptsache. Etwas anderes ist die Hauptsache. Wenn man nämlich diesen ganzen Prozeß durchliest, findet man sogar merkwürdige Worte, die handgreiflich auf das hindeuten, worum es sich handelt. Suchomlinoff erzählt geradezu, daß er, als diese Sachen sich abspielten, für eine Zeitlang den Verstand verloren hat. Er sagte geradezu: «Ich hatte darüber den Verstand verloren.» — Das ganze Hin und Her hatte ihn um den Verstand gebracht. Und damals waren nicht wenige Leute in einer solchen Lage.
[ 6 ] In the future, people will certainly write about the events of 1914, 1915, 1916, and 1917. They will write all sorts of things, in the way that historians tend to write. People will write about the causes of this terrible world war; they will comb through documents from all sides, found in every possible archive, and will attempt to construct from these documents a plausible account—perhaps of the year 1914—regarding the events in Europe. The important thing we must realize in such a matter is this: that all documentary research, that all reporting inspired by the model of historical research up to the present, will not suffice to clarify the causes of this immense world event. For among the most important causes will be those which, by their very nature, have not been recorded in external documents produced with ink or printing ink, but which—precisely because they are not “on the agenda” today—are, in a sense, denied. You have certainly read the reports in recent days about that Russian court hearing in which Russian Minister of War Sukhomlinov, the then Chief of the General Staff, and other prominent figures made significant statements. Many people are outraged by these statements; when hearing them, it occurs to many that one can indeed feel strongly morally outraged, for example, that Sukhomlinov lied to the Tsar, or that the Russian Chief of the General Staff—while still carrying the mobilization order in his pocket—gave the German military attaché a firm promise that the order had not yet been issued, because he intended to forward it to the relevant authorities only a few minutes later. Certainly, one can be outraged by this, and all sorts of moralistic pronouncements can be made about it. But there is so much lying going on today that anyone familiar with the world should not really be surprised that a rather outrageous lie was told at a crucial moment. However, this—and what people say about it—is not the main point. The main point is something else. For when one reads through this entire trial, one even finds strange words that point quite clearly to what is at stake. Suchomlinoff goes so far as to say that, when these events were unfolding, he lost his mind for a time. He said outright: “I had lost my mind over it.”—The whole back-and-forth had driven him mad. And at that time, quite a few people found themselves in such a situation.
[ 7 ] Stellen Sie sich einen solchen Suchomlinoff vor, der den Verstand verloren hat: da ist so richtig die Möglichkeit, daß ahrimanische geistige Wesenheiten von seiner Seele Besitz ergreifen und ihm alles mögliche eingeben; das ist die Art, wie Ahriman in die Welt hereinwirkt, besonders wenn wir — außer wenn wir schlafen — keinen Wert darauf legen, voll in unserem Bewußtsein zu sein. Sind wir voll in unserem Bewußtsein, so können solche geistigen Wesen keinen richtigen Zugang zu unserer Seele haben. Ist aber die Geistigkeit, das Bewußtsein heruntergetrübt, so haben ahrimanische Wesen sofort den Zugang zu uns. Das sind die Tore, die Fenster, wo die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten in die Welt hereinkommen und ihre Pläne ausführen, indem sie die Menschen im Zustande des herabgedämmerten Bewußtseins überfallen und von sich besessen machen. Denn nicht auf eine unerklärliche, schauderhafte Weise wirken Ahriman und Luzifer, sondern dadurch, daß die Menschen mit ihrem Bewußtseinszustande ihnen entgegenkommen. Wer die Geschichte dieses Krieges in Zukunft wird schreiben wollen, der wird untersuchen müssen, wo überall solche herabgedämpften Bewußtseinszustände vorhanden waren, wo überall Tore und Fenster geöffnet waren für das Hereindringen ahrimanischer und luziferischer Mächte. Das ist bei früheren ähnlichen Ereignissen nicht in demselben Grade der Fall gewesen. Bei früheren ähnlichen Ereignissen wird man mit dem ausreichen, was Professoren und Geschichtsschreiber finden, indem sie die Archive untersuchen und aus dem Gefundenen die Ursachen für die Ereignisse zusammenstellen. Diesmal wird ein Rest bleiben, wenn man noch so genau die äußeren Dokumente zusammenstellen wird. Und dieser dableibende Rest ist das Hereinragen ganz besonderer geistiger Mächte durch die abgedämmerten Bewußtseinszustände in die Menschenwelt.
[ 7 ] Imagine a man like Suchomlinoff who has lost his mind: there is a very real possibility that Ahrimanic spiritual beings will take possession of his soul and instill all sorts of things in him; that is the way Ahriman works into the world, especially when—except when we are asleep—we do not attach importance to being fully present in our consciousness. If we are fully present in our consciousness, such spiritual beings cannot gain real access to our soul. But if our spirituality, our consciousness, is clouded, Ahrimanic beings immediately have access to us. These are the gates and windows through which Ahrimanic and Luciferic beings enter the world and carry out their plans by attacking people in a state of dimmed consciousness and taking possession of them. For Ahriman and Lucifer do not work in some inexplicable, terrifying way, but rather because people, through their state of consciousness, meet them halfway. Anyone who wishes to write the history of this war in the future will have to investigate where such states of subdued consciousness were present, where gates and windows were open for the intrusion of Ahrimanic and Luciferic forces. This was not the case to the same degree in earlier similar events. In earlier similar events, it will suffice to rely on what professors and historians find by examining the archives and piecing together the causes of the events from their findings. This time, however, a residue will remain, no matter how carefully the external documents are compiled. And this residual element is the intrusion of very special spiritual forces into the human world through these dimmed states of consciousness.
[ 8 ] An anderer Stelle habe ich davon gesprochen, wie auf einem gewissen Gebiete der Erde seit Jahrzehnten die Verhältnisse so zubereitet wurden, daß im richtigen Momente die richtigen ahrimanischen Kräfte in die Menschheit hereinwirkten. Eine ungeheuere Flut von geistigen Impulsen ging im Juli und August 1914 durch Europa, ein Wirbel geistiger Wirkungen. Das ist es, was ganz besonders zu berücksichtigen ist, was verstanden werden soll, richtig verstanden werden soll. Man versteht eben die Wirklichkeit nicht, wenn man nicht in der Lage ist, an diese Wirklichkeit mit denjenigen Begriffen heranzutreten, die aus dem konkreten geistigen Leben genommen sind. Geisteswissenschaft ist zum Verständnis der Wirklichkeit der Gegenwart einmal notwendig. Und auch eine Wirksamkeit in der Gegenwart, sei es auf politischem, sei es auf anderen Gebieten, ist nicht möglich, ohne daß der Mensch über die Ereignisse ein waches Leben entwickelt mit den Vorstellungen, mit den Begriffen, die er aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann. Nicht als ob man alles schablonenhaft nach der Geisteswissenschaft beurteilen kann, aber sie ist etwas, was uns dazu anleitet, wach das Gegenwartsleben mitzuerleben, während gerade die materialistische Seelenverfassung uns schlafen läßt über das Allerwichtigste, uns nicht so aufrüttelt, daß wir zu einem Urteil über unsere Zeitgenossenschaft kommen.
[ 8 ] Elsewhere I have spoken of how, in a certain region of the Earth, conditions have been prepared over decades so that, at the right moment, the right Ahrimanic forces would begin to work within humanity. A tremendous flood of spiritual impulses swept through Europe in July and August 1914—a whirlwind of spiritual forces. This is what must be taken into account in a very special way; this is what must be understood—and understood correctly. One simply does not understand reality if one is not able to approach this reality with concepts drawn from concrete spiritual life. Spiritual science is, first and foremost, necessary for understanding the reality of the present. And effective action in the present—whether in the political sphere or in other areas—is not possible unless a person develops an alert awareness of events using the ideas and concepts they can gain from spiritual science. Not that one can judge everything in a formulaic way according to spiritual science, but it is something that guides us to experience present-day life with alertness, whereas the materialistic state of mind, on the other hand, lulls us to sleep regarding what is most important and fails to stir us sufficiently to form a judgment about our contemporary world.
[ 9 ] Das ist es ja, was ich in die Untertöne, die ich in die geisteswissenschaftlichen Vorträge und Betrachtungen lege, so gerne hineinbringen möchte, damit diese Geisteswissenschaft wirklich lebendiges, regsames Element werde, so daß die Seelen sich so zu dem Außenleben verhalten, wie es der Außenwelt entspricht, und ergriffen werden von dem Konkreten der Welt, nicht nur der Geisteswissenschaft. Man muß richtig aus Symptomen heraus urteilen können.
[ 9 ] That is precisely what I would so much like to infuse into the undertones of my lectures and reflections on spiritual science, so that this spiritual science may truly become a living, active element, so that souls relate to external life in a way that corresponds to the external world, and are moved by the concrete reality of the world, not merely by spiritual science. One must be able to judge correctly based on symptoms.
[ 10 ] Ich habe Ihnen neulich erzählen können, mit welcher geradezu phänomenalen Oberflächlichkeit ein Berliner Universitätsprofessor sich über die Anthroposophie hergemacht hat. Ich habe Ihnen erzählt, was an Entstellung oder auch unbewußter Verleumdung sich Max Dessoir geleistet hat. Aber das steht doch im Zusammenhang mit dem ganzen Erscheinungskomplex, daß ein solches Individuum Max Dessoir in einer gelehrten Körperschaft drinnen steht, ja, daß noch etwas ganz anderes möglich war. Dieses Individuum Max Dessoir hat einmal eine Geschichte der Psychologie geschrieben, und wie er in der Vorrede zu diesem Buche gleich bemerkt, hat er besagte Geschichte der Psychologie auf Anregung der Berliner Akademie der Wissenschaften verfaßt, die einen Preis auf die Darstellung der Geschichte der Psychologie ausgeschrieben hatte. Diese Geschichte der Psychologie ist ein so lotteriges, ein innerlich so defektes Werk, daß das betreffende Individuum Max Dessoir es selbst später wieder zurückgezogen und einstampfen lassen hat. Es könnten also nicht so viele Exemplare davon vorhanden sein. Aber ich besitze ein Rezensionsexemplar dieses Buches und werde vielleicht noch manches darüber erzählen können. Vorläufig mußte ich mich damit beschäftigen in meiner demnächst erscheinenden Broschüre in dem Kapitel über die Angriffe gegen die Anthroposophie. Also Max Dessoir schreibt über die Geschichte der Psychologie, und er läßt dann dieses Werk wieder einstampfen. Aber die Tatsache liegt vor, daß die Berliner Akademie der Wissenschaften diese eingestampfte Geschichte der Psychologie preisgekrönt hat! Diese Dinge darf man nicht verschlafen, denn sie sind symptomatisch und sprechen für das, was in unserer gegenwärtigen Welt geschieht.
[ 10 ] I was able to tell you recently about the downright phenomenal superficiality with which a Berlin university professor attacked anthroposophy. I told you about the distortions—or even unconscious slander—that Max Dessoir engaged in. But this is connected to the broader phenomenon that an individual like Max Dessoir is a member of a scholarly body—indeed, that something entirely different was even possible. This individual, Max Dessoir, once wrote a history of psychology, and as he notes right at the beginning of the preface to this book, he composed said history of psychology at the suggestion of the Berlin Academy of Sciences, which had offered a prize for a work on the history of psychology. This history of psychology is such a shoddy, intrinsically flawed work that Max Dessoir himself later withdrew it and had it pulped. Therefore, there likely aren’t many copies of it in circulation. However, I possess a review copy of this book and may yet have more to say about it. For the time being, I had to address it in my forthcoming pamphlet, in the chapter on the attacks against anthroposophy. So Max Dessoir writes about the history of psychology, and then he has this work pulped. But the fact remains that the Berlin Academy of Sciences awarded a prize to this pulped history of psychology! We must not overlook these things, for they are symptomatic and speak to what is happening in our present-day world.
[ 11 ] Was sind solche Individuen für Menschen? Es sind die, welche die Junge Generation heranziehen, welche diejenigen heranziehen, die dann die leitenden Persönlichkeiten der Menschheit werden; es sind die, welche dasjenige Geschlecht heranziehen, das es bis zu dem gegenwärtigen Zustande der Welt gebracht hat! Es ist schon notwendig, die Dinge in ihrem Zusammenhange zu sehen, es ist notwendig, schon zu sehen, wie die Symptome für das sprechen, was einzig und allein zum Verständnis desjenigen führen kann, in dem wir leben. Dies also ist es, was ich so gerne als einen Unterton in dieser Geisteswissenschaft haben möchte, daß es die Seelen ergreife und zu wachenden Beobachtern ihrer Umgebung mache, denn die Gelegenheit zum Schlafen ist heute eine gar große. Selbstverständlich werden die ahrimanischen und luziferischen Kräfte jede Gelegenheit benutzen, um die volle Bewußtheit abzulenken, die den Menschen für die Beobachtung der um ihn liegenden Wirklichkeit aus den geisteswissenschaftlichen Begriffen heute überkommt. Aber das Bewußtsein herunterzudämmern, dafür ist in mancherlei Beziehung Gelegenheit da.
[ 11 ] What kind of people are such individuals? They are the ones who raise the younger generation—the very generation that will go on to become humanity’s leading figures; they are the ones who raised the generation that has brought the world to its current state! It is indeed necessary to see things in their context; it is necessary to recognize how the symptoms point to that which alone can lead to an understanding of the world in which we live. This, then, is what I would so much like to see as an underlying tone in this spiritual science—that it may stir the souls and make them vigilant observers of their surroundings, for the temptation to sleep is very great today. Of course, the Ahrimanic and Luciferic forces will use every opportunity to distract the full consciousness that now comes over people—based on spiritual scientific concepts—as they observe the reality surrounding them. But there are opportunities in many respects to let consciousness drift off.
[ 12 ] Man kann auch, indem man studiert — und studiert nach einer bestimmten Richtung —, immer klüger, immer gescheiter, immer gelehrter werden; gewiß, das kann man werden. Aber man kann dabei an der Helligkeit seines Bewußtseins Einbuße erleiden. Da kommt man auf dünnes Eis, auf recht dünnes Eis, wenn man die Wirklichkeit bespricht.
[ 12 ] One can also, by studying—and studying in a specific direction—become ever wiser, ever more intelligent, ever more learned; certainly, one can become that. But in doing so, one may lose some of the clarity of one’s consciousness. That’s when one finds oneself on thin ice—on very thin ice—when discussing reality.
[ 13 ] Nun kann man zwar, ich möchte sagen, auf gewisse Punkte im Leben der Gegenwart nicht vom Eingeweihten-Standpunkte aus hindeuten, weil etwas Ungeheuerliches daraus erfolgen könnte; aber auf manche Sachen kann man, muß man und soll man hindeuten. Da ist zum Beispiel ein deutscher Universitätsprofessor. Ich will über den Mann gar nichts Schlimmes sagen, sondern alles mögliche Gute, aber ich will ihn sachlich charakterisieren. Dieser Mann ist ein großer Gelehrter, ein bedeutender Gelehrter auf dem Gebiete der 'Theologie. Er hat viel studiert. Doch das Theologiestudium hat ihn zwar gelehrt gemacht, aber nicht wachend, nicht dasjenige sehend, was in der Welt Wirklichkeit ist. Nun hat er als Theologieprofessor die Aufgabe, über Religion und Religionswissenschaft, über das, was in der Religion verehrt wird, über überirdische Mächte zu sprechen. Das ist den 'Theologieprofessoren heute eine recht unbehagliche Sache. Daher reden sie gern mehr über religiöse Zustände, über die Art und Weise, wie die Seele empfindet, wenn sie der geistigen Welt gegenübersteht. Nun liegt bei diesem Professor etwas Besonderes vor. Er hat, wie alle Menschen in der Gegenwart, die seiner Art sind, eine gewisse Furcht vor der geistigen Welt, vor ihrem Enthüllen und ihrem Eingießen in wörtliche Definitionen, in wirkliche Vorstellungen. Diese Angst habe ich Ihnen öfter charakterisiert: sie ist rein ahrimanischen Ursprunges. Der Betreffende fühlt: wenn er auf der einen Seite nach dem Durchdringen der materiellen Welt in die geistige Welt hineinkommt, so begegnet er Ahriman. Er muß Ahriman überwinden, muß ihn beiseiteschaffen. Nun sehen wir, ein solcher Theologe steht nun vor der großen, die Geistigkeit offenbarenden Natur; irgendwie darauf eingehen will er nicht. Was sich da durch die Natur offenbart an Wesenheiten der höheren Hierarchien, das ist ja heute nicht wissenschaftlich; doch den Seelenzustand beim religiösen Erleben will er untersuchen. Aber indem man den Seelenzustand untersuchen will und eigentlich nicht auf die wirkliche geistige Welt eingeht, verfällt man eben sehr leicht jenem Seelenzustande, den man gerade den ahrimanischen Mächten gegenüber haben kann. Ein Teil des religiösen Gefühls ist daher für diesen Theologen die Furcht, die Scheu vor dem Unbekannten. Das Unbekannte möchte er auf keinen Fall zu einem Bekannten machen. Aber die Scheu, die Furcht vor dem Unbekannten, die nun gerade von ahrimanischen Wesen herkommt, registriert er als ein Glied im religiösen Fühlen.
[ 13 ] Now, it is true that—I would say—one cannot point out certain aspects of contemporary life from the perspective of an initiate, because something monstrous could result from it; but there are some things one can, must, and should point out. Take, for example, a German university professor. I do not wish to say anything bad about this man—on the contrary, I wish to say all manner of good things—but I want to describe him objectively. This man is a great scholar, a distinguished scholar in the field of theology. He has studied extensively. Yet while his theological studies have made him learned, they have not made him alert; he does not perceive what is truly real in the world. Now, as a professor of theology, his task is to speak about religion and the study of religion, about what is revered in religion, and about supernatural powers. This is a rather uncomfortable subject for ‘professors of theology’ today. That is why they prefer to speak more about religious states of mind, about the way the soul feels when confronted with the spiritual world. Now, there is something special about this professor. Like all people of his kind in the present day, he has a certain fear of the spiritual world—of its revelation and its translation into literal definitions and concrete concepts. I have described this fear to you on several occasions: it is of purely Ahrimanic origin. The person in question feels that when, on the one hand, he enters the spiritual world after penetrating the material world, he encounters Ahriman. He must overcome Ahriman; he must cast him aside. Now we see that such a theologian stands before the great nature that reveals the spiritual; yet he does not wish to engage with it in any way. What is revealed there through nature—the beings of the higher hierarchies—is, of course, not scientific today; yet he wishes to investigate the state of the soul during religious experience. But by seeking to investigate the state of the soul without actually engaging with the real spiritual world, one very easily falls into precisely that state of mind one might have in the face of the Ahrimanic forces. For this theologian, therefore, part of religious feeling is fear—a shyness toward the unknown. Under no circumstances does he wish to make the unknown into something known. Yet he recognizes this shyness, this fear of the unknown—which stems precisely from Ahrimanic beings—as a component of religious feeling.
[ 14 ] Indem er auf die Hierarchien, die hinter der Sinneswelt leben, nicht eingehen will, sondern nur den Seelenzustand charakterisieren will, verdunkelt nun schon Ahriman sein Verständnis für die geistige Welt. Die soll das große Unbekannte sein, das Irrationale, und das eigentlich Religiöse liegt, wie er sagt, im Mysterium tremendum, im Mysterium des Fürchtens, im Mysterium der Scheu. Aber das ist nicht das einzige. Nach außen paßt Ahriman auf, wenn man die geistige Welt finden will, nach innen paßt Luzifer auf. Der moderne Theologe jedoch, den ich meine, sucht auch nach innen wieder nicht nach den Hierarchien. Da muß die Welt der Hierarchien wieder das große Unbekannte bleiben, das er nur ja nicht zu etwas Bekanntem machen will. Aber die innere Seelenverfassung soll untersucht werden; das muß nun das Entgegengesetzte von dem sein, was das Mysterium der Furcht ist: das ist das Mysterium des Faszinierens. Da werden wir angezogen, fasziniert. Nun hat er auf der einen Seite das Mysterium der Scheu, auf der anderen Seite das Mysterium des Faszinierens; daraus setzt er das religiöse Leben zusammen. Es finden sich nun selbstverständlich heute Kritiker, welche das als den besonderen Fortschritt der Menschheit auf diesem Gebiete empfehlen, daß nun die theologische Betrachtung endlich davon abkomme, von geistigen Wesenheiten zu sprechen, daß sie nicht mehr von dem Rationalen, sondern von dem Irrationalen spreche, von dem Mysterium des Faszinierens und von dem Mysterium der Scheu, von dem zweifachen Sichhinwenden auf ein Unbekanntes. Es wird ja bestimmt das Buch des Breslauer Universitätsprofessors Otto: «Über das Heilige» ein sehr berühmtes Buch in der Gegenwart werden, dieses Buch über das Heilige, welches das ganze religiöse Leben entrationalisieren will, aber nicht nur dies, sondern auch entkonkretisieren und alles bestimmte Fühlen ausmerzen will, auf der einen Seite aus der Scheu vor dem Unbekannten und auf der anderen Seite aus dem Erfülltsein von dem Fasziniertsein durch das Unbekannte. Diese ganze Betrachtung des religiösen Lebens wird besonderes Aufsehen machen. Man wird sagen: Endlich sind wir über die alte Art hinaus, etwas über die geistige Welt aussagen zu wollen.
[ 14 ] By refusing to address the hierarchies that exist behind the sensory world, and instead seeking only to characterize the state of the soul, Ahriman is already obscuring his understanding of the spiritual world. That is supposed to be the great unknown, the irrational, and what is truly religious lies, as he says, in the mysterium tremendum, in the mystery of awe, in the mystery of reverence. But that is not the only thing. Outwardly, Ahriman keeps watch when one seeks the spiritual world; inwardly, Lucifer keeps watch. The modern theologian, however—the one I have in mind—does not seek the hierarchies inwardly either. Thus the world of hierarchies must once again remain the great unknown, which he is determined not to turn into anything known. But the inner state of the soul is to be examined; this must now be the opposite of what the mystery of fear is: it is the mystery of fascination. There we are drawn in, fascinated. Now he has, on the one hand, the mystery of shyness, and on the other, the mystery of fascination; from these he constructs religious life. Of course, there are critics today who recommend this as humanity’s particular progress in this field—that theological reflection has finally moved away from speaking of spiritual beings, that it no longer speaks of the rational but of the irrational, of the mystery of fascination and the mystery of awe, of the twofold turning toward the unknown. The book by Otto, a professor at the University of Breslau, *On the Sacred*—a very famous book in the present day—this book on the sacred, which seeks to de-rationalize the entire religious life, but not only that, also to de-concretize it and eradicate all specific feelings, on the one hand out of fear of the unknown and on the other hand out of being filled with fascination for the unknown. This entire perspective on religious life will cause quite a stir. People will say: At last, we have moved beyond the old way of trying to say something about the spiritual world.
[ 15 ] Wer etwas über Anthroposophie kennt, der muß verstehen, was in einem solchen Falle vorliegt, daß hier ein Dämmerzustand des Bewußtseins bei dem betreffenden Gelehrten vorliegt. Solche Dämmerzustände kennt man. Philologen wie Naturforscher kommen sehr häufig in solche Zustände, wenn sie nur auf einem engbegrenzten Gebiet forschen, und dann haben Ahriman und Luzifer den Zugang zu ihnen. Warum sollte nicht Ahriman einen solchen Forscher davon abhalten, auf die geistige Welt hinzublicken und ihn einlullen in das Gefühl des Mysterium tremendum, des Mysteriums der Furcht? Warum sollte nicht Luzifer ihn einlullen in das Gefühl des Mysterium «fascinosum»? Einzig und allein das Aufgeklärtsein darüber, welche Rollen Ahriman und Luzifer spielen, ist es, was zum Gedeihen führen kann, sonst plätschert man in dem Unbestimmten des Gefühles herum. Das Gefühl ist ganz gewiß ein mächtiges Lebenselement, und der Intellektualismus darf nicht das Gefühlsleben unterdrücken, aber etwas anderes ist es, wenn ein unbestimmtes Plätschern im Gefühlsleben jedes konkrete Ausblicken auf die geistige Welt hinwegdämmern will. Da muß man immer wieder an einen Ausspruch Hegels erinnern, wenn es auch ein theoretisch zynischer Ausspruch von ihm war, auf Schleiermachers berühmte Definition: das Religiöse läge im absoluten Abhängigkeitsgefühl, im Abhängigkeitsgefühl schlechthin. — Eine solche Definition ist ja nicht falsch, aber darum handelt es sich nicht. Hegel, der die Menschenseele auf das Konkrete in der Welt hinlenken wollte und nicht auf das Abhängigkeitsgefühl, meinte: Wenn das Abhängigkeitsgefühl das beste religiöse Gefühl ausmacht, dann ist der Hund der beste Christ. — So meint Hegel. Und wenn das Mysterium der Scheu wirklich Bedingung wäre für ein gewisses inneres Erleben, dann brauchte man nur tollwütig zu werden, brauchte nur wasserscheu zu werden, und würde das intensivste Gefühl für das Mysterium der Scheu entwickeln.
[ 15 ] Anyone familiar with anthroposophy must understand what is at stake in such a case: that the scholar in question is in a twilight state of consciousness. Such twilight states are well known. Philologists and natural scientists alike very often find themselves in such states when they conduct research only within a narrowly defined field, and then Ahriman and Lucifer gain access to them. Why shouldn’t Ahriman prevent such a researcher from looking toward the spiritual world and lull him into a sense of the *mysterium tremendum*, the mystery of fear? Why shouldn’t Lucifer lull him into a sense of the *Mysterium “fascinosum”*? Only an awareness of the roles played by Ahriman and Lucifer can lead to true growth; otherwise, one merely flounders in the vagueness of emotion. Feeling is certainly a powerful element of life, and intellectualism must not suppress the life of feeling; but it is quite another matter when an indeterminate drifting in the life of feeling seeks to obscure every concrete outlook toward the spiritual world. Here one must repeatedly recall a statement by Hegel—even if it was a theoretically cynical remark on his part—regarding Schleiermacher’s famous definition: that the religious lies in the absolute sense of dependence, in the sense of dependence par excellence. — Such a definition is not wrong, of course, but that is not the point. Hegel, who wanted to direct the human soul toward the concrete in the world and not toward the feeling of dependence, argued: If the feeling of dependence constitutes the best religious feeling, then the dog is the best Christian. — That is Hegel’s view. And if the mystery of fear were truly a prerequisite for a certain inner experience, then one would only need to go mad, or become afraid of water, to develop the most intense sense of the mystery of fear.
[ 16 ] Wenn wir das, was ich durch solche Betrachtungen nicht so sehr an theoretischem Gehalt, sondern an Gesinnungssubstanz vorbringen möchte, berücksichtigen, dann, und nur dann können sich die Elemente ergeben, um in unserer Zeit den Weltenzusammenhang sachgemäß zu beobachten. Und auf solches sachgemäßes Beobachten kommt es ja an. Man kann an jeder Stelle in der Welt, wo man steht, sachgemäß beobachten, oder man kann an jeder Stelle, an der man steht, unsachgemäß schlafen; denn das, was in der großen Welt flutet und pulst, drückt sich auch im kleinsten Kreise aus. Das kann man überall beobachten; da handelt es sich nur darum, daß wir es wirklich beobachten.
[ 16 ] If we take into account what I wish to convey through such reflections—not so much in terms of theoretical content as in terms of the substance of our outlook—then, and only then, can the elements emerge that allow us to properly observe the interconnectedness of the world in our time. And such proper observation is, after all, what matters. Wherever in the world one stands, one can observe things properly, or one can sleep improperly wherever one stands; for what surges and pulses in the wider world also expresses itself in the smallest of circles. This can be observed everywhere; the only question is whether we actually observe it.
[ 17 ] So beginnt eine Zeit, in der es wirklich von besonderer Wichtigkeit ist, dasjenige, was ich namentlich in diesen letzten Betrachtungen andeutete, recht genau ins Seelenauge zu fassen. Zu einem Bewußtsein einer allgemeinen Göttlichkeit oder Geistigkeit der Welt kommen heute zahlreiche Menschen; zu einem wirklichen Christus-Bewußtsein kommen selbst Menschen nicht von der Art Hermann Bahrs, wie ich es Ihnen mitgeteilt habe, als ich über seinen Aufsatz «Vernunft und Wissenschaft» sprach. Er sucht Anschluß beim allerpositivsten Christentum der Gegenwart: bei Rom. Aber so viel er auch redet: irgendein Bewußtsein, den Christus-Impuls zu suchen, kann man in dieser ganzen Schrift «Vernunft und Wissenschaft» bei Hermann Bahr nicht finden. Gerade dies aber ist die Notwendigkeit in unserer Zeit: immer klarer und klarer gerade über den Christus-Impuls zu werden. Im Laufe des verflossenen Jahrhunderts haben wir den großen Aufschwung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart erlebt mit alle dem, was sie im Gefolge hatte. Dieser erste große Aufschwung der naturwissenschaftlichen Denkungsart hat auch zu einem theoretischen Materialismus geführt, der von einem religiösen Atheismus begleitet war. Der Atheismus hat ja in gewissem Sinne bei den Materialisten des neunzehnten Jahrhunderts wahre Orgien gefeiert. Aber solche Dinge schlagen um, und dieselbe Denkungsweise, welche aus gewissen luziferisch-ahrimanischen Impulsen heraus beim ersten Aufschwung der Naturwissenschaften die Menschen atheistisch werden ließ, wird sie gottgläubig werden lassen, wenn der erste Taumel vorüber ist. Aus dem, was Darwin gelehrt hat, ist es ebensogut möglich, daß man gottgläubig werden kann, wie daß man Atheist werden kann. Es ist wirklich so, daß die Medaille auf die eine Seite und auf die andere Seite gelegt werden kann. Aber christlich kann man nicht aus dem Darwinismus werden, kann es auch nicht aus dem Aufschwung der modernen Naturwissenschaft werden, wenn man nur bei diesem Aufschwung stehenbleibt. Dazu gehört etwas ganz anderes: dazu gehört das Verständnis für eine gewisse Seelenverfassung in den Fundamenten. Welche Fundamente meine ich?
[ 17 ] Thus begins a time in which it is truly of particular importance to grasp quite precisely, with the eye of the soul, what I have hinted at, particularly in these last reflections. Today, many people are coming to an awareness of a general divinity or spirituality in the world; yet even people of Hermann Bahr’s ilk—as I explained to you when I spoke about his essay “Reason and Science”—do not arrive at a true Christ-consciousness. He seeks to align himself with the most “positive” form of Christianity today: that of Rome. But no matter how much he may speak, one cannot find in Hermann Bahr’s entire work *Reason and Science* any sense of seeking the Christ impulse. Yet this, precisely, is what is necessary in our time: to become ever clearer and clearer about the Christ impulse. Over the course of the past century, we have witnessed the great rise of the scientific way of thinking, with all that it entailed. This first great rise of the scientific way of thinking also led to a theoretical materialism accompanied by religious atheism. In a certain sense, atheism indeed reached fever pitch among the materialists of the nineteenth century. But such things turn around, and the very same way of thinking—which, arising from certain Luciferic-Ahrimanic impulses during the initial rise of the natural sciences, led people to become atheists—will lead them to believe in God once the initial frenzy has passed. Based on what Darwin taught, it is just as possible to become a believer in God as it is to become an atheist. It is truly the case that the coin can be flipped one way or the other. But one cannot become a Christian through Darwinism, nor can one become one through the rise of modern natural science, if one stops only at this rise. This requires something entirely different: it requires an understanding of a certain spiritual disposition at the very foundations. What foundations do I mean?
[ 18 ] Kant hat gesagt: Die Welt ist unsere Erscheinung, und wenn wir uns Vorstellungen von der Welt machen, so sind sie nach unserer Organisation gebildet. — Mit diesem Kantianismus ist, wie ich, nicht aus persönlicher Albernheit, sondern aus sachlichen Gründen hervorheben darf, am intensivsten erst im Fundament in meiner Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» und in meiner «Philosophie der Freiheit» gebrochen. Diese beiden Schriften gehen davon aus, daß wir dann, wenn wir uns Begriffe über die Welt bilden und aus der Seele herausarbeiten, uns nicht von der Wirklichkeit entfernen, sondern daß wir in einen physischen Leib hineingeboren werden, damit wir durch Augen die Welt ansehen, damit wir durch Ohren die Dinge anhören und so weiter. Was uns die Sinne zeigen, ist nicht die ganze, das ist nur die halbe Wirklichkeit. Ich habe das noch einmal in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» unterstrichen. Gerade dadurch, daß wir in einer bestimmten Weise organisiert sind, ist die Welt nur in einer gewissen Beziehung, wie die Orientalen sagen, Schein, Maja. Und dadurch, daß wir uns Vorstellungen über die Welt bilden, kommt es, daß wir im Gedanken das hinzufügen, was wir unterdrückt haben, indem wir in den Leib hineingegangen sind. So ist das wahre Verhältnis zwischen Wahrheit und Wissenschaft. Wirkliche Wissenschaft ist Ergänzung des Scheines zur vollen Wirklichkeit. Und von dieser Idee ausgehend, daß die Welt in ihrer ersten Gestalt, wie sie den Sinnen vorliegt, durch uns — nicht durch sich — uns unwirklich erscheint, und daß wir diese Gestalt der Welt, die durch uns eine unwirkliche ist, im subjektiven Arbeiten zur Wirklichkeit machen, darf ich diesen Gedanken den paulinischen Gedanken auf dem Gebiete der Erkenntnistheorie nennen.
[ 18 ] Kant said: The world is our phenomenon, and when we form ideas about the world, they are shaped according to our own organization. — It is with this Kantianism—as I must emphasize, not out of personal frivolity but for objective reasons—that I have most thoroughly broken, starting at the very foundation, in my work *Truth and Science* and in my *Philosophy of Freedom*. These two works proceed from the premise that when we form concepts about the world and work them out from within the soul, we do not distance ourselves from reality, but rather that we are born into a physical body so that we may see the world through our eyes, hear things through our ears, and so on. What the senses show us is not the whole reality—it is only half of it. I emphasized this once again in my book *The Riddles of Philosophy*. Precisely because we are organized in a certain way, the world is, as the Easterners say, only an illusion, *maya*, in a certain sense. And because we form concepts about the world, we add in thought what we have suppressed by entering into the body. Such is the true relationship between truth and science. True science is the completion of appearance into full reality. And based on this idea—that the world in its primary form, as it presents itself to the senses, appears unreal to us through us—not through itself—and that we transform this form of the world, which is unreal through us, into reality through subjective work—I may call this thought the Pauline thought in the realm of epistemology.
[ 19 ] Denn es ist nichts anderes, als, auf das philosophische Erkenntnisgebiet übertragen, der Gedanke der paulinischen Erkenntnistheorie, daß der Mensch so, wie er in die Welt getreten ist durch den ersten Adam, diese Welt in einer untergeordneten Art vor sich hat, und sie erst durch das, was er durch den Christus wird, in ihrer wahren Gestalt erlebt. Das Christentum kann warten in der Philosophie, in der Erkenntnistheorie. Aber nicht darauf kommt es an, daß man die Erkenntnistheorie damit beginnt, daß man irgendwelche in der Theologie gebräuchliche Formeln an die Spitze setzt, sondern auf die Art des Denkens. Und ich darf sagen: In den Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit», trotzdem sie ganz aus der Philosophie herausgearbeitet sind, lebt paulinischer Geist. Von dieser Philosophie aus ist es möglich, die Brücke hinüber zu finden zu dem Christus-Geist, wie man von der Naturwissenschaft aus die Brücke zum Vater-Geist finden kann. Aber man kann nicht von der naturwissenschaftlichen Denk weise aus zum Christus-Geist kommen. So lange daher der Kantianismus, der durchaus als Philosophie ein vorchristlicher Standpunkt ist, irgendwie herrscht, wird die Philosophie immer mehr das Christentum vernebeln. Da kann nur unrichtiges, verlogenes Christentum in die Philosophie hineinkommen, wenn der Kantianismus als erkenntnistheoretische Grundlage herrscht.
[ 19 ] For, when applied to the realm of philosophical knowledge, this is nothing other than the idea at the heart of Paul’s theory of knowledge: that human beings, just as they entered the world through the first Adam, perceive this world in a subordinate manner, and only through what they become in Christ do they experience it in its true form. Christianity has its place in philosophy, in epistemology. But what matters is not that one begins epistemology by placing some formula or other commonly used in theology at the forefront, but rather the manner of thinking. And I may say: In the writings *Truth and Science* and *The Philosophy of Freedom*, even though they are entirely developed from within philosophy, the spirit of Paul lives on. From this philosophy, it is possible to find the bridge to the Christ-Spirit, just as one can find the bridge to the Father-Spirit from the natural sciences. But one cannot arrive at the Spirit of Christ through the mode of thinking characteristic of the natural sciences. Therefore, as long as Kantianism—which, as a philosophy, is unquestionably a pre-Christian standpoint—continues to prevail in any way, philosophy will increasingly obscure Christianity. Only a false, hypocritical form of Christianity can find its way into philosophy when Kantianism reigns as the epistemological foundation.
[ 20 ] Sie sehen also, die Dinge sind schon tiefer anzufassen, und es wäre notwendig, daß man dasjenige, was heute geistig zutage tritt, nicht bloß dem wörtlichen Inhalte nach, sondern der Art und Weise der Denkenden, der ganzen Richtung nach, ins Auge faßt. Dann würde man verstehen, worin für die Zukunft Fruchtbares ist, und worin das liegt, was überwunden werden muß. Und dann würde man die Fäden nach anderen Gebieten herüber finden, nach Gebieten, die man heute so braucht, wenn man aufwachen will, richtig aufwachen will. Die furchtbaren Zeitereignisse sollten wahrhaftig nur Symptome bleiben. Die große Umkehr sollte von innen kommen.
[ 20 ] So you see, we need to look at things more deeply, and it would be necessary to consider what is coming to light spiritually today not merely in terms of its literal content, but also in terms of the way people think and the overall direction of thought. Then one would understand what holds promise for the future and what must be overcome. And then one would find the threads leading to other areas—areas that are so necessary today if we are to awaken, to truly awaken. The terrible events of our time should truly remain nothing more than symptoms. The great turning point must come from within.
[ 21 ] Wie stand man, lassen Sie mich das noch zum Schlusse sagen, allein da, als man vor 1914 in objektiver Weise die ganze verworrene Denkweise Woodrow Wilsons charakterisierte. Ich habe auf das, was Sie über Wilson finden können, in meinem Helsingforser Zyklus aufmerksam gemacht. Das war in der Zeit, als die übrige Literatenwelt, weil damals gerade von Wilson «Nur Literatur» und anderes übersetzt war, zu den Füßen von Woodrow Wilson gelegen hat, und wie wurde damals die «große, vornehme, unbefangene» Denkweise Wilsons hervorgehoben, vielfach von denen hervorgehoben, die jetzt ganz gewiß anders sprechen. Aber was war dazu notwendig? War Einsicht notwendig, oder etwas ganz anderes als Einsicht, um zu dieser Umkehr zu kommen? Dies aber ist notwendig, daß genauer auf das hingesehen wird, was Geisteswissenschaft bringen soll an Verbindung mit der gesamten Wirklichkeit, an Urteilen über die Wirklichkeit, gegenüber dem, was heute an Unwirklichkeit auf allen Gebieten und an wesenlosen Abstraktionen herrscht. Ich empfehle Ihnen, wenn Sie die Ideen der Zeit so genießen wollen wie jemand, der etwa, um eine Orange zu genießen, dieselbe zuerst zwischen zwei Eisenpfosten zerquetscht, um allen Saft herauszubringen, und nur was übrig bleibt verspeist, dann lesen Sie die ausgepreßten, die ausgequetschten Ideen der Zeit, welche Georg Simmel geschrieben hat über den Geistgehalt dieses Krieges. Da haben Sie ein Musterbeispiel von den in der Gegenwart «geistvollen» Darlegungen, die nichts, aber auch gar nichts enthalten, sondern die nur ausgepreßte, ausgequetschte und inhaltleerste Begriffe sind. Wollen Sie sich ein solches Musterbeispiel einer solchen abstrakten, inhaltleeren Schrift der Gegenwart leisten, so finden Sie es in der Schrift «Der Geistgehalt dieses Krieges» von Georg Simmel. Denn es ist von dem berühmten Philosophen, dem Erneuerer des modernen Denkens, der an der Berliner Universität den größten Zulauf hatte, der auch nie einen wirklichen Gedanken gehabt hat, aber der gerade in unserer Zeit berühmt geworden ist.
[ 21 ] Let me just say in closing: one stood alone back then, before 1914, when one objectively characterized the whole convoluted way of thinking of Woodrow Wilson. I have drawn attention to what you can find about Wilson in my “Helsingfors” cycle. That was at a time when the rest of the literary world—precisely because Wilson’s *Nur Literatur* and other works had just been translated—was at Woodrow Wilson’s feet, and how Wilson’s “great, noble, unbiased” way of thinking was emphasized back then, often by those who now certainly speak differently. But what was necessary for this? Was insight necessary, or something entirely different from insight, to bring about this reversal? What is necessary, however, is to look more closely at what spiritual science is meant to contribute in terms of connection with the whole of reality and in terms of judgments about reality, as opposed to the unreality and insubstantial abstractions that prevail today in all fields. I recommend that if you wish to enjoy the ideas of the times in the same way that someone, for example, to enjoy an orange, first crushes it between two iron posts to extract all the juice and then eats only what remains, then read the squeezed-out, wrung-out ideas of the times that Georg Simmel wrote about the spiritual content of this war. There you have a prime example of the “intellectual” expositions of the present day, which contain nothing—absolutely nothing—but are merely squeezed-out, wrung-out, and utterly vacuous concepts. If you wish to treat yourself to such a prime example of this kind of abstract, content-free writing of the present day, you will find it in the work *The Spiritual Content of This War* by Georg Simmel. For it is by the famous philosopher, the innovator of modern thought, who had the largest following at the University of Berlin—a man who never actually had a real thought, yet who has become famous precisely in our time.
