Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

11 September 1917, Berlin

Translate the original German text into any language:

Das Karma des Materialismus VII

The Karma of Materialism VII

[ 1 ] Ich sagte schon, daß ich Ergänzungen zu den verschiedenen Betrachtungen, die im Laufe dieses Winters hier angestellt worden sind, in diesen Sommerabenden hier vorbringen will. Einiges namentlich, das Ihnen von einer gewissen Seite her das schon Vorgebrachte in einer besonderen Weise ergänzen wird, glaube ich heute und dann wohl ein letztes Mal am nächsten Dienstag hier zu entwickeln.

[ 1 ] I have already said that I intend to present some additions to the various reflections that have been offered here over the course of this winter during these summer evenings. In particular, there are some points that, from a certain perspective, will complement what has already been presented in a special way; I intend to elaborate on them here today and then, most likely for the last time, next Tuesday.

[ 2 ] Wenn man geisteswissenschaftlich die Entwickelung der Menschheit betrachtet, so bekommt man, wie Sie wissen, eine Anschauung über diese Entwickelung, die in vieler Beziehung recht sehr von dem abweicht, was die bloße Naturwissenschaft feststellen kann. Namentlich über die Entwickelung der Menschenseele selbst, oder besser gesagt, der Menschenseelen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende, bekommt man durch die Geisteswissenschaft eine andere Anschauung als durch die bloße naturwissenschaftliche Betrachtung. Nicht nur daß, wenn wir in ältere Zeiten zurückblicken, ein altes atavistisches Hellsehen vorhanden war, wie uns ja bekannt ist, welches in ganz anderer Weise ein Bewußtsein im Menschen erzeugte, als das heutige Bewußtsein ist, wie ich es Ihnen das letzte Mal ausführte, sondern es ist so, daß weit in spätere Zeiten herein, in spätere Jahrhunderte herein, Reste vom alten Hellsehen viel reicher vorhanden waren, als man sich auch nur vorstellt. Namentlich muß man nicht außer acht lassen, daß bis ins vierzehnte, fünfzehnte, sechzehnte und auch noch siebzehnte Jahrhundert — wenn auch abgeschwächt, herabgelähmt — über den größten Teil der Erde hin bei den Menschen zwar nicht ausgesprochenes atavistisches Hellsehen, aber deutlich in seinen Nachwirkungen sich zeigendes atavistisches Hellsehen vorhanden war. Und ich habe ja in früheren Betrachtungen ausgeführt, daß bis zum heutigen Tage bei vielen Menschen durchaus atavistisches Hellsehen vorhanden ist, daß man das nur nicht weiß, weil die Menschen heute sich genieren, vor den meisten ihrer Mitmenschen zu gestehen, wie in ihr Bewußtsein hereingetreten sind Offenbarungen von geistigen Welten in der Art, wie wir dies das letzte Mal kennengelernt haben. Es ist doch ein großer Unterschied zwischen dem, was die Menschenseelen bis ins sechzehnte, siebzehnte Jahrhundert herein erleben, und demjenigen, was die Seelen in späteren Zeiten bis in unsere Tage herein von der geistigen Welt unmittelbar erleben können. Im siebzehnten Jahrhundert gibt es viele Menschen, die nicht die Gegenstände des hellseherischen Schauens so unmittelbar würden beschreiben können, daß sie sagen würden: Ich habe diese geistige Wesenheit gesehen, habe jene geistige Wesenheit gesehen, — weil ihre Bewußtseinskraft nicht stark genug war, wenn solche geistige Wesenheiten vor sie hintraten, um sie wirklich auch aufzufassen, in die Vorstellungskraft hereinzubringen. Die Bewußtseinskräfte waren herabgedämpft, aber trotzdem war es für jene Zeit noch so, daß sich die Wesenheiten der geistigen Welt viel mehr, als man dies heute ahnt, für die Menschen in ihr Wollen, Fühlen und Vorstellen hereinbegaben. In unserer Zeit ist es ja für den, der in das Schauen der geistigen Welt und in die Eigentümlichkeit dessen, was dort geschaut wird, eingeweiht ist, wirklich recht schwer, in ganz unbefangener Weise zu seinen Mitmenschen zu sprechen. Denn die Zeitgenossen würden, wie ich oft ausgeführt habe, einen viel zu starken Schock empfangen, wenn man gewisse, auch nur elementare Verhältnisse über die Erkenntnis des Menschen zur geistigen Welt darstellen würde. Denn mit so vielem, was die Menschen heute aus ihrem Materialismus heraus glauben, steht es so, daß der Eingeweihte aus seiner Erkenntnis der geistigen Welt heraus das Gegenteil davon sagen muß. Das gibt natürlich alle möglichen Kollisionen mit dem, was die Zeitgenossen über irgend etwas aus ihrem materialistischen Empfinden heraus als eine Wahrheit annehmen.

[ 2 ] When one considers the evolution of humanity from the perspective of the spiritual sciences, one gains—as you know—a view of this evolution that in many respects differs quite significantly from what the natural sciences alone can establish. In particular, regarding the development of the human soul itself—or rather, of human souls over the course of centuries and millennia—spiritual science provides a different perspective than that offered by the purely scientific approach. Not only was there, as we know, an ancient atavistic form of clairvoyance in earlier times—which, as I explained to you last time, gave rise to a consciousness in human beings quite different from today’s consciousness—but it is also the case that well into later times, into later centuries, remnants of the old clairvoyance were far more abundant than one might even imagine. In particular, one must not overlook the fact that well into the fourteenth, fifteenth, sixteenth, and even the seventeenth centuries—albeit in a weakened, atrophied form—there existed across most of the earth, among human beings, not overtly atavistic clairvoyance, but atavistic clairvoyance whose aftereffects were clearly evident. And I have, after all, explained in earlier reflections that atavistic clairvoyance is still very much present in many people to this day; it is simply not recognized because people today are embarrassed to admit to most of their fellow human beings how revelations from spiritual worlds—of the kind we explored last time—have entered their consciousness. There is, after all, a great difference between what human souls experienced up through the sixteenth and seventeenth centuries and what souls in later times, right up to the present day, are able to experience directly from the spiritual world. In the seventeenth century, there were many people who could not have described the objects of clairvoyant vision so directly as to say, “I have seen this spiritual being, I have seen that spiritual being”—because their power of consciousness was not strong enough, when such spiritual beings appeared before them, to truly grasp them and bring them into their imagination. Their powers of consciousness were subdued, yet even so, in those days, the beings of the spiritual world still entered into people’s will, feeling, and imagination to a far greater extent than one might suspect today. In our time, it is indeed quite difficult for those who are initiated into the vision of the spiritual world and into the peculiar nature of what is seen there to speak to their fellow human beings in a completely uninhibited manner. For, as I have often explained, contemporaries would be far too shocked if one were to describe certain—even merely elementary—aspects of human knowledge of the spiritual world. For with so much of what people today believe based on their materialism, the initiate, drawing on his knowledge of the spiritual world, must state the exact opposite. This naturally leads to all sorts of conflicts with what people today accept as truth based on their materialistic perceptions.

[ 3 ] So war es noch nicht im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten, nicht einmal im siebzehnten Jahrhundert. Es kommt davon her, daß vieles von dem, was heute als Literatur vorhanden ist, aus der Zeit des vierzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts, ganz falsch aufgefaßt wird, wirklich falsch aufgefaßt wird. Nicht nur, daß man glaubt, man wisse die Sachen anders und besser als jene Leute, sondern ihre ganze Art, sich zum Leben zu stellen, versteht man nicht mehr. Nun ist es eigentümlich, wie dies zutage tritt.

[ 3 ] It wasn't like that in the fourteenth, fifteenth, or sixteenth centuries—not even in the seventeenth. This stems from the fact that much of what is considered literature today—from the fourteenth through the seventeenth centuries—is completely misunderstood, truly misunderstood. Not only do people believe they know things differently and better than those people did, but they no longer understand their entire way of approaching life. Now, it is peculiar how this comes to light.

[ 4 ] Es ist auf der einen Seite, man möchte schon sagen, ein merk würdiges Schauspiel, wenn die modernen Philosophen in ihren Schriften und Vorträgen immer wieder und wieder über die Scholastiker des Mittelalters sich ergehen und sich nicht genug tun können darüber, wie weit sie über all das vorurteilsvolle, aber auch pedantische kleinliche Begriffszeug der Scholastiker hinaus sind. Die Wahrheit ist aber die, daß die modernen Philosophen der Scholastik gegenüber unendlich naiv sind, sie überhaupt ganz falsch verstehen. Denn bedenken Sie: In der Zeit der Scholastiker, während des Thomismus’ und so weiter, war auch der, welcher als Philosoph wirkte, wenn er seine Begriffe in feiner Begriffskunst ausprägte, im Zusammenhange mit der geistigen Welt. Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aguino im dreizehnten Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, daß ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und daß er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. In der heutigen Zeit erscheint es für einen Philosophen geradezu als etwas Greuliches, wenn man ihm zumuten wollte, daß er sich nun hinsetzen sollte, warten, bis sein Engel ihn inspiriert, um dann dasjenige niederzuschreiben, was er dadurch der Menschheit sagen kann, daß gewissermaßen sein Engel neben ihm sitzt, und er der Verkündiger und Bote desjenigen ist, was der Engel verkündet, was es als eine höhere Welt gibt, was er für die physische Welt offenbaren läßt durch den Mund eines physischen Menschen. Aber nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Und ich sage jetzt etwas außerordentlich Bedeutsames und Wichtiges und wäre sehr glücklich, wenn Sie dieses Wichtige so recht ins Auge fassen würden: Nur auf die Weise, ‚daß man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden. Mit unserem jetzigen Bewußtsein seit dem sechzehnten, siebzehnten, besonders aber seit dem achtzehnten Jahrhundert, hängen wir überhaupt mit dem Werden nicht zusammen. Wir gehen direkt an die Dinge heran, aber was nehmen wir heute in unser Bewußtsein von den Dingen auf? Wir sehen zum Beispiel eine blühende Rose. Niemals aber, in keinem Augenblicke können wir das Werden wirklich sehen; sondern vom Anfange an, von der Keimbildung an, ist es immer das Absterbende, das Vergehende draußen, das wir wahrnehmen. Daß ich die rote Rose von mir aus wahrnehme, hängt damit zusammen, daß ich den vergehenden Teil auffasse. Werdendes kann man nur aufnehmen, wenn man zuhören kann, oder Eindrücke empfangen kann von höheren Wesen. Einzig und allein höhere Wesen, die nicht in einem physischen Leibe in der jetzigen Zeit sich inkarnieren, können das, was an dieser Rose Werdendes ist, wahrnehmen. In dem niedersten Wahrnehmungsgebiete, dem subjektiven Lichte, das fast so dumpf wie das alte Hellsehen war, und, wenn es eintritt, heute noch ist, nehmen wir etwas von dem Werden der Rose wahr; aber nicht wenn wir sie mit dem physischen Auge ansehen, und das Angesehene mit unserem begrifflichen Wesen in unserem Bewußtsein erleben.

[ 4 ] On the one hand, one might even say it is a remarkable spectacle when modern philosophers, in their writings and lectures, repeatedly go on and on about the medieval scholastics and cannot get enough of emphasizing how far they have progressed beyond all the prejudiced, but also pedantic and petty conceptual nonsense of the scholastics. The truth, however, is that modern philosophers are infinitely naive when it comes to Scholasticism; they misunderstand it entirely. For consider this: In the age of the Scholastics, during Thomism and so on, even those who worked as philosophers—when they articulated their concepts with refined conceptual artistry—did so in connection with the spiritual world. For example, in the case of Thomas Aquinas in the thirteenth century, one cannot say that what is written in his books was arrived at in the same way that concepts and ideas are arrived at today. That would be a misconception. Rather, you must imagine what is written in his books as follows: he was continually inspired by a spirit from the hierarchy of the angels, and he wrote down what came from the consciousness of a higher spirit. In today’s world, it seems downright absurd to a philosopher if one were to expect him to sit down, wait until his angel inspires him, and then write down what he can thereby convey to humanity—as if, so to speak, his angel were sitting beside him, and he is the herald and messenger of what the angel proclaims—that there is a higher world, which the angel reveals to the physical world through the mouth of a physical human being. But only in this way can one comprehend all that is coming into being, all that is becoming. And I am now saying something extraordinarily significant and important, and I would be very happy if you would truly take this important point to heart: Only by listening—spiritually, in the way that inspires us or gives rise to imaginings—can we speak of becoming and of coming into being. With our present consciousness, dating from the sixteenth, seventeenth, and especially the eighteenth centuries, we are completely disconnected from the process of becoming. We approach things directly, but what do we actually take into our consciousness from them today? We see, for example, a blooming rose. Yet never, not for a single moment, can we truly see the process of becoming; rather, from the very beginning, from the formation of the seed onward, it is always the dying, the passing away on the outside that we perceive. The fact that I perceive the red rose of my own accord is connected to the fact that I grasp the passing-away aspect. One can only take in what is becoming if one is able to listen, or to receive impressions from higher beings. Only higher beings who are not incarnated in a physical body at the present time can perceive what is becoming in this rose. In the lowest realm of perception—the subjective light, which was almost as dim as the old clairvoyance and, when it occurs, still is today—we perceive something of the rose’s becoming; but not when we look at it with the physical eye and experience what we see with our conceptual being in our consciousness.

[ 5 ] Daraus kann man sehen, daß ein wesentliches Kennzeichen unseres materialistischen Zeitalters dies Ist: daß nur alles, was erstirbt, was vergeht, für das materialistische Zeitalter ins Bewußtsein herein zu bekommen ist. Das war eben noch nicht so zum Beispiel in der Scholastikerzeit, auch sogar noch nicht einmal so im siebzehnten Jahrhundert.

[ 5 ] From this we can see that a key characteristic of our materialistic age is this: that only that which dies, that which passes away, can enter the consciousness of the materialistic age. This was not yet the case, for example, during the Scholastic period, nor even in the seventeenth century.

[ 6 ] Im siebzehnten Jahrhundert lebte in England ein wenig bekannter Philosoph, Henry More. Dieser Mann, der im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, im Jahre 1614, geboren ist, muß uns, wenn wir sein äußeres Leben betrachten, einfach wie der leibhaftige Beweis dafür erscheinen, daß die Menschen ihre Individualität nicht durch Vererbung ausbilden, sondern dadurch, daß sie die Eigenschaften, die nicht in ihren Eltern und Voreltern allein liegen, die Eigenschaften ihres vorigen Erdenlebens mitbringen. Die Eltern und Voreltern dieses Henry More waren orthodoxe Calvinisten, und als ganz kleiner Knabe bekämpfte More bereits die starre Prädestinationslehre, Vorbestimmungslehre Zwinglis, wies sie streng ab, ohne daß irgend jemand in seiner Umgebung gewesen wäre, der das Gegenteil dieser starren Vorbestimmungslehre Calvins und Zwinglis behauptet hätte. Aber Henry More hatte noch etwas anderes als Eigentümlichkeit: Wenn man seine Schriften, die sehr interessant sind, studiert, so findet man das Merkwürdige, daß er von der inneren Gegenwart der geistigen Welt im menschlichen Bewußtsein ganz anders spricht, als man dies bei späteren Leuten findet. Er weiß, auch noch als Philosoph des siebzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch dadurch allein, daß er ein fruchtbareres Bewußtsein als das gewöhnliche Bewußtsein für das Sterben der Welt hat, mit dem wirklichen Wesenhaften zusammenkommt, das sich über das Werden, über das Entstehen im inspirierten Bewußtsein ausspricht und dadurch in die Lage kommt, über Werden und Entstehen etwas zu wissen, während man sonst nur etwas wüßte über alles, was innerhalb des Daseins immer mit dem Vergehenden zusammenhängt. Die Nuance des Vergehens nimmt man durch das heutige Bewußtsein überall wahr. Aber ganz ausgesprochen ist es schon bei Henry More nicht, daß er mit geistigen Wesenheiten verkehrt hat. Er konnte den Verkehr mit geistigen Wesenheiten nicht mehr ganz in seine Vorstellungsmasse hereinbekommen. Die Vorstellungsmassen reißen ab. Wie ein Traum, den wir in der Nacht träumen, beim Aufwachen abreißt, so daß wir ihn nicht behalten, sondern ihn wieder vergessen, so konnte er die Vorstellung, daß ihm die geistigen Wesenheiten begegnet waren, nicht ins Bewußtsein hereinbringen. Er hatte nur ein abgedämpftes Bewußtsein davon, daß die geistigen Wesenheiten in seinem Seelischen auflebten; aber die Wirkungen dieser Teilnahme der Seele an der geistigen Welt waren in ihm vorhanden. Sehr interessant ist bei Henry More ein Satz, der uns ja sehr geläufig ist, den wir öfters gehört haben, der Satz: Man muß, wenn man zu einer gewissen höheren Erkenntnis kommen will, lernen, sich selbst als ganzer Mensch so anzusehen, daß man ein Glied eines höheren Organismus ist. Wie der Daumen ein Glied an unserer Hand ist, und wie er sein Dasein verliert, wenn man ihn von der Hand abschneidet, so ist auch der Mensch nichts, wenn er herausgerissen ist aus einem gewissen organischen Zusammenhang mit dem Kosmos; nur daß es beim Daumen auffälliger ist als beim Menschen. Könnte aber der Daumen an unserem Körper spazieren gehen, so würde er sich wohl auch der Illusion hingeben, er wäre ein selbständiger Organismus. Die Erde als solche ist zwar für den Menschen da, aber gleich in der nächstangrenzenden höheren Welt ist der Mensch ein Glied des großen Erdenorganismus, kann sich nicht von ihm losreißen, so wenig wie der Daumen sich von der Hand losreißen kann. Und diesen Satz, den wir oft erwähnen, um im Menschen den törichten Egoismus zu bekämpfen, der eine so große Rolle spielt, finden wir, wie in der Seele plötzlich auftretend, bei Henry More. Warum? Weil er mit der geistigen Welt so verkehrte, daß er sie zwar nicht sich vorstellungsgemäß zum Bewußtsein bringen kann, aber wie bei einem Traum, an den man sich noch erinnern kann, das Wissen hat von dem lebendigen Leben des Menschen mit dem Ganzen des Kosmos.

[ 6 ] In the seventeenth century, a little-known philosopher named Henry More lived in England. This man, who was born at the beginning of the seventeenth century, in 1614, must—when we consider his outward life—simply appear to us as living proof that human beings do not develop their individuality through heredity, but rather by bringing with them qualities that do not lie solely in their parents and ancestors—the qualities of their previous earthly life. The parents and ancestors of this Henry More were orthodox Calvinists, and even as a very young boy, More was already challenging Zwingli’s rigid doctrine of predestination, rejecting it outright, even though there was no one in his immediate circle who would have asserted the opposite of this rigid doctrine of predestination espoused by Calvin and Zwingli. But Henry More had another distinctive trait: When one studies his writings—which are very interesting—one finds it remarkable that he speaks of the inner presence of the spiritual world in human consciousness in a way quite different from what is found in later thinkers. He knows—even as a seventeenth-century philosopher—that human beings, simply by possessing a more fruitful consciousness than ordinary consciousness regarding the transience of the world, come into contact with the true essence that expresses itself through becoming and emergence in inspired consciousness, and thereby become capable of knowing something about becoming and emergence, whereas otherwise one would know only of everything within existence that is always connected with the transitory. The nuance of transience is perceived everywhere by today’s consciousness. But even in Henry More, it is not entirely clear that he had contact with spiritual beings. He could no longer fully incorporate his contact with spiritual beings into his store of ideas. The images fade away. Just as a dream we have at night fades upon waking, so that we do not retain it but forget it again, so he could not bring the idea that he had encountered spiritual beings into his consciousness. He had only a dim awareness that the spiritual beings were alive within his soul; but the effects of this participation of the soul in the spiritual world were present within him. A very interesting statement by Henry More—one that is very familiar to us, which we have often heard—is this: If one wishes to attain a certain higher level of knowledge, one must learn to view oneself as a whole human being, as a member of a higher organism. Just as the thumb is a part of our hand, and just as it ceases to exist if it is cut off from the hand, so too is the human being nothing if torn away from a certain organic connection with the cosmos; only that this is more conspicuous in the case of the thumb than in that of the human being. But if the thumb could walk around on our body, it would probably also succumb to the illusion that it were an independent organism. The Earth as such is indeed there for humankind, but even in the immediately adjacent higher world, humankind is a part of the great Earth organism and cannot tear itself away from it, any more than the thumb can tear itself away from the hand. And this statement, which we often mention to combat the foolish egoism in human beings that plays such a major role, we find—as if suddenly arising in the soul—in the writings of Henry More. Why? Because he was so attuned to the spiritual world that, although he could not bring it into consciousness through mere imagination, he possessed—as in a dream one can still recall—knowledge of the living connection between human beings and the entirety of the cosmos.

[ 7 ] Wenn man herauszubekommen versucht, was Henry More getan hat, um das auszubilden, was in seiner Seele recht schön veranlagt war, dann findet man, daß er ganz besonders tiefe Eindrücke von einem gewissen Büchelchen bekommen hat, das auch auf einen anderen Mann einen großen Eindruck gemacht hat, der es deshalb dem deutschen Volke in einem größeren Kreise geschenkt hat: ich meine die «Theologia Deutsch» von einem Frankfurter. — Ich habe in meiner Schrift über die Mystik auch darüber gesprochen. — Luther hat sie wieder herausgegeben. Henry More war ein Student der Theologia Deutsch. Lesen Sie, was ich in meinem Buche über die Mystik darüber gesagt habe.

[ 7 ] If one tries to find out what Henry More did to cultivate what was quite beautifully endowed in his soul, one discovers that he was particularly deeply influenced by a certain little book that also made a great impression on another man, who therefore made it available to a wider audience among the German people: I am referring to the Theologia Deutsch by a man from Frankfurt. — I also discussed this in my treatise on mysticism. — Luther republished it. Henry More was a student of Theologia Deutsch. Read what I said about it in my book on mysticism.

[ 8 ] Die Frage wird jetzt vielleicht vor Ihre Seele hintreten: Was liegt da eigentlich vor, daß im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten und noch im siebzehnten Jahrhundert Menschen auftreten, welche von einem unmittelbaren Verkehr mit der geistigen Welt wissen?

[ 8 ] The question may now arise in your mind: What is it, actually, that caused people to appear in the thirteenth, fourteenth, fifteenth, sixteenth, and even the seventeenth centuries who knew of direct communication with the spiritual world?

[ 9 ] Was vorliegt, ist dies: die, welche in diesen Jahrhunderten am meisten von dem Zusammenhange des Menschen mit der geistigen Welt wissen, sie waren, wenn auch nicht in der letzten, so doch in der Regel in der vorletzten Inkarnation auf der Erde in der Zeit vorhanden, in welcher das Christentum in den Geheimschulen, in den Mysterien gerade vorbereitet worden ist. Daher werden wir sagen können: So ähnliche Geister wie Henry More waren in einem Leben in den Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha vorhanden, hatten dann ein Zwischenleben im siebenten, achten, neunten Jahrhundert; diese Zwischeninkarnation hat ihnen aber weniger gegeben, als ihnen dasjenige an Eindrücken gegeben hat, was bei ihren früheren Inkarnationen aus jenen Mysterien kommen konnte, welche vor dem Mysterium von Golgatha da waren, aber dieses durch ihre Lehren vorbereiteten. Das saß viel tiefer und intensiver in den Seelen. Daher manches so tiefe Wort, das gerade in dieser Zeit über das Christentum gesagt wird. Aus dem Verkehr mit der geistigen Welt schöpfen diese Menschen über eine Entstehung der Welt eine Erkenntnis, die vom siebzehnten Jahrhundert an nicht mehr geschöpft werden konnte. Von da an kann man ja immer mehr nur die äußere .Historie heranziehen; die enthält aber nur das Vergehende. Da bedarf es dann wieder der Geisteswissenschaft, um die Erkenntnis des Entstehenden wiederzubringen. Wie das Christentum in den großen tragischen Jahrhunderten, wie es damals mehr als ein halbes Jahrtausend vorbereitet wurde, das machte auf diese Geister einen ungeheueren, einen tiefen Eindruck, und sie behielten davon eigentlich nur einen Gemütsimpuls, den sie in Vorstellungen zu bringen vermochten. Den aber drückten sie aus.

[ 9 ] The situation is this: those who, in these centuries, know the most about the connection between human beings and the spiritual world were—if not in their last, then generally in their penultimate—incarnation on Earth during the time when Christianity was being prepared in the secret schools, in the mysteries. Therefore, we can say: Spirits similar to Henry More were present in a life during the centuries before the Mystery of Golgotha, and then had an interim life in the seventh, eighth, and ninth centuries; but this inter-incarnational period gave them less than the impressions they received in their earlier incarnations from those mysteries that existed before the Mystery of Golgotha but prepared the way for it through their teachings. Those impressions were rooted much more deeply and intensely in their souls. Hence the many profound words spoken about Christianity precisely during this time. Through their contact with the spiritual world, these people gain an insight into the origin of the world that could no longer be attained from the seventeenth century onward. From that point on, one can increasingly rely only on external history; yet that contains only what is passing away. This is where spiritual science is needed once again to restore the insight into what is emerging. The way Christianity developed during those great, tragic centuries—and the fact that it had been prepared for more than half a millennium—made an immense, profound impression on these spirits, and all they really retained from it was an emotional impulse that they were able to translate into ideas. But they did express that impulse.

[ 10 ] Es ist sehr bedeutsam, gerade von diesem Gesichtspunkte aus einmal die Zeit vom vierzehnten bis siebzehnten Jahrhundert in der europäischen Geistesentwickelung an seiner Seele vorüberziehen zu lassen, einmal zu sehen, wie heute manchmal ganz fremde, weil sehr vergeistigte, aus geistiger Erfahrung stammende Vorstellungen auch über das Christentum und über die Bibel in diesen Zeiten zu finden sind. Es ist schon für den heutigen Menschen außerordentlich interessant, den Blick auf das zu werfen, was in dieser Zeit das eigentlich Bedeutsame ist. Denn diese Zeit, von der ich da spreche, die Zeit vom vierzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert, ist wie die Zeit einer gewaltigen Rückschau. In der Seele sind noch die Kräfte vorhanden, durch welche das in ihr heraufziehen kann, was in der geistigen Welt wogt und webt. Und recht versenken wir uns in die Geister der damaligen Zeit, wenn wir diesen rückschauenden Charakter des Bewußtseins nicht vergessen, indem wir diese Geister ins Auge fassen.

[ 10 ] It is very significant, precisely from this perspective, to let the period from the fourteenth to the seventeenth century in European spiritual development pass before one’s mind, to see how ideas—which today sometimes seem quite foreign because they are highly spiritualized and stem from spiritual experience—can also be found in those times regarding Christianity and the Bible. It is already extraordinarily interesting for people today to cast their gaze upon what was truly significant during that period. For this period I am speaking of—the period from the fourteenth to the seventeenth century—is like a time of profound reflection. The forces are still present in the soul through which what surges and weaves in the spiritual world can rise up within it. And we truly immerse ourselves in the spirits of that time when we do not forget this retrospective character of consciousness as we contemplate these spirits.

[ 11 ] Daß man dies, was ich jetzt sage, ins Auge fasse, ist vor allen Dingen nötig, wenn man zum Beispiel Luther verstehen will. Es ist in der letzten Zeit ein immerhin ganz interessantes Buch von Ricarda Huch erschienen, «Luthers Glaube»; deshalb ein sehr interessantes Buch, weil es doch aus einer gewissen Vertiefung des gegenwärtigen Bewußtseins heraus immerhin geschrieben ist, und nur auf der anderen Seite in vieler Beziehung ein höchst unbehagliches, weil innerlich ungenügendes Buch ist. Mit Bezug darauf ist dann im Juli-Heft der Zeitschrift «Nord und Süd» ein Aufsatz erschienen, der da hieß: «Ricarda Huch und der Teufel» —, und in dem darauf aufmerksam gemacht wird, wie es die heutige Zeit nötig hat, auf das hinzublicken, was geistig lebt in dem Bewußtsein der Menschen in einer Art, wie es das unmittelbare Bewußtsein der Gegenwart gar nicht mehr zu verstehen in der Lage ist. Deshalb ist es interessant, bei Ricarda Huch ganz besonders den Dämonenglauben, den Teufelsglauben Martin Luthers ins Auge zu fassen. Sie möchte diesem Teufelsglauben Luthers gerecht werden, sie möchte nicht mit denjenigen Menschen gehen, die heute im landläufigen Sinne darüber reden, denn die Menschen sind heute sehr feig, und wenn sie Stellung zu nehmen haben zu einem Buche, das vom Teufelsglauben Luthers handeln will, so sagen sie wohl: Luther war gewiß ein großer Mann, aber daß er von dem Teufel gesprochen und an ihn geglaubt hat, das rührt eben von den Schwächen seiner Zeit her, da hat er den Aberglauben seiner Zeit geteilt. Solche Weisheit ist jedoch nicht viel mehr wert, als die Weisheit jenes biederen Gymnasialprofessors, der einmal mit seinen Knaben las, was Lessing in der «Hamburgischen Dramaturgie» über das Drama geschrieben hat und seinen Schülern dann auseinandersetzte, daß Lessing eigentlich nicht in der Lage gewesen wäre, diein der «Hamburgischen Dramaturgie» angeschlagenen Gedanken zu Ende zu denken. «Ja, wenn ich nur mehr Zeit hätte!» sagte der Professor. Und aus einer solchen Überlegung kommt auch das überlegene Wissen, daß Luther den Aberglauben seiner Zeit geteilt habe. Aber dennoch: niemand kann Luther recht verstehen, der nicht weiß, daß die Bewußtseinserfassung dessen, was man aus dem Geiste seiner Zeit heraus den Teufel nennt, wir nennen es heute Ahriman und Luzifer, für ihn wirkliche geistige Erlebnisse sind, nicht bloß an der einen Stelle auf der Wartburg, sondern überall, wo Luther von diesen Dingen spricht. Suchen Sie nur einmal diese Dinge im Zusammenhange aufzufassen, Sie können nicht anders, als zu der Überzeugung kommen: So spricht nur ein Mensch von dem Teufel, der ihn gesehen hat, der ihn geschaut hat, und der da weiß: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» Ricarda Huch polemisiert in außerordentlicher theoretischer Gutwilligkeit gegen diesen Dessoirismus, ich meine, gegen dieses Professorentum, das so gescheit ist, daß es weiß: den Teufel gibt es nicht, also ist der Luther doch ein abergläubischer Mensch ganz im Stile seiner Zeit gewesen; das müsse man dem großen Manne entschuldigen und verzeihen.

[ 11 ] It is essential, above all, to take what I am about to say into account if one wishes, for example, to understand Luther. A rather interesting book by Ricarda Huch has recently been published, Luther’s Faith; a very interesting book because it is, after all, written from a certain depth of contemporary consciousness, yet at the same time, in many respects, it is a highly unsettling book because it is intrinsically inadequate. In connection with this, an essay appeared in the July issue of the journal Nord und Süd titled: “Ricarda Huch and the Devil”—and which draws attention to how necessary it is in our time to look toward what lives spiritually in people’s consciousness in a way that the immediate consciousness of the present is no longer capable of understanding. That is why it is particularly interesting to examine, in the case of Ricarda Huch, Martin Luther’s belief in demons and the devil. She wishes to do justice to Luther’s belief in the devil; she does not wish to align herself with those who speak of it today in the conventional sense, for people today are very cowardly, and when they are called upon to take a stand on a book that seeks to address Luther’s belief in the devil, they are likely to say: “Luther was certainly a great man, but the fact that he spoke of the devil and believed in him stems precisely from the weaknesses of his time; he simply shared the superstitions of his era.” Such wisdom, however, is worth little more than the wisdom of that honest high school teacher who once read with his students what Lessing wrote about drama in the Hamburg Dramaturgy and then explained to them that Lessing had not actually been able to think through the ideas he had raised in the Hamburg Dramaturgy to their logical conclusion. “Yes, if only I had more time!” said the professor. And from such a line of thought also comes the superior knowledge that Luther shared the superstitions of his time. And yet: no one can truly understand Luther who does not know that his conscious perception of what, in the spirit of his time, was called the devil—what we today call Ahriman and Lucifer—constituted for him genuine spiritual experiences, not merely at that one place on the Wartburg, but everywhere Luther speaks of these things. Just try to grasp these things in their context, and you cannot help but come to the conviction: Only a person who has seen the devil, who has beheld him, and who knows this speaks of the devil in this way: “The common folk never sense the devil, even if he were to grab them by the collar.” Ricarda Huch argues against this “Dessoirism”—or, I mean, against this academic mindset—with extraordinary theoretical goodwill; a mindset so clever that it knows: the devil does not exist, so Luther must have been a superstitious man, entirely in keeping with the spirit of his time; one must excuse and forgive the great man for this.

[ 12 ] Ricarda Huch geht nicht mit denjenigen, die so von oben herab über die großen Geister der Vorzeit urteilen. Aber Ricarda Huch weiß offenbar aus eigener Anschauung nichts darüber, wie der Teufel ausschaut. Sie glaubt an den Teufel, obwohl sie ihn nie geschaut hat. Wie glaubt sie an den Teufel? So glaubt sie an ihn, daß sie weiß, daß gewisse Dinge offenbar nicht aus naturwissenschaftlihen Tatsachen kommen, nicht aus menschlicher Physiologie, sondern vom Teufel kommen. Aber nun glaubt sie Luther doch etwas entschuldigen zu müssen. Sie sagt: Man solle sich nur nicht vorstellen, wenn man von Luther als einem abergläubischen Menschen spricht, daß Luther geglaubt habe, daß der Teufel so mit Hörnern und mit einem Schwanz auf der Straße herumgehe, Auch für sie ist die Zusammenfassung der Merkmale gewisser übler Triebe das, was sie den Teufel nennt, der als dummer Teufel, als stolzer Teufel und als lügnerischer Teufel auftritt. Sie redet von Abstraktionen, redet von Begriffen und glaubt, Luther hätte auch das getan, weil äußerlich das, was Ricarda Huch für ein bloßes Bild hält, von Luther auch gebraucht wird. Aber Luther muß dieses Bild gebrauchen, weil man sich nur dadurch über das ausdrücken kann, was man in der geistigen Welt erfährt. Luther hatte aber einen vollen Umgang mit dem Teufel. Er mußte ihn kennenlernen durch die Seelenkämpfe, die man erleben muß, wenn man dem Teufel Aug’ in Auge gegenübersteht. Und was er da erlebte, das faßte er in Bilder, wie man das, was man sonst erlebt, in Worte faßt. Wenn die Leute so dumm sind wie Professor Dessoir, und auch so korrupt, so könnten sie jemandem, der sich durch Worte ausspricht, vorwerfen, er glaube, in den Worten lägen die Dinge, die man aussprechen will. Genau dasselbe wirft mir Professor Dessoir vor, wo er sagt, ich leitete irgendwelche Entwickelungszustände der Menschheit aus Bildern und nicht aus Wirklichkeiten her. Man sollte nicht glauben, daß solch eine Sache überhaupt auftritt, aber sie tritt hier nicht bloß aus Uneinsicht auf, sondern auch aus Ignoranz. Besonders da, wo das zweite Kapitel meiner demnächst erscheinenden Schrift sich mit der unmöglichen, moralisch korrupten Gelehrsamkeit beschäftigt, die heute die Zeit mit sich bringt und die das furchtbare Elend der Zeit mitbewirkt, da werden Sie sehen, was für Leute heute in der offiziellen Wissenschaft herumspazieren, was aber nicht hindert, daß die Königliche Akademie der Wissenschaften, wie ich Ihnen das schon erzählt habe, den Preis erteilt hat jenem Schmachtlappen einer Geschichte der Psychologie, den Herr Dessoir auf ihr Preisausschreiben hin eingeschickt hatte, und den er dann selbst zurückgezogen hat. Untersuchen Sie einmal, was die braven Kollegen Dessoirs über die Lotterigkeit und Oberflächlichkeit dieses wissenschaftlichen Schmachtlappens einer Psychologiegeschichte vorgebracht haben, dann werden Sie einen Begriff bekommen, was dann, selbst wenn wissenschaftlich-akademische Prämien vorliegen, durch die offizielle Wissenschaft spazierengehen kann.

[ 12 ] Ricarda Huch does not agree with those who pass such condescending judgment on the great minds of the past. But Ricarda Huch apparently knows nothing from personal experience about what the devil looks like. She believes in the devil, even though she has never seen him. How does she believe in the devil? She believes in him in such a way that she knows certain things clearly do not stem from scientific facts or human physiology, but come from the devil. But now she feels she must offer Luther some excuse. She says: One should simply not imagine, when speaking of Luther as a superstitious man, that Luther believed the devil walked around on the street with horns and a tail, For her, too, the sum of the characteristics of certain evil impulses is what she calls the devil, who appears as the foolish devil, the proud devil, and the lying devil. She speaks of abstractions, speaks of concepts, and believes that Luther did the same, because outwardly, what Ricarda Huch considers a mere image is also used by Luther. But Luther must use this image because it is the only way to express what one experiences in the spiritual world. Luther, however, had full experience with the devil. He had to get to know him through the inner struggles one must endure when facing the devil eye to eye. And what he experienced there, he captured in images, just as one captures what one otherwise experiences in words. If people are as foolish as Professor Dessoir—and just as corrupt—they might accuse someone who expresses himself through words of believing that the things one wishes to express lie within the words themselves. Professor Dessoir accuses me of exactly the same thing when he says that I derive certain stages of human development from images rather than from reality. One would not think that such a thing could happen at all, but here it arises not merely from a lack of insight, but also from ignorance. Especially since the second chapter of my forthcoming work deals with the impossible, morally corrupt scholarship that the present age brings with it and which contributes to the terrible misery of our times, there you will see what sort of people are parading around in official academia today—which, however, does not prevent the Royal Academy of Sciences, as I have already told you, from awarding the prize to that wretched little work on the history of psychology that Mr. Dessoir had submitted in response to its call for entries, and which he then withdrew himself. Take a look at what Dessoir’s esteemed colleagues have had to say about the shoddy and superficial nature of this scientific, maudlin “history of psychology,” and you’ll get an idea of what kind of work can make the rounds in official academia, even when scientific-academic prizes are at stake.

[ 13 ] Luther stand da in einem Zeitalter, in welchem er in seiner Seele den Zusammenhang mit der geistigen Welt hatte. Alles, was als ahrimanische Teufelei in der Welt erlebt werden kann, war für ihn eine Wirklichkeit. Das war es. Was er so erlebt hat, läßt sich nicht in gewöhnlichen Worten ausdrücken, denn die bezeichnen ja physische Dinge. Man muß es in Bildern ausdrücken, in Imaginationen. Aber die Imaginationen drücken wahrhaftig das aus, was man schaut und sieht. Das begreift Ricarda Huch nicht. Sie glaubt, wenn Luther vom Teufel spricht, so müsse man nicht gleich annehmen, daß, wenn man als schauender Mensch zahlreichen anderen Menschen entgegentritt, der bucklige Ahriman fest mit seinen Hörnern dem andern zwischen den Schultern sitze und mit seinem Kopfe hervorgucke. Diese Dinge hatte Luther aber gewußt, und die Bilder, die er gebraucht, sind nur Ausdrucksformen für bestimmte Erlebnisse. Er selbst ist nicht von der Art der Gutmütigen, wie Ricarda Huch, die da glauben, daß er nur Symbole gebraucht hat für das, was im Menschen aufsteigende, absteigende Kräfte, verkehrte Leidenschaften und so weiter seien.

[ 13 ] Luther lived in an age in which he maintained a connection with the spiritual world within his soul. Everything that can be experienced in the world as Ahrimanic devilry was a reality for him. That was it. What he experienced in this way cannot be expressed in ordinary words, for those refer to physical things. It must be expressed in images, in imaginations. But these imaginations truly express what one beholds and sees. Ricarda Huch does not understand this. She believes that when Luther speaks of the devil, one need not immediately assume that, when one—as a person of insight—encounters numerous other people, the hunchbacked Ahriman is firmly seated with his horns between the other person’s shoulders, peering out with his head. But Luther knew these things, and the images he uses are merely forms of expression for specific experiences. He himself is not of the good-natured sort, like Ricarda Huch, who believe that he used only symbols for what in human beings are ascending and descending forces, perverted passions, and so on.

[ 14 ] Worin liegt die Kraft, die von Luthers Lehre, wie man sie oft nennt, ausgegangen ist? Aber Luthers Lehre ist keine bloße Lehre. Man wird ihr erst gerecht, wenn man sie als etwas anderes als eine Lehre ansieht, wenn man sich vergegenwärtigt: da steht Luther, und diese Seele schaut zurück in jene Zeiten, in welchen die Menschen den Umgang mit der spirituellen Welt gepflogen haben, und er selber pflegt den Umgang mit der spirituellen Welt gerade auf jenem Gebiete, welches ahrimanisch ist. Wenn man Ahriman sieht — lesen Sie nach, was in meinen Mysteriendramen darüber enthalten ist —, dann ist das gerade die Befreiung von ihm; wenn man ihn nicht sieht, ist das das Schlimme. Ihn zu sehen, so wie Luther ihn gesehen hat, das ist die Befreiung. Ungeheuer gewinnt die Kraft, die von Luther ausstrahlt, wenn man ganz im positiven Erfahrungssinne der geistigen Welt die Dinge nimmt, die sonst eigentlich ganz unverständlich sind. Und auch da, wo er manches Wort sagt, das uns nicht gefallen kann, wird dies ganz natürlich erscheinen, weil Luther über einen viel weiteren Horizont hin die Dinge zu sehen vermag, als normalerweise irgendein heutiger Mensch.

[ 14 ] Where does the power lie that emanated from Luther’s teaching, as it is often called? But Luther’s teaching is not merely a teaching. One does justice to it only when one regards it as something other than a doctrine, when one realizes: there stands Luther, and this soul looks back to those times when people maintained contact with the spiritual world, and he himself maintains contact with the spiritual world precisely in that realm which is Ahrimanic. If one sees Ahriman—read what is written about this in my Mystery Dramas—then that is precisely liberation from him; if one does not see him, that is the tragedy. To see him, just as Luther saw him, that is liberation. The power radiating from Luther gains immense strength when one approaches things—which are otherwise actually quite incomprehensible—entirely in the positive, experiential sense of the spiritual world. And even where he utters words that we may not like, this will seem entirely natural, because Luther is able to view things from a much broader horizon than any person today normally can.

[ 15 ] Es ist interessant, daß diese Erscheinung, Luther, nun auftritt als diejenige, welche am intensivsten dasjenige zusammenpreßt, was Ergebnis von jenen früheren Mysterien ist; bedeutsam ist es. Und eines der größten Mysterienmitglieder in der vorchristlichen Zeit, unbeschadet einer späteren Inkarnation, war Luther schon in jenen vorbereitenden Mysterien, und aus dem, was er in jenen Mysterien vor der Entstehung des Christentums aufgenommen hat, schöpfte er die Kraft, welche dann von ihm ausstrahlte.

[ 15 ] It is interesting that this figure, Luther, now appears as the one who most intensely condenses what is the result of those earlier mysteries; this is significant. And Luther was already one of the greatest initiates in the pre-Christian era—not to mention a later incarnation—during those preparatory mysteries, and from what he absorbed in those mysteries before the emergence of Christianity, he drew the power that then radiated from him.

[ 16 ] Was hat er denn vor allen Dingen mit Bezug auf die Offenbarung, seines Schauens Ahrimans, der Welt zu sagen?

[ 16 ] What, above all, does he have to say to the world regarding the revelation of his vision of Ahriman?

[ 17 ] Vergegenwärtigen wir uns: das ahrimanische Zeitalter beginnt hinterher. Die Naturwissenschaft hat heute Ahriman, und in ihren Erkenntnissen lebt unbewußt Ahriman. Das ist das Charakteristische der heutigen materialistischen Weltordnung, daß in allen ihren Begriffen das Ahrimanische lebt. Und Luther ist dazu ausersehen, an einem wichtigsten Wendepunkte vor der Welt diese Wahrheit hinzustellen. Aber wer in die geistige Welt hineinsieht, sieht anderes als die, welche dazu nicht imstande sind, und anders wirkt diese Welt, als wenn sie unbewußt bleibt.

[ 17 ] Let us bear in mind: the Ahrimanic age begins afterward. Modern science has Ahriman, and Ahriman lives unconsciously within its findings. This is the defining characteristic of today’s materialistic world order: that the Ahrimanic lives within all its concepts. And Luther is destined to present this truth to the world at one of its most crucial turning points. But those who look into the spiritual world see something different from those who are unable to do so, and this world has a different effect than when it remains unconscious.

[ 18 ] Wenn man auf diese Weise in Luther die große gewaltige Kraft sieht, die aus alten Entwickelungen herüberstrahlt und die nicht wirken kann in dem darauf folgenden Zeitalter, dann versteht man die Stellung, die Position Luthers. Er ist derjenige, der für die Menschheit eine solche Auffassung des Christentums retten sollte, welche nicht vom unbewußten Ahrimanischen angekränkelt ist. Daher tritt das bewußte Ahrimanische so stark bei ihm auf und daher auch die Weite des Horizontes.

[ 18 ] When one sees in Luther, in this way, the great, mighty force that radiates from ancient developments—a force that cannot take effect in the age that followed—then one understands Luther’s position. He is the one who was to preserve for humanity a conception of Christianity that is not tainted by the unconscious Ahrimanic. That is why the conscious Ahrimanic manifests so strongly in him, and that is also why his horizon is so broad.

[ 19 ] Es hat einmal jemand ein Buch geschrieben, in welchem alle Widersprüche, die sich bei Luther in seinen verschiedenen Schriften finden, zusammengefaßt sind. Es gibt ein solches Buch, in dem man die Widersprüche in den Lutherschen Schriften finden kann. Luther hat das Buch selbst noch gelesen, und er hat darauf eine Antwort geschrieben, die in einem Briefe an Melanchthon enthalten ist. Er meint da: Solch ein Esel redet nur deshalb von Widersprüchen, weil er weder das eine noch das andere Teil vom Widerspruche versteht, und er versteht auch nicht, daß man einen, der dabei auch ein Fürst ist, verehren und zu gleicher Zeit vom Teufel sprechen kann und sich gegen ihn auflehnen. — Die Stelle, wo Luther in seinem Briefe an Melanchthon darüber redet, ist sehr interessant; es spricht sich darin seine Stellung seiner Zeit gegenüber aus. Er gebraucht ja auch noch andere Ausdrücke, welche heute manchmal nicht wiederholt werden können, die aber vollständig verständlich sind und nicht, wie die Literarhistoriker sagen, aus der Zeit heraus nur zu begreifen sind, sondern die vollständig verständlich sind aus dem Umgang mit der geistigen Welt, wie Luther ihn hatte. Wer Luthers Ausdrücke zynisch oder frivol nennt, der tut dies nur aus seiner eigenen Frivolität oder seinem eigenen Zynismus heraus. Worauf es ankommt, das ist, daß man aus solchen Dingen einmal erkennt, daß sich zwar Einzelnes wiederholt, aber das Große wiederholt sich nicht. Der Unfug wiederholt sich, denn der ist der Zeit unterworfen. Das Große wiederholt sich nicht. Und auch zur Scholastik werden sich die Menschen erst wieder stellen können, wenn sie an der Scholastik wieder studieren werden, wie ein anderes, feineres, besonders feiner ausgegliedertes Denken möglich ist, als man es heute pflegt. Und besonders ein solcher Geist, wie er in Luther aufgetaucht ist, kann sich nicht wiederholen. Er muß als historische Erscheinung, unmittelbar wie er dasteht, genommen werden. Falsch ist es zu glauben, daß irgend jemand Luther nachleben kann. Sondern worauf es ankommt, ist, daß man sich in ihn vertieft, daß man versucht, an seiner historischen Persönlichkeit zu studieren, was sich da einmal abgespielt hat, wie nicht nur diese eine Individualität Luther, die in jenen vorbereitenden Mysterien vor dem Christentum zu finden ist, nachher in einer anderen Inkarnation gelebt hat und dann später als Luther erschienen ist, da ist, sondern daß sich in der Tat der ganze Entwickelungs- und Gesetzesgang der Menschheit in dieser einen Erscheinung ausspricht.

[ 19 ] Someone once wrote a book summarizing all the contradictions found in Luther’s various writings. There is such a book in which one can find the contradictions in Luther’s writings. Luther himself read the book, and he wrote a response to it, which is contained in a letter to Melanchthon. He says there: “Such a fool speaks of contradictions only because he understands neither one part nor the other of the contradiction, and he also does not understand that one can revere someone—who is also a prince—and at the same time speak of him as the devil and rebel against him.”—The passage where Luther discusses this in his letter to Melanchthon is very interesting; it expresses his stance toward his time. He also uses other expressions that cannot always be repeated today, but which are fully understandable and—contrary to what literary historians claim—are not merely comprehensible within the context of that era, but are fully comprehensible through engagement with the spiritual world, as Luther experienced it. Anyone who calls Luther’s expressions cynical or frivolous does so only out of their own frivolity or cynicism. What matters is that one comes to recognize from such things that, while individual details may repeat themselves, the great does not. Nonsense repeats itself, for it is subject to the times. The great does not repeat itself. And people will only be able to engage with Scholasticism again when they study it anew to see how a different, more refined, and particularly more finely structured way of thinking is possible than what is practiced today. And especially a spirit such as that which emerged in Luther cannot be repeated. It must be accepted as a historical phenomenon, just as it stands. It is wrong to believe that anyone can emulate Luther. Rather, what matters is that one delves deeply into him, that one attempts to study, through his historical personality, what actually took place there—how not only this one individuality, Luther, which can be found in those preparatory mysteries prior to Christianity, subsequently lived in another incarnation and then later appeared as Luther, but rather that the entire course of humanity’s development and the unfolding of the law is indeed expressed in this one manifestation.

[ 20 ] Alles das aber hängt davon ab, daß Luther in seiner Zeit noch ein volles Erfahrungswissen hatte von jenen Regionen der Welt, wohin er den Teufel, wir würden sagen Ahriman, versetzt. Doch dieses Wissen ging hinunter in unterbewußte Regionen. Es hat ziemlich überhand genommen, auch Luther so anzusehen, wie die Professoren ihn ansehen. Denn manchmal sind die Theologen auch Professoren. Und diese Betrachtung hat ziemlich überhand genommen, die nicht davon ausgeht, die unmittelbare Erfahrung Luthers in der geistigen Welt zu nehmen, sondern die davon ausgeht, wenn er vom Teufel spricht, zu meinen, es sei dies nur die Schwäche des großen Mannes gewesen. Es ist aber nur die Schwäche derer, die heute über Luther reden, wenn so von ihm gesprochen wird.

[ 20 ] All of this, however, depends on the fact that Luther, in his time, still possessed a full, experiential knowledge of those regions of the world to which he banished the devil—or, as we would say, Ahriman. Yet this knowledge receded into the subconscious. It has become quite common to view Luther in the same way that the professors view him. For sometimes theologians are also professors. And this view has become quite prevalent—one that does not take Luther’s direct experience in the spiritual world as its starting point, but rather assumes that when he speaks of the devil, it was merely a weakness of the great man. Yet it is only a weakness of those who speak of Luther today when they speak of him in this way.

[ 21 ] Dann kam — und das ist der Sinn der Entwickelung — die Zeit, welche dann auf Luther folgte, in welcher in materiellem Anschauen und Leben der Welt, am stärksten im neunzehnten Jahrhundert, unbewußt Ahriman lebte, ohne daß die Menschen es wußten. Und erst vom Osten her wird wieder die Möglichkeit kommen, daß man wissen wird, in was der Mensch sich hineinlebt, wenn er den physischen Plan überschreitet. Sehr merkwürdig, wenn man nach dem heutigen Osten sieht, auf diese höchst merkwürdigen Erscheinungen des russischen Lebens, der russischen Schändlichkeit, der russischen Größe, alle dem, was aufgeht im Osten. Wir haben ja viele Jahre hindurch das, was wird, was sich vorbereitet im Russentum, geschildert. Es ist merkwürdig, wenn man darauf hinblickt und sich sagt: Ja, diese Menschen sind heute noch Kinder. Das sind sie auch. Und die, welche nicht Kinder sind, sind besessen. — Was glauben Sie: Kerenskij ist besessen, obwohl er selbstverständlich über solches Vorurteil hinausgekommen ist, daß der Bucklige in ihm sitzt! Nur hat der Bucklige gelernt, aus der westlichen Todeswissenschaft heraus ein Denken zu erzeugen, welches nicht das östliche Denken ist. Und nicht nur, daß das westliche Denken vom Russentum nichts versteht, sondern die, welche im Osten selbst das Russentum mit westlichem Denken beurteilen wollen, die führenden Leute im Osten verstehen selbst das Russentum nicht! Denn es liegt etwas, was noch kindlich ist, in ihm, etwas nach vorwärts. Und es muß für die Zukunft dahin kommen, wieder hineinzuschauen in die geistige Welt, wieder Beziehung zu dieser geistigen Welt zu bekommen: das Gegenteil von dem großen, unser Zeitalter vorbereitenden Luther. Unser Zeitalter sieht zurück, es kündet davon, was an Kraft wirkt von dem, was zurückliegt.

[ 21 ] Then came—and this is the meaning of evolution—the era that followed Luther, in which, in the material perception and life of the world—most strongly in the nineteenth century—Ahriman lived unconsciously, without people realizing it. And it is only from the East that the possibility will arise again for people to know what a human being enters into when he transcends the physical plane. It is very remarkable when one looks toward the East today, at these highly remarkable phenomena of Russian life—the Russian depravity, the Russian greatness, everything that is emerging in the East. For many years now, we have described what is coming, what is being prepared within the Russian people. It is remarkable when one looks at this and says to oneself: Yes, these people are still children today. And indeed they are. And those who are not children are possessed. — What do you think: Kerensky is possessed, even though he has, of course, risen above the prejudice that the Hunchback dwells within him! It’s just that the Hunchback has learned to generate a way of thinking from Western “science of death” that is not Eastern thinking. And not only does Western thinking understand nothing of Russianness, but even those in the East who wish to judge Russianness with Western thinking—the leading figures in the East—do not understand Russianness themselves! For there is something in it that is still childlike, something that looks toward the future. And in the future, it must come to look back into the spiritual world, to reestablish a connection with this spiritual world: the opposite of the great Luther, who prepared the way for our age. Our age looks back; it proclaims the power that still works from what lies behind.

[ 22 ] Da sehen Sie geistig etwas sehr Merkwürdiges: Da sehen Sie einfach in den Gegensatz hinein zwischen Luther und etwa, wie kindlich die russische Revolutionsreife auftreten wird bei Solowjow. Da sehen wir zwei entgegengesetzte Pole, etwas, was sich verhält wie Nord und Süd, wie positive und negative Elektrizität, wenn man es mit etwas Abstraktem vergleichen will, zwei Gedanken- und Vorstellungsrichtungen, die sich nicht verstehen können. Denn wie Solowjow redet, so ist er weit davon entfernt, Luther zu verstehen; und wenn man bei Luther stehenbleiben will, so ist es ganz unmöglich, Solowjow zu verstehen. Da aber müssen wir uns dazu verstehen, unsern Horizont zu erweitern, zu dem Positiven das Negative hinzunehmen zu können.

[ 22 ] Here you see something very remarkable from a spiritual perspective: Here you simply see the contrast between Luther and, for example, how childlike the Russian revolutionary spirit will appear in Solovyov. Here we see two opposing poles, something that behaves like north and south, like positive and negative electricity—if one wishes to compare it to something abstract—two schools of thought and imagination that cannot understand one another. For the way Soloviev speaks shows that he is far from understanding Luther; and if one wishes to remain with Luther, it is quite impossible to understand Soloviev. But here we must come to terms with the need to broaden our horizons, to be able to accept the negative alongside the positive.

[ 23 ] Ich möchte diese gewichtige Betrachtung auf Ihre Seelen legen und hoffen, daß wir das nächste Mal noch beisammen sein werden. Dann werde ich die einzelne Individualität Luther als geschlossene Individualität darzustellen versuchen, wie sie sich ergibt nicht nur aus der Zeit, sondern aus dem ganzen Entwickelungsgange der Menschheit, aber von einem Gesichtspunkte, der nur durch die Anthroposophie gefunden werden kann.

[ 23 ] I would like to leave this weighty reflection with you and hope that we will still be together next time. Then I will attempt to portray Luther’s unique individuality as a coherent whole, as it emerges not only from his time but from the entire course of human development—but from a perspective that can only be found through anthroposophy.