Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
18 September 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Das Karma des Materialismus VIII
The Karma of Materialism VIII
[ 1 ] In Fortsetzung der Betrachtungen vom letzten Dienstag möchte ich heute einige Gesichtspunkte zur Beurteilung der geschichtlichen Stellung Luthers vor Ihre Seele stellen. Ich bemerke von vornherein: Die Betrachtungen, die wir heute anstellen, sollen Luther eben vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus betrachten und nicht vom religiösen.
[ 1 ] Following up on last Tuesday’s reflections, I would like to present to you today some perspectives for assessing Luther’s place in history. Let me note from the outset: The reflections we will engage in today are intended to examine Luther from the standpoint of the humanities, not from a religious one.
[ 2 ] Vor allen Dingen tritt bei der geisteswissenschaftlichen Betrachtung Luthers in ganz besonderem Maße — man könnte sagen, noch mehr als bei vielen anderen geschichtlichen Erscheinungen — die Bedeutung des Zeitalters für die Art, das Auftreten und die Wirksamkeit dieser Persönlichkeit uns entgegen. Machen wir uns einmal klar, in welche Zeit, unseren Anschauungen gemäß, das Auftreten Luthers fällt: das sechzehnte Jahrhundert in weltgeschichtlicher Betrachtung geisteswissenschaftlich angesehen, kurze Zeit nach dem Aufgange des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Wir wissen, daß dieser fünfte nachatlantische Kulturzeitraum etwa im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hat. Bis dahin haben wir ja dasjenige zu rechnen, was wir das griechisch-lateinische Zeitalter nennen, das seinen Anfang genommen hat etwa im achten Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Also kurze Zeit nachdem im Denken und Fühlen der Kulturmenschheit dasjenige herabgeglommen ist, was doch in einer gewissen Weise mit dem griechisch-lateinischen Vorstellen und Fühlen zusammenhing, in dem Sinne, wie wir dies betrachten, trat Luther auf. Seine Persönlichkeit erscheint dem unbefangenen Betrachter zunächst wie eine zwiespältige, aber so, daß sich die beiden Glieder des Zwiespaltes doch in einer höheren Einheit, wie wir sehen werden, begegnen. Wir müssen uns nur ganz klarmachen, daß in der Zeit zwischen dem vierzehnten und dem sechzehnten Jahrhundert viel mehr vorgegangen ist, als die heutige Geschichtsschreibung anzunehmen geneigt ist, vor allen Dingen in bezug auf die Umwandelung der menschlichen Seelen. Das berücksichtigt man nur in der heutigen Geschichtsschreibung viel zu wenig. Die Menschen des dreizehnten, des vierzehnten Jahrhunderts hatten noch durch das ganze Gefüge, durch die ganze Verfassung ihrer Seelen, durchaus eine unmittelbare Beziehung zur geistigen Welt. Man hat das nur heute vergessen, doch man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen. Der Mensch des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts, natürlich im Durchschnitt betrachtet, sah noch, wenn er seinen Blick zu den Wesen der Natur, zu den Vorgängen des Wolkenhimmels und so weiter wendete, elementarische Geistigkeit. Viel mehr als man heute glaubt, hatte der Mensch dieses Zeitalters auch noch die Möglichkeit, zwischen sich, wenn er hier auf dem physischen Plan geblieben war, und den dahingegangenen Toten, mit denen er karmisch verbunden war, den Verkehr aufrechtzuerhalten. Ein unmittelbares Wissen, daß diese Welt, welche die Sinne wahrnehmen, nicht die einzige ist, war doch als ein Überbleibsel eines älteren Bewußtseins in dieser Zeit noch vorhanden. Viel schroffer als man heute glaubt, ist der Übergang zur späteren Zeit. Die heraufkommende Naturwissenschaft, die als solche ihre volle Berechtigung hat, hat gewissermaßen den Schleier über die geistige Welt, die hinter der sinnlichen steht, zugezogen. Ich kann mir wohl vorstellen, daß der heutige Geschichtsbetrachter, der gewohnt ist das als unmittelbare Wahrheit zu nehmen, was ihm eben anerzogen wird, an diese Schroffheit des Überganges gar nicht glauben wird, weil sie ihm unhistorisch, durch geschichtliche Denkmäler unbelegt vorkommt. Aber die Geisteswissenschaft gibt das für dieses Zeitalter, das da heraufrückt, doch so, daß in ihm die menschliche Seele ganz nur in die sinnliche Welt hineingestellt ist vermöge der menschlichen Organisation, die in diesem Zeitalter aufgetreten ist.
[ 2 ] Above all, when considering Luther from a humanities perspective, the significance of the era for the nature, appearance, and impact of this figure becomes particularly evident—one might say even more so than with many other historical phenomena. Let us first clarify, according to our perspective, the era in which Luther’s emergence took place: the sixteenth century, viewed from a spiritual-scientific perspective within the context of world history, shortly after the dawn of the fifth post-Atlantean cultural epoch. We know that this fifth post-Atlantean cultural epoch began around the fifteenth century. Up to that point, we must include what we call the Greco-Latin era, which began around the eighth century before the Mystery of Golgotha. Thus, Luther appeared shortly after that which was, in a certain sense, connected to Greco-Latin thought and feeling—in the sense in which we view it—had begun to fade in the thinking and feeling of civilized humanity. To the impartial observer, his personality initially appears to be a contradictory one, but in such a way that the two aspects of this contradiction ultimately converge in a higher unity, as we shall see. We need only make it quite clear to ourselves that much more took place between the fourteenth and the sixteenth centuries than contemporary historiography is inclined to assume—above all with regard to the transformation of the human soul. This is given far too little consideration in contemporary historiography. People of the thirteenth and fourteenth centuries still had, through the very structure and constitution of their souls, a direct relationship with the spiritual world. This has simply been forgotten today, but it cannot be emphasized often enough. People of the thirteenth and fourteenth centuries—taken, of course, on average—still perceived elemental spirituality when they turned their gaze to the beings of nature, to the movements of the cloudy sky, and so on. Far more than is believed today, people of that era still had the ability to maintain a connection—even while remaining here on the physical plane—with the departed dead to whom they were karmically bound. A direct knowledge that this world, which the senses perceive, is not the only one, was still present at that time as a remnant of an older consciousness. The transition to the later era was far more abrupt than people today believe. The emerging natural science, which is fully justified in its own right, has, so to speak, drawn a veil over the spiritual world that lies behind the sensory one. I can well imagine that today’s historian, who is accustomed to accepting as immediate truth whatever he has been taught, will not believe in the abruptness of this transition at all, because it seems to him ahistorical and unsupported by historical evidence. But spiritual science presents it this way for the age that is now dawning: in this age, the human soul is placed entirely within the sensory world by virtue of the human organization that has emerged in this age.
[ 3 ] Nun haben wir schon das letzte Mal gesehen, was in Luthers Seele verwoben war: es lebten in ihr die Nachwirkungen dessen — so stellte ich es dar —, was er in den Mysterien der vorchristlichen Zeit aufgenommen hatte, in denen er in seiner vorchristlichen Inkarnation anwesend war, in jenen Mysterien aber, welche auf das Christentum hinarbeiteten. Insofern war er im vollsten Sinne ein Kind seiner Zeit, das heißt, des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, als in diesem Zeitraume bei den Menschen die Empfindung des ehemaligen Zusammenhanges mit der geistigen Welt herabgedämmert ist, auch wenn diese Empfindung einmal so lebendig war wie bei den ehemaligen Eingeweihten der Mysterien. Aber man soll nur nicht glauben, daß dieses, was da herabgedämmert ist, was also nicht in dem Bereich des Wissens der Seele auftritt, nicht da ist, daß es nicht wirksam ist. Wirksam ist es schon dann, wenn der Betreffende durch sein inneres Karma gleichzeitig empfänglich ist, wenn er aufnahmefähig ist durch das, was doch aus den Tiefen der Seele heraufkraftet und nur nicht ins Bewußtsein treten kann. Ein solcher Empfänglicher war Luther.
[ 3 ] Now, we have already seen in the previous section what was woven into Luther’s soul: living within it were the aftereffects—as I described it—of what he had absorbed in the mysteries of the pre-Christian era, in which he was present during his pre-Christian incarnation, but in those mysteries that were working toward Christianity. In this respect, he was in the fullest sense a child of his time—that is, of the fifth post-Atlantean cultural epoch—an epoch in which the sense of the former connection with the spiritual world has faded among human beings, even though this sense was once as vivid as it was among the ancient initiates of the mysteries. But one must not believe that what has faded—that which therefore does not appear within the realm of the soul’s knowledge—does not exist or is not effective. It is effective precisely when the individual, through his inner karma, is simultaneously receptive; when he is open to what is nevertheless surging up from the depths of the soul but cannot enter into consciousness. Luther was such a receptive person.
[ 4 ] Man kann sich überzeugen, daß die Wirkungen desjenigen, wovon ich eben die Ursachen angedeutet habe, bei ihm vorhanden waren. Sie waren vorhanden in den ungeheueren Seelenqualen, die er durchzumachen hatte, Seelenqualen, die gewissermaßen, indem sie sich zum Ausdruck für die eigene Seele formten, in seinen Worten und Vorstellungen den Charakter seines Zeitalters annahmen, die aber doch im wesentlichen die Qualen waren über das, was dem Menschen nun im fünften nachatlantischen Zeitalter, im materialistischen Zeitalter; an Eindrücken aus der geistigen Welt entzogen sein soll. Alle die Entbehrungen, welche die tieferen Wesensgründe der Seelen im materialistischen Zeitalter durchmachen, lagerten sich in ganz besonderem Maße in Luthers Seele ab. Gewiß, man muß sich heute mit anderen Worten klarmachen, was er empfand, als er es selbst ausgesprochen hat. Es sind nicht seine Worte, die ich gebrauche, um das zu charakterisieren, was er empfand: Was soll es mit der Menschheit werden, wenn sie nun abgeschlossen sein wird von der Betrachtung der geistigen Welt, wenn sie die Eindrücke nach und nach vergessen wird, die sie einmal von der geistigen Welt gehabt hat? — Denken Sie sich dies als Empfindung so verdichtet wie möglich, dann haben Sie den Grundton der Seelenqualen, die in Luthers Seele lebten. Warum lebten sie gerade in ihm so besonders stark?
[ 4 ] One can see for oneself that the effects of what I have just hinted at as the causes were present in him. They were evident in the immense spiritual anguish he had to endure—an anguish that, in a sense, as it took shape as an expression of his own soul, assumed the character of his age in his words and ideas, yet which was essentially the anguish over what human beings are now, in the fifth post-Atlantean age—the materialistic age— deprived of impressions from the spiritual world. All the deprivations that the deeper essences of souls undergo in the materialistic age were deposited in Luther’s soul to a very special degree. Certainly, today we must use different words to make clear what he felt than the ones he himself used. It is not his words that I am using to characterize what he felt: What will become of humanity if it is now cut off from contemplating the spiritual world, if it gradually forgets the impressions it once had of the spiritual world? — Imagine this feeling condensed as much as possible, and you will have the underlying tone of the spiritual anguish that lived within Luther’s soul. Why did it live so particularly strongly within him?
[ 5 ] Um diese Frage zu beantworten, kommen wir eben auf das erwähnte Zwiespältige seiner Natur. Auf der einen Seite war Luther gewissermaßen ein Sohn des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Er empfand mit den Menschen dieses Zeitraumes insofern, als er die Entbehrungen unendlich gesteigert empfand, welche diese Menschen des fünften Kulturzeitraumes schon erleben, nur nicht sich zum Bewußtsein bringen. Warum empfand er in solcher Intensität diese Entbehrungen?
[ 5 ] To answer this question, we must turn to the aforementioned ambivalence of his nature. On the one hand, Luther was, in a sense, a son of the fifth post-Atlantean cultural epoch. He empathized with the people of this epoch insofar as he perceived, with infinitely heightened intensity, the deprivations that the people of the fifth cultural epoch were already experiencing, though they were not yet conscious of them. Why did he perceive these deprivations with such intensity?
[ 6 ] Er empfand sie aus dem Grunde, weil er nun auf der anderen Seite wieder innerlichst ganz ein Sohn des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes war. Das war das Zwiespältige in seiner Natur. Die Eindrücke aus den Mysterien, von denen ich gesprochen habe, hatten doch so tief Wurzel gefaßt in seiner Seele, daß er innerlichst fühlte wie ein Mensch des vierten Kulturzeitalters — und doch wieder ganz an seine Zeit, an das fünfte Kulturzeitalter, hingegeben war. Weil er so innerlich in gewisser Beziehung mit dem vierten Kulturzeitalter fühlte wie ein alter Römer, wie ein alter Grieche — so könnte man sogar sagen, so unwahrscheinlich das heute klingt —, deshalb konnte er auch demjenigen kein Verständnis entgegenbringen, was nun so recht aus dem Herzen — so sonderbar das wieder klingt — der Menschen des fünften Kulturzeitraumes hervortrat, nämlich ein Verständnis für ein solches Weltbild, wie &s das Kopernikanische ist, für die Auffassung der Welt rein nach den Berechnungen der Sinne. Für ein solches Weltsystem hätte das vierte Kulturzeitalter doch kein Verständnis gehabt. Das klingt für unsere Gegenwart sonderbar, weil unsere Zeit in vieler Beziehung wirklich meint, das Ende aller Weisheit wäre nun erreicht, und der Kopernikanismus sei das Letztgültige. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dies eine große Torheit ist. Gerade so wie die Menschen der Gegenwart vom Standpunkte des Kopernikanismus aus auf das ptolemäische Weltsystem heute herabschauen, so wird das kopernikanische Weltsystem ebenfalls einmal durch ein anderes ersetzt werden, das sich wieder zu ihm so verhält wie das kopernikanische zu dem ptolemäischen. Aber nach der Seelenverfassung der Menschen des fünften Kulturzeitalters gibt es für sie ein Verständnis für eine solche rein sinnesgemäße, errechnete Systematik der Bewegungen der Himmelskörper.
[ 6 ] He felt this way because, deep down, he was once again entirely a son of the fourth post-Atlantean cultural epoch. That was the conflict within his nature. The impressions from the mysteries I have spoken of had taken such deep root in his soul that he felt, in his innermost being, like a person of the fourth cultural epoch—and yet was once again wholly devoted to his own time, the fifth cultural epoch. Because, in a certain sense, he felt inwardly connected to the fourth cultural epoch like an ancient Roman or an ancient Greek—one might even say, as improbable as that sounds today— he was therefore unable to show any understanding for what now truly sprang from the hearts—as strange as that may sound—of the people of the fifth cultural epoch, namely, an understanding of a worldview such as the Copernican one, of the conception of the world based purely on the calculations of the senses. The fourth cultural epoch would certainly have had no understanding for such a world system. This sounds strange to us today because our age, in many respects, truly believes that the pinnacle of all wisdom has now been reached, and that Copernicanism is the ultimate truth. I have often pointed out that this is a great folly. Just as people today look down upon the Ptolemaic world system from the standpoint of Copernicanism, so too will the Copernican world system one day be replaced by another that relates to it in the same way that the Copernican system relates to the Ptolemaic one. But given the spiritual disposition of the people of the fifth cultural epoch, they are capable of understanding such a purely sensory, calculated system of the movements of the celestial bodies.
[ 7 ] Luther hatte dafür kein Verständnis. Der Kopernikanismus kam ihm wie eine Art Narrheit vor. Für das, was in den Vorstellungen lebte, die den Menschen des fünften Kulturzeitraumes naturwissenschaftlich-materialistisch, rein räumlich beschäftigten, insofern diese Vorstellungen die Erscheinungen der Welt ausdrückten, dafür war Luther wenig interessiert. Aber für die Gefühlsweise, für die Stellung des Menschen in der Welt im fünften Kulturzeitalter, war er um so mehr interessiert. Aber die Stellung gegenüber der Welt, welche dem Menschen des fünften Kulturzeitraumes aufgedrängt war, fühlte er mit dem innersten Seelenimpulse eines Menschen des vierten Kulturzeitalters, dem griechisch-lateinischen Zeitalter.
[ 7 ] Luther had no sympathy for this. Copernicanism struck him as a kind of folly. Luther had little interest in the ideas that preoccupied the people of the fifth cultural epoch—ideas that were scientific, materialistic, and purely spatial—insofar as these ideas expressed the phenomena of the world. But he was all the more interested in the emotional disposition, in humanity’s place in the world during the fifth cultural epoch. Yet he perceived the relationship to the world that was imposed on people of the fifth cultural epoch with the innermost spiritual impulses of a person from the fourth cultural epoch, the Greco-Latin era.
[ 8 ] So blickt Luther, indem wir ihn betrachten, auf der einen Seite zurück auf die Art, wie sich im vierten Kulturzeitalter der Mensch zum Kosmos und zum geistigen Inhalt des Kosmos gestellt hat; auf der anderen Seite blickt er vorwärts zu all dem Empfinden, Fühlen und Vorstellen, dem der Mensch des fünften Kulturzeitalters ausgesetzt sein wird wegen seiner besonderen Stellung zum Kosmos, die ihn gewissermaßen von dem geistigen Inhalte des Kosmos trennt. Man möchte sagen: mit einer Seele aus dem vierten Kulturzeitalter fühlt Luther mit die Erlebnisse des Menschen im fünften Kulturzeitalter. Und diese besonderen Erlebnisse des Menschen im fünften Kulturzeitalter lagerten sich nun auf Luthers eigene Seele ab.
[ 8 ] Thus, as we consider him, Luther looks back, on the one hand, at the way in which, during the fourth cultural epoch, humanity related to the cosmos and to the spiritual content of the cosmos; on the other hand, he looks forward to all the sensations, feelings, and imaginings that human beings of the fifth cultural epoch will experience because of their special relationship to the cosmos, which, in a sense, separates them from the spiritual content of the cosmos. One might say: with a soul from the fourth cultural epoch, Luther empathizes with the experiences of human beings in the fifth cultural epoch. And these particular experiences of human beings in the fifth cultural epoch were now imprinted upon Luther’s own soul.
[ 9 ] Vergleichen wir nur einmal, und zwar um den Vergleich signifikanter zu machen, einen durchschnittlich gebildeten Menschen der heutigen Zeit, der im Sinne der naturwissenschaftlichen Weltanschauung denkt und fühlt, mit einem Menschen in ziemlich alten Zeiten des vierten Zeitraumes, der noch fühlt in Gemäßheit jener Stellung des Menschen zur Welt, da der Mensch von seiner Beziehung zum geistigen Inhalte dieser Welt wußte. Vor allen Dingen waren Begriffe, die wir heute durch die Worte Imagination und Inspiration ausdrücken, in diesen älteren Zeiten bei den Menschen noch ganz lebendig. Daß der Mensch nicht nur durch seine Augen die Farben wahrnimmt, durch seine Ohren die Töne hört, sondern durch besondere Erkraftung seiner Seele in Bildern die geistige Welt geoffenbart erhält, Einsprechungen von der geistigen Welt erhält, war in älteren Zeiten etwas ganz Geläufiges. Daß das Göttlich-Geistige in der Menschenseele auflebt, war in jenen Zeiten eben eine geläufige Vorstellung; der Mensch fühlte sich in Verbindung mit seinem Gotte. |
[ 9 ] Let us just compare—and to make the comparison more meaningful—an average educated person of today, who thinks and feels in accordance with a scientific worldview, with a person from the fairly ancient times of the fourth epoch, who still felt in harmony with that attitude of humanity toward the world, when human beings were aware of their relationship to the spiritual content of this world. Above all, concepts that we today express through the words “imagination” and “inspiration” were still very much alive among people in those earlier times. The fact that human beings perceive colors not only through their eyes and hear sounds not only through their ears, but also receive revelations of the spiritual world in images—and receive messages from the spiritual world—through a special activation of their soul was something quite commonplace in earlier times. The idea that the divine-spiritual comes to life in the human soul was, in those times, a common notion; human beings felt themselves to be in connection with their God. |
[ 10 ] Das sollte, damit die Menschheit eine Prüfung durchmacht, im fünften nachatlantischen Kulturzeitraume aufhören. In diesem fünften Zeitraume fühlte der Mensch, durch besondere Methoden, durch eine besondere Wissenschaft ausgebildet, die Möglichkeit, genau auf die äußeren Naturerscheinungen hinzusehen und auf die Art, wie die äußeren Naturerscheinungen in seine eigene Wesenheit hereinspielen. Allein, verschlossen ist ihm der Aufblick zur geistigen Welt, der Weg von der Seele zu den Geisteswelten ist nicht da.
[ 10 ] This was to come to an end in the fifth post-Atlantean cultural epoch, so that humanity might undergo a trial. In this fifth epoch, human beings—trained through special methods and a special science—felt the possibility of observing external natural phenomena closely and understanding how these phenomena interact with their own being. Yet the view upward toward the spiritual world remains closed to them; the path from the soul to the spiritual worlds does not exist.
[ 11 ] Stellen wir uns diese zwei Menschentypen so recht nebeneinander. Schon das letzte Mal haben wir gesehen: für Luther war die geistige Welt offen. Er hatte nicht bloß ein abstraktes Wissen, er hatte nicht nur ein abstraktes religiöses Gefühl von der geistigen Welt, er hatte, was charakterisiert ist, den lebendigen Umgang am meisten mit den bösen Geistern der Geistigkeit der Welt, was aber nicht zugleich eine böse Eigenschaft ist. Also er wußte aus unmittelbarer Erfahrung von dem Bestande der geistigen Welt; aber er wußte, daß diese Erfahrungen dem Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters hinschwinden, daß sie nicht mehr da sein würden. Und diese Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters, wie empfanden sie, wie entbehrten die Seelen die geistige Wahrnehmung? Das wurde für ihn das große Rätsel. Aber er schaute diese Menschen auch an aus einem Herzen heraus, das durchtränkt war mit den Kräften des vierten nachatlantischen Zeitraumes. Diese Kräfte des vierten Zeitraumes gingen wieder mit aller Lebendigkeit hin nach der geistigen Welt. Sie ist da! So erschien es Luther auf der einen Seite. Sie ist da, man darf nicht unterlassen, im Menschen das Bewußtsein zu erwecken, daß diese geistige Welt vorhanden ist. Aber man darf sich auf der anderen Seite keiner Täuschung darüber hingeben: in der Menschheit, die nun das nächste Zeitalter ausfüllen wird, wird ein unmittelbares Bewußtsein von der geistigen Welt nicht vorhanden sein können, diese Menschheit wird sich nur ihrer Sinne bedienen können. Während die Entscheidungen früherer Zeiten ein Wissen von dem Göttlich-Geistigen in unmittelbarem Aufblick, in an Erfahrung gewonnenem Aufblick zur geistigen Welt gegeben hatten, konnte Luther der nunmehr kommenden Menschheit nichts anderes sagen als: Wenn ihr also werdet aufblicken wollen zur geistigen Welt, so werdet ihr nichts finden, denn diese Fähigkeit ist hingeschwunden; wollt ihr jedoch fest sein im Bewußtsein der geistigen Welt, dann müßt ihr vor allem die sicherste Urkunde nehmen, in der noch das unmittelbare Wissen von der geistigen Welt eingeschlossen ist, das in diesem Zeitalter nicht mehr gegeben werden kann. — Ein älteres Zeitalter konnte immer noch sagen: hier das Evangelium — hier aber die Möglichkeit, unmittelbar in die geistigen Welten aufzusehen. Die letztere Möglichkeit fiel für das fünfte nachatlantische Zeitalter fort. Also blieb nur das Evangelium.
[ 11 ] Let’s really compare these two types of people side by side. We saw this last time as well: for Luther, the spiritual world was open. He did not merely possess abstract knowledge; he did not merely have an abstract religious sense of the spiritual world; rather, he had—as is characteristic—a living interaction, above all, with the evil spirits of the world’s spiritual realm—which is not, however, necessarily an evil trait. So he knew from direct experience of the existence of the spiritual world; but he knew that these experiences would fade away for people of the fifth post-Atlantean epoch, that they would no longer be there. And these people of the fifth post-Atlantean epoch—how did they feel, how did their souls lack spiritual perception? That became the great mystery for him. But he also looked upon these people from a heart that was imbued with the forces of the fourth post-Atlantean epoch. These forces of the fourth epoch reached out once more with all their vitality toward the spiritual world. It is there! That is how it appeared to Luther on the one hand. It is there; one must not fail to awaken in people the awareness that this spiritual world exists. But on the other hand, one must not succumb to any delusion about this: in the humanity that will now fill the coming age, a direct awareness of the spiritual world cannot exist; this humanity will be able to make use only of its senses. While the insights of earlier times had provided knowledge of the divine-spiritual through a direct gaze—a gaze toward the spiritual world gained through experience—Luther could say nothing else to the humanity now to come than: “If, then, you wish to look up toward the spiritual world, you will find nothing, for this ability has vanished; however, if you wish to be firm in your awareness of the spiritual world, then you must above all take the most reliable testimony, which still contains the direct knowledge of the spiritual world that can no longer be given in this age. — An earlier age could still say: here is the Gospel—but here is also the possibility of looking directly into the spiritual worlds. The latter possibility ceased to exist in the fifth post-Atlantean epoch. Thus, only the Gospel remained.
[ 12 ] Sie sehen, Luther sprach aus dem Geiste des fünften nachatlantischen Zeitalters heraus, aber er sprach so aus dem Geiste dieses Zeitalters heraus, wie es einem Menschen ums Herz war, der zugleich ein Sohn des vierten nachatlantischen Zeitraumes war, der durch das Mittel, das aus dem vierten Zeitraume geblieben ist, die Menschen hinweisen wollte nach dem, wozu sie in ihrer Entwickelung im fünften Zeitalter nicht mehr kommen konnten. Das ist etwas, was aus der Zeit heraus zu verstehen ist, daß Luther das Evangelium als alleinige Urkunde für die geistige Welt hinstellte am Ausgangspunkte eines Zeitalters, dem die unmittelbare Einsicht in die geistige Welt verschlossen war. Daher wollte er — wenn das auch alles in seinem Bewußtsein, wie ich es jetzt ausspreche, nicht so vorhanden war, aber darauf kommt es nicht an —, zur besonderen Stärkung der Menschheit, die da nun kommen sollte, gerade das Evangelium betonen.
[ 12 ] As you can see, Luther spoke from the spirit of the fifth post-Atlantean epoch, but he spoke from the spirit of this epoch in a way that was true to the heart of a man who was at the same time a son of the fourth post-Atlantean epoch—a man who, through the means that had remained from the fourth epoch, wanted to point people toward what they could no longer attain in their development within the fifth epoch. This is something that must be understood in the context of the times: that Luther presented the Gospel as the sole testimony to the spiritual world at the very beginning of an age to which direct insight into the spiritual world was closed. Therefore—even if all of this was not present in his consciousness exactly as I am now describing it, though that is not the point—he wanted to emphasize the Gospel in particular to strengthen the humanity that was now to come.
[ 13 ] Nun sehen wir auf einem anderen Gebiete in das dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte Jahrhundert zurück. Ich beschäftige mich jetzt gerade wieder — dadurch traten mir in diesen Tagen diese Dinge besonders vor die Seele — mit einer Charakteristik des Christian Rosenkreutz und der «Chymischen Hochzeit» von Johann Valentin Andreae. Wenn man, veranlaßt durch diese literarische Erscheinung, den Blick auf das dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte Jahrhundert hinlenkt, so sieht man, wenn man auf die Menschen des damaligen Zeitalters blickt, die sich mit Wissenschaft beschäftigen: Wissenschaft von der Natur war im besten Sinne des Wortes Alchimie. Was heute ein Naturforscher ist, war damals ein Alchimist. Man muß nur allen Aberglauben und Schwindel besonders von dem Worte Alchimie freihalten, um zu dem innerlichen, rein geistigen Sinn des Wesens der Alchimie zu kommen. Was wollten diese Forscher? Sie wollten nichts anderes, als daß, ihrer Überzeugung nach, hinter den Naturkräften nicht nur jene Kräfte leben, die man durch die äußere Beobachtung und durch das äußere Experiment findet, sondern daß in der Natur übersinnliche Kräfte walten, daß die Natur zwar «natürlich» ist, daß aber in ihr dennoch übersinnliche Kräfte wirken. Diese Menschen waren sich darüber klar worauf schon ein späteres Zeitalter wieder kommen wird, heute sind diese Dinge nur sehr verborgen —, daß die äußere Erscheinungsform zum Beispiel eines Metalles nicht ein so festes Gefüge ist, als daß sie nicht in ein anderes übergeben könnte. Nur sahen sie den Übergang als geistgetragen an, als Wirkung des Geistes in die Natur hinein. Sie waren imstande, jene alchimistischen Vorgänge zu veranlassen, die einen heutigen Naturforscher in großes Erstaunen versetzen würden, wenn man sie ihm wieder vor Augen führen könnte. Aber diese Vorgänge waren veranlaßt durch das Handhaben geistiger Kräfte. Daß im materiellen Dasein wirklich geistige Kräfte walten, war auch etwas, was mit dem Wissen dieser früheren Zeit zusammenhing.
[ 13 ] Now let us look back at another field in the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries. I am currently engaged once again—and this is why these things have come particularly to mind for me these past few days—in a study of Christian Rosenkreutz and Johann Valentin Andreae’s *The Alchemical Wedding*. When, prompted by this literary work, one turns one’s gaze to the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries, one sees—when looking at the people of that era who were engaged in science—that the science of nature was, in the best sense of the word, alchemy. What a natural scientist is today was an alchemist back then. One need only strip away all superstition and deception—especially from the word “alchemy”—to arrive at the inner, purely spiritual meaning of the essence of alchemy. What did these researchers seek? They sought nothing other than the conviction that behind the forces of nature lie not only those forces discovered through external observation and experimentation, but that supersensible forces are at work in nature—that nature is indeed “natural,” yet supersensible forces are nonetheless active within it. These people were clear about what a later age would come to realize again—though today these things remain deeply hidden—namely, that the external form of, for example, a metal is not so rigidly fixed that it cannot be transformed into another. They viewed this transformation, however, as spirit-driven, as the effect of the spirit acting within nature. They were capable of bringing about those alchemical processes that would astonish a modern natural scientist if they could be demonstrated to him again. But these processes were brought about through the application of spiritual forces. The fact that spiritual forces truly govern material existence was also something connected with the knowledge of that earlier time.
[ 14 ] Das sollte nun ebenfalls dem fünften nachatlantischen Zeitalter verlorengehen und ist ihm auch verlorengegangen. Aber das hat sein Spiegelbild in der religiösen Weltauffassung. Weil das so ist, deshalb konnten das dreizehnte Jahrhundert und die früheren, auch noch das vierzehnte Jahrhundert, eine andere Sakramentenlehre haben als die folgenden Jahrhunderte. Für die folgenden verlor der Glaube allen Sinn, daß in der Materie, wenn sie sakramental behandelt wird, geistige Kräfte unmittelbar wirksam sind. Das stand ganz lebendig, wenn auch nicht im vollen Bewußtsein, vor Luthers Seele. Dadurch wurde die Sakramentenlehre etwas ganz anderes. Die katholische Sakramentenlehre ist ja heute noch etwas anderes, wie zum Beispiel beim Altarsakrament, wo wirklich Brot und Wein in Fleisch und Blut durch einen geheimnisvollen Vorgang verwandelt werden. Wer jemals mit katholischen Theologen über eine solche Frage diskutiert hat, der hat oft, gegenüber dem modernen Einwand, diesen hören können: Wenn ihr das nicht versteht, so versteht ihr überhaupt nichts von der Substanzenlehre des Aristoteles. — Dennoch aber muß man sagen: für das fünfte nachatlantische Zeitalter ist kein rechter Sinn mehr zu verbinden mit einer wirklichen Verwandelung, mit einer wirklichen Alchimie. Daher ist dieser Vorgang herausgehoben aus dem materiellen Dasein. Man empfängt heute Brot und Wein, aber sie verwandeln sich nicht; indem man sie empfängt, geht das Göttlich-Geistige der Christus-Wesenheit in einen über. Diese Metamorphose des Sakramentbegriffes hängt wieder zusammen mit der Fortentwickelung der Menschheit aus dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Und Luther muß aus beiden heraus reden. Er will der menschlichen Seele noch dieselbe Stärkung geben, die sie erhalten hat unter dem Eindruck der ehemaligen Geistlehre, aber er kann sie ihr nur dadurch geben, daß er diese Geistlehre vor der modernen Wissenschaft bewahrt, daß er gewissermaßen die moderne Wissenschaft gar nicht an diese Geistlehre heranläßt. Denn die moderne Wissenschaft würde nie und nimmermehr in dem Materiellen ein Geistiges erkennen. Daher hebt Luther von vornherein das Geistige weg von den materiellen Vorgängen, läßt den materiellen Vorgang, wenn auch noch nicht Symbol, so aber doch nur materiellen Vorgang sein. Diese Dinge werden heute kaum in richtiger Weise verstanden; es muß aber gerade durch die Geisteswissenschaft wieder von ihnen gesprochen werden.
[ 14 ] This, too, was destined to be lost to the fifth post-Atlantean epoch—and indeed, it was lost to it. But this is reflected in the religious worldview. Because this is the case, the thirteenth century and earlier centuries—including the fourteenth—were able to have a different doctrine of the sacraments than the centuries that followed. For the later centuries, the belief that spiritual forces are directly at work in matter when it is treated sacramentally lost all meaning. This stood quite vividly—though not in full consciousness—before Luther’s soul. As a result, the doctrine of the sacraments became something entirely different. The Catholic doctrine of the sacraments is, after all, still something different today, as in the case of the sacrament of the Altar, for example, where bread and wine are truly transformed into flesh and blood through a mysterious process. Anyone who has ever discussed such a question with Catholic theologians has often heard them respond to modern objections with this: “If you do not understand this, then you understand nothing at all of Aristotle’s doctrine of substances.” — Nevertheless, it must be said: for the fifth post-Atlantean epoch, no real meaning can any longer be attached to a true transubstantiation, to a true alchemy. Therefore, this process is set apart from material existence. Today one receives bread and wine, but they are not transformed; in receiving them, the divine-spiritual essence of the Christ Being passes into one. This metamorphosis of the concept of the sacrament is again connected with the further development of humanity from the fourth into the fifth post-Atlantean epoch. And Luther must speak from both perspectives. He wishes to give the human soul the same strength it received under the influence of the former spiritual teaching, but he can only do so by preserving this spiritual teaching from modern science—by, so to speak, not allowing modern science to come into contact with this spiritual teaching at all. For modern science would never, ever recognize the spiritual in the material. Therefore, Luther from the outset separates the spiritual from material processes, allowing the material process—even if not yet a symbol—to remain merely a material process. These things are scarcely understood correctly today; yet it is precisely through spiritual science that they must once again be discussed.
[ 15 ] Nun stellen wir uns vor, daß Luther den Blick hinrichtete — wenn auch nicht im vollen Bewußtsein — auf diese ganze mehr als zwei Jahrtausende währende Zeit, die abgeflossen sein sollte im normalen Leben der Menschen, wenn auch die Menschen im abnormen Leben durch besondere Übungen von der geistigen Welt wieder etwas erfahren konnten. Für dieses Zeitalter hatte er zu sprechen. Die historische Persönlichkeit darf niemals in einem absoluten Sinne genommen werden, sondern sie muß in ihren Aussprüchen, in ihren Lehren genommen werden als ihrem Zeitalter Ausdruck gebend. Für die Menschen seines Zeitalters hatte er zu sprechen. Diese Menschen haben aber wirklich etwas verloren. Was haben sie verloren?
[ 15 ] Now let us imagine that Luther directed his gaze—albeit not with full awareness—toward this entire period spanning more than two millennia, which would have passed in the normal course of human life, even though people living an abnormal existence were able to gain some insight into the spiritual world again through special practices. He had to speak to this age. A historical figure must never be taken in an absolute sense, but must be understood in his sayings and teachings as an expression of his age. He had to speak to the people of his age. But these people have truly lost something. What have they lost?
[ 16 ] Sie haben die Möglichkeit verloren, aus der eigenen Kraft der menschlichen Erkenntnis, wie sie sich ganz besonders im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum ausprägt, die Seele so zu erkraften, daß sie in die geistige Welt hinaussieht, eigene geistige Erkenntnisse hat. Erkennen durch die unmittelbare Initiative ist nichts Normales für die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters. Freiheit, freier Wille, unmittelbares Herauswirken aus der tiefsten Kraft der Seele von jenem Orte der Seele her, wo diese unmittelbar mit dem Göttlichen verbunden ist: die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters können sich dieser Freiheit im unmittelbaren normalen Leben, eben im Leben der gewöhnlichen Außenwelt, nicht bewußt werden. Freiheit ist Theorie, Erkenntnis ist Theorie. Im weiteren Verfolg hat dieses fünfte nachatlantische Zeitalter in zahlreichen Fällen die Lehre von den Erkenntnisgrenzen aufgestellt. Aber von den Grenzen der Erkenntnis im Sinne Kants oder Da Bois-Reymonds zu sprechen, wäre selbst für die Skeptiker der alten Zeit ein Unsinn gewesen. Absolute, ewige Bedeutung, sagte ich schon, soll man den Aussprüchen einer solchen historischen Persönlichkeit nicht beilegen. Aber diese Aussprüche sind Ausdruck für die Zeit. Im christlichen Sinne faßt Luther das auf, was ihm an dem Menschen als das vorzüglichste Charakteristikon der Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitalters entgegentrat. Es war im christlichen, besser gesagt, im biblischen Sinne aufgefaßt die unmittelbare Wirkung der Erbsünde. Diese unmittelbare Wirkung der Erbsünde besteht darin, das ist das Charakteristische, daß die Menschen dieses Zeitalters durch ihre eigene Natur sich weder zur Erkenntnis des Göttlichen, noch auch zur Freiheit erheben können. Indem Luther also sagte, die Menschen seien durch die Erbsünde so verdorben, daß sie durch ihre eigene Natur sich über die Sünde nicht emporarbeiten können, sprach er eine Wahrheit für das fünfte nachatlantische Zeitalter aus. Und keine Kraft des Menschen hängt so sehr mit der unmittelbaren menschlichen Wesenheit zusammen, als diejenige Kraft, welche im menschlichen Willen sich äußert, in demjenigen sich äußert, was der Mensch tut. Was er tut, entspringt ganz aus dem Zentrum seines Wesens. Was er weiß, woran er glaubt, das hat er viel mehr mit der Umgebung, mit seinem Zeitalter und dergleichen, gemein. Im fünften nachatlantischen, im materialistischen, naturwissenschaftlichen Zeitalter ist es dem Menschen nicht möglich, aus seiner eigenen Wesenheit heraus Handlungen zu vollführen, die geistdurchdrungen sind. Das ist gerade das Wesentliche dieses Zeitalters — im sechsten nachatlantischen Zeitraum wird es wieder anders sein —, daß der Mensch in seiner ganzen Wesenheit herausgestellt ist aus dem Zusammenhange mit dem Geistigen. Auch dies durchdrang Luther. Aber der Mensch durfte nicht wesenhaftig herausgerissen sein. Mit dem, was er nun an sich ist, was er als der: in der Sinneswelt stehende Mensch tut und will, kann er nicht mit dem Göttlichen zusammenhängen. Er kann mit dem Göttlichen nur dann zusammenhängen, wenn er diesen Zusammenhang mit dem Göttlichen mit seinem äußeren Sinnensein in gar keinem Zusammenhang denkt. Dies ist der Ursprung der Lehre von der Heiligung durch den bloßen Glauben. Für einen echten Menschen des vierten nachatlantischen Zeitalters hätte diese Heiligung durch den bloßen Glauben gar keinen Sinn gehabt. Man hätte einen alten Griechen oder einen alten Römer kommen lassen sollen und sagen, daß er seinen Wert vor den höchsten Mächten des Daseins nicht durch das erwirbt, was er tut, was er in der Welt veranlaßt, sondern allein durch die Art und Weise, wie seine Seele sich zur geistigen Welt bekennt; er hätte es für einen völligen Unsinn gehalten. Für einen Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters ist es kein solcher Unsinn, denn er muß, wenn er sich auf das verläßt, was er durch die Welt ist, in der Tat nur ein Weltenmensch sein. Er muß immer mehr und mehr darauf kommen, daß er nur an der höchsten Spitze der Tierreihe steht. Daher muß er etwas, womit er gar nicht zusammenhängt, so wie er in der Welt drinnen steht, zum Bande machen mit der geistigen Welt: nämlich den bloßen Glauben. Es ist nicht möglich, daß dasjenige, was Luther seiner und der Folgezeit Luthers aufgeprägt hat, die alleinige Geistesströmung blieb.
[ 16 ] They have lost the ability to draw upon the power of human knowledge—as it is expressed most distinctly in the fifth post-Atlantean cultural epoch—to strengthen the soul so that it can look out into the spiritual world and gain its own spiritual insights. Insight arising from direct initiative is not a normal experience for people of the fifth post-Atlantean epoch. Freedom, free will, direct action arising from the deepest power of the soul—from that place within the soul where it is directly connected to the Divine—people of the fifth post-Atlantean epoch cannot become aware of this freedom in their immediate, everyday life, that is, in the life of the ordinary external world. Freedom is theory; knowledge is theory. Furthermore, this fifth post-Atlantean epoch has, in numerous cases, established the doctrine of the limits of knowledge. But to speak of the limits of knowledge in the sense of Kant or Da Bois-Reymond would have been nonsense even to the skeptics of old. As I have already said, one should not attribute absolute, eternal significance to the sayings of such a historical figure. But these sayings are an expression of the times. In the Christian sense, Luther grasps what he perceived in this man as the preeminent characteristic of humanity in the fifth post-Atlantean epoch. It was understood, in the Christian—or rather, biblical—sense, as the immediate effect of original sin. This immediate effect of original sin consists in the fact—and this is its defining characteristic—that the people of this epoch, by their very nature, cannot rise either to the knowledge of the divine or to freedom. Thus, when Luther said that human beings were so corrupted by original sin that they could not, by their own nature, rise above sin, he was expressing a truth for the fifth post-Atlantean epoch. And no human power is so closely connected to the immediate human essence as the power that manifests itself in the human will—in what the human being does. What a person does springs entirely from the center of his being. What he knows and what he believes has much more in common with his surroundings, his age, and the like. In the fifth post-Atlantean, materialistic, scientific age, it is not possible for a person to perform actions imbued with the spiritual out of his own being. This is precisely the essence of this age—in the sixth post-Atlantean epoch it will be different again—that human beings, in their entire being, are cut off from connection with the spiritual. Luther, too, was deeply aware of this. But human beings were not meant to be torn away in their very essence. With what he now is in himself—what he does and wills as a human being situated in the sensory world—he cannot be connected to the Divine. He can be connected to the Divine only if he conceives of this connection with the Divine as having absolutely no connection whatsoever to his outer sensory existence. This is the origin of the doctrine of sanctification through faith alone. For a genuine human being of the fourth post-Atlantean epoch, this sanctification through faith alone would have made no sense at all. One would have had to bring in an ancient Greek or an ancient Roman to say that he acquires his worth before the highest powers of existence not through what he does, not through what he brings about in the world, but solely through the way in which his soul professes its allegiance to the spiritual world; he would have considered it utter nonsense. For a person of the fifth post-Atlantean epoch, it is not such nonsense, for if he relies on what he is through the world, he must, in fact, be nothing more than a worldly human being. He must increasingly come to realize that he stands only at the very pinnacle of the animal kingdom. Therefore, he must make something with which he has no connection whatsoever—given his position in the world—into a bond with the spiritual world: namely, mere faith. It is not possible that what Luther imprinted on his own time and the era that followed him remained the sole spiritual current.
[ 17 ] So kann man zum Beispiel fragen: Wer ist heute Lutheraner? Eigentlich sind alle Menschen Lutheraner! Alle Menschen, insofern sie durchdrungen sind von dem Wesen des fünften nachatlantischen Zeitalters. Wer wirklich einen Sinn hat für den Unterschied, der gewissen feineren Begriffen in der Auffassung der Welt zugrunde liegen kann, der merkt, welche gewaltige Differenz besteht zwischen einem heutigen katholischen Theologen und einem solchen des dreizehnten oder des vierzehnten Jahrhunderts. Warum ist das? Weil der heutige katholische Theologe in Wahrheit auch Lutheraner ist. Er hat denselben Impuls in sich. Man hat nur heute oftmals nicht viel Gefühl für die innere Wahrheit einer Sache, man hat viel mehr Gefühl für die Scheinvignette, die man dem Menschen anheftet. Daß jemand durch Familien- oder andere Zusammenhänge als Katholik oder als Protestant in die Kirchenregister eingetragen ist, ist ja nur eine äußere Charakteristik; was den Menschen innerlich charakterisiert, ist doch etwas ganz anderes. In gewisser Beziehung sind die Menschen, die heute mit ihrem Zeitalter mitgehen, die im Sinne ihres Zeitalters sich anregen lassen, durchaus innerlich Lutheraner, weil Luther das Leben seines Zeitalters — von dem Gesichtspunkte aus, den ich berührt habe — ausgesprochen hat. Er konnte es deshalb besonders aussprechen, weil in ihm der genannte charakterisierte Zwiespalt lebte, weil er auf der einen Seite den Eindruck hatte: Was ist diese Menschheit, die da kommt? — Und weil er auf der anderen Seite den Impuls hatte, mit allen in ihm lebenden Kräften zu den Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters zu sprechen, mit all den Kräften, die er erhalten wollte im Sinne des vierten nachatlantischen Zeitraumes.
[ 17 ] For example, one might ask: Who is a Lutheran today? Actually, all people are Lutherans! All people, insofar as they are imbued with the essence of the fifth post-Atlantean epoch. Anyone who truly has a sense of the distinction that may underlie certain more subtle concepts in the understanding of the world will notice what an enormous difference there is between a Catholic theologian today and one from the thirteenth or fourteenth century. Why is that? Because today’s Catholic theologian is, in truth, also a Lutheran. He carries the same impulse within him. It is just that today people often have little sense of the inner truth of a matter; they have a much greater sense of the superficial label they attach to a person. The fact that someone is registered in the church records as a Catholic or a Protestant due to family or other connections is, after all, merely an external characteristic; what characterizes a person inwardly is something entirely different. In a certain sense, people today who go with the flow of their age—who allow themselves to be inspired by the spirit of their time—are, in their innermost being, thoroughly Lutherans, because Luther articulated the life of his age—from the perspective I have touched upon. He was able to articulate it so particularly well because the conflict I described lived within him; because, on the one hand, he had the impression: What is this humanity that is coming? — And because, on the other hand, he felt the impulse to speak to the people of the fifth post-Atlantean epoch with all the forces living within him, with all the forces he wished to preserve in the spirit of the fourth post-Atlantean epoch.
[ 18 ] Das aber war wieder die höhere Einheit, die Synthesis, daß er zu Menschen, welche den Verhältnissen des fünften nachatlantischen Zeitraumes ausgesetzt sind, so sprach, daß er gleichsam aus deren Seelen heraus sprach. Er prägte die Worte, er faßte die Vorstellungen, die aus diesen Seelen der Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraumes sich ergeben, aber er sprach so, daß alles zugleich durchdrungen sein sollte von der Absicht, dasjenige zu erhalten, was im vierten nachatlantischen Zeitraume vorhanden war. Das ist die höhere Einheit. Als einzige Geistesströmung aber konnte das für diesen fünften Zeitraum allerdings nicht bleiben, sonst würde sich der sechste Zeitraum nicht in diesem fünften vorbereiten.
[ 18 ] But this, in turn, was the higher unity, the synthesis: that he spoke to people who were subject to the conditions of the fifth post-Atlantean epoch in such a way that he spoke, as it were, from within their very souls. He shaped the words; he captured the ideas arising from the souls of the people of the fifth post-Atlantean epoch, but he spoke in such a way that everything was at the same time imbued with the intention of preserving what had existed in the fourth post-Atlantean epoch. That is the higher unity. However, this could not remain the sole spiritual current for this fifth epoch; otherwise, the sixth epoch would not be prepared within this fifth one.
[ 19 ] So sehen wir denn, während in der angedeuteten Weise das Luthertum ganz besonders die Impulse dieses fünften Zeitraumes trifft, daß auf der anderen Seite andere Strömungen sich geltend machen. Für uns ist die wichtigste die, welche in der deutschen Klassik heraufkommt: von Lessing zu Herder — den man auch dazuzählen kann —, Schiller, Goethe und anderen. Wir haben dabei die merkwürdige Erscheinung, daß wir in Kant einen ganz lutherischen Philosophen haben; denn bis in die intimste Intimität seiner Begriffe hinein ist Kant lutherisch. Schiller möchte gerne Kantianer sein, kann es aber nicht; denn es gibt philosophisch nichts, was so aus dem bloßen Luthertum herausstrebt wie zum Beispiel Schillers «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Diese Briefe — sie sind heute nur viel zu wenig gewürdigt — bilden gewissermaßen einen Höhepunkt der anderen Strömung, wie wiederum ein Höhepunkt der anderen Strömung Goethes «Faust» ist, mit einem Protest, der sich darin ausspricht, nicht bloß die Bibel, sondern die Natur zu nehmen und so die Menschenseele durch eigene Erkraftung den Weg in die geistige Welt nehmen zu lassen. Die Schlußszenen des «Faust» stehen daher im vollen Gegensatz zum Luthertum. Nur die künstliche Konstruktion würde Schillers ästhetische Briefe, Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», oder die Schlußszenen des «Faust» in eine verwandtschaftliche Beziehung zum Luthertum bringen. Das strebt wieder durch innere Opposition gegen das Naturwissenschaftliche, die menschliche Seele so zu erkraften, daß diese durch ihre eigenen Kräfte den Zusammenhang mit der geistigen Welt finden kann. Daher setzt das sechzehnte Jahrhundert den gewaltigen Vorstellungen, die sich an Luther anknüpfen, die anderen Vorstellungen entgegen, die damals noch nicht aufkommen können, die dann gewissermaßen noch als den Gegensatz des Guten repräsentierend da sind, setzt die Vorstellungen vom «Faust» hin. Luther hat die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters ins Auge gefaßt: diese Menschheit, die den Teufel nicht anerkennen will, den Luther so gut kannte, aber die ganz besessen ist von der ahrimanischen Dämonie, also von dem, was Luther den Teufel nennt. Luther hat diese Menschheit vor sich, und es ist eigentlich nicht sonderbar, daß jemand, der sich heute wiederum intimer mit Luther befaßt hat, gerade darauf einen so großen Wert legt, daß Luther in so unmittelbarer Weise die geistige Welt mit dem teuflischen Inhalt kannte.
[ 19 ] Thus, while Lutheranism is particularly influenced by the impulses of this fifth period in the manner described, we see that, on the other hand, other currents are making their presence felt. For us, the most important of these is the one that emerged in German Classicism: from Lessing to Herder—who can also be included among them—Schiller, Goethe, and others. Here we encounter the remarkable phenomenon that in Kant we have a thoroughly Lutheran philosopher; for Kant is Lutheran right down to the very core of his concepts. Schiller would like to be a Kantian, but cannot be; for there is nothing in philosophy that springs so directly from Lutheranism itself as, for example, Schiller’s “Letters on the Aesthetic Education of Man.” These letters—which are far too little appreciated today—constitute, in a sense, a high point of the other current, just as Goethe’s *Faust* is a high point of the other current, expressing a protest that calls for taking not merely the Bible but nature as well, and thus allowing the human soul to find its way into the spiritual world through its own efforts. The final scenes of *Faust* therefore stand in stark contrast to Lutheranism. Only an artificial construction would place Schiller’s aesthetic letters, Goethe’s “Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” or the final scenes of *Faust* in a relationship of kinship with Lutheranism. This, in turn, seeks—through inner opposition to the natural sciences—to empower the human soul so that it may, through its own powers, find a connection with the spiritual world. Thus, the sixteenth century sets against the powerful ideas associated with Luther those other ideas that could not yet emerge at that time—ideas that, in a sense, still stand as the antithesis of the good—and presents the ideas of *Faust*. Luther had the people of the fifth post-Atlantean epoch in mind: this humanity that refuses to acknowledge the devil, whom Luther knew so well, but which is entirely possessed by Ahrimanic demonism—that is, by what Luther calls the devil. Luther has this humanity before him, and it is actually not surprising that someone who has once again studied Luther more closely today attaches such great importance precisely to the fact that Luther knew the spiritual world with its diabolical content in such a direct way.
[ 20 ] Interessant ist es allerdings, daß die Persönlichkeit, die nun, ich möchte sagen, geradezu danach lechzt, die Menschen sollten nur den Teufel wieder kennenlernen, der sie ja immer am Kragen hat, besonders wenn sie die Welt nur naturalistisch auffassen, aber den sie nicht kennen, interessant ist es, daß nach der Art des Paradieses-Geschehnisses diese Persönlichkeit, welche diese neuere Sehnsucht nach dem Teufel hat, eine Frau ist: Ricarda Huch. Ihr Buch über Luther drückt geradezu die Sehnsucht aus: möchten doch die Menschen wieder eine Erfahrung von dem Teufel haben, denn dadurch würden sie zurückkommen zu dem Gottesbewußtsein. Und in diesem, was sie so durchdringt, empfindet sie sogar diese Sehnsucht nach dem Teufel. Einmal drückt sie diese Sehnsucht nach dem Teufel sogar recht lebhaft aus in ihrem Buche «Luthers Glaube», Insel-Verlag, 1916, Seite 44:
[ 20 ] It is interesting, however, that the person who now, I would say, is practically yearning for people to get to know the Devil again—who, after all, is always breathing down their necks, especially when they view the world solely in naturalistic terms, but whom they do not know—it is interesting that, in the manner of the Paradise incident, this figure, who harbors this new longing for the Devil, is a woman: Ricarda Huch. Her book on Luther practically expresses this longing: if only people could have an experience of the devil again, for through that they would return to an awareness of God. And in this state that so deeply permeates her, she even feels this longing for the devil. At one point, she expresses this longing for the devil quite vividly in her book *Luther’s Faith* (Insel-Verlag, 1916, p. 44):
[ 21 ] «Ein Werk wie Burckhardts Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber Du, Geliebter», das ganze Buch ist in Form von Briefen an einen Freund abgefaßt, «wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für Dich allein Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich’ auf Dich verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo Du mir zuhörst, beendet.»
[ 21 ] “A work like Burckhardt’s *The Culture of the Renaissance* and a figure like Nietzsche are humanity’s cry for the devil, which is just as justified as the cry for a child. But neither a child nor the devil can be brought forth at will, and when I think of how many young people light themselves up with Bengal fire to create the appearance of hell, I am overcome with horror at the thought of possible misunderstandings. After all, in Nietzsche’s time, many behaved like blond beasts who lacked even enough animality to be a simple guinea pig. But you, my beloved”—the entire book is written in the form of letters to a friend—“will not found a society for sinners, nor will you breed model sins in a greenhouse for yourself alone; in that respect, I can rely on you. Lucifer, after all, despises the stupid and the evil devil, his precursors; I am all the more angry with him as he now rises in the sky, bringing unwelcome light, and brings the night—in which you listen to me—to an end.”
[ 22 ] Es ist der Schrei nach dem Teufel von Ricarda Huch, den man in dem Unterbewußtsein der Menschheit vernimmt, und sie möchte, daß dieser Schrei wirke. Wer da weiß, daß an jedem Laboratoriumstisch, in jeder Maschine, kurz in den wichtigsten Kulturmilieus der neueren Zeit der wirkliche Teufel verborgen ist und mitwirkt — ich sage das unumwunden —, der kann schon Ricarda Huch verstehen; denn weit besser wäre es für die Menschen, wenn sie wüßten, daß der Teufel da ist, während er sie ja doch am Kragen hat, und das Völkchen es nur nicht merkt.
[ 22 ] It is Ricarda Huch’s cry for the devil that can be heard in the collective unconscious of humanity, and she wants this cry to have an effect. Anyone who knows that the real devil is hidden and at work at every laboratory bench, in every machine—in short, in the most important cultural milieus of modern times—I say this plainly—can already understand Ricarda Huch; for it would be far better for people if they knew that the devil is there, even though he already has them by the throat, and the little folk just don’t realize it.
[ 23 ] In Luthers Bewußtsein lebte der Teufel noch, und er lebte deshalb gerade so, weil Luther wie ein Mensch des vierten nachatlantischen Zeitalters die geistige Welt noch empfand. Und er lebte in seinen Worten noch deshalb, weil er ihn hinstellen wollte für die Menschen des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, die wohl von ihm besessen sind, aber nichts von ihm wissen. Eine andere Empfindung mußte Luther gegenüber dem Teufel bei den Menschen erzeugen als Faust sie hatte, der sich ja dem Teufel verschrieb, der gerade seine Erkenntnisse und seine Macht durch den Teufel gewinnen wollte. Das lehnt zunächst das sechzehnte Jahrhundert ab; Faust muß den negativen Mächten der Welt verfallen. Goethe, auch schon Lessing, sie protestieren ganz mächtig dagegen. Warum? Gewiß, Lessing wie auch Goethe haben den eigentlichen Nerv ihres Verhältnisses zum Faust nicht ausgesprochen. Darüber ist es ja schon möglich, heute offener zu sprechen, als zu Lessings und Goethes Zeit gesprochen werden konnte, obwohl gerade der Eingeweihte seinen Mitmenschen andere Dinge mitteilen wollte; allein sie würden ihn zerreißen, wenn er sie ihnen mitteilte.
[ 23 ] In Luther’s consciousness, the devil still lived, and he lived precisely because Luther, as a person of the fourth post-Atlantean epoch, could still perceive the spiritual world. And he still lived in his words because Luther wanted to present him to the people of the fifth post-Atlantean cultural epoch, who are indeed possessed by him but know nothing of him. Luther had to evoke a different feeling toward the Devil in people than Faust had—for Faust, after all, had devoted himself to the Devil, seeking precisely to gain his insights and power through the Devil. The sixteenth century initially rejected this; Faust had to fall prey to the negative forces of the world. Goethe, and indeed Lessing as well, protested vehemently against this. Why? Certainly, neither Lessing nor Goethe articulated the true essence of their relationship to Faust. It is indeed possible to speak more openly about this today than it was in Lessing’s and Goethe’s time, even though the initiate, in particular, wanted to share other things with his fellow human beings; yet they would have torn him to pieces had he revealed them.
[ 24 ] Sehen wir einmal in die Seele Goethes hinein, wie sie sich zum Faust stellte. Goethe hatte ja auch seine Empfindung von den Menschen des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Er wußte von den intimen Beziehungen der Menschen dieses Zeitraumes zum Teufel; denn der Teufel, die ahrimanischen Mächte, sind immer da, wenn man nur das Bewußtsein auf die Materie beschränkt. Das bedeutet für sie das Tor, durch das sie Einlaß finden. Wird das Bewußtsein auf die Materie beschränkt, wird es ganz ins Unternormale hinuntergedrängt, wird ein organisch-dämmerhaftes Bewußtsein erzeugt, oder ein aufgeregtes, wo der Mensch ganz der Materie hingegeben ist, oder ein närrisches Bewußtsein, dann hat Ahriman erst recht den Zugang zu ihm. Goethe aber weiß, daß im allgemeinen die ahrimanischen Mächte da sind. Seiner ganzen Natur nach kann er aber die ahrimanischen Mächte nicht als das hinstellen, was man zu scheuen hätte oder was man abzuweisen hätte. Er kann ihnen gegenüber nicht bloß auf den im äußeren materiellen Dasein lebenden Glauben Rücksicht nehmen. Nein, er muß das, was er für seinen Faust erreichen will, aus dem lebendigen Umgang mit dem Teufel herausholen; das heißt, der Teufel muß seine Kraft hergeben, er muß besiegt werden. Das ist dem Kampf des Faust mit dem Teufel, mit den ahrimanischen bösen Geistern, mit Mephistopheles zugrunde liegend.
[ 24 ] Let us take a look into Goethe’s soul and see how he viewed Faust. Goethe, after all, also had his own perception of the people of the fifth post-Atlantean cultural epoch. He knew of the intimate connections between the people of this epoch and the Devil; for the Devil—the Ahrimanic forces—is always present whenever consciousness is limited to matter. For them, this is the gateway through which they gain entry. If consciousness is limited to matter, it is pushed down entirely into the subnormal realm; an organic, twilight-like consciousness is produced, or an agitated one in which the human being is wholly devoted to matter, or a foolish consciousness—and then Ahriman has all the more access to him. Goethe, however, knows that the Ahrimanic forces are generally present. Yet, by his very nature, he cannot portray the Ahrimanic forces as something to be feared or rejected. He cannot limit his approach to them to the faith rooted in external, material existence. No, he must draw what he seeks to achieve for his Faust from a living engagement with the devil; that is to say, the devil must yield his power; he must be vanquished. This lies at the heart of Faust’s struggle with the devil, with the evil Ahrimanic spirits, and with Mephistopheles.
[ 25 ] Wir haben dann Schiller, der Kantianer sein möchte, und es nicht kann, und der in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» unterscheidet in dem Menschen zwischen dem bloßen Trieb, der, im Sinne des Luthertums, aus der sinnlichen Natur kommt, und dem sich durch die Sinnlichkeit offenbarenden Geist. Wenn man ehrlich Lutheraner sein soll, würde man sagen: Der Mensch ist diesem Trieb verfallen, er kann sich nicht aus eigener Kraft aus sich erheben. Aus diesem Triebe sich erheben kann er nur durch den Glauben, und dann kann er sich durch den außer ihm befindlichen Christus als gereinigt und erlöst betrachten. — Schiller sagt: Nein, das andere ist noch in dem Menschen, der Trieb der Freiheit, die Kraft der Geistigkeit, die imstande sind, im Menschen den bloßen Trieb der Notdurft, den Trieb der Sinnlichkeit zu veredeln. — Und Schiller unterscheidet daher die durch den Geist veredelte Sinnlichkeit und den durch die Sinnlichkeit offenbar werdenden Geist, indem er den Menschen hinstellt, der zwar durch die Materie abgetrennt ist vom geistigen Dasein, der aber durch die Umwandelung, durch die innere Alchimie der Materie, das heißt des Sinnendaseins, zum Geiste hinstrebt.
[ 25 ] Then we have Schiller, who would like to be a Kantian but cannot, and who, in his “Letters on the Aesthetic Education of Man,” distinguishes within human beings between mere instinct—which, in the Lutheran sense, arises from sensual nature—and the spirit that reveals itself through sensuality. If one were to be an honest Lutheran, one would say: Man is enslaved to this instinct; he cannot rise above it by his own power. He can rise above this instinct only through faith, and then, through Christ who is outside of him, he can consider himself purified and redeemed. — Schiller says: No, the other is still within man—the impulse toward freedom, the power of spirituality—which are capable of ennobling within man the mere impulse of physical need, the impulse of sensuality. — And Schiller therefore distinguishes between sensuality ennobled by the spirit and the spirit revealed through sensuality, by presenting the human being who, though separated from spiritual existence by matter, nevertheless strives toward the spirit through transformation, through the inner alchemy of matter—that is, of sensory existence.
[ 26 ] Goethe stellt in äußerer dramatischer Form diese Überwindung der im äußeren Sinnessein wirkenden ahrimanischen Mächte dar. Oh, es tut einem in der Seele weh, wenn man das Große sieht, das in der abendländischen Kultur hervorgegangen ist aus Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung, was hätte hervorgehen können — wenn es auch bis jetzt nicht so hervorgegangen ist, wie es hätte können — aus den großen Impulsen, die in Goethes «Faust» liegen. Wenn man die Anregungen zur Spiritualität ins Auge faßt, welche darin liegen, wenn man sie voll kennt — und wenn man dann sehen muß, wie unsere Zeitgenossen die Schulung ihrer Spiritualität immer wieder und wieder in den abgeschmacktesten amerikanischen Harmonien mit dem Weltenall und ähnlichem solchem Zeug gesucht haben! Man bekommt solchen Weltschmerz! Ich muß immer wieder die wahre Geschichte erzählen, daß ein Wiener — Deinhardt hieß er — ein wunderschönes Büchelchen über Schillers ästhetische Briefe geschrieben hat, in welchem er die unendlich schönen Perspektiven auseinanderlegte, die daraus hätten berücksichtigt werden können. Ich glaube nicht, daß irgend jemand ihn heute kennt. Denn er hatte einmal das Unglück, auf der Straße hinzufallen und ein Bein zu brechen, und als der Arzt dann kam und ihn untersuchte, sagte er, daß er nicht wieder aufkommen könnte, weil er zu schlecht ernährt sei. So starb er. Aber in diesem Büchelchen von Deinhardt, dem Wiener, haben wir einen der tiefsten Impulse, die aus der abendländischen Kultur hervorgegangen sind. Man sollte sich nur anschauen, was in der abendländischen Kultur geblüht hat, und man würde nicht als alberne Phrase den Satz hinstellen: Den besten Mann an den besten Platz, — wenn man sich vermöge seiner eigenen Bildung zu der Ansicht erheben kann, daß der Neffe oder der Cousin der beste Mann am besten Platze ist. Immer wieder und wieder hört man heute die Phrase: Die Menschen gibt es nicht, um diesen oder jenen Platz auszufüllen. — Nein, die Menschen gibt es nicht, die zu suchen verstehen! Aber zu suchen ist nur möglich, wenn die Seele sich erkrafter und sich durchtränkt mit dem, was aus dem Großen unseres Geisteslebens fließt. Und dieses Große will nicht nur abstrakte Begriffe liefern, es liefert die Impulse, um die Seele zu spiritualisieren und sie in ihrer Entwickelung dahin zu führen, wo Goethe hineilt — wenn auch in bildhaft-dramatischer Art — in den Schlußszenen seines «Faust». Nicht alte Dinge aufzubewahren, liegt im Sinne unserer Zeit, sondern die Synthesis zu suchen, die am schönsten zutage tritt in der Goethe-Schiller-Lessingschen Klassik.
[ 26 ] Goethe depicts, in an outwardly dramatic form, this overcoming of the Ahrimanic forces at work in external sensory existence. Oh, it pains one’s soul to see the greatness that has emerged in Western culture from Schiller’s Letters on Aesthetic Education—and what could have emerged—even if it has not yet emerged as it could have—from the great impulses contained in Goethe’s *Faust*. When one considers the impulses toward spirituality contained therein—when one fully understands them—and then has to witness how our contemporaries have sought, time and time again, to cultivate their spirituality through the most insipid American harmonies with the universe and similar nonsense! It really makes one feel such world-weariness! I must tell this true story again and again: a Viennese man—his name was Deinhardt—wrote a wonderful little book about Schiller’s aesthetic letters, in which he laid out the infinitely beautiful perspectives that could have been drawn from them. I don’t think anyone knows him today. For he once had the misfortune of falling down on the street and breaking a leg, and when the doctor came and examined him, he said that he would never recover because he was too malnourished. And so he died. But in this little book by Deinhardt, the Viennese, we have one of the deepest impulses to have emerged from Western culture. One need only look at what has flourished in Western culture, and one would not dismiss the phrase “the right man for the right place” as a silly cliché—provided one is able, by virtue of one’s own education, to arrive at the conclusion that the nephew or cousin is the right man for the right place. Time and again today one hears the phrase: “People are not here to fill this or that position.”—No, there are no people who know how to seek! But seeking is only possible when the soul strengthens itself and imbibes what flows from the greatness of our spiritual life. And this greatness does not merely provide abstract concepts; it provides the impulses to spiritualize the soul and guide it in its development to where Goethe rushes—albeit in a pictorial and dramatic manner—in the final scenes of his *Faust*. It is not the spirit of our time to preserve old things, but to seek the synthesis that is most beautifully revealed in the classical tradition of Goethe, Schiller, and Lessing.
[ 27 ] Auf dies wollte ich auch noch hinweisen, wie Lessing, wie Goethe, wie Schiller in der neueren Kulturentwickelung, von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, drinnen stehen, und gerade dadurch versteht man das, was Luther ihnen vorangehend war, um so besser. Eine Persönlichkeit, wie die Luthers war, lernt man dann erst recht erkennen, wenn man einsieht, aus welchen Tiefen heraus sie sprach, und was in den Tiefen ihrer Seele lebte. Das wollte ich gerade in dieser Zeit hinstellen. Ich glaube schon: wenn Sie diese Gedanken nun nehmen und an das herantreten, was Ihnen gerade in dieser unserer Zeit von Luther ausgehend so mächtig entgegentreten kann, Sie werden vieles bei Luther finden, durch sich selbst finden, was ich natürlich hier nicht im einzelnen ausführen kann, was jeder auch bei Luther selber finden muß. Dann, meine ich, kann gerade für unsere so schwere Zeit die Versenkung in Luther wieder den Ausgangspunkt einer Vertiefung durch Luther werden. Denn vielleicht ist keine Kraft so geeignet, auf das mächtige Kolorit des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes hinzuweisen, wie Luther, weil er eben ganz aus dem Geiste dieses fünften Zeitraumes heraus sprach, aber seine Worte fand aus dem Geiste des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes heraus.
[ 27 ] I would also like to point out how Lessing, Goethe, and Schiller, viewed from this perspective, are part of more recent cultural developments; and it is precisely through this that one can better understand what Luther represented for them as their predecessor. One comes to truly recognize a figure such as Luther only when one realizes from what depths he spoke and what lived in the depths of his soul. That is precisely what I wanted to emphasize at this time. I do believe that if you take these thoughts and approach what can confront you so powerfully from Luther, especially in our own time, you will find much in Luther—and discover it for yourselves—which I naturally cannot elaborate on in detail here, but which everyone must find in Luther for themselves. Then, I believe, especially for our difficult times, immersing ourselves in Luther can once again become the starting point for a deeper engagement with him. For perhaps no force is as well-suited to pointing out the powerful character of the fifth post-Atlantean cultural epoch as Luther, because he spoke entirely from the spirit of this fifth epoch, yet found his words within the spirit of the fourth post-Atlantean cultural epoch.
[ 28 ] Allen Dingen und allen Vorgängen gegenüber, die uns in der Geschichte entgegentreten, sollten wir die Notwendigkeit empfinden, gewissermaßen die Geschichte umzudenken. Wir sollten empfinden, wie unsere heutige schwierige Zeit, die der Menschheit solches Elend gebracht hat, schon karmisch zusammenhängt mit verkehrtem, oberflächlichem Denken, und wie das, was wir heute so grauenhaft erleben, vielfach das Karma des Materialismus ist. Wir sollten den Willen in uns entwickeln, geschichtlich umzudenken. Ich habe es schon oft betont, was uns heute als Geschichte geboten wird, in den untersten Schulen wie auf den Mittelschulen und auf den Universitäten — vielleicht auf den letzteren am allermeisten —, das ist eine Legende, die deshalb so verderblich ist, weil sie keine sein will, weil sie äußere sinnliche Wahrheit geben will. Würde man nur einmal die wahre Gestalt der Vorgänge des neunzehnten Jahrhunderts — nur einmal des neunzehnten! — an die Stelle der legendarischen Geschichten setzen, es würde etwas ungemein Wohltätiges den Menschen angediehen werden. Gerade über die Auffassung der Geschichte sagt einmal Herman Grimm, er sehe eine Zeit voraus, in welcher alle die, welche als Größen des neunzehnten Jahrhunderts angesehen werden, nicht mehr als solche Größen angesehen werden, sondern ganz andere, die aus dem Dämmerdunkel der Zeit treten werden. — Gerade die Geschichte ist so hergerichtet, daß so, wie sie im Laufe der Zeit geworden ist, heute zu ihrer Beurteilung eine Umwandlung der Menschenseele nötig ist, eine Umwandlung bis in die tiefsten Wurzeln ihres Wesens herein. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich das immer wieder und wieder betont, aber man kann es nicht oft genug sagen, denn alles, was die Menschen heute an Vorstellungen haben, entsteht durch solche oberflächliche Ansicht, daß diese Vorstellungen gar nicht die Kraft haben, die entfaltet werden muß, wenn der Mensch aus seinem Vorstellen heraus in das eingreifen soll, was im sozialen Zusammenleben der Menschen auftritt. Die kurzsichtigen, die stumpfen, die dämmerhaften Begriffe der Menschen führen heute Krieg. Und die Menschen, welche gegeneinander kämpfen, sind vielfach nur die Puppen für die dämmerhaften, kurzsichtigen, stumpfen Begriffe. Aber man muß sich ein Wahrnehmungsvermögen für das Kurzsichtige aneignen. Das ist nötig. Und wenn die Geisteswissenschaft es vermöchte — und man möchte es gerade wünschen —, daß sie die Menschen aufrüttelt, um hineinzuschauen in die tiefen Impulse, die unter der Oberfläche des gewöhnlichen Lebens liegen, die man aber heute nicht sehen will, dann würde das erreicht werden, was heute in zahlreichen Deklamationen von Völkerfreiheiten, von internationalen Schiedsgerichten wimmelt und Wort bleibt, weil es ganz gleich ist, was man begründet, solange die Dinge so aufgefaßt werden, wie sie die heutige Zeit eben auffaßt. Ganz gleichgültig ist es, was man begründet, ob auf Krieg oder Frieden oder sonst etwas hin. Notwendig ist es, daß unsere Vorstellungen herausgeführt werden aus der Oberflächlichkeit des heutigen Tageslebens in die Tiefen der Dinge hinein. Hören möchte man, wie in dieser Zeit der Luther-Episteln den Menschen dargestellt werden möchte, daß in Luther nicht nur der Mann gesprochen hat, sondern auch der Charakter der Zeit, die mit dem achten Jahrhundert vor Christi anfing und mit dem fünfzehnten Jahrhundert aufhörte, und wie dies in ihm zusammentönte mit dem Charakter des anderen Zeitraumes, der im vierzehnten Jahrhundert beginnt und von da ab etwa 2100 Jahre dauert.
[ 28 ] In the face of all the events and occurrences that we encounter in history, we should feel the need to, so to speak, rethink history. We should recognize how our present difficult times, which have brought such misery upon humanity, are already karmically linked to distorted, superficial thinking, and how what we are experiencing so horrifically today is in many ways the karma of materialism. We should develop within ourselves the will to rethink history. I have often emphasized that what is presented to us today as history—in elementary schools, middle schools, and universities—perhaps most of all in the latter—is a legend that is so pernicious precisely because it does not intend to be one, because it purports to offer external, sensory truth. If only the true nature of the events of the nineteenth century—just the nineteenth!—were to be substituted for the legendary stories, something immensely beneficial would be bestowed upon humanity. Speaking specifically about the conception of history, Herman Grimm once said that he foresaw a time in which all those regarded as the great figures of the nineteenth century would no longer be regarded as such, but rather entirely different figures would emerge from the twilight of time. — History, in particular, has been shaped in such a way that, given how it has developed over time, its proper assessment today requires a transformation of the human soul—a transformation reaching down to the deepest roots of its being. From this perspective, I have emphasized this time and again, but it cannot be said often enough, for all the ideas people hold today arise from such a superficial view that these ideas lack the very power that must be unleashed if human beings are to move beyond their mere imaginings and engage with what occurs in human social life. People’s short-sighted, dull, and dim-witted concepts are waging war today. And the people who fight against one another are often merely puppets of these dim-witted, short-sighted, and dull concepts. But one must develop the ability to perceive what is short-sighted. That is necessary. And if spiritual science were able—and one would certainly wish for this—to rouse people to look into the deep impulses that lie beneath the surface of ordinary life, but which people today refuse to see, then what is achieved would be what today swarms in numerous declamations about the freedoms of nations and international courts of arbitration—and remains mere words—because it makes no difference what one argues, as long as things are understood exactly as they are understood in the present age. It makes no difference whatsoever what one argues for—whether in favor of war, peace, or anything else. What is necessary is that our ideas be led out of the superficiality of contemporary daily life and into the depths of things. One would like to hear how, in this era of Luther’s epistles, people are shown that it was not only the man Luther who spoke, but also the character of the era that began in the eighth century B.C. and ended in the fifteenth century, and how this resonated within him with the character of the other era, which begins in the fourteenth century and lasts for about 2,100 years from that point on.
[ 29 ] Dadurch ist eine Persönlichkeit eine historische, daß dasjenige, was wir aus der Hierarchie der geistigen Wesenheiten die Archai, die Zeitgeister nennen, aus dieser Persönlichkeit spricht, so daß diese Persönlichkeit hinwegführt zu der Sprache des Zeitgeistes. So etwas einzusehen, ist wahrhaftig nötig bei einer Darstellung, die an die Betrachtung Luthers herankommen will.
[ 29 ] A personality is historical insofar as that which we call the Archai—the spirits of the age—from within the hierarchy of spiritual beings speaks through this personality, so that this personality leads us to the language of the spirit of the age. It is truly necessary to understand this in a presentation that seeks to approach Luther’s perspective.
