Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
25 September 1917, Berlin
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Truths Regarding Humans Development, tr. SOL
Das Karma des Materialismus IX
The Karma of Materialism IX
[ 1 ] Es ist ja jetzt die Zeit für die Menschheit eingetreten, in welcher die Rätsel des Menschenlebens bedeutungsvoll an die Seelen der Menschen herankommen. Man sieht ja auch, daß der oder jener diese Rätsel wohl bemerkt; allein wenig Geneigtheit ist vorhanden, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um hinter die Geheimnisse dieser Rätsel zu kommen. Ich möchte heute zunächst auf eines dieser Rätsel — Rätsel des unmittelbaren Lebens — hinweisen, auf das mancher in der Gegenwart stößt. Es fragt sich heute der oder jener: Wie kommt es, daß eine solche Disharmonie besteht zwischen der intellektuellen und der moralischen Entwickelung der Menschen über die Erde hin? — Die intellektuelle Entwickelung, die sich in dem auslebt, was man — nun, sagen wir, mit mehr oder weniger Recht — in der neueren Zeit auch die wissenschaftliche Entwickelung nennt, die ja der Weltanschauung der meisten Menschen doch zugrunde liegt, diese intellektuelle Entwickelung, was hat sie nicht alles hervorgebracht! Sie hat hervorgebracht all die äußeren materiellen Kulturmittel, die ich ja nicht im einzelnen aufzuzählen brauche. Wenn wir da an all dasjenige denken, was diese intellektuelle Entwickelung bis jetzt an die Oberfläche gebracht hat, damit sich die Menschen gegenseitig vernichten können, was sie an die Oberfläche gebracht hat an allen möglichen großartig ausgedachten Mitteln zur Menschenvernichtung, so kann, wenn man absieht von allem moralisch dabei zugrunde liegenden, nicht anders gesagt werden, als daß diese intellektuelle Entwickelung bei einem Höhepunkt angelangt ist. Denken Sie sich, welche Wissenschaft dazu notwendig war, um all die Mordinstrumente zuwege zu bringen, unter denen die Menschheit gegenwärtig leidet, mit denen sie sich zerfleischt. Man kann an manches Günstige, man kann an vieles Ungünstige der intellektuellen Entwickelung denken, man wird eben wirklich nicht anders sagen können, als: diese intellektuelle Entwickelung ist in einer aufsteigenden Linie ohnegleichen, insbesondere in den letzten Jahrhunderten, vorgeschritten. Daß damit in einer schreienden Disharmonie dasjenige steht, was man die moralische Entwickelung des Menschentums nennt, das haben einige bemerkt, und man trifft da und dort Aussagen von Menschen der Gegenwart, die auf diese Disharmonie hinweisen. Schon vor Jahren hat Ernst Haeckel in seinem berüchtigten Buch über die Welträtsel darauf hingewiesen, wie die Menschheit intellektuell aufwärts geschritten ist, wie sie aber in bezug auf moralische Begriffe in vieler Beziehung über den urältesten Standpunkt nicht hinausgekommen ist, und jetzt machen eben manche wiederum auf diese Diskrepanz zwischen dem einen und dem anderen aufmerksam. Diese Dinge drängen sich dem Menschengemüte auf, wenn dieses Menschengemüt die Gegenwart, wie ich öfter auseinandergesetzt habe, nicht verschläft. Aber daß auf solche schwerwiegenden, auf solche in die Tiefe des Menschenwesens gehenden Fragen doch nur Geisteswissenschaft eine Antwort geben kann, darauf lassen sich die Menschen der Gegenwart aus der Ihnen ja öfter geschilderten seelisch-geistigen Bequemlichkeit nicht ein. Und dennoch, eine Möglichkeit, sich in den so verworrenen Verhältnissen der Gegenwart zurechtzufinden, wird nur dann gegeben sein, wenn sich die Menschen auf solche Dinge einlassen werden, einlassen werden von den Gesichtspunkten, die nur durch eine geistige Erkenntnis erreicht werden können. Nicht wahr, wie schneidend wirkt es auf eine mit gesunder Empfindung ausgestattete Seele, wenn sie sich gestehen muß, was jetzt über den ganzen Erdball hin sich geltend macht an Unbehaglichkeit, an Nichtwillen den Dingen gegenüber, die sich abspielen oder die sich unter der Oberfläche der sich abspielenden Dinge befinden, mit klarem, wahrem Sinn ins Auge zu schauen. Man darf sagen: Welches Mißverhältnis besteht zwischen der Art, wie man sich lange Zeit aufgehalten hat über so manche unmoralisch erscheinenden Maßnahmen alter Zeiten; wie merkwürdig erscheint das, wenn man es gegenüberstellt dem, was jetzt von den Menschen geurteilt oder nicht geurteilt wird, trotzdem das Maß desjenigen, was heute über die Erde hin spielt, furchtbarer ist als je etwas, was sich im Laufe der Menschheitsentwickelung zugetragen hat. Sehen wir uns einmal das Verhältnis intellektueller Menschheitsentwickelung und moralischer Menschheitsentwickelung von dem Gesichtspunkte, der durch die Geisteswissenschaft gewonnen werden kann, an.
[ 1 ] The time has now come for humanity when the mysteries of human life are making a profound impact on people’s souls. One can indeed see that this or that person has taken notice of these mysteries; yet there is little inclination to seek out ways and means to uncover the secrets behind them. Today I would like to begin by pointing out one of these mysteries—a mystery of immediate life—that many encounter in the present. Today, some people ask themselves: How is it that such a disharmony exists between the intellectual and moral development of people across the earth? — Intellectual development, which finds its expression in what is—well, let us say, with more or less justification—also called scientific development in recent times, and which, after all, underlies the worldview of most people—this intellectual development: what has it not brought forth! It has produced all the external, material products of civilization, which I need not list in detail. When we think of all that this intellectual development has brought to the surface so far, enabling people to destroy one another—all the magnificently devised means of human destruction it has brought to light—then, setting aside all the moral underpinnings involved, one cannot help but conclude that this intellectual development has reached a pinnacle. Just imagine what scientific knowledge was necessary to bring about all the instruments of murder under which humanity currently suffers, with which it is tearing itself apart. One may reflect on many positive aspects, and on many negative aspects, of intellectual development, but one really cannot say anything other than this: this intellectual development has progressed along an unparalleled upward trajectory, especially in recent centuries. Some have noted that this stands in glaring disharmony with what is called the moral development of humanity, and here and there one encounters statements by contemporary thinkers who point to this disharmony. Years ago, in his notorious book on the mysteries of the world, Ernst Haeckel pointed out how humanity has advanced intellectually, yet in many respects has not progressed beyond the most primitive stage in terms of moral concepts; and now, once again, some are drawing attention to this discrepancy between the two. These matters press themselves upon the human mind—provided, as I have often explained, that this mind does not remain oblivious to the present. But the fact that only spiritual science can provide an answer to such weighty questions—questions that penetrate to the depths of the human being—is something that people today, out of the spiritual and psychological complacency I have often described to you, are unwilling to accept. And yet, a way to find one’s bearings in the present’s so tangled circumstances will only be possible if people are willing to engage with such matters—to engage from perspectives that can only be attained through spiritual insight. Is it not true that it cuts deeply into a soul endowed with healthy sensibility when it must admit to itself the unease that is now spreading across the entire globe—an unwillingness to look clearly and truthfully at the things that are unfolding or that lie beneath the surface of these unfolding events? One might say: What a disparity there is between the way people have long dwelled on so many measures from bygone times that appear immoral; how strange this seems when one contrasts it with what people now judge—or fail to judge—even though the scale of what is unfolding across the earth today is more terrible than anything that has ever occurred in the course of human development. Let us consider the relationship between humanity’s intellectual development and its moral development from the perspective that can be gained through spiritual science.
[ 2 ] Da müssen wir zunächst die Frage aufwerfen: An was im Menschen hängt denn eigentlich die intellektuelle Entwickelung, was betätigt sich denn, wenn wir im wissenschaftlichen Sinne denken, wenn wir denken, um uns die Natur zu erklären, wenn wir nachdenken, um die Gesetze der Natur zu schildern und uns Vorstellungen über die Welt zu bilden im Sinne der Naturgesetze, was betätigt sich denn da eigentlich in uns? Nun, da betätigen sich in uns die ältesten Teile der Menschennatur, auf die wir blicken können, wenn wir bei der uns bekannten Saturnentwickelung beginnen, und durch die Sonnenentwickelung, die Mondenentwickelung bis zur Erdenentwickelung gehen, wenn wir auf dasjenige blicken, was da der Menschheit an- und eingebildet worden ist. Das bildet heute die Werkzeuge der intellektuellen Entwickelung. Wenn wir es dagegen mit der moralischen Entwickelung zu tun haben wollen, erkenntnismäßig, so können wir nicht auf diese alten Bestandteile des Menschen hinweisen, sondern in bezug auf die moralische Entwickelung haben wir es mit verhältnismäßig viel jüngeren Gliedern der Menschennatur zu tun, ja, im echtesten Sinne moralisch kann nur das Ich selbst betrachtet werden. Aber wie oft habe ich gesagt, das Ich ist das Baby unter den Menschengliedern; nicht einmal beim Astralleibe, der der Menschenwesenheit eingegliedert worden ist während der Mondenentwickelung, kann man schon von moralischen Impulsen reden. Man kann beim Astralleibe nur insofern von moralischen Impulsen reden, als das Ich während des Lebens im innigen Zusammenhang mit diesem Astralleibe ist und sich dadurch die Impulse der Moralität, die sich im Ich geltend machen, auf den Astralleib übertragen. Aber bedenken Sie nur, daß das Ich und der Astralleib eine verhältnismäßig große Selbständigkeit haben und sich jede Nacht beim Schlaf loslösen vom physischen Leib und Ätherleib, dann aber in vollständiger Unbewußtheit leben. Sie können in dieser Unbewußtheit noch nicht moralische Impulse aufnehmen.
[ 2 ] First, we must ask the question: What aspect of the human being is intellectual development actually dependent on? What is it that is at work within us when we think in a scientific sense—when we think in order to explain nature to ourselves, when we reflect in order to describe the laws of nature, and when we form concepts about the world in accordance with the laws of nature? What is actually at work within us in these moments? Well, what is at work within us are the oldest aspects of human nature—those we can observe when we begin with the Saturn evolution as we know it, and proceed through the Sun evolution, the Moon evolution, and on to the Earth evolution—when we look at what has been instilled in and imagined by humanity. These constitute the tools of intellectual development today. If, on the other hand, we wish to deal with moral development from a cognitive standpoint, we cannot point to these ancient components of the human being; rather, with regard to moral development, we are dealing with relatively much younger aspects of human nature—indeed, in the truest moral sense, only the “I” itself can be considered. But how often have I said that the “I” is the baby among the elements of the human being; not even in the case of the astral body—which was incorporated into the human being during the Lunar evolution—can one yet speak of moral impulses. One can speak of moral impulses in connection with the astral body only to the extent that the “I” is in intimate connection with this astral body during life, and thereby the impulses of morality that assert themselves in the “I” are transmitted to the astral body. But just consider that the “I” and the astral body possess a relatively high degree of independence and detach themselves from the physical body and the etheric body every night during sleep, after which they live in a state of complete unconsciousness. In this state of unconsciousness, they are not yet capable of receiving moral impulses.
[ 3 ] Nun bedenken Sie das Folgende, das wichtig ist, wenn es auch dem heutigen Menschen noch einigermaßen schwierig ist, es zu begreifen. Wir kommen bei jedem Aufwachen mit unserem Ich und unserem Astralleib in unsern physischen Leib und Ätherleib hinein, die die ältesten Glieder der menschlichen Entwickelung sind, die durch ihre Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung vorzugsweise zum Werkzeuge der intellektuellen Entwickelung geworden sind und in dieser Beziehung bis zu einem gewissen Grade von Vollkommenheit gediehen sind. Dieser Grad von Vollkommenheit ist ihnen allerdings eingeboren, und was ihnen eingeboren ist, das stellt sich eben als intellektuelle Entwickelung dar. Wir würden in einer gewissen Beziehung Denkmaschinen, Wissenschaftsmaschinen sein, wenn zu unserem physischen und Ätherleib nicht das Ich und der Astralleib käme. Aber so wie unser physischer Leib und unser Ätherleib sind, sind sie auch in gewisser Beziehung automatisch. Sie sind im Grunde genommen als solche nur dadurch auf der Erde noch entwickelungsfähig, daß sie vom Ich bewohnt werden. Aber dieses Ich würde wenig zur Vervollkommnung auch der intellektuellen Fähigkeiten des physischen und Ätherleibes tun können, wenn es nicht jede Nacht in den Schlaf überführt würde. Die besten Kräfte, auch für die intellektuelle Entwickelung, erhalten wir während des Schlafes. Das, was wir während des Schlafes empfangen, tragen wir dann hinein in physischen und Ätherleib, und weil diese gewissermaßen ausgebildete, vollkommene Werkzeuge sind, daher kommt es, daß, wenn beim Aufwachen das Ich untertaucht in Ätherleib und physischen Leib, die eingefahrenen Geleise der Intellektualität durch dieses Ich aus der geistigen Welt heraus weiter gebildet werden können. Da kommt während des Tages das nötige Bewußtsein dazu, das Bewußtsein, das ja durch physischen und Ätherleib erlangt wird. In bezug auf das eigentliche Ich und den Astralleib haben wir aber in der gegenwärtigen Zeit noch nicht ein gleiches Bewußtsein. Ich bitte Sie, das ganz besonders zu berücksichtigen. Der Mensch glaubt sein Ich zu kennen, aber wie kennt er sein Ich? Wenn Sie eine rote Fläche haben und dahinein ein Loch machen, der Hintergrund aber finster ist, also gar nichts ist, so sehen Sie rot und Sie sehen das Loch als schwarzen Kreis; das Nichts nehmen Sie wahr, wo der schwarze Kreis ist, da ist nichts. So wie das umliegende Rot, so sehen Sie in Ihrem Seelenleben auch das Ich. In Wahrheit ist das, was der Mensch glaubt als Wahrnehmung seines Ich zu haben, nur ein Loch in seinem Seelenleben. Weil dort noch nichts ist, oder wenigstens nicht viel ist, so glaubt der Mensch, daß er da sein Ich wahrnimmt, während er ringsherum nur dasjenige wahrnimmt, was ihm sein Gehirn durch seinen physischen und Ätherleib zeigt. Mit der Ich-Wahrnehmung ist es nämlich in der gegenwärtigen Entwickelung des Menschen, während er im physischen Leib zwischen Geburt und Tod weilt, noch nicht sehr weit her. Während des Schlafes sind wir bewußtlos. Aber in bezug auf das Ich sind wir auch während des Tages, während des Wachens bewußtlos, und doch muß dem Ich das Moralische eingepflanzt werden. Sie sehen also, in bezug auf die Einpflanzung des Moralischen ist der Mensch im Verhältnis zu seiner Intellektualität noch recht babyhaft. Das ist der tiefere Grund, warum der Mensch während der Erdenentwickelung so außerordentlich schwierig im Moralischen vorwärtskommt, während die intellektuelle Entwickelung verhältnismäßig leicht vorangeht.
[ 3 ] Now consider the following, which is important, even if it is still somewhat difficult for people today to grasp. Every time we wake up, our ego and our astral body enter our physical body and etheric body—which are the oldest aspects of human evolution. Through their Saturn, Sun, and Moon phases of development, these have become, above all, the instruments of intellectual evolution and, in this regard, have flourished to a certain degree of perfection. This degree of perfection is, of course, innate to them, and what is innate to them manifests precisely as intellectual development. In a certain sense, we would be thinking machines, scientific machines, if the “I” and the astral body were not added to our physical and etheric bodies. But just as our physical body and our etheric body are, they are also, in a certain sense, automatic. Fundamentally, they are capable of further development on Earth only because they are inhabited by the “I.” But this “I” would be able to do little to perfect even the intellectual capacities of the physical and etheric bodies if it were not led into sleep every night. We receive our greatest strengths—including those for intellectual development—during sleep. What we receive during sleep we then carry into the physical and etheric bodies, and because these are, so to speak, developed, perfect instruments, it follows that when, upon waking, the I immerses itself in the etheric and physical bodies, the established pathways of intellectuality can be further developed by this I from the spiritual world. Then, during the day, the necessary consciousness is added—the consciousness that is, of course, attained through the physical and etheric bodies. With regard to the actual “I” and the astral body, however, we do not yet have the same level of consciousness in the present time. I ask you to take this into account very particularly. Human beings believe they know their “I,” but how do they know their “I”? If you have a red surface and make a hole in it, but the background is dark—that is, there is nothing there—then you see red, and you see the hole as a black circle; you perceive nothingness where the black circle is; there is nothing there. Just as with the surrounding red, so too do you see the “I” in your soul life. In truth, what a person believes to be their perception of the “I” is merely a hole in their soul life. Because there is still nothing there—or at least not much—the person believes they are perceiving their “I” there, while all around them they perceive only what their brain shows them through their physical and etheric bodies. For in the present stage of human development, while a person dwells in the physical body between birth and death, the perception of the “I” is not yet very advanced. During sleep, we are unconscious. But with regard to the “I,” we are also unconscious during the day, while awake, and yet the moral must be instilled in the “I.” So you see, with regard to the instillation of morality, human beings are still quite infantile in relation to their intellectuality. This is the deeper reason why, during Earth’s evolution, human beings make such extraordinarily difficult progress in moral matters, while intellectual development proceeds relatively easily.
[ 4 ] Nun ist neulich in einer Zeitschrift, die zwar «Die Glocke» heißt, aber manchmal auch nicht sehr gescheit tönt, die jetzt während des Krieges begründet worden ist, gerade über diese Diskrepanz zwischen der intellektuellen und der moralischen Entwickelung ein Aufsatz erschienen. Da wird nach der Gesinnung dieser tönenden Glocke alles, was an Diskrepanz herrscht zwischen der intellektuellen und der moralischen Entwickelung, darauf zurückgeführt, daß die intellektuelle Entwickelung bisher abgelaufen wäre im Zeichen des Kapitalismus, im Zeichen des Herrschertums einzelner, und daß die moralische Entwickelung erst kommen könne, wenn der Sozialismus eintrete. Nun, Idealisten gründen Weltanschauungen, um sie gipfeln zu lassen in dem Dogma: Auf der Erde wird ein Paradies sein, wenn einmal der Idealismus überhand nimmt. Materialisten gründen Weltanschauungen, die in dem Dogma gipfeln: Auf der Erde wird ein Paradies sein, wenn einmal der Materialismus allgemein herrschen wird. Im Zeitalter des Liberalismus hat man Weltanschauungen gegründet, die das Paradies in der allgemeinen Verwirklichung des Liberalismus versprochen haben; der Sozialismus sieht selbstverständlich das Paradies in der Verwirklichung des Sozialismus. Diese Dinge sind ja außerordentlich einfach, aber sie sind natürlich ebensoviele banale Illusionen; sie zeigen, daß zwar die Menschen heute mit der Nase auf die Probleme gestoßen werden, daß sie aber nicht in der Lage sind, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, wirklich durch Denken, und um Denken handelt es sich zunächst, in das Gebiet des geistigen Erlebens einzudringen. Wer wirklich denken will, kann nämlich schon eindringen in das Gebiet des geistigen Erlebens.
[ 4 ] Recently, an essay appeared in a magazine—which, though it is called “Die Glocke” (“The Bell”), does not always ring very wisely, and which was founded during the war—that addressed precisely this discrepancy between intellectual and moral development. According to the sentiment of this “ringing bell,” any discrepancy between intellectual and moral development is attributed to the fact that intellectual development has thus far taken place under the banner of capitalism, under the rule of the few, and that moral development can only come about once socialism takes hold. Now, idealists establish worldviews so that they may culminate in the dogma: There will be a paradise on earth once idealism prevails. Materialists establish worldviews that culminate in the dogma: There will be a paradise on earth once materialism universally prevails. In the age of liberalism, worldviews were established that promised paradise in the universal realization of liberalism; socialism, of course, sees paradise in the realization of socialism. These things are, after all, extraordinarily simple, but they are, of course, just as many banal illusions; they show that although people today are confronted with these problems, they are not capable of enduring the inconvenience of truly entering the realm of spiritual experience through thinking—and thinking is what matters first and foremost. For anyone who truly wishes to think can already enter the realm of spiritual experience.
[ 5 ] Unsere Zeit, die so stolz ist auf ihr Denken, kennt gerade das Denken am allerwenigsten. Die Frage aber nach der Diskrepanz zwischen intellektueller und moralischer Entwickelung läßt sich nur nach den ganz großen Gesichtspunkten beantworten, die wir soeben berührt haben. Aber jene Glocke, die so tönt, als wenn man sie eben läuten gehört hätte, aber nicht zusammenschlagen, findet, daß das intellektuelle Leben schon vor sich gehen kann, wenn einzelne Menschen intellektuell sind, daß aber das moralische Leben nur dann eine entsprechende Entwickelung erlangen kann, wenn eine sozialistische Einrichtung alle Menschen ergreift. Günstig wäre die individuell-kapitalistische Entwickelung dem wissenschaftlich Intellektuellen gewesen, günstig wird der moralischen Entwickelung die soziale Ordnung sein.
[ 5 ] Our age, which is so proud of its thinking, is in fact the least familiar with thinking. The question, however, of the discrepancy between intellectual and moral development can only be answered from the very broad perspectives we have just touched upon. But that bell, which rings as if one had just heard it toll but not strike, holds that intellectual life can proceed even if only individual people are intellectually developed, whereas moral life can attain a corresponding level of development only when a socialist system encompasses all people. Individual-capitalist development would have been beneficial to the scientifically-minded intellectual; the social order will be beneficial to moral development.
[ 6 ] Um was es sich wirklich handelt, das ist, daß, wenn die moralische Ordnung wirklich in demselben Maße sich in der Welt entwickeln soll, wie sich das Intellektuelle entwickelt hat, ein Hinblicken der Menschen auf die geistige Welt Platz greifen muß. Dann muß es möglich sein, daß die Menschen wirklich aufschauen zu dem, was an geistigen Impulsen und Kräften die Welt durchwallt und durchlebt. Das ist heute den Menschen noch etwas durchaus Unbequemes. Unbequem aus mancherleii Gründen. Derjenige, der sich darauf einläßt, sein Denken in der Art auszubilden, wie ich es oftmals hier geschildert habe, so daß ihn dieses Denken befähigt, zu leben in der geistigen Welt, die geistige Welt als Wirklichkeit zu erfahren, der muß innerlich etwas ausbilden, was unter der materialistischen Entwickelung der neueren Zeit gar sehr abgenommen hat. Ja, ich möchte sagen, es bildet sich von selbst innerlich aus, dieses der neueren Zeit so sehr fehlende innere Verantwortlichkeitsgefühl. Die Menschen, die nur aus ihrer naturwissenschaftlichen Beobachtung sich eine Weltanschauung bilden wollen, die werden ja in ihrer Begriffsbildung durch die äußeren Tatsachen geführt, und sie lassen sich dann am Gängelbande der äußeren Tatsachen leicht führen. Da bekommen sie gewisse Begriffe, die bis zu einem gewissen Grade auch hinreichen, das oder jenes in der Natur zu verstehen, die aber durchaus nicht hinreichen, um in der moralischen und sozialen Menschenordnung Zusammenhänge zu schaffen, um die moralische und soziale Menschenordnung auch ihrer Wirklichkeitnach zu durchschauen. Um sie zu durchschauen, dazu gehört eben das Verbundensein mit der geistigen Wirklichkeit. Das aber erzeugt im Innern der Seele ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Gedanken, so daß man sich nicht gestattet, jede beliebige Gedankenverbindung zu bilden, sondern nur diejenigen Gedankenverbindungen, die man gewissermaßen in seiner Seele sehen lassen kann vor den’ Wesenheiten der höheren Hierarchien. Mit Begriffen, wie sie die heutige Menschheit hat über den einzelnen Menschen und seine Beziehungen zum Volk, kann man sich vor den Wesen der geistigen Welten nicht sehen lassen. Mit all den Deklamationen über Völkerfreiheit kann man vor den geistigen Welten keinen Staat machen, denn Freiheit, das erkennt man aus der Geisteswissenschaft heraus, ist ein Begriff, nur anwendbar auf den einzelnen Menschen als Individuum, nicht aber auf die Volkheit mit ihrer Gruppenseele. Da gelten andere Begriffe als Freiheit. Dennoch deklamiert man heute über die Welt hin in den siebenundzwanzigjährigen Begriffen Woodrow Wilsons von Freiheit der Völker und dergleichen, und man nimmt diese Dinge ernst. Man nimmt sie selbst ernst in demjenigen Kulturgebiete, in dem wir selber leben, in dem man nach alledem, was wir durchgemacht haben durch Jahrhunderte, geklärtere Begriffe haben könnte, die sich schon zu einigem Verständnis des Geisteswissenschaftlichen auf diesem Gebiete aufschwingen könnten. Verantwortung nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern auch gegenüber Begriffen, die ja, wenn sie moralische Begriffe sind, in unser Ich und höchstens in unseren Astralleib hineinkommen, die also ganz in der geistigen Welt, wenn ich so sagen darf, schwimmen und leben. Diese Verantwortung kann man nicht haben, wenn man nur in äußeren materialistischen Vorstellungen lebt, und in materialistischen Vorstellungen lebt man ja, auch wenn man oftmals gar nicht meint, man lebe darinnen. Dadurch, daß man sagt, Gott habe uns für unsere Fehler diesen Krieg geschickt, dadurch, daß man solch eine Phrase vorbringt, ist man ja noch nicht ein Geist-Erkenner, dadurch ist man ja noch nicht über die materialistischen Begriffe hinaus. Über die materialistischen Begriffe ist man erst dann hinaus, wenn man sich Vorstellungen machen kann, wie es in der geistigen Welt aussieht, wie es in der geistigen Welt zugeht.
[ 6 ] The real issue is this: if the moral order is truly to develop in the world to the same extent that the intellectual realm has developed, then people must turn their gaze toward the spiritual world. Then it must be possible for people to truly look up to the spiritual impulses and forces that surge through and permeate the world. Today, this is still something quite uncomfortable for people. Uncomfortable for many reasons. Anyone who undertakes to train their thinking in the way I have often described here—so that this thinking enables them to live in the spiritual world and to experience the spiritual world as reality—must develop within themselves something that has greatly diminished under the materialistic development of recent times. Indeed, I would say that this inner sense of responsibility—which is so sorely lacking in modern times—develops of its own accord within the individual. People who seek to form a worldview based solely on their scientific observations are, after all, guided in their conceptualization by external facts, and they then allow themselves to be easily led by the hand by these external facts. They arrive at certain concepts that, to a certain extent, are sufficient for understanding this or that aspect of nature, but which are by no means sufficient for establishing connections within the moral and social order of humanity, or for truly comprehending the reality of that moral and social order. To truly comprehend it, one must be connected to spiritual reality. This, however, generates within the soul a strong sense of responsibility toward thought, so that one does not permit oneself to form just any connection of thoughts, but only those connections that one can, so to speak, present in one’s soul before the beings of the higher hierarchies. With concepts such as those held by humanity today regarding the individual human being and his or her relationship to the people, one cannot present oneself before the beings of the spiritual worlds. One cannot make a case before the spiritual worlds with all the rhetoric about the freedom of nations, for freedom—as one recognizes from spiritual science—is a concept applicable only to the individual human being, but not to the nation with its group soul. Other concepts apply there in place of freedom. Nevertheless, people today continue to proclaim, all over the world, Woodrow Wilson’s twenty-seven-year-old concepts of the freedom of nations and the like, and they take these things seriously. People take them seriously even in the very cultural sphere in which we ourselves live—a sphere in which, after all we have gone through over the centuries, we might have clearer concepts that could already rise to some understanding of spiritual science in this area. Responsibility not only toward other people, but also toward concepts which, if they are moral concepts, enter into our “I” and, at most, into our astral body—concepts that thus, if I may say so, swim and live entirely in the spiritual world. One cannot have this responsibility if one lives solely within external materialistic conceptions—and indeed, one does live within materialistic conceptions, even if one often does not realize it. Simply by saying that God sent us this war because of our mistakes—by uttering such a phrase—one is not yet a spiritual knower; one has not yet transcended materialistic concepts. One has only transcended materialistic concepts when one can form ideas of what the spiritual world looks like and how things unfold there.
[ 7 ] Wortzusammenstellungen, die nicht in den Realitäten wurzeln, trifft man ja heute in Hülle und Fülle an. Insbesondere dann trifft man sie in Hülle und Fülle an, wenn versucht wird, die oder jene politische Kundgebung zu beantworten. Dadurch, daß man bei solchen Gelegenheiten vom neuen Geist spricht, dadurch verrät man noch nicht, daß man die Spur einer Ahnung vom Geiste überhaupt hat.
[ 7 ] Phrases that have no basis in reality are, after all, found in abundance today. In particular, they are found in abundance when people attempt to respond to this or that political rally. The fact that people speak of a “new spirit” on such occasions does not mean they have even the slightest inkling of what the spirit actually is.
[ 8 ] Der Geist muß in seiner Konkretheit, in seiner Wirklichkeit erfaßt werden, er darf kein Abstraktum bleiben, sonst kommen wir aus den verheerenden Verhältnissen in der Gegenwart nicht hinaus. Wie gesagt, die eine oder die andere Naturerscheinung läßt sich begreifen mit den Begriffen, die man sich erwirbt, wenn man sich am Gängelbande des äußeren Wahrnehmens fortführen läßt. Aber eingreifen in das Getriebe des Menschenlebens selbst, das kann man nur, wenn man Begriffe aus der geistigen Welt hat. Sie könnten fragen, wie kommt es denn, daß doch da oder dort noch eingegriffen wird in das Menschenleben. Es sind das alte, uralte Begriffe, die die Menschen jetzt auswalzen, aber diese uralten Begriffe taugen nichts mehr für die Zeit. Die Zeit verlangt neue Begriffe, neue Vorstellungen, neu natürlich nur in dem Sinne, daß sie der Menschheit neu sind. Diese neuen Vorstellungen sind aber eben zuweilen den Menschen recht unbequem. So sind insbesondere unbequem die Gedanken, die sich ergeben, wenn man in wirklich geisteswissenschaftlichem Sinne die menschliche Moralität ansieht. Nicht wahr, es ist so unendlich bequem, sich zu sagen, Wohlwollen ist eine Tugend, deshalb muß man sich das Wohlwollen erwerben; Recht ist etwas Moralisches, deshalb muß das Recht begründet werden. Dann kann man Gesetzgeber sein und Veranstaltungen treffen, durch die das Wohlwollen, das Recht geregelt wird. Man kann auch Parlamente wählen, wo die gescheiten Leute zusammenkommen, um allerlei Einrichtungen im Sinne einer wohlwollenden und rechtlichen Ordnung und dergleichen zu treffen. Aber herauskommen kann, wenn die Dinge so gehandhabt werden, wie sie bisher gehandhabt wurden, nur dasjenige, was wir jetzt über die Erde sich ausbreiten sehen. Wenn die Menschen doch den Mut hätten, den Zusammenhang zu erkennen zwischen dem Vorstellungswesen, das sich nach und nach herausgebildet hat, und den furchtbaren Ereignissen der Gegenwart! Wohlwollen ist eine Tugend, und man kann sich sehr wollüstig dabei befinden, der Wohlwollen nachzuleben, gewissermaßen in einen Katechismus zu schreiben: Du sollst wohlwollend sein, du sollst rechtlich sein und so weiter; — dann hat man es, aber man hat keine Erkenntnis!
[ 8 ] The spirit must be grasped in its concreteness, in its reality; it must not remain an abstraction, otherwise we will not be able to escape the devastating conditions of the present. As I said, one or another natural phenomenon can be understood using the concepts one acquires by letting oneself be led by the reins of external perception. But one can only intervene in the workings of human life itself if one has concepts from the spiritual world. You might ask, how is it, then, that here and there people still intervene in human life? These are the old, ancient concepts that people are now rehashing, but these ancient concepts are no longer fit for the times. The times demand new concepts, new ideas—new, of course, only in the sense that they are new to humanity. But these new ideas are sometimes quite uncomfortable for people. In particular, the ideas that arise when one views human morality in a truly spiritual-scientific sense are quite uncomfortable. Isn’t it infinitely more comfortable to tell oneself: “Goodwill is a virtue, therefore one must acquire goodwill; justice is a moral concept, therefore justice must be established.” Then one can be a lawmaker and enact measures through which goodwill and justice are regulated. One can also elect parliaments where intelligent people come together to establish all sorts of institutions in the spirit of a benevolent and just order and the like. But if things are handled as they have been handled so far, the only outcome can be what we now see spreading across the earth. If only people had the courage to recognize the connection between the system of ideas that has gradually developed and the terrible events of the present! Benevolence is a virtue, and one can take great pleasure in living out that benevolence, in writing it down, as it were, in a catechism: “You shall be benevolent, you shall be just,” and so on;—then one has it, but one has no insight!
[ 9 ] Man hat ebensowenig eine Erkenntnis, wie man eine Erkenntnis vom Pendel hat, wenn man nur weiß: wenn es oben ist, so wird es durch die Schwerkraft heruntergeführt bis zum tiefsten Punkt, und nicht bedenkt, daß, wenn es unten angekommen ist, es gerade durch die Kraft, die sich im Herunterfallen angesammelt hat, geneigt ist, ebensoweit nach der anderen Seite auszuschlagen. Im Physischen drängen sich diese Dinge von selbst auf, im Moralischen fällt es den Menschen gar nicht ein, in derselben Weise eindringlich zu denken, wie sie im Physischen am Gängelbande der Naturkräfte denken müssen. Wenn der Mensch Wohlwollen entwickelt, so ist das gewiß gut. Aber gerade so, wie sich im Pendel, wenn es herunterfällt, die Kraft zum Aufwärtsgehen entwickelt, so entwickelt sich unter der Kraft des Wohlwollens die Kraft von Vorurteilen, die Kraft von unangebrachter Vorliebe für das und alles mögliche. Keine Tugend kann sich entwickeln, ohne daß unter der Entwickelung der Tugend die Anlage zu den entgegengesetzten Lastern in der menschlichen Seele als Neigung entsteht. Sehen Sie, diese Wahrheiten sind unbequem, aber sie sind eben Wahrheiten. Der einzelne wird es weniger bemerken, aber in der sozialen Ordnung tritt als Tatsache hervor, was eben angedeutet worden ist. Wenn die Menschen sich gar zu sehr darauf zugute tun, eine Zeitlang diese oder jene Tugend einseitig auszubilden, dann muß das nächste Zeitalter notwendig die entsprechenden Laster zum Vorschein bringen, wenn der Zusammenhang nicht erkannt wird. Denn hier kommen wir, wenn wir die Sachen im rechten Lichte besehen wollen, zu einer tiefen Wahrheit des Christus Jesus, die sich aber die Menschen durchaus nicht gestehen wollen.
[ 9 ] One has just as little understanding of this as one has of a pendulum if one merely knows that when it is at the top, gravity pulls it down to the lowest point, without considering that once it has reached the bottom, it is inclined—precisely because of the force accumulated during its descent—to swing just as far in the opposite direction. In the physical realm, these things present themselves of their own accord; in the moral realm, however, it does not even occur to people to think as forcefully as they must in the physical realm, where they are bound by the laws of nature. When a person develops goodwill, that is certainly a good thing. But just as the force to swing upward develops in the pendulum as it falls, so too does the force of prejudice—the force of an inappropriate preference for this or that and all manner of things—develop under the force of goodwill. No virtue can develop without the predisposition toward the opposite vices arising in the human soul as an inclination alongside the development of that virtue. You see, these truths are uncomfortable, but they are truths nonetheless. The individual may notice this less, but in the social order, what has just been indicated emerges as a fact. If people take too much pride in cultivating this or that virtue one-sidedly for a time, then the next era will inevitably bring the corresponding vices to the surface, unless the connection is recognized. For here, if we wish to view matters in their proper light, we arrive at a profound truth of Jesus Christ—a truth that people, however, are absolutely unwilling to admit to themselves.
[ 10 ] Es geht jetzt eine merkwürdige Strömung durch die Welt, die nach und nach epidemisch die Seelen ergreift. Man sollte eigentlich nicht glauben, daß die Menschen zu dieser Anschauung haben kommen können, aber sie ist einmal da. Die Menschen scheinen nämlich den Beschluß gefaßt zu haben, diesen Krieg so lange fortzusetzen, bis ein ewiger Friede erkämpft ist, bis durch diesen Krieg die ganz sichere Garantie geboten wird, daß niemals mehr ein Krieg kommt. Es ist das nämlich das beste Mittel, diesen Krieg niemals zu Ende gehen zu lassen, dann wird man selbstverständlich durch ihn den ewigen Frieden erkämpfen. Man braucht bloß dieses Ideal des sogenannten Dauerfriedens anzustreben, so wie man es heute tut, dann wird man ganz gewiß diesen Krieg niemals zu Ende bringen können. Denn wir leben im physischen Menschenleib auf dem physischen Plan und der physische Plan kann nicht vollkommen sein, ist nicht vollkommen; und wenn Sie das Vollkommenste begründen würden auf dem physischen Plan, das zu irgendeiner Zeit begründet werden kann, so müßte es nach einigen Jahrhunderten etwas ganz Unvollkommenes sein, weil die Fortentwickelung sich nicht in aufsteigender Linie, sondern im Oszillieren bewegt. Wie das Pendel auf und ab geht, so bewegt sich die Entwickelung in auf- und absteigender Linie, und wenn ein Zeitalter etwas Vollkommenes entwickelt hat, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf Menschen zu warten, die ein Vollkommeneres in einem anderen Zeitalter wissen werden. Auf die Freiheit der Menschen kommt es an, nicht auf die Vollkommenheit der Einrichtungen auf dem physischen Plan, die eine Unmöglichkeit, ein Phantasiegebilde, eine Illusion ist. Der Liberalismus, der Sozialismus, der Konser vativismus, sie alle wollen das Paradies auf Erden gründen, das heißt, in den Einrichtungen des physischen Planes ein Vollkommenes verwirklichen. Der Christus hat aber gesagt, das Reich des Gottes ist überall in euch. — Will man die physische Welt als ein vollkommenes Paradies gestalten, so will man etwas ganz Unmögliches, denn die besteht in fortwährendem Oszillieren. Nur dadurch, daß man diese physische Welt mit Geistigem durchtränkt und der Mensch sich als Teilnehmer weiß des Reiches der Götter, des Reiches des Geistigen, nur dadurch wird man dem Christus-Prinzip gerecht. Wer da will die physische Welt, sei es im sozialistischen, sei es im anderen Sinne, zu einem Paradiese machen, versteht nichts von der Wirklichkeit. Sie sehen, was in die Menschenseelen sich hineinbegeben muß, wenn die unwirklichen Begriffe der Gegenwart wirklichen Begriffen Platz machen sollen. Man kann aber nicht zu wirklichen Begriffen kommen, wenn man nicht den Blick aufwärts wendet zu den großen geistigen Zusammenhängen. Wie spotten die Menschen der Gegenwart über die großen Gesichtspunkte, die durch die Saturn-, Sonnen-, Monden-, Erden-, Jupiter- und so weiter -entwickelung geltend gemacht werden! Wozu braucht man das alles? Man braucht es, um auch nur im kleinsten Erkenntnis für das Leben gewinnen zu können, denn der Mensch ist wirklich ein Mikrokosmos. In ihm leben Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung und so weiter, und wenn er nichts wissen will von diesen Vorstellungen, so wäre das gerade so, wie wenn Sie dem Kinde im ersten Lebensjahre die Hände für die Dauer seines Lebens anbinden wollten, so daß es sie nie gebrauchen kann. So gebraucht der Mensch seine Fähigkeiten nicht, wenn er nicht den Blick aufwärts nach dem Geistigen wenden will. Daran hat es aber gefehlt, gar sehr gefehlt, und gerade gefehlt, wo es am wenigsten hätte fehlen sollen.
[ 10 ] A strange current is now sweeping through the world, gradually taking hold of people’s souls like an epidemic. One would not really expect people to have arrived at this view, but here it is. People seem to have resolved to continue this war until eternal peace has been won, until this war offers the absolute guarantee that there will never be another war. For that is, in fact, the best way to ensure this war never ends; then, of course, eternal peace will be won through it. One need only strive for this ideal of so-called “perpetual peace,” as one does today, and then one will most certainly never be able to bring this war to an end. For we live in physical human bodies on the physical plane, and the physical plane cannot be perfect—it is not perfect; and even if you were to establish the most perfect state possible on the physical plane—whatever that might be at any given time—it would, after a few centuries, become something entirely imperfect, because progress does not move in an ascending line but rather in an oscillating pattern. Just as a pendulum swings up and down, so does evolution move in an alternating pattern of ascent and descent; and when an age has developed something perfect, it has no choice but to wait for people who will know something more perfect in another age. What matters is human freedom, not the perfection of institutions on the physical plane, which is an impossibility, a figment of the imagination, an illusion. Liberalism, socialism, conservatism—they all seek to establish paradise on earth, that is, to realize perfection in the institutions of the physical plane. But Christ said that the Kingdom of God is everywhere within you. — To attempt to shape the physical world into a perfect paradise is to seek something entirely impossible, for it consists of constant fluctuation. Only by imbuing this physical world with the spiritual, and by recognizing that human beings are participants in the Kingdom of the Gods—the Kingdom of the Spiritual—can one do justice to the Christ principle. Anyone who wants to turn the physical world into a paradise—whether in a socialist sense or in any other sense—understands nothing of reality. They fail to see what must enter into human souls if the unreal concepts of the present are to give way to real ones. But one cannot arrive at real concepts unless one turns one’s gaze upward toward the great spiritual contexts. How people today mock the grand perspectives asserted by the Saturn, Sun, Moon, Earth, Jupiter, and so on—stages of development! What is the point of all this? It is needed in order to gain even the slightest insight into life, for human beings are truly a microcosm. Within them live the Saturn, Sun, Moon, and other developments, and if they want to know nothing of these concepts, it would be just as if you were to tie a child’s hands for the duration of its life during its first year, so that it could never use them. In the same way, human beings do not make use of their abilities if they are unwilling to turn their gaze upward toward the spiritual. But this is what has been lacking—very much so—and it has been lacking precisely where it should have been least lacking.
[ 11 ] Ich möchte auf ein Beispiel hindeuten, das manche vielleicht sonderbar finden werden, das Ihnen aber doch vielleicht genauer sagen kann, was ich mit all den Dingen meine, die ich heute nur antippend berühre. Ich habe mit verschiedenen Menschen in der letzten Zeit über Dinge gesprochen, die der heutigen Menschheit notwendig wären, wenn sie aus den Kalamitäten, aus den verschiedenen Sackgassen herauskommen will; Dinge, die einfach in einer gewissen Summe von praktischen Begriffen bestehen, durch die man heute sein Denken auffrischen müßte, wenn man — es ist schwer, über die Einzelheiten heute zu reden —, ich will einmal sagen, Papstnoten beantworten will. Diese Begriffe aber, so sehr sie auf dem unmittelbarsten praktischen Standpunkt des Lebens stehen, können nur gewonnen, nur verstanden werden, wenn man Impulse durch die Geisteswissenschaft hat. Denn diese Begriffe beziehen sich auf die Art und Weise, wie man heute denken muß, wenn man aus dem Wirrwarr herauskommen soll, über das Zusammenleben der Völker und Staaten, über die Einrichtungen, die die Völker und Staaten treffen müssen, wenn sie nicht in illusionären, abstrakten Begriffen von Völkerfreiheit und friedlichem Zusammenleben der kleinen Nationen und wie all das Zeug heißt, in Unwirklichkeiten deklamieren wollen. Man kann sehr intensiv praktische Begriffe ausbilden, die allein imstande sein würden, aus der Misere des heutigen Tages herauszukommen. Was aber erlebt man? Sie haben vielleicht in den Zeitungen gelesen, daß heute die Rektor-Inauguration an der Berliner Universität war. Der neuantretende Rektor, Geheimrat Penck, hat aus geologischen Begriffen heraus über politische Grenzbegriffe gesprochen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer es einem ums Herz wird, wenn “man so etwas erlebt. Warum denn? Weil an den erleuchtetsten Stellen des gegenwärtigen geistigen Strebens die ungeklärtesten elementarsten Vorstellungen auftauchen, zu denen, wenn man sich auf Geisteswissenschaft einlassen würde, die für das Leben brauchbaren höheren Begriffe sich ergeben würden. Denken Sie sich, man erlebt: Geisteswissenschaft könnte entwickelte Begriffe für die gegenwärtige umfassende Lebenspraxis geben — diese entwickelten Begriffe würden aber eben höhere Zusammenhänge darstellen — und die anerkannte offizielle Wissenschaft bewegt sich da noch tastend im Abc der Sache und kann nicht aus diesem Abc heraus. Das ist es, was heute gerade bei solchen Gelegenheiten schwer machen kann, sich auch nur zum Verständnis zu bringen, was eigentlich gemeint ist. Denn weit entfernt ist das, worauf heute die Menschen achten, was heute die Menschen als höchste Autorität ansehen müssen, von dem, was so bitter not täte, und was nur aus der Geisteswissenschaft gewonnen werden könnte. Da, wo offizielle Wissenschaft sich auslebt, da erleben wir das ungeschickte Abc, aber das Lesen könnte da sein, wenn nicht Geisteswissenschaft von denjenigen, die sie nicht verstehen wollen, für eine phantastische Sache gehalten würde. Da muß man allerdings immer wieder und wiederum ohne alle Überhebung, ohne alle Verletzung der gebührenden Menschendemut, auf die ersten Zeiten des Christentums hindeuten, wie unten in den Katakomben unter der Erde in der ersten Römerzeit Christen ihren Gottesdienst verrichtet haben und oben die alte Welt ihre soziale Ordnung entfaltet hat. Was war einige Jahrhunderte später diese alte Welt, die für dieses werdende Christentum nichts anderes gehabt hat, als was man im alten Rom aus der Geschichte kennenlernen kann! Diese alte Welt war weggelöscht in wenigen Jahrhunderten, und was unten in den Katakomben war, das verbreitete sich oben. Könnte nur eine genügend große Anzahl von Menschen verstehen, daß heute schon etwas ähnliches notwendig ist, wenn auch nicht für etwas so Weltgroßes, wie das Christentum selber es ist. Das kann nicht bleiben, was heute als offizielle Wissenschaft, als offizielles Denken und Vorstellen waltet. Das verhält sich zu dem, was die Jahrhunderte brauchen, wie sich das alte Römertum zum Christentum verhielt, das sich unten in den Katakomben entwickelt hat. Aber man muß seine Gefühle und seine Empfindungen einstellen auf diesen weltgeschichtlichen Gegensatz, man muß sie so einstellen, daß man durchschaut, den Willen hat zu durchschauen, was alles Ungenügendes ist in den heutigen Deklamationen über den neuen Geist, oder Garantien in allen möglichen unfaßbaren Begriffen von zwischenstaatlichen Organisationen, von Schiedsgerichten und dergleichen, wobei man nur niemals wissen kann, wer Schiedsrichter sein soll. Es ist heute die Zeit, wo in das unmittelbarste Alltagsleben die großen Begriffe hineingehören, wo es der Menschheit nicht gestattet ist, zu sagen: Ja, diese Begriffe sind gewiß sehr schön zum Begreifen der Welt, aber man kann sie doch nicht in alltägliche Manifestationen hineinbringen! — Entweder wird man siehineinbringen, oder diese alltäglichen Manifestationen werden Nullitäten sein und keine Bedeutung haben für das praktische Leben, das nicht dasjenige von nach Jahrzehnten, sondern von heute und morgen ist. Überall, wo man heute verschiedene Meinungen hat, findet man verhältnismäßig Objektivität, bis zu einem gewissen Grade wenigstens. Suchen Sie aber unter den Bekämpfungen der Geisteswissenschaft, der Anthroposophie, etwas Objektives! Wenn solch ein Mensch, wie das Individuum Max Dessoir, der Professor an der Berliner Universität ist, sich über Geisteswissenschaft hermacht, so tischt er seinen Lesern Entstellungen, Fälschungen auf, wie ich in meinem Buche, das jetzt auch gedruckt ist und demnächst erscheinen wird, nachgewiesen habe. Immer wird das, was ehrlicher objektiver Kampf sein soll, übergeführt auf das persönliche Gebiet, auf das Gebiet der persönlichen Verunglimpfung, gerade wenn es sich um Geisteswissenschaft handelt. Warum? Nicht weil es die Menschen widerlegen können, sondern weil sie die Menschen nicht haben wollen, weil die Menschen es in der Gegenwart ablehnen, das eigentliche Menschenwesen in sich selber zu suchen. Denn das ist unbequem. Die Menschen wollen zum Beispiel die moralischen Begriffe haben, an denen sie sich delektieren können. Dazu taugen aber die Begriffe nicht, die zum Beispiel besagen, daß die Tugenden sich nach einiger Zeit von selbst in die Anlagen zum entsprechenden Laster wandeln, wenn die Menschen nicht auf Wache stehen gegenüber ihrer eigenen Seele. Wie oft habe ich aufmerksam gemacht auf den Begriff der Selbstlosigkeit. In einem öffentlichen Vortrage habe ich einmal hypothetisch als Beispiel gewählt, eine Gesellschaft habe sich gegründet zur Pflege der Selbstlosigkeit. Es habe sich in ihr die Gewohnheit herausgebildet, daß zu demjenigen, der die Gesellschaft leitet, Mitglieder kommen und sagen: Ich möchte das und das, aber nicht etwa für mich, sondern für einen andern — sie haben sich nämlich versprochen, daß der andere auch nicht für sich, sondern für den ersteren das Entsprechende will. Jeder will nichts für sich. Aber darauf kommt es nicht an, ob man für sich oder einen anderen etwas will, sondern darauf, ob es eine an sich selbstlose Forderung ist. Das Wesentliche dabei ist, daß die Menschen, wenn sie sich bemühen, selbstlos zu werden, durch die innere Kraft der Selbstlosigkeit nach einiger Zeit recht egoistisch werden. Das Streben nach Selbstlosigkeit macht egoistisch. Man muß dann wachen, damit das Pendel wieder heruntergeht, man muß sich nicht delektieren an seiner eigenen Selbstlosigkeit.
[ 11 ] I would like to point out an example that some may find strange, but which might nevertheless help you understand more clearly what I mean by all the things I’m only briefly touching on today. I have recently spoken with various people about things that are necessary for humanity today if it is to emerge from its calamities and various dead ends; things that simply consist of a certain set of practical concepts through which one would need to refresh one’s thinking today if one—it is difficult to discuss the details today—wishes, let’s say, to respond to the Pope’s notes. But these concepts, however much they are rooted in the most immediate practical aspects of life, can only be grasped and understood if one is inspired by spiritual science. For these concepts relate to the way one must think today if one is to emerge from the confusion surrounding the coexistence of peoples and states, and the arrangements that peoples and states must make if they do not wish to declaim in unrealities—in illusory, abstract concepts of national freedom and the peaceful coexistence of small nations, and whatever else all that stuff is called. One can develop very concrete, practical concepts that alone would be capable of leading us out of the misery of the present day. But what do we actually experience? You may have read in the newspapers that the rector’s inauguration took place today at the University of Berlin. The newly appointed rector, Privy Councilor Penck, spoke about political concepts of borders using geological terminology. I cannot tell you how heavy one’s heart becomes when one “witnesses something like this.” Why is that? Because in the most enlightened spheres of contemporary intellectual endeavor, the most obscure and elementary notions emerge—notions from which, if one were to engage with spiritual science, higher concepts useful for life would arise. Just imagine: one realizes that spiritual science could provide developed concepts for today’s comprehensive way of life—concepts that would, in fact, represent higher connections—yet recognized, official science is still groping its way through the ABCs of the matter and cannot move beyond them. This is precisely what can make it difficult today, especially on such occasions, to even bring oneself to understand what is actually meant. For what people pay attention to today—what they are compelled to regard as the highest authority—is far removed from what is so desperately needed, and which could only be gained from spiritual science. Where official science runs rampant, we witness this clumsy ABC; yet the path to understanding could be there, were it not for the fact that spiritual science is regarded as a fanciful notion by those who refuse to understand it. There, however, one must again and again—and without any arrogance, without any violation of the humility befitting a human being—point to the early days of Christianity, when, down in the catacombs beneath the earth in early Roman times, Christians performed their worship while above, the ancient world unfolded its social order. What had become of that ancient world a few centuries later—a world that offered nothing to this emerging Christianity other than what we learn from the history of ancient Rome! That ancient world was wiped out in a few centuries, and what had been down in the catacombs spread out above ground. If only a sufficiently large number of people could understand that something similar is already necessary today—even if not for something as world-shaking as Christianity itself. What currently prevails as official science, as official thought and imagination, cannot remain as it is. This stands in relation to what the centuries require just as ancient Rome stood in relation to Christianity, which developed down in the catacombs. But one must attune one’s feelings and sensibilities to this contrast in world history; one must attune them in such a way that one sees through—and has the will to see through—all that is inadequate in today’s declamations about the new spirit, or in the guarantees offered in all manner of incomprehensible concepts regarding intergovernmental organizations, arbitration tribunals, and the like, where one can never know who is supposed to be the arbitrator. Today is the time when these grand concepts belong in the most immediate aspects of everyday life, when humanity is not permitted to say: “Yes, these concepts are certainly very beautiful for understanding the world, but one cannot bring them into everyday manifestations!” — Either we will incorporate them, or these everyday manifestations will be nullities and have no significance for practical life—not the life of decades hence, but that of today and tomorrow. Wherever there are differing opinions today, one finds a relative degree of objectivity, at least to a certain extent. But try to find anything objective among the attacks on spiritual science, on anthroposophy! When a person such as Max Dessoir, a professor at the University of Berlin, sets out to attack spiritual science, he serves up distortions and fabrications to his readers, as I have demonstrated in my book, which has now been printed and will be published shortly. What is supposed to be an honest, objective struggle is always reduced to the personal realm—to the realm of personal denigration—especially when it comes to spiritual science. Why? Not because people can refute it, but because they do not want it; because people today refuse to seek the true human being within themselves. For that is inconvenient. People want, for example, moral concepts they can take pleasure in. But concepts such as those stating that virtues will, after some time, spontaneously transform into the predispositions for the corresponding vices—if people do not remain vigilant toward their own souls—are not suitable for this purpose. How often have I drawn attention to the concept of selflessness? In a public lecture, I once chose a hypothetical example: a society had been founded to promote selflessness. A custom had developed within it whereby members would approach the person leading the society and say: “I would like this and that, but not for myself, rather for someone else”—for they had promised one another that the other person, too, would not want the corresponding thing for themselves, but for the first person. No one wants anything for themselves. But what matters is not whether one wants something for oneself or for another, but whether it is a selfless request in and of itself. The essential point here is that when people strive to become selfless, they eventually become quite selfish due to the inner power of selflessness. The pursuit of selflessness makes one selfish. One must then be vigilant so that the pendulum swings back down; one must not take delight in one’s own selflessness.
[ 12 ] Solche Dinge standen schon Luther nah. Daher finden wir viele Stellen in Luthers Schriften, worinnen er ziemlich wenig Respekt zeigt vor solchen Tugenden wie Selbstlosigkeit und dergleichen, weil er weiß, daß Selbstlosigkeit in der Regel Maske ist, hinter der das Pharisäertum sitzt. Manchmal wird Luther in solchen Sachen derb; wie er einmal Melanchthon geraten hat, er solle ja nicht versuchen, so furchtbar selbstlos zu sein, sondern wenn er aufgelegt sei zu etwas Schlechtem, solle er dieses Schlechte auch tun, denn es sei besser, wenn man zu etwas Schlechtem aufgelegt sei, dieses Schlechte zu tun, als unaufrichtig Pharisäer zu werden, und scheinbar das Gute zu tun, während man in seiner Seele das Böse tun möchte. Luther hatte eben durch jene geistige Erfahrungsmöglichkeit, von der ich Ihnen schon gesprochen habe, sehr viel Einsicht in diese Polarität des menschlichen Lebens. Im Jahre 1510 war er in Rom. Damals galt es dort als ein verdienstliches Werk, wenn man eine Treppe hoch hinaufrutschte; ich weiß nicht, wie man es mit dem richtigen katholischen Terminus technicus nennt. Jedesmal wenn man eine Stufe hinaufgerutscht war, so waren eine gewisse Anzahl Tage im Fegefeuer nachgesehen, wenn man die ganze Treppe auf den Knien ohne aufzustehen hinaufrutschte, so gab das viele Tage Nachsicht für das Fegefeuer. Luther hat das mitgemacht, denn er war dazumal durchaus auf dem Standpunkt, daß man durch solche Dinge sein Seelenheil fördern könnte. Aber während er die Treppe hinaufrutschte, hatte er eine Imagination, die ihm sagte: Die Gerechtigkeit suche im Glauben! — Gerade durch solche Dinge wurde er zu dem Luther. Der polarische Gegensatz desjenigen, was er tat, tat sich in seiner Seele auf. Er hatte Erfahrungen über solche polarische Gegensätze.
[ 12 ] Such ideas were already close to Luther’s heart. That is why we find many passages in Luther’s writings in which he shows very little respect for virtues such as selflessness and the like, because he knows that selflessness is usually a mask behind which hypocrisy lurks. Sometimes Luther becomes blunt on such matters; as when he once advised Melanchthon not to try to be so terribly selfless, but rather, if he felt inclined to do something bad, he should go ahead and do it, for it is better, when one is inclined to do something bad, to actually do that bad thing than to become a hypocritical Pharisee and ostensibly do good while inwardly desiring to do evil. Luther, precisely because of that spiritual capacity for experience I have already spoken to you about, had a great deal of insight into this polarity of human life. In 1510, he was in Rome. At that time, it was considered a meritorious deed there to slide up a staircase; I do not know what the correct Catholic technical term for it is. Each time one slid up a step, a certain number of days in Purgatory were remitted; if one slid up the entire staircase on one’s knees without standing up, that resulted in many days of remission for Purgatory. Luther took part in this, for at that time he was firmly of the opinion that one could promote one’s salvation through such practices. But as he slid up the stairs, he had a vision that told him: “Seek righteousness through faith!” — It was precisely through such experiences that he became the Luther we know. The polar opposition to what he was doing opened up within his soul. He had experienced such polar opposites.
[ 13 ] Tiefer hineinsehen in das Menschenleben, das ist dasjenige, was unsere Zeit vor allen Dingen vonnöten hat. Zu diesem Hineinsehen gehört schon, daß man durchschaut, daß ein Wort noch kein Ding ist. Das Wort Geist sprechen heute viele Leute aus, aber man kann viel über Geist sprechen und vom Geiste keine Spur haben. Die Menschen brauchen das gar nicht zu bemerken. Es gibt zum Beispiel einen Mann in der Gegenwart, der hat eine ganze Bibliothek geschrieben, und ich möchte nicht zählen, wie häufig das Wort Geist in dieser Bibliothek vorkommt. Die Leute glauben auch, daß der Mann wirklich vom Geiste spricht, er heißt nämlich Rudolf Eucken. Das ist es gerade, worauf es ankommt, die Wirklichkeit vom Schein auf diesem Gebiete zu unterscheiden. Das ist freilich unbequem. Das erzeugt vor allen Dingen die Furcht vor dem geistigen Leben, das erzeugt sogar die Furcht vor dem Denken. Fluchtartig bewegen sich heute die Menschen von dem Denken weg und möchten mit allem möglichen Ungedachten das Heil auf seelischem, auf sozialem, auf politischem Gebiete finden. Die Zeit ist zuernst, um über solche Dinge nicht ernst zu werden. Der Tag würde etwas Gutes bringen, wo Menschen in größerer Anzahl solches einsehen würden, wie es heute wieder angedeutet worden ist; leider nur angedeutet. Wollte man auf die Dinge eingehen, so müßte man ja in Formen sprechen, in denen man heute nicht sprechen darf. Deshalb wäre es gut, wenn insbesondere auch Sie sich zuweilen nach diesen Vorträgen aufs Denken verlegen würden, denn das Denken ist ja vorläufig noch nicht zensiert. Ich habe schon das letzte Mal gesagt: zerreißen würden die Menschen der Gegenwart noch vielfach den, der mit einem Blick, der da kommt durch die Einweihung, sich über die unmittelbaren Ereignisse der Gegenwart offen aussprechen möchte. Nicht einmal gesagt dürfen gewisse Dinge werden, geschweige denn getan. So gehen denn mancherlei Gelegenheiten in der Gegenwart vorüber, die darauf hinweisen könnten, wie sehr Vertiefung, Durchkraftung der menschlichen Seele notwendig ist. Man denke sich nur einmal, was aus der lutherischen Bewegung geworden wäre, wenn Luther nur die Kräfte von manchen führenden Menschen der Gegenwart besessen hätte, und nicht größere, stärkere, eindringlichere. Man kann die Frage aufwerfen: Warum wollen denn die Menschen der Gegenwart so wenig hören von wirklicher geistiger Erkenntnis? Die richtigste Antwort ist doch die, die ich ja schon wiederholt und auch heute angedeutet habe: daß diese geistige Erkenntnis den Menschen unbequem ist. Die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung gibt diese Begriffe in bequemerer Weise. Gewiß, sie ist bewunderungswürdig; aber man braucht sich nur der Welt gegenüberzustellen und sich am Gängelbande der äußeren Tatsachen führen zu lassen, man braucht sich nicht aufzuraffen, man braucht nicht die Tiefen der Seele heraufzuholen, um weiterzukommen. Diese Anforderung allerdings stellt Geisteswissenschaft an die Menschen. Außerdem kann sie nicht umhin, den Menschen zu sagen, daß, wer solche Anstrengung nicht macht, gar nicht in Wirklichkeit Mensch ist. Das aber wiederum hört insbesondere derjenige, der heute vermöge der Verhältnisse als Autorität gilt, nicht gern. Daß zum Beispiel ein Professor, ein Geheimrat nicht ganz Mensch sein sollte, das zu verstehen ist natürlich den Menschen der Gegenwart außerordentlich schwierig. Aber sie werden es begreifen müssen, wenn wir aus der Misere der Gegenwart herauskommen wollen.
[ 13 ] To look more deeply into human life—that is what our time needs above all else. Part of this deeper look involves realizing that a word is not yet a thing. Many people use the word “spirit” today, but one can speak at length about spirit and yet have not a trace of it. People don’t even need to notice this. There is, for example, a man living today who has written an entire library of works, and I wouldn’t even want to count how often the word “spirit” appears in that library. People also believe that this man is truly speaking of the spirit—for his name is Rudolf Eucken. That is precisely what matters: distinguishing reality from appearance in this realm. This is, of course, inconvenient. Above all, it breeds a fear of spiritual life; it even breeds a fear of thinking. Today, people are fleeing from thinking and wish to find salvation—in the spiritual, social, and political spheres—through all manner of unthought ideas. The times are too serious not to take such matters seriously. It would be a good day if more people came to realize what has been hinted at again today—unfortunately, only hinted at. If one were to address these matters in depth, one would have to speak in ways that are not permitted today. That is why it would be good if you, in particular, were to turn your thoughts to these matters from time to time after these lectures, for thinking, after all, is not yet subject to censorship. I said it last time as well: people today would often tear to pieces anyone who, with a perspective gained through initiation, were to speak openly about the immediate events of the present. Certain things may not even be said, let alone done. Thus, many opportunities pass us by in the present that could point to just how necessary it is to deepen and strengthen the human soul. Just imagine what would have become of the Lutheran movement if Luther had possessed only the powers of some of today’s leading figures—and not greater, stronger, more penetrating ones. One might ask: Why do people today want to hear so little about true spiritual insight? The most accurate answer is, after all, the one I have already mentioned repeatedly and alluded to today: that this spiritual insight is uncomfortable for people. The modern scientific worldview presents these concepts in a more comfortable way. Certainly, it is admirable; but one need only face the world and let oneself be led by the hand of external facts; one need not rouse oneself, one need not draw upon the depths of the soul to make progress. This, however, is the demand that spiritual science places upon people. Moreover, it cannot help but tell people that whoever does not make such an effort is not truly human at all. But this, in turn, is something that those who are regarded as authorities today—by virtue of the circumstances—do not like to hear. That, for example, a professor or a privy councilor might not be fully human is, of course, extremely difficult for people today to comprehend. But they will have to understand it if we are to emerge from the misery of the present.
[ 14 ] Im Jahre 1613 hat Johann Valentin Andreae die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz geschrieben. Das Buch ist dann im Jahre 1616 erschienen. Ich werde in der nächsten Nummer der Zeitschrift «Das Reich» mit einem Aufsatze beginnen, der gerade über diese Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz handelt. Jener Valentin Andreae hat in den Jahren 1614 bis 1617 auch noch andere Schriften verfaßt, die aus der damaligen Zeit heraus gedacht und empfunden waren. Eine Schrift trägt den Untertitel: «An die Fürsten und Oberhäupter aller Staaten.» Andreae wollte den Menschen zeigen, daß das, was sie von sich selber glauben, und was sie von anderen glauben, auch nur eine Maja ist, eine große Täuschung, er wollte den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst und andere kennenzulernen. Eine große geistige Bewegung hatte Johann Valentin Andreae im Sinne. Sie war herausgedacht, herausempfunden aus langer Vorbereitung. Zwei Dinge gab es in der damaligen Zeit: dasjenige, was Valentin Andreae wollte, und dasjenige, was zum Dreißigjährigen Krieg geführt hat, der 1618 begann und bis 1648 dauerte. Dasjenige aber, was zum Dreißigjährigen Krieg geführt hat, hat die Bewegung unmöglich gemacht, die Johann Valentin Andreae einleiten wollte. Es wäre viel zu sagen, wenn man das Scheitern des damaligen Versuches in seinen Ursachen charakterisieren wollte. Manche Versuche werden ja gemacht, scheitern, sollen aber später gelingen. Nun wohl, damals gab es eine Möglichkeit weiterzukommen. Wieder ist heute die Notwendigkeit gegeben, in zwei Strömungen drinnen zu stehen, die aufeinander wirken müssen: auf der einen Seite das, was Anthroposophie aus den Impulsen der Menschheitsentwickelung heraus will, auf der anderen Seite dasjenige, was zu einem ähnlichen Ereignisse wie der Dreißigjährige Krieg geführt hart. Es wird an der Menschheit sein, daß dasjenige, was geschehen soll, nicht wiederum ungeschehen gemacht wird. Bequemlichkeit, Unwachsamkeit könnten sehr leicht den gegenwärtigen Versuch wiederum paralysieren. Ob aber die Dinge wiederum so ausgehen würden, wie bei der Paralysierung des Versuchs von Valentin Andreae, ist eine andere Frage.
[ 14 ] In 1613, Johann Valentin Andreae wrote *The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz*. The book was then published in 1616. In the next issue of the journal *Das Reich*, I will begin a series of essays focusing specifically on *The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz*. Between 1614 and 1617, Valentin Andreae also authored other works that were conceived and felt from the perspective of that era. One of these works bears the subtitle: “To the Princes and Rulers of All States.” Andreae wanted to show people that what they believe about themselves and what they believe about others is merely an illusion, a great deception; he wanted to give people the opportunity to get to know themselves and others. Johann Valentin Andreae had a great spiritual movement in mind. It was conceived and felt through long preparation. Two things existed at that time: what Valentin Andreae wanted, and what led to the Thirty Years’ War, which began in 1618 and lasted until 1648. But what led to the Thirty Years’ War made the movement that Johann Valentin Andreae wanted to initiate impossible. There is much to be said if one were to characterize the causes of the failure of that attempt. After all, some attempts are made, fail, but are destined to succeed later. Well then, at that time there was an opportunity to make progress. Today, once again, there is a need to stand within two currents that must interact with one another: on the one hand, what anthroposophy seeks to achieve based on the impulses of human development; on the other hand, what led to an event similar to the Thirty Years’ War. It will be up to humanity to ensure that what is meant to happen is not undone once again. Complacency and inattention could very easily paralyze the current endeavor once again. Whether, however, things would turn out the same way as when Valentin Andreae’s attempt was paralyzed is another question.
[ 15 ] Jedenfalls darf heute niemand so fragen: Ja, wie kommt es denn, daß die geistigen Mächte sich nicht hineinmischen in die Verhältnisse des physischen Planes und Ordnung schaffen? — So darf man nicht fragen, denn was die Menschen tun, ist vielfach Auflehnung gegen diese geistigen Mächte, ist vielfach gegen die geistigen Mächte selbst gerichtet. Dieser Kampf gegen den Geist wird oftmals am meisten von denjenigen Menschen geführt, die immerfort reden von Geist, Geist und Geist. Ich habe neulich auf dem Umschlage einer Zeitschrift — ich weiß nicht genau, ob es eine Monatsschrift oder eine Halbmonatsschrift war — so etwas wie eine annoncenartige Sache gelesen, wo immerfort von Geist, Geist geredet wird, der Geist soll die gegenwärtigen Ereignisse beherrschen. Man greift sich an den Kopf. Geist soll die Kanonen, die Gasmasken und so weiter fabrizieren; alles wird da Geist genannt. Es fragt sich nur, ob die Menschen einsehen, welcher Art dieser Geist ist. Sie wissen, wir unterscheiden den Geist der normalen Fortentwickelung und den luziferischen und ahrimanischen Geist. Ich habe Sie neulich aufmerksam gemacht, wie Ricarda Huch in ihrem Buche über Luther den Teufel geradezu herbeisehnte, sie meinte eigentlich die Erkenntnis des Teufels. Gegenüber manchen Geist-Deklamationen kann man schon sagen: den Teufel merkt das Völkchen nie, und wenn es ihn auch schon auf dem Umschlag von Zeitschriften hätte.
[ 15 ] In any case, no one today should ask: “Well, how is it that the spiritual powers do not intervene in the affairs of the physical plane to restore order?” — One must not ask that, for what people do is often a rebellion against these spiritual powers; it is often directed against the spiritual powers themselves. This struggle against the spirit is often waged most fiercely by those very people who constantly talk about spirit, spirit, and spirit. I recently read something on the cover of a magazine—I’m not sure if it was a monthly or a biweekly—that looked like an advertisement, where they kept talking about the Spirit, the Spirit; the Spirit is supposed to govern current events. It makes one shake one’s head. The spirit is supposed to manufacture the cannons, the gas masks, and so on; everything is called “spirit” there. The only question is whether people realize what kind of spirit this is. You know, we distinguish between the spirit of normal evolution and the Luciferic and Ahrimanic spirits. I recently drew your attention to how Ricarda Huch, in her book on Luther, practically longed for the Devil—though what she actually meant was the recognition of the Devil. In the face of certain “spiritual” proclamations, one can certainly say: the common folk never notice the Devil, even if he were already on the cover of their magazines.
[ 16 ] Ich konnte heute auf manches nur hinweisen und mußte manches verhüllen, das aber in Ihrer Seele, wenn Sie über das heute Gesagte nachdenken, sich enthüllen wird. Jedenfalls das eine werden Sie bemerkt haben, daß ich in ernster Weise, in recht bitterernster Weise sprechen wollte, und in dieser Weise möchte ich diese Vorträge vorläufig beschlossen haben.
[ 16 ] Today I was able to point out only a few things and had to leave others veiled; yet these will reveal themselves in your soul as you reflect on what has been said today. In any case, you will have noticed one thing: that I wanted to speak in a serious manner—in a truly grave and solemn manner—and it is in this spirit that I would like to conclude these lectures for the time being.
