Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176
18 September 1917, Berlin
Das Karma des Materialismus VIII
[ 1 ] In Fortsetzung der Betrachtungen vom letzten Dienstag möchte ich heute einige Gesichtspunkte zur Beurteilung der geschichtlichen Stellung Luthers vor Ihre Seele stellen. Ich bemerke von vornherein: Die Betrachtungen, die wir heute anstellen, sollen Luther eben vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus betrachten und nicht vom religiösen.
[ 2 ] Vor allen Dingen tritt bei der geisteswissenschaftlichen Betrachtung Luthers in ganz besonderem Maße — man könnte sagen, noch mehr als bei vielen anderen geschichtlichen Erscheinungen — die Bedeutung des Zeitalters für die Art, das Auftreten und die Wirksamkeit dieser Persönlichkeit uns entgegen. Machen wir uns einmal klar, in welche Zeit, unseren Anschauungen gemäß, das Auftreten Luthers fällt: das sechzehnte Jahrhundert in weltgeschichtlicher Betrachtung geisteswissenschaftlich angesehen, kurze Zeit nach dem Aufgange des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Wir wissen, daß dieser fünfte nachatlantische Kulturzeitraum etwa im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hat. Bis dahin haben wir ja dasjenige zu rechnen, was wir das griechisch-lateinische Zeitalter nennen, das seinen Anfang genommen hat etwa im achten Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Also kurze Zeit nachdem im Denken und Fühlen der Kulturmenschheit dasjenige herabgeglommen ist, was doch in einer gewissen Weise mit dem griechisch-lateinischen Vorstellen und Fühlen zusammenhing, in dem Sinne, wie wir dies betrachten, trat Luther auf. Seine Persönlichkeit erscheint dem unbefangenen Betrachter zunächst wie eine zwiespältige, aber so, daß sich die beiden Glieder des Zwiespaltes doch in einer höheren Einheit, wie wir sehen werden, begegnen. Wir müssen uns nur ganz klarmachen, daß in der Zeit zwischen dem vierzehnten und dem sechzehnten Jahrhundert viel mehr vorgegangen ist, als die heutige Geschichtsschreibung anzunehmen geneigt ist, vor allen Dingen in bezug auf die Umwandelung der menschlichen Seelen. Das berücksichtigt man nur in der heutigen Geschichtsschreibung viel zu wenig. Die Menschen des dreizehnten, des vierzehnten Jahrhunderts hatten noch durch das ganze Gefüge, durch die ganze Verfassung ihrer Seelen, durchaus eine unmittelbare Beziehung zur geistigen Welt. Man hat das nur heute vergessen, doch man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen. Der Mensch des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts, natürlich im Durchschnitt betrachtet, sah noch, wenn er seinen Blick zu den Wesen der Natur, zu den Vorgängen des Wolkenhimmels und so weiter wendete, elementarische Geistigkeit. Viel mehr als man heute glaubt, hatte der Mensch dieses Zeitalters auch noch die Möglichkeit, zwischen sich, wenn er hier auf dem physischen Plan geblieben war, und den dahingegangenen Toten, mit denen er karmisch verbunden war, den Verkehr aufrechtzuerhalten. Ein unmittelbares Wissen, daß diese Welt, welche die Sinne wahrnehmen, nicht die einzige ist, war doch als ein Überbleibsel eines älteren Bewußtseins in dieser Zeit noch vorhanden. Viel schroffer als man heute glaubt, ist der Übergang zur späteren Zeit. Die heraufkommende Naturwissenschaft, die als solche ihre volle Berechtigung hat, hat gewissermaßen den Schleier über die geistige Welt, die hinter der sinnlichen steht, zugezogen. Ich kann mir wohl vorstellen, daß der heutige Geschichtsbetrachter, der gewohnt ist das als unmittelbare Wahrheit zu nehmen, was ihm eben anerzogen wird, an diese Schroffheit des Überganges gar nicht glauben wird, weil sie ihm unhistorisch, durch geschichtliche Denkmäler unbelegt vorkommt. Aber die Geisteswissenschaft gibt das für dieses Zeitalter, das da heraufrückt, doch so, daß in ihm die menschliche Seele ganz nur in die sinnliche Welt hineingestellt ist vermöge der menschlichen Organisation, die in diesem Zeitalter aufgetreten ist.
[ 3 ] Nun haben wir schon das letzte Mal gesehen, was in Luthers Seele verwoben war: es lebten in ihr die Nachwirkungen dessen — so stellte ich es dar —, was er in den Mysterien der vorchristlichen Zeit aufgenommen hatte, in denen er in seiner vorchristlichen Inkarnation anwesend war, in jenen Mysterien aber, welche auf das Christentum hinarbeiteten. Insofern war er im vollsten Sinne ein Kind seiner Zeit, das heißt, des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, als in diesem Zeitraume bei den Menschen die Empfindung des ehemaligen Zusammenhanges mit der geistigen Welt herabgedämmert ist, auch wenn diese Empfindung einmal so lebendig war wie bei den ehemaligen Eingeweihten der Mysterien. Aber man soll nur nicht glauben, daß dieses, was da herabgedämmert ist, was also nicht in dem Bereich des Wissens der Seele auftritt, nicht da ist, daß es nicht wirksam ist. Wirksam ist es schon dann, wenn der Betreffende durch sein inneres Karma gleichzeitig empfänglich ist, wenn er aufnahmefähig ist durch das, was doch aus den Tiefen der Seele heraufkraftet und nur nicht ins Bewußtsein treten kann. Ein solcher Empfänglicher war Luther.
[ 4 ] Man kann sich überzeugen, daß die Wirkungen desjenigen, wovon ich eben die Ursachen angedeutet habe, bei ihm vorhanden waren. Sie waren vorhanden in den ungeheueren Seelenqualen, die er durchzumachen hatte, Seelenqualen, die gewissermaßen, indem sie sich zum Ausdruck für die eigene Seele formten, in seinen Worten und Vorstellungen den Charakter seines Zeitalters annahmen, die aber doch im wesentlichen die Qualen waren über das, was dem Menschen nun im fünften nachatlantischen Zeitalter, im materialistischen Zeitalter; an Eindrücken aus der geistigen Welt entzogen sein soll. Alle die Entbehrungen, welche die tieferen Wesensgründe der Seelen im materialistischen Zeitalter durchmachen, lagerten sich in ganz besonderem Maße in Luthers Seele ab. Gewiß, man muß sich heute mit anderen Worten klarmachen, was er empfand, als er es selbst ausgesprochen hat. Es sind nicht seine Worte, die ich gebrauche, um das zu charakterisieren, was er empfand: Was soll es mit der Menschheit werden, wenn sie nun abgeschlossen sein wird von der Betrachtung der geistigen Welt, wenn sie die Eindrücke nach und nach vergessen wird, die sie einmal von der geistigen Welt gehabt hat? — Denken Sie sich dies als Empfindung so verdichtet wie möglich, dann haben Sie den Grundton der Seelenqualen, die in Luthers Seele lebten. Warum lebten sie gerade in ihm so besonders stark?
[ 5 ] Um diese Frage zu beantworten, kommen wir eben auf das erwähnte Zwiespältige seiner Natur. Auf der einen Seite war Luther gewissermaßen ein Sohn des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Er empfand mit den Menschen dieses Zeitraumes insofern, als er die Entbehrungen unendlich gesteigert empfand, welche diese Menschen des fünften Kulturzeitraumes schon erleben, nur nicht sich zum Bewußtsein bringen. Warum empfand er in solcher Intensität diese Entbehrungen?
[ 6 ] Er empfand sie aus dem Grunde, weil er nun auf der anderen Seite wieder innerlichst ganz ein Sohn des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes war. Das war das Zwiespältige in seiner Natur. Die Eindrücke aus den Mysterien, von denen ich gesprochen habe, hatten doch so tief Wurzel gefaßt in seiner Seele, daß er innerlichst fühlte wie ein Mensch des vierten Kulturzeitalters — und doch wieder ganz an seine Zeit, an das fünfte Kulturzeitalter, hingegeben war. Weil er so innerlich in gewisser Beziehung mit dem vierten Kulturzeitalter fühlte wie ein alter Römer, wie ein alter Grieche — so könnte man sogar sagen, so unwahrscheinlich das heute klingt —, deshalb konnte er auch demjenigen kein Verständnis entgegenbringen, was nun so recht aus dem Herzen — so sonderbar das wieder klingt — der Menschen des fünften Kulturzeitraumes hervortrat, nämlich ein Verständnis für ein solches Weltbild, wie &s das Kopernikanische ist, für die Auffassung der Welt rein nach den Berechnungen der Sinne. Für ein solches Weltsystem hätte das vierte Kulturzeitalter doch kein Verständnis gehabt. Das klingt für unsere Gegenwart sonderbar, weil unsere Zeit in vieler Beziehung wirklich meint, das Ende aller Weisheit wäre nun erreicht, und der Kopernikanismus sei das Letztgültige. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dies eine große Torheit ist. Gerade so wie die Menschen der Gegenwart vom Standpunkte des Kopernikanismus aus auf das ptolemäische Weltsystem heute herabschauen, so wird das kopernikanische Weltsystem ebenfalls einmal durch ein anderes ersetzt werden, das sich wieder zu ihm so verhält wie das kopernikanische zu dem ptolemäischen. Aber nach der Seelenverfassung der Menschen des fünften Kulturzeitalters gibt es für sie ein Verständnis für eine solche rein sinnesgemäße, errechnete Systematik der Bewegungen der Himmelskörper.
[ 7 ] Luther hatte dafür kein Verständnis. Der Kopernikanismus kam ihm wie eine Art Narrheit vor. Für das, was in den Vorstellungen lebte, die den Menschen des fünften Kulturzeitraumes naturwissenschaftlich-materialistisch, rein räumlich beschäftigten, insofern diese Vorstellungen die Erscheinungen der Welt ausdrückten, dafür war Luther wenig interessiert. Aber für die Gefühlsweise, für die Stellung des Menschen in der Welt im fünften Kulturzeitalter, war er um so mehr interessiert. Aber die Stellung gegenüber der Welt, welche dem Menschen des fünften Kulturzeitraumes aufgedrängt war, fühlte er mit dem innersten Seelenimpulse eines Menschen des vierten Kulturzeitalters, dem griechisch-lateinischen Zeitalter.
[ 8 ] So blickt Luther, indem wir ihn betrachten, auf der einen Seite zurück auf die Art, wie sich im vierten Kulturzeitalter der Mensch zum Kosmos und zum geistigen Inhalt des Kosmos gestellt hat; auf der anderen Seite blickt er vorwärts zu all dem Empfinden, Fühlen und Vorstellen, dem der Mensch des fünften Kulturzeitalters ausgesetzt sein wird wegen seiner besonderen Stellung zum Kosmos, die ihn gewissermaßen von dem geistigen Inhalte des Kosmos trennt. Man möchte sagen: mit einer Seele aus dem vierten Kulturzeitalter fühlt Luther mit die Erlebnisse des Menschen im fünften Kulturzeitalter. Und diese besonderen Erlebnisse des Menschen im fünften Kulturzeitalter lagerten sich nun auf Luthers eigene Seele ab.
[ 9 ] Vergleichen wir nur einmal, und zwar um den Vergleich signifikanter zu machen, einen durchschnittlich gebildeten Menschen der heutigen Zeit, der im Sinne der naturwissenschaftlichen Weltanschauung denkt und fühlt, mit einem Menschen in ziemlich alten Zeiten des vierten Zeitraumes, der noch fühlt in Gemäßheit jener Stellung des Menschen zur Welt, da der Mensch von seiner Beziehung zum geistigen Inhalte dieser Welt wußte. Vor allen Dingen waren Begriffe, die wir heute durch die Worte Imagination und Inspiration ausdrücken, in diesen älteren Zeiten bei den Menschen noch ganz lebendig. Daß der Mensch nicht nur durch seine Augen die Farben wahrnimmt, durch seine Ohren die Töne hört, sondern durch besondere Erkraftung seiner Seele in Bildern die geistige Welt geoffenbart erhält, Einsprechungen von der geistigen Welt erhält, war in älteren Zeiten etwas ganz Geläufiges. Daß das Göttlich-Geistige in der Menschenseele auflebt, war in jenen Zeiten eben eine geläufige Vorstellung; der Mensch fühlte sich in Verbindung mit seinem Gotte. |
[ 10 ] Das sollte, damit die Menschheit eine Prüfung durchmacht, im fünften nachatlantischen Kulturzeitraume aufhören. In diesem fünften Zeitraume fühlte der Mensch, durch besondere Methoden, durch eine besondere Wissenschaft ausgebildet, die Möglichkeit, genau auf die äußeren Naturerscheinungen hinzusehen und auf die Art, wie die äußeren Naturerscheinungen in seine eigene Wesenheit hereinspielen. Allein, verschlossen ist ihm der Aufblick zur geistigen Welt, der Weg von der Seele zu den Geisteswelten ist nicht da.
[ 11 ] Stellen wir uns diese zwei Menschentypen so recht nebeneinander. Schon das letzte Mal haben wir gesehen: für Luther war die geistige Welt offen. Er hatte nicht bloß ein abstraktes Wissen, er hatte nicht nur ein abstraktes religiöses Gefühl von der geistigen Welt, er hatte, was charakterisiert ist, den lebendigen Umgang am meisten mit den bösen Geistern der Geistigkeit der Welt, was aber nicht zugleich eine böse Eigenschaft ist. Also er wußte aus unmittelbarer Erfahrung von dem Bestande der geistigen Welt; aber er wußte, daß diese Erfahrungen dem Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters hinschwinden, daß sie nicht mehr da sein würden. Und diese Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters, wie empfanden sie, wie entbehrten die Seelen die geistige Wahrnehmung? Das wurde für ihn das große Rätsel. Aber er schaute diese Menschen auch an aus einem Herzen heraus, das durchtränkt war mit den Kräften des vierten nachatlantischen Zeitraumes. Diese Kräfte des vierten Zeitraumes gingen wieder mit aller Lebendigkeit hin nach der geistigen Welt. Sie ist da! So erschien es Luther auf der einen Seite. Sie ist da, man darf nicht unterlassen, im Menschen das Bewußtsein zu erwecken, daß diese geistige Welt vorhanden ist. Aber man darf sich auf der anderen Seite keiner Täuschung darüber hingeben: in der Menschheit, die nun das nächste Zeitalter ausfüllen wird, wird ein unmittelbares Bewußtsein von der geistigen Welt nicht vorhanden sein können, diese Menschheit wird sich nur ihrer Sinne bedienen können. Während die Entscheidungen früherer Zeiten ein Wissen von dem Göttlich-Geistigen in unmittelbarem Aufblick, in an Erfahrung gewonnenem Aufblick zur geistigen Welt gegeben hatten, konnte Luther der nunmehr kommenden Menschheit nichts anderes sagen als: Wenn ihr also werdet aufblicken wollen zur geistigen Welt, so werdet ihr nichts finden, denn diese Fähigkeit ist hingeschwunden; wollt ihr jedoch fest sein im Bewußtsein der geistigen Welt, dann müßt ihr vor allem die sicherste Urkunde nehmen, in der noch das unmittelbare Wissen von der geistigen Welt eingeschlossen ist, das in diesem Zeitalter nicht mehr gegeben werden kann. — Ein älteres Zeitalter konnte immer noch sagen: hier das Evangelium — hier aber die Möglichkeit, unmittelbar in die geistigen Welten aufzusehen. Die letztere Möglichkeit fiel für das fünfte nachatlantische Zeitalter fort. Also blieb nur das Evangelium.
[ 12 ] Sie sehen, Luther sprach aus dem Geiste des fünften nachatlantischen Zeitalters heraus, aber er sprach so aus dem Geiste dieses Zeitalters heraus, wie es einem Menschen ums Herz war, der zugleich ein Sohn des vierten nachatlantischen Zeitraumes war, der durch das Mittel, das aus dem vierten Zeitraume geblieben ist, die Menschen hinweisen wollte nach dem, wozu sie in ihrer Entwickelung im fünften Zeitalter nicht mehr kommen konnten. Das ist etwas, was aus der Zeit heraus zu verstehen ist, daß Luther das Evangelium als alleinige Urkunde für die geistige Welt hinstellte am Ausgangspunkte eines Zeitalters, dem die unmittelbare Einsicht in die geistige Welt verschlossen war. Daher wollte er — wenn das auch alles in seinem Bewußtsein, wie ich es jetzt ausspreche, nicht so vorhanden war, aber darauf kommt es nicht an —, zur besonderen Stärkung der Menschheit, die da nun kommen sollte, gerade das Evangelium betonen.
[ 13 ] Nun sehen wir auf einem anderen Gebiete in das dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte Jahrhundert zurück. Ich beschäftige mich jetzt gerade wieder — dadurch traten mir in diesen Tagen diese Dinge besonders vor die Seele — mit einer Charakteristik des Christian Rosenkreutz und der «Chymischen Hochzeit» von Johann Valentin Andreae. Wenn man, veranlaßt durch diese literarische Erscheinung, den Blick auf das dreizehnte, vierzehnte, fünfzehnte Jahrhundert hinlenkt, so sieht man, wenn man auf die Menschen des damaligen Zeitalters blickt, die sich mit Wissenschaft beschäftigen: Wissenschaft von der Natur war im besten Sinne des Wortes Alchimie. Was heute ein Naturforscher ist, war damals ein Alchimist. Man muß nur allen Aberglauben und Schwindel besonders von dem Worte Alchimie freihalten, um zu dem innerlichen, rein geistigen Sinn des Wesens der Alchimie zu kommen. Was wollten diese Forscher? Sie wollten nichts anderes, als daß, ihrer Überzeugung nach, hinter den Naturkräften nicht nur jene Kräfte leben, die man durch die äußere Beobachtung und durch das äußere Experiment findet, sondern daß in der Natur übersinnliche Kräfte walten, daß die Natur zwar «natürlich» ist, daß aber in ihr dennoch übersinnliche Kräfte wirken. Diese Menschen waren sich darüber klar worauf schon ein späteres Zeitalter wieder kommen wird, heute sind diese Dinge nur sehr verborgen —, daß die äußere Erscheinungsform zum Beispiel eines Metalles nicht ein so festes Gefüge ist, als daß sie nicht in ein anderes übergeben könnte. Nur sahen sie den Übergang als geistgetragen an, als Wirkung des Geistes in die Natur hinein. Sie waren imstande, jene alchimistischen Vorgänge zu veranlassen, die einen heutigen Naturforscher in großes Erstaunen versetzen würden, wenn man sie ihm wieder vor Augen führen könnte. Aber diese Vorgänge waren veranlaßt durch das Handhaben geistiger Kräfte. Daß im materiellen Dasein wirklich geistige Kräfte walten, war auch etwas, was mit dem Wissen dieser früheren Zeit zusammenhing.
[ 14 ] Das sollte nun ebenfalls dem fünften nachatlantischen Zeitalter verlorengehen und ist ihm auch verlorengegangen. Aber das hat sein Spiegelbild in der religiösen Weltauffassung. Weil das so ist, deshalb konnten das dreizehnte Jahrhundert und die früheren, auch noch das vierzehnte Jahrhundert, eine andere Sakramentenlehre haben als die folgenden Jahrhunderte. Für die folgenden verlor der Glaube allen Sinn, daß in der Materie, wenn sie sakramental behandelt wird, geistige Kräfte unmittelbar wirksam sind. Das stand ganz lebendig, wenn auch nicht im vollen Bewußtsein, vor Luthers Seele. Dadurch wurde die Sakramentenlehre etwas ganz anderes. Die katholische Sakramentenlehre ist ja heute noch etwas anderes, wie zum Beispiel beim Altarsakrament, wo wirklich Brot und Wein in Fleisch und Blut durch einen geheimnisvollen Vorgang verwandelt werden. Wer jemals mit katholischen Theologen über eine solche Frage diskutiert hat, der hat oft, gegenüber dem modernen Einwand, diesen hören können: Wenn ihr das nicht versteht, so versteht ihr überhaupt nichts von der Substanzenlehre des Aristoteles. — Dennoch aber muß man sagen: für das fünfte nachatlantische Zeitalter ist kein rechter Sinn mehr zu verbinden mit einer wirklichen Verwandelung, mit einer wirklichen Alchimie. Daher ist dieser Vorgang herausgehoben aus dem materiellen Dasein. Man empfängt heute Brot und Wein, aber sie verwandeln sich nicht; indem man sie empfängt, geht das Göttlich-Geistige der Christus-Wesenheit in einen über. Diese Metamorphose des Sakramentbegriffes hängt wieder zusammen mit der Fortentwickelung der Menschheit aus dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Und Luther muß aus beiden heraus reden. Er will der menschlichen Seele noch dieselbe Stärkung geben, die sie erhalten hat unter dem Eindruck der ehemaligen Geistlehre, aber er kann sie ihr nur dadurch geben, daß er diese Geistlehre vor der modernen Wissenschaft bewahrt, daß er gewissermaßen die moderne Wissenschaft gar nicht an diese Geistlehre heranläßt. Denn die moderne Wissenschaft würde nie und nimmermehr in dem Materiellen ein Geistiges erkennen. Daher hebt Luther von vornherein das Geistige weg von den materiellen Vorgängen, läßt den materiellen Vorgang, wenn auch noch nicht Symbol, so aber doch nur materiellen Vorgang sein. Diese Dinge werden heute kaum in richtiger Weise verstanden; es muß aber gerade durch die Geisteswissenschaft wieder von ihnen gesprochen werden.
[ 15 ] Nun stellen wir uns vor, daß Luther den Blick hinrichtete — wenn auch nicht im vollen Bewußtsein — auf diese ganze mehr als zwei Jahrtausende währende Zeit, die abgeflossen sein sollte im normalen Leben der Menschen, wenn auch die Menschen im abnormen Leben durch besondere Übungen von der geistigen Welt wieder etwas erfahren konnten. Für dieses Zeitalter hatte er zu sprechen. Die historische Persönlichkeit darf niemals in einem absoluten Sinne genommen werden, sondern sie muß in ihren Aussprüchen, in ihren Lehren genommen werden als ihrem Zeitalter Ausdruck gebend. Für die Menschen seines Zeitalters hatte er zu sprechen. Diese Menschen haben aber wirklich etwas verloren. Was haben sie verloren?
[ 16 ] Sie haben die Möglichkeit verloren, aus der eigenen Kraft der menschlichen Erkenntnis, wie sie sich ganz besonders im fünften nachatlantischen Kulturzeitraum ausprägt, die Seele so zu erkraften, daß sie in die geistige Welt hinaussieht, eigene geistige Erkenntnisse hat. Erkennen durch die unmittelbare Initiative ist nichts Normales für die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters. Freiheit, freier Wille, unmittelbares Herauswirken aus der tiefsten Kraft der Seele von jenem Orte der Seele her, wo diese unmittelbar mit dem Göttlichen verbunden ist: die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters können sich dieser Freiheit im unmittelbaren normalen Leben, eben im Leben der gewöhnlichen Außenwelt, nicht bewußt werden. Freiheit ist Theorie, Erkenntnis ist Theorie. Im weiteren Verfolg hat dieses fünfte nachatlantische Zeitalter in zahlreichen Fällen die Lehre von den Erkenntnisgrenzen aufgestellt. Aber von den Grenzen der Erkenntnis im Sinne Kants oder Da Bois-Reymonds zu sprechen, wäre selbst für die Skeptiker der alten Zeit ein Unsinn gewesen. Absolute, ewige Bedeutung, sagte ich schon, soll man den Aussprüchen einer solchen historischen Persönlichkeit nicht beilegen. Aber diese Aussprüche sind Ausdruck für die Zeit. Im christlichen Sinne faßt Luther das auf, was ihm an dem Menschen als das vorzüglichste Charakteristikon der Menschheit des fünften nachatlantischen Zeitalters entgegentrat. Es war im christlichen, besser gesagt, im biblischen Sinne aufgefaßt die unmittelbare Wirkung der Erbsünde. Diese unmittelbare Wirkung der Erbsünde besteht darin, das ist das Charakteristische, daß die Menschen dieses Zeitalters durch ihre eigene Natur sich weder zur Erkenntnis des Göttlichen, noch auch zur Freiheit erheben können. Indem Luther also sagte, die Menschen seien durch die Erbsünde so verdorben, daß sie durch ihre eigene Natur sich über die Sünde nicht emporarbeiten können, sprach er eine Wahrheit für das fünfte nachatlantische Zeitalter aus. Und keine Kraft des Menschen hängt so sehr mit der unmittelbaren menschlichen Wesenheit zusammen, als diejenige Kraft, welche im menschlichen Willen sich äußert, in demjenigen sich äußert, was der Mensch tut. Was er tut, entspringt ganz aus dem Zentrum seines Wesens. Was er weiß, woran er glaubt, das hat er viel mehr mit der Umgebung, mit seinem Zeitalter und dergleichen, gemein. Im fünften nachatlantischen, im materialistischen, naturwissenschaftlichen Zeitalter ist es dem Menschen nicht möglich, aus seiner eigenen Wesenheit heraus Handlungen zu vollführen, die geistdurchdrungen sind. Das ist gerade das Wesentliche dieses Zeitalters — im sechsten nachatlantischen Zeitraum wird es wieder anders sein —, daß der Mensch in seiner ganzen Wesenheit herausgestellt ist aus dem Zusammenhange mit dem Geistigen. Auch dies durchdrang Luther. Aber der Mensch durfte nicht wesenhaftig herausgerissen sein. Mit dem, was er nun an sich ist, was er als der: in der Sinneswelt stehende Mensch tut und will, kann er nicht mit dem Göttlichen zusammenhängen. Er kann mit dem Göttlichen nur dann zusammenhängen, wenn er diesen Zusammenhang mit dem Göttlichen mit seinem äußeren Sinnensein in gar keinem Zusammenhang denkt. Dies ist der Ursprung der Lehre von der Heiligung durch den bloßen Glauben. Für einen echten Menschen des vierten nachatlantischen Zeitalters hätte diese Heiligung durch den bloßen Glauben gar keinen Sinn gehabt. Man hätte einen alten Griechen oder einen alten Römer kommen lassen sollen und sagen, daß er seinen Wert vor den höchsten Mächten des Daseins nicht durch das erwirbt, was er tut, was er in der Welt veranlaßt, sondern allein durch die Art und Weise, wie seine Seele sich zur geistigen Welt bekennt; er hätte es für einen völligen Unsinn gehalten. Für einen Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters ist es kein solcher Unsinn, denn er muß, wenn er sich auf das verläßt, was er durch die Welt ist, in der Tat nur ein Weltenmensch sein. Er muß immer mehr und mehr darauf kommen, daß er nur an der höchsten Spitze der Tierreihe steht. Daher muß er etwas, womit er gar nicht zusammenhängt, so wie er in der Welt drinnen steht, zum Bande machen mit der geistigen Welt: nämlich den bloßen Glauben. Es ist nicht möglich, daß dasjenige, was Luther seiner und der Folgezeit Luthers aufgeprägt hat, die alleinige Geistesströmung blieb.
[ 17 ] So kann man zum Beispiel fragen: Wer ist heute Lutheraner? Eigentlich sind alle Menschen Lutheraner! Alle Menschen, insofern sie durchdrungen sind von dem Wesen des fünften nachatlantischen Zeitalters. Wer wirklich einen Sinn hat für den Unterschied, der gewissen feineren Begriffen in der Auffassung der Welt zugrunde liegen kann, der merkt, welche gewaltige Differenz besteht zwischen einem heutigen katholischen Theologen und einem solchen des dreizehnten oder des vierzehnten Jahrhunderts. Warum ist das? Weil der heutige katholische Theologe in Wahrheit auch Lutheraner ist. Er hat denselben Impuls in sich. Man hat nur heute oftmals nicht viel Gefühl für die innere Wahrheit einer Sache, man hat viel mehr Gefühl für die Scheinvignette, die man dem Menschen anheftet. Daß jemand durch Familien- oder andere Zusammenhänge als Katholik oder als Protestant in die Kirchenregister eingetragen ist, ist ja nur eine äußere Charakteristik; was den Menschen innerlich charakterisiert, ist doch etwas ganz anderes. In gewisser Beziehung sind die Menschen, die heute mit ihrem Zeitalter mitgehen, die im Sinne ihres Zeitalters sich anregen lassen, durchaus innerlich Lutheraner, weil Luther das Leben seines Zeitalters — von dem Gesichtspunkte aus, den ich berührt habe — ausgesprochen hat. Er konnte es deshalb besonders aussprechen, weil in ihm der genannte charakterisierte Zwiespalt lebte, weil er auf der einen Seite den Eindruck hatte: Was ist diese Menschheit, die da kommt? — Und weil er auf der anderen Seite den Impuls hatte, mit allen in ihm lebenden Kräften zu den Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters zu sprechen, mit all den Kräften, die er erhalten wollte im Sinne des vierten nachatlantischen Zeitraumes.
[ 18 ] Das aber war wieder die höhere Einheit, die Synthesis, daß er zu Menschen, welche den Verhältnissen des fünften nachatlantischen Zeitraumes ausgesetzt sind, so sprach, daß er gleichsam aus deren Seelen heraus sprach. Er prägte die Worte, er faßte die Vorstellungen, die aus diesen Seelen der Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraumes sich ergeben, aber er sprach so, daß alles zugleich durchdrungen sein sollte von der Absicht, dasjenige zu erhalten, was im vierten nachatlantischen Zeitraume vorhanden war. Das ist die höhere Einheit. Als einzige Geistesströmung aber konnte das für diesen fünften Zeitraum allerdings nicht bleiben, sonst würde sich der sechste Zeitraum nicht in diesem fünften vorbereiten.
[ 19 ] So sehen wir denn, während in der angedeuteten Weise das Luthertum ganz besonders die Impulse dieses fünften Zeitraumes trifft, daß auf der anderen Seite andere Strömungen sich geltend machen. Für uns ist die wichtigste die, welche in der deutschen Klassik heraufkommt: von Lessing zu Herder — den man auch dazuzählen kann —, Schiller, Goethe und anderen. Wir haben dabei die merkwürdige Erscheinung, daß wir in Kant einen ganz lutherischen Philosophen haben; denn bis in die intimste Intimität seiner Begriffe hinein ist Kant lutherisch. Schiller möchte gerne Kantianer sein, kann es aber nicht; denn es gibt philosophisch nichts, was so aus dem bloßen Luthertum herausstrebt wie zum Beispiel Schillers «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Diese Briefe — sie sind heute nur viel zu wenig gewürdigt — bilden gewissermaßen einen Höhepunkt der anderen Strömung, wie wiederum ein Höhepunkt der anderen Strömung Goethes «Faust» ist, mit einem Protest, der sich darin ausspricht, nicht bloß die Bibel, sondern die Natur zu nehmen und so die Menschenseele durch eigene Erkraftung den Weg in die geistige Welt nehmen zu lassen. Die Schlußszenen des «Faust» stehen daher im vollen Gegensatz zum Luthertum. Nur die künstliche Konstruktion würde Schillers ästhetische Briefe, Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», oder die Schlußszenen des «Faust» in eine verwandtschaftliche Beziehung zum Luthertum bringen. Das strebt wieder durch innere Opposition gegen das Naturwissenschaftliche, die menschliche Seele so zu erkraften, daß diese durch ihre eigenen Kräfte den Zusammenhang mit der geistigen Welt finden kann. Daher setzt das sechzehnte Jahrhundert den gewaltigen Vorstellungen, die sich an Luther anknüpfen, die anderen Vorstellungen entgegen, die damals noch nicht aufkommen können, die dann gewissermaßen noch als den Gegensatz des Guten repräsentierend da sind, setzt die Vorstellungen vom «Faust» hin. Luther hat die Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters ins Auge gefaßt: diese Menschheit, die den Teufel nicht anerkennen will, den Luther so gut kannte, aber die ganz besessen ist von der ahrimanischen Dämonie, also von dem, was Luther den Teufel nennt. Luther hat diese Menschheit vor sich, und es ist eigentlich nicht sonderbar, daß jemand, der sich heute wiederum intimer mit Luther befaßt hat, gerade darauf einen so großen Wert legt, daß Luther in so unmittelbarer Weise die geistige Welt mit dem teuflischen Inhalt kannte.
[ 20 ] Interessant ist es allerdings, daß die Persönlichkeit, die nun, ich möchte sagen, geradezu danach lechzt, die Menschen sollten nur den Teufel wieder kennenlernen, der sie ja immer am Kragen hat, besonders wenn sie die Welt nur naturalistisch auffassen, aber den sie nicht kennen, interessant ist es, daß nach der Art des Paradieses-Geschehnisses diese Persönlichkeit, welche diese neuere Sehnsucht nach dem Teufel hat, eine Frau ist: Ricarda Huch. Ihr Buch über Luther drückt geradezu die Sehnsucht aus: möchten doch die Menschen wieder eine Erfahrung von dem Teufel haben, denn dadurch würden sie zurückkommen zu dem Gottesbewußtsein. Und in diesem, was sie so durchdringt, empfindet sie sogar diese Sehnsucht nach dem Teufel. Einmal drückt sie diese Sehnsucht nach dem Teufel sogar recht lebhaft aus in ihrem Buche «Luthers Glaube», Insel-Verlag, 1916, Seite 44:
[ 21 ] «Ein Werk wie Burckhardts Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber Du, Geliebter», das ganze Buch ist in Form von Briefen an einen Freund abgefaßt, «wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für Dich allein Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich’ auf Dich verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo Du mir zuhörst, beendet.»
[ 22 ] Es ist der Schrei nach dem Teufel von Ricarda Huch, den man in dem Unterbewußtsein der Menschheit vernimmt, und sie möchte, daß dieser Schrei wirke. Wer da weiß, daß an jedem Laboratoriumstisch, in jeder Maschine, kurz in den wichtigsten Kulturmilieus der neueren Zeit der wirkliche Teufel verborgen ist und mitwirkt — ich sage das unumwunden —, der kann schon Ricarda Huch verstehen; denn weit besser wäre es für die Menschen, wenn sie wüßten, daß der Teufel da ist, während er sie ja doch am Kragen hat, und das Völkchen es nur nicht merkt.
[ 23 ] In Luthers Bewußtsein lebte der Teufel noch, und er lebte deshalb gerade so, weil Luther wie ein Mensch des vierten nachatlantischen Zeitalters die geistige Welt noch empfand. Und er lebte in seinen Worten noch deshalb, weil er ihn hinstellen wollte für die Menschen des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, die wohl von ihm besessen sind, aber nichts von ihm wissen. Eine andere Empfindung mußte Luther gegenüber dem Teufel bei den Menschen erzeugen als Faust sie hatte, der sich ja dem Teufel verschrieb, der gerade seine Erkenntnisse und seine Macht durch den Teufel gewinnen wollte. Das lehnt zunächst das sechzehnte Jahrhundert ab; Faust muß den negativen Mächten der Welt verfallen. Goethe, auch schon Lessing, sie protestieren ganz mächtig dagegen. Warum? Gewiß, Lessing wie auch Goethe haben den eigentlichen Nerv ihres Verhältnisses zum Faust nicht ausgesprochen. Darüber ist es ja schon möglich, heute offener zu sprechen, als zu Lessings und Goethes Zeit gesprochen werden konnte, obwohl gerade der Eingeweihte seinen Mitmenschen andere Dinge mitteilen wollte; allein sie würden ihn zerreißen, wenn er sie ihnen mitteilte.
[ 24 ] Sehen wir einmal in die Seele Goethes hinein, wie sie sich zum Faust stellte. Goethe hatte ja auch seine Empfindung von den Menschen des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes. Er wußte von den intimen Beziehungen der Menschen dieses Zeitraumes zum Teufel; denn der Teufel, die ahrimanischen Mächte, sind immer da, wenn man nur das Bewußtsein auf die Materie beschränkt. Das bedeutet für sie das Tor, durch das sie Einlaß finden. Wird das Bewußtsein auf die Materie beschränkt, wird es ganz ins Unternormale hinuntergedrängt, wird ein organisch-dämmerhaftes Bewußtsein erzeugt, oder ein aufgeregtes, wo der Mensch ganz der Materie hingegeben ist, oder ein närrisches Bewußtsein, dann hat Ahriman erst recht den Zugang zu ihm. Goethe aber weiß, daß im allgemeinen die ahrimanischen Mächte da sind. Seiner ganzen Natur nach kann er aber die ahrimanischen Mächte nicht als das hinstellen, was man zu scheuen hätte oder was man abzuweisen hätte. Er kann ihnen gegenüber nicht bloß auf den im äußeren materiellen Dasein lebenden Glauben Rücksicht nehmen. Nein, er muß das, was er für seinen Faust erreichen will, aus dem lebendigen Umgang mit dem Teufel herausholen; das heißt, der Teufel muß seine Kraft hergeben, er muß besiegt werden. Das ist dem Kampf des Faust mit dem Teufel, mit den ahrimanischen bösen Geistern, mit Mephistopheles zugrunde liegend.
[ 25 ] Wir haben dann Schiller, der Kantianer sein möchte, und es nicht kann, und der in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» unterscheidet in dem Menschen zwischen dem bloßen Trieb, der, im Sinne des Luthertums, aus der sinnlichen Natur kommt, und dem sich durch die Sinnlichkeit offenbarenden Geist. Wenn man ehrlich Lutheraner sein soll, würde man sagen: Der Mensch ist diesem Trieb verfallen, er kann sich nicht aus eigener Kraft aus sich erheben. Aus diesem Triebe sich erheben kann er nur durch den Glauben, und dann kann er sich durch den außer ihm befindlichen Christus als gereinigt und erlöst betrachten. — Schiller sagt: Nein, das andere ist noch in dem Menschen, der Trieb der Freiheit, die Kraft der Geistigkeit, die imstande sind, im Menschen den bloßen Trieb der Notdurft, den Trieb der Sinnlichkeit zu veredeln. — Und Schiller unterscheidet daher die durch den Geist veredelte Sinnlichkeit und den durch die Sinnlichkeit offenbar werdenden Geist, indem er den Menschen hinstellt, der zwar durch die Materie abgetrennt ist vom geistigen Dasein, der aber durch die Umwandelung, durch die innere Alchimie der Materie, das heißt des Sinnendaseins, zum Geiste hinstrebt.
[ 26 ] Goethe stellt in äußerer dramatischer Form diese Überwindung der im äußeren Sinnessein wirkenden ahrimanischen Mächte dar. Oh, es tut einem in der Seele weh, wenn man das Große sieht, das in der abendländischen Kultur hervorgegangen ist aus Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung, was hätte hervorgehen können — wenn es auch bis jetzt nicht so hervorgegangen ist, wie es hätte können — aus den großen Impulsen, die in Goethes «Faust» liegen. Wenn man die Anregungen zur Spiritualität ins Auge faßt, welche darin liegen, wenn man sie voll kennt — und wenn man dann sehen muß, wie unsere Zeitgenossen die Schulung ihrer Spiritualität immer wieder und wieder in den abgeschmacktesten amerikanischen Harmonien mit dem Weltenall und ähnlichem solchem Zeug gesucht haben! Man bekommt solchen Weltschmerz! Ich muß immer wieder die wahre Geschichte erzählen, daß ein Wiener — Deinhardt hieß er — ein wunderschönes Büchelchen über Schillers ästhetische Briefe geschrieben hat, in welchem er die unendlich schönen Perspektiven auseinanderlegte, die daraus hätten berücksichtigt werden können. Ich glaube nicht, daß irgend jemand ihn heute kennt. Denn er hatte einmal das Unglück, auf der Straße hinzufallen und ein Bein zu brechen, und als der Arzt dann kam und ihn untersuchte, sagte er, daß er nicht wieder aufkommen könnte, weil er zu schlecht ernährt sei. So starb er. Aber in diesem Büchelchen von Deinhardt, dem Wiener, haben wir einen der tiefsten Impulse, die aus der abendländischen Kultur hervorgegangen sind. Man sollte sich nur anschauen, was in der abendländischen Kultur geblüht hat, und man würde nicht als alberne Phrase den Satz hinstellen: Den besten Mann an den besten Platz, — wenn man sich vermöge seiner eigenen Bildung zu der Ansicht erheben kann, daß der Neffe oder der Cousin der beste Mann am besten Platze ist. Immer wieder und wieder hört man heute die Phrase: Die Menschen gibt es nicht, um diesen oder jenen Platz auszufüllen. — Nein, die Menschen gibt es nicht, die zu suchen verstehen! Aber zu suchen ist nur möglich, wenn die Seele sich erkrafter und sich durchtränkt mit dem, was aus dem Großen unseres Geisteslebens fließt. Und dieses Große will nicht nur abstrakte Begriffe liefern, es liefert die Impulse, um die Seele zu spiritualisieren und sie in ihrer Entwickelung dahin zu führen, wo Goethe hineilt — wenn auch in bildhaft-dramatischer Art — in den Schlußszenen seines «Faust». Nicht alte Dinge aufzubewahren, liegt im Sinne unserer Zeit, sondern die Synthesis zu suchen, die am schönsten zutage tritt in der Goethe-Schiller-Lessingschen Klassik.
[ 27 ] Auf dies wollte ich auch noch hinweisen, wie Lessing, wie Goethe, wie Schiller in der neueren Kulturentwickelung, von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, drinnen stehen, und gerade dadurch versteht man das, was Luther ihnen vorangehend war, um so besser. Eine Persönlichkeit, wie die Luthers war, lernt man dann erst recht erkennen, wenn man einsieht, aus welchen Tiefen heraus sie sprach, und was in den Tiefen ihrer Seele lebte. Das wollte ich gerade in dieser Zeit hinstellen. Ich glaube schon: wenn Sie diese Gedanken nun nehmen und an das herantreten, was Ihnen gerade in dieser unserer Zeit von Luther ausgehend so mächtig entgegentreten kann, Sie werden vieles bei Luther finden, durch sich selbst finden, was ich natürlich hier nicht im einzelnen ausführen kann, was jeder auch bei Luther selber finden muß. Dann, meine ich, kann gerade für unsere so schwere Zeit die Versenkung in Luther wieder den Ausgangspunkt einer Vertiefung durch Luther werden. Denn vielleicht ist keine Kraft so geeignet, auf das mächtige Kolorit des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes hinzuweisen, wie Luther, weil er eben ganz aus dem Geiste dieses fünften Zeitraumes heraus sprach, aber seine Worte fand aus dem Geiste des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes heraus.
[ 28 ] Allen Dingen und allen Vorgängen gegenüber, die uns in der Geschichte entgegentreten, sollten wir die Notwendigkeit empfinden, gewissermaßen die Geschichte umzudenken. Wir sollten empfinden, wie unsere heutige schwierige Zeit, die der Menschheit solches Elend gebracht hat, schon karmisch zusammenhängt mit verkehrtem, oberflächlichem Denken, und wie das, was wir heute so grauenhaft erleben, vielfach das Karma des Materialismus ist. Wir sollten den Willen in uns entwickeln, geschichtlich umzudenken. Ich habe es schon oft betont, was uns heute als Geschichte geboten wird, in den untersten Schulen wie auf den Mittelschulen und auf den Universitäten — vielleicht auf den letzteren am allermeisten —, das ist eine Legende, die deshalb so verderblich ist, weil sie keine sein will, weil sie äußere sinnliche Wahrheit geben will. Würde man nur einmal die wahre Gestalt der Vorgänge des neunzehnten Jahrhunderts — nur einmal des neunzehnten! — an die Stelle der legendarischen Geschichten setzen, es würde etwas ungemein Wohltätiges den Menschen angediehen werden. Gerade über die Auffassung der Geschichte sagt einmal Herman Grimm, er sehe eine Zeit voraus, in welcher alle die, welche als Größen des neunzehnten Jahrhunderts angesehen werden, nicht mehr als solche Größen angesehen werden, sondern ganz andere, die aus dem Dämmerdunkel der Zeit treten werden. — Gerade die Geschichte ist so hergerichtet, daß so, wie sie im Laufe der Zeit geworden ist, heute zu ihrer Beurteilung eine Umwandlung der Menschenseele nötig ist, eine Umwandlung bis in die tiefsten Wurzeln ihres Wesens herein. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich das immer wieder und wieder betont, aber man kann es nicht oft genug sagen, denn alles, was die Menschen heute an Vorstellungen haben, entsteht durch solche oberflächliche Ansicht, daß diese Vorstellungen gar nicht die Kraft haben, die entfaltet werden muß, wenn der Mensch aus seinem Vorstellen heraus in das eingreifen soll, was im sozialen Zusammenleben der Menschen auftritt. Die kurzsichtigen, die stumpfen, die dämmerhaften Begriffe der Menschen führen heute Krieg. Und die Menschen, welche gegeneinander kämpfen, sind vielfach nur die Puppen für die dämmerhaften, kurzsichtigen, stumpfen Begriffe. Aber man muß sich ein Wahrnehmungsvermögen für das Kurzsichtige aneignen. Das ist nötig. Und wenn die Geisteswissenschaft es vermöchte — und man möchte es gerade wünschen —, daß sie die Menschen aufrüttelt, um hineinzuschauen in die tiefen Impulse, die unter der Oberfläche des gewöhnlichen Lebens liegen, die man aber heute nicht sehen will, dann würde das erreicht werden, was heute in zahlreichen Deklamationen von Völkerfreiheiten, von internationalen Schiedsgerichten wimmelt und Wort bleibt, weil es ganz gleich ist, was man begründet, solange die Dinge so aufgefaßt werden, wie sie die heutige Zeit eben auffaßt. Ganz gleichgültig ist es, was man begründet, ob auf Krieg oder Frieden oder sonst etwas hin. Notwendig ist es, daß unsere Vorstellungen herausgeführt werden aus der Oberflächlichkeit des heutigen Tageslebens in die Tiefen der Dinge hinein. Hören möchte man, wie in dieser Zeit der Luther-Episteln den Menschen dargestellt werden möchte, daß in Luther nicht nur der Mann gesprochen hat, sondern auch der Charakter der Zeit, die mit dem achten Jahrhundert vor Christi anfing und mit dem fünfzehnten Jahrhundert aufhörte, und wie dies in ihm zusammentönte mit dem Charakter des anderen Zeitraumes, der im vierzehnten Jahrhundert beginnt und von da ab etwa 2100 Jahre dauert.
[ 29 ] Dadurch ist eine Persönlichkeit eine historische, daß dasjenige, was wir aus der Hierarchie der geistigen Wesenheiten die Archai, die Zeitgeister nennen, aus dieser Persönlichkeit spricht, so daß diese Persönlichkeit hinwegführt zu der Sprache des Zeitgeistes. So etwas einzusehen, ist wahrhaftig nötig bei einer Darstellung, die an die Betrachtung Luthers herankommen will.
