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Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176

11 September 1917, Berlin

Das Karma des Materialismus VII

[ 1 ] Ich sagte schon, daß ich Ergänzungen zu den verschiedenen Betrachtungen, die im Laufe dieses Winters hier angestellt worden sind, in diesen Sommerabenden hier vorbringen will. Einiges namentlich, das Ihnen von einer gewissen Seite her das schon Vorgebrachte in einer besonderen Weise ergänzen wird, glaube ich heute und dann wohl ein letztes Mal am nächsten Dienstag hier zu entwickeln.

[ 2 ] Wenn man geisteswissenschaftlich die Entwickelung der Menschheit betrachtet, so bekommt man, wie Sie wissen, eine Anschauung über diese Entwickelung, die in vieler Beziehung recht sehr von dem abweicht, was die bloße Naturwissenschaft feststellen kann. Namentlich über die Entwickelung der Menschenseele selbst, oder besser gesagt, der Menschenseelen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende, bekommt man durch die Geisteswissenschaft eine andere Anschauung als durch die bloße naturwissenschaftliche Betrachtung. Nicht nur daß, wenn wir in ältere Zeiten zurückblicken, ein altes atavistisches Hellsehen vorhanden war, wie uns ja bekannt ist, welches in ganz anderer Weise ein Bewußtsein im Menschen erzeugte, als das heutige Bewußtsein ist, wie ich es Ihnen das letzte Mal ausführte, sondern es ist so, daß weit in spätere Zeiten herein, in spätere Jahrhunderte herein, Reste vom alten Hellsehen viel reicher vorhanden waren, als man sich auch nur vorstellt. Namentlich muß man nicht außer acht lassen, daß bis ins vierzehnte, fünfzehnte, sechzehnte und auch noch siebzehnte Jahrhundert — wenn auch abgeschwächt, herabgelähmt — über den größten Teil der Erde hin bei den Menschen zwar nicht ausgesprochenes atavistisches Hellsehen, aber deutlich in seinen Nachwirkungen sich zeigendes atavistisches Hellsehen vorhanden war. Und ich habe ja in früheren Betrachtungen ausgeführt, daß bis zum heutigen Tage bei vielen Menschen durchaus atavistisches Hellsehen vorhanden ist, daß man das nur nicht weiß, weil die Menschen heute sich genieren, vor den meisten ihrer Mitmenschen zu gestehen, wie in ihr Bewußtsein hereingetreten sind Offenbarungen von geistigen Welten in der Art, wie wir dies das letzte Mal kennengelernt haben. Es ist doch ein großer Unterschied zwischen dem, was die Menschenseelen bis ins sechzehnte, siebzehnte Jahrhundert herein erleben, und demjenigen, was die Seelen in späteren Zeiten bis in unsere Tage herein von der geistigen Welt unmittelbar erleben können. Im siebzehnten Jahrhundert gibt es viele Menschen, die nicht die Gegenstände des hellseherischen Schauens so unmittelbar würden beschreiben können, daß sie sagen würden: Ich habe diese geistige Wesenheit gesehen, habe jene geistige Wesenheit gesehen, — weil ihre Bewußtseinskraft nicht stark genug war, wenn solche geistige Wesenheiten vor sie hintraten, um sie wirklich auch aufzufassen, in die Vorstellungskraft hereinzubringen. Die Bewußtseinskräfte waren herabgedämpft, aber trotzdem war es für jene Zeit noch so, daß sich die Wesenheiten der geistigen Welt viel mehr, als man dies heute ahnt, für die Menschen in ihr Wollen, Fühlen und Vorstellen hereinbegaben. In unserer Zeit ist es ja für den, der in das Schauen der geistigen Welt und in die Eigentümlichkeit dessen, was dort geschaut wird, eingeweiht ist, wirklich recht schwer, in ganz unbefangener Weise zu seinen Mitmenschen zu sprechen. Denn die Zeitgenossen würden, wie ich oft ausgeführt habe, einen viel zu starken Schock empfangen, wenn man gewisse, auch nur elementare Verhältnisse über die Erkenntnis des Menschen zur geistigen Welt darstellen würde. Denn mit so vielem, was die Menschen heute aus ihrem Materialismus heraus glauben, steht es so, daß der Eingeweihte aus seiner Erkenntnis der geistigen Welt heraus das Gegenteil davon sagen muß. Das gibt natürlich alle möglichen Kollisionen mit dem, was die Zeitgenossen über irgend etwas aus ihrem materialistischen Empfinden heraus als eine Wahrheit annehmen.

[ 3 ] So war es noch nicht im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten, nicht einmal im siebzehnten Jahrhundert. Es kommt davon her, daß vieles von dem, was heute als Literatur vorhanden ist, aus der Zeit des vierzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts, ganz falsch aufgefaßt wird, wirklich falsch aufgefaßt wird. Nicht nur, daß man glaubt, man wisse die Sachen anders und besser als jene Leute, sondern ihre ganze Art, sich zum Leben zu stellen, versteht man nicht mehr. Nun ist es eigentümlich, wie dies zutage tritt.

[ 4 ] Es ist auf der einen Seite, man möchte schon sagen, ein merk würdiges Schauspiel, wenn die modernen Philosophen in ihren Schriften und Vorträgen immer wieder und wieder über die Scholastiker des Mittelalters sich ergehen und sich nicht genug tun können darüber, wie weit sie über all das vorurteilsvolle, aber auch pedantische kleinliche Begriffszeug der Scholastiker hinaus sind. Die Wahrheit ist aber die, daß die modernen Philosophen der Scholastik gegenüber unendlich naiv sind, sie überhaupt ganz falsch verstehen. Denn bedenken Sie: In der Zeit der Scholastiker, während des Thomismus’ und so weiter, war auch der, welcher als Philosoph wirkte, wenn er seine Begriffe in feiner Begriffskunst ausprägte, im Zusammenhange mit der geistigen Welt. Man kann zum Beispiel bei Thomas von Aguino im dreizehnten Jahrhundert nicht sagen, was in seinen Büchern steht, sei auf eine solche Art gewonnen, wie heute Begriffe und Vorstellungen gewonnen werden. Das wäre falsch vorgestellt. Sondern was in seinen Büchern steht, müssen Sie sich so vorstellen, daß ihn fortwährend ein Geist aus der Hierarchie der Angeloi dazu inspiriert, und daß er dasjenige niederschreibt, was aus dem Bewußtsein eines höheren Geistes kommt. In der heutigen Zeit erscheint es für einen Philosophen geradezu als etwas Greuliches, wenn man ihm zumuten wollte, daß er sich nun hinsetzen sollte, warten, bis sein Engel ihn inspiriert, um dann dasjenige niederzuschreiben, was er dadurch der Menschheit sagen kann, daß gewissermaßen sein Engel neben ihm sitzt, und er der Verkündiger und Bote desjenigen ist, was der Engel verkündet, was es als eine höhere Welt gibt, was er für die physische Welt offenbaren läßt durch den Mund eines physischen Menschen. Aber nur auf diese Weise kann man alles Entstehende, alles Werdende begreifen. Und ich sage jetzt etwas außerordentlich Bedeutsames und Wichtiges und wäre sehr glücklich, wenn Sie dieses Wichtige so recht ins Auge fassen würden: Nur auf die Weise, ‚daß man zuhört, geistig, wie das einen inspiriert oder Imaginationen spendet, kann man über Werden, über Entstehen reden. Mit unserem jetzigen Bewußtsein seit dem sechzehnten, siebzehnten, besonders aber seit dem achtzehnten Jahrhundert, hängen wir überhaupt mit dem Werden nicht zusammen. Wir gehen direkt an die Dinge heran, aber was nehmen wir heute in unser Bewußtsein von den Dingen auf? Wir sehen zum Beispiel eine blühende Rose. Niemals aber, in keinem Augenblicke können wir das Werden wirklich sehen; sondern vom Anfange an, von der Keimbildung an, ist es immer das Absterbende, das Vergehende draußen, das wir wahrnehmen. Daß ich die rote Rose von mir aus wahrnehme, hängt damit zusammen, daß ich den vergehenden Teil auffasse. Werdendes kann man nur aufnehmen, wenn man zuhören kann, oder Eindrücke empfangen kann von höheren Wesen. Einzig und allein höhere Wesen, die nicht in einem physischen Leibe in der jetzigen Zeit sich inkarnieren, können das, was an dieser Rose Werdendes ist, wahrnehmen. In dem niedersten Wahrnehmungsgebiete, dem subjektiven Lichte, das fast so dumpf wie das alte Hellsehen war, und, wenn es eintritt, heute noch ist, nehmen wir etwas von dem Werden der Rose wahr; aber nicht wenn wir sie mit dem physischen Auge ansehen, und das Angesehene mit unserem begrifflichen Wesen in unserem Bewußtsein erleben.

[ 5 ] Daraus kann man sehen, daß ein wesentliches Kennzeichen unseres materialistischen Zeitalters dies Ist: daß nur alles, was erstirbt, was vergeht, für das materialistische Zeitalter ins Bewußtsein herein zu bekommen ist. Das war eben noch nicht so zum Beispiel in der Scholastikerzeit, auch sogar noch nicht einmal so im siebzehnten Jahrhundert.

[ 6 ] Im siebzehnten Jahrhundert lebte in England ein wenig bekannter Philosoph, Henry More. Dieser Mann, der im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, im Jahre 1614, geboren ist, muß uns, wenn wir sein äußeres Leben betrachten, einfach wie der leibhaftige Beweis dafür erscheinen, daß die Menschen ihre Individualität nicht durch Vererbung ausbilden, sondern dadurch, daß sie die Eigenschaften, die nicht in ihren Eltern und Voreltern allein liegen, die Eigenschaften ihres vorigen Erdenlebens mitbringen. Die Eltern und Voreltern dieses Henry More waren orthodoxe Calvinisten, und als ganz kleiner Knabe bekämpfte More bereits die starre Prädestinationslehre, Vorbestimmungslehre Zwinglis, wies sie streng ab, ohne daß irgend jemand in seiner Umgebung gewesen wäre, der das Gegenteil dieser starren Vorbestimmungslehre Calvins und Zwinglis behauptet hätte. Aber Henry More hatte noch etwas anderes als Eigentümlichkeit: Wenn man seine Schriften, die sehr interessant sind, studiert, so findet man das Merkwürdige, daß er von der inneren Gegenwart der geistigen Welt im menschlichen Bewußtsein ganz anders spricht, als man dies bei späteren Leuten findet. Er weiß, auch noch als Philosoph des siebzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch dadurch allein, daß er ein fruchtbareres Bewußtsein als das gewöhnliche Bewußtsein für das Sterben der Welt hat, mit dem wirklichen Wesenhaften zusammenkommt, das sich über das Werden, über das Entstehen im inspirierten Bewußtsein ausspricht und dadurch in die Lage kommt, über Werden und Entstehen etwas zu wissen, während man sonst nur etwas wüßte über alles, was innerhalb des Daseins immer mit dem Vergehenden zusammenhängt. Die Nuance des Vergehens nimmt man durch das heutige Bewußtsein überall wahr. Aber ganz ausgesprochen ist es schon bei Henry More nicht, daß er mit geistigen Wesenheiten verkehrt hat. Er konnte den Verkehr mit geistigen Wesenheiten nicht mehr ganz in seine Vorstellungsmasse hereinbekommen. Die Vorstellungsmassen reißen ab. Wie ein Traum, den wir in der Nacht träumen, beim Aufwachen abreißt, so daß wir ihn nicht behalten, sondern ihn wieder vergessen, so konnte er die Vorstellung, daß ihm die geistigen Wesenheiten begegnet waren, nicht ins Bewußtsein hereinbringen. Er hatte nur ein abgedämpftes Bewußtsein davon, daß die geistigen Wesenheiten in seinem Seelischen auflebten; aber die Wirkungen dieser Teilnahme der Seele an der geistigen Welt waren in ihm vorhanden. Sehr interessant ist bei Henry More ein Satz, der uns ja sehr geläufig ist, den wir öfters gehört haben, der Satz: Man muß, wenn man zu einer gewissen höheren Erkenntnis kommen will, lernen, sich selbst als ganzer Mensch so anzusehen, daß man ein Glied eines höheren Organismus ist. Wie der Daumen ein Glied an unserer Hand ist, und wie er sein Dasein verliert, wenn man ihn von der Hand abschneidet, so ist auch der Mensch nichts, wenn er herausgerissen ist aus einem gewissen organischen Zusammenhang mit dem Kosmos; nur daß es beim Daumen auffälliger ist als beim Menschen. Könnte aber der Daumen an unserem Körper spazieren gehen, so würde er sich wohl auch der Illusion hingeben, er wäre ein selbständiger Organismus. Die Erde als solche ist zwar für den Menschen da, aber gleich in der nächstangrenzenden höheren Welt ist der Mensch ein Glied des großen Erdenorganismus, kann sich nicht von ihm losreißen, so wenig wie der Daumen sich von der Hand losreißen kann. Und diesen Satz, den wir oft erwähnen, um im Menschen den törichten Egoismus zu bekämpfen, der eine so große Rolle spielt, finden wir, wie in der Seele plötzlich auftretend, bei Henry More. Warum? Weil er mit der geistigen Welt so verkehrte, daß er sie zwar nicht sich vorstellungsgemäß zum Bewußtsein bringen kann, aber wie bei einem Traum, an den man sich noch erinnern kann, das Wissen hat von dem lebendigen Leben des Menschen mit dem Ganzen des Kosmos.

[ 7 ] Wenn man herauszubekommen versucht, was Henry More getan hat, um das auszubilden, was in seiner Seele recht schön veranlagt war, dann findet man, daß er ganz besonders tiefe Eindrücke von einem gewissen Büchelchen bekommen hat, das auch auf einen anderen Mann einen großen Eindruck gemacht hat, der es deshalb dem deutschen Volke in einem größeren Kreise geschenkt hat: ich meine die «Theologia Deutsch» von einem Frankfurter. — Ich habe in meiner Schrift über die Mystik auch darüber gesprochen. — Luther hat sie wieder herausgegeben. Henry More war ein Student der Theologia Deutsch. Lesen Sie, was ich in meinem Buche über die Mystik darüber gesagt habe.

[ 8 ] Die Frage wird jetzt vielleicht vor Ihre Seele hintreten: Was liegt da eigentlich vor, daß im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten und noch im siebzehnten Jahrhundert Menschen auftreten, welche von einem unmittelbaren Verkehr mit der geistigen Welt wissen?

[ 9 ] Was vorliegt, ist dies: die, welche in diesen Jahrhunderten am meisten von dem Zusammenhange des Menschen mit der geistigen Welt wissen, sie waren, wenn auch nicht in der letzten, so doch in der Regel in der vorletzten Inkarnation auf der Erde in der Zeit vorhanden, in welcher das Christentum in den Geheimschulen, in den Mysterien gerade vorbereitet worden ist. Daher werden wir sagen können: So ähnliche Geister wie Henry More waren in einem Leben in den Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha vorhanden, hatten dann ein Zwischenleben im siebenten, achten, neunten Jahrhundert; diese Zwischeninkarnation hat ihnen aber weniger gegeben, als ihnen dasjenige an Eindrücken gegeben hat, was bei ihren früheren Inkarnationen aus jenen Mysterien kommen konnte, welche vor dem Mysterium von Golgatha da waren, aber dieses durch ihre Lehren vorbereiteten. Das saß viel tiefer und intensiver in den Seelen. Daher manches so tiefe Wort, das gerade in dieser Zeit über das Christentum gesagt wird. Aus dem Verkehr mit der geistigen Welt schöpfen diese Menschen über eine Entstehung der Welt eine Erkenntnis, die vom siebzehnten Jahrhundert an nicht mehr geschöpft werden konnte. Von da an kann man ja immer mehr nur die äußere .Historie heranziehen; die enthält aber nur das Vergehende. Da bedarf es dann wieder der Geisteswissenschaft, um die Erkenntnis des Entstehenden wiederzubringen. Wie das Christentum in den großen tragischen Jahrhunderten, wie es damals mehr als ein halbes Jahrtausend vorbereitet wurde, das machte auf diese Geister einen ungeheueren, einen tiefen Eindruck, und sie behielten davon eigentlich nur einen Gemütsimpuls, den sie in Vorstellungen zu bringen vermochten. Den aber drückten sie aus.

[ 10 ] Es ist sehr bedeutsam, gerade von diesem Gesichtspunkte aus einmal die Zeit vom vierzehnten bis siebzehnten Jahrhundert in der europäischen Geistesentwickelung an seiner Seele vorüberziehen zu lassen, einmal zu sehen, wie heute manchmal ganz fremde, weil sehr vergeistigte, aus geistiger Erfahrung stammende Vorstellungen auch über das Christentum und über die Bibel in diesen Zeiten zu finden sind. Es ist schon für den heutigen Menschen außerordentlich interessant, den Blick auf das zu werfen, was in dieser Zeit das eigentlich Bedeutsame ist. Denn diese Zeit, von der ich da spreche, die Zeit vom vierzehnten bis zum siebzehnten Jahrhundert, ist wie die Zeit einer gewaltigen Rückschau. In der Seele sind noch die Kräfte vorhanden, durch welche das in ihr heraufziehen kann, was in der geistigen Welt wogt und webt. Und recht versenken wir uns in die Geister der damaligen Zeit, wenn wir diesen rückschauenden Charakter des Bewußtseins nicht vergessen, indem wir diese Geister ins Auge fassen.

[ 11 ] Daß man dies, was ich jetzt sage, ins Auge fasse, ist vor allen Dingen nötig, wenn man zum Beispiel Luther verstehen will. Es ist in der letzten Zeit ein immerhin ganz interessantes Buch von Ricarda Huch erschienen, «Luthers Glaube»; deshalb ein sehr interessantes Buch, weil es doch aus einer gewissen Vertiefung des gegenwärtigen Bewußtseins heraus immerhin geschrieben ist, und nur auf der anderen Seite in vieler Beziehung ein höchst unbehagliches, weil innerlich ungenügendes Buch ist. Mit Bezug darauf ist dann im Juli-Heft der Zeitschrift «Nord und Süd» ein Aufsatz erschienen, der da hieß: «Ricarda Huch und der Teufel» —, und in dem darauf aufmerksam gemacht wird, wie es die heutige Zeit nötig hat, auf das hinzublicken, was geistig lebt in dem Bewußtsein der Menschen in einer Art, wie es das unmittelbare Bewußtsein der Gegenwart gar nicht mehr zu verstehen in der Lage ist. Deshalb ist es interessant, bei Ricarda Huch ganz besonders den Dämonenglauben, den Teufelsglauben Martin Luthers ins Auge zu fassen. Sie möchte diesem Teufelsglauben Luthers gerecht werden, sie möchte nicht mit denjenigen Menschen gehen, die heute im landläufigen Sinne darüber reden, denn die Menschen sind heute sehr feig, und wenn sie Stellung zu nehmen haben zu einem Buche, das vom Teufelsglauben Luthers handeln will, so sagen sie wohl: Luther war gewiß ein großer Mann, aber daß er von dem Teufel gesprochen und an ihn geglaubt hat, das rührt eben von den Schwächen seiner Zeit her, da hat er den Aberglauben seiner Zeit geteilt. Solche Weisheit ist jedoch nicht viel mehr wert, als die Weisheit jenes biederen Gymnasialprofessors, der einmal mit seinen Knaben las, was Lessing in der «Hamburgischen Dramaturgie» über das Drama geschrieben hat und seinen Schülern dann auseinandersetzte, daß Lessing eigentlich nicht in der Lage gewesen wäre, diein der «Hamburgischen Dramaturgie» angeschlagenen Gedanken zu Ende zu denken. «Ja, wenn ich nur mehr Zeit hätte!» sagte der Professor. Und aus einer solchen Überlegung kommt auch das überlegene Wissen, daß Luther den Aberglauben seiner Zeit geteilt habe. Aber dennoch: niemand kann Luther recht verstehen, der nicht weiß, daß die Bewußtseinserfassung dessen, was man aus dem Geiste seiner Zeit heraus den Teufel nennt, wir nennen es heute Ahriman und Luzifer, für ihn wirkliche geistige Erlebnisse sind, nicht bloß an der einen Stelle auf der Wartburg, sondern überall, wo Luther von diesen Dingen spricht. Suchen Sie nur einmal diese Dinge im Zusammenhange aufzufassen, Sie können nicht anders, als zu der Überzeugung kommen: So spricht nur ein Mensch von dem Teufel, der ihn gesehen hat, der ihn geschaut hat, und der da weiß: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» Ricarda Huch polemisiert in außerordentlicher theoretischer Gutwilligkeit gegen diesen Dessoirismus, ich meine, gegen dieses Professorentum, das so gescheit ist, daß es weiß: den Teufel gibt es nicht, also ist der Luther doch ein abergläubischer Mensch ganz im Stile seiner Zeit gewesen; das müsse man dem großen Manne entschuldigen und verzeihen.

[ 12 ] Ricarda Huch geht nicht mit denjenigen, die so von oben herab über die großen Geister der Vorzeit urteilen. Aber Ricarda Huch weiß offenbar aus eigener Anschauung nichts darüber, wie der Teufel ausschaut. Sie glaubt an den Teufel, obwohl sie ihn nie geschaut hat. Wie glaubt sie an den Teufel? So glaubt sie an ihn, daß sie weiß, daß gewisse Dinge offenbar nicht aus naturwissenschaftlihen Tatsachen kommen, nicht aus menschlicher Physiologie, sondern vom Teufel kommen. Aber nun glaubt sie Luther doch etwas entschuldigen zu müssen. Sie sagt: Man solle sich nur nicht vorstellen, wenn man von Luther als einem abergläubischen Menschen spricht, daß Luther geglaubt habe, daß der Teufel so mit Hörnern und mit einem Schwanz auf der Straße herumgehe, Auch für sie ist die Zusammenfassung der Merkmale gewisser übler Triebe das, was sie den Teufel nennt, der als dummer Teufel, als stolzer Teufel und als lügnerischer Teufel auftritt. Sie redet von Abstraktionen, redet von Begriffen und glaubt, Luther hätte auch das getan, weil äußerlich das, was Ricarda Huch für ein bloßes Bild hält, von Luther auch gebraucht wird. Aber Luther muß dieses Bild gebrauchen, weil man sich nur dadurch über das ausdrücken kann, was man in der geistigen Welt erfährt. Luther hatte aber einen vollen Umgang mit dem Teufel. Er mußte ihn kennenlernen durch die Seelenkämpfe, die man erleben muß, wenn man dem Teufel Aug’ in Auge gegenübersteht. Und was er da erlebte, das faßte er in Bilder, wie man das, was man sonst erlebt, in Worte faßt. Wenn die Leute so dumm sind wie Professor Dessoir, und auch so korrupt, so könnten sie jemandem, der sich durch Worte ausspricht, vorwerfen, er glaube, in den Worten lägen die Dinge, die man aussprechen will. Genau dasselbe wirft mir Professor Dessoir vor, wo er sagt, ich leitete irgendwelche Entwickelungszustände der Menschheit aus Bildern und nicht aus Wirklichkeiten her. Man sollte nicht glauben, daß solch eine Sache überhaupt auftritt, aber sie tritt hier nicht bloß aus Uneinsicht auf, sondern auch aus Ignoranz. Besonders da, wo das zweite Kapitel meiner demnächst erscheinenden Schrift sich mit der unmöglichen, moralisch korrupten Gelehrsamkeit beschäftigt, die heute die Zeit mit sich bringt und die das furchtbare Elend der Zeit mitbewirkt, da werden Sie sehen, was für Leute heute in der offiziellen Wissenschaft herumspazieren, was aber nicht hindert, daß die Königliche Akademie der Wissenschaften, wie ich Ihnen das schon erzählt habe, den Preis erteilt hat jenem Schmachtlappen einer Geschichte der Psychologie, den Herr Dessoir auf ihr Preisausschreiben hin eingeschickt hatte, und den er dann selbst zurückgezogen hat. Untersuchen Sie einmal, was die braven Kollegen Dessoirs über die Lotterigkeit und Oberflächlichkeit dieses wissenschaftlichen Schmachtlappens einer Psychologiegeschichte vorgebracht haben, dann werden Sie einen Begriff bekommen, was dann, selbst wenn wissenschaftlich-akademische Prämien vorliegen, durch die offizielle Wissenschaft spazierengehen kann.

[ 13 ] Luther stand da in einem Zeitalter, in welchem er in seiner Seele den Zusammenhang mit der geistigen Welt hatte. Alles, was als ahrimanische Teufelei in der Welt erlebt werden kann, war für ihn eine Wirklichkeit. Das war es. Was er so erlebt hat, läßt sich nicht in gewöhnlichen Worten ausdrücken, denn die bezeichnen ja physische Dinge. Man muß es in Bildern ausdrücken, in Imaginationen. Aber die Imaginationen drücken wahrhaftig das aus, was man schaut und sieht. Das begreift Ricarda Huch nicht. Sie glaubt, wenn Luther vom Teufel spricht, so müsse man nicht gleich annehmen, daß, wenn man als schauender Mensch zahlreichen anderen Menschen entgegentritt, der bucklige Ahriman fest mit seinen Hörnern dem andern zwischen den Schultern sitze und mit seinem Kopfe hervorgucke. Diese Dinge hatte Luther aber gewußt, und die Bilder, die er gebraucht, sind nur Ausdrucksformen für bestimmte Erlebnisse. Er selbst ist nicht von der Art der Gutmütigen, wie Ricarda Huch, die da glauben, daß er nur Symbole gebraucht hat für das, was im Menschen aufsteigende, absteigende Kräfte, verkehrte Leidenschaften und so weiter seien.

[ 14 ] Worin liegt die Kraft, die von Luthers Lehre, wie man sie oft nennt, ausgegangen ist? Aber Luthers Lehre ist keine bloße Lehre. Man wird ihr erst gerecht, wenn man sie als etwas anderes als eine Lehre ansieht, wenn man sich vergegenwärtigt: da steht Luther, und diese Seele schaut zurück in jene Zeiten, in welchen die Menschen den Umgang mit der spirituellen Welt gepflogen haben, und er selber pflegt den Umgang mit der spirituellen Welt gerade auf jenem Gebiete, welches ahrimanisch ist. Wenn man Ahriman sieht — lesen Sie nach, was in meinen Mysteriendramen darüber enthalten ist —, dann ist das gerade die Befreiung von ihm; wenn man ihn nicht sieht, ist das das Schlimme. Ihn zu sehen, so wie Luther ihn gesehen hat, das ist die Befreiung. Ungeheuer gewinnt die Kraft, die von Luther ausstrahlt, wenn man ganz im positiven Erfahrungssinne der geistigen Welt die Dinge nimmt, die sonst eigentlich ganz unverständlich sind. Und auch da, wo er manches Wort sagt, das uns nicht gefallen kann, wird dies ganz natürlich erscheinen, weil Luther über einen viel weiteren Horizont hin die Dinge zu sehen vermag, als normalerweise irgendein heutiger Mensch.

[ 15 ] Es ist interessant, daß diese Erscheinung, Luther, nun auftritt als diejenige, welche am intensivsten dasjenige zusammenpreßt, was Ergebnis von jenen früheren Mysterien ist; bedeutsam ist es. Und eines der größten Mysterienmitglieder in der vorchristlichen Zeit, unbeschadet einer späteren Inkarnation, war Luther schon in jenen vorbereitenden Mysterien, und aus dem, was er in jenen Mysterien vor der Entstehung des Christentums aufgenommen hat, schöpfte er die Kraft, welche dann von ihm ausstrahlte.

[ 16 ] Was hat er denn vor allen Dingen mit Bezug auf die Offenbarung, seines Schauens Ahrimans, der Welt zu sagen?

[ 17 ] Vergegenwärtigen wir uns: das ahrimanische Zeitalter beginnt hinterher. Die Naturwissenschaft hat heute Ahriman, und in ihren Erkenntnissen lebt unbewußt Ahriman. Das ist das Charakteristische der heutigen materialistischen Weltordnung, daß in allen ihren Begriffen das Ahrimanische lebt. Und Luther ist dazu ausersehen, an einem wichtigsten Wendepunkte vor der Welt diese Wahrheit hinzustellen. Aber wer in die geistige Welt hineinsieht, sieht anderes als die, welche dazu nicht imstande sind, und anders wirkt diese Welt, als wenn sie unbewußt bleibt.

[ 18 ] Wenn man auf diese Weise in Luther die große gewaltige Kraft sieht, die aus alten Entwickelungen herüberstrahlt und die nicht wirken kann in dem darauf folgenden Zeitalter, dann versteht man die Stellung, die Position Luthers. Er ist derjenige, der für die Menschheit eine solche Auffassung des Christentums retten sollte, welche nicht vom unbewußten Ahrimanischen angekränkelt ist. Daher tritt das bewußte Ahrimanische so stark bei ihm auf und daher auch die Weite des Horizontes.

[ 19 ] Es hat einmal jemand ein Buch geschrieben, in welchem alle Widersprüche, die sich bei Luther in seinen verschiedenen Schriften finden, zusammengefaßt sind. Es gibt ein solches Buch, in dem man die Widersprüche in den Lutherschen Schriften finden kann. Luther hat das Buch selbst noch gelesen, und er hat darauf eine Antwort geschrieben, die in einem Briefe an Melanchthon enthalten ist. Er meint da: Solch ein Esel redet nur deshalb von Widersprüchen, weil er weder das eine noch das andere Teil vom Widerspruche versteht, und er versteht auch nicht, daß man einen, der dabei auch ein Fürst ist, verehren und zu gleicher Zeit vom Teufel sprechen kann und sich gegen ihn auflehnen. — Die Stelle, wo Luther in seinem Briefe an Melanchthon darüber redet, ist sehr interessant; es spricht sich darin seine Stellung seiner Zeit gegenüber aus. Er gebraucht ja auch noch andere Ausdrücke, welche heute manchmal nicht wiederholt werden können, die aber vollständig verständlich sind und nicht, wie die Literarhistoriker sagen, aus der Zeit heraus nur zu begreifen sind, sondern die vollständig verständlich sind aus dem Umgang mit der geistigen Welt, wie Luther ihn hatte. Wer Luthers Ausdrücke zynisch oder frivol nennt, der tut dies nur aus seiner eigenen Frivolität oder seinem eigenen Zynismus heraus. Worauf es ankommt, das ist, daß man aus solchen Dingen einmal erkennt, daß sich zwar Einzelnes wiederholt, aber das Große wiederholt sich nicht. Der Unfug wiederholt sich, denn der ist der Zeit unterworfen. Das Große wiederholt sich nicht. Und auch zur Scholastik werden sich die Menschen erst wieder stellen können, wenn sie an der Scholastik wieder studieren werden, wie ein anderes, feineres, besonders feiner ausgegliedertes Denken möglich ist, als man es heute pflegt. Und besonders ein solcher Geist, wie er in Luther aufgetaucht ist, kann sich nicht wiederholen. Er muß als historische Erscheinung, unmittelbar wie er dasteht, genommen werden. Falsch ist es zu glauben, daß irgend jemand Luther nachleben kann. Sondern worauf es ankommt, ist, daß man sich in ihn vertieft, daß man versucht, an seiner historischen Persönlichkeit zu studieren, was sich da einmal abgespielt hat, wie nicht nur diese eine Individualität Luther, die in jenen vorbereitenden Mysterien vor dem Christentum zu finden ist, nachher in einer anderen Inkarnation gelebt hat und dann später als Luther erschienen ist, da ist, sondern daß sich in der Tat der ganze Entwickelungs- und Gesetzesgang der Menschheit in dieser einen Erscheinung ausspricht.

[ 20 ] Alles das aber hängt davon ab, daß Luther in seiner Zeit noch ein volles Erfahrungswissen hatte von jenen Regionen der Welt, wohin er den Teufel, wir würden sagen Ahriman, versetzt. Doch dieses Wissen ging hinunter in unterbewußte Regionen. Es hat ziemlich überhand genommen, auch Luther so anzusehen, wie die Professoren ihn ansehen. Denn manchmal sind die Theologen auch Professoren. Und diese Betrachtung hat ziemlich überhand genommen, die nicht davon ausgeht, die unmittelbare Erfahrung Luthers in der geistigen Welt zu nehmen, sondern die davon ausgeht, wenn er vom Teufel spricht, zu meinen, es sei dies nur die Schwäche des großen Mannes gewesen. Es ist aber nur die Schwäche derer, die heute über Luther reden, wenn so von ihm gesprochen wird.

[ 21 ] Dann kam — und das ist der Sinn der Entwickelung — die Zeit, welche dann auf Luther folgte, in welcher in materiellem Anschauen und Leben der Welt, am stärksten im neunzehnten Jahrhundert, unbewußt Ahriman lebte, ohne daß die Menschen es wußten. Und erst vom Osten her wird wieder die Möglichkeit kommen, daß man wissen wird, in was der Mensch sich hineinlebt, wenn er den physischen Plan überschreitet. Sehr merkwürdig, wenn man nach dem heutigen Osten sieht, auf diese höchst merkwürdigen Erscheinungen des russischen Lebens, der russischen Schändlichkeit, der russischen Größe, alle dem, was aufgeht im Osten. Wir haben ja viele Jahre hindurch das, was wird, was sich vorbereitet im Russentum, geschildert. Es ist merkwürdig, wenn man darauf hinblickt und sich sagt: Ja, diese Menschen sind heute noch Kinder. Das sind sie auch. Und die, welche nicht Kinder sind, sind besessen. — Was glauben Sie: Kerenskij ist besessen, obwohl er selbstverständlich über solches Vorurteil hinausgekommen ist, daß der Bucklige in ihm sitzt! Nur hat der Bucklige gelernt, aus der westlichen Todeswissenschaft heraus ein Denken zu erzeugen, welches nicht das östliche Denken ist. Und nicht nur, daß das westliche Denken vom Russentum nichts versteht, sondern die, welche im Osten selbst das Russentum mit westlichem Denken beurteilen wollen, die führenden Leute im Osten verstehen selbst das Russentum nicht! Denn es liegt etwas, was noch kindlich ist, in ihm, etwas nach vorwärts. Und es muß für die Zukunft dahin kommen, wieder hineinzuschauen in die geistige Welt, wieder Beziehung zu dieser geistigen Welt zu bekommen: das Gegenteil von dem großen, unser Zeitalter vorbereitenden Luther. Unser Zeitalter sieht zurück, es kündet davon, was an Kraft wirkt von dem, was zurückliegt.

[ 22 ] Da sehen Sie geistig etwas sehr Merkwürdiges: Da sehen Sie einfach in den Gegensatz hinein zwischen Luther und etwa, wie kindlich die russische Revolutionsreife auftreten wird bei Solowjow. Da sehen wir zwei entgegengesetzte Pole, etwas, was sich verhält wie Nord und Süd, wie positive und negative Elektrizität, wenn man es mit etwas Abstraktem vergleichen will, zwei Gedanken- und Vorstellungsrichtungen, die sich nicht verstehen können. Denn wie Solowjow redet, so ist er weit davon entfernt, Luther zu verstehen; und wenn man bei Luther stehenbleiben will, so ist es ganz unmöglich, Solowjow zu verstehen. Da aber müssen wir uns dazu verstehen, unsern Horizont zu erweitern, zu dem Positiven das Negative hinzunehmen zu können.

[ 23 ] Ich möchte diese gewichtige Betrachtung auf Ihre Seelen legen und hoffen, daß wir das nächste Mal noch beisammen sein werden. Dann werde ich die einzelne Individualität Luther als geschlossene Individualität darzustellen versuchen, wie sie sich ergibt nicht nur aus der Zeit, sondern aus dem ganzen Entwickelungsgange der Menschheit, aber von einem Gesichtspunkte, der nur durch die Anthroposophie gefunden werden kann.