Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
21 August 1917, Berlin
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The Karma of Materialism, tr. Stebbing
Das Karma des Materialismus IV
4. Spiritual Courage versus Indolence
[ 1 ] Der Mann, der einer der treuesten Mitarbeiter unserer geistigen Bewegung war, den Sie die Jahre des Krieges hindurch hier in unserem Kreise fast jede Woche haben sehen können, wir haben in diesen Tagen für diesen physischen Plan von ihm Abschied zu nehmen gehabt: von unserem lieben Freunde Herman Joachim. Indem wir, durchdrungen mit jener Gesinnung, die sich aus dem ergibt, was wir als geisteswissenschaftliche Erkenntnisse suchen, an das Ereignis des Todes, das wir bei den uns nahestehenden Menschen erfahren, herantreten, finden wir selbst etwas von dem, was uns eigen werden soll mit Bezug auf unsere Stellung, auf unser Verhältnis zur geistigen Welt. Wir blicken ja auf der einen Seite in einem solchen Falle zurück zu dem, was uns der Dahingegangene geworden ist in der Zeit, die wir mit ihm verleben durften, da wir seine Mitstrebenden sein durften; aber wir blicken zu gleicher Zeit vorwärts in die Welt hinein, welche die Seele aufgenommen hat, die mit uns vereint war und mit uns vereint bleiben soll, weil Bande sie mit uns zusammenschließen, welche geistiger Art sind und untrennbar sind durch das physische Ereignis des Todes.
[ 1 ] During these last days we have taken leave of a dear friend and loyal collaborator who has left the physical plane, Herman Joachim. He could be seen here in our circle practically every week during the war years. When we contemplate the event of death of someone near to us—filled with sentiments engendered by knowledge which we seek through spiritual science—we may find through this event also our own relation to the spiritual world. We look back on the one hand to the time we were privileged to share with him, but we also look forward into that world which is receiving the soul of the one with whom we were together. We remain united with him, for the bonds that bind us together are spiritual and cannot be severed through the event of physical death.
[ 2 ] Herman Joachim, der Name ist ja in diesem Falle etwas, was als ein weithin Leuchtendes der von uns für den physischen Plan verlorenen Persönlichkeit voranging, ein Name, der tief verbunden ist mit der künstlerischen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts, ein Name, der verbunden ist mit der schönsten Art der ästhetischen Prinzipien in musikalischer Auffassung, und ich brauche hier nicht auseinanderzusetzen, was für die geistige Entwickelung der jüngsten Zeit der Name Joachim bedeutet. Aber wenn der, der jetzt von dem physischen Plan in die geistige Welt hin von uns gegangen ist, mit all seinen unvergleichlichen, schönen, großen Eigenschaften und mit ganz unbekanntem Namen in unsere Mitte getreten wäre: diejenigen, die das Glück gehabt haben, ihn kennenzulernen und die eigenen Bestrebungen mit den seinigen zu verbinden, sie hätten ihn denjenigen Persönlichkeiten zugezählt, die zu den allerwertvollsten ihres Lebens hier auf der Erde gehören, nur durch dasjenige, was ausgeströmt ist aus der Kraft seines eigenen Wertes, aus dem Umfänglichen und Sonnenhaften der eigenen Seele. Aber gerade in demjenigen, was diese Seele anderen Seelen in rein Menschlichem war, wirkte wohl dasjenige in dieser Seele nach, was als reinstes künstlerisch geistiges Element vom Vater her so großartig wirkte. Man möchte sagen, in jeder Geistesäußerung, in jeder Gedankenoffenbarung Herman Joachims war auf der einen Seite dieses Künstlerische, das auf der anderen Seite erkraftet und getragen war von echter, von intensivster Geistigkeit des Wollens, des Fühlens, des Strebens nach spiritueller Erkenntnis. So wie des Vaters große Intentionen hier im Blute walten, so war etwas in der geistigen Atmosphäre dieses Mannes, das schön eingeleitet war dadurch, daß Herman Grimm — dieser ausgezeichnete, dieser einzigartige Repräsentant des Geisteslebens Mitteleuropas — segnend seine Hand über den Täufling Herman Joachim gehalten hat, da er der Taufpate Herman Joachims war. Und seit ich dieses wußte, war mir dies ein lieber Gedanke, wie Sie begreifen werden nach manchem, was ich in diesem Kreise gerade über das gesagt habe, was an Geistigkeit von der Persönlichkeit Herman Grimms in der neueren Zeit ausgeht. Als ein lieber Freund Herman Grimms starb, schrieb Herman Grimm schöne Worte nieder; als der in seiner eigentümlichen persönlichen Individualität ganz einzige Walther Robert-Tornow starb, schrieb Herman Grimm nieder: «Aus der Gesellschaft der Lebenden scheidet er aus; in die Gesellschaft der Toten wird er aufgenommen. Es ist, als müsse man auch diese Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt.» Und dieses, daß man bei solchem Hinscheiden das Gefühl habe, man müsse auch die Toten davon unterrichten, wer in ihre Reihen eintritt, das meinte Herman Grimm nicht nur von dem, welchem er diese Worte nachsprach, sondern er meinte es überhaupt als ein in der Menschenseele vorhandenes Gefühl, wenn ein uns Nahestehender aus der physischen Welt hingeht in die geistige Welt. Wir blicken dann auf das zurück, was wir symptomatisch mit dem Dahingegangenen erleben durften, und betrachten dieses wohl gleichsam wie Fensteröffnungen, durch die wir hineinblicken können in ein unendliches Wesen; denn jede menschliche Seelenindividualität ist ja ein unendliches Wesen, und was wir mit ihr durchleben dürfen, das ist immer nur, wie wenn wir durch Fenster in eine unbegrenzte Gegend blickten. Aber es gibt eben Augenblicke im menschlichen Leben, wenn an diesem menschlichen Leben mehrere teilnahmen, in denen man dann tiefere Blicke in eine menschliche Individualität tun darf. Dann ist es immer, als wenn gerade in solchen Augenblicken, wo wir Blicke in menschliche Seelen tun dürfen, sich mit ganz besonderer Gewalt alles erschließen würde, was Geheimnis der geistigen Welt ist. In umfänglichen Vorstellungen, die sich mit dem Gefühl durchtränken, offenbart sich uns dann vieles von dem, was auch im gewöhnlichen Menschenleben an Großem, Gewaltigem, an geistig Strebendem lebt. |
[ 2 ] The name Herman Joachim is like a beacon, throwing its light far and wide, ahead of the one we have lost as far as the physical plane is concerned. It is a name that is very much connected with the development of art in the 19th century; particularly in the sphere of aesthetic interpretation of music. Indeed there is no need for me to explain here what this name stands for in recent cultural achievements. However, if Herman Joachim—who has gone into the spiritual world with all his incomparable and beautiful qualities—had come among us as someone unknown, even then, those whose good fortune it was to know him and share with him their endeavours, would have counted him among the most valuable personalities of their lives. The strength of his personality, the greatness and radiance of his soul would ensure it. There came to expression in his human relationships with others a cultural artistic quality of a high order, passed on to him from his father. One could say that on the one hand this artistic influence came to expression in everything Herman Joachim thought and did, but it was carried and enhanced by the spirituality of his own will, his own feelings and by his striving for spiritual insight. While his father's great influence held sway in the blood so was there something in Herman Joachim's spiritual makeup which had a beautiful beginning in his life by the fact that Herman Grimm—this distinguished and unique representative of Central European cultural life—held his hand in blessing over him when a child. For Herman Grimm was godfather to Herman Joachim. I was very pleased to learn this as you will understand after the many things I have said, especially in this circle, in appreciation of Herman Grimm's contributions to cultural life in recent times. When a dear friend of his, the unique personality Walter Robert Tornow died, Herman Grimm wrote: “He departs from the society of the living and is received into the society of the dead. One feels one ought to announce to the dead just who it is that joins their ranks.” Herman Grimm did not intend these words to apply only to the one for whom he spoke them. He meant them in the sense that they express a feeling which is present in human beings in general, when someone near departs from the physical into the spiritual world. When we look back to characteristic experiences which we were privileged to share with someone who has died, then these experiences become windows through which we can follow the further life of a now infinite being. For every human individuality is an infinite being and the experiences we shared can be compared to windows through which we look out on an unlimited landscape. However there are moments in a human life which are of special significance, it is then possible to look deeper into a human individuality. In such moments the secrets of the spiritual world reveal themselves with particular power. It is also in such moments that much of what in ordinary life is the goal of noble, intense striving, is revealed in comprehensive thought pictures permeated with feeling.
[ 3 ] Eines solchen Augenblickes darf ich jetzt gedenken, weil ich ihn für mich symptomatisch empfinde, aber in objektiver Weise, mit Bezug auf das Wesen des Dahingegangenen. Als er in einem bedeutenden Augenblicke mit uns vor Jahren in Köln geisteswissenschaftlich vereint war, da konnte ich im Gespräche mit ihm nach noch nicht lange erfolgter persönlicher Bekanntschaft sehen, wie dieser Mann das Innerste seiner Seele verbunden hatte mit demjenigen, was als geistiges Wesen und Weben den Kosmos durchzieht, wie er, wenn ich so sagen darf, gefunden hatte den großen Anschluß menschlicher Seelenverantwortlichkeit gegenüber den geistig-göttlichen Mächten, welche mit der Weisheit der Weltenlenkung verbunden sind, und denen sich der einzelne Mensch in besonders bedeutungsvollem Augenblicke gegenübergestellt findet, wenn er sich die Frage vorlegt: Wie gliederst du dich ein in das, was als geistige Weltenlenkung dir vor das Seelenauge sich stellt? Wie darfst du denken aus deinem Selbstbewußtsein heraus, indem du weißt: ein verantwortliches Glied in der Kette der Weltgeistigkeit bist du selbst? — Daß er in aller Tiefe, in aller, wenn ich das Wort gebrauchen darf, seelischen Gründlichkeit einen solchen Augenblick als die Repräsentanz der Beziehung des Menschen zur Geistigkeit der Welt empfinden, erleben und fühlend erkennen konnte, das offenbarte mir damals Herman Joachims Seele.
[ 3 ] I venture to describe a moment of this kind because I consider it symptomatic of Herman Joachim. He had been connected with our movement for years when in Cologne, not long after we had become personally acquainted, we had a conversation. During this conversation it was revealed to me how this man had related his innermost soul to the spiritual powers which live and weave through the cosmos.—Perhaps I can put it in these words: I was able to recognize that he had discovered that there is an important link between responsible human souls and those Divine-spiritual powers whose wisdom governs worlds. In significant moments of his life an individual may come face to face with these powers. In such moments when he puts to himself the question: How do I unite with the world-guiding spiritual powers that are revealed to my inner sight? How can it become possible for me to think of myself as a responsible link in the world's spiritual guidance which, in my innermost self, I know I am meant to be?—Thus it was revealed to me what Herman Joachim consciously felt and experienced with all the deep seriousness of his being in such moments when man's relation to the spiritual world becomes manifest to him.
[ 4 ] Er hat ja dann Schweres weiterhin durchgemacht. Schwer lastete auf ihm die Zeit, als jenes unnennbare Unheil, unter dem wir alle leiden, hereinbrach, nachdem er jahrelang in Frankreich, in Paris gelebt hat und dort die liebe Lebensgefährtin gefunden hat. Er mußte pflichtgemäß — aber zu gleicher Zeit diese Pflichtgemäßheit selbstverständlich als innerlich mit seinem Wesen verbunden auffassend — zurück in seinen alten Beruf als deutscher Offizier. Er hat diesen Beruf seither ausgefüllt an wichtiger, bedeutungsvoller Stelle, nicht nur mit treuem Pflichtgefühl, sondern mit hingebungsvollster Sachkenntnis, und so, daß er innerhalb dieses Berufes im höchsten, wahrsten Sinne human, in tiefster Bedeutung menschenfreundlich wirken konnte; wofür viele derjenigen, denen dieses menschenfreundliche Wirken zugute gekommen ist, die dankbarste Erinnerung bewahren werden. Ich selber gedenke oftmals derjenigen Gespräche, die ich in diesen drei Jahren der Trauer und des Menschenleides mit Herman Joachim führen konnte, wo er sich mir enthüllte als ein Mann, der mit umfassendem Verständnisse die Zeitereignisse zu verfolgen in der Lage war, der weit davon entfernt war, irgend etwas in bezug auf dieses Verständnis sich von Haß- oder Liebegedanken trüben zu lassen nach der einen oder anderen Seite hin, wo diese Haß- oder Liebegedanken die objektive Beurteilung in bezug auf die Zeitereignisse beeinträchtigt haben würden, der aber auch, trotzdem er durch diese verständnisvolle Auffassung unserer Zeit sich nicht alles in dieser Zeit auf uns lastende Schwere verhehlen konnte, aus den Tiefen des geistigen Wesens der Welt heraus, seine Hoffnungen und seine Zuversichten für den Ausgang stark und kräftig in seiner Brust trug.
[ 4 ] Herman Joachim had gone through many difficulties. When this endless calamity under which we all suffer broke out*The first World War it brought him great hardship. He was in Paris where he had lived for years and where he had found his dear life companion. But now his duty obliged him to return to his former profession as a German officer. Nevertheless it was a duty with which he also had a deep inner connection. He had already fulfilled his task as officer on important occasions, doing his duty not only with expertise but with compassion and self-sacrifice. There are many who have grateful memories because they have benefitted from the true humaneness and social friendliness with which he fulfilled his calling. For myself I often remember the conversations we had during these three years of grief and human suffering, conversations in which he revealed himself as a man who was able to follow with far-reaching understanding the events of our time. There was no question of his objective judgement being clouded by thoughts of either hatred or love for the one or the other side. His intelligent assessment made him fully aware of the gravity of the situation facing us all. Nevertheless, because of his trust in the spiritual guidance of the world he was full of hope and confidence.
[ 5 ] Herman Joachim gehörte zu denjenigen, die auf der einen Seite in völliger sachlicher, verstandesmäßiger Art, wie es sein soll, Geisteswissenschaft in sich aufnehmen, die aber auf der anderen Seite durch dieses Verstandesmäßige sich nichts nehmen lassen von der tiefen spirituellen Vertiefung, von der tiefen spirituellen Erfassung, von dem unmittelbaren Hingegebensein an den Geist, so daß diese spirituelle Erfassung, dieses unmittelbare Hingegebensein an den Geist weit entfernt ist, solch eine Seele jemals zu dem zu verleiten, was uns am gefährlichsten werden kann: zur Phantastik, zur Schwärmerei. Solche Phantastik, solche Schwärmerei geht ja zuletzt doch nur aus einem gewissen wollüstigen Egoismus hervor. Mit egoistischer Mystik hatte diese Seele nichts zu tun. Dafür aber um so mehr mit den großen spirituellen Idealen, mit den großen eingreifenden Ideen der Geisteswissenschaft.
[ 5 ] Herman Joachim belongs to those who accept spiritual science in a completely matter-of-fact way as something self-evident; while at the same time this matter-of-factness protects them from superficial surrender to anything of a spiritualistic nature. Such souls are not easily led astray into what can be the greatest danger: fanciful illusions and the like. After all, such illusions have their roots in a certain self-indulgent egoism. Herman Joachim had no inclination whatever towards egotistical mysticism but all the more towards great ideals, towards powerful, effective ideas of spiritual science.
[ 6 ] Herman Joachim war in jedem Augenblick darauf bedacht, was man tun könne, um an seiner eigenen Stelle die geisteswissenschaftlichen Ideale unmittelbar in das Leben überzuführen. Er, der Mitglied des Freimaurertums war, der tiefe Blicke in das Wesen der Freimaurerei hinein getan hat, aber auch in das Wesen der freimaurerischen Verbindungen, er hatte sich die große Idee vorgesetzt, dasjenige wirklich zu erreichen, was erreicht werden kann durch eine geistige Durchdringung des freimaurerischen Formalismus mit dem spirituellen Wesen der Geisteswissenschaft. Alles was das Freimaurertum aus Jahrhunderten aufgespeichert hat an tiefgründigen, aber formelhaft gewordenen, man möchte sagen, kristallisierten Erkenntnissen, das hatte sich Herman Joachim durch seine hohe Stellung innerhalb der Freimaurerei bis zu einem ganz besonderen Grade enthüllt. Aber er fand gerade auf diesem Platze, auf dem er stand, die Möglichkeit, das da Gefundene in den rechten Menschheitszusammenhang hineinzudenken und zu durchdringen dasjenige, was doch nur aus der Kraft der Geisteswissenschaft kommen kann, mit dem von ihm neu zu belebenden Althergebrachten. Und wenn man weiß, wie Herman Joachim in den letzten Jahren in dieser schweren Zeit nach dieser Richtung hin gearbeitet hat, wenn man den Ernst seines Wirkens und die Würde seines Denkens nach dieser Richtung hin, wenn man die Kraft seines Wollens und das Umfängliche seiner Arbeit auf diesem Gebiete einigermaßen kennt, dann weiß man, was der physische Plan gerade mit ihm verloren hat. Ich konnte nicht anders, als bei diesen und anderen ähnlichen Anlässen immer wieder daran denken, wie ein Amerikaner, der zu den Geistreichen in der letzten Zeit gerechnet wurde, den Spruch aufgezeichnet hat: Kein Mensch ist unersetzlich; tritt einer ab, so tritt sogleich wieder ein anderer auf seinen Posten. — Es ist selbstverständlich, daß solcher Amerikanismus nur aus der tiefsten Unkenntnis des wahren Lebens heraus sprechen kann. Denn die Wahrheit sagt gerade das Entgegengesetzte. Und die Wahrheit an der Wirklichkeit, wie ich es jetzt meine, gemessen, sagt uns vielmehr: Kein Mensch kann in Wirklichkeit in bezug auf alles dasjenige, was er dem Leben war, ersetzt werden. Und gerade wenn wir an hervorragenden Beispielen es sehen, wie in diesem Falle, dann werden wir tief durchdrungen von dieser Wahrheit; denn gerade in unserem Falle, im Falle Herman Joachim, werden wir so recht an das menschliche Lebenskarma gewiesen. Und dieses Verständnis des menschlichen Lebenskarmas, die karmische Auffassung der großen Schicksalsfragen, es ist ja das einzige, was uns zurechtkommen läßt, wenn wir solchen Hinweggang in verhältnismäßig frühem menschlichem Lebensalter und aus solcher ernsten, notwendigen Lebensarbeit heraus, vor unserem Seelenauge sich vollziehen sehen.
[ 6 ] He was always concerned about what each individual can do in his own situation in life, to make spiritual science effective. As a member of the Freemasons he had looked carefully into the nature of masonic practices and had resolved to do all he could to bring the life of spiritual knowledge into masonic formalism. His high position within Freemasonry enabled him to make his own, to an exceptional degree, all the profound but now formalized and rigidified knowledge accumulated over centuries. Just because of his high position he saw the possibility to bring the life and spiritual power which can only come from spiritual science into this rigidified knowledge. His aim was to enable it to enter rightly into the stream of human culture. Anyone who is aware how hard he worked towards this goal during these difficult years, how he pursued it with earnestness and integrity; anyone who realizes the strength of his will and the volume of his work in this sphere will also know how much the physical plane has lost with Herman Joachim.—I am often reminded in cases like this of someone, regarded as belonging to the intelligentsia, who is recorded as saying: No man is irreplaceable; if one goes, another steps forward to take his place. It is obvious that such an expression reveals a gross ignorance of real life; for real life shows in fact the opposite. The truth is rather that in regard to what a man accomplishes in life no one can be replaced. This truth strikes us all the more in exceptional cases such as the present one. The death of Herman Joachim strongly reminds us of the working of karma in human life. Only an understanding of human karma, the comprehension of the great karmic questions of destiny, enables us to come to terms with the death of someone, at a comparatively early age, leaving behind an important and necessary life task.
[ 7 ] Aber ein anderes mußte ich mir in diesen Tagen oftmals sagen beim Abschiednehmen von dem teuren Freunde, nachdem ich so Tag für Tag langsam die Seele aus den Regionen, wo sie so Wichtiges leisten sollte, hingehen gesehen habe in die anderen Regionen, wo wir sie suchen müssen durch die Kraft unseres Geistes, aus denen sie uns aber Helfer, Stärker und Kräftiger sein wird. Ich mußte denken: Alle die gewagten, alle die geistige Kräftigkeit vom Menschen verlangenden Ideen der karmischen Notwendigkeit, sie stellen sich uns vor die Seele hin, wenn wir solchen Tod erleben. Wir müssen oftmals dann Dinge sagen, die eben nur innerhalb unserer Geistesbewegung gesagt werden können, aber innerhalb unserer Geistesbewegung dann auch der Menschenseele die große Kraft geben, die über Tod und Leben hinüberreicht; beide übergreift.
[ 7 ] I have followed day by day the soul of our dear friend slowly leaving this realm, in which he was to accomplish so much, and entering another realm where we can find him only through the strength of our spirit, a realm from which he will be an even stronger helper than before. During this time of taking leave I was strongly aware of something else; namely, that human beings themselves demand the necessity of karma; demand it with all their inner courage and strength of spirit. It becomes evident to one's inner sight when experiencing a death of this kind. In these circumstances things must often be spoken of which can be spoken of only in our circles, but then, it is also within our spiritual movement, that human beings can find the great strength which reaches beyond death, the strength that encompasses both life and death.
[ 8 ] Lebendig steht vor mir Herman Joachims Seele. Lebendig sah ich sie drinnenstehen in einer aus vollster Freiheit heraus übernommenen geistigen Aufgabe. Lebendig sehe ich sie drinnenstehen in dem Ergreifen dieser Aufgabe. Dann erscheint mir der Tod dieser Seele wie etwas, was sie freiwillig übernimmt, weil sie aus einer anderen Welt heraus noch stärker, noch kräftiger, noch der Notwendigkeit angemessener, die Aufgabe übernehmen kann. Und fast könnte es solchen Ereignissen gegenüber zur Pflicht werden, auch von der Notwendigkeit des einzelnen Todes in ganz bestimmten Augenblicken zu sprechen. Ich weiß, nicht für alle Menschen kann dies ein Trost, ein stärkender Gedanke sein, den ich damit ausspreche. Aber ich weiß auch, daß es Seelen gibt, heute schon, welche sich an diesen Gedanken aufrichten können, gegenüber so manchem, was in unserer Zeit zu unserem tiefen Schmerze, zu unserem tiefen Leid besteht; dadurch besteht, daß wir sehen, wie es innerhalb der physischen Welt, innerhalb der materialistischen Strömungen, in denen wir im physischen Leibe verkörpert leben, so schwierig wird, die großen, notwendigen Aufgaben zu lösen. Da darf es schon auch ein Gedanke werden, der uns nach und nach aus dem Schmerz, aus der Trauer heraus lieb werden darf: daß einer wohl den Tod für den physischen Plan gewählt hat, um um so stärker seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Messen wir dann diesen Gedanken an dem Schmerze, den unsere liebe Freundin, die Gattin Herman Joachims, nunmehr zu empfinden und durchzumachen hat, messen wir den Gedanken an unserem eigenen Schmerz um den lieben teuren Freund, und versuchen wir unseren Schmerz selber dadurch zu adeln, daß wir ihn hinstellen neben einen großen Gedanken, wie ich ihn eben ausgesprochen habe; welcher Gedanke zwar den Schmerz nicht zu mildern, nicht herabzulähmen braucht, welcher Gedanke aber in diesen Schmerz hineinstrahlen kann wie etwas, das aus der Sonne der menschlichen Erkenntnis heraus selber leuchtet und uns menschliche Notwendigkeiten und Schicksalsnotwendigkeiten zu durchdringen lehrt. In solchem Zusammenhange wird ja wirklich solch ein Ereignis für uns zu gleicher Zeit etwas, was uns in das rechte Verhältnis zur geistigen Welt zu bringen vermag.
[ 8 ] Herman Joachim's soul stands clearly before me. So it stood clearly before me when, out of his own free will, he took on a spiritual task. And it comes vividly before me how he is taking hold of this task now. His death is revealed to me as something he freely chose because, from that other world his soul is able to work more actively and with stronger forces; forces more appropriate to what is necessary. Under these circumstances one may even speak of the death of an individual as a necessity, as a duty, at a quite specific moment. I know that not everyone will find what I am saying a consoling or a strengthening thought; but I also know that there are souls today to whom these thoughts can be a support when they are faced with the kind of difficulties which in our time must be endured with pain and sorrow, difficulties that one comes up against when trying to solve important and necessary tasks, difficulties that arise from the fact that we are in the physical world, incarnated in physical bodies in a materialistic environment. Yet in all our pain and sorrow we may gradually come to value the thought that death, as far as the physical plane is concerned, was chosen by someone in order to be better able to fulfill his task. We may balance this thought against the pain which our dear friend, the wife of Herman Joachim, is suffering. We may balance it against the pain we ourselves feel over our dear friend, we may attempt to enoble our pain by thinking of him in the light of a sublime thought such as the one I have just put before you. This thought may not ease or tone down the pain, but its spiritual insight can shine like a sun into the pain and illumine our understanding for the necessity that governs man, the necessity of human destiny. Thus the event of the death of someone near to us can become an experience which brings us into contact with the spiritual world.
[ 9 ] Stärken wir uns an solchen Gedanken für die Hinneigungen, die wir entwickeln wollen: die Hinneigungen unserer seelischen Kräfte zu dem gegenwärtigen und künftigen Aufenthalte der teuren Seele, dann werden wir die Seele nimmer verlieren können, dann werden wir mit ihr tatkräftig verbunden sein. Und wenn wir die ganze Gewalt dieses Gedankens fassen: ein Mensch, der seine Umgebung lieben konnte wie wenige, der seinen Tod wohl auf sich genommen hat aus einer eisernen Notwendigkeit heraus — dann wird dieser ein unserer Weltanschauung würdiger Gedanke sein. Ehren wir so unsern lieben Freund, bleiben wir so mit ihm vereint. Diejenige, die als seine Lebensgefährtin hier auf dem physischen Plan zurückgeblieben ist, soll durch uns erfahren, daß wir mit ihr im Gedanken an den Teuren verbunden sein werden, daß wir ihr Freunde, Nahestehende bleiben wollen.
[ 9 ] For if our thoughts about him strengthen our soul's propensity towards the realms in which the departed sojourns then we shall not lose him; we shall remain actively united with him. Furthermore, if we grasp the full implication of the thought that someone who loved his life more than most, nevertheless accepted death because of an iron necessity, then that thought will truly express our spiritual-scientific view of the world. If we honor our friend in this way we shall remain united with him. And his life companion, left here on the physical plane, shall know that we remain united with her in thoughts of the loved one; that we, her friends, remain close to her.
[ 10 ] Meine lieben Freunde, Herman Joachims Tod hat sich ja im Grunde genommen angeschlossen an viele Verluste, die wir innerhalb unserer Gesellschaft in dieser schweren Zeit hatten. Über einen der schwersten Verluste habe ich nicht gesprochen bis jetzt, weil ich selber zu stark daran beteiligt bin und zuviel damit verloren habe, als daß dieses Verbundensein durch das persönliche Element mit dem Verluste mir gestatten würde, manche Seite dieses Verlustes zu berühren.
[ 10 ] The death of our dear friend Herman Joachim is one of several bereavements suffered within our society during this difficult time, one which was for me especially sad, one I have not yet been able to speak about. The great personal loss and close involvement prevents me from touching on many aspects of this bereavement.
[ 11 ] Eine größere Anzahl von Ihnen werden hier, in Liebe denke ich, sich unseres treuen Mitgliedes, unseres lieben Mitgliedes erinnern, der Schwester von Frau Dr. Steiner, Olga von Sivers, die wir ja in den letzten Monaten auch vom physischen Plan verloren haben. Gewiß, sie war nach außen hin nicht eine Persönlichkeit, welche in unmittelbaren, in gröberen greifbaren Wirkungen sich offenbaren konnte, eine Persönlichkeit, die durch und durch Bescheidenheit war. Aber meine lieben Freunde, wenn ich von dem absehe, was für mich selber und für Frau Dr. Steiner ein schmerzlicher, ein unersetzlicher Verlust ist, wenn ich davon absehe dies zu schildern, so darf ich doch gerade in diesem Falle auf das eine hinweisen: Olga von Sivers gehörte zu denjenigen unserer geistig Mitstrebenden, die vom Anfange an mit wärmster Seele gerade dasjenige aufgenommen haben, was der innerste Nerv unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ist. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurde von ihr aus tiefstem Verständnisse heraus und aus innerstem Verbundensein der Seele damit aufgenommen. Und Olga von Sivers war so geartet, daß sie, wenn sie derartiges aufnahm, es mit ihrem ganzen Wesen aufnahm. Und sie war ein ganzer Mensch. Das wußten diejenigen, die mit ihr verbunden waren. Sie war ebenso stark in ihrem Ablehnen alles desjenigen, was jetzt in mystisch-theosophischer Weise den Menschheitsfortschritt verunstaltet, was das spirituelle Leben auf allerlei Abwege bringt. Sie war stark in der Kraft des Unterscheidens zwischen demjenigen, was da als unserer Zeit gehörig sich in den Menschheitsfortschritt einleben will, für diesen wirken will, und zwischen demjenigen, was aus irgendwelchen anderen Impulsen und Beweggründen heraus sich jetzt auch als Theosophisches und dergleichen, als allerlei mystisches Streben hinstellt. Mit Bezug auf ursprüngliches Ergreifen derjenigen Wahrheit, nach der gerade wir streben, kann gerade Olga von Sivers zu den allervorbildlichsten unserer Mitstrebenden gezählt werden. Und auch sie war nie auch nur im geringsten durch ihr Wesen dazu veranlagt, die Aufgaben ihres Lebens, des äußeren Lebens, des unmittelbaren Tageslebens, die für sie oftmals schweren Pflichten dieses unmittelbaren Tageslebens, auch nur im geringsten zu vernachlässigen, oder durch das volle, ungeteilte Sicheinleben in unsere spirituelle Bewegung sich diesen Pflichten auch nur im geringsten zu entziehen. Und was sie, ich darf sagen, mit vollem Verständnisse von Anfang an als Inhalt unserer Bewegung in ihre ganze Seele aufgenommen hat, das übertrug sie auf andere. Da, wo es ihr gegönnt war unsere Lehre auf andere zu übertragen, da unterwarf sie sich dieser Aufgabe auch in wahrhaft mustergültiger Weise, unterwarf sich ihr so, daß sie die Kraft der Ideen durch das Liebevolle, ungeheuer Wohlwollende ihres Wesens zu durchdringen wußte, um durch diese zwei Seiten auf die Menschheit zu wirken: die Kraft der Ideen — und die besondere durch ihre Persönlichkeit bewirkte Art, die Ideen zu übertragen.
[ 11 ] A great many of those present will remember with love a dear and loyal member whom we have also lost from the physical plane in recent months, Olga von Sivers, the sister of Marie Steiner. She was not a personality one would come to know immediately at first encounter; she was a thoroughly modest and unassuming person. But my dear friends, setting aside the pain Marie Steiner and I suffer over this irreplaceable loss I venture to say something else about Olga von Sivers. She belongs to those among us who, from the beginning, went straight to the root of our anthroposophically oriented spiritual science. She took it up with deep understanding and warmth of soul. When Olga von Sivers devoted herself to such matters she did so with her whole being for that was her nature. And she was indeed a human being in the fullest sense as everyone connected with her will know. She strongly rejected everything which nowadays, as a kind of mystical Theosophy, distorts man's inner path and leads spiritual life into wrong channels. She had a keen sense of discernment when it came to distinguishing between those spiritual impulses which belong to our time and advance man's inner progress; and others which arise from quite different impulses. The latter are often disguised as theosophical or other mystical striving. Olga von Sivers is an outstanding example of someone taking hold, in a fundamental way, of the spiritual truths which we in our movement especially strive to attain. Despite her full participation in our work it was not in her nature to neglect or disregard in any way the many and often difficult duties imposed upon her by external life. She absorbed the content of spiritual science from the start with complete understanding and was able to pass it on to others. Whenever this was granted her she undertook the task in exemplary fashion. She knew how to endow the ideas she conveyed to others with the kindness and enormous good will of her nature.
[ 12 ] So hat sie es gehalten, auch als jene Grenzen sie von uns trennten, die sich heute so furchtbar in das hineinstellen, was oftmals menschlich so nahe zusammengehört. Diese Grenzen hinderten sie nicht, für unsere Sache auch auf dem Gebiete zu wirken, das jetzt als Mitteleuropas — Feindesland gerechnet wird. Schwere Erlebnisse standen vor ihrer Seele, alle Schauer dieses furchtbaren Krieges, in dem sie eine wahrhaft humanitäre Tätigkeit bis in ihre letzten Krankenwochen hinein entwickelt hat, niemals an sich denkend, immer für diejenigen wirkend, die ihr aus dem furchtbaren Ereignis dieses Krieges heraus anvertraut waren, im edelsten Sinne Samariterdienst entwickelnd, durchdringend diesen Samariterdienst mit dem, was ihr ganzes Sinnen und Trachten aus unserer spirituellen Bewegung heraus durchsetzte. Obzwar mir nahestehend, darf ich gerade diese Seite ihres Wesens aus bewegter Seele heraus mitteilen, dieses hingebenden und opferfreudigen Mitgliedes, das Olga von Sivers wohl seit dem Bestehen dieser Bewegung war. Es war ein lieber, schöner Gedanke für Frau Dr. Steiner und für mich, wenn einmal andere Zeiten, als unsere traurigen der Gegenwart, kommen werden, diese Persönlichkeit auch wiederum in unserer räumlichen Nähe haben zu können. Auch hier hat eine eherne Notwendigkeit anders entschieden.
[ 12 ] Her work continued also when she was separated from us by the frontiers which today so often and so cruelly come between human beings who are close to one another. But no frontiers prevented her from working for our cause also in regions which are now, in Central Europe, considered to be enemy country. She knew tragic experiences, all the horror of this frightful war in which she carried out truly humanitarian work right up to her last illness. She never thought of herself but was always working for others whom the horrors of war had brought into her care. She carried on this Samaritan work in the noblest sense, permeating all she did with the fruits of what she herself had accomplished within our spiritual movement. Although she is closely related to me I venture to speak with deep feeling about this aspect of Olga von Sivers, who, ever since the founding of our movement was a self-sacrificing member. To Marie Steiner and myself it was a beautiful thought that she should be physically with us once more when better times had replaced our bleak present. But here too iron necessity decided otherwise.
[ 13 ] Auch in diesem Falle ist der Tod etwas, was sich in unser Leben, wenn wir dieses Leben spirituell zu verstehen suchen, hineinstellt, klärend, erleuchtend dieses Leben. Gewiß, es ist viel einzuwenden gegen manches, was in unserer Gesellschaft waltet, was gerade unsere Gesellschaft zutage fördert. Aber, wir haben eben auch solches zu verzeichnen, haben solches vor unserer Seele, solches zu erleben, was als ein Schönstes, ein Höchstes, ein Bedeutungsvollstes gerade aus der Kraft, die durch die anthroposophische Bewegung durchdringt, um uns herum steht. Heute darf ich Ihnen von solchen Beispielen sprechen. Und manche von Ihnen werden sich wohl auch an ein Mitglied erinnern, das zwar nicht unserem Zweige angehörte, dessen ich aber gerade heute vielleicht doch gedenken darf, weil es ja auch in diesem Zweige im Kreise der Schwestern oftmals erschienen ist, von vielen hier gekannt, unsere Johanna Arnold, die vor kurzem von dem physischen Plan in die geistige Welt hinübergegangen ist. Ihre Schwester, die ein ebenso treu ergebenes Mitglied unserer Bewegung war, ist ihr vor zwei Jahren vorangegangen.
[ 13 ] This again is a case when death of someone near can clarify and illumine life if we seek to understand it with spiritual insight. Certainly there are things in our society which are open to criticism, often they are things which the society itself brings to light. But we also see all around us other things which are direct results of the strength that flows through our Anthroposophical Movement, things which belong to our most beautiful, loftiest and significant experiences. Today I venture to speak of examples of this kind. Many of you will also remember someone who, though she did not belong to this branch, I would nevertheless like to remember today because, together with her sisters she often did appear here and will be known to many of you: our Johanna Arnold who not long ago went from the physical plane into the spiritual world. One of her sisters who was equally a loyal and devoted member of our movement died two years ago.
[ 14 ] In diesen Tagen mußte ich bei der Ausarbeitung der Broschüre gegen einen gehässigen Angreifer unserer Bewegung, Professor Max Dessoir, immer wieder über die Stelle gleiten, daß ich kein Verhältnis zur Wissenschaft habe, und daß gar die Masse meiner Anhänger auf jede eigene Denktätigkeit vollständig verzichte. Nun, eine Persönlichkeit wie Johanna Arnold ist der lebendigste Beweis dafür, welche ungeheure Lüge in einem solchen Ausspruche eines professoralen Ignoranten liegt. Die Größe, die in der Art des Hinübergehens in die geistige Welt bei Johanna Arnold lag, aber auch die innere Größe ihres ganzen seelischen Ergebenseins der Geisteswissenschaft, sie sind wirklich lebendige Beweise dafür, als was diese Geisteswissenschaft von wertvollsten Menschen genommen wird. Johanna Arnolds Leben war ein solches, das dem Menschen Prüfungen auferlegt, das aber auch den Menschen stärkt und stählt. Es war aber auch ein solches, welches eine große Seele offenbart. Nicht nur, daß Johanna Arnold während der Zeit ihrer Zugehörigkeit zur anthroposophischen Bewegung ihrem Zweige und den Nachbarkreisen eine kräftige Stütze war, nicht nur, daß sie in der Rheingegend so schön wirkte, schön wirkte im Zusammenhange mit mancher anderen Persönlichkeit — aus deren Reihe ist eine ja auch vor kurzem in die geistige Region hinauf uns entrissen worden: Frau Maud Künstler, die Unvergessene, die so innig ganz mit unserer Bewegung Verbundene —, nicht nur daß Johanna Arnold in ihrer Art seit ihrem Zusammenhange mit der anthroposophischen Bewegung wirkte, sondern sie offenbarte auch in diese Bewegung hinein selbst eine starke, kräftige Seele. Sieben Jahre war sie alt, da rettete sie der älteren Schwester, die dem Ertrinken nahe war, das Leben, mit edler Aufopferung und Mut, siebenjährig. Jahre verbrachte sie in England, und die Art, wie das Leben auf sie gewirkt hatte, zeigt, wie das Leben zwar zum großen Lehrmeister und auch zum Stärker und Kräftiger für die Seele wurde, aber auch zum OÖffenbarer alles dessen, was das Leben durchkraften kann, so daß sie offenbart, wonach sich die Seele als nach dem GöttlichGeistigen eben sehnt. Johanna Arnold wurde durch ihre große kräftige Seele Wohltäterin in ihrer Umgebung für die Anthroposophen, denen sie Führer wurde; sie wurde uns ein lieber Freund, weil wir sehen konnten, welch starke Kraft durch sie innerhalb unserer Bewegung verankert war. Den Sinn dieser Zeit zu verstehen, zu verstehen, was eigentlich jetzt mit der Menschheit geschieht: wie oft stellte mir in den letzten Jahren, seit diese furchtbare Zeit hereingebrochen ist, gerade Johanna Arnold diese bedeutungsvolle Frage. Unausgesetzt beschäftigte sie die Idee: Was will denn eigentlich diese Zeit furchtbarster Prüfung mit den Menschengeschlechtern, und was können wir, jeder einzelne, tun, um diese Zeit der Prüfung in der rechten Weise durchzumachen? Kein Tagesereignis im Zusammenhange mit der großen Zeitbewegung ging gerade an Johanna Arnolds Seele unvermerkt vorüber. Aber sie konnte auch alles in die großen Zusammenhänge hineinstellen, und sie wußte sich auch alles in Zusammenhang zu bringen mit dem geistigen Entwickelungsgange der Menschheit überhaupt. Fichte, Schelling, Hegel, Robert Hamerling waren ihr eindringliches Studium, dem sie sich hingab, um die Geheimnisse des Menschendaseins zu enträtseln. Oh, es lebt vieles doch innerhalb unserer Bewegung, dessen werden wir bei einer solchen Gelegenheit inne, vieles, was Menschenleben, Menschenwirken, Menschenentwickelung vertieft. Und wenn irgend jemand ein lebendiger Beweis dafür ist, daß es eine frivole Lüge ist, daß innerhalb unserer Bewegung auf eigene Denkarbeit verzichtet wird: Johanna Arnold ist ein solcher lebendiger Beweis und steht gerade durch ihre Kraft, ihre Hingebung, durch ihre Treue zur geisteswissenschaftlichen Bewegung und auch durch ihren Willen in ernster wissenschaftlicher Arbeit, in ernster Denkarbeit in die Geheimnisse der Menschheit einzudringen, vorbildlich vor denjenigen, die sie kennengelernt haben. Dankbar bin ich persönlich allen denjenigen, die dies in schöner Weise bei dem Heimgange unserer Freundin zum Ausdruck gebracht haben. Und die Schwester, die heute hier mit uns vereint ist und die beide Schwestern in so kurzer Zeit hat hingehen sehen, sie darf das Bewußtsein mitnehmen, daß wir, mit ihr in Gedanken verbunden, treu verbleiben wollen derjenigen, die von ihrer Seite aus der physischen Welt in die geistige Welt hinübergegangen ist, der wir nicht nur Erinnerung, sondern ein lebendiges Zusammensein mit ihr bewahren wollen.
[ 14 ] I have in these days been working on a pamphlet to answer the spiteful attacks on our movement by professor Max Dessoir, and I constantly come across statements to the effect that I know nothing of science and that my supporters have to renounce all thoughts of their own.—Well, a personality like Johanna Arnold is a living proof that such statements coming from this ignorant professor are utter lies. Johanna Arnold's deep devotion to spiritual science contributed to the nobility of her life and also to the nobility with which she died. She is indeed a living proof that the most valuable people are among those who recognize and cultivate spiritual science. Her life brought many trials but it was also a life that developed strength of personality and brought out all the greatness of her soul. During the years in our movement she was a vigorous supporter in her branch and neighbouring circles. She did in fact, together with others, a most valuable work throughout the Rhine region. One of the others was Frau Maud Künstler who also died recently. She too was much appreciated and was also intimately connected with our movement. Not only in her work within our movement did Johanna Arnold give evidence of her strong vigorous character. At the age of seven she, with great courage, saved her older sister from drowning. Part of her life was spent in England. She gave ample proof that not only is life a great teacher but it can also make a soul strong and powerful. Moreover in her case life revealed to her the divine spiritual for which the human soul longs. Through her inner mobility and strength Johanna Arnold became a benefactress to the Anthroposophists whose leader she was. To us who saw the extent of her commitment to our movement she became a dear friend. During these last years since the beginning of this dreadful war—in her attempt to understand what is happening to mankind—Johanna Arnold would ask me significant questions. She was constantly occupied with the thought as to the real meaning of this most difficult trial of the human race and concerned about what each one of us can do in order to go through it in a positive way. None of the daily occurrences of the war escaped her notice. But she was also able to see them in their wider context, bringing them into relation with mankind's spiritual evolution in general. In her attempt to solve the riddle of mankind she made a close study of Fichte, Schelling, Hegel and Robert Hamerling. There are indeed many examples in our movement which can show how spiritual science affects man's whole life, his way of working, his inner development. And Johanna Arnold is a living proof, if such is required, that it is a blatant lie to say that individual thought must be renounced in our movement. She was looked up to as an example by those who knew her, not only through her devotion and loyalty to our spiritual-scientific movement but also because she sought through earnest independent thinking, to fathom the secrets of man's existence.—I am personally grateful to all those who so beautifully expressed their appreciation at the funeral of our friend. Her sister who is with us today has witnessed within a short time the death of Johanna Arnold as well as that of another sister; to her we would say that we shall remain united with her in loyal thoughts of those who have gone from her side into the spiritual world. We shall cherish their memory and retain a living connection with them.
[ 15 ] Meine lieben Freunde, auch solche Betrachtungen, die unmittelbar an das anknüpfen, was uns ja wohl schmerzlich berührt, sie gehören zu dem Ganzen — ich darf sagen, indem ich alles Pedantische von dem Wort abstreife — unseres lebendigen Studiums. Wir sehen gerade in der Gegenwart manches auch hinsterben, von dem wir nicht in gleicher Art wissen, daß es ein geistiges Aufleben finden kann, wie wir das von der Menschenseele sagen. Wir sehen so manche Hoffnung, so manche Erwartung hinsterben. Nun könnte man vielleicht wohl sagen: warum macht man sich, wenn man etwas klarer in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinblickt, unberechtigte Hoffnungen, unberechtigte Erwartungen? Aber Hoffnungen und Erwartungen sind Kräfte, sind wirksame Kräfte. Wir müssen sie uns machen. Nicht deshalb, weil wir etwa fürchten, sie könnten sich nicht erfüllen, dürfen wir sie unterlassen; sondern wir müssen sie uns machen, weil sie, wenn wir sie hegen, ob sie sich nun erfüllen oder nicht, als Kräfte wirken, weil etwas aus ihnen wird. Aber wir müssen uns auch zurechtfinden, wenn zuweilen nichts aus ihnen wird. Man möchte so gerne auf manchen Menschen, wenn er nur von irgendeiner Seite her anfängt, für ein Verständnis der geistigen Welt Wärme zu fassen, Hoffnungen setzen. Man setzt sie auch. Doch in unserer materialistischen Zeit verfliegen so manche Hoffnungen, und ich habe Ihnen in den letzten Betrachtungen geschildert, welches die tieferen Gründe sind, warum solche Hoffnungen verfliegen.
[ 15 ] These thoughts concerning departed friends, linked as they are with sorrowful experiences, also belong to our studies—using the word here free from all pedantry. We know that for the human soul there is survival and new beginning, but does the same apply to the many hopes and expectations we witness that come to nothing especially in our times? Why is it, we may ask, that even those who have a measure of insight into mankind's evolution nurture unjustified hopes and expectations? The answer is that we must nurture them, for they are forces, effective forces. Any doubt we may have as to whether they will be fulfilled should not prevent us from cherishing them because while we do they act as forces and produce effects whether they are fulfilled or not. We must accept it if, for the time being, they come to nothing. How gladly we set our hopes on many a person when he shows the first signs of warm understanding for the spiritual world. One has such hopes despite the fact that in our materialistic age they are often shattered. In recent lectures I have described deeper reasons as to why such hopes are shattered.
[ 16 ] Da müssen wir uns doch immer wieder klar sein: so groß in der äußeren physischen Welt heute auf manchem Gebiete dasjenige ist, was man Menschenmut nennt, auf geistigem Gebiete finden wir Menschenmut heute doch sehr selten. Daher sind schon solche Beispiele, wie wir sie heute anführen konnten, recht vorbildlich, müßten vorbildlich werden auch nach dem Äußeren unserer Gesellschaft und unserer Geistesbewegung hin. Es geht ja heute manchen Menschen, ich möchte sagen, ein Licht darüber auf: mit dem Materialismus geht es nicht mehr. Aber einzudringen in das, worin eingedrungen werden muß, wenn die Menschheit nicht anstatt zum Heil, zum Unheil in die Kulturentwickelung geführt werden soll, einzudringen in die konkrete, wirkliche Geisteswissenschaft, dagegen wendet sich ja das, was ich oftmals genannt habe ° die innere seelische Bequemlichkeit der Menschen. Manchmal sind die Menschen ungemein nahe daran, durch die Pforte in die Geisteswissenschaft hineinzugehen; aber es ist im Grunde genommen die Bequemlichkeit, welche sie hindert, ihre Seele so biegsam, so plastisch, so inhaltvoll zu machen, daß die auseinandergelegten Ideen der geistigen Welt, die wirklichen Inhalte der geistigen Welt, erfaßt werden können. Allgemeines Schwärmen in mystischer Welteneinheit, allgemeines Deklamieren: Wissenschaft allein macht es nicht, der Glaube muß kommen, — das ist ja etwas, was bei vielen heute anzutreffen ist. Aber der Mur. ins Konkrete der Betrachtung und Beschreibung desjenigen, was geistige Welt hinter unserer sinnlichen Welt ist, wirklich einzudringen, dieser Mut fehlt vielfach.
[ 16 ] In this connection we must be clear that what we call human courage, which we see today in such abundance in many spheres of external life, is very seldom found in relation to spiritual life. This is why the personalities I spoke of today are really models even in regard to more external aspects of our society and movement. It is dawning on many people today that materialism will not do. But what I have often referred to as man's love of ease prevents them from committing themselves to spiritual science. Yet nothing else can save human civilization from plunging into disaster. There are people who are often quite near the point of crossing the threshold into spiritual science; that they do not is basically due to indolence. It is love of ease that prevents them from making their soul receptive and pliable enough to grasp ideas that quite concretely explain the spiritual world. There are many today who enthuse in general about the mystical unity of worlds, vaguely declaring that science alone does not explain everything; faith must come to its aid. But the courage to penetrate earnestly into the descriptions and explanations of the spiritual world that lies at the foundation of the sense world, that courage is greatly lacking.
[ 17 ] Ich habe Ihnen im verflossenen Winter von Hermann Bahr erzählt, wie nahe dieser Mensch nach seinen letzten Büchern «Expressionismus» und seinem Roman «Himmelfahrt» eigentlich am Eindringen in die geistige Welt war. Ich habe da auch über die Wege Hermann Bahrs gesprochen. Nicht zu leugnen ist, daß der Mann trotz seiner vielen Schwankungen, trotz seiner vielen Wandlungen im Leben, das Streben nach dem Geiste hin endlich gefunden hat. Aber sehr merkwürdig ist doch eine Schrift, die er als seine neueste mir eben zugeschickt hat, und die da heißt: «Vernunft und Wissenschaft» Sonderabdruck aus der «Kultur», Jahrbuch der österreichischen Leo-Gesellschaft, 1917, Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck. Sie geht davon aus, wie die neuere Menschheit aus älterem Erkenntnisstreben heraus dazu gekommen ist, mehr auf die Vernunft allein zu bauen, durch die Vernunft das GöttlichGeistige zu suchen, den Weltenzusammenhang durch sie zu suchen. Hermann Bahr geht auch von der Frage aus: Wozu ist diese Vernunft, ist dieses Vernunftstreben gekommen, das man im achtzehnten Jahrhundert die Aufklärung nannte, und das ja das neunzehnte Jahrhundert vielfach durchsetzt hat. Gleich zu Anfang seiner Schrift sagt er:
[ 17 ] Last winter I spoke about Hermann Bahr, about his path of knowledge. His latest books, “Expressionism” and the novel “Ascension,” suggested that he was at the point of becoming conscious of the spiritual world. There is no doubt that despite his vacillations and changes of direction he was at last striving towards the spirit. But his very latest writing which he has just sent me is very curious. Its title is “Reason and Knowledge”*“Vernunft and Wissenschaft” and it deals with the way modern humanity, in contrast to former times, relies more on reason when seeking spiritual insight, when trying to understand the World Order. Hermann Bahr begins by asking what reason has achieved. In the 18th Century, striving to develop reason was synonymous with so-called enlightenment which also played a decisive role in the 19th Century. He begins by saying that:
[ 18 ] «Vor dem Kriege wähnte das Abendland, seine Völker hätten Gemeinsamkeiten. Es gab Kosmopolis, das Reich der guten Europäer, die glitzernde Welt der Millionäre, Dilettanten und Ästheten, der vaterlandslosen Existenzen im Schlafwagen, an den blauen Küsten und in den großen Hotels, der entwurzelten Weltenbummler. Es gab die stolze Republik der Geister in Wissenschaft und Kunst. Es gab das Völkerrecht. Es gab die Humanität. Es gab Internationalen der Arbeit, des Handels, des Geldes, des Gedankens, des Geschmackes, der Sitte, der Laune. Es gab Zwecke, gab Ziele, den sämtlichen Völkern des Abendlandes gemein. Sie glaubten zu diesen gemeinsamen Zwecken doch auch ein gemeinsames Mittel zu haben: die menschliche Vernunft. Durch sie, hofften sie, würde die Menschheit dereinst der ganzen Wahrheit, die dem Einzelnen vielleicht unerreichbar bleibt, mit vereinten Kräften allmählich fähig werden. Alle diese Gemeinsamkeiten hat uns der Krieg geraubt. Sie sind weg.»
[ 18 ] “Before the war the West imagined that its peoples shared a feeling of community. They were cosmopolitans or else ‘good’ Europeans. There was the glittering world of millionaires, there were the dilettante and the aesthetes and also the international set, the uprooted vagabonds, spending their lives in sleeping cars and in grand hotels by the sea. And there were the proud communities of scientists and artists. Furthermore we had people's rights, we had humanitarianism. Internationally we shared the fruits of industry, commerce, money, thoughts, taste, morals and humour. All the nations in the West had aims and goals in common. They even thought they had also a means in common by which to attain these shared goals: the means of human reason! The hope was that, through united effort and human reason, mankind would attain what was perhaps beyond the reach of single individuals: ultimate truth. We have been robbed of all this by the war; it has all vanished.”
[ 19 ] So legt sich Hermann Bahr diese Frage einmal vor, und er bringt schon unsere jetzige Seele zusammen mit dem einseitigen Vernunftstreben der Menschen. Er erinnert an ein interessantes Goethe-Faktum, welches wirklich interessant ist. Goethe betrachtete nämlich in Böhmen einen eigentümlich gestalteten Berg, den Kammerbühl, und es ergab sich ihm durch die Betrachtung, dieser Berg müsse seinem Entstehen nach vulkanischer Natur sein. Goethe hatte für sich den festen Glauben, daß der Berg durch alte vulkanische Kräfte entstanden sein müsse. Aber es gab andere, die nicht dieser Ansicht waren, sondern die annahmen, der Berg wäre neptunischer Natur, wäre durch sedimentäre Kräfte, durch Wasserkräfte in die Höhe getrieben. Goethe glaubte das eine, daß der Berg vulkanischer Natur wäre; aber er konnte die, welche anderer Meinung waren, nicht von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugen. Er fühlte, daß es ein gewisser innerer Impuls war, der ihm sagte: es repräsentiert sich mir der Berg vulkanisch; während die anderen sagten: es repräsentiert sich uns der Berg seiner Natur nach sedimentär. Und Hermann Bahr sagt sich nun: also ersehen wir daraus, daß ganz andere Impulse den Menschen in seinem Urteil treiben, Impulse, die erst hinter der Vernunft stehen. Aber nicht alle sind Goethes, meint er; doch alle werden, wenn sie der Vernunft zu folgen glauben, von ihren Impulsen bestimmt. Eine alte Zeit, das Mittelalter, so führt er weiter aus, hat die Menschen bestimmt, zu glauben, aus dem Glauben heraus zu Gedanken über die Welt zu kommen. Aber jetzt ist der Glaube zur Phrase geworden; er bestimmt höchstens noch das der Wissenschaft abgelegene Leben. Darin wirken die Impulse der Menschen. Aber welche Impulse wirken unter den heutigen Menschen? Hermann Bahr zählt einige dieser Impulse auf, die den Menschen dahin bringen, daß sie ihn glauben machen, er folge nur seiner Vernunft; doch in Wahrheit folge er seinen Impulsen, seinen Emotionen und so weiter. Die Amerikaner zum Beispiel wollten einen bestimmten starken Impuls. Den nannten sie Pragmatismus. Sie wollten das, was nützlich ist: Der berühmte Pragmatismus von William James. Aber was ist nach Hermann Bahrs Ansicht aus diesem Grundtriebe nach der Nützlichkeit geworden? «Es gab aber im abendländischen Menschen nur noch zwei Triebe», meint er, und macht nun bemerklich, wie im Mittelalter die Wissenschaft die «Magd» der Theologie war. Man hat sich ja in gewissen Zeiten nicht genug tun können in Anführung dieses Ausspruches: Die Wissenschaft die Magd der Theologie. Doch Hermann Bahr meint, wenn man auf die Kultur der neueren Zeit hinsieht, so ist die wahre Vernunft zwar nicht die Magd der Theologie, wohl aber die Magd unserer Gewinnsucht geworden. Und noch tiefere Fragen stellt er sich. Der einzelne Mensch, sagt er, kann für sich allein nicht bestehen, er muß in einer Gemeinsamkeit drinnen sein. Als diese Gemeinsamkeit hat der einzelne Mensch den Staat, in den er sich hineinstellt. Aber Hermann Bahr muß die Frage aufwerfen: Sind das nicht wieder Affekte, welche die einzelnen Staaten beherrschen? — Und nun sucht er die einzelne menschliche Seele zur Anknüpfung zu bringen an irgend etwas Geistiges. Er versucht zunächst an Goethe und Kant anzuknüpfen, und dann an folgende Gedanken. Er sagt sich: wir sehen in unserem heutigen niederen Leben innere Impulse wirken, die eigentlich die Vernunft dahin bringen, wohin sie wollen; aber das sagt uns nicht, etwas ist wahr oder unwahr, weil wir es durch die Vernunft widerlegt oder bewiesen haben, sondern weil wir so aus inneren Impulsen heraus wollen, so wie Goethe den Kammerbühl wollte als aus vulkanischer Natur heraus entstanden ansehen, während seine Gegner ihn aus sedimentärer Natur heraus entstanden wissen wollten. Es muß andere Impulse geben, sagt sich Hermann Bahr weiter, die nicht nur aus der niederen Menschennatur kommen. Da findet er das Genie. Was ein Mensch aus Genie tut, ist auch ein Impuls, aber nicht ein niederer. Es ist etwas, was hereinwirkt in den Menschen, was etwas Kosmisches hat. So meint er. Aber nun wird er fast zum Worthaarspalter, indem er das Grimmsche Wörterbuch durchstöbert, um hinter die Bedeutung des Wortes Genie zu kommen. Er macht sich zwar klar, was dieses Wort bei Goethe bedeutet, was es bei Schiller, bei den Romantikern und so weiter bedeutet, aber so ohne weiteres das Wort Genie anzuwenden, geht ja doch eigentlich nicht. Denn würde man das Wort Genie für den höchsten Impuls der Wissenschaft halten, so würden sicher alle Professoren sagen, sie wären Genies — und man hätte ebensoviele Genies zu verehren! Das will Hermann Bahr natürlich nicht. Daher sucht er nach der anderen Seite hin einen Ausweg, und da findet er: Goethe hat doch nicht so ganz Unrecht gehabt, das Genie nur vereinzelten Menschen zuzusprechen. Und da es doch wieder nur vereinzelten Menschen zugesprochen werden kann, so kann es nicht zum Impuls des wissenschaftlichen Wirkens gemacht werden. Kurz, er kommt dahin, einen inneren Zusammenhang der Menschenseele mit der geistigen Welt zu ahnen. Und da findet er einen Zusammenhang. Sie können mich in Stücke hacken, aber ich kann Ihnen den logischen Zusammenhang nicht klarmachen zwischen dem Goetheschen Genie-Gedanken und dem Kirchengesang «Veni Creator Spiritus», zwischen demjenigen, was in die menschliche Seele hereinzieht, wenn dieser Kirchengesang angestimmt wird; ein Zusammenhang, der gewiß groß und gewaltig ist, auch real ist, aber wie er mit dem Goetheschen Genie-Gedanken zusammenhängt, das weiß ich nicht, kann es auch nicht herausbringen. Aber Hermann Bahr will ja das eine: für sich selber sich klarmachen, daß die Vernunft, das bloße Vernunftstreben nicht zur Wahrheit führen kann. Hermann Bahr will zu dem nein sagen, wozu die Aufklärung ja gesagt hat. Die Aufklärung wollte in die Welt etwas hereinbringen, was über das aufklärt, was wir sehen und wahrnehmen. Da sollte die Vernunft erhöht werden. Aber weil jetzt, meint Hermann Bahr, die Vernunft zur Dienerin des äußeren Handwerks und der Technik geworden ist, will er sie absetzen und leiten lassen von Impulsen, die ihm vor Augen stehen. Und diese Impulse zeigen uns, wie ein Mensch, der bis an das Tor der Geisteswissenschaft gekommen ist, nun doch stillhält und zu bequem ist, in diese Geisteswissenschaft konkret hineinzugehen. Er meint, die Vernunft allein erreicht nichts, der Glaube muß hinzukommen und muß alles führen. Von Gott selbst müssen die Impulse kommen, also nicht aus der niederen Menschennatur, und durch den Glauben müssen sie in die Seele einziehen und den Menschen lenken. Die Wissenschaft muß vom Glauben gelenkt werden, die Vernunft allein kann nichts erreichen in der Wissenschaft.
[ 19 ] Thus Hermann Bahr, looking at the state of the world, concludes that modern man places a one-sided emphasis on reason. He recalls an interesting episode in Goethe's life. In Bohemia Goethe observed a strangely shaped mountain, the Kammerbühl and he concluded that the mountain must be of volcanic origin. He was convinced it had been formed in an ancient volcanic eruption. But others did not share his view; they presumed the mountain had originated through sedimentation which had been driven upwards by the force of water. Goethe was unable to convince these people that his assumption was the right one. He felt an inner impulse which convinced him that the mountain was of volcanic origin. The others were equally certain it had come about through sedimentation. This argument suggested to Hermann Bahr that impulses, quite different from reason, influence man's judgments; he saw them as impulses at work behind reason. Hermann Bahr concedes that not everyone is a Goethe; nevertheless, it seems to him that while people think they are following reason they are in fact determined by impulses. Earlier, in the Middle Ages, people were exhorted to have faith, to base their thoughts about the world on faith. But faith has become a mere phrase, it has lost its influence except in aspects of life in which science plays no role. Thus to Hermann Bahr man seems to be determined by his impulses. He asks: What kind of impulses are at work in modern man? He goes on to enumerate some impulses and emotions which delude people into believing they are following solely their reason. He says that Americans for example have a particularly strong impulse towards pragmatism. They want what is useful and practical, hence the famous pragmatism of William James.14William James 1842–1910 American Philosopher, founder of Pragmatism However Hermann Bahr now asks: What has come of this urge toward the useful? He is of the opinion that: “there are two main urges in Western man.” He then points to the much quoted expression that in the Middle Ages science was the handmaid of Theology; looking at modern culture he concludes that reason is certainly not the handmaid to Theology, rather has it become the handmaid of Greed. He then goes into still deeper problems; the individual, he says, cannot exist by himself, he must live in a community. This community is the State in which the individual has his place. This observation inevitably leads Hermann Bahr to ask if, here again, are not emotions the determining factors within the various States? At this point he attempts to link a spiritual element to the individual human soul. This spiritual element he tries to find first in Goethe and Kant; and he finally comes to the following thought: We see inner impulses at work in our lower life, impulses which draw reason along with them. It is therefore not reason which proves to us whether something is true or untrue. We judge things according to our inner impulses, according to what we want them to be. Thus Goethe wanted the Kammerbühl to be of volcanic origin while his opponents wanted it produced by sedimentation. Hermann Bahr came to the conclusion that there must be impulses in man other than those which stem from the lower nature. This thought brings him to the idea of Genius. What is done by a genius is also done out of impulse, but not a lower one. A genius is someone who is influenced by an element of a cosmic nature. However, the word genius almost makes Hermann Bahr split hairs. He consults Grimm's dictionary to get to the bottom of what the word Genius means; he familiarizes himself with what Goethe, Schiller, the Romantics and others, meant by it. He comes to see that the word genius cannot be applied indiscriminately. For example, if it is used to denote the highest impulse in the pursuit of knowledge then all professors would claim to be geniuses and there would be as many of them to venerate as there were professors. Hermann Bahr had no wish for that, so he looks for another way out. He comes to the conclusion that Goethe was quite right in applying the word genius only to a few special individuals. If applicable only to a few then it cannot be considered as an impulse for scientific endeavour. In short Hermann Bahr reaches a point where he senses that the soul of man has a connection with the spiritual world. He says: “You may tear me to pieces but I cannot explain the logical connection between the impact on the human soul of the hymn: ‘Veni Creator Spiritus’ (‘Come Holy Ghost’) and the meaning of genius in the Goethean sense. The connection is there and is sublime, powerful and real, yet I cannot explain it.” However, there is one thing that Herman Bahr does want to explain; namely, that relying merely on reason does not help; reason as such, he says, does not lead man to truth. He rejects what in the age of enlightenment had been seen as the supremacy of reason, had been seen as reason's ability to explain everything observed and investigated. He wants to dethrone reason for in his view it has become subservient to external trade and technology and it simply follows man's impulses. One thing these inner impulses of man do demonstrate is how a man like Hermann Bahr is able to reach the portal of spiritual science and then, because of lack of initiative to get to grips with spiritual science he holds back. He remains at the point of view that reason on its own is helpless, faith must step in to guide it. Thus the impulses that are to guide man must come, not from his lower nature but from God. He must receive them through faith. Knowledge must be guided by faith, reason alone can attain nothing.
[ 20 ] Hermann Bahr gibt sich viele Mühe, um für diese Idee Anknüpfungspunkte zu finden. Er weist zum Beispiel in interessanter Weise hin auf Friedrich Heinrich Jacobi, der einmal in einem schönen Briefwechsel den Gedanken ausgesprochen hat, daß es für die Wahrheit überall in der Menschennatur elastische Stellen gäbe. Eine sehr schöne Idee von Jacobi. Ich habe sie einmal anders ausgesprochen: Nehmen Sie die «Philosophie der Freiheit»; da haben Sie etwas, was als Ganzes ein Organismus ist, wo ein Gedanke aus dem anderen herauswächst; wenn man irgendwo an die elastischen Stellen kommt, geht das Denken von selbst weiter; da fühlt man das Walten des Geistes in der eigenen Seele. Darauf macht Jacobi aufmerksam, und darauf weist auch Hermann Bahr hin, daß etwas in der Menschenseele lebt, in ihr wirkt, so wie etwas Geistiges. Das Merkwürdigste ist, daß Hermann Bahr gewissermaßen den höheren Menschen, welcher der göttliche Mensch ist, im Menschen finden will, indem er die Vernunft zum Glauben zurückführt, indem er nicht die Impulse gelten läßt, die in der heutigen Wissenschaft Geltung haben. Aber einen Impuls findet er nicht, der in der heutigen Menschheit lebt, leben kann wenigstens. Das ist der Christus-Impuls! Es ist merkwürdig: nur an einer Stelle seiner Schrift — denn die beiden anderen Stellen, wo er noch vorkommt, sind ganz bedeutungslos — weist er auf den Christus hin, und diese Stelle ist nicht von Hermann Bahr, sondern von Pascal. Das ist jene Äußerung Pascals, daß wir Menschen uns selbst nur erkennen durch Jesus Christus, daß wir das Leben, den Tod nur durch Jesus Christus erkennen, und daß wir durch uns allein nichts wissen, weder von unserem Leben noch von unserem Tode, weder von Gott noch von uns selbst. — Da haben Sie von Pascal einen Impuls, der von innen wirkt, der nicht vom Menschen selbst stammt: der Christus-Impuls, der aber erst seit dem Mysterium von Golgatha in der Welt ist. Man muß zugleich historischen Sinn haben, wenn man darauf hinweisen will. Hermann Bahr kommt also auch nicht weiter als Harnack und die anderen; er kommt bis zu einem allgemeinen Gotte, der durch die Natur spricht, aber nicht zu einer lebendigen Auffassung des Christus. Hier haben Sie wieder ein Beispiel dafür, daß die Menschen nach der Wahrheit streben wollen, aber sie finden gerade den Christus nicht, und sie bemerken es nicht einmal. Hermann Bahr bemüht sich zu zeigen, wie das Prinzip des Strebens durch die Weltentwickelung geht. Er sagt einige schöne Worte über das Griechentum, über das Römertum, sogar über Mohammed. Ausgelassen ist nur das Mysterium von Golgatha! Indem er über das Christentum redet, tut er es erst wieder, wo er von dem heiligen Augustinus spricht. Man findet, selbst wenn man noch so viel deklamiert über die Vernunft und dergleichen, nicht den Christus; man findet nur den allgemeinen Gott. Aber Christus ist der Gott, der aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist in das irdische Leben und so wahr in uns lebt, wie unser unmittelbar Höchstes in uns lebt. Durch, das, was Pascal vorschwebt, erlangen wir Erkenntnis von der Welt, vom Leben wie vom Tode, von Gott wie von uns selbst, indem wir uns von dem Christus durchdringen lassen. Um aber das zu erkennen, ist Geisteswissenschaft notwendig. Anderes nicht. Und den Weg dahin bildet schon Goethe. Aber was sagt Hermann Bahr, indem er alle möglichen Goethe-Aussprüche zu rechtfertigen sich bemüht, indem er sozusagen sein Inneres aufschließen will, das in der letzten Zeit zum Glauben hingeführt worden ist? Er sagt: «Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants!» Die Einmündung bei demjenigen, das äußere Macht hat und in unserer Gegenwart bemerklich macht, daß es die Macht auch wieder entwickeln will. Die Menschen wollen nicht sehen, sie wollen nicht hören, und lassen an sich vorübergehen, was ihnen die Zeichen der Zeit deuten würden. Hermann Bahr weiß die Zeichen der Zeit in seiner Art allerdings besser zu deuten. Er weiß, daß in unserer Zeit manche Zeichen allerdings dafür sprechen, zu sagen: Ich muß wohl nicht erst versichern, daß ich mich zur Lehre des Vaticanum bekenne, nicht zu den Meinungen Goethes und Kants! Es ist so recht ein Beispiel dafür, wenn die Bequemlichkeit Halt macht. Ich liebe Hermann Bahr, ich sagte das schon einmal; ich will nichts gegen ihn sagen, sondern nur besprechen, was an ihm als einer sehr begabten, bedeutungsvollen Persönlichkeit charakteristisch in unserer Zeit wirkt.
[ 20 ] Hermann Bahr makes great effort to find confirmation of this idea. For example he makes an interesting reference to Friedrich Heinrich Jacobi15Friedrich Heinrich Jacobi 1743–1819 Philosopher and Novelist. who in a letter once expressed the perceptive idea that when it comes to the human soul's ability to grasp truth it is as if it were capable of elasticity, of expansion. This is a very ingenious idea of Jacobi's. I expressed the same thing somewhat differently in my Philosophy of Freedom where I spoke of an organism of thought, wherein one thought grows out of the preceding one. Whenever one arrives at the "elasticity" of man's inner nature, thinking continues, through its own power, the line of thought. When this happens one is experiencing the power of the spirit in one's own soul. Both Jacobi and Hermann Bahr point to the fact that something of a spiritual nature lives and acts in the human soul. What is so remarkable about Hermann Bahr is that he attempts to find in man the higher, the divine man, by demonstrating that reason is subservient to faith. In so doing he denies validity to the very impulse, i.e., reason that governs modern scientific endeavour. One impulse Hermann Bahr does not discover: the Christ impulse which lives, or at least can live, in modern man. He points to Christ in only one place—two other places where he mentions Christ have no significance—and what he says there does not come from him but is a quotation from Pascal.16Blaise Pascal 1623–1662 French Natural Philosopher It comes from Cascali “Pensus” when he says that “we human beings only know ourselves through Jesus Christ; that we know life and death only through Jesus Christ; through ourselves alone we know nothing either of our life or our death; nothing of either God or ourselves.”—Here Pascal is pointing to an impulse that comes from within man yet does not stem from himself; i.e. the Christ impulse. To understand it a sense of history is needed, for it has only been on earth since the Mystery of Golgotha. Thus Hermann Bahr gets no further than Harnack and others. He comes as far as the idea of a universal God who speaks through nature, but not to a living understanding of Christ. This, once more, is an example of someone who is striving for truth yet cannot find the Christ and is unaware that he does not find Him. Hermann Bahr is at pains to show that throughout the evolution of the world man's striving is in evidence. He says beautiful things about Greek and Roman culture and even about Mohammed. The only thing he leaves out is the Mystery of Golgotha. He speaks of Christianity only in a reference to St. Augustine. But no amount of preoccupation with reason and the like can lead to Christ; it can lead only to a universal God. Christ, the God who descended from cosmic heights into earthly life, lives in us as truly as our own highest being lives in us. As Pascal indicated, we can attain knowledge of life and death; of God and ourselves only through being permeated by Christ. This truth can be recognized and understood only through spiritual science. Goethe did pave the way to spiritual science. But when Hermann Bahr—in order to justify why he finally turned to faith—tries to explain the value of all kinds of statements by Goethe, all he says is: “It will not be necessary for me to testify that I acknowledge the teaching of the Vatican and the views of Goethe and Kant.” Here we see the influence of an external power which at present clearly indicates its intention to increase that power. Yet people remain deaf and blind to the signs of the times; they let what can explain the signs of the times pass them by. Hermann Bahr in his own way is well able to read these signs. He knows of the many things that induce modern man to say things like: “It will not be necessary for me to testify that I acknowledge the teachings of the Vatican and the views of Goethe and Kant.” It is a supreme example of how indolence can make a man come to a standstill in his endeavour. I love Hermann Bahr and have no wish to say anything against him. I only want to indicate what in such a characteristic way can influence a talented and significant personality of our time.
[ 21 ] Vernunft: es ist leicht sie anzuklagen! Man kann vieles gegen sie sagen, kann sagen, daß sie die Wahrheit nicht findet. Allein nur die Vernunft anklagen, heißt eben nicht tief genug in die Sache eindringen. Würde man tiefer eindringen, so würde man wissen, daß nur derjenige Vernunftgebrauch von der Wahrheit abführt, der von Ahriman durchdrungen ist, wie auch derjenige Glaubensgebrauch von der Wahrheit abführen kann, der von Luzifer durchdrungen ist. Der Glaube kann von Luzifer, die Vernunft von Ahriman durchdrungen werden. Aber weder Glaube noch Vernunft sind an sich zur Unwahrheit oder zum Irrtum führend; denn sie sind, wenn wir im religiösen Sinne sprechen wollen, menschliche Gottesgaben. Wandeln sie auf richtigen Wegen, so führen sie zur Wahrheit, nicht zu Irrtum und Unwahrheit. Und die tiefere Auffassung wäre die, zu erkennen, wie sich Ahriman in die Vernunft einschleicht und das hervorbringt, was die Verirrung der Vernunft ist. Dazu müßte man aber wieder in die konkrete geistige Welt eindringen und dürfte nicht zu bequem sein, die einzelnen Vorstellungen aufzunehmen, welche die geistige Welt wiedergeben. Will man in schauderhaften Abstraktionen sich verbreiten, so schimpft man auf die Vernunft und weiß nicht, daß die Vernunft in konkreter Entwickelung in der fünften nachatlantischen Kulturperiode das Ich in die Bewußtseinsseele hineinbringen muß. Man redet wie ein Blinder von den Farben. Aber wenn man heute vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus redet, dann muß man — ob Ihnen nun auch irgendwelche Ignoranten oder sonstige Leute allerlei Widersprüche vorwerfen — zu dem stehen, wie ich es schon auseinandergesetzt habe, was sich ergibt, wenn der Geist selber im Geiste sucht. Man hat eine persönliche Verantwortlichkeit gegenüber dem Geiste. Und gerade das ist, wie ich heute an besonderen Beispielen hervorheben konnte, an dem Menschen als etwas Großes zu empfinden: Verantwortlichkeit im Geiste zu fühlen für alles, was man tut, aber auch was man fühlt und denkt. Knüpft man aber an etwas historisch Gewordenes an, ohne das persönliche Suchen in dem der Menschheit Notwendigen, dann kann man vielleicht auch so sagen: «Wen es interessiert, welchen Weg mich Gott geführt hat» — so sagt nämlich Hermann Bahr —, «der sei auf meine Schriften «Inventur und «Expressionismus» hingewiesen, hüte sich aber, worum ich auch den Leser dieses Aufsatzes bitten muß, etwa meine persönlichen Erfahrungen zu verallgemeinern, die mir halfen, aber keineswegs ansprechen, deshalb auch anderen helfen zu können.» Wenn man sich also in alles das hineinbegibt, wofür das Vaticanum gilt, dann hat man nicht nötig für sein Persönliches einzustehen. Denn dann kann man wohl auch sagen: «Stößt also dem Leser hier irgendein Gedanke zu, der sich von diesen Grundgedanken entfernte, so will ich ihn ausdrücklich davor warnen, meiner Absicht zuzumessen, was nur durch die Nachlässigkeit oder Zweideutigkeit einer unglücklich gewählten Wendung verschuldet wäre, ganz gegen meinen Willen und zu meinem Schmerze.»
[ 21 ] It is easy enough to blame reason, much can be said against it. It can be accused of not leading man to truth. However, blaming reason simply shows that the matter has not been thought through. Sufficient exploration will reveal that it is only when reason is permeated by Ahriman that it leads away from truth. Similarly if faith is permeated by Lucifer it also leads away from truth. Faith is in danger of being saturated with Lucifer, reason with Ahriman. But neither faith nor reason as such lead to untruth or error. In the religious sense they are gifts of God to man. When they follow their rightful path they will lead to truth, never to either error or untruth. Deeper insight reveals how Ahriman comes to insinuate himself into reason and bring about confusion. This knowledge can be obtained however, only by penetrating into the actual spiritual world. To do this requires one to make the effort to grasp the ideas, the descriptions which depict the spiritual world. If man persists in living in arid abstractions he sins against reason and remains ignorant of the fact that through the development of reason in the fifth post-Atlantean epoch man's ‘I’ is to enter the consciousness soul. People talk about man's relation to the spirit like the blind talk about colors. However, no matter how much the ignorant accuse one of contradictions—when speaking from the point of view of spiritual science—it is essential, as already explained, to stand by the results obtained when the spirit is investigated by spiritual means. One has a personal responsibility for the spirit. This is the kind of responsibility I was able to speak about earlier in connection with special personalities whose example illustrates man's greatness when he feels responsible, not only for his actions, but also for his thoughts and feelings. By contrast you here have someone with no feeling of responsibility; without trying to discover what the present needs, he links onto influences in man's evolution which belong in the past. Consequently Hermann Bahr can say: “If anyone is interested in the path that led me to God, he may refer to my publication ‘Taking Stock’ and ‘Expressionism’ but I must ask the reader not to generalize my personal experiences; they have helped me but may not necessarily help others” and “Should the reader come upon any passage which deviates from the fundamental issue I must ask him to balance it against my good intentions. Any unfortunate ambiguous phrase caused by negligence is against my will and to my regret.” In other words if one simply accepts whatever decree that goes out from the Vatican there is no need to be personally responsible for one's actions.
[ 22 ] Es ist doch gut, wenn jemand aufrichtig, ehrlich heute ein solches Bekenntnis, ich möchte sagen, von der Leber weg spricht. Er spricht dadurch ein Bekenntnis aus, das so weit als möglich von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entfernt ist. Er spricht aber auch aus, was in einer gewissen Geistesströmung, die heute wieder mächtig werden will, Grundbedingung ist: Was ich als einzelner liebe, was ich als einzelner glaube, was ich behaupte, ich bemerke von vornherein, daß dies nichts die Welt angeht; für die Welt halte ich maßgebend, was das Vaticanum für die Welt zu glauben, zu bekennen befiehlt; da mische ich auch meine Stimme mit hinein, ich will sie aber nur soweit gelten lassen, als das Vaticanum sie gelten läßt!
[ 22 ] It may be a good thing when someone openly and sincerely makes such a confession. However what it implies could not be further from the attitude of anthroposophically orientated spiritual science. What Hermann Bahr is confessing actually expresses a fundamental condition demanded by that spiritual stream which is again trying to assert itself. A condition one could sum up by saying: “The authority of the Vatican decrees what the world in general should believe and profess. And I concede from the start that what as a single individual I hold dear, my belief, my view of things are not the concern of the world in general. I may add my voice but only to the extent it finds approval with the Vatican.”
[ 23 ] Ich weiß nicht, in welchem Grade es noch zeitgemäß werden wird, ein solches Bekenntnis abzulegen. Aber daß Geisteswissenschaft auf dem Grunde ruhen muß: selber zu forschen und für das Geforschte mit voller Verantwortlichkeit einzutreten, das ist sicher. Sollte diese Geisteswissenschaft auch noch so viele Enttäuschungen, noch so viele zerschnittene Zuversichten haben, es muß doch darüber gesprochen werden, und auch wenn es Hoffnungen. sind, die zu etwas Besserem sich hätten hinwenden können, wie es bei Hermann Bahr der Fall ist.
[ 23 ] I do not know to what extent it is still fashionable to make confessions of this kind. What I do know is that spiritual science must rest on its own independent research and take full responsibility for that research. It must also accept disillusions and shattered hopes no matter how often they occur, also when they are, as in the case of Hermann Bahr, completely unexpected.
