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The Rudolf Steiner Archive

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Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt
Der Sturz der Geister der Finsternis
GA 177

13 October 1917, Dornach

Achter Vortrag

[ 1 ] Sie werden aus den gestrigen Betrachtungen entnommen haben, daß man sich in der Gegenwart immer mehr und mehr bekanntmachen muß mit dem Gegensatz zwischen dem abstrakten, dem rein intellektuellen Denken und dem wirklichkeitsgemäßen Denken, dem Sich-Hineinstellen mit seinem Denken in die Wirklichkeit. Mit Bezug auf unser Denken streben wir ja ganz selbstverständlich immer nach einer gewissen Widerspruchslosigkeit. Aber die Welt ist voller Widersprüche, so daß wir, wenn wir wirklich die Wirklichkeit erfassen wollen, nicht eine allgemeine Denkschablone gewissermaßen wie ein Netz über alles werfen können, um es zu verstehen. Wir müssen individualisieren, wir müssen auf das einzelne eingehen. Das ist der größte Mangel und auch der größte Schaden unserer Zeit, daß die Menschen in Abstraktheit geradezu aufgehen. Dadurch entfernen sie sich von der wahren Wirklichkeit.

[ 2 ] Aber nun kommt die Anwendung dieser Sache auf die Wirklichkeit selbst. Bitte, fassen Sie das ins Auge! Ich muß jetzt etwas Merkwürdiges sagen: Ich muß die Anwendung des unwirklichen Denkens auf die Wirklichkeit machen, denn selbstverständlich steht ja auch das unwirkliche Denken in der Wirklichkeit drinnen. Und so hat sich allmählich durch das unwirkliche Denken, das sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte herausgebildet hat, durch das Einleben dieses unwirklichkeitsgemäßen Denkens in die Wirklichkeit, im menschlichen Zusammenleben selber eine unwirkliche Struktur ergeben, eine in sich fortwährend widerspruchsvolle Struktur ergeben. Der Natur gegenüber, könnte man sagen, hat es der Mensch gut, denn er mag noch so verkehrt denken — die Natur richtet sich nicht nach ihm. Und so wird er — verzeihen Sie den paradoxen Ausspruch —, wenn er sich starr, abstrakt in seinem Denken der Natur gegenüber verhalten will, zum Bock, der immer mit seinen Hörnern sich stößt an der Wirklichkeit. Das sehen wir ja auch in vielen sogenannten Weltauffassungen, die sich mit ihren Hörneransätzen stoßen an der Wirklichkeit. Die sind auch zuweilen so eigensinnig wie die Böcke, diese Weltanschauungen.

[ 3 ] Aber etwas anderes ist es gegenüber dem gesellschaftlichen, dem sozialen, dem politischen Zusammenleben. Da geht das menschliche Denken durch jeden einzelnen in die gesellschaftliche Struktur hinein. Da stößt man sich nicht an einer Wirklichkeit, die sich nichts gefallen läßt, sondern da macht man die Wirklichkeit. Und wenn das ein paar Jahrhunderte dauert, so wird die Wirklichkeit auch danach; das heißt, sie lebt sich in Widersprüchen aus. Es lebt die wahre Wirklichkeit sich selber in Gebilden aus, die in sich selber nicht die Kraft der Wirklichkeit haben und sich dann in solchen Kataklysmen entladen wie die jetzige Kriegskatastrophe.

[ 4 ] Da haben Sie den Zusammenhang zwischen dem menschlichen Seelenleben in einer vorhergehenden Zeit und dem äußeren physischen Geschehen in einer etwas späteren Zeit. Denn immer ist es so, daß dasjenige, was auf dem physischen Plan herauskommt, zuerst geistig lebt, und auch mit Bezug auf die Menschen zuerst geistig lebt, zuerst in den menschlichen Gedanken und dann erst in den menschlichen Handlungen lebt. Und so können wir sehen, wenn wir die Gegenwart nur beobachten wollen, da, wo sie sich uns zeigt in ihrer wahren, das heißt in diesem Falle unwahren Gestalt — denn die unwahre Gestalt ist ihre wahre Gestalt —, wie sich die Abstraktheit hineingelebt hat in die Wirklichkeit. Die Menschen sehen vielfach die Wirklichkeit abstrakt an. Sie sehen sie so an wie derjenige, der den gestern erwähnten Prestidigitateuren zuschaut und die Gewichte ansieht, die keine Schwere haben, aber denen gegenüber der Prestidigitateur sich so verhält, als ob sie viele Kilogramm schwer wären.

[ 5 ] Das bedeutsamste Charakteristikon vieler Begriffe der Gegenwart ist die Armut dieser Begriffe. Die Menschen sind heute — ich habe das ja oft hervorgehoben — bequem, sie wollen möglichst überschauliche Begriffe. Dadurch aber werden diese Begriffe auch furchtbar arm. Ja, mit solchen armen Begriffen kommt man aus gegenüber jener oberflächlichen Natur oder jener Naturoberfläche, welche die Gegenwart, trotz aller Fortschritte, allein ins Auge faßt. Trotzdem so Großartiges in bezug auf die Naturerscheinungen in den letzten Zeiten zutagegetreten ist — die Begriffe, mit denen man diese Naturerscheinungen zu verstehen sucht, sind verhältnismäßig arm. Aber diese Sehnsucht nach armen Begriffen, nach Begriffen von geringem Inhalt, hat sich auch übertragen auf alle Weltanschauungen. So sehen wir heute Philosophen auftauchen, welche eine förmliche Sehnsucht haben nach armen Begriffen. Da werden immer wiederum die ärmsten Begriffe, das heißt die inhaltsärmsten Begriffe herumgekollert. Diese Begriffe sind manchmal recht anspruchsvoll, aber sie werden nicht ausgefüllt mit einem schwergewichtigen Inhalt. Besonders reich ist ja unsere Gegenwartsphilosophie immer an solchen Begriffen wie das «Ewige», das «Unendliche», die «Einheit», das «Bedeutungsvolle» gegenüber dem Unbedeutenden, das «Allgemeine», das «Individuelle» und so weiter. Mit solchen Begriffen wirtschaftet man ganz besonders gern, mit Begriffen, die möglichst abstrakt sind.

[ 6 ] Das führt zu einer eigentümlichen Stellung der Menschen gegenüber der Wirklichkeit. Sie hören auf, das lebensvoll Inhaltliche der Wirklichkeit zu sehen, verlieren auch die Empfindung, das Gefühl von dem, was sie eigentlich gegenüber der Wirklichkeit haben. Man muß nur die Gegenwart beobachten auf diese Dinge hin, dann findet man das allüberall.

[ 7 ] Ich will Ihnen eine Erscheinung vorführen, die geradezu erschreckend ist: Ein Philosoph der Gegenwart hat sich ausgesprochen darüber, wie man eine Ansicht haben könne, ob dieser Krieg mehr oder weniger lange noch dauern soll. Nicht wahr, eine heute im eminenten Sinne wichtige Frage, aber eine Frage, die entschieden werden muß nach inhaltsvollen, realen, nach lebensvollen Begriffen, die man nicht entscheiden kann mit allgemeinen Abstraktionen von Welt und Zeitlichkeit, von Allgemeinem und Individuellem und so weiter. Mit diesen allgemeinen Philosophierereien läßt sich über solche konkrete Fragen gar nichts ausmachen. Der betreffende Philosoph hat gefunden, wie so viele finden: Es schadet nichts, wenn der Krieg möglichst lange fortgesetzt wird, wenn nur dann, wie man sagt, ein dauernder Friede zustandekommt, wenn nur dann das Paradies auf Erden da ist. — Ich habe das ja verglichen damit, daß man am besten dafür sorgen würde, daß in einem Haushalt kein Geschirr mehr zerschlagen wird, wenn man zuerst alles zerschlägt. So ungefähr ist die Schlußfolgerung derjenigen, die da sagen: Der Krieg muß so lange fortgesetzt werden, bis Aussicht vorhanden ist, daß der Friede ein dauernder ist. — Der betreffende Philosoph hat also seine Philosophie auf diese Frage angewendet, seine Philosophie, die nach seiner Ansicht sich mit den höchsten, das heißt in unserer Zeit abstraktesten Begriffen befaßt. Was hat er da gesagt? Nun denken Sie, er hat gesagt: Was ist es schließlich der Ewigkeit gegenüber, in der ein befriedigender Zustand für die Menschheit hergestellt wird, ob ein paar Tonnen mehr oder weniger organischer Substanz noch auf den Schlachtfeldern zugrundegehen! Was sind ein paar Tonnen organischer Substanz gegenüber dem ewigen Leben, der Menschheitsentwickelung!

[ 8 ] Zu solchen Errungenschaften bringt es das abstrakte Denken, wenn es sich mit der Wirklichkeit abgibt. Man muß heute den Menschen erst darauf aufmerksam machen, wie schauderhaft so etwas ist, wenn er es empfinden soll. Und man muß sich immer wieder nur wundern, daß diese Dinge eigentlich an der Menschheit vorbeigehen, ohne daß sie sich viel Gedanken darüber macht. Natürlich ist im Grunde genommen ein solcher Gedanke aus dem Weltanschauungsstreben der Gegenwart herausgeholt. Denn, wozu hat es dieses Weltanschauungsstreben gebracht? Eben zu den allerabstraktesten Begriffen; die sind aber nur auf das Tote anwendbar, auf das Mineralische, auf das Unorganische. Wenn nun der Philosoph kommt und wendet das, was nur auf das Tote anzuwenden ist, nicht nur auf das Lebendige, sondern sogar auf das Geistig-Seelische an, so ist es ganz natürlich, daß er zu solchen Dingen kommt. Denn gegenüber dem Toten muß ja der Mensch fortwährend nach dem Grundsatz handeln: Was ist schließlich so und so viel Zentner Substanz gegenüber dem, was man aus der Sache macht? — Man könnte nicht bauen, wenn einem die Verpflichtung auferlegt wäre, gegenüber jedem toten Stein das Bestandsrecht geltend zu machen; selbstverständlich, man könnte das nicht. Aber man darf eben nicht auf das Menschenleben übertragen, was nur für das Unorganische, für das Leblose gilt. Und nur für das Unorganische, für das Leblose gelten die Begriffe, die sich die Naturwissenschaft heute herausgebildet hat. Es wird aber heute fortwährend übertragen, man merkt es nur nicht. Und solche Urteile, die immer wieder nach der Richtung gehen, daß man zu einem Ende dieses Krieges nicht kommen soll, bevor die schon charakterisierte Aussicht vorhanden ist, solche Urteile schließen nichts anderes ein als das, was der Philosoph nur in einer brutalen, aber wie ihm scheint außerordentlich erhabenen Redeweise zum Ausdruck gebracht hat; nur daß die andern sich schämen, so zu reden wie der Philosoph, weil der Philosoph die Brutalität hinter der Schönheit der Worte verbirgt. Er sagt natürlich allerlei sehr Erhabenes, indem er jongliert mit den Begriffen Ewigkeit und Zeitlichkeit, ewiges menschliches Werden, vergängliches zeitliches Sein von so und so viel Tonnen organischer Substanz, aber nicht achtend der Tatsache, daß in jedem einzelnen Menschen die Ewigkeit, die Unendlichkeit lebt und daß jeder einzelne Mensch so viel wert ist wie die ganze unorganische Welt zusammen!

[ 9 ] Diese Dinge, die jetzt besprochen worden sind, liegen auch den künstlerischen Formen zugrunde, die hier auf diesem Hügel sich entfalten wollen. Denn auch die Kunst ist allmählich hineingekommen in die, ich möchte sagen, gewichtslose, wesenlose Weltauffassung. Unsere Weltauffassung muß wiederum an das Wesen der Dinge herankommen. An das Wesen der Dinge kommt man nur heran, wenn man an den Geist herankommt. Daher müssen wir andere Formen haben, als was heute überall in der Kunst an Formen erscheint. Unsere Zeit muß, mit andern Worten, wiederum etwas aus dem Geiste heraus Schöpferisches bekommen. Das ist selbstverständlich vielen Leuten heute unbequem. Aber machen Sie sich nur klar, in welch starkem Maße unsere ganze Weltauffassung nach und nach in das Tote hineingekommen ist, indem sie auch nur noch mit dem Toten gearbeitet hat. Sehen Sie sich einmal die Bauten, und sehen Sie sich schließlich die andern «Kunstwerke» des 19. Jahrhunderts an: Was sind sie schließlich, als ein immer wieder und wieder Aufwärmen alter Baustile und dergleichen. Man hat im antiken, im Renaissance-, im gotischen Stile gebaut, das heißt immer in etwas Abgestorbenem. Man ist nicht zum Ergreifen des unmittelbar Lebendigen gekommen. Dazu muß man wieder kommen. Das wird einen ganz neuen Geist bilden. Dazu sind schon einzelne Opfer notwendig, die auch reichlich gebracht werden müssen. Aber so etwas, wie das da draußen stehende Haus, das aus dem Betonmaterial heraus mit neuen Formen geschaffen worden ist, ist eine Pionierarbeit. Und nicht allein die Tatsache, daß diese Formen gedacht worden sind, kommt in Betracht, sondern die Tatsache, daß die Möglichkeit herbeigeführt worden ist, so etwas einmal in die Welt hineinzustellen, kommt schon in Betracht. Diese Dinge muß man ins Auge fassen in ihrer ganzen Gewichtigkeit, sonst wird man auch nicht verstehen, was hier auf diesem Hügel geschaffen werden soll. Der ganzen Natur der Sache nach muß ja das, was auf diesem Hügel geschaffen wird, in Widerspruch und in Widerstreit stehen mit dem, was in der übrigen Welt heute geschaffen wird.

[ 10 ] Die Gegenwart verstehen — meine lieben Freunde, dieser Satz ging Ja wie ein roter Faden durch alles, was ich seit meiner Zurückkunft zu Ihnen gesprochen habe, hindurch. Aber man muß geneigt sein, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, viel, viel Kraft aufzuwenden: Denkkraft, Empfindungskraft, experimentierende Willenskraft, um die Gegenwart zu verstehen; und man muß den Mut haben, wirklich zu brechen mit manchem, das hereinragt aus der alten Zeit. Denn im Grunde genommen arbeiten diejenigen Menschen, die man heute für die erleuchtetsten Menschen hält, vielfach mit lauter alten Begriffen, von denen sie nicht recht wissen, wie sie eigentlich anzuwenden sind.

[ 11 ] Lassen Sie mich auch dafür ein Beispiel anführen: Sie konnten durch einige Zeit hindurch gewiß auch hier in der Schweiz überall ein Buch besprochen finden und namentlich in den Schaufenstern prangen sehen, das gründlich Eindruck gemacht hat in der Gegenwart. Ich bespreche gern gerade solche Dinge, die nicht von feindlicher Seite, sondern die sogar von freundlicher Seite her kommen, damit man nicht glaubt, daß irgendwelches persönliche Verhalten dabei im Spiele ist. Der nordische Schriftsteller Kjellén, er war und ist ja unter den wenigen, die gerade meinen Schriften Interesse entgegengebracht haben, die sich wohlwollend ausgesprochen haben. Daher wird man es nicht als persönlich auffassen, wenn ich von dem Buche «Der Staat als Lebensform», das solch starken Eindruck gemacht hat, die Charakteristik gebe, die ich eben nach meiner Auffassung geben muß.

[ 12 ] Dieses Buch ist so recht ein Beispiel für die verfehlten Begriffe der Gegenwart. Es ist in diesem Buch der Versuch gemacht, den Staat als einen Organismus aufzufassen. Das ist eine jener Bestrebungen, die die Menschen der Gegenwart haben, wenn sie irgend etwas, was eigentlich geistig begriffen werden soll, mit den Vorstellungen der Gegenwart umfassen wollen. Und es ist gut, daß man Bezug nehmen kann auf einen geistreichen, sehr gelehrten, tiefgründigen Menschen, den man eigentlich nicht genug loben kann, wenn man den ganz verfehlten Gedanken, der seinem Buche zugrunde liegt, ins rechte Licht stellen will. Ja, in solche Widersprüche kommt man ja fortwährend. Aber das Leben ist eben voller Widersprüche. Man darf nicht nach abstrakter Widerspruchslosigkeit streben, wenn man das Leben erfassen will; man darf nicht gleich jeden für einen Dummkopf halten, den man bekämpfen will, sondern man kann auch jemanden, den man bekämpfen will, für einen sehr geistreichen, gründlichen Gelehrten halten, wie das in diesem Falle ist, von dem ich jetzt spreche.

[ 13 ] Kjellén macht eigentlich etwas Ähnliches, wie vor Jahrzehnten schon der schwäbische — ich weiß nicht, soll ich sagen schwäbische Gelehrte oder österreichische Minister, denn beides war er — Schäffle gemacht hat. Schäffle hat schon damals in umfassender Weise den Versuch gemacht, den Staat als einen Organismus aufzufassen und die einzelnen Menschen als die Zellen von diesem Organismus. Hermann Bahr, von dem ich Ihnen auch schon öfter gesprochen habe, hat damals eine Widerlegung des Schäffleschen Buches über die organische Wirksamkeit im Staate geschrieben. Als Schäffle dann ein Buch geschrieben hat über «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie», schrieb Hermann Bahr eine Widerlegung dieses Buches und betitelte diese Widerlegung «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle». Es ist ein geistreiches Büchelchen von Hermann Bahr. Hermann Bahr hat es neulich selber in einem Vortrag, den er gehalten hat, eine Ungezogenheit genannt. Nun, aber trotzdem bleibt es ein ganz geistreiches Jugendbüchelchen von Hermann Bahr, dieses Büchelchen «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle».

[ 14 ] Also Schäffle hat schon dazumal etwas ähnliches gemacht wie Kjellén jetzt. Kjellén sucht es auch wiederum so darzustellen, als ob jeder Staat ein Organismus wäre, die einzelnen Menschen darinnen die Zellen. Man weiß ja allerlei über die Wirksamkeit der Zellen im Organismus, über die Gesetze, die im Organismus walten, und kann das so hübsch übertragen auf den Staat. Mit solchen Vergleichen wirtschaftet man ja gern in den Gebieten, die man nicht geistig beherrschen kann. Nun, methodisch kann man alles mit allem vergleichen. Ich kann Ihnen ganz gut, wenn Sie wollen, eine kleine Wissenschaft aufbauen auf einem Vergleich zwischen einem Heuschrekkenschwarm und einer Baßgeige. Man kann alles mit allem vergleichen in der Welt, und bei allen Vergleichen kann etwas herauskommen. Aber daß man einen Vergleich anstellen kann, das ist noch durchaus nicht irgendwie maßgebend dafür, daß man mit solchen Vergleichen in der Wirklichkeit lebt. Gerade wenn man Vergleiche anstellt, muß man einen eindringlichen Sinn für die Wirklichkeit haben, sonst wird der Vergleich niemals stimmen. Denn stellt man einen Vergleich an, so ist man sehr bald in dem Fall, in dem zu ihrem herben Schicksal manche Menschen in ihrer Jugend sind — verzeihen Sie —: Man verliebt sich sogleich in seinen Vergleich, wie sich manche Menschen sogleich in einen anderen Menschen verlieben. Vergleiche, die einem einfallen oder die sogar auf der Straße liegen, wie der zwischen Staat und Organismus, die haben schon den Nachteil, daß man sich sogleich in die Sache verliebt. Aber dies Verlieben in einen solchen Vergleich, das hat eine Folge. Das hat die Folge, daß man blind wird gegen alles das, was gegen die Sache spricht, die man dann aus dem Vergleich heraus vorbringt.

[ 15 ] So muß ich sagen: Als ich das Buch von Kjellén gelesen hatte, war mir schon aufgefallen vom Gesichtspunkte eines wirklichkeitsgemäßen Denkens aus, daß dieses Buch just jetzt im Kriege geschrieben ist. Dieses Buch schreiben vom Staat als Organismus, das kam mir schon ganz als unwirklichkeitsgemäß vor, denn schließlich, wer ein bißchen Umschau hält, der weiß ja— wenn das auch manchmal mit den Worten nicht stimmt —, Kriege werden doch so geführt, daß von den Staaten, wenn sie zusammenstoßen, entweder das eine Stück hierhin oder dorthin kommt, daß man von Staaten Stücke abschneidet und dahin oder dorthin bringt. Es kommt ja doch, wenigstens bei sehr vielen Menschen, auf solche Dinge im Krieg an.

[ 16 ] Ja, vergleicht man nun die Staaten mit Organismen, so müßte man mindestens auch den Vergleich dahin ausdehnen, daß man dann von dem Organismus auch immer Stücke abschneiden und dem Nachbarorganismus zuteilen könnte. Aber solche Dinge, die man merken müßte, die merkt man nicht, wenn man sich in seinen Vergleich verliebt hat. Man könnte noch vieles andere anführen. Ich könnte Ihnen vieles anführen für einen solchen Vergleich, was Sie wahrscheinlich in die lustigste Stimmung versetzen würde, die Sie dann dazu veranlassen würde, recht herzlich zu lachen und den betreffenden Mann durchaus nicht für so geistreich zu halten, wie ich ihn selber halte. Ich halte ihn wirklich für sehr geistreich und sehr tiefgründig.

[ 17 ] Woher kommt denn so etwas, daß einer nun gelehrt, geistvoll sein kann und doch auf einem ganz verfehlten Vergleich ein ganzes System aufbauen kann? Ja, sehen Sie, das kommt davon her, daß der Vergleich, den Kjellén macht, ein richtiger Vergleich ist. Nun werden Sie sagen, jetzt wissen Sie schon gar nicht mehr, was Sie anfangen sollen mit dem, was ich Ihnen sage: erst erkläre ich Ihnen, daß der Vergleich ein total verfehlter ist, und nun erkläre ich Ihnen, daß der Vergleich ein richtiger ist. Nun, wenn ich sage, daß der Vergleich ein richtiger ist, so meine ich, der Vergleich kann durchaus gemacht werden; nur handelt es sich darum, womit man vergleicht. Wenn man vergleicht, handelt es sich ja immer um zwei Dinge, wie im Falle von Kjellén: um den Staat und um den Organismus. Eine Sache muß ja immer stimmen für sich. Der Staat auf der einen Seite ist da, der Organismus auf der andern Seite ist da. Beides kann ja nicht falsch sein; nur das Zusammenbringen ist falsch. Es handelt sich nämlich darum, daß man wirklich dasjenige, was auf der Erde geschieht, schon mit einem Organismus vergleichen kann. Man kann das politische Geschehen auf der Erde mit einem Organismus vergleichen; nur darf man den Staat nicht mit einem Organismus vergleichen. Vergleicht man den Staat mit dem Organismus, in dem die einzelnen Menschen Zellen sind, so kommt ein völliger Nonsens heraus. Das ist einfach Unsinn, denn da kommt man auf gar nichts. Aber man kann das politische, soziale Leben der Erde mit einem Organismus vergleichen, nur muß man dann die ganze Erde mit einem Organismus vergleichen. Sobald man die ganze Erde, das heißt das Menschengeschehen über die ganze Erde hin, mit dem Organismus vergleicht und die einzelnen Staaten — nicht die Menschen, sondern die einzelnen Staaten — mit verschieden geformten Zellen, dann ist der Vergleich richtig, dann ist es ein gültiger Vergleich.

[ 18 ] Wenn Sie diesen Vergleich zugrundelegen und nun das gegenseitige Verhältnis der Staaten selber ins Auge fassen, so bekommen Sie schon etwas, was sich so ähnlich verhält wie die Zellen der verschiedenen Systeme im Organismus. Also es kommt darauf an, wenn man einen Vergleich wählt, daß man diesen Vergleich auf das Richtige anwendet. Der Fehler bei Kjellén besteht darin — und auch bei Schäffle hat er darin bestanden —, daß der einzelne Staat, der nur mit einer Zelle, mit einer ausgewachsenen Zelle, verglichen werden kann, mit dem ganzen Organismus verglichen wird, während das Leben über die ganze Erde hin mit einem Organismus zu vergleichen ist. Dann kommt man an das Fruchtbare dieses Vergleiches. Nicht wahr, Zellen, die so aneinander vorbeiwandern wie die Menschen im Staat, das gibt es nicht im Organismus. Zellen stoßen aneinander, grenzen aneinander. So ist es mit den einzelnen Staaten, die Zellen sind im Gesamtorganismus des Lebens der Erde.

[ 19 ] Meine lieben Freunde, Sie vermissen vielleicht etwas in der Auseinandersetzung, die ich jetzt gegeben habe. Wenn in einer gewissen berechtigten Weise — denn solch eine Sache ist auch berechtigt — Ihr philiströs-pedantischer Sinn sich in Ihrem Herzen regt, während ich hier spreche, so werden Sie sagen: Ich müßte Ihnen doch beweisen, daß man das Leben der ganzen Erde mit dem Organismus vergleichen muß und den einzelnen Staat mit der Zelle. — Nun, der Beweis liegt in der Anschauung, der Beweis liegt in der Durchführung des Gedankens, der Beweis liegt nicht in den abstrakten Erwägungen, die man gewöhnlich anstellen kann, sondern darin, daß Sie nun den Gedanken durchführen. Führen Sie ihn im Kjellénschen Sinne durch, dann werden Sie überall finden: Er läßt sich nicht durchführen. Sie müssen sich mit den Hörnern stoßen; Sie müssen zum Bock werden, sonst können Sie ihn nicht durchführen. Führen Sie aber den Gedanken für das Leben der ganzen Erde durch, dann taugt der Begriff, dann kommen Sie zu ganz fruchtbaren Einsichten, dann wird Ihnen das ein sehr gutes regulatives Prinzip sein. Sie werden sehr vieles verstehen, und Sie werden noch mehr verstehen, als was ich jetzt schon angedeutet habe.

[ 20 ] Die Menschen sind heute einmal Abstraktlinge, und man möchte sagen: Von einem Dutzend wird man bei dreizehn — ja, das geht nicht, aber bei den wirklichen Verhältnissen würde es heute schon fast stimmen —, von einem Dutzend wird man bei dreizehn finden, daß sie in einem solchen Falle, wo also Kjellén den einzelnen Staat mit einem Organismus vergleicht und hier ihm entgegengehalten wird: Das politische, soziale Leben über die ganze Erde hin, das ist in Wahrheit mit einem Organismus zu vergleichen —, daß diese dreizehn von dem Dutzend heute der Ansicht sein werden, dieser Vergleich müsse nun durch alle Zeiten hindurch gelten. Denn stellt heute einer eine Staatstheorie auf, so muß diese Staatstheorie nicht nur für die Gegenwart gelten, sondern auch für die Römer, sogar für die Ägypter und die Babylonier; denn Staat ist Staat. Man geht heute von den Begriffen aus, nicht von der Wirklichkeit.

[ 21 ] Aber so ist es nicht, so ist es wirklich nicht. Die Menschheit macht auch da eine Entwickelung durch. Und was ich jetzt über die Gültigkeit des Vergleiches gesagt habe, gilt eigentlich nur für die Zeit seit dem 16. Jahrhundert, denn vor dem 16. Jahrhundert war ja die Erde kein politisch zusammenhängendes Ganzes; das heißt, seit jener Zeit hat sie sich erst als ein zusammenhängendes politisches Ganzes ausgebildet. Amerika, die westliche Halbkugel, war ja gar nicht da für ein politisches Leben, das in sich zusammenhängend gewesen wäre. Und so bekommen Sie gleich, indem Sie diesen Vergleich in der richtigen Weise anstellen, auch einen Hinblick auf jenen bedeutungsvollen Einschnitt, der da ist zwischen dem neueren Leben und dem alten Leben. Kommt man mit wirklichkeitsgemäßen Einsichten, dann sind diese Einsichten immer fruchtbar, während die nicht wirklichkeitsgemäßen Begriffe steril und unfruchtbar sind. Jede wirklichkeitsgemäße Einsicht führt einen eben weiter. Man erfährt noch mehr durch sie, als sie selbst enthält; sie trägt einen durch die Wirklichkeit. Das ist das Wichtige, das muß man durchaus ins Auge fassen. Denn abstrakte Begriffe, die sind so, daß wir sie fassen; aber draußen ist die Wirklichkeit, die kümmert sich gar nicht um diesen abstrakten Begriff. Faßt man einen wirklichkeitsgemäßen Begriff, so hat man in dem Begriff drinnen das ganze innere rege Leben, das draußen auch ist, das draußen die Wirklichkeit durchwurlt und durchwirlt. Das ist den Leuten unbequem in der Gegenwart. Sie möchten möglichst farblose, ruhige Begriffe haben. Sie fürchten, den Drehkater zu bekommen, wenn ihre Begriffe innerliches Leben haben. Aber diese innerlich leblosen Begriffe haben den Nachteil, daß die Wirklichkeit ringsherum vor uns ablaufen kann, ohne daß man eigentlich das Wesentlichste an dieser Wirklichkeit sieht. Die Wirklichkeit ist nämlich auch voller Begriffe, auch voller Ideen. Das ist wahr, was ich vor einigen Tagen hier gesagt habe: daß draußen das elementarische Leben fließt und dieses elementarische Leben von Begriffen, von Vorstellungen durchsetzt ist — das ist wahr. Aber die abstrakten Begriffe sind bloß Begriffsleichen, habe ich gesagt. Und dann kann es vorkommen, wenn man bloß Begriffsleichen liebt, daß man in diesen Begriffsleichen redet und denkt, und die Wirklichkeit zieht ganz andere Schlußfolgerungen; ganz andere Geschehnisse läßt sie ablaufen als diejenigen, in die unsere Begriffe hineinkommen können.

[ 22 ] Seit drei Jahren stehen wir in furchtbaren Ereignissen, die jeden Menschen viel lehren könnten; nur muß man sie nicht schlafend, sondern wachend verfolgen. Es ist eigentlich bewundernswert im negativen Sinne, wie viele Menschen gegenüber diesen furchtbaren Ereignissen der Gegenwart noch immer schlafen, noch immer nicht dazu gekommen sind, sich einmal zu überlegen, daß Ereignisse, die noch nie da waren in der Weltentwickelung der Menschen, auch fordern, daß man zu neuen Begriffen kommt, die auch noch nie dagewesen sind. Die Wirklichkeit urteilt da anders. Lassen Sie mich, ich möchte sagen, symbolisch das noch genauer ausdrücken, was ich eigentlich meine. Man kann schon sagen: Einige Leute haben sich ja schon seit Jahren Begriffe gemacht davon, daß dieser Krieg kommen werde. Im allgemeinen kann man sagen, daß mit Ausnahme gewisser Kreise der anglo-amerikanischen Bevölkerung die Welt von diesem Kriege überrascht worden ist in gewissem Sinne. Aber immerhin, einzelne Leute haben sich Vorstellungen gemacht, daß der Krieg kommen werde, allerdings manchmal ganz merkwürdige Vorstellungen. Eine Vorstellung namentlich konnte man immer wieder und wiederum finden, eine Vorstellung, welche von tiefgründigen — ich meine das wirklich nicht ironisch, ich spreche in vollem Ernst Nationalökonomen, Nationalpolitikern ausgegangen ist, welche auf einer sorgfältigen Abstraktion aus diesen oder jenen Vorgängen beruhte. Die Leute haben viel wissenschaftlich gearbeitet, kombiniert, abstrahiert, allerlei Synthesen gemacht und sind dann dazu gekommen, eine Vorstellung auszubilden, die man wirklich lange Zeit hindurch, auch noch beim Ausbruch des Krieges — da ist sie besonders viel wiederholt worden —, vielfach getroffen hat: die Vorstellung, daß nach den gegenwärtigen Weltverhältnissen, nach den wirtschaftlichen, den kommerziellen Zusammenhängen dieser Krieg unmöglich länger als vier bis sechs Monate dauern kann. Es war streng bewiesen, eine streng bewiesene Wahrheit. Und es sind wahrhaftig nicht dumme Gründe, die man angewendet hat; es waren ganz gescheite Gründe.

[ 23 ] Ja aber die Wirklichkeit, nun, wie verhält sie sich denn zu all dem Gründe-Gewebe, das da die gescheiten Nationalökonomen zusammengestellt haben? Wie verhält sich die Wirklichkeit? Nun, Sie sehen es ja, wie sich die Wirklichkeit verhält! Um was handelt es sich aber dann, wenn die Sache so steht? Es handelt sich darum, daß man aus einer solchen Sache auch die Konsequenzen ziehe, die wirklichen Konsequenzen ziehe. Dann wird dieser Krieg eine Lehre, wenn man die Konsequenzen zieht. Was kann die einzige Konsequenz nur sein von dem, was ich symbolisch angedeutet habe? Denn ich habe ja nur einen krassen Fall angeführt, ich könnte Ihnen ja zahlreiche andere, ähnliche Ansichten anführen, die ebenso — um es glimpflich auszudrücken — Schiffbruch erlitten haben durch die Wirklichkeit der Ereignisse der letzten drei Jahre. Was kann die einzige wirkliche Konsequenz sein? Die, daß man alles das, woraus man solche Folgerungen gezogen hat, über Bord wirft, daß man sich sagt: Wir haben also in einer nicht wirklichkeitsgemäßen Weise gedacht, wir haben ein Denksystem entwickelt und dieses abstrakte, unwirklichkeitsgemäße System selber in die Wirklichkeit einfließen lassen, so daß die Wirklichkeit unwahr geworden ist; also brechen wir mit den Voraussetzungen selbst zunächst, die zugrunde gelegen haben solch einer angeblichen Erkenntnis, die eben die Wirklichkeit vernichtet!

[ 24 ] Man kann, was ich jetzt sage, heute zu den Menschen ganz gewiß eindringlich sagen. Ob es eindringlich aufgenommen wird, das ist aber eine andere Frage. Denn geradeso geistreich wie das war, was die Nationalpolitiker vorgebracht haben für die mögliche Dauer des Krieges von vier bis sechs Monaten, ebenso geistreich, wirklich geistreich — ich meine es jetzt wieder nicht ironisch — waren die Gründe, welche jenes aufgeklärte Medizinalkollegium beim Bau der ersten Eisenbahn in Mitteleuropa geltend machte, aus der damaligen medizinischen Wissenschaft heraus. Sie haben damals gesagt, nicht ein einzelner Querkopf, sondern ein erleuchtetes Kollegium — ich habe es öfter angeführt —, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn das menschliche Nervensystem könne Eisenbahnen nicht aushalten. Das ist ein aufgeschriebenes Dokument aus dem Jahre 1838. Also nicht lange hinter uns liegt die Zeit, die das Urteil fällte, man solle nur ja keine Eisenbahnen bauen; wenn aber schon solche Menschen sich finden sollten — das steht in diesem Dokument —, die Eisenbahnen bauen lassen wollen, so müsse man wenigstens zu beiden Seiten hohe Bretterwände aufführen, damit die Bauern die Züge, welche vorbeifahren, nicht sehen und etwa Gehirnerschütterung dadurch kriegen. — Ja, über solche Dinge lachen die Menschen, wenn es sich hinterher herausstellt, wie die Wirklichkeit über solche angebliche Gründe hinweggeht. Nachher lachen die Menschen. Aber gewisse Elementargeister, die lachen auch gleichzeitig, ja sie lachten sogar schon in der Zeit, bevor solche wissenschaftlichen Dinge gemacht wurden, über die menschlichen Torheiten.

[ 25 ] Brechen wir mit demjenigen, was in den Widerspruch geführt hat! Der Widerspruch ist real da, ist wirklich da, denn das Leben der letzten drei Jahre über die Erde hin ist ein realisierter Widerspruch. Man muß also andere Ansichten gewinnen über das, was vorgeht, als man sie gehabt hat. Radikale Revision der Anschauungen, das fordert die Zeit von uns. Es ist sogar schwierig, wenn man einen solchen Gedankengang angefangen hat, ihn in der Gegenwart bis zu seinem völligen Ende zu führen, denn die Menschheit ist heute nicht freidenkerisch genug, diese Gedanken zu Ende kommen zu lassen. Wer Sinn hat für Wirklichkeit, für das wirkliche Geschehen um uns herum, der nämlich kann in der Wirklichkeit draußen sehen, daß dort diese Konsequenzen schon gezogen werden. Nur in die menschlichen Köpfe wollen sie noch nicht hinein. In dieser Beziehung herrscht ein ungeheurer Gegensatz zwischen Westen und Osten. Ich habe Ihnen über den gründlichen Gegensatz zwischen Westen und Osten im vorigen Jahre von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen, habe Sie zum Beispiel aufmerksam darauf gemacht, wie der Westen über das Geburtsproblem und die Forderung nach Menschenrechten spricht. Sehen Sie sich die westlichen Weltanschauungen an: Herkommen, Geburt, das ist der hauptsächlichste naturwissenschaftliche Begriff, der dort herrscht. Daher entstand im Westen die Herkommenslehre, die Darwinsche Lehre. Man könnte auch sagen: die Geburten- und Vererbungslehre auf philosophischem Gebiete, auf praktischem Gebiete, ist die Anschauung von den Rechten der Menschen.

[ 26 ] Im wenig gekannten Osten, im russischen Leben, da finden wir Betrachtungen über Tod, über geistige Ziele des menschlichen Lebens — lesen Sie Solowjow, der ja jetzt bequem gelesen werden kann —, den Schuldbegriff, den Sündenbegriff auf ethisch-praktischem Gebiet. Ja, solcher Gegensatz ist auf den meisten Gebieten vorhanden. Und man begreift die Realität, die Wirklichkeit nicht, wenn man nicht solchen Gegensatz gehörig ins Auge fassen kann. Die Emotionen, die Sympathien und Antipathien, die hindern den Menschen, die in Betracht kommenden Dinge wirklich ins Auge zu fassen. Wenn sich diese Emotionen, diese Sympathien und Antipathien regen, dann lassen die Menschen die Wirklichkeit schon gar nicht an sich herankommen; ebensowenig wie die widerstreitenden Dinge an denjenigen herankommen, der sich in einen gewissen Vergleich verliebt hat, weil die Menschen das, was sie lieben, für absolute Wahrheit halten und sich gar keine Vorstellung davon machen, daß das Entgegengesetzte, nur von einem andern Gesichtspunkt aus, auch wahr sein kann.

[ 27 ] Betrachten wir den Westen, namentlich den anglo-amerikanischen Westen, denn die andern sprechen zum großen Teil nur nach. Was ist da, namentlich in dem Wilsonianismus, durchgängiger Gesichtspunkt — Ideale nennt man es ja auch vielfach —, was ist da durchgängiger Gesichtspunkt? Durchgängiger Gesichtspunkt ist der, daß die ganze Welt so werden soll, wie diese Völker in den letzten Jahrhunderten waren. Die Völker haben sich ideale soziale Zustände herausgebildet — man gibt ihnen verschiedene Namen, man nennt es «Demokratie» und dergleichen —, und andere Völker haben die große Schuld, daß sie nicht solche Zustände herausgebildet haben! Richtig wird es sein, wenn die ganze Welt diese Zustände annimmt. Das ist die anglo-amerikanische Ansicht: Was wir herausgebildet haben, was wir geworden sind, das gibt den großen und kleinen Nationen ihr Recht, das stellt sie in die richtigen Verhältnisse, das macht den Menschen glücklich innerhalb des Staatskreises. So muß es überall aussehen. Wir hören es deklamieren; es ist das Evangelium des Westens. Man denkt gar nicht daran, daß so etwas immer nur relative Bedeutung hat, daß so etwas vor allen Dingen aus den Emotionen herauskommt, nicht, wie man glaubt, aus der bloßen Vernunft und aus dem bloßen Verstand.

[ 28 ] Man darf natürlich nicht zu stark die Worte pressen, denn dieses Pressen der Worte schon führt heute zu vielen Mißverständnissen. Man könnte zum Beispiel glauben, daß ich das amerikanische Volk oder die anglo-amerikanische Rasse treffen wollte, wenn ich von Wilsonianismus oder Lloyd-Georgeanismus spreche. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Ich sage absichtlich Wilsonianismus, weil damit etwas ganz Spezifisches gemeint ist. Aber ich bin weit davon entfernt, damit etwas zu meinen, wofür Sie ohne weiteres den Begriff Amerikanismus brauchen können. Da muß man wiederum ein bißchen stark die Wirklichkeit ins Auge fassen. Ein Teil der Tiraden, die in der letzten Zeit von Mr. Wilson gekommen sind, sind gar nicht einmal auf amerikanischem Boden gewachsen. Man kann gar nicht einmal Wilson das Lob zuerkennen, daß seine Tiraden ganz originell sind. Sie sind ja nichts wert, sie sind unwahr; aber sie sind nicht einmal ganz originell. Denn es liegt die merkwürdige Tatsache vor, daß von einem Berliner Schriftsteller geistreiche Artikel geschrieben worden sind, nur just nicht Artikel, die im Sinne der deutschen Weltauffassung sind, Artikel, die Wilsonianismus ohne Wilson waren, sehr scharfsinnige Artikel. Diese Artikel haben Glück gemacht, allerdings nicht gerade in Deutschland, aber im amerikanischen Kongreß, denn sie sind gesammelt worden, und Sie finden sie eingeheftet durch viele Seiten hindurch in den Kongreßakten des amerikanischen Kongresses; sie sind nämlich in den Verhandlungen des amerikanischen Kongresses verlesen worden, und manche von den neueren Tiraden des Herrn Wilson sind diesen Seiten entnommen. Manches von dem, was Herr Wilson fabriziert gegen Mitteleuropa, hat diesen Ursprung. Es ist also nicht einmal originell. Es wird immerhin eine ganz interessante, humoristische Tatsache der zukünftigen Geschichtsschreibung sein, wenn man in den Akten über die Verhandlungen des amerikanischen Kongresses findet: Die Herren haben eine Zeitlang verzichtet, ihre eigenen erleuchteten Ideen vorzubringen, und vorgelesen die Artikel eines Berliner Schriftstellers, diese dann eingeheftet in die Kongreßakten und darauf «amerikanische Kongreßakten» geschrieben.

[ 29 ] Was uns aber vorzugsweise interessiert, das ist, warum diese Artikel den Leuten gefallen haben. Nun, weil sie eben gerade zum Ausdruck bringen, daß man sich so recht wohlig fühlen kann auf dem Stuhl, auf den man sich seit Jahrhunderten gesetzt hat, und nun der Welt mitteilen kann: Wenn ihr euch alle auf solche Stühle setzt, dann wird alles gut sein. — Das ist der Westen.

[ 30 ] Der Osten, Rußland, hat auch eine Konsequenz gezogen — nicht eine begriffliche; begrifflich sind die Leute noch nicht dort, wo sie ihre Realität haben. Die haben eine andere Konsequenz gezogen. Denen ist gar nicht eingefallen zu sagen: Was wir seit Jahrhunderten getrieben haben, das muß jetzt das Heil der ganzen Welt werden. Wir wollen, daß alle Leute so werden, wie wir waren. — Man hätte ja auch für das, was in Rußland seit Jahrhunderten geschehen ist, ein schönes Wort finden können, denn schöne Worte finden sich für alles, schöne Worte finden sich ja auch dann, wenn die Wirklichkeit noch so gräßlich ist. Heute kostet das ja nur, wenn man es mit amerikanischem Geld bezahlt, soundsoviel Dollar; dann kann man sehr, sehr goldige Ideale in ethische Ideale umdeuten. Aber das ist ja im Osten nicht geschehen, da ist eine reale Konsequenz gezogen worden. Da hat man nicht gesagt: Die Welt muß jetzt übernehmen, was wir gehabt haben. Da hat man was anderes gesagt; da hat man wirklich den Schluß gezogen, daß die Voraussetzungen nicht stimmen — und hat daher etwas in Bewegung gesetzt, was allerdings auch noch lange nicht das ist, was es einstmals sein wird. Aber das macht nichts; ich will jetzt gar nicht über das eine oder das andere irgendwie ein Urteil fällen, ich will nur auf den großen Gegensatz hinweisen. Wenn Sie diesen Gegensatz ins Auge fassen, dann werden Sie ein Kolossalbild der Wirklichkeit vor sich haben zwischen dem Westen, der auf alles schwört, was seine Vergangenheit betrifft, und dem Osten, der gebrochen hat mit allem, was seine Vergangenheit war.

[ 31 ] Wenn Sie das ins Auge fassen, dann sind Sie den realen Ursachen des gegenwärtigen Weltenkonfliktes gar nicht so ferne; und dann werden Sie nicht so fern sein dem, worauf ich vor längerer Zeit auch schon hier aufmerksam gemacht habe: Der Krieg spielt sich eigentlich ab zwischen dem Westen und dem Osten. Was in der Mitte drinnen ist, wird bloß zerrieben, muß bloß, weil der Westen und der Osten nicht einig sind, leiden unter der Uneinigkeit des Westens und des Ostens.

[ 32 ] Aber will man denn heute auf so etwas Kolossales sein Augenmerk richten? Hat denn dieser März 1917 den Menschen dieses Licht aufgesteckt von dem großen Gegensatz des Westens und des Ostens? Da stand im vorigen Jahre hier auf der Tafel, was dem Westen und dem Osten in der Weltanschauung zugehört! Die Weltgeschichte lehrt es seit dem März dieses Jahres. Und die Menschen müssen lernen und müssen verstehen lernen, sonst werden noch ganz andere schwere Zeiten kommen. Nicht darum handelt es sich, im Abstrakten dieses oder jenes zu wissen, sondern hauptsächlich darum, überall die Forderung zu stellen zur Umkehr, zur Anstrengung, zur Überwindung des bequemen Schlendrians und in einer geistigen Weltauffassung das Richtige zu sehen. Und im geisteswissenschaftlichen Streben müssen Energien gesucht werden, nicht bloß Befriedigung, um zu sagen: Was war das wieder schön; ich bin so recht befriedigt! — und in einem Wolkenkuckucksheim zu schweben, so daß man allmählich einschläft in der Befriedigung über die Harmonie in der Welt und über die allgemeine Menschenliebe. Innerhalb jenes gesellschaftlichen Strebens, dem ja Mrs. Besant vorgestanden hat, hat sich das so recht zum Ausdruck gebracht. Viele von Ihnen werden sich noch erinnern an die vielen Proteste, die ich gegen all das edle Gesäusel vorgebracht habe, das man gerade auf dem Boden der Theosophischen Gesellschaft finden konnte. Hohe Ideale von wunderbarem Gesäusel wurden ja international-liberal verzapft. Allgemeine Brüderlichkeit, allgemeine Menschenliebe: so tönte es überall. Da konnte man nicht mitmachen. Wir suchten wirkliches, konkretes Wissen über die Vorgänge der Welt. Und Sie erinnern sich des Vergleiches, den ich oft gebraucht habe, daß mir dieses Gesäusel von allgemeiner Menschenliebe vorkommt, wie wenn einer einem Ofen, der das Zimmer heizen soll, immerfort zuredet: Lieber Ofen, es ist deine allgemeine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen; also mache das Zimmer warm. — So kamen mir alle männlichen und weiblichen Tanten vor, welche dazumal die Summe der Theosophie in diesem Gesäusel von der allgemeinen Menschenliebe zum Ausdruck brachten. Ich habe dazumal gesagt: Man muß in die Öfen eben Kohlen tun, Holz hineinbringen und es anzünden. Und so muß man, wenn man es mit einer geistigen Bewegung zu tun hat, wirkliche, konkrete Begriffe in diese geistige Bewegung hineinbringen, sonst säuselt man jahrelang von allgemeiner Menschenliebe. Diese «allgemeine Menschenliebe» hat sich ja gerade bei der Führerin der theosophischen Bewegung, bei Mrs. Besant, in holdem Lichte gezeigt.

[ 33 ] Natürlich ist es unbequemer, sich auf die Wirklichkeit einzulassen, als im Allgemeinen herumzureden über die Harmonie der Welt, über die Harmonie der einzelnen Seele mit der ganzen Welt, über die Harmonie in der allgemeinen Menschenliebe. Aber Anthroposophie soll nicht da sein, die Menschen einzuschläfern, sondern sie aufzuwecken, richtig aufzuwecken. Wir leben in einer Zeit, die es nötig macht, daß die Menschen erwachen.