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The Rudolf Steiner Archive

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The Spiritual Backgrounds of the Outer World
The Fall of the Spirits of Darkness
GA 177

13 October 1917, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Sie werden aus den gestrigen Betrachtungen entnommen haben, daß man sich in der Gegenwart immer mehr und mehr bekanntmachen muß mit dem Gegensatz zwischen dem abstrakten, dem rein intellektuellen Denken und dem wirklichkeitsgemäßen Denken, dem Sich-Hineinstellen mit seinem Denken in die Wirklichkeit. Mit Bezug auf unser Denken streben wir ja ganz selbstverständlich immer nach einer gewissen Widerspruchslosigkeit. Aber die Welt ist voller Widersprüche, so daß wir, wenn wir wirklich die Wirklichkeit erfassen wollen, nicht eine allgemeine Denkschablone gewissermaßen wie ein Netz über alles werfen können, um es zu verstehen. Wir müssen individualisieren, wir müssen auf das einzelne eingehen. Das ist der größte Mangel und auch der größte Schaden unserer Zeit, daß die Menschen in Abstraktheit geradezu aufgehen. Dadurch entfernen sie sich von der wahren Wirklichkeit.

[ 1 ] You will have gathered from yesterday’s reflections that, in the present day, one must become increasingly familiar with the contrast between abstract, purely intellectual thinking and thinking grounded in reality—that is, immersing one’s thinking in reality. When it comes to our thinking, we naturally always strive for a certain consistency. But the world is full of contradictions, so that if we truly want to grasp reality, we cannot simply cast a general mental template—like a net—over everything in order to understand it. We must individualize; we must address each case on its own merits. This is the greatest shortcoming and also the greatest harm of our time: that people are virtually lost in abstraction. In doing so, they distance themselves from true reality.

[ 2 ] Aber nun kommt die Anwendung dieser Sache auf die Wirklichkeit selbst. Bitte, fassen Sie das ins Auge! Ich muß jetzt etwas Merkwürdiges sagen: Ich muß die Anwendung des unwirklichen Denkens auf die Wirklichkeit machen, denn selbstverständlich steht ja auch das unwirkliche Denken in der Wirklichkeit drinnen. Und so hat sich allmählich durch das unwirkliche Denken, das sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte herausgebildet hat, durch das Einleben dieses unwirklichkeitsgemäßen Denkens in die Wirklichkeit, im menschlichen Zusammenleben selber eine unwirkliche Struktur ergeben, eine in sich fortwährend widerspruchsvolle Struktur ergeben. Der Natur gegenüber, könnte man sagen, hat es der Mensch gut, denn er mag noch so verkehrt denken — die Natur richtet sich nicht nach ihm. Und so wird er — verzeihen Sie den paradoxen Ausspruch —, wenn er sich starr, abstrakt in seinem Denken der Natur gegenüber verhalten will, zum Bock, der immer mit seinen Hörnern sich stößt an der Wirklichkeit. Das sehen wir ja auch in vielen sogenannten Weltauffassungen, die sich mit ihren Hörneransätzen stoßen an der Wirklichkeit. Die sind auch zuweilen so eigensinnig wie die Böcke, diese Weltanschauungen.

[ 2 ] But now comes the application of this concept to reality itself. Please, keep this in mind! I must now say something strange: I must apply unreal thinking to reality, for, of course, unreal thinking is also part of reality. And so, gradually, through this unreal thinking—which has developed over the course of the last three to four centuries—and through the integration of this unreal way of thinking into reality, an unreal structure has emerged within human coexistence itself—a structure that is inherently and continuously contradictory. One might say that, in relation to nature, humanity has it good, for no matter how wrongly it may think—nature does not conform to it. And so—forgive the paradoxical expression—if humanity seeks to confront nature with rigid, abstract thinking, it becomes like a billy goat that constantly butts its horns against reality. We see this, after all, in many so-called worldviews, which clash with reality with their horn-like projections. These worldviews are sometimes just as stubborn as the goats themselves.

[ 3 ] Aber etwas anderes ist es gegenüber dem gesellschaftlichen, dem sozialen, dem politischen Zusammenleben. Da geht das menschliche Denken durch jeden einzelnen in die gesellschaftliche Struktur hinein. Da stößt man sich nicht an einer Wirklichkeit, die sich nichts gefallen läßt, sondern da macht man die Wirklichkeit. Und wenn das ein paar Jahrhunderte dauert, so wird die Wirklichkeit auch danach; das heißt, sie lebt sich in Widersprüchen aus. Es lebt die wahre Wirklichkeit sich selber in Gebilden aus, die in sich selber nicht die Kraft der Wirklichkeit haben und sich dann in solchen Kataklysmen entladen wie die jetzige Kriegskatastrophe.

[ 3 ] But it is a different matter when it comes to social and political coexistence. There, human thought flows through each individual into the social structure. There, one does not come up against a reality that tolerates nothing, but rather, one shapes reality. And even if this takes a few centuries, reality will eventually take that form; that is, it plays itself out through contradictions. True reality manifests itself in structures that do not possess the power of reality within themselves and then discharge themselves in cataclysms such as the current catastrophe of war.

[ 4 ] Da haben Sie den Zusammenhang zwischen dem menschlichen Seelenleben in einer vorhergehenden Zeit und dem äußeren physischen Geschehen in einer etwas späteren Zeit. Denn immer ist es so, daß dasjenige, was auf dem physischen Plan herauskommt, zuerst geistig lebt, und auch mit Bezug auf die Menschen zuerst geistig lebt, zuerst in den menschlichen Gedanken und dann erst in den menschlichen Handlungen lebt. Und so können wir sehen, wenn wir die Gegenwart nur beobachten wollen, da, wo sie sich uns zeigt in ihrer wahren, das heißt in diesem Falle unwahren Gestalt — denn die unwahre Gestalt ist ihre wahre Gestalt —, wie sich die Abstraktheit hineingelebt hat in die Wirklichkeit. Die Menschen sehen vielfach die Wirklichkeit abstrakt an. Sie sehen sie so an wie derjenige, der den gestern erwähnten Prestidigitateuren zuschaut und die Gewichte ansieht, die keine Schwere haben, aber denen gegenüber der Prestidigitateur sich so verhält, als ob sie viele Kilogramm schwer wären.

[ 4 ] Here you have the connection between human spiritual life in an earlier time and external physical events in a somewhat later time. For it is always the case that what manifests on the physical plane first exists spiritually, and—with regard to human beings—first exists spiritually, first in human thoughts and only then in human actions. And so, if we are willing to observe the present—as it reveals itself to us in its true, that is, in this case, untrue form—for the untrue form is its true form—we can see how abstraction has become embedded in reality. People often view reality abstractly. They view it in the same way as someone who watches the conjurer mentioned yesterday and looks at the weights that have no weight, but toward which the conjurer behaves as if they weighed many kilograms.

[ 5 ] Das bedeutsamste Charakteristikon vieler Begriffe der Gegenwart ist die Armut dieser Begriffe. Die Menschen sind heute — ich habe das ja oft hervorgehoben — bequem, sie wollen möglichst überschauliche Begriffe. Dadurch aber werden diese Begriffe auch furchtbar arm. Ja, mit solchen armen Begriffen kommt man aus gegenüber jener oberflächlichen Natur oder jener Naturoberfläche, welche die Gegenwart, trotz aller Fortschritte, allein ins Auge faßt. Trotzdem so Großartiges in bezug auf die Naturerscheinungen in den letzten Zeiten zutagegetreten ist — die Begriffe, mit denen man diese Naturerscheinungen zu verstehen sucht, sind verhältnismäßig arm. Aber diese Sehnsucht nach armen Begriffen, nach Begriffen von geringem Inhalt, hat sich auch übertragen auf alle Weltanschauungen. So sehen wir heute Philosophen auftauchen, welche eine förmliche Sehnsucht haben nach armen Begriffen. Da werden immer wiederum die ärmsten Begriffe, das heißt die inhaltsärmsten Begriffe herumgekollert. Diese Begriffe sind manchmal recht anspruchsvoll, aber sie werden nicht ausgefüllt mit einem schwergewichtigen Inhalt. Besonders reich ist ja unsere Gegenwartsphilosophie immer an solchen Begriffen wie das «Ewige», das «Unendliche», die «Einheit», das «Bedeutungsvolle» gegenüber dem Unbedeutenden, das «Allgemeine», das «Individuelle» und so weiter. Mit solchen Begriffen wirtschaftet man ganz besonders gern, mit Begriffen, die möglichst abstrakt sind.

[ 5 ] The most significant characteristic of many contemporary concepts is their poverty. People today—as I have often emphasized—are complacent; they want concepts that are as straightforward as possible. But this also makes these concepts terribly impoverished. Indeed, such impoverished concepts are of little use when confronting that superficial nature—or that surface of nature—which, despite all progress, is the only thing the present day takes into account. Even though such magnificent insights into natural phenomena have come to light in recent times—the concepts used to understand these phenomena remain relatively impoverished. But this longing for impoverished concepts, for concepts of meager content, has also spread to all worldviews. Thus, we see philosophers emerging today who have a veritable longing for meager concepts. Time and again, the most meager concepts—that is, those with the least substance—are bandied about. These concepts are sometimes quite ambitious, but they are not filled with substantial content. Our contemporary philosophy is, after all, particularly rich in such concepts as the “eternal,” the “infinite,” “unity,” the “significant” as opposed to the insignificant, the “general,” the “individual,” and so on. People are particularly fond of dealing with such concepts—concepts that are as abstract as possible.

[ 6 ] Das führt zu einer eigentümlichen Stellung der Menschen gegenüber der Wirklichkeit. Sie hören auf, das lebensvoll Inhaltliche der Wirklichkeit zu sehen, verlieren auch die Empfindung, das Gefühl von dem, was sie eigentlich gegenüber der Wirklichkeit haben. Man muß nur die Gegenwart beobachten auf diese Dinge hin, dann findet man das allüberall.

[ 6 ] This leads to a peculiar relationship between people and reality. They cease to see the vibrant substance of reality and also lose the sense, the feeling, of what they actually experience in relation to reality. One need only observe the present moment for these things; then one finds them everywhere.

[ 7 ] Ich will Ihnen eine Erscheinung vorführen, die geradezu erschreckend ist: Ein Philosoph der Gegenwart hat sich ausgesprochen darüber, wie man eine Ansicht haben könne, ob dieser Krieg mehr oder weniger lange noch dauern soll. Nicht wahr, eine heute im eminenten Sinne wichtige Frage, aber eine Frage, die entschieden werden muß nach inhaltsvollen, realen, nach lebensvollen Begriffen, die man nicht entscheiden kann mit allgemeinen Abstraktionen von Welt und Zeitlichkeit, von Allgemeinem und Individuellem und so weiter. Mit diesen allgemeinen Philosophierereien läßt sich über solche konkrete Fragen gar nichts ausmachen. Der betreffende Philosoph hat gefunden, wie so viele finden: Es schadet nichts, wenn der Krieg möglichst lange fortgesetzt wird, wenn nur dann, wie man sagt, ein dauernder Friede zustandekommt, wenn nur dann das Paradies auf Erden da ist. — Ich habe das ja verglichen damit, daß man am besten dafür sorgen würde, daß in einem Haushalt kein Geschirr mehr zerschlagen wird, wenn man zuerst alles zerschlägt. So ungefähr ist die Schlußfolgerung derjenigen, die da sagen: Der Krieg muß so lange fortgesetzt werden, bis Aussicht vorhanden ist, daß der Friede ein dauernder ist. — Der betreffende Philosoph hat also seine Philosophie auf diese Frage angewendet, seine Philosophie, die nach seiner Ansicht sich mit den höchsten, das heißt in unserer Zeit abstraktesten Begriffen befaßt. Was hat er da gesagt? Nun denken Sie, er hat gesagt: Was ist es schließlich der Ewigkeit gegenüber, in der ein befriedigender Zustand für die Menschheit hergestellt wird, ob ein paar Tonnen mehr oder weniger organischer Substanz noch auf den Schlachtfeldern zugrundegehen! Was sind ein paar Tonnen organischer Substanz gegenüber dem ewigen Leben, der Menschheitsentwickelung!

[ 7 ] I would like to present to you a phenomenon that is downright alarming: A contemporary philosopher has spoken out about how one could hold an opinion on whether this war should continue for a longer or shorter period of time. Isn’t that right? It’s a question of great importance today in the most profound sense, but one that must be decided using substantive, real, and vital concepts—not with general abstractions about the world and temporality, the universal and the individual, and so on. Such general philosophical musings are of no use whatsoever in resolving such concrete questions. The philosopher in question has concluded, as so many do: It does no harm for the war to continue as long as possible, provided that—as they say—a lasting peace is achieved, provided that paradise on earth is thereby established. — I have compared this to the idea that the best way to ensure no more dishes are broken in a household is to break them all first. That is roughly the conclusion of those who say: War must be continued until there is a prospect that the peace will be a lasting one. — The philosopher in question has thus applied his philosophy to this question—his philosophy, which, in his view, deals with the highest, that is, in our time, the most abstract concepts. What did he say? Well, just imagine—he said: What does it ultimately matter, in the face of eternity, in which a satisfactory state for humanity will be established, if a few metric tons more or less of organic matter perish on the battlefields! What are a few metric tons of organic matter compared to eternal life, to the development of humanity!

[ 8 ] Zu solchen Errungenschaften bringt es das abstrakte Denken, wenn es sich mit der Wirklichkeit abgibt. Man muß heute den Menschen erst darauf aufmerksam machen, wie schauderhaft so etwas ist, wenn er es empfinden soll. Und man muß sich immer wieder nur wundern, daß diese Dinge eigentlich an der Menschheit vorbeigehen, ohne daß sie sich viel Gedanken darüber macht. Natürlich ist im Grunde genommen ein solcher Gedanke aus dem Weltanschauungsstreben der Gegenwart herausgeholt. Denn, wozu hat es dieses Weltanschauungsstreben gebracht? Eben zu den allerabstraktesten Begriffen; die sind aber nur auf das Tote anwendbar, auf das Mineralische, auf das Unorganische. Wenn nun der Philosoph kommt und wendet das, was nur auf das Tote anzuwenden ist, nicht nur auf das Lebendige, sondern sogar auf das Geistig-Seelische an, so ist es ganz natürlich, daß er zu solchen Dingen kommt. Denn gegenüber dem Toten muß ja der Mensch fortwährend nach dem Grundsatz handeln: Was ist schließlich so und so viel Zentner Substanz gegenüber dem, was man aus der Sache macht? — Man könnte nicht bauen, wenn einem die Verpflichtung auferlegt wäre, gegenüber jedem toten Stein das Bestandsrecht geltend zu machen; selbstverständlich, man könnte das nicht. Aber man darf eben nicht auf das Menschenleben übertragen, was nur für das Unorganische, für das Leblose gilt. Und nur für das Unorganische, für das Leblose gelten die Begriffe, die sich die Naturwissenschaft heute herausgebildet hat. Es wird aber heute fortwährend übertragen, man merkt es nur nicht. Und solche Urteile, die immer wieder nach der Richtung gehen, daß man zu einem Ende dieses Krieges nicht kommen soll, bevor die schon charakterisierte Aussicht vorhanden ist, solche Urteile schließen nichts anderes ein als das, was der Philosoph nur in einer brutalen, aber wie ihm scheint außerordentlich erhabenen Redeweise zum Ausdruck gebracht hat; nur daß die andern sich schämen, so zu reden wie der Philosoph, weil der Philosoph die Brutalität hinter der Schönheit der Worte verbirgt. Er sagt natürlich allerlei sehr Erhabenes, indem er jongliert mit den Begriffen Ewigkeit und Zeitlichkeit, ewiges menschliches Werden, vergängliches zeitliches Sein von so und so viel Tonnen organischer Substanz, aber nicht achtend der Tatsache, daß in jedem einzelnen Menschen die Ewigkeit, die Unendlichkeit lebt und daß jeder einzelne Mensch so viel wert ist wie die ganze unorganische Welt zusammen!

[ 8 ] This is the kind of achievement abstract thinking can produce when it engages with reality. Today, one must first draw people’s attention to how horrifying such a thing is if they are to feel it. And one cannot help but be amazed time and again that these things actually pass humanity by without it giving them much thought. Of course, such a thought is essentially derived from the present-day quest for a worldview. For what has this quest for a worldview actually achieved? Precisely the most abstract concepts; yet these are applicable only to the inanimate, to the mineral, to the inorganic. Now, when the philosopher comes along and applies what is applicable only to the inanimate—not only to the living, but even to the spiritual and soul-life—it is only natural that he arrives at such conclusions. For when dealing with the inanimate, a person must constantly act according to the principle: What, after all, are so-and-so many hundredweight of substance compared to what one makes of the matter? — One could not build if one were obliged to assert a right of possession over every dead stone; of course, one could not. But one must not apply to human life what applies only to the inorganic, to the lifeless. And the concepts that natural science has developed today apply only to the inorganic, to the lifeless. Yet today this is constantly being applied; we just don’t notice it. And such judgments—which repeatedly suggest that this war should not come to an end until the prospect already described is in place—such judgments imply nothing other than what the philosopher has expressed only in a brutal, yet—as it seems to him—extraordinarily sublime manner of speech; except that the others are ashamed to speak as the philosopher does, because the philosopher conceals the brutality behind the beauty of his words. Of course, he says all sorts of very sublime things as he juggles with the concepts of eternity and temporality, eternal human becoming, the transitory temporal existence of so many metric tons of organic substance—but without regard for the fact that eternity and infinity live within every single human being, and that every single human being is worth as much as the entire inorganic world put together!

[ 9 ] Diese Dinge, die jetzt besprochen worden sind, liegen auch den künstlerischen Formen zugrunde, die hier auf diesem Hügel sich entfalten wollen. Denn auch die Kunst ist allmählich hineingekommen in die, ich möchte sagen, gewichtslose, wesenlose Weltauffassung. Unsere Weltauffassung muß wiederum an das Wesen der Dinge herankommen. An das Wesen der Dinge kommt man nur heran, wenn man an den Geist herankommt. Daher müssen wir andere Formen haben, als was heute überall in der Kunst an Formen erscheint. Unsere Zeit muß, mit andern Worten, wiederum etwas aus dem Geiste heraus Schöpferisches bekommen. Das ist selbstverständlich vielen Leuten heute unbequem. Aber machen Sie sich nur klar, in welch starkem Maße unsere ganze Weltauffassung nach und nach in das Tote hineingekommen ist, indem sie auch nur noch mit dem Toten gearbeitet hat. Sehen Sie sich einmal die Bauten, und sehen Sie sich schließlich die andern «Kunstwerke» des 19. Jahrhunderts an: Was sind sie schließlich, als ein immer wieder und wieder Aufwärmen alter Baustile und dergleichen. Man hat im antiken, im Renaissance-, im gotischen Stile gebaut, das heißt immer in etwas Abgestorbenem. Man ist nicht zum Ergreifen des unmittelbar Lebendigen gekommen. Dazu muß man wieder kommen. Das wird einen ganz neuen Geist bilden. Dazu sind schon einzelne Opfer notwendig, die auch reichlich gebracht werden müssen. Aber so etwas, wie das da draußen stehende Haus, das aus dem Betonmaterial heraus mit neuen Formen geschaffen worden ist, ist eine Pionierarbeit. Und nicht allein die Tatsache, daß diese Formen gedacht worden sind, kommt in Betracht, sondern die Tatsache, daß die Möglichkeit herbeigeführt worden ist, so etwas einmal in die Welt hineinzustellen, kommt schon in Betracht. Diese Dinge muß man ins Auge fassen in ihrer ganzen Gewichtigkeit, sonst wird man auch nicht verstehen, was hier auf diesem Hügel geschaffen werden soll. Der ganzen Natur der Sache nach muß ja das, was auf diesem Hügel geschaffen wird, in Widerspruch und in Widerstreit stehen mit dem, was in der übrigen Welt heute geschaffen wird.

[ 9 ] The things that have just been discussed also underlie the artistic forms that seek to unfold here on this hill. For art, too, has gradually come to embrace what I would call a weightless, formless worldview. Our worldview must once again draw closer to the essence of things. One can only approach the essence of things by approaching the spirit. Therefore, we must have forms different from those that appear everywhere in art today. In other words, our time must once again receive something creative that springs from the spirit. Of course, this is uncomfortable for many people today. But just consider to what great extent our entire worldview has gradually become entangled in the dead, by dealing exclusively with the dead. Take a look at the buildings, and finally at the other “works of art” of the 19th century: what are they, after all, but a constant rehashing of old architectural styles and the like? People built in the classical, Renaissance, and Gothic styles—that is, always in something that had died out. They have not yet come to grasp what is immediately alive. We must return to that. This will give rise to an entirely new spirit. To achieve this, certain sacrifices are already necessary, and they must be made in abundance. But something like the house standing out there—which has been created from concrete itself using new forms—is pioneering work. And it is not merely the fact that these forms were conceived that matters, but the fact that the possibility has been brought about to bring such a thing into the world in the first place. One must consider these things in all their significance; otherwise, one will not understand what is to be created here on this hill. By the very nature of the matter, what is created on this hill must stand in contradiction and conflict with what is being created in the rest of the world today.

[ 10 ] Die Gegenwart verstehen — meine lieben Freunde, dieser Satz ging Ja wie ein roter Faden durch alles, was ich seit meiner Zurückkunft zu Ihnen gesprochen habe, hindurch. Aber man muß geneigt sein, die Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen, viel, viel Kraft aufzuwenden: Denkkraft, Empfindungskraft, experimentierende Willenskraft, um die Gegenwart zu verstehen; und man muß den Mut haben, wirklich zu brechen mit manchem, das hereinragt aus der alten Zeit. Denn im Grunde genommen arbeiten diejenigen Menschen, die man heute für die erleuchtetsten Menschen hält, vielfach mit lauter alten Begriffen, von denen sie nicht recht wissen, wie sie eigentlich anzuwenden sind.

[ 10 ] Understanding the Present — my dear friends, this phrase has indeed run like a common thread through everything I have spoken to you about since my return. But one must be willing to endure the inconvenience and expend a great deal of energy: intellectual power, emotional power, and the will to experiment—in order to understand the present; and one must have the courage to truly break with many things that carry over from the old era. For, when it comes down to it, those people whom we consider the most enlightened today often work with nothing but old concepts, without really knowing how to apply them properly.

[ 11 ] Lassen Sie mich auch dafür ein Beispiel anführen: Sie konnten durch einige Zeit hindurch gewiß auch hier in der Schweiz überall ein Buch besprochen finden und namentlich in den Schaufenstern prangen sehen, das gründlich Eindruck gemacht hat in der Gegenwart. Ich bespreche gern gerade solche Dinge, die nicht von feindlicher Seite, sondern die sogar von freundlicher Seite her kommen, damit man nicht glaubt, daß irgendwelches persönliche Verhalten dabei im Spiele ist. Der nordische Schriftsteller Kjellén, er war und ist ja unter den wenigen, die gerade meinen Schriften Interesse entgegengebracht haben, die sich wohlwollend ausgesprochen haben. Daher wird man es nicht als persönlich auffassen, wenn ich von dem Buche «Der Staat als Lebensform», das solch starken Eindruck gemacht hat, die Charakteristik gebe, die ich eben nach meiner Auffassung geben muß.

[ 11 ] Let me give you an example of this as well: For some time now, you could certainly find a book discussed everywhere here in Switzerland—and see it prominently displayed in store windows, in particular—that has made a profound impression on the present day. I like to discuss precisely such things—not those coming from hostile quarters, but rather from friendly ones—so that no one might think that any personal bias is at play here. The Nordic writer Kjellén—he was and is, after all, among the few who have taken an interest in my writings and spoken favorably of them. Therefore, it will not be taken as a personal matter if I offer the characterization of the book *The State as a Form of Life*, which has made such a strong impression, that I feel compelled to give according to my own understanding.

[ 12 ] Dieses Buch ist so recht ein Beispiel für die verfehlten Begriffe der Gegenwart. Es ist in diesem Buch der Versuch gemacht, den Staat als einen Organismus aufzufassen. Das ist eine jener Bestrebungen, die die Menschen der Gegenwart haben, wenn sie irgend etwas, was eigentlich geistig begriffen werden soll, mit den Vorstellungen der Gegenwart umfassen wollen. Und es ist gut, daß man Bezug nehmen kann auf einen geistreichen, sehr gelehrten, tiefgründigen Menschen, den man eigentlich nicht genug loben kann, wenn man den ganz verfehlten Gedanken, der seinem Buche zugrunde liegt, ins rechte Licht stellen will. Ja, in solche Widersprüche kommt man ja fortwährend. Aber das Leben ist eben voller Widersprüche. Man darf nicht nach abstrakter Widerspruchslosigkeit streben, wenn man das Leben erfassen will; man darf nicht gleich jeden für einen Dummkopf halten, den man bekämpfen will, sondern man kann auch jemanden, den man bekämpfen will, für einen sehr geistreichen, gründlichen Gelehrten halten, wie das in diesem Falle ist, von dem ich jetzt spreche.

[ 12 ] This book is a prime example of the misguided concepts of our time. It attempts to conceive of the state as an organism. This is one of those endeavors that people today engage in when they try to grasp something that should actually be understood intellectually through the lens of contemporary ideas. And it is good that one can refer to a witty, highly learned, and profound man—whom one cannot praise highly enough—when one wishes to cast the completely misguided idea underlying his book in the proper light. Yes, one constantly encounters such contradictions. But life is, after all, full of contradictions. One must not strive for abstract consistency if one wishes to grasp life; one must not immediately regard everyone one wishes to oppose as a fool, but one can also regard someone one wishes to oppose as a very witty, thorough scholar, as is the case here, of which I am now speaking.

[ 13 ] Kjellén macht eigentlich etwas Ähnliches, wie vor Jahrzehnten schon der schwäbische — ich weiß nicht, soll ich sagen schwäbische Gelehrte oder österreichische Minister, denn beides war er — Schäffle gemacht hat. Schäffle hat schon damals in umfassender Weise den Versuch gemacht, den Staat als einen Organismus aufzufassen und die einzelnen Menschen als die Zellen von diesem Organismus. Hermann Bahr, von dem ich Ihnen auch schon öfter gesprochen habe, hat damals eine Widerlegung des Schäffleschen Buches über die organische Wirksamkeit im Staate geschrieben. Als Schäffle dann ein Buch geschrieben hat über «Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie», schrieb Hermann Bahr eine Widerlegung dieses Buches und betitelte diese Widerlegung «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle». Es ist ein geistreiches Büchelchen von Hermann Bahr. Hermann Bahr hat es neulich selber in einem Vortrag, den er gehalten hat, eine Ungezogenheit genannt. Nun, aber trotzdem bleibt es ein ganz geistreiches Jugendbüchelchen von Hermann Bahr, dieses Büchelchen «Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle».

[ 13 ] Kjellén is actually doing something similar to what Schäffle—the Swabian—did decades ago; I’m not sure whether I should call him a Swabian scholar or an Austrian minister, since he was both. Even back then, Schäffle made a comprehensive attempt to conceive of the state as an organism and individual human beings as the cells of that organism. Hermann Bahr, whom I have mentioned to you on several occasions, wrote a refutation of Schäffle’s book on organic effectiveness in the state. When Schäffle then wrote a book titled *The Hopelessness of Social Democracy*, Hermann Bahr wrote a refutation of that book and titled his refutation *The Lack of Insight of Mr. Schäffle*. It is a witty little book by Hermann Bahr. Hermann Bahr himself recently referred to it as “impertinent” in a lecture he gave. Well, nevertheless, it remains a very witty little book from Hermann Bahr’s youth, this little book *The Lack of Insight of Mr. Schäffle*.

[ 14 ] Also Schäffle hat schon dazumal etwas ähnliches gemacht wie Kjellén jetzt. Kjellén sucht es auch wiederum so darzustellen, als ob jeder Staat ein Organismus wäre, die einzelnen Menschen darinnen die Zellen. Man weiß ja allerlei über die Wirksamkeit der Zellen im Organismus, über die Gesetze, die im Organismus walten, und kann das so hübsch übertragen auf den Staat. Mit solchen Vergleichen wirtschaftet man ja gern in den Gebieten, die man nicht geistig beherrschen kann. Nun, methodisch kann man alles mit allem vergleichen. Ich kann Ihnen ganz gut, wenn Sie wollen, eine kleine Wissenschaft aufbauen auf einem Vergleich zwischen einem Heuschrekkenschwarm und einer Baßgeige. Man kann alles mit allem vergleichen in der Welt, und bei allen Vergleichen kann etwas herauskommen. Aber daß man einen Vergleich anstellen kann, das ist noch durchaus nicht irgendwie maßgebend dafür, daß man mit solchen Vergleichen in der Wirklichkeit lebt. Gerade wenn man Vergleiche anstellt, muß man einen eindringlichen Sinn für die Wirklichkeit haben, sonst wird der Vergleich niemals stimmen. Denn stellt man einen Vergleich an, so ist man sehr bald in dem Fall, in dem zu ihrem herben Schicksal manche Menschen in ihrer Jugend sind — verzeihen Sie —: Man verliebt sich sogleich in seinen Vergleich, wie sich manche Menschen sogleich in einen anderen Menschen verlieben. Vergleiche, die einem einfallen oder die sogar auf der Straße liegen, wie der zwischen Staat und Organismus, die haben schon den Nachteil, daß man sich sogleich in die Sache verliebt. Aber dies Verlieben in einen solchen Vergleich, das hat eine Folge. Das hat die Folge, daß man blind wird gegen alles das, was gegen die Sache spricht, die man dann aus dem Vergleich heraus vorbringt.

[ 14 ] So Schäffle was already doing something similar back then to what Kjellén is doing now. Kjellén, in turn, seeks to portray it as if every state were an organism, with the individual people within it as the cells. We know all sorts of things about the functioning of cells in an organism, about the laws that govern it, and we can neatly apply that to the state. People like to use such comparisons in areas they cannot intellectually master. Well, methodologically speaking, you can compare anything to anything. If you like, I can quite easily construct a little “science” for you based on a comparison between a swarm of locusts and a double bass. One can compare anything to anything in the world, and something can come of any comparison. But the fact that one can make a comparison is by no means a guarantee that one lives in reality through such comparisons. Precisely when one makes comparisons, one must have a keen sense of reality; otherwise, the comparison will never hold true. For when one makes a comparison, one very quickly finds oneself in the same situation as some people face in their youth—forgive me—: one immediately falls in love with one’s comparison, just as some people immediately fall in love with another person. Comparisons that come to mind or that are even lying right there on the street—such as the one between the state and an organism—have the disadvantage that one immediately falls in love with the idea. But falling in love with such a comparison has a consequence. It has the consequence that one becomes blind to everything that speaks against the idea one then puts forward based on the comparison.

[ 15 ] So muß ich sagen: Als ich das Buch von Kjellén gelesen hatte, war mir schon aufgefallen vom Gesichtspunkte eines wirklichkeitsgemäßen Denkens aus, daß dieses Buch just jetzt im Kriege geschrieben ist. Dieses Buch schreiben vom Staat als Organismus, das kam mir schon ganz als unwirklichkeitsgemäß vor, denn schließlich, wer ein bißchen Umschau hält, der weiß ja— wenn das auch manchmal mit den Worten nicht stimmt —, Kriege werden doch so geführt, daß von den Staaten, wenn sie zusammenstoßen, entweder das eine Stück hierhin oder dorthin kommt, daß man von Staaten Stücke abschneidet und dahin oder dorthin bringt. Es kommt ja doch, wenigstens bei sehr vielen Menschen, auf solche Dinge im Krieg an.

[ 15 ] So I must say: When I had finished reading Kjellén’s book, it had already struck me—from the standpoint of realistic thinking—that this book was written right in the midst of the war. Writing this book about the state as an organism—that already struck me as quite unrealistic, because after all, anyone who looks around a bit knows—even if the words don’t always capture it accurately—that wars are waged in such a way that when states clash, one piece ends up here or there, that pieces are cut off from states and moved here or there. After all, at least for a great many people, that is what matters in war.

[ 16 ] Ja, vergleicht man nun die Staaten mit Organismen, so müßte man mindestens auch den Vergleich dahin ausdehnen, daß man dann von dem Organismus auch immer Stücke abschneiden und dem Nachbarorganismus zuteilen könnte. Aber solche Dinge, die man merken müßte, die merkt man nicht, wenn man sich in seinen Vergleich verliebt hat. Man könnte noch vieles andere anführen. Ich könnte Ihnen vieles anführen für einen solchen Vergleich, was Sie wahrscheinlich in die lustigste Stimmung versetzen würde, die Sie dann dazu veranlassen würde, recht herzlich zu lachen und den betreffenden Mann durchaus nicht für so geistreich zu halten, wie ich ihn selber halte. Ich halte ihn wirklich für sehr geistreich und sehr tiefgründig.

[ 16 ] Yes, if one were to compare states to organisms, one would have to at least extend the comparison to the point where one could always cut off pieces of the organism and assign them to the neighboring organism. But such things—which one ought to notice—go unnoticed when one has become enamored with one’s own comparison. One could cite many other examples. I could cite many examples for such a comparison, which would probably put you in the merriest of moods, prompting you to laugh heartily and not at all consider the man in question to be as witty as I myself do. I truly consider him to be very witty and very profound.

[ 17 ] Woher kommt denn so etwas, daß einer nun gelehrt, geistvoll sein kann und doch auf einem ganz verfehlten Vergleich ein ganzes System aufbauen kann? Ja, sehen Sie, das kommt davon her, daß der Vergleich, den Kjellén macht, ein richtiger Vergleich ist. Nun werden Sie sagen, jetzt wissen Sie schon gar nicht mehr, was Sie anfangen sollen mit dem, was ich Ihnen sage: erst erkläre ich Ihnen, daß der Vergleich ein total verfehlter ist, und nun erkläre ich Ihnen, daß der Vergleich ein richtiger ist. Nun, wenn ich sage, daß der Vergleich ein richtiger ist, so meine ich, der Vergleich kann durchaus gemacht werden; nur handelt es sich darum, womit man vergleicht. Wenn man vergleicht, handelt es sich ja immer um zwei Dinge, wie im Falle von Kjellén: um den Staat und um den Organismus. Eine Sache muß ja immer stimmen für sich. Der Staat auf der einen Seite ist da, der Organismus auf der andern Seite ist da. Beides kann ja nicht falsch sein; nur das Zusammenbringen ist falsch. Es handelt sich nämlich darum, daß man wirklich dasjenige, was auf der Erde geschieht, schon mit einem Organismus vergleichen kann. Man kann das politische Geschehen auf der Erde mit einem Organismus vergleichen; nur darf man den Staat nicht mit einem Organismus vergleichen. Vergleicht man den Staat mit dem Organismus, in dem die einzelnen Menschen Zellen sind, so kommt ein völliger Nonsens heraus. Das ist einfach Unsinn, denn da kommt man auf gar nichts. Aber man kann das politische, soziale Leben der Erde mit einem Organismus vergleichen, nur muß man dann die ganze Erde mit einem Organismus vergleichen. Sobald man die ganze Erde, das heißt das Menschengeschehen über die ganze Erde hin, mit dem Organismus vergleicht und die einzelnen Staaten — nicht die Menschen, sondern die einzelnen Staaten — mit verschieden geformten Zellen, dann ist der Vergleich richtig, dann ist es ein gültiger Vergleich.

[ 17 ] Where does something like this come from—that someone can be learned and insightful and yet build an entire system on a completely flawed comparison? Yes, you see, it comes from the fact that the comparison Kjellén makes is a valid one. Now you’ll say that you no longer know what to make of what I’m telling you: first I explain that the comparison is completely flawed, and now I explain that the comparison is a valid one. Well, when I say that the comparison is a valid one, I mean that the comparison can certainly be made; the only question is what one is comparing it to. When you make a comparison, it always involves two things, as in Kjellén’s case: the state and the organism. One of the two must always be correct in and of itself. The state is there on one side, and the organism is there on the other. Both cannot be wrong; it is only the act of bringing them together that is wrong. The point is that one can indeed compare what happens on Earth to an organism. One can compare political events on Earth to an organism; one simply must not compare the state to an organism. If one compares the state to an organism in which individual human beings are cells, the result is utter nonsense. That is simply nonsense, because it leads nowhere. But one can compare the political and social life of the Earth to an organism; one must then, however, compare the entire Earth to an organism. As soon as one compares the entire Earth—that is, human activity across the entire Earth—to an organism, and the individual states—not the people, but the individual states—to cells of various shapes, then the comparison is correct; then it is a valid comparison.

[ 18 ] Wenn Sie diesen Vergleich zugrundelegen und nun das gegenseitige Verhältnis der Staaten selber ins Auge fassen, so bekommen Sie schon etwas, was sich so ähnlich verhält wie die Zellen der verschiedenen Systeme im Organismus. Also es kommt darauf an, wenn man einen Vergleich wählt, daß man diesen Vergleich auf das Richtige anwendet. Der Fehler bei Kjellén besteht darin — und auch bei Schäffle hat er darin bestanden —, daß der einzelne Staat, der nur mit einer Zelle, mit einer ausgewachsenen Zelle, verglichen werden kann, mit dem ganzen Organismus verglichen wird, während das Leben über die ganze Erde hin mit einem Organismus zu vergleichen ist. Dann kommt man an das Fruchtbare dieses Vergleiches. Nicht wahr, Zellen, die so aneinander vorbeiwandern wie die Menschen im Staat, das gibt es nicht im Organismus. Zellen stoßen aneinander, grenzen aneinander. So ist es mit den einzelnen Staaten, die Zellen sind im Gesamtorganismus des Lebens der Erde.

[ 18 ] If you take this comparison as a basis and now consider the mutual relationship between the states themselves, you end up with something that behaves much like the cells of the various systems within an organism. So, when choosing a comparison, it is important to apply it correctly. The mistake made by Kjellén—and one that Schäffle also made—is that the individual state, which can only be compared to a single cell, a fully developed cell, is compared to the entire organism, whereas life across the entire Earth is comparable to a single organism. This brings us to the fruitful aspect of this comparison. After all, cells that simply drift past one another like people in a state—that does not exist in an organism. Cells come into contact with one another; they border one another. So it is with individual states: they are cells within the overall organism of life on Earth.

[ 19 ] Meine lieben Freunde, Sie vermissen vielleicht etwas in der Auseinandersetzung, die ich jetzt gegeben habe. Wenn in einer gewissen berechtigten Weise — denn solch eine Sache ist auch berechtigt — Ihr philiströs-pedantischer Sinn sich in Ihrem Herzen regt, während ich hier spreche, so werden Sie sagen: Ich müßte Ihnen doch beweisen, daß man das Leben der ganzen Erde mit dem Organismus vergleichen muß und den einzelnen Staat mit der Zelle. — Nun, der Beweis liegt in der Anschauung, der Beweis liegt in der Durchführung des Gedankens, der Beweis liegt nicht in den abstrakten Erwägungen, die man gewöhnlich anstellen kann, sondern darin, daß Sie nun den Gedanken durchführen. Führen Sie ihn im Kjellénschen Sinne durch, dann werden Sie überall finden: Er läßt sich nicht durchführen. Sie müssen sich mit den Hörnern stoßen; Sie müssen zum Bock werden, sonst können Sie ihn nicht durchführen. Führen Sie aber den Gedanken für das Leben der ganzen Erde durch, dann taugt der Begriff, dann kommen Sie zu ganz fruchtbaren Einsichten, dann wird Ihnen das ein sehr gutes regulatives Prinzip sein. Sie werden sehr vieles verstehen, und Sie werden noch mehr verstehen, als was ich jetzt schon angedeutet habe.

[ 19 ] My dear friends, you may feel that something is missing from the argument I have just presented. If, in a certain justified way—for such a thing is indeed justified—your philistine, pedantic sensibility stirs in your heart while I speak here, you will say: I ought to prove to you that one must compare the life of the entire Earth to an organism and the individual state to a cell. — Well, the proof lies in the conception, the proof lies in carrying out the idea; the proof does not lie in the abstract considerations one can usually make, but in the fact that you now carry out the idea. If you carry it out in the Kjellén sense, then you will find everywhere that it cannot be carried out. You must lock horns; you must become a billy goat, otherwise you cannot carry it out. But if you apply the idea to the life of the entire Earth, then the concept is valid; then you will arrive at very fruitful insights; then it will serve as a very good regulative principle for you. You will understand a great deal, and you will understand even more than what I have already hinted at.

[ 20 ] Die Menschen sind heute einmal Abstraktlinge, und man möchte sagen: Von einem Dutzend wird man bei dreizehn — ja, das geht nicht, aber bei den wirklichen Verhältnissen würde es heute schon fast stimmen —, von einem Dutzend wird man bei dreizehn finden, daß sie in einem solchen Falle, wo also Kjellén den einzelnen Staat mit einem Organismus vergleicht und hier ihm entgegengehalten wird: Das politische, soziale Leben über die ganze Erde hin, das ist in Wahrheit mit einem Organismus zu vergleichen —, daß diese dreizehn von dem Dutzend heute der Ansicht sein werden, dieser Vergleich müsse nun durch alle Zeiten hindurch gelten. Denn stellt heute einer eine Staatstheorie auf, so muß diese Staatstheorie nicht nur für die Gegenwart gelten, sondern auch für die Römer, sogar für die Ägypter und die Babylonier; denn Staat ist Staat. Man geht heute von den Begriffen aus, nicht von der Wirklichkeit.

[ 20 ] People today are, in a sense, abstract beings, and one might say: Out of a dozen, you’ll find thirteen—well, that’s not possible, but given the actual circumstances today, it would almost be true—out of a dozen, you’ll find thirteen who, in such a case, where Kjellén compares the individual state to an organism and is countered here with the argument that: “Political and social life across the entire globe is, in truth, comparable to an organism”—that these thirteen out of the dozen today will hold the view that this comparison must apply throughout all ages. For if someone formulates a theory of the state today, that theory must apply not only to the present but also to the Romans, even to the Egyptians and the Babylonians; for a state is a state. Today, one proceeds from concepts, not from reality.

[ 21 ] Aber so ist es nicht, so ist es wirklich nicht. Die Menschheit macht auch da eine Entwickelung durch. Und was ich jetzt über die Gültigkeit des Vergleiches gesagt habe, gilt eigentlich nur für die Zeit seit dem 16. Jahrhundert, denn vor dem 16. Jahrhundert war ja die Erde kein politisch zusammenhängendes Ganzes; das heißt, seit jener Zeit hat sie sich erst als ein zusammenhängendes politisches Ganzes ausgebildet. Amerika, die westliche Halbkugel, war ja gar nicht da für ein politisches Leben, das in sich zusammenhängend gewesen wäre. Und so bekommen Sie gleich, indem Sie diesen Vergleich in der richtigen Weise anstellen, auch einen Hinblick auf jenen bedeutungsvollen Einschnitt, der da ist zwischen dem neueren Leben und dem alten Leben. Kommt man mit wirklichkeitsgemäßen Einsichten, dann sind diese Einsichten immer fruchtbar, während die nicht wirklichkeitsgemäßen Begriffe steril und unfruchtbar sind. Jede wirklichkeitsgemäße Einsicht führt einen eben weiter. Man erfährt noch mehr durch sie, als sie selbst enthält; sie trägt einen durch die Wirklichkeit. Das ist das Wichtige, das muß man durchaus ins Auge fassen. Denn abstrakte Begriffe, die sind so, daß wir sie fassen; aber draußen ist die Wirklichkeit, die kümmert sich gar nicht um diesen abstrakten Begriff. Faßt man einen wirklichkeitsgemäßen Begriff, so hat man in dem Begriff drinnen das ganze innere rege Leben, das draußen auch ist, das draußen die Wirklichkeit durchwurlt und durchwirlt. Das ist den Leuten unbequem in der Gegenwart. Sie möchten möglichst farblose, ruhige Begriffe haben. Sie fürchten, den Drehkater zu bekommen, wenn ihre Begriffe innerliches Leben haben. Aber diese innerlich leblosen Begriffe haben den Nachteil, daß die Wirklichkeit ringsherum vor uns ablaufen kann, ohne daß man eigentlich das Wesentlichste an dieser Wirklichkeit sieht. Die Wirklichkeit ist nämlich auch voller Begriffe, auch voller Ideen. Das ist wahr, was ich vor einigen Tagen hier gesagt habe: daß draußen das elementarische Leben fließt und dieses elementarische Leben von Begriffen, von Vorstellungen durchsetzt ist — das ist wahr. Aber die abstrakten Begriffe sind bloß Begriffsleichen, habe ich gesagt. Und dann kann es vorkommen, wenn man bloß Begriffsleichen liebt, daß man in diesen Begriffsleichen redet und denkt, und die Wirklichkeit zieht ganz andere Schlußfolgerungen; ganz andere Geschehnisse läßt sie ablaufen als diejenigen, in die unsere Begriffe hineinkommen können.

[ 21 ] But that’s not how it is—it really isn’t. Humanity is undergoing a process of development in this regard as well. And what I have just said about the validity of the comparison actually applies only to the period since the 16th century, because before the 16th century, the Earth was not a politically cohesive whole; that is to say, it was only from that time onward that it began to develop into a coherent political whole. America, the Western Hemisphere, was not at all a place for political life that was internally coherent. And so, by making this comparison in the right way, you immediately gain insight into that significant turning point that exists between the newer way of life and the old way of life. If one arrives at insights that correspond to reality, then these insights are always fruitful, whereas concepts that do not correspond to reality are sterile and unproductive. Every insight that corresponds to reality takes one further. One experiences even more through it than it contains itself; it carries one through reality. That is the important point; one must definitely bear this in mind. For abstract concepts are such that we grasp them; but out there is reality, which pays no attention whatsoever to this abstract concept. If one grasps a concept that corresponds to reality, then within that concept one has the whole inner, vibrant life that also exists out there—the life that churns through and interweaves with reality. This is uncomfortable for people today. They would prefer concepts that are as colorless and calm as possible. They fear getting dizzy if their concepts possess inner life. But these concepts, which are lifeless within, have the disadvantage that reality all around us can unfold before our eyes without us actually seeing what is most essential about that reality. For reality, too, is full of concepts, full of ideas. What I said here a few days ago is true: that elemental life flows out there, and that this elemental life is interwoven with concepts and ideas—that is true. But abstract concepts are merely conceptual corpses, as I have said. And then it can happen, when one loves only conceptual corpses, that one speaks and thinks within these conceptual corpses, while reality draws entirely different conclusions; it allows entirely different events to unfold than those into which our concepts can enter.

[ 22 ] Seit drei Jahren stehen wir in furchtbaren Ereignissen, die jeden Menschen viel lehren könnten; nur muß man sie nicht schlafend, sondern wachend verfolgen. Es ist eigentlich bewundernswert im negativen Sinne, wie viele Menschen gegenüber diesen furchtbaren Ereignissen der Gegenwart noch immer schlafen, noch immer nicht dazu gekommen sind, sich einmal zu überlegen, daß Ereignisse, die noch nie da waren in der Weltentwickelung der Menschen, auch fordern, daß man zu neuen Begriffen kommt, die auch noch nie dagewesen sind. Die Wirklichkeit urteilt da anders. Lassen Sie mich, ich möchte sagen, symbolisch das noch genauer ausdrücken, was ich eigentlich meine. Man kann schon sagen: Einige Leute haben sich ja schon seit Jahren Begriffe gemacht davon, daß dieser Krieg kommen werde. Im allgemeinen kann man sagen, daß mit Ausnahme gewisser Kreise der anglo-amerikanischen Bevölkerung die Welt von diesem Kriege überrascht worden ist in gewissem Sinne. Aber immerhin, einzelne Leute haben sich Vorstellungen gemacht, daß der Krieg kommen werde, allerdings manchmal ganz merkwürdige Vorstellungen. Eine Vorstellung namentlich konnte man immer wieder und wiederum finden, eine Vorstellung, welche von tiefgründigen — ich meine das wirklich nicht ironisch, ich spreche in vollem Ernst Nationalökonomen, Nationalpolitikern ausgegangen ist, welche auf einer sorgfältigen Abstraktion aus diesen oder jenen Vorgängen beruhte. Die Leute haben viel wissenschaftlich gearbeitet, kombiniert, abstrahiert, allerlei Synthesen gemacht und sind dann dazu gekommen, eine Vorstellung auszubilden, die man wirklich lange Zeit hindurch, auch noch beim Ausbruch des Krieges — da ist sie besonders viel wiederholt worden —, vielfach getroffen hat: die Vorstellung, daß nach den gegenwärtigen Weltverhältnissen, nach den wirtschaftlichen, den kommerziellen Zusammenhängen dieser Krieg unmöglich länger als vier bis sechs Monate dauern kann. Es war streng bewiesen, eine streng bewiesene Wahrheit. Und es sind wahrhaftig nicht dumme Gründe, die man angewendet hat; es waren ganz gescheite Gründe.

[ 22 ] For three years now, we have been witnessing terrible events that could teach every person a great deal; one must simply follow them while staying alert, not asleep. It is actually admirable—in a negative sense—how many people remain asleep in the face of these terrible events of the present, still having failed to consider that events unprecedented in the history of human development also demand that we arrive at new concepts that have never existed before. Reality, however, judges otherwise. Let me—I would say—express what I actually mean more precisely, symbolically. One could certainly say that some people have, in fact, been anticipating this war for years. In general, it can be said that, with the exception of certain circles of the Anglo-American population, the world was, in a certain sense, taken by surprise by this war. But still, individual people had formed ideas that the war would come—albeit sometimes quite strange ideas. One idea in particular could be found time and again—an idea that originated with profound—and I really don’t mean this ironically; I’m speaking in all seriousness—economists and political scientists, based on a careful abstraction from this or that set of events. These people engaged in a great deal of scientific work, combining and abstracting, made all sorts of syntheses, and then arrived at a notion that was encountered time and again for a very long time—even at the outbreak of the war, when it was repeated particularly often—namely, the notion that, given the current state of world affairs and the economic and commercial interrelationships, this war could not possibly last longer than four to six months. It was rigorously proven—a rigorously proven truth. And the reasons cited were certainly not foolish; they were quite sound reasons.

[ 23 ] Ja aber die Wirklichkeit, nun, wie verhält sie sich denn zu all dem Gründe-Gewebe, das da die gescheiten Nationalökonomen zusammengestellt haben? Wie verhält sich die Wirklichkeit? Nun, Sie sehen es ja, wie sich die Wirklichkeit verhält! Um was handelt es sich aber dann, wenn die Sache so steht? Es handelt sich darum, daß man aus einer solchen Sache auch die Konsequenzen ziehe, die wirklichen Konsequenzen ziehe. Dann wird dieser Krieg eine Lehre, wenn man die Konsequenzen zieht. Was kann die einzige Konsequenz nur sein von dem, was ich symbolisch angedeutet habe? Denn ich habe ja nur einen krassen Fall angeführt, ich könnte Ihnen ja zahlreiche andere, ähnliche Ansichten anführen, die ebenso — um es glimpflich auszudrücken — Schiffbruch erlitten haben durch die Wirklichkeit der Ereignisse der letzten drei Jahre. Was kann die einzige wirkliche Konsequenz sein? Die, daß man alles das, woraus man solche Folgerungen gezogen hat, über Bord wirft, daß man sich sagt: Wir haben also in einer nicht wirklichkeitsgemäßen Weise gedacht, wir haben ein Denksystem entwickelt und dieses abstrakte, unwirklichkeitsgemäße System selber in die Wirklichkeit einfließen lassen, so daß die Wirklichkeit unwahr geworden ist; also brechen wir mit den Voraussetzungen selbst zunächst, die zugrunde gelegen haben solch einer angeblichen Erkenntnis, die eben die Wirklichkeit vernichtet!

[ 23 ] Yes, but reality—well, how does it relate to all that web of reasoning that the clever economists have woven together? How does reality relate to it? Well, you can see for yourself how reality relates to it! But what, then, is at stake if this is the case? It is a matter of drawing the consequences from such a situation—the real consequences. Then this war will serve as a lesson, if we draw those consequences. What can the only consequence possibly be of what I have symbolically alluded to? For I have cited only one extreme case; I could cite numerous other, similar views that have likewise—to put it mildly—run aground against the reality of the events of the last three years. What can the only real consequence be? That we cast overboard everything from which we drew such conclusions, that we say to ourselves: “So we have been thinking in a way that does not correspond to reality; we have developed a system of thought and allowed this abstract, unrealistic system to permeate reality itself, so that reality has become untrue; therefore, we must first break with the very premises that underlay such supposed insight, which in fact destroys reality!”

[ 24 ] Man kann, was ich jetzt sage, heute zu den Menschen ganz gewiß eindringlich sagen. Ob es eindringlich aufgenommen wird, das ist aber eine andere Frage. Denn geradeso geistreich wie das war, was die Nationalpolitiker vorgebracht haben für die mögliche Dauer des Krieges von vier bis sechs Monaten, ebenso geistreich, wirklich geistreich — ich meine es jetzt wieder nicht ironisch — waren die Gründe, welche jenes aufgeklärte Medizinalkollegium beim Bau der ersten Eisenbahn in Mitteleuropa geltend machte, aus der damaligen medizinischen Wissenschaft heraus. Sie haben damals gesagt, nicht ein einzelner Querkopf, sondern ein erleuchtetes Kollegium — ich habe es öfter angeführt —, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn das menschliche Nervensystem könne Eisenbahnen nicht aushalten. Das ist ein aufgeschriebenes Dokument aus dem Jahre 1838. Also nicht lange hinter uns liegt die Zeit, die das Urteil fällte, man solle nur ja keine Eisenbahnen bauen; wenn aber schon solche Menschen sich finden sollten — das steht in diesem Dokument —, die Eisenbahnen bauen lassen wollen, so müsse man wenigstens zu beiden Seiten hohe Bretterwände aufführen, damit die Bauern die Züge, welche vorbeifahren, nicht sehen und etwa Gehirnerschütterung dadurch kriegen. — Ja, über solche Dinge lachen die Menschen, wenn es sich hinterher herausstellt, wie die Wirklichkeit über solche angebliche Gründe hinweggeht. Nachher lachen die Menschen. Aber gewisse Elementargeister, die lachen auch gleichzeitig, ja sie lachten sogar schon in der Zeit, bevor solche wissenschaftlichen Dinge gemacht wurden, über die menschlichen Torheiten.

[ 24 ] What I am about to say can certainly be conveyed to people today in a forceful manner. Whether it will be received with the same intensity, however, is another question. For just as ingenious as the argument put forward by national politicians—that the war might last four to six months—was the reasoning—truly ingenious, and I mean this without irony—that the enlightened medical council advanced at the time of the construction of the first railroad in Central Europe, based on the medical science of that era. They said at the time—not a single contrarian, but an enlightened council—and I have cited this often—that one should not build railroads, because the human nervous system could not withstand them. This is a written document from the year 1838. So it was not long ago that the verdict was handed down that railroads should under no circumstances be built; but if there were to be people—as this document states—who wanted to have railroads built, then at least high wooden walls would have to be erected on both sides so that the farmers would not see the trains passing by and thereby suffer a concussion. — Yes, people laugh at such things when it turns out later how reality flies in the face of such supposed reasons. People laugh afterward. But certain elemental spirits laugh at the same time; indeed, they were already laughing at human follies even before such scientific endeavors were undertaken.

[ 25 ] Brechen wir mit demjenigen, was in den Widerspruch geführt hat! Der Widerspruch ist real da, ist wirklich da, denn das Leben der letzten drei Jahre über die Erde hin ist ein realisierter Widerspruch. Man muß also andere Ansichten gewinnen über das, was vorgeht, als man sie gehabt hat. Radikale Revision der Anschauungen, das fordert die Zeit von uns. Es ist sogar schwierig, wenn man einen solchen Gedankengang angefangen hat, ihn in der Gegenwart bis zu seinem völligen Ende zu führen, denn die Menschheit ist heute nicht freidenkerisch genug, diese Gedanken zu Ende kommen zu lassen. Wer Sinn hat für Wirklichkeit, für das wirkliche Geschehen um uns herum, der nämlich kann in der Wirklichkeit draußen sehen, daß dort diese Konsequenzen schon gezogen werden. Nur in die menschlichen Köpfe wollen sie noch nicht hinein. In dieser Beziehung herrscht ein ungeheurer Gegensatz zwischen Westen und Osten. Ich habe Ihnen über den gründlichen Gegensatz zwischen Westen und Osten im vorigen Jahre von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen, habe Sie zum Beispiel aufmerksam darauf gemacht, wie der Westen über das Geburtsproblem und die Forderung nach Menschenrechten spricht. Sehen Sie sich die westlichen Weltanschauungen an: Herkommen, Geburt, das ist der hauptsächlichste naturwissenschaftliche Begriff, der dort herrscht. Daher entstand im Westen die Herkommenslehre, die Darwinsche Lehre. Man könnte auch sagen: die Geburten- und Vererbungslehre auf philosophischem Gebiete, auf praktischem Gebiete, ist die Anschauung von den Rechten der Menschen.

[ 25 ] Let us break with whatever has led to this contradiction! The contradiction is a real fact; it truly exists, for life across the earth over the past three years has been a contradiction come to pass. We must therefore adopt different views of what is happening than we have held before. A radical revision of our views—that is what the times demand of us. It is even difficult, once one has begun such a line of thought, to carry it through to its complete conclusion in the present, for humanity today is not free-thinking enough to allow these thoughts to run their course. Anyone with a sense of reality—of the actual events unfolding around us—can see in the reality outside that these consequences are already being drawn there. It is only into people’s minds that they have not yet entered. In this regard, there is a tremendous contrast between the West and the East. Last year I spoke to you about the fundamental contrast between the West and the East from a wide variety of perspectives; for example, I drew your attention to how the West discusses the issue of birth and the demand for human rights. Consider Western worldviews: origin, birth—these are the primary scientific concepts that prevail there. This is why the theory of origin, Darwin’s theory, arose in the West. One could also say that the theory of birth and heredity—in the philosophical and practical spheres—is the concept of human rights.

[ 26 ] Im wenig gekannten Osten, im russischen Leben, da finden wir Betrachtungen über Tod, über geistige Ziele des menschlichen Lebens — lesen Sie Solowjow, der ja jetzt bequem gelesen werden kann —, den Schuldbegriff, den Sündenbegriff auf ethisch-praktischem Gebiet. Ja, solcher Gegensatz ist auf den meisten Gebieten vorhanden. Und man begreift die Realität, die Wirklichkeit nicht, wenn man nicht solchen Gegensatz gehörig ins Auge fassen kann. Die Emotionen, die Sympathien und Antipathien, die hindern den Menschen, die in Betracht kommenden Dinge wirklich ins Auge zu fassen. Wenn sich diese Emotionen, diese Sympathien und Antipathien regen, dann lassen die Menschen die Wirklichkeit schon gar nicht an sich herankommen; ebensowenig wie die widerstreitenden Dinge an denjenigen herankommen, der sich in einen gewissen Vergleich verliebt hat, weil die Menschen das, was sie lieben, für absolute Wahrheit halten und sich gar keine Vorstellung davon machen, daß das Entgegengesetzte, nur von einem andern Gesichtspunkt aus, auch wahr sein kann.

[ 26 ] In the little-known East, in Russian life, we find reflections on death, on the spiritual goals of human life—read Soloviev, who can now be read with ease—as well as on the concept of guilt and the concept of sin in the ethical-practical realm. Yes, such contrasts exist in most areas. And one cannot grasp reality, the actual state of affairs, unless one is able to properly take such contrasts into account. Emotions, sympathies, and antipathies prevent people from truly taking the relevant issues into account. When these emotions, sympathies, and antipathies are stirred up, people certainly do not allow reality to get close to them; just as conflicting ideas cannot reach someone who has become enamored with a particular perspective, because people regard what they love as absolute truth and cannot even conceive that the opposite—viewed from a different angle—might also be true.

[ 27 ] Betrachten wir den Westen, namentlich den anglo-amerikanischen Westen, denn die andern sprechen zum großen Teil nur nach. Was ist da, namentlich in dem Wilsonianismus, durchgängiger Gesichtspunkt — Ideale nennt man es ja auch vielfach —, was ist da durchgängiger Gesichtspunkt? Durchgängiger Gesichtspunkt ist der, daß die ganze Welt so werden soll, wie diese Völker in den letzten Jahrhunderten waren. Die Völker haben sich ideale soziale Zustände herausgebildet — man gibt ihnen verschiedene Namen, man nennt es «Demokratie» und dergleichen —, und andere Völker haben die große Schuld, daß sie nicht solche Zustände herausgebildet haben! Richtig wird es sein, wenn die ganze Welt diese Zustände annimmt. Das ist die anglo-amerikanische Ansicht: Was wir herausgebildet haben, was wir geworden sind, das gibt den großen und kleinen Nationen ihr Recht, das stellt sie in die richtigen Verhältnisse, das macht den Menschen glücklich innerhalb des Staatskreises. So muß es überall aussehen. Wir hören es deklamieren; es ist das Evangelium des Westens. Man denkt gar nicht daran, daß so etwas immer nur relative Bedeutung hat, daß so etwas vor allen Dingen aus den Emotionen herauskommt, nicht, wie man glaubt, aus der bloßen Vernunft und aus dem bloßen Verstand.

[ 27 ] Let us consider the West, specifically the Anglo-American West, since the others are largely just parroting what is said. What is the overarching perspective there—often referred to as “ideals”—specifically in Wilsonianism? What is the overarching perspective there? The overarching perspective is that the entire world should become what these nations have been over the past few centuries. These nations have developed ideal social conditions—people give them various names, such as “democracy” and the like—and other nations bear the great blame for not having developed such conditions! It will be right when the whole world adopts these conditions. That is the Anglo-American view: what we have developed, what we have become, gives the great and small nations their right, places them in the proper order, and makes people happy within the sphere of the state. That is how it must be everywhere. We hear it proclaimed; it is the gospel of the West. No one even considers that such things always have only relative significance, that they stem above all from emotions, not—as is commonly believed—from mere reason and mere intellect.

[ 28 ] Man darf natürlich nicht zu stark die Worte pressen, denn dieses Pressen der Worte schon führt heute zu vielen Mißverständnissen. Man könnte zum Beispiel glauben, daß ich das amerikanische Volk oder die anglo-amerikanische Rasse treffen wollte, wenn ich von Wilsonianismus oder Lloyd-Georgeanismus spreche. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Ich sage absichtlich Wilsonianismus, weil damit etwas ganz Spezifisches gemeint ist. Aber ich bin weit davon entfernt, damit etwas zu meinen, wofür Sie ohne weiteres den Begriff Amerikanismus brauchen können. Da muß man wiederum ein bißchen stark die Wirklichkeit ins Auge fassen. Ein Teil der Tiraden, die in der letzten Zeit von Mr. Wilson gekommen sind, sind gar nicht einmal auf amerikanischem Boden gewachsen. Man kann gar nicht einmal Wilson das Lob zuerkennen, daß seine Tiraden ganz originell sind. Sie sind ja nichts wert, sie sind unwahr; aber sie sind nicht einmal ganz originell. Denn es liegt die merkwürdige Tatsache vor, daß von einem Berliner Schriftsteller geistreiche Artikel geschrieben worden sind, nur just nicht Artikel, die im Sinne der deutschen Weltauffassung sind, Artikel, die Wilsonianismus ohne Wilson waren, sehr scharfsinnige Artikel. Diese Artikel haben Glück gemacht, allerdings nicht gerade in Deutschland, aber im amerikanischen Kongreß, denn sie sind gesammelt worden, und Sie finden sie eingeheftet durch viele Seiten hindurch in den Kongreßakten des amerikanischen Kongresses; sie sind nämlich in den Verhandlungen des amerikanischen Kongresses verlesen worden, und manche von den neueren Tiraden des Herrn Wilson sind diesen Seiten entnommen. Manches von dem, was Herr Wilson fabriziert gegen Mitteleuropa, hat diesen Ursprung. Es ist also nicht einmal originell. Es wird immerhin eine ganz interessante, humoristische Tatsache der zukünftigen Geschichtsschreibung sein, wenn man in den Akten über die Verhandlungen des amerikanischen Kongresses findet: Die Herren haben eine Zeitlang verzichtet, ihre eigenen erleuchteten Ideen vorzubringen, und vorgelesen die Artikel eines Berliner Schriftstellers, diese dann eingeheftet in die Kongreßakten und darauf «amerikanische Kongreßakten» geschrieben.

[ 28 ] Of course, one must not take these words too literally, for such literal interpretation already leads to many misunderstandings today. One might, for example, believe that I intended to target the American people or the Anglo-American race when I speak of Wilsonianism or Lloyd-Georgeanism. But that is by no means the case. I deliberately say “Wilsonianism” because it refers to something quite specific. But I am far from intending to imply something for which you could simply use the term “Americanism.” Here, once again, one must take a rather hard look at reality. Some of the tirades that have come from Mr. Wilson recently did not even originate on American soil. One cannot even give Wilson the credit that his tirades are entirely original. They are, after all, worthless; they are untrue; but they are not even entirely original. For there is the curious fact that a Berlin writer has penned witty articles—just not articles that align with the German worldview—articles that were “Wilsonianism without Wilson,” very astute articles. These articles have made a splash—though not exactly in Germany, but in the U.S. Congress—for they have been collected, and you will find them bound throughout many pages in the records of the U.S. Congress; they were, in fact, read aloud during the proceedings of the U.S. Congress, and many of Mr. Wilson’s more recent tirades have been taken from these pages. Much of what Mr. Wilson concocts against Central Europe has this origin. So it is not even original. It will, at any rate, be a quite interesting and humorous fact for future historians when they find in the records of the proceedings of the U.S. Congress: The gentlemen refrained for a time from presenting their own enlightened ideas and instead read aloud the articles of a Berlin writer, which were then bound into the congressional records and labeled “U.S. Congressional Records.”

[ 29 ] Was uns aber vorzugsweise interessiert, das ist, warum diese Artikel den Leuten gefallen haben. Nun, weil sie eben gerade zum Ausdruck bringen, daß man sich so recht wohlig fühlen kann auf dem Stuhl, auf den man sich seit Jahrhunderten gesetzt hat, und nun der Welt mitteilen kann: Wenn ihr euch alle auf solche Stühle setzt, dann wird alles gut sein. — Das ist der Westen.

[ 29 ] But what interests us most of all is why people liked these articles. Well, because they express precisely the idea that one can feel quite at ease in the chair one has been sitting in for centuries, and can now tell the world: If you all sit in chairs like these, then everything will be fine. — That is the West.

[ 30 ] Der Osten, Rußland, hat auch eine Konsequenz gezogen — nicht eine begriffliche; begrifflich sind die Leute noch nicht dort, wo sie ihre Realität haben. Die haben eine andere Konsequenz gezogen. Denen ist gar nicht eingefallen zu sagen: Was wir seit Jahrhunderten getrieben haben, das muß jetzt das Heil der ganzen Welt werden. Wir wollen, daß alle Leute so werden, wie wir waren. — Man hätte ja auch für das, was in Rußland seit Jahrhunderten geschehen ist, ein schönes Wort finden können, denn schöne Worte finden sich für alles, schöne Worte finden sich ja auch dann, wenn die Wirklichkeit noch so gräßlich ist. Heute kostet das ja nur, wenn man es mit amerikanischem Geld bezahlt, soundsoviel Dollar; dann kann man sehr, sehr goldige Ideale in ethische Ideale umdeuten. Aber das ist ja im Osten nicht geschehen, da ist eine reale Konsequenz gezogen worden. Da hat man nicht gesagt: Die Welt muß jetzt übernehmen, was wir gehabt haben. Da hat man was anderes gesagt; da hat man wirklich den Schluß gezogen, daß die Voraussetzungen nicht stimmen — und hat daher etwas in Bewegung gesetzt, was allerdings auch noch lange nicht das ist, was es einstmals sein wird. Aber das macht nichts; ich will jetzt gar nicht über das eine oder das andere irgendwie ein Urteil fällen, ich will nur auf den großen Gegensatz hinweisen. Wenn Sie diesen Gegensatz ins Auge fassen, dann werden Sie ein Kolossalbild der Wirklichkeit vor sich haben zwischen dem Westen, der auf alles schwört, was seine Vergangenheit betrifft, und dem Osten, der gebrochen hat mit allem, was seine Vergangenheit war.

[ 30 ] The East—Russia—has also drawn a conclusion—not a conceptual one; conceptually, people there have not yet reached the point where their reality lies. They have drawn a different conclusion. It never even occurred to them to say: “What we have been doing for centuries must now become the salvation of the whole world.” We want everyone to become the way we used to be.”—One could certainly have found a beautiful phrase to describe what has been happening in Russia for centuries, for beautiful phrases can be found for everything; beautiful phrases can be found even when reality is as gruesome as can be. Today, if you pay for it with American money, it costs so-and-so many dollars; then you can reinterpret very, very sweet ideals as ethical ideals. But that’s not what happened in the East; there, a real conclusion was drawn. There, they didn’t say: The world must now adopt what we had. There, they said something else; there, they truly concluded that the conditions weren’t right—and therefore set something in motion, which, admittedly, is still far from what it will one day be. But that doesn’t matter; I don’t want to pass judgment on one side or the other in any way—I just want to point out the great contrast. If you take this contrast into account, you will see a colossal picture of reality unfolding before you: between the West, which swears by everything concerning its past, and the East, which has broken with everything that was its past.

[ 31 ] Wenn Sie das ins Auge fassen, dann sind Sie den realen Ursachen des gegenwärtigen Weltenkonfliktes gar nicht so ferne; und dann werden Sie nicht so fern sein dem, worauf ich vor längerer Zeit auch schon hier aufmerksam gemacht habe: Der Krieg spielt sich eigentlich ab zwischen dem Westen und dem Osten. Was in der Mitte drinnen ist, wird bloß zerrieben, muß bloß, weil der Westen und der Osten nicht einig sind, leiden unter der Uneinigkeit des Westens und des Ostens.

[ 31 ] If you consider this, then you are not so far removed from the real causes of the current global conflict; and then you will not be so far removed from what I pointed out here some time ago: The war is actually taking place between the West and the East. Whatever lies in the middle is simply crushed; simply because the West and the East are not in agreement, it must suffer from the discord between the West and the East.

[ 32 ] Aber will man denn heute auf so etwas Kolossales sein Augenmerk richten? Hat denn dieser März 1917 den Menschen dieses Licht aufgesteckt von dem großen Gegensatz des Westens und des Ostens? Da stand im vorigen Jahre hier auf der Tafel, was dem Westen und dem Osten in der Weltanschauung zugehört! Die Weltgeschichte lehrt es seit dem März dieses Jahres. Und die Menschen müssen lernen und müssen verstehen lernen, sonst werden noch ganz andere schwere Zeiten kommen. Nicht darum handelt es sich, im Abstrakten dieses oder jenes zu wissen, sondern hauptsächlich darum, überall die Forderung zu stellen zur Umkehr, zur Anstrengung, zur Überwindung des bequemen Schlendrians und in einer geistigen Weltauffassung das Richtige zu sehen. Und im geisteswissenschaftlichen Streben müssen Energien gesucht werden, nicht bloß Befriedigung, um zu sagen: Was war das wieder schön; ich bin so recht befriedigt! — und in einem Wolkenkuckucksheim zu schweben, so daß man allmählich einschläft in der Befriedigung über die Harmonie in der Welt und über die allgemeine Menschenliebe. Innerhalb jenes gesellschaftlichen Strebens, dem ja Mrs. Besant vorgestanden hat, hat sich das so recht zum Ausdruck gebracht. Viele von Ihnen werden sich noch erinnern an die vielen Proteste, die ich gegen all das edle Gesäusel vorgebracht habe, das man gerade auf dem Boden der Theosophischen Gesellschaft finden konnte. Hohe Ideale von wunderbarem Gesäusel wurden ja international-liberal verzapft. Allgemeine Brüderlichkeit, allgemeine Menschenliebe: so tönte es überall. Da konnte man nicht mitmachen. Wir suchten wirkliches, konkretes Wissen über die Vorgänge der Welt. Und Sie erinnern sich des Vergleiches, den ich oft gebraucht habe, daß mir dieses Gesäusel von allgemeiner Menschenliebe vorkommt, wie wenn einer einem Ofen, der das Zimmer heizen soll, immerfort zuredet: Lieber Ofen, es ist deine allgemeine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen; also mache das Zimmer warm. — So kamen mir alle männlichen und weiblichen Tanten vor, welche dazumal die Summe der Theosophie in diesem Gesäusel von der allgemeinen Menschenliebe zum Ausdruck brachten. Ich habe dazumal gesagt: Man muß in die Öfen eben Kohlen tun, Holz hineinbringen und es anzünden. Und so muß man, wenn man es mit einer geistigen Bewegung zu tun hat, wirkliche, konkrete Begriffe in diese geistige Bewegung hineinbringen, sonst säuselt man jahrelang von allgemeiner Menschenliebe. Diese «allgemeine Menschenliebe» hat sich ja gerade bei der Führerin der theosophischen Bewegung, bei Mrs. Besant, in holdem Lichte gezeigt.

[ 32 ] But does anyone today even want to focus their attention on something so colossal? Did that March of 1917 really shed light on the great contrast between the West and the East? Last year, this blackboard displayed what belongs to the West and what belongs to the East in terms of worldview! World history has been teaching us this since March of this year. And people must learn and must come to understand; otherwise, even more difficult times will come. It is not a matter of knowing this or that in the abstract, but primarily of demanding everywhere a change of course, an effort, the overcoming of complacent indolence, and seeing what is right within a spiritual worldview. And in the pursuit of spiritual science, one must seek energy, not merely satisfaction, so as to say: “How lovely that was again; I am so truly satisfied!”—and to float in a cloud-cuckoo-land, so that one gradually falls asleep in the satisfaction derived from the harmony of the world and from universal love for humanity. This was particularly evident within that social movement led by Mrs. Besant. Many of you will still recall the numerous protests I raised against all that noble drivel that could be found precisely within the Theosophical Society. Lofty ideals of wondrous drivel were, after all, peddled in an international-liberal vein. Universal brotherhood, universal love of humanity: that was the refrain everywhere. It was impossible to go along with that. We sought real, concrete knowledge about the workings of the world. And you will recall the comparison I often used, that this sweet-sounding talk of universal love of humanity strikes me as if someone were constantly lecturing a stove, which is supposed to heat the room: “Dear stove, it is your universal duty as a stove to warm the room; so warm the room.” — That is how all those male and female “aunts” struck me at the time, who expressed the essence of theosophy in this babbling about universal love of humanity. I said back then: You simply have to put coal in the stoves, bring in wood, and light it. And so, when dealing with a spiritual movement, one must introduce real, concrete concepts into that movement; otherwise, one will go on murmuring about universal love for years on end. This “universal love” was, after all, shown in a particularly charming light by the leader of the Theosophical Movement, Mrs. Besant.

[ 33 ] Natürlich ist es unbequemer, sich auf die Wirklichkeit einzulassen, als im Allgemeinen herumzureden über die Harmonie der Welt, über die Harmonie der einzelnen Seele mit der ganzen Welt, über die Harmonie in der allgemeinen Menschenliebe. Aber Anthroposophie soll nicht da sein, die Menschen einzuschläfern, sondern sie aufzuwecken, richtig aufzuwecken. Wir leben in einer Zeit, die es nötig macht, daß die Menschen erwachen.

[ 33 ] Of course, it is more uncomfortable to engage with reality than to talk in general terms about the harmony of the world, about the harmony of the individual soul with the whole world, and about the harmony found in universal love for humanity. But anthroposophy is not meant to lull people to sleep, but to awaken them—to truly awaken them. We live in a time that demands that people awaken.