Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen
GA 178
11 November 1917, Dornach
6. Über die Psychoanalyse II
[ 1 ] Einen Versuch, Erkenntnisse zu gewinnen auf seelischem Gebiete mit unzulänglichen Erkenntnismitteln — so habe ich gestern dasjenige bezeichnet, was auftritt als analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Es ist vielleicht nichts so sehr als diese Psychoanalyse geeignet, darauf hinzuweisen, wie in unserer Gegenwart alles dazu drängt, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu bekommen, und wie auf der andern Seite aus unterbewußten Vorurteilen heraus die Menschen sich sträuben, in eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der Sachlage einzutreten. Ich habe Ihnen ja gestern wiederum eine solche Sache vorgeführt, aus der Sie sehen können, wie man die grotesken Sprünge, in welche das Denken der modernen Gelehrsamkeit hineinkommt, wenn es sich an seelische Probleme wagt, aufzeigen und wie man solche Sprünge in den Gedankengängen der modernen Gelehrten, ich möchte sagen, abfangen kann. Wir haben darauf hingewiesen, daß einer der besseren Psychoanalytiker, Jung, zu der Einteilung gekommen ist des mehr denkenden und des mehr fühlenden Menschen, daß er von da ausgehend dann beim denkenden Menschen im Unterbewußtsein Gefühlsimpulse vermutet, welche heraufstürmen gegen das im Bewußtsein anwesende Denken und dadurch seelische Konflikte herbeiführen, oder umgekehrt, daß Gedanken, die im Unterbewußten sind, gegen das Gefühlsleben stürmen und seelische Konflikte hervorrufen.
[ 2 ] Nun könnte man sagen: Ja, diese Dinge werden ausgefochten innerhalb der wissenschaftlichen Diskussionen, und man könne abwarten, bis sich die Leute bequemen, die unterbewußten Vorurteile gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu überwinden. Allein, so ganz passiv abzuwarten geht dann schwer, wenn sich solche Dinge nicht bloß auf das theoretische Gebiet begeben, sondern wenn solche Dinge in das Praktische des Lebens, in die Kulturentwickelung eingreifen wollen. Und es will sich ja die Psychoanalyse betätigen auf dem Gebiete der Therapie nicht nur, was vielleicht weniger noch bedenklich wäre, weil sie ja da wohl sich kaum allzuviel zunächst zu unterscheiden scheint — aber ich sage scheint — von manchen andern therapeutischen Methoden; aber sie will sich auch betätigen auf dem Gebiete des pädagogischen Wirkens; sie will gewissermaßen die Grundlage werden eines pädagogischen Wirkens. Und da kommt man denn schon in die Notwendigkeit, auf die Gefahren, die in Viertelswahrheiten liegen, stärker hinzuweisen, als das der Fall ist innerhalb einer bloßen theoretischen Diskussion.
[ 3 ] Nun werden wir aber heute unser Betrachtungstableau weiter ausdehnen müssen, wenn wir wenigstens zunächst — alles mögliche, was auf die Sache bezüglich ist, kann ja nur im Laufe der Zeit besprochen werden —, wenn wir wenigstens zunächst einiges Licht auf den einen oder andern Gesichtspunkt werfen wollen. Zunächst möchte ich darauf aufmerksam machen, daß die Tatsachen, welche der Psychoanalyse vorliegen, in der Tat geeignet wären, auf ein wichtiges spirituelles Gebiet hinzuweisen, das der gegenwärtige Mensch, wenigstens nicht genau, nicht exakt betreten möchte, das er sehr gern in allerlei unterbewußten, nebulosen Regionen lassen will; denn nichts liebt die noch immer selbst auf solchem Gebiete vom Materialismus angekränkelte Betrachtungsweise der Gegenwart mehr, als — gestatten Sie das Paradoxon — ein unklares, mystisches Herumschwimmen in allerlei nicht ausgeführten Begriffen. Man findet ja die groteskeste Mystik, die abstoßendste Mystik gerade innerhalb des Materialismus, wenn Mystik in dem Sinne gebraucht wird, daß man gern in allerlei nebulosen Begriffen herumschwimmt und seine Weltanschauung nicht ausarbeiten will bis zu klaren, scharf konturierten Begriffen. Dasjenige Gebiet, auf welches die Seelentatsachen die Psychoanalytiker drängen, das ist das Gebiet des außerbewußten Verstandeswirkens, Vernunftwirkens. Wie oft habe ich, ich möchte sagen, nur die Dinge heranziehend, nicht ausführlich behandelt — weil das eigentlich für den Geisteswissenschafter selbstverständlich. ist, was dabei zu sagen ist —, wie oft habe ich aber dabei darauf aufmerksam gemacht, daß vernünftige Wirkung, Verstandeswirkung, Klugheit, nicht bloß im menschlichen Bewußtsein vorhanden ist, sondern überall; daß wir umgeben sind von wirksamer Verstandestätigkeit, wie wir umgeben sind von der Luft; also ganz eingesponnen ist der Mensch in wirksame Verstandestätigkeit, und die andern Wesen auch.
[ 4 ] Nun könnten die Tatsachen, die vorliegen, den Psychoanalytiker sehr leicht auf diese Sache verweisen. Ich habe Ihnen gestern den Fall angeführt, den Jung erzählt in seinem Buche «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», der sich auf die Dame bezieht, welche aus einer Abendgesellschaft mit andern Genossen weggeht, vor den Pferden auf der Straße herläuft bis zu einer Brücke, dann von Passanten gerettet wird und wiederum zurückgebracht wird in das Haus, von dem sie gekommen ist, wo ihr dann der Hausherr eine Liebeserklärung macht. — Wenn man sich auf den Standpunkt von Freud oder Adler stellt, braucht man, um solch eine Sache zu erklären, nur zu Hilfe zu nehmen entweder den Liebestrieb oder den Machttrieb. Aber man trifft damit nicht das eigentlich Durchgreifende, das Fundamentale der Sache. Das Fundamentale der Sache trifft man nur, wenn man sich zu der Einsicht entschließt, daß das Bewußtsein nicht die Klugheit, die Gescheitheit, aber auch das Raffinement desjenigen erschöpft, was im Menschen als Verstand wirkt, wenn man die Lebensgesetze nicht beengt durch die Bewußtseinsgrenze. Denken Sie einmal, es kann ja die Frage aufgeworfen werden: Was wollte denn die Dame eigentlich, nachdem sie die Abendgesellschaft mitgemacht hatte, die Freundin glücklicherweise ins Bad abgeschickt worden ist? — Die Dame wollte eine Gelegenheit herbeiführen zu dem, was dann ja auch gekommen ist, mit dem Hausherrn allein zu sein. Ja, nicht wahr, mit alledem, was im Bewußtsein lebt, was man sich gesteht, was man zugibt, ging das ja doch wohl an jenem Abend nicht recht. Es ging nicht. Es wäre nicht anständig gewesen, wie man sagt, nicht wahr. Es handelt sich darum, irgend etwas zustande zu bringen, was man nicht einzugestehen braucht. Und auf die richtige Erklärung gerade dieser Tatsache wird man daher viel mehr kommen, wenn man den in diesem Falle unterbewußt bleibenden raffinierten Verstand der Dame, dessen sie sich nicht bewußt ist, zu Hilfe nimmt. Sie wollte — durch die ganze Abendgesellschaft hindurch — mit dem Hausherrn zusammenkommen; sie wollte das herbeiführen. Wie man, wenn man etwas weniger gescheit ist, in den Mitteln sich vergreift, um es herbeizuführen, wenn man gescheiter ist, es gescheiter einrichtet, um es herbeizuführen, so kann in diesem Falle gesagt werden, in dem gewöhnlichen Bewußtsein der Dame, wo Begriffe von dem, was anständig oder nicht anständig, erlaubt oder nicht erlaubt ist, zum Geständnisse kommen, da ging es nicht, die gehörigen Mittel zu wählen, welche das Zusammensein herbeiführen konnten. Aber in dem, was unter der gewöhnlichen Bewußtseinsschicht lagert, da wirkt der Gedanke: Ich muß mit dem Mann zusammenkommen; die nächste Gelegenheit, die sich mir bietet auf der Straße, muß ich verwenden dazu, um in das Haus zurückzukommen.
[ 5 ] Man kann sagen: Hätte sich nicht die Gelegenheit mit den Pferden geboten, die außerdem noch unterstützt war durch die frühere Assoziation mit dem Pferdeunglück, so hätte sich halt eine andere Gelegenheit gefunden; die Dame hätte nur ohnmächtig zu werden gebraucht. Und man kann mit einer gewissen hypothetischen Sicherheit sagen: sie wäre ganz gewiß ohnmächtig geworden, wenn sich nicht die Gelegenheit mit der heranrückenden Droschke gefunden hätte. Sie wäre auf der Straße ohnmächtig hingefallen, und man hätte sie dann auch in das Haus zurückgebracht. Oder wenn sie nicht ohnmächtig geworden wäre, so hätte sich ein anderes Mittel gefunden. Man kann sagen: Das Unterbewußtsein, das sah hinweg über alle Bedenken, über welche das Oberbewußtsein nicht hinwegsieht. Das Unterbewußtsein stellte sich auf den Standpunkt: Wer den Zweck haben will, muß auch die Mittel wählen, ganz gleichgültig, wie es sich nun gerade mit den Begriffen vom Anstand oder Nichtanstand verhält. Also man wird in einem solchen Falle verwiesen auf das, was Nietzsche, der von solchen Dingen manches geahnt hat, die große Vernunft gegenüber der kleinen Vernunft nennt, die umfassende, die nicht zum Bewußtsein kommt, die unter der Schwelle des Bewußtseins wirkt und durch die die Menschen das Mannigfaltigste tun, das sie sich nicht gestehen in ihrem Bewußtsein. Durch das gewöhnliche Bewußtsein, das äußere Bewußtsein, ist der Mensch im Zusammenhange mit der sinnlichen Welt, aber überhaupt mit der ganzen physischen Welt, also auch mit dem, was in der ganzen physischen Welt lebt. Das sind vor allen Dingen die Begriffe von Anstand, von bürgerlicher Moral und so weiter. Das gehört ja alles zum physischen Plane, mit diesem Bewußtsein ist der Mensch da.
[ 6 ] Im Unterbewußtsein aber hängt der Mensch mit einer ganz andern Welt zusammen, mit derjenigen, von der Jung sagt, die Seele bedürfe ihrer, weil sie einfach im Zusammenhang mit dieser Welt stehe, aber wovon er auch sagt, es sei töricht, nach der Existenz zu fragen. Ja, so ist es eben; sobald die Schwelle des Bewußtseins überschritten wird, ist der Mensch mit seiner Seele nicht in einem bloßen materiellen Zusammenhange drinnen, sondern in einem Zusammenhange, wo Gedanken walten, Gedanken, die sehr raffiniert sein können.
[ 7 ] Nun, Jung sieht ganz recht, wenn er sagt, daß der Mensch der Gegenwart, der sogenannte Kulturmensch der Gegenwart ganz besonders nötig hat, auf solche Dinge aufmerksam zu sein. Denn diese sogenannte Gegenwartskultur hat die Eigentümlichkeit, daß sie zahlreiche Impulse ins Unterbewußtsein hinunterdrängt, die dann aber sich geltend machen in einer solchen Art, daß irrationale Handlungen, wie man sie nennt, daß ein ganz irrationales Verhalten des Menschen zustande kommt. Wenn vom Machttrieb und vom Liebestrieb gesprochen wird, so rührt das nur davon her, weil in dem Augenblick, wo der Mensch mit seiner Seele eintritt in die unterbewußten Regionen, er den Regionen näher kommt, in denen diese Triebe walten. Nicht diese Triebe sind die Ursachen, sondern daß der Mensch mit seiner unterbewußten Vernunft untertaucht in die Regionen, in denen diese Triebe wirksam sind.
[ 8 ] Für irgendeine Angelegenheit, welche sie weniger interessierte als ihr Liebesverhältnis zu dem Manne, würde die Dame sich nicht der Strapaze unterzogen haben, erst ihre unterbewußte Schlauheit walten zu lassen; es bedurfte dazu eben dieses besonderen Interesses. Und daß oftmals das Liebesinteresse da eine Rolle spielt, rührt eben nur davon her, weil das Liebesinteresse ein sehr verbreitetes ist. Aber wenn die Psychoanalytiker mehr ihr Augenmerk verwenden würden auf andere Gebiete, wenn, ich möchte sagen, nicht die psychoanalytischen Sanatorien ins Auge gefaßt würden, wo, wie mir scheint, die Mehrzahl doch noch weibliche Insassen sind — man wirft das ja auch den anthroposophischen Veranstaltungen vor, aber ich glaube, mit mehr Recht könnte man das solchen Anstalten vorwerfen —, wenn man mehr bewandert wäre auf seiten der psychoanalytischen Forscher, mit einem andern Gebiete, was ja auch zum Teil der Fall ist, und es würden mehr Insassen in den Sanatorien sein aus einem andern Gebiete her, so würde man auch vielleicht ein weitergehendes Erkennen erzielen können. Nehmen wir zum Beispiel an, es würde ein Sanatorium eingerichtet werden, in dem man speziell unterbringen würde zur psychiatrischen Behandlung Leute, die nervös oder hysterisch geworden sind beim Börsenspiel. Da würde man mit demselben Rechte, wie von Freud die Liebe eingeführt worden ist in die unterbewußten Regionen, ganz andere Dinge einführen können. Da würde man sehen, mit welcher ausgebreiteten, unterbewußten, raffinierten Vorstellung derjenige arbeitet, der also zum Beispiel Börsenspieler ist. Da würde dann, ich möchte sagen, durch die Ausschließungsmethode die geschlechtliche Liebe keine besondere Rolle spielen können, und man würde doch das Walten des unterbewußten Raffinements, der unterbewußten Schlauheit und so weiter in höchstem Maße studieren können. Auch der Machttrieb würde dann nicht immer dasjenige sein, was man würde aussprechen können, sondern da würden ganz andere 'Triebe noch, die in den unterbewußten Regionen walten, in die man sich einsenkt mit der Seele, wenn man überhaupt in das Unterbewußte kommt, in Frage kommen. Und wenn man ein Sanatorium einrichten würde für hysterisch gewordene Gelehrte, dann würde auch unter dem, was unterbewußt wirkt, wenig gerade auf den Liebestrieb zurückführen können; denn für denjenigen, dem die Tatsachen auf diesem Gebiete hinlänglich bekannt sind, steht fest, daß unter den heutigen Verhältnissen Gelehrte sehr wenig durch die Liebe zu ihrer Wissenschaft getrieben werden, sondern durch ganz andere Triebe, die dann sich zeigen würden, wenn sie psychoanalytisch an die Oberfläche geführt würden. Dasjenige aber, was das Umfassende ist, das ist eben, daß die Seele aus den bewußten Regionen heruntergeführt wird in die unterbewußten Regionen — die nur durch Geistesforschung bewußt werden können — und in denen waltet, was an Trieben im Menschen lebt, ohne daß der Mensch sie dann meistern kann, weil er nur dasjenige meistern kann, was in seinem Bewußtsein ist.
[ 9 ] Wiederum eine recht unbequeme Wahrheit. Denn selbstverständlich muß man ja dann zugeben in noch weit größerem Maße, als das von den Psychoanalytikern zugegeben wird, daß der Mensch in seinen unterbewußten Regionen ein recht schlaues Wesen sein kann, viel schlauer als er in seinem gewöhnlichen Bewußtsein ist. Nun, auch auf diesem Gebiete kann man ja gerade mit der gewöhnlichen Wissenschaft sonderbare Erfahrungen machen. Und ein Kapitel über diese Erfahrungen können Sie lesen in dem zweiten Kapitel, das in meinem neuen Buche «Von Seelenrätseln», das demnächst erscheint, verzeichnet ist, wo ich mich mit dem Kapitel beschäftige, das das akademische Individuum Dessoir in seinem Buche «Vom Jenseits der Seele» über Anthroposophie sich geleistet hat. Dieses zweite Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln» wird auch ein hübscher Beitrag sein können, wenn sich heute denkende Menschen ein Urteil bilden wollen über die Gelehrtenmoral der Gegenwart. Sie werden sehen, wenn Sie dieses Kapitel lesen werden, mit was für Gegnerschaften man es eigentlich zu tun hat. Ich will von den Gesichtspunkten, die dort angegeben sind, nur ein paar erwähnen, die nicht ganz unzusammenhängend mit dem Thema des heutigen Tages sind.
[ 10 ] Dieser Mann findet zum Beispiel allerlei einzuwenden gegen das und jenes und beruft sich immer auf Stellen, die er aus meinen Büchern vorbringt. In einem netten Zusammenhange erzählt er auch, wie ich aufeinanderfolgende Kulturperioden unterscheide: die indische, die urpersische, die chaldäisch-ägyptische, die griechisch-lateinische, und wir leben jetzt in der sechsten, sagt er, nach Steiner.
[ 11 ] Nun, diese Sache weist einen in die Notwendigkeit, schulmeisterlich widerlegen zu müssen; denn es zeigt einem den Weg, auf den man zunächst solch einem Individuum zu Leibe rücken muß. Wie kommt in all seinem sonstigen Unsinnsgestrüppe dieser Max Dessoir dazu, zu sagen, ich hätte behauptet, wir leben jetzt in der sechsten nachatlantischen Kulturperiode? Man kann es leicht nachweisen, wenn man einige Übung in der Handhabung der philologischen Methoden hat. Ich war sechseinhalb Jahre am Weimarischen GoetheArchiv und kenne ein wenig die Handhabung der philologischen Methoden und könnte leicht nachweisen, nach philologischen Methoden, wie Dessoir darauf kommt, diese sechste Kulturperiode jetzt mir zu unterschieben. Nämlich, er hat mein Buch gelesen «Die Geheimwissenschaft im Umriß». In diesem Buche «Die Geheimwissenschaft» steht ein Satz, der bereitet vor die Besprechung der fünften nachatlantischen Kulturperiode, der Gegenwart. Da sage ich, daß sich die Dinge langsam vorbereiten, und in einem Abschnitt sage ich, es haben sich vorbereitet die Dinge, die dann im 14. Jahrhundert, 15. Jahrhundert herausgekommen sind, im 4., 5. und 6. Jahrhundert. Also ich sage: «...im 4., 5. und 6. Jahrhundert...» in einer Zeile, und nach vier oder fünf Zeilen steht, daß dann dieses 6. Jahrhundert die Vorbereitung war für die fünfte nachatlantische Zeit. Dessoir liest so, wie das ihm eigen ist, oberflächlich; er sieht dann, wie das bei manchen Gelehrten üblich ist, rasch die Stelle nach, die er sich mit rotem oder auch anderem Bleistift an den Rand notiert hat, und verwechselt, als er mein Buch «Die Geheimwissenschaft» besprach, dasjenige, was fünf Zeilen später steht, die nachatlantische Kulturperiode mit dem, was über das 4., 5. und 6. Jahrhundert steht, und da sagt er: «sechste Kulturperiode», statt fünfte, weil er den Blick vier Zeilen weiter heraufrückte!
[ 12 ] Also Sie sehen, mit welch grandioser Oberflächlichkeit solch ein Individuum eigentlich arbeitet. Hier haben wir ein Beispiel, wo man direkt philologisch solche Gelehrsamkeit abfangen kann. Solcherlei Fehler durchziehen das ganze Kapitel dieses Machwerkes. Und während Dessoir behauptet, daß er eine ganze Reihe von Schriften von mir studiert hat, könnte ich wiederum philologisch nachweisen, worinnen diese ganze Reihe von Schriften besteht. Er hat nämlich gelesen — und ganz wenig verstanden — «Die Philosophie der Freiheit»; darüber formuliert er einen Satz, der einfacher Unsinn ist. Dann aber hat er gelesen «Die Geheimwissenschaft», so aber gelesen, daß solcherlei Zeug herauskommt, wie ich Ihnen eben charakterisiert habe. Dann hat er noch gelesen die Schrift von der «Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit», die kleine Schrift über «Reinkarnation und Karma» und «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Das ist alles, was er von mir gelesen hat; das kann man nachweisen aus seinem Aufsatze, den er geschrieben hat. Sonst hat er nichts gelesen. Das ist Gelehrtenmoral der Gegenwart! Wichtig ist es, einmal bei einer solchen Sache die Gelehrsamkeit der Gegenwart abzufangen. In diesem Falle liegt diesem Gelehrten aus der Zahl meiner Bücher diese kleine Zahl vor, die ich eben genannt habe, und darauf gründet er nun, außerdem mit einem ganz korrupten Denken, seine ganzen Darstellungen. So aber machen es zahlreiche Gelehrte der Gegenwart überhaupt. Es liegen ihnen, wenn sie zum Beispiel über Tiere sprechen, nicht genügende Unterlagen vor, sondern ungefähr so viel aus dem Leben der Tiere, wie dem Dessoir aus meinen Schriften vorliegt. Man könnte ein hübsches Kapitel formen, wenn man das Unterbewußte bei Max Dessoir ins Auge fassen würde. Allein Dessoir gibt einem selbst Gelegenheit, an einer besonderen Stelle seines Buches auf sein Unterbewußtsein ein wenig Rücksicht zu nehmen. Er erzählt nämlich grosteskerweise, daß es ihm manchmal passiere, wenn er zu einer Versammlung spricht, daß er plötzlich merkt: ohne daß seine Seele dabei ist, wirken die Gedanken fort, dann spricht er noch eine Zeitlang fort, und erst an der Art und Weise, wie sich das Publikum dazu verhält, merkt er, daß seine Gedanken eine andere Richtung genommen haben als seine Aufmerksamkeit. Das erzählt er ganz naiv. Nun denken Sie sich einmal, aus dieser Tatsache redet er dann von allerlei Eigentümlichkeiten des menschlichen Bewußtseins. Ich habe zart darauf hingewiesen, daß Dessoir sich da in einer merkwürdigen Weise enthüllt. Ich habe gesagt, es sei ganz unmöglich, daß er sich selbst meine; es könne nur so sein, daß er in diesem Falle so spricht, wie wenn man sich mit andern ungeschickten Rednern identifiziert und per ich spricht, indem man sich in den andern versetzt; denn es würde eine zu starke Zumutung sein, wenn man ihm selber zumuten wollte, daß er sich da selber charakterisiere. Aber — er charakterisiert sich nämlich selber! Es ist schon so. Nun, wenn man solche Sachen bespricht, muß man manchmal auf sehr merkwürdige Dinge hinweisen. «Die Philosophie der Freiheit» behandelt er nur in einer Anmerkung, indem er einen trivialen Satz daraus formuliert, der zwar Dessoirisch ist, aber nicht von mir stammt. Diese ganze Sache ist toll. Aber er sagt dabei: In Steiners Erstling, «Die Philosophie der Freiheit». Also da ist man wirklich dann genötigt, da «Die Philosophie der Freiheit» nicht mein erstes Buch ist, sondern der Abschluß einer zehnjährigen Schriftstellerarbeit, auf solche Ausgüsse einer akademischen Paranoia, eines akademischen Wahnsinns hinzuweisen bei einer solchen Handhabung der Gelehrtenmoral. Ich weiß selbstverständlich, trotzdem ich in diesem Kapitel gezeigt habe, wie korrupt diese ganze Darstellung ist, daß immer wiederum die Leute kommen werden und sagen werden: Na, der Dessoir hat ja den Steiner widerlegt, und so weiter. Selbstverständlich weiß ich das ganz gut. Ich weiß, daß man heute wie gegen Wände redet, wenn man zu durchbrechen hat dasjenige, was die Menschen ja heute ganz und gar nicht haben, den Autoritätsglauben, denn den haben sie ja abgeschafft!
[ 13 ] Allein gerade dieses Kapitel wird einen Beweis liefern, gegen welche Schwierigkeiten in der gegenwärtigen Kulturströmung Geisteswissenschaft einfach aus dem Grunde anzukämpfen hat, weil sie genötigt ist, auf klare, scharfe Begriffskonturen und konkrete geistige Erlebnisse hinzuweisen. Von Logik zum Beispiel ist bei einem solchen Individuum wie bei Dessoir überhaupt nicht im allerentferntesten die Rede, nicht im allerentferntesten. Und Logik fehlt überhaupt in dem weitesten Umfange in der gegenwärtigen sogenannten wissenschaftlichen Literatur.
[ 14 ] Das sind die Gründe, warum die offizielle Gelehrsamkeit und die offiziellen Geistesrichtungen, selbst wenn sie sich herausarbeiten aus dem Allerinferiorsten, wie es zum Beispiel die Universitätspsychiatrie oder -psychologie ist, nicht in der Lage sind, auf einen grünen Zweig zu kommen, weil sie ermangeln der allerersten Anforderungen: einer wirklichen Betrachtung des Lebens. Solange nicht in weitesten Kreisen eine Überzeugung davon Platz greift, wie weit entfernt von echter Forschung und echtem Wirklichkeitssinn dasjenige ist, was heute als wissenschaftliche Literatur — ich sage nicht als Wissenschaft, sondern als wissenschaftliche Literatur — figuriert und oftmals den Inhalt auch von Universitäts- und namentlich populären Vorträgen bildet, solange nicht in weitesten Kreisen dieser Autoritätsglaube durchbrochen wird, so lange kann auch nicht Heil kommen. Diese Dinge muß man sagen, auch wenn man den größten Respekt hat vor naturwissenschaftlicher Denkweise, wenn man gerade die großen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Denkweise immer wieder und wiederum betont. Daß solche Dinge widerspruchsvoll ins Leben eingreifen, damit muß man sich schon bekanntmachen. Nun, nach dieser Abschweifung möchte ich zum 'Thema zurückkehren. Besonders gravierend findet nämlich Dessoir bei einer Gelegenheit, bei der er sich noch eine Kombination von objektiver Unwahrheit und Verleumdung gestattet, daß ich in dem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» auf ein wichtiges, unterbewußtes Wirken geistiger Impulse hingewiesen habe, indem ich gezeigt habe, daß in dem Kinde, das sich sein Gehirn aufbaut, eine gescheitere Weisheit wirkt als diejenige, die später bewußt wird, wenn das Gehirn aufgebaut ist. Sie kennen dieses Kapitel aus der «Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit». Bei solchen normalen Wirkungen des Unterbewußten müßte eine gesunde Wissenschaft eigentlich einsetzen. Aber es braucht diese Wissenschaft auch noch etwas anderes. Wenn Sie sich die Schrift vornehmen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann finden Sie dort das Geheimnis der Schwelle besprochen. Sie finden dieses Geheimnis der Schwelle so besprochen, daß gezeigt wird, daß nach dem Überschreiten der Schwelle in die geistigen Welten hinein in gewissem Sinne eine Trennung, eine Differenzierung der drei Grundkräfte des Seelenlebens stattfindet: Denken, Fühlen, Wollen. Erinnern Sie sich nur, wie bei der Besprechung des Hüters der Schwelle in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gezeigt ist, wie dasjenige, was im gewöhnlichen Bewußtsein gewissermaßen zusammenwirkt, so daß man es nicht recht trennen kann — Denken, Fühlen, Wollen —, wie das auseinandertritt, jedes selbständig wird, so daß ich sagen kann, wenn ich diese Sache aufzeichnen würde: Wenn hier (Zeichnung S. 160) die Grenze ist zwischen dem gewöhnlichen Bewußtsein und jener Region, in der die Seele lebt als in der geistigen Welt drinnen, so müßte ich Denken, Fühlen und Wollen schematisch so aufzeichnen, daß dies das Gebiet des Wollens wäre (rot), das aber unmittelbar angrenzt an das Gebiet des Fühlens (grün), und wiederum dieses angrenzt an das Gebiet des Denkens unmittelbar (gelb). Hätte ich den Weg zu skizzieren in die geistige Welt hinein nach dem Überschreiten der Schwelle, so müßte ich folgendes schematisieren, folgende schematische Zeichnung anführen: ich müßte zeigen, wie das Denken auf der einen Seite selbständig wird (gelb, rechts); das Fühlen selbständig wird (grün, rechts) und sich trennt von dem Denken; das Wollen selbständig wird (rot, rechts), was ich hier schematisch zeichne. So daß sich Denken, Fühlen und Wollen fächerartig auseinandertrennen.
[ 15 ] Das finden Sie mit Worten dargestellt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Daß nun vor der Schwelle diese drei Tätigkeiten, die da getrennt wirkend aneinandergrenzen, in der richtigen Weise zusammenwirken, nicht in Verwitrrung kommen, das ist bewirkt dadurch, daß gewissermaßen die Schwelle eine gewisse Breite hat, in der unser Ich selber lebt. Und wenn das Ich gesund wirkt, wenn das Ich seine volle seelische Gesundheit hat, dann wird durcheinanderwirkend Denken, Fühlen und Wollen so gehalten, daß sie nicht ineinanderpurzeln, aber sich doch gegenseitig so beeinflussen, indem sie aneinandergrenzen — das ist das wesentliche Geheimnis unseres Ich —, daß Denken, Fühlen, Wollen nebeneinandergehalten werden; so daß sie sich gegenseitig beeinflussen in der richtigen Weise, aber nicht das eine in das andere hineinpurzeln kann. Kommen wir über die Schwelle in die geistige Welt, so können sie nicht ineinander hineinpurzeln, weil sie sich sogar trennen.
[ 16 ] Solch ein Philosoph, wie zum Beispiel Wundt ist, solche Philosophen reden davon, daß man die Seele nicht dreigliedern soll, weil die Seele eine Einheit ist. Da macht Wundt auch alles konfus durcheinander. Aber die Sache ist doch diese, daß in der geistigen Welt Denken, Fühlen und Wollen in dreifacher Weise urständen; in der Seele wirken sie allerdings zu einer Einheit zusammen. Das ist das, worauf man Rücksicht nehmen muß. Und wenn gesagt wird, was vor kürzerer oder längerer Zeit auch einmal gesagt worden sein soll, die Anthroposophie unterscheide eigentlich drei Seelen und es gäbe doch nur eine Seele, daran sehe man schon, daß Anthroposophie keine Begründung habe — so muß man dagegen einwenden: es stört auch nicht die Einheit des Menschen, daß er zwei Hände hat, selbstverständlich.
[ 17 ] Nun aber haben wir hier (siehe Zeichnung Mitte und rechte Seite) das Verhältnis der Seelenkräfte, die im Ich wirken, mit dem Ich zusammen und ihre Wirkungsweise jenseits der Schwelle des Bewußtseins hinein in die geistige Welt. Aber es kann der andere Fall eintreten. Der kann dadurch eintreten, daß das Ich durch irgend etwas geschwächt wird. Dann wird gewissermaßen die Schwelle nach der umgekehrten Seite überschritten, dann schwenkt das Denken ab (siehe Zeichnung, gelb, links) und vermischt sich mit dem Fühlen (grün, links) und vermischt sich mit dem Wollen (rot, links) und Sie haben im Seelischen durcheinander Denken, Fühlen und Wollen; die purzeln ineinander. Das aber tritt dann ein, wenn, sagen wir, das Denken irgendwie der Gefahr ausgesetzt wird, nicht vollständig umfaßt zu werden, sondern sich selbständig geltend macht im Bewußtsein. Und weil das Ich nicht ordentlich wirkt, rutscht das Denken in die Gefühls- oder gar in die Willenssphäre hinein. Statt daß die Dinge nun nebeneinandergehen, Denken, Fühlen und Wollen, ergreift das Denken, ohne daß das Ich seine Tätigkeit entfalten kann, das Fühlen oder gar das Wollen.
[ 18 ] Das geschieht in den Fällen, die geschildert werden von den Psychoanalytikern als hysterische oder nervöse Fälle. Da schwenkt gewissermaßen Denken, Fühlen und Wollen nach der entgegengesetzten Seite ab von jener gesunden Richtung, die in das geistige Gebiet hineinführen würde.
[ 19 ] Wenn man wirkliche Anlage, Begabung zur Prüfung hat, kann man dann die Dinge, ich möchte sagen, handgreiflich sehen, wie sie geschehen. Nehmen Sie die Dame, die am Krankenbett ihres Vaters sitzt, in ihrem starken Ich-Bewußtsein durch viele Nachtwachen herabgedämpft ist — das geringste kann geschehen, so wird ein Gedanke nicht ordentlich neben dem Gefühl einherlaufen, sondern hinunterpurzeln in die Region der Gefühle. Dann aber ist der Gedanke sogleich von den Gefühlswogen ergriffen, die stärker sind als die Wogen des Gedankens; und die Folge davon ist, daß dann in einem solchen Falle der Organismus ergriffen wird von den Gefühlswogen. Von den Gefühlswogen wird nämlich der Organismus in dem Augenblicke ergriffen, in dem das Denken nicht stark genug ist, sich außer den Gefühlen zu halten.
[ 20 ] Das ist eine wichtige Anforderung, daß das Denken des modernen Menschen immer mehr in die Lage kommt, sich außer den Gefühlswogen und den Willenswogen zu halten. Ergreift das Denken im Unterbewußten — hier ist das Überbewußte (siehe Zeichnung, rechts), hier ist das Bewußte (Mitte), hier ist das Unterbewußte (links) —, ergreift das Denken die Gefühlswogen im Unterbewußten, so geschieht etwas Unordentliches im Organismus. Das ist außerordentlich wichtig.
[ 21 ] Nun können Sie sich denken, wie in diesem modernen Leben, wo so vieles an die Menschen herangebracht wird, was sie nicht ordentlich verstehen, was sie nicht weiter durchdringen, wie da die Gedanken fortwährend in die Gefühle hinunterströmen. Aber: nur das Denken ist orientiert auf den physischen Plan; das Fühlen ist nicht mehr bloß auf dem physischen Plane, sondern das Fühlen steht eo ipso im Zusammenhang mit der geistigen Welt. Das Fühlen steht wirklich im Zusammenhang mit all den geistigen Wesen, von denen man als real sprechen muß. So daß der Mensch, wenn er mit unzulänglichen Begriffen untertaucht in sein Gefühlsleben, in Kollisionen kommt mit den Göttern — wenn man so sagen will —, aber auch mit den bösen Göttern. Da kommt er in Kollisionen. Und da treten alle diese Kollisionen auf, die davon herkommen, daß der Mensch mit unzulänglichen Erkenntnismitteln untertaucht. Er muß mit unzulänglichen Begriffen untertauchen, wenn in der Gefühlssphäre viel mehr ist, als in der gewöhnlichen Verstandessphäre. In der Gefühlssphäre kann sich der Mensch nicht emanzipieren von seinem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Wenn er nun in der materialistischen Zeit sich in der Verstandessphäre emanzipiert, so kommt er mit unzulänglichen Begriffen immer in seine Gefühlswelt hinein, und er muß krank werden.
[ 22 ] Was würde daher die einzige Hilfe sein, den Menschen umfänglich gesund zu machen? Ihn wiederum hinzuführen zu solchen Begriffen, die auch die Gefühlssphäre umfassen; das heißt, den modernen Menschen wiederum zu reden von der geistigen Welt, im umfänglichsten Sinne zu reden von der geistigen Welt. Nicht die dem Individuum angepaßten therapeutischen Methoden des Psychoanalytikers kommen dabei in Betracht, sondern die für die Allgemeinheit geltende Geisteswissenschaft. Nimmt man die Begriffe der Geisteswissenschaft wirklich auf — nicht alle nehmen sie ja auf, die sie sich anhören, oder die darüber lesen —, nimmt man sie wirklich auf, dann kommt man nicht in die Möglichkeit, daß sich im Unterbewußten die drei Sphären der Seele — Denken, Fühlen und Wollen — chaotisch durcheinanderwitren, worauf alle Hysterie und alle Nervosität in Wirklichkeit beruht, die innerseelisch ist — und von solchem spricht ja die Psychoanalyse.
[ 23 ] Dazu ist aber allerdings notwendig, daß man den Mut hat, heranzukommen an das konkrete Wirken der geistigen Welten, daß man den Mut hat, anzuerkennen, daß wir in unserer Zeit in einer Krise leben, die wesentlich zusammenhängt mit einer Krise, die wir ja konstatiert haben für das Jahr 1879 und unter deren Nachwehen wir stehen. Ich sagte schon gestern, gewisse Dinge müssen ganz anders betrachtet werden, als sie von der materialistischen Gesinnung unserer Zeit betrachtet werden; und ich wies auf das Beispiel Nietzsche hin: Nietzsche ist 1844 geboren; 1841 begann der Kampf in der geistigen Welt, von dem ich gesprochen habe; drei Jahre lang war Nietzsche darinnen in diesem Kampfe. Richard Wagner hat ihn zunächst nicht mitgemacht; er ist 1813 geboren. Also drei Jahre lebt Nietzsche in der geistigen Welt, nachdem dieser Kampf stattfindet. Da nimmt er all die Impulse auf, die er unter dem Einfluß dieses Kampfes aufnehmen kann in der geistigen Welt; er kommt damit herunter. Nun lese man Nietzsches erste Schriften, wie die Kampfesstimmung sich hineinmischt in seine Schriftstellerei, wie in jedem Satze, ich möchte sagen, eine Nachwirkung desjenigen vorhanden ist, was er in den drei Jahren seines geistigen Aufenthalts, von 1841 bis 1844, erlebt hat. Dadurch bekommen die Nietzscheschen Schriften der ersten Zeit ihre ganz besondere Färbung. Dann aber ist weiter wichtig, ich habe Ihnen ausgeführt: ein sechzehnjähriger Bub war er, als Schopenhauer stirbt; er liest dann Schopenhauers Schriften. Eine reale Beziehung findet statt von Schopenhauers Seele ausgehend in der geistigen Welt in die Seele Nietzsches hinein. Jeden Satz bei Schopenhauer liest Nietzsche so, daß dieser Impuls aus der geistigen Welt in ihn eindringt. Denn Schopenhauer kommt 1860 hinauf in die geistige Welt, als der Kampf oben noch wütet. Was will Schopenhauer? Schopenhauer will unter dem Einfluß dieses Kampfes nicht so sehr seine Schriften als seine Gedanken fortwirkend machen. Nietzsche setzt wirklich die Gedanken Schopenhauers fort, aber er setzt sie auf eine eigentümliche Weise fort. Schopenhauer sieht, als er durch die Pforte des Todes gegangen ist: er hat hier herunten seine Schriften verfaßt in einer Epoche, in der heranrückten die Geister der Finsternis; noch nicht waren sie da; seine Gedanken will er fortgesetzt haben, die Impulse, die daraus entstehen. Also noch, indem er den Kampf der Geister der Finsternis oben in der geistigen Welt gegen die Geister des Lichtes vor sich hat, will er seine Schriften fortgesetzt haben; die Impulse bildet er in Nietzsches Seele hinein, seine Gedanken fortzusetzen. Das, was da aus der geistigen Welt in Nietzsches Seele hineingeht, kontrastiert mit dem, was auf dem physischen Plane im persönlichen Umgange mit Wagner geschieht. So setzt sich Nietzsches Seelenleben zusammen, so setzt sich Nietzsches Schriftstellerlaufbahn zusammen.
[ 24 ] Jetzt rückt das Jahr 1879 heran. Der Kampf, der sich in den geistigen Reichen abgespielt hat, beginnt unten sich abzuspielen, nachdem die Geister der Finsternis gestürzt sind. 1883 geht Wagner hinauf in die geistige Welt. Nietzsche ist durch dieses sein ganzes Karma, in das ich jetzt einbezogen habe sein konkretes Verhältnis zur geistigen Welt, einer gewissen Gefahr ausgesetzt. Er ist der Gefahr ausgesetzt, daß die Geister der Finsternis ihn in ganz besonders schlimme Pfade hineinbringen. Schopenhauer hatte, ich möchte sagen, einen transzendent-egoistischen Grund. Als Seele steht er in der geistigen Welt drinnen, inspiriert Nietzsche, so daß der seine Gedanken fortsetzt. Das ist ein post mortem dauernder transzendent-egoistischer Grund. Das Egoistische muß ja nicht immer böse sein. Aber als Wagner hinaufkommt in die geistige Welt, da sind die Geister der Finsternis schon herunten. Er kommt gewissermaßen in eine ganz andere Atmosphäre hinauf. Er wird — da muß man Dinge aussprechen, die ja paradox sind, aber die doch eben wahr sind —, er wird in einer unegoistischen Weise der Lenker Nietzsches von der geistigen Welt aus. Er läßt nicht seine Gedanken fortsetzen, sondern er läßt Nietzsche in dem Fahrwasser spielen, das für Nietzsche gerade angemessen ist, indem er Nietzsche die Wohltat zukommen läßt, im richtigen Momente geistig umnachtet zu werden; er läßt ihn davor bewahrt sein, in seinem Bewußtsein in gefahrvolle Regionen hineinzukommen. Das schaut natürlich sehr paradox aus, aber das ist zugrunde liegend der unegoistischen Art, wie Richard Wagners Seele auf Nietzsche wirkt aus den reineren Regionen heraus, als zunächst Schopenhauers Seele gewirkt hat, der noch mitten drinnen war in dem Kampf der Geister der Finsternis gegen die Geister des Lichtes drüben in der geistigen Welt. Was Wagner wirklich will für Nietzsche, das ist, so gut es geht, ihn zu bewahren in seinem Karma vor den nun schon auf die Erde herabgekommenen Geistern der Finsternis.
[ 25 ] Und Nietzsche ist bewahrt worden bis zu einem hohen Grade vor diesen Geistern der Finsternis. Denn wer die letzten Schriften Nietzsches in entsprechender Weise auf sich wirken läßt, der wird finden, daß man große Gedanken daraus finden kann, gerade wenn man loslöst die starken Widerstände oder die Dinge, die von den starken Widerständen hergekommen sind. Ich habe mich ja bemüht, in meinem Buche «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit», die großen Gedankenimpulse hinzustellen, abgesondert von alledem, was aus widerstrebenden Impulsen bei Nietzsche gekommen ist.
[ 26 ] Ja, die Welt ist tief, und es ist wirklich etwas Wahres an dem, was Nietzsche selbst gesagt hat: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.» Und man muß nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein die weiten Regionen des geistigen Lebens kritisieren wollen. Die weisheitsvolle Weltenlenkung versteht man nur, wenn man beim Eingehen in das Konkrete der Weltenführung egoistische Gedanken fernzuhalten versteht, wenn man auch tragische Erscheinungen der Weltenentwickelung einzureihen vermag in den weisheitsvollen Gang. Und man kommt auf viele, viele unbequeme Stellen, wenn man die Dinge wirklich durchschauen will.
[ 27 ] Wer solch ein Leben für die Zukunft durchschauen will, wie es das Nietzsches war, der wird gar nicht mehr auskommen können, wenn er nur die Dinge beschreibt, die hier auf der Erde in Nietzsches Umgebung sich zugetragen haben. Die Betrachtung des Lebens wird sich ausdehnen müssen auf die geistige Welt. Und wie mit der Nase wird der Mensch hingewiesen auf die Notwendigkeit der Ausdehnung durch diejenigen Ereignisse, die heute dem Psychoanalytiker vorliegen, und die er nur mit unzulänglichen Erkenntnismitteln meistern will, aber nicht meistern wird. Daher würde die menschliche Gesellschaft in schwierige Situationen hineintreiben, wenn der Psychoanalyse Folge geleistet würde, insbesondere auf pädagogischem Gebiete. Warum?
[ 28 ] Bedenken Sie die Tatsache, daß das Denken herunterrutscht in die Gefühlssphäre. Ja, sobald man mit der Seele in der Gefühlssphäre lebt, lebt man nicht mehr in dem Leben, das durch Geburt und Tod begrenzt ist (a) oder durch Empfängnis und Tod begrenzt ist, sondern da lebt man schon in der ganzen Welt drinnen, welche sich ausdehnt — wenn das der gewöhnliche Lebenslauf ist (siehe Zeichnung), lebt man mit der Gefühlssphäre auch in der Zeit vom letzten Tode bis zu dieser Geburt (b) und mit dem Willen gar in der vorhergehenden Inkarnation (c).
[ 29 ] Denken Sie sich das Verhältnis des Pädagogen, der psychoanalytisch vorgehen will, zu einem Zögling oder zu einem Patienten. Indem er sich heranmacht an seinen Seeleninhalt, der in die Gefühlssphäre hineinrutscht, macht er sich nicht nur an das individuelle Leben des Menschen heran, sondern er macht sich heran an das umfassende Leben, das über das Individuelle weit hinausgeht. Für dieses umfassende Leben liegen aber zwischen den Menschen nicht Zusammenhänge vor, die sich dutch bloße Vorstellungen erschöpfen lassen, sondern die führen hinein in reale Lebenszusammenhänge — das ist sehr wichtig! Denken Sie also, es würde ein solches Verhältnis des psychoanalytischen Erziehers zu dem Zögling stattfinden, so würde das, was sich da abspielt, sich nicht abspielen können bloß auf dem Vorstellungsgebiete, indem man dem Betreffenden etwas beibringt, sondern es würden sich reale karmische Beziehungen anknüpfen müssen, weil man viel mehr in das Leben hineingreift. Man würde gewissermaßen das betreffende Individuum herausteißen aus seinem Karma, würde es in seinem karmischen Verlauf ändern. Das kann nicht gehen, daß man dasjenige, was über das Individuum hinausführt, individuell behandelt, sondern das muß generell, allgemein-menschlich behandelt werden. Wir sind in einer gewissen Zeitepoche zusammengeführt, also muß wirken ein Gemeinsames, sobald man über das Individuelle hinausgeht. Das heißt, es darf nicht gegenübertreten Individuum dem Individuum und das Individuum therapeutisch oder pädagogisch so behandeln, wie es der Psychoanalytiker macht, sondern es muß etwas Allgemeines eintreten. In die Zeitkultur muß etwas hereintreten, was die Seele hinweist auf dasjenige, was sonst unterbewußt bleibt; und das, was heraufzieht, das muß nur Milieu werden, nicht eine Angelegenheit, die sich von Individuum zu Individuum abspielt.
[ 30 ] Hier liegt der große Fehler, der gemacht wird, der von einer ungeheuern Tragweite, von einer riesigen Bedeutung ist. Statt die Bestrebung dahinzuführen, das Geistesleben zu durchdringen mit dem, was Wissen von der geistigen Welt werden kann, wie es in der Gegenwart sein muß, sperrt man diejenigen Seelen, an denen sich zeigt, wie das zurückgestaute Geistesleben krankhaft wirkt, in Sanatorien ein und behandelt einen einzelnen. Das kann niemals zu etwas anderem führen, als daß karmisch verworrene Verhältnisse sich anknüpfen, daß aus dem, was sich vollzieht zwischen den Individuen, nicht herauskommt ein wirkliches Heben des unterbewußten Seeleninhaltes, sondern daß sich karmische Beziehungen zwischen den Behandelnden und dem Behandelten anknüpfen, weil es übergreift in das Individuelle.
[ 31 ] Sie sehen, man kommt in das reale, in das konkrete Leben hinein, mit dem man nicht spielen darf, das man dann erst meistern kann, wenn nichts anderes angestrebt wird als dasjenige, was allgemeinmenschlich ist auf diesem Gebiete. Man muß an den konkreten Beziehungen von Menschen zur geistigen Welt diese Dinge eben lernen. Daher würde es nützlich sein, wenn sich die Menschen darauf einließen, nicht wiederum abstrakt herumzureden, wie es Jung tut, davon, daß der Mensch alles erlebt, was die Menschheit durchgemacht hat, alle möglichen Dämonen; aber er macht sie zu abstrakten Dämonen, nicht zu Wirklichkeiten, indem er gerade sagt, über ihre Existenz zu diskutieren ist eine Dummheit. Er macht sie zu abstrakten Dämonen, zu bloßen Gedankendämonen. Ja, bloße Gedankendämonen könnten niemals einen Menschen krank machen, die können niemals im Unterbewußten sein, sondern die können nur im Bewußtsein sein. Das ist das Wesentliche, daß die Menschen, die sich solchen Theorien hingeben, selber mit so viel unbewußten Vorstellungen arbeiten, daß sie auf das Richtige nicht kommen können. Die Menschen kommen zu Absolutierungen von gewissen Begriffen. Und ich muß immer wieder sagen, da wo die Begriffe anfangen verabsolutiert zu werden, kommt man immer in eine Sackgasse hinein, oder man kommt vor eine Grube, in die man hineinfällt mit seinem Denken.
[ 32 ] Ein Mensch wie Dr. Freud ist genötigt, das Sexualgebiet auszudehnen über das gesamte menschliche Wesen, damit er aus dem Sexualgebiet heraus alles erklären kann, was an solchen Seelenerscheinungen auftritt. Ich sagte zu verschiedenen Menschen, die mit psychoanalytischen Tendenzen an mich herankommen, eine Theorie, eine Weltanschauung muß standhalten können, wenn man sie auf sie selbst anwendet, sonst zerbröckelt sie in nichts. Ich sagte, der einfache logische Trugschluß ist das Muster, wenn man ihn nur konkret genug ausdehnt. Alle Kretenser sind Lügner —, sagt ein Kretenser. Wenn es ein Kretenser sagt und wenn es wahr wäre, müßte es erlogen sein, und dann hebt sich diese Behauptung von selber auf, sie vernichtet sich. Also das geht nicht, daß ein Kretenser sagt: Alle Kretenser sind Lügner — mit der Prätention: der Satz gelte unbedingt. Das ist nur das Muster, das logische Muster für die Verabsolutierung. Aber so muß jede Theorie mit sich selbst behandelt werden können, ohne daß sie zerbröckelt. Behandeln Sie Freud mit Freud, wie er seine unterbewußten Dinge heraufbringt, dann müssen Sie sagen: Die Freudsche Theorie kommt aus dem Sexualleben; sie ist nur ein Ergebnis des Sexuallebens. — Geradeso wie die Behauptung: Alle Kretenser sind Lügner aus einer Lüge stammen müßte beim Kretenser und zerbröckelt, so zerbröckelt die Behauptung von der Universalität des Sexualismus, wenn man sie selbst an der Sache prüft. Und so ist es mit andern Dingen. Allerdings, solch ein Prinzip kann man lange einsehen, ohne es durchgreifend lebensvoll, wirklichkeitssinnig anzuwenden. Aber das gerade wird eine besondere Errungenschaft sein der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, daß sie auch auf sich selbst in dieser Weise angewendet werden kann.
