Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen
GA 178
10 November 1917, Dornach
5. Über die Psychoanalyse I
[ 1 ] Gelegentlich der Vorträge, die ich jetzt in Zürich zu halten habe, trat mir erneut wiederum entgegen, daß man kaum mit dem geistigen Leben dieser Stadt in Berührung kommen kann in weiterem Umfange, ohne daß man den Blick hinlenkt auf dasjenige, was jetzt genannt wird die analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Verschiedene Erwägungen, die sich an dieses Apersu knüpfen, veranlassen mich heute, dasjenige, was ich vorzubringen habe, einzuleiten mit einem kurzen Hinweis auf mancherlei gerade aus der analytischen Psychologie, aus der Psychoanalyse. Wir werden daran dann andere Bemerkungen zu knüpfen haben. Aber wir haben es ja gesehen, wie bedeutungsvoll es doch gerade für den anthroposophisch orientierten Geisteswissenschafter ist, seine Betrachtungen an dasjenige anzuknüpfen, was die Zeit darbietet, was die Zeit bewegt. Man kann sagen, daß sich heute zur Psychoanalyse auch hingezogen fühlen allerlei Leute, welche ernsthaftig suchen nach den geistigen Untergründen des Daseins, nach den seelischen Innerlichkeiten des Menschen, und daß es schon in gewissem Sinne einer Charaktereigentümlichkeit unserer Zeitepoche entspricht, daß eine Reihe unserer Zeitgenossen aufmerksam wird gerade auf ganz bestimmte, eigentümlich geartete Kräfte in der menschlichen Seele. Und zu denjenigen, die einfach heute durch die Impulse der Zeit, ich möchte sagen, mit der Nase gestoßen werden auf gewisse Erscheinungen des Seelenlebens, zu denen gehören die Psychoanalytiker.
[ 2 ] Es ist ganz besonders wichtig auch, nicht ganz unaufmerksam zu sein auf diese Bewegung aus dem Grunde, weil die Ereignisse, auf welche diese Bewegung losgeht, einmal da sind, und weil sie in unserer Zeit — aus verschiedenen Gründen, die wir ja auch noch besprechen können — den Menschen ganz besonders vor das Seelenauge treten. Der Mensch muß heute aufmerksam werden auf dergleichen Erscheinungen.
[ 3 ] Auf der andern Seite liegt das vor, daß die Menschen, die sich mit diesen Dingen befassen, heute die Erkenntnismittel entbehren, diese Dinge zu besprechen, diese Dinge vor allen Dingen zu verstehen. So daß man sagen kann: Psychoanalyse ist in unserer Zeit eine Erscheinung, welche die Menschen nötigt, aufmerksam zu werden auf gewisse Seelenvorgänge; auf der andern Seite aber veranlaßt sie die Menschen, solche Seelenerscheinungen mit, ich möchte sagen, unzulänglichen Erkenntnismitteln zu betrachten. Und das ist ganz besonders bedeutsam, weil diese Betrachtung mit unzulänglichen Erkenntnismitteln einer Sache, die ganz augenscheinlich da ist und die menschliche Erkenntnis in der Gegenwart herausfordert, zu den mannigfaltigsten schweren Verirrungen führt und nicht ungefährlich ist für das soziale Leben, für die Fortentwickelung der Erkenntnis und den Einfluß dieser Fortentwickelung der Erkenntnis auf das soziale Leben.
[ 4 ] Man kann schon sagen: Viertelswahrheiten können unter Umständen schädlicher sein als ganze Irrtümer. Und als eine Art von Viertelswahrheiten müssen schon die Dinge betrachtet werden, welche bei den psychoanalytischen Theoretikern heute zutage treten.
[ 5 ] Wollen wir einmal einiges sozusagen aus dem Forschungsmagazin der Psychoanalytiker uns versuchen vor die Seele zu führen. Ausgegangen ist ja das, was man heute Psychoanalyse nennt, von einem Krankheitsfall, den ein Wiener Arzt, ein Wiener Internist, Dr. Breuer, beobachtet hatte schon in den achtziger Jahren. Dr. Breuer, den ich selbst kannte, war ein außerordentlich feingeistiger Mensch neben dem, daß er Arzt war. Er war interessiert für alle möglichen ästhetischen und allgemein menschlichen Fragen in wirklich hohem Maße. Nun, bei seiner intimen Art, mit der er einging auf Krankheitsfälle, war ihm begreiflicherweise ein Krankheitsfall, den er in den achtziger Jahren hatte, ganz besonders interessant. — Er hatte eine Dame zu behandeln, welche anscheinend unter schweren hysterischen Erscheinungen litt. Diese bestanden darin, daß die Dame eine einseitige Armlähmung hatte zuweilen, daß sie Dämmerzustände hatte, Herabdämmerung des Bewußtseins, Schlaftrunkenheit in sehr bedeutsamer, tiefer Form, und außerdem, daß sie ihre Sprache vergessen hatte, die sie sonst als ihre Umgangssprache hatte. Sie hatte immer deutsch sprechen können, das war auch ihre Sprache; aber sie konnte unter dem Einfluß ihrer hysterischen Krankheit nicht mehr deutsch sprechen, sie konnte nur noch englisch sprechen, verstand nur noch englisch.
[ 6 ] Nun bemerkte Breuer, wenn die Dame in ihrem Dämmerzustande war, dann konnte man sie durch eine intimere ärztliche Behandlung veranlassen, die Rede zu bringen auf eine bestimmte Szene, die sie erlebt hatte, ein sehr schweres Erlebnis. Nun will ich Ihnen aus der Darstellung dieses Falles, die von der Breuerschen Schule gegeben worden ist, anschaulich machen, wie die Dame aus ihrem Dämmerzustand heraus, teilweise auch unter künstlich herbeigeführten Dämmerzuständen — Breuer konnte gut den Menschen in Hypnose versetzen —, veranlaßt wurde, etwas von diesen Erlebnissen zu sagen. Und dadurch bekam man die Vorstellung, daß diese Hysterie, von der sie befallen war, zusammenhing mit einem ganz bestimmten Krankheitsfall, den sie mit ihrem Vater vor langer Zeit durchgemacht hatte. Der Vater war krank, und sie beteiligte sich in ganz wesentlicher Weise an der Krankenpflege und hatte einmal ein Erlebnis bei dieser Krankenpflege. Auf dieses Erlebnis kam sie immer wieder zu sprechen und eine Darstellung, die sie gab bei solcher Gelegenheit, wie ich sie eben charakterisiert habe, ist die folgende: «Einmal wachte sie nachts in großer Angst um den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit entfernt, und Anna (die Patientin) saß am Krankenbett, den rechten Arm über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wach-Träumen und sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen.»
[ 7 ] Dem Menschen der Gegenwart schlägt immer der Materialismus etwas ins Genick; und so finden wir in diesem Krankheitsbericht auch die folgende Bemerkung, auf die nicht weiter etwas zu geben ist: «(Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die das Mädchen schon früher erschrocken war, und die nun das Material der Halluzination abgaben.)» Also das ist nur eine Zwischenbemerkung, auf die Sie mehr oder weniger geben mögen oder nicht; das ist ja gleichgültig. Also die Schlange kam aus der Wand heraus und wollte den Vater beißen — so stellte sie sich vor. «Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über die Stuhllehne hängend, war «eingeschlafen, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit Totenköpfen.» Das war also alles am Krankenbette des Vaters. «Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die Anästhesie und Lähmung derselben in Assoziation mit der Schlangenhalluzination. Als diese verschwunden war, wollte sie in ihrer Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenken und beten konnte.»
[ 8 ] Von diesem Ereignis ist diese ganze Krankheit ausgegangen. Von diesem Ereignisse blieb also eine einseitige Handlähmung, Dämmerzustände und die Unfähigkeit, sich in einer andern als in der englischen Sprache auszudrücken.
[ 9 ] Nun bemerkte Dr. Breuer, daß immer eine Erleichterung des Zustandes dann eintrat, wenn er sie erzählen ließ, und darauf gründete er seinen Heilplan. Er versuchte nach und nach den ganzen Tatbestand herauszubekommen, indem er die Kranke hypnotisierte, und es gelang ihm dadurch wirklich, eine wesentliche Besserung des Zustandes herbeizuführen, so daß die Kranke die Sache gewissermaßen los wurde, indem sie sie von sich gab und einem andern mitteilte.
[ 10 ] Breuer und sein Mitarbeiter, Freud in Wien, die dazumal begreiflicherweise aus der Zeitgeschichte heraus unter dem Einfluß der Charcotschen Schule in Paris standen, hatten es zunächst dem zugeschrieben, was man ein seelisches Trauma, eine seelische Verwundung nennen könnte, «nervous shock», wie es in England genannt wurde. Der seelische Schock sollte also in diesem Erlebnis am Krankenbett bestanden haben und so ähnlich gewirkt haben auf die Seele wie eine physische Verwundung auf den Leib.
[ 11 ] Von vornherein — das muß bemerkt werden — hat Breuer die ganze Sache als eine seelische Krankheit aufgefaßt, hat sie also als eine interne Angelegenheit betrachtet. Er war überzeugt, daß anatomische oder physiologische Veränderungen nicht nachweisbar gewesen wären, also zum Beispiel nicht irgendwie eine Veränderung zugrunde gelegen hätte in jenen Nerven, welche von der Hand nach dem Gehirn gehen oder dergleichen. Davon war er von vornherein überzeugt, daß er es mit einer innerlich psychischen Tatsache zu tun hatte. Man war in den ersten Zeiten geneigt, die Sache so zu betrachten, daß man sich sagte: Solche Dinge können eintreten durch seelische Verwundung, Traumata, Schocks und dergleichen. — Bald aber nahm die Sache dadurch, daß sich insbesondere Dr. Freud damit beschäftigte — mit dessen weiterem Verfolgen der Sache Dr. Breuer keineswegs etwa völlig einverstanden war —, einen etwas andern Charakter an, und zwar dadurch, daß sich Freud sagte: Mit dem seelischen Schock, mit der seelischen Verwundung die Sache zu erklären, geht doch nicht an; man kommt damit nicht aus. — Auch Breuer war davon überzeugt, daß man damit nicht auskomme, wenn man bloß von der seelischen Verwundung spricht. — Ich bemerke in Parenthese, daß Dr. Breuer ein vielbeschäftigter praktischer Arzt war, wissenschaftlich gründlich durchgebildet, ein ausgezeichneter Schüler von Nothnagel war, der nur durch äußere Umstände nicht Professor geworden ist. Man kann, wenn man solche Dinge überhaupt hypothetisch aussprechen will, des Glaubens sein, daß, wenn Breuer eine Professur bekommen hätte und die Sache hätte verfolgen können, während er einer der vielbeschäftigtsten Internisten von Wien war und also wissenschaftlich sich wenig damit befassen konnte, so würde sie vielleicht ganz andere Gestalten bekommen haben! — Nun beschäftigte sich vorzugsweise Dr. Freud mit der Sache. Er sagte sich, mit dem bloßen Trauma, mit der Seelenverwundung kommen wir nicht aus; es handelt sich darum, nachzuforschen, unter welchen Bedingungen eine solche — man kann sie ja so nennen — Seelenverwundung wirkt. Denn nicht wahr, mit Recht sagte man sich: Das Mädchen saß am Krankenbett des Vaters, aber viele Menschen sitzen am Krankenbett, die ganz gewiß ebenso tiefe Eindrücke haben, denen passiert solch eine Sache nicht. — Der unwissenschaftliche Laie ist ja in solch einem Fall sehr bald fertig mit einer außerordentlich tiefsinnigen Erklärung; er sagt: Nun ja, der eine hat die Disposition, der andere hat die Disposition nicht. — Nun also, nicht wahr, sehr tiefsinnig zwar, aber das Albernste, was man aussprechen kann. Denn wenn man die Dinge, die da sind in der Welt, alle als Dispositionen erklärt, so kann man eben leicht Erklärungen für alles finden, denn man braucht dann nur zu sagen: Es ist eben die Disposition zu etwas da.
[ 12 ] Also mit solchen Dingen wollten sich natürlich die Menschen, die immerhin ernsthaft dachten, nicht befassen, und so suchte man nach den Bedingungen der Sache. Auf solche Bedingungen glaubte nun Freud durch Fälle zu kommen, wie etwa der folgende ist. Sie finden unzählige solche Fälle in der Literatur der Psychoanalytiker heute schon verzeichnet, und man kann sagen, daß wirklich ungeheuerstes Material zusammengetragen ist, um auf dies oder jenes auf diesem Gebiete zu kommen. Also ein Fall, den Psychoanalytiker verzeichnen, ist etwa der folgende. Ich will ihn so erzählen, wie er am verständlichsten sein kann. Es handelt sich ja dabei durchaus nicht um eine absolute historische Genauigkeit für uns.
[ 13 ] Eine Dame war mit andern Gästen in einer Abendgesellschaft. In dieser Abendgesellschaft feierte man das Abschiedsfest für die Frau des Hauses, welche nervös geworden war und einen ausländischen Kurort aufsuchen mußte. Sie sollte an dem Abend abreisen. Man feierte das Abschiedsfest. Als man auseinandergegangen war, die Dame des Hauses abgereist war, da ging die Dame, um die es sich handelt, deren Fall eben gerade beschrieben werden soll, mit einigen andern Gästen, die aus dem Souper kamen — wie man sagt —, auf der Straße zusammen, da kam, von hinterrücks her um die Ecke gebogen, in die Straße einbiegend eine Pferdedroschke sehr rasch gefahren. Wie man das in Städten, wenn man nach Hause geht, öfter macht ich weiß nicht, ob Sie diese Erfahrung gemacht haben —, man geht dann nicht auf dem Seitentrottoir, sondern häufig mitten auf der Straße. Als nun der Wagen hinten heransauste, da liefen die Leute, die von dem Souper kamen, nach rechts und links aufs Trottoir. Nur die Dame, um die es sich handelt, die lief nicht aufs Trottoir, sondern lief vor dem Wagen fort, vor den Pferden davon auf der Straße weiter, und sie war trotz des Fluchens und Schimpfens des Kutschers — Kutscher tun dies in diesem Falle — nicht davon abzubringen, vor dem Wagen herzusausen. So lange rannte sie vor dem Wagen her, trotz des Knallens mit der Peitsche, bis sie an eine Brücke kam, und da wollte sie sich ins Wasser stürzen, aus Furcht, überfahren zu werden. Sie wurde von Passanten gerettet, zu ihrer Gesellschaft zurückgebracht und wurde auf diese Weise vor einem großen Unfall bewahrt.
[ 14 ] Nun, diese Erscheinung hängt natürlich zusammen mit dem ganzen Befinden der betreffenden Dame. Es ist eine ausgesprochen hysterische Sache, wenn man vor den Pferden davonläuft, statt aufs Trottoir abzubiegen. Nun handelte es sich darum, nach den Ursachen einer solchen Angelegenheit zu forschen. Da kam Freud zunächst darauf, weil er in diesem Falle wie in andern Fällen bestrebt war, gewisse Teile der Ursachen im rückgelegenen Leben zu suchen, also in dem Leben, welches der Betreffende als Kind oder überhaupt früher durchgemacht hatte. Wenn da etwas aufgetreten ist, was gewissermaßen seelisch nicht ganz verarbeitet ist, so kann es eine Impulsanlage zurücklassen, und die kann dann später ausgelöst werden durch irgendwelche schockierenden Ereignisse.
[ 15 ] In der Tat fand sich auch leicht ein solches Erlebnis in der Kindheit der betreffenden Dame. Sie war als Kind in einer Kutsche gefahren und da passierte es, daß die Pferde scheu wurden und durchgingen und gerade losstürmten auf das Ufer des Flusses. Der Kutscher sprang ab, forderte auch das Kind auf, abzuspringen ; im letzten Augenblicke sprang es noch ab, der Wagen mit den Pferden sauste in den Fluß hinein, und die Pferde waren mit dem Wagen zugrunde gegangen. Also das schockierende Ereignis war da. Eine gewisse Assoziation zwischen Pferd und Pferd war auch wiederum da. Im Augenblicke, wo die Dame ihre Gefahr den Pferden gegenüber sah, verlor sie den Halt, das Bewußtsein, und rannte vor dem Wagen her, statt auszuweichen, unter dem Einfluß, der Nachwirkung des infantilen Erlebnisses. Aber wiederum, Sie können daraus sehen, daß bei den Psychoanalytikern schon eine wissenschaftliche Methodik zu finden ist, so wie man heute Wissenschaft treibt, das haben die Psychoanalytiker schon — aber nicht wahr, es gibt natürlich sehr viele Menschen, denen in der Jugend so etwas passiert und die dennoch nicht dasselbe machen werden, davonlaufen vor den Pferden, wenn auch Pferd mit Pferd sich assoziiert. Also es muß zu der einen Sache noch etwas hinzukommen, wenn eine solche Veranlagung eintreten soll, daß man vor Pferden davonläuft, statt auszuweichen.
[ 16 ] Da forschte Freud weiter nach. Und in der Tat, es fand sich gerade in diesem Fall ein sehr interessanter Zusammenhang. Dieser Zusammenhang bestand in folgendem: die betreffende Dame, die also vor den Pferden davongerannt war, war in Verlobung stehend mit einem Herrn. Aber sie liebte zwei; den Herrn, mit dem sie in Verlobung stand — sie war vollkommen überzeugt, daß sie den mehr liebte als den andern —, aber sie liebte auch den andern. Darüber war sie sich nicht ganz klar, aber so halb und halb. Der andere aber, das war der Mann ihrer besten Freundin, und diese Freundin war die Hausfrau, deren Abschiedssouper gefeiert worden war an jenem Abend. Also die Hausfrau, die etwas nervös war, reiste ab; die Freundin war mit beim Abschiedssouper, war weggegangen mit den andern Gästen, rannte vor den Pferden davon, und als man nachforschte, erfuhr man, daß allerdings früher bedeutungsvolle Zusammenhänge zwischen dem andern Herrn, also dem Mann ihrer besten Freundin, und dieser Dame bestanden haben. Das Liebesverhältnis hatte immerhin einige, nun, sagen wir, einige Dimensionen angenommen. Und nun hingen diese Dimensionen auch sogar etwas zusammen mit der Nervosität der Freundin, wie Sie sich ja auch denken können. Kurz und gut, also nichts ahnend — nach ihrer eigenen Meinung — ging diese Dame mit den übrigen Gästen weg, rannte auf der Straße vor den Pferden davon, wurde gerettet, die Gäste brachten sie zurück, es war unter den gegebenen Verhältnissen das Selbstverständliche, in das Haus, woher sie eben gekommen waren, wo sie das Abschiedssouper gegessen hatten. Und nun forschte der Arzt dem ganzen Krankheitsfall nach. Er brachte es in der Tat dahin, daß ihm die Dame die Sache erzählte. Aber hier stockte sie, und nur mit Mühe konnte er sie veranlassen, den weiteren Fortgang zu erzählen. Da kam denn heraus, daß in der Tat — wir wissen ja, eben war die Frau abgefahren, der Mann war allein zu Hause — der Mann in dieser Situation, nachdem sie wieder zu sich gekommen und normal war, ihr eine Liebeserklärung gemacht hat. Also sehen Sie, eine sehr merkwürdige Sache.
[ 17 ] Andern Fällen ähnlicher Art ist nun Dr. Freud nachgegangen und nach seinen Forschungen hat sich ihm ergeben, daß solche Dinge immer nur dann eintreten, wenn irgendwie eine Liebe im Spiel ist, wenn irgend etwas von Liebe dabei im Spiel ist, wenn dabei irgend etwas unter der Decke des Bewußtseins schlummert von irgendwelchen Liebesdingen. Freud war zu der Überzeugung gekommen, wenn man bei solchen Hysterischen, welche, wie man früher geglaubt hat, durch seelische Verwundungen in ihre Lage gekommen sind, wenn man in ihrem Leben nachforscht, kann man finden, mögen was immer für Verhältnisse vorliegen, es können mancherlei Konstellationen da sein, aber von irgendeiner Seite her muß die Liebe ihr Spiel treiben. Wohlgemerkt, es braucht eben, und das sind die charakteristischsten Fälle, die bedeutungsvollsten, es braucht diese Liebesgeschichte dem betreffenden Patienten durchaus nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein.
[ 18 ] Nun, so war dasjenige fertig, was Freud seine Neurosetheotrie, seine Sexualtheorie nannte. Er fand in allen solchen Fällen, daß das Sexuelle in die Sache hineinspielt. Sehen Sie, diese Dinge sind natürlich außerordentlich verführerisch. Erstens besteht in der Gegenwart überhaupt die Neigung, überall, wo man irgend etwas Menschliches erklären will, das Sexuelle zu Hilfe zu rufen. Daher braucht es uns nicht zu verwundern, daß ein Arzt, der in so und so vielen Fällen bei hysterischen Krankheitsformen die Liebe mit im Spiel findet, eine solche Theorie aufstellt.
[ 19 ] Auf der andern Seite ist gerade dies der Punkt, wo, weil die analytische Psychologie ein Erkenntnisversuch ist mit unzulänglichen Mitteln, die denkbar größtmögliche Gefahr beginnt. Deshalb wird die Sache so gefährlich, weil, ich möchte sagen, diese Erkenntnissehnsucht so ungeheuer verführerisch ist; verführerisch durch die Zeitumstände, dann aber auch dadurch, daß wirklich immer nachweisbar das sexuelle Verhältnis irgendeine Rolle spielt. Nun, der Psychoanalytiker Jung, der das Buch geschrieben hat «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», Professor Jung in Zürich ist nun nicht der Meinung, daß man auskomme mit der Freudschen Sexualtheorie, Neurosetheorie, sondern er ist einer andern Meinung.
[ 20 ] Jung hat bemerkt, daß Freud auch seine Gegner hat. Unter diesen Gegnern Freuds ist auch ein gewisser Adler. Dieser Adler steht auf einem ganz andern Standpunkte. Wie Freud eine große Anzahl von Fällen geprüft hat — Sie können das alles bei Jung in seinem Buche nachlesen — und überall das Sexuelle hineinspielen gesehen hat und daher die Induktion, den Schluß gezogen hat: Also ist eigentlich das Sexuelle die auslösende Ursache —, so hat sich Adler eine andere Seite der Sache besonders angesehen und hat gefunden, daß diese andere Seite wesentlich wichtiger sei als diejenige, die Freud in den Vordergrund gestellt hat. Adler — ich will im allgemeinen nur charakterisieren — fand, daß, ebenso wie das Sexuelle im Menschen eine sehr dominierende Rolle spielt, noch ein anderer Trieb eine sehr dominierende Rolle spielt, das ist der Trieb: Macht zu bekommen über seine Umgebung, der Machttrieb. Wille zur Macht sollte ja bei Nietzsche sogar ein philosophisches Prinzip sein. Und man kann, geradeso wie Freud das Sexuelle zur 'Theorie gemacht hat, auch für den Machttrieb unzählige Fälle zusammenstellen. Man braucht nur Hysterische einmal zu analysieren, die Fälle sind gar nicht so selten. Nehmen Sie an, eine Dame sei hysterisch; sie bekommt Krämpfe — besonders Herzkrämpfe sind in einem solchen Falle sehr beliebt — und alle möglichen Zustände. Das Haus wird in Bewegung gesetzt, die ganze Umgebung, alles Mögliche; die Ärzte werden herbeigeschafft, die Kranke wird ungeheuer bedauert. Kurz, sie übt eine tyrannische Macht über die Umgebung aus. Ein vernünftiger Mensch weiß in einem solchen Fall, daß einem solchen Menschen meist gar nichts fehlt in Wirklichkeit, obwohl sie durchaus ihres krankhaften Zustandes sich bewüßt sind und darunter leiden. Aber es fehlt ihnen in Wirklichkeit nichts, sie sind eigentlich gesund, und sind auch krank, wenn Sie wollen. Man kann sie für gesund und als krank auffassen. Sie fallen gewiß hin, indem sie ohnmächtig werden im Herzkrampf; aber sie fallen in der Regel auf den Teppich, und nicht daneben! Man kann diese Dinge sehr gut beobachten.
[ 21 ] Dieses nun, was ins Unbewußte hinunterdrängt, was Machttrieb ist, das führt insbesondere leicht zu hysterischen Zuständen. Adler hat vorzugsweise versucht, die Fälle, die ihm zu Gebote standen, nun nach diesem Machttrieb zu untersuchen, hat wiederum gefunden, daß überall, wo hysterische Fälle auftreten, irgendwie etwas nachgewiesen werden kann, daß der Machttrieb in irgendeiner Weise aufgestachelt worden ist und ins Krankhafte verzerrt worden ist. Jung sagt sich: Nun ja, schließlich kann man dem Adler nicht Unrecht geben; das, was er beobachtet hat, ist da. Man kann dem Freud nicht Unrecht geben; das, was er beobachtet hat, ist da. Also wird es halt mal so, mal so sein.
[ 22 ] Das ist auch ganz vernünftig, es wird schon bald so, bald so sein. Aber nun baut Jung eine besondere Theorie darauf auf. Diese Theorie ist nicht uninteressant, wenn man sie nicht bloß abstrakt als Theorie nimmt, sondern wenn man sie so betrachtet, daß man in ihr zugleich ein Wirken von Zeitimpulsen sieht, von dem, was in die Zeit hereinspielt, namentlich von dem Erkenntnisohnmächtigen, möchte ich sagen, unserer Zeit, von den Erkenntnisunzulänglichkeiten. Jung sagt: Es gibt überhaupt zwei Menschentypen, zweierlei Menschen. Bei dem einen Menschentypus ist mehr das Fühlen ausgebildet, bei dem andern mehr das Denken. |
[ 23 ] Nun, es hat also wiederum einmal ein großer Gelehrter eine epochemachende Entdeckung gemacht, die eigentlich jeder vernünftige Mensch in seiner nächsten Umgebung als auf der Straße liegend immer machen kann; denn daß man die Menschen in Gefühlsmenschen und in Gedankenmenschen einteilen kann, liegt ja so ziemlich auf der Hand. Aber Gelehrsamkeit hat noch eine andere Aufgabe; sie muß die Dinge nicht so laienhaft betrachten, dadurch, daß sie etwa sagt: Unter den Menschen unserer Umgebung sind zwei Typen, Gefühlsmenschen und Verstandesmenschen —, sondern Gelehrsamkeit muß etwas anderes noch machen. Gelehrsamkeit sagt in einem solchen Falle, der, der sich einfühlt, begibt sich gewissermaßen aus sich selbst heraus zur Objektivität; der andere zieht sich gewissermaßen vom Objekt zurück oder hält davor an und denkt darüber. Der erste heißt der extravertierte Typus, der andere heißt der introvertierte Typus. Der erste wäre also der Gefühlsmensch, der zweite der Verstandesmensch. Also nicht wahr, es ist eine gelehrte Einteilung gemacht, scharfsinnig, geistreich, wirklich entsprechend bis zu einem gewissen Grade, das ist nicht abzuleugnen.
[ 24 ] Nun sagt Jung weiter: Beim extravertierten Typus — also demjenigen, wo der Mensch vorzugsweise in Gefühlen lebt —, bei dem bleiben sehr häufig die Verstandesbegriffe im Unterbewußten stecken; er lebt in Gefühlen, aber im Unterbewußten bleiben die Verstandesbegriffe stecken. Und jetzt kommt er in Kollision mit dem, was er in seinem Bewußtsein hat, und dem, was da unten im Unterbewußten herumwimmelt als Verstandesbegriffe. Aus dieser Kollision können allerlei Zustände herkommen. Diese Zustände werden vorzugsweise bei solchen Menschen eintreten, welche gefühlsmäßige Anlagen haben.
[ 25 ] Dagegen bei den andern, die mehr sich mit dem Geist beschäftigen, bei den Verstandesmenschen, bleiben die Gefühle im Untergrunde und drängen im Unterbewußten, wimmeln im Unterbewußten und kommen in Kollision mit dem bewußten Leben. Das bewußte Leben kann sich nicht erklären, was da eigentlich an es heranschlägt. Es sind die unterbewußten Gefühle. Und aus dem Umstande, daß der Mensch eigentlich nie vollständig ist, sondern einmal der Typus, einmal jener Typus ist, können solche Zustände entstehen, daß das Unterbewußte revoltiert gegen das Bewußte. Und das kann eben sehr häufig zu hysterischen Zuständen führen.
[ 26 ] Nun, nicht wahr, man kann sagen, die Theorie Jungs ist ja eigentlich nichts als eine Umschreibung, wie gesagt des trivialen Urteils von dem Gefühlsmenschen und dem Verstandesmenschen, und es ist keine besondere Vertiefung des Tatbestandes. Aber aus alledem müssen Sie ersehen, daß immerhin die Menschen der Gegenwart aufmerksam werden auf allerlei seelische Eigentümlichkeiten, daß ihnen diese seelischen Eigentümlichkeiten vor das Geistesauge treten und sie sich damit befassen, daß sie fragen: Was geht vor in einem Menschen, in dem solche Dinge auftreten? — Immerhin, die Leute sind so weit, sich zu sagen: Physiologische, anatomische Veränderungen sind es nicht. — Über den bloßen Materialismus sind die Leute doch hinaus; den bloßen Materialismus geben sie nicht zu; sie reden vom Seelischen. Also immerhin sicher ein Weg, auf dem die Leute suchen, aus dem bloßen Materialismus herauszukommen und das Seelische ins Auge zu fassen.
[ 27 ] Nun ist es aber höchst eigentümlich, wie, wenn man näher zusieht, die Erkenntnisunzulänglichkeiten eigentümlich wirken, wie wirklich der Erkenntnisversuch mit unzulänglichen Mitteln die Leute in merkwürdige Bahnen hineinführt. Nur muß ich ausdrücklich bemerken, die Menschen sehen nicht, in was sie hineingetrieben werden, und ihre Anhänger und Leser und Zeitgenossen sehen es auch nicht. Die Sache wird, wenn man sie richtig betrachtet, wirklich eine sehr gefährliche Seite haben, weil so vieles nicht gesehen wird dabei, also selbst im Unterbewußten rumort bei den Leuten. Es ist ganz eigentümlich, die Theorien selbst rumoren im Unterbewußten. Die Leute stellen eine Theorie über das Unterbewußte auf, aber sie rumoren selber mit ihrer Theorie im Unterbewußten.
[ 28 ] Jung betreibt die Sache als Arzt, und das ist ja im Grunde bedeutsam, daß man die Patienten seelisch-therapeutisch behandelt von diesem Gesichtspunkte aus. Zahlreiche Menschen arbeiten daran, die Sache überzuführen in die Pädagogik, sie pädagogisch anzuwenden. Also wir sehen schon, wir stehen hier nicht vor einer eingeschränkten Theorie, sondern vor dem Versuche, etwas zu einer Kulturerscheinung zu machen. Es ist sehr interessant, wie also jemand, der als Arzt die Sache behandelt wie Jung, wie der, indem er allerlei Fälle wiederum beobachtete, behandelte auch, sogar scheinbar auch wirklich kurierte, wie der immer weiter und weiter getrieben wird. Und so wird Jung zu folgendem getrieben. Er sagt sich: Man muß also, wenn man solche abnormen Erscheinungen im Seelenleben eines Menschen findet, in diesem Seelenleben des Menschen weitersuchen, vor allen Dingen suchen, inwiefern infantile, kindliche Ereignisse auf das Seelenleben des Menschen einen Eindruck gemacht haben und nachwirken. — Das ist ja etwas, was man insbesondere auf diesem Gebiete sucht: infantile Nachwirkungen, Nachwirkungen aus der Kindheitszeit. Ich habe Ihnen ja das Beispiel angeführt, das in der psychoanalytischen Literatur eine große Rolle spielt.
[ 29 ] Nun kommt aber Jung darauf, daß bei den wirklichen Krankheitsfällen sehr zahlreich diejenigen sind, wo es sich nicht nachweisen läßt, daß der Mensch als Individuum irgend etwas hat, wenn man auch bis in die früheste Kindheit zurückgeht. Wenn man alles, mit dem der Mensch in Berührung gekommen ist, ins Auge faßt — man findet den Konflikt im Individuum Mensch, das man vor sich hat, nicht, woraus sich die Sache erklären ließe. Dadurch kommt Jung zu einer Unterscheidung von zwei Unbewußten: erstens das individuelle Unbewußte, das also im Menschen drinnensteckt, wenn auch nicht im Bewußtsein. Nicht wahr, wenn die junge Dame in der Kindheit aus dem Wagen gesprungen ist und einen Schock bekommen hat, so ist das längst entschwunden, ist nicht mehr im Bewußtsein, sondern es wirkt unterbewußt. Wenn man nun dieses Unbewußte nimmt — der Mensch hat unzähliges Unbewußte in sich —, so bekommt man das persönliche oder individuelle Unbewußte. Das ist das erste, was Jung unterscheidet.
[ 30 ] ‚Das zweite ist aber das überpersönliche Unbewußte. Er sagt: Es sind auch solche Dinge, die ins Seelenleben hereinspielen, die nicht in der Persönlichkeit sind, die aber auch nicht im Materiellen draußen in der Welt sind, die also angenommen werden müssen als in einer seelischen Welt vorhanden.
[ 31 ] Nun geht doch die Psychoanalyse darauf hinaus, solche Seeleninhalte zum Bewußtsein zu bringen. Das soll ja gerade die Therapie, die Heilmethode sein: die Sache zum Bewußtsein zu bringen. Also muß der Arzt darauf ausgehen, nicht nur das aus dem Kranken herauszuforschen, was der Kranke individuell erlebt hat, sondern auch allerlei anderes, was er gar nicht individuell erlebt hat, was auch draußen in der Welt nicht war, sondern seelischer Inhalt ist. Dabei kommen ja die Psychoanalytiker darauf, daß sie sagen: Eigentlich hat der Mensch nicht nur das erlebt, was er selbst seit seiner physischen Geburt erlebte, sondern von seiner physischen Geburt an weiter zurück alles Mögliche. Und das rumort jetzt in ihm. Ein Mensch, der heute geboren wird, erlebt also auch unterbewußt zum Beispiel die Sage von Ödipus. Nicht bloß lernt er die Sage von Ödipus in der Schule, diese Sage erlebt er. Er erlebt die griechischen Götter; er erlebt die ganze Vergangenheit der Menschheit mit. Und das Schlimme besteht gerade darinnen, daß der Mensch dieses alles nun erlebt, aber es will nicht herauf ins Bewußtsein. Der Psychoanalytiker muß sich also sagen — und bis zu diesem Grade geht er sogar: Das griechische Kind erlebte das auch; aber dem Griechen, dem erzählte man das; der erlebte es also auch im Bewußtsein. Der heutige Mensch, der erlebt es auch, aber es rumort in ihm — bei dem extravertierten Menschen in unterbewußten Gedanken, bei dem introvertierten als unterbewußte Gefühle. Das rumort in den Menschen drinnen; das rumort wie Dämonen.
[ 32 ] Nun denken Sie sich, vor welcher Notwendigkeit eigentlich der Psychoanalytiker steht, wenn er seiner Theorie treu ist! Er stünde eigentlich vor der Notwendigkeit, diese Dinge ernst zu nehmen und einfach zu sagen: Nun ja, wenn heute ein Mensch aufwächst, und das ihn gerade zur Krankheit führen kann, daß er eine Beziehung hat zu dem, was in ihm rumort, und er doch nichts weiß von dieser Beziehung, so muß man ihm eben diese Beziehung bewußt machen, so muß man ihm gerade erklären, daß es eine geistige Welt gibt, daß es darin Götter gibt, daß es verschiedene Götter gibt. Denn so weit kommt sogar der Psychoanalytiker, daß er sagt: Die menschliche Seele hat ihre Beziehung zu den Göttern; aber es liegt eine Krankheitsursache darinnen, daß sie nichts weiß von diesen Beziehungen. Alle möglichen Auskunftsmittel sucht der Psychoanalytiker. Aber diese Auskunftsmittel sind manchmal grotesk. — Nehmen wir an, ein hysterischer Kranker kommt und zeigt diese oder jene hysterische Erscheinung, weil er Furcht hat vor einem Dämon, sagen wir einem Feuerdämon. Frühere Menschen haben an Feuerdämonen geglaubt, haben von Feuerdämonen auch Anschauungen gehabt, haben gewußt davon. Die jetzigen haben auch Beziehungen zu Feuerdämonen das gibt der Psychoanalytiker zu —, aber die Beziehungen sind nicht bewußt, und man erklärt es den Menschen auch nicht, daß es Feuerdämonen gibt. Also führt das zur Krankheitsursache. Jung versteigt sich sogar so weit, daß er sagt: Die Götter, zu denen man Beziehungen hat, aber von deren Beziehungen man nichts weiß, die rächen sich, die zürnen, die rächen sich; und es kommt die Rache als Hysterie zum Vorschein. — Schön. Er sagt also, solch ein heutiger Mensch, der nun malträtiert wird in seinem Unterbewußten von einem Dämon, er weiß nicht, daß es im Feuer Dämonen gibt; ein Feuerdämon quält ihn, aber er kann keine Beziehung zu ihm kriegen, denn — das ist Aberglaube! Das geht nicht. Was tut denn solch ein armer moderner Mensch, der über der Sache krank wird? Er projiziert die Sache nach außen, das heißt, er sucht sich irgendeinen Freund auf, den er vorher ganz gern gehabt hat oder dergleichen, und sagt: Der ist es, der verfolgt mich, der schimpft über mich. — Er fühlt sich von ihm verfolgt und so weiter. Das heißt, der betreffende Kranke hat einen Dämon, der ihn quälte, in einen andern Menschen hineinprojiziert.
[ 33 ] Oftmals besteht die Therapie, die die Psychoanalytiker anwenden, darinnen, daß sie die Sache ablenken auf sich. Da kommt es sehr häufig vor, daß — in gutem und in bösem Sinne — die Patienten den Arzt zum Gott oder zum Teufel machen.
[ 34 ] Sie sehen die außerordentlich interessante Tatsache, daß der Arzt der Gegenwart gedrängt wird, sich zu sagen: Die Menschen sind von Geistern gequält, und weil man ihnen von Geistern keine Lehre gibt, weil sie keine Lehre aufnehmen, also in ihrem Bewußtsein nichts davon aufnehmen, so werden sie zu Quälgeistern untereinander, projizieren ihre Dämonen nach außen, reden einander allerlei dämonisches Zeug auf und so weiter. — Und wie radikal verhängnisvoll der Psychoanalytiker das ansieht, das mag Ihnen daraus hervorgehen, daß Jung folgenden interessanten Fall anführt. Er sagt, gewisse seiner Kollegen sagen, wenn nun einer solche Seelenenergien in sich hat, die von solchen Quälereien kommen, so müsse man sie ableiten auf etwas. Also nehmen wir an, gehen wir wieder zurück auf Elementarfälle der Psychoanalyse: Eine Patientin kommt; ihre Krankheit rührt davon her, wie man nach dem Abhören der psychoanalytischen Beichte findet, daß sie in früherer Zeit in jemand verliebt war, den sie nicht gekriegt hat, und das ist ihr geblieben. Es könnte auch ein Dämon sein, der sie quält; aber in den meisten Fällen, die die Ärzte beobachten, ist es so, daß irgend etwas sich ereignet hat in dem individuellen Unterbewußten, das sie unterscheiden von dem überindividuellen Unterbewußten. Und da versucht der Arzt abzuleiten, indem er das, was unausgegorene Phantasie ist, ableiten, überleiten will. Also er sagt: Wenn eine liebebedürftige Seele da ist, die den «Ihren» nicht gekriegt hat, müsse sie diese Liebesmenge, die sie da nicht anwenden könne, in Samariterdienste wenden, sie müsse diesen oder jenen Wohltätigkeitsveranstaltungen vorstehen und so weiter. — Na, es kann das recht gut gemeint sein; aber Jung sagt selber, es läßt sich nicht immer diese Energie so ableiten. Selbstverständlich, der gelehrte Herr muß wiederum ein bißchen eine Auskunft haben; deshalb sagt er, die Energien, die auf solche Weise in der Seele sitzen, haben ein gewisses Gefälle; das kann man nicht immer dirigieren. Nun, ich habe gar nichts gegen diese Ausdrücke, ich möchte nur hervorheben, daß es nur, nicht wahr, durchaus nichts anderes ist als eine Umsetzung desjenigen, was der Laie sehr häufig bespricht, aber natürlich so, wie er sich ausdrückt. Aber Jung erzählt nun einen Fall, der sehr interessant ist, der gut ausdrückt, wie dieses Gefälle eben nicht dirigiert werden kann.
[ 35 ] Ein Mann, Amerikaner, typischer Mensch der Gegenwart, Selfmademan, hat sich zum tüchtigen Führer und Leiter eines Geschäftes gemacht, hat mit Riesenkraft diesem Geschäft sich gewidmet, großen Erfolg gehabt, große Einkünfte auch und denkt nun: Demnächst werde ich fünfundvierzig Jahre alt, nun habe ich mich geplagt genug in meinem Leben, jetzt werde ich mir auch einmal Ruhe gönnen. Und er kauft sich einen Landsitz mit Autos und Tennisplätzen und allem, was dazu gehört. Er dachte also, mit fünfundvierzig Jahren sein Geschäft zu verlassen und da hinaus auf den Landsitz zu ziehen und da zu leben, bloß die Tantiemen zu beziehen von dem Geschäft. Aber siehe da, als er auf seinem Landsitz eine Zeitlang war, spielte er nicht Tennis, fuhr nicht Auto, ging nicht in die Theater, hatte keine Freude an den Blumen, die angelegt waren, sondern setzte sich einsam in sein Zimmer und brütete vor sich hin. Da tat es ihm weh, da tat es ihm weh, alles tat ihm weh, und tatsächlich schmerzte ihn bald der Kopf, bald die Brust, bald die Beine. Also er konnte sich selber nicht mehr ausstehen, hörte auf zu lachen, war müde, abgespannt, hatte immerfort Kopfschmerzen, es war schrecklich. Keine Krankheit; keine für den Arzt zu konstatierende Krankheit. So ist es ja bei sehr vielen Menschen in der Gegenwart, nicht wahr; sie sind eigentlich ganz gesund und sind doch krank. Ja, also eine Krankheit war nicht da. Der Arzt wußte schon nichts anderes, als zu sagen: Sehen Sie, die Geschichte ist seelisch — das sagen ja heute schon die Ärzte —, Sie sind seelisch krank; Sie haben sich den Geschäftsverhältnissen angepaßt, da sind Sie drinnen, jetzt können Ihre Energien nicht gleich andere Gefälle annehmen, sie haben ihr eigenes Gefälle, sie können nicht dirigiert werden. Gehen Sie wiederum zurück in Ihr Geschäft, das ist das einzige Mittel, das ich weiß. — Nun, der betreffende Herr sieht das auch ein. Aber siehe da, jetzt kann er auch nicht mehr im Geschäft etwas leisten! Er ist untauglich, er ist jetzt drinnen ebenso krank wie er draußen war auf seinem Landsitz.
[ 36 ] Daraus schließt Jung mit Recht: Man kann die Energien nicht so leicht von einem Gefälle auf ein anderes bringen. Selbst wenn man sie wieder zurückbringen will, geht es auch nicht. Der Betreffende kam sogar zu ihm in Behandlung, aber er konnte diesem Manne auch nicht helfen, weil es schon zu spät war; es hatte die Krankheit schon zu stark um sich gegriffen, man hätte früher eingreifen müssen. Dies zeigt Ihnen, daß es mit der Therapie der Ableitung auch schon seine Schwierigkeiten hat. Jung führt das Beispiel selber an.
[ 37 ] Überall begegnet man Tatsachen, die von Bedeutung, von Wichtigkeit sind, die, jetzt darf ich es wohl sagen, nur durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu bewältigen sein werden, erkenntnismäßig; aber sie sind da. Den Leuten fallen sie auf. Also die Fragen sind da, Sie finden sie überall. Das wird man schon entdecken, daß der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, daß er nicht jenes einfache Wesen ist, von dem man sich eine illusionäre Vorstellung gemacht hat durch die fortgeschrittene Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Vor dem Psychoanalytiker von heute steht eine merkwürdige Tatsache. Wenn Sie diese Tatsache nehmen, ja, für die heutige Wissenschaft ist sie geradezu unerklärlich. In der Anthroposophie werden Sie mit den Mitteln, die Sie schon haben in meinen Vorträgen, leicht eine Erklärung finden. Ich kann aber auf die Erscheinung noch einmal zurückkommen, wenn Sie die Erklärung nicht selber finden sollten. Es kann zum Beispiel vorkommen, daß jemand hysterisch blind wird, also nicht sieht. Es gibt hysterisch Blinde, die also durchaus sehen könnten und doch nicht sehen, seelisch Blinde. Nun kann es sein, daß solche Menschen partiell geheilt werden, sie fangen wieder an zu sehen, aber sie sehen nicht alles. So zum Beispiel kann der eigentümliche Fall eintreten, daß ein solcher hysterisch Blinder wiederum sein Sehvermögen bekommt, alles am Menschen sieht, just nicht den Kopf! Solch ein partiell Geheilter geht also in den Straßen herum und sieht alle Menschen ohne Kopf. Das gibt es wirklich. Es gibt noch viel kuriosere Erscheinungen.
[ 38 ] Nun, das alles ist, wie gesagt, mit anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft schon zu bewältigen, und aus einem Vortrage, den ich hier im Lauf des vorigen Jahres gehalten habe, können Sie die Erklärung zum Beispiel für diese Erscheinung leicht finden, daß man auch einmal die Köpfe der Menschen nicht sehen kann. Aber, wie gesagt, dem heutigen Psychoanalytiker liegen alle diese Erscheinungen vor. Und so viel liegt ihm schon vor, daß er sich sagt: Es kann für den Menschen außergewöhnlich verhähgnisvoll werden, wenn er nun Beziehungen gar zu dem Überpersönlich-Unbewußten hat. Aber um Gottes willen, ja, um Gottes willen sagt der Psychoanalytiker nicht, aber um der Wissenschaft willen nur ja nicht etwa jetzt Ernst machen mit der geistigen Welt! Nur ja das nicht! Das geht den Leuten nicht ein, mit der geistigen Welt Ernst zu machen. Und da kommt denn etwas ganz Merkwürdiges zustande. Es wird von den wenigsten Menschen bemerkt, was für sonderbare Erscheinungen unter dem Einfluß dieser Dinge zustande kommen. Ich will sie aus dem Jungschen Buche «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», das vor kurzem erst erschienen ist, aufmerksam machen auf eine außerordentlich interessante Sache, aus der Sie sehen werden, wozu der Psychoanalytiker heute schon kommt. Ich muß Ihnen allerdings ein Stückchen vorlesen: «Nach diesem Beispiel», es sind solche Beispiele, wo er zeigt, daß der Mensch nicht nur mit dem, was in seinem individuellen Leben oder in der Gegenwart ist, sondern weit zurück Beziehungen hat zu allem möglichen Dämonischen und Göttlichen und Geisterhaften und so weiter, «nach diesem Beispiel für die Entstehung neuer Ideen aus dem Schatze der urtümlichen Bilder», hier nennt er es nicht Götter, sondern urtümliche Bilder, «wollen wir die weitere Darstellung des Übertragungsprozesses wieder aufnehmen, Wir sahen, daß die Libido eben in jenen anscheinend ungereimten und absonderlichen Phantasien ihr neues Objekt ergriffen hat, nämlich die Inhalte des absoluten Unbewußten.» Also das absolute Unbewußte ist das überpersönlich Unbewußte, nicht das persönliche. «Wie ich bereits sagte, ist die nicht eingesehene Projektion der urtümlichen Bilder auf den Arzt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die weitere Behandlung.» Also der Patient setzt seine Dämonen heraus und setzt sie auf den Arzt. Das ist eine Gefahr. «Die Bilder enthalten nämlich nicht nur alles Schönste und Größte, das die Menschheit je dachte und fühlte, sondern auch jede schlimmste Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fähig waren.»
[ 39 ] Denken Sie, so weit kommt Jung schon, daß er einsieht: Der Mensch hat in sich unbewußt alle Schandtaten und Teufeleien neben dem Schönsten, was die Menschheit je fähig war zu denken und zu fühlen. Also nicht wahr, irgendwie herbei lassen sich die Leute nicht, von Luzifer und Ahriman zu sprechen; aber zu einem solchen Satze versteht er sich: «Die Bilder enthalten nämlich nicht nur alles Schönste und Größte, das die Menschheit je dachte und fühlte, sondern auch jede schlimmste Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fähig waren. Wenn nun der Patient die Persönlichkeit des Arztes von diesen Projektionen nicht unterscheiden kann, dann geht jede Verständigungsmöglichkeit verloren, und die menschliche Beziehung wird unmöglich. Wenn aber der Patient diese Charybdis vermeidet, so fällt er in die Scylla der Introjektion dieser Bilder, d.h. er rechnet ihre Qualitäten nicht dem Arzte zu, sondern sich selber.» Also dann ist er selber der Teufel; er findet selber, daß er der Teufel ist. «Diese Gefahr ist ebenso schlimm. Bei der Projektion schwankt er zwischen einer überschwänglichen und krankhaften Verhimmelung und einer haßerfüllten Verachtung seines Arztes. Bei der Introjektion gerät er in eine lächerliche Selbstvergötterung oder moralische Selbstzerfleischung. Der Fehler, den er beide Male macht, besteht darin, daß er sich persönlich die Inhalte des absoluten Unbewußten zurechnet. So macht er sich selber zum Gott und zum Teufel. Hier liegt der psychologische Grund, warum die Menschen immer der Dämonen bedurften und nie ohne Götter leben konnten, ausgenommen einige besondere kluge Specimina des homo occidentalis von gestern und vorgestern, Übermenschen, deren Gott tot ist, weshalb sie selber zu Göttern werden, und zwar zu rationalistischen Duodezgöttern mit dickwandigen Schädeln und kalten Herzen.»
[ 40 ] Also Sie sehen, der Psychoanalytiker kommt dazu, zu sagen: Die Menschenseele ist so geartet, daß sie die Götter braucht, daß sie die Götter notwendig hat, daß sie krank werden muß, wenn sie die Götter nicht hat. Daher hat sie immer die Götter gehabt; die Menschen brauchen die Götter. Er spottet sogar, der Psychoanalytiker, daß wenn sie die Götter nicht haben, so müssen sie selber zu Göttern werden, aber nur zu «rationalistischen Duodezgöttern mit dickwandigen Schädeln und kalten Herzen». «Der Gottesbegriff», sagt der Psychoanalytiker weiter, «ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur...»
[ 41 ] Nun, nicht wahr, Sie sehen, weiter kann ja nicht gegangen werden, als auf naturwissenschaftliche Weise die Notwendigkeit des Gottesbegriffes in dieser Art darzustellen. Der Mensch muß den Gott haben, das weiß der Psychoanalytiker heute, er braucht ihn. Aber, ich habe den Satz nicht zu Ende gelesen, lesen wir ihn zu Ende: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat.»
[ 42 ] Also hier stoßen Sie, indem Sie Vorder- und Nachsatz zusammenlesen, auf das große Dilemma der Gegenwart. Der Psychoanalytiker beweist einem, daß der Mensch krank wird, wenn er seinen Gott nicht hat; aber diese Notwendigkeit hat mit einer Existenz Gottes nichts zu tun. Und er fährt fort: «Denn diese letztere Frage», nämlich die nach der Existenz Gottes, «gehört zu den dümmsten Fragen, die man stellen kann. Man weiß doch hinlänglich, daß man sich einen Gott nicht einmal denken kann, geschweige denn sich vorstellen, daß er wirklich existiere, so wenig wie man sich einen Vorgang denken kann, der nicht notwendig kausal bedingt wäre.»
[ 43 ] Nun bitte ich Sie, hier stehen Sie vor dem Punkt, wo Sie die Dinge abfangen können. Die Dinge sind da, pochen an der Türe der Erkenntnis. Die Leute, die suchen, sind auch da; sie erkennen die absoluteNotwendigkeit, aber — sie betrachten dasjenige, was sie als absolute Notwendigkeit halten, wenn es als ernste Frage aufgeworfen wird, als eine der dümmsten Fragen, die überhaupt aufgeworfen werden.
[ 44 ] Da haben Sie einen der Punkte, wo Sie aus dem heutigen Geistesleben heraus unmittelbar sehen können, woran man eigentlich immer vorbeigeht. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, diese Psychoanalytiker als Seelenkenner oder als Seelenforscher sind noch immer weit, weit über das hinaus, was die landläufige Universitätspsychiatrie bietet — sie sind weit, weit, weit über das hinaus, was die Universitätspsychiatrie, die Universitätspsychologie zumeist bietet, und sie haben Recht in einer gewissen Weise, auf diese schreckliche sogenannte Wissenschaft herabzusehen. Aber man kann sie abfangen an solch einer Stelle, wo man so recht sieht, welchen Dingen die gegenwärtige Menschheit gegenübersteht, indem sie der zeitgenössischen Wissenschaft gegenübersteht.
[ 45 ] Das bemerken ja zahlreiche Menschen nicht. Die Menschen wissen heute gar nicht, wie heutiger Autoritätsglaube ist. Es war ja niemals solcher Autoritätsglaube, wie er in der Gegenwart herrscht; niemals ist er mehr in dem Unterbewußten drunten gewesen als heute. Man muß immer wieder und wiederum sagen: Ja, um Gottes willen, was tut ihr denn eigentlich, wenn ihr als Therapeuten hysterische Menschen behandelt? — Ihr sucht einen unterbewußten Inhalt, der nicht gelöst ist vom Bewußtsein. Ja, aber man findet solche unterbewußte Inhalte bei den Theoretikern in Hülle und Fülle. Wenn man den heraufhebt aus dem Unterbewußten, dann kommt eben so etwas zum Bewußtsein, wie das, was Ihnen jetzt zum Bewußtsein kommen muß, was in dem Unterbewußten der modernen Ärzte und modernen Patienten rumort. Die ganze Literatur ist davon durchsetzt; es ist ja das überall drinnen, und Sie sind täglich und stündlich dem ausgesetzt, das aufzunehmen. Und weil man nur mit der Geisteswissenschaft auf solche Dinge aufmerksam werden kann, deshalb nehmen so viele Menschen diese Dinge unbewußt auf, saugen sie ein in ihr Unterbewußtsein, und sie sind dann im Unterbewußtsein darinnen.
[ 46 ] Diese Psychoanalyse hat wenigstens die Menschen aufmerksam gemacht darauf, daß Seelisches als Seelisches zu nehmen ist. Das tun sie. Aber überall sitzt ihnen der Teufel im Nacken. Ich möchte sagen, sie können nicht heran an die geistige Wirklichkeit und wollen vor allen Dingen nicht heran an die geistige Wirklichkeit. Daher findet man überall in der Gegenwart Vorder- und Nachsätze, die das Unglaublichste darstellen. Aber die Menschen in der Gegenwart haben nicht den Aufmerksamkeitsgrad, diese Dinge anzuschauen. Natürlich, wer das Buch von Jung liest «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», der müßte ja eigentlich unter den Tisch fallen, wenn er auf seinem Stuhle sitzt, wenn er solch einen Satz liest. Das tut aber der heutige Mensch nicht. Also denken Sie, wieviel wirklich in diesem Unbewußten darinnen liegt bei dieser modernen Menschheit. Und deshalb auch, weil diese Psychoanalytiker sehen, wieviel im Unterbewußten liegt — denn das sehen sie ja —, sehen sie manche Dinge anders als andere Leute. Gleich in der Vorrede sagt zum Beispiel Jung etwas, was in dem einen Teil des Satzes nicht schlecht ist: «Die psychologischen Vorgänge, welche den gegenwärtigen Krieg begleiten, vor allem die unglaubliche Verwilderung des allgemeinen Urteils, die gegenseitigen Verleumdungen, die ungeahnte Zerstörungswut, die unerhörte Lügenfiut und die Unfähigkeit der Menschen, dem blutigen Dämon Einhalt zu tun, sind wie nichts geeignet, das Problem des unter der geordneten Bewußtseinswelt unruhig schlummernden chaotischen Unbewußten dem denkenden Menschen aufdringlich vor die Augen zu rücken. Dieser Krieg hat es dem Kulturmenschen unerbittlich gezeigt, daß er noch ein Barbar ist, und zugleich, was für eine eiserne Zuchtrute für ihn bereit liegt, wenn es ihm etwa noch einmal einfallen sollte, seinen Nachbarn für seine eigenen schlechten Eigenschaften verantwortlich zu machen. Die Psychologie des Einzelnen aber entspricht der Psychologie der Nationen.» Und nun kommt ein Nachsatz, mit dem man wiederum nicht weiß, was man mit ihm anfangen soll. «Was die Nationen tun, tut auch jeder Einzelne, und so lang es der Einzelne tut, tut es auch die Nation. Nur die Veränderung der Einstellung des Einzelnen ist der Beginn zur Veränderung der Psychologie der Nation.»
[ 47 ] Also diese Sätze nebeneinander sind wiederum so, daß sie zeigen, wie destruktiv es auf das Denken wirkt. Denn ich möchte Sie einmal fragen, ob es einen Sinn hat zu sagen: «Was die Nationen tun, tut auch jeder Einzelne.» Dann müßte es ja einen Sinn haben, zu fragen: Könnte es auch der Einzelne tun, ohne daß es die Nationen tun? Nicht wahr, es ist ein absoluter Unsinn, solches zu sagen. Und der Unsinn ist es, der heute selbst bei hervorragenden, großen Geistern überwältigend wirkt; er wirkt überwältigend. Nun soll gar diese Sache, in der solch destruktives Denken wirkt, Therapie nicht nur sein, soll auch pädagogisch leiten. Wiederum liegt die berechtigte Sehnsucht zugrunde, in die Pädagogik ein neues seelisches, spirituelles Element hineinzutragen. Soll dasjenige hineingetragen werden, was mit ganz unzulänglichen Erkenntnismitteln gefunden wird? Das sind die wichtigen Fragen heutzutage!
[ 48 ] Wir werden nun auch vom Standpunkte anthroposophischer Orientierung auf die Sache zurückkommen, die Sache beleuchten von einem größeren Horizonte aus, werden dann sehen, wie man die Sache viel, viel größer anfangen muß, wenn man überhaupt mit diesen Dingen zurechtkommen will. Aber man muß sie auch konkret anfangen. Man muß vor allen Dingen solche Probleme, die gewöhnlich nur noch mit den alten unzulänglichen Erkenntnismitteln gesucht werden, in das Licht anthroposophischer Erkenntnis rücken.
[ 49 ] Nehmen Sie zum Beispiel das Problem Nietzsche. Ich will heute das Problem nur andeuten; wir wollen solchen Problemen morgen nähertreten. Wir wissen nun schon aus den verflossenen Vorträgen: Von 1841 bis 1879 Geisterkampf oben; von 1879 an die gestürzten Geister im Reiche der Menschen. Solche Dinge und ähnliche werden in künftigen Zeiten eine Rolle spielen müssen, wenn man das Leben der Menschen betrachtet. Denn Nietzsche ist 1844 geboren; drei Jahre gerade ist seine Seele, bevor sie auf die Erde herunterstieg, oben im Reich der Geister im Geisteskampf darinnen. Er ist ein Knabe, als Schopenhauer noch lebt. Schopenhauer stirbt 1860. Erst nachdem Schopenhauer gestorben ist, widmet Nietzsche sich der Lektüre der Schopenhauerschen Schriften. Da wirkt die Seele Schopenhauers mit, die oben in den geistigen Reichen ist. Das ist das reale Verhältnis. Nietzsche liest Schopenhauer; aber Schopenhauer wirkt in den Gedanken Nietzsches, die die Schopenhauerschen Schriften aufnehmen, weiter.
[ 50 ] Aber in welcher Lage ist denn Schopenhauer da oben? Schopenhauer ist da oben von 1860 bis in die ganzen Jahre hinein, wo Nietzsche Schopenhauer liest, drinnen im Kampf der Geister, während dieser noch oben ausgefochten wird. Was also Schopenhauer Nietzsche inspiriert, das nimmt er selber auf im Zusammenhange mit dem Kampf der Geister, in den er hineinversetzt wird. 1879 werden diese Geister vom Himmel auf die Erde heruntergestürzt. Bis 1879 sehen wir Nietzsches Geistesgang sehr merkwürdige Bahnen gehen. Man wird sie künftig erklären aus dem Einflusse Schopenhauers und Wagners. Sie finden in meiner Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» manche Anhaltspunkte dafür. Wagners Einfluß war bis dahin nicht anders, als daß er auf der Erde wirkte. Denn Wagner ist 1813 geboren; 1841 hat erst der Geisterkampf begonnen. Aber Wagner stirbt 1883. Nietzsches Geistesgang beginnt dann seine merkwürdige Richtung in einer gewissen Weise, als der Einfluß Wagners beginnt. Aber Wagner kommt 1883 in die geistige Welt, als der Geisterkampf oben schon vorbei ist, als die Geister schon vom Himmel auf die Erde gestürzt waren. Nietzsche steht drinnen, als die Geister hier auf der Erde herumgehen, Wagner lebt oben, als sie schon heruntergestürzt waren. Der Einfluß Wagners auf Nietzsche post mortem zeigt eine ganz andere Aufgabe, nicht so wie der Einfluß Schopenhauers auf Nietzsche. Hier beginnen die überpersönlichen konkreten Einflüsse; nicht jene abstrakten dämonischen, von denen die Psychoanalyse spricht. Die Menschheit wird sich entschließen müssen, in diese konkrete geistige Welt einzutreten, die Dinge, die auf der Hand liegen, wenn man nur die Tatsachen prüft, wirklich auch aufzufassen. Man wird künftig eine Biographie Nietzsches darnach schreiben, daß er angeregt war von jenem Richard Wagner, der 1813 geboren ist, alles das mitgemacht hat, was führte zu dem glänzenden Wesen, was ich ja charakterisiert habe in meinem Buch, bis 1879; daß er den Einfluß Schopenhauers hatte von seinem sechzehnten Jahre ab, aber Schopenhauer den Geisterkampf mitgemacht hat in der geistigen Welt oben vor dem Jahre 1879, daß er dem Einflusse Wagners ausgesetzt war, nachdem Wagner post mortem in die geistige Welt hineingeführt war, und er herunten war, wo die Geister der Finsternis walteten.
[ 51 ] Jung findet, daß es Tatsache ist: Nietzsche findet einen Dämon, er projiziert ihn nach außen, auf Wagner. Nun ja, Projektionen — Gefälle, introvertierte, extravertierte Menschentypen —, alles Worte für Abstraktionen, aber nichts von Wirklichkeiten! Sehen Sie, meine lieben Freunde, die Dinge sind bedeutungsvoll. Und es ist nicht so, daß man bloß agitieren will für eine Weltanschauung, für die man eingenommen ist, sondern gerade das, was da ist außer dieser Weltanschauung, das zeigt, wie notwendig diese Weltanschauung der gegenwärtigen Menschheit ist.
[ 52 ] Davon dann morgen weiter.
