How Individual Spirit Beings Work in the Human Soul
GA 178
10 November 1917, Dornach
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How Individual Spirit Beings Work in the Human Soul, tr. SOL
5. Über die Psychoanalyse I
5. About Psychoanalysis I
[ 1 ] Gelegentlich der Vorträge, die ich jetzt in Zürich zu halten habe, trat mir erneut wiederum entgegen, daß man kaum mit dem geistigen Leben dieser Stadt in Berührung kommen kann in weiterem Umfange, ohne daß man den Blick hinlenkt auf dasjenige, was jetzt genannt wird die analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Verschiedene Erwägungen, die sich an dieses Apersu knüpfen, veranlassen mich heute, dasjenige, was ich vorzubringen habe, einzuleiten mit einem kurzen Hinweis auf mancherlei gerade aus der analytischen Psychologie, aus der Psychoanalyse. Wir werden daran dann andere Bemerkungen zu knüpfen haben. Aber wir haben es ja gesehen, wie bedeutungsvoll es doch gerade für den anthroposophisch orientierten Geisteswissenschafter ist, seine Betrachtungen an dasjenige anzuknüpfen, was die Zeit darbietet, was die Zeit bewegt. Man kann sagen, daß sich heute zur Psychoanalyse auch hingezogen fühlen allerlei Leute, welche ernsthaftig suchen nach den geistigen Untergründen des Daseins, nach den seelischen Innerlichkeiten des Menschen, und daß es schon in gewissem Sinne einer Charaktereigentümlichkeit unserer Zeitepoche entspricht, daß eine Reihe unserer Zeitgenossen aufmerksam wird gerade auf ganz bestimmte, eigentümlich geartete Kräfte in der menschlichen Seele. Und zu denjenigen, die einfach heute durch die Impulse der Zeit, ich möchte sagen, mit der Nase gestoßen werden auf gewisse Erscheinungen des Seelenlebens, zu denen gehören die Psychoanalytiker.
[ 1 ] During the lectures I am currently giving in Zurich, it has once again become apparent to me that one can hardly engage with the intellectual life of this city to any significant extent without turning one’s attention to what is now called analytical psychology or psychoanalysis. Various considerations arising from this observation prompt me today to begin my remarks with a brief reference to certain aspects of analytical psychology and psychoanalysis. We will then have to follow this up with other remarks. But we have seen, after all, how significant it is, especially for the anthroposophically oriented scholar of the spiritual sciences, to base his reflections on what the times offer, on what moves the times. One could say that today, all sorts of people who are earnestly searching for the spiritual foundations of existence and for the inner workings of the human soul are drawn to psychoanalysis, and that it is, in a certain sense, characteristic of our era that a number of our contemporaries are paying attention precisely to very specific, peculiar forces within the human soul. And among those who are simply being, so to speak, led by the impulses of the times—I would say, having their noses pushed toward certain phenomena of the life of the soul—are the psychoanalysts.
[ 2 ] Es ist ganz besonders wichtig auch, nicht ganz unaufmerksam zu sein auf diese Bewegung aus dem Grunde, weil die Ereignisse, auf welche diese Bewegung losgeht, einmal da sind, und weil sie in unserer Zeit — aus verschiedenen Gründen, die wir ja auch noch besprechen können — den Menschen ganz besonders vor das Seelenauge treten. Der Mensch muß heute aufmerksam werden auf dergleichen Erscheinungen.
[ 2 ] It is also particularly important not to be entirely oblivious to this movement, because the events that this movement is directed toward are already taking place, and because in our time—for various reasons that we can certainly discuss further—they appear particularly vividly before people’s inner eye. People today must become attentive to such phenomena.
[ 3 ] Auf der andern Seite liegt das vor, daß die Menschen, die sich mit diesen Dingen befassen, heute die Erkenntnismittel entbehren, diese Dinge zu besprechen, diese Dinge vor allen Dingen zu verstehen. So daß man sagen kann: Psychoanalyse ist in unserer Zeit eine Erscheinung, welche die Menschen nötigt, aufmerksam zu werden auf gewisse Seelenvorgänge; auf der andern Seite aber veranlaßt sie die Menschen, solche Seelenerscheinungen mit, ich möchte sagen, unzulänglichen Erkenntnismitteln zu betrachten. Und das ist ganz besonders bedeutsam, weil diese Betrachtung mit unzulänglichen Erkenntnismitteln einer Sache, die ganz augenscheinlich da ist und die menschliche Erkenntnis in der Gegenwart herausfordert, zu den mannigfaltigsten schweren Verirrungen führt und nicht ungefährlich ist für das soziale Leben, für die Fortentwickelung der Erkenntnis und den Einfluß dieser Fortentwickelung der Erkenntnis auf das soziale Leben.
[ 3 ] On the other hand, the fact remains that people who deal with these matters today lack the means of understanding to discuss them—and, above all, to understand them. So one can say: Psychoanalysis is, in our time, a phenomenon that compels people to become attentive to certain mental processes; on the other hand, however, it leads people to view such mental phenomena with, I would say, inadequate means of understanding. And this is particularly significant because this examination—using inadequate means of understanding—of a matter that is quite obviously present and challenges human understanding in the present leads to the most diverse and serious errors and is not without danger for social life, for the further development of knowledge, and for the influence of this further development of knowledge on social life.
[ 4 ] Man kann schon sagen: Viertelswahrheiten können unter Umständen schädlicher sein als ganze Irrtümer. Und als eine Art von Viertelswahrheiten müssen schon die Dinge betrachtet werden, welche bei den psychoanalytischen Theoretikern heute zutage treten.
[ 4 ] It’s fair to say that, under certain circumstances, quarter-truths can be more harmful than outright errors. And the ideas emerging among psychoanalytic theorists today must certainly be regarded as a kind of quarter-truth.
[ 5 ] Wollen wir einmal einiges sozusagen aus dem Forschungsmagazin der Psychoanalytiker uns versuchen vor die Seele zu führen. Ausgegangen ist ja das, was man heute Psychoanalyse nennt, von einem Krankheitsfall, den ein Wiener Arzt, ein Wiener Internist, Dr. Breuer, beobachtet hatte schon in den achtziger Jahren. Dr. Breuer, den ich selbst kannte, war ein außerordentlich feingeistiger Mensch neben dem, daß er Arzt war. Er war interessiert für alle möglichen ästhetischen und allgemein menschlichen Fragen in wirklich hohem Maße. Nun, bei seiner intimen Art, mit der er einging auf Krankheitsfälle, war ihm begreiflicherweise ein Krankheitsfall, den er in den achtziger Jahren hatte, ganz besonders interessant. — Er hatte eine Dame zu behandeln, welche anscheinend unter schweren hysterischen Erscheinungen litt. Diese bestanden darin, daß die Dame eine einseitige Armlähmung hatte zuweilen, daß sie Dämmerzustände hatte, Herabdämmerung des Bewußtseins, Schlaftrunkenheit in sehr bedeutsamer, tiefer Form, und außerdem, daß sie ihre Sprache vergessen hatte, die sie sonst als ihre Umgangssprache hatte. Sie hatte immer deutsch sprechen können, das war auch ihre Sprache; aber sie konnte unter dem Einfluß ihrer hysterischen Krankheit nicht mehr deutsch sprechen, sie konnte nur noch englisch sprechen, verstand nur noch englisch.
[ 5 ] Let us try to bring to mind, so to speak, a few things from the psychoanalysts’ research journal. After all, what we now call psychoanalysis originated from a clinical case observed by a Viennese physician—a Viennese internist—Dr. Breuer, as early as the 1880s. Dr. Breuer, whom I knew personally, was an extraordinarily refined man, in addition to being a physician. He took a truly deep interest in all manner of aesthetic and general human questions. Now, given his intimate approach to medical cases, it is understandable that a particular case he encountered in the 1880s held special interest for him. — He had to treat a woman who apparently suffered from severe hysterical symptoms. These consisted of the woman occasionally experiencing paralysis on one side of her body, states of drowsiness, a fading of consciousness, and a very pronounced, deep form of somnolence; furthermore, she had forgotten the language she normally used as her everyday tongue. She had always been able to speak German—that was her language—but under the influence of her hysterical illness, she could no longer speak German; she could only speak English and understood only English.
[ 6 ] Nun bemerkte Breuer, wenn die Dame in ihrem Dämmerzustande war, dann konnte man sie durch eine intimere ärztliche Behandlung veranlassen, die Rede zu bringen auf eine bestimmte Szene, die sie erlebt hatte, ein sehr schweres Erlebnis. Nun will ich Ihnen aus der Darstellung dieses Falles, die von der Breuerschen Schule gegeben worden ist, anschaulich machen, wie die Dame aus ihrem Dämmerzustand heraus, teilweise auch unter künstlich herbeigeführten Dämmerzuständen — Breuer konnte gut den Menschen in Hypnose versetzen —, veranlaßt wurde, etwas von diesen Erlebnissen zu sagen. Und dadurch bekam man die Vorstellung, daß diese Hysterie, von der sie befallen war, zusammenhing mit einem ganz bestimmten Krankheitsfall, den sie mit ihrem Vater vor langer Zeit durchgemacht hatte. Der Vater war krank, und sie beteiligte sich in ganz wesentlicher Weise an der Krankenpflege und hatte einmal ein Erlebnis bei dieser Krankenpflege. Auf dieses Erlebnis kam sie immer wieder zu sprechen und eine Darstellung, die sie gab bei solcher Gelegenheit, wie ich sie eben charakterisiert habe, ist die folgende: «Einmal wachte sie nachts in großer Angst um den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit entfernt, und Anna (die Patientin) saß am Krankenbett, den rechten Arm über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wach-Träumen und sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen.»
[ 6 ] Breuer observed that when the woman was in her twilight state, it was possible, through more intimate medical treatment, to prompt her to talk about a specific scene she had experienced—a very traumatic experience. Now, based on the account of this case provided by Breuer’s school, I would like to illustrate how the woman was prompted—out of her twilight state, and in some cases during artificially induced twilight states as well (Breuer was skilled at putting people under hypnosis)—to speak about some of these experiences. And this led to the conclusion that the hysteria from which she was afflicted was connected to a very specific illness she had experienced with her father a long time ago. Her father was ill, and she played a very significant role in caring for him; on one occasion, she had an experience while tending to him. She kept returning to this experience, and the account she gave on such an occasion—as I have just described it—is as follows: “One night she woke up in great fear for the patient, who was running a high fever, and in a state of tension because a surgeon from Vienna was expected to perform an operation. Her mother had stepped away for a while, and Anna (the patient) was sitting at the sickbed with her right arm draped over the back of the chair. She fell into a state of lucid dreaming and saw a black snake slithering toward the patient from the wall, about to bite him.”
[ 7 ] Dem Menschen der Gegenwart schlägt immer der Materialismus etwas ins Genick; und so finden wir in diesem Krankheitsbericht auch die folgende Bemerkung, auf die nicht weiter etwas zu geben ist: «(Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die das Mädchen schon früher erschrocken war, und die nun das Material der Halluzination abgaben.)» Also das ist nur eine Zwischenbemerkung, auf die Sie mehr oder weniger geben mögen oder nicht; das ist ja gleichgültig. Also die Schlange kam aus der Wand heraus und wollte den Vater beißen — so stellte sie sich vor. «Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über die Stuhllehne hängend, war «eingeschlafen, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit Totenköpfen.» Das war also alles am Krankenbette des Vaters. «Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die Anästhesie und Lähmung derselben in Assoziation mit der Schlangenhalluzination. Als diese verschwunden war, wollte sie in ihrer Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner sprechen, bis sie endlich einen englischen Kindervers fand und nun auch in dieser Sprache fortdenken und beten konnte.»
[ 7 ] Materialism is always a burden on people today; and so we find the following remark in this medical report, which is not worth further consideration: “It is very likely that there were indeed some snakes in the meadow behind the house, which had frightened the girl before and which now served as the source of the hallucination.” So this is just a side note, which you may or may not take seriously; it doesn’t really matter. So the snake came out of the wall and wanted to bite the father—that’s how she imagined it. “She wanted to fend off the creature, but was as if paralyzed; her right arm, hanging over the back of the chair, had ‘fallen asleep, become numb and paralytic,’ and as she looked at it, her fingers turned into little snakes with skulls.” So that was everything that happened at her father’s sickbed. “She probably tried to chase the snake away with her paralyzed right hand, and as a result, the numbness and paralysis of that hand became associated with the snake hallucination. When the hallucination disappeared, she wanted to pray in her fear, but every language failed her; she could not speak in any of them until she finally found an English children’s book and was then able to continue thinking and praying in that language as well.”
[ 8 ] Von diesem Ereignis ist diese ganze Krankheit ausgegangen. Von diesem Ereignisse blieb also eine einseitige Handlähmung, Dämmerzustände und die Unfähigkeit, sich in einer andern als in der englischen Sprache auszudrücken.
[ 8 ] This entire illness originated from this event. As a result of this event, the patient was left with unilateral paralysis of the hand, states of semi-consciousness, and the inability to express himself in any language other than English.
[ 9 ] Nun bemerkte Dr. Breuer, daß immer eine Erleichterung des Zustandes dann eintrat, wenn er sie erzählen ließ, und darauf gründete er seinen Heilplan. Er versuchte nach und nach den ganzen Tatbestand herauszubekommen, indem er die Kranke hypnotisierte, und es gelang ihm dadurch wirklich, eine wesentliche Besserung des Zustandes herbeizuführen, so daß die Kranke die Sache gewissermaßen los wurde, indem sie sie von sich gab und einem andern mitteilte.
[ 9 ] Dr. Breuer then noticed that her condition always improved when he let her talk about it, and he based his treatment plan on this observation. He gradually attempted to uncover the full facts of the case by hypnotizing the patient, and through this he actually succeeded in bringing about a significant improvement in her condition, so that the patient was, in a sense, freed from the matter by letting it go and confiding it to another person.
[ 10 ] Breuer und sein Mitarbeiter, Freud in Wien, die dazumal begreiflicherweise aus der Zeitgeschichte heraus unter dem Einfluß der Charcotschen Schule in Paris standen, hatten es zunächst dem zugeschrieben, was man ein seelisches Trauma, eine seelische Verwundung nennen könnte, «nervous shock», wie es in England genannt wurde. Der seelische Schock sollte also in diesem Erlebnis am Krankenbett bestanden haben und so ähnlich gewirkt haben auf die Seele wie eine physische Verwundung auf den Leib.
[ 10 ] Breuer and his colleague, Freud, in Vienna—who, understandably given the historical context of the time, were under the influence of the Charcot school in Paris—initially attributed it to what might be called a psychological trauma, a psychological wound, or “nervous shock,” as it was known in England. The psychological shock was thus thought to have occurred during this experience at the patient’s bedside and to have had a similar effect on the psyche as a physical wound has on the body.
[ 11 ] Von vornherein — das muß bemerkt werden — hat Breuer die ganze Sache als eine seelische Krankheit aufgefaßt, hat sie also als eine interne Angelegenheit betrachtet. Er war überzeugt, daß anatomische oder physiologische Veränderungen nicht nachweisbar gewesen wären, also zum Beispiel nicht irgendwie eine Veränderung zugrunde gelegen hätte in jenen Nerven, welche von der Hand nach dem Gehirn gehen oder dergleichen. Davon war er von vornherein überzeugt, daß er es mit einer innerlich psychischen Tatsache zu tun hatte. Man war in den ersten Zeiten geneigt, die Sache so zu betrachten, daß man sich sagte: Solche Dinge können eintreten durch seelische Verwundung, Traumata, Schocks und dergleichen. — Bald aber nahm die Sache dadurch, daß sich insbesondere Dr. Freud damit beschäftigte — mit dessen weiterem Verfolgen der Sache Dr. Breuer keineswegs etwa völlig einverstanden war —, einen etwas andern Charakter an, und zwar dadurch, daß sich Freud sagte: Mit dem seelischen Schock, mit der seelischen Verwundung die Sache zu erklären, geht doch nicht an; man kommt damit nicht aus. — Auch Breuer war davon überzeugt, daß man damit nicht auskomme, wenn man bloß von der seelischen Verwundung spricht. — Ich bemerke in Parenthese, daß Dr. Breuer ein vielbeschäftigter praktischer Arzt war, wissenschaftlich gründlich durchgebildet, ein ausgezeichneter Schüler von Nothnagel war, der nur durch äußere Umstände nicht Professor geworden ist. Man kann, wenn man solche Dinge überhaupt hypothetisch aussprechen will, des Glaubens sein, daß, wenn Breuer eine Professur bekommen hätte und die Sache hätte verfolgen können, während er einer der vielbeschäftigtsten Internisten von Wien war und also wissenschaftlich sich wenig damit befassen konnte, so würde sie vielleicht ganz andere Gestalten bekommen haben! — Nun beschäftigte sich vorzugsweise Dr. Freud mit der Sache. Er sagte sich, mit dem bloßen Trauma, mit der Seelenverwundung kommen wir nicht aus; es handelt sich darum, nachzuforschen, unter welchen Bedingungen eine solche — man kann sie ja so nennen — Seelenverwundung wirkt. Denn nicht wahr, mit Recht sagte man sich: Das Mädchen saß am Krankenbett des Vaters, aber viele Menschen sitzen am Krankenbett, die ganz gewiß ebenso tiefe Eindrücke haben, denen passiert solch eine Sache nicht. — Der unwissenschaftliche Laie ist ja in solch einem Fall sehr bald fertig mit einer außerordentlich tiefsinnigen Erklärung; er sagt: Nun ja, der eine hat die Disposition, der andere hat die Disposition nicht. — Nun also, nicht wahr, sehr tiefsinnig zwar, aber das Albernste, was man aussprechen kann. Denn wenn man die Dinge, die da sind in der Welt, alle als Dispositionen erklärt, so kann man eben leicht Erklärungen für alles finden, denn man braucht dann nur zu sagen: Es ist eben die Disposition zu etwas da.
[ 11 ] From the outset—and this must be noted—Breuer viewed the entire matter as a mental illness; he thus regarded it as an internal issue. He was convinced that no anatomical or physiological changes would have been detectable—that is, for example, that there would not have been any underlying change in the nerves running from the hand to the brain or the like. He was convinced from the outset that he was dealing with an internal psychological phenomenon. In the early days, people were inclined to view the matter in such a way that they said to themselves: Such things can occur as a result of psychological wounds, traumas, shocks, and the like. — But soon, as Dr. Freud in particular began to study the matter—and Dr. Breuer by no means fully agreed with Freud’s further investigation of it—the issue took on a somewhat different character, namely because Freud said to himself: Explaining the matter with psychological shock or psychological trauma simply won’t work; that’s not enough. — Breuer, too, was convinced that one could not get by merely speaking of psychological wounding. — I note, in parentheses, that Dr. Breuer was a very busy practicing physician, thoroughly trained in the sciences, and an excellent student of Nothnagel, who failed to become a professor only due to external circumstances. If one wishes to speculate on such matters at all, one might believe that had Breuer been awarded a professorship and been able to pursue the matter—while he was one of Vienna’s busiest internists and thus had little time to devote to it scientifically—it might have taken on an entirely different form! — Now it was primarily Dr. Freud who devoted himself to the matter. He told himself that we cannot make do with mere trauma, with psychological injury; the point is to investigate under what conditions such a—one might well call it—psychological injury takes effect. For, isn’t it true that people rightly said to themselves: The girl sat at her father’s sickbed, but many people sit at sickbeds who certainly have just as deep an impression, yet such a thing does not happen to them. — The unscientific layperson, after all, is very quick to come up with an extraordinarily profound explanation in such a case; he says: Well, one person has the disposition, the other does not. — Well then, isn’t that, admittedly, very profound, but also the silliest thing one can say? For if one explains all the things that exist in the world as predispositions, one can easily find explanations for everything—one need only say: “It’s simply a predisposition to something.”
[ 12 ] Also mit solchen Dingen wollten sich natürlich die Menschen, die immerhin ernsthaft dachten, nicht befassen, und so suchte man nach den Bedingungen der Sache. Auf solche Bedingungen glaubte nun Freud durch Fälle zu kommen, wie etwa der folgende ist. Sie finden unzählige solche Fälle in der Literatur der Psychoanalytiker heute schon verzeichnet, und man kann sagen, daß wirklich ungeheuerstes Material zusammengetragen ist, um auf dies oder jenes auf diesem Gebiete zu kommen. Also ein Fall, den Psychoanalytiker verzeichnen, ist etwa der folgende. Ich will ihn so erzählen, wie er am verständlichsten sein kann. Es handelt sich ja dabei durchaus nicht um eine absolute historische Genauigkeit für uns.
[ 12 ] Naturally, people who took their thinking seriously did not want to concern themselves with such matters, and so they sought to identify the conditions underlying the issue. Freud believed he could arrive at such conditions through cases such as the following. You will find countless such cases already documented in the literature of psychoanalysts today, and it can be said that a truly immense body of material has been compiled to shed light on this or that aspect of the field. One case documented by psychoanalysts, for example, is the following. I will recount it in the way that makes it most understandable. After all, absolute historical accuracy is by no means a concern for us here.
[ 13 ] Eine Dame war mit andern Gästen in einer Abendgesellschaft. In dieser Abendgesellschaft feierte man das Abschiedsfest für die Frau des Hauses, welche nervös geworden war und einen ausländischen Kurort aufsuchen mußte. Sie sollte an dem Abend abreisen. Man feierte das Abschiedsfest. Als man auseinandergegangen war, die Dame des Hauses abgereist war, da ging die Dame, um die es sich handelt, deren Fall eben gerade beschrieben werden soll, mit einigen andern Gästen, die aus dem Souper kamen — wie man sagt —, auf der Straße zusammen, da kam, von hinterrücks her um die Ecke gebogen, in die Straße einbiegend eine Pferdedroschke sehr rasch gefahren. Wie man das in Städten, wenn man nach Hause geht, öfter macht ich weiß nicht, ob Sie diese Erfahrung gemacht haben —, man geht dann nicht auf dem Seitentrottoir, sondern häufig mitten auf der Straße. Als nun der Wagen hinten heransauste, da liefen die Leute, die von dem Souper kamen, nach rechts und links aufs Trottoir. Nur die Dame, um die es sich handelt, die lief nicht aufs Trottoir, sondern lief vor dem Wagen fort, vor den Pferden davon auf der Straße weiter, und sie war trotz des Fluchens und Schimpfens des Kutschers — Kutscher tun dies in diesem Falle — nicht davon abzubringen, vor dem Wagen herzusausen. So lange rannte sie vor dem Wagen her, trotz des Knallens mit der Peitsche, bis sie an eine Brücke kam, und da wollte sie sich ins Wasser stürzen, aus Furcht, überfahren zu werden. Sie wurde von Passanten gerettet, zu ihrer Gesellschaft zurückgebracht und wurde auf diese Weise vor einem großen Unfall bewahrt.
[ 13 ] A lady was attending an evening party with other guests. The party was a farewell celebration for the lady of the house, who had become nervous and had to go to a spa abroad. She was scheduled to leave that evening. The farewell celebration took place. After everyone had gone their separate ways and the lady of the house had left, the lady in question—whose story is about to be described—was walking down the street with a few other guests who had just come from supper—as they say—when, coming from behind and rounding the corner, a horse-drawn cab turned into the street at a very high speed. I don’t know if you’ve had this experience—it’s something people often do in cities when walking home—but instead of walking on the sidewalk, they frequently walk in the middle of the street. As the carriage came racing up from behind, the people returning from supper ran to the right and left onto the sidewalk. Only the lady in question did not run onto the sidewalk; instead, she ran away from the carriage, fleeing ahead of the horses along the street, and despite the coachman’s cursing and ranting—coachmen do this in such situations—she could not be dissuaded from dashing ahead of the carriage. She kept running ahead of the carriage, despite the crack of the whip, until she reached a bridge, where she tried to throw herself into the water for fear of being run over. She was rescued by passersby, brought back to her party, and thus spared from a major accident.
[ 14 ] Nun, diese Erscheinung hängt natürlich zusammen mit dem ganzen Befinden der betreffenden Dame. Es ist eine ausgesprochen hysterische Sache, wenn man vor den Pferden davonläuft, statt aufs Trottoir abzubiegen. Nun handelte es sich darum, nach den Ursachen einer solchen Angelegenheit zu forschen. Da kam Freud zunächst darauf, weil er in diesem Falle wie in andern Fällen bestrebt war, gewisse Teile der Ursachen im rückgelegenen Leben zu suchen, also in dem Leben, welches der Betreffende als Kind oder überhaupt früher durchgemacht hatte. Wenn da etwas aufgetreten ist, was gewissermaßen seelisch nicht ganz verarbeitet ist, so kann es eine Impulsanlage zurücklassen, und die kann dann später ausgelöst werden durch irgendwelche schockierenden Ereignisse.
[ 14 ] Well, this phenomenon is, of course, connected to the overall state of mind of the lady in question. It is a distinctly hysterical reaction to run away from the horses instead of turning onto the sidewalk. The task at hand was to investigate the causes of such a situation. Freud first arrived at this conclusion because, in this case as in others, he was inclined to look for certain aspects of the causes in the person’s past life—that is, in the experiences the individual had gone through as a child or even earlier. If something occurred there that, so to speak, has not been fully processed psychologically, it can leave behind a predisposition, which can then be triggered later by some shocking event.
[ 15 ] In der Tat fand sich auch leicht ein solches Erlebnis in der Kindheit der betreffenden Dame. Sie war als Kind in einer Kutsche gefahren und da passierte es, daß die Pferde scheu wurden und durchgingen und gerade losstürmten auf das Ufer des Flusses. Der Kutscher sprang ab, forderte auch das Kind auf, abzuspringen ; im letzten Augenblicke sprang es noch ab, der Wagen mit den Pferden sauste in den Fluß hinein, und die Pferde waren mit dem Wagen zugrunde gegangen. Also das schockierende Ereignis war da. Eine gewisse Assoziation zwischen Pferd und Pferd war auch wiederum da. Im Augenblicke, wo die Dame ihre Gefahr den Pferden gegenüber sah, verlor sie den Halt, das Bewußtsein, und rannte vor dem Wagen her, statt auszuweichen, unter dem Einfluß, der Nachwirkung des infantilen Erlebnisses. Aber wiederum, Sie können daraus sehen, daß bei den Psychoanalytikern schon eine wissenschaftliche Methodik zu finden ist, so wie man heute Wissenschaft treibt, das haben die Psychoanalytiker schon — aber nicht wahr, es gibt natürlich sehr viele Menschen, denen in der Jugend so etwas passiert und die dennoch nicht dasselbe machen werden, davonlaufen vor den Pferden, wenn auch Pferd mit Pferd sich assoziiert. Also es muß zu der einen Sache noch etwas hinzukommen, wenn eine solche Veranlagung eintreten soll, daß man vor Pferden davonläuft, statt auszuweichen.
[ 15 ] In fact, it was easy to find such an experience in the childhood of the lady in question. As a child, she had been riding in a carriage when the horses suddenly shied, bolted, and charged straight toward the riverbank. The coachman jumped off and urged the child to jump off as well; at the very last moment, she managed to jump off, while the carriage and horses plunged into the river, and the horses perished along with the carriage. So there was that shocking event. There was also, once again, a certain association between the horse and the child. The moment the lady saw the danger the horses posed, she lost her footing and her sense of reality, and ran in front of the carriage instead of dodging it, under the influence of the aftereffects of her childhood experience. But then again, you can see from this that psychoanalysts already employ a scientific methodology, just as science is practiced today—psychoanalysts already have that. But isn’t it true that there are, of course, many people to whom something like this happens in their youth and who nevertheless will not do the same thing—run away from the horses—even if horses are associated with horses. So something else must be added to that one factor if such a predisposition is to arise—that is, running away from horses instead of avoiding them.
[ 16 ] Da forschte Freud weiter nach. Und in der Tat, es fand sich gerade in diesem Fall ein sehr interessanter Zusammenhang. Dieser Zusammenhang bestand in folgendem: die betreffende Dame, die also vor den Pferden davongerannt war, war in Verlobung stehend mit einem Herrn. Aber sie liebte zwei; den Herrn, mit dem sie in Verlobung stand — sie war vollkommen überzeugt, daß sie den mehr liebte als den andern —, aber sie liebte auch den andern. Darüber war sie sich nicht ganz klar, aber so halb und halb. Der andere aber, das war der Mann ihrer besten Freundin, und diese Freundin war die Hausfrau, deren Abschiedssouper gefeiert worden war an jenem Abend. Also die Hausfrau, die etwas nervös war, reiste ab; die Freundin war mit beim Abschiedssouper, war weggegangen mit den andern Gästen, rannte vor den Pferden davon, und als man nachforschte, erfuhr man, daß allerdings früher bedeutungsvolle Zusammenhänge zwischen dem andern Herrn, also dem Mann ihrer besten Freundin, und dieser Dame bestanden haben. Das Liebesverhältnis hatte immerhin einige, nun, sagen wir, einige Dimensionen angenommen. Und nun hingen diese Dimensionen auch sogar etwas zusammen mit der Nervosität der Freundin, wie Sie sich ja auch denken können. Kurz und gut, also nichts ahnend — nach ihrer eigenen Meinung — ging diese Dame mit den übrigen Gästen weg, rannte auf der Straße vor den Pferden davon, wurde gerettet, die Gäste brachten sie zurück, es war unter den gegebenen Verhältnissen das Selbstverständliche, in das Haus, woher sie eben gekommen waren, wo sie das Abschiedssouper gegessen hatten. Und nun forschte der Arzt dem ganzen Krankheitsfall nach. Er brachte es in der Tat dahin, daß ihm die Dame die Sache erzählte. Aber hier stockte sie, und nur mit Mühe konnte er sie veranlassen, den weiteren Fortgang zu erzählen. Da kam denn heraus, daß in der Tat — wir wissen ja, eben war die Frau abgefahren, der Mann war allein zu Hause — der Mann in dieser Situation, nachdem sie wieder zu sich gekommen und normal war, ihr eine Liebeserklärung gemacht hat. Also sehen Sie, eine sehr merkwürdige Sache.
[ 16 ] Freud continued his investigation. And indeed, a very interesting connection was found in this very case. This connection was as follows: the lady in question, who had run away from the horses, was engaged to a gentleman. But she loved two men: the man she was engaged to—she was completely convinced that she loved him more than the other—but she also loved the other man. She wasn’t entirely sure about that, though; it was sort of half and half. The other man, however, was the husband of her best friend, and this friend was the housewife whose farewell dinner had been celebrated that evening. So the housewife, who was a bit nervous, left; the friend had been at the farewell dinner, had left with the other guests, ran off ahead of the horses, and when people inquired, they learned that there had indeed been significant connections in the past between the other gentleman—that is, her best friend’s husband—and this lady. The romantic relationship had, after all, taken on—well, let’s say—a certain depth. And now this depth was even somewhat connected to the friend’s nervousness, as you can well imagine. In short, without suspecting a thing—in her own opinion, at least—this lady left with the other guests, ran out into the street in front of the horses, was rescued, and the guests brought her back—which, under the circumstances, was only natural—to the house from which they had just come, where they had eaten the farewell dinner. And now the doctor was investigating the entire medical case. He actually managed to get the lady to tell him the story. But here she faltered, and only with great difficulty could he persuade her to continue the story. It then emerged that, in fact—as we know, the woman had just left, and the man was home alone—the man, in this situation, after she had regained her composure and was back to normal, had declared his love for her. So you see, a very strange affair.
[ 17 ] Andern Fällen ähnlicher Art ist nun Dr. Freud nachgegangen und nach seinen Forschungen hat sich ihm ergeben, daß solche Dinge immer nur dann eintreten, wenn irgendwie eine Liebe im Spiel ist, wenn irgend etwas von Liebe dabei im Spiel ist, wenn dabei irgend etwas unter der Decke des Bewußtseins schlummert von irgendwelchen Liebesdingen. Freud war zu der Überzeugung gekommen, wenn man bei solchen Hysterischen, welche, wie man früher geglaubt hat, durch seelische Verwundungen in ihre Lage gekommen sind, wenn man in ihrem Leben nachforscht, kann man finden, mögen was immer für Verhältnisse vorliegen, es können mancherlei Konstellationen da sein, aber von irgendeiner Seite her muß die Liebe ihr Spiel treiben. Wohlgemerkt, es braucht eben, und das sind die charakteristischsten Fälle, die bedeutungsvollsten, es braucht diese Liebesgeschichte dem betreffenden Patienten durchaus nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein.
[ 17 ] Dr. Freud has now investigated other cases of a similar nature, and his research has shown him that such things occur only when love is somehow involved, when there is some element of love at play, when something related to love lies dormant beneath the surface of consciousness. Freud had come to the conclusion that when one investigates the lives of such hysterical patients—who, as was previously believed, had come to be in their condition due to psychological trauma—one can find that, whatever the circumstances may be, whatever constellations may exist, love must be at play from some angle or another. Mind you, it is precisely the case—and these are the most characteristic and significant cases—that the patient in question need not have been at all aware of this love story.
[ 18 ] Nun, so war dasjenige fertig, was Freud seine Neurosetheotrie, seine Sexualtheorie nannte. Er fand in allen solchen Fällen, daß das Sexuelle in die Sache hineinspielt. Sehen Sie, diese Dinge sind natürlich außerordentlich verführerisch. Erstens besteht in der Gegenwart überhaupt die Neigung, überall, wo man irgend etwas Menschliches erklären will, das Sexuelle zu Hilfe zu rufen. Daher braucht es uns nicht zu verwundern, daß ein Arzt, der in so und so vielen Fällen bei hysterischen Krankheitsformen die Liebe mit im Spiel findet, eine solche Theorie aufstellt.
[ 18 ] Well, that completed what Freud called his “neurosetheory,” his theory of sexuality. He found that in all such cases, sexuality played a role. You see, these ideas are, of course, extremely seductive. First of all, there is a general tendency today to invoke the sexual wherever one seeks to explain anything human. Therefore, we should not be surprised that a doctor who finds love to be a factor in so many cases of hysterical disorders would formulate such a theory.
[ 19 ] Auf der andern Seite ist gerade dies der Punkt, wo, weil die analytische Psychologie ein Erkenntnisversuch ist mit unzulänglichen Mitteln, die denkbar größtmögliche Gefahr beginnt. Deshalb wird die Sache so gefährlich, weil, ich möchte sagen, diese Erkenntnissehnsucht so ungeheuer verführerisch ist; verführerisch durch die Zeitumstände, dann aber auch dadurch, daß wirklich immer nachweisbar das sexuelle Verhältnis irgendeine Rolle spielt. Nun, der Psychoanalytiker Jung, der das Buch geschrieben hat «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», Professor Jung in Zürich ist nun nicht der Meinung, daß man auskomme mit der Freudschen Sexualtheorie, Neurosetheorie, sondern er ist einer andern Meinung.
[ 19 ] On the other hand, this is precisely the point where—because analytical psychology is an attempt at understanding using inadequate means—the greatest possible danger begins. That is why the matter becomes so dangerous, because, I would say, this thirst for knowledge is so immensely seductive; seductive due to the circumstances of the times, but also because the sexual relationship demonstrably always plays some role. Now, the psychoanalyst Jung, who wrote the book *The Psychology of Unconscious Processes*—Professor Jung in Zurich—does not believe that one can make do with Freud’s theory of sexuality and neurosis; rather, he holds a different view.
[ 20 ] Jung hat bemerkt, daß Freud auch seine Gegner hat. Unter diesen Gegnern Freuds ist auch ein gewisser Adler. Dieser Adler steht auf einem ganz andern Standpunkte. Wie Freud eine große Anzahl von Fällen geprüft hat — Sie können das alles bei Jung in seinem Buche nachlesen — und überall das Sexuelle hineinspielen gesehen hat und daher die Induktion, den Schluß gezogen hat: Also ist eigentlich das Sexuelle die auslösende Ursache —, so hat sich Adler eine andere Seite der Sache besonders angesehen und hat gefunden, daß diese andere Seite wesentlich wichtiger sei als diejenige, die Freud in den Vordergrund gestellt hat. Adler — ich will im allgemeinen nur charakterisieren — fand, daß, ebenso wie das Sexuelle im Menschen eine sehr dominierende Rolle spielt, noch ein anderer Trieb eine sehr dominierende Rolle spielt, das ist der Trieb: Macht zu bekommen über seine Umgebung, der Machttrieb. Wille zur Macht sollte ja bei Nietzsche sogar ein philosophisches Prinzip sein. Und man kann, geradeso wie Freud das Sexuelle zur 'Theorie gemacht hat, auch für den Machttrieb unzählige Fälle zusammenstellen. Man braucht nur Hysterische einmal zu analysieren, die Fälle sind gar nicht so selten. Nehmen Sie an, eine Dame sei hysterisch; sie bekommt Krämpfe — besonders Herzkrämpfe sind in einem solchen Falle sehr beliebt — und alle möglichen Zustände. Das Haus wird in Bewegung gesetzt, die ganze Umgebung, alles Mögliche; die Ärzte werden herbeigeschafft, die Kranke wird ungeheuer bedauert. Kurz, sie übt eine tyrannische Macht über die Umgebung aus. Ein vernünftiger Mensch weiß in einem solchen Fall, daß einem solchen Menschen meist gar nichts fehlt in Wirklichkeit, obwohl sie durchaus ihres krankhaften Zustandes sich bewüßt sind und darunter leiden. Aber es fehlt ihnen in Wirklichkeit nichts, sie sind eigentlich gesund, und sind auch krank, wenn Sie wollen. Man kann sie für gesund und als krank auffassen. Sie fallen gewiß hin, indem sie ohnmächtig werden im Herzkrampf; aber sie fallen in der Regel auf den Teppich, und nicht daneben! Man kann diese Dinge sehr gut beobachten.
[ 20 ] Jung noted that Freud also has his opponents. Among Freud’s opponents is a certain Adler. Adler takes a completely different standpoint. Just as Freud examined a large number of cases—you can read all about this in Jung’s book—and saw the sexual factor at play in every one, leading him to the conclusion that: “So the sexual is actually the triggering cause”—Adler, however, looked particularly at another aspect of the matter and found that this other aspect was far more important than the one Freud had emphasized. Adler—I’m just giving a general overview here—found that, just as the sexual plays a very dominant role in human beings, another drive also plays a very dominant role: the drive to gain power over one’s environment, the power drive. For Nietzsche, the will to power was even supposed to be a philosophical principle. And just as Freud “theorized” the sexual drive, one can also compile countless cases illustrating the power drive. One need only analyze a hysterical patient; such cases are not at all rare. Suppose a woman is hysterical; she experiences spasms—heart spasms, in particular, are very common in such cases—and all sorts of other symptoms. The whole house is thrown into a frenzy, the entire neighborhood, everything imaginable; doctors are summoned, and the patient is pitied immensely. In short, she exercises a tyrannical power over her surroundings. A reasonable person knows in such a case that, in reality, there is usually nothing wrong with such a person, even though they are fully aware of their pathological condition and suffer from it. But in reality, nothing is wrong with them; they are actually healthy—and yet they are also sick, if you will. One can regard them as both healthy and sick. They certainly fall down when they faint from a heart attack; but they usually fall onto the carpet, and not beside it! One can observe these things very clearly.
[ 21 ] Dieses nun, was ins Unbewußte hinunterdrängt, was Machttrieb ist, das führt insbesondere leicht zu hysterischen Zuständen. Adler hat vorzugsweise versucht, die Fälle, die ihm zu Gebote standen, nun nach diesem Machttrieb zu untersuchen, hat wiederum gefunden, daß überall, wo hysterische Fälle auftreten, irgendwie etwas nachgewiesen werden kann, daß der Machttrieb in irgendeiner Weise aufgestachelt worden ist und ins Krankhafte verzerrt worden ist. Jung sagt sich: Nun ja, schließlich kann man dem Adler nicht Unrecht geben; das, was er beobachtet hat, ist da. Man kann dem Freud nicht Unrecht geben; das, was er beobachtet hat, ist da. Also wird es halt mal so, mal so sein.
[ 21 ] This—that which is repressed into the unconscious, that which is the power drive—leads particularly easily to hysterical states. Adler sought primarily to examine the cases available to him in light of this power drive, and found that wherever hysterical cases occur, it can be demonstrated in some way that the power drive has been provoked in some manner and distorted into a pathological state. Jung says to himself: Well, after all, one cannot say Adler is wrong; what he observed is there. One cannot say Freud is wrong; what he observed is there. So it will just be one way at times and another way at other times.
[ 22 ] Das ist auch ganz vernünftig, es wird schon bald so, bald so sein. Aber nun baut Jung eine besondere Theorie darauf auf. Diese Theorie ist nicht uninteressant, wenn man sie nicht bloß abstrakt als Theorie nimmt, sondern wenn man sie so betrachtet, daß man in ihr zugleich ein Wirken von Zeitimpulsen sieht, von dem, was in die Zeit hereinspielt, namentlich von dem Erkenntnisohnmächtigen, möchte ich sagen, unserer Zeit, von den Erkenntnisunzulänglichkeiten. Jung sagt: Es gibt überhaupt zwei Menschentypen, zweierlei Menschen. Bei dem einen Menschentypus ist mehr das Fühlen ausgebildet, bei dem andern mehr das Denken. |
[ 22 ] That makes perfect sense; things will be one way one moment and another the next. But now Jung is building a special theory on this. This theory is not uninteresting if one does not merely take it abstractly as a theory, but rather views it in such a way that one sees in it, at the same time, the influence of temporal impulses—of what plays into time—namely, I would say, the cognitive impotence of our time, the inadequacies of our understanding. Jung says: There are, in general, two types of people, two kinds of human beings. In one type, feeling is more developed; in the other, thinking is more developed. |
[ 23 ] Nun, es hat also wiederum einmal ein großer Gelehrter eine epochemachende Entdeckung gemacht, die eigentlich jeder vernünftige Mensch in seiner nächsten Umgebung als auf der Straße liegend immer machen kann; denn daß man die Menschen in Gefühlsmenschen und in Gedankenmenschen einteilen kann, liegt ja so ziemlich auf der Hand. Aber Gelehrsamkeit hat noch eine andere Aufgabe; sie muß die Dinge nicht so laienhaft betrachten, dadurch, daß sie etwa sagt: Unter den Menschen unserer Umgebung sind zwei Typen, Gefühlsmenschen und Verstandesmenschen —, sondern Gelehrsamkeit muß etwas anderes noch machen. Gelehrsamkeit sagt in einem solchen Falle, der, der sich einfühlt, begibt sich gewissermaßen aus sich selbst heraus zur Objektivität; der andere zieht sich gewissermaßen vom Objekt zurück oder hält davor an und denkt darüber. Der erste heißt der extravertierte Typus, der andere heißt der introvertierte Typus. Der erste wäre also der Gefühlsmensch, der zweite der Verstandesmensch. Also nicht wahr, es ist eine gelehrte Einteilung gemacht, scharfsinnig, geistreich, wirklich entsprechend bis zu einem gewissen Grade, das ist nicht abzuleugnen.
[ 23 ] Well, once again a great scholar has made an epoch-making discovery that any reasonable person in their immediate surroundings could actually make at any time—it’s practically lying right there on the street; for the fact that people can be divided into emotional types and intellectual types is, after all, pretty much self-evident. But scholarship has another task as well; it must not view things in such a layman-like way—by saying, for example: “Among the people around us, there are two types, emotional people and rational people”—but scholarship must do something else as well. In such a case, scholarship says that the person who empathizes, so to speak, steps out of themselves toward objectivity; the other, so to speak, withdraws from the object or pauses before it and reflects upon it. The first is called the extroverted type, the other the introverted type. The first would thus be the emotional person, the second the rational person. So isn’t it true that this is a scholarly classification—insightful, witty, and truly accurate to a certain degree? That cannot be denied.
[ 24 ] Nun sagt Jung weiter: Beim extravertierten Typus — also demjenigen, wo der Mensch vorzugsweise in Gefühlen lebt —, bei dem bleiben sehr häufig die Verstandesbegriffe im Unterbewußten stecken; er lebt in Gefühlen, aber im Unterbewußten bleiben die Verstandesbegriffe stecken. Und jetzt kommt er in Kollision mit dem, was er in seinem Bewußtsein hat, und dem, was da unten im Unterbewußten herumwimmelt als Verstandesbegriffe. Aus dieser Kollision können allerlei Zustände herkommen. Diese Zustände werden vorzugsweise bei solchen Menschen eintreten, welche gefühlsmäßige Anlagen haben.
[ 24 ] Now Jung goes on to say: In the extraverted type—that is, the type in which a person lives primarily through feelings—intellectual concepts very often get stuck in the subconscious; the person lives through feelings, but the intellectual concepts remain stuck in the subconscious. And now they come into conflict with what they have in their consciousness and what is swarming down there in the subconscious in the form of intellectual concepts. All sorts of states can arise from this conflict. These states will occur primarily in people who have an emotional disposition.
[ 25 ] Dagegen bei den andern, die mehr sich mit dem Geist beschäftigen, bei den Verstandesmenschen, bleiben die Gefühle im Untergrunde und drängen im Unterbewußten, wimmeln im Unterbewußten und kommen in Kollision mit dem bewußten Leben. Das bewußte Leben kann sich nicht erklären, was da eigentlich an es heranschlägt. Es sind die unterbewußten Gefühle. Und aus dem Umstande, daß der Mensch eigentlich nie vollständig ist, sondern einmal der Typus, einmal jener Typus ist, können solche Zustände entstehen, daß das Unterbewußte revoltiert gegen das Bewußte. Und das kann eben sehr häufig zu hysterischen Zuständen führen.
[ 25 ] In contrast, for those who are more concerned with the mind—the rationalists—emotions remain buried beneath the surface, surging in the subconscious, swarming there, and coming into conflict with conscious life. Conscious life cannot explain what is actually assailing it. These are the subconscious emotions. And because human beings are never truly complete—but are sometimes one type, sometimes another—situations can arise in which the subconscious rebels against the conscious mind. And this can very often lead to hysterical states.
[ 26 ] Nun, nicht wahr, man kann sagen, die Theorie Jungs ist ja eigentlich nichts als eine Umschreibung, wie gesagt des trivialen Urteils von dem Gefühlsmenschen und dem Verstandesmenschen, und es ist keine besondere Vertiefung des Tatbestandes. Aber aus alledem müssen Sie ersehen, daß immerhin die Menschen der Gegenwart aufmerksam werden auf allerlei seelische Eigentümlichkeiten, daß ihnen diese seelischen Eigentümlichkeiten vor das Geistesauge treten und sie sich damit befassen, daß sie fragen: Was geht vor in einem Menschen, in dem solche Dinge auftreten? — Immerhin, die Leute sind so weit, sich zu sagen: Physiologische, anatomische Veränderungen sind es nicht. — Über den bloßen Materialismus sind die Leute doch hinaus; den bloßen Materialismus geben sie nicht zu; sie reden vom Seelischen. Also immerhin sicher ein Weg, auf dem die Leute suchen, aus dem bloßen Materialismus herauszukommen und das Seelische ins Auge zu fassen.
[ 26 ] Well, one could say that Jung’s theory is really nothing more than a rephrasing—as I mentioned—of the trivial distinction between the “feeling” person and the “intellectual” person, and it does not offer any particular deepening of the issue. But from all this you must see that, at any rate, people today are becoming aware of all sorts of psychological peculiarities, that these psychological peculiarities appear before their inner eye and they grapple with them, asking: What is going on inside a person in whom such things occur? — At any rate, people have come far enough to say to themselves: These are not physiological or anatomical changes. — People have moved beyond mere materialism after all; they do not accept mere materialism; they speak of the soul. So this is certainly one path along which people are seeking to move beyond mere materialism and to take the soul into account.
[ 27 ] Nun ist es aber höchst eigentümlich, wie, wenn man näher zusieht, die Erkenntnisunzulänglichkeiten eigentümlich wirken, wie wirklich der Erkenntnisversuch mit unzulänglichen Mitteln die Leute in merkwürdige Bahnen hineinführt. Nur muß ich ausdrücklich bemerken, die Menschen sehen nicht, in was sie hineingetrieben werden, und ihre Anhänger und Leser und Zeitgenossen sehen es auch nicht. Die Sache wird, wenn man sie richtig betrachtet, wirklich eine sehr gefährliche Seite haben, weil so vieles nicht gesehen wird dabei, also selbst im Unterbewußten rumort bei den Leuten. Es ist ganz eigentümlich, die Theorien selbst rumoren im Unterbewußten. Die Leute stellen eine Theorie über das Unterbewußte auf, aber sie rumoren selber mit ihrer Theorie im Unterbewußten.
[ 27 ] But it is highly peculiar how, upon closer inspection, the shortcomings of our understanding have such a peculiar effect—how the very attempt to understand using inadequate means leads people down strange paths. But I must expressly point out that people do not see what they are being driven into, and neither do their followers, readers, and contemporaries. When viewed correctly, this matter actually has a very dangerous side to it, because so much goes unnoticed in the process—it stirs up turmoil even in people’s subconscious. It is quite peculiar: the theories themselves stir up turmoil in the subconscious. People formulate a theory about the subconscious, but the theory itself stirs up turmoil in their subconscious.
[ 28 ] Jung betreibt die Sache als Arzt, und das ist ja im Grunde bedeutsam, daß man die Patienten seelisch-therapeutisch behandelt von diesem Gesichtspunkte aus. Zahlreiche Menschen arbeiten daran, die Sache überzuführen in die Pädagogik, sie pädagogisch anzuwenden. Also wir sehen schon, wir stehen hier nicht vor einer eingeschränkten Theorie, sondern vor dem Versuche, etwas zu einer Kulturerscheinung zu machen. Es ist sehr interessant, wie also jemand, der als Arzt die Sache behandelt wie Jung, wie der, indem er allerlei Fälle wiederum beobachtete, behandelte auch, sogar scheinbar auch wirklich kurierte, wie der immer weiter und weiter getrieben wird. Und so wird Jung zu folgendem getrieben. Er sagt sich: Man muß also, wenn man solche abnormen Erscheinungen im Seelenleben eines Menschen findet, in diesem Seelenleben des Menschen weitersuchen, vor allen Dingen suchen, inwiefern infantile, kindliche Ereignisse auf das Seelenleben des Menschen einen Eindruck gemacht haben und nachwirken. — Das ist ja etwas, was man insbesondere auf diesem Gebiete sucht: infantile Nachwirkungen, Nachwirkungen aus der Kindheitszeit. Ich habe Ihnen ja das Beispiel angeführt, das in der psychoanalytischen Literatur eine große Rolle spielt.
[ 28 ] Jung approaches the matter as a physician, and it is, after all, significant that patients are treated psychologically from this perspective. Numerous people are working to translate this approach into the field of education and apply it pedagogically. So we can already see that we are not dealing here with a limited theory, but rather with an attempt to turn something into a cultural phenomenon. It is very interesting how someone like Jung, who approaches the matter as a physician—by observing all kinds of cases, treating them, and even seemingly curing them—is driven further and further. And so Jung is driven to the following conclusion. He tells himself: When one finds such abnormal phenomena in a person’s psychological life, one must search further within that person’s psychological life, seeking above all to determine to what extent infantile, childhood events have left an impression on the person’s psychological life and continue to have an effect. — That is, after all, something one seeks in particular in this field: infantile aftereffects, aftereffects from childhood. I have, of course, cited the example for you that plays a major role in psychoanalytic literature.
[ 29 ] Nun kommt aber Jung darauf, daß bei den wirklichen Krankheitsfällen sehr zahlreich diejenigen sind, wo es sich nicht nachweisen läßt, daß der Mensch als Individuum irgend etwas hat, wenn man auch bis in die früheste Kindheit zurückgeht. Wenn man alles, mit dem der Mensch in Berührung gekommen ist, ins Auge faßt — man findet den Konflikt im Individuum Mensch, das man vor sich hat, nicht, woraus sich die Sache erklären ließe. Dadurch kommt Jung zu einer Unterscheidung von zwei Unbewußten: erstens das individuelle Unbewußte, das also im Menschen drinnensteckt, wenn auch nicht im Bewußtsein. Nicht wahr, wenn die junge Dame in der Kindheit aus dem Wagen gesprungen ist und einen Schock bekommen hat, so ist das längst entschwunden, ist nicht mehr im Bewußtsein, sondern es wirkt unterbewußt. Wenn man nun dieses Unbewußte nimmt — der Mensch hat unzähliges Unbewußte in sich —, so bekommt man das persönliche oder individuelle Unbewußte. Das ist das erste, was Jung unterscheidet.
[ 29 ] Jung now points out, however, that among actual cases of illness, there are a great many in which it cannot be demonstrated that the individual has any particular condition, even when one goes back to the earliest childhood. When one considers everything the person has come into contact with—one does not find the conflict within the individual standing before one that could explain the matter. This leads Jung to distinguish between two types of unconscious: first, the individual unconscious, which is thus contained within the person, even if not in consciousness. Isn’t it true that if the young lady jumped out of the car as a child and suffered a shock, that experience has long since faded; it is no longer in her consciousness, but it continues to influence her subconsciously. If we now take this unconscious—a person has countless aspects of the unconscious within them—we arrive at the personal or individual unconscious. This is the first distinction Jung makes.
[ 30 ] ‚Das zweite ist aber das überpersönliche Unbewußte. Er sagt: Es sind auch solche Dinge, die ins Seelenleben hereinspielen, die nicht in der Persönlichkeit sind, die aber auch nicht im Materiellen draußen in der Welt sind, die also angenommen werden müssen als in einer seelischen Welt vorhanden.
[ 30 ] “The second, however, is the transpersonal unconscious. He says: There are also things that influence the life of the soul—things that are not part of the personality, yet are not part of the material world outside either—and which must therefore be assumed to exist in a spiritual world.
[ 31 ] Nun geht doch die Psychoanalyse darauf hinaus, solche Seeleninhalte zum Bewußtsein zu bringen. Das soll ja gerade die Therapie, die Heilmethode sein: die Sache zum Bewußtsein zu bringen. Also muß der Arzt darauf ausgehen, nicht nur das aus dem Kranken herauszuforschen, was der Kranke individuell erlebt hat, sondern auch allerlei anderes, was er gar nicht individuell erlebt hat, was auch draußen in der Welt nicht war, sondern seelischer Inhalt ist. Dabei kommen ja die Psychoanalytiker darauf, daß sie sagen: Eigentlich hat der Mensch nicht nur das erlebt, was er selbst seit seiner physischen Geburt erlebte, sondern von seiner physischen Geburt an weiter zurück alles Mögliche. Und das rumort jetzt in ihm. Ein Mensch, der heute geboren wird, erlebt also auch unterbewußt zum Beispiel die Sage von Ödipus. Nicht bloß lernt er die Sage von Ödipus in der Schule, diese Sage erlebt er. Er erlebt die griechischen Götter; er erlebt die ganze Vergangenheit der Menschheit mit. Und das Schlimme besteht gerade darinnen, daß der Mensch dieses alles nun erlebt, aber es will nicht herauf ins Bewußtsein. Der Psychoanalytiker muß sich also sagen — und bis zu diesem Grade geht er sogar: Das griechische Kind erlebte das auch; aber dem Griechen, dem erzählte man das; der erlebte es also auch im Bewußtsein. Der heutige Mensch, der erlebt es auch, aber es rumort in ihm — bei dem extravertierten Menschen in unterbewußten Gedanken, bei dem introvertierten als unterbewußte Gefühle. Das rumort in den Menschen drinnen; das rumort wie Dämonen.
[ 31 ] Psychoanalysis, after all, aims to bring such mental contents into consciousness. That is precisely what the therapy, the healing method, is supposed to be: bringing the matter into consciousness. Therefore, the physician must set out not only to uncover what the patient has experienced individually, but also all sorts of other things that the patient has not experienced individually—things that did not even exist out in the world, but are rather psychological content. In doing so, psychoanalysts come to the conclusion that they say: In fact, a person has not only experienced what they themselves have experienced since their physical birth, but all sorts of things going back even further than that. And that is now churning within them. A person born today, for example, also experiences the myth of Oedipus on a subconscious level. They don’t merely learn the myth of Oedipus in school; they experience this myth. They experience the Greek gods; they experience the entire past of humanity. And the problem lies precisely in the fact that people now experience all of this, but it does not rise to the surface of consciousness. The psychoanalyst must therefore tell themselves—and they even go so far as to say: The Greek child experienced that as well; but the Greek was told about it; thus, he also experienced it in his consciousness. Modern man also experiences it, but it rumbles within him—in the extroverted person as subconscious thoughts, in the introverted person as subconscious feelings. It rumbles inside people; it rumbles like demons.
[ 32 ] Nun denken Sie sich, vor welcher Notwendigkeit eigentlich der Psychoanalytiker steht, wenn er seiner Theorie treu ist! Er stünde eigentlich vor der Notwendigkeit, diese Dinge ernst zu nehmen und einfach zu sagen: Nun ja, wenn heute ein Mensch aufwächst, und das ihn gerade zur Krankheit führen kann, daß er eine Beziehung hat zu dem, was in ihm rumort, und er doch nichts weiß von dieser Beziehung, so muß man ihm eben diese Beziehung bewußt machen, so muß man ihm gerade erklären, daß es eine geistige Welt gibt, daß es darin Götter gibt, daß es verschiedene Götter gibt. Denn so weit kommt sogar der Psychoanalytiker, daß er sagt: Die menschliche Seele hat ihre Beziehung zu den Göttern; aber es liegt eine Krankheitsursache darinnen, daß sie nichts weiß von diesen Beziehungen. Alle möglichen Auskunftsmittel sucht der Psychoanalytiker. Aber diese Auskunftsmittel sind manchmal grotesk. — Nehmen wir an, ein hysterischer Kranker kommt und zeigt diese oder jene hysterische Erscheinung, weil er Furcht hat vor einem Dämon, sagen wir einem Feuerdämon. Frühere Menschen haben an Feuerdämonen geglaubt, haben von Feuerdämonen auch Anschauungen gehabt, haben gewußt davon. Die jetzigen haben auch Beziehungen zu Feuerdämonen das gibt der Psychoanalytiker zu —, aber die Beziehungen sind nicht bewußt, und man erklärt es den Menschen auch nicht, daß es Feuerdämonen gibt. Also führt das zur Krankheitsursache. Jung versteigt sich sogar so weit, daß er sagt: Die Götter, zu denen man Beziehungen hat, aber von deren Beziehungen man nichts weiß, die rächen sich, die zürnen, die rächen sich; und es kommt die Rache als Hysterie zum Vorschein. — Schön. Er sagt also, solch ein heutiger Mensch, der nun malträtiert wird in seinem Unterbewußten von einem Dämon, er weiß nicht, daß es im Feuer Dämonen gibt; ein Feuerdämon quält ihn, aber er kann keine Beziehung zu ihm kriegen, denn — das ist Aberglaube! Das geht nicht. Was tut denn solch ein armer moderner Mensch, der über der Sache krank wird? Er projiziert die Sache nach außen, das heißt, er sucht sich irgendeinen Freund auf, den er vorher ganz gern gehabt hat oder dergleichen, und sagt: Der ist es, der verfolgt mich, der schimpft über mich. — Er fühlt sich von ihm verfolgt und so weiter. Das heißt, der betreffende Kranke hat einen Dämon, der ihn quälte, in einen andern Menschen hineinprojiziert.
[ 32 ] Now just imagine the dilemma the psychoanalyst actually faces if he remains true to his theory! He would actually be faced with the necessity of taking these things seriously and simply saying: Well, if a person grows up today—and the very fact that he has a relationship with what is churning within him, yet knows nothing of this relationship, can lead him to illness—then one must simply make him aware of this relationship; one must explain to him precisely that there is a spiritual world, that there are gods within it, and that there are various gods. For even the psychoanalyst goes so far as to say: The human soul has a relationship with the gods; but the fact that it knows nothing of these relationships is a cause of illness. The psychoanalyst seeks all manner of means of information. But these means of information are sometimes grotesque. — Let’s suppose a hysterical patient comes in and exhibits this or that hysterical symptom because he is afraid of a demon—let’s say a fire demon. People in the past believed in fire demons, had conceptions of fire demons, and knew about them. People today also have relationships with fire demons—the psychoanalyst admits this—but these relationships are not conscious, and people are not told that fire demons exist. So this leads to the cause of the illness. Jung even goes so far as to say: The gods with whom one has a relationship, but of whose existence one is unaware, take revenge; they are angry; they take revenge; and this revenge manifests itself as hysteria. — Fine. So he says that such a modern person, who is now being tormented in his subconscious by a demon, does not know that there are fire demons; a fire demon torments him, but he cannot establish a connection with it, because—that’s superstition! That’s not possible. What, then, does such a poor modern person do when he becomes ill because of this? He projects the issue outward; that is, he seeks out some friend whom he used to like quite a bit, or someone similar, and says: “It’s him who’s persecuting me, he’s badmouthing me.” — He feels persecuted by him and so on. In other words, the person in question has projected the demon that was tormenting him onto another person.
[ 33 ] Oftmals besteht die Therapie, die die Psychoanalytiker anwenden, darinnen, daß sie die Sache ablenken auf sich. Da kommt es sehr häufig vor, daß — in gutem und in bösem Sinne — die Patienten den Arzt zum Gott oder zum Teufel machen.
[ 33 ] Often, the therapy employed by psychoanalysts consists of diverting the focus onto themselves. It is very common—in both a positive and a negative sense—for patients to turn the doctor into a god or a devil.
[ 34 ] Sie sehen die außerordentlich interessante Tatsache, daß der Arzt der Gegenwart gedrängt wird, sich zu sagen: Die Menschen sind von Geistern gequält, und weil man ihnen von Geistern keine Lehre gibt, weil sie keine Lehre aufnehmen, also in ihrem Bewußtsein nichts davon aufnehmen, so werden sie zu Quälgeistern untereinander, projizieren ihre Dämonen nach außen, reden einander allerlei dämonisches Zeug auf und so weiter. — Und wie radikal verhängnisvoll der Psychoanalytiker das ansieht, das mag Ihnen daraus hervorgehen, daß Jung folgenden interessanten Fall anführt. Er sagt, gewisse seiner Kollegen sagen, wenn nun einer solche Seelenenergien in sich hat, die von solchen Quälereien kommen, so müsse man sie ableiten auf etwas. Also nehmen wir an, gehen wir wieder zurück auf Elementarfälle der Psychoanalyse: Eine Patientin kommt; ihre Krankheit rührt davon her, wie man nach dem Abhören der psychoanalytischen Beichte findet, daß sie in früherer Zeit in jemand verliebt war, den sie nicht gekriegt hat, und das ist ihr geblieben. Es könnte auch ein Dämon sein, der sie quält; aber in den meisten Fällen, die die Ärzte beobachten, ist es so, daß irgend etwas sich ereignet hat in dem individuellen Unterbewußten, das sie unterscheiden von dem überindividuellen Unterbewußten. Und da versucht der Arzt abzuleiten, indem er das, was unausgegorene Phantasie ist, ableiten, überleiten will. Also er sagt: Wenn eine liebebedürftige Seele da ist, die den «Ihren» nicht gekriegt hat, müsse sie diese Liebesmenge, die sie da nicht anwenden könne, in Samariterdienste wenden, sie müsse diesen oder jenen Wohltätigkeitsveranstaltungen vorstehen und so weiter. — Na, es kann das recht gut gemeint sein; aber Jung sagt selber, es läßt sich nicht immer diese Energie so ableiten. Selbstverständlich, der gelehrte Herr muß wiederum ein bißchen eine Auskunft haben; deshalb sagt er, die Energien, die auf solche Weise in der Seele sitzen, haben ein gewisses Gefälle; das kann man nicht immer dirigieren. Nun, ich habe gar nichts gegen diese Ausdrücke, ich möchte nur hervorheben, daß es nur, nicht wahr, durchaus nichts anderes ist als eine Umsetzung desjenigen, was der Laie sehr häufig bespricht, aber natürlich so, wie er sich ausdrückt. Aber Jung erzählt nun einen Fall, der sehr interessant ist, der gut ausdrückt, wie dieses Gefälle eben nicht dirigiert werden kann.
[ 34 ] You can see the extraordinarily interesting fact that today’s doctors are compelled to admit to themselves: People are tormented by spirits, and because they are not taught about spirits—because they do not absorb such teachings, that is, because they do not incorporate any of this into their consciousness—they become tormentors of one another, projecting their demons outward, talking all sorts of demonic nonsense to one another, and so on. — And just how radically disastrous the psychoanalyst views this may become clear to you from the fact that Jung cites the following interesting case. He says that certain colleagues of his maintain that if someone possesses such psychological energies within themselves that stem from such torments, then these must be channelled toward something. So let’s assume—let’s go back to elementary cases in psychoanalysis: A female patient comes in; her illness stems from the fact—as one discovers after listening to her psychoanalytic confession—that she was once in love with someone she couldn’t have, and that has stayed with her. It could also be a demon tormenting her; but in most cases observed by doctors, something has occurred in the individual subconscious—which they distinguish from the supra-individual subconscious. And there the doctor attempts to channel this by trying to redirect what is an unformed fantasy. So he says: If there is a soul in need of love who has not found “the one,” she must channel this surplus of love—which she cannot otherwise express—into acts of charity; she must preside over this or that charitable event, and so on. — Well, this may be well-intentioned; but Jung himself says that this energy cannot always be channeled in this way. Of course, the learned gentleman must have some explanation for this; that is why he says that the energies residing in the soul in this way have a certain momentum; one cannot always direct them. Well, I have nothing against these expressions; I just want to emphasize that it is, after all, nothing other than a rephrasing of what the layperson very often discusses—but, of course, in the way the layperson expresses it. But Jung now recounts a case that is very interesting, one that clearly illustrates how this flow simply cannot be directed.
[ 35 ] Ein Mann, Amerikaner, typischer Mensch der Gegenwart, Selfmademan, hat sich zum tüchtigen Führer und Leiter eines Geschäftes gemacht, hat mit Riesenkraft diesem Geschäft sich gewidmet, großen Erfolg gehabt, große Einkünfte auch und denkt nun: Demnächst werde ich fünfundvierzig Jahre alt, nun habe ich mich geplagt genug in meinem Leben, jetzt werde ich mir auch einmal Ruhe gönnen. Und er kauft sich einen Landsitz mit Autos und Tennisplätzen und allem, was dazu gehört. Er dachte also, mit fünfundvierzig Jahren sein Geschäft zu verlassen und da hinaus auf den Landsitz zu ziehen und da zu leben, bloß die Tantiemen zu beziehen von dem Geschäft. Aber siehe da, als er auf seinem Landsitz eine Zeitlang war, spielte er nicht Tennis, fuhr nicht Auto, ging nicht in die Theater, hatte keine Freude an den Blumen, die angelegt waren, sondern setzte sich einsam in sein Zimmer und brütete vor sich hin. Da tat es ihm weh, da tat es ihm weh, alles tat ihm weh, und tatsächlich schmerzte ihn bald der Kopf, bald die Brust, bald die Beine. Also er konnte sich selber nicht mehr ausstehen, hörte auf zu lachen, war müde, abgespannt, hatte immerfort Kopfschmerzen, es war schrecklich. Keine Krankheit; keine für den Arzt zu konstatierende Krankheit. So ist es ja bei sehr vielen Menschen in der Gegenwart, nicht wahr; sie sind eigentlich ganz gesund und sind doch krank. Ja, also eine Krankheit war nicht da. Der Arzt wußte schon nichts anderes, als zu sagen: Sehen Sie, die Geschichte ist seelisch — das sagen ja heute schon die Ärzte —, Sie sind seelisch krank; Sie haben sich den Geschäftsverhältnissen angepaßt, da sind Sie drinnen, jetzt können Ihre Energien nicht gleich andere Gefälle annehmen, sie haben ihr eigenes Gefälle, sie können nicht dirigiert werden. Gehen Sie wiederum zurück in Ihr Geschäft, das ist das einzige Mittel, das ich weiß. — Nun, der betreffende Herr sieht das auch ein. Aber siehe da, jetzt kann er auch nicht mehr im Geschäft etwas leisten! Er ist untauglich, er ist jetzt drinnen ebenso krank wie er draußen war auf seinem Landsitz.
[ 35 ] A man—an American, a typical modern-day person, a self-made man—has established himself as a capable leader and manager of a business; he has devoted himself to this business with tremendous energy, achieved great success, earned a large income, and now thinks: “I’ll be forty-five soon; I’ve worked hard enough in my life—now I’m going to treat myself to some rest.” And so he buys a country estate with cars, tennis courts, and everything that goes with it. He planned, then, to leave his business at forty-five, move out to the country estate, and live there, drawing only the royalties from the business. But lo and behold, after he’d been at his country estate for a while, he didn’t play tennis, didn’t drive, didn’t go to the theater, took no pleasure in the flower beds that had been laid out—instead, he sat alone in his room, brooding to himself. It hurt him, it hurt him—everything hurt him—and indeed, one moment his head ached, the next his chest, the next his legs. So he could no longer stand himself, stopped laughing, was tired, exhausted, had constant headaches—it was terrible. No illness; no illness that a doctor could diagnose. That’s how it is with so many people these days, isn’t it? They’re actually perfectly healthy and yet they’re sick. Yes, so there was no illness. The doctor could think of nothing else to say but: “Look, the problem is psychological—that’s what doctors say these days—you’re mentally ill; you’ve adapted to the business environment, you’re caught up in it, and now your energies can’t immediately take on different directions; they have their own momentum, they can’t be directed.” Go back to your business—that’s the only remedy I know.” —Well, the gentleman in question sees that, too. But lo and behold, now he can’t get anything done at work either! He’s unfit for duty; he’s just as sick there as he was out at his country estate.
[ 36 ] Daraus schließt Jung mit Recht: Man kann die Energien nicht so leicht von einem Gefälle auf ein anderes bringen. Selbst wenn man sie wieder zurückbringen will, geht es auch nicht. Der Betreffende kam sogar zu ihm in Behandlung, aber er konnte diesem Manne auch nicht helfen, weil es schon zu spät war; es hatte die Krankheit schon zu stark um sich gegriffen, man hätte früher eingreifen müssen. Dies zeigt Ihnen, daß es mit der Therapie der Ableitung auch schon seine Schwierigkeiten hat. Jung führt das Beispiel selber an.
[ 36 ] From this, Jung rightly concludes: It is not so easy to transfer energies from one gradient to another. Even if one wants to bring them back, it is not possible. The person in question even came to him for treatment, but he could not help this man either, because it was already too late; the disease had already taken too strong a hold, and intervention should have come earlier. This shows you that the therapy of diversion also has its difficulties. Jung cites this example himself.
[ 37 ] Überall begegnet man Tatsachen, die von Bedeutung, von Wichtigkeit sind, die, jetzt darf ich es wohl sagen, nur durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu bewältigen sein werden, erkenntnismäßig; aber sie sind da. Den Leuten fallen sie auf. Also die Fragen sind da, Sie finden sie überall. Das wird man schon entdecken, daß der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, daß er nicht jenes einfache Wesen ist, von dem man sich eine illusionäre Vorstellung gemacht hat durch die fortgeschrittene Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Vor dem Psychoanalytiker von heute steht eine merkwürdige Tatsache. Wenn Sie diese Tatsache nehmen, ja, für die heutige Wissenschaft ist sie geradezu unerklärlich. In der Anthroposophie werden Sie mit den Mitteln, die Sie schon haben in meinen Vorträgen, leicht eine Erklärung finden. Ich kann aber auf die Erscheinung noch einmal zurückkommen, wenn Sie die Erklärung nicht selber finden sollten. Es kann zum Beispiel vorkommen, daß jemand hysterisch blind wird, also nicht sieht. Es gibt hysterisch Blinde, die also durchaus sehen könnten und doch nicht sehen, seelisch Blinde. Nun kann es sein, daß solche Menschen partiell geheilt werden, sie fangen wieder an zu sehen, aber sie sehen nicht alles. So zum Beispiel kann der eigentümliche Fall eintreten, daß ein solcher hysterisch Blinder wiederum sein Sehvermögen bekommt, alles am Menschen sieht, just nicht den Kopf! Solch ein partiell Geheilter geht also in den Straßen herum und sieht alle Menschen ohne Kopf. Das gibt es wirklich. Es gibt noch viel kuriosere Erscheinungen.
[ 37 ] Everywhere one encounters facts that are significant and important—facts that, I think I can safely say, can only be grasped intellectually through spiritual science or anthroposophy; but they are there. People notice them. So the questions are there; you find them everywhere. People will come to realize that the human being is a complex being, that he is not that simple being about whom we formed an illusory conception through the advanced science of the 19th century. Today’s psychoanalyst is faced with a remarkable fact. If you take this fact—yes, for today’s science it is downright inexplicable. In anthroposophy, you will easily find an explanation using the tools you’ve already acquired in my lectures. But I can return to this phenomenon if you are unable to find the explanation on your own. It can happen, for example, that someone becomes hysterically blind—that is, unable to see. There are hysterically blind people who could certainly see but do not; they are spiritually blind. Now it may be that such people are partially healed; they begin to see again, but they do not see everything. For example, the peculiar case may arise where such a hysterically blind person regains their sight, sees everything about a person—except the head! Such a partially healed person then walks around the streets seeing everyone without a head. This really does happen. There are even more curious phenomena.
[ 38 ] Nun, das alles ist, wie gesagt, mit anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft schon zu bewältigen, und aus einem Vortrage, den ich hier im Lauf des vorigen Jahres gehalten habe, können Sie die Erklärung zum Beispiel für diese Erscheinung leicht finden, daß man auch einmal die Köpfe der Menschen nicht sehen kann. Aber, wie gesagt, dem heutigen Psychoanalytiker liegen alle diese Erscheinungen vor. Und so viel liegt ihm schon vor, daß er sich sagt: Es kann für den Menschen außergewöhnlich verhähgnisvoll werden, wenn er nun Beziehungen gar zu dem Überpersönlich-Unbewußten hat. Aber um Gottes willen, ja, um Gottes willen sagt der Psychoanalytiker nicht, aber um der Wissenschaft willen nur ja nicht etwa jetzt Ernst machen mit der geistigen Welt! Nur ja das nicht! Das geht den Leuten nicht ein, mit der geistigen Welt Ernst zu machen. Und da kommt denn etwas ganz Merkwürdiges zustande. Es wird von den wenigsten Menschen bemerkt, was für sonderbare Erscheinungen unter dem Einfluß dieser Dinge zustande kommen. Ich will sie aus dem Jungschen Buche «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», das vor kurzem erst erschienen ist, aufmerksam machen auf eine außerordentlich interessante Sache, aus der Sie sehen werden, wozu der Psychoanalytiker heute schon kommt. Ich muß Ihnen allerdings ein Stückchen vorlesen: «Nach diesem Beispiel», es sind solche Beispiele, wo er zeigt, daß der Mensch nicht nur mit dem, was in seinem individuellen Leben oder in der Gegenwart ist, sondern weit zurück Beziehungen hat zu allem möglichen Dämonischen und Göttlichen und Geisterhaften und so weiter, «nach diesem Beispiel für die Entstehung neuer Ideen aus dem Schatze der urtümlichen Bilder», hier nennt er es nicht Götter, sondern urtümliche Bilder, «wollen wir die weitere Darstellung des Übertragungsprozesses wieder aufnehmen, Wir sahen, daß die Libido eben in jenen anscheinend ungereimten und absonderlichen Phantasien ihr neues Objekt ergriffen hat, nämlich die Inhalte des absoluten Unbewußten.» Also das absolute Unbewußte ist das überpersönlich Unbewußte, nicht das persönliche. «Wie ich bereits sagte, ist die nicht eingesehene Projektion der urtümlichen Bilder auf den Arzt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die weitere Behandlung.» Also der Patient setzt seine Dämonen heraus und setzt sie auf den Arzt. Das ist eine Gefahr. «Die Bilder enthalten nämlich nicht nur alles Schönste und Größte, das die Menschheit je dachte und fühlte, sondern auch jede schlimmste Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fähig waren.»
[ 38 ] Well, as I said, all of this can already be addressed through anthroposophically oriented spiritual science, and from a lecture I gave here last year, you can easily find an explanation, for example, for this phenomenon—that sometimes one cannot even see people’s heads. But, as I said, today’s psychoanalyst is confronted with all these phenomena. And he already has enough evidence to tell himself: It can become extraordinarily perilous for a person if they have connections even to the transpersonal unconscious. But for heaven’s sake—yes, for heaven’s sake—the psychoanalyst does not say this; but for the sake of science, under no circumstances should we now take the spiritual world seriously! Anything but that! People simply cannot grasp the idea of taking the spiritual world seriously. And that is when something quite strange comes about. Very few people notice what strange phenomena arise under the influence of these things. I would like to draw your attention to an extraordinarily interesting point from Jung’s book *The Psychology of Unconscious Processes*, which was published only recently; from it you will see what conclusions the psychoanalyst has already reached today. I must, however, read you a short passage: “According to this example”—these are the kinds of examples where he shows that human beings have connections not only to what is in their individual lives or in the present, but also, reaching far back, to all manner of demonic, divine, and spirit-like forces, and so on—“according to this example of the emergence of new ideas from the treasure trove of primal images,” here he does not call them gods, but primal images, “let us resume the further description of the transference process. We saw that the libido has seized its new object precisely in those seemingly incoherent and bizarre fantasies, namely the contents of the absolute unconscious.” So the absolute unconscious is the transpersonal unconscious, not the personal one. “As I have already said, the unrecognized projection of primal images onto the doctor is a danger that should not be underestimated for the further course of treatment.” In other words, the patient projects his demons onto the doctor. That is a danger. “For these images contain not only all that is most beautiful and greatest that humanity has ever thought and felt, but also every worst atrocity and devilry of which human beings have ever been capable.”
[ 39 ] Denken Sie, so weit kommt Jung schon, daß er einsieht: Der Mensch hat in sich unbewußt alle Schandtaten und Teufeleien neben dem Schönsten, was die Menschheit je fähig war zu denken und zu fühlen. Also nicht wahr, irgendwie herbei lassen sich die Leute nicht, von Luzifer und Ahriman zu sprechen; aber zu einem solchen Satze versteht er sich: «Die Bilder enthalten nämlich nicht nur alles Schönste und Größte, das die Menschheit je dachte und fühlte, sondern auch jede schlimmste Schandtat und Teufelei, deren die Menschen je fähig waren. Wenn nun der Patient die Persönlichkeit des Arztes von diesen Projektionen nicht unterscheiden kann, dann geht jede Verständigungsmöglichkeit verloren, und die menschliche Beziehung wird unmöglich. Wenn aber der Patient diese Charybdis vermeidet, so fällt er in die Scylla der Introjektion dieser Bilder, d.h. er rechnet ihre Qualitäten nicht dem Arzte zu, sondern sich selber.» Also dann ist er selber der Teufel; er findet selber, daß er der Teufel ist. «Diese Gefahr ist ebenso schlimm. Bei der Projektion schwankt er zwischen einer überschwänglichen und krankhaften Verhimmelung und einer haßerfüllten Verachtung seines Arztes. Bei der Introjektion gerät er in eine lächerliche Selbstvergötterung oder moralische Selbstzerfleischung. Der Fehler, den er beide Male macht, besteht darin, daß er sich persönlich die Inhalte des absoluten Unbewußten zurechnet. So macht er sich selber zum Gott und zum Teufel. Hier liegt der psychologische Grund, warum die Menschen immer der Dämonen bedurften und nie ohne Götter leben konnten, ausgenommen einige besondere kluge Specimina des homo occidentalis von gestern und vorgestern, Übermenschen, deren Gott tot ist, weshalb sie selber zu Göttern werden, und zwar zu rationalistischen Duodezgöttern mit dickwandigen Schädeln und kalten Herzen.»
[ 39 ] Do you think Jung goes so far as to realize that human beings unconsciously harbor within themselves all manner of atrocities and devilry alongside the most beautiful things humanity has ever been capable of thinking and feeling? So it’s true, isn’t it, that people somehow hesitate to speak of Lucifer and Ahriman; but he is able to articulate a statement like this: “For these images contain not only all that is most beautiful and greatest that humanity has ever thought and felt, but also every worst atrocity and diabolical act of which human beings have ever been capable.” If the patient cannot distinguish the doctor’s personality from these projections, then all possibility of communication is lost, and a human relationship becomes impossible. But if the patient avoids this Charybdis, he falls into the Scylla of introjecting these images—that is, he attributes their qualities not to the doctor, but to himself.” In that case, he himself is the devil; he himself believes that he is the devil. “This danger is just as serious. With projection, he vacillates between an exuberant and pathological idolization and a hate-filled contempt for his doctor. With introjection, he falls into ridiculous self-idolatry or moral self-flagellation. The mistake he makes in both cases is that he personally attributes the contents of the absolute unconscious to himself. In this way, he makes himself both God and the devil. Herein lies the psychological reason why people have always needed demons and could never live without gods—with the exception of a few particularly wise specimens of *homo occidentalis* from yesterday and the day before yesterday, supermen whose god is dead, which is why they themselves become gods—namely, rationalistic “duodez gods” with thick-skulled heads and cold hearts.”
[ 40 ] Also Sie sehen, der Psychoanalytiker kommt dazu, zu sagen: Die Menschenseele ist so geartet, daß sie die Götter braucht, daß sie die Götter notwendig hat, daß sie krank werden muß, wenn sie die Götter nicht hat. Daher hat sie immer die Götter gehabt; die Menschen brauchen die Götter. Er spottet sogar, der Psychoanalytiker, daß wenn sie die Götter nicht haben, so müssen sie selber zu Göttern werden, aber nur zu «rationalistischen Duodezgöttern mit dickwandigen Schädeln und kalten Herzen». «Der Gottesbegriff», sagt der Psychoanalytiker weiter, «ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur...»
[ 40 ] So you see, the psychoanalyst goes so far as to say: The human soul is such that it needs the gods, that it requires the gods, that it must become ill if it does not have the gods. That is why it has always had the gods; people need the gods. The psychoanalyst even scoffs that if they do not have the gods, they must become gods themselves—but only “rationalistic twelve gods with thick-skulled heads and cold hearts.” “The concept of God,” the psychoanalyst continues, “is in fact an absolutely necessary psychological function of an irrational nature...”
[ 41 ] Nun, nicht wahr, Sie sehen, weiter kann ja nicht gegangen werden, als auf naturwissenschaftliche Weise die Notwendigkeit des Gottesbegriffes in dieser Art darzustellen. Der Mensch muß den Gott haben, das weiß der Psychoanalytiker heute, er braucht ihn. Aber, ich habe den Satz nicht zu Ende gelesen, lesen wir ihn zu Ende: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat.»
[ 41 ] Well, don’t you see, one cannot go any further than to demonstrate the necessity of the concept of God in this way, using scientific methods. People must have God—as psychoanalysts know today—they need him. But I didn’t finish reading the sentence; let’s read it to the end: “The concept of God is, in fact, an absolutely necessary psychological function of an irrational nature that has absolutely nothing to do with the question of God’s existence.”
[ 42 ] Also hier stoßen Sie, indem Sie Vorder- und Nachsatz zusammenlesen, auf das große Dilemma der Gegenwart. Der Psychoanalytiker beweist einem, daß der Mensch krank wird, wenn er seinen Gott nicht hat; aber diese Notwendigkeit hat mit einer Existenz Gottes nichts zu tun. Und er fährt fort: «Denn diese letztere Frage», nämlich die nach der Existenz Gottes, «gehört zu den dümmsten Fragen, die man stellen kann. Man weiß doch hinlänglich, daß man sich einen Gott nicht einmal denken kann, geschweige denn sich vorstellen, daß er wirklich existiere, so wenig wie man sich einen Vorgang denken kann, der nicht notwendig kausal bedingt wäre.»
[ 42 ] So here, by reading the preceding and following sentences together, you come face to face with the great dilemma of our time. The psychoanalyst proves to you that a person becomes ill when he lacks a God; but this necessity has nothing to do with the existence of God. And he continues: “For this latter question”—namely, the question of God’s existence—“is one of the most foolish questions one can ask. It is well known that one cannot even conceive of a God, let alone imagine that he actually exists, any more than one can conceive of a process that is not necessarily causally determined.”
[ 43 ] Nun bitte ich Sie, hier stehen Sie vor dem Punkt, wo Sie die Dinge abfangen können. Die Dinge sind da, pochen an der Türe der Erkenntnis. Die Leute, die suchen, sind auch da; sie erkennen die absoluteNotwendigkeit, aber — sie betrachten dasjenige, was sie als absolute Notwendigkeit halten, wenn es als ernste Frage aufgeworfen wird, als eine der dümmsten Fragen, die überhaupt aufgeworfen werden.
[ 43 ] Now I ask you: here you stand at the point where you can grasp these things. These things are there, knocking at the door of knowledge. The people who are searching are there, too; they recognize the absolute necessity, but—when what they consider an absolute necessity is raised as a serious question, they regard it as one of the most foolish questions that could possibly be raised.
[ 44 ] Da haben Sie einen der Punkte, wo Sie aus dem heutigen Geistesleben heraus unmittelbar sehen können, woran man eigentlich immer vorbeigeht. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, diese Psychoanalytiker als Seelenkenner oder als Seelenforscher sind noch immer weit, weit über das hinaus, was die landläufige Universitätspsychiatrie bietet — sie sind weit, weit, weit über das hinaus, was die Universitätspsychiatrie, die Universitätspsychologie zumeist bietet, und sie haben Recht in einer gewissen Weise, auf diese schreckliche sogenannte Wissenschaft herabzusehen. Aber man kann sie abfangen an solch einer Stelle, wo man so recht sieht, welchen Dingen die gegenwärtige Menschheit gegenübersteht, indem sie der zeitgenössischen Wissenschaft gegenübersteht.
[ 44 ] There you have one of the points where, from today’s intellectual life, you can immediately see what people actually always overlook. I can assure you that these psychoanalysts, as experts on the soul or as researchers of the soul, are still far, far beyond what conventional university psychiatry has to offer—they are far, far, far beyond what university psychiatry and university psychology generally have to offer, and in a certain sense they are right to look down on this terrible so-called science. But one can catch up with them at a point where one can truly see what challenges contemporary humanity faces in its confrontation with modern science.
[ 45 ] Das bemerken ja zahlreiche Menschen nicht. Die Menschen wissen heute gar nicht, wie heutiger Autoritätsglaube ist. Es war ja niemals solcher Autoritätsglaube, wie er in der Gegenwart herrscht; niemals ist er mehr in dem Unterbewußten drunten gewesen als heute. Man muß immer wieder und wiederum sagen: Ja, um Gottes willen, was tut ihr denn eigentlich, wenn ihr als Therapeuten hysterische Menschen behandelt? — Ihr sucht einen unterbewußten Inhalt, der nicht gelöst ist vom Bewußtsein. Ja, aber man findet solche unterbewußte Inhalte bei den Theoretikern in Hülle und Fülle. Wenn man den heraufhebt aus dem Unterbewußten, dann kommt eben so etwas zum Bewußtsein, wie das, was Ihnen jetzt zum Bewußtsein kommen muß, was in dem Unterbewußten der modernen Ärzte und modernen Patienten rumort. Die ganze Literatur ist davon durchsetzt; es ist ja das überall drinnen, und Sie sind täglich und stündlich dem ausgesetzt, das aufzunehmen. Und weil man nur mit der Geisteswissenschaft auf solche Dinge aufmerksam werden kann, deshalb nehmen so viele Menschen diese Dinge unbewußt auf, saugen sie ein in ihr Unterbewußtsein, und sie sind dann im Unterbewußtsein darinnen.
[ 45 ] Many people don’t realize this. People today have no idea what belief in authority is like nowadays. There has never been such a belief in authority as prevails today; it has never been more deeply embedded in the subconscious than it is today. One must say it again and again: For heaven’s sake, what are you actually doing when you, as therapists, treat hysterical people? — You are looking for subconscious content that is not detached from consciousness. Yes, but one finds such subconscious content in abundance among the theorists. When one brings it up from the subconscious, then something like this comes to consciousness—precisely what must now come to your consciousness: what is churning in the subconscious of modern doctors and modern patients. The entire literature is permeated with it; it is indeed everywhere, and you are exposed to it every day and every hour, absorbing it. And because one can only become aware of such things through spiritual science, that is why so many people absorb these things unconsciously, soak them up into their subconscious, and they then remain there in the subconscious.
[ 46 ] Diese Psychoanalyse hat wenigstens die Menschen aufmerksam gemacht darauf, daß Seelisches als Seelisches zu nehmen ist. Das tun sie. Aber überall sitzt ihnen der Teufel im Nacken. Ich möchte sagen, sie können nicht heran an die geistige Wirklichkeit und wollen vor allen Dingen nicht heran an die geistige Wirklichkeit. Daher findet man überall in der Gegenwart Vorder- und Nachsätze, die das Unglaublichste darstellen. Aber die Menschen in der Gegenwart haben nicht den Aufmerksamkeitsgrad, diese Dinge anzuschauen. Natürlich, wer das Buch von Jung liest «Die Psychologie der unbewußten Prozesse», der müßte ja eigentlich unter den Tisch fallen, wenn er auf seinem Stuhle sitzt, wenn er solch einen Satz liest. Das tut aber der heutige Mensch nicht. Also denken Sie, wieviel wirklich in diesem Unbewußten darinnen liegt bei dieser modernen Menschheit. Und deshalb auch, weil diese Psychoanalytiker sehen, wieviel im Unterbewußten liegt — denn das sehen sie ja —, sehen sie manche Dinge anders als andere Leute. Gleich in der Vorrede sagt zum Beispiel Jung etwas, was in dem einen Teil des Satzes nicht schlecht ist: «Die psychologischen Vorgänge, welche den gegenwärtigen Krieg begleiten, vor allem die unglaubliche Verwilderung des allgemeinen Urteils, die gegenseitigen Verleumdungen, die ungeahnte Zerstörungswut, die unerhörte Lügenfiut und die Unfähigkeit der Menschen, dem blutigen Dämon Einhalt zu tun, sind wie nichts geeignet, das Problem des unter der geordneten Bewußtseinswelt unruhig schlummernden chaotischen Unbewußten dem denkenden Menschen aufdringlich vor die Augen zu rücken. Dieser Krieg hat es dem Kulturmenschen unerbittlich gezeigt, daß er noch ein Barbar ist, und zugleich, was für eine eiserne Zuchtrute für ihn bereit liegt, wenn es ihm etwa noch einmal einfallen sollte, seinen Nachbarn für seine eigenen schlechten Eigenschaften verantwortlich zu machen. Die Psychologie des Einzelnen aber entspricht der Psychologie der Nationen.» Und nun kommt ein Nachsatz, mit dem man wiederum nicht weiß, was man mit ihm anfangen soll. «Was die Nationen tun, tut auch jeder Einzelne, und so lang es der Einzelne tut, tut es auch die Nation. Nur die Veränderung der Einstellung des Einzelnen ist der Beginn zur Veränderung der Psychologie der Nation.»
[ 46 ] This psychoanalysis has at least made people aware that the psychological must be taken as psychological. That is what they do. But the devil is always breathing down their necks. I would say that they cannot grasp spiritual reality—and, above all, do not want to grasp it. That is why, everywhere in the present day, one finds preambles and postfaces that present the most unbelievable things. But people today lack the level of attention required to examine these things. Of course, anyone who reads Jung’s book *The Psychology of Unconscious Processes* would practically fall off their chair when reading such a sentence. But people today do not do that. So just think how much really lies within this unconscious in modern humanity. And that is also why these psychoanalysts, seeing how much lies in the unconscious—for they do see it—view certain things differently from other people. Right in the preface, for example, Jung says something that, in one part of the sentence, is not bad: “The psychological processes accompanying the current war—above all, the incredible coarsening of public judgment, the mutual slander, the unimagined fury of destruction, the unheard-of flood of lies, and people’s inability to rein in the bloody demon—are uniquely suited to forcefully bringing to the attention of thinking people the problem of the chaotic unconscious that slumbers restlessly beneath the ordered world of consciousness. This war has relentlessly shown civilized man that he is still a barbarian, and at the same time, what an iron rod of discipline awaits him should it ever occur to him again to blame his neighbor for his own bad qualities. But the psychology of the individual corresponds to the psychology of nations.” And now comes a postscript that, once again, leaves one unsure of what to make of it. “What nations do, every individual also does, and as long as the individual does it, so does the nation. Only a change in the individual’s attitude is the beginning of a change in the psychology of the nation.”
[ 47 ] Also diese Sätze nebeneinander sind wiederum so, daß sie zeigen, wie destruktiv es auf das Denken wirkt. Denn ich möchte Sie einmal fragen, ob es einen Sinn hat zu sagen: «Was die Nationen tun, tut auch jeder Einzelne.» Dann müßte es ja einen Sinn haben, zu fragen: Könnte es auch der Einzelne tun, ohne daß es die Nationen tun? Nicht wahr, es ist ein absoluter Unsinn, solches zu sagen. Und der Unsinn ist es, der heute selbst bei hervorragenden, großen Geistern überwältigend wirkt; er wirkt überwältigend. Nun soll gar diese Sache, in der solch destruktives Denken wirkt, Therapie nicht nur sein, soll auch pädagogisch leiten. Wiederum liegt die berechtigte Sehnsucht zugrunde, in die Pädagogik ein neues seelisches, spirituelles Element hineinzutragen. Soll dasjenige hineingetragen werden, was mit ganz unzulänglichen Erkenntnismitteln gefunden wird? Das sind die wichtigen Fragen heutzutage!
[ 47 ] So these sentences, when placed side by side, again show just how destructive this is to thinking. For I would like to ask you: Does it make any sense to say, “What the nations do, every individual does as well”? Then it would have to make sense to ask: Could the individual do it without the nations doing it? Isn’t it absolute nonsense to say such a thing? And it is this nonsense that has an overwhelming effect today, even on outstanding, great minds; it has an overwhelming effect. Now, this very matter, in which such destructive thinking is at work, is not only supposed to serve as therapy but also to provide pedagogical guidance. Once again, it is based on the legitimate longing to introduce a new psychological and spiritual element into pedagogy. Should we introduce something that has been discovered using entirely inadequate means of knowledge? These are the important questions today!
[ 48 ] Wir werden nun auch vom Standpunkte anthroposophischer Orientierung auf die Sache zurückkommen, die Sache beleuchten von einem größeren Horizonte aus, werden dann sehen, wie man die Sache viel, viel größer anfangen muß, wenn man überhaupt mit diesen Dingen zurechtkommen will. Aber man muß sie auch konkret anfangen. Man muß vor allen Dingen solche Probleme, die gewöhnlich nur noch mit den alten unzulänglichen Erkenntnismitteln gesucht werden, in das Licht anthroposophischer Erkenntnis rücken.
[ 48 ] We will now return to this matter from the perspective of anthroposophical orientation, examine it from a broader horizon, and then see how one must approach it on a much, much larger scale if one is to come to terms with these things at all. But one must also begin in a concrete way. Above all, one must bring such problems—which are usually still approached only with the old, inadequate means of knowledge—into the light of anthroposophical knowledge.
[ 49 ] Nehmen Sie zum Beispiel das Problem Nietzsche. Ich will heute das Problem nur andeuten; wir wollen solchen Problemen morgen nähertreten. Wir wissen nun schon aus den verflossenen Vorträgen: Von 1841 bis 1879 Geisterkampf oben; von 1879 an die gestürzten Geister im Reiche der Menschen. Solche Dinge und ähnliche werden in künftigen Zeiten eine Rolle spielen müssen, wenn man das Leben der Menschen betrachtet. Denn Nietzsche ist 1844 geboren; drei Jahre gerade ist seine Seele, bevor sie auf die Erde herunterstieg, oben im Reich der Geister im Geisteskampf darinnen. Er ist ein Knabe, als Schopenhauer noch lebt. Schopenhauer stirbt 1860. Erst nachdem Schopenhauer gestorben ist, widmet Nietzsche sich der Lektüre der Schopenhauerschen Schriften. Da wirkt die Seele Schopenhauers mit, die oben in den geistigen Reichen ist. Das ist das reale Verhältnis. Nietzsche liest Schopenhauer; aber Schopenhauer wirkt in den Gedanken Nietzsches, die die Schopenhauerschen Schriften aufnehmen, weiter.
[ 49 ] Take, for example, the problem of Nietzsche. Today I want only to touch on this problem; we will examine such problems in greater detail tomorrow. We already know from previous lectures: From 1841 to 1879, *The Struggle of the Spirits*; from 1879 onward, the fallen spirits in the realm of humans. Such matters and others like them will inevitably play a role in the future when considering human life. For Nietzsche was born in 1844; for exactly three years, before his soul descended to earth, it was engaged in the struggle of the spirits in the realm of the spirits above. He was still a boy when Schopenhauer was still alive. Schopenhauer died in 1860. It was only after Schopenhauer’s death that Nietzsche devoted himself to reading Schopenhauer’s writings. There, Schopenhauer’s soul—which is above in the spiritual realms—exerts its influence. That is the real relationship. Nietzsche reads Schopenhauer; but Schopenhauer continues to exert his influence in Nietzsche’s thoughts, which assimilate Schopenhauer’s writings.
[ 50 ] Aber in welcher Lage ist denn Schopenhauer da oben? Schopenhauer ist da oben von 1860 bis in die ganzen Jahre hinein, wo Nietzsche Schopenhauer liest, drinnen im Kampf der Geister, während dieser noch oben ausgefochten wird. Was also Schopenhauer Nietzsche inspiriert, das nimmt er selber auf im Zusammenhange mit dem Kampf der Geister, in den er hineinversetzt wird. 1879 werden diese Geister vom Himmel auf die Erde heruntergestürzt. Bis 1879 sehen wir Nietzsches Geistesgang sehr merkwürdige Bahnen gehen. Man wird sie künftig erklären aus dem Einflusse Schopenhauers und Wagners. Sie finden in meiner Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» manche Anhaltspunkte dafür. Wagners Einfluß war bis dahin nicht anders, als daß er auf der Erde wirkte. Denn Wagner ist 1813 geboren; 1841 hat erst der Geisterkampf begonnen. Aber Wagner stirbt 1883. Nietzsches Geistesgang beginnt dann seine merkwürdige Richtung in einer gewissen Weise, als der Einfluß Wagners beginnt. Aber Wagner kommt 1883 in die geistige Welt, als der Geisterkampf oben schon vorbei ist, als die Geister schon vom Himmel auf die Erde gestürzt waren. Nietzsche steht drinnen, als die Geister hier auf der Erde herumgehen, Wagner lebt oben, als sie schon heruntergestürzt waren. Der Einfluß Wagners auf Nietzsche post mortem zeigt eine ganz andere Aufgabe, nicht so wie der Einfluß Schopenhauers auf Nietzsche. Hier beginnen die überpersönlichen konkreten Einflüsse; nicht jene abstrakten dämonischen, von denen die Psychoanalyse spricht. Die Menschheit wird sich entschließen müssen, in diese konkrete geistige Welt einzutreten, die Dinge, die auf der Hand liegen, wenn man nur die Tatsachen prüft, wirklich auch aufzufassen. Man wird künftig eine Biographie Nietzsches darnach schreiben, daß er angeregt war von jenem Richard Wagner, der 1813 geboren ist, alles das mitgemacht hat, was führte zu dem glänzenden Wesen, was ich ja charakterisiert habe in meinem Buch, bis 1879; daß er den Einfluß Schopenhauers hatte von seinem sechzehnten Jahre ab, aber Schopenhauer den Geisterkampf mitgemacht hat in der geistigen Welt oben vor dem Jahre 1879, daß er dem Einflusse Wagners ausgesetzt war, nachdem Wagner post mortem in die geistige Welt hineingeführt war, und er herunten war, wo die Geister der Finsternis walteten.
[ 50 ] But what is Schopenhauer’s situation up there? From 1860 onward, throughout the years when Nietzsche was reading Schopenhauer, Schopenhauer was caught up in the “struggle of the spirits” while that struggle was still being waged up there. So whatever it is about Schopenhauer that inspires Nietzsche, he himself takes it up in the context of the battle of the spirits into which he is thrust. In 1879, these spirits are cast down from heaven to earth. Until 1879, we see Nietzsche’s train of thought taking very peculiar turns. In the future, this will be explained by the influence of Schopenhauer and Wagner. You will find some evidence of this in my essay “Friedrich Nietzsche, a Fighter Against His Time.” Until then, Wagner’s influence had been limited to his impact on earth. For Wagner was born in 1813; the battle of the spirits did not begin until 1841. But Wagner died in 1883. Nietzsche’s train of thought then began to take its peculiar direction, in a certain sense, as Wagner’s influence began. But Wagner entered the spiritual world in 1883, when the battle of the spirits above was already over, when the spirits had already fallen from heaven to earth. Nietzsche was there when the spirits were roaming here on earth; Wagner lived above when they had already fallen. Wagner’s posthumous influence on Nietzsche reveals an entirely different task, unlike Schopenhauer’s influence on Nietzsche. This is where the concrete, transpersonal influences begin—not those abstract, demonic ones that psychoanalysis speaks of. Humanity will have to resolve to enter this concrete spiritual world and truly grasp the things that are obvious if one merely examines the facts. In the future, a biography of Nietzsche will be written according to the fact that he was inspired by that Richard Wagner, born in 1813, who experienced everything that led to the brilliant being I have characterized in my book, up until 1879; that he was influenced by Schopenhauer from the age of sixteen onward, but that Schopenhauer had already undergone the spiritual struggle in the spiritual world above before the year 1879; that he was exposed to Wagner’s influence after Wagner had been led into the spiritual world posthumously, while he himself remained down here, where the spirits of darkness reigned.
[ 51 ] Jung findet, daß es Tatsache ist: Nietzsche findet einen Dämon, er projiziert ihn nach außen, auf Wagner. Nun ja, Projektionen — Gefälle, introvertierte, extravertierte Menschentypen —, alles Worte für Abstraktionen, aber nichts von Wirklichkeiten! Sehen Sie, meine lieben Freunde, die Dinge sind bedeutungsvoll. Und es ist nicht so, daß man bloß agitieren will für eine Weltanschauung, für die man eingenommen ist, sondern gerade das, was da ist außer dieser Weltanschauung, das zeigt, wie notwendig diese Weltanschauung der gegenwärtigen Menschheit ist.
[ 51 ] Jung believes it is a fact: Nietzsche finds a demon; he projects it outward, onto Wagner. Well, projections—tendencies, introverted and extroverted personality types—all words for abstractions, but none of them represent reality! You see, my dear friends, things are meaningful. And it is not simply a matter of wanting to campaign for a worldview one is enamored with, but rather it is precisely what exists outside of this worldview that shows how necessary this worldview is for contemporary humanity.
[ 52 ] Davon dann morgen weiter.
[ 52 ] More on that tomorrow.
