Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Alte Mythen und ihre Bedeutung
GA 180
31 Dezember 1917, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Als wir vor einem Jahre hier versammelt waren, waren wir gewissermaßen noch mit den Gedanken beschäftigt, die unter der Absicht verliefen, welche dazumal bestand, einigermaßen Aufklärung zu gewinnen über die Grundlagen, über die zugrunde liegenden Kräfte der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse. Es war einige Zeit vorher, als mehrere unserer Freunde den Wunsch aussprachen, daß doch einiges mehr gesagt würde, als bis dahin gesagt war, über konkrete, tiefere Kräfte, die zu diesen katastrophalen Ereignissen mitgewirkt haben. Und wir haben uns dazumal vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus beschäftigt gehabt mit den Absichten, mit den Bestrebungen gewisser Kreise, welche ihre Intentionen, man könnte schon sagen, in verborgener Weise in die Welt einzufügen suchen, einzuführen suchen, und welche ausgehen von gewissen Zielen, die, wie wir gesehen haben, keineswegs allgemein menschliche Ziele sind, sondern die gruppenegoistischen Ziele gewisser engerer Kreise sind, welche aber zu rechnen wissen — in dem Sinne, wie in der Welt eben gerechnet werden muß, wenn man gewisse Dinge durchführen will welche zu rechnen wissen mit großen Zeiträumen.
[ 2 ] Wir haben zurückverweisen können auf Bestrebungen, die zu verfolgen sind, sie sind noch weiter zurückzuverfolgen, aber zunächst in kontinuierlichem Fortgange zu verfolgen sind bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, Bestrebungen, die gerechnet haben mit den in der gegenwärtigen Kulturwelt sich geltend machenden Tendenzen, Kräften. Und wir haben vielleicht aus diesen Betrachtungen heraus doch einiges Verständnis über den Gang der Ereignisse gewinnen können, einiges Verständnis, das unabhängig ist von dem, was heute alle Welt beherrscht, unabhängig ist von den zu so traurigen Konsequenzen führenden nationalen und sonstigen gruppenegoistischen Bestrebungen. Wir haben vielleicht eine Ansicht gewinnen können, welche unabhängig ist von engen Gesichtskreisen, wie sie heute fast alle Menschen beherrschen, und wir haben uns, wenn das auch vielleicht weniger ausgesprochen worden ist, in unserem Innern gewisse Anschauungen von dem bilden können, was zum Heile der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit notwendig ist.
[ 3 ] Von dem, was in der gegenwärtigen Zeit notwendig ist, gingen ja auch die andern Bestrebungen aus, die gegenwärtig auf dem Boden unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft geltend zu machen versucht wurden. Insbesondere im letzten Jahre hatten ja auch meine öffentlichen Vorträge, wie die Freunde vielleicht wohl bemerkt haben werden, ein gewisses Grundgepräge. Sie hatten das Grundgepräge, aufmerksam zu machen auf gewisse wichtige, verborgene Seiten der menschlichen Natur. Überall, wo ich vortragen konnte in diesem Jahre, war ich bestrebt, von diesem Gesichtspunkte aus ein tieferes Verständnis über den Menschen zu erwecken, insofern der Mensch drinnensteht in dem gesamtmenschlichen Prozesse der Weltenordnung. Wir brauchen nur zurückzublicken auf die öffentlichen Vorträge, die hier in der Schweiz im Laufe der letzten Monate gehalten worden sind. Es war das Bestreben überall, auch in den ausführlicheren Betrachtungen, die ich in Zürich halten konnte, zu zeigen, wie der Mensch als menschliche Persönlichkeit, als menschliches Individuum, in sich die Kräfte trägt, welche eigentlich verschiedenen Bewußtseinsverhältnissen angehören, wie er nicht nur die Kräfte in sich trägt, die seinem Wachbewußtsein angehören, sondern andere Kräfte, die im Unterbewußten bleiben, welche Kräfte aber durchaus nicht bedeutungslos sind, sondern ihre Rolle spielen in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, die ihre Rolle spielen im sozialen, im ethischen Leben. Durch solche Bestrebungen sollte die Idee erweckt werden, wie notwendig es in der Gegenwart ist, ein tieferes Verständnis der Menschennatur anzustreben. Eingestreut wurde in diese Vorträge immer, sogar in die öffentlichen Vorträge, ganz absichtlich der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen den sogenannten Toten und den Lebendigen. Wenn auch in öffentlichen Vorträgen solche Hinweise noch subtil vorkommen müssen, so sind sie doch gerade in der letzten Zeit in eindringlicherer Weise versucht worden.
[ 4 ] Dadurch sollte ein Grundton innerhalb dieser Vorträge angeschlagen werden, welcher entstammt der, wie ich glaube, berechtigten Einsicht, daß ein Heil in die Entwickelung der Menschheit in der Gegenwart nur dann kommen könne, wenn diese Menschheit gewisse geisteswissenschaftliche Impulse wirklich aufnimmt. Und in den öffentlichen Vorträgen wurde ja versucht, die Brücke zu ziehen zwischen dem, was die Menschheit jetzt zu glauben beliebt, und dem, was in Gebiete tieferer Wahrheit hineinführt. Es wurde diese Brücke so zu schlagen versucht, daß man sehen kann daraus, daß ein Weg sich schon finden ließe, wenn guter Wille angewendet würde, von dem, wozu nicht die einzelnen Wissenschafter drängen, wohl aber die Wissenschaft der Gegenwart als solche. Es wurde zu zeigen versucht, daß eigentlich die Wissenschafter der Gegenwart mit den Ergebnissen ihrer Wissenschaft in Zwiespalt sind, daß die Wissenschaft selber die direkte Perspektive hinein eröffnet in geisteswissenschaftliche Wahrheiten. Und namentlich wurde versucht zu zeigen, wie diese geisteswissenschaftlichen Wahrheiten ihre bedeutsamen Konsequenzen haben für das praktische menschliche Leben, für alle verschiedenen Zweige dieses praktischen menschlichen Lebens. Der Ton bei diesen Betrachtungen, auch den öffentlichen, wurde so genommen, daß, wenn guter Wille zum Verständnisse da war, wenigstens ein solches Verständnis erzielt werden konnte, daß man sich sagte: Es muß in bezug auf das menschliche Verstehen der Welt etwas geschehen; es muß zu einer Art Umkehr von gewissen Richtungen, die eingeschlagen worden sind, der gute Wille vorhanden sein.
[ 5 ] Daß Anregungen da und dort auf einen nicht ganz unfruchtbaren Boden gefallen sind, das hat sich ja gezeigt. Allein es ist heute noch im weitesten Umkreise ein gewichtiges Hindernis vorhanden gegenüber dem Einschlagen einer neuen Richtung. Und dieses Hindernis kommt namentlich von der heute so maßgebenden menschlichen Denkbequemlichkeit, von der selbstgewollten Schwierigkeit, die viele Menschen darinnen finden, von alten Gedanken loszukommen, die viele Menschen darinnen finden, wirklich ihr Denken aktiv zu machen, gewisse eingewurzelte Vorurteile zu bannen, zu verbannen aus den Seelen und gewisse neue Begriffe, die einmal notwendig sind im weiteren Verlaufe für die menschliche Entwickelung, gewisse Begriffe, gewisse Ideen, vor allen Dingen in die Wirklichkeit eingreifende Ideen aufzunehmen. Der Ton wurde so genommen bei den Betrachtungen dieses Jahres, daß eben überall diese notwendige Hinwendung zur Wirklichkeit, zur wahrheitdurchtränkten Wirklichkeit betont, besonders hervorgehoben wurde.
[ 6 ] Man hätte vielleicht schon glauben können, daß außerhalb unserer Kreise sich da oder dort eine größere Anzahl von Menschen finden würde, welche, angeregt durch solche Betrachtungen, zu der Frage gekommen wären: Welche Wege hat man auf diesem oder jenem Gebiete einzuschlagen? — daß Menschen sich gezeigt hätten, welche fühlen, daß das Denken der Gegenwart den Zusammenschluß mit der wahren Wirklichkeit verloren hat.
[ 7 ] Davon hat sich ja allerdings nicht allzuviel gezeigt. Das Denken, das Fühlen, das Empfinden der Menschen der Gegenwart ist lässig, ist bequem, ist träge, ist auch hochmütig, ist auch selbstzufrieden mit dem, was hergebracht ist. Man sieht es daran, daß wenig die Frage entsteht: Was läßt sich lernen durch die Ereignisse der letzten Jahre? Wie viele, viele Menschen finden es heute noch selbstverständlich, daß sie auf denselben Grundsätzen, die sie Ideale nennen, bauen, deren Zusammenbruch durch diese katastrophalen Ereignisse sie ja deutlich sehen könnten. Man deklamiert heute noch immer Theorien und Anschauungen, von denen man wissen könnte, daß sie durch die Ereignisse der letzten Jahre Schiffbruch erlitten haben. Strömungen setzen sich fort unter denselben Prinzipien, unter denen sie früher gearbeitet haben, trotzdem man sehen könnte, daß diese Strömungen in ihren Prinzipien eben weit abliegen von den Kräften, welche die Wirklichkeit beherrschen, und welche die Wirklichkeit dann vernichten, wenn der Mensch sich nicht anschickt, die Art und Weise dieser wirksamen Kräfte auch in sein Vorstellungsvermögen, in sein Anschauungsvermögen aufzunehmen.
[ 8 ] Solche Dinge sagt man nicht aus dem Grunde, um zu tadeln. Solche Dinge sagt man auch nicht aus dem Grunde, um irgendwelchen Pessimismus zu erzeugen, sondern solche Dinge sagt man aus dem Grunde, weil es eben nicht oft genug betont werden kann, daß das Notwendigste in der Gegenwart ist Verständnis für die wahre Wirklichkeit, abkommen von strohernen, wesenlosen Abstraktionen, welche die Welt ins Unglück gestürzt haben! Solche strohernen, wesenlosen Abstraktionen beherrschen heute die Welt. Und Einkehr der menschlichen Seele nach dieser Richtung ist dringend notwendig.
[ 9 ] Wie selbstverständlich findet es heute zum Beispiel mancher, wenn die ganz gescheiten Leute immer wieder und wiederum deklamieren, auf die Menschen komme es nicht an, sondern auf die tragenden Ideen, auf die Ideen, die in der Welt verbreitet werden. Solch ein Ausspruch ist deshalb verderblich, weil er eine starke Versuchung ist. In der wirklichen Welt kommt nämlich alles auf die Menschen an, und die besten Prinzipien, die besten Grundsätze können keine Bedeutung haben, wenn sie von Menschen vertreten werden, die in sich nicht die Kraft haben, dasjenige zu verwirklichen, was nun einmal nach der Natur der Zeit verwirklicht werden muß, die in sich nicht die Kraft haben, mit ihrem eigenen Herzen, mit ihrem eigenen Gemüt den Anschluß an die Wirklichkeit zu finden. Wirklichkeitsfremd, das ist das Wort, das man gebrauchen kann für fast alles, das mit hochtrabenden Worten der Welt als Ideal oftmals verkündet wird. Und eine Morgenröte, wie sie die Menschheit doch erleben muß, kann erst heraufkommen, wenn immer wieder und wiederum Neujahrsbetrachtungen kommen, welche auf der einen Seite ablehnen den Impuls der Wirklichkeitsfremdheit und welche den Versuch machen, den Menschen in seiner Seele mit der Wirklichkeit zusammenzuschließen.
[ 10 ] Es ist fast trivial, zu sagen, und dennoch in der Gegenwart notwendig: Die Menschheit hat sich begeben unter den Einfluß der wesenlosen Wortklänge, unter den Einfluß der wesenlosen Prinzipienphrase. Die Menschen sind wenig geneigt, nachzusehen, wenn sie dies ‚oder jenes hören, von wo dies oder jenes kommt, und dadurch kommen sie in einen ungeheuren Mißklang mit dem, was wirklich und wesentlich ist. Denn die Welt wird nicht von den Worten, die gesprochen werden, in der richtigen Weise beherrscht, wenn diese Worte nicht gesprochen sind aus dem Herzen der Wirklichkeit heraus, wenn diese Worte nur entlehnt sind dem Wort- und Vorstellungsschatz, der ja heute auf der Oberfläche des menschlichen Daseins strömt, seinem Inhalte nach nachgesprochen werden kann, ohne verstanden zu werden. Wenn man von den leider mit diesem Charakter die Welt heute verderbenden Dingen absieht, und auf etwas — was ja dem großen Weltereignisse gegenüber vielleicht unbedeutend, aber doch charakteristisch ist, weil es sich in dem großen Weltereignisse wiederholt —, wenn man auf so etwas aufmerksam machen will, so kann man sagen: Es ist heute beim gegenwärtigen Menschheitszyklus ganz selbstverständlich, daß zahlreiche Menschen gute Gedichte machen, weil solche gute Gedichte einfach aus dem in den Sprachen, in den Umgangsverhältnissen der Menschen begründeten Impulse schon liegen. Man braucht gewissermaßen nur dasjenige, was schon da ist, zusammenzustellen, und es wird im alten Sinne Gutes herauskommen. So in den andern Künsten, so auch auf den übrigen Gebieten des Lebens.
[ 11 ] Es ist aber heute viel mehr notwendig, achtsam sein zu können auf dasjenige, was als Neues vielleicht lallend und unvollkommen zum Vorscheine kommt, als auf das Gefällige, Schöne ein Auge haben zu können. Dasjenige, was Zukunftsmöglichkeiten in sich trägt, wird vielleicht recht unvollkommen zutage treten; aber das Bedeutsame wäre, in dem Unvollkommenen den impulsiven Keim für die Zukunft zu entdecken. Würde man sich nach dieser Richtung Mühe geben, würde man versuchen, das zur allgemeinen Methode zu machen, was wir ja insbesondere beim Bau dieses Dornacher Gebäudes hier zu unserem Grundsatz gemacht haben: mit dem Alten zu brechen, selbst auf die Gefahr hin, im Neuen recht unvollkommen zu sein — würde das zur allgemeinen Methode werden, dann würde schon einiges Heil für die Menschheit aus einer solchen Sache ersprießen.
[ 12 ] Was vor allen Dingen notwendig ist, ist das Loskommen von dem Festgeprägten, denn dieses Festgeprägte ist ein Absterbendes. Es gibt eben Absterbendes und Auflebendes im geschichtlichen Leben der Menschheit. Und nicht ohne Bedacht habe ich in diesen Zeiten gesagt: Schon in dem Gebrauch der Worte selbst liegt etwas Gefährliches. Man braucht ja nicht so weit zu gehen wie Fritz Mauthner, der in seiner «Kritik der Sprache», in seinem «Philosophischen Wörterbuch» unzählige Sünden aufzählt, welche die Menschen dadurch begehen, daß sie überall den Kultus des Wortes betreiben. Gewiß wird da bei Fritz Mauthner ein richtiger Gedanke bis zum Unfug getrieben, wenn man zum Beispiel die Behauptung findet, daß das Christentum in Europa eigentlich im wesentlichen eine Sammlung von zwanzig bis dreißig Lehnwörtern sei, das heißt, es habe sich so entwickelt, daß die Menschen sich verliebt haben in zwanzig bis dreißig Worte, an die sie sich hängen und die sie für Wirklichkeiten halten. Gewiß, man braucht nicht so weit zu gehen. Man kann auch nicht völlig mit Fritz Mauthner übereinstimmen, wenn er eigentlich das Wesentlichste in der Herbeiführung dieser katastrophalen Ereignisse darin sieht, daß die Menschen den Götzendienst mit Worten getrieben haben, obwohl es durchaus wahr ist, daß Götzendienst mit Worten getrieben worden ist.
[ 13 ] Dieses ist etwas, was aufhören muß. Das Wort ist nach und nach zu etwas geworden, das an der Oberfläche des menschlichen Lebens schwimmt und an das man sich hängt. Das Wort ist nach und nach etwas geworden, das man wie etwas Festes hinnimmt. Wenn man versucht, intimer kennenzulernen dasjenige, was heute vielfach das Denken und die Denkgewohnheiten beherrscht, dann erinnere ich mich zum Beispiel, wenn ich das sehe, an einen Streit, der mir während meiner Knabenzeit bis zu meinem zwanzigsten, fünfundzwanzigsten Jahre von Jugend-, von Knabenfreunden oftmals begegnet ist: Da wurde ich oftmals von dem oder jenem gefragt — verzeihen Sie das vielleicht etwas anzügliche Thema, das dabei zur Sprache kommt —, was denn eigentlich für ein Unterschied sei im Verkehre zwischen jungen Männern und jungen Frauen zwischen Liebe und Freundschaft. Und man legte einen großen Wert darauf, möglichst genau zu umgrenzen die Begriffe «Liebe» und «Freundschaft». Das sollten gut eingeschachtelte Begriffe sein. Ich hatte dazumal wirklich — ich kann es ohne Albernheit sagen — schon das Bestreben, nicht auf solche Abstraktionen zu sehen, sondern auf die Wirklichkeit zu sehen, und sagte immer: Ich sehe in dem Fall A eine Beziehung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Individuum, im Falle B auch; das sind alles konkrete Beziehungen der verschiedensten Art. Ob man das «Liebe» oder «Freundschaft» nennt, das ist mir ganz egal, denn auf das Sachliche kommt es an.
[ 14 ] Gegenüber dem, was unter Menschen namentlich in sozialer Beziehung als das Sachliche leben muß, tritt nun allerdings ein anderes Interesse ein. Es tritt das Interesse der Kodifizierung ein, und da braucht man selbstverständlich dann eingeschachtelte Begriffe, eingeschachtelte Worte. Wie könnte man denn Gesetze machen, ohne sich an Worte zu halten! Aber die Alternative kann nicht so liegen, daß man sagt: Also keine eingeschachtelten Worte, sondern unmittelbares menschliches Leben! — Solche Alternative wäre ungefähr so gescheit, als es gescheit ist, das Ideal zu erheben, auf dem physischen Plan ein Paradies einzurichten. Der physische Plan ist aber nicht geeignet, ein Paradies einzurichten. Man kann die Forderung erheben, aber man kann sie nie erfüllen.
[ 15 ] Man kann ja auch andere Forderungen erheben. In der neueren Zeit wird vielfach die Forderung erhoben nach einer zwischenstaatlichen Organisation. Die Forderung kann man erheben; man kann auch solche Forderungen kodifizieren; es kann ja selbstverständlich zustande kommen. Aber was die Wirklichkeit nach zehn Jahren zu dem gesagt haben wird, das ist eine andere Frage! Die Wirklichkeit nimmt eben die Wege, die man nur erkennt, wenn man sich auch in seinem Erkennen mit der Wirklichkeit auseinandersetzen will. Grundsätze aufstellen, Prinzipien vertreten, das bringt man bald zusammen. Vereine gründen, Programme in diesen Vereinen haben, menschenbeglückende Programme, schöne, bewunderungswürdige Programme, gegen die sich gar nichts einwenden läßt — man kann sie aufstellen. Es ist sogar ein recht undankbares Geschäft, darauf aufmerksam machen zu müssen, daß das ja ganz leicht geht. Im einzelnen kommt man sogar — lassen Sie mich das in Parenthese sagen — manchmal in recht herbe Kollisionen, wenn man keine Neigung hat zu solcher Kodifizierung.
[ 16 ] So zum Beispiel hat es der Berliner Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft, an dem ich selbst etwas mitbeteiligt bin, seit fünfzehn Jahren noch zu keinen Statuten gebracht, weil wir immer das wirkliche Leben für wichtiger gehalten haben als die Statuten, als das kodifizierte Leben. Die schönsten Statuten kann man nämlich haben, wunderbare Statuten kann man haben. Sie können auch ganz gut sein, aber nur zu dem Zwecke, daß man sich mit gewissen außenstehenden Mächten auseinandersetzen kann. Zum inneren Leben einer Sache haben sie ja keine Bedeutung. Eine wirklich lebendige Sache widerstrebt in Wahrheit Statuten und Prinzipien. Ich kritisiere nicht das Statutenmachen, aber trotzdem kommt mir das Statutenmachen, das Vereinegründen mit großen Idealen oftmals ungefähr ebenso gescheit vor, als wenn ein Vater und eine Mutter ein Kindlein haben von ein paar Monaten und für dieses kleine Kindlein in allen Einzelheiten ein Lebensprogramm aufstellen. Da haben Sie schon das Zusammenstoßen des Lebens mit der Kodifizierung, das Zusammenstoßen des Lebens mit den abstrakten Grundsätzen. Die Welt wird nicht aufhören, ein lebendes Wesen zu sein, auch wenn eine Anzahl von — sagen wir, um ihnen nicht wehe zu tun — Idealisten jetzt allerlei weltbeglückende Programme von zwischenstaatlichen Organisationen aufstellt.
[ 17 ] Geisteswissenschaft sucht eben nicht nach abstrakten Idealen, nach unwirklichen Ideen, sondern Geisteswissenschaft strebt, aus dem Bereiche des Lebens die wirklichen Impulse zu suchen, dasjenige, was ist, zu erkennen, weil soziale Grundsätze auch nur auf Grundlage dessen, was ist, wirklich in die Welt gesetzt werden können. Dazu ist Unbequemlichkeit notwendig, um solche Dinge überhaupt nur in sein Herz aufzunehmen, eine Unbequemlichkeit ist notwendig. Es ist bequem, wenn sich sieben, acht Menschen heute zusammensetzen, um einen weltbeglückenden Verein mit großartigen Statuten zu begründen. Das kann man. Die Statuten werden immer richtig sein, wenn die Menschen nur einigermaßen vernünftig sind. Man kann dann auch Anhänger gewinnen, und gegen solche Dinge läßt sich nichts einwenden, denn die Sachen sind ja selbstverständlich richtig. Aber den Menschen, die sich oftmals unter solchen Flaggen zusammenfinden, wäre notwendig, daß sie sich zuerst ein paar Monate hinsetzen und die Materie studieren würden, für die sie irgend etwas bewirken wollten. Das tun sie nicht. Statt daß sich die Menschen ein paar Monate mit den Dingen bekannt machen, um die es sich handelt, macht man die Erfahrung, daß solche Vereine eine Weltwirkung getan haben, Tausende und aber Tausende von Anhängern gewonnen haben, daß aber nach zwanzig Jahren unter diesen Tausenden von Anhängern nicht fünfe sind, die sich mittlerweile damit befaßt haben, die Materie zu studieren, für die sie jede Woche ein Vereinsblättchen herausgeben, in welchem sich zyklisch immer dieselben Phrasen wiederholen, wenn die Leser, die schnell vergessen, die Geschichte vergessen haben, die schon so und so oft da war.
[ 18 ] Loskommen von dem Götzendienst der Worte, loskommen von dem Götzendienst der Abstraktionen, das gehört schon ganz wesentlich zu dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft den Menschen bringen soll. «Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten.» Und man könnte hinzufügen: Und dann läßt sich mit dem System bequem leben. — Das Leben aber ist kompliziert, und das komplizierte Leben will betrachtet werden. Und es ist schon vielleicht eine ganz gute Zeit, auf solche Lebensbetrachtung hinzuweisen, wenn wir am Abschlusse eines Jahres stehen, das eine Reihe solch trauriger Jahre für die Menschheit beschließt. In solcher Zeit soll der Blick wiederum hingewendet werden auf dasjenige, was die geisteswissenschaftlichen Grundvorstellungen in uns anregen können. Diese geisteswissenschaftlichen Grundvorstellungen ermahnen uns ja immer wieder und wiederum, den Charakter unseres Zeitraumes wirklich zu studieren.
[ 19 ] Mancherlei versuchen wir zu tun, um den Charakter unseres Zeitraumes zu studieren. Ich habe gestern hingewiesen auf den großen Lehrer und Freund Dantes, auf Brunetto Latini. In Brunetto Latini haben wir zu gleicher Zeit einen Menschen gegeben, welcher im Zeitalter Dantes in eindringlicher Art hingewiesen hat auf dasjenige, was für die Menschheit kommen werde. Die Initiationsschrift, man kann sie schon eine solche nennen, die von Brunetto Latini herrührt, enthält ungefähr das Folgende: Er kommt zurück von seiner Gesandtschaft bei Alfons von Kastilien. Auf dem Rückwege erfährt er, daß sich in Florenz, in seiner Stadt, Ereignisse zugetragen haben, welche nach seiner Empfindung den alten Glanz und die alte Herrlichkeit von Florenz beendigen müssen. Es fühlt Brunetto Latini, indem er solches ausspricht, das Herannahen des fünften nachatlantischen Zeitraumes. Schließlich ist ja diese Initiationsschrift noch niedergeschrieben in einer Zeit, in welcher im weitesten Umkreise noch ein Bewußtsein vorhanden war von dem Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt, in einer Zeit niedergeschrieben, in der zahlreiche menschliche Geheimnisse über die geistige Welt noch bekannt waren, also in einer Zeit, in der deshalb noch nicht die Neigung zu solch wesenlosen Abstraktionen war wie heute. Denn in einer Zeit, in der das Geistesleben rege ist, in einer Zeit, in der das Empfindungsleben wirklich vorhanden ist, hat man nicht die Neigung zu wesenlosen Abstraktionen. Wesenlose Abstraktionen hängen immer mit der Neigung zum Materialismus zusammen.
[ 20 ] Brunetto Latini hat vor sich dieses Zeitalter, in dem wir jetzt drinnen leben. Er naht sich Florenz. Er weiß, dasjenige, was Florenz geworden ist unter dem Impuls des unmittelbaren menschlichen Lebens, der unmittelbaren intellektuellen Antriebe, das soll begraben werden unter dem Aufkommen von Institutionen, die aus der Abstraktion hervorgehen. Er naht sich Florenz. Der Schmerz macht, so schildert er, daß er sich in einem Walde verirrt, in einem öden Walde. Als er zur Besinnung kommt, bemerkt er inmitten einer großartigen Weltenschöpfung — die seine Imagination ist — einen Weg und eine riesige Frauengestalt. Wir hören, daß er unter dieser riesigen Frauengestalt die «wahre Natur» anredet, nicht jene Natur, welche die heutige Naturwissenschaft beschreibt, sondern die «wahre Natur». Diese «wahre Natur» erteilt ihm Lehren über dasjenige, was im Menschen lebt, über die Geheimnisse der menschlichen Seele, über die Geheimnisse der vier menschlichen Temperamente, über die Geheimnisse der menschlichen Sinne, über die Geheimnisse der Elemente, über die Geheimnisse der Planeten. Sie führt ihn dann hinaus über den Planetenbereich in den Ozean des Weltendaseins bis an die Säulen des Herkules, wohlgemerkt: in einer Zeit, in der es noch nicht den Kopernikanismus gegeben hat, in einer Zeit, in der Amerika noch nicht wieder neu entdeckt worden war. Dann wird er darauf aufmerksam gemacht, daß er alles das, also die ganze sichtbare Welt, zu verlassen hat. Dann werde er erst erkennen die Geheimnisse von Gut und Böse; dann werde er erst erkennen den Gott der Liebe und so weiter. Man möchte sagen, diese Betrachtungsweise Brunetto Latinis ist eine richtige Silvesterbetrachtung des vierten nachatlantischen Zeitraums in der kosmischen Neujahrszeit des Heranrückens des fünften nachatlantischen Zeitraums.
[ 21 ] Man wußte in den Kreisen, aus denen Brunetto Latini und andere herausgewachsen sind, daß der Mensch einen Zusammenhang mit der geistigen Welt hat, und daß das bloße wortgemäße Erfassen der geistigen Welt zum Unheil führen muß. Einen vorläufigen Höhepunkt hat auch in der Wissenschaft die bloße Wortgläubigkeit im 19. Jahrhundert gefunden. Es hat sich alles vorbereitet, aber im 19. Jahrhundert ist die Sache aufs höchste gestiegen. Und von der Wissenschaft sind die entsprechenden Neigungen übergegangen in das übrige menschliche Erleben. Jetzt aber ist die Zeit herangekommen, wo der Mut gefunden werden müßte, zu brechen mit dem alten Götzendienst der Worte, mit dem alten Götzendienst sogar mancher als Naturgesetze angesehenen Wortzusammenhänge, Wortzusammenstellungen.
[ 22 ] Damit, daß man ein Wort hat, ist für die Sache an sich noch nicht viel getan. Im Beginne der neuen Zeitrechnung fand das Mysterium von Golgatha statt. Seit jener Zeit besteht das Christentum. Es gab allerdings Jahrhunderte, in denen dieses Christentum mit der ganzen menschlichen Seele zu ergreifen gesucht worden ist. Aber dann kamen andere Zeiten. Dann kamen die Zeiten, in denen das menschliche Begreifensvermögen schwach wurde und nicht mehr ausreichte, das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Und es ist jetzt in weitestem Umkreise von dem Mysterium von Golgatha so ziemlich nichts mehr zurückgeblieben als der Name des Christus Jesus. Aber ich habe in diesen Betrachtungen gezeigt: Dasjenige, was man mit diesem Namen des Christus Jesus verbindet, ist vor der Geisteswissenschaft nicht viel mehr als ein Engelwesen. Und daß man dieses nicht bemerkt, rührt nur von dem Götzendienst der Worte her. Dieser Götzendienst der Worte hat eine suggestive Gewalt. Wer diese suggestive Gewalt — ohne Götzendiener zu werden — gefühlt hat, der konnte sie auf den mannigfaltigsten Gebieten erfahren. Es ist ja manchmal gut, wenn man, ohne albern zu werden, an Persönliches anknüpft. Gestatten Sie mir in diesem Falle, ein Exempel zu statuieren.
[ 23 ] Ich muß oftmals gedenken, wenn ich so versuche, den Grundton der gegenwärtigen Zeit zu charakterisieren, der Vorlesungen, die ich einstmals gehört habe über Staatsrecht. Nur einen ganz kleinen Teil dessen lassen Sie mich herausgreifen aus diesen Vorträgen über Staatsrecht: Nun, meine Herren, was ist Justizhoheit? Justizhoheit ist das in der Staatsomnipotenz liegende Hoheitsrecht. — Und nun folgte dasjenige, was alles in diese Staatsomnipotenz fällt. Meine Herren! Was ist Finanzhoheit? Finanzhoheit ist das in der Staatsomnipotenz liegende Hoheitsrecht. Was ist politisches Hoheitsrecht? Politisches Hoheitsrecht ist das in der Staatsomnipotenz liegende..., — und nun folgte wiederum das, was in der Staatsomnipotenz liegt. Was ist Kultushoheit? Kultushoheit ist das in der Staatsomnipotenz liegende Hoheitsrecht.
[ 24 ] Nun denke man sich die Menschenseele, ausgestroht, mit diesen gedrechselten Begriffen hingestellt und soziale Wirksamkeit entwickelnd — was hat man dann? Was man jetzt um sich herum sieht und wovor man die Augen verschließt, damit man es nur ja für etwas recht Gescheites halten kann, das nur etwas ausgerutscht ist in den letzten Jahren, dasjenige, was aber gut ist und fortgesetzt werden muß! Die Wahrheit wird aber nicht an Worten erkannt, die Wahrheit wird an Wirklichkeiten erkannt. Man kann lang schöne, selbstverständlich auch wahre Worte reden über das Vorzügliche einer demokratischen Staatsverwaltung, über das Musterhafte einer demokratischen Staatsverwaltung. Aber an dem Einblick, ob das richtig oder unrichtig ist, zeigt sich nicht die Wirklichkeit; sondern die Wirklichkeit zeigt sich darinnen, daß eine solche demokratische Staatsverwaltung einen Herrn Wilson an die Spitze fast der ganzen Welt bringt. Darin zeigt sich die Wirklichkeit. Und mit dem Reden von der Wirklichkeit findet man noch wenig Anklang. Ich habe nicht ohne Absicht vor diesem Kriege in meinem Helsingforser Zyklus auf die ganze Hohlheit der Persönlichkeit des Herrn Woodrow Wilson hingewiesen. Sie können es im Zyklus nachlesen, der über die Bhagavad Gita und ihre okkulten Grundlagen gehalten worden ist. Einer unserer Freunde hat sich ja dazumal am Schlusse des Vortrags gefunden und gesagt, es sei doch schrecklich, daß so etwas zu Einfluß und Macht kommt.
[ 25 ] Mit Grundsätzen geschieht in der Welt nichts. In der Welt geschehen die Dinge durch Wirklichkeiten. Im sozialen Leben sind die Wirklichkeiten die Persönlichkeiten. Das ist etwas, worauf stark und kräftig gerade Geisteswissenschaft hinweisen muß, weilGeisteswissenschaft es ehrlich und aufrichtig mit der Entwickelung der Menschheit meinen will, weil sie nirgends sich anschließen will an das Phrasengepränge, das heute die Welt beherrscht. Und ich meine mit diesem Phrasengepränge nicht das allein, daß man Phrasen ausspricht, sondern ich meine das viel Schlimmere: daß man Phrasen zu verwirklichen sucht, daß man Phrasen zu Einrichtungen macht, daß man sich nicht entschließt, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.
[ 26 ] Es würde unendlich viel getan sein in der Welt, wenn man die Dinge bei ihrem richtigen Namen nennen wollte. Man würde dadurch auf mancherlei kommen, worauf ich öfter aufmerksam gemacht habe: daß man doch nicht auf den äußeren Schein so viel geben soll, als ob das Allerwesentlichste an den gegenwärtigen katastrophalen Ereignissen dieses wäre, daß die sogenannte Entente gegen die sogenannten Zentralmächte Krieg führt, und daß wieder ein Friede zustande kommen muß! Ich habe ja öfter darauf hingewiesen: Das ist nicht das Wesentlichste, das ist nicht das Wichtigste, denn das ist vielfach Schein. Dasjenige, worüber in der Welt gestritten wird, ist etwas wesentlich anderes. Etwas viel Universelleres ist im Grunde genommen der Kampf der nach Wirklichkeit strebenden Phrase gegen die lebendige Wirklichkeit. Nur dadurch kommt man über die Dinge hinaus, daß man bei sich selber Einkehr hält, inwiefern man hängt an der Bequemlichkeit der Phrase.
[ 27 ] Dazu ist schon einige Gelegenheit auch hier an diesem Orte. Für uns, die wir durch Liebe mit diesem Bau und dem, was damit zusammenhängt, verbunden sind, für uns drückt sich gewissermaßen doch symbolisch dasjenige, was in der Zeit liegt, dadurch aus, daß dieser Bau begonnen worden ist wie eines der Zentren, von denen ausstrahlen soll dasjenige, was die Menschheit in eine Zukunft hinübertragen muß nach den Forderungen der Gegenwart, und wie dieser Bau unterbrochen worden ist, unterbrochen dasteht durch dasjenige, was jetzt im Hintergrunde aller Menschheitsbetrachtungen und aller Menschenwerke steht: der große Zusammenbruch der Institutionen der Menschheit, welche heraus aus der Liebe zur Phrase schon seit Jahrhunderten erwachsen sind.
[ 28 ] Nicht ohne Bedacht habe ich in den Wochen, in denen wir wiederum zusammensein durften, bis jetzt, wo sich das Jahr wendet, den Grundton auch unserer Betrachtungen hier am Bau selbst ernst gehalten und immer wieder durchklingen lassen die Notwendigkeit, daß wenigstens in dem, was uns freisteht, gesucht werde der notwendige Ernst des Lebens; in dem, was uns freisteht in der Einsicht, in dem vorurteilslosen Verfolgen der Ereignisse. Daß auch dieser Bau auf ganz unbestimmte Zeiten hinaus aufgehalten worden ist, es ist ja vielleicht ein kleines Ereignis innerhalb der so katastrophalen Ereignisse der Gegenwart, aber es ist symptomatisch, es ist in gewisser Beziehung symbolisch; symbolisch aus dem Grunde, weil man einen Strich ziehen könnte zwischen dem, was aus der Intention dieses Baues heraus für die Menschheit geliebt wird und dem, was aus dem Worte «Götzendienst» und dem damit Zusammenhängenden geliebt wird.
[ 29 ] Gegenwärtig, an dieser Jahreswende, steht ja noch immer im Hintergrunde all dessen, was man betrachten und tun kann, das große katastrophale Ereignis. Und man muß an dieser Jahreswende zurückdenken an die vorige Jahreswende. Einen Monat nach dieser vorigen Jahreswende trennten wir uns. Ich muß noch denken an den Kontrast, den auch in unserem Kreise meine oftmals mit Härte die Situation bezeichnenden Worte gefunden haben. Wer da kennt, aus welchem Impulse heraus die katastrophalen Ereignisse heraufgekommen sind, der konnte vor einer Jahreswende nicht daran denken, daß dieses Jahr 1917 nicht noch ein übleres wird als die vorhergehenden. Das mußte man sich dazumal sagen. Obwohl man sich auf der einen Seite sagen mußte und sagen konnte, wie unendlich traurig es war, daß ein doch gut gemeinter Vorschlag — wie ich dazumal in der Weihnachtsund Neujahrsbetrachtung sagte — bebrüllt worden ist von dem, was sich «vier Fünftel der Menschheit» nennt, und wie es unter diesem Bebrüllen nicht die rechte Stimmung war, optimistisch in dieses Jahr 1917 hinauszuschauen, so ist es, wenn wiederum zurückgeschaut wird, auch dann nur ein unbefangener Blick, wenn man sich sagt: Gibt es irgend etwas, wofür Aussicht vorhanden ist, daß es der oder jener aus seinem egoistischen Gruppeninteresse heraus erreicht? Gibt es irgend etwas, wofür Aussicht vorhanden ist, daß es für solches Interesse erreichbar ist und wofür diese Aussicht nach einem neuerdings blutigen, furchtbaren Jahre gestiegen ist? — Nein, nein! Die Weltensituation war am Schlusse des Jahres 1916 genau dieselbe, wie sie heute ist; denn diese Weltensituation wird erst dann eine andere werden, wenn Vernunft in das Denken kommt.
[ 30 ] Wer da glaubt, daß etwas Wesentliches sich seit Jahresfrist geändert hat, der irrt sich darin, der nimmt dasjenige, was äußerlich ist, für Inneres. Damit ist nicht gemeint, daß dieses oder jenes, was wiederum in bequemer Lebensauffassung als etwas Günstiges zunächst bezeichnet wird — bis die Leute nach ein paar Monaten sehen, daß es nichts Günstiges ist —, nicht gemacht werden kann. Aber die Dinge liegen ja viel tiefer; sie liegen so tief, daß es nach den Erfahrungen, die gemacht worden sind, ja nicht einmal möglich ist, gerade mit Bezug auf die Ereignisse der Gegenwart, das maßgebliche Wort auch hier auszusprechen. Die Menschheit hätte in der Gegenwart eine Aufgabe. Und nach einem solchen Jahr, wie dieses ist, kann man schon einige Worte über diese Aufgabe sprechen.
[ 31 ] Daß diese katastrophalen Ereignisse geworden sind, das war sicher keine Menschheitsaufgabe. Daß diese katastrophalen Ereignisse fortgesetzt werden, ist sicher auch keine Menschheitsaufgabe. Eine Menschheitsaufgabe ist diese: aus diesen katastrophalen Ereignissen herauszukommen; wirklich herauszukommen aus diesen katastrophalen Ereignissen und anzuerkennen, daß es eine Aufgabe ist, aus ihnen herauszukommen.
[ 32 ] Daß man dies oder jenes im alten Stile weitermachen will, das macht es nicht aus. Es kann ja schon gesagt werden: Wenn einige Sozialisten glauben, dasjenige, was sie zum Heile der Menschheit auch schon vor siebzehn Jahren geglaubt haben, jetzt als Universalmedizin verwenden zu können, um aus der großen Menschheitskalamität herauszukommen, so ist das ein Irrtum, ein Irrtum, der eben von Wirklichkeitsfremdheit herrührt.
[ 33 ] Diese katastrophalen Ereignisse setzen sich ja aus zwei Dingen zusammen, die man beide heute nicht vermag in allem, was draußen außerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft existiert, wirklich zu verstehen. Auf der einen Seite sind diese katastrophalen Ereignisse nur möglich geworden durch die Art und Weise, wie man für gewisse Ziele den großen Gegensatz benutzt hat, der sich in der Menschheit herausgebildet hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte zwischen alldem, was industrieller, kommerzieller und so weiter Imperialismus ist, und dem Sozialismus, der das ihm Entgegenstehende ist. Das ist das eine. Das andere ist dasjenige, was sich herausgebildet hat durch die Völkerpsychologie, die insbesondere im Osten Europas und in Mitteleuropa eine große Rolle spielt. In beiden Dingen sind Menschheitsprobleme umspannendster Art enthalten.
[ 34 ] Wir müssen eben da anfangen, wo man am wenigsten heute von der Außenwelt gestört wird, wo die äußere Kodifizierung noch am wenigsten mitspricht, in der Wissenschaft, in der Kunst. Oder wir könnten einmal auf Grundlage unserer Grundsätze eine Bank begründen.
[ 35 ] Vielerlei könnte angeführt werden, welches neben diesem Holz- und Betonbau zeigen würde eine Art Idealbau, der aber aus dem Leben und aus der Wirklichkeitsfreundschaft herausgeholt ist. Dieser Holz- und Betonbau steht heute unvollendet da; das ist ein Symptom, das ist ein Symbolum. Diese Dinge, weder der wirkliche noch der Idealbau oder die Idealbauten können fertiggemacht werden, wenn Verständnis in der Welt nur vorhanden ist für das Entgegengesetzte, für dasjenige, was allen Individualismus, alle Persönlichkeitsimpulse aus der Menschheit austilgen muß. Wenn wieder zurückerobert werden muß für die Menschen dasjenige, was in abstrakten Institutionen verfließt, in den Tyranneien der abstrakten Institutionen verfließt, dann wird dazu viel Zeit notwendig sein.
[ 36 ] Manches muß eben, wenn man so sagen darf, durch die Blume gesprochen sein; jeder mag versuchen, aus den Dingen sich das zu ziehen, was er ziehen kann. Aber vor allen Dingen sollte das gezogen werden, was sich ja ergibt, wenn man erwägt, daß nicht umsonst gewisse Dinge diesmal immer wieder und wieder wiederholt worden sind: die Mahnung, von all dem Phrasenhaften, auch wenn dieses Phrasenhafte äußere Scheinrealität gewonnen hat, von allem Phrasenhaften abzugehen und sich hinzuwenden zur Wahrheit, zur wahren Wirklichkeit. Denn diese wahre Wirklichkeit suchen wir durch unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Durch sie wollen wir eindringen in das Verständnis dessen, was ist, desjenigen, was wirken muß. Und frei wollen wir werden von jenem falschen Idealismus — falschen Idealismus, weil er ein abstrakter Idealismus ist —, der glaubt, ohne Studium, ohne Kenntnis und Liebe gegenüber der Wirklichkeit irgend etwas in der Welt wirken zu können.
[ 37 ] In den Zeiten, in denen das eine Jahr das andere ablöst, liegt es der Menschenseele so nahe, ernstere Gedanken anzustellen über das, wie sich die eigene Seele hineinstellt in das Leben und in das Wesen des Seins. Man kann heute keine ernsteren Gedanken anschlagen als die sind, die herkommen von dem Gegensatze zwischen einer wirklichkeitsfremden und auf ihre Wirklichkeitsfreundschaft so falsch stolzen Welt, und zwischen dem, was angestrebt werden soll durch eine wirkliche Wirklichkeitsfreundschaft, wie sie anstrebt die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.
[ 38 ] Tragen wir — neben dem, was wir so leicht entwickeln können — eine gewisse Neigung zum Aufnehmen geistiger Wahrheiten, weil sie uns in einer angenehmen Weise unsere Beziehungen zur Ewigkeit und dergleichen vor die Seele stellen, tragen wir zu dem, was eine Art Neigung ist, sich mit geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zu befassen, auch hinzu einen wirklichen, inneren, starken, hingebungsvollen Impuls: das Leben, alles Leben in dem Lichte dieser Geisteswissenschaft zu betrachten. Versuchen wir hinüberzutragen aus einem Jahre, das wahrhaftig nicht leicht zu durchleben war, in das nächste, das auch nicht leicht zu durchleben sein wird, versuchen wir hinüberzutragen den Willen, das Leben im Sinne der Geisteswissenschaft anzuschauen, den Willen, frei zu werden von der bloßen Phrase, die heute die Welt beherrscht. Denn es ist schon etwas getan, wenn wenigstens ein kleines Häuflein von Menschen in der Welt ist, das eine Silvesterbetrachtung anstellen kann, dahingehend, nicht in ihren Gedanken mitzumachen den Götzendienst der Phrase. Es ist dies etwas. Gewöhnen wir uns für viele Dinge, die es brauchen, neue Worte, neue Begriffe, neue Vorstellungen an!
[ 39 ] Das sei gesagt — da wir wieder eine Silvesterbetrachtung haben konnten innerhalb dieses unvollendeten Baues, mit dessen Formen, mit dessen Wirklichkeit wir so viele Zukunftsgedanken verbinden —, damit wir den Gedanken fassen können, in dieses Neujahr hinüberzuleben so, daß wie ein brennender Impuls, wie ein Feuer in uns sei, daß diese Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie ist, die wir im stillen Kämmerlein pflegen, sondern werde zu etwas, was in unsern Kopf, in unser Herz, in unsere Hände, in alles übergeht, was im Leben durch uns werden und geschehen soll.
[ 40 ] Aus den Worten heraus, die vielleicht hart geklungen haben, die aber doch nur aus Liebe zur Menschheit gesagt worden sind, aus diesen Worten heraus möchte ich Ihnen den Impuls geben, möchte ich Sie auf den Impuls deuten, diese Wende zweier Jahre so durchdenken zu wollen, daß der Gedanke sein kann Ausgangspunkt eines wirklich unbefangenen Durchschauens von dem, was wirklichkeitsgemäß und unwirklichkeitsgemäß ist. Denn mehr, mehr als die Menschheit heute denkt, hängt an diesem. Und man möchte wahrhaftig etwas anderes noch haben als schwache Worte für einen kleinen Kreis in einer Zeit, in der in Silvesterbetrachtungen so vieles andere notwendiger sein würde als das, was ganz gewiß heute vielfach als Silvesterbetrachtungen gesprochen wird. Aber seien wir uns dessen bewußt, daß Geisteswissenschaft eine gewisse Berechtigung hat, solches Anderssein-Wollen von uns zu verlangen!
