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Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181

19 März 1918, Berlin

Erdensterben und Weltenleben VI

[ 1 ] Wir haben heute vor einer Woche über intimere Fragen des menschlichen Seelenlebens gesprochen, über solche Fragen, die geeignet sind, Vorstellungen vorzubereiten, die sich erstrecken auf das Verhältnis der sogenannten Lebenden, das heißt der im physischen Leibe lebenden Menschen, zu den entkörperten Seelen, zu denjenigen Menschen, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben. Nun handelt es sich darum, daß wir gerade, wenn wir ein solches Thema besprechen, uns mit gewissen grundlegenden Vorstellungen bekanntmachen, die uns in der richtigen Weise seelisch einführen können in die Art, wie der Mensch sich in einem solchen Verhältnisse drinnen denken sollte und denken kann. Denn davon, ob der Mensch, der hier auf der Erde lebt, sich bewußt ist, daß er in irgendeinem Verhältnisse zu einem Toten oder überhaupt in einem Verhältnisse zu dieser oder jener Wesenheit der geistigen Welt steht, hängt die Wirklichkeit dieses Verhältnisses gar nicht ab. Es ist eigentlich das, was ich jetzt sage, für den selbstverständlich, der über diese Dinge nachdenkt; aber es ist eben gerade auf dem geisteswissenschaftlichen Gebiete manchmal notwendig, sich das Selbstverständliche nur recht klarzumachen.

[ 2 ] Der Mensch steht immer im Verhältnis zur geistigen Welt, steht auch immer in einem gewissen Verhältnis zu denjenigen Toten, die mit ihm karmisch verbunden sind. Es ist also durchaus ein anderes, von der Wirklichkeit dieses Verhältnisses zu sprechen oder von dem stärkeren oder schwächeren Bewußtsein, das wir von diesem Verhältnis haben können. Wichtig aber ist für jeden — auch für den, der nur glauben kann, daß ihm ein solches Bewußtsein gänzlich ferne liegt —, zu erfahren, was ein solches Bewußtsein sagt; denn es sagt ja einem jeden eigentlich Wirklichkeiten, in denen er immer und immer drinnensteht. Gerade mit Bezug auf das Verhältnis der sogenannten lebenden Menschen zu den sogenannten Toten muß man sich eines klarmachen: dieses Verhältnis ist in gewisser Beziehung schwieriger zum Bewußtsein zu bringen als das Verhältnis zu andern Wesenheiten der geistigen Welt. Sehend, schauend ein Bewußtsein von den Wesenheiten der höheren Hierarchien zu erlangen, ja auch bestimmte Offenbarungen von den höheren Hierarchien zu erhalten, ist verhältnismäßig leichter, als sich bewußt zu werden über ein ganz bestimmtes Verhältnis zu den Toten, das heißt, in wahrhaft richtiger Weise sich darüber bewußt zu werden. Und dies ist aus folgendem Grunde.

[ 3 ] Der Mensch lebt ja, indem er die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchläuft, in sehr von den Lebensverhältnissen der physischen Welt verschiedenen Daseinsbedingungen. Sie brauchen nur einen Blick auf das zu werfen, was in dem Vortragszyklus «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt» gesagt ist, so werden Sie sehen, welche von der physischen Weltauffassung verschiedenen Vorstellungen und Gedanken man anwenden muß, um über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt zu sprechen. Warum sind denn eigentlich diese Vorstellungen, die man da anwenden muß, gar so verschieden von dem, was einem gewohnt ist für das gewöhnliche Bewußtsein? Das ist deshalb, weil aus gewissen Bedingungen heraus — wir werden das auch noch im Verlaufe dieses Winters besprechen müssen — der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt in einer gewissen Art schon das vorausnimmt, was erst die Lebensbedingungen der nächsten Erdenverkörperung, der Jupiternatur, sein werden. Der Mensch lebt allerdings, man möchte sagen, in geistiger Verfeinerung, lebt so, daß das, was er jetzt zwischen Tod und neuer Geburt durcherlebt, schon an das erinnert, was erste Lebensbedingungen der Jupiterentwickelung sein werden. Weil der Mensch in einer gewissen Weise hier in seinem Leben während der Erdenverkörperung etwas zurückbehalten hat von den früheren Verkörperungen der Erde — vom Mondendasein, Sonnendasein und Saturndasein —, deshalb nimmt er wieder etwas von der Zukunft auf in dem Leben, das er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchläuft. Dagegen sind die Wesenheiten der höheren Hierarchien, soweit man sie durchschauen kann mit menschlichem Schauen, alle verknüpft — in einer gegenwärtigen Weise verknüpft —, zwar durchaus selbstverständlich mit der ganzen geistigen Welt, aber insofern mit der geistigen Welt, als sich diese gegenwärtig in irgendeiner Form schon auslebt. Sie werden in der Zukunft das Zukünftige offenbaren. So paradox das, was ich jetzt sage, in einer gewissen Weise klingt, so ist es doch so. Es klingt aus dem Grunde paradox, weil ja die Frage entstehen kann, wie die Wesen der höheren Hierarchien ihre Tätigkeit [in bezug] auf die Toten entwickeln, da die Toten schon Zukünftiges in sich tragen. Natürlich tragen auch die Wesenheiten der höheren Hierarchien Zukünftiges in sich und haben die Möglichkeit in sich, das Zukünftige zu bilden. Aber sie tun dies nicht, ohne etwas zu bilden, was für die Gegenwart unmittelbar charakteristisch ist. Das aber ist bei den Toten der Fall. Aus diesem Grunde gehört zum Bewußtwerden des Verkehrs mit den Toten, gewissermaßen als Vorbereitung, das Schauen desjenigen, was die höheren Hierarchien vollführen. Und erst wenn man mit seiner Seele eine mehr oder weniger bewußte Empfindung herbeigeführt hat zu den Wesen der höheren Hierarchien, wird es dieser Seele auf Grund der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit gegenüber den höheren Hierarchien allmählich möglich, etwas über den Verkehr mit den Toten ins Bewußtsein hereinzubekommen. Ich meine damit nicht, daß man hellseherisch die höheren Hierarchien erfassen muß, aber verstehen, soweit die Geisteswissenschaft dazu die Möglichkeit bietet — und sie gibt die Möglichkeit dazu — muß man das, was von den höheren Hierarchien ins Dasein hereinfließt. Bei allen diesen Dingen kommt es auf das Verstehen an. Dann allerdings, wenn man sich bemüht, geisteswissenschaftlich diese Dinge zu verstehen, können auch jene Daseinsbedingungen eintreten, die schon etwas von einer Verbindung der sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten ins Bewußtsein hereinrufen. Zum Verständnisse dessen ist es notwendig, das Folgende ins Auge zu fassen.

[ 4 ] Die geistige Welt, in welcher der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt ist, hat ihre ganz besonderen Daseinsbedingungen, Daseinsbedingungen, die wir in unserem gewöhnlichen Erdenleben eigentlich kaum beachten, ja die uns, wenn sie uns innerhalb einer Lebensauffassung gegeben werden, ziemlich paradox klingen und kurios erscheinen. Da ist vor allem daran festzuhalten, daß der Mensch, wenn er solche Dinge bewußt empfinden will, sich vor allen Dingen ein Gefühl aneignen muß, welches ich nennen möchte ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl mit den Dingen des Daseins. Es ist eigentlich ein Erfordernis zur Fortsetzung der geistigen Entwickelung der Menschheit von unserer Gegenwart an, von dieser katastrophalen Gegenwart an, daß der Mensch dieses Gemeinschaftsgefühl mit den Dingen des Daseins allmählich entwickele. Im Unterbewußtsein ist dieses Gremeinschaftsgefühl, wenn auch auf eine niedere Art, durchaus veranlagt. Aber wir müssen nicht so im allgemeinen, wie es etwa die Pantheisten machen, von einem Allgeist schwatzen, wir müssen nicht so im allgemeinen von diesem Gemeinschaftsgefühl sprechen ; sondern wir müssen uns im konkreten einzelnen darüber klarwerden, wie man von einem solchen Gemeinschaftsgefühl sprechen kann, wie es sich allmählich in der Seele aufbaut. Denn dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein Lebensergebnis. Da kommt folgendes in Betracht.

[ 5 ] Sie werden schon öfters gehört haben, wenn Verbrechernaturen, in denen das Instinktive unterbewußt sehr stark wirkt, etwas getan haben, irgendeine Tat verrichtet haben, dann haben sie einen eigentümlichen Instinkt: sie werden zum Ort ihrer Tat zurückgetrieben, suchen den Ort ihrer Tat auf, ein unbestimmtes Gefühl treibt sie dorthin. Aber bei solchen Dingen drückt sich nur in besonderen Fällen das aus, was allgemein menschlich in bezug auf viele Dinge ist. Wenn wir nämlich irgend etwas getan haben, etwas verrichtet haben, und sei es die scheinbar unbedeutendste Verrichtung, so bleibt — man kann es nicht anders ausdrücken, obzwar es selbstverständlich wieder in einer Art Imagination ausgedrückt ist — etwas in uns von dem, was wir getan haben, von dem Ding, das wir angefaßt haben beim Tun; eine gewisse Kraft bleibt von dem Ding, das wir angefaßt haben, mit dem wir etwas getan haben, mit unserem Ich verbunden. Der Mensch kann gar nicht anders, als gewisse Verbindungen einzugehen mit all den Wesenheiten, die er trifft, und mit den Dingen, die er anfaßt — wobei ich natürlich nicht bloß das physische Anfassen meine —, mit denen er im Leben irgend etwas tut. Wir lassen überall unsere Merkzeichen zurück, und es bleibt das Gefühl des Verbundenseins mit den Dingen, mit denen wir durch unsere Handlungen in Berührung gekommen sind, in unserem Unterbewußtsein vorhanden. Das kommt bei solchen Naturen, von denen ich eben gesprochen habe, in einer abnormen Weise zum Ausdruck, weil das Unterbewußte sehr instinktiv heraufleuchtet in das gewöhnliche Bewußtsein; aber im Unterbewußtsein hat jeder das Gefühl, er müsse zu dem zurückkehren, womit er durch sein Handeln in Berührung gekommen ist.

[ 6 ] Das ist es auch, was unser Karma begründet; von dem rührt unser Karma her. Und von diesem unterbewußten Gefühl, das sich zunächst nur nebulos ins Dasein hereindrückt, haben wir das allgemeine Gefühl der Gemeinschaft mit der Welt. Weil wir eigentlich überallhin unsere Merkzeichen geben, deshalb haben wir ein solches Gemeinschaftsgefühl mit der Welt. Man kann dieses Gemeinschaftsgefühl, ich möchte sagen, erhaschen, kann es an sich wahrnehmen. Dazu muß man aber gewisse Intimitäten des Lebens ins Auge fassen. Da muß man versuchen, sich wirklich in die Vorstellung hineinzufühlen: Du gehst jetzt über eine Straße —, und dann die Straße durchgehen, und nachdem man gegangen ist, sich immer gehend vorstellen. Dadurch daß man so etwas immer gehend hervorruft, treibt man aus seiner Seele heraus dieses allgemeine Gemeinschaftsgefühl mit der Welt. Bei dem, der sich in mehr konkretem Sinne dieses Gemeinschaftsgefühles bewußt wird, bildet es sich so aus, daß er sich zuletzt sagt: Es ist doch eine Verbindung, wenn auch eine unsichtbare Verbindung vorhanden zu allen Dingen, wie zwischen den Gliedern eines einzelnen Organismus. Wie jeder Finger, jedes Ohrläppchen, alles zu uns gehört, was an unserem Organismus ist, wie eines mit dem andern in Verbindung steht, so ist eine Verbindung zwischen allen Dingen und zu allem, was geschieht, soweit das Geschehen in unsere Welt eingreift.

[ 7 ] Für dieses Gemeinschaftliche, dieses organisch Durchdringende in den Dingen haben die jetzigen Erdenmenschen nur noch nicht ein vollgültiges Bewußtsein. Sie haben es noch nicht in ihrem Bewußtsein, es bleibt noch im Unbewußten. Während der Jupiterentwickelung wird dieses Gefühl das grundlegende sein, und indem wir uns vom fünften nachatlantischen Kulturzeitraum allmählich in den sechsten hineinarbeiten, arbeiten wir der Ausbildung eines solchen Gefühles vor, so daß dessen Ausbildung, die notwendig wird von unserem Zeitraume in die nächste Zukunft hinein, eine besonders ethische Grundlage, eine besonders moralische Grundlage für die Menschheit abgeben muß, die viel lebendiger werden muß, als das Analoge heute noch irgendwie ist. Das ist in folgender Weise gemeint.

[ 8 ] Heute denken sich manche Menschen noch nichts Besonderes dabei, wenn sie sich auf Kosten anderer Menschen bereichern, auf Kosten anderer leben. Nicht nur, daß die Menschen dieses Auf-Kostenanderer-Leben nicht besonders in eine moralische Selbstkritik einbeziehen, sie denken nicht einmal darüber nach. Wenn sie nämlich darüber nachdächten, würden sie gerade finden, daß einer viel mehr auf Kosten des andern lebt, als es nur den Menschen einfällt. Es lebt nämlich jeder auf Kosten der andern. Nun wird sich das Bewußtsein entwickeln, daß das Leben auf Kosten der andern, auch in der Gemeinschaft, dasselbe bedeutet, wie wenn sich irgendein Organ eines Organismus auf Kosten eines andern Organes in unrechtmäßiger Weise entwickelte, und daß das Glück eines einzelnen’ Menschen in Wirklichkeit nicht möglich ist ohne das Glück der Gesamtheit. Das ahnen selbstverständlich heute die Menschen noch nicht, aber das muß allmählich ein Grundsatz einer wirklichen Menschenmoral werden. Heute strebt jeder sein eigenes Glück zunächst an, denkt nicht daran, daß das eigene Glück grundlegend nur möglich ist bei dem Glück aller andern.

[ 9 ] Also es ist ein Zusammenhang zwischen dem Gemeinschaftsgefühl, von dem ich gesprochen habe, und dem Fühlen, daß eigentlich das ganze Gemeinschaftsleben ein Organismus ist. Das kann sich sehr steigern, kann sich außerordentlich steigern für den Menschen. Er kann ein intimes Empfinden für das Gemeinsamsein mit den Dingen um sich herum entwickeln. Wenn er diese intime Empfindung steigert, bekommt er die Möglichkeit, allmählich auch eine Wahrnehmung von dem zu erhalten, was ich im letzten Vortrage charakterisierte als jenen Schein, der über den Tod hinaus in unsere Entwickelung zwischen Tod und neuer Geburt geworfen wird, den wir wahrnehmen, und aus dem wir unser Karma bilden. Darauf will ich nur hinweisen. Aber man bekommt, wenn man jenes Gemeinschaftsgefühl ausbildet, noch etwas anderes, nämlich die Möglichkeit, wirklich auch mit den Eigentümlichkeiten, mit den Situationen, den Gedanken, den Handlungen eines andern Menschen zu leben, wie wenn sie die eigenen wären. Das ist für das seelische Leben mit einer gewissen Schwierigkeit verbunden: sich in einen Menschen so hineinzudenken, daß das, was er verrichtet, was er denkt und fühlt, von uns so empfunden wird wie das eigene. Wenn man aber in fruchtbarer Weise an das zurückdenken will, was man mit Verstorbenen, die zur Zeit des Lebens mit einem karmisch verbunden waren, gemeinschaftlich hatte, dann bekommt man es nur fertig, sie als entkörperte Menschen wirklich zu erreichen, wenn man imstande ist, dessen, was man mit ihnen gemeinschaftlich durchlebt hat, und wenn es das Kleinste ist, so zu gedenken, wie man eben denkt, wenn man dieses Gemeinschaftsgefühl hat. Man stelle sich also vor, man denkt an etwas, was sich zwischen uns und einem Verstorbenen abgespielt hat, als wir mit ihm am Tisch saßen oder spazieren gegangen sind, oder anderes, und wenn es, wie gesagt, das Kleinste sei. Aber die Seele hat nur die Möglichkeit, sich in das recht hineinzuversetzen, so daß sie die Wirklichkeit erreicht, wenn sie das Gemeinschaftsgefühl wirklich in sich hat; sonst hat sie zu wenig Kraft, um sich in die Sache hineinzuversetzen. Denn fassen Sie es wohl: Nur von einem solchen Orte aus — wenn ich jetzt vergleichsweise spreche, aber Sie werden mich verstehen —, auf den wir dieses Gemeinschaftsgefühl so werfen, kann der Tote sich uns zum Bewußtsein bringen. Sie können es sich ganz räumlich vorstellen. Sie werden natürlich im Bewußtsein behalten müssen, daß Sie sich dabei nur ein Bild vorstellen, aber Sie stellen sich ein Bild einer richtigen Wirklichkeit vor.

[ 10 ] Ich komme noch einmal auf das zurück, was ich vorhin sagte: Sie stellen sich eine einzelne Situation vor, wie Sie mit einem Verstorbenen zum Beispiel an einem Tische gesessen sind oder mit ihm spazieren gingen; dann richtet sich Ihr ganzes Seelenleben nach der Richtung dieses Gedankens hin. Wenn Sie mit dem Verstorbenen in diesem Gedanken nur ein solches Seelenzusammensein entwickeln, wie es diesem Gemeinschaftsgefühl entspricht, dann kann sein Blick von der geistigen Welt aus diesen Gedanken ebenso finden, wie Ihr Gedanke, Ihre Gedankenrichtung die Wirklichkeit findet, auf die sich diese Gedanken richten. Indem Sie diesen Gedanken an den Toten und in dem Grade, wie ich es angedeutet habe, liebevoll in Ihrer Seele anwesend sein lassen, treffen Sie sich in Ihrer seelischen Blickrichtung mit der seelischen Blickrichtung des Toten. Dadurch kann der Tote zu Ihnen sprechen. Er kann nur von dem Orte aus zu Ihnen sprechen, auf den die Richtung Ihres Gemeinschaftsgefühles mit ihm fällt. So hängen die Dinge zusammen. Lernen wir gewissermaßen unser Karma fühlen, indem wir eine Vorstellung davon bekommen, wie wir überall Denkzeichen zurücklassen. Lernen wir uns dadurch mit den Dingen identifizieren, so bilden wir das Gefühl aus, das uns in immer bewußtere und bewußtere Verbindung mit den Toten bringt. Dadurch ist erst die Möglichkeit gegeben, daß der Tote zu uns spricht.

[ 11 ] Das andere, das notwendig ist, das ist, daß wir es hören können, daß wir es mit der Zeit wirklich wahrnehmen können. Da müssen wir vor allen Dingen auf das Rücksicht nehmen, was sozusagen als « Luft» liegen muß zwischen uns und dem Toten, damit er zu uns herübersprechen kann. Wenn ich es mit Physischem vergleiche: Wenn ein luftleerer Raum hier zwischen uns wäre, würden Sie nicht hören können, was ich sage; die Luft muß es vermitteln. So muß auch etwas sein zwischen den Lebenden und den Toten, wenn der Tote an uns herankommen soll. Es muß gewissermaßen eine geistige Luft da sein, und wir können jetzt davon sprechen, woraus diese geistige Luft besteht, in der wir gemeinsam mit den Toten leben. Aus was besteht diese geistige Luft?

[ 12 ] Wenn wir das erfassen wollen, müssen wir uns an das erinnern, was . ich in anderem Zusammenhange auch schon dargestellt habe, nämlich wie die menschliche Erinnerung zustande kommt; denn die Dinge hängen alle untereinander zusammen. Die gebräuchliche Psychologie sagt über die menschliche Erinnerung: Ich habe jetzt einen Eindruck aus der Außenwelt, der ruft eine Vorstellung in mir hervor; diese Vorstellung geht irgendwie in meinem Unterbewußtsein spazieren, sie wird vergessen, und wenn eine besondere Veranlassung dazu ist, kommt sie aus dem Unterbewußten wieder heraus, und dann erinnere ich mich. — Denn eigentlich haben fast alle Psychologien, was die Erinnerung betrifft, so die Empfindung, daß man jetzt auf Grund eines Eindruckes eine Vorstellung hat, dann hat man sie nach einiger Zeit nicht mehr, da ist sie vergessen und spaziert so im Unterbewußten herum, und dann kommt sie durch irgendeine Gelegenheit wieder ins Bewußtsein herauf. Man erinnert sich und glaubt, die gleiche Vorstellung zu haben, die man sich zuerst bildete, Es ist das aber ein vollständiger Unsinn, ein Unsinn, der zwar fast ausnahmslos in allen Psychologien gelehrt wird, der aber deshalb doch ein Unsinn ist. Denn das, wovon da gesprochen wird, geschieht gar nicht. Wenn wir uns durch ein äußeres Erlebnis einen Eindruck bilden und später uns daran erinnern, so kommt gar nicht die zuerst gebildete Vorstellung wieder in uns herauf. Sondern während wir jetzt vorstellen, geht noch ein unterbewußter Prozeß vor sich, ein zweiter Prozeß; der kommt ' nur während des äußeren Erlebnisses nicht zum Bewußtsein, aber er geht doch vor sich. Und durch Vorgänge, die ich jetzt nicht besprechen will, spielt sich morgen wieder in unserem Organismus das ab, was sich heute abgespielt hat, was aber unbewußt geblieben ist. Und wie heute der äußere Eindruck die Vorstellung hervorruft, so ruft morgen das, was da unten bewirkt worden ist, die neue Vorstellung hervor. Eine Vorstellung, die ich heute habe, vergeht, sie ist nicht mehr da; die spaziert nicht im Unterbewußten herum, sondern, wenn ich morgen aus dem Gedächtnis dieselbe Vorstellung habe, so kommt das davon her, daß in mir etwas vorhanden ist, was diese selbe Vorstellung hervorruft. Das wurde aber unterbewußt erzeugt. Wer da glaubt, daß Vorstellungen von unserem Unterbewußtsein aufgenommen werden, darin spazierengehen und schließlich wieder aus der Seele heraufkommen, der sollte, wenn er sich etwa in drei Tagen erinnern will, daß irgend etwas an ihn herangetreten ist, was er nicht vergessen will und was er sich etwa aufschreibt, er sollte sich dann nur auch gleich vorstellen: Der Mensch, an den er sich erinnern will, ist auch dadrinnen in dem, was er sich aufgeschrieben hat, und nach drei Tagen spaziert dann dieser Mensch wieder aus dem Notizbuch heraus. — Geradeso wie in das Notizbuch nur Zeichen hineingekommen sind, so ist in der Erinnerung auch nur ein Zeichen da, und dieses ruft, und zwar in einem abgeschwächteren Grade, das wieder hervor, was von uns erlebt worden ist. Man kann in dieser Beziehung mancherlei geisteswissenschaftlich anführen — wir werden es noch tun, und das wird dies, was ich jetzt ausführe, ganz klarmachen —, ich will heute nur an eines erinnern.

[ 13 ] Wer memorieren oder irgendwie sich etwas beibringen will, was er behalten will, was man oft in der Jugend «ochsen» nennt, der weiß ganz gut, daß das nicht genügt, was dann als Operation sich vollzieht, wenn man nur etwas wahrnimmt; sondern es werden zuweilen recht sehr äußerliche Hilfen in Anspruch genommen, um irgend etwas dem Gedächtnis einzuverleiben. Beobachten Sie nur einmal jemanden, der sich etwas einochsen will, so werden Sie sehen, was er für Anstrengungen macht, um dieser unbewußten Tätigkeit zu Hilfe zu kommen, die sich dabei abspielt. Da sucht man diesem Unterbewußten irgendwie nachzuhelfen. Das sind ganz zweierlei Dinge: eine Sache der Erinnerung einverleiben und eine Sache gegenwärtig vorstellen. Wenn Sie Menschen studieren können, ihre Charaktere beobachten, so werden Sie bald finden können, wie auch das Menschenstudium zeigt, daß man es dabei mit zwei Dingen zu tun hat: Sie werden finden, daß es Menschen gibt, die schnell etwas auffassen, aber ein furchtbar schlechtes Gedächtnis haben; und umgekehrt gibt es Menschen, die blitzdumm sind, was schnelles Erfassen einer Sache anbelangt, die aber ein gutes Gedächtnis haben, namentlich eine gute Vorstellungs- und Urteilsfähigkeit. Es gehen diese beiden Dinge ganz nebeneinander her, und die Geisteswissenschaft wird in mancher Beziehung auf die wahren Sachverhalte in Wirklichkeit erst aufmerksam machen müssen.

[ 14 ] Wenn wir so im Leben dieses oder jenes auffassen, und wir fassen ja vom frühen Morgen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen etwas von der Welt auf, da machen wir unsere Sympathien oder Antipathien mehr oder weniger bewußt durch mit dem, was wir erfassen, und wir sind meistens zufrieden, wenn wir eine Sache erfaßt haben. Diese Tätigkeit aber, die dann zur Erinnerung führt, ist eine viel ausgebreitetere als jene, die zum Erfassen der Eindrücke notwendig ist. Es geht wirklich viel unterbewußt in unserer Seele vor, und dieses unterbewußt Vorsichgehende widerspricht manchmal in merkwürdiger Weise dem, was bewußt in uns vorgeht. Es kann manchmal sein, daß wir Antipathien empfinden mit einem Eindruck, den etwas auf uns macht. Das Unterbewußtsein empfindet diese Antipathien gar nicht; es empfindet überhaupt die Eindrücke ganz anders, als das gewöhnliche Bewußtsein. Das Unterbewußte entwickelt nämlich eine merkwürdige Empfindung gegenüber allen Eindrücken, die Empfindung, die ich nicht anders bezeichnen kann — obwohl es immer nur vergleichsweise ist, wenn man Ausdrücke, die der physischen Welt entnommen sind, auf das Geistige anwendet; aber der Ausdruck paßt hier sehr gut —, als daß ich sagen möchte: Das Unterbewußte entwickelt immer, gleichgültig, was im Bewußtsein vor sich geht, gegenüber jedem Eindruck ein gewisses Dankbarkeitsgefühl. — Es ist gar nicht unrichtig, wenn ich sage, ein Mensch kann vor Ihnen stehen, und der bewußte Eindruck, den Sie von ihm haben, kann Ihnen furchtbar unangenehm sein. Der Mensch kann Ihnen die größten Grobheiten ins Gesicht schleudern, der unterbewußte Eindruck hat gegenüber diesem ein gewisses Dankbarkeitsgefühl. Aus dem einfachen Grunde ist dieses Dankbarkeitsgefühl vorhanden, weil alles, was im Leben an die tieferen Elemente unseres Wesens herantritt, unser Leben reicher macht, es wirklich reicher macht. Auch alle unangenehmen Eindrücke machen unser Leben reicher. Das hängt nicht mit dem zusammen, wie wir uns bewußt zu den äußeren Eindrücken verhalten müssen. Ob wir in bewußter Art so oder so zu reagieren haben, das hat nichts zu tun mit dem, was sich unterbewußt abspielt. Im Unterbewußtsein führt alles nur zu einem gewissen Dankbarkeitsgefühl. Das Unterbewußte nimmt jeden Eindruck wie eine Gabe hin, für die es dankbar sein muß. Das tun wir in unserem Unterbewußtsein.

[ 15 ] Es ist außerordentlich wichtig, daß man diese unter der Schwelle des Bewußtseins verlaufende Tatsache einmal ins Auge faßt. Was da wirkt und in einem Dankbarkeitsgefühl sich entladet, wirkt auf eine ähnliche Art in uns wie das, was bei einem Eindruck von der Außenwelt in uns hereinwirkt, und was dann Erinnerung werden soll, es geht so neben dem Vorstellen her, und nur der Mensch kann sich bewußt werden über diese Dinge, der auch ein deutliches Gefühl davon bekommt, daß er vom Aufwachen bis zum Einschlafen fortwährend träumt. Ich habe schon im öffentlichen Vortrage gesagt, daß wir in bezug auf unsere Gefühle und unseren Willen fortwährend schlafen und träumen, auch im wachen Leben. Wenn wir so die Welt auf uns wirken lassen, gehen fortwährend unsere Eindrücke und Vorstellungen vor sich; aber darunter träumen wir über alle Dinge, und dieses Traumleben ist viel reicher, als wir meinen. Es wird nur überstrahlt von dem bewußten Vorstellen, wie ein schwaches Licht von einem starken überstrahlt wird. — Sie können gleichsam experimentierend sich über solche Verhältnisse eine Aufklärung verschaffen, wenn Sie auf verschiedene Intimitäten des Lebens achtgeben. Versuchen Sie zum Beispiel folgendes Experiment in sich selbst zu machen: Denken Sie sich, Sie liegen auf einem Ruhebette und wachen auf. Natürlich gibt der Mensch dann nicht auf sich acht, weil gleich hinterher die Welt allerlei Eindrücke auf ihn macht. Aber es kann vorkommen, daß er noch ein wenig ruhig bleibt, wenn er aufwacht. Da kann er dann bemerken, daß er eigentlich schon wahrgenommen hat, bevor er aufwachte. Das kann er besonders dann beobachten, wenn jemand an die Tür geklopft hat und nicht wieder klopfte. Das kann er konstatieren, aber indem er aufwacht, weiß er: Da ist etwas geschehen. Es wird aus der Gesamtsituation klar.

[ 16 ] Wenn der Mensch so etwas beobachtet, wird er nicht mehr weit sein von der Anerkennung dessen, was die Geisteswissenschaft zu konstatieren hat: daß wir in einem viel weiteren Umfange wahrnehmend zu unserer Umgebung stehen, als das bewußte Wahrnehmen ist. Es ist einfach richtig, wenn Sie auf der Straße gehen, einem Menschen begegnen, der eben um die Ecke gekommen ist und den Sie deshalb nicht haben sehen können: Sie werden das Gefühl haben, daß Sie ihn doch schon vorher gesehen haben, Sie werden in unzähligen Fällen das Gefühl haben können, daß Sie etwas schon gesehen haben, bevor es wirklich geschehen ist. — Es ist wahr: Wir stehen schon vorher in seelisch-geistiger Verbindung mit dem, was wir nachher wahrnehmen. Es ist durchaus so, nur daß wir übertäubt werden von der nachherigen sinnlichen Wahrnehmung und wirklich nicht auf das achten, was in den Intimitäten des Seelenlebens vor sich geht.

[ 17 ] Das ist wieder so etwas, was in einer Ähnlichen Weise unterbewußt vor sich geht, wie die Gedächtnisbildung oder wie das, was ich als das Dankbarkeitsgefühl gegenüber allen umliegenden Erscheinungen auseinandergesetzt habe. Die Verstorbenen können zu uns nur sprechen durch das Element, das da durch unsere das Leben durchwebenden Träume durchgeht. In dieses Intime, unterbewußt vorsichgehende Wahrnehmen sprechen die Toten hinein. Und sie können es, wenn wir in der Lage sind, eben mit ihnen die gemeinsame geistig-seelische Luft zu haben. Denn das ist für sie notwendig, wenn sie zu uns sprechen wollen, daß wir etwas ins Bewußtsein hereinbekommen von dem, was ich eben als das Dankbarkeitsgefühl entwickelt habe, ein Dankbarkeitsgefühl gegenüber allem, was sich uns offenbart. Wenn nichts von diesem Dankbarkeitsgefühl in uns ist, wenn wir nicht imstande sind, der Welt dafür zu danken, daß sie uns leben läßt, daß sie unser Leben fortwährend mit neuen Eindrücken bereichert, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Seele dadurch zu vertiefen, daß wir oft und oft uns gegenwärtig halten können, daß eigentlich das ganze Leben durch und durch eine Gabe ist, so finden die Toten nicht die gemeinsame Luft mit uns. Denn sie können nur durch das Dankbarkeitsgefühl mit uns sprechen, sonst ist eine Wand zwischen uns und ihnen.

[ 18 ] Nun werden wir sehen, wie viele Hindernisse da sind, wenn es sich gerade um den Verkehr mit den Toten handelt; denn es handelt sich ja, wie wir aus andern Zusammenhängen gesehen haben, immer um den Verkehr mit denjenigen Toten, mit denen wir karmisch verbunden sind. Haben wir sie verloren, wünschen wir sie im Leben wieder zurück, können wir uns nicht zu dem Gedanken aufraffen: Wir sind dankbar dafür, daß wir sie gehabt haben, ganz unbeschadet dessen, daß wir sie jetzt nicht mehr haben —, so ist eben gerade gegenüber dem Wesen, dem wir uns nähern wollen, unser Dankbarkeitsgefühl nicht . vorhanden; dann findet es uns nicht, oder es kann mindestens nicht zu uns sprechen. Gerade die Empfindungen, die man sehr häufig nahestehenden Toten gegenüber hat, sind ein Hindernis, daß die Toten zu uns sprechen können. Andere Verstorbene, die nicht karmisch mit uns verbunden sind, sprechen schon gewöhnlich schwerer zu uns; aber mit Bezug auf die uns Nahestehenden haben wir zu wenig die Empfindung, daß wir ihnen dankbar sind, daß sie uns im Leben etwas gewesen sind, und daß wir nicht an der Vorstellung festhalten sollen, daß wir sie nun nicht mehr haben; denn dies ist eine undankbare Empfindung im weiteren Sinne des Lebens gefaßt. Man soll sich nur einmal klarmachen, wie sehr das Gefühl des Verlorenhabens das andere überwiegt, dann wird man die ganze Tragweite dessen, was ich sage, ins Auge fassen können. — Wir denken uns, wir haben einen lieben Angehörigen verloren. Dann müssen wir uns wirklich aufschwingen können zu der Empfindung von Dankbarkeit, daß wir ihn gehabt haben. Wir müssen selbstlos an das denken können, was er bis zu seinem Tode uns war, und nicht an das, was wir jetzt dadurch empfinden, daß wir ihn nun nicht mehr haben. Denn je besser wir das gerade empfinden können, was er uns während seines Lebens war, desto eher findet er die Möglichkeit, zu uns zu sprechen, desto eher wird es ihm möglich, durch die gemeinsame Luft der Dankbarkeit hindurch mit seinen Worten an uns herankommen zu können.

[ 19 ] Um allerdings immer bewußter und bewußter in die Welt hineinzukommen, aus der so etwas herauskommt, sind noch mancherlei andere Dinge notwendig. Nehmen Sie an, Sie haben ein Kind verloren. Das Gemeinsamkeitsgefühl, das notwendig ist, können Sie dadurch zum Beispiel betätigen, daß Sie sich vorstellen, wie Sie mit dem Kinde zusammensitzen, mit ihm spielen, so daß Sie das Spiel genau ebenso interessiert wie das Kind selber. Und wenn Sie so an ein Kind denken können, daß Sie das Spiel so interessiert wie das Kind selber, haben Sie das entsprechende Gemeinschaftsgefühl, wie es auch nur einen Sinn hat mit einem Kinde zu spielen, wenn man ebenso ein Spielfratz ist wie das Kind selbst. Das gibt eine Atmosphäre, die notwendig ist für das Gemeinschaftsgefühl. Also wenn man sich vorstellt, daß man mit dem Kind spielt, und sich so recht lebhaft da hineinversetzt, dann ist der Ort geschaffen, worauf unsere und seine Blickrichtung fallen kann. Bin ich dann imstande, zu erfassen, was der Tote sagt, dann stehe ich mit ihm in einer bewußten Verbindung. Das kann auch wieder durch mancherlei gefördert werden.

[ 20 ] Manchen Menschen wird zum Beispiel das Denken außerordentlich leicht. Sie werden sagen: Das ist nicht wahr! — Aber dennoch, es gibt Menschen, denen wird das Denken außerordentlich leicht. Wenn es die Menschen schwierig finden, so ist das eigentlich ein anderes Gefühl. Gerade die Menschen, die es mit dem Denken am leichtesten nehmen, finden es am allerschwierigsten. Das ist aus dem Grunde, weil sie eigentlich denkfaul sind. Aber ich meine es in folgender Richtung, daß es die meisten Menschen eigentlich leicht haben mit ihrem Denken. Man kann gar nicht einmal sagen, wie leicht, weil es so furchtbar leicht ist, wie die Menschen denken; man kann nur sagen, sie denken eben, sie bekommen gar keinen Begriff, daß es auch schwer sein könnte. Sie denken eben; sie fassen ihre Vorstellungen und haben sie dann und leben so in ihnen. Aber dann kommen andere Dinge an die Menschen heran, und ich will gleich unser Beispiel nehmen: Geisteswissenschaft. Die Geisteswissenschaft wird nicht deshalb von so vielen Menschen gemieden, weil sie schwer verständlich ist, sondern deshalb, weil eine gewisse Anstrengung dazu gehört, um die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen in sich aufzunehmen. Die Menschen scheuen diese Anstrengung. Und wer weiter und weiter geht in der Geisteswissenschaft, der merkt nach und nach, daß in ihr das Fassen der Gedanken wirklich eine Willensaufwendung notwendig macht, daß es eine Willensaufwendung nicht nur gibt, wenn man Zentnergewichte hebt, sondern auch, wenn man Gedanken faßt. Aber das wollen eben die Menschen nicht; sie denken leicht. Gerade wer im Denken vorrückt, kommt darauf, daß er immer schwerer und schwerer denkt, immer und immer schwerfälliger denkt — wenn ich so sagen darf —, weil er immer mehr und mehr empfindet: Damit ein Gedanke sich in ihm festlegen kann, muß er Anstrengungen aufwenden. Es gibt eigentlich für das Eindringen in die geistige Welt nichts Günstigeres, als wenn es einem immer schwerer und schwerer wird, Gedanken zu fassen, und eigentlich wäre der am glücklichsten im Fortschreiten in der Geisteswissenschaft, der gar nicht mehr den Maßstab des leichten Denkens anwenden könnte, den man sonst im Leben gewohnt ist, sondern der sich sagen würde: Das ist aber eigentlich eine Drescherarbeit, dieses Denken; man muß sich anstrengen, wie wenn man mit dem Dreschflegel schlagen würde!

[ 21 ] Ich kann ein solches Gefühl nur andeuten, aber es kann sich bilden. Es ist gut, es ist günstig, wenn es so wird. Es ist gar manches andere noch damit verbunden, zum Beispiel, daß dasjenige allmählich zurücktrete, was viele Menschen haben. Viele sind mit ihrem Denken so rasch, daß jemand von einem Gedankenkomplex nur etwas zu sagen braucht, dann haben sie schon den Zusammenhang des Ganzen erfaßt, dann wissen sie es und wissen immer gleich eine Antwort zu geben. Was würde aber auch sonst die Konversation in den Salons bedeuten, wenn das Denken schwer wäre! Aber man kann bemerken: Indem der Mensch nach und nach bekannt wird mit den inneren Verhältnissen der Dinge, wird es ihm auch schwerer, so hinzutratschen und auf alles gleich mit der Antwort bereit zu sein; denn das kommt vom leichten Denken. Man wird ja auch mit dem Vorrücken im Wissen immer sokratischer, man weiß immer mehr, daß man vieles aufwenden muß und sich nur mit Mühe ein Recht erwirbt, über dieses oder jenes eine Meinung auszusprechen.

[ 22 ] Dieses Gefühl, daß Willensanstrengungen zum Fassen der Gedanken gehörten, ist verwandt mit einem andern Gefühl in uns, das wir manchmal haben, wenn wir memorieren, wenn wir ochsen sollen und nicht in uns hereinkriegen, was wir hereinkriegen sollen. Man kann die Verwandtschaft zwischen diesen zwei Dingen durchaus empfinden: die Schwierigkeit, etwas gedächtnismäßig zu behalten, und die Schwierigkeit, wenn man in seinem eigenen Denken Willensanstrengungen macht, um etwas zu erfassen. Man kann sich aber darin auch üben; man kann das anwenden, was ich nennen könnte: Gewissenhaftigkeit, Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Denken. Es kommt bei manchen Menschen zum Beispiel vor, wenn jemand etwas aus einer gewissen Lebenserfahrung heraus sagt: Der oder jener ist ein guter Mensch —, flugs tratscht der andere: Ein furchtbar guter Mensch! — Denken Sie nur einmal, wie häufig es im Leben ist, daß Antworten nur darin bestehen, daß man anstatt des Positivs den Komparativ erwidert. Es ist natürlich nicht das Geringste dazu vorhanden, daß die Sache dem Komparativ entspräche, es ist nur der absoluteste Mangel dessen, was man denken soll; man hat da das Gefühl, daß man doch etwas erlebt haben soll von dem, was man zum Ausdruck bringen soll, worüber man sprechen will. Es darf selbstverständlich eine solche Lebensforderung nicht allzusehr übertrieben werden, denn sonst ginge in vielen Salons das große Schweigen los.

[ 23 ] Aber die Sache ist doch so: Dieses Gefühl, das aus dem Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem Denken erwacht, aus dem Gefühl, daß das Denken schwierig ist, dieses Gefühl begründet die Möglichkeit und die Fähigkeit, Erleuchtungen zu empfangen. Denn eine Erleuchtung kommt nicht auf die Art, wie der Gedanke den meisten Menschen zuspringt; eine Erleuchtung kommt immer, indem sie so schwierig ist wie etwas, was wir eben als schwierig empfinden. Wir müssen erst lernen, den Gedanken als schwierig zu empfinden, wir müssen erst lernen zu empfinden, daß gedächtnisartiges Behalten noch etwas anderes ist als bloßes Denken. Dann werden wir aber ein Gefühl empfinden können für jenes schwache, traumhafte Heraufkommen von Gedanken in der Seele, die eigentlich nicht recht haften wollen, die eigentlich schon wieder weg sein wollen, wenn sie kommen, die schwierig sind anzufassen. Wir unterstützen uns dabei, wenn wir uns geradezu ein Gefühl davon entwickeln, mit den Gedanken real zu leben. — Machen Sie sich einmal klar, was in Ihrer Seele vorgeht, wenn Sie zum Beispiel die Absicht gehabt haben, irgendwo hinzugehen und dann ankommen als am Ziel. Gewiß, der Mensch denkt gewöhnlich nicht darüber nach, man kann aber auch darüber nachdenken, was in der Seele vor sich geht, wenn man eine Absicht gehabt hat, sie ausgeführt hat, und dann erreicht ist, was beabsichtigt war. Es ist tatsächlich ein Umschwung in der Seele geschehen. Man kann es manchmal sogar recht auffällig ausgedrückt finden, wenn ein Bergsteiger sich sehr anstrengen muß, um oben auf einem Berge anzukommen, wenn er pustet und pustet und endlich, wenn er oben ankommt, ausruft: Gott sei Dank, daß mer da sein! — dann fühlt man, daß ein gewisser Umschwung in seinen Gefühlen sich vollzogen hat. Aber man kann sich auch ein feineres Empfinden nach dieser Richtung aneignen, und dieses feinere Empfinden kann sich in das intimere Seelenleben hinein fortsetzen. Dann ist es ähnlich dem folgenden Gefühl: Wer da beginnt, sich eine Situation mit einem Verstorbenen zu vergegenwärtigen, wer zu probieren beginnt, mit dem Toten gemeinsame Interessen zu haben, mit seinen Gedanken und Empfindungen sich zu verbinden, der wird sich wie auf einem Wege befindlich fühlen. Und dann kommt der Moment, wo man sich wie zur Ruhe gekommen in diesem Gedanken empfindet. Wer das kann: sich erst bewegen in einem Gedanken und dann ins Gleichgewicht kommen mit diesem Gedanken, der empfindet, wie wenn man sich aufgestellt hätte, während man früher gegangen ist. Damit hat man viel getan, um in entsprechender Weise für die Erleuchtungen, welche einem Gedanken geben können, zu sorgen. Man kann auch für die Erleuchtung durch Gedanken dadurch sorgen, daß man den ganzen Menschen einsetzt statt dessen, was man sonst nur im Leben einsetzt. Das führt natürlich schon in stärkere Intimitäten dieses Erlebens hinein.

[ 24 ] Wer ein wenig in sein Bewußtsein jenes Dankbarkeitsgefühl heraufholt, von dem ich vorhin gesprochen habe, der wird sogleich bemerken, daß dieses sonst unbewußt bleibende Dankbarkeitsgefühl, wenn es ins Bewußtsein heraufkommt, nicht so wirkt wie das gewöhnliche Dankbarkeitsgefühl; sondern es wirkt so, daß man mit ihm den ganzen Menschen verbinden möchte, wenigstens den Menschen bis in die Arme und Hände hin. Da muß ich auf das aufmerksam machen, was ich über diesen Teil des Menschenempfindens gesagt habe, wo die gewöhnlichen Vorstellungen aufgefaßt werden, aber die intimeren Vorstellungen wie durch ein Sieb durch das Gehirn durchgehen, und eigentlich die Arme und Hände die Empfangsorgane dafür sind. Man kann es aber auch wirklich erleben. Man kann selbstverständlich dabei ruhig bleiben, aber man kann doch so empfinden, als wenn man gegenüber gewissen Eindrücken des Lebens jenes Dankbarkeitsgefühl und auch andere ähnliche Gefühle — zum Beispiel das Verwunderungsgefühl, das Achtungsgefühl — mit den Armen ausdrücken müßte. Fragmentarische Äußerungen dieses Erlebens, daß es in den Armen und Händen zuckt, um eben die unterbewußten Impulse bei den Eindrücken mitzuerleben, kommen zum Ausdruck, wenn sich der Mensch zum Beispiel gedrängt fühlt, gegenüber der schönen Natur die Hände zusammenzuschlagen, oder gegenüber manchem, was ihm passiert ist, die Hände zu falten. Alle Dinge, die uns unterbewußt passiert sind, kommen fragmentarisch im Leben zum Ausdruck. Gegenüber dem, was man nennen könnte «Mitwollen der Hände und Arme mit den äußeren Eindrücken» kann ja der Mensch ruhig bleiben; dann bewegt sich nur sein Ätherleib, die Ätherhände und Ätherarme. Je mehr man sich dessen bewußt wird, ja, je mehr man in die Lage kommt, mitzuempfinden mit dem Armorganismus das, was äußere Eindrücke sind, je mehr man eine so zum Ausdruck kommende Empfindung entwickelt: Wenn du Rot siehst, möchtest du diese Handbewegung machen, denn sie gehört dazu; wenn du Blau siehst, möchtest du jene Handbewegung machen, denn sie gehört dazu —, je mehr man sich dessen bewußt wird, desto mehr entwickelt man auch das Gefühl für Erleuchtungen, für das, was so in die Seele kommen soll, was wir als Eindrücke erhalten sollen. Wenn wir uns so hingegeben haben, wie ich es bei dem spielenden Kinde beschrieben habe, dann verlieren wir uns an den Eindruck, finden uns aber selbst. Aber dann kommt die Erleuchtung, wenn wir uns fähig gemacht haben, den ganzen Menschen für einen Eindruck bereit zu haben, wenn wir auch beim Untertauchen in unsere eigenen Gedanken mit dem Toten dieses Untertauchen selbst mit dem Gemeinsamkeitsgefühl verbinden können und, indem wir hinterher aufwachen, es verbinden können im wirklichen Erleben mit dem ganzen Menschen, wie ich jetzt geschildert habe, wenn wir das bis in die Hände und Arme gehende Dankbarkeitsgefühl empfinden können. Denn die geistige Wesenhaftigkeit, in der sich der Tote zwischen Tod und neuer Geburt befindet, spricht in einem solchen Verkehr so zum lebenden Menschen, daß man sagen kann: Wir finden ihn, wenn wir uns an einem gemeinsamen Geistesorte bei einem Gedanken, den auch er sieht, treffen können, wenn wir uns bei diesem gemeinsamen Gedanken in vollständigem Gemeinsamkeitsgefühl treffen können. Und wir haben die Materialien dazu durch das Medium des Dankbarkeitsempfindens. Denn aus dem Raume, der gewoben ist aus dem Gemeinschaftsgefühl, durch die Luft, die gebildet wird aus dem Empfinden der allgemeinen Dankbarkeit der Welt gegenüber, sprechen die Toten zu den lebenden Menschen.