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Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181

30 März 1918, Berlin

Anthroposophische Lebensgaben I

[ 1 ] Wer im rechten Sinne das aufgenommen hat, was in den letzten Vorträgen vorgebracht worden ist über die Art, wie die Menschenseele sich gewissermaßen ihr Verhältnis zu den übersinnlichen Welten bestimmen kann, wie sie von sich aus an diesem Verhältnis arbeiten kann, den braucht nicht zu schrecken, daß es auf der andern Seite auch einfach Wahrheit ist, daß der Mensch als solcher in einer gewissen Weise abhängig ist vom ganzen Weltenall, von der ganzen Umgebung. Zwischen diesen zwei Dingen pendelt, schwingt eigentlich das menschliche Leben hin und her: zwischen der freien Herstellung eines Verhältnisses zur übersinnlichen Welt und zwischen der Abhängigkeit von der Umgebung, vom ganzen Weltenall, und dies namentlich dadurch, daß der Mensch zwischen Geburt und Tod an einen bestimmten physischen Körper gebunden ist. Ein Stück von dieser Abhängigkeit vom Weltenall wollen wir in diesen Tagen in einem besonderen Zusammenhang besprechen, in einem Zusammenhange, welcher der Menschenseele in dieser gegenwärtigen Zeit naheliegen kann.

[ 2 ] Aus manchem, was Sie aus der Geisteswissenschaft sich angeeignet haben, wird Ihnen vor allem klargeworden sein, daß unsere gesamte Erde, die wir als Gesamtmenschheit bewohnen, eine Art großen Lebewesens ist, daß wir selber wie die Glieder innerhalb des großen Lebewesens drinnenstehen; und in verschiedenen Vorträgen habe ich über die einzelnen Lebenserscheinungen dieses großen Lebewesens gesprochen, das unsere Erde ist. Das Leben der Erde drückt sich in der mannigfaltigsten Weise aus. Unter anderem drückt es sich aber auch dadurch aus, daß gewisse Beziehungen bestehen zwischen den einzelnen Gebieten der Erde und dem Menschen, der auf der Erde wohnt. So wahr es ist — das ist ja eine sehr oberflächliche Wahrheit —, daß auf der einen Seite das Menschengeschlecht eine Einheit ist, so wahr ist es aber auch, daß die einzelnen Teile des Menschengeschlechtes, die über die verschiedenen Gebiete der Erde verteilt sind, differenziert sind nach diesen Gebieten, abhängig sind von ihnen, abhängig nicht nur nach den vielen Kräften, welche die äußere Naturwissenschaft und die Geographie erforschen, sondern auch abhängig von vielen geheimnisvolleren Kräften der einzelnen Gebiete der Erdoberfläche. Es bestehen schon gewisse, nicht ganz an der naturwissenschaftlichen Oberflächlichkeit liegende innere Beziehungen des Menschen zu dem Boden, den er bewohnt, zu dem Teil der Erde, dem er entsprossen ist. Das kann man am besten aus der Tatsache ersehen, daß sich solche Beziehungen im Laufe, wenn auch nicht kurzer, aber längerer geschichtlicher Perioden herstellen. Man könnte es schon an der Veränderung sehen, welche die europäischen Menschen durchmachen, die nach Amerika hinüberziehen und sich dort ansiedeln, wenn auch selbstverständlich die Zeit der Besiedelung Amerikas durch die Europäer noch so kurz ist, daß das, was hierbei in Betracht kommt, vorläufig nur angedeutet ist, es ist aber stark und deutlich angedeutet. Die äußere Konfiguration des europäischen Menschen ändert sich es ist, wie gesagt, bisher nur angedeutet —, wenn er Amerika bewohnt, nicht gleich, wohl aber in der Generationenfolge. In der Bildung der Arme und Hände zum Beispiel, aber auch sonst in der Gesichtsbildung werden die Europäer — aber stellen Sie sich die Sache nicht schroff vor, sondern nur in Andeutungen — den alten Indianern ähnlich, nehmen allmählich die persönlichen Eigentümlichkeiten des alten Indianertums an.

[ 3 ] Diese Dinge sind zunächst im groben das, was uns hinweist auf gewisse Zusammenhänge zwischen dem großen Organismus der Erde und den einzelnen Gliedern dieses Organismus, eben den einzelnen Teilen der Erdbevölkerung. Wir wissen ja, daß der Mensch so, wie er auf der Erde lebt, in Zusammenhang steht mit übersinnlichen Wesenheiten, mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Von dem, was man Volksseele nennt, wissen wir, daß es nicht jenes wesenlose Abstraktum ist, von dem .die materialistisch gesinnten Menschen heute sprechen, sondern wir wissen, daß die Volksseele eine Art Erzengelwesen ist. Wir brauchen nur den in Kristiania gehaltenen Zyklus über die Völkerseelen durchzulesen und werden finden, wie eine Volksseele ein konkretes, ein wirkliches Wesen ist, in das der Mensch gewissermaßen mit seinem Leben eingebettet ist. Überhaupt steht der Mensch mit höheren und tieferen Wesenheiten der höheren Hierarchien durch sein Wesen in einer fortwährenden Verbindung. Diese Verbindung wollen wir von einem gewissen Gesichtspunkte aus — man kann ja solche Dinge immer nur von bestimmten Gesichtspunkten aus besprechen — heute und in diesen Tagen überhaupt einmal ins Auge fassen.

[ 4 ] Um eine solche Betrachtung, wie die heutige ist, richtig ins Auge ‚zu fassen, muß man sich klarmachen, daß es für den geisteswissenschaftlichen Betrachter der Welt eigentlich das gar nicht gibt, was der materialistische Sinn Materie oder Stoff nennt; das löst sich vor einer wirklich eingehenden Betrachtungsweise auch in Geist auf. Ich habe oftmals einen Vergleich gebraucht, der klarmachen soll, wie es um diese Dinge bestellt ist. Nehmen Sie Wasser. Es kann gefrieren, dann ist es Eis und sieht ganz anders aus. Eis ist Eis, Wasser ist Wasser; aber Eis ist auch Wasser, nur in anderer Form. So ist es ungefähr mit dem, was man Materie nennt: es ist Geist in anderer Form, Geist, so in andere Form übergegangen, wie Wasser beim Eis. Daher haben wir, wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen, Geistiges im Auge, auch wenn wir von materiellen Vorgängen sprechen. Überall ist der wirkende Geist. Daß der wirkende Geist auch in materiellen Vorgängen zum Ausdruck kommt, gehört eben zu einer besonderen Erscheinungsform des Geistes. Aber es ist überall wirksamer Geist. Also auch wenn wir mehr materielle Erscheinungen ins Auge fassen, sprechen wir eigentlich von den Wirkungsweisen des Geistes, wie sie sich auf einem gewissen Gebiete als äußere, mehr oder weniger materielle Vorgänge zeigen.

[ 5 ] Im Menschen finden fortwährend materielle Vorgänge statt, die eigentlich geistige Vorgänge sind. Der Mensch ißt. Dadurch nimmt er die Stoffe der äußeren Welt in seinen eigenen Organismus auf. Feste Stoffe, die verflüssigt werden, werden in den menschlichen Organismus aufgenommen und machen dabei eine Umwandlung durch. Der menschliche Organismus besteht ja aus allen möglichen Stoffen, die er von außen aufnimmt; aber nicht nur, daß er diese Stoffe aufnimmt, sondern indem er sie aufnimmt, machen sie auch einen gewissen Prozeß durch. Die Eigenwärme ist durch die aufgenommene Wärme und durch die Prozesse, welche die aufgenommenen Stoffe in unserem Organismus durchmachen, bedingt. Wir atmen. Mit dem Atmen nehmen wir den Sauerstoff auf; aber wir nehmen nicht nur Sauerstoff in uns auf, sondern indem wir in unserem Atmungsprozesse zusammengeschaltet sind mit dem, was in der Außenwelt, im Luftraume vorgeht, stehen wir auch in dem Rhythmus der Außenwelt drinnen. Unser eigener Rhythmus steht im Rhythmus des gesamten Weltenalls drinnen. Ich habe dieses Verhältnis sogar einmal zahlenmäßig vorgeführt. So stehen wir auch mit den rhythmischen Prozessen, die wir im eigenen Organismus durchmachen, mit der Umgebung in einem gewissen Verhältnis. Durch diese Prozesse, durch diese Vorgänge, die also dadurch ablaufen, daß die äußeren Naturvorgänge in uns hineinspielen und in uns weiterspielen, geschieht es, daß nun in der Tat diejenigen Wirkungen vermittelt werden, die zum Beispiel auch vom Volksgeist auf den einzelnen Menschen ausgeübt werden. Wir atmen nicht bloß den Sauerstoff, sondern im Sauerstoffatmen lebt Geistiges, und es kann im Sauerstoffatmen der Volksgeist leben. Wir essen nicht bloß, die Stoffe werden in uns auch verarbeitet. Aber dieser stoffliche Vorgang ist zugleich ein geistiger, und es kann, indem wir die Stoffe aufnehmen und in uns verarbeiten, in diesem Vorgang der Volksgeist leben. Das Leben des Volksgeistes mit uns ist nicht irgend etwas bloß Abstraktes, sondern in dem, was wir alltäglich tun und was unser Organismus vollzieht, prägt sich das Leben des Volksgeistes aus. Die materiellen Vorgänge sind zugleich Ausdruck von geistigen Wirkungsweisen. Der Volksgeist muß diesen Umweg nehmen, indem er durch den Atem, durch die Nahrung und so weiter in uns einzieht.

[ 6 ] Die einzelnen Volksgeister, die wir in dem Vortragszyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie» nach andern Gesichtspunkten differenziert vorgeführt haben, wirken mit Bezug auf das, was ich eben angedeutet habe, in verschiedener Art auf den Menschen, und dadurch charakterisieren sich die einzelnen Völkercharaktere auf der Erde. Die einzelnen Völkercharaktere sind abhängig von den Volksgeistern. Aber wenn wir geisteswissenschaftlich verfolgen, auf welchen Umwegen die einzelnen Volksgeister wirken, so stellt sich zum Beispiel folgendes heraus.

[ 7 ] Der Mensch atmet. Dadurch steht er in einem fortwährenden Zusammenhange mit der ihn umgebenden Luft. Er atmet sie ein, er atmet sie aus. Und wenn in einem besonderen Falle der Volksgeist durch die Konfiguration der Erde und durch Verhältnisse verschiedenster Art gerade den Umweg über die Atmung wählt und damit durch die Atmung die besondere Konfiguration, die Charakterisierung des betreffenden Volkes hervorruft, so kann man sagen: Der Volksgeist wirkt durch die Luft auf das betreffende Volk. — Das ist in der Tat namentlich in besonders hervorragendem Maße der Fall bei denjenigen Völkerschaften, die jemals die italienische Halbinsel bewohnt haben. Auf der italienischen Halbinsel ist die Luft der Vermittler für die Wirkungen des Volksgeistes auf den Menschen. Man kann sagen, die Luft Italiens ist dasjenige Mittel, dasjenige Medium, durch das der Volksgeist seine Wirkungen in den Menschen ausprägt, welche die italienische Halbinsel bewohnen, um ihnen die besondere Konfiguration zu geben, durch welche sie eben das italienische Volk sind, das alte römische Volk gewesen sind und so weiter. Man kann also gerade das, was scheinbar materielle Wirkungen sind, in seinen geistigen Untergründen erforschen, wenn man die geisteswissenschaftlichen Wege geht.

[ 8 ] Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie ist es mit andern Volksgeistern? Wenn man nach andern Gebieten der Erde Ausschau hält, welche Mittel wählen die Volksgeister, um dort die besondere Völkerkonfiguration zum Ausdruck zu bringen? Bei den Völkern, die das heutige Frankreich bewohnt haben oder es heute bewohnen, wirkt der Volksgeist auf dem Umwege durch das flüssige Element, durch alles, was nicht nur als Flüssigkeit in unseren Körper hineinkommt, sondern auch als Flüssigkeit in ihm wirkt. Also durch die Art dessen, was als Flüssigkeit den Organismus kontingiert und auf ihn wirkt, vibriert und webt der Volksgeist und bestimmt dadurch den betreffenden Volkscharakter. Das ist der Fall bei den Völkern, die das heutige Frankreich bewohnt haben oder es heute bewohnen.

[ 9 ] Nun begreift man aber die Sache nicht vollständig, wenn man dieses Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung nur einseitig ins Auge faßt. Das gäbe doch nur eine sehr einseitige Auffassung, wenn Sie bloß dieses ins Auge faßten. Sie müssen sich dabei an das erinnern, was ich schon öfter gesagt habe: Der Mensch ist ein zwiespältiges Wesen; das Haupt und der übrige Organismus wirken für sich. Eigentlich geschieht die Wirkung, von der ich jetzt mit Bezug auf das italienische und das französische Volk gesprochen habe, nur auf den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, und von dem Haupte aus geht eine andere Wirkung. Und erst durch das Zusammengehen der Wirkung, die vom Haupte ausgeht, und jener, die vom übrigen Organismus kommt, entsteht in vollständiger Weise das, was sich dann im Volkscharakter ausprägt. Es wird die Wirkung, die vom Haupte ausgeht, sozusagen neutralisiert durch die vom übrigen Organismus ausgehende Wirkung. Daher könnte man sagen: Mit dem, was der Bewohner Italiens durch die Luft einatmet, was überhaupt für den übrigen Organismus, außerhalb des Hauptes, bestimmend ist in der Atmung, mit dem wirkt bei ihm zusammen vom Haupte aus die Konfiguration des Nervensystems des Kopfes, wie es geistig differenziert ist, also insofern der Mensch Nervenmensch des Hauptes ist. In Frankreich ist es anders. Was im Organismus als Rhythmus lebt, ist ein besonderer Rhythmus für den ganzen Organismus und ein besonderer für den Kopf; der Kopf hat seinen eigenen Rhythmus. Während es in Italien die Nerventätigkeit des Kopfes ist, die zusammenwirkt mit dem, was die Luft am Menschen bewirkt, ist es in Frankreich der Rhythmus, die rhythmische Bewegung des Kopfes, das Vibrieren des Rhythmus im Kopfe mit dem, was durch die Flüssigkeit im Organismus bewirkt wird. So baut sich durch das besondere Zusammenwirken des individuellen Menschen im Haupte, mit dem, was der Volksgeist aus der Umgebung heraus bewirkt, der Volkscharakter auf.

[ 10 ] Daraus kann man ersehen: Man kann studieren, was über den Organismus der Erde hin gliedlich ausgebreitet ist, wenn man sich darauf einläßt, diese Dinge geisteswissenschaftlich zu beobachten. Denn tatsächlich wird die Menschheit die eigentümliche Konfiguration über die Erde hin nicht verstehen, wenn man derartige Dinge nicht in Betracht zieht.

[ 11 ] Wir fragen weiter nach einzelnen Volkscharakteren, fragen nach dem britischen Volkscharakter. Wie der Volksgeist des italienischen Wesens durch die Luft, wie der des französischen Wesens durch das Wässerige geht, so geht der Volksgeist des britischen Wesens durch alles Erdige, hauptsächlich durch das Salz und seine Verbindungen im Organismus. Das Feste ist das Hauptsächlichste. Während das flüssige Element im französischen Volkscharakter wirkt, haben wir im britischen Wesen wirksam das verfestigende, das salzige Element durch alles, was durch die Luft und die Ernährung in den Organismus hineinkommt. Das bewirkt die eigentümliche Konfiguration des britischen Volkscharakters. Aber auch hier wirkt vom Kopfe aus wieder etwas neutralisierend auf das aus der Umgebung Kommende. Geradeso wie Rhythmus im übrigen Organismus und im Haupte ist, so ist auch Verdauung, Stoffwechsel im übrigen Organismus und im Haupte. Wie der Organismus des Kopfes seinen Stoffwechsel vollführt, wirkt die Art und Weise dieses Austausches der Stoffe zusammen mit dem salzigen Element im Organismus, und das bewirkt den britischen Volkscharakter. Also das Erdige im Zusammenhang mit . dem Stoffwechsel des Hauptes macht den britischen Volkscharakter aus. Und man kann sagen: Indem die Volksseele durch das salzige Element wirkt, schlägt ihr entgegen vom Haupte her die Eigentümlichkeit des Stoffwechsels des Hauptes.

[ 12 ] Sie werden alle einzelnen Züge eines Volkscharakters studieren können, wenn Sie diese besonderen Metamorphosen in der Wirkungsweise der Volksseelen ins Auge fassen.

[ 13 ] Wir fragen weiter nach dem Westen hinüber. Beim Amerikanertum ist es wieder anders, da wirkt ein unterirdisches Element. Während wir es also beim britischen Wesen zu tun haben mit dem Erdigen, mit dem Salzigen, ist beim amerikanischen Volkscharakter ein untererdiges Element wirksam, etwas, was unter der Erde vibriert. Das hat da einen vorzüglichen Einfluß auf den Organismus. Besonders durch die unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen wirkt beim Volkscharakter des amerikanischen Volkes der Volksgeist herauf. Und dem strömt wieder vom Haupte her etwas entgegen, was den Einfluß der unterirdischen magnetischen und elektrischen Strömungen neutralisiert: dem strahlt entgegen, was nun wirklich menschlicher Wille ist. Das ist das Eigentümliche des amerikanischen Volkscharakters. Während wir beim britischen Volkscharakter sagen müssen, er hängt im wesentlichen ab von dem erdigen Element, insofern es der Mensch in seinen Organismus aufnimmt, und das dann in Wechselbeziehung kommt mit dem Stoffwechsel des Hauptes, so wirkt der Wille, insofern er sich beim Volke ausprägt, beim Amerikaner zusammen mit etwas, was vom Unterirdischen heraufkommt, und dies prägt den amerikanischen Volkscharakter. Mit dem hängt auch das zusammen, was ich sogar im öffentlichen Vortrage vorgebracht habe. Der Mensch kann nur mit seiner ganzen freien Persönlichkeit in Zusammenhang stehen mit dem Element über der Erde und noch bis zur Erde hin. Wenn er von unterirdischem Volksseelenhaftem beeinflußt ist, dann bildet er seine Volksseele nicht in Freiheit aus, sondern er ist dann sozusagen von der Volksseele besessen. Und ich habe im öffentlichen Vortrage gezeigt, wie der Amerikaner sogar dasselbe sagen kann, was der Mitteleuropäer Flerman Grimm auch sagt, und es ist doch nicht dasselbe. Während man bei Herman Grimm merkt, wie alles menschlich erobert ist, ist es bei Woodrow Wilson so, daß er davon menschlich besessen ist.

[ 14 ] Daraus können Sie eines sehen — es ist wichtig, weil unsere heutige Zeit es auch nötig hat, so etwas ins Auge zu fassen —: Wenn heute zwei, drei Menschen dasselbe sagen, so betrachtet man es rein inhaltlich, man betrachtet es abstrakt. Aber es können zwei Menschen ganz dasselbe inhaltlich sagen, der Satz kann bei dem einen genau so lauten wie beim andern. Der eine kann in seiner Seele erkämpfte, errungene Sachen haben, und der andere kann sie haben, indem er sie durch Besessenheit angenommen hat. Der Inhalt macht oft gar nicht das Wesentliche aus, sondern der Grad, in welchem das, was der Betreffende sagt, Eigenerarbeitetes der Seele ist, oder ob er es vielleicht durch Besessenheit bekommen hat. Das ist wichtig. Heute hat man nur einen Sinn für das Abstrakte. Man kann bei Herman Grimm sehen, daß er nur das gesagt hat, was er zehnmal in der Seele hin- und hergekehrt hat, und man kann Sätze aus Wilsons Sachen nehmen und «Herman Grimm» darüber schreiben und umgekehrt, aber darauf kommt es nicht an. Herman Grimm hat etwas Erarbeitetes, Woodrow Wilson hat etwas Besessenes, von unterirdischen Wesenheiten in ihn Hereinkommendes. Diese Dinge lassen sich erkennen, man braucht: gar nicht mit Emotionen und Leidenschaften an sie heranzugehen, sondern sie lassen sich durchaus objektiv erkennen.

[ 15 ] Wir fragen weiter, indem wir zunächst einmal, sagen wir, Deutschland einkreisen und nach dem Osten blicken. Wenn wir das östliche Wesen betrachten, das erst nach und nach sich aus dem Chaos erhebend, in seiner ureigenen Gestalt aufleuchten wird, so tritt einem dort etwas Eigentümliches entgegen. Wie der Volksgeist beim Italienertum durch die Luft wirkt, wie er beim französischen Volke durch das Wasser, beim Engländer durch das Erdige und beim Amerikaner durch ein unterirdisches Element wirkt, so wirkt der Volksgeist beim russischen, slawischen Element durch das Licht. In der Tat wirkt im vibrierenden Licht der Volksgeist, auf den es im Osten ankommt. Und wenn sich einmal aus den embryonischen Hüllen losgelöst haben wird, was im Osten nach der Zukunft wachsen wird, dann wird sich zeigen, daß auch die Wirkungsweise des Volksgeistes im europäischen Osten etwas ganz anderes ist als die Wirkungsweise des Volksgeistes im Westen. Denn, wenn ich auch sagen muß: Es wirkt der Volksgeist durch das Licht —, so ist das Kuriose doch das, daß er nicht durch das hinvibrierende Licht unmittelbar wirkt, sondern er wirkt, indem das Licht sich zuerst in den Boden senkt und vom Boden zurückgeworfen wird. Und dieses vom Boden zurück aufsteigende Licht ist es, dessen sich der Volksgeist beim Russen bedient, um auf ihn zu wirken. Aber das wirkt nicht auf den Organismus, sondern das wirkt gerade auf das Haupt, auf die Denkungsgesinnung, auf die Art der Ausbildung der Vorstellungen, der Empfindungen und so weiter. Hier ist also die Wirkungsweise des Volksgeistes gerade entgegengesetzt derjenigen im Westen, wo er aus dem übrigen Organismus wirkt und ihm vom Haupte etwas entgegenschlägt. Im Osten wirkt er durch das Licht. Das aus dem Boden zurückströmende Licht ist das Mittel für den Volksgeist, und das wirkt vorzugsweise auf das Haupt. Und was da nun zurückwirkt, das kommt jetzt vom übrigen Organismus, besonders vom Herzensorganismus her. Was da zurückkommt, schlägt jetzt umgekehrt nach dem Kopfe hin und ändert die von dort ausgehende Wirkung. Es ist heute noch im Chaos, noch in embryonischen Hüllen. Es ist der Atmungsrhythmus, der da zum Kopfe schlägt und das neutralisiert, was auf dem Umwege durch das Licht vom Volksgeist kommt. Was im nächsten Osten so herauskommt, das ist in einem höheren Maße noch vorhanden, wenn wir weiter nach Osten gehen. Das ist überhaupt das Eigentümliche des asiatischen Ostens, daß der Volksgeist zum Teil auch noch durch das Licht wirkt, das vom Boden aufgenommen und zurückgestrahlt wird und das auf das Haupt wirkt. Oder der Volksgeist wirkt auch durch das, was nicht mehr Licht ist, was aber überhaupt nicht sichtbarlich ist: die Sphärenharmonie, die ja auch alles durchvibriert und die für eine geistige Menschheit des asiatischen Ostens gleichkommt einer Volksgeist-Wirkung, indem der Volksgeist direkt durch die Sphärenharmonie wirkt, die aber von der Erde zurückgestrahlt wird und auf das Haupt wirkt. Und dem wirkt entgegen der Atmungsrhythmus. Und darin liegt das Geheimnis, das darin besteht, daß die Geistsucher des Orients immer in einer besonderen Ausbildung des Atmens gesucht haben mit dem Geist in Zusammenhang zu kommen. Wenn Sie Joga studieren, werden Sie sehen, es macht Ansprüche, die Atmung in einer besonderen Weise auszubilden. Das beruht darauf, daß der einzelne als Glied der ganzen Menschheit, nicht als einzelner, durch den Volksgeist die Geistigkeit zu finden sucht; er sucht sie auf die Weise, wie es wirklich innerhalb seines Volkscharakters gegründet ist. Je weiter wir also nach dem Osten kommen, desto mehr finden wir dies. — Natürlich würde sich an mehr oder weniger vorkommenden Verfeinerungen dieser Volkscharakterauswirkungen, aber auch an Entartungen dieser Volkscharakterauswirkungen zeigen lassen, wie manchmal in Abirrung sich so etwas zeigt. Einzelne Völkerschaften und ganze Rassen teilen in ausgesprochenem Maße diese Abirrungen, indem zum Beispiel Disharmonien eintreten, wenn die Haupteswirkung mit der Wirkung des übrigen Organismus zusammenstimmt und so weiter. Aber auf einzelne Disharmonien gerade einzugehen, ist heute vielleicht nicht besonders anzuraten, da man ja heute aus diesen oder jenen Gründen von einem Volke aus andere Völker lieben muß. Es gebieten so die Verhältnisse; manches könnte da statt mit der Vernunft mit dem Gemüte aufgefaßt werden, und es würde dann vielleicht nicht verstanden werden. Wenn einmal andere Zeiten gekommen sind, kann man vielleicht auch über die östlichen Völker und ähnliche Probleme sprechen.

[ 16 ] Nun kann man die Frage aufwerfen: Wie steht es nun bei den mitteleuropäischen Völkern? Wir reden ja mehr von geographischen Verhältnissen, haben also Mitteleuropa nicht in einem sozialpolitischen Verhältnis im Auge. Ich habe auch nicht nach Rassenverhältnissen die Fragen beantwortet, sondern es sind, wie Sie sehen, spirituell-geographische Verhältnisse. Wir können also von einem Mitteleuropa sprechen, zu dem Frankreich und Italien nicht gehören.

[ 17 ] Die Eigentümlichkeit des in Mitteleuropa wirkenden Volksseelentums ist es, daß — wie ich für andere Gebiete auseinandergesetzt habe, daß durch Luft, Wasser, durch das Salzige und so weiter gewirkt wird — in unmittelbarer Weise durch die Wärme gewirkt wird. Der Volksgeist wählt in Mitteleuropa den Umweg, dasMedium derWärme. Und zwar ist das nun nicht ganz unmittelbar fest bestimmt, es kann individualisiert werden. Es kann Menschen geben in Mitteleuropa, bei denen diese Wirkung des Volksgeistes verschieden sein kann, einmal aus dem übrigen Organismus und einmal auf das Haupt; auch je nachdem direkt die äußere Luft wärmt, oder indem durch die Speisen oder durch das Atmen gewärmt wird. Das alles ist Medium für den Volksgeist. Und was nun hier dieser Wirksamkeit entgegenwirkt, ist wieder die Wärme, so daß in Mitteleuropa die Wärme, insofern sie äußere Wirkungen hat, Medium für den Volksgeist ist. Und was ihr entgegenkommt, ist wieder die von innen kommende, selbsterzeugte Eigenwärme. Daher kann man sagen: Was im Organismus durch den Volksgeist als Wärme wirkt, dem kommt entgegen die Eigenwärme des Hauptes. Wirkt die Wärme des Volksgeistes durch das Haupt, so strömt ihr da die Wärme des übrigen Organismus entgegen. Wärme wirkt zu Wärme, und sie wirkt namentlich so, daß sie vorzugsweise von der größeren oder geringeren Lebendigkeit der Sinneswirksamkeit, geradezu der Wahrnehmungsfähigkeit abhängt. Ein Mensch, der regeren Geistes ist, der mit Liebe die Dinge um sich herum ansieht, entwickelt größere Eigenwärme. Ein Mensch, der flüchtig, oberflächlich ist, der nicht viel empfindet, der über alles hinweggeht, entwickelt weniger Eigenwärme. Dieses Mitleben mit der Umgebung, indem der Mensch ein Herz oder ein offenes Auge für die Umgebung hat, das ist es, was der Wärme, die durch den Volksgeist wirkt, entgegenschlägt, so daß da Wärme an Wärme schlägt. Das ist das Eigentümliche der Wirkungsweise des Volksgeistes in Mitteleuropa, und darauf beruht vieles im Wesen des Volkscharakters, weil Wärme zu Wärme so innig verwandt ist. Die andern Wirkungsweisen sind alle nicht so verwandt: der Wille ist mit dem Elektrischen nicht in derselben Weise verwandt, das Salzige ist mit dem Verdauungselement des Kopfes nicht so verwandt und die andern angeführten Wirkungen ebenfalls nicht. Aber Wärme bewirkt den [mittel]europäischen Charakter, der sich auch darin ausspricht, mehr oder weniger in alles aufgehen zu können. — Wir wollen nicht von Werturteilen reden, sondern nur charakterisieren, daher kann es jeder auffassen, wie er will: als Tugend oder als Untugend. Wärme an Wärme: biegsam macht das, plastisch, in alles sich hineinfindend, auch in fremde Volkscharaktere. Oh, wenn wir die Geschichte verfolgen, so zeigt sie, wie die einzelnen deutschen Stämme in fremde Völkerschaften hineingenommen sind, fremdes Element angenommen haben. Das wird Ihnen alles bekräftigen, was jetzt gesagt worden ist.

[ 18 ] An dem heute Auseinandergesetzten wird auch im eminentesten Maße der große Gegensatz zwischen dem asiatischen Orient und dem amerikanischen Okzident ersichtlich. Man möchte sagen: Das Licht, und sogar noch was über dem Licht im Ätherischen liegt, ist es, dessen sich die Volksseele im Osten bedient, um an den Menschen heranzukommen, wenn es auch rückstrahlend ist von der Erde. Das unterirdische Element, was unter der Erde ist, ist es im Westen. — Das kann uns tief hineinführen in das organisch-seelische Leben des ganzen Erdenorganismus in seinem Zusammensein mit der Menschheit. Es ist durchaus nicht die Absicht, dabei irgendeinen Teil der Erdenbevölkerung zu verletzen, oder einem andern Teil Schmeicheleien zu sagen. Aber wahr ist es doch: Auf der einen Seite das nach dem Geistigen hingerichtete Fluten im Orient, nach unten zu Schwere entwickelnd, den Menschen an die Erde fesselnd, ist mehr das Wesen nach dem Westen hin. Ob das mit dem amerikanischen Volkscharakter mehr oder weniger übereinstimmt, überlasse ich jedem selbst zu beurteilen. Eine aufsteigende Flut, möchte ich sagen, im Osten; ein Abebben, ein In-die-Erde-Hineinwirken im Westen. So ist das Leben.

[ 19 ] Natürlich nicht auf einmal, aber im Laufe des Lebens, im Verlaufe von Generationen wird der Mensch den Erdenverhältnissen ähnlich, paßt sich an. Wenn also auch ein Europäer nach dem Orient kommt, dort Kinder hat und die Kinder wieder Kinder haben, so fordern es die waltenden Umstände, daß diese Verhältnisse sich ausbilden. Das wirkt im Menschen. Es ist tatsächlich so: Wie in unserem physischen Organismus an der Schulter nie eine Nase, sondern immer ein Arm herauswachsen wird, so werden in Amerika nie gute Jogis entstehen, Es kann einmal verpflanzt werden, aber man kann auch in Glashäusern alle möglichen Pflanzen aufziehen, darauf jedoch kommt es nicht an, sondern was im naturgemäßen Zusammenhang von der Entwickelung selbst gemeint ist. Das alles ist ausgesprochen, ist bestimmt. Naturwissenschaftliche Biologie ist durchaus nicht das, was erklärt, wie die Erdenverhältnisse sind. Dazu muß man zum Beispiel auf die verschiedenen Wirkungsweisen der Volksseelen eingehen, wie wir es heute besprochen haben, wie sich das Unoffenbarte im Offenbaren zum Ausdruck bringt.

[ 20 ] Der Mensch ist also in die Wirkungsweisen eingebettet, die mit der Erde zusammenhängen. Wenn Sie das ins Auge fassen, wird Ihnen, ich möchte sagen, auf der einen Seite recht bedrückend vor der Seele stehen, wie sehr der Mensch doch eigentlich von Mächten abhängig ist, die in der geschilderten Weise mit dem Fleck Erde zusammenhängen, auf den das Karma ihn in irgendeiner Inkarnation gestellt hat. Natürlich hängt es wieder mit seinem Karma zusammen, daß er dort hineingestellt ist. Aber dennoch, die charakterisierten Verhältnisse haben vielleicht etwas Bedrückendes, und das Bedrückende wird, wenn wir nicht alle Umstände überschauen, noch größer. Wenn wir namentlich in ältere Zeiten der Erdenentwickelung zurückgehen, werden wir finden: Je weiter wir zurückkommen, desto größer wird die Abhängigkeit, von der ich gesprochen habe, und desto mehr differenziert sich aus solchen Impulsen die Menschheit über die Erdenoberfläche hin. Doch die Erdenentwickelung trägt schon die Möglichkeit in sich, daß die Menschen diese Abhängigkeit, wenn auch nicht in der äußeren Konfiguration, aber in ihrem Innenleben nach und nach wohl überwinden.

[ 21 ] Was müßte denn geschehen — fragen wir das einmal —, was wäre denkbar, daß es geschehen würde, damit diese Abhängigkeit von dem Fleck Erde auf irgendeine Weise gemildert würde, damit der Mensch irgendwie aus dieser hier charakterisierten Notwendigkeit zu einer gewissen Freiheit heraufgehoben würde?

[ 22 ] Dazu müßte einmal während der Menschheitsentwickelung auf der Erde etwas geschehen sein, was dieser Abhängigkeit des Menschen von dem Fleck Erde geradezu widersprechen würde. Wir haben jetzt alle Impulse besprochen, welche den Menschen von seinem Fleck Erde abhängig erscheinen lassen. Ich sagte: Es müßte auch etwas geschehen sein, was jener Abhängigkeit widerspricht, etwas, was diesen Verhältnissen ins Gesicht schlagen würde. — Es ist doch zu verstehen: Dies, was auf der Erde leben würde, was anders ist als alles, was durch diese Abhängigkeit wirkt, das würde auf diese Verhältnisse ausgleichend, neutralisierend wirken. Was kann das sein?

[ 23 ] Im Beginne unserer Zeitrechnung geschah das Mysterium von Golgatha. Wir haben von ihm im Laufe der Zeit viele Eigentümlichkeiten hervorgehoben. Aber man braucht sich nur eine ganz augenfällige, ganz allgemeine, allgemein bekannte Eigenschaft des Mysteriums von Golgatha einmal vor die Seele zu führen, und man wird sehen, daß selbst durch etwas so an der Oberfläche der Dinge Liegendes, dieses Mysterium von Golgatha sich als etwas Besonderes, Einziges in das Erdenleben hineinstellt. Der Christus Jesus lebte unter einem Volke, das einen ausgesprochenen Volkscharakter hat, das alles, was es tut, aus einem ausgesprochenen Volkscharakter heraus tut. Was aber mit dem Christus Jesus geschieht, was aus dem Volkscharakter heraus sich vollzieht: das Mysterium von Golgatha, der Tod auf Golgatha, das steht in vollständigem Widerspruch mit diesem Volkscharakter. Denn weder nimmt das Volk, aus dem heraus das Mysterium von Golgatha sich abspielt, dieses in sein Bekenntnis auf, noch bekennt es sich zu dem Christus Jesus persönlich, individuell, sondern es tötet ihn, es ruft: Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! — Es geschieht etwas, was nicht für ein Volk bestimmt sein kann; es geschieht etwas, was nur einen Sinn hat, wenn es in Widerspruch gedacht wird mit dem, was aus den Volkscharakteren heraus erfolgen kann, was das Volk von sich aus abweist, aus sich heraus annulliert, vernichtet. Das ist das Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. Deshalb hat es nicht einen Volkscharakter, wächst nicht heraus aus dem Volkscharakter, sondern es widerspricht alledem, was wir vorhin als Abhängigkeit des Menschen vom Volkscharakter charakterisiert haben. Es ist ein Ereignis und eine Wesenheit auf Erden, die mit dem Volkscharakter nichts zu tun haben, weil nur das, was da vernichtet — der Tod —, mit diesem Volkscharakter etwas zu tun hat. Denn weder hat dieses Ereignis es zu tun mit dem jüdischen Volkscharakter, noch mit dem auf dem gleichen Gebiete wirkenden römischen Volkscharakter; denn die Juden rufen: Kreuzige ihn! — und der Römer kann keine Schuld an ihm finden, das heißt, er “weiß nichts mit dem anzufangen, was da vor sich geht. Es hebt sich das ganze heraus aus dem, was durch den Volkscharakter geschehen kann. Dadurch wird das Mysterium von Golgatha ein solches Ereignis, das Sie, wenn Sie es genau studieren, mit keinem andern vergleichen können. Märtyrer hat es selbstverständlich auch anderswo gegeben; aber nicht aus diesen Gründen, die für das Mysterium von Golgatha gelten, sind Märtyrer erstanden. Je mehr Sie das Mysterium von Golgatha studieren, desto mehr werden Sie finden, daß es gerade deshalb eintrat, weil es nichts zu tun hat mit einem einzelnen Volkscharakter, sondern weil es in Verbindung steht mit der ganzen Menschheit. Daher kann man wirklich sagen: Wir haben auf der einen Seite jenes Prinzip in der Menschheitsentwickelung, das sich so über die Menschheit hinübererstreckt, daß es differenzierend wirkt. Dann wächst einmal aus einem Differenzierten etwas heraus, was nicht zu dem Differenzierten gehört, sondern gerade darin seine Eigentümlichkeit hat, daß es unabhängig vom Volkscharakter ist; das ist die andere Seite.

[ 24 ] Das wird man in jeder Beziehung immer mehr und mehr als das Wesentliche am Mysterium von Golgatha erkennen, daß es, wenn es verstanden werden will, ein individuelles Verständnis notwendig macht. Man wird, indem man es immer mehr und mehr verstehen wird, nach und nach sagen: Man kann die irdischen Verhältnisse, die menschlichen Verhältnisse so und so begreifen; das Mysterium von Golgatha aber steht für sich da, es muß als ein Einzelnes im Besondeten verstanden werden, es kann nichts anderes genommen werden, um es zu verstehen. Suchen Sie auf welchem Gebiete immer: Wir haben heute auf dem Gebiete des Volksseelentums verfolgt, was in der Menschheit wirkt. Wir können alle Dinge aus dem Volksseelentum heraus erklären, vom Anfang der Menschheit auf der Erde bis heute — nur nicht das Mysterium von Golgatha und was mit ihm zusammenhängt. So würden wir alle möglichen Gebiete finden können, von denen wir sagen könnten: Auf der einen Seite steht alles andere, und auf der andern Seite steht das Mysterium von Golgatha und seine Wirkungen. — Ich habe schon öfter betont: Gelehrte Theologen müssen heute schon zugeben, daß sich ein historischer Beweis für das Mysterium von Golgatha nicht finden läßt, um es in die Geschichte einzureihen. Man reiht nicht Ereignisse in die Geschichte ein, für die sich keine historischen Beweise finden lassen — nur das Mystetium von Golgatha und was damit zusammenhängt! Denn das soll als Singulares ein Übersinnliches sein; es soll keinen historischen Beweis dafür geben. Das Mysterium von Golgatha soll von keinem Menschen angenommen werden, der nur historisch materielle Beweise verlangt. Es hat nur auf den Menschen die richtige Wirkung, der sich dazu aufschwingt, etwas als historisch gelten zu lassen, für das es keine Beweise gibt. Die Entwickelung wird so fortgehen, daß die äußeren Beweise für das Mysterium von Golgatha fortgeschwemmt werden, verschwinden werden; die Kritik wird sie hinwegschwemmen. Aber das geistige Begreifen der Menschheitsentwickelung wird dieses Mysterium von Golgatha doch als den Drehpunkt aller irdischen Ereignisse hinstellen. Es muß geistig erfaßt, geistig in den Geschichtsprozeß der Menschheit eingereiht werden. Das ist gerade sein Geheimnis. Die Menschen werden es sich immer mehr und mehr erarbeiten, nicht mehr nach historischen Beweisen zu suchen, sondern nach der Möglichkeit, zu verstehen, daß hier einmal ein übersinnliches Verstehen, ein übersinnliches Begreifen eines auf der physischen Erde sinnlich sich abspielenden Ereignisses notwendig ist, damit der Mensch seinen Zusammenhang mit der irdischen geschichtlichen Entwickelung der Menschheit im vollen Sinne des Wortes erfassen kann. Darüber wollen wir das nächste Mal hier weitersprechen.