Erdensterben und Weltenleben
Anthroposophische Lebensgaben
Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft
GA 181
2 April 1918, Berlin
Anthroposophische Lebensgaben III
[ 1 ] Mit den Vorstellungen, die ich gestern hier entwickelte, wollte ich namentlich darauf hinweisen, daß wir innerhalb der Menschheitsentwickelung nötig haben, gewisse neue, noch nicht, wenigstens für den gegenwärtigen Zeitenzyklus noch nicht vorhandene Vorstellungen der Geisteskultur uns einzuprägen. Das ist etwas, was mit zur Hauptsache gehört, daß gewisse, jetzt nicht vorhandene Vorstellungen, oder wenigstens nicht gangbare Vorstellungen, wiederum in das menschliche Geistesleben hineinkommen. Wenn man das Geistesleben der neueren Zeit in seinen verschiedensten Verzweigungen verfolgt, so ist ja das Charakteristische das, daß trotz alles Hochmutes, trotz alles Dünkels, der in diesem Geistesleben zuweilen zutage tritt, dieses Geistesleben nicht mit neuen Vorstellungen aufgetreten ist. Wenn auch allerlei Weltanschauungen aufgetreten sind auf ethischem, auf künstlerischem, auch auf philosophischem oder anderem wissenschaftlichem Gebiete: sie alle wirtschaften mit alten, seit langem geltenden Vorstellungen, die dann wie in einem Kaleidoskop durcheinandergeworfen werden. Aber neue Vorstellungen brauchen wir. Gerade solche neuen Vorstellungen, wie sie entstehen müssen, fehlen. Deshalb können zum Beispiel gewisse alte Wahrheiten heute nicht verstanden werden, Wahrheiten, die bei den Alten aufgetreten sind und die geschichtlich überliefert sind, Vorstellungen, wie zum Beispiel solche bei Plato vorkommen oder bei Aristoteles, als dem Spätesten in dieser Hinsicht. In früheren Zeiten traten sie noch bedeutsamer auf, aber heute werden sie entweder gar nicht verstanden oder abgelehnt, aber abgelehnt auch nur aus dem Grunde, weil sie nicht verstanden werden. Ich will Ihnen zum Beispiel eine solche Vorstellung vorführen.
[ 2 ] Wenn heute der Mensch etwas sieht, so denkt er: Draußen ist der Gegenstand, der sendet ihm das Licht zu; das Licht kommt in das Auge, und da wird auf jene, man kann nicht sagen, geheimnisvolle, aber passive Weise das erzeugt, was die Seele als Empfindung der Farbe zum Beispiel erlebt. Bei Plato findet sich noch eine andere Vorstellung. Da tritt etwas auf, was man nicht anders verstehen kann, wenn man es rein wörtlich nimmt, als ob das Auge zum Gegenstande hin etwas fortschickt, was den Gegenstand in einer geheimnisvollen Weise ergreift; wie wenn das Auge einen Fühler ausstreckte, der zum Gegenstand hingreift, das kommt bei Plato vor. Damit kann selbstverständlich die neuere naturwissenschaftliche Anschauung nichts anfangen, kann nichts davon verstehen. Das ist eine solche Vorstellung, die Sie verzeichnet finden können, wenn Sie sich die gebräuchlichen Lehrbücher oder auch die gelehrten Bücher der Geschichte der Philosophie nehmen. Aber Sie können mit solchen Büchern auch nicht viel anfangen, weil solche Vorstellungen auf etwas beruhen, was in alten Zeiten vorhanden war: ein gewisses atavistisches Hellsehen oder Hellfühlen, das verglommen ist, das aber in unserer Zeit wieder auf eine andere Weise gefunden werden muß. Es sind seit dem Altertum eben Vorstellungen verlorengegangen, die wieder erobert werden müssen.
[ 3 ] Diese Vorstellungen sind namentlich dadurch verlorengegangen, daß über Europa, vor allem über Westeuropa dasjenige sich ergießen mußte, was man lateinische, römische Kultur nennen kann. Das Studium dieser lateinischen, römischen Kultur in ihrer Ausbreitung über Europa würde manches sehr Lichtvolle ergeben, wenn man sie richtig betrachten würde. Man muß sich darüber klar sein, daß dem Blute nach von dem, was man die alten Römer nennt, heute nichts mehr in Italien vorhanden ist. Also die gegenwärtigen Italiener, sie mögen zwar für manches in unserer Gegenwart verantwortlich sein, aber für das, was ich jetzt zu sagen habe, sind sie allerdings nicht verantwortlich. Was da vom Römertum ausgestrahlt ist, das ist auf eine kulturelle Weise bloß in Europa ausgestrahlt, aber es war für gewisse fundamentale, grundlegende Begriffe wirklich versengend, verbrennend, für Begriffe, die gleichsam wiederum aus ihrem Grabe erlöst werden müssen. Man braucht sich nur an eine solche Tatsache zu erinnern wie die, daß mit der Zerstörung jener Stadt, die in der letzten Zeit vor Christi Geburt vernichtet worden ist, Alesia, im heutigen Departement'Cöte d’Or in Frankreich, ein Stück alter keltisch-gallischer Kultur von den Römern ganz ausgerottet worden ist. An dieser Stelle des alten zerstörten Alesia hat Napoleon der Dritte ein Denkmal für Vercingetorix setzen lassen! Cäsar war ein Vernichter dessen, was als ein Mittelpunkt alter keltisch-druidischer Kultur vorhanden war. Es war eine riesige Lehranstalt, wie es heute vielleicht genannt würde. Zehntausende von Europäern studierten dort in der Art, wie man damals die Wissenschaft studierte. Das alles wurde ausgerottet, und an seine Stelle setzte sich das, was als Römertum sich ausbreitete. Das ist nur eine historische Bemerkung, die zeigen soll, daß auch in Europa ältere Vorstellungen vorhanden waren in alten Kulturstätten, die ausgerottet worden sind.
[ 4 ] Ich will Sie heute vorzugsweise auf zwei Begriffe aufmerksam machen, die der Wissenschaft und dem allgemeinen Leben einverleibt werden müssen, damit ein besseres Verständnis der Welt möglich werde. Das eine ist dies, was eine Vorstellung gibt, wie eigentlich die Wahrnehmung der Welt durch die Sinne zustande kommt. Das geschieht nämlich auf folgende Weise.
[ 5 ] Wenn wir einem farbigen Gegenstande gegenüberstehen, so wirkt dieser gewiß auf uns. Aber was da zwischen dem farbigen Gegenstande und dem menschlichen Organismus sich abspielt, ist ein Zerstörungsprozeß im menschlichen Organismus — ich habe dies öfter betont —, ist in gewisser Weise ein Tod im Kleinen, und das Nervensystem ist das Organ für fortdauernde Zerstörungsprozesse. Diese durch die Einwirkung der Außenwelt auf unseren eigenen Organismus fortwährend vorkommenden Zerstörungen werden aber wieder wettgemacht durch die Einwirkung des Blutes. Es findet im menschlichen Organismus fortwährend ein Wechselprozeß statt zwischen Blut und Nerv. Dieser Wechselprozeß besteht darin, daß das Blut einen belebenden Prozeß abgibt, der Nerv eine Art Todesprozeß, eine Art Zerstörendes. Wenn wir nun einem Gegenstande, zum Beispiel einem farbigen, gegenüberstehen, der von der Außenwelt auf uns wirkt, dann findet in unserem nervösen Apparate ein Zerstörungsprozeß statt. Zerstört wird sowohl etwas im physischen Leibe als auch im Ätherleibe. Dadurch, daß ein in einer ganz bestimmten Bahn laufender Zerstörungsprozeß bewirkt wird, wird eine Art Kanal in unserem Organismus ausgebohrt. Also wenn wir etwas sehen, wird vom Auge zur Gehirnrinde ein Kanal ausgebohrt. Da findet nicht etwas statt, was sich von der Gehirnrinde zum Auge auflösen soll, sondern im Gegenteil: Ein Loch wird gebohrt, und durch dieses Loch schlüpft der astralische Leib hindurch, um das Ding sehen zu können. Das hat : Plato noch gesehen. Das konnte durch das atavistische Hellsehen noch wahrgenommen werden, und das muß man sich wieder erringen, indem man im neueren Hellsehen den menschlichen Organismus wirklich kennenlernt, indem man diesen Kanal kennenlernt, der entsteht, dieses Loch, das sich einen Tunnel bohrt vom Auge aus zur Gehirnrinde, durch welchen sich das Ich mit dem, was von außen wirkt, vereinigt. Lernen muß die Menschheit, nicht solche Vorstellungen zu bilden, wie sie in der heutigen Erkenntnistheorie oder Physiologie üblich sind, sondern lernen muß die Menschheit, zu sagen: Vom Auge zur Gehirnrinde wird ein Kanal, ein Tunnel gebohrt, und durch diesen ein Tor eröffnet, durch das der astralische Leib und das Ich mit der Außenwelt in Verbindung treten. Das ist ein Begriff, den die Gegenwart gar nicht hat. Daher kennt sie auch nicht, was als physiologische Tatsachen daraus folgt. Heute lernen die Studenten an den Universitäten Physiologie, und lernen darin das ganz genau, was ich jetzt als gebräuchliche Vorstellungen auseinandergesetzt habe; nur lernen sie nicht, wie sich die Dinge in Wirklichkeit verhalten, sondern sie lernen das andere, das keinen Sinn hat. Das ist eine solche Vorstellung.
[ 6 ] Eine andere Vorstellung finden Sie heute sehr häufig, wenn Sie innerhalb jener Sphäre, die man als die der heutigen Gelehrsamkeit selbstverständlich mit vollem Recht — bezeichnet, auf den folgenden Begriff stoßen. Da wird geschildert — und es kann heute nicht anders sein —: Der Mensch wird als unentwickeltes Wesen geboren; dann allmählich entwickeln sich seine Seele und sein Geist, indem so allmählich durch die kompliziertere und feiner werdende Organisation des Leibes Seele und Geist zum Vorschein kommen. Das können Sie bei den Psychologen, überhaupt bei den Gelehrten der Gegenwart finden, auch in populären Büchern, überall in die populären Bücher hineingetragen. Es erscheint dies auch den Menschen so. Aber was so erscheint, ist Maja. In vieler Beziehung ist das, worauf man zunächst kommt, das Gegenteil der Wahrheit. Und so ist jener Begriff das Gegenteil dessen, was wahr ist. — Statt dessen müßte man nämlich sagen — ich brauche nur an das erinnern, was in der «Erziehung des Kindes» dargestellt ist, wo dasselbe, was ich jetzt auseinandersetzen will, nur etwas anders ausgedrückt ist —: Indem das Kind ganz jung ist, sind Seele und Geist eben noch seelisch und geistig, und indem es heranwächst, verwandeln sich Seele und Geist allmählich ins Materielle, ins Leibliche. Seele und Geist werden nach und nach leiblich; der Mensch wird nach und nach völlig ein Abbild von Seele und Geist. Es ist sehr wichtig, daß man diesen Begriff hat. Denn wenn man ihn hat, wird man von dem, was da zweibeinig auf dem Erdboden herumläuft, nicht mehr bloß reden, daß es der Mensch sei; sondern man wird sich bewußt werden, daß es das Abbild des Menschen ist, daß der Mensch, wenn er auf übersinnliche Art geboren ist, allmählich mit dem Leibe zusammenwächst und sich im Leibe sein vollständiges Abbild schafft. Geist und Seele verschwinden in den Leib hinein, werden immer weniger und weniger in ihrer Eigenart auftretend. Also gerade die umgekehrte Vorstellung gegenüber der sonst gebräuchlichen muß man sich aneignen. Man muß wissen, warum man eigentlich zum Beispiel zwanzig Jahre alt geworden ist: weil der Geist untergegangen ist in den Leib, weil der Geist sich verwandelt hat in den Leib, weil das, was Leib ist, ein äußeres Abbild des Geistes ist. Dann wird man auch begreifen, daß allmählich, indem man alt wird, die Rückverwandelung geschieht. Der Körper verkalkt, versalzt; der Geist aber wird wieder geistig-seelischer. Nur hat dann der Mensch nicht die Möglichkeit, ihn festzuhalten, weil er hier der physischen Welt gegenübersteht und sich durch den Leib äußern will. Was da immer selbständiger und selbständiger wird, das tritt erst nach dem Tode vollständig in Erscheinung. Also nicht, daß das Geistig-Seelische gegen das Alter zu abstumpft, im Gegenteil: es wird immer freier und freier. Natürlich wird der materialistische Denker, wenn er vor diesen Gedanken gestellt wird, sehr häufig einwenden, daß zum Beispiel selbst Kant, der ein sehr gescheiter Mensch gewesen ist, im Alter schwach geworden ist; da könne sich also doch das GeistigSeelische nicht frei gemacht haben. — Das wendet aber der materialistische Denker nur ein, weil er das Geistig-Seelische, wie es schon in die geistige Welt allmählich hineingewachsen war, nicht beachten kann. Es wird schon für sehr viele Menschen eine harte Nuß zu knacken sein, daß sie nun sagen sollen: Indem die Menschen älter werden, werden sie nicht schwach oder gar schwachsinnig, sondern sie werden geistig-seelischer. Nur ist dann der Leib abgenutzt, und man kann nicht das Geistig-Seelische, das man ausgebildet hat, durch den Leib zur Offenbarung bringen. Das verhält sich schließlich damit ebenso wie mit einem Klavierspieler, der könnte ein immer besserer Spieler werden; wenn aber das Klavier abgenutzt ist, kann man nichts davon merken. Wenn Sie nur aus seinem Klavierspiel seine Fähigkeiten als Klavierspieler kennenlernen wollen, das Klavier aber verstimmt ist und abgerissene Saiten hat, so werden Sie nicht viel aus dem Spiel entnehmen können. So ist Kant, als er ein alter Mann und schwachsinnig war, für die geistige Welt nicht schwachsinnig, sondern glorios geworden.
[ 7 ] So muß man also gewisse Vorstellungen geradezu umkehren, wenn man auf die Wirklichkeit kommt. Man muß schon recht Ernst machen mit der Meinung, daß man es in der Welt hier mit der Maja, mit der großen Täuschung zu tun hat, denn manche Begriffe muß man geradezu umkehren. Wenn man Ernst macht damit, daß man in der äußeren physischen Wirklichkeit der großen Täuschung gegenübersteht, so wird man doch auch damit Ernst machen können, daß der äußere physische Mensch, wenn er siebzig Jahre alt ist und schwach ausschaut, seinen Geist schon woanders hat als auf dem physischen Plan. Die Hindernisse für das Verstehen der Geisteswissenschaft liegen vielfach darin, daß man nicht vermag, richtige Begriffe sich über das zu bilden, was auf dem gewöhnlichen physischen Plan vor sich geht. Man macht sich verkehrte Vorstellungen über das, was auf dem physischen Plan vorgeht, und die Folge ist, daß diese verkehrten Vorstellungen einen abtrennen von der richtigen Welt, daß sie einen nicht zur richtigen Welt kommen lassen. Wird man sich solche Vorstellungen bilden wie die zweite, die ich angeführt habe, dann wird man auch nicht mehr der Erkenntnis sehr fern stehen, die nun von der Geisteswissenschaft aus ihren Forschungen heraus für den Menschen unmittelbar nach dem Tode geltend gemacht werden muß.
[ 8 ] Indem der Mensch durch die Geburt ins physische Leben eintritt, kommt er allmählich und immer mehr und mehr in ein Verhältnis zu seinem physischen Leibe. Wir haben jetzt für dieses Verhältnis eine richtige Vorstellung kennengelernt. Man erwähnt, weil eben zuviel auseinanderzusetzen ist, nicht immer, daß etwas ähnliches auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt stattfindet. Man kann auch für die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt die Sache ähnlich darstellen. Man kann sagen: Der Mensch tritt allmählich in ein Verhältnis zu etwas ähnlichem, wie hier zu seinem physischen Leib. Unsere physische Leiblichkeit ist nicht bloß eine physische Leiblichkeit, sondern sie umfaßt, wie wir wissen, den physischen Leib, den ätherischen oder Bildekräfteleib und den astralischen Leib oder das äußerlich Seelische, den Seelenleib. Wie wir uns diese drei Schalen oder Hülsen für das physische Leben anzueignen haben, so haben wir uns auch für die Zeit zwischen dem Tode und einer nächsten Geburt solche Hülsen anzulegen, und zwar auch drei Hülsen, die ich nennen will, damit sie nicht mit anderem verwechselt werden: Seelenmensch, Seelenleben oder Lebensseele und Seelenselbst. Wie wir uns hier für die physische Welt den physischen Leib aneignen, so eignen wir uns zwischen Tod und neuer Geburt den Seelenmenschen an; wie wir uns hier den Ätherleib oder Bildekräfteleib aneignen, so eignen wir uns dann das Seelenleben oder die Lebensseele an, und wie wir uns für die Welt hier den astralischen Leib, den Seelenleib, aneignen, so eignen wir uns nach dem Tode die Individualseele oder das Seelenselbst an. Ich wähle diese Ausdrücke aus dem Grunde, damit man es nicht mit dem verwechselt, was sich in einer andern Weise der Mensch für die Jupiter-, Venus- und Vulkanzeit aneignen wird, was ähnlich ist; aber weil es auf einer andern Daseinsstufe liegt, muß es doch unterschieden werden. Aber auf Ausdrücke kommt es dabei nicht an. Es ist nur notwendig, daß wir ein wenig studieren, wie diese erwähnten Hüllen angeeignet werden.
[ 9 ] Wenn der Mensch in jenes Leben eingetreten ist, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt abläuft, so ist das zunächst Charaktetistische, daß er umgeben gefunden wird von einer Summe von Bildern. Diese Bilder stammen alle aus den Erlebnissen zwischen der letzten Geburt und dem letzten Tode oder auch aus früheren Zeiten. Aber wir wollen zunächst bei dem stehenbleiben, was im letzten Erdenleben vorhanden war. Es treten also zunächst die Bilder auf, die aus dem letzten Leben stammen; die sind in der Umgebung des Menschen zu finden. Es ist das Wesentliche, daß diese in der Umgebung des Toten sind. Das Merkwürdige ist, daß der Tote zunächst eine gewisse Schwierigkeit hat, das Bewußtsein zu entwickeln, daß diese Bilder die seinigen sind. Von dieser gesamten Bilderwelt, die ihn da umgibt, ist das, was in dem Buche «’Theosophie» beschrieben ist als die Erlebnisse in der Seelenwelt, jenes Zurückgehen in Bildern, nur ein Teil. Es sind außer diesen Bildern andere vorhanden, und das Leben des Toten besteht darin, allmählich diese Bilder als zu ihm gehörig zu erkennen. Darin besteht das Wirken des Bewußtseins: diese Bilder als in der richtigen Weise zu ihm gehörig voll zu erkennen.
[ 10 ] Man versteht, um was es sich hierbei handelt, nur dann vollkommen, wenn man sich bewußt wird, daß das Leben, welches man hier zwischen Geburt und Tod führt, ein gar reichlicheres ist als das bewußte Leben. Stellen Sie sich nur einmal vor: Sie leben in gewissen Verhältnissen, in einer Gemeinschaft, mit diesen oder jenen Menschen. Von dem, was da zwischen Ihnen vorgeht, ist das, was sich bewußt abspielt, eigentlich nur ein Teil. Fortwährend gehen Dinge vor. Sie müssen bedenken, daß ja das hiesige Leben so abläuft, daß man nur einen kleinen Teil dessen beachtet, was man erlebt. Nehmen Sie ein gewöhnliches Ereignis: Sie haben sich heute abend hier versammelt, jeder ist zu jedem von denen, die beisammen sind, in irgendein Verhältnis getreten. Aber wenn Sie sich richtig überlegen, wieviel Sie sich darüber zum Bewußtsein gebracht haben, so ist das sehr wenig. Denn indem Sie erst drei Meter von einem andern Menschen entfernt sind und dann auf ihn zugehen, bedeutet dieses Sich-aus-drei-Metern-Nähern eine ganze Summe von Gesichtseindrücken; Sie sehen das Gesicht immer anders, indem Sie näher kommen und so weiter. Es ist mit dem gewöhnlichen physischen Verstande gar nicht auszudenken, was man eigentlich immer erlebt während des physischen Lebens. Davon ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt das, was man bewußt erlebt. Das weitaus Bedeutendste bleibt unterbewußt.
[ 11 ] Wenn Sie zum Beispiel einen Brief lesen, so werden Sie sich in der Regel des Inhaltes bewußt. In Ihrer Unterseele aber geht viel mehr vor; dort geht nicht nur das vor, daß Sie sich, ohne daß Sie es sich zum Bewußtsein bringen, doch immer etwas leise ärgern oder freuen über die schöne oder häßliche Handschrift, sondern es geht wirklich mit der Handschrift, mit jedem Zuge der Handschrift von dem Schreiber etwas in Sie über, was Sie mit Ihrem Oberbewußtsein nicht beachten, was aber lebt wie ein das ganze Leben fortwährend durchziehender Traum. Deshalb können wir ja die Träume so schwer wirklich verstehen, weil in ihnen vieles von dem auftritt, was im Tagesbewußtsein gar nicht berücksichtigt wird. Nehmen Sie einmal an, hier sitze eine Dame und dort sitze eine andere. Wenn die eine nicht gerade aufmerksam gemacht wird, daß dort eine Dame sitzt und diese sich nicht genauer ansieht, so kann es vorkommen, daß die eine Dame die andere gar nicht beachtet, gar nicht sich irgendwie klarmacht, welche Geste die andere macht und was sie sonst tut. Aber in der Unterseele haftet es, und in die Träume kann gerade das eingehen, womit man sich viel weniger im Tagesbewußtsein beschäftigt hat. Das kommt gerade dann vor, wenn man im Tagesbewußtsein seine Individualität einer besonderen Sache zuwendet, wenn Sie zum Bei- spiel gedankenvoll auf der Straße gehen und ein Freund geht an Ihnen vorüber. Sie beachten ihn vielleicht gar nicht, aber Sie träumen von ihm, trotzdem Sie gar nicht wissen, daß er an Ihnen vorbeigegangen ist. Es geht eben sehr, sehr viel im Leben vor sich, und furchtbar wenig geht ins Tagesbewußtsein ein. Aber alles, was so furchtbar vieles im Leben des Menschen vorgeht, namentlich was sich auf Seelisches bezieht, was im Unterbewußten bleibt, das alles wird Bild um den Menschen herum. Indem Sie heute hierher gekommen sind und wieder weggehen werden, bleibt das Bild des ganzen Raumes mit Ihnen verbunden, allerdings mehr insofern, als das alles einen mehr seelischen Eindruck gemacht hat, und seelisch hat das keine festen Grenzen.
[ 12 ] So verbindet sich unzähliges Bildhaftes mit dem menschlichen Leben. Das alles ist eingerollt — ich kann keinen andern Ausdruck dafür finden — in das Leben des Menschen. Sie tragen Millionen von Bildern eingerollt durch Ihr Leben. Und was nach dem Tode zunächst stattfindet, ist Entrollung der Bilder, so könnte man es nennen, Entrollung der Bilder, von Post-mortem-Imaginationen. Um den Menschen herum bildet sich allmählich eine imaginative Welt; und darin besteht sein Bewußtsein, daß er sich in dieser imaginativen Welt erkennt.
[ 13 ] Von etwas andern Gesichtspunkten aus ist das geschildert in den Wiener Vorträgen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt; aber man muß die Sachen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachten. — Entrollung der Bilder: Man kann hier zum Vergleich heranziehen, wie wir sind, wenn wir kleine Kinder sind, eben geboren worden sind und einen noch etwas unkonfigurierten Leib haben. Manche Menschen — die nicht gerade Mütter der betreffenden Kinder sind — sagen: Jedes kleine Kind sieht wie ein Frosch aus; es ist noch nicht ganz menschlich, aber es konfiguriert sich allmählich. Gerade so, wie das Kind sich konfiguriert, wie das heranwächst, von dem wir sagen können: In uns haben wir es, wenn wir materiell leben —, so findet ein Wachsen des Lebens statt, das man nennen kann Entrollen der Bilder des Lebens. Denn in diesem Entrollen der Bilder gestaltet sich der Seelenmensch, das eine Glied des Menschen. Sie müssen sich durchaus vorstellen, daß das, was nach dem Tode ist, ausgebreitet ist, und daß in den Imaginationen zunächst der Seelenmensch heranwächst, der Bildermensch, die imaginative Geist-Leiblichkeit, die sich da aufbaut.
[ 14 ] Und hierbei ist es, wo man dem Toten auch wieder von der physischen Erde aus ungeheuer helfen kann, wenn man solche Vorstellungen, die zugleich Vorstellungen der Geisteswissenschaft sind, mit ihm durchnimmt, oder solche, wie wir sie gestern entwickelt haben von der blau-rötlichen Erde mit dem goldigen Jerusalem. Das sind Vorstellungen, nach denen der Tote lechzt, denn er lechzt nach richtenden und ordnenden Imaginationen. Damit hilft man ihm. Namentlich hilft man ihm, wenn man mit ihm durchnimmt, was man mit ihm zusammen erlebt hat; denn daran können sich die Bilder anschließen, wenn sie sich entrollen wollen. Wenn man sich im Leben eigentlich nicht beachtete Dinge vorstellt und diese mit dem Toten durchnimmt, dann hat er davon besonders viel. Ich will zum Beispiel sagen, wenn Sie im Gedächtnis bewahren, wie er, während er noch lebte, durch die Tür gegangen ist, wenn er aus seinem Geschäft kam und zu Hause anlangte, wie Sie sich mit ihm begrüßt haben, also worin sich das Seelische in der bildhaften Weise ausdrückt. Es kann ja unendlich viel Liebevolles in diesen Dingen liegen, es kann natürlich auch anders sein. Dann werden Sie sich auch mit dem Toten in Gedanken zusammen treffen. — Ich habe in der verschiedensten Weise gezeigt, wie man diese Bilderwelt, in die der Tote sich entwickeln muß, worin sich sein Bewußtsein ausbreiten muß, mit seinen eigenen Vorstellungen mischen kann. Vorstellungen, die der Tote angestrebt hat, die er nicht voll erreichen konnte und die ihm etwas erklären, sie werden seine Bilderwelt. Da arbeitet man mit an der Formung seines Seelenmenschen.
[ 15 ] Es sind natürlich bei dem Toten in der Zeit, die auf den Tod folgt, die andern Glieder schon ausgebildet: das Seelenleben oder dieLebensseele und auch das Seelenselbst. Aber gerade diese Glieder bilden sich immer mehr und immer bestimmter so aus, daß sie der Tote zuerst, unmittelbar nach dem Tode, wie etwas Zukünftiges empfindet, was er erst nach und nach heranentwickelt. Der Tote hat in dieser Beziehung die Empfindung, den Seelenmenschen muß er herausarbeiten, daran muß er arbeiten; aber die Lebensseele muß er entwickeln lassen, sie muß sich nach und nach entwickeln. Sie ist natürlich schon da, wie beim Kinde der Verstand da ist, aber sie muß sich entwickeln, wie beim Kinde der Verstand. Dadurch tritt bei dem Toten gleich nach dem Tode eine inspirierende Kraft auf. Aber diese entwickelt sich, wird immer stärker und stärker. Und gerade wenn man dem Toten hilft, hilft man ihm auch in der Entwickelung dieser inspirierenden Kraft. Denn aus den Bildern muß allmählich etwas heraussprechen zu dem Toten. Sie müssen mehr werden als bloß die Erinnerung an das Leben, sie müssen ihm Neues sagen, was ihm das Leben noch nicht sagen konnte. Denn, was sie ihm jetzt sagen, muß Keim werden für das, was er als nächstes Erdenleben ausgestaltet.
[ 16 ] So tritt das Seelenleben, die Lebensseele in Entwickelung, und die Bilder werden immer sprechender und sprechender. Das ist so, daß der Tote zunächst — wenn ich mich so ausdrücken darf — den Blick vorzugsweise auf die Erde richtet. Wie wir unsere Gedanken nach der Geisteswelt hinauf richten, so richtet der Tote seine Seele immer herunter auf die Erde. Er sieht sie zum Beispiel — was ich gestern beschrieben habe — als die auf der Osthälfte blaue, auf der Westhälfte rötliche Erde; da kommen diese Bilder, da sind sie einverwoben. Er sieht zunächst immer in dem allgemeinen Erdenbilde sein Leben darinnen; sein Leben sieht er bei uns. Deshalb können wir ihm auch helfen, mit diesen Bildern zurechtzukommen. Er verläßt zwar die Erde, aber er verläßt sie nicht mit seinem Seelenauge. Und allmählich wird die Erde tönend, indem die Inspiration sich immer mehr und mehr entwickelt. Was Bilder sind, sagt ihm allmählich immer mehr und mehr.
[ 17 ] Man wird oftmals gefragt, ob diese Hilfe an die Toten nur geleistet werden kann bald nach dem Tode oder auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten. Aber das hört nicht auf. Niemand kann so lange auf der Erde leben, daß es unnötig würde, einem vor uns Verstorbenen zu helfen. Wenn einer auch schon dreißig, vierzig Jahre tot ist: immer bleibt die Verbindung, wenn sie karmisch war, vorhanden. Natürlich muß man sich darüber klar sein, daß die Seele, wenn sie unentwickelt ist — die Seele desjenigen, der hier ist —, anfangs ein klareres Bewußtsein dieses Zusammenhanges haben kann. Anfangs kann dieses Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Toten sehr stark gefühlt und empfunden werden, weil die Bilder noch passiv sind und im wesentlichen das enthalten, was sie auch auf der Erde enthalten haben. Dann aber fangen sie an zu tönen, dann tönt die Sphärenmusik aus ihnen heraus. Das ist schon fremd. Und man kann Aufschluß darüber nur aus der Geisteswissenschaft heraus bekommen, indem man weiß, was in zukünftigen Erdepochen sich vollzieht. Aber es ist ja nicht gar so häufig, daß über Jahrzehnte hinaus ein ebenso lebhaftes Bedürfnis vorhanden ist, dem Toten nahezutreten, wie unmittelbar nach seinem Weggange. Da schwindet bei den Lebenden — diese Erfahrung wird nun einmal gemacht — allmählich die Hinneigung zu den Toten, da erstirbt das lebendige Gefühl für sie. Deshalb ist dieses auch schon mit ein Grund, warum nach späterer Zeit der Zusammenhang mit den Toten weniger lebendig gefühlt wird.
[ 18 ] Dies macht uns darauf aufmerksam, daß die erste Zeit des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt vorzugsweise der Ausbildung des Seelenmenschen gewidmet ist, desjenigen, was als eine imaginative Welt um den Menschen herumschwebt. Die spätere Zeit — aber es ist natürlich von Anfang an da — ist der inspirierenden Kraft der Seele, der Lebensseele gewidmet. Und vor sich, gleichsam als ein Ideal, hat der Tote das, was man nennen kann das Seelenselbst. Es ist auch von Anfang an da, denn das Seelenselbst gibt ihm das Individualbewußtsein. Wie die Vernunft beim Kinde erst ausgebildet werden muß, trotzdem sie von Anfang an da ist, so bildet der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt das Seelenselbst erst aus. Und dieser Ausbildung des Seelenselbstes im höchsten Maße ist dann schon jene Zeit gewidmet, in welcher es wieder langsam dem Erdenleben zugeht. Wenn der Mensch in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt geistig blühend vor Jugend wird — muß man sagen —, dann steht sein Seelenselbst in der höchsten Entwickelung. Hier auf der Erde sagt man: Man wird alt —; in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt muß man sagen: Man wird jung. — Hier sagt man: Man ergraut vor Alter —; dort muß man sagen: Man wird blühend vor Jugend. — Diese Dinge waren vor noch gar nicht langer Zeit durchaus bekannt. Ich erinnere nur an Goethes «Faust», wo es heißt: «im Nebelalter jung geworden» ; das bedeutet: in der nördlichen Welt geboren. Man sagte früher nicht: Jemand wurde geboren —, sondern: Er ist jung geworden, womit man hindeutete auf sein Leben vor der Geburt. Und Goethe hat noch diesen Ausdruck gebraucht: «im Nebelalter jung ge worden».
[ 19 ] Die letzte Zeit zwischen Tod und neuer Geburt ist also die, in welcher die Seele vorzugsweise den intuitiven Teil ausbildet. In der ersten Zeit nach dem Tode ist ihm lebendig der imaginative Teil der Seele, das ist der Seelenmensch. Dann entwickelt sich nach und nach zur vollen Höhe der inspirierte Teil der Seele, die Lebensseele. Und nachdem entwickelt sich das, was der Seele die volle Individualität gibt, das Seelenselbst, das Intuitive, die Fähigkeit, in anderes aufzugehen, in anderes sich hineinzufinden. In was findet sich da die Seele hinein? Von was wird sie vorzugsweise intuiert?
[ 20 ] Die Seele fängt schon zwischen Tod und neuer Geburt in einem bestimmten Punkte des Lebens an, sich verwandt zu fühlen mit der Generationenfolge, die dann zu Vater und Mutter führt. Zu den Ahnen, wie die zueinandergeführt werden in den Ehen, wie sie Kinder haben und so weiter, fühlt sich die Seele nach und nach verwandt. Während man unmittelbar nach dem Tode die Bilder fühlt, das Entrollen der Bilder, und indem man hinuntersieht auf die Erde, werden diese Bilder zusammengefaßt in die mehr großen imaginativen Zusammenhänge. Und indem man sich wieder dem Erdenleben zuwendet, wird man immer intuitiver und intuitiver. Und mehr im großen tritt das Bild, das ich gestern entwickelt habe, vor der Seele auf: die Kugel der Erde — über Asien, Indien, Ostafrika hinüber bläulich glimmend; auf der andern Seite — man umkreist ja die Erde —, wo Amerika ist, rötlich glitzernd; dazwischen die grünen und die andern Töne. Und die Erde tönt auch in den mannigfaltigsten Tönen: Melodien, Harmonien, Chören der Sphärenmusik. Und dahinein bewegt sich allmählich, was man als Bilder gehabt hat: die Bilder, die man zuerst gehabt hat, was man von der Generationenfolge hatte. Man lernt allmählich das sechsunddreißigste, fünfunddreißigste Vorfahrenpaar erkennen, dann das vierunddreißigste, dann das dreiunddreißigste, zweiunddreißigste Paar, bis hinunter zu Vater und Mutter. Das lernt man erkennen, einverwoben in die Imaginationen. Und dahinein prägt sich die Intuition, bis man zu Vater und Mutter kommt. Dieses Einprägen ist wirklich ein Aufgehen in dem, was durch die Generationen lebt. Die zweite Hälfte des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt ist so, daß der Mensch in dieser Zeit sich intensiv daran gewöhnt, in dem andern zu leben, was da unten ist, schon voraus in diesem andern zu leben, in dem, was dann die nächste und fernere Umgebung wird, nicht in sich, sondern in dem andern zu leben. Man fängt das Leben zwischen Tod und neuer Geburt an, indem man in dem andern lebt; man hört dieses Leben so auf, daß man vorzugsweise in dem andern leben kann. Dann wird man geboren, und man behält zunächst noch etwas zurück von diesem andern Leben. Aus diesem Grunde muß man sagen: In den ersten sieben Jahren ist der Mensch ein Nachahmer; er ahmt alles nach, was er wahrnimmt. Lesen Sie, was darüber in der Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» dargestellt ist. Es ist ein letzter Abklatsch dieses In-dem-andern-Leben, das setzt sich noch fort in das physische Leben hinein. Das ist die vorzüglichste Eigenschaft, ins Geistige umgesetzt, zwischen Tod und neuer Geburt, und es ist die erste Eigenschaft, die beim Kinde auftritt: nachahmen alles dessen, was da ist. Man wird dieses Nachahmen des Kindes nicht verstehen, wenn man nicht weiß, daß es aus dem großartigen intuitiven Leben des Geistig-Seelischen in der letzten Zeit zwischen Tod und neuer Geburt herkommt.
[ 21 ] Hier ist nun wieder eine Vorstellung, welche die Geistesentwickelung der Zukunft ergreifen muß. In der alten Zeit war — vorzugsweise dadurch, daß die Menschen durch atavistisches Hellsehen den Geist kannten — durch unmittelbare Anschauung der Glaube rege an das, was heute den Menschen zweifelhaft geworden ist, wenn sie materialistisch denken: die Unsterblichkeit. Das wußten sie früher. Aber in der Zukunft wird der Unsterblichkeitsgedanke von der Gegenseite angeregt werden. Man wird verstehen, daß dieses Leben hier die Fortsetzung eines geistigen Lebens ist. Wie man früher naturgemäß zuerst auf die Fortsetzung des Lebens nach dem Tode gesehen hat, so wird man in der Zukunft vorzugsweise immer mehr und mehr lernen, alles Leben hier als eine Fortsetzung des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt anzusehen. Dagegen haben allerdings die Kirchen Barrieren aufgerichtet. Denn nichts galt für die Kirche so sehr als Ketzerei als der Gedanke der Präexistenz der Seele, und bekanntlich ist der alte Kirchenvater Origenes vor allem deshalb ein so schlecht angesehener Kirchenvater, weil er noch die Präexistenz der Seele kannte. Es handelt sich nicht nur darum, daß man, wie ich schon sagte, im 9. Jahrhundert auf dem Kirchenkonzil. zu Konstantinopel den Geist abgeschafft hat, indem man das Dogma aufstellte, daß der Mensch nicht aus Leib, Seele und Geist bestehe, sondern nur aus Leib und Seele, und zugab, daß die Seele etwas Geistartiges in sich habe. Es ist verboten zu denken, sagte das Konzil, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht; er hat eine seelenartige und eine geistartige Seele, aber er besteht nur aus Leib und Seele. — Das ist heute selbstverständlich noch immer Gebot. Aber es ist noch etwas anderes damit verbunden, es ist zugleich « vorurteilsfreie Wissenschaft»! Und das ist das Interessantere. Sie finden bei den Philosophen überall den Menschen gegliedert in Leib und Seele; die Dreigliederung in Leib, Seele und Geist wird noch sehr wenig durchgeführt. Lesen Sie einmal nach bei dem berühmten Wundt; dann werden Sie sehen, das ist « vorurteilslose Wissenschaft», den Menschen zu gliedern in Leib und Seele. Es ist nicht vorurteilslose Wissenschaft! — es ist der letzte Rest jenes Dogmas vom achten ökumenischen Konzil. Nur haben die Philosophen das vergessen und betrachten es als vorurteilslose Wissenschaft. — Das ist die eine Barriere: die Abschaffung des Geistes. Die andere Barriere, welche die Kirche aufgerichtet hat, ist das Verbieten des Präexistenzglaubens. Selbst vorurteilslose Leute können sich mit dem Präexistenzglauben nicht zusammenfinden. Ich erinnere nur an den berühmten philosophischen Theologen oder theologischen Philosophen — wie man sagen will — Frobschammer in München. Seine Bücher stehen auf dem Index. Aber das hat ihn nicht davor geschützt, dennoch sich gegen den Gedanken einer Präexistenz der Seele zu wenden, weil er sagt: Wenn wirklich die Seele vorher existieren würde, wenn sie nicht miterzeugt würde, so würden ja die Eltern nur ein Tierchen erzeugen, das dann die Seele bekäme. — Das ist ihm eine unheimliche Vorstellung. Ich habe dies als Anmerkung in meinen «Seelenrätseln» angeführt. Aber so ist es ja nicht. Wenn man weiß, daß die Tatsache die ist, daß der Mensch durch mehr als dreißig Generationen mit dem durch die Generationen rinnenden Blute: verbunden ist, dann kann man nicht sagen, daß die Eltern nur ein Tierchen erzeugen; sondern es gehört der ganze Geistesprozeß dazu, der durch mehr als dreißig Generationen geht. Dessen muß man sich nur bewußt werden.
[ 22 ] Das also ist es, daß man in Zukunft sein Augenmerk nicht bloß auf die Frage lenken wird: Dauert dieses Leben bis hinter den Tod? Sondern man wird sich sagen können, gerade wenn man das physische Erdenleben richtig studiert: Dieses physische Erdenleben ist die Fortsetzung eines geistigen Lebens! — Darauf wird in Zukunft ein starkes Augenmerk gerichtet werden. Man wird erkennen, daß sich das geistige Leben im Sterblichen fortsetzt, das Sterbliche im Unsterblichen, und indem man das Sterbliche im Unsterblichen erkennen wird, wird man damit eine sichere Grundlage haben für die Erkenntnis des Unsterblichen. Wird man nur dieses Erdenleben ordentlich verstehen, dann wird man nicht mehr es nur aus sich selbst heraus verstehen wollen. Dazu gehört natürlich, daß solche andern Vorstellungen erworben werden, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe.
[ 23 ] Oh, es ist notwendig, daß mancher Begriff korrigiert wird. Man erwirbt sich überhaupt manche Begriffe, die im Leben gültig sind, sehr schwer, und die populäre Sprache ist in dieser Beziehung ein großes Hindernis. Man muß ja mit der populären Sprache zunächst rechnen, weil man sonst gar nicht verstanden wird. Aber es ist schon ein großes Hindernis, wenn man denkt, daß man die Ähnlichkeit direkt von den Eltern ererbt. Es ist ein Unsinn. Ich habe auch im öffentlichen Vortrage gesagt, daß unser Wissenschaftsbetrieb sehr darunter leidet, daß das, was gang und gäbe ist in bezug auf die Wissenschaft des Unorganischen, nicht auch auf das Organische angewendet wird. Niemand wird bei einem Magneten die magnetische Kraft aus dem hufeisenförmigen Stück Eisen herleiten wollen, sondern man wird den Magnetismus im Magneten oder in der Magnetnadel aus dem Kosmischen erklären. Wenn aber das Ei im Huhn entsteht oder der Embryo im Menschen, dann soll das nicht aus dem Kosmos erklärt werden. Aber da wirkt überall der Kosmos. Und so sonderbar es ist: Geradeso wie beim Sinneseindruck ein Kanal gebohrt wird ins Auge, um dem Ich das Tor zu eröffnen, um hinauszukommen, so beruht auch die Fortpflanzung darauf, daß eigentlich Platz gemacht wird. Was dabei geschieht, das ist, daß der Organismus des Mutterwesens so präpariert wird, daß Platz geschaffen wird. Und was dann entsteht, das entsteht aus dem Kosmos herein, aus dem ganzen Makrokosmos. Es ist ein komplizierter Prozeß, aber es wird im Mutterwesen nur der Platz bereitet, die Organisation des Mutterwesens wird soweit unterbrochen, daß eine Höhlung entsteht, wo das Makrokosmische herein kann. Das ist das Wesentliche, und das wird selbst die Embryologie in kurzer Zeit begreifen. Sie wird begreifen, daß das Wichtigste am Embryo das ist, wo nichts ist, wo die Materie der Mutter zurückgeschoben wird, weil das Makrokosmische herein will. Aber bei diesem Makrokosmischen, das sich so lange vorbereitet, daß der Mensch—im längsten Falle durch zweiunddreißig bis fünfunddreißig Generationen — bei den Vorfahren schon intuitiv dabei ist, da ist er mit den Kräften, die aus dem Kosmos hereinwirken, schon verbunden; er schaut sie schon. Von seinem Sternengebiete aus, dem der Mensch zugeordnet ist, schaut er den Strahl hereinfallen auf die Erde, schaut, wohin er dann inkarniert wird. Dann nähert er sich allmählich der Erde.
[ 24 ] Das sind Dinge, die, wie ich glaube, auch unser Gemüt erfüllen können mit einem bedeutungsvollen Gemütseindruck. Man kann Geisteswissenschaft nicht so aufnehmen wie etwa die Mathematik, sondern man wird sie aufnehmen wie etwas, was sich auch tief mit unserem Gemüt verbindet, was uns in Wirklichkeit zu einem andern Menschen macht, was das menschliche Leben tief bereichert und die Grundlage schafft zu einem wirklichen Weltenbewußtsein. Diese belebende, diese im besten Sinne des Wortes erfrischende Wirkung des geisteswissenschaftlichen Erkennens ist etwas Wesentliches und Wichtiges. Wir dürfen dabei allerdings nicht verkennen, daß wir uns in der gegenwärtigen Zeitepoche in bezug auf die Dinge, die hier gemeint sind, gewissermaßen in einer Übergangszeit befinden. Das muß unsere Zeit als ihr Karma auf sich nehmen. Heute sagt man noch leicht: Um Gottes willen, soll ich so komplizierte Vorstellungen aufnehmen, um das zu erfassen, was mir deine Lehre von der Menschenbestimmung gibt? Das machen andere einem leichter! — Gewiß, Dr. Johannes Müller zum Beispiel macht es den Leuten leichter. Aber es handelt sich darum, daß wir in einer Übergangszeit leben, und daß heute diese Vorstellungen den Menschen noch ungewohnt sind. Aber sie werden ihnen gewohnt werden müssen. Es wird die Zeit kommen müssen, wo man diese Dinge in geeigneter Art schon an die Kinder heranbringen wird. Man wird das können, und man wird dabei eine Entdeckung machen, nämlich diese: daß die Kinder einen überraschend gut verstehen werden. Sie werden viel besser als andere verstehen, was aus den Bildern der Geisteswissenschaft kommt. Denn sie bringen aus dem Imitationsvermögen aus der geistigen Welt manches mit, was wir ihnen erst austreiben, was wir nicht berücksichtigen, sondern manchmal in einer ganz brutalen Weise nicht gelten lassen. Sonst würde man sich gestehen, daß manches Kind etwas ungemein Gescheites sagt, oft etwas viel Gescheiteres, als die Alten sagen. Manchmal ist viel interessanter, weil mit dem Wesen der Welt zusammenhängender, was ein Kind sagt, als was ein Professor sagt. Diese Dinge sollte man ja auch wirklich mit einem gewissen Ethos aufnehmen können, dann wird es nicht mehr schwer werden, wenn man die Dinge in der entsprechenden Weise schon an das Kindergemüt heranbringen wird. Der Übergang dazu ist natürlich unbequem, deshalb lehnen ihn die Leute so gerne ab. Aber gerade aus manchen Fragen des kindlichen Gemütes, wenn man auf die Richtung, auf den Timbre solcher Fragen achten kann, wird man erkennen, daß beim Kinde Reminiszenzen aus einem früheren Leben vorhanden sind.
[ 25 ] Man muß nur das, was als Geisteswissenschaft gemeint ist, gründlich ernst nehmen und muß die Ansicht haben, daß sie sich in das soziale Leben, zu dem auch Erziehung und Unterricht gehören, hineinfinden muß. In dieser Hinsicht könnte noch viel mehr heute getan werden, als man gewöhnlich für möglich hält. Denn das ist ja durchaus richtig, was ich neulich einmal bemerkte: Wenn die, welche Lehrer oder Erzieher werden wollen, heute geprüft werden, dann sieht man vor allem darauf, was sie sich an Wissen angeeignet haben, was eigentlich höchst unnötig ist, daß sie es sich aneignen mußten. Denn sie können das, was sie zum Unterrichten nötig haben, wenn sie sich vorbereiten, immer in einem entsprechenden Kompendium nachlesen. Was man zum Examen gelernt hat, das ist nachher ja doch bald wieder vergessen. Das sieht man am besten, wenn man sich. erinnert, wie unser Hochschulleben sich abspielt. — Ich mußte einmal ein Examen machen. Da wurde zu dem entsprechenden Termin der betreffende Professor krank. Ich kam zum Assistenten, und der sagte mir: Ja, der Professor ist krank, und es wird wohl noch acht Tage dauern; ich kann es Ihnen nachfühlen, wenn Sie in diesem hochschwangeren Zustande herumgehen müssen und in acht Tagen alles vergessen haben; aber es geht schon nicht anders! — Man rechnet also gleichsam damit, daß man das, was man im Examen loslassen soll, recht bald vergessen hat. Es ist ja nur eine Komödie im Leben. Worauf es aber ankommen wird, das wird sein müssen, daß man darauf sieht, was das für ein Mensch ist, den man auf die Jugend losläßt. Es handelt sich darum, in jedem den Menschen sich anzuschauen, nicht bloß, was er in den Mechanismus seines Vorstellungslebens hineingequetscht hat. Auf den wirklichen Menschen kommt es an, daß dieser in der Lage ist, jene geheimnisvolle Beziehung zur Jugend herzustellen, die notwendig ist. Dann wird es gar nicht so schwierig sein, das auch wirklich an die Jugend heranzubringen, was die Geisteswissenschaft für die Jugend entwickeln kann.
[ 26 ] Ich wollte Sie heute vorzugsweise auf solche Tatsachen des menschlichen Gesamtlebens aufmerksam machen, die Ihnen das Bewußtsein davon nahebringen können, daß man nicht bloß die alten Begriffe beibehalten soll, sondern daß man neue Begriffe braucht, daß unser Begriffsvermögen durch vieles bereichert werden muß. Sie werden es bemerken, wie einem eigentlich entgegengekommen wird, wenn einmal auch so etwas wie Geisteswissenschaft verbreitet wird. Die Menschen haben ja schon lange danach verlangt. Viele Begriffe überhaupt aufzunehmen, wollen sich die meisten ersparen. Deshalb gehen sie so gerne zu Lichtbildervorträgen oder sonstigen illustrativen Vorträgen, wo sie gucken können, wo sie nicht viele Begriffe aufzunehmen brauchen. Es wird ja in der Regel von den Menschen, wenn ihnen etwas Neues dargeboten wird, gefragt: Was will denn der eigentlich? — Aber was wollen die Menschen, wenn so gefragt wird: Was will denn der eigentlich? Sie wollen, daß ihnen die Sache übersetzt werde in das, was sie bereits wissen. Darum handelt es sich aber auf dem geisteswissenschaftlichen Felde nicht; da soll man neue Begriffe aufnehmen, die noch nicht da sind, die zum Teil einmal in alter Zeit, in anderer Form, vorhanden waren, aber heute noch nicht da sind. Da muß man sich entschließen, in neue Begriffe einzudringen. Das wird den Menschen oft so schwer. Denn wenn’ sie neue Begriffe wirklich hinnehmen würden, dann würden sie nicht fragen: Was will denn der eigentlich —, sondern würden es aufnehmen. In Zukunft wird eine viel nützlichere Frage die sein: Was soll ich denn eigentlich meinen? und nicht: Was will der eigentlich? — Dann würde man schon sehen, wie das, was man als Meinung entwickelt, auch Lebenskräfte in einem loslöst, so daß man in die Wirklichkeit hineinkommt. Man würde sehen, daß das Schauen zwar etwas Subtiles, aber gar nicht so Fernliegendes ist. Dazu aber werden Vorurteile überwunden werden müssen.
[ 27 ] Es gibt zum Beispiel ein populäres Büchelchen «Einführung in die Philosophie». Darin stehen Begriffe, wie ich sie gestern und heute getadelt habe. Aber besonders merkwürdig wird der Verfasser, wo er über den Supranaturalismus spricht. Er hält den Supranaturalismus, das Übersinnliche, deshalb für ganz besonders schädlich, weil er meint, das Natürliche sei etwas, wo jeder Mensch selbst zu einem Urteil kommen und prüfen könne; beim Übersinnlichen, beim Supranaturalismus läge aber die Gefahr nahe, daß nicht jeder selbst urteilen könne, sondern auf Autorität von andern eine Sache annehme, Damit ist natürlich auch der andere Satz verknüpft: daß die Priesterschaft aller Zeiten das ausgenutzt habe, da durch den Supranaturalismus die Menschen verdorben worden seien, weil sie dadurch abhängig wurden vom Autoritätsglauben. Wenn man aber die tatsächlichen Verhältnisse betrachtet, kann man sagen: Wenn heute die offiziellen Philosophen auf das Übersinnliche zu sprechen kommen, werden sie geradezu kindisch. Denn es ist eine kindische Anschauung, und es scheint, als wenn der Mann gar keine Ahnung davon hätte, wie grandios grassierend der Autoritätsglaube gerade in unserer Gegenwart ist, wenn die Leute sich auch davon freihalten wollen. Wie viele Menschen wissen denn zum Beispiel, worauf die kopernikanische Lehre fußt? Sie lernen sie in der Weise kennen, daß man eigentlich irgendeinem Geiste das vormacht, daß ihm ein Stuhl ins Weltenall hinausgestellt wird und ihm gezeigt wird: Da bewegt sich die Sonne, und die Planeten bewegen sich um sie herum. — Das ist aber alles Unsinn. Würde den Menschen gezeigt werden, was ihnen alles wirklich erschlossen werden kann, dann würden sie eine ganz andere Vorstellung bekommen und würden sehen, wie unsicher alle die Hypothesen sind. Aber denken Sie, wie unendlich groß das ist, was die Menschen heute auf Autorität hin glauben. Wie froh sind sie heute auf einem andern Gebiete — um daran als an eine Nebenerscheinung zu erinnern —, wenn ihnen durch eine Bolschewikiregierung Geheimakten enthüllt werden, von denen das Schicksal unzähliger Menschen abhängt! Da gibt es dann eine solche Prüfung der Sache in bezug auf das Natürliche, da kann jeder prüfen; aber in bezug auf das Übersinnliche, so meint man, würden die Menschen ihre Unabhängigkeit verlieren. Das heißt denn aber doch, die Sachen auf den Kopf stellen. Und eine Aufgabe der Geisteswissenschaft wird in vieler Beziehung darin bestehen, daß die Sachen wieder auf die Beine gestellt werden. Daß die Sachen auf den Kopf gestellt werden, ist ganz natürlich: Es mußte sich die Bewußtseinsseele entwickeln. Nun müssen sie aber auch wieder ordentlich auf die Beine gestellt werden.
[ 28 ] Daran wollen wir das nächste Mal anknüpfen, und wir werden sehen, daß dieses Bild vom Auf-die-Beine-Stellen gar nicht so unwirklich ist, sogar eine tiefere Bedeutung hat.
