Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Die Wissenschaft vom Werden des Menschen
GA 183

17 August 1918, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Daß es mir die tiefste Befriedigung gewährt, die Arbeit in Ihrer Mitte an diesem unserem Bau und um unseren Bau herum hier wiederum aufnehmen zu können, das werden Sie mir wohl ohne weiteres glauben. Es ist ja tatsächlich so, daß heute nicht nur bei tieferem Nachdenken, sondern, man darf sagen, schon bei oberflächlicherem Nachdenken demjenigen, der der ganzen Aura dieses Baues nahegetreten ist, der Gedanke aufgehen könnte, daß mit diesem Bau doch etwas verknüpft ist, was mit den bedeutungsvollsten, schwerwiegendsten Aufgaben der Menschenzukunft zusammenhängt. Und nach längerer, erzwungener Abwesenheit ist es ja selbstverständlich, daß man sich mit tiefster Befriedigung wiederum an der Stätte befindet, an der dieser Bau als ein Symbolum unserer Sache steht.

[ 2 ] Zu dem Gesagten darf ich wohl hinzufügen, daß für mich besonders jedesmal, wenn ich jetzt nach längerer Abwesenheit wiederkomme, die tiefste Befriedigung daraus resultiert, daß ich ja immer dann sehen kann, wie schön und wie bedeutungsvoll die Arbeit an diesem Bau durch die hingebungsvolle Tätigkeit der am Bau Arbeitenden weiter gefördert worden ist. Insbesondere in diesen Monaten meiner letzten Abwesenheit, wo ja unter so schwierigen Verhältnissen gearbeitet worden ist, ist ja gerade ein Teil der künstlerischen Arbeit in einer unvergleichlichen Weise fortgeschritten, fortgeschritten in dem Geiste, der dieses Ganze durchdringen soll.

[ 3 ] Aber auch mit tiefer Befriedigung sehe ich bei Verfolgung des Geistes unserer Arbeit, bei Verfolgung desjenigen, was hier entsteht, das Verbundensein treuer Gesinnung bei vielen unserer Freunde, treuer Gesinnung gegenüber dem, was sich gerade in diesem Bau verkörpert. Und dasjenige, was dann beim Wieder-auf-sich-wirkenLassen dieser Sache der Seele sich offenbart, das ist doch, daß hier eine Stätte vorhanden ist, mit welcher verbunden ist eine solche treue Gesinnung einer Anzahl von Freunden unserer geistigen Bewegung, einer solch treuen Gesinnung, die da verspricht, daß sich die besten Impulse unserer geistigen Bewegung in die Zukunft der Menschheit hinein halten werden, der sie so notwendig sein werden. Es gibt schon innerhalb gerade der diesem Bau gewidmeten Arbeit etwas, was Vorbild sein könnte für dasjenige, was im allgemeinen mit dem, was sich unter uns heute Anthroposophische Gesellschaft nennt, eigentlich gewollt ist.

[ 4 ] Aber ich habe auf der andern Seite vielfach wiederum das Gefühl, daß das Günstige, das bedeutungsvoll Gute, das man hier im Zusammenwirken von Menschenarbeit und Menschengefühl mit diesem Bau finden kann, gerade darinnen besteht, daß dieser Bau etwas ist, was gewissermaßen in seiner Objektivität das, was durch unsere Bewegung gewollt wird, loslöst von den subjektiven Interessen der einzelnen Menschen.

[ 5 ] Über dieses jetzt eben Berührte waren ja — und sind — in allen ähnlichen Gesellschaften, auch in der Anthroposophischen Gesellschaft, gewisse merkwürdige Anschauungen vorhanden, die eigentlich nichts anderes sind als merkwürdige Illusionen. Man predigt viel von Selbstlosigkeit, von allgemeiner Menschenliebe; aber das sind oftmals bloße Masken für gewisse, nur raffinierte egoistische Interessen der einzelnen Menschen. Gewiß, die einzelnen Menschen wissen nicht, daß es sich für sie um bloße egoistische Interessen handelt, sie sind vor ihrem eigenen Bewußtsein gewissermaßen unschuldig; aber es ist doch so. Der Bau selbst verlangt aber von einer schon ziemlich großen Anzahl unserer Freunde eine selbstlose Hingabe an etwas Objektives, an etwas, was als ein von jeder einzelnen Persönlichkeit losgelöstes Symbolum unserer Sache dasteht. Und insoferne wird wohl dasjenige, was mit diesem Bau zusammenhängt, vorbildlich sein können für das, was unsere Bewegung will.

[ 6 ] Meine lieben Freunde, wenn wir uns so wie heute wiederum begrüßen, da dürfen wir insbesondere die Blicke richten auf das Fruchtbare und Umfassende dieser unserer geistigen Bewegung, und wir dürfen bei einer solchen Begrüßung bedenken, daß es uns ernst sein kann mit dem Glauben: Wie es auch immer geschehen mag — das Wie, das kann ja noch so oder so, je nach den Verhältnissen sich abspielen —, aus der furchtbaren Sackgasse, in welche die Menschheit hineingeraten ist in der Gegenwart, wird sie nicht früher herauskommen, als bis sie sich entschließt, in irgendeiner Weise Anknüpfungspunkte zu suchen für fruchtbares Wirken, fruchtbares Tun innerhalb einer solchen geistigen Bewegung, wie es die unsrige ist. Wir werden ja ganz gewiß nicht in egoistischer Weise darauf bestehen, die Wahrheit gerade nur innerhalb unseres engen, beschränkten Kreises zu haben; aber wir dürfen uns in einem Kreise zusammengehörig wissen, welcher erkennt, daß die Menscheit wegen des Vernachlässigens ihrer Geistessubstanz sich in diese furchtbare Lage der Gegenwart gebracht hat. Wissen können wir uns als solche Menschen, die vereint sind mit jenen Ideen, die einzig und allein hinausführen können aus der Sackgasse, in welche die Menschheit gekommen ist.

[ 7 ] Es ist ja in den Seelen der heutigen Menschen ungemein vieles ungeklärt. Wenn man wiederum da und dort sich hat unterrichten können über die Bedürfnisse, die obwalten nach unserer geistigen Bewegung, so kann man auf der einen Seite sagen: Ja, es sind doch die Seelen derjenigen, die da dürsten nach jenem spirituellen Leben, das wir meinen, der Zahl nach in starker Zunahme begriffen. Die Sehnsucht nach solchem spirituellem Leben, sie hat sich, das darf wohl gesagt werden, ungeheuer vergrößert. Die Aufmerksamkeit, welche entgegengebracht wird unseren Impulsen, sie ist unstreitig in den letzten Jahren auch eine größere geworden, wenigstens auf den Gebieten, die mir in äußerlicher Weise in diesen letzten Jahren und insbesondere in den letzten’ Monaten zugänglich waren. Auch das wird nicht ganz bedeutungslos sein, zu bemerken, daß eine solche Vergrößerung und Verstärkung dieser Sehnsucht der Menschenseelen nach dem spirituellen Leben ganz deutlich vorhanden ist. Allerdings steht dieser Verstärkung und Verschärfung der Sehnsucht nach dem spirituellen Leben das andere gegenüber: jene furchtbare Beirrung, unter welcher der weitaus größte Teil der Menschheit leidet, jene furchtbare Beirrung, welche durch die altüberkommenen Ideen, oder man könnte besser sagen, durch die altüberkommene Ideenlosigkeit innerhalb der Menschheit bewirkt wird, die, man möchte sagen, Bequemlichkeit gegenüber jedem starken, jedem scharfen Gedanken, jene Bequemlichkeit, die einfach herrührt aus der Laxheit, aus der Trägheit, mit der das Gedankenleben seit vielen Jahrzehnten über die Erde hin geführt worden ist. Diese Laxheit, diese Trägheit beirrt die Seelen in dem vorhandenen Sehnen nach dem spirituellen Leben. Auf der einen Seite stecken die Menschen drinnen in einer wirklichen Sehnsucht nach Geistigkeit, nach übersinnlichen, starken Impulsen. Auf der andern Seite werden die Seelen niedergehalten von all jenen alten Mächten, die nicht abtreten mögen vom Schauplatz des Menschenwirkens und die doch sehen könnten aus dem, wie weit sie es gebracht haben, daß sie nicht mehr auf diesen Schauplatz des Menschenwirkens gehören. Man möchte sagen, daß man diesen dunkeln Eindruck, diesen zwiespältigen Eindruck überall hat.

[ 8 ] Ich habe ja unter unseren Mitgliedern an manchen Orten, in Hamburg, in Berlin, in München, vielfach, in Anknüpfung an durch Lichtbilder wiedergegebene Darstellungen, von unserer Gruppe gesprochen, die an der Hauptstelle unseres Baues stehen soll. Man konnte auf der einen Seite sehen, wie tatsächlich mächtige Impulse in die Seelen auch derjenigen hineingehen, die durch die Verhältnisse der letzten Jahre niemals einen Blick werfen konnten auf das, was hier geschieht. Ein neues Menschenverständnis geht schon aus von der Art und Weise, wie das Ahrimanisch-Luziferische mit dem Christlichen zusammen gedacht wird und dargestellt, geoffenbart wird durch unsere Gruppe. Es ergreift die Seelen, wenn das, was durch diese Dinge gegeben wird, an diese Seelen herantritt. Allein, auf der andern Seite zeigen sich überall die hemmenden Einflüsse dessen, was als Überbleibsel des Alten, Verfaulten am sogenannten Kulturleben sich über die Menschheit verbreitet.

[ 9 ] Das hat man ja insbesondere sehen können an der, man darf wahrhaftig im tiefsten Sinne sagen, humoristischen Art, wie den Vorträgen begegnet wurde, die ich im Kunsthause unseres Freundes, des Herrn von Bernus in München gehalten habe, worinnen ich versuchte, die inneren Impulse unserer hier betätigten Kunstanschauung einem größeren Publikum nahezubringen. Ja, Interesse hat das bei den Leuten außerordentlich viel erregt, denn ich habe im Februar und im Mai solche Vorträge in München gehalten, und ich mußte jeden dieser Vorträge zweimal halten; Herr von Bernus aber versicherte mir, es wären so viel Anfragen da, daß ich jeden dieser Vorträge vor einem öffentlichen Publikum, worin ich die Prinzipien meiner Kunstanschauung, wie sie hier in dem Bau zutage treten, dargelegt habe, hätte viermal halten können. Interesse war schon da. Aber da, wo man selbstverständlich unfroh sein würde, wenn Zustimmung vorhanden wäre, bei der Münchner Zeitungskritik, da war, man kann schon sagen, in edelstem Sinne humoristisches Zähnefletschen da. Es war insbesondere humoristisch, weil der innere Groll gegen etwas, was man gar nicht verstehen konnte, sich da so geltend machte: Es war alles solch — nicht gesprochenes, sondern gespieenes Zeug! Verzeihen Sie den harten Ausdruck. Und es zeigte sich gerade an dem Interesse, das der Sache entgegengebracht wurde, worinnen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich aussprach, im Gegensatze zu dem, was aus diesem Kunstmittelpunkte sonst sich zeigte — das ist ja München selbstverständlich, nicht wahr, das ist ja bekannt —, es zeigte sich also, wie in diesem Kunstmittelpunkte sowohl das verständigste als auch das unverständigste Zeug geredet wurde. Gerade an dieser Diskrepanz zeigte sich an einem Beispiel, wie diese zwei Strömungen, von denen ich Ihnen sprach, in der Gegenwart vorhanden sind; wie wir wirklich uns bewußt sein dürfen, in etwas ganz Wesentlichem und Wichtigem drinnenzustehen, das für die Welt, für die Zukunft zu erkämpfen ist.

[ 10 ] Ich sage das alles sicher nicht deshalb, weil ich irgendwie anstreben würde, wenn die Dinge in die Öffentlichkeit treten, wie man sagt, eine «gute Presse» zu bekommen; denn ich würde in dem Augenblicke, wo eine «gute Presse» auftritt, glauben: Da muß selbstverständlich irgend etwas nicht richtig sein, da muß irgend etwas Falsches auf unserer Seite geschehen sein.

[ 11 ] Alle diese Dinge sind ja geeignet, in uns das Bewußtsein hervorzurufen, daß wir gar sehr nötig haben, mit aller Entschiedenheit auf dem Boden unserer Sache zu stehen. Denn nichts könnte uns in schlimmere Verwirrung hineinführen, als wenn wir irgendwelche Kompromisse schließen wollten mit dem, wovon die Außenwelt meint, daß es das Richtige wäre für uns. Nur in den Prinzipien unserer Sache selbst müssen wir dasjenige finden, was uns die Richtung für unser Tun angibt.

[ 12 ] Auch für so etwas, das mehr mittelbar mit unserer Sache zusammenhängt, aber doch innerlich zusammenhängt, auch für die Eurythmie hat sich ja in der letzten Zeit ein immer steigendes Interesse an den verschiedensten Orten gezeigt. Und wenn wir, die wir da waren, uns erinnern, wie zum Beispiel gerade die Eurythmie in einem Orte aufgenommen worden ist, wo sie fast noch gar nicht gesehen worden ist, wo sie zum Teil sogar etwas Neues war für diejenigen, die sie gesehen haben, in Hamburg, so muß man sich wirklich an die Art, wie da die Sache aufgenommen wurde, mit einer tiefen Befriedigung erinnern. Gerade in Hamburg konnte man sehen, wie bedeutungsvoll die Impulse sind, die auch von einer solchen Sache ausgehen können. Und da waren Leute, die eigentlich im Grunde zum erstenmal so recht einen eurythmischen Wurf gesehen haben. Und es wird vielleicht auch für die Eurythmie die Möglichkeit kommen, mit ihr in die Öffentlichkeit einzutreten. Aber gerade dann müssen wir mit solch einer Sache auf dem allerfestesten Boden stehen, nichts anderes tun, als was lediglich aus unserer Sache selbst heraus folgt. Sonst würde sich sehr bald zeigen, daß von einem gewissen Punkte ab niemand glauben darf, daß ich in einer gewissen Sache, wenn es auf mich selbst ankommt, biegsam bin. Die meisten von Ihnen wissen schon, daß ich selbstverständlich überall da, wo es nicht auf etwas Prinzipielles ankommt, sondern wo es darauf ankommt, menschlich zu sein, das Menschliche in den Vordergrund zu stellen, in jeder Weise mit allen Menschen mitgehe aber wo es an die Grenze kommt, daß auch nur im geringsten irgend etwas Prinzipielles verleugnet werden müßte, da würde ich mich nicht als biegsam erweisen. Wenn also in der jetzigen Zeit, wo so vieles an Tänzerei gesehen werden kann — denn überall wird ja getanzt, das ist ja ganz schrecklich, man könnte an jedem Abend, wenn man in einer größeren Stadt wohnt, einen Tanzabend mitmachen, wo überall schaugetanzt wird —, wenn man da glauben würde, und ich sage diese Sache nicht so ohne Begründung, obwohl ich auf nichts Konkretes hinweise, daß, wenn diese unsere Eurythmie jetzt vor die Öffentlichkeit treten würde, wir irgendwie uns binden sollten an eine journalistische Verständnislosigkeit, die irgendwelche Anforderungen stellte, so würde ich mich in der ganz entschiedensten Weise dagegen verwahren. Dasjenige, was Geschmacksrichtung ist, was Geschmackstendenz ist, muß lediglich aus unserer Sache selbst hervorgehen.

[ 13 ] Wir müssen uns manchmal auch erinnern, insbesondere wenn wir uns wieder begrüßen, an das aus dem Willen folgende, notwendige, geradlinige Sich-Bewegen nach Maßgabe unserer spirituellen Impulse. Diese spirituellen Impulse werden ja gegen manches zu kämpfen haben. Man kann heute nicht mehr bloß sagen Vorurteil, denn die Dinge wirken zu stark, als daß man sie mit dem schwachen Wort Vorurteil belegen könnte; diese Impulse, die werden gegen mancherlei zu kämpfen haben. Immer wieder und wiederum muß ja hingewiesen werden auf die große Krankheit unserer Zeit, welche in der Zügellosigkeit gegenüber dem Gedankenleben besteht. Denn das Gedankenleben ist schon ein spirituelles Leben, wenn man es richtig erfaßt. Und weil die Menscheit so wenig sich an das Gedankenleben halten will, findet sie so wenig den Weg in spirituelle Welten hinein. Und ich muß schon von der verschiedensten Seite immer wieder und wieder eines berühren: Man hält heute furchtbar viel von dem bloßen Inhalt der Gedanken. Aber der Inhalt der Gedanken ist an den Gedanken das am allerwenigsten Wichtige. Nicht wahr, ein Weizenkorn ist ein Weizenkorn; es läßt sich nicht bestreiten. Aber mag ein Weizenkorn auch ein Weizenkorn sein: Wenn Sie ein Weizenkorn in einen guten, fruchtbaren Weizenboden hineinsenken, so bekommen Sie eine saftige Weizenähre daraus; wenn Sie ein Weizenkorn in einen ganz unfruchtbaren, steinigen Boden hineinsenken, bekommen Sie entweder gar nichts oder eine sehr korrupte Weizenähre. Jedesmal haben Sie es mit einem Weizenkorn zu tun.

[ 14 ] Sagen wir jetzt etwas anderes statt Weizenkorn. Sagen wir statt Weizenkorn «Idee der freien Menschheit», von der ja heute so viel gesprochen wird; «Idee der freien Menschheit» ist «Idee der freien Menschheit», wird mancher sagen. Das ist geradeso wie: Weizenkorn ist Weizenkorn. Es ist ein Unterschied, ob «Idee der freien Menschheit» in einem Herzen, in einer Seele gedeiht — ganz genau dieselbe Idee mit derselben Begründung —, wo dieses Herz und diese Seele fruchtbarer Boden ist, oder ob die «Idee der freien Menschheit» in Woodrow Wilsons Kopf gedeiht! So wenig wie ein Weizenkorn gedeihen kann, wenn es in einen steinigen Boden oder gar in den Felsen hineingesenkt wird, so bedeuten all die sogenannten schönen Ideen, die in den Programmen Woodrow Wilsons vorkommen, nichts, wenn sie aus diesem Kopfe kommen. Allein dies ist etwas, was der gegenwärtigen Menschheit so unendlich schwer wird einzusehen, weil die gegenwärtige Menschheit eben der Anschauung ist: Man hält sich an den Inhalt von Programmen, an den Inhalt von Ideen. Aber der Inhalt von Programmen, der Inhalt von Ideen, der hat ebensowenig eine Bedeutung, als die Keimkraft eines Weizenkorns eine Bedeutung hat, bevor dieses Weizenkorn in einen gerade für es fruchtbaren Weizenboden gesenkt wird.

[ 15 ] Real denken, das ist dasjenige, was der Menschheit so ungeheuer not tut. Und mit dem Unrealdenken der Gegenwart hängt etwas anderes zusammen, hängt zusammen, daß die Menschheit fast von allen Ereignissen überrascht wird. Man kann schon die Frage aufwerfen: Von was ist denn die Menschheit nicht überrascht worden in den letzten Jahren? — Von allem ist sie überrascht worden, und sie wird weiter noch viel mehr überrascht werden, als sie überrascht ist. Aber die Menschheit läßt sich ja nicht irgendwie auf dasjenige ein, was wirksam ist in der Welt. Daher ist es auch heute unmöglich, für irgendeine Sache die Menschheit zu irgendeiner Voraussicht zu bringen.

[ 16 ] Wenn man mit bloßen Ideen arbeitet, dann kann man von allen Seiten alles durch alles begründen. Wenn man mit dem bloßen Inhalt von Ideen arbeitet, kann man wirklich alles mit allem begründen. Auch das ist etwas, was im Grunde genommen immer mehr und mehr und immer tiefer und tiefer eingesehen werden muß, was aber nicht eingesehen werden will.

[ 17 ] Gewöhnlich, wenn man von solchen Dingen spricht und dann Beispiele anführt, findet man keinen rechten Glauben, weil die Beispiele zu grotesk sich ausnehmen. Aber von solchen Dingen, die in so grotesken Beispielen zutagetreten, ist unser ganzes gegenwärtiges Seelen- und Geistesleben durchschwirrt. Ich weiß, daß gar mancher vielleicht mit Groll zuhört, wenn ich Ihnen eine recht ausgefallene Idee als ein Beispiel anführe. Ich will eine ganz ausgefallene Idee anführen.

[ 18 ] Da ist ein Universitätsprofessor, ein alter, angesehener Universitätsprofessor auf die Tatsache gestoßen, daß Goethe in seinem langen Leben Neigungen gehabt hat für verschiedene Frauen. Darauf ist also ein Universitätsprofessor gestoßen, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Goethes Leben und das Leben der mit ihm zusammenhängenden Geister gründlich zu studieren. Und siehe da, selbstverständlich hat er, trotzdem er nicht gerade ein europäischer Universitätsprofessor ist, es sich zur Aufgabe gemacht, bei diesen Studien so gründlich zu Werke zu gehen, wie sonst in der Regel nur mitteleuropäische Universitätsprofessoren zu Werke gehen: er hat die ganze Galerie der Goetheschen Frauengestalten in ihrem Verhältnis zu Goethe an seiner Seele Revue passieren lassen. Und was hat er herausgefunden? Fast wörtlich kann ich es Ihnen anführen. Er hat herausgefunden: Was man über die jeweilig geliebte Frau in Goethes Leben sagen kann, das ist, daß jede für Goethe eine Art Belgien war, gegenüber welcher er die Neutralität verletzte, und dann darüber geseufzt hat, daß sein Herz blute, indem er über eine leuchtende Unschuld herfallen mußte. Aber er hat auch nicht vergessen, jedesmal wiederum wie der deutsche Kanzler zu behaupten, daß das Gebiet der verletzten Neutralität ein besseres Schicksal verdient haben würde, daß aber er, Goethe, nicht anders gekonnt habe, da seine Bestimmung, die Rechte seines geistigen Lebens ihn verpflichteten, die Geliebte zu opfern, ja den Schmerz seines eigenen Herzens zu opfern auf dem Altar der Pflicht, die er habe gegen sein eigenes unsterbliches Ich.

[ 19 ] Nun, aus diesem Buche könnte ich Ihnen noch manche ausgefallene Idee hier vorlegen. Sie würden sagen: Wozu das? — Aber es hat schon seine guten Gründe, denn derlei Ideen finden Sie heute überallhin über die Erde zerstreut. Sie sind so, die Ideen der heutigen Menschheit. Und nicht umsonst zeigen sich solche Ideen da, wo der Extrakt des menschlichen Denkens in der Literatur auftritt, denn diese Anschauung wird vertreten von Santayana, dem Professor der Harvard-Universität in Amerika, einem sehr angesehenen Spanier, der sich aber ganz amerikanisiert hat, dessen Buch während dieser Menschheitskatastrophe geschrieben worden ist, und dessen französische Ausgabe eingeleitet worden ist von Boutroux, der kurz vor dem Kriege von Heidelberg aus eine große Lobrede über die deutsche Philosophie gehalten hat. Dieses Buch heißt: «L’erreur de la philosophie allemande» und ist wahrhaftig nicht ein Zufallsbuch, sondern es ist ganz charakteristisch für das Denken der Gegenwart, weil ja wirklich mit derselben Leichtigkeit, mit welcher der Professor Santayana die Verletzung der belgischen Neutralität mit den Taten Goethes gegenüber verschiedenen Frauen vergleicht, diese Menschheit das Entferntliegendste zusammenhält. Denn diese Art des Denkens tritt Ihnen, wenn Sie wirklich beobachten können, auf allen Gebieten der sogenannten heutigen Wissenschaft entgegen.

[ 20 ] Es ist ja schon einmal die Aufgabe jener geistigen Impulse, denen unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewidmet ist, gegen drei Grundübel in der gegenwärtigen sogenannten Menschheitskultur anzukämpfen. Sie kann gar nicht anders, als gegen diese drei Grundübel anzukämpfen. Das eine Grundübel zeigt sich auf dem Gebiete des Denkens, das andere auf dem Gebiete des Fühlens, und das dritte auf dem Gebiete des Wollens.

[ 21 ] Auf dem Gebiete des Denkens ist es allmählich dazu gekommen, daß die Menschen nur so denken können, wie dasjenige Denken verläuft, das eng an das physische Gehirn gebunden ist. Aber diesesDenken, das eng an das physische Gehirn gebunden ist, das sich nicht erheben will in freiem Aufschwung zum Spirituellen, das ist unter allen Umständen dazu verurteilt, borniert zu werden, beschränkt zu werden. Und das bedeutungsvollste Kennzeichen, namentlich des gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens, ist die Borniertheit, ist die Beschränktheit. Gewiß, man kann auf dem Felde des Beschränkten, des Bornierten Großartiges leisten. Das tut zum Beispiel die gegenwärtige Naturwissenschaft. Aber zur Naturwissenschaft, wie sie heute gedacht wird, ist ja keine Genialität notwendig. Also: Borniertheit, Beschränktheit, das ist dasjenige, was namentlich auf intellektuellem Gebiete bekämpft werden muß. Ich will heute mehr skizzieren, wir werden diese Dinge genauer besprechen.

[ 22 ] Auf dem Gebiete des Fühlens handelt es sich darum, daß die Menschheit allmählich zu einer gewissen Philistrosität gekommen ist — man kann das nicht anders nennen —, Engherzigkeit, Philistrosität, Eingeschränktheit auf gewisse engumgrenzte Kreise. Das ist ja das hauptsächlichste Kennzeichen des Philisters, daß er sich nicht für große Weltenzusammenhänge interessieren kann. Kirchturmpolitiker sind immer Philister. Das kann natürlich auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft nicht genügen, denn da kann man sich nicht auf die engsten Kreise beschränken. Man muß sich sogar für das Außerirdische, man muß sich für sehr weite Kreise interessieren. Und die Leute ärgert es ja, wenn jemand auch nur vorgibt, für so weite Kreise wie Mond, Sonne, Saturn, etwas wissen zu wollen. Aber die Philistrosität muß schon auf allen Gebieten der Nichtphilistrosität weichen, wenn Geisteswissenschaft durchdringen soll. Das ist manchmal nicht bequem, denn das fordert rückhaltloses Sich-der-Sache-Gegenüberstellen, und ein mehr vorurteilsloses Sich-der-Sache-Gegenüberstellen.

[ 23 ] Da ist ja in der letzten Zeit einmal etwas recht Niedliches gerade auf unserem Boden passiert; aber ich habe vorgebeugt, es ist nichts Schlimmes passiert, es hätte nur etwas passieren können! Ich habe Sie werden sich daran noch aus den vorjährigen Zürcher Vorträgen erinnern — unter den verschiedenen Beispielen, wie aus der Naturwissenschaft selber eine Art Überwindung des Darwinismus herauswachsen kann, auf das ausgezeichnete Buch «Das Werden der Organismen» von Oscar Hertwig hingewiesen. Ich habe hier und sonst überall, wo ich nur Gelegenheit gefunden habe, auf dieses ausgezeichnete Buch hingewiesen. Nun erschien sehr bald nach diesem Buch ein kürzeres Buch, worin derselbe Oscar Hertwig über das soziale, das ethische und das politische Leben spricht, und ich hatte mir schon gedacht: Da kann passieren, daß einzelne unserer Mitglieder, wenn sie gehört haben, daß ich gesagt habe, das Buch von Oscar Hertwig «Das Werden der Organismen » sei ein ausgezeichnetes Buch, nun glauben, daß ich denselben Oscar Hertwig für eine unfehlbare Autorität ansehe. Dieses Buch, das als zweites erschienen ist von Oscar Hertwig, ist ein Buch, das nichts taugt, ein Buch, das herrührt von einem Menschen, der auf dem Gebiete, um das es sich da handelt, auf dem Gebiete des sozialen, des ethischen, des politischen Lebens absolut keinen einzigen ordentlichen Gedanken fassen kann. Ich fürchtete schon, daß einzelne unserer Mitglieder nun hätten finden können, daß auch dieses Buch irgendeinen Wert haben könnte, weil es von demselben Oscar Hertwig herrührt. So mußte ich denn vorbauen und habe auch überall, wo ich bisher die Gelegenheit ergreifen konnte, sie ergriffen, um darauf aufmerksam zu machen, daß ich dieses zweite Buch desselben Verfassers, der ein ausgezeichnetes naturwissenschaftliches Buch geschrieben hat, für ein ganz unfruchtbares, törichtes Zeug halte, von einem Menschen, der gar nicht die Möglichkeit hat, über die Dinge zu reden, über die er da redet. Bequem das eine aus dem andern zu folgern, ohne sich jedesmal den Tatsachen aufs neue vorurteilslos gegenüberzustellen, das läßt unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht zu. Die fordert eben wirklich von den Menschen eine Prüfung der Konkretheit gegenüber jedem einzelnen Falle. Philistrosität ist etwas, was schwinden wird, wenn die Impulse der Geisteswissenschaft sich verbreiten. Das auf dem Gebiete des Fühlens.

[ 24 ] Und auf dem Gebiete des Wollens, da ist es dasjenige, was so ganz besonders in der neueren Zeit im weitesten Sinne die Menschheit ergriffen hat und was ich doch nicht anders benennen kann denn als Ungeschicklichkeit. Dutch das Eingeschränktsein desjenigen, was man lernt auf einem engen Kreis, kann der heutige Mensch in der Regel viel auf einem engen Kreise, und er ist ziemlich ungeschickt in bezug auf alles, was außerhalb dieses Kreises liegt. Man kann heute Männer kennenlernen, die sich keinen Hosenknopf annähen können! Ungeschicklichkeit außerhalb eines engsten Kreises, das ist dasjenige, was auf dem Gebiete des Willens insbesondere verbreitet ist.

[ 25 ] Wer nun nicht mit den bloßen abstrakten Gedanken, sondern mit der ganzen Seele bei dem ist, was man hier Geisteswissenschaft nennt, der wird sehen, daß diese Geisteswissenschaft in die Geschicklichkeit der Hände hineingeht, daß sie den Menschen geschickter macht, daß sie ihn geeignet macht, wirklich wiederum sein Interesse auf weitere Kreise, sein Wollen über eine weitere Welt auszudehnen. Natürlich ist gerade mit Bezug auf die Ungeschicklichkeit Geisteswissenschaft noch zu schwach, aber je stärker wir sie aufnehmen, desto mehr wird sie eine Bekämpferin sein der Ungeschicklichkeit.

[ 26 ] Also das ist es, was beim heutigen Aufnehmen der Geisteswissenschaft, ich möchte sagen, als eine Trinität ihr gegenübersteht: Borniertheit auf intellektuellem Gebiete, Philistrosität, das heißt Engherzigkeit auf dem Fühlensgebiete, Ungeschicklichkeit auf dem Willensgebiete. Und die drei liebt man heute, wenn man auch sich dessen nicht voll bewußt ist. Nichts wird heute mehr geliebt in der ganzen Welt als Ungeschicklichkeit, Philistrosität und Borniertheit. Und indem man diese drei liebt, wird man nicht leicht vordringen können zu den großen Aspekten, zu denen die Menschheit vordringen muß: zu den Aspekten, die sich an die Benennungen Ahriman und Luzifer anknüpfen. Und gerade hier ist etwas Wichtiges zu begreifen in unserer Zeit, denn in unserer Zeit ist unter mannigfaltigen andern Dingen auch ein sehr wichtiger Übergang vom Luziferischen zum Ahrimanischen. Und da sich dieser Übergang nicht bloß sonstwo, sondern auch schon durchaus hier in der Schweiz zeigt, so kann man ja auch hier davon sprechen. Auf diesem Gebiet hat vielleicht hier das erste gerade durch schweizerische Gepflogenheiten weniger Bedeutung erlangt, aber das zweite, das hat alle Aussicht, gerade auf diesem Boden mehr Bedeutung zu erlangen. Die Menschheit ist nämlich in bezug auf gewisse Dinge in einem Übergang von luziferischen zu ahrimanischen Untugenden, von luziferischen Kontraimpulsen in bezug auf die Entwickelung der Menschheit zu ahrimanischen Kontraimpulsen.

[ 27 ] Durchaus luziferisch geartet waren gewisse Impulse, die man in der früheren Zeit im Erziehungswesen geltend machte. Man rechnete im Erziehungswesen — wir alle, als wir jung waren, mit Ausnahme der Jüngsten unter uns, wissen ja das sehr genau — mit dem Ehrgeiz, mit der Eitelkeit. Also man rechnete — vielleicht hier in der Schweiz weniger, aber sonst ziemlich viel in der Welt — mit dem Ehrgeiz und der Eitelkeit, mit Ordenswesen, Titelwesen und so weiter, nicht wahr! Die ganze Laufbahn mancher Menschen war aufgebaut auf diesen luziferischen Impulsen der Eitelkeit, des Ehrgeizes, des Mehr-Geltens als ein anderer Mensch und so weiter. Versuchen Sie zurückzudenken, wie das Erziehungswesen schon aufgebaut war auf diesen luziferischen Impulsen.

[ 28 ] In der Gegenwart strebt man danach, an die Stelle dieser luziferischen Impulse ahrimanische zu setzen. Sie hüllen sich heute in das niedliche Wort «Begabtenprüfungen». Das will auf ahrimanischem Gebiete, was das Pochen auf den Ehrgeiz und die Eitelkeit schon bei dem Kinde auf luziferischem Gebiete war. Man strebt heute danach, die Begabtesten herauszufinden, diejenigen, die schon ohnedies in den Klassen am meisten können; aus denen sollen wiederum einzelne herausgezogen werden. Dann stellt man mit diesen Begabtenprüfungen an, Prüfungen des Intellekts, Prüfungen des Gedächtnisses, Prüfungen der Auflassungsgabe und so weiter. Und das ist etwas, wofür die Verfassung des Schweizer Gemütes sehr viel Veranlagung hat. Und wenn auch das Luziferische hier weniger eine Rolle spielte, dieses Ahrimanische, das zeigt sich schon in sehr niedlichen Keimen: Verständnis für diese Begabtenprüfungen. Denn diese Begabtenprüfungen gehen ja aus von der Intelligenz, von der Wissenschaft, von der gegenwärtigen Gelehrtenpsychologie. Da setzt man sich hin, nicht wahr, diejenigen, deren Begabung man prüfen will, man schreibt ihnen auf: Mörder — Spiegel — Opfer des Mörders.

[ 29 ] Nun sitzen sie da, die armen Lämmer, vor den drei Worten Mörder, Spiegel, Opfer des Mörders und sollen Verbindungsglieder suchen. Das eine Kind findet: Der Mörder schleicht sich an sein Opfer heran, aber das Opfer hat einen Spiegel, und in dem spiegelt sich gerade der Mörder, und da kann sich das Opfer noch retten. — Das ist das erste Kind. Seine Auffassungsgabe geht dahin, die drei Worte so zu verbinden.

[ 30 ] Jetzt kommt ein anderes: Ein Mörder. schleicht sich an sein Opfer heran, sieht sich in einem Spiegel; da kommt ihm sein Gesicht vor wie jemand, der kein gutes Gewissen hat, und der Mörder läßt ab von seinem Opfer, weil er sein Gesicht im Spiegel sieht. — Das ist das zweite Kind.

[ 31 ] Das dritte Kind macht eine andere Kombination: Ein Mörder schleicht heran. Dieser Mörder findet einen Spiegel. Er stößt sich an dem Spiegel; der Spiegel fällt herunter, macht einen furchtbaren Lärm, poltert. Das Opfer des Mörders wird auf das Gepolter aufmerksam und kann zur rechten Zeit sich rüsten gegen den Mörder.

[ 32 ] Das letzte Kind ist das Begabteste! Das erste hat nur das Allernächste an Ideenkombinationen gefunden, das zweite eine naheliegende moralische Sache, das dritte Kind hat aber eine sehr komplizierte Ideenverbindung gefunden. Das ist das Begabteste! Nun ja, es ist schon so ähnlich. Man muß ja natürlich alles, wenn man es kurz darstellen will, ein bißchen in seiner eigenartigen Wesenheit darstellen. Aber so will man in der nächsten Zeit die Begabung der Kinder prüfen, damit man die Begabtesten herausbekomme.

[ 33 ] Das eine ist sicher: Wenn diejenigen Menschen, die diese Methoden erfinden, nachdenken würden, wer die Großen sind, die sie verehren, so Helmholtz, Newton und so weiter, so müßten sie sagen, die wären bei diesen Begabtenprüfungen alle, durch die Bank, als die unbegabtesten Kerlchen angesehen worden! — Es wäre nichts herausgekommen. Denn Helmholtz, der heute bei den Leuten, die da die Begabtenprüfungen machen, ganz gewiß als ein großer Physiker angesehen wird, hatte einen Wasserkopf und war sehr unbegabt in seiner Jugend.

[ 34 ] Was will man denn da prüfen? Den bloßen äußeren Organismus, lediglich dasjenige, was als physisches Werkzeug des Menschen in Betracht kommt, das rein Ahrimanische der Menschennatur! Werden jemals die Früchte dieser Begabtenprüfungen in der Menschheit irgend etwas bedeuten, dann werden noch greulichere Gedankengebilde heraufkommen, als diejenigen sind, die zu der gegenwärtigen Menschheitskatastrophe geführt haben. Allein, wenn man heute den Menschen spricht von dem, was vielleicht erst in hundert Jahren zu katastrophalen Ereignissen führen kann, so interessiert das ja die Menschen nicht. Aber wir leben jetzt in diesem Übergang von luziferischem Erziehungssystem zum ahrimanischen Erziehungssystem, und wir müssen zu denen gehören, die solche Sachen ins Auge zu fassen verstehen.

[ 35 ] Dasjenige, was wirksame Kraft für die Zukunft ist, müssen die Menschen umsetzen in Kräfte der Gegenwart. Denn das ist es, was heute von uns gefordert wird: Gefordert wird echtes, wahres, unbefangenes Sich-Gegenüberstellen dem, was konkrete, unmittelbare Wirklichkeit ist.

[ 36 ] Darinnen kann man ja sehr sonderbare Erfahrungen machen. Ich weiß nicht, ob ich hier eine Erfahrung schon erwähnt habe, die ganz interessant ist. Es gibt Schriften von Woodrow Wilson, eine Schrift über die Freiheit, eine andere Schrift heißt «Nur Literatur», die viel bewundert worden sind, auch heute noch von vielen sehr bewundert werden. In der einen Schrift, die «Nur Literatur» heißt, ist ein interessanter Essay wiedergegeben, den Woodrow Wilson über die historische Entwickelung von Amerika geschrieben hat. Auch sonst sind interessante Essays von Woodrow Wilson wiedergegeben mit weiten historischen Gesichtspunkten. Als ich diese Schriften las, machte ich eine interessante Erfahrung. In diesen Schriften finden sich einzelne Sätze, die mir ungemein bekannt schienen, und die doch ganz gewiß nicht von irgend etwas abgeschrieben waren; sie schienen mir aber doch außerordentlich bekannt. Und ich kam sehr bald darauf, daß diese Sätze, die da bei Woodrow Wilson stehen, ebensogut bei Herman Grimm stehen könnten, ja, daß mancher dieser Sätze sogar wörtlich bei Herman Grimm steht. Herman Grimm liebe ich; Woodrow Wilson, das wissen Sie ja wohl, liebe ich nicht gerade. Aber ich kann deshalb doch nicht die objektive Tatsache verschweigen, daß in bezug auf den Inhalt der Sätze man Sätze von Herman Grimm in Vorträgen, Aufsätzen einfach herübernehmen und hineinstellen könnte in Wilsons Aufsätze, und umgekehrt Sätze von Wilson in Werke von Herman Grimm herübernehmen könnte. Da sagen zwei dem einfachen, gewöhnlichen Wortlaute nach eines und dasselbe. Aber in der Gegenwart muß man lernen: Wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht dasselbe! Denn es liegt die interessante Tatsache vor: Herman Grimms Sätze sind persönlich erkämpft, sind errungen, Schritt für Schritt von der Seele errungen. Woodrow Wilsons ganz gleichlautende Sätze rühren von einer eigentümlichen Besessenheit her. Von einem unterbewußten Ich ist der Mann besessen, das diese Sätze herauftreibt in das bewußte Leben.

[ 37 ] Wer solche Dinge beurteilen kann, der kommt darauf, daß es sich hier darum handelt: Weizenkorn ist Weizenkorn; aber es ist ein Unterschied, ob das Weizenkorn in diesen Boden oder in jenen Boden gesenkt wird. Es ist ein Unterschied, ob jemand eine Idee so sehr als die seinige hat, daß er sie Stück für Stück auf seinem eigenen, persönlichsten Wege erkämpft hat, oder ob jemand diese Idee dadurch hat, daß ein Unterbewußtes ihn von sich, von diesem Unterbewußten, besessen gemacht hat: da tönt alles aus einem besessenen Unterbewußten heraus, aus einem Bewußtsein, das vom Unterbewußten besessen ist. Also es kommt heute schon darauf an, zu verstehen: Auf den Inhalt der Gedanken, auf den Inhalt von Programmen kommt es nicht an, sondern auf das lebendige Leben kommt es an, das die Menschheit lebt.

[ 38 ] Man kann materialistische Philosophie lehren, man kann bloße Gedankenphilosophie lehren, man kann bloße materialistische Naturwissenschaft lehren, man kann mit bloß materialistischer Naturwissenschaft ein ausgezeichneter europäischer Gelehrter sein, eine Zierde der Universität sein und daneben ein braver Staatsbürger: es ist ja der Typus nicht so selten, nicht wahr? Sie sind ja überall zu finden, die Zierden und Leuchten der Wissenschaft, die zu gleicher Zeit ganz tadellose, brave Staatsbürger sind! Das kann man ja ganz gut sein. Aber nehmen Sie irgendeine bestimmt geartete Idee, etwa den Kampf ums Dasein, um eine triviale Idee zu nennen, oder eine Idee, wie sie selbst zahmere Leute wie Oscar Hertwig vertreten, oder Ideen, wie sie Spencer oder Mill oder Boutroux und Bergson vertreten, die eben durchaus nicht zu spirituellem Leben vordringen wollen, sondern bei bloßen Gedankenphilosophien bleiben — aber noch mehr: Nehmen Sie das, was materialistische naturwissenschaftliche Ideen sind, nehmen Sie diese Ideen —, gewiß, sie können wachsen im Gehirn von braven Staatsbürgern; schön, aber Weizenkorn ist Weizenkorn, doch es ist ein Unterschied, ob ein Weizenkorn in weizenfruchtbarem Boden wächst oder in felsigem Boden, und es ist ein Unterschied, ob dieselbe naturwissenschaftliche Idee, die in Europa als eine Zierde der Naturwissenschaft errungen werden kann und an den Universitäten gilt, in den Gehirnen der Universitätslehrer wächst, oder ob sie wächst in dem Gehirn eines Menschen, der einen Bruder hat, welcher schon als junger Mann, am Ende der achtziger Jahre, als eine Leuchte der Wissenschaft in einem Petersburger Laboratorium gilt, der voller fruchtbarer chemischer Ideen ist, mit einer besonderen Medaille ausgezeichnet, von allen, die mit ihm gearbeitet haben, als junger Mann schon hochverehrt wird — und dieser Bruder ist plötzlich nicht mehr da! Eben noch von der Universitätsbehörde ausgezeichnet, plötzlich nicht mehr da! Auf allen möglichen Umwegen sollen dann seine Kollegen erfahren haben, daß er mittlerweile gehenkt worden ist, weil er an Verschwörungen teilgenommen hatte gegen Alexander III., den Reaktionär. Solche Tatsachen beleuchten die Dinge, die in der Gegenwart spielen, als Lichtblitze. Es ist nun ein Unterschied, ob dieselbe Idee in das Gehirn eines braven westeuropäischen Universitätsprofessors fällt oder in das Gehirn des Bruders dieses unter solchen Voraussetzungen Gehenkten. Wenn sie in das Gehirn dieses Bruders fällt, dann verwandelt sich dieser Bruder in einen Lenin — denn der Bruder dieses Gehenkten ist Lenin —, und dann wird dieselbe Idee zur Triebkraft von alledem,was Sie jetzt im Osten Europas aufgehen sehen.

[ 39 ] Idee ist Idee, wie Weizenkorn Weizenkorn ist, aber man muß erkennen, ob etwas dieselbe Idee ist und nun auftritt, je nachdem, in dem Gehirn des Universitätsprofessors oder in dem Gehirn des Bruders des dazumal Gehenkten. Man muß den Willen haben, hineinzuschauen in diejenigen Untergründe des Daseins, wo die wirklichen Impulse des Geschehens liegen. Und man muß den Mut haben, abzulehnen all das Phrasenzeug von Programmen und Ideen von Wissenschaftern, die da glauben, wenn sie dies oder jenes vertreten, so komme etwas darauf an. Vertreten kann man dem Inhalte nach dies oder jenes; doch darauf kommt es an, in welchem Gebiete des lebendigen Lebens dieses also Vertretene ist, so wie es darauf ankommt, in welches Gebiet das Weizenkorn fällt, ob in einen fruchtbaren Boden oder in einen unfruchtbaren Boden. Den Weg von der Abstraktion, die unter den heutigen ernsten Verhältnissen überall zur Illusion oder zum Chaos führt, zu der Wirklichkeit, die einzig und allein in der Spiritualität gefunden werden kann, diesen Weg muß auf allen Gebieten die Menschheit suchen. Und wenn es noch so lange dauert: Auf diesem Wege allein kann die Menschheit das Heil und den Segen aus der gegenwärtigen Verwirrung heraus finden.

[ 40 ] Das ist es, was wir uns ins Herz schreiben sollten, worinnen wir uns zusammenfinden sollen. Das ist es, womit wir uns in einer ernsten Begrüßung begrüßen sollten: in diesem Wissen, dazuzugehören zu dem, was die Gebrechen der Menschheit heilen muß. Sie sind heilbar, aber sie dürfen nicht mit Quacksalbereien geheilt werden wollen. Sie müssen geheilt werden mit demjenigen, durch dessen Mangel die Menschheit gerade in das Chaos hineingekommen ist.

[ 41 ] Niemals hätte im Osten der Leninismus Platz greifen können, wenn nicht im Westen die materialistische Wissenschaft, die manchmal gar nicht sich materialistisch glaubt, gelehrt worden wäre. Denn was im Osten gemacht wird, ist direkt ein Kind der materialistischen Wissenschaft. Ein Wechselbalg ist durch Karl Marx entstanden. Das wirkliche Kind der materialistischen Wissenschaft ist schon im Osten vorhanden. Aber man muß den Willen haben, in alle diese Dinge wirklich hineinzuschauen.

[ 42 ] Das, meine lieben Freunde, ist gewissermaßen der Hintergrund, auf dem sich nun, ich möchte sagen, abhebt unser Bau. Und einzelne Menschen hier bei diesem Bau, sie arbeiten, denken an den Bau wahrhaftig recht abseits von den Ideen, die auf so vielen Territorien heute die Menschheit bewegen. Man kann sich gut denken, daß da draußen auf den andern Territorien viele Menschen sind, die da finden, daß hier Menschen leben, die sich absondern von dem, was heute die Welt bewegt und, wie die Menschen glauben, auch bewegen sollte. Man könnte sich das denken, daß die Leute vorwurfsvoll an diesen Ort hinsehen. Diejenigen, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele bei diesem Bau sind, brauchen sich aus diesem Vorwurf nichts zu machen. Denn, möge dieser Bau vielleicht gar nicht seine Aufgabe erfüllen, möge dieser Bau gar nicht sein Ziel erreichen: was an diesem Bau aber arbeitet und was von denen aus gearbeitet wird, die an diesem Bau mit Hingabe arbeiten, das ist dasjenige, was das Allerwichtigste ist in der Gegenwart, das ist dasjenige, was die gegenwärtige Menschheit herausführen muß aus alldem, in das sie hineingekommen ist. Und wenn die Menschen draußen etwa glauben: Hier arbeiten Leute abseits von den Aufgaben der gegenwärtigen Menschheit —, so muß man diesen Leuten sagen können: Hier wird gerade gearbeitet für das Allerwichtigste, für das Allerwesentlichste in der Gegenwart, das nur die andern nicht kennen, wovon die andern noch nichts wissen. Aber davon wird es gerade abhängen, daß die Menschheit werde etwas wissen wollen von dem, was hier geschieht.

[ 43 ] Noch einmal sei es betont: Nicht darauf kommt es an, ob dieser Bau sein Ziel erreicht — obgleich es gut wäre, wenn er sein Ziel erreichen würde —, sondern darauf kommt es an, daß aus gewissen Ideen heraus an diesem Bau gearbeitet worden ist, daß sich Menschen gefunden haben für das Arbeiten an diesem Bau. Und nicht der Inhalt dieser Ideen, sondern die Art, wie diese Ideen leben, das ist dasjenige, was die Menschheitsimpulse für die Zukunft sind, während das, woran heute viele glauben, nichts anderes ist als die zum Grabe sich neigenden, in die Auflösung übergehenden, für die Auflösung auch reifen Ideen der Vorzeit. Davon wollen wir dann morgen weiter reden.