Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben
Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit
GA 184
21 September 1918, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Ich habe Sie in den Vorträgen der vorigen Woche darauf hingewiesen, wie versucht werden muß mit Hilfe der Wissenschaft der Initiation von der scheinbaren Wirklichkeit, die uns eigentlich fortwährend umgibt, vorzudringen zu der wahren Wirklichkeit. Und ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß jenes Streben, welches den meisten Menschen sympathisch ist, das Streben nach einer einheitlichen verstandesmäßigen Welttheorie, gerade abzieht von der Wirklichkeit, daß es gerade hineinführt in die Täuschung gegenüber der Wirklichkeit, daß man vielmehr anstreben müsse, zwei Strömungen der Wirklichkeit zu unterscheiden, insbesondere auch in bezug auf die Menschenerkenntnis, um dann lebendig dasjenige, was man von jeder dieser beiden Strömungen wissen kann, mit dem andern zu verbinden. Rekapitulieren wir uns noch einmal kurz, was wir ausgeführt haben mit Bezug auf diese zwei Strömungen in der Menschenerkenntnis, und versuchen wir dann, uns die nötigen Anforderungen einer Wirklichkeitsanschauung auf dieser Grundlage zu verschaffen. Ich sagte Ihnen: Das Menschenleben verläuft eigentlich so, daß der Mensch erst in der zweiten Lebenshälfte begreifen kann, was er in der ersten Lebenshälfte denkend, überhaupt seelisch durchmacht — und ich sagte: Wirksam ist in uns vernünftiges Wesen in den ersten sieben Lebensjahren, von der Geburt bis zum Zahnwechsel, Vernünftiges waltet in uns, aber dasjenige, was da als Vernünftiges waltet, und auch dasjenige, was wir schon in diesen ersten Lebensjahren lernend aufnehmen, wir begreifen es noch nicht durch unsere eigenen Menschenkräfte, wenn wir die eine Strömung nur ins Auge fassen, von der wir zu reden haben. Wäre der Mensch lediglich auf sich als Mensch, als Erdenmensch angewiesen, er würde erst im hohen Lebensalter, Ende der Fünfzigerjahre und Anfang der Sechzigerjahre, begreifen können, was er als Kind bis zum Zahnwechsel denkt, fühlt und will. Also man wird erst im höchsten Alter gewissermaßen zur Selbsterkenntnis mit Bezug auf sein inneres Kindheitsleben reif. Die Kräfte im Menschen, die erfassen können, was man in dem ersten Kindheitsalter innerlich vernünftig durchlebt, die werden eben erst so spät in dem menschlichen Leben geboren.
[ 2 ] Dann haben wir eine zweite Lebensepoche, die vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife dauert. Denken Sie nur — wir haben es dargestellt in dem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» —, was da der Mensch vorstellend, fühlend, wollend durchmacht bis zur Geschlechtsreife. Durch eigene menschliche Kräfte, durch menschliche Erdenkräfte würde der Mensch erst Ende der Vierzigerjahre, Anfang der Fünfzigerjahre begreifen können, was er da durchlebt.
[ 3 ] Und wiederum, was wir durchleben von der Geschlechtsteife bis in die Zwanzigerjahre hinein: erst in den letzten Dreißigerjahren, Anfang der Vierzigerjahre würden wir es durch die eigenen menschlichen Kräfte begreifen. Was wir ausdenken, meinetwillen auch an Idealen ausbilden, die Tragweite davon, den Lebenswert, wir würden ihn erst erfassen, wenn wir nur auf unsere menschlichen Lebenskräfte angewiesen wären, in den Dreißigerjahren. Nur dasjenige, was wir vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre etwa erleben, das steht für sich, das können wir ungefähr begreifen. Dieses mittlere Glied des menschlichen Lebenslaufes, das hat ein gewisses Gleichgewicht, da können wir ausdenken und begreifen zu gleicher Zeit; in den andern Lebensaltern nicht.
[ 4 ] Sie bekommen einen Begriff von menschlicher Entwickelung in einem Lebenslauf, wenn Sie das, was wir so angeführt haben, durchdenken; wie der Mensch in der Zeit als Erdenmensch sich entwickelt, davon bekommen Sie eine Vorstellung. Selbsterkenntnis, insofern wir an die Zeit gebunden sind, wäre eigentlich nur in dieser Weise möglich, daß wir immer warteten, bis das entsprechende Lebensalter eintritt, um dasjenige zu begreifen, was wir in einem andern, früheren Lebensalter denken. Das ganze menschliche Leben gehört zusammen. Wir würden als Persönlichkeit, wenn wir nur Erdenmensch in der Zeit wären, gar nicht von uns etwas Schlagkräftiges wissen, wenn wir nicht im Alter zurückschauten auf dasjenige, was sich in der Jugend in uns heranentwickelt hat.
[ 5 ] Dies ist die eine Seite des Menschen, die eine Strömung des Menschenlebens. Mit Bezug auf diese Strömung ist der Mensch ganz und gar der Zeit unterworfen, mit Bezug auf diese Strömung kann er einfach nichts machen, als warten, bis die Zeit der Reife da ist. Aber ich habe Sie schon aufmerksam darauf gemacht: So, wie wir es durchleben im Majadasein, nimmt sich das menschliche Leben ja nicht aus; so nimmt sich das menschliche Leben aus, wenn wir es in der Zeit sich abspielend betrachten. Dennoch ist das, was man so ausführt über den zeitlichen Verlauf des Menschenlebens, die wahre Wirklichkeit. Denn mit demjenigen, was wir sonst erleben zwischen Geburt und Tod, ich sagte Ihnen, mit dem kann man zur Not, wenn man oberflächlich bleiben will, leben, aber man kann damit nicht sterben. Denn alles dasjenige, was man sonst weiß, was man lernt dadurch, daß es uns andere beibringen, was man lernt dadurch, daß es sich die Menschheit im Lauf der Geschichte angeschafft hat, kurz, was man als zeitlicher Mensch auf eine andere Weise lernt, als daß man im Alter auf die Jugend zurückblickt, das vergeht im Tode, das tragen wir von der einen Strömung zunächst nicht durch des Todes Pforte durch. Nur das, was wir uns so erworben haben, daß es dieser Entsprechung gemäß ist, das tragen wir durch die Todespforte durch. Glauben Sie auch nicht, daß Sie das gar nicht tun, was ich damit kennzeichne! Derjenige von Ihnen, der in ein späteres Lebensalter gekommen ist, sieht schon selber in seinem Unterbewußten auf die früheren Lebensalter zurück. Es spielt sich das schon ab, wenn es sich auch im Unterbewußten abspielt, was ich so charakterisiert habe. Und Sie würden nichts von dem äußeren zeitlichen Leben durch die Todespforte tragen, wenn es sich nicht so abspielte. Im Zeitalter des Materialismus beachten das ja allerdings die Menschen nicht, aber alles dasjenige, was den Menschen das Zeitalter des Materialismus beibringen kann, kann ja nicht mitgenommen werden durch die Todespforte hindurch. Für die Welt hat nur das Bedeutung, was Sie in diesem Sinne durchmachen, daß Sie im Alter begreifen, was in der Jugend sich abgespielt hat in Ihrem ganzen Menschen. Das ist die eine Strömung.
[ 6 ] Die andere Strömung ist aber dadurch herbeigeführt, daß der Mensch nicht bloß ein leiblich-seelisches Wesen ist. Als leiblich-seelisches Wesen verläuft sein Dasein so in der Zeit, wie wir es jetzt wieder dargestellt haben. Aber der Mensch ist auch ein geistig-seelisches Wesen. Und durch dieses geistig-seelische Wesen ist er nicht bloß im Reiche der Zeit, wie wir es eben charakterisiert haben, sondern er ist als geistig-seelisches Wesen im Reiche der Dauer. Da ist er allerdings auch wiederum etwas ganz anderes — wir haben es ja dargestellt —, als es ihm erscheint. Da macht er keine Entwickelung durch, da ist er dasselbe Wesen von der Geburt bis zum Tode. Aber sein Denken, Fühlen und Wollen ist etwas ganz anderes, als was es ihm selber erscheint. Sein Denken und auch ein Teil seines Fühlens ist ein Sich-Versetzen in kosmische Regionen, wo Götterkampf stattfindet, wie ich es Ihnen dargestellt habe vor acht Tagen, und wiederum ist das Wollen und ein Teil des Fühlens das Sich-Versetzen in eine andere Region des Kosmos, wo Götterkampf stattfindet. Sinnen, sagte ich Ihnen, heißt, sich in eine gewisse Region der Geistigkeit versetzen und teilnehmen an gewissen Kämpfen der einen Geistesart gegen die andere; ebenso heißt Wollen teilnehmen an gewissen Kämpfen, wenn auch in dem einen oder in dem andern Fall diese Kämpfe zur Ruhe gekommen sind. Es ist eine tiefe Wahrheit, was Sie dargestellt finden in der «Pforte der Einweihung», daß, während sich in uns geistig-seelische Vorgänge abspielen, große kosmische Dinge geschehen.
[ 7 ] Ebenso wie der Mensch nichts ahnen will im Zeitalter des Materialismus von seinem Leiblich-Seelischen, das in der Zeit verläuft, so will der Mensch nichts wissen von diesem Geistig-Seelischen, das im Reich der Dauer spielt, das aber ganz anders aussieht als sein Denken, Fühlen, Wollen im gewöhnlichen Leben, und das sich, wenn man es wirklich betrachtet, abspielt als Geisteskämpfe. So paradox es für den materialistisch denkenden Menschen klingt: Wenn Sie einen Gedanken fassen, ist es etwas ganz anderes als dasjenige, als was Sie es selber in der Maja ansehen. Nehmen wir nur an, Sie fassen einen Gedanken, sagen wir wie einen derjenigen, die wir gestern erwähnt haben: Sie fassen den Gedanken an den Raum. In dem Augenblick, wo Sie an den Raum denken — auch nur in der Abstraktheit, wie die Gegenwart an den Raum denkt —, in dem Augenblicke, wo Ihr Geist sich mit dem Raumgedanken erfüllt, stecken Sie mit Ihrer Seele in einer geistigen Region drinnen, wo Ahriman einen mächtigen Kampf kämpft gegen andersgeartete Hierarchien. Und Sie könnten den Gedanken an den Raum nicht haben, ohne daß Sie lebten in einer Region, wo Ahriman gegen andere Hierarchien kämpft. Und wenn Sie ein Wollen entfalten, wenn Sie zum Beispiel sagen: Ich will spazierengehen! — selbst wenn es ein so unbedeutendes Wollen ist, sobald Sie dieses Wollen in die Tat umsetzen, stecken Sie geistig in einer Region drinnen, wo die luziferischen Geister kämpfen gegen Geister anderer Hierarchien. Das Weltengeschehen ist eben, vom Gesichtspunkte der Wissenschaft der Initiation betrachtet, etwas wesentlich anderes als der schattenhafte Abglanz, den wir von ihm wahrnehmen, indem wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in der Maja leben. Denn dasjenige, was wir als Maja so wahrnehmen, das ist nichts anderes als ein Etwas, das sich vergleichen läßt mit dem Wellenkräuseln an der Oberfläche des Meeres. Ich habe Ihnen gestern das Bild dargestellt: Das Wellenkräuseln an der Oberfläche des Meeres, es ist eigentlich im Grunde genommen etwas, was nicht da wäre, wenn nicht unter ihm das Meer wäre, über ihm die Luft. Die Kräfte, welche dieses Wellenkräuseln hervor rufen, sind innerhalb des Meeres, sind in der Luft, und das Wellenkräuseln ist nur das Abbild desjenigen, was an Kräften von oben und unten zusammenschlägt. So ist unser Leben in der Maja zwischen Geburt und Tod nichts anderes, als was zusammenschlägt aus diesen Geisterkämpfen, die sich in Wahrheit, wenn wir denken, fühlen oder wollen, im Reiche der Dauer abspielen, und aus jenem Entwickelungsverlaufe in der Zeit, der sich so abspielt, daß wir erst im späten Alter dasjenige erfassen, was wir in der Jugend ausdenken. Unser Leben ist im Grunde ein Nichts, wenn wir es nicht aus dem Zusammenfluß und Zusammenschluß dieser beiden wahren Wirklichkeiten betrachten. Hinter unserem Leben sind diese beiden wahren Wirklichkeiten.
[ 8 ] Nun ist nicht nur hinter unserem Leben auf der einen Seite der zeitliche Verlauf, der uns nötigen würde, zu warten und zu warten, um etwas zu begreifen, was wir vorher erdacht haben, und sind nicht nur die Vorgänge in der Dauer, die sich abspielen unser ganzes Leben hindurch in gleicher Weise zwischen Geburt und Tod, sondern wir selbst stehen drinnen in dieser Wirklichkeit, und unser Drinnenstehen erscheint uns auch nur in seinem Abbilde. Unser ganzes Verhältnis zur Welt erscheint uns nur in seinem Abbilde. Die Wahrheit erkennen, erfordert immer, daß man sich erkrafte, sie zu erkennen; sie kommt nicht zu uns, wenn wir bloß passiv bleiben wollen. Die Wahrheit erkennen, heißt, sich stehend erkennen in den beiden Strömungen, die ich angedeutet habe: im Reiche der Zeit und im Reiche der Dauer. Und indem wir drinnenstehen in diesen beiden Reichen und sich auch mit uns ein Leben abspielt, das gegenüber den wahren Kräften keine andere Bedeutung hat als das Meeresgekräusel gegenüber den Stürmen der Luft und gegenüber dem auf und ab wogenden Flusse unten, verbringen wir unser Leben zwischen Tod und Geburt, und dann auch wieder zwischen Geburt und Tod. Die Kräfte und Mächte machen sich mit uns zu tun, während wir das Leben so verbringen. Denn immer sind mächtige Kräfte da, welche auf der einen Seite sich Mühe geben, uns dem gewöhnlichen Erdenleben, wie es in der Maja verläuft, zu entreißen; aber ebenso sind andere Kräfte da, welche sich alle Mühe geben, uns dem Reiche der Dauer zu entreißen.
[ 9 ] Auf der einen Seite — halten wir das gut fest — haben wir unseren zeitlichen Lebensverlauf, wo wir im Begreifen erst spät reif werden für das, was sich mit uns in der Zukunft abspielt. Es gibt Kräfte und Mächte, welche uns beschränken wollten auf das, was wir soalsMensch sind, welche uns als Menschen so gestalten möchten, daß sich dies mit uns abspielt. Das heißt also: Es gibt Kräfte und Mächte, welche wollen, daß unser Leben wirklich so verläuft, auch in der Maja, auch im Erdenverlaufe so verläuft, daß wir als Kind dies oder jenes erleben, aber nichts davon begreifen, gleichsam ein Schlafesleben führen bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahre, dann anfangen, das Gleichzeitige an uns etwas zu begreifen, und dann, wenn wir über das fünfunddreißigste Jahr hinaus sind, anfangen, das Frühere zu begreifen. Es gibt Kräfte und Mächte, welche uns zu einem bloß zeitlichen Menschen machen möchten, zu einem Menschen, der die erste Hälfte seines Lebens mehr oder weniger ein Pflanzen-, ein Schlafesleben führt, und in der zweiten Hälfte seines Lebens rückschauend begreift, was sich während dieses Schlafes abgespielt hat. Kräfte und Mächte gibt es, welche den Menschen in der ersten Hälfte seines Lebens zum 'Träumer, in der zweiten Hälfte seines Lebens zu einem Wesen machen möchten, das sich dieser Träume erinnert und dadurch erst in der zweiten Hälfte seines Lebens zum Selbstbewußtsein komme. Praktisch würde sich, wenn diese Kräfte und Mächte allein auf uns wirken könnten, das so ausnehmen, daß wir eigentlich erst in dem Anfang der Dreißigerjahre, oder höchstens im achtundzwanzigsten Lebensjahre, seelisch geboren werden. Vorher würden wir wie schlaftrunken auf der Erde herumgehen.
[ 10 ] Wenn das so wäre, wie diese Wesen wollen, würden wir losgerissen werden von unserer ganzen kosmischen Vergangenheit. Unser jetziges Dasein beruht ja darauf, daß wir in dem Sinne, wie ich es in der «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt habe, eine kosmische Vergangenheit durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit durchgemacht haben. Während dieses Durchgangs durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit haben Wesen der höheren Hierarchien — die ein besonderes Interesse haben, daß im Kosmos Menschen entstehen —, Wesen, welche die Schöpfer der Menschheit sind, uns entwickelt und in das Erdendasein hereingestellt. Im Erdendasein sind wir nun nach der einen Strömung solche Menschen, wie wir es da geschildert haben. Die Kräfte und Mächte sind da, die uns nur als solche Erdenmenschen gestalten wollten. Würden sie siegen, dann würden sie uns losreißen von unserer Saturn-, Sonnen- und Mondenvergangenheit. Sie würden uns im Erdenleben konservieren, sie würden uns nur zu Erdenmenschen machen. Das streben gewisse Mächte an. Es sind die ahrimanischen Mächte. Ahriman strebt an, uns zu bloßen Zeitenmenschen zu machen, strebt an, unser Erdenleben loszureißen von unserer kosmischen Vergangenheit. Er strebt an, die Erde ganz und gar zu einem Wesen für sich zu machen und uns mit ihr ganz tellurisch, ganz irdisch zu machen.
[ 11 ] Andere Kräfte und Mächte gibt es, die streben das gerade Gegenteil an. Die streben an, uns diesem zeitlichen Leben ganz zu entreißen, uns solches Denken, Fühlen und Wollen zu geben, das ganz und gar nur einträufelt aus der Region der Dauer. Diese Wesen streben an, uns ohne unser Zutun von der Kindheit an ein gewisses Quantum von Denken, Fühlen und Wollen gewissermaßen zu inspirieren und es uns dann durch den ganzen Lebenslauf zu erhalten. Würden sie siegen, so würde unser ganzes zeitliches Leben verdorren. Wir würden endlich — sogar sehr bald, es wäre schon längst geschehen, wenn diese Wesen gesiegt hätten — abstreifen, ablegen die physische Körperlichkeit, das leiblich-geistige Wesen, und wir würden reine Geister werden. Aber es würde unsere Aufgabe nicht erfüllt werden, insoferne diese Aufgabe vom Erdensein kommt. Wir würden hinweggezogen werden vom Erdensein. Diesen Wesen ist die Erde zu schlecht, sie hassen die Erde, sie mögen die Erde nicht. Sie möchten den Menschen von der Erde hinwegheben, sie möchten ihm ein Dasein rein im Reiche der Dauer geben; sie möchten, daß er ausschalte von sich all dasjenige, was so in der Zeit verläuft, wie ich es dargestellt habe. Das sind die luziferischen Wesenheiten. Die luziferischen Wesenheiten streben das Gegenteil von den ahrimanischen Wesenheiten zunächst an. Die ahrimanischen Wesenheiten suchen den Menschen mit dem ganzen Erdendasein loszureißen von der kosmischen Vergangenheit und das Irdische zu konservieren. Die luziferischen Wesenheiten streben, die Erde wegzuwerfen, alles Irdische vom Menschen wegzuwerfen, und den Menschen ganz und gar zu spiritualisieren, so daß nichts Irdisches auf ihn wirkt, so daß er nicht durchsetzt und durchkraftet werde von dem Irdischen. Sie möchten in ihm nur ein kosmisches Wesen haben, sie möchten, daß die Erde abfiele von der Evolution, daß sie verworfen würde im Weltenall. Während Ahriman will, daß gerade die Erde sich verselbständige, gewissermaßen für den Menschen die ganze Welt werde, streben die luziferischen Wesenheiten an, daß die Erde verworfen werde, weggeworfen werde von der Menschheit, und die Menschheit hinauferhoben werde in das Reich, in welchem die luziferischen Wesenheiten selber sind, in welchem die luziferischen Wesenheiten ihr Dasein haben in der reinen Welt der Dauer. Um dieses zu erreichen, versuchen die luziferischen Wesenheiten fortwährend, uns die Intelligenz, die wir als Menschen haben, automatisch zu machen, und sie versuchen, den freien Willen in uns zu unterdrücken. Würde die Intelligenz rein automatisiert werden, würde der freie Wille unterdrückt werden, dann würden wir mit automatischer Intelligenz, und nicht aus unserem Wollen, sondern aus Götterwollen heraus dasjenige vollbringen können, was uns obliegt. Wir würden rein kosmische Wesen werden können. Das streben die luziferischen Geister an. Sie streben an, uns gewissermaßen zu reinen Geistern zu machen, solchen, die nicht eigene Intelligenz haben, sondern nur kosmische Intelligenz, die nicht eigenen freien Willen haben, sondern in denen alles dasjenige, was Denken und Handeln ist, automatisch verläuft, wie bei der Hierarchie der Angeloi und in vieler Beziehung in der Hierarchie der luziferischen Wesenheiten selber, aber da in anderer Beziehung. Zu reinen Geistern wollen uns die luziferischen Wesenheiten machen; den Erdeneinschlag wollen sie verwerfen. Dazu wollen sie uns eine Intelligenz schaffen, die ganz und gar unbeeinflußt ist von jeglichem Gehirn, und in der ganz und gar kein freier Wille webt.
[ 12 ] Die Wesen, die sich um Ahriman scharen, die ahrimanischen Wesenheiten, die wollen im Gegenteil gerade den menschlichen Intellekt ganz besonders pflegen, und ihn immer mehr und mehr so pflegen, daß er in immer größere und größere Abhängigkeit von allem Erdendasein kommt; und sie wollen den menschlichen Willen, den Eigenwillen ganz besonders ausbilden: also alles dasjenige, was gerade die luziferischen Wesenheiten unterdrücken wollen. Die ahrimanischen Wesenheiten, oder besser gesagt, die dienenden Geister des Ahriman, die wollen dieses gerade voll ausbilden. Das ist ganz besonders wichtig zu berücksichtigen. Der Mensch würde dadurch zu einer Art Selbstgenügsamkeit kommen. Er würde zwar ein Träumer sein in seiner Jugend, aber er würde ein ganz gescheiter Mensch in seinem Alter werden und würde manches verstehen durch eigene Erfahrung; doch er bekäme nichts geoffenbart aus den geistigen Welten. Verhehlen wir uns das nicht: Alles, durch was man in der Jugend klug ist, ist nur aus Offenbarung erstanden, eigene Erfahrung tritt erst im Alter ein. Und die ahrimanischen Wesenheiten wollen uns auf diese eigene Erfahrung beschränken. Wir würden frei wollende Wesen sein, aber wir würden als geistig-seelische Wesen höchstens erst im achtundzwanzigsten Lebensjahre geboren werden. Denken Sie nur einmal: als Mensch stehen wir eigentlich zwischen diesen beiden Willensrichtungen der geistigen Welten drinnen. Und wir haben als Mensch in einem gewissen Sinne die Aufgabe, uns so hindurchzuleben in der Welt, daß wir weder Ahriman noch Luzifer folgen, sondern ein Gleichgewicht finden zwischen den beiden Strömungen.
[ 13 ] Man kann sich vorstellen, daß auch noch unserem materialistischen Zeitalter gruselig wird, wenn die Menschen hören, was da eigentlich auf dem Grunde der Menschennatur sich abspielt. Weil den Menschen gruselig wird davor, war es ja so eingerichtet in der Weltenordnung, daß in alten Zeiten göttliche Lehrer den Menschen ein überbewußtes Wissen mitteilten, damit die Menschen nicht selber sich diesem Geisteskampfe entgegenzustellen brauchten. Da konnten dann die Eingeweihten gegenüber der äußeren Welt schweigen von diesem Geisteskampfe. Menschen, die von diesem Geisteskampfe, der sich gewissermaßen bei jedem Menschen hinter der Szene des Lebens abspielt, wissen, wußten, die gab es immer. Immer gab es Menschen, welche sich davon überzeugt hatten, daß das Leben ein Sich-Hindurchwinden durch einen Kampf ist, daß das Leben eine Gefahr in sich schließt. Aber immer mehr und mehr bestand auch der Grundsatz, die Menschen nicht hinzuführen zur Schwelle der geistigen Welt, sie nicht hinzugeleiten zu dem Hüter der Schwelle, damit sie nicht — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, aber er paßt — das Gruseln bekommen. Aber die Zeiten sind vorüber, in denen das möglich ist. Denn Zeiten werden eintreten in der zukünftigen Erdenentwickelung, in welcher die Scheidung wird eintreten müssen zwischen den Kindern des Luzifer und den Kindern des Ahriman, entweder das eine oder das andere. Aber wissen, daß man drinnensteht und im Drinnenstehen das Leben wissend führen muß, das muß heute als Lebensnotwendigkeit für die menschliche Zukunft gesagt werden und muß verstanden werden. Eine bloße Wissenschaft des Schweigens kann es für die Zukunft nicht geben.
[ 14 ] Derjenige, welcher sich wissend einleben will in das Leben, der muß in einer gewissen Beziehung, ich möchte sagen, kosmisches Empfinden entwickeln. Was heißt das, kosmisches Empfinden entwickeln? Das heißt, er muß lernen, die Welt etwas anders anzusehen, als man sie gewohnt ist von dem Gesichtspunkte der Maja anzusehen. Wenn man mit der Wissenschaft der Einweihung durch die Welt geht, dann treten Gefühle auf, die nicht da sind, solange man in dem Wissen der Maja bloß lebt. Es treten Gefühle auf, die der gewöhnliche Mensch nicht nur als paradox, sondern als töricht ansieht, als phantastisch ansieht, die aber so berechtigt sind wie möglich, gerade der wahren Wirklichkeit gegenüber. Derjenige, der ausgerüstet mit der Wissenschaft der Einweihung einem Menschen gegenübertritt, er schwebt hin und her zwischen zwei Empfindungen. Du Mensch — denkt er sich —, du schwebst in zwei Möglichkeiten: entweder du verfällst ganz dem Zeitlichen, du mineralisierst dich, du erstarrst, indem du bloßer Erdenmensch wirst und deine kosmische Vergangenheit verlierst; oder aber du verflüchtigst dich im Geiste zu einem geistigen Automaten, du erreichst dein Ziel als Mensch nicht, trotzdem du Geist bist. — Man möchte sagen: Wenn man so einem Menschen gegenübersteht, treten einem eigentlich immer aus ihm heraus zwei Menschen entgegen, der eine, der in der Gefahr schwebt, in seiner Form zu versteinern, in seiner Form dicht und starr zu werden und mit der Erde zusammenzuwachsen, und der andere, der in der Gefahr schwebt, alles, was zum Mineralisierenden, zum Sich-Erhärtenden neigt, auszustoßen, ganz weich, quallig zu werden und endlich sich aufzulösen als geistiger Automat im All. Diese zwei Wesen treten eigentlich denen, die mit der Wissenschaft der Initiation ausgerüstet sind, entgegen, wenn man einen Menschen betrachtet. Man hat immer, ich möchte sagen, Angst — verzeihen Sie, man muß die Worte so wählen, wie sie die Sprache darbietet, es klingt also manches paradox, wenn man ins Reich der Wirklichkeit hineinweist —, die Menschen, wie sie einem entgegentreten, könnten plötzlich alle so werden wie jene merkwürdigen Gestalten, die man manchmal an Felsenwänden sieht: Ritter zu Pferde, wie aus dem Felsen herausgebildet, oder andere Gestalten in den Bergen, schlafende Jungfrauen und so weiter, die Menschen könnten so etwas werden und sich mit dem Gestein der Erde vereinigen und nur fortleben als mineralisierte Form. Oder aber sie könnten ausstoßen dasjenige, was sie in die Mineralisierung hineinweist und könnten quallig werden: diejenigen Organe, die sich zusammengezogen haben, könnten aufquellen, die Ohren könnten riesig groß werden, könnten den Kehlkopf mit umfassen, aus den Schultern heraus könnten flügelartige Organe mit alledem zusammenwachsen; das alles so weich wie eine Meeresqualle, aber sich wie aus der eigenen wogenden Wellenform heraus auflösend.
[ 15 ] Und solche Empfindungen, ich möchte sagen kosmische Empfindungen, man hat sie nicht nur gegenüber dem Menschen, wenn man mit der Erkenntnis der Initiation an die Dinge herantritt, sondern man überträgt schließlich das, was durch diese kosmische Empfindung spricht, auf alles. Sie haben ja bemerkt: die Tendenz zum Erstarren, zum Felsigwerden, sie kommt von Ahriman; die Tendenz zum Verflüchtigen, zum zuerst Qualligwerden, dann Sich-Auflösen, sie kommt von Luzifer. Es beschränkt sich das nicht gegenüber dem, was einem am Menschen selbst entgegentritt, sondern es dehnt sich aus auf alles, was einem in der Abstraktheit entgegentritt. Man lernt empfinden alles Geradlinige als ahrimanisch, alles Gebogenlinige als luziferisch. Der Kreis ist das Sinnbild des Luzifer, die Gerade ist das Sinnbild des Ahriman. Wir schauen das menschliche Haupt an: dieses menschliche Haupt mit seiner Tendenz — Sie können es am Skelett sehen — zu versteinern, zu verknöchern, in der Form, die ihm die Erde gibt, sich festzuhalten, ist ahrimanische Bildung. Wären die Kräfte, die im menschlichen Haupte wirken, im ganzen Menschen wirksam, der Mensch würde die Gestalt des Ahriman erhalten, wie Sie ihn drüben auf unserer Gruppe haben, und er wäre ganz durchdrungen, ich möchte sagen, von Kopfigkeit, er wäre ganz eigene Intelligenz, aber egoistische Intelligenz, und ganz Eigenwille, so daß der Wille in der Form selber zum Ausdrucke kommt.
[ 16 ] Beschauen wir aber den andern Menschen, nicht den Kopfmenschen, sondern den Extremitätenmenschen im weiteren Sinne, so haben wir die Vorstellung: Wenn dasjenige, was in dem übrigen Menschen an Kräften wirkt, den ganzen Menschen durchwirkte, so würde der Mensch so gebildet sein, wie drüben auf der Gruppe die Figur des Luzifer ausgestaltet ist. Und wo wir hinschauen, überall, ob im Naturleben oder im sozialen Leben, wir können, mit der Wissenschaft der Initiation ausgestattet, in das Ahrimanische und in das Luziferische hineinschauen. Wir müssen es nur empfinden, das Ahrimanische und das Luziferische. Und diese Empfindung auszubilden, das liegt schon in der Notwendigkeit der Entwickelung der Menschenzukunft. Der Mensch muß fühlen lernen: Luziferisches Wesen waltet durch die Welt. Dieses luziferische Wesen waltet auch durch das menschliche Zusammenleben. Und dieses luziferische Wesen möchte vor allen Dingen alles, was Gesetzlichkeit in der Welt ist, was die Menschen jemals an Gesetzen aufgestellt haben, aus der Welt herausschaffen. Im menschlichen Zusammenleben ist dem Luzifer nichts so sehr verhaßt, als alles das, was irgendwie nach Gesetz riecht.
[ 17 ] Ahriman möchte überall Gesetze haben; Ahriman möchte überall Gesetze so eben hinschreiben. Und wiederum ist das menschliche Gemeinschaftsleben aus dem Hasse des Luzifer gegen die Gesetzmäßigkeit und aus der Sympathie des Ahriman für Gesetzmäßigkeit zusammengewoben, und man begreift dieses Leben nicht, wenn man es nicht dualistisch versteht. Ahriman liebt alles dasjenige, was äußere Form ist, was erstarren kann. Luzifer — «die Luzifere» — lieben alles dasjenige, was formlos ist, was die Form auflöst, was flüssig und beweglich wird. Am Leben muß man lernen, Gleichgewicht zu schaffen zwischen dem Erstarrenwollenden und dem Flüssigwerdenden.
[ 18 ] Sehen Sie sich die Formen unseres Baues an: Überall das Gerade in das Gebogene übergeführt, Gleichgewicht gesucht, überall der Versuch gemacht, das Erstarrende wieder aufzulösen in Flüssiges, überall Ruhe in der Bewegung geschaffen, aber die Ruhe wiederum in die Bewegung versetzt. Das ist das ganz Geistige an unserem Bau. Wir müssen als Menschen der Zukunft anstreben, in der Kunst und im Leben etwas zu gestalten, indem wir wissen: Da unten Ahriman, der alles erstarren lassen will, da oben Luzifer, der alles verflüchtigen will; beides aber muß unsichtbar bleiben, denn in der Welt der Maja darf nur das Wellenkräuseln drinnen sein. Und wehe, wenn Ahriman oder Luzifer selber sich hineindrängen würden in dasjenige, was Leben sein will! Und so ist unser Bau geworden ein Gleichgewichtszustand im Weltenall, der entrungen ist, herausgehoben ist aus dem Reiche des Ahriman und dem Reiche des Luzifer. Es gipfelt alles in der Mittelfigur unserer Gruppe, in diesem Menschheitsrepräsentanten, in dem alles Luziferische und Ahrimanische ausgelöscht werden soll. Und daß es so ist, daß es herausgeholt ist aus dem, was geistig nur bleiben soll, das kommt zur Darstellung in der Gruppe, wo das Luziferische und Ahrimanische im Gleichgewichte einander auch noch sichtbarlich entgegengestellt werden, damit die Menschen es verstehen lernen.
[ 19 ] Das ist die Perspektive, die man heute hinstellen muß vor die Menschen, damit die Menschen begreifen lernen, wie sie den Gleichgewichtszustand finden sollen zwischen Ahrimanischem und Luziferischem. Das Ahrimanische richtet uns immer, ich möchte sagen, auch seelisch-geistig geradlinig; das Luziferische bringt uns immer in wellige oder kreisförmige Bewegung und vermannigfaltigt uns. Haben wir einseitig die Tendenz nach Monismus, streben wir an, die ganze Welt als eine Einheit zu erklären, dann zupft uns Ahriman bei einem Ohr; werden wir Monadisten, einseitige Monadisten, erklären wir die Welt aus vielen, vielen Atomen oder Monaden nur, ohne Einheit, dann zupft uns Luzifer beim andern Ohrläppchen. Und im Grunde genommen, für denjenigen, der einsichtig ist, stellt sich die Sache so dar, daß wenn Monisten mit Pluralisten, mit Monadologen streiten, da ist eigentlich der Mensch, der da streitet, zumeist recht unschuldig daran; denn hinter ihm, da zupft ihn, wenn er Monist ist, der Ahriman bei dem Ohrläppchen und bläst ihm ein alle die schönen Gründe, all die eigengeglaubte Logik, die er für seinen Monismus aufbringt; und wenn er Leibnizianer ist oder anderer Monadologe, da ist der Luzifer da und bläst ihm für die Vielfaltigkeit oder für die Mannigfaltigkeit der geistigen Wesenheiten all die schönen Gründe ein. Denn dasjenige, was gesucht werden muß, ist der Gleichgewichtszustand, die Einheit in der Vielheit, die Vielheit in der Einheit. Das ist aber unbequemer, als entweder die Einheit oder die Vielheit zu suchen, wie es überhaupt unbequemer ist, einen Gleichgewichtszustand zu suchen als irgend etwas, worauf man wie auf einem Faulbett gut ausruhen kann. Die Menschen werden entweder Skeptiker oder Mystiker. Die Skeptiker fühlen sich als freie Geister, die alles bezweifeln können, die Mystiker fühlen sich als gottdurchdrungen, die alles in ihrem Inneren liebend, erkennend umfassen. Im Grunde sind die Skeptiker nur Ahrimanschüler, die Mystiker nur Luziferschüler. Denn dasjenige, was von der Menschheit anzustreben ist, ist der Gleichgewichtszustand: mystisches Erleben in der Skepsis, Skepsis im mystischen Erleben. Es kommt nicht darauf an, ob man Montaigne oder Augustinus ist, sondern es kommt darauf an, daß dasjenige, was der Montaigne ist, durch den Augustinus beleuchtet wird, und dasjenige, was der Augustinus ist, durch den Montaigne beleuchtet wird. Die Einseitigkeiten führen den Menschen nach der einen oder nach der andern Strömung ab.
[ 20 ] Was ist das eigentlich, das Luziferische? Das Luziferische ist eigentlich da, um uns kopflos zu machen, uns die eigene Intelligenz und den freien Willen zu nehmen, und die luziferischen Geister, das luziferische Element will eigentlich, daß wir schon im achtundzwanzigsten Jahre sterben, das will uns nicht alt werden lassen. Man sagt übrigens besser «die luziferischen Geister», aber «Ahriman», denn wenn es auch Scharen in der Gefolgschaft des Ahriman gibt, Ahriman stellt sich selbst als eine Einheit dar, weil er nach Einheit strebt, und das luziferische Element stellt sich als Vielheit dar, weil es eben nach Vielheit strebt; deshalb spricht man es so aus, wie ich es heute im Laufe des Vortrags schon getan habe. Und wenn es ganz nach Luzifer, nach den luziferischen Geistern gehen würde, so würden wir Kinder werden, Jünglinge und Jungfrauen werden, würden gutes Wissen der Dauer eingeträufelt erhalten, aber wir würden mit ungefähr achtundzwanzig Jahren die Sklerose bekommen und bald danach vertrotteln, damit dasjenige, was wir als menschliches Begreifen entwickeln können, gerade als Sklerose ausgestoßen würde, und dasjenige, was wir in der Jugend aufnehmen, automatisiert vergeistigt werden könnte. Die luziferischen Geister möchten uns gleich in die geistige Welt nehmen und uns nicht erst Jupiter-, Venus-, Vulkanentwickelung durchmachen lassen, bevor wir kosmische Wesen werden. Sie betrachten das als nicht notwendig; sondern von der Erde weg den Menschen an das göttlich-geistige Ziel zu bringen mit dem, was er schon sich durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit entwickelt hat, das erstreben sie. Das ist eine Strömung, die möglichst schnell laufen will mit dem Menschen; das ist eine voreilige Strömung. Die luziferischen Geister möchten mit uns dahinstürmen und uns möglichst bald in die kosmische Wesenhaftigkeit hineinführen. Die ahrimanischen Geister, die möchten unsere Vergangenheit tilgen und uns zurückführen mit der Erde an den Ausgangspunkt, möchten auslöschen unsere Vergangenheit, uns auf der Erde konservieren und dann uns dahin zurückversetzen, wo wir als Saturnwesen waren. Es ist eine rückläufige Bewegung, eine retardierende Bewegung. Aus einer voreiligen und aus einer rückläufigen Bewegung ist das Leben schließlich zusammengesetzt, und der Gleichgewichtszustand zwischen beiden muß gefunden werden.
[ 21 ] Sagen Sie nicht, diese Dinge seien schwierig, denn darauf kommt es gar nicht an. Ich habe Ihnen gestern vorgeführt, wie in alten Zeiten die Menschen Raum- und Zeiterlebnisse gehabt haben, wie sie den Raum konkret erlebt haben, wie sie die Zeit konkret erlebt haben. Das, was wir so abstrakt erleben, sie haben es konkret erlebt. Wir müssen lernen, unsere Umgebung so anzuschauen, daß wir überall dieses Zusammenspielen im Erstarren, Verflüchtigen, vom Davonlaufen und Zurückwerfen, vom Geradlinigen und Krummlinigen im Gleichgewichte erleben. Schlafen kann man mit dem, was die Welt einfach anschaut. Wenn man wachend sie anschaut, dann droht sie einem, in all ihrem Wesen, sobald sie aus der Gleichgewichtslage herauskommt, zu erstarren oder sich zu verflüchtigen. Dieses Gefühl müssen wir entwickeln, und so lebhaft muß es in der Menschheit der Zukunft werden, wie das alte Raum- und Zeitgefühl in den Menschen der Vergangenheit war.
[ 22 ] Man kann an unserer Gruppe verschiedenes empfinden. Man kann in der Mitte den Menschheitsrepräsentanten mit seinen Linien und Flächen und Formen fühlen, wo alles Luziferische und Ahrimanische ausgelöscht ist. Die Formen sind da, aber so weit es sich in der Menschengestalt tilgen läßt, ist das Luziferische und Ahrimanische getilgt. Man kann Luzifer und Ahriman in ihren Formen festgehalten finden. Man kann empfinden diese Gegensätzlichkeit des Mittelmenschen, des Luzifer und Ahriman, und kann mit diesem Gefühle durch die Welt gehen: man wird dasjenige, was diesem Gefühle entspricht, überall in der Welt finden. Und wer sich aneignen wird dasjenige, was in diesen Gefühlen lebt, die man an dieser Trinität entwickeln kann, der wird sich viel aneignen für eine gewisse Autopsie des Lebens. Es wird sich viel enthüllen von der Welt, wenn man sie so ansehen wird, wie sich diese Gefühle aus der Trinität ergeben: der Mittelmensch oder Menschheitsrepräsentant; Ahriman; Luzifer. Und wie dem alten Raumgefühl die Dreifaltigkeit sich offenbarte, dem alten Zeitgefühl die Einheit des Göttlichen, so wird sich ein Höchstes an Weltengeheimnissen der Menschheit der Zukunft enthüllen müssen, indem sie das Erstarrende, das Sich-Verflüchtigende, das Davonlaufen, das Zurückschieben, das Geradlinige, das Krummlinige, das Gesetzmäßiges-Liebende, das Gesetzmäßiges-Hassende und so weiter, konkret aufzufassen in der Lage ist. Überall im Leben den Schwingungszustand erkennen, das ist es, worauf es ankommt. Denn das Leben ist nicht möglich, ohne daß ein solcher Schwingungszustand darinnen ist. Sie können ja auch, wenn Sie eine Pendeluhr haben, die Schwingungen vermeiden wollen, das Pendel stillstehen lassen: aber die Uhr wird Ihnen dann nichts nützen; damit sie die Zeit angibt, muß das Pendel ausschlagen. So muß der Pendelzustand im Leben drinnen sein. Überall muß das bemerkt werden. Davon wollen wir morgen weitersprechen.
