Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186
30 November 1918, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wenn Sie die Grundlage unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft im Verhältnis zu anderen jetzt auftretenden — es sind ja ihrer sehr zahlreiche — sogenannten Weltanschauungen betrachten, so werden Sie unter anderem eines charakteristisch finden müssen, das ist, daß sich diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Welt- und Lebensanschauung bemüht, dasjenige, was sie aus der Erforschung der geistigen Welten heraus zu ergründen sucht, auf das Gesamtleben, auf alles das, was dem Menschen im Leben begegnen kann, anzuwenden. Und wer einen Sinn hat für das Wesentliche, worauf es gerade in den drängenden und brennenden Fragen und Impulsen unserer Gegenwart ankommt, der wird sich vielleicht auch ein Verständnis dafür erringen können, daß gerade auf dem Felde der Verbindung der großen Weltanschauungsideen mit dem unmittelbaren Leben dasjenige liegt, was der Gegenwart und der nächsten Zukunft so ungeheuer nottut. Denn unter den Gründen, welche die heutige katastrophale Lage der Menschheit herbeigeführt haben, ist ja einer der nicht geringsten der, daß die Weltanschauungen der Menschen — sei es, daß sie im Religiösen, sei es, daß sie im Wissenschaftlichen oder im Ästhetischen wurzeln — alle im Laufe der Zeiten allmählich den Zusammenhang mit dem Leben verloren haben. Es war gewissermaßen ein Trieb, man möchte sagen ein perverser Trieb vorhanden, welcher trennen wollte das sogenannte alltägliche praktische Leben in seinem weitesten Umfange von dem, was man zur Befriedigung seiner Bedürfnisse auf religiösen, auf Weltanschauungsgebieten suchte. Bedenken Sie nur einmal, wie das Leben in den letzten Jahrhunderten allmählich die Gestalt angenommen hat, daß die Menschen im Äußerlichen sich gehen ließen, sozusagen «praktische» Menschen waren, das Leben nach «praktischen» Grundsätzen einrichteten, und dann jeden Tag etwa eine halbe Stunde, mehr oder weniger, oder gar nicht, oder den Sonntag dazu verwendeten, um die Bedürfnisse des Herzens, der Seele zu befriedigen, die dahin gingen, mit dem die Welt durchdringenden Göttlich-Geistigen einen Zusammenhang zu finden.
[ 2 ] Das wird, wenn anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft von den Gemütern der Menschen Besitz ergreifen kann, durchaus anders werden. Das wird so werden, daß aus dieser Weltanschauung Gedanken quellen, welche anwendbar sind im unmittelbarsten Leben, welche uns in die Lage versetzen werden, das Leben auf allen Gebieten einsichtsvoll zu beurteilen. Das Prinzip der Sonntagnachmittagspredigt soll ja durchaus nicht das unserer anthroposophisch orientierten Weltanschauung sein, sondern das ganze Leben an allen Wochentagen und auch am Sonntagvormittag soll durchdrungen sein von dem, was anthroposophische Weltauffassung dem Menschen geben kann. Weil es nicht so war bis in unsere Tage herein, ist ja die Welt nach und nach in ein Chaos hineingesegelt. Man hat außer acht gelassen, den Blick hinzuwenden auf das, was in der unmittelbaren Umgebung wirklich geschieht, und ist heute überrascht, daß die Folgen dieses Übersehens sich deutlich zeigen. Man wird in der Zukunft noch mehr überrascht sein, weil sich diese Folgen noch deutlicher zeigen werden.
[ 3 ] Man sollte eben heute auf keinen Fall den Blick hinwegwenden von dem, was sich da über die ganze Erde hin in der Menschheit vorbereitet. Man sollte mit den Urteilen, die uns in die Lage versetzen, zu durchschauen die großen Impulse, welche durch das Weltengeschehen gehen, versuchen, in das einzudringen, was heute zum Teil so rätselhaft vor den Menschengemütern steht, und was die soziale Struktur in ein Chaos zu verwandeln droht. Man sollte nicht weiter in der Weise fortfahren, daß man alles kommen läßt, wie es eben kommen will, ohne daß man mit seinem gesunden Urteil die Dinge zu durchdringen versucht.
[ 4 ] Der Grundsatz muß aufhören, der da sagt: Das ist alltäglich, das ist profan, das gehört dem äußeren Leben an, von dem wendet man sich ab und wendet den Blick hin zum Göttlich-Geistigen. — Das muß aufhören! Anfangen muß die Zeit, in welcher auch das Alleralltäglichste in Zusammenhang gebracht wird mit dem Göttlich-Geistigen, und in welcher nicht nur vom allerabstraktesten Standpunkte aus die Dinge ins Auge gefaßt werden, die aus dem geistigen Leben heraus geholt werden.
[ 5 ] Ich habe im Laufe dieser Betrachtungen gesagt, daß eine günstige Wendung in der sozialen Bewegung doch nur dadurch eintreten kann, daß das Interesse wächst, das der einzelne Mensch an dem andern Menschen hat. Soziale Struktur ist ja eben die Struktur, die die Menschen gesellschaftlich verbindet. Sie kann nur dadurch gesunden, daß der Mensch sich wirklich drinnen weiß, mit Besinnung drinnen ist in der sozialen Struktur. Und das ist das Ungesunde der Gegenwart und hat die Katastrophe herbeigeführt, daß die Menschen außer acht gelassen haben, irgendeine Gesinnung sich zu erwerben über das Wie des Drinnenstehns in der sozialen Gemeinschaft. Das Interesse, das uns als Mensch mit andern Menschen verbindet, hat aufgehört, trotzdem die Menschen oftmals glauben, ein solches Interesse zu haben. Der billige theosophische Grundsatz: Ich liebe alle Menschen, ich habe schon Interesse an allen Menschen, — der tut es nicht, denn der ist abstrakt und greift nicht ein in das reale Leben. Und um dieses Eingreifen in das reale Leben handelt es sich; das muß eben tiefer verstanden werden. Nichtverständnis des realen Lebens war ja ein Charakteristikon der letzten Jahrhunderte. Nun haben diese letzten Jahrhunderte, ohne daß die Menschen den Prozeß verfolgt haben, die heutige Lage herbeigeführt und werden die zukünftige Lage herbeiführen. Es geht nicht anders im geschichtlichen Leben der Menschheit, als daß die Menschen das, was geschieht, was unter ihnen im sozialen Leben geschieht, auch denkend begleiten. Aber die Ereignisse, die sich seit einer verhältnismäßig längeren Zeit schon abspielen, lassen sich nicht anders begleiten, als wenn man für gewisse Erscheinungen sich einen gesunden Sinn erwirbt. Dem objektiven Beobachter kündigte sich ja nur zu deutlich an, daß fast über die ganze Welt hin nach Grundsätzen verwaltet, regiert und so weiter wurde und wird, die eigentlich schon vor Jahrhunderten veraltet waren, während das Leben in den letzten Jahrhunderten natürlich fortgeschritten ist. Und ein Wesentliches, was eingetreten ist in die Entwickelung der Menschheit, ist der moderne Industrialismus, der das ganze moderne Proletariat geschaffen hat. Aber diese Entstehung des modernen Proletariats — sie wurde nicht mit Gedanken begleitet. Die führenden Stände haben fortgelebt in der alten Weise, haben ihre Führerposten so versehen, wie sie sie seit Jahrhunderten zu versehen gewöhnt waren, und ohne daß sie irgend etwas getan haben, ohne daß sie nur den Prozeß der Weltgeschichte mit Gedanken begleitet hätten, hat sich aus den Tatsachen, aus dem Tatsachengeschehen heraus, aus der Entstehung des modernen Industrialismus, der im wesentlichen begonnen hat mit dem mechanischen Webstuhl und der Spinnmaschine im achtzehnten Jahrhundert, das moderne Proletariat entwickelt. Und von dem, was durch die Welt in den Köpfen des modernen Proletariats — meinetwillen nennen Sie es «spukt», hängt das welthistorische Schicksal von heute und der nächsten Zukunft ab. Denn dieses Proletariat strebt nach der Macht, nach der Mehrheit, und es wird zu betrachten sein in seinen Taten wie die Ergebnisse von Naturnotwendigkeiten, wie Elementarereignisse, nicht wie etwas, was man kritisieren kann, was einem gefällt oder nicht gefällt, was man bespricht, je nachdem das oder jenes den einen oder den anderen Eindruck macht; sondern es muß beurteilt werden wie etwa ein Erdbeben oder eine Springflut des Meeres oder dergleichen.
[ 6 ] Nun sehen wir zunächst sich vorbereiten dasjenige, was aus dem modernen Proletariat, oder vielleicht besser gesagt, was aus den Tendenzen und Empfindungen des modernen Proletariats hervorgeht; wie ein Vorpostengefecht, möchte ich sagen, sehen wir das, was Ihnen ja von einer gewissen Seite her entgegentritt im russischen Bolschewismus. Dieser russische Bolschewismus — ich habe das öfter schon gesagt — paßt auf die Ureigentümlichkeit des russischen Volkes natürlich nicht. Er ist von außen hineingetragen. Aber darauf kommt es ja auch nicht an, wenn man die Tatsachen ins Auge fassen will; denn er ist einmal innerhalb des Gebietes, das das frühere Zarenreich war, in einem großen Umfange da, und er muß eben wie eine Naturerscheinung beobachtet werden, wie eine Naturerscheinung, die in sich den Trieb hat, sich immer weiter und weiter auszudehnen. Man muß vor allen Dingen, wenn man so etwas betrachtet wie den russischen Bolschewismus, absehen von den Begleiterscheinungen. Man muß auf die Hauptsache sehen. Daß er gerade 1917 seinen Anfang genommen hat, daß er diese oder jene äußere Erscheinung zeigt, dazu sind vielleicht naheliegende Gründe maßgebend gewesen. Ich habe Ihnen gesagt, daß nicht unbeteiligt an dem unmittelbaren Ausbruch des Bolschewismus sogar die Ludendorftsche Hilflosigkeit war und verschiedenes andere noch. Allein, das alles muß man abstreifen, wenn man die Dinge fruchtbar betrachten will, und muß auf die Impulse sehen, die in diesem russischen Bolschewismus leben. Man muß sich einmal ganz trokken fragen: Was will dieser russische Bolschewismus und wie stellt er sich hinein in die ganze Entwickelung der Menschheit? — Denn das ist ja zweifellos, er ist eine nicht etwa ephemerisch vorübergehende, er ist eine tiefgehende, welthistorische Erscheinung. Und es ist außerordentlich wichtig, die soziale Grundstruktur, wie sie sich als Bild dieser russische Bolschewismus macht, einmal vor sich hinzustellen, um ihn gewissermaßen in seinem Hervorgehen aus den tieferen Weltimpulsen dann betrachten zu können.
[ 7 ] Nun, wenn man die Grundeigenschaften dieses russischen Bolschewismus betrachtet, so muß man sagen, sein erstes Bestreben geht dahin, dasjenige, was wir im Sinne des Marxismus charakterisiert haben als die Bourgeoisie, zu vernichten, aus der Welt zu schaffen. Das ist sozusagen Grundmaxime. Alles, was als Bourgeoistum, als Bourgeoisie heraufgekommen ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung, mit Stumpf und Stiel als der Menschheitsentwickelung nach seiner Ansicht schädlich auszurotten. Dazu sollen ihn verschiedene Wege führen. Erstens die Überwindung aller Klassenunterschiede beim Menschen. Auf solche sachliche Überwindung der Klassen- und Ständeunterschiede, wie ich sie Ihnen gestern wieder vorgeführt habe, läßt sich der Bolschewismus nicht ein. Er denkt ja durchaus selber bürgerlich. Und das, was ich Ihnen gestern vorgeführt habe, ist nicht bürgerlich gedacht, sondern ist menschlich gedacht. Er will in seiner Art die Klassenunterschiede, die Ständeunterschiede überwinden. Nun sagt er sich: Die gegenwärtigen Staaten sind aufgebaut in ihrer Struktur von der bürgerlichen Lebensauffassung. Daher müssen die Formen der gegenwärtigen Staaten verschwinden. Es muß alles das, was in den gegenwärtigen Staaten Anhängsel des Bürgertums ist, wie die Polizeiordnung, die Militärordnung, die Justizordnung, alles das muß verschwinden. Was also das Bürgertum zu seiner Sicherheit, zu seiner Rechtsprechung geschaffen hat, das muß verschwinden, mit dem Bürgertum selbst verschwinden. Übergehen muß die gesamte Verwaltung, die gesamte Organisation der sozialen Struktur in die Hände des Proletariats. Dadurch wird der Staat, wie er bis jetzt bestanden hat, absterben, und das Proletariat wird die gesamte menschliche Struktur, das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben verwalten. Das kann nicht erreicht werden durch die alten Einrichtungen, die eben das Bürgertum sich geschaffen hat, das kann nicht erreicht werden etwa dadurch, daß man Reichstage oder sonstige Volksvertretungen nach diesem oder jenem Wahlrecht wählt, wie das in der bürgerlichen Lebensauffassung gemacht worden ist; denn würde man solche Vertretungskörper weiter wählen, so würde nur das Bürgertum sich darinnen fortsetzen. Also mit allen solchen Vertretungskörpern, seien sie mit diesem oder jenem Wahlrecht, kommt man nicht zu den Zielen, welche da angestrebt werden. Daher handelt es sich darum, daß zunächst wirklich diejenigen Maßregeln Platz greifen, welche aus dem Proletariat selber herauskommen, welche in keinem Bürgerkopfe wachsen können, weil der Bürgerkopf notwendigerweise nur solche Maßregeln treffen kann, die überwunden werden sollen, sondern die nur aus einem Proletarierkopf kommen können. Daher kann nicht von irgendeiner National- oder Staatsversammlung irgend etwas verwaltet werden, sondern einzig und allein von der Diktatur des Proletariats; das heißt, es muß übergeführt werden die gesamte soziale Struktur in die Diktatur des Proletariats. Nur das Proletariat wird einen Sinn dafür haben, wirklich das Bürgertum aus der Welt zu schaffen. Denn das Bürgertum, wenn es in Vertretungskörpern sitzen würde, würde ja keinen Sinn dafür haben, sich selber aus der Welt zu schaffen, während es doch darauf ankommt, daß das Bürgertum, daß die Bourgeoisie entrechtet werde. Daher können Einfluß auf die soziale Struktur nur diejenigen Menschen haben, welche im echten Sinne Proletarier sind, das heißt nur diejenigen, welche Arbeit verrichten, die der Allgemeinheit nützen. Kein Recht zu wählen hat daher derjenige im Sinne dieser proletarischen Weltanschauung, welcher in irgendeiner Form sich von anderen Menschen, die er dafür bezahlt, Dienste leisten läßt. Also, wer immer Leute anstellt, Leute für sich verdingt, die er für ihre Dienste bezahlt, hat kein Recht, irgendwie teilzunehmen an der sozialen Struktur, hat also auch kein Wahlrecht. Ebensowenig hat ein Wahlrecht derjenige, welcher von den Zinsen etwa seines Vermögens lebt, der also Zinsgenießer ist. Ebensowenig hat ein Recht zu wählen derjenige, der ein Händler ist, der also nicht werktätige Arbeit verrichtet, oder der ein Zwischenhändler ist. Alle diese Menschen also, die von Zinsen leben, die andere Leute anstellen und sie bezahlen, die Händler sind oder Zwischenhändler, können auch nicht Regierungsorgane sein, während die Diktatur des Proletariats waltet. Während dieser Diktatur des Proletariats gibt es keine allgemeine Redefreiheit, keine Versammlungsfreiheit, keine Organisationsfreiheit; sondern Versammlungen abhalten, sich organisieren können allein diejenigen, die werktätige Arbeit verrichten. Allen anderen ist die freie Rede, ist das Versammlungsrecht, ist das Recht, sich in Gesellschaften oder Vereinen zu organisieren, verboten. Ebenso genießen nur diejenigen Menschen Pressefreiheit, welche werktätige Arbeit verrichten. Die Presse der Bourgeoisie wird unterdrückt, wird nicht geduldet. — Dies sind ungefähr solche Maximen, welche leiten sollen, ich möchte sagen, die Übergangszeit. Denn wenn diese Maximen eine Zeitlang — das verspricht sich die proletarische Weltanschauung von ihrem Vorgehen — gewaltet haben werden, wird eben nur noch werktätige Menschheit da sein. Es wird nur noch Proletariat da sein. Das Bürgertum wird ausgerottet sein.
[ 8 ] Zu diesen Dingen, die vor allem für die Übergangszeit Bedeutung haben, kommen dann diejenigen Dinge, die dauernde Bedeutung haben. Zu denen gehört zum Beispiel die allgemeine Arbeitspflicht. Jeder Mensch ist verpflichtet, irgend etwas zu arbeiten, das der Allgemeinheit nützt. Ein einschneidender Grundsatz, der ebenfalls dauernd gilt, ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden. Größere Güter werden landwirtschaftlichen Kommunen übergeben. Privateigentum an Grund und Boden soll es nach dieser proletarischen Weltanschauung in der Zukunft nicht geben. Industrielle Betriebe, Unternehmerbetriebe werden enteignet, gehen über in die Verwaltung der Gesellschaft, werden von der zentralisierten Arbeiterverwaltung verwaltet; an deren Spitze steht dann der oberste Rat für Volkswirtschaft; das ist eben gerade der Bolschewismus in Rußland. Banken werden verstaatlicht, eine allgemeine, das ganze Gemeinwesen umfassende Buchhalterei wird eingerichtet, welche alle Produktion zu umfassen hat. Aller Außenhandel eines Gemeinwesens wird gemeinschaftlich; die Betriebe werden also verstaatlicht.
[ 9 ] Das sind ungefähr die Grundsätze, welche das Ideal von Trotzki und Lenin bilden, und aus denen Sie hervorspringen sehen, ich möchte sagen, die Angelpunkte dessen, was vom modernen Proletariat gewollt wird.
[ 10 ] Damit ist es natürlich nicht getan, daß man sich täglich von seiner Zeitung erzählen läßt, daß soundso viel Bluttaten getan werden durch den Bolschewismus. Wenn man vergleicht die Bluttaten durch den Bolschewismus mit der ungeheuren Anzahl der Bluttaten, die durch diesen Krieg getan worden sind, dann sind die Bluttaten des Bolschewismus selbstverständlich eine Kleinigkeit. Es kommt darauf an, zu sehen, was übersehen worden ist, was versäumt worden ist, damit in der Zukunft die Entwickelung der Menschheit denkend verfolgt werde. Man muß doch zuerst seelisch und dann geistig diese Sache, die so innig zusammenhängt mit der ganzen Fortentwickelung der Menschheit, ins Auge fassen. Das soll ja gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, auch diese Dinge wirklich geistig und seelisch ins Auge zu fassen. Die Zeit muß aufhören, wo faule Pastoren- und Pfarrerwirtschaft den Leuten von den Kanzeln theoretisches, mit dem Leben nicht zusammenhängendes Zeug zur sogenannten Erwärmung der Seelen an jedem Sonntag vorgeredet haben. Das dagegen muß beginnen, daß jeder, der an dem geistigen Leben teilnehmen will, verpflichtet ist, in das Leben auch hineinzuschauen, mit dem Leben in unmittelbarer Verbindung zu stehen. Das ist nicht zum geringen Teil an dem Unglücke der Gegenwart schuld, daß seit langer Zeit gerade diejenigen, die die religiösen Gefühle der Menschheit verwaltet haben, von ihrem Orte, von ihren Kanzeln herunter Dinge geredet haben, die eigentlich mit gar keinem Leben in irgendeinem Zusammenhange standen, Reden gehalten haben, die nur gehalten worden sind, um den Leuten für ihre Herzen oder ihre Seelen lahmes Zeug zu bieten, das sie doch nur angenehm berührt hat, das aber nicht eingegriffen hat in das Leben. Daher ist das Leben gottlos, daher ist es geistlos geblieben und ist endlich in das Chaos gekommen. Suchen Sie die Ursache vieler Schulden, die heute bezahlt werden müssen, gerade in der törichten Rederei derjenigen, die zum Beispiel die religiösen Gefühle zu verwalten hatten und die mit dem Leben in gar keinem Zusammenhang standen. Was haben sie erreicht von dem, was zu geschehen hat in dem Zeitalter, in dem eine ganz neue Menschheit in Form des Proletariats sich heraufentwickelt hat, was haben sie erreicht, diese Leute, die unnötiges Zeug von den Kanzeln verkündet haben, solches Zeug, das die Leute nur begehrt haben, weil sie sich hinwegtäuschen wollten durch allerlei Illusionen über die wahren Realitäten des Lebens? Die Zeiten sind ernst, und die Dinge müssen ernst betrachtet werden.
[ 11 ] Wenn gesagt wird, daß die Menschen Interesse gewinnen müssen, der einzelne für den andern, so darf das nicht nur im Sinne der Gesinnung betrachtet werden, wie es in den Sonntagnachmittagspredigten angegeben wird, sondern das muß so betrachtet werden, wie es tief hineinweist in die soziale Struktur der Gegenwart. Nehmen Sie einen konkreten Fall. Wie viele Menschen gibt es heute, die eine ganz abstrakte, konfuse Vorstellung von dem Leben, von ihrem eigenen, persönlichen Leben haben! Wenn sie sich zum Beispiel fragen: Wie lebe ich? — sie tun es ja meistens nicht, aber wenn sie es schon einmal täten —, dann sagen sie sich: Nun, von meinem Gelde. — Unter denen, die sich sagen: Von meinem Gelde — sind sehr viele, die haben dieses Geld zum Beispiel ererbt von ihren Eltern und glauben nun, sie leben von ihrem Gelde, das sie ererbt von ihren Vätern haben. Aber, meine lieben Freunde, von Geld kann man nicht leben! Geld ist nicht irgend etwas, wovon man leben kann. Da muß erst angefangen werden, nachzudenken. Und diese Frage hängt innig zusammen mit dem wirklichen Interesse, das man von Mensch zu Mensch hat. Wer da glaubt, daß er von dem Gelde lebt, das er ererbt oder das er aufirgendeine andere Weise bekommen hat, außer, wie es heute normalerweise der Fall ist, daß man Geld durch Arbeit bekommt, wer so lebt und glaubt, daß er vom Gelde leben kann, der hat kein Interesse für seine Mitmenschen, weil vom Gelde niemand leben kann. Der Mensch muß essen, und was gegessen wird, das muß von irgendwelchen Menschen erarbeitet werden. Der Mensch muß sich kleiden. Dasjenige, was er anzieht, müssen Leute erarbeiten. Damit ich einen Rock anziehen kann oder ein Beinkleid, müssen Menschen stundenlang ihre Arbeitskraft verwenden, um das zustandezubringen. Die arbeiten für mich. Davon lebe ich, nicht von meinem Gelde. Mein Geld hat keinen andern Wert, als daß es mir die Macht gibt, das andern Arbeit zu benützen. Und so wie die sozialen Verhältnisse heute liegen, fängt man erst an, Interesse für seine Mitmenschen zu haben, wenn man sich diese Frage in der entsprechenden Weise beantwortet, wenn man im Geiste sieht: Soundso viele Menschen müssen soundso viele Stunden arbeiten, damit ich in der sozialen Struktur drinnen leben kann, Nicht darum handelt es sich, daß man sich selber wohltut, indem man sich sagt: Ich liebe die Menschen. Man liebt nicht die Menschen, wenn man glaubt, man lebe von seinem Gelde, und sich nicht im geringsten vorstellt, wie die Menschen für einen arbeiten, damit man nur des Lebens Minimum überhaupt hat.
[ 12 ] Aber dieser Gedanke: Soundso viel Leute arbeiten, damit man des Lebens Minimum hat —, der ist ja untrennbar von dem anderen Gedanken, daß man das wiederum der Sozietät zurückgeben muß, nicht durch Geld, sondern wiederum durch Arbeit, was für einen gearbeitet wird. Und erst, wenn man sich verpflichtet fühlt, das Quantum von Arbeit, das für einen geleistet wird, auch wiederum zurückzuarbeiten in irgendeiner Form, erst dann hat man Interesse für seine Mitmenschen. Daß man seinen Mitmenschen sein Geld gibt, das bedeutet “nur, daß man die Mitmenschen am Gängelbande, am Sklavenbande führen kann, sie zwingen kann, daß sie für einen arbeiten. Können Sie sich aus Ihrer Erfahrung nicht selbst die Antwort geben auf die Frage: Wie viele Menschen bedenken, daß Geld nur eine Anweisung auf menschliche Arbeitskraft, daß Geld nur ein Machtmittel ist? Wie viele Menschen sehen im Geiste, daß sie gar nicht da sein könnten in dieser physischen Welt, ohne daß sie der Arbeit der anderen Menschen das, was sie selbst beanspruchen für ihr Leben, verdanken? — Sich verschuldet fühlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muß für eine gesunde soziale Gestaltung.
[ 13 ] Diese Dinge muß man sich schon einmal überlegen, sonst steigt man in ungesunder Weise in spirituelle Abstraktionen auf und nicht in einer gesunden Weise von der physischen Wirklichkeit zur geistigen Wirklichkeit. Der Mangel an Interesse für die soziale Struktur, der charakterisiert gerade die letzten Jahrhunderte. Denn in den letzten Jahrhunderten hat sich allmählich als menschliche Gewohnheit herausgebildet, daß die Menschen eigentlich nur für ihre eigene werte Persönlichkeit in bezug auf soziale Impulse Interesse entwickeln. Mehr oder weniger war alles auf Umwegen nur für ihre eigene Persönlichkeit. Gesundes soziales Leben ist nur möglich, wenn dieses Interesse für die eigene werte Persönlichkeit erweitert wird zum wirklichen sozialen Interesse. Und in dieser Beziehung darf schon die Bourgeoisie sich fragen: Was haben wir versäumt? — Man bedenke einmal folgendes: Es gibt eine geistige Kultur, es gibt Kulturwerke; ich will eine Sache herausgreifen: Fragen Sie sich: Wie vielen Menschen sind diese Kunstwerke zugänglich? — Oder fragen Sie sich besser: Wie vielen Menschen sind diese Kunstwerke ganz und gar nicht zugänglich? Für wie viele Menschen sind sie gar nicht da, diese Kunstwerke? — Aber rechnen Sie sich nun aus, wie viele Menschen arbeiten müssen, damit diese Kunstwerke da sein können. Irgendein Kunstwerk ist in Rom. Irgendein Bourgeois kann nach Rom fahren. Zählen Sie sich bloß zusammen, wieviel gearbeitet werden muß von Schaffenden etc., etc., etc. — das «etc.» hört gar nicht auf —, damit dieser Bourgeois nach Rom fahren und etwas ansehen kann, was für ihn da ist, weil er Bourgeois ist, was für alle diejenigen Leute nicht da ist, die jetzt anfangen, ihre proletarische Lebensauffassung geltend zu machen. Das hat sich gerade innerhalb der Bourgeoisie herausgebildet, daß der Genuß als etwas Selbstverständliches angesehen wird. Aber der Genuß sollte eigentlich gar niemals wie etwas Selbstverständliches angesehen werden. Man sollte es geradezu als eine soziale Sünde ansehen, irgend etwas zu genießen, ohne das Äquivalent dafür der Allgemeinheit zurückzugeben in der Form, in der man es kann, aber in irgendeiner Form. Nichts sollte ungenützt bleiben für die Allgemeinheit. In der Natur- und Geistesordnung liegt es nicht, daß irgend etwas der Allgemeinheit vorenthalten werden soll. Zeit und Raum sind nur künstliche Hindernisse, sind nicht wirkliche Hindernisse. Diejenigen Dinge, die an den Ort gebunden sind, die können überall nachgemacht werden, die können allen Menschen zugänglich sein. Und diejenigen Dinge, die vervielfältigt werden können, sind nicht an den Ort gebunden, sie können — das ist ganz allgemeines Gesetz — überallhin gebracht werden. Das ist doch nur ein Anhängsel der Bourgeois-Weltanschauung, daß die Sixtinische Madonna immer unausgesetzt in Dresden hängt und nur von denjenigen Leuten gesehen werden kann, die nach Dresden kommen können; denn sie ist beweglich, sie kann in der ganzen Welt herumgebracht werden. Und gesorgt werden kann dafür — ich greife nur eines als Beispiel heraus —, daß dasjenige, was der eine genießt, auch der andere genießen kann.
[ 14 ] Ich greife ein Beispiel heraus, aber ich wähle immer solche Beispiele, die für alles andere eben Beispiele sind, das heißt, die die andern Dinge auch durchaus erklären. Sie sehen, man braucht nur solche Töne anzuschlagen, dann rührt man an eine ganze Fülle von Dingen, über die die Leute eigentlich gar nicht weiter nachgedacht haben, sondern die sie als etwas Selbstverständliches hingenommen haben. Selbst in unserem Kreise, wo die Dinge so nahe liegen, wird nicht immer bedacht, daß jedes, was man aufnimmt, bedingt, daß man ein Äquivalent an die Sozietät dafür abgibt, daß man nicht bloß genießt.
[ 15 ] Nun werden Sie eine Frage herausspringen sehen aus alledem, was ich jetzt aus einzelnen Beispielen, die nicht verhundertfacht, sondern vertausendfacht werden könnten, angeführt habe, die Frage: Ja, wie kann denn das anders werden, wenn das Geld eigentlich nur ein Machtmittel ist? — Das liegt schon beantwortet in jenem sozialen Ur-Grundsatz, über den ich letzte Woche hier gesprochen habe; denn das ist das Eigentümliche desjenigen, was ich Ihnen als eine Art Sozialwissenschaft, die aus der geistigen Welt heraus geschöpft ist, angeführt habe, daß sie so sicher ist wie die Mathematik. Bei diesen Dingen handelt es sich nicht darum, daß irgend jemand nun ins praktische Leben hineinschauen und sagen kann: Na, wir müssen erst nachsehen, ob die Dinge so richtig sind. — Nein, die Dinge, die ich Ihnen als eine soziale Wissenschaft aus der Geisteswissenschaft heraus angeführt habe, die sind ungefähr so wie der pythagoräische Lehrsatz. Wenn. Sie den pythagoräischen Lehrsatz nehmen, wenn Sie wissen, daß der Inhalt des Quadrats der Hypotenuse gleich ist der Summe der Quadrate der beiden Katheten, so kann es keine Erfahrung geben, die dem widerspricht, sondern Sie müssen überall diesen Grundsatz anwenden. So ist es mit dem Grundsatz, den ich Ihnen als den Grundsatz der sozialen Wissenschaft und des sozialen Lebens angeführt habe. Alles, was der Mensch so erwirbt, daß er es für seine Arbeit im sozialen Zusammenhange erhält, das wird zum Unheil. Heilsamkeit ergibt sich im sozialen Zusammenhange nur, wenn der Mensch nicht von seiner Arbeit, sondern aus anderen Quellen der Sozietät sein Leben zu fristen hat. Scheinbar widerspricht das dem, was ich soeben gesagt habe, aber eben nur scheinbar. Das gerade wird die Arbeit wertvoll machen, daß sie nicht mehr entlohnt wird. Denn worauf hingearbeitet werden muß, selbstverständlich vernünftig, nicht bolschewistisch, das ist: die Arbeit zu trennen von der Beschaffung der Existenzmittel. Das habe ich ja neulich ausgeführt. Wenn jemand nicht mehr für seine Arbeit entlohnt wird, dann verliert das Geld als Machtmittel für die Arbeit seinen Wert. Es gibt kein anderes Mittel für jenen Mißbrauch, der getrieben wird mit dem bloßen Gelde, als wenn überhaupt die soziale Struktur so geschaffen wird, daß niemand für seine Arbeit entlohnt werden kann, daß die Beschaffung der Existenzmittel von ganz anderer Seite her bewirkt wird. Dann können Sie natürlich nirgends erreichen, daß jemand durch das Geld in die Arbeit gezwungen werden kann.
[ 16 ] Die meisten von den Fragen, die jetzt auftauchen, tauchen eben so auf, daß sie konfus angefaßt werden. Sollen sie in die Klarheit gehoben werden, so kann das nur durch die Geisteswissenschaft geschehen. Geld darf in der Zukunft kein Äquivalent sein für menschliche Arbeitskraft, sondern nur für tote Ware. Nur tote Ware wird man in Zukunft bekommen für Geld, nicht menschliche Arbeitskraft. Das ist von ungeheurer Wichtigkeit, meine lieben Freunde. Und jetzt bedenken Sie einmal, daß gerade aus der proletarischen Weltanschauung das in der verschiedensten Gestalt herausspringt, daß Arbeitskraft im modernen Industrialismus in erster Linie eine Ware ist. Das ist ja einer der Grundsätze des Marxismus, einer derjenigen Grundsätze, mit denen er am meisten Proselyten gemacht hat unter den Proletariern. Da sehen Sie, daß von einer ganz anderen Ecke konfus und verworren eine Forderung auftaucht, die allerdings von ganz anderer Seite her erfüllt werden muß. Und das ist das Eigentümliche bei den sozialen Forderungen der Gegenwart, daß sie, insoferne sie instinktiv auftreten, aus durchaus richtigen und gesunden Instinkten hervorgehen, nur daß sie auftauchen aus einer chaotischen sozialen Struktur und daher konfus auftauchen und daher auch zu Konfusionen führen. So ist es auf vielen Gebieten. Deshalb ist es so notwendig, wirklich eine geisteswissenschaftliche soziale Weltanschauung zu erfassen, weil die allein das wirkliche Heil bringen kann.
[ 17 ] Nun werden Sie fragen: Ja, aber wird denn das eine Änderung hervorrufen? Wenn zum Beispiel einer ein bloßer Erbe ist, dann wird er ja auch sich weiter Ware kaufen für das Geld, das er hat oder ererbte, und in den Waren steckt ja schon die Arbeitskraft der andern Leute. Also das ändert sich nicht, werden Sie sagen. Ja, wenn Sie abstrakt denken, so ändert sich nichts. Aber wenn Sie hineinschauen würden in die ganze Wirkung dessen, was da geschieht, wenn abgesondert wird die Beschaffung der Existenzmittel von der Arbeit, so werden Sie anders urteilen. Denn in der Wirklichkeit ist es nicht so, daß man bloß abstrakte Konsequenzen zieht, sondern da haben die Dinge auch ihre realen Wirkungen. Wenn es wirklich so sein wird, daß die Existenzmittelbeschaffung abgetrennt wird von der Arbeitsleistung, dann gibt es nämlich keine Erbschaften mehr. Das bewirkt eine solche Änderung der Struktur, daß man kein Geld hat anders als zur Warenbeschaffung. Denn wenn eine Sache real gedacht wird, so hat sie nämlich allerlei Wirkungen. Unter anderem hat diese Trennung der Beschaffung der Existenzmittel von der Arbeit eine sehr eigentümliche Wirkung. Wenn man von Realitäten spricht, so kann man nicht so sprechen, daß Sie dann vielleicht sagen: Das sehe ich nicht ein. — Da könnten Sie auch sagen: Ich sehe nicht ein, warum Morphium schlaferzeugend ist. — Das folgt ja auch nicht aus einem bloßen Begriffszusammenhange, das zeigt sich Ihnen nur, wenn Sie die Wirkungen verfolgen.
[ 18 ] Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung, das besteht darin, daß das Geld sich vermehrt, wenn man es bloß hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann. Es ist eigentlich ein bloßer Unsinn. Man tut gar nichts; man legt sein Geld, das man vielleicht auch nicht erarbeitet, sondern ererbt hat, auf die Bank und bekommt Zinsen dafür. Das ist ein völliger Unsinn. Die Notwendigkeit wird aber eintreten, wenn die Existenzmittelbeschaffung getrennt wird von der Arbeit, daß Geld verwendet wird, wenn es da ist, wenn es erzeugt wird als Äguivalent der Waren, die da sind. Es muß verwendet werden, es muß zirkulieren. Denn die reale Wirkung wird eintreten, daß Geld sich nicht vermehrt, sondern daß es sich vermindert. Wenn heute einer eine bestimmte Summe Vermögen hat, so hat er in ungefähr vierzehn Jahren bei einer normalen Verzinsung fast das Doppelte, er hat nichts getan, hat nur gewartet. Wenn Sie sich so denken die Umänderung der sozialen Struktur, wie sie unter dem Einfluß dieses einen Grundsatzes, den ich Ihnen angeführt habe, geschehen muß, so vermehrt sich das Geld nicht, sondern vermindert sich, und nach einer bestimmten Anzahl von Jahren hat der Geldschein, den ich eben vor diesen Jahren erworben habe, keinen Wert mehr; er ist entwertet, er hört auf, einen Wert zu haben.
[ 19 ] Dadurch wird die Bewegung eine natürliche in der sozialen Struktur, daß solche Verhältnisse eintreten, daß das bloße Geld, das ja nichts weiter ist als ein Schein, eine Anweisung, daß man eine gewisse Macht hat über die Arbeitskräfte der Menschen, nach einer bestimmten Zeit entwertet ist, wenn es nicht in die Zirkulation geführt wird. Also nicht vermehren wird es sich, sondern es wird sich progressiv vermindern und wird nach vierzehn Jahren oder vielleicht nach einer etwas längeren Zeit absolut gleich Null sein. Sie werden, wenn Sie heute Millionär sind, nach vierzehn Jahren nicht ein doppelter Millionär sein, sondern Sie werden ein armer Schlucker sein, wenn Sie in der Zeit nichts Neues erworben haben.
[ 20 ] Wenn man das in der Gegenwart ausspricht, so wird das zuweilen noch so empfunden, als ob einen gewisse Tiere juckten, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf. Ich weiß das, ich würde den Vergleich nicht gebraucht haben, wenn ich nicht die merkwürdigen Bewegungen im Auditorium wahrgenommen hätte. Aber weil das so ist heute, daß man die Sache so empfindet, als wenn einen gewisse Tiere juckten, daher der Bolschewismus. Suchen Sie nur die richtigen Gründe. Da liegen die richtigen Gründe! Und Sie schaffen das, was da heraufkommt, gar nicht anders aus der Welt, als daß Sie auf die Wahrheit wirklich eingehen wollen. Da nützt es nichts, daß die Wahrheit unangenehm ist. Und das wird zur Erziehung der Menschheit der Gegenwart und der nächsten Zukunft im wesentlichen gehören, daß man nicht mehr glauben wird, daß Wahrheiten nach subjektivem Ermessen, nach subjektiven Sympathien und Antipathien sich regen dürfen. Dafür kann aber Geisteswissenschaft schon sorgen, wenn sie mit dem gesunden Menschenverstand aufgefaßt wird. Denn die Sache läßt sich auch geistig betrachten. Mit der vagen Redensart, die ich auch schon gehört habe, selbst von Anthroposophen, die Geld in die Hand nehmen und sagen: Das ist Ahriman! — mit dieser vagen Redensart ist nichts getan. Geld bedeutet ein Äquivalent für Ware und Arbeitskraft heute. Es ist eine Anweisung auf etwas, was geschieht. Geht man über von der bloßen Abstraktion zur Wirklichkeit, überlegt man sich, wenn man hier zehn Hundertmarkscheine hat und man bezahlt sie jemandem, daß man mit diesen zehn Hundertmarkscheinen soundso vieler Leute Arbeit als Äquivalent von Hand zu Hand gehen läßt, daß in diesen Scheinen die Macht liegt, daß soundso viele Leute arbeiten müssen, dann steht man schon im Leben drinnen. Dann steht man im Leben mit allen seinen Verzweigungen und Impulsen drinnen, und dann wird man nicht mehr an der bloßen Abstraktion, an der gedankenlosen Abstraktion des Geldzahlens haltmachen, sondern man wird sich fragen: Was bedeutet das, daß ich zehn Hundertmarkscheine von Hand zu Hand gehen lasse, die aufrufen, daß soundso viele Menschen, die Kopf und Herz und Sinn haben, arbeiten müssen? Was bedeutet das?
[ 21 ] Antwort auf eine solche Frage gibt letzten Endes nur eine geistige Betrachtung der Sache. Nehmen wir den extremsten Fall, meine lieben Freunde. Nehmen wir an, jemand hat, ohne daß er selbst sich für die Menschheit anstrengt, Geld. Es gibt ja den Fall. Ich will diesen extremen Fall betrachten. Also jemand hat, ohne daß er sich für die Menschheit anstrengt, Geld. Er kauft sich für das Geld etwas. Er ist sogar in der Lage, sich ein ganz angenehmes Leben zu zimmern dadurch, daß er dieses Geld hat, welches Anweisung auf menschliche Arbeitskraft ist. Schön. Dieser Mensch braucht ja kein schlechter Mensch zu sein, kann ein ganz guter Mensch sein, kann sogar ein sehr strebsamer Mensch sein. Die soziale Struktur durchschaut man ja oftmals nicht. Man hat nicht das Interesse an seinen Mitmenschen, das heißt, an der wirklichen sozialen Struktur. Man denkt, man liebe schon die Menschen, wenn 'man sich für sein ererbtes Geld zum Beispiel irgend etwas kauft, oder wenn man es selbst schenkt. Wenn man es schenkt, tut man ja auch gar nichts anderes, als daß man für denjenigen, dem man das Geld schenkt, soundso viele Leute arbeiten läßt. Es ist nur ein Machtmittel. Dadurch, daß es Anweisung auf Arbeitskraft ist, ist es ein Machtmittel.
[ 22 ] Aber, meine lieben Freunde, das ist ja so geworden, das hat sich so herausgebildet, und das ist das Spiegelbild von etwas anderem. Das ist das Spiegelbild von dem, was ich im vorigen Vortrag erwähnt habe. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß der Jahve-Gott die Welt dadurch für eine gewisse Zeit beherrscht hat, daß er die anderen Elohim aus dem Felde geschlagen hat, und daß er sich nun nicht mehr retten kann vor den Geistern, die er dadurch wachgerufen hat. Er hat seine Genossen, seine anderen sechs Elohim aus dem Felde geschlagen. Dadurch ist nur dasjenige, was der Mensch schon im embryonalen Zustand erlebt, im menschlichen Bewußtsein herrschend geworden. Die sechs anderen Kräfte, die der Mensch als Embryo nicht erlebt, sind dadurch unwirksam geworden, sind dadurch unter den Einfluß niederer geistiger Wesen gekommen. Und in den vierziger Jahren, sagte ich Ihnen, konnte Jahve sich nicht mehr retten. Da brach, weil mit der Jahve-Weisheit, die im Embryonalen erworben wird, nur die Vorsehung der äußeren Natur begriffen werden kann, und die Vorsehung aufhörte, begriffen zu werden, die bloße atheistische Naturwissenschaft herein. Das Spiegelbild davon ist die Zirkulation des Geldes, ohne daß mit dem Gelde Ware zirkuliert, daß das Geld einfach von einem Menschen auf den andern übergeht, ohne daß Ware zirkuliert. Denn mag der Mensch noch so sehr sich bestreben auf irgendeinem Gebiete: in dem, was Geld als Geld scheinbar produziert, lebt die ahrimanische Kraft. Sie können nicht erben, ohne daß soundso viel ahrimanische Kraft mit dem Gelde übergeht. Es gibt keine andere Möglichkeit, Geld in heilsamer Weise innerhalb der sozialen Struktur zu haben, als es christlich zu haben, das heißt, zu erwerben so, daß man mit dem, was man zwischen Geburt und Tod entwickelt, das Geld erwirbt. Also nicht darf die Art, wie man das Geld bekommt, ein Spiegelbild sein desjenigen, was jahvistisch ist. Jahvistisch ist, daß wir geboren werden, das heißt aus einem Embryo ins äußere Leben übergehen. Davon ist das Spiegelbild, daß wir Geld ererben. Die Eigenschaften, die wir mit dem Blute erben, sind durch die Natur ererbt. Das Geld, das wir ererben und nicht erwerben, wäre das Spiegelbild davon.
[ 23 ] Dadurch, daß das christliche Bewußtsein noch nicht Platz gegriffen hat, daß eigentlich noch immer mit der alten Jahve-Weisheit oder mit ihrem Gespenst, dem romanischen Staatsdenken, die soziale Struktur bewirkt wird, dadurch sind alle die Dinge hereingekommen, welche das heutige Unheil von der einen Seite her bewirkt haben. Ich sagte: Man darf die Sache nicht so abstrakt betrachten, wenn Geld Geld hervorbringt, sondern man muß sie in ihrer Wirklichkeit betrachten. Jedesmal, wenn Geld Geld hervorbringt, ist dies etwas, was nur auf dem physischen Plan hier vorgeht, während dasjenige, was der Mensch ist, immer zusammenhängt mit der geistigen Welt. Was tun Sie also, wenn Sie selbst nicht arbeiten, aber Geld haben und dieses Geld hingeben und der andere Mensch dafür arbeiten muß? Dann muß der Mensch das zu Markte tragen, was sein himmlischer Anteil ist, und Sie geben ihm nur Irdisches, Sie bezahlen mit nur Irdischem, mit rein Ahrimanischem. Sehen Sie, das ist die geistige Seite der Sache. Und wo Ahriman im Spiel ist, kann nur Untergang entstehen.
[ 24 ] Auch das ist wieder eine unangenehme Wahrheit; aber es hilft nichts, wenn sich etwa jemand sagt: Na, ich bin ja sonst ein anständiger Kerl oder eine anständige Kerlin, also tu’ ich doch nichts Unrechtes, wenn ich von meiner Rente dies oder jenes bezahle. — Sie tun tatsächlich doch das, daß Sie Ahriman für Gott geben. Dazu ist man gewiß in der gegenwärtigen sozialen Struktur vielfach gezwungen. Aber man soll nicht Vogel-Strauß-Politik spielen und die Sache sich verdecken, sondern man soll der Wahrheit ins Auge schauen. Denn davon hängt es gerade ab, was die Zukunft bringen soll, daß man der Wahrheit ins Auge schaut. Vieles von dem, was so katastrophal über die Menschheit hereingebrochen ist, ist eben dadurch hereingebrochen, daß die Leute die Augen und die Seelenaugen zugedrückt haben vor der Wahrheit, daß sie sich abstrakte Begriffe für Recht und Unrecht gezimmert haben und nicht auf das Wirkliche, Konkrete eingehen wollten. Und davon wollen wir dann morgen weitersprechen und die Sache dann morgen zu geistigen Höhen hinaufheben.
