Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186
13 Dezember 1918, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Sie werden aus den verschiedenen Betrachtungen, die wir in der letzten Zeit angestellt haben über die sozialen Impulse der neueren Zeit, der Gegenwart und der nächsten Zukunft, ersehen haben, daß in den mancherlei Erscheinungen, die aus diesen Impulsen heraus zutagetreten, sich eines wie eine Grundtendenz geltend macht, allerdings eine Grundtendenz, welche den Verlauf zunächst sehr äußerlich charakterisiert. Wir können sagen: Gewiß, die mannigfaltigsten Erscheinungen treten auf, die mannigfaltigsten Forderungen werden aufgestellt; soziale und antisoziale Weltanschauungen treten auf. Dies oder jenes wird getan aus solchen sozialen und antisozialen Weltanschauungen heraus. Wenn man aber von dem Gesichtspunkte aus, den wir nun gewonnen haben, zusammenfassen will mancherlei in die Frage: Was liegt denn eigentlich zugrunde, was will sich denn da an die Oberfläche der Menschengeschicke und der Menschenentwickelung arbeiten? — so wird man, allerdings zunächst äußerlich, die Sache so charakterisieren können: Der Mensch will auch eine soziale Ordnung haben, er will dem gesellschaftlichen Zusammenleben eine soziale Struktur geben, innerhalb welcher er sich, angemessen unserem Zeitalter der Bewußtseinsseele, bewußt werden kann, was er in seiner Würde als Mensch, in seiner Bedeutung als Mensch, in seiner Kraft als Mensch, was er als Mensch wissen kann. Er will sich als Mensch finden in dieser sozialen Ordnung. Diejenigen Impulse, die früher instinktiv waren, die haben den Menschen angeleitet, dies oder jenes zu tun, dies oder jenes zu denken, zu empfinden. Diese instinktiven Impulse wollen sich in bewußte Impulse verwandeln. Diese bewußten Impulse im Zeitalter der Bewußtseinsseele, das im fünfzehnten Jahrhundert seinen Anfang genommen hat und bis ins vierte Jahrtausend währen wird, wird der Mensch nur dann richtig in sein Leben hereinbringen können, wenn er sich immer mehr in diesem Zeitalter bewußt wird, was er als Mensch ist und als Mensch vermag auch innerhalb der sozialen Struktur, in der er gesellschaftlich, staatlich oder dergleichen lebt.
[ 2 ] Ich habe schon angedeutet, daß dasjenige, was ja doch im Sinne dieses Bewußtseinszeitalters nur von der Geisteswissenschaft richtig, klar durchschaut werden kann, daß das in mehr oder weniger tumultuarischer Art da oder dort zum Vorschein kommt, sowohl in den Ansichten, in den Gedanken der Menschen, als auch in den Ereignissen, in denen der Mensch in der Gegenwart lebt. Es ist zum Beispiel recht charakteristisch, ich möchte sagen erschütternd charakteristisch, was in einer Rede zum Ausdruck kommt, die Trotzki gehalten hat. Wenn Sie das nehmen, was ich jetzt über den Willen, den Menschen in den Mittelpunkt der Weltanschauung zu stellen, gesagt habe, so werden Sie solche Worte, wie sie Trotzki sagt, als etwas Erschütterndes vernehmen. Er sagt: Die kommunistische Lehre oder die sozialistische Lehre hat sich als eine ihrer wichtigsten Aufgaben gestellt, auf unserer alten sündigen Erde eine solche Lage zu erreichen, daß die Menschen aufeinander zu schießen aufhören werden. Eine der Aufgaben des Sozialismus oder des Kommunismus ist, eine solche Ordnung zu schaffen, bei welcher der Mensch zum ersten Male seines Namens würdig sein wird. Wir sind gewohnt, zu sagen, das Wort «der Mensch» klinge stolz. Bei Gorki ist gesagt: Der Mensch, das klingt stolz. — In Wirklichkeit aber, wenn man diese drei dreiviertel Jahre des blutigen Mordens überblickt, so möchte man ausrufen: Der Mensch, das klingt schändlich!
[ 3 ] Jedenfalls sehen Sie hier tumultuarisch auch diese Frage: Wie kann sich der Mensch seines Menschenwesens, seines Menschenwertes und seiner Menschenkraft gleichsam bewußt werden? — gleich im Anfange einer programmatischen Rede in den Mittelpunkt einer Betrachtung gerückt. Und so werden Sie, wenn Sie genauer zusehen, bei vielen ‘ Menschen der selben Erscheinung begegnen. Man versteht diese Erscheinung nur — ich meine jetzt die Art, wie das, was man durch Geisteswissenschaft klarer einsieht, unklar in den Köpfen spukt —, man versteht dieses Spuken, diese Erscheinung nur, wenn man auch mancherlei, was wir noch weniger betrachtet haben, mit Bezug auf das soziale Denken des fünften nachatlantischen Zeitraums ins Auge faßt. Eigentlich wird ungeheuer vieles anders, und zwar mit einem gewissen Sprung anders, seit jener Zeit, wo sich dieser fünfte nachatlantische Zeitraum im fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert an den vierten, der damals endete, anreiht — der, wie Sie wissen, im achten vorchristlichen Jahrhundert begonnen hat. Die Menschen merken nur nicht, wie sich eigentlich die seelische Konstitution der zivilisierten Menschheit beim Übergange zum Beispiel aus dem dreizehnten, vierzehnten in das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert radikal geändert hat. Ich habe Ihnen ja auf künstlerischem Gebiete, auf dem Gebiete des Gedankens, auf anderen Gebieten mannigfaltige Erscheinungen angeführt, aus denen Sie diese Änderung ersehen können. Heute wollen wir noch etwas ins Auge fassen, was ganz besonders für die Kräfte, die in der Gegenwart und der nächsten Zukunft spielen, von Bedeutung ist. Eigentlich kann man sagen, daß in bewußter Weise das öffentliche wirtschaftliche Leben, das öffentliche nationalökonomische Leben, wie es sich in die soziale Struktur hineinstellt, erst seit dem Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums beobachtet wird. Vorher war das, worüber die Menschen heute nachdenken, mehr oder weniger instinktiv in die Erscheinung getreten. Im Grunde fängt man erst gegen das sechzehnte Jahrhundert zu an, bewußt die Frage aufzuwerfen: Was ist Volkswirtschaftsordnung? Was ist die beste Volkswirtschaftsordnung? Welche Gesetze liegen der Volkswirtschaftsordnung zugrunde? — Und aus diesen Betrachtungen entwickeln sich dann die Impulse der sozialistischen Weltanschauung bis heute. Früher waren diese Dinge mehr oder weniger instinktiv geordnet worden, von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation, von Innung zu Innung, von Korporation zu Korporation, oder auch wohl von Reich zu Reich. Erst mit dem Heraufkommen des modernen Staatsgebildes, das ja ungefähr auch erst seit dem sechzehnten Jahrhundert datiert, sehen wir das Nachdenken über wirtschaftliche Fragen.
[ 4 ] Nun dürfen Sie, wenn Sie auf so etwas den Blick richten, folgendes nicht außer acht lassen. Sie müssen sich klar sein darüber: Solange etwas instinktiv wirkt, wirkt es mit einer gewissen Sicherheit. — Nennen Sie es «göttliche Ordnung», nennen Sie es «Naturordnung», wie Sie wollen, Instinkte sind etwas, was mit einer gewissen Sicherheit durch die Menschheitsentwickelung hindurch wirkt, woran sich mit Gedanken nicht rütteln läßt, respektive woran mit Gedanken nicht gerüttelt wird. Und das Unsichere beginnt erst dann, wenn dieselben Gegenstände, auf deren Gebieten vorher die Sicherheit der Instinkte gewirkt hat, nun durchdrungen werden von dem menschlichen Nachdenken, von dem menschlichen Intellekt. Und erst nach und nach gewinnt der Mensch — man kann sagen, wenn er die mannigfaltigsten Irrtümer durchgemacht hat —, in bewußter Art dann jene Sicherheit, die er vorher für andere Verhältnisse durch den Instinkt gehabt hat.
[ 5 ] Man darf natürlich dagegen nicht einwenden: Also kehre man lieber zum Instinkt zurück. Die Verhältnisse haben sich geändert, und unter den geänderten Verhältnissen würde der Instinkt nicht mehr das Richtige sein. Außerdem ist die Menschheit in einer Entwickelung und geht mit Bezug auf diese Dinge eben vom Instinkt zum bewußten Leben über. Die Forderung, man sollte wieder zu den alten Instinkten zurückkehren, wäre etwa ebenso gescheit, wie wenn jemand, der fünfzig Jahre alt ist, plötzlich beschließen wollte, wiederum zwanzig Jahre alt zu werden. — Da sehen wir, wie also gegen das sechzehnte Jahrhundert zu und im sechzehnten Jahrhundert das volkswirtschaftliche Denken beginnt. Man richtet den bewußten Blick auf Erscheinungen, die früher innerhalb des Menschheitszusammenhanges instinktiv erlebt worden sind.
[ 6 ] Es ist interessant, wenigstens einige der Gedanken, der Vorstellungen, die sich die Menschen über die soziale Ordnung gemacht haben, vor die Seele zu führen. Da traten zum Beispiel zuerst auf mit gewissen Vorstellungen über das wirtschaftliche soziale Leben die sogenannten Merkantilisten. Ihre Vorstellungen sind eigentlich ganz abhängig von den Rechtsvorstellungen, die man sich vorher in juristischer oder sonstiger Beziehung im öffentlichen Leben gemacht hat, und mit diesen Vorstellungen versuchen sie den Verlauf, den Werdegang des Handels und der aufkeimenden Industrie zu verstehen. Diese Vorstellungen der Merkantilisten sind vor allen Dingen abhängig von der Betrachtung von Handel und Industrie. Aber sie sind auch beeinflußt von anderen Dingen, sie sind beeinflußt davon, daß die moderne, mehr absolutistisch geartete Monarchie mit ihrem Gefolge, dem Beamtenstaat, damals ihr besonderes Gepräge erhalten hat. Die Vorstellungen sind dadurch bedingt, daß durch die Entdeckung Amerikas viel Edelmetall in Europa eingeführt worden ist, daß an die Stelle der alten Wirtschaft die Geldwirtschaft getreten ist. Durch solche Dinge sind die Vorstellungen der ersten Volkswirtschaftslehrer, der Merkantilisten beeinflußt. Diesen Leuten kam es nach den Vorstellungen, die sie sich gebildet haben, darauf an, die öffentliche Wirtschaft, das öffentliche soziale Zusammenleben nach dem Muster der alten Privatwirtschaft zu denken. Und für die alte Privatwirtschaft hatte man ja die alten römischen juristischen Vorstellungen. Wie gesagt, die setzte man fort, nach denen hatte man einfach zu erweitern gesucht die Gesetze der Privatwirtschaft in das öffentliche Leben hinein.
[ 7 ] Diese Vorstellungen haben ein eigentümliches Resultat gezeitigt, und es ist nicht uninteressant, zu verfolgen, auf was die Leute nach und nach in ihren Gedanken das Hauptaugenmerk richten. Sie haben das Resultat erzeugt, daß sich die Merkantilisten gesagt haben: Das Wesentliche einer Volkswirtschaft, einer Volksgemeinschaft beruht darauf, daß man möglichst viel Äquivalent hat für die durch Handel umzusetzende und durch die Industrie zu erzeugende Ware innerhalb eines volkswirtschaftlichen Territoriums. Mit anderen Worten, den Leuten kam es darauf an, solch eine soziale Struktur auszudenken, durch welche möglichst viel Geld in das Land kam, das sie gerade ins Auge faßten. In dem vorhandenen Gelde sahen sie den Wohlstand dieses Landes. Und wie kann man den Wohlstand dieses Landes, in dem dann auch der Wohlstand des einzelnen, meinten sie, der denkbar größte sein wird, groß machen? Dadurch, daß man möglichst eine solche innere Struktur dieses Landes herbeiführt, wodurch viel Geld im Lande zirkuliert, und wodurch auch wenig Geld von diesem Lande nach andern Ländern abfließt, so daß möglichst viel Geld im Lande konzentriert wird.
[ 8 ] Gegen diese Anschauung erhob sich dann eine andere, die man die physiokratische Anschauung nennt. Diese Anschauung ging von dem Gedanken aus: Auf die Menge des Geldes, die in einem Lande zusammengehalten wird, kommt es eigentlich nicht an mit Bezug auf den Wohlstand, sondern es kommt darauf an, wieviel man durch Arbeit aus dem Boden herausarbeitet, wieviel man durch die Ausnützung der Naturkräfte an Gütern gewinnt. Mit der Zirkulation der Güter im Handel und mit der Ansammlung von Geld wird eigentlich im wesentlichen nur etwas Scheinbates erreicht. Es wird nicht der Wohlstand wirklich erhöht.
[ 9 ] Sie sehen da in zwei aufeinanderfolgenden Anschauungen über die Volkswirtschaft zwei ganz verschiedene Gesichtspunkte auftreten. Darauf bitte ich Sie Ihr Augenmerk zu richten. Denn man könnte sehr leicht glauben, daß es außerordentlich leicht ist, wenn man das nur gelernt hat, zu sagen, wodurch der Wohlstand bedingt wird, welches die beste Art von Volkswirtschaft ist. Wenn Sie sehen, daß die Menschen, die darüber nachdenken, die sich das Nachdenken darüber sogar zum Beruf machen, zu entgegengesetzten Anschauungen im Laufe der Zeit kommen, so werden Sie nicht mehr sagen, daß es eine so ganz leichte Sache ist, sich Gedanken über diese Dinge zu machen.
[ 10 ] Dadurch, daß die Physiokraten auf die Erzeugung der Güter durch die Bearbeitung des Bodens, der Natur überhaupt, den Hauptwert legten, kamen sie dann zu der Konsequenz, daß man eigentlich die Menschen sich selbst überlassen müsse, damit sie durch die freie Konkurrenz dazu getrieben würden, möglichst viel herauszuarbeiten aus der Naturgrundlage des Daseins. Haben die Merkantilisten mehr darauf gesehen, Zölle aufzurichten, die Länder nach außen abzuschließen, damit der Geldabfluß nicht zu groß ist und der Volkswohlstand erhöht wird durch das Zusammenhalten des Geldes im Lande, so kamen die Physiokraten zu der entgegengesetzten Anschauung, daß gerade, wenn man frei von einem Lande in das andere aus- und einführt, die Kraft in der Ausnützung des Bodens über die ganze Erde hin erhöht wird, und damit auch der Wohlstand des einzelnen Landes. Sie sehen, es treten gleich in der Morgenröte des bewußten Denkens über volkswirtschaftliche Dinge nach den verschiedensten Richtungen hin entgegengesetzte Gedanken auf.
[ 11 ] Wir können dann weiter verfolgen, wie eine einflußreiche Anschauung auf volkswirtschaftlichem Gebiete Platz greift, die eigentlich ungeheuer intensiv die Gesetzgebungen beeinflußt hat, aber auch die Gedanken, die sich die Volkswirtschafter über diese Dinge gemacht haben. Das ist die Anschauung des Adam Smith, der namentlich die Frage sich vor die Seele rückte: Wie führt man eine soziale Struktur herbei, welche geeignet ist, den Wohlstand des einzelnen und den Wohlstand des Ganzen in der bestmöglichen Weise zu gestalten? — Adam Smith kam eigentlich — wir wollen auf einen charakteristischen Punkt dabei hinweisen — zu der Anschauung, daß die völlig individuelle Ausgestaltung der Volkswirtschaft das Allerbeste sei. Er ging ja davon aus, daß Güter, Waren, die ja schließlich den Inhalt der Volkswirtschaft ausmachen, die man zu kaufen und zu verkaufen hat, eigentlich das Ergebnis menschlicher Arbeit seien. Man könnte sagen, seine Anschauung war diese: Wenn man irgend etwas kauft, so ist das dadurch zustandegekommen, daß menschliche Arbeit verrichtet worden ist. Also ist gewissermaßen das Gut, die Ware, kristallisierte menschliche Arbeit. Und er meinte, daß der Wohlstand gerade wegen dieser Grundlage der Volkswirtschaft dadurch am besten herbeigeführt wird, daß man die Leute durch irgendwelche Gesetzgebungen nicht hindere, frei zu produzieren. Der einzelne wird gerade für die Gesamtheit dann das Beste leisten, wenn er für sich selber das Beste leistet. Adam Smith ist ungefähr der Anschauung, daß man auch für die gesamte Menschheit das Beste leiste, wenn man für sich das Beste leistet. Man kann dann am besten die Sachen abgeben und leistet für die Menschheit das Beste, wenn man für sich das Beste leistet. Es ist für den einzelnen und für die Menschheit am besten, wenn man individualistisch die Volkswirtschaft einrichtet, wenn man nicht durch Gesetzgebung besondere Hemmungen und dergleichen aufrichtet.
[ 12 ] Nun sehen Sie, die ganze Richtung des Gedankens geht bei solchen Volkswirtschaftslehrern darauf hin: Wie richtet man die soziale Struktur am besten ein? — Nun aber wird Ihnen dabei vielleicht eine Frage kommen, die Ihnen als die wichtigste dünken könnte, die ja in ihrer Eigenart auch von den Physiokraten nicht ganz klar ins Auge gefaßt wird. Es wird nachgedacht in den volkswirtschaftlichen Systemen, von denen ich bisher gesprochen habe, wie man am besten die volkswirtschaftliche Struktur herbeiführen kann. Allein die Verfolgung dieser Gedanken, die hier zutagetreten, die erinnert einen doch immer wieder daran, daß da auch die andere Frage da ist, die Frage: Was will denn eigentlich die ganze Volkswirtschaft? — Sie will doch nicht nur, sie kann wenigstens nicht nur verteilen wollen, was da ist, sondern sie muß doch auch darauf sehen, daß etwas da ist, daß materielle Güter wirklich produziert werden. Es kommt ja auch darauf an, daß man der Erde Güter abgewinnt. Wie steht das Verhältnis des Menschen zu den Gütern, die der Erde abgewonnen werden? Darüber hat eigentlich erst Malthus bewußte Gedanken aufgestellt, und zwar liefen seine Gedanken in einer Bahn, die im Grunde genommen schon den Menschen bis zu einem gewissen Grade bedenklich machen kann. So ganz unbegründet ist es durchaus nicht, was als eine Kardinalfrage, und was als eine Anschauung über diese Kardinalfrage Malthus gerade zutage gefördert hat. Er sagte: Wenn man überblickt die Bevölkerungszunahme der Erde — er war der Ansicht, der ja viele moderne Menschen sind, daß die Bevölkerung der Erde immer zunimmt —, und wenn man überblickt die Zunahme der geförderten Nahrungsmittel, der geförderten Lebensmittel, so stellt sich ein Verhältnis heraus. Und Malthus drückt es etwas mathematisch aus, indem er sagt: Die Zunahme der Lebensmittel geht in arithmetischer, die Zunahme der Menschen in geometrischer Progression vor sich. — Ich kann Ihnen vielleicht durch ein paar Zahlen dies klar machen. Nehmen wir an, das Verhältnis der Nahrungsmittelzunahme ist 1, 2, 3, 4, 5, so würden wir das geometrische Verhältnis haben: 1, 2, 4, 8, 16. Er meint mit anderen Worten, die Bevölkerung nimmt viel schneller zu, als die Nahrungsmittel zunehmen. Er ist also der Ansicht, die Entwickelung der Menschheit kann der Gefahr gar nicht entgehen, daß Kampf ums Dasein eintritt, und daß endlich viel zuviele Menschen da sind im Verhältnis zur Nahrungsmittelzunahme. Also er faßt die volkswirtschaftliche Entwickelung der Menschheit von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus ins Auge; von dem Gesichtspunkte des Zusammenhanges des Menschen mit den Erdenverhältnissen. Er kommt dazu, oder wenigstens seine Anhänger kommen dazu, daß es eigentlich gegen die Entwickelung spricht, viel Armenpflege und dergleichen zu treiben, denn dadurch züchtet man nur die Übervölkerung,; und das ist der Menschheitsentwickelung schädlich. Er kommt sogar dazu, zu sagen: Derjenige, der schwach ist im Leben, den lasse man ununterstützt, denn es kommt darauf an, daß die Unzulänglichen im Leben ausgemerzt werden. — Er versucht dann noch andere Mittel, von denen ich hier nicht sprechen will, ich kann es nur andeuten. Das Zweikindersystem sucht er namentlich zu empfehlen, um die Naturtendenz der Übervölkerung hintanzuhalten. Kriege betrachtet er als etwas, was notwendig in der Menschheitsentwickelung auftreten muß, weil eben die Naturtendenz vorhanden ist, daß die Bevölkerungszunahme eine weitaus schnellere ist als die Lebensmittelzunahme.
[ 13 ] Sie sehen, eine recht pessimistische Anschauung über die wirtschaftliche Menschheitsentwickelung tritt da in die Geschichte ein. Man kann nicht sagen, daß diese Frage: Wie hängt der Mensch mit der Naturgrundlage seiner Wirtschaft zusammen? — sehr viel Pflege in der neueren Zeit erfahren hat. Nicht einmal ein klares Bewußtsein, daß nach dieser Richtung auch geforscht werden sollte, ist bei den Menschen der neueren Zeit vorhanden. Dann wurde gewissermaßen immer wieder hingewiesen auf die soziale Struktur selbst, auf die Art und Weise, wie die Menschen das, was da ist, zu verteilen haben, damit sie möglichst großen Wohlstand erzielen; nicht, wie man aus der Erde heraus möglichst viel schafft, sondern mehr auf die Verteilung ging die Frage.
[ 14 ] Nun, im Laufe der Gedankengänge treten da verschiedene Dinge auf, die zu beachten wichtig ist, weil sie das soziale und sozialistische Denken der Gegenwart vorbereiten, das schon bis zu einem hohen Grade die Menschen hineingeführt hat und noch weiter hineinführen wird in eine Art von sozialem Chaos, aus dem der richtige Ausweg eben ganz notwendigerweise gesucht werden muß. Eines habe ich gerade schon angedeutet, daß zum Beispiel bei Adam Smith deutlich der Gedanke zutagetritt, dasjenige, was man als Gut kauft, die Ware, sei aufgespeicherte Arbeit. Und gewissermaßen bildet sich heraus wie etwas, was einer Naturnotwendigkeit entspricht, der Gedanke: Man kann dasjenige, was als Ware auftritt, gar nicht anders betrachten, denn als aufgespeicherte Arbeit. Dieser Gedanke beherrscht die Menschen so, daß er eigentlich einer der Grundmotoren des proletarischen Denkens der Gegenwart ist. Er ist dies insofern, als aus den nationalökonomischen Voraussetzungen, die ich Ihnen charakterisiert habe, in die Köpfe des modernen Proletariats ein scharfer Blick dafür hineingekommen ist, daß ja in der Tat, so wie die volkswirtschaftliche Ordnung, die soziale Struktur heute ist, die Arbeitskraft des Arbeiters, der ja besitzlos ist und nur seiner Hände Arbeit auf den Markt bringen kann, eine Ware ist. Ebenso wie man andere Dinge kauft, so kauft man Arbeitskraft bei dem proletarischen Arbeiter.
[ 15 ] Gegenüber der Frage: Was bin ich eigentlich als Mensch? — empfindet der moderne Proletarier dies als etwas, was ihn am meisten bedrückt, und von wo seine Forderungen instinktiv ausgehen. Er will nicht, daß irgendein Teil von ihm verkauft wird; er kommt sich vor, man kann sagen, als ob man seine zwei Hände, seine zwei Arme ebensogut verkaufen könnte, wie man seine Arbeit kaufen und verkaufen kann. Das erscheint dem Menschen unbequem, in welcher Form das auch zum Ausdruck komme, sei es nun marxistisches Denken, oder sei es revisionistisches, oder wie man es nennen will; es liegt das Empfinden zugrunde: Andere Leute kaufen und verkaufen Waren, ich aber muß meine Arbeitskraft verkaufen.
[ 16 ] Es wäre der Einwand nur ein Irrtum, wenn man etwa sagen würde: Auch andere Leute verkaufen ihre Arbeit. — Das ist nämlich nicht wahr. In unserer heutigen sozialen Struktur verkauft wirklich nur der proletarische Arbeiter seine Arbeit. Denn in dem Augenblick, wo man in irgendeiner Weise mit Besitzesverhältnissen verknüpft ist, hört man auf, seine Arbeitskraft zu verkaufen. Also der Bourgeois verkauft nicht seine Arbeitskraft; er kauft und verkauft Ware. Er verkauft vielleicht die Erzeugnisse seiner Arbeit; aber das ist etwas anderes, als seine Arbeit verkaufen. Über diese Dinge hat gerade der moderne Proletarier sehr scharfe Begriffe, und wer das Denken des modernen Proletariats kennt, der weiß, daß dieses Prinzip: Proletarisches Arbeiten heißt seine Arbeitskraft verkaufen — als das eigentliche treibende Element im heutigen proletarischen Denken wirkt, von den gemäßigtsten bis in die radikalsten Formen hinein. Wer das nicht ermessen kann aus den Phänomenen heraus, der versteht eben die heutige Zeit nicht, und es ist traurig, daß so viele Leute die heutige Zeit nicht verstehen. Dadurch kommen wir eben immer tiefer und tiefer in die Wirrnisse hinein, weil die Menschen nicht versuchen, ihre Zeit zu verstehen. Das ist das eine.
[ 17 ] Das andere ist, daß sich — allerdings modifiziert durch spätere, aber in einer gewissen Weise instinktive Punkte — im Zusammenhange mit dem Charakterisierten solch ein Gedanke ausgebildet hat, wie der vom Lohngesetz. In der radikalen Form, in der dieser Gedanke früher existiert hat, existiert er allerdings im modernen proletarischen Denken nicht mehr, aber man muß doch die Form kennen, in der dieser Gedanke zum Beispiel bei Lassalle noch existiert hat; damit man sich über das orientiere, was gleichsam als ein Residuum über diesen Gedanken in der proletarischen Gegenwart noch immer existiert. Klar fixiert ist dieser Gedanke von dem sogenannten ehernen Lohngesetz vom volkswirtschaftlichen Forscher Ricardo. Aber Lassalle hat ihn noch Mitte des vorigen Jahrhunderts mit aller Energie vertreten. Er würde etwa so heißen: So wie einmal die heutige soziale Struktur ist mit der Form des Kapitals, so kann derjenige, der proletarisch arbeiten muß, niemals über ein gewisses Maximum hinaus für seine Arbeit entlohnt werden. Der Lohn muß sich immer in einer gewissen Höhe bewegen. Er kann nicht über diese Höhe steigen und nicht unter diese Höhe hinunterfallen. Die objektiven Verhältnisse selbst machen es notwendig, daß sich ein gewisser Satz von Arbeitsentlohnung geltend macht. Über den Maximal- oder meinetwillen Minimallohn — das ist ja in diesem Falle gleichgültig — kann sich das Lohnniveau des Arbeiters nicht hinauf- und nicht herunterbewegen; wenigstens nicht wesentlich; so glaubt Ricardo, und zwar aus folgendem Grund. Er sagt: Nehmen wir an, es trete durch irgendwelche Verhältnisse, zum Beispiel durch gute Konjunktur oder irgend etwas in irgendeiner Zeit eine besondere Erhöhung des Lohnes ein. Was würde geschehen? Die Proletarier würden also plötzlich hohe Löhne bekommen, ihr Lebensstand würde sich dadurch erhöhen, sie kämen zu einem bestimmten Wohlstand. Proletarische Arbeit zu suchen wäre dann etwas, was mehr anzieht, als beim früheren Lohne. Es ist ein stärkeres Angebot von proletarischer Arbeit da, außerdem durch den Wohlstand eine stärkere Vermehrung der Arbeiter und so weiter, kurz, es ist ein stärkeres Angebot da. Die Folge davon wird sein, daß man leichter den Arbeiter bekommt. Also unterzahlt man ihn wiederum. Der Lohn fällt also wiederum zurück auf das frühere Niveau. Gerade dadurch, daß er steigt, werden Erscheinungen hervorgerufen, die ihn wieder fallen machen. Nehmen wir an, er fällt nun durch irgend etwas, so tritt eine Verelendung ein, dadurch ein geringeres Angebot. Die Arbeiter sterben früher und werden krank, haben weniger Kinder, also es tritt ein geringes Angebot an Arbeitskräften ein, und damit wird wiederum Lohnerhöhung eintreten. Man kann aber nur so weit gehen, als das eherne Niveau ist.
[ 18 ] Natürlich haben Ricardo und auch noch Lassalle, indem sie dieses eherne Lohngesetz aufgestellt haben, an die Bestimmung des Lohnes im rein volkswirtschaftlichen Prozeß gedacht. Heute, und auch schon vor zwei, drei Jahrzehnten, sagten einem selbst schon Proletarier, wenn man ihnen in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre das eherne Lohngesetz zitierte: Das ist nicht richtig, da haben sich Ricardo und Lassalle geirrt. Aber eigentlich ist dieser Einwand nicht richtig, denn diese Forscher konnten nur meinen, wenn die soziale Struktur sich selbst überlassen ist, dann tritt dieses eherne Lohngesetz in Kraft. Aber eben um es nicht in Kraft zu haben, wurden Arbeiterassoziationen gegründet, wurde die Staatshilfe und der Staatseinfluß zu Hilfe genommen. Die Folge davon ist, daß man den Status des Lohngesetzes künstlich erhöht. Was also darüber hinausgeht über das eherne Niveau des Lohngesetzes, das ist durch Gesetzgebung oder durch Assoziation und dergleichen hervorgerufen. Deshalb ist der Einwand nicht richtig. Sie sehen, es kommt darauf an, wie man den Gedanken wendet.
[ 19 ] Nun, ich wollte Ihnen diese Dinge, die sich ja ins Unermeßliche vermehren ließen, nur vorführen, um Ihnen zu zeigen, wie sich im Zeitalter der Bewußtseinsseele die Gedanken über die Volkswirtschaft allmählich herausgebildet haben. Die Meinungen waren immer nach der einen oder nach der anderen Seite hin ausschlaggebend. Die einen meinten immer, der Volkswohlstand gedeiht am besten, wenn man die Volkswirtschaft individualistisch einrichtet, wenn man den einzelnen möglichst frei sein läßt. Die anderen meinten, dadurch werden die Schwächeren beeinträchtigt; man müsse den Schwächeren stützen dadurch, daß der Staat oder die Assoziation zu Hilfe kommt.
[ 20 ] Ich müßte Ihnen viel charakterisieren, wenn ich all das anführen wollte, was im Laufe der Zeit zutagegetreten ist. Auf den verschiedensten Gebieten der Erde, der zivilisierten Welt, traten solche Volkswirtschaftsvorstellungen auf. Es gingen diese, die ich Ihnen charakterisiert habe, und viele andere im Grunde genommen alle darauf hinaus, nicht nur darüber nachzudenken: Wie stellt sich in der Welt, wie sie sich nun einmal bis jetzt entwickelt hat, die soziale Struktur dar? — sondern sie gingen auch darauf hinaus: Wie macht man es am besten mit dieser sozialen Struktur, damit die Menschen nicht elend leben müssen, damit die Menschen Wohlstand haben und dergleichen? Die Volkswirtschaftslehre hatte bei vielen ihrer Bearbeiter doch die Tendenz, das volkswirtschaftliche Leben zu verbessern. Utopistische und solche Naturen, wie zum Beispiel die französischen Sozialisten Saint-Simon, Auguste Comte, Louis Blanc und andere, sie haben diese Tendenz im Auge. Sie haben etwa den folgenden Gedanken: Bis jetzt hat sich mehr oder weniger die Gesellschaft, weil sie sich selbst überlassen war, so entwickelt, daß ein großer Unterschied zwischen Armen und Reichen, Wohlhabenden und Elenden zutagegetreten ist. Das muß abgeändert werden. — Sie haben zu diesem Zwecke die Gesetze der Volkswirtschaft studiert, und haben die mannigfaltigsten Gedanken hervorgebracht, um diese Dinge abzuändern und irgendwelche Besserungen herbeizuführen. Manche gingen natürlich dabei überhaupt von dem Gedanken aus, daß sich eine Art Paradies, wie ich neulich erwähnte, auf der Erde herstellen ließe.
[ 21 ] Eine besondere Form hat aber nun dieses Denken über die soziale Struktur eben beim modernen Proletariat angenommen. Und über die Gründe, warum gerade das Proletariat prädestiniert war, solche Anschauungen auszubilden, habe ich ja hier schon gesprochen. Aber über einen besonderen Gesichtspunkt möchte ich noch ergänzende Bemerkungen machen. Gewiß, das, was Karl Marx in seinen Büchern und in denen, die er mit Friedrich Engels zusammen geschrieben hat, zum Ausdruck gebracht hat, ist ja vielfach abgeändert worden. Aber die Abänderungen sind viel geringer als die Grundimpulse, die eigentlich in diesen Dingen sind. Und man kann, trotzdem dieser Ausspruch nur sehr modifiziert gilt, im allgemeinen doch sagen: Über alle Länder der zivilisierten Erde hin, vom äußersten Westen bis nach Rußland hinüber, werden die Proletarier beherrscht, wenn auch heute nicht mehr ausgesprochen von den Konturen der marzistischen Gedanken, aber von den marxistischen Impulsen. In einer ganz eigentümlichen Weise tritt das Denken über die soziale Struktur in diesem modernen marxistischen proletarischen Denken auf.
[ 22 ] Die Gedanken, die ich Ihnen jetzt entwickelt habe, die also auch bei den bürgerlichen Volkswirtschaftern seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters auftreten, sie werden aufgenommen von dem sozialistischen Denken. Sie werden aber von dem sozialistischen Denken ebenso umgeprägt, wie sie der Proletarier aus seiner proletarischen Kaste heraus nach seiner Meinung notwendig denken muß. Da tritt das Eigentümliche zutage, daß dieser Gedanke: Innerhalb der modernen kapitalistischen sozialen Struktur muß der Mensch seine Arbeitskraft als Proletarier verkaufen — theoretisch weiter ausgebildet, der treibende Motor des proletarischen Denkens wird, daß der Gedanke auftaucht: Wie ist das zu vermeiden, daß die Arbeitskraft wie eine Ware auf den Markt gebracht und verkauft werden kann? — Natürlich wirkt in diesen Impuls hinein die Anschauung, die sich auch klar formuliert bei Adam Smith und bei anderen findet, daß man es in der Ware, die man kauft, mit aufgespeicherter Arbeitskraft zu tun hat. Es ist ein ungeheuer plausibler Gedanke, ein Gedanke, der sich dann zu der Konsequenz erweitert: Ja, was läßt sich da überhaupt machen? — Wenn ich irgendeinen Rock kaufe, so ist die Arbeit, die der Schneider verwendet hat, oder derjenige, der daran beteiligt war, daß der Rock zustandegekommen ist, drinnen in dem Rocke: aufgespeicherte Arbeit. Es wird daher die Frage gar nicht so ins Auge gefaßt: Kann man die Arbeit von der Ware loslösen? — sondern das wird als etwas, ich möchte sagen, Axiomatisches, als etwas Selbstverständliches angesehen, daß unzertrennlich die Arbeit mit der Ware verbunden ist. Man sucht also nach einer sozialen Struktur, die für den Arbeiter diese unumstößliche Tatsache möglichst unschädlich machen soll, daß die Arbeit mit dem Produkte der Arbeit verbunden bleibt. Unter solchem Einflusse ist eigentlich der Marxismus entstanden, ist der Glaube entstanden, daß man nur dadurch, daß man das Produktionsmittel in die Allgemeinheit überführt, also in einer gewissen Weise die Allgemeinheit zum Besitzer der Produktionsmittel, der sämtlichen Maschinen und des Grund und Bodens und der Verkehrsmittel macht, daß man nur dadurch in einer gewissen Weise eine gerechte Entlohnung herbeiführen kann. Es entstand gar nicht die Frage: Kann man die Ware unabhängig machen von der Entlohnung? — sondern: Wie kann man eine gerechte Entlohnung herbeiführen, wenn man axiomatisch, selbstverständlich annehmen muß, daß die Arbeit in die Ware hineinfließt? — Das ist die Fragestellung, und mit der hängt alles übrige zusammen. Mit ihr hängt sogar die materialistische Auffassung der Wirtschaftslehre, die extreme materialistische Geschichtsauffassung zusammen. Die bestehen ja, wie ich Ihnen auch schon ausführte, darin, daß der moderne Proletarier denkt: Alles, was innerhalb der Menschheitskultur wirkt, alles geistige Erzeugnis, alles Denken, alle Politik, alles überhaupt, was nicht auf wirtschaftlichen Vorgängen beruht, ist nur ein Überbau, eine Ideologie, die sich auf der Grundlage desjenigen aufrichtet, was wirtschaftlich erarbeitet wird. Wirtschaft ist das Reale. Die Art, wie der Mensch in die wirtschaftliche Struktur hineingestellt ist, das ist das Reale im Menschenleben. Was er dann für Gedanken hat, das ergibt sich aus seinem wirtschaftlichen Zusammenhang. Solche Leute, die ganz stramme Marxisten sind, wie zum Beispiel Franz Mehring, die schreiben über Lessing das ist nur ein Beispiel —, indem sie untersuchen: Wie war das Wirtschaftsleben in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts? Wie hat man da fabriziert, wie hat man eingekauft? Wie war das Verhältnis vom Gewerbe zu der übrigen Menschheit? Wie hat man infolgedessen gedacht? Wie ist Lessing zustandegekommen? — Diese besondere Persönlichkeit mit ihren Leistungen, Lessing, wird aus dem Wirtschaftsleben der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts heraus erklärt! Kautsky oder andere versuchen sogar, das Auftreten des Christentums von diesem Gesichtspunkte aus zu erklären. Sie untersuchen die wirtschaftlichen Verhältnisse am Beginne unserer Zeitrechnung und stellen fest: Es walteten die und die Produktionsverhältnisse. Das bedingt, daß man damals in einer gewissen Weise das, was sie eine Art kommunistischen Denkens nennen, entfaltete, das dann auf den Namen des Christus Jesus getauft worden ist. Die Wirklichkeit im Beginne unserer Zeitrechnung ist in Wahrheit die wirtschaftliche Ordnung. Das Christentum ist eine Ideologie, ein Überbau, gleichsam ein Spiegelbild unserer wirtschaftlichen Ordnung. Es gibt nichts anderes als wirtschaftliche Ordnung. Das andere ist alles darüber schwebend, Fata Morgana, Spiegelbild, nichts Wirkliches, höchstens etwas, was — wie ich schon in früheren Vorträgen charakterisiert habe — wieder zurückwirkt auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, aber in geringem Maße auf dem Umwege durch menschliche Vorgänge anderer Art.
[ 23 ] Diese zwei Dinge wirken zusammen. Die Entrüstung darüber, daß der Mensch einen Teil von sich, seine Arbeitskraft, wie eine Ware behandeln lassen muß: das wirkt zusammen mit der vollständig ins Extreme getriebenen materialistischen Vorstellung, daß das wirtschaftliche Leben das einzige ist, was wirklich ist.
[ 24 ] Natürlich haben nicht alle Menschen sich dieser Anschauung zugewendet, obwohl Millionen von Menschen, gerade die Proletarier, von diesen Anschauungen mehr oder weniger beherrscht sind. Aber bei den andern Menschen wurde ja mit Bezug auf diese Dinge eine andere Sache üblich. Bei den anderen Menschen ist das ja nicht üblich, was bei den Proletariern üblich ist. Wenn die Proletarier ihre acht oder zehn oder manchmal mehr Stunden gearbeitet haben, dann finden sie sich abends zusammen und besprechen diese Frage, lassen sich diese Frage vortragen; auch Frauenversammlungen finden da statt. Sie kümmern sich, jeder einzelne, um die Beschaffenheit der sozialen Struktur und denken in ihrer Art darüber nach, lassen sich die Ergebnisse derjenigen, die über diese Dinge nachdenken, mitteilen und so weiter. Sie wissen Bescheid, nach ihrer Art allerdings, aber sie wissen Bescheid. — In der darüber liegenden Schichte, die man die Bourgeoisie nennt — Sie werden das zugeben müssen —, ist das nicht der Fall, und nach «getaner Arbeit», das sagen wir in Gänsefüßchen, beschäftigt man sich mit anderem. Mit den Proletariern beschäftigt man sich höchstens in der Weise — und man glaubt dann schon sehr viel getan zu haben —, daß man es sich auf der Bühne vorspielen läßt, von irgendeinem Spießer als Dichter zubereitet. Aber die Gedanken über die wirtschaftliche Ordnung, die läßt man die Professoren an den Universitäten denken. Die sind ja dazu angestellt, die machen das schon. Autoritätsgläubig ist man ja allerdings nicht, aber man schwört auf dasjenige, was diese Professoren an den Universitäten über solche Dinge ausgedacht haben; das muß selbstverständlich richtig sein, denn sie werden vom Staate bezahlt und sind überhaupt die Leute, die dazu da sind. Ja, aber sehen Sie, unter diesen Professoren hat sich allmählich eine merkwürdige Volkswirtschaftslehre herausgebildet. Wenn sie heute Bücher schreiben, so nennen sie das die «historische Schule ». Sie handeln ab den Merkantilisten, den Physiokraten, Adam Smith, den Sozialismus, den Anarchismus und so weiter, und dann ihre eigene Anschauung; das ist die «historische Schule». Sie fragen sich: Wie soll man denn zu dem Gedanken kommen, wie man es machen soll? — Wahrhaftig, hilflos sind diese Menschen in dieser Beziehung. Sie raffen sich nicht zu einer solchen Aktivität des Denkens auf, die nach Vorstellungen drängt, wie man es machen soll, um irgendeine gesellschaftliche Struktur herbeizuführen. Solche Spießbürger wie, sagen wir, Lujo Brentano oder wie Schmoller oder wie Roscher, die kommen gar nicht darauf, das Denken in Aktivität zu versetzen, sondern sie meinen, man muß die Erscheinungen studieren, wie es der Naturforscher auch macht. Ein solcher Mensch läßt die Erscheinungen ablaufen und studiert sie. Er studiert einfach die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, vielleicht noch die geschichtliche Entwickelung der Vorstellungen der Menschen über ihre Wirtschaft. Das, was da ist, das beschreibt man. Man macht es höchstens so wie Lujo Brentano: Wenn man es nicht gerade in seiner Heimat beobachten will, reist man in ein Land mit repräsentativer Wirtschaft, nach England, macht da Untersuchungen, beschreibt dann, wie dort die Verhältnisse von Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind und dergleichen. Man lernt erkennen, daß da reiche Leute sind, wie Kredit erworben wird, wie das Kapital arbeitet, daß Elend da ist, daß Besitzlose da sind, daß manche nichts zu essen haben, mehr oder weniger durch diese oder jene Umstände nichts zu essen haben. Aber dann sagen die Menschen: Ja, die Wissenschaft hat nicht die Aufgabe, zu zeigen, wie sich die Dinge entwickeln sollen, sondern nur hinzuweisen, wie sie sich entwickeln. Aber was wird nun schon schließlich aus einer solchen Wissenschaft, die doch auf das praktische Leben geht, wenn sie eigentlich nur beobachtet, wie die Dinge sich entwickeln? Es ist schon so, wie wenn ich einen Maler heranbilden will und ihm sage: Versuche vor allen Dingen zu allen möglichen Malern zu gehen und beobachte, wie es der eine gut, der andere schlecht macht und so weiter, aber selber mache nichts! — Nicht wahr, auf einem solchen Gebiete wird die Sache gleich paradox; aber es ist wirklich mit dem andern zu vergleichen. Es ist nämlich schon zum Aus-der-Haut-Fahren — verzeihen Sie den Ausdruck —, wenn man wirklich in eine Betrachtung dessen eintritt, was heute, man kann nicht sagen geleistet, sondern vertrottelt wird, wenn naturwissenschaftliche Methode auf solche Dinge wie Volkswirtschaft oder ähnliches eingehen will. Denn es kommt dabei gar nichts heraus, weil im Grunde genommen schon die Voraussetzungen die allertörichtesten sind. Höchstens, nicht wahr, daß dann sich aus dieser Schar die sogenannten Katheder-Sozialisten herausbilden, die eben aus ihrer Betrachtung dessen, was vorhanden ist, zu dem Schlusse kommen: Es muß etwas geschehen. — Und dann macht man Gesetze, die dem oder jenem abhelfen sollen.
[ 25 ] Aber gerade diese Hilflosigkeit hat ja mitgewirkt zur Herbeiführung dieser Situation. Und es würde heute eine Feigheit sein, nicht darauf hinzuweisen, daß dasjenige, was die heutige, natürlich keine Autorität anbetende Menschheit sich vorsagen läßt auf diesem Gebiete, womit sie sich befriedigt erklärt, vielfach schuld ist an dem Chaos, in das wir hineingekommen sind. Diese Dinge sind so ernst, daß man sie wirklich auch in ihrer wahren Gestalt anfassen muß. Dann entsteht schon die Frage: Was wirkt noch tiefer in all diesen Dingen? Warum ist das alles so gekommen? Warum wirken solche schwankenden Vorstellungen auf einem der Menschheit wichtigsten Gebiete, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe?
[ 26 ] Betrachten wir eine solche Vorstellung, wie sie zwar illusionär, aber außerordentlich wirksam ist, betrachten wir die — meinetwillen modifizierte marxistische Vorstellung, die im wesentlichen ja die Vorstellung der heutigen Professorenköpfe ist: Wirklich ist nur die Wirtschaft, wirklich ist nur die ökonomische Struktur; das andere ist alles ideologisch, Überbau, Fata Morgana, die sich darum herumentwickelt. Etwas höchst Merkwürdiges im Grunde: der absolute Unglaube an alles, was der Mensch als Geistiges produzieren kann aus all den Vorstellungen, die sich seit dem Heraufkommen des Zeitalters der Bewußtseinsseele entwickeln. Da macht sich das geltend, daß die Menschen immer mehr zu dem hingedrängt werden, was äußerlich bekannt ist, was äußerlich handgreiflich für die Sinne da ist. Das andere fliehen sie, meiden sie. Und unter diesem Fliehen, unter diesem Meiden haben sich nicht nur die sozialen Gedanken, sondern die sozialen Empfindungen und schließlich die sozialen Ereignisse in unserer Zeit herausgebildet, und werden sich weiter herausbilden, wenn nicht der Ruf nach einem wirklich geisteswissenschaftlichen Durchdringen dieser Tatsache gehört wird.
[ 27 ] Was liegt da zugrunde? Das liegt zugrunde, daß wir eben in das Zeitalter der Bewußtseinsseele eingetreten sind, daß wir seit dem fünfzehnten Jahrhundert darinnen sind, und daß diese Entwickelung innerhalb des Zeitalters der Bewußtseinsseele, dieses Hindrängen des Menschen nach der Erweckung der Bewußtseinsseele notwendig macht, daß sich der Mensch immer mehr und mehr einem Punkt seiner Entwickelung nähert, wo er eigentlich — aus «Kontra-Instinkten» heraus — fliehen will. Ein Wesentliches wird darinnen bestehen, daß der moderne Mensch diesen Fluchtinstinkt überwindet; er will fliehen vor etwas, in das er doch hinein muß. Ich habe Ihnen neulich, als ich das letztemal hier gesprochen habe, gesagt: Über die verschiedenen nationalen Gebiete hin, den Westen, die mittleren Länder, den Osten, ist differenziert auch die Art, wie der Mensch an den Hüter der Schwelle herankommt, wenn er die geistige Welt betritt. Ein SichHinbewegen zum Erleben solcher Erlebnisse, wie sie bewußt beim Hüter der Schwelle gemacht werden können, wie sie aber instinktiv mehr oder weniger von den Menschen nach und nach im Zeitalter der Bewußtseinsseele gemacht werden müssen — ein Hingedrängtwerden zu den Erfahrungen beim Hüter der Schwelle in einer bestimmten, wenn auch äußerlichen Form, das ist es, was wie ein Impuls, wie ein Instinkt, wie ein Trieb in den modernen Menschen wirkt, und was sie fliehen. Sie fürchten sich, dahin zu kommen, wohin sie eigentlich kommen sollten.
[ 28 ] Das ist sehr gesetzmäßig in der modernen Entwickelung des Menschen. Nehmen Sie das, was ich vorhin als äußerliche Charakteristik des modernen Strebens vorgeführt habe. Der Mensch strebt danach, zu erkennen, was er ist als Mensch, was er wert ist als Mensch, welche Kraft er hat, was seine Würde ist als Mensch. Der Mensch strebt danach, sich als Menschen selber anzuschauen, endlich zu einem Bilde seines eigenen Wesens zu kommen. Man kann nicht zu einem Bilde des Menschen kommen, wenn man innerhalb der Sinneswelt stehenbleiben will, denn der Mensch erschöpft sich nicht in der Sinneswelt, der Mensch ist nicht bloß ein sinnliches Wesen. In den Zeitaltern der instinktiven Entwickelung, wo man nicht nach einem Bilde des Menschen oder nach der Menschenwürde oder nach der Menschenkraft fragt, da kann man vorbeigehen an der Tatsache, daß, wenn man den Menschen erkennen will, man aus der Sinneswelt hinausgehen und in die geistige Welt hineinsehen muß, daß man mit der übersinnlichen Welt wenigstens in irgendeiner Form intellektuell in unserem Zeitalter des Bewußtseins Bekanntschaft machen muß. Da wirkt aber dann unbewußt dasselbe, was bewußt der zu Initiierende zu überwinden hat. Unbewußt wirkt zunächst noch in unseren Zeitgenossen und in den Menschen, deren soziale Gedanken ich Ihnen geschildert habe, diese Furcht vor dem Unbekannten, das betrachtet werden muß. Furcht, Mutlosigkeit, Feigheit, das ist es, wovon die moderne Menschheit beherrscht ist. Und wenn diese moderne Menschheit sagt: Wirtschaft ist das Handgreifliche, was alles bewirkt — so ist diese Anschauung dadurch entstanden, daß man sich fürchtet vor dem, was unsichtbar ist, was nicht handgreiflich ist. Dem will man sich nicht nähern, das will man vermeiden, das biegt man zur Ideologie, zur Fata Morgana um. Und man biegt es deshalb zur Ideologie, zur Fata Morgana um, weil man sich davor fürchtet. Ein Furcht-, ein Angstpunkt ist die moderne soziale Weltanschauung in bezug auf diejenigen Punkte, die ich Ihnen charakterisiert habe. Mögen manche Menschen, die sich innerhalb des Strebens dieser modernen sozialen Weltanschauung äußerlich noch so mutvoll zeigen, auf der einen Seite noch so couragiert sein — vor dem Spirituellen, das ihnen entgegentreten muß in irgendeiner Form, worin sie den Menschen kennenlernen wollen, vor dem haben sie Furcht, vor dem treten sie feig zurück. Ein Furchtprodukt, ein Angstprodukt, das ist es, was in den modernen sozialistischen Weltanschauungen zutage tritt.
[ 29 ] Von diesem Gesichtspunkte aus müssen die Dinge ins Auge gefaßt werden. Denn der moderne Mensch muß dreierlei Dinge kennenlernen, weil er naturgemäß zu diesen dreierlei Dingen geführt wird, differenziert nach Westen, Mitte und Osten, so wie ich es Ihnen das letztemal charakterisiert habe. Aber er wird naturgemäß in irgendeiner Form zu diesen dreierlei Dingen geführt. Wenn es auch nur der Initiierte sieht, was an diesen drei Punkten vorhanden ist, fühlen, empfinden, in seinen Intellekt aufnehmen — wenn auch nicht in sein Sehvermögen — muß es nach und nach jeder moderne Mensch, wenn er die wirtschaftliche Struktur durchdringen will. Erstens muß der moderne Mensch eine deutliche Empfindung oder wenigstens eine deutliche intellektuelle Vorstellung bekommen von den Kräften, die im Weltenall die Niedergangskräfte, die zerstörenden Kräfte sind. Unter den Kräften, die man gern verfolgt — und man täuscht sich deshalb, weil man sie nur mit den Sympathien des Gernhabens verfolgt —, sind eben die aufbauenden Kräfte. Man will immer aufbauen, aufbauen, aufbauen. Aber in der Welt ist nicht nur Evolution oder Aufbau, es ist auch Involution oder Abbau vorhanden. Wir selber tragen den Abbau in uns. Unser entwickeltes Nervensystem, Gehirnsystem, ist in fortwährendem Abbau begriffen. Abbau ist in der Welt. Mit diesen Kräften des Abbaus muß der Mensch bekannt werden. Vorurteilslos und unbefangen muß er sich sagen: Gerade auf dem Wege, der sich in dem Zeitalter entwickelt, in dem die Bewußtseinsseele voll erwachen soll, sind am wirksamsten die Abbaukräfte. Sie konzentrieren sich manchmal, sie konsolidieren sich, diese Abbaukräfte, und dann entwickelt sich so etwas wie diese letzten viereinhalb Jahre. Da zeigt sich der Menschheit in konzentriertem Zustande etwas, was auch sonst immer vorhanden ist. Aber das muß nicht unbewußt und instinktiv bleiben, das muß gerade in diesem Zeitalter voll bekannt werden. Die Abbaukräfte, die Todeskräfte, die lähmenden Kräfte — der Mensch wendet gern sein Antlitz von ihnen ab; dadurch aber macht er sich blind und lernt nicht mitarbeiten an der Evolution, weil er die Abbaukräfte flieht.
[ 30 ] Das zweite, mit dem der Mensch sich bekanntmachen muß und was er wiederum flieht, das ist, daß der Mensch in diesem Zeitalter der intellektuellen Entwickelung, das heißt der Entwickelung im Zeitalter der Bewußtseinsseele, unbedingt dahin kommen muß, sich gewissermaßen einen neuen Schwerpunkt seines Wesens zu suchen. Die instinktive Entwickelung hat ihm, auch in Gedanken, einen Schwerpunkt gegeben. Er glaubt festzustehen auf seinen Anschauungen, auf seinen Vorstellungen, die ihm eben durch Blut oder Abstammung oder sonstwie zukommen. Das kann der Mensch fortan nicht. Der Mensch muß sich loslösen von dem, worauf er feststand, was sich instinktiv ausgebildet hat. Der Mensch muß sich gewissermaßen an den Abgrund stellen, muß unter sich die Leere, den Abgrund fühlen, weil er in sich den Mittelpunkt seines Wesens finden muß. Davor scheut der Mensch zurück, davor hat er Furcht.
[ 31 ] Und das dritte ist: Der Mensch muß in voller Gewalt kennenlernen, wenn er sich gegen die Zukunft hin entwickelt, den Impuls der Selbstsucht, des Egoismus. Unser Zeitalter ist dazu angetan, dem Menschen klarzumachen, wie er, wenn er sich seiner Natur überläßt, ein egoistisches Wesen ist. Man muß erst alle Quellen des Egoismus in der menschlichen Natur erforschen, um den Egoismus zu überwinden. Liebe tritt erst auf als das Gegenstück zur Selbstliebe. Man muß über den Abgrund der Selbstliebe hinüberkommen, wenn man dasjenige kennenlernen will, was als soziale Wärme die soziale Struktur der Gegenwart und der Zukunft durchdringen soll, namentlich wenn man es nicht bloß in der Theorie, sondern in voller Praxis kennenlernen will. — Sich dieser Empfindung zu nähern, die der zu Initiierende beim Hüter der Schwelle beim Eintritt in die übersinnliche Welt klar schaut, das erfüllt die Menschen wiederum mit Furcht, indem ihnen klar wird: Anders läßt sich nicht eintreten in das Zeitalter, das notwendig eine soziale Struktur hervorbringen muß, als durch Liebe, die nicht Selbstliebe ist, die Liebe für den andern Menschen, Interesse an andern Menschen ist. Das empfinden die Menschen wie etwas Brennendes, wie etwas, was sie verzehrt, wie etwas, was ihnen ihr eigenes Wesen nimmt, indem es ihnen die Selbstliebe, das Recht zur Selbstliebe nimmt. Und so wie sie das Übersinnliche fliehen, vor dem sie Furcht haben, weil es ihnen ein Unbekanntes ist, so fliehen sie die Liebe, weil sie ihnen ein brennendes Feuer ist. Und wie die Menschen in dem Zeitalter, in dem man vorbereiten muß die spirituellen Impulse, sich gerade die Augen verbinden, die Ohren zustopfen vor der Wahrheit des Übersinnlichen, indem sie zum Beispiel im Marxismus und im proletarisch verführten Denken von heute darauf hinweisen, daß man sich auf das Handgreifliche stützen müsse, um gerade abzulenken von dem Übersinnlichen, wie sie das Gegenteil von dem verfolgen, was auf diesem Gebiete in der wirklichen Tendenz der Menschheitsentwickelung liegt, so machen sie es auch auf dem Gebiete der Liebe. Sogar in den ’Tendenzworten prägt sich das aus. Man stellt Ideale auf, die das Gegenteil von dem sind, was eigentlich in der Menschheitsentwickelung liegt und angestrebt werden muß.
[ 32 ] Als die erste, bedeutendste Kundgebung für die moderne proletatische Lebensauffassung, das «Kommunistische Manifest», 1848 erschien, da war dieses «Kommunistische Manifest» des Karl Marx bereits ausgestattet mit den Worten, die jetzt fast auf jedem sozialistischen Buch und auf jeder sozialistischen Broschüre als Motto zu finden sind: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»
[ 33 ] Wenn man nur ein wenig Sinn hat für eine Wirklichkeitsauffassung, dann muß man über diese Worte zu einem präzisen, aber sonderbaren paradoxen Urteil kommen. Was heißt das: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!»? Das heißt: Wirket zusammen, wirket miteinander, seid einander Brüder, seid Genossen! — Das ist Liebe! — Lasset die Liebe unter euch wirken! — Es tritt die Tendenz tumultuarisch auf, aber wie?: — Proletarier, werdet euch bewußt, daß ihr herausgesondert seid aus der Menschheit, hasset die anderen, die nicht Proletarier sind, lasset den Haß den Impuls eurer Vereinigung sein! — In einer sonderbaren Weise sind zusammengekoppelt Liebe und Haß, die Vereinigung wird angestrebt aus dem Haß heraus, dem Gegensatz der Vereinigung! Bemerkt wird es nur nicht, weil man heute weit entfernt davon ist, seine Gedanken mit der Wirklichkeit zu verknüpfen. Aber es ist der Furchtgedanke vor der Liebe, die zwar angeschlagen, aber zu gleicher Zeit gemieden wird, weil man vor ihr zurückschreckt, zurückbebt wie vor einem verzehrenden Feuer, indem man gerade solche Worte heraushebt und zum Motto macht in der sozialen Bewegung.
[ 34 ] So kann nur das geisteswissenschaftliche Durchdrungensein dessen, was wirklich ist, Aufschluß geben für das, was in der Gegenwart wirkt, und das man kennen muß, damit man sich wirklich bewußt hineinstellen kann in diese Gegenwart. Es ist nicht so einfach, dasjenige, was heute in der Menschheit pulst, zu verfolgen. Geisteswissenschaft ist notwendig zu diesem Verfolgen. Das sollte nicht außer acht gelassen werden. Und der allein steht richtig in dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung, der ernst genug auch diese Dinge zu nehmen versteht.
