Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186
14 Dezember 1918, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] Ich möchte heute einige prinzipielle Betrachtungen anstellen zu denjenigen Dingen, die wir jetzt schon seit längerer Zeit als unsere Aufgabe betrachtet haben. Wenn darüber nachgedacht wird, wie die hier gemeinte Geisteswissenschaft solche Fragen, die Fragen des Lebens sind, betrachten, beantworten kann, so muß vor allen Dingen Sorgfalt darauf verwendet werden, sich einmal recht klarzumachen, daß diese Geisteswissenschaft, und damit unsere Zeit und die Zukunft überhaupt, andere Anforderungen an die Vorstellungsart, an die Denkart des Menschen stellt, als man es eigentlich nach den Denkgewohnheiten, namentlich nach den aus der Wissenschaft und ihrer Popularisierung hervorgehenden Denkgewohnheiten der unmittelbaren Vergangenheit und auch der Gegenwart gewohnt ist. Sie wissen ja, daß alles, was Geisteswissenschaft auf irgendeinem Gebiete zu sagen hat, also auch auf sozialem Gebiete, und namentlich auf sozialem Gebiete, der Ausdruck von geistigen Forschungstesultaten ist, die nicht auf bloß rationalistischem Wege, auf bloß abstraktem Wege gewonnen werden, sondern die herausgeholt werden aus der geistigen Wirklichkeit. Verstanden werden können sie, das wissen Sie, wenn man einfach den gesunden Menschenverstand auf sie anwendet — aber gefunden können sie nur werden, wenn man aufsteigt von dem gewöhnlichen Bewußtsein, wie es auch das rationelle, das abstrakte Denken, das Naturforschen und so weiter umfaßt, zu dem imaginativen, inspirierten, intuitiven Bewußtsein. Das, was auf dem Wege der Imagination, der Inspiration, der Intuition zutagetritt, das wird formuliert in ausdrucksfähigen Vorstellungen, Ideen, und das bildet den Inhalt der Wissenschaft, welche anthroposophisch orientiertes Forschen zu geben hat.
[ 2 ] Nun muß man sich eben daran gewöhnen, über das Wahrheitfinden andere Vorstellungen zu haben, als man gewöhnt ist, und das ist es ja, was vielen unserer Zeitgenossen so schwer macht, den notwendigen Weg zu gehen von dem gewöhnlichen, heute üblichen Denken zur anthroposophischen Geisteswissenschaft. Der Mensch fragt heute so leicht: Kann man das eine oder das andere beweisen? — Gewiß, die Frage ist sehr berechtigt. Aber man muß diese Frage auch vom Wirklichkeitsstandpunkt aus ins Auge fassen. Wenn dabei gemeint ist: Kann man nach den Begriffen, die man schon gewonnen hat, kann man nach den landesüblichen Begriffen, die man durch seine Erziehung, dutch sein Leben aufgenommen hat, dasjenige, was der Geistesforscher vorbringt, in irgendeiner Hinsicht beweisen? — dann geht man vielfach in die Irre; denn die geisteswissenschaftlichen Resultate sind aus der Wirklichkeit herausgeholt.
[ 3 ] Ich will Ihnen durch einen sehr trivialen, einfachen Vergleich klarmachen, daß für das gewöhnliche, rein abstrakt verlaufende Denken der Irrtum entstehen kann. Es soll ja aus einem Gedanken ein anderer folgen; und wenn man dann sieht, er folgt als Gedanke nicht, so glaubt man, er müsse falsch sein, während der Wirklichkeit gemäß die Sache aber doch richtig ist. Wirklichkeitskonsequenzen fallen nicht zusammen mit bloßen Gedankenkonsequenzen; Wirklichkeitslogik ist etwas anderes als bloße Gedankenlogik. In unserem Zeitalter glaubt man, weil metaphysisch die juristische Denkweise alle Köpfe ergriffen hat, daß alles umfaßt werden muß mit dem, was man als Gedankenlogik gewöhnt ist. Aber das ist nicht der Fall. Sehen Sie, wenn Sie einen Würfel haben, dessen Seiten, sagen wir, dreißig Zentimeter lang sind, also einen Würfel, der nach allen Seiten dreißig Zentimeter Ausdehnung hat, und es sagt Ihnen jemand: Dieser Würfel ist in einer Höhe von anderthalb Metern über dem Fußboden hier in diesem Saal zu finden, so können Sie mit Ihrer bloßen Gedankenlogik schließen aus dem, was er Ihnen sagt, ohne daß Sie in dem Zimmer sind, wo der Würfel ist: er muß auf etwas stehen. Es muß ein Tisch da sein, der entsprechend hoch ist, denn der Würfel kann nicht in der Luft schweben. — Also dies können Sie schließen, auch wenn Sie gar nicht dabei sind und Sie nicht die Erfahrung, das Erlebnis davon haben.
[ 4 ] Aber nehmen wir an, auf dem Würfel läge ein Ball. Das können Sie nicht gedanklich erschließen, das müssen Sie sehen, das müssen Sie anschauen. Es entspricht aber doch der Wirklichkeit. Also die Wirklichkeit ist durchsetzt von Entitäten, von Dingen, die natürlich in sich eine Logik haben, aber eine Logik, die nicht zusammenfällt mit der bloßen Gedankenlogik. Die Anschauungslogik ist eine andere als die bloße Gedankenlogik.
[ 5 ] Das bedingt aber, daß man sich schon einmal dazu bequemt, die sogenannten logischen Folgerungen, an die sich das heutige Denken gewöhnt hat, nicht allein nur Beweise zu nennen, sonst wird man nie mit den Dingen zurechtkommen. Auf dem Gebiete, das ich hier nun schon seit Wochen besprochen habe, auf dem Gebiete der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft, da ergeben sich gar viele Forderungen, einfach aus den Voraussetzungen, die ich Ihnen vorgetragen habe über die dreifache Gliederung der Gesellschaft, die notwendig wird für die Zukunft. Es ergibt sich zum Beispiel daraus ein ganz bestimmtes Steuersystem. Aber dieses Steuersystem kann man eben wiederum nur finden, wenn man die Anschauungslogik zu Hilfe ruft. Mit einer bloßen Gedankenlogik kommt man da nicht zu Rande. Das ist es, was notwendig macht, daß man diejenigen höre, die über diese Dinge etwas wissen; denn wenn die Sache gesagt ist, dann kann der gesunde Menschenverstand, wenn er alle Seiten berücksichtigt, die Sache entscheiden. Der gesunde Menschenverstand, meine lieben Freunde, wird immer ausreichen; der kann immer nachkontrollieren, was der Geistesforscher sagt. Aber der gesunde Menschenverstand ist etwas anderes als die Gedankenlogik, die — namentlich durch die naturwissenschaftlich durchtränkte Denkweise der Gegenwart — heraufgezogen ist. Daraus aber ersehen Sie, daß Geisteswissenschaft selber nicht bloß die Wirkung haben soll auf den Menschen, daß er eine bestimmte Summe von Vorstellungen empfängt und dann glaubt, daß er diese Vorstellungen so behandeln könne wie irgend etwas anderes, was ihm heute durch die Wissenschaft oder dergleichen mitgeteilt wird. Das ist eben durchaus nicht möglich und nicht zu denken. Denn denkt man es, so denkt man in die Irre. Geisteswissenschaft macht, daß die ganze Art zu denken, die Art, die Welt aufzufassen, beim Menschen eine andere wird als sie vorher war, daß der Mensch lernt, nicht nur gründlich einzusehen, sondern auf andere Art einzusehen. Das müssen Sie vor allen Dingen, wenn Sie sich mit der Geisteswissenschaft durchdringen, ins Auge fassen, natürlich ins Seelenauge, daß Sie sich immer fragen können: Lerne ich auf eine andere Weise die Welt anschauen dadurch, daß ich diese Geisteswissenschaft aufnehme — nicht das Hellsehen, sondern die Geisteswissenschaft —, lerne ich auf eine andere Weise die Welt ansehen, als ich sie früher angesehen habe? — Ja, es kann einer, der Geisteswissenschaft als eine Summe von Kompendien betrachtet, sehr vieles wissen; aber wenn er gerade nur so denkt, wie er vorher auch gedacht hat, dann hat er nicht die Geisteswissenschaft aufgenommen. Geisteswissenschaft hat er erst aufgenommen, wenn sich in gewisser Beziehung die Art, die Formation, die Struktur seines Denkens geändert hat, wenn in einer gewissen Beziehung aus ihm ein anderer Mensch geworden ist als er früher war. Das wird einfach durch die Gewalt, durch die Kraft der Vorstellungen, die man durch die Geisteswissenschaft aufnimmt, bewirkt.
[ 6 ] Nun ist es beim sozialen Denken ganz unerläßlich, daß diese Forderung, die nur durch die Geisteswissenschaft eintreten kann, die Menschen ergreift, denn das, worauf ich gestern aufmerksam gemacht habe, kann nur in diesem Lichte überhaupt verstanden werden. Ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, daß die Schul-Nationalökonomen, die über die wirtschaftlichen Begriffe heute die Menschen unterrichten, eigentlich recht hilflos sind gegenüber der Wirklichkeit. Warum sind sie so hilflos? Weil sie etwas, was sich mit naturwissenschaftlich orientiertem Denken nicht auffassen läßt, eben mit diesem naturwissenschaftlich orientierten Denken auffassen wollen. Erst wenn man sich bequemen wird, gerade das soziale Leben anders aufzufassen als mit naturwissenschaftlich geschultem Denken, dann wird man fruchtbare soziale Ideen, die sich verwirklichen lassen, die eben für das Leben fruchtbar sind, finden können.
[ 7 ] Ich habe Sie schon früher einmal auf etwas aufmerksam gemacht, was vielleicht den einen oder den anderen erstaunt hat, was aber tiefer bedacht sein muß. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß die logische Konsequenz, die man geneigt ist, aus gewissen Begriffen oder sogar aus einer Weltanschauung zu ziehen, durchaus nicht immer dasselbe ist, was dem Leben nach aus dieser Weltanschauung folgt. Ich meine folgendes: Irgend jemand kann eine Summe von Begriffen oder sogar eine ganze Weltanschauung haben. Sie können sich diese Weltanschauung rein begriffsmäßig vor Augen führen und dann vielleicht noch andere Konsequenzen daraus ziehen, Konsequenzen, von denen Sie mit Recht voraussetzen, daß sie logisch sind, und Sie können glauben, daß diese Konsequenzen, die Sie logisch daraus ziehen, notwendig aus dieser Weltanschauung folgen müssen. Das ist aber durchaus nicht notwendig, sondern das Leben selber kann ganz andere Konsequenzen daraus ziehen. Sie können höchst erstaunt sein, wie das Leben andere Konsequenzen daraus zieht. Was "heißt das: das Leben zieht andere Konsequenzen? Nehmen wir einmal an, Sie bilden eine Ihnen recht idealistisch erscheinende Weltanschauung aus. Mit Recht, sagen wir, erscheint Ihnen diese Weltanschauung idealistisch. Sie enthält wunderbare idealistische Vorstellungen, wunderbare idealistische Ideen. Es kann der Fall eintreten, je nachdem diese Weltanschauung so oder so ist, daß Sie sie Ihrem Sohn lehren oder Ihren Schülern in einem bestimmten Lebensalter, lassen den Einfluß der Weltanschauung lebensvoll auf sie wirken. Sie selber werden wahrscheinlich nur logische Konsequenzen aus Ihrer Weltanschauung zulassen. Aber senken Sie das in ein anderes Gemüt, betrachten Sie das Leben auch über jene Abgründe hin, wo es von einem Menschen auf den anderen übergeht, so kann nämlich das Folgende eintreten, was Ihnen nur Geisteswissenschaft erklären kann als etwas Notwendiges: Sie bilden aus eine Ihnen idealistisch erscheinende Weltanschauung, die Sie mit Recht zu dem Glauben führt, daß alles, was Sie logisch aus ihr ableiten können, auch wiederum idealistisch, schön und groß sein müßte, und Sie lehren sie einem Sohn oder einer Tochter oder einer Schülerin, und die Betreffenden werden Schlingel, also Halunken. Das kann durchaus sein. Aus Ihrer idealistisch geformten Weltanschauung kann im Leben die Halunkerei folgen.
[ 8 ] Das ist natürlich ein extremer Fall, der aber auch einmal eintreten könnte, der Ihnen nur begreiflich machen soll, daß im Leben andere Konsequenzen gezogen werden als im bloßen Denken. Deshalb stehen die Menschen heute so furchtbar fern der Wirklichkeit, weil sie solche Dinge nicht durchschauen, weil sie nicht gewillt sind, dasjenige, was sich früher instinktiv gemacht hat, auch wirklich ins Bewußtsein umzusetzen. Die Instinkte der früheren Zeiten, die haben schon gefühlt: Da oder dort wird das oder jenes entstehen. Die Instinkte sind nicht geneigt gewesen, immer nur das Gedankenlogische vorauszusetzen. Die Instinkte haben bereits logisch gewirkt. Aber heute ist man in eine gewisse Unsicherheit hineingekommen, und diese Unsicherheit wird naturgemäß im Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele immer größer und größer werden, wenn nicht das Gegengewicht geschaffen wird, das darin besteht, daß man auch bewußt Wirklichkeitslogik aufnimmt. Und man nimmt sie in dem Augenblicke auf, wo man den hinter der sinnlichen Wirklichkeit befindlichen Geist in seinem Wesen, in seinen Vorgängen wirklich ins Auge faßt.
[ 9 ] Ich will. Ihnen einen praktischen Fall sagen, der Ihnen illustrieren kann, was ich soeben mehr theoretisch auseinandergesetzt habe. Aber zugleich soll er Ihnen auch noch etwas anderes illustrieren. Er soll Ihnen illustrieren, wie sehr man fehlgehen kann, wenn man die Dinge nur nach ihren äußeren Symptomen betrachtet. Ich habe in den Vorträgen dieser Wochen von Symptomatologie in der Geschichtsbetrachtung gesprochen. Symptomatologie ist überhaupt etwas, was sich die Menschen aneignen müssen, wenn sie von dem Äußeren, von den Phänomenen zu der Wirklichkeit gehen wollen.
[ 10 ] Ein russischer Schriftsteller und Philosoph, Berdjajew, hat jüngst einen ganz interessanten Aufsatz geschrieben über die philosophische Entwickelung des russischen Volkes von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bis jetzt. In diesem Aufsatze von Berdjajew ist zweierlei recht merkwürdig. Eines ist, daß der Autor von einem merkwürdigen Vorurteil ausgeht, welches beweist, daß er keinen Einblick in diejenigen Wahrheiten hat, die uns jetzt schon sehr geläufig sein müssen, in die Wahrheiten, daß im russischen Osten für den sechsten nachatlantischen Zeitraum, für den Zeitraum der Entwickelung des Geistselbstes, überhaupt ganz neue Elemente im Auftauchen begriffen sind, die heute erst im Keime vorhanden sind. Weil er das nicht weiß, beurteilt er einen Punkt ganz falsch. Er sagt sich, es ist doch merkwürdig — und als russischer Philosoph muß er das wissen —, daß man in Rußland, anders als im Westen der europäischen Zivilisation, für dasjenige, was man im Westen Wahrheit nennt, gerade in der Philosophie eigentlich keinen rechten Sinn hat. Man hat sich zwar viel für die Philosophie des Westens interessiert, aber man hat keinen rechten Sinn für die Philosophie des Westens, insofern sie «Wahrheit» anstrebt; sondern man nimmt philosophische Wahrheit auf, insofern sie dem Leben dient, insofern sie nützlich ist für eine unmittelbare Lebensauffassung. Der Sozialist zum Beispiel interessiert sich für die Philosophie aus dem Grunde, weil er glaubt, daß ihm diese oder jene Philosophie eine Rechtfertigung seines Sozialismus gibt. Ebenso interessiert sich der Orthodoxe für irgendeine Philosophie nicht so wie der Westler, weil sie Wahrheit ist, sondern er interessiert sich dafür, weil sie ihm eine Grundlage, eine Rechtfertigung gibt für seinen orthodoxen Glauben und so weiter. Das betrachtet Berdjajew als einen großen Mangel der heutigen russischen Volksseele. Denn er sagt: Die im Westen wären weit voraus, die glauben nicht, daß sich die Wahrheit nach dem Leben richten müsse, sondern die Wahrheit sei Wahrheit, und sie sei da, und das Leben müsse sich nach der Wahrheit richten. Dazu setzt er ausdrücklich den merkwürdigen Satz merkwürdig allerdings nicht für einen Menschen der Gegenwart, denn ein Mensch der Gegenwart findet ihn selbstverständlich —, aber den für den Geisteswissenschafter höchst merkwürdigen Satz: der russische Sozialist habe kein Recht, den Ausdruck «bürgerliche Wissenschaft», «Bourgeois-Wissenschaft», zu gebrauchen, denn die Bourgeois-Wissenschaft enthalte die Wahrheit, sie habe endlich den Wahrheitsbegriff aufgestellt; und das sei eben die unumstößliche Wahrheit. Daher sei es ein Mangel der russischen Volksseele, wenn sie glaube, daß auch diese Wahrheit überwunden werden könne.
[ 11 ] Berdjajew teilt diese Anschauung nicht nur mit der ganzen Professorenwelt, sondern auch mit der Anhängerschaft der ganzen Professorenwelt, und das ist zum Beispiel die ganze west- und mitteleuropäische Bourgeoisie, der Adel erst recht und so weiter. Berdjajew weiß eben nicht, daß dasjenige, was jetzt in der russischen Volksseele keimhaft ist, gerade deshalb vielfach tumultuarisch und karikiert zum Ausdrucke kommt. In dieser Auffassung der Wahrheit vom Gesichtspunkte des Lebens, die eben heute schief ist, liegt aber auch ein Keim für eine Zukunftsauffassung. In der Zukunft wird sich die Sache schon richtigstellen. Denn wenn erst gediehen sein wird, was sich heute keimhaft vorbereitet: das Hingelenktsein der menschlichen Entwickelung zum Geistselbst, dann wird in der Tat das, was man heute Wahrheit nennt, eine ganz andere Gestalt haben. Und ich habe Sie heute auf einige Eigentümlichkeiten aufmerksam gemacht. Diese Wahrheit wird dem Menschen zum Beispiel zum Bewußtsein bringen — was der heutige Mensch gar nicht einsehen kann —, daß die Tatsachenlogik, die Wirklichkeitslogik, die Anschauungslogik eine andere ist als die bloße Begriffslogik. Und noch andere Rigenschaften wird diese umgeformte Wahrheitsvorstellung haben. Das ist das eine, was Sie bei Berdjajew auftreten sehen und was sehr merkwürdig ist, weil es zeigt, wie wenig solch ein Schriftsteller in dem steckt, was der eigentliche Sinn der Evolution unserer Zeit ist, den er sehr gut gerade bei seinem Volk wahrnehmen könnte, aber unter diesem Vorurteil nicht anerkennen kann.
[ 12 ] Etwas anderes ist nach einer ganz anderen Richtung hin zu beurteilen. Berdjajew sieht offenbar — das geht aus dem Sinn seines Aufsatzes hervor — mit einem großen Unbehagen das Auftauchen des Bolschewismus. Nun, darin mag der eine oder andere, je nachdem er Bolschewist ist oder nicht, ihm nun recht oder unrecht geben; das ist ja etwas, worüber ich mich jetzt nicht verbreiten will. Ich will die Tatsachen darstellen, ich will nicht kritisieren. Aber was wichtig ist, das ist das Folgende. So wie in den sechziger Jahren — so meint Berdjajew unter dem Gesichtspunkt, die Wahrheit, die Philosophie abhängig von dem Leben zu sehen —, so wie dazumal der Materialismus in Rußland Eingang gefunden und man an den Materialismus geglaubt hat, weil man ihn dienlich dem Leben gefunden hat, hat man in den siebziger Jahren an den Positivismus zum Beispiel von Auguste Comte geglaubt. Dann haben andere Anschauungen, zum Beispiel auch Neeizsche, in Rußland Eingang gefunden bei den Leuten, die der Intelligenz zugehören. Nun fragt sich Berdjajew, was denn jetzt bei den Bolschewisten, die zur Intelligenz gehören, für eine Philosophie Platz gegriffen habe. Es hat tatsächlich eine Philosophie Platz gegriffen. Aber über das Zusammengehen dieser eigentümlichen Philosophie mit dem Bolschewismus, da ist Berdjajew eigentlich ganz ratlos. Er kann gar nicht fassen, wie der Bolschewismus als seine Philosophie kurioserweise die Lehren von Avenarius und Mach betrachtet.
[ 13 ] Wenn man Avenarius und Mach gesagt hätte, daß ihre Philosophie ausgerechnet von solchen Leuten akzeptiert werde, wie es die Bolschewisten sind, so würden sie noch viel ärger erstaunt gewesen sein als Berdjajew. Sie würden, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, an den Wänden hinaufgekrochen sein — beide sind ja schon tot —, wenn sie sich hätten vorstellen sollen, als offizielle Philosophen der Bolschewisten zu gelten. Denken Sie sich den braven bürgerlichen Avenarius, der da glaubte, nur in den reifsten Begriffen zu arbeiten, der selbstverständlich vorausgesetzt hat, daß ihn nur Leute verstehen können, welche — nun, sagen wir — anständige Röcke tragen, niemandem in bolschewistischer Weise etwas zuleide tun, kurz, ganz gesittete Menschen sind in dem Sinne, wie man in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren sich «gesittete Menschen» gedacht hat. Nur unter solchen Menschen, hat sich Avenarius vorgestellt, könnte seine Philosophie Anhänger finden. Nun, wenn man erst eingeht auf den Inhalt dieser Avenarius-Philosophie, dann wird man das Faktum, daß Avenarius offizieller Philosoph der Bolschewisten ist, erst recht nicht begreifen. Denn was denkt Avenarius? Er sagt sich: Die Menschen leben unter dem Vorurteil, da drinnen in meinem Kopfe oder in meiner Seele oder wo immer sind subjektiv die Vorstellungen, die Wahrnehmungen; draußen sind die Objekte. Das ist aber nicht richtig. Würde ich allein auf der Welt sein, so würde ich überhaupt gar niemals auf den Unterschied kommen zwischen Objekt und Subjekt. Ich komme auf den Unterschied nur dadurch, daß andere Leute auch noch da sind. Ich würde, wenn ich allein einen Tisch anschaue, gar nicht zu der Idee kommen, meint Avenarius, daß der Tisch da draußen in einem Raum ist und ein Abbild davon in meinem Gehirn, sondern ich würde den Tisch haben und würde nicht unterscheiden zwischen Subjekt und Objekt. Die unterscheide ich nur, weil, wenn ich mit einem andern den Tisch anschaue, ich mir sage, der sieht den Tisch, ich nehme ihn wahr, da ist in meinem Kopf noch diese Wahrnehmung drinnen. Nun überlege ich mir, daß das, was er empfindet, auch ich empfinde. Also innerhalb solcher rein theoretischer Erwägungen — ich will sie Ihnen gar nicht alle vorsetzen, Sie würden sagen, das interessiert uns alles nicht —, innerhalb solcher erkenntnistheoretischer, rein abstrakter Erwägungen bewegt sich Avenarius. Er hat 1876 das Büchelchen geschrieben: «Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. » Denn aus solchen Voraussetzungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt klargelegt habe, da zeigt er, daß unsere Begriffe, die wir als Menschen haben, überhaupt keinen rechten Wirklichkeitswert haben, sondern daß wir nur Begriffe schaffen zu dem Zwecke, um ökonomisch die Welt zusammenzuhalten. Der Begriff «Löwe» zum Beispiel oder der Begriff, der sich in einem Naturgesetz ausdrückt, ist überhaupt nichts Wirkliches, weist auch nach Avenarius nicht auf etwas Wirkliches hin, sondern es ist unökonomisch, wenn ich im Leben fünf, sechs oder dreißig Löwen gesehen habe und mir alle diese Löwen vorstellen soll; da mache ich die Sache ökonomischer, ich mache mir einen Einzelbegriff, der alle dreißig Löwen zusammenfaßt. Alle Begriffsbildung ist nur eine innere, subjektive Ökonomie.
[ 14 ] Mach ist ähnlicher Anschauung. Mach ist derselbe, von dem ich Ihnen erzählt habe, daß er einmal in ermüdetem Zustande in einen Omnibus einstieg, der einen Spiegel hatte. Er stieg also ein und sah einen Menschen da von der andern Seite kommen. Nun, der Mensch war ihm höchst unsympathisch, und da sagte er sich: Was ist denn das für ein unsympathisch aussehender Schulmeister? — Und dann kam er darauf, daß ein Spiegel dort hing, und er sich selber gesehen hatte. Er wollte damit eben nur andeuten, wie wenig man sich auch nur in bezug auf seine äußere menschliche Gestalt kennt, wie wenig man Selbsterkenntnis hat. Er erzählt sogar noch einen zweiten Fall, wo er an einem Schaufenster, das spiegelte, vorbeigegangen war, wo er also auf diese Weise sich selbst begegnete, und wo er wütend darüber war, daß ihm da ein so häßlich aussehender Schulmeister begegnete. Derselbe Mach, von dem ich Ihnen diese Dinge erzählt habe, der ist in einer etwas populäreren Weise vorgegangen, aber er hat dieselbe Anschauung wie Avenarius. Er sagt: Es gibt nicht subjektive Vorstellungen, nicht objektive Dinge, sondern es gibt eigentlich nur Empfindungsinhalte. Und ich bin mir selber nur Empfindungsinhalt. Draußen der Tisch ist Empfindungsinhalt, mein Gehirn ist Empfindungsinhalt, alles ist nur Empfindungsinhalt. Und die Begriffe, die sich die Menschen machen, die sind auch nur aus Ökonomie da. Es war vielleicht im Jahre 1881 oder 1882, ich war bei jener Sitzung der Akademie der Wissenschaften in Wien anwesend, wo Mach seinen Vortrag über «Die ökonomische Natur der physikalischen Forschung», über die Ökonomie des Denkens, gehalten hatte. Ich muß sagen, es hat auf mich, der ich damals ein ganz junger Dachs war, im Anfang meiner Zwanzigerjahre, einen ganz schrecklichen Eindruck gemacht, als ich hörte, daß es Menschen von solchem Radikalismus gab, die gar keine Ahnung davon haben, daß auf dem Wege des Denkens in die menschliche Seele die erste Ankündigung, die erste Offenbarung des Übersinnlichen hereinkommt; die die Begriffe so sehr leugnen, daß sie in ihnen nur ein Ergebnis der menschlichen Seelentätigkeit, die auf Ökonomie geht, sehen. Aber all das verfließt bei Mach und bei Avenarius innerhalb der Grenzen des — Sie werden mich nicht mißverstehen — ganz anständigen Denkens. Man braucht durchaus nicht irgendwie vertrackt zu sein, wenn man voraussetzt: Die beiden Herren und alle ihre Anhänger sind gut bürgerlich denkende Menschen, denen jeder auch nur einigermaßen praktisch-radikale Gedanke oder gar ein revolutionärer Gedanke so fern wie möglich liegt. Und nun sind sie die Amtsphilosophen der Bolschewisten geworden! Niemals konnte man darauf kommen! Wenn Sie das Büchelchen vom kleinsten Kraftmaß von Avenarius lesen, so würde Sie das vielleicht interessieren, das ist ganz nett geschrieben; aber wenn Sie anfangen würden, seine «Kritik der reinen Erfahrung» zu lesen, würden Sie wahrscheinlich bald aufhören, denn Sie fänden es gräßlich langweilig. Es ist absolut in professorenmäßigem Ton geschrieben, und es ist nicht irgendwie die Möglichkeit vorhanden, daß Sie da irgend etwas von Bolschewismus als Konsequenz daraus ziehen würden. Nicht einmal eine praktische Weltanschauung von auch nur ganz leisem Radikalismus könnten Sie daraus ziehen.
[ 15 ] Nun weiß ich, daß natürlich diejenigen Menschen, die Symptome für Wirklichkeiten nehmen, mir jetzt eine Erwiderung machen könnten. Ein handfester Positivist, der würde sagen: Oh, das ist so einfach wie möglich zu erklären. Die Bolschewisten haben ihre intelligenten Leute alle aus Zürich bezogen. In Zürich hat Avenarius gelehrt, und die sind Schüler des Avenarius gewesen, die jetzt unter den Bolschewisten als intelligente Leute wirken. Außerdem hat als Privatdozent ein Schüler Machs gewirkt, der junge Adler, der dann den Srürgkh in Österreich erschossen hat. Bei dem haben zahlreiche Anhänger von Lenin, sogar vielleicht Lenin selber, verkehrt, die haben diese Dinge aufgenommen, das hat sich übertragen. Das ist also ein reiner Zufall. — Ich weiß selbstverständlich, daß handfeste, klotzig positivistische Leute das so erklären können. Aber ich habe Ihnen auch neulich auseinandergesetzt, daß man dann die ganze dichterische Persönlichkeit Robert Hamerlings zurückführen kann darauf, daß der brave Rektor Kaltenbrunner das Gesuch des Hamerling um eine Lehrstelle in Budapest verbummelt hat und infolgedessen ein anderer die Stelle in Budapest bekommen hat. Hätte der Kaltenbrunner dieses Gesuch nicht verbummelt, so wäre Hamerling damals in den sechziger Jahren nach Budapest als Gymnasiallehrer gekommen und nicht nach Triest. Und wenn Sie nun ins Auge fassen, was Hamerling alles geworden ist dadurch, daß er in Triest an der Adria sein Leben zugebracht hat zehn Jahre lang, so werden Sie sehen, daß das ganze dichterische Leben Hamerlings ein Ergebnis davon ist. Äußerlich hat aber der brave Rektor Kaltenbrunner am Gymnasium in Graz das Gesuch verbummelt, und dadurch hat er Veranlassung gegeben, daß Hamerling nach Triest gekommen ist. Man muß eben nicht diese Dinge als Wirklichkeiten, sondern als Symptome nehmen für dasjenige, was sie innerlich ausdrücken.
[ 16 ] Und dasjenige, was Berdjajew so auffaßt, daß die Bolschewisten die braven bürgerlichen Philosophen Avenarius und Mach zu ihren Götzen ausersehen haben, das führt schon zurück auf das, was ich heute eingangs auseinandergesetzt habe: daß die Lebenswirklichkeit, die Anschauungswirklichkeit eine andere ist als die bloße logische Wirklichkeit. Natürlich folgt niemals aus Avenarius und Mach die Tatsache, daß diese Leute Amtsphilosophen der Bolschewisten werden könnten. Aber das alles, was Sie logisch auch aus einer Sache schließen können, ist auch nur äußerlich symptomatisch bedeutsam. Auf die Wirklichkeit kommt man eben nur durch eine Forschung, die auf diese Wirklichkeit selbst geht. In der Wirklichkeit wirken die geistigen Wesenheiten.
[ 17 ] Und nun könnte ich Ihnen vieles erzählen, was allerdings Ihnen als eine Notwendigkeit erscheinen lassen würde, daß solche Philosophien, wie die des Avenarius und des Mach lebensgemäß schon zu den Konsequenzen des allerradikalsten Sozialismus der Gegenwart führen. Denn hinter den Kulissen des Daseins sind es dieselben Geister, welche Avenariussche oder Machsche Philosophie hereinträufeln in die menschlichen Bewußtseine, und welche das in die menschlichen Bewußtseine hineinträufeln, was zum Beispiel zum Bolschewismus führt. Nur kann man nicht logisch das eine von dem andern ableiten. Aber die Wirklichkeit leitet es ab. Die ist etwas, was ich Sie bitte, sich tief in Ihre Herzen einzuschreiben, damit Sie auch darinnen etwas haben von dem, was ich immer wieder betone. Es ist heute einmal vonnöten, daß man von dem bloßen logischen Gestrüppe, von dem man heute illusionär die Wirklichkeiten durchsetzt denkt, zu der wahren Wirklichkeit den Übergang findet. Sieht man auf Symptome, weiß man Symptome zu werten, dann wird die Sache vielleicht doch manchmal ernster. Da will ich Sie auf etwas hinweisen, auf das der andere, der nicht Geisteswissenschafter ist, nicht so aufmerksam wird, weil er es mehr als Phrase, als etwas Gleichgültiges nimmt. Sehen Sie, Mach, der Positivist, aber radikaler Positivist ist, er kommt darauf, daß eigentlich alles Empfindung ist. Die Lehre, die auch der junge Adler als Privatdozent in Zürich vorgetragen hat, die sicher viele für ihn, für Mach und für Avenarius eingenommen hat, besagt, daß alles Empfindung ist, daß wir keine Berechtigung haben, Physisches und Psychisches zu unterscheiden. Draußen der Tisch ist genau in demselben Sinne physisch-psychisch, wie meine Vorstellungen physisch- psychisch sind, und Begriffe sind bloß zur Ökonomie da.
[ 18 ] Aber bei Mach war das Eigentümliche, daß er instinktiv manchmal zurücktrat von seiner eigenen Weltanschauung, von dieser radikalen, positivistischen Weltanschauung. Er trat zurück und sagte dann: Ja, wenn ich mir nun nach allen Errungenschaften der Neuzeit klarmache: Es hat keinen Sinn, davon zu sprechen, daß außer meiner Empfindung noch etwas da ist, oder daß ich physisch oder psychisch unterscheiden soll, so werde ich doch immer wieder veranlaßt, wenn ich den Tisch vor mir habe, nicht bloß von der Empfindung zu sprechen, sondern zu glauben, daß da draußen noch etwas physisch vorhanden ist. Und wiederum, wenn ich eine Vorstellung, eine Empfindung, ein Gefühl habe, so habe ich nicht bloß die Wahrnehmung, das, was sich abspielt, das Phänomen, sondern ich glaube — obwohl ich weiß nach der Wissenschaft, die ich mir bilden kann, daß das keine Berechtigung hat —, daß drinnen Seele ist und draußen Objekt. Ich fühle mich veranlaßt, das zu unterscheiden. Was ist denn das eigentlich? — Mach sagt sich: Wie komme ich zu solch einer Sache, daß ich ganz plötzlich annehmen muß: da drinnen ist irgend etwas Seelisches, da draußen etwas Außerseelisches. Ich weiß, daß das aber gar keine Unterscheidung ist. Ich werde veranlaßt, etwas anderes zu denken, als was mir meine Wissenschaft sagt — sagt sich Mach zuweilen, wenn er von den Dingen zurücktritt, das steht in seinen Büchern. Er macht dann eine Bemerkung und sagt: Manchmal ist es einem dann so, daß man die Frage aufwirft, ob man denn als Mensch von einem bösen Geiste im Kreise herumgeführt werde? Und er antwortet: Ich glaube das letztere.
[ 19 ] Ich weiß, wie viele Menschen über eine solche Stelle einfach als über eine Phrase hinweglesen. Aber solch eine Stelle ist symptomatisch. Da guckt manchmal über die Schultern der Seele dasjenige, was wahrhaftiger Tatbestand ist. Es ist der ahrimanische Geist, der die Menschen im Kreise herumführt, daß sie so denken, wie Avenarius und Mach denken. Und Mach wird in solchen Augenblicken auf diesen ahrimanischen Geist aufmerksam. Es ist derselbe ahrimanische Geist, der nun auch in der bolschewistischen Denkweise wirkt. Daher ist es kein Wunder, daß die Wirklichkeitslogik dieses als Ergebnis geliefert hat. Sie sehen aber, man muß, wenn man die Dinge des Lebens einsehen will, tiefer in dieses Leben hineinschauen. Das ist wahrhaftig gerade auf sozialem Gebiete heute und für die nächste Zukunft nicht unbedeutend. Denn die Schlußfolgerungen, die gezogen werden müssen, sind nicht solche, wie sie Schmoller oder Brentano, Wagner, Spencer, John Stuart Mill oder wer immer gezogen haben, sondern auf dem sozialen Gebiete müssen wirklichkeitsgemäße, logisch wirklichkeitsgemäße Schlußfolgerungen gezogen werden. Und das Schlimme ist, daß in unseren gegenwärtigen agitatorischen Bestrebungen und in dem, was aus diesen agitatorischen Bestrebungen geworden ist, den bloß logischen Schlußfolgerungen, Illusionen leben, und Illusionen äußere Wirklichkeit geworden sind. Dafür will ich Ihnen zwei Beispiele anführen. Das eine kennen Sie schon gut, nur brauchen Sie noch die Beleuchtung, in die ich das Beispiel jetzt rücke.
[ 20 ] Die marxistisch gefärbten Sozialisten — ich habe Ihnen ja gestern und oft schon auseinandergesetzt, das ist fast das ganze Proletariat der Gegenwart — sagen unter dem Einfluß von Marx: Wirtschaft, wirtschaftliche Gegensätze, Klassengegensätze, die von den wirtschaftlichen Gegensätzen herrühren, die sind die wahre Wirklichkeit, das andere ist ideologischer Überbau. Was der Mensch denkt und dichtet, künstlerisch schafft, was er über den Staat, über das Leben, über alles denkt, das ist nur das Ergebnis der Art und Weise, wie er wirtschaftlich lebt. Aus diesem Grunde sagt ja auch der Proletarier der Gegenwart: Wir brauchen nicht eine allgemeine Nationalversammlung, wenn wir eine Neuordnung herbeiführen wollen, denn da werden wiederum die Bürger drinnen sein und aus ihrem wirtschaftlich determinierten Bürgertum heraus mitreden. Das können wir nicht brauchen. Wir können nur diejenigen brauchen, welche so reden, wie es aus den proletarischen Köpfen kommt, denn das sind heute diejenigen, die die Welt gestalten müssen. Da brauchen wir überhaupt nicht erst Versammlungen einzuberufen, sondern die paar Proletarier, die eben gerade obenauf sind, die üben die Diktatur aus, denn sie haben proletarische Anschauungen, sie werden also das Richtige denken. — Wie Lenin und Trotzki in Rußland, so weist Karl Liebknecht in Berlin die Nationalversammlung zurück. Er sagt: Das wird ja doch nichts sein als eine neue Auflage der alten Reichs-Schwätzerbande damit meint er den Reichstag.
[ 21 ] Nun, was liegt denn da zugrunde? Das, was da zugrunde liegt, das bildete hauptsächlich gerade den Gegenstand, wegen dessen ich vor jetzt sechzehn Jahren — ich habe Ihnen das erzählt, als ich Ihnen die Geschichte meiner «Philosophie der Freiheit» auseinandersetzte — in der Hauptsache herausgedrängt worden bin aus der sozialistischen Arbeiterbildungsschule in Berlin. Ich hatte unter anderem auch naturwissenschaftliche Fragen vorzutragen, hatte auch Redeübungen geleitet, aber ich hatte auch Geschichte gelehrt. Ich habe sie so gelehrt, wie ich angenommen habe, daß man sie objektiv zu lehren hat. Das hat durchaus genügt für diejenigen, die meine Schüler waren. Hätte das fortgesetzt werden können, hätte es nicht ein künstliches Ende gefunden, ich weiß, es hätte schon gute Früchte tragen können. Aber es sind die sozialdemokratischen Führer darauf gekommen, daß ich nicht Marxismus, nicht marxistische Geschichtsauffassung vortrage, sondern daß ich sogar kurioserweise, was den Arbeitern, die meine Schüler waren, sehr gut gefallen hat, sogar solche Bocksprünge gemacht habe, von denen ich Ihnen jetzt erzählen will. Ich habe zum Beispiel gesagt: Die gewöhnlichen Historiker, die können nicht dahinterkommen, was es mit den sieben römischen Königen ist, die betrachten das sogar als eine Mythe, weil die Aufeinanderfolge der sieben Könige, so wie sie im Livius erzählt ist, so ein Auf- und Niedergang ist, immer eine Art Steigerung bis zum Marcius, dem vierten, dann ein Niedergehen bis zur Dekadenz, bis zum siebenten, Tarquinius Superbus. Und ich erklärte dann den Leuten, daß man da eben zurückgeht in die älteste Zeit der römischen Entwickelung, in die Zeit vor der Republik, daß der Umschwung zur Republik eben darin bestanden hat, daß die alten atavistisch geistigen Regelmäßigkeiten in ein gewisses volksmäßiges Chaos übergegangen sind, während in der Tat in der älteren Zeit, wie es noch beim ägyptischen Pharaonentum ja handgreiflich ist, eine durch spirituelle Wissenschaft erforschbare Weisheit in den Einrichtungen liegt. Es wurde nicht umsonst erzählt, daß Numa Pompilius von der Nymphe Egeria Einflüsse empfangen hat, um das Ganze anzuordnen. Ich habe dann auseinandergesetzt, wie die Leute überhaupt Inspirationen bekommen haben, um Anordnungen zu treffen, wie in der Tat, nicht wie es später war, der eine Machthaber dem andern gefolgt ist, sondern wie das bestimmt war nach den Gesetzen, die man aus der geistigen Welt heraus hatte. Daher dieses Regelmäßige in der Aufeinanderfolge der ägyptischen Pharaonen und auch noch der römischen Könige, die so aufeinanderfolgen in Romulus, Numa Pompilius und so weiter bis zum Tarquinius Superbus. Wenn Sie jetzt die sieben Prinzipien so, wie ich sie in meiner «Theosophie» zusammengefaßt habe, hintereinander von einem gewissen Gesichtspunkte anschauen, dann haben Sie in der Aufeinanderfolge der sieben römischen Könige diese sieben Prinzipien. Das ist etwas, was ich jetzt nur andeute; hier unter Ihnen brauche ich es ja nur anzudeuten, aber es ist etwas, was man, wenn man es entsprechend einkleidet, durchaus als eine ganz objektive Wahrheit darzustellen hat und was Licht wirft auf dieses Eigentümliche, das ja der gewöhnliche materialistische Historiker nicht begreifen kann. Daher werden heute die sieben römischen Könige von einem waschechten — nein, wissenschaftlichen! — Historiker ja überhaupt als nicht vorhanden, sondern als Mythus betrachtet. Sehen Sie, so weit bin ich gegangen und habe auch in anderer Weise diese Dinge vorgetragen; und wenn man es entsprechend macht, so wirkt es natürlich schon als etwas, was der Wirklichkeit entspricht. Aber «materialistische Geschichtsauffassung » ist es nicht. Denn materialistische Geschichtsauffassung bedingt, daß man untersucht, welches die wirtschaftlichen Verhältnisse waren, wie dazumal Ackerbau sich zu Viehzucht, wie sich der Ackerbau zum Handel verhalten hat, wie die Städte begründet worden sind, welche Wirtschaft die Etrusker gehabt haben, wie die Etrusker mit den aufkeimenden Römern gehandelt haben, und wie sich unter diesem Einfluß des wirtschaftlichen Elements die Verhältnisse dann unter Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius und so weiter gestaltet haben.
[ 22 ] Aber sehen Sie, so ganz ohne weiteres würde auch das natürlich nicht durchgedrungen sein. Aber da kam mir wiederum die wahre Wirklichkeit doch zu Hilfe; gerade weil ich auf die wahre Wirklichkeit ging, kam mir die wahre Wirklichkeit zu Hilfe. Natürlich sind es ja nicht lauter junge Leute, die solchen Zuhörerkreis bilden. Es waren unter ihnen auch solche, die schon proletarisches Denken bis zu einem gewissen Grade aufgenommen hatten, auch solche, die schon mit allen Vorurteilen gespickt waren; leicht sind solche Leute durchaus nicht zu überzeugen, selbst bei Dingen, die ihnen fernliegen. Als ich zum Beispiel einmal über Kunst sprach, wo ich auseinandergesetzt hatte, was Kunst ist und wie Kunst wirkt, schrie plötzlich ganz im Hintergrund eine Dame: Na, und der Verismus, ist der keine Kunst? Also die Leute, die nahmen das nicht so auf Autorität bloß hin. Es handelte sich schon darum, daß man die Wege zu den Leuten fand, nicht etwa durch schlaue Schleichwege, sondern aus dem Wirklichkeits- und Wahrhaftigkeitssinn heraus. Da kam es, daß man sagen mußte, nicht nur sagen konnte, sondern sagen mußte: Ja, aber Ihr seid angefüllt mit solchen Begriffen, die der materialistischen Geschichtsauffassung entsprechen, die da glaubt, daß alles nur von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt und alles geistige Leben nur auf Ideologie beruht, welche die Fata Morgana ist, die sich oben ausbreitet auf Grundlage der wirtschaftlichen Verhältnisse. Und Marx hat es sehr scharfsinnig und geistreich auseinandergesetzt. Aber warum ist das alles geschehen? Warum hat er es auseinandergesetzt, und warum glaubt er es? Weil Marx nur seine unmittelbare Gegenwart gesehen hat und nicht zu älteren Zeiten zurückgegangen ist. Marx legt nur zugrunde die historische Menschheitsentwickelung seit dem sechzehnten Jahrhundert. Da ist es so, daß tatsächlich die Epoche in der Menschheitsentwickelung eingetreten ist, wo das Geistesleben, wenn auch nicht genau so, wie es bei Karl Marx ist, doch auch in einer gewissen Weise über große Teile der Welt hin ein Ausdruck der wirtschaftlichen Verhältnisse wurde. — Der Goetheanismus ist nicht aus dem wirtschaftlichen Leben heraus abzuleiten, aber Goethe wird auch von diesen Leuten als dem wirtschaftlichen Leben fernstehend angesehen. Also man könnte sagen: Der Fehler besteht darin, daß dasjenige, was nur für einen bestimmten Zeitraum, und gerade für den neuesten Zeitraum gilt, verallgemeinert wurde. Und nur die letzten vier Jahrhunderte konnte man verstehen, wenn man sie im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung vortrug.
[ 23 ] Jetzt aber kommt das Wichtige, und dieses Wichtige besteht darin, daß man nicht bloß begriffslogisch vorgeht, denn begriffslogisch läßt sich gegen die straff geschürzten Sätze von Karl Marx furchtbar wenig anführen, sondern man muß lebenslogisch vorgehen, wirklichkeitslogisch, anschauungslogisch. Dann zeigt sich aber, daß unter dieser Evolution, die seit dem sechzehnten Jahrhundert so stattgefunden hat, daß man sie geschichtsmaterialistisch interpretieren kann, eine wichtige Involution stattfindet, etwas, was unsichtbar, übersinnlich unter dem äußerlich Sinnlich-Sichtbaren verläuft. Und das ist das, was sich auf die Oberfläche bringen will, was sich herausarbeiten will aus den menschlichen Seelen — gerade der Widerpart des Materialismus. So daß der Materialismus nur so groß wird und so stark wirkt, damit der Mensch sich dagegen aufbäumt, damit er die Möglichkeit findet, das Geistige aus sich heraus zu suchen im Bewußtseinsseelenzeitalter, und es zum Selbstbewußtsein des Geistigen zu bringen. So daß die Aufgabe nicht ist, wie Karl Marx glaubt, einfach die Wirklichkeit anzuschauen und von ihr abzulesen: Die Wirtschaft ist die Wirklichkeitsgrundlage der Ideologie — sondern sich zu sagen: Die Wirklichkeit bietet uns seit dem sechzehnten Jahrhundert nicht dasjenige, was wahrhaftig wirklich ist, sondern das muß im Geiste gesucht werden. Man muß gerade solche soziale Ordnung finden, welche das, was äußerlich erscheint, was äußerlich beobachtet werden kann seit dem sechzehnten Jahrhundert, überwiegt. Die Zeit selbst zwingt dazu, nicht bloß die äußeren Vorgänge zu beobachten, sondern etwas zu finden, was in diese Vorgänge korrigierend eingreifen kann. Man muß dasjenige, was der Marxismus auf den Kopf gestellt hat, wiederum auf die Beine stellen.
[ 24 ] Das ist außerordentlich wichtig, daß man weiß, daß in diesem Falle die Wirklichkeitslogik geradezu umkehrt die bloß scharfsinnige Dialektik des Karl Marx. Es wird noch einiges Wasser den Rhein hinunterfließen, bevor eine genügende Anzahl von Menschen diese Notwendigkeit, zur Wirklichkeitslogik, zur Anschauungslogik zu kommen, einsehen. Aber notwendig ist es, daß man das einsieht. Notwendig ist es gerade wegen der brennenden sozialen Fragen. Das ist das eine Beispiel.
[ 25 ] Das andere Beispiel kann angeknüpft werden an einiges, was ich Ihnen gestern sagte. Ich sagte Ihnen, daß charakteristisch ist seit Ricardo, seit Adam Smith und so weiter, daß man bemerkt hat, die wirtschaftliche Ordnung hat zur Folge, daß im menschlichen sozialen Zusammensein menschliche Arbeitskraft verwendet wird, wie Ware auf den Markt gebracht und wie Ware nach Angebot und Nachfrage behandelt wird. Ich habe Ihnen gestern auseinandergesetzt, wie das gerade das Aufregende, der eigentliche Motot ist in der proletarischen Weltanschauung. Wer bloß begriffslogisch denkt, der beobachtet, daß das so ist, und sagt sich: Also müssen wir eine Volkswirtschaftslehre, eine soziale Lehre, eine soziale Lebensanschauung haben, welche mit dem rechnet, welche in der möglichst besten Weise die Frage beantwortet, wie man, weil Arbeitskraft Ware ist, diese Ware Arbeitskraft schützen kann vor Ausbeutung des Menschen. — Die Frage ist falsch gestellt. Sie ist nicht nur aus der Theorie, sie ist aus dem Leben falsch gestellt. Falsche Fragestellung wirkt heute zerstörend, verwüstend, Raubbau treibend. Wenn nicht eine Umkehr stattfindet, wird sie immer mehr Raubbau treibend wirken. Denn hier muß ebenfalls dasjenige, was auf dem Kopf steht, auf die Beine gestellt werden. Es darf nicht gefragt werden: Wie muß man die soziale Struktur machen, damit der Mensch nicht ausgebeutet werden kann, trotzdem seine Arbeitskraft eben als Ware nach Angebot und Nachfrage auf den Markt gebracht wird wie eine andere Ware? Denn das widerspricht einem inneren Impuls der Entwickelung, der sich der Wirklichkeitslogik ergibt; es entspricht jerzerz inneren Impuls, der gar nicht so ausgesprochen wird, der aber eben doch der Wirklichkeit entspricht und der so ausgedrückt werden kann: Noch die griechische Zeit, diese uns so wichtig gewordene griechische Kultur, ist ja nur denkbar dadurch, daß ein großer Teil der griechischen Bevölkerung Sklaven waren. Die Sklaverei ist die Voraussetzung jener Kultur, die für uns so große Bedeutung hat. Aber in der griechischen Kultur war so sehr die Sklaverei Voraussetzung, daß ein so eminent gut denkender Philosoph wie Plato überhaupt für die menschliche Kultur die Sklaverei als das Berechtigte und Notwendige ansah.
[ 26 ] Aber die menschliche Entwickelung schreitet fort. Die Sklaverei war im Altertum, und Sie wissen, die Menschheit hat sich aufgelehnt gegen die Sklaverei, instinktiv dagegen aufgelehnt, daß der Mensch verkauft oder gekauft werden kann. Der ganze Mensch kann nicht gekauft oder verkauft werden. Das ist heute ein Axiom, kann man sagen, und wo noch Sklaverei herrscht, betrachtet man das als eine Barbarei. Für Plato ist es keine Barbarei, sondern eine Selbstverständlichkeit, daß es Sklaven gibt. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit wie für jeden Griechen von platonischer Gesinnung, überhaupt für jeden Griechen, der staatsmännisch gedacht hat. Der Sklave hat nicht anders gedacht als: Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß Menschen verkauft werden können, daß Menschen auf den Markt gebracht werden nach Angebot und Nachfrage — natürlich nicht wie die Kühe. Aber das ist ja nur eine Maske, nur kaschiert, denn das ist übergegangen auf die mildere Sklaverei, die Leibeigenschaft. Die hat sehr lange gedauert. Aber auch dagegen hat sich die Menschheit aufgelehnt. Übriggeblieben ist, in unsere Zeit hereinragend, daß zwar nicht der ganze Mensch verkauft werden kann, aber ein Teil des Menschen, die Arbeitskraft. Aber heute lehnt sich der Mensch dagegen auf, daß die Arbeitskraft verkauft wird. Es ist nur die Fortsetzung der Ablehnung der Sklaverei, was gefordert wird in der Ablehnung der Kaufbarkeit und Verkaufbarkeit der Arbeitskraft. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung die Opposition sich dagegen erhebt, daß Arbeitskraft als Ware gilt, und als Ware in der sozialen Struktur funktioniert. Die Frage kann also nicht so gestellt werden: Wie kann der Mensch vor der Ausbeutung geschützt werden? — wenn man von der axiomatischen Voraussetzung ausgeht, Arbeitskraft ist Ware, so wie es seit Ricardo, seit Adam Smith und anderen üblich geworden ist, und wie es eigentlich Karl Marx und auch die ganze proletarische Lebensauffassung betrachtet. Denn das betrachtet man schon als ein Axiom, daß Arbeitskraft Ware ist. Aber man will, trotzdem sie Ware ist, sie nur vor Ausbeutung bewahren, respektive den Arbeiter vor Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Das ganze Denken bewegt sich so, daß mehr oder weniger instinktiv oder auch nicht instinktiv, wie bei Marx selber, dieses als Axiom angenommen wird, namentlich bei dem gewöhnlichen Dutzend von Volkswirtschaftslehrern, wie sie eben an den Fakultäten tätig sind; da gilt das als Axiom, daß Arbeitskraft gleich zu behandeln ist der Ware.
[ 27 ] Ja, in solchen Dingen herrschen heute überhaupt lauter Vorurteile, und die Vorurteile werden gestaltend. Vorurteile sind ja ganz furchtbar gerade auf diesem Gebiete. Ich weiß nicht, wie viele vielleicht sogar hier unter Ihnen sein werden, die es als eine Zumutung betrachten, daß der Mensch sich mit diesen Dingen beschäftigen soll, daß man diese Dinge betrachten soll. Aber man kann ja das ganze Leben nicht betrachten, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Man läßt sich alles mögliche vormachen, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Die letzten vier Jahre haben alle diese Dinge anschaulich bewiesen. Was haben diese letzten vier Jahre nicht alles gebracht! Man konnte da die kuriosesten Dinge erleben. Ich will Ihnen als Beispiel nur eines sagen. Wenn man immer wieder hinauskam nach Deutschland — und anderswo war es ja nicht anders —, da erlebte man: Alle Augenblicke war etwas Neues, was neue Anleitung zum Patriotismus war. Gerade als wir das letztemal nach Deutschland zurückkamen, da war zum Beispiel wieder so ein neues patriotisches Schlagwort für den bargeldlosen Verkehr aufgekommen: Man sollte nicht mehr mit Bargeld bezahlen, sondern den Scheckverkehr fördern, also möglichst nicht Geld zirkulieren lassen, sondern Schecks. Da wurde den Leuten gesagt, das sei besonders patriotisch, bargeldlosen Verkehr zu fördern, denn das sei notwendig, wie man meinte, um den Krieg zu gewinnen. Niemand ist darauf gekommen, daß es der platte Unsinn ist, wenn man es so sagt. Aber es wurde ja nicht bloß gesagt, es wurde auch wirklich propagiert, und die Leute richteten sich danach, die unglaublichsten Leute richteten sich danach — Leute, von denen man annehmen müßte, weil sie Werke leiteten, weil sie Industrieunternehmungen leiteten, sie verständen irgend etwas von der Volkswirtschaft! Sie behaupteten: Bargeldloser Verkehr, das ist patriotisch! — Nur unter einer Voraussetzung wäre der bargeldlose Verkehr patriotisch: Wenn man jedes Mal ausrechnen würde, wieviel Zeit man erspart durch den bargeldlosen Verkehr; was ja nur gewisse Leute können, die meisten können das ja nicht. Diese Zeit müßten sie zusammenaddieren und dann müßten sie hergehen und müßten sagen: Ja, ich habe durch den bargeldlosen Verkehr so und so viel Zeit erspart, bitte, verwenden Sie mich nun zu dem und dem, ich will dafür die und die Arbeit leisten. Nur dann wäre es eine wirkliche Ersparnis. Das haben aber die Leute nicht getan, auch gar nicht daran gedacht, daß es nur unter dieser Voraussetzung volkswirtschaftlich patriotische Bedeutung haben könnte. Und solches Zeug ist ja in den letzten viereinhalb Jahren, weil alles in Umschwung kam, in der fürchterlichsten Weise geredet worden. Die unglaublichsten Dilettantismen sind realisiert worden. Unmöglichkeiten sind Wirklichkeiten geworden, weil die Leute, auch diejenigen, die es angeordnet haben, gar nicht wissen, welche Zusammenhänge auf diesem Gebiete in der Wirklichkeit vorhanden sind.
[ 28 ] Um was es sich handelt mit Bezug auf die Fragen, die ich zuletzt berührt habe, ist, daß gerade die Untersuchung darauf gehen muß: Wie gestaltet man die soziale Struktur, das soziale Zusammenleben, damit man loslöst die objektive Ware, das Gut, das Erzeugnis, das Produkt, von der Arbeitskraft? Und darauf kommt es an bei allem, was für die Volkswirtschaft angestrebt werden muß, daß das Produkt, das Erzeugnis, so auf den Markt gebracht wird und so zirkuliert, daß losgelöst ist von dem Produkt die Arbeitskraft. Dieses Problem muß gerade volkswirtschaftlich gelöst werden. Wenn man aber ausgeht davon wie von einem Axiom, daß in die Ware hineinkristallisiert ist die Arbeitskraft, daß das nicht trennbar ist, dann verdeckt man sich ja gerade das Hauptproblem, da stellt man ja das, was auf den Füßen stehen soll, auf den Kopf. Man merkt gar nicht, daß die wichtigste Frage, von der das Glück oder Unglück der zivilisierten Welt auf volkswirtschaftlichem Gebiet abhängt und auf die jeder Impuls des Denkers gerichtet sein muß, diese ist: Wie löst sich die objektive Ware, das Gut, ab von der Arbeitskraft, so daß Arbeitskraft nicht mehr Ware sein kann? Das kann man erreichen. Wenn man die Einrichtungen trifft im Sinne jener Dreigliederung, die ich Ihnen vorgetragen habe, so ist dies der Weg, um dasjenige, was objektiv vom Menschen losgelöste Ware, losgelöstes Gut ist, von der Arbeitskraft loszulösen.
[ 29 ] Verständnis für diese Dinge, die gerade aus der Wirklichkeit herausgegriffen sind, findet man allerdings jetzt noch wenig. Ich habe 1905 in «Luzifer-Gnosis» den Aufsatz « Theosophie und soziale Frage » veröffentlicht. Ich habe damals aufmerksam gemacht auf den obersten Grundsatz, der geltend gemacht werden muß, um das Produkt von der Arbeit loszulösen: daß nur darinnen das Heil der sozialen Frage bestehen kann, daß man richtig denkt über Produktion und Konsumtion. Heute denkt man ganz im Sinne der Produktion. Umgedacht muß werden! Die Frage muß von der Produktion abgelenkt, auf die Konsumtion gerichtet werden. Man konnte im einzelnen manchen Ratschlag geben, der aber wiederum durch die Unzulänglichkeit der Verhältnisse und durch sonstiges Unzulängliche nicht die rechten realen Folgen haben konnte. Das hat man ja auch manchmal erfahren. Aber es ist tatsächlich so, daß die Menschen heute durch den Glauben an gewisse logische Konsequenzen, die sie als wirkliche Konsequenzen nehmen, keinen Sinn dafür haben, daß auf die Wirklichkeit hingeschaut werden muß. Die Wirklichkeit ergibt aber auch gerade auf sozialem Gebiete erst die richtigen Fragestellungen. Sie werden es natürlich heute leicht erleben, daß Ihnen die Leute sagen: Ja, aber siehst du denn nicht, daß gearbeitet werden muß, wenn Ware da sein soll? — Gewiß muß gearbeitet werden, wenn Ware da sein soll. Logisch folgt ja auch die Ware aus der Arbeit. Aber die Wirklichkeit ist etwas anderes als die Logik.
[ 30 ] Ich habe das unsern Freunden wiederholt von einem anderen Gesichtspunkte aus klargemacht. Ich habe gesagt: Man sehe es sich nur an dem Denken der darwinistischen Materialisten an. Ich habe es lebhaft vor mir, wie ich vor vielen Jahren im Münchener Zweig zum erstenmal versuchte — und dann habe ich es oftmals wiederholt —, unsern Freunden klarzumachen: Man versuche nur einmal sich vorzustellen so einen richtigen Haeckelianer. Er denkt, aus einem affenähnlichen Tier ist der Mensch entstanden. Nun soll er als Naturforscher den Begriff des affenähnlichen Tieres sich bilden und dann den Begriff des Menschen. Er würde, wenn noch kein Mensch da wäre und er nur den Begriff des affenähnlichen Tieres hätte, aus seinem Begriff niemals den Begriff des Menschen herausklauben, herausschälen können. Er glaubt nur, daß der Begriff des Menschen aus dem Begriff des Affentieres hervorgehe, weil es in der Wirklichkeit daraus hervorgegangen ist. Im realen Leben unterscheiden die Menschen schon zwischen der reinen Begriftslogik, Vorstellungslogik und der Anschauungslogik. Aber das muß durchgreifen, sonst wird man niemals zu solcher Ordnung der sozialen und politischen Verhältnisse kommen, wie das für die Gegenwart und die nächste Zukunft notwendig ist. Wenn man sich nicht hinwenden will zu dem wirklichkeitsgemäßen Denken, wie ich es Ihnen heute wieder dargestellt habe, so wird man niemals auf öffentlichem Gebiete zum Goetheanismus kommen. Aber daß Goetheanismus in die Welt eintreten möge, das sollte symbolisiert werden dadurch, daß es hier auf diesem Hügel einmal ein Goetheanum gibt.
[ 31 ] Nur spaßhaft möchte ich Ihnen raten, lesen Sie die große Annonce, die in den «Basler Nachrichten » auf der letzten Seite heute erschienen ist, wo aufgefordert worden ist, alles zu tun für den größten Tag der Weltgeschichte, der anbrechen soll, indem begründet wird das Wilsoneanum! Nun, es ist ja zunächst, nicht wahr, nur eine Annonce, und ich wollte es auch nur spaßhaft erwähnen. Aber in den Seelen der Menschen wird mindestens sehr stark das «Wilsoneanum» begründet.
[ 32 ] Ich habe Ihnen vor kurzem auseinandergesetzt, daß es schon eine gewisse Bedeutung hat, daß es hier nun ein Goetheanum gibt, und nannte das dazumal eine «negative Feigheit». Das Gegenteil von Feigheit sollte damit zum Ausdruck kommen. Und es ist schon so, daß in der Zukunft Ereignisse kommen werden — wenn diese Annonce auch nur eine spaßhafte Vorausnahme ist —, die diesen Protest aus einer gewissen Weltanschauung heraus prophetisch gerechtfertigt erscheinen lassen. Wenn man auch die halbe Seite Annonce von dem Wilsoneanum nicht ernst nimmt, so ist es schon gut, wenn man weiß: Wilsoneana werden schon begründet werden. Deshalb sollte vorher ein Protest da sein: ein Goetheanum!
