Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186
20 Dezember 1918, Dornach
Elfter Vortrag
[ 1 ] Wir haben in diesen Betrachtungen der letzten Wochen die große Forderung der Zeit, die sogenannte soziale Forderung, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus ins Auge gefaßt. Wir haben versucht, diese Zeitforderung auf einem geisteswissenschaftlichen Hintergrunde zu sehen. Denn nur dadurch ist es möglich, sich in richtiger Weise darüber zu orientieren, was diese Zeitforderung eigentlich in sich birgt. Und nur mit Berücksichtigung dessen, was angedeutet werden konnte in diesen Betrachtungen, wird es unserer so sehr geprüften Zeit und ihrer nächsten Zukunft gelingen können, Impulse und Gesichtspunkte für diese Zeit zu gewinnen. Ich werde auf diese Betrachtungen morgen wieder zurückkommen, weil ich heute episodisch etwas einfügen muß, was gewissermaßen eine Fortsetzung des schon neulich hier Berührten sein wird, was aber zeigen wird, wie sich diese Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, zu dem, ich darf wohl sagen, inneren Bewußtseinszustand unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft stellen wird.
[ 2 ] Ich habe Ihnen ja neulich am Schlusse einiges Hauptsächliche nach dieser Richtung hin angeführt. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß jeder, der den Willen hat, mit dem gesunden Menschenverstand, wie er sich nun einmal bis zu der Gegenwart heraufentwickelt hat, zu prüfen und zu unterscheiden, was hier innerhalb dieser Geisteswissenschaft gemeint ist, finden wird, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wirklich imstande ist, mit dem Gewissen und mit der Vorstellungsart der gegenwärtigen Zeit zu rechnen. Und gerade aus unseren sozialen Betrachtungen kann das hervorgehen. Daher darf auch immer, wo gesprochen wird von dem einen oder anderen Gegenstande dieser unserer Geisteswissenschaft, darauf hingewiesen werden, daß alles, was vorgebracht wird, nachgeprüft werden kann von dem, der nachprüfen will, aus dem Denken der Gegenwart heraus, insbesondere auch aus dem wissenschaftlichen Denken der Gegenwart heraus. Man kann sogar sagen, daß eine große Anzahl der Angriffe gegen diese Geisteswissenschaft davon herrührt, daß sie in so auffälliger Weise nachgeprüft werden kann von dem Gewissen der Gegenwart und nächsten Zukunft. Das ist manchen Menschen außerordentlich unlieb und unbequem. Gerade weil die Dinge mit allen wissenschaftlichen Anforderungen und wissenschaftlichen Vorstellungen unserer Zeit übereinstimmen, dennoch aber in vielen Köpfen und namentlich in vielen Herzen ein gewisser Widerwille ist gegen so geartete Geisteserkenntnis, macht sich eine Gegnerschaft geltend, der es einfach unangenehm ist, daß etwas auftritt, was sich restlos gerade an den wissenschaftlichen Forderungen unserer Zeit nachprüfen läßt. Das aber, mit dem diese Geisteswissenschaft als mit einer inneren geistigen Tatsache der Menschheitsentwickelung rechnet, das ist, daß, in unserer Zeit beginnend und immer deutlicher werdend gegen die Zukunft hin, gewissermaßen durch den Schleier der Weltenerscheinungen und Weltenereignisse Neues durchbricht. Die Menschheit hat lange gelebt in reinen sinnengemäßen Vorstellungen. Was sie über diese sinnengemäßen Vorstellungen hinaus hatte, das waren im Grunde genommen alte Erscheinungen, die noch herrührten aus einer Zeit, in welcher die Menschheit mit atavistischem Hellsehen ausgestattet war, in welcher Weisheiten auf ganz anderem Wege in die Menschheit hereingelangt sind, als sie in der Zukunft in die Menschen kommen werden. Aus jenen Weistümern, die vergangenen Zeiten entsprochen haben, hat sich mancherlei erhalten. Das war gewissermaßen und ist bis heute noch für viele Menschen das einzige Weisheitsgut. Es ist sogar für die gegenwärtigen Naturforscher das einzige Weisheitsgut. Wenn man genau zusieht, so merkt man es schon. Aber eine elementare Offenbarung solchen Weisheitsgutes, wie sie in den alten Zeiten da war, die ist ja längst verglommen. Und eingetreten ist für die Erdenentwickelung der Menschheit gewissermaßen eine Dunkelheit, eine Dumpfheit, in welcher sich nichts Geistiges unmittelbar offenbarte. Jetzt beginnt eine Zeit, wo neue Offenbarungen durch die Schleier der Ereignisse in den menschlichen, geistigen und seelischen Horizont hereinbrechen. Daher muß für viele Dinge eine Erneuerung kommen. Wir können ja auf das allerwichtigste Erdenereignis gerade mit Bezug darauf hinweisen: auf das Mysterium von Golgatha. Das Mysterium von Golgatha hat gewiß der Erdenentwickelung erst den Sinn gegeben. Der Erdenplanet wäre geistig-seelisch nicht das, was er ist, wenn sich auf ihm nicht das Mysterium von Golgatha abgespielt hätte. Aber etwas anderes ist dieses Mysterium von Golgatha als eine Tatsache, die sich abgespielt hat, und etwas anderes sind die Lehren, welche als christliche Lehren über dieses Mysterium von Golgatha durch die Jahrhunderte geherrscht haben. Wer dies nicht ins Auge faßt, wird sich kaum hineinfinden in die Grundforderungen unserer Zeit.
[ 3 ] Nehmen Sie zum Vergleich etwas ganz Gewöhnliches. Nicht wahr, es ist doch zweierlei: ein Ereignis, das sich abspielt vor Ihren Augen, und dasjenige, was zwei oder drei Menschen, die dieses Ereignis sich haben abspielen sehen, über dieses Ereignis erzählen, über dieses Ereignis sagen. Und bekannt geworden in einem höheren geistigen Sinne ist ja über das Mysterium von Golgatha als einer Tatsache den Menschen natürlich nichts anderes als das, was gesagt worden ist durch die Jahrhunderte. Dieses aber, was gesagt worden ist über ein geistiges Ereignis — und ein solches ist das Mysterium von Golgatha, wenn es sich auch auf dem physischen Plane abgespielt hat —, das ist noch vom Standpunkte des alten Weisheitsgutes heraus gesagt worden. Selbst die Evangelien — Sie wissen das aus meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» — sind geschrieben vom Standpunkte des alten Weisheitsgutes aus. Das heißt, man hatte gewisse Vorstellungen aus den alten Mysterien, oder überhaupt altererbte Vorstellungen. In die Sprache dieser Vorstellungen kleidete man dasjenige, was sich auf Golgatha abgespielt hatte. Das sind aber Vorstellungen, die eben der atavistischen Menschheitsperiode angehören. Es mußte zuerst, um überhaupt verstanden zu werden, das Mysterium von Golgatha in diese Sprache eingekleidet werden. Aber heute leben wir in einer Zeit, wo diese Art, geistig die Welt anzuschauen, wie sie in alten Zeiten richtig war, antiquiert ist. Denn neue Offenbarungen geistiger Art, wenn sie auch die Menschen noch nicht anerkennen wollen, brechen herein, die allmählich gleichwertig werden den alten atavistischen Offenbarungen. Daher muß, wenn den Forderungen der Zeit Rechnung getragen werden soll, über das Mysterium von Golgatha als einer Tatsache auch in der neuen Sprache, den neuen Vorstellungen geredet werden. Das heißt, auch die christlichen Vorstellungen werden demjenigen Rechnung zu tragen haben, was in die Menschheitsentwickelung hereintritt. Sonst würde das Christentum eine Summe von althergebrachten Vorstellungen bleiben. Und alles das, was im Innern der Menschen als Forderungen der Zeit lebt, das würde ersterben gegenüber den althergebrachten Vorstellungen, das würde keine Nahrung finden. Gerade das ist es, womit anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft rechnen will, daß verständlich gemacht werden müssen die neuen geistigen Offenbarungen, und daß das größte Erdenereignis, das Mysterium von Golgatha, in die Vorstellungen dieser neuen geistigen Offenbarungen zu kleiden ist.
[ 4 ] Nun kann die Frage entstehen, und sie ist eine außerordentlich wichtige Frage: Wer von der geistigen Welt steckt denn eigentlich hinter diesen geistigen Offenbarungen, die durch den Schleier der Erscheinungen neu in die Menschheitsgeschichte hereinbrechen? Sie kennen die Aufeinanderfolge der verschiedenen Hierarchien, wie ich sie in meinen Schriften dargestellt habe, wissen daher, was innerhalb der Hierarchien-Geisterordnung die sogenannten Geister der Persönlichkeit sind. Sie wissen, die Geister der Persönlichkeit stehen um eine Stufe tiefer in der hierarchischen Geisterordnung als diejenigen Geister, zu denen wir zum Beispiel Jahve rechnen, die sogenannten Geister der Form.
[ 5 ] Zu jenen Offenbarungen, die an die Menschheit herangetreten sind durch die Geister der Form, wollen nunmehr hinzukommen die Geister der Persönlichkeit, allerdings erst sich vorbereitend, nicht in jener Mächtigkeit, mit der die Geister der Form sich geoffenbart haben. Und wenn wir nach einem Worte suchen für das, was die Geister der Form eigentlich sind, so können wir bei dem alten guten Worte «Schöpfer» bleiben. Das biblische Wort «Schöpfer» umfaßt ungefähr alles, was auch wir mit den Geistern der Form verbinden müssen, wenn wir sie betrachten in ihrem Einfluß auf den Menschen von der alten lemurischen Zeit bis heute und auch in die Zukunft hinein. Sie werden ja ihre Taten nicht einstellen, aber sie werden sie gewissermaßen auf anderem Plane zu verrichten haben.
[ 6 ] Wenn wir alles das, was wir da geisteswissenschaftlich betrachten können, ins Auge fassen, so können wir die Geister der Form eben schöpferische Geister nennen. Ihnen verdankt der Mensch vor allen Dingen sein Dasein, so wie er als Erdenmensch ist. Bis zu unserem Zeitalter aber waren die Geister der Persönlichkeit nicht schöpferische Geister. Sie waren Geister, welche verschiedene Angelegenheiten vom geistigen Reiche aus ordneten. Sie können ja nachlesen in meiner «Geheimwissenschaft» über die Tätigkeit dieser Geister der Persönlichkeit. Aber es beginnt die Zeit, wo sie zunächst wirklich einzugreifen haben in das Schöpferische der Menschheitsentwickelung. Später werden sie auch in das Schöpferische der anderen Reiche einzugreifen haben. Es findet ja Entwickelung statt im Hierarchischen. Die Geister der Persönlichkeit steigen zu einer schöpferischen Tätigkeit auf. Das weist überhaupt hin auf ein bedeutsames Geheimnis in der Menschheitsentwickelung. Wer nicht in oberflächlicher Naturbetrachtung, wie sie heute gang und gäbe ist, die Menschheitsentwickelung zu umfassen sucht, sondern wer sie mit geisteswissenschaftlichen Impulsen innerlich anschaut, der weiß, daß seit dem Beginne der jetzt oft von verschiedenen Gesichtspunkten besprochenen fünften nachatlantischen Zeit in dem Menschen etwas zu ersterben beginnt. Mit diesem Ertsterben, ich möchte sagen, mit diesem Abgelähmtwerden von etwas in unserer Natur, mit dem hängt im Grunde unser ganzer Fortschritt auch im Seelischen und Geistigen zusammen.
[ 7 ] Wir sind nicht mehr in demselben Sinne lebendige Menschenwesen, wenn ich es kraß ausdrücken will, wie es die Menschen vor Jahrhunderten oder gar vor Jahrtausenden waren. Die hatten stärkere Vitalität in sich, stärkere Kraft in sich, Kraft, die vom bloßen Leiblichen ausging. Der Mensch kennt ja das Sterben nur, wenn es in der radikalen Form des Aufhörens des Erdenlebens auftritt. Allein, Sie wissen aus den geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, daß in uns fortwährend etwas stirbt. Und wenn nicht fortwährend etwas stürbe, so hätten wir kein Bewußtsein. Bewußtsein hängt zusammen gerade mit dem Ersterben von etwas in uns. Aber dieses Ersterben, dieser Prozeß des Ersterbens, der ist jetzt stärker, als er zum Beispiel im ersten christlichen Jahrhundert oder gar in den vorchristlichen Jahrhunderten war. Dasjenige, was im Menschen von den schöpferischen Geistern als Geistern der Form herrührte, das beginnt, wenn ich so sagen darf, stark zu sterben, und neues Schöpferisches muß der Menschennatur eingefügt werden, Schöpferisches, das zunächst vom Geistigen auszugehen hat. Es ist in der Tat so, daß dem Menschen, der sich nicht dagegen sträubt, von unserem Zeitalter ab schöpferische Kräfte aus dem Geiste heraus zufließen. Diese schöpferischen Kräfte sucht Geisteswissenschaft zu verstehen. Sie sucht das, was hereindringt aus Welten, die bisher nicht ihre Impulse in die Menschheitsentwickelung einfließen ließen, was als neues Geistiges in die Zeitentwickelung eintritt, denkend, schauend zu erfassen. Und das ist eigentlich, was im wirklich modernen Sinne orientierte Geisteswissenschaft ist. Also die tritt nicht auf wie irgendein anderes, sei es wissenschaftliches oder sonstiges Programm, sondern die tritt gewissermaßen auf, weil die Himmel neue Offenbarungen den Menschen zusenden, und weil diese neuen Offenbarungen verstanden werden sollen.
[ 8 ] Wer nicht in diesem Sinne die Aufgabe der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft versteht, der versteht sie überhaupt nicht. Denn diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft würde schweigen, wenn sie nicht Neues, eben erst Hereinbrechendes, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, von den Himmeln der Menschheit sich Offenbarendes zu verkünden hätte.
[ 9 ] Und was sich offenbart durch den Schleier der Erscheinungen, das ist der Ausdruck eines neuen schöpferischen Prinzips, das besorgt wird durch die Geister der Persönlichkeit. Damit hängt es zusammen, daß gerade dieses unser Zeitalter, von dem wir ja sagten, daß es begonnen habe mit dem fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert, als seine charakteristische Eigenschaft die Ausprägung der Impulse der Persönlichkeit hat. Die Persönlichkeit will sich, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, auf die eigenen Füße stellen, und wird das immer mehr und mehr wollen in das dritte Jahrtausend hinein. Dann werden andere Impulse nach Vollendung der Persönlichkeit auftreten.
[ 10 ] Indem Sie das, was ich eben gesagt habe, überdenken, sehen Sie gewissermaßen, wie diese Neuoffenbarung der Geister des Lichtes, der Geister der Persönlichkeit, an die Menschen herankommt. Dem aber stehen gegenüber auch gerade seit dem Beginne dieser neuen fünften nachatlantischen Zeit gewisse Geister der Finsternis. Denn sobald wir hinter den Schleier der Erscheinungen schauen, merken wir gleich, wie einer gewissen Abteilung von Geistern andere, entgegengesetzte gegenüberstehen. Wir schauen auf der einen Seite nach den Geistern der Persönlichkeit, die sich so offenbaren, wie ich das eben ausgeführt habe. Aber auf der anderen Seite sehen wir, wie sich ihnen gegenüber gewisse finstere Geister kundgeben, Geister, welche in jeder Weise ein Interesse daran haben, nicht in der Menschheit wirksam sein zu lassen, was als die neue Offenbarung der Geister der Persönlichkeit kommt. Diese neuen, dumpfen, finsteren Geister, die finden Gelegenheit zu ihrer Verwirklichung durch eine Erscheinung, die ich schon vor einigen Wochen hier erwähnt habe, eine Erscheinung, die leider von der gegenwärtigen Menschheit viel zu wenig beachtet wird.
[ 11 ] Sehen Sie, wenn heute gefragt wird, wieviel Menschen auf Erden sind, so sagt man gewöhnlich: 1500 Millionen, nicht wahr. Das würde die Konsequenz haben, daß auch auf der Erde nur so viel Arbeit geleistet wird, als diese 1500 Millionen Menschen leisten. Das ist aber nicht der Fall, sondern es ist heraufgezogen seit dem Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums die Möglichkeit, daß außer den 1500 Millionen Menschen auf der Erde, von denen man gewöhnlich spricht, noch fünfhundert weitere Millionen Arbeitskraft da sind. Das ist durch die Maschinen! Wenn alle Maschinenarbeit heute verrichtet würde von Menschen, so müßten fünfhundert Millionen Menschen diese Arbeit verrichten.
[ 12 ] Sie sehen daraus, daß gewissermaßen Menschenarbeit auf der Erde einen Ersatz gefunden hat, daß etwas da ist, was wie Menschen wirkt, aber nicht Mensch aus Fleisch und Blut ist. Diese Tatsache ist außerordentlich wichtig für die Gesamtmenschheitsentwickelung. Diese Tatsache hängt mit anderen Tatsachen in der Entwickelung der Gegenwart zusammen. Die fünfhundert Millionen Menschen, die eigentlich nicht als Menschen von Fleisch und Blut vorhanden sind, aber als Arbeiter — die Arbeit leisten die Maschinen geradeso, wie wenn Menschen sie leisten würden —, diese menschlichen Arbeitsleistungen, die geben Gelegenheit, daß sich die finsteren Geister verwirklichen können innerhalb unserer Menschheitsentwickelung, jene finsteren Geister, die Gegner sind derjenigen Geister der Persönlichkeit, die die neuen Offenbarungen bringen.
[ 13 ] So haben wir auf der einen Seite die für ein neues Hellsehen hereinbrechenden neuen Offenbarungen der Himmel, und auf der anderen Seite haben wir, aus dem Unterirdischen gewissermaßen herauskommend, die Körperlichkeit für die Gegner, für gewisse dämonische Geister, für Geister der Finsternis, welche sich nun nicht durch Menschen von Fleisch und Blut verwirklichen, aber die doch unter uns wandeln dadurch, daß menschliche Kräfte ersetzt werden durch Mechanismen, durch Maschinen.
[ 14 ] Das ist auch die Grundlage für alle Disharmonie auf sozialem Gebiete in unserer Zeit. Es ist aber auch die Grundlage für gewisse Irrgänge des menschlichen Denkens in der Gegenwart, die ja wieder ihrerseits Ausgangspunkte sind für soziale Verirrungen. Denn das menschliche Denken hat sich im Lauf der letzten Jahrhunderte in einer gewissen Beziehung der mechanistischen Ordnung angepaßt. Das menschliche Denken ist durchdrungen, durchimprägniert von solchen Vorstellungen, die rein der mechanistischen Ordnung angepaßt sind. Man kann sagen: In vielen Gebieten der Naturforschung, aber auch auf vielen Gebieten des Lebens, auch auf vielen Gebieten des heutigen sozialen oder sozialistischen Denkens werden gar keine anderen Vorstellungen angewendet als diejenigen, welche brauchbar sind, um die Wirkungsweise von Mechanismen zu verstehen, welche aber unbrauchbar sind, um alles das zu verstehen, was über die Mechanismen hinaus liegt. Dennoch, in der Offenbarungswelt hat ein jegliches Ding zwei Seiten, und Sie dürfen nicht deshalb sagen: Weil das so ist, haben sich die mechanistischen Vorstellungen in die Menschheitsentwickelung hereingeschlichen als etwas, was man meiden müsse. — Nein, das wäre durchaus falsch! So gefährlich die mechanistischen Vorstellungen sind, weil sie gewissen Geistern der Finsternis Gelegenheit geben, aufzutreten gegen die sich offenbarenden Geister der Persönlichkeit, so gefährlich diese mechanistischen Vorstellungen, namentlich die mechanistische Ordnung, von der sie genommen sind, sind, so wohltätig auf der andern Seite ist gerade dieses Denken, welches sich anlehnt an solche mechanistischen Vorstellungen. Denn das ist die Aufgabe der neueren Zeit, daß sich unser Seelenvermögen rüstet mit diesen Vorstellungen, die ja auch im modernen naturwissenschaftlichen, überhaupt im modernen Denken leben, daß wir uns durchdringen mit diesen Vorstellungen, aber dann diese Vorstellungen in den Dienst der neuen Offenbarung der Himmel stellen. Mit andern Worten, die mechanistischen Vorstellungen haben die Menschheit gelehrt, in klaren, scharfen Konturen zu denken. So, wie innerhalb der mechanistischen Vorstellung, ist früher nicht gedacht worden. Die Vorstellungen älterer Zeiten hatten immer verschwommene Konturen. Wer die Geistesgeschichte der Zeit verfolgt, der weiß dieses. Selbst wenn man scharfe Geister wie Plato studiert, ihre Begriffe haben verschwommene Konturen. In scharfen Gedankenkonturen zu denken, das hat sich der Mensch erst anerziehen können dadurch, daß er in die Einseitigkeit verfallen ist, sich mechanistische Weltvorstellungen zu bilden. Die einseitigen mechanistischen Vorstellungen sind außerordentlich arm an Weltinhalt; sie enthalten im Grunde genommen nur das Tote. Aber sie sind ein Erziehungsmittel außerordentlicher Art; das ist ja auch heute zu merken. Eigentlich scharf denken können nur diejenigen Menschen heute, welche sich gewisse naturwissenschaftliche Vorstellungen angeeignet haben. Die anderen sind versucht, verschwommen zu denken.
[ 15 ] Nun obliegt aber dieser Erziehung, die sich die Menschheit angeeignet hat durch scharf konturiertes Denken, sich hinzuwenden nach der neuen Geistesoffenbarung, und die geistigen Welten nun in ebensolcher Klarheit aufzufassen, wie man gewohnt worden ist, die naturwissenschaftliche Welt aufzufassen. Das ist es, was das moderne intellektualistische Gewissen fordert und ohne das die Menschheit nicht auskommen wird, ohne das sie ihre wichtigsten Fragen nicht wird lösen können, die in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft auftreten: Scharfes Denken, herangezogen an den modernsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen, angewendet aber auf die geistige Welt, die sich neu offenbart. Das ist im Grunde genommen auch die Konfiguration der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. So will sie sein, weil sie mit den notwendigsten Forderungen der Gegenwart rechnet. Deshalb ist sie imstande, herunterzusteigen von gewissen geistigen Höhen bis zu der Erfassung des dem Menschen im Alltag Notwendigen. Auf das muß immer hingewiesen werden, daß in dieser Richtung Geisteswissenschaft eben eine neue Hilfe für Menschenarbeit und Menschenleistung sein will.
[ 16 ] Nehmen Sie von den alten traditionellen Dingen, die ältere Zeiten heraufgebracht haben, die verschiedenen religiösen Bekenntnisse. Gewiß, diese religiösen Bekenntnisse reichen für eine Anzahl von Leuten heute aus, wenn diese Leute eine gewisse Erbauung suchen. Es wird dann den Leuten erzählt aus dem Schoße der alten Bekenntnisse heraus über göttlich-himmlische Reiche, es wird ihnen erzählt über das, was sich hinter dem Schleier der sinnlichen Erscheinungen verbirgt. Es wird so weit herabgestiegen, daß den Menschen gepredigt werden kann, daß sie gute Menschen sein sollen, daß sie einander lieben sollen und so weiter. Mit anderen Worten: Diese Bekenntnisse können herabsteigen bis zu gewissen moralischen Forderungen.
[ 17 ] Auf der anderen Seite wird heute versucht, eine Anschauung zu gewinnen über die Alltagsforderungen, die gewissermaßen auf dem anderen Pole des Lebens liegen. Es wird versucht, Naturerkenntnis zu gewinnen. Nun, Sie wissen, Botanik, Zoologie wird nur in den wenigsten Fällen heute in den Sonntagnachmittagspredigten von den Pastoren oder Predigern irgendwie aus höheren Offenbarungen heraus den Menschen verkündet. Das, was da verkündet wird über die himmlischen Reiche, reicht nicht bis auf die Erde herunter. Auch über anderes aus den unmittelbaren Forderungen, die uns jede Stunde, jede Minute umgeben, wird von dem anderen Pole her Aufschluß gesucht, und so ist auch über die sozialen Forderungen von diesem anderen Pole her, ich möchte sagen, ein gewissermaßen naturwissenschaftliches Denken in die Erscheinung getreten. Aber denken Sie, wie nebeneinander steht dasjenige, was die Menschen heute an Gedanken aufbringen über die Forderungen des alltäglichen Lebens, und dasjenige, was aus den himmlischen Reichen herunter der Pastor verkündet. Das sind zwei Welten, die sich nicht miteinander berühren. Die Menschen wollen — wenn sie es wollen — arbeiten, wollen auch Gedanken haben über ihre Arbeit, wollen dann, wenn sie ihre Arbeit verrichtet haben, hören, wie es mit dem Tod, mit der Unsterblichkeit, mit dem Göttlichen steht. Aber das sind zwei ganz getrennte Reiche. Daß sie es sind, daß die Menschen nicht das Bedürfnis haben, die beiden Reiche miteinander zu verbinden, daß gewissermaßen das stattfindet, was ich von anderen Gesichtspunkten aus in den vorigen Betrachtungen angeführt habe, daß die Menschen denken wollen über Kapital, über Geld, über Kredit, Arbeitskraft und so weiter von der einen Seite her, über moralische, über ethische Forderungen von der anderen Seite her, daß die Menschen nicht die Gedankenkraft aufbringen, aus dem, was über den Geist gesagt wird, zu gleicher Zeit auch über das Leben im Alltag zu sprechen, wo sich der Gott oder die Götter nicht minder offenbaren, als auf anderen Gebieten — das ist der große Schaden der Gegenwart. Das muß man vor allen Dingen durchschauen, wenn man verstehen will, warum diese katastrophale Zeit über die Menschheit hereingebrochen ist. Die Menschen brauchen wiederum eine Wissenschaft, die imstande ist, indem sie von dem höchsten Göttlichen redet, zu gleicher Zeit einzugehen auf die Bedürfnisse des Alltags. Denn sonst bleiben diese Bedürfnisse des Alltags in jener chaotischen Ordnung, in der sie die Lenins und Trotzkis sehen. Und die Lehren, die die Geheimnisse der Himmel verkünden, bleiben, wenn sie auch noch so sehr das egoistische Empfinden der Herzen wärmen, unfruchtbar für das äußere Leben.
[ 18 ] Das darf eben nicht in der Zukunft sein. In der Zukunft darf es nicht Sonntagnachmittagspredigten geben, in denen sich die Menschen hinausheben wollen über den Alltag, sich bloß erbauen, ihre egoistischen religiösen Bedürfnisse warmmachen wollen, um dann wiederum mit nur äußerem, unzureichendem Denken an das ungöttlich gesehene Alltägliche zu gehen, ohne es geistig zu durchschauen. Es liegen schon die großen Forderungen, die unsere Zeit an uns stellt, auf geistigem Gebiet. Nicht früher wird Ordnung in unsere Zeit hineinkommen, bis die Menschen zugeben werden, daß das zu berücksichtigen ist, was jetzt eben charakterisiert worden ist.
[ 19 ] Mit dem hängen aber eine ganze Anzahl anderer wichtiger Zeitimpulse zusammen. Wir stehen mitten drinnen, nicht am Ende. Voll bewußt sage ich das: Wir stehen nicht am Ende, wir stehen mitten drinnen in einer Zeit des Kampfes, in einer Zeit, in der sich chaotische Ereignisse innerhalb der Menschheitsentwickelung abspielen, Ereignisse, ich habe es oft gesagt, von denen die Menschen lernen sollten. Leider gibt es so viele, die heute noch nichts von diesen Ereignissen der letzten viereinhalb Jahre gelernt haben, sondern ein so geformtes Denken haben, wie vor viereinhalb Jahren. Ereignisse spielen sich ab, welche die äußere Menschheit oder vielmehr das Leben der äußeren Menschheit in Kampf und Streit zeigt. Gewiß, Kampf und Streit hat es zu anderen Zeitepochen auch gegeben; aber Kampf und Streit in unserer Zeitepoche hat noch einen ganz besonderen Charakter. Und diesen besonderen Charakter merken wir, wenn wir nicht bloß auf die Oberfläche, sondern in die Tiefe schauen, wenn wir gewahrwerden, daß sich heute vieles äußerlich abspielt, was eigentlich so veranlagt ist, daß es sich im Innern der Menschen abspielen sollte. Sie können sich ja leicht denken, daß mit dem Entgegennehmen der neuen Offenbarung der Himmel eine vertiefte Innerlichkeit der Menschennatur verbunden sein muß. Diese vertiefte Innerlichkeit der Menschennatur, die wird aber in die Menschennatur hineintragen, in die Seelen hineintragen gewisse innere Kämpfe. Diese Aussicht auf innere Seelenkämpfe für die Menschen darf uns nicht pessimistisch stimmen, denn nur aus diesen Seelenkämpfen heraus kann der Mensch in der Zukunft stark werden. Der Mensch, der das heute noch nicht will, verlangt von seinen Bekenntnisträgern, von seinen Pastoren, daß sie ihn gewissermaßen benebeln über das, was doch unterbewußt schon in der Seele lebt. Sie sollen ihm die Seele warmmachen, sie sollen ihn trösten, sie sollen ihm recht schöne Sachen sagen über das, was Gott mit dem Menschen vorhat, ohne daß der Mensch etwas dazutut. Aber in der nächsten Zukunft werden die Götter nur dasjenige mit den Menschen vorhaben, zu dem der Mensch selbst etwas tut. Der Mensch muß durchgehen durch innere Seelenkämpfe, die ihn stark machen. Wir haben nicht hinzuschauen auf eine Zukunft, die bequemer ist als die Vergangenheit oder die Gegenwart. Solche scheinbaren Ideale, die aber nur moderne Betäubungsmittel sind, sind nicht Wahrheit, sind bloß Wilsonianismus. Zu reden davon, daß ein ganz anderes Zeitalter durch gewisse zweimal sieben Punkte — ich weiß nicht, ob es mystisch gemeint ist, aber dann ist es im schlechten Sinne mystisch — heraufgerufen werden kann, das ist eine ganz besondere Form des modernen Aberglaubens.
[ 20 ] Um was es sich handelt für die Zukunft, das ist nicht, daß es im äußeren Leben bequemer hergehen wird. Die Menschheit wird schon noch größere Unbequemlichkeiten, als diejenigen, die sie sich heute träumen läßt, mit dem Reste der Erdenentwickelung auf sich nehmen müssen. Aber sie wird sie auf sich nehmen, weil sie durch innere Seelenkämpfe — jeder einzelne in seiner Persönlichkeit — gestärkt sein wird. Wenn wir dutch den Schleier der Erscheinungen durchsehen, so sehen wir ja nicht auf eine Welt, in der die Götter sagenhaft still, jeder in seinem Bette, schlafen und ein friedsames Leben führen, so wie die Menschen es sich erträumen und was ja doch nichts anderes ist, als eine andere Form des Faulenzerlebens. Nein, so ist es nicht! Wenn wir den Schleier der Phänomene durchblicken, so sehen wir nicht auf ein göttlich-geistiges Schlafensleben, sondern auf ein göttlich-geistiges, auf ein hierarchisches Arbeitsleben. Und was uns auffällt zunächst, das ist der große Kampf, der hinter der Szene der physisch-sinnlichen Welt stattfindet zwischen der Weisheit und der Liebe. Und der Mensch ist hineingestellt in diesen Kampf. Lange Zeit war er es unbewußt; in der Zukunft muß er sich immer bewußter und bewußter hineinstellen in diesen Kampf, der in der Welt stattfindet zwischen Weisheit und Liebe. Denn der Mensch soll sein dasjenige, was entsteht, indem Weisheit und Liebe wie ein Pendel immerfort ausschlagen, bald nach der Weisheits-, bald nach der Liebesseite. Denn durch des Pendels rhythmische Schwingungen, nicht durch die schläfrige Ruhe ist dasjenige, was Sein ist in der Welt.
[ 21 ] Dieser Kampf zwischen Weisheit und Liebe spielte sich in alten atavistischen Zeiten und in den Zeiten bis jetzt, noch in den unterbewußten Untergründen der menschlichen Seele ab. Da unten, wo die unbewußten Instinkte pulsieren, da steht der Geist der Weisheit gegen den Geist der Liebe, und der Geist der Liebe gegen den Geist der Weisheit. Aber ins Bewußtsein zieht das herauf von unserem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung an. Der Mensch muß diesen Kampf in sich selber auskämpfen. Immer stärker und stärker wird die Kraft werden, die auf der Grundlage dieses inneren Seelenkampfes in den menschlichen Naturen sich abzuspielen hat. Nur sträuben sich heute die Menschen noch gegen diese innere Entwickelung. Sie ahnen sie zwar und fürchten sich davor, sie haben aber nicht den Mut zu diesem inneren Kampfe. Das, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, soll dahin führen, daß der Mensch diesen inneren Kampf siegreich auskämpfen kann. Es ist den Menschen unbequem. Sie schrecken davor zurück, sie haben nicht den Mut, diesen inneren Kampf zu bestehen. Das ist aber eine Zeiterscheinung, daß die Menschen diesen inneren Kampf nicht bestehen wollen, daß sie ihn noch fliehen, daß sie ihn noch nicht haben wollen, diesen inneren Kampf. Und weil sie ihn nicht innerlich haben wollen, deshalb projiziert er sich heute nach außen. Ich habe das angedeutet in dem einen meiner Mysterien, wo Sie nachlesen können, wie dasjenige, was an äußeren Kämpfen unter den Menschen stattfindet, Ausdruck eines inneren Kampfes ist. Sie wissen, die Stelle ist lange vor dem Ausbruche der gegenwärtigen kriegerischen Weltkatastrophe geschrieben, aber gerade die gegenwärtige Weltenkatastrophe bezeugt die Wahrheit des dort Geschriebenen. Da ist angedeutet, daß alles, was an äußeren Kämpfen heute stattfindet — in anderen Zeitaltern hatten die Kämpfe anderen Charakter, denn alles ändert sich und macht Metamorphosen durch —, aus dem Inneren der Menschen herausgeworfene Kämpfe sind. Das ist es, was kommen muß: Die Menschen müssen ins Innere hereinnehmen, was sie glauben, heute außen auskämpfen zu müssen. Ein Kriegsschauplatz im Innern der menschlichen Seelen, das wird das Heilmittel sein für das, was heute unter die Menschen so ruinös getreten ist. Nicht früher, als bis dieser innere Kriegsschauplatz in die menschlichen Seelen einzieht, kann dasjenige verglimmen, was äußerlich so furchtbar katastrophal unter die Menschen gekommen ist. Denn dieses Äußere ist nichts anderes als das, was die Menschen nach außen projizieren, weil sie es nicht ins Innere hereinbringen wollen. Alles übrige ist nur scheinbar; das aber ist die Wirklichkeit.
[ 22 ] Das ist wiederum ein Umstand, dem die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Rechnung trägt. Sie trägt ihm dadurch Rechnung, daß sie nicht bloß irgendwelche antiquierte alte Lehren aufnimmt, sondern daß sie tatsächlich unter die Menschen bringen will, was im Sinne der gegenwärtigen Zeit und der Zukunft gewissermaßen als neue Offenbarungen der Himmel sich geltend macht. Diese Unterscheidung muß man haben, sonst wird man Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, stets zusammenwerfen mit anderen Dingen, mit denen sie nicht zusammengehört. Sie kann nicht, diese Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientiert ist, in derselben Art sich verkündigen, wie vieles sich in der Gegenwart verkündigen will, was eigentlich eine Angelegenheit der Vergangenheit ist. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß zu dem vollen, klaren Bewußtsein der Menschheit sprechen. Aber schon, indem man das sagt, verletzt man die Eitelkeit vieler Menschen. Denn die Menschen der Gegenwart glauben ja alle, ein außerordentlich klares, helles Denken zu haben. Sie brauchten sich aber nur umzusehen, wie sie es eigentlich treiben, gerade in geistigen Angelegenheiten treiben, dann würden sie merken, daß es mit diesem vollen, klaren Denken denn doch nicht so weit her ist. Das soziale, und wenn man will, das Kriegsproblem der Gegenwart, sie können nicht anders gelöst werden als durch klare, an dem modernen Denken geschulte Gedanken, die sich hinorientieren nach der neu sich offenbarenden geistigen Welt, jener Welt, welche von den guten Geistern der Persönlichkeit kommt. Weil diese Geisteswissenschaft in dieser Beziehung so neu ist, deshalb hat sie zu Gegnern alle diejenigen, welche nicht die Aktivität aufbringen wollen, in dieses Neue wirklich einzudringen. Denn um innere seelische Aktivität aufzubringen, dazu gehört wirklich der gute Wille.
[ 23 ] Sehen Sie, der ganze Nerv dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist ein anderer als derjenige, aus dem die früheren Offenbarungen stammen. Ich habe schon oft darauf aufmerksam gemacht: man findet heute sehr häufig, daß Leute, die sich unterrichten wollen über die Geheimnisse des Daseins, zu alten Schmökern greifen, welche die alte atavistische Hellseherlehre enthalten. Wie fühlt sich heute mancher beseligt, wenn er Bücher findet, die, ohne von dem modernen naturwissenschaftlichen Bewußtsein durchdrungen zu sein, ihm nun Aufschluß geben sollen über dasjenige, was man jetzt nicht wissen kann, was die alten Leute aber gewußt haben, die da reden von Salz, Merkur und Schwefel und ähnlichen Dingen. Selbstverständlich sind das ehrwürdige, erhabene Dinge, die in diesen Büchern stehen. In der Welt gibt es aber Entwickelung, und was für frühere Epochen gut war, ist nicht gut für unsere Zeit. Frühere Epochen haben sich eben auf ihre Art in den Besitz setzen können dessen, was in diese Worte gekleidet ist: Salz, Merkur, Schwefel. Die Gegenwart muß ein Neues suchen. Weil ihr Geister dieses Neue entgegentragen zum Heile der Menschheit, darf dieses Neue nicht außer acht gelassen werden. Ganz anders geartet muß dieses Neue sein, als es das Alte war. Es ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Neuen und dem Alten. Das Alte hat ein großartiges Weltverständnis entwickelt, ein Verständnis dessen, was außerhalb des Menschen ist. Und was noch bis zu solchen Geistern wie Paracelsus oder Jakob Böhme heruntergekommen ist an alten Weisheiten, das war tiefgehendes Weltverständnis. Dann ist dieses Weltverständnis angewendet worden, um auch den Menschen zu verstehen. Den Menschen selbst hat man aus der Welt heraus begriffen, das ist der Grundcharakter der alten Weisheit. Wie sich draußen in der Natur das Geistige und auch geistige Wesenheiten in den verschiedenen Stufen durch die verschiedenen Elemente offenbarten, das konnte in einer Weise durch atavistisches Hellsehen eingesehen werden, wie das heute den Menschen nicht mehr möglich ist. In der großen, umfassenden Natur hat man erkannt erstens das Planetarische, das Sternenleben, dann das elementarische Leben durch die Elemente, durch Salz, Merkur, Schwefel; und dann konnte man sich fragen: Wie nimmt sich das im Menschen aus? Man ging von der Welt aus zum Menschen hin.
[ 24 ] Dieser Weg ist nicht mehr derjenige, durch den der Mensch in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft zur Entwickelung kommen kann. Noch Jakob Böhme konnte sagen: Salz, Merkur, Sulfur Quecksilber, Schwefel. — Wir müssen anders sagen, denn wir müssen den umgekehrten Weg gehen, der umgekehrte Weg ist der Weg der Zukunft. Wir gehen vom Menschen aus, wir begreifen zuerst den Menschen, und vom Menschenverständnis gehen wir über zum Weltverständnis. Das ist der Weg, den ich in meiner «Geheimwissenschaft » eingeschlagen habe auf einem gewissen Gebiete, das ist der Weg, den man überhaupt in der Zukunft einschlagen muß. Wir sprechen nicht von Salz, wir sprechen von dem, was im Menschenorganismus lebt als das Rückwärtsgehende der Entwickelung im Nerven-Sinnessystem, und verstehen das Nerven-Sinnessystem als eine rückläufige Entwickelung. Der Alte hat geschaut in die Natur hinaus, was alles unter dem Elemente des Salzes bewirkt wird. Da hat er draußen angeschaut, was wir anschauen, wenn wir auf das Nerven-Sinnesleben hinschauen vom Standpunkte der geistigen Wissenschaft aus. Der Alte schaute in der Welt draußen, um zu ihrem Verständnisse zu kommen, die Welt des Merkur. Wir schauen in den Menschenorganismus hinein und finden den Rhythmus. Alles rhythmische Leben — wir haben oft darauf hingewiesen — ist dasjenige im Menschen, was draußen der Merkur ist. Wir sehen auf den Menschen, suchen Menschenverständnis und vom Menschenverständnis aus Weltverständnis.
[ 25 ] Das ist die große Offenbarung, nach der wir zu leben haben mit Bezug auf die Auffassung alles Geistigen. Aus der alten Offenbarung, die vom Weltverständnis zum Menschenverständnis gegangen ist, gingen alle alten Religionen und Überlieferungen hervor, die sich noch erhalten haben in den antiquierten Weltanschauungen. Sie werden der Menschheit nichts anderes fruchten können, als daß sie geschichtlich betrachtet werden und das Alte in ehrwürdiger Art empfinden lassen können. Auch die Religionsbekenntnisse gehen letzten Endes aus diesem hervor. Heute steht man im Anfange mit dem andern, mit dem Menschenverständnis, das sich zum Weltverständnis erweitern muß.
[ 26 ] Das muß der neue Weg sein, meine lieben Freunde, und das ist mit vielem verbunden. Und wie es mit vielem verbunden ist, Sie sehen es zum Beispiel an der Art und Weise, wie hier dieser Bau versucht worden ist. Sie wissen, ich habe mit besonderer Schärfe da und dort darauf hingewiesen, wie es eine Verleumdung ist — wenn auch vielleicht von vielen nicht eine subjektive Verleumdung, obwohl diejenigen, die nichts von unserem Bau verstehen, eigentlich nicht darüber reden sollten —, wie es eine objektive Verleumdung ist, wenn gesagt wird, dieser Bau stelle das oder jenes «symbolisch» dar. Man suche nach irgendeinem einzigen Symbolum in diesem Bau — man wird keines finden. Nirgends ist ein Symbolum! Aus der unmittelbaren geistigen Welt heraus ist zu schaffen versucht worden, nicht Symbolisches, sondern die geistige Wirklichkeit, soweit sie eben bis heute sich offenbaren kann. Symbolisch ist das, wodurch man früher zu der Menschheit gesprochen hat. Darin besteht gerade der Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit, daß die Anschauung durch die Symbole, die auf die Instinkte wirkten, heraufgeholt wird in das volle Bewußtsein, wo die Wirklichkeit, die geistige Wirklichkeit angeschaut wird.
[ 27 ] Diese Anschauung der Geisteswirklichkeit erfordert eine gewisse Aktivität der Geister. Die Anschauung der Symbole ließ die Leute gewissermaßen einschlafen. Ich habe Ihnen neulich angeführt, wie es heute zum Beispiel Freimaurer gibt, welche sagen, sie seien sehr froh, daß ihnen ihre Symbole nicht erklärt werden; da könne sich jeder denken, was er will, was die meisten dann dahin auslegen, daß sie sich gar nichts dabei denken, sondern die Symbole unbewußt auf sich wirken lassen. Das ist dasjenige, was aus alten Zeiten geblieben ist, was sich metamorphosieren muß in das Neue. Die Symbolik, sie spielt, wie Sie wissen, keine durchgreifende, wesentliche Rolle in dem, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Dadurch muß ja auch in einer gewissen Weise hier neu gesprochen werden. Und wenn auf Symbole hingedeutet worden ist im Laufe der Zeit, so wurden diese Symbole gewissermaßen als Lehnsymbole gebraucht, um das oder jenes zu exemplifizieren, oder um die Übereinstimmung nachzuweisen zwischen dem, was neu gefunden wird, was der neuen Menschheit dienen kann, und dem, was antiquiert von alters her vorhanden ist.
[ 28 ] Nun ist es aber in der Menschennatur gewissermaßen begründet und das, was ich jetzt sage, wird uns morgen wiederum zurückführen zur Betrachtung des sozialen Lebens —, daß man sich immer zuerst sträubt gegen das, was als ein wirklich Neues auftritt; und am meisten sträuben sich diejenigen, die sich gewissermaßen als die Bewahrer und Behüter des Alten betrachten. Damit hängt es zusammen, daß diese neue, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gerade unter denjenigen prädestinierte Gegnerschaften hat, die sich als die Bewahrer des Alten betrachten. Das kann aber diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht davon abhalten, ihren Weg zu gehen, der eben der notwendige und selbstverständliche Weg der neueren Menschheit ist.
[ 29 ] Es gibt eine gewisse Anzahl unter Ihnen, die wissen, daß auch in unseren Kreisen für diejenigen, die es haben suchen können, wahrhaftig nicht zurückgehalten worden ist mit der Darlegung des aus alten Zeiten gebliebenen symbolischen und Ritualwesens, aber immer in einem anderen Geiste, als sonst die Dinge gepflegt werden, wo man auf Symbole und Ritual den größten Wert legt im antiquierten Sinne. Um die Kontinuität der Menschheitsentwickelung aufrechtzuerhalten, dazu ist heute noch notwendig, an Ritual und Symbolik gewissermaßen anzuknüpfen. Aber niemals ist in unseren Kreisen Ritual und Symbolik hingestellt worden als etwas anderes, als was nun zur geistigen Wirklichkeit, zur unmittelbaren Eingliederung der geistigen Wirklichkeit in Gegenwartswerte führen soll. Daher gerade innerhalb anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft die Erklärung für manches, eigentlich für alles Rituelle, Symbolische aus der Vergangenheit. Man kann daran zeigen, wie auf anderen Wegen eine heute antiquierte Weisheit von der Menschheit empfangen worden ist, die die Menschen gewissermaßen in einen unfreien Zustand gebracht hat, wie aber heute andere Weisheitswege eingeschlagen werden müssen. Diese anderen Weisheitswege sind vielen Menschen unbequem, am unbequemsten denjenigen, die gerade nur das Alte bewahren möchten, die die Menschheit einlullen möchten innerhalb der alten Weisheitsgüter. Es nützt nichts, dem Menschen, der vierzig Jahre alt geworden ist, zu sagen: Du kannst verständig werden, kannst wiederum lernfähig werden, aber dazu mußt du zwanzig Jahre alt werden. Gewiß, wenn er zwanzig Jahre alt würde, würde er lernfähig sein. Aber das geht nicht. Man kann die Menschheit nicht zurückschrauben. Man kann der Menschheit nicht empfehlen, etwas zu tun, was für alte Erdenepochen das Angemessene war. Und dennoch, dasjenige, was für alte Zeiten das Angemessene war, das wollen viele Bekenntnisanhänger oder Anhänger sonstiger Gemeinschaften gerade heute verbreiten. Und in dem Entgegenstellen des Alten dem gegenüber, was eigentlich unter die Menschheit will und was allein zum Heile der Menschheit dienen kann, in dem liegt vieles, was zu katastrophalen Prozessen in unserer Zeit führt.
[ 30 ] Das ins Auge zu fassen ist außerordentlich wichtig. Im innersten, tiefsten Sinne ein Mensch sein können, der sich mit dem verbindet, was neue Offenbarungen der Himmel von der Erdenentwickelung wollen, das ist es, worauf es heute ankommt. Und ohne daß auch die äußeren, exoterischen Fragen der Menschheit Schiffbruch leiden müßten, muß man einfach heute eine solche Geisteswissenschaft haben, die genügend starke, eingreifende Begriffe hat, um dasjenige, was über die ganze Erde hin — allerdings in so differenzierter Weise, wie ich es Ihnen dargestellt habe — die Menschenseelen bewegt, auch im Alltag bewegt. Es geht in der Zukunft nicht mehr, daß man auf der einen Seite im Alltag lebt, den Alltag als das armselige profane Leben auffaßt, sich nachher zurückzieht in die Kirche oder in den Maurertempel und diese zwei Welten ganz getrennte sein läßt, so daß die Kirche oder der Maurertempel gar keine Ahnung hat, wie das äußere soziale Leben geordnet werden soll, und wiederum das soziale Leben seine eigenen Wege geht, ohne das, was gewissermaßen im Innern gewollt wird und was zum Unterbewußten der Menschen durch Ritual und Symbole spricht. Zum Bewußtsein der Menschen wird in Zukunft gesprochen werden müssen. Das ist wichtiger als alle Sympathien und Antipathien mit Altem oder Neuem; denn aus Einsichten heraus muß dasjenige geschehen, was zu geschehen hat; nicht aus Sympathien und Antipathien heraus darf es kommen.
[ 31 ] Sie sehen, der Nerv im Erfassen der geistigen Welt besteht darinnen, daß alle Dinge, die von alten Zeiten heraufkommen, verinnerlicht werden, daß das Äußere innerlich wird. Denn dadurch wird es als ein ebenso Heiliges, als es früher war, heraufgeholt in das menschliche Bewußtsein. Diese Tendenz muß Platz greifen innerhalb der neueren Menschheitsentwickelung. Diese Tendenz allein ist Christentum des zwanzigsten Jahrhunderts. Gegen diese Tendenz, gegen die Intentionen, die hiermit angedeutet sind, wendet sich naturgemäß alles, was das Alte bewahren will. Es hängt mit gewissen Denk- und Empfindungsgewohnheiten ein großer Teil der Menschheit an dem Alten. Dieses Alte ist den Menschen aus dem Grunde bequemer, weil es nicht die Anforderungen des Verstehens stellt. Das ist es ja, was die Geisteswissenschaft den Menschen so unbequem macht. Sie sollen diese Geisteswissenschaft verstehen. Und man kann sie verstehen, wenn man sich nur des gesunden Menschenverstandes wirklich in umfassendem Sinne bedient. Man kann sie verstehen, aber man möchte gerne nicht verstehen! Man strebt auf vielen Punkten heute nicht nach Verständnis, sondern nach Nichtverständnis. Daher wird es noch lange so sein, daß Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, Gegnerschaften über Gegnerschaften erhält. Manche dieser Gegnerschaften sind durchaus gutwillig; aber solche gutwilligen Gegnerschaften können auch in das Gegenteil des Gutwilligen umschlagen. Insbesondere werden — worauf ich ja schon öfter aufmerksam gemacht habe — als Gegner dieser Geisteswissenschaft, die frei und unbefangen in den modernen Vorstellungsarten zu den Menschen von den höchsten geistigen Dingen sprechen will, immer wieder die Anhänger derjenigen Richtungen auftreten, die zu alten Kirchenbekenntnissen, zu alten irgendwie gearteten maurerischen oder ähnlichen Gemeinschaften sich neigen. Das sind gewissermaßen die natürlichen Gegner. Man kann die Gegnerschaft voll verstehen! Auch auf diesem Gebiete ist Verständnis selbstverständlich für die Geisteswissenschaft das Angemessene, auch da nicht das unklare, dumpfe Nichtverstehen. In dem alten Sinne gesellschaft-bildend — man braucht sich darüber gar nicht zu wundern — braucht ja diese moderne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gar nicht aufzutreten; denn sie braucht nicht die Wege zu gehen, die in alten Geheimgesellschaften gegangen sind oder heute noch gegangen werden. Diese alten Wege will ja gerade die moderne Menschheit aus sich ausscheiden. Heute redet man bei den äußeren, exoterischen Gebieten von der Ausscheidung der Geheimdiplomatie. Ich glaube, mit Recht, mit vollem Rechte! Wer auf diesem Gebiete Geschichte studiert hat, der weiß, daß diese Geheimdiplomatie nichts anderes ist als der letzte Ausläufer der alten Geheimgesellschafts-Anschauungsweise.
[ 32 ] Manches andere muß noch überwunden werden von dem, was von vielen Leuten als eine Grundforderung gestellt wird. Merkwürdig, man kann viel Unverständnis auf diesem Gebiete erleben. Sie wissen ja alle: ich habe eine «Geheimwissenschaft» geschrieben. Ein Herr, den ich Ihnen schon öfter genannt habe, schickte mir ein Manuskript über diese «Geheimwissenschaft», das ungefähr so anfing: Eine Geheimwissenschaft kann es eigentlich nicht geben, denn eine Wissenschaft muß öffentlich sein, und deshalb wäre das schon ein Mißbrauch des Wortes, wenn man von Geheimwissenschaft spreche. — Nun, das ist natürlich ein völliger Unsinn. Denn ich habe das Buch nicht betitelt «Geheime Wissenschaft», das würde entsprechen dem Worte «Natürliche Wissenschaft». Wie es natürlich eine «Natürliche Wissenschaft» nicht gibt, sondern nur eine erarbeitete Wissenschaft wie zum Beispiel die «Naturwissenschaft», so gibt es selbstverständlich auch eine öffentliche «Geheimwissenschaft», nämlich eine Wissenschaft von dem, was man intim, geheim nennen kann. Es ist also bloß eine unsinnige Art, das Wort so aufzufassen. Außerdem braucht man nicht etwa zu glauben, daß mit der «Öffentlichkeit » schon alles gegeben ist. Manches wird noch lange esoterisch bleiben, was auch exoterisch ausgesprochen wird. Denn viele exoterische Bücher, die überall zu kaufen sind, sind für viele Menschen — ich will aus Höflichkeit nicht sagen: für die meisten Menschen — recht esoterische Bücher. Manche Reclam-Büchelchen, die man für ein paar Centimes kaufen kann, sind für viele Menschen der Inhalt von etwas außerordentlich Esotetischem. Also darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf die Art der Verbindung an, die die Menschenseele mit den Dingen eingehen will. Dies nur, ich möchte sagen, in Parenthese; denn das, worauf es mir ankommt, ist eben, darauf aufmerksam zu machen, daß das alte, antiquierte Geheimmotiv durch anderes ersetzt werden muß.
[ 33 ] Es wird aber auch das Leben der Geisteswissenschaft innerhalb der Menschheit ein anderes sein als dasjenige, das vielfach gepflogen worden ist durch irgendwelche geheimen Verbindungen. Diese geheimen Verbindungen, denen man ja heute selbstverständlich auf den Grund ihrer Seele schauen kann, die durchaus nicht geheim sind für denjenigen, der sich darum kümmert, bewahren in einer eben unrechtmäßigen Weise das Prinzip des Geheimnisses, bewahren es auch gewissermaßen in ihren Usancen und in ihrem Verhalten. Das ist etwas, was schon noch wichtiger ist als manches andere. Sie alle wissen ja, daß es geheime Gesellschaften dieser oder jener Art gibt, Gesellschaften, die aus den Bekenntnissen aufsteigen, Gesellschaften, die sonst vorhanden sind, welche in ganz besonderer Art die Menschen anleiten, den Verkehr von Mensch zu Mensch zu gestalten, dies oder jenes auf geheimnisvolle Art in das menschliche Leben hineinzutragen. Es ist ganz natürlich, daß sich im Laufe der Zeit verschiedenste Nuancen solcher Geheimgesellschaften gebildet haben, die einander oftmals bis aufs Messer bekämpfen, die auch gewiß zuweilen Dinge haben, die mit Recht bekämpft werden können. Was aber innerhalb einer Menschengemeinschaft lebt, die sich zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft bekennt, das braucht nicht in derselben Weise verteidigt zu werden, wie manchmal die Dinge verteidigt werden müssen, die Geheimgesellschaften mit geheimen Usancen angehören. Es gibt gar keine Notwendigkeit, das, was innerhalb der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung auftritt, durch besondere Künste oder mit besonderen Mitteln zu verteidigen. Ich kann Ihnen das einfachste Mittel sagen, wodurch jede Verteidigung dessen, was anthroposophisch orientierte Geistesbewegung ist, gepflegt werden kann. Es braucht niemand zur Verteidigung dessen, was jemals auf dem Boden anthroposophisch orientierter Geistesbewegung getan worden ist, etwas anderes zu tun, als die Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen! Wer über die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Wahrheit sagt — und dazu ist jeder Mensch verpflichtet, die Wahrheit zu sagen —, der verteidigt sie; das weiß ich, das kann behauptet werden. Und eine andere Verteidigung ist überhaupt für anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht notwendig, weil es jedes Menschen Pflicht ist, das Unwahre zurückzuweisen.
[ 34 ] Damit mache ich aber auf ein sehr Wichtiges aufmerksam, was mit dem Prinzip von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft zusammenhängt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geht keine Schleichwege, sondern redet in derselben Weise zu den Menschen, wie Wissenschaft in der Gegenwart zu den Menschen redet. Sie sagt nur innerhalb dieser wissenschaftlichen Gepflogenheiten dasjenige, was, wenn ich das Wort gebrauchen darf, die Himmel von jetzt ab der Menschheit offenbaren. Dies ist aber etwas, was eingesehen werden muß. Dies ist etwas, was die Geisteswissenschaft als solche, und nicht das Gesellschaftsleben als solches in den Vordergrund stellt, was das Sachliche in den Vordergrund stellt, und das Gesellschaftliche nur zum Träger macht.
[ 35 ] Ich sagte vor etwa acht Tagen hier, daß es notwendig sei, zwischen dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, und anderem zu unterscheiden. Dieser Unterscheidung aber muß man sich bewußt sein, sonst fehlt man gegen ein Wichtigstes in der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung, gegen das man nicht fehlen darf, wenn man sich in ehrlicher Art hinwenden will zu den notwendigsten Impulsen, die heilend wirken können in unserer katastrophalen Gegenwart und Zukunft.
[ 36 ] Dieser Hoffnung möchte man sich hingeben, daß wirklich eine neue Art des Urteilens gefunden würde, ein neues Unterscheidungsvermögen für das, was genötigt ist, sich als ein Neues in die Menschheitsentwickelung hineinzustellen, so daß nicht dasjenige, was antiquiert ist, zusammengestellt wird mit dem, was sich bemüht, aus den Grundforderungen der Erdenentwickelung selbst in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft diejenigen Dinge vorzubringen, die vorgebracht werden sollen, damit das, was unter dem Einfluß der alten Dinge entstanden ist, durch Neues ersetzt werden könne unter dem Einfluß von neuen Impulsen.
[ 37 ] Nehmen Sie nur eines: Das alte Christentum hat nahezu zweitausend Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln. In den ersten Jahrhunderten war es anders, als es heute ist; das weiß jeder, der das Christentum studiert. Dasjenige, was heute Christentum sein soll, muß wieder anders werden. Wer aber die letzten viereinhalb Jahre studiert, der kann an dieser Exempelprobe auch gewahrwerden, wie sich dieser alte Ausläufer, nicht des Christentums, aber einer gewissen christlichen Auffassung, gegenüber der katastrophalen Gegenwart bewährt, beziehungsweise nicht bewährt hat. Gewiß, wenn man in Abstraktionen und Allgemeinheiten bleibt, dann kann man alles sagen. Denn das ist das Wesentliche solcher Weltanschauungen, die abstrakt sind, daß sie alles, alles in ihre abstrakten Formeln kleiden können. Kommt man zu solchen Begriffen und Ideen, wie ich sie Ihnen neulich dargelegt habe als die grundsoziale Idee der Zukunft, die dreigliedrige Idee, so ist diese Idee, wie ich Ihnen letzten Sonntag gezeigt habe, der Wirklichkeit selber angemessen und breitet sich aus in ihrer Konfigurierbarkeit über die Wirklichkeit. Mit dieser Idee kann man eben nur die Wirklichkeit umfassen, und sie ist geeignet für die Wirklichkeit. Mit einer abstrakten Idee kann man alles umfassen. Gegenüber einer wirklichen Idee kann man so reden, wie ich es getan habe gegenüber verschiedenen Leuten, zu denen ich gesprochen habe. Ich habe darüber gesprochen, ich habe sie ausgeführt, diese dreigliedrige Idee, aber nicht so wie einer, der überzeugt ist von einer Dogmatik, und der da sagt: Das mußt du annehmen — oder es ist alles schlimm! — Darum handelt es sich nicht bei Wirklichkeitsideen. Ich habe deshalb zu den Leuten anders gesprochen. Ich sagte: Diese Ideen, an die braucht man nicht zu glauben wie an Dogmen, sondern man fange irgendwo an in der Wirklichkeit, und man wird sehen, wenn man sie einführt in die Wirklichkeit, daß sich die Wirklichkeit damit bearbeiten läßt; vielleicht, wenn man fertig ist oder wenn man nur in einem sehr kleinen Teil die Wirklichkeit bearbeitet hat, dann kommt es ganz anders. — Ich würde mich gar nicht wundern, wenn die Wirklichkeit, sobald die Idee durchgeführt würde, gerade in der Ausführung keinen Stein auf dem andern ließe von dem, was ursprünglich angeführt wurde. Wenn man nicht dogmatisch vorgeht, hält man an seinen Programmen nicht so fest wie Programmenschen, die für Gesellschaften Programme und Statuten ausarbeiten, sondern man gibt eben, was sich in der Wirklichkeit selber ausgestalten will; dann ist es in der Wirklichkeit anwendbar. Und man fange an! Vielleicht werden dann Ideen herauskommen, die ganz anders sind als diejenigen, die gerade dargestellt worden sind. Das Wirklichkeitsgemäße besteht gerade darin, daß es mit dem Leben sich ändert, und das Leben ändert sich fortwährend. Es handelt sich gar nicht darum, schöne Ideen, sondern wirklichkeitsgemäße Ideen zu haben. Die spricht man nicht abstrakt aus, sondern die versucht man so auszusprechen, daß sie lebendig sind, in die Wirklichkeit sich einfügen. Daher sind sie natürlich von Abstraktlingen furchtbar leicht angreifbar. Das ist aber das Neue an der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, daß man nicht nur Neues in ihr denkt, sondern daß man auf neue Art denkt. Und darum können so viele Menschen nicht heran an dieses Denken in neuer Art. Auf dieses Denken in neuer Art aber kommt es an, auf dieses Denken, von dem man sagen kann, daß der Gedanke untertaucht in die Wirklichkeit und man mit der Wirklichkeit lebt. Mit der Abstraktion können Sie alles beweisen. Mit einer Abstraktion, sei es selbst die eines Gottes, da können Sie sagen als ein braver, monarchistischer Untertan: Der König ist von Gottes Gnaden eingesetzt. — Die heutige Zeit kann ihm die Lehre geben: Er ist nun auch wieder von Gottes Gnaden abgesetzt! Man kann, wenn man Abstraktionen hat, das Schwarze und das Weiße unter diese Abstraktionen bringen. Mit Abstraktionen kann man sagen, daß der Gott die Heere anführt des einen und des andern. Darauf eben kommt es an bei jenem Streben nach wahrer Wirklichkeit, das gerade der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zugrundeliegt, daß solches abstrakte Leben, respektive solches abstrakte Reden, das ruinös ist für die Wirklichkeit, ersetzt wird durch wirklichkeitsgemäßes Denken, durch ein Reden, das liebevoll untertaucht in die Wirklichkeit und aus der Wirklichkeit selber heraus redet. Das Denken, das nicht nur etwas anderes denkt, sondern das anders denkt, als man bisher gedacht hat, das strebt nach dem Ideal: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» — nach dem paulinischen Worte. Denn dieser Christus suchte nach dem Zusammenklang des äußeren Menschlichen mit dem inneren Menschlichen.
[ 38 ] Das muß ein Ideal werden für das ganze menschliche Streben.
