Wie kann die Menschheit den Christus wiederfinden?
Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht
GA 187
28 Dezember 1918, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] In den Betrachtungen dieser Tage wollte ich vor allen Dingen klarmachen, daß für den, der mit geisteswissenschaftlicher Gesinnung genauer auf die Entwickelung der Menschheit hinschaut, auch in historischer Zeit — denn im wesentlichen haben wir in diesen Tagen historische Zeiten betrachtet —, die Tatsache sich enthüllt, daß die ganze menschliche Seelenverfassung, die Auffassungsweise, die Weltanschauung, die Handlungsimpulse, alles, was zur menschlichen Seelenverfassung gehört, sich wandelt, so umwandelt, daß eine Ahnung von dieser Umwandlung in der äußeren Wissenschaft gar nicht entstehen kann, die eben durchaus auf diesem Gebiete nur mit unzulänglichen Mitteln arbeitet. Wir haben gestern versucht zu zeigen, wie namentlich das, was man das Zentrum des menschlichen Seelenlebens nennen kann, das eigentliche Ich-Bewußtsein, vor einer intimeren Betrachtung sich ganz anders zeigt in älteren Zeiten als in neueren Zeiten, in unserer Gegenwart. Und ich habe versucht, diesen Unterschied dadurch zu charakterisieren, daß ich sagte: Für ältere Zeiten, namentlich also für vorchristliche Zeiten, haben wir es mit einem Selbstbewußtsein beim Menschen zu tun, welches noch reale Elemente in sich enthält, Wirklichkeitselemente, während in diesem unserem Zeitraum, der im wesentlichen die Entwickelung der Bewußtseinsseele darstellt, wir es bei dem, was der Mensch bewußt sein Ich nennt, nur zu tun haben mit einem Spiegelbilde des wahren Ich. In öffentlichen Vorträgen habe ich auf dieselben Tatsachen dadurch hingewiesen, daß ich sagte: Der Mensch kommt heute, insbesondere wenn er Philosoph sein will, nicht auf die Wahrheit, weil er beirrt ist durch einen philosophischen Satz, der eine große und heute schon verhängnisvoll werdende Rolle in der Weltbetrachtung spielt, dutch den Satz: Ich denke, also bin ich. — Wahr ist nicht dieser AugustinischDescartische Satz, sondern wahr ist für den heutigen Menschen der Satz: Ich denke, also bin ich nicht! — Dasjenige, was vor allen Dingen dem heutigen Menschen zum Bewußtsein kommen muß, das ist, daß er in dem, was er zusammenfaßt mit dem Worte «Ich» oder «Ich bin», in dem, was er im Bewußtsein hält, wenn er auf sich selbst innerlich seelisch blicken will, nur ein Spiegelbild hat, ein Spiegelbild, das auch in sich schließt alle unsere unmittelbar mit unserem Ich zusammenhängenden, von unserem Ich zu bearbeitenden Begriffe. So daß wir in unserem Seelenleben als gegenwärtige Menschen nicht mehr irgendwie etwas Wirkliches tragen — das spielt nur herein; ich habe gestern angeführt, wodurch es hereinspielt —, sondern in uns das Spiegelbild unserer wahren Wesenheit tragen. Diese Tatsache kann sich nur zeigen, wenn man auf die Initiationswissenschaft eingeht, wenn man den Unterschied ins Auge faßt, wie man auf den Wegen übersinnlicher Schulung in die übersinnliche Welt eindringen konnte in alten Zeiten, wie man einzudringen hat in dieser unserer Zeit, und daß die Wege in die übersinnlichen Welten ganz andere werden, indem wir uns von der Gegenwart aus in die Zukunft bewegen, als sie in alten Zeiten waren. Das wollte ich gestern vor allen Dingen klarmachen.
[ 2 ] Nun habe ich vor einiger Zeit auf die objektive Tatsache hingewiesen, die diesem ganzen Werden zugrunde liegt, hingewiesen darauf, daß innerhalb der Menschheitsentwickelung, wenn man sich fragte: Welche Impulse, welche Kräfte sind im Werden der Erde tätig? — verfolgt werden konnten diejenigen göttlich-geistigen Wesenheiten — man könnte ebensogut von irgend etwas anderem her die Bezeichnung wählen —, welche die Bibel die Schöpfer, Elohim nennt. Wir nennen sie die Geister der Form. Aber ich habe von den verschiedensten Gesichtspunkten aus darauf hingewiesen, daß diese Geister der Form — wenn man den Ausdruck brauchen darf, trotzdem er etwas trivial klingt — ihre Rolle bis zu einem gewissen Grade für die wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit eigentlich ausgespielt haben, und daß andere geistige Wesenheiten eintreten in die Rolle der Schöpfer.
[ 3 ] Wer genügende Empfindung haben kann für diese der übersinnlichen Forschung zugängliche Tatsache, daß gewissermaßen die altverehrten Götter oder der Gott abgelöst werden müssen für das menschliche Bewußtsein durch andere Impulse, der wird sich sagen: Mancherlei hat sich gewiß zugetragen innerhalb der Menschheitsentwickelung auch in historischen Zeiten. Eine solche innere Umwandlung des ganzen menschlichen Bewußtseins, wie die ist, in der wir stehen und die sich immer mehr und mehr zeigen wird, die war in historischen Zeiten gewiß noch nicht da. Sie wissen, ich bin abgeneigt, mitzumachen die immer wiederholte Phrase: Wir leben in einer Übergangszeit. — Denn ich habe Ihnen oft gesagt, jedermann kann in jeder Zeit sagen, wir leben in einer Übergangszeit, und kann, wenn er Geschmack dafür hat, den Übergang, den er meint, als den allerwichtigsten der Weltentwickelung betrachten. Das ist hier nicht gemeint, wenn ich so sprach, wie ich gesprochen habe. Jede Zeit ist wirklich eine Übergangszeit, es kommt nur darauf an, was übergeht, was in einer Umwandlung begriffen ist. Für andere Gesichtspunkte mögen andere Umwandlungen bedeutungsvoller sein, für das innere Seelenleben des Menschen ist die Umwandlung, auf die ich hier hindeute, gegen die nächste Zukunft zu die bedeutungsschwerste in historischen Zeiten.
[ 4 ] Nun wollen wir sie heute von einem etwas andern Gesichtspunkte aus noch betrachten, als wir das gestern und in den verflossenen Tagen getan haben. Wenn wir die Seelenverfassung des alten Griechentums, des alten Ägyptertums, der alten chaldäischen Zeit genauer ins Auge fassen, dann zeigt sich, daß diese Seelenverfassung vor allen Dingen nicht eine solche Zweigliederung zeigte wie die Seelenverfassung des heutigen Menschen. Man kann vielleicht besser sagen: eine Zweigliederung ist heute im Menschen in Vorbereitung, aber sie ist stark in Vorbereitung und drückt sich auch äußerlich in objektiven Tatsachen aus. Dasjenige, was früher sozusagen mehr zusammengerührte Seelenkräfte waren, was in der menschlichen Seele mehr als Einheit wirkte, das hat sich gespalten, namentlich seit dem 15. Jahrhundert. Für den genauen Betrachter der Menschheitsentwickelung ist das ganz klar. Das Vorstellungs- und das Willensleben waren in früheren Zeiten viel enger miteinander verbunden als heute, und sie werden sich immer mehr und mehr spalten. Und das Vorstellungsleben, das wir einzig und allein mit dem Bewußtsein heute erfassen können — mit dem gewöhnlichen, nicht mit dem hellseherischen Bewußtsein —, das ist eben nur ein Spiegelbild der Wirklichkeit, das bietet ein bloßes Spiegelbild einer Wirklichkeit, und darin ist auch dasjenige, was der Mensch von seinem Ich erfaßt, zunächst enthalten. Dagegen erlebt der Mensch sein Willensleben wie im Schlafe. Was eigentlich im Willen pulsiert, das ist für den Menschen so unbewußt, wie die Tatsachen des Schlafes für ihn unbewußt sind. Aber so, wie der Mensch weiß, daß er geschlafen hat, trotzdem er während des Schlafes nichts von sich weiß, so weiß er auch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein vom Willen, trotzdem er eigentlich alles Gewollte verschläft. Nicht wahr, wenn Sie irgendwo eine weiße Fläche haben, die Licht zurückstrahlt, und darin schwarze Flecken, die kein Licht zurückstrahlen, so sehen Sie auch die schwarzen Flecken, trotzdem dort nichts ist von Licht. Und so, wenn Sie Ihr Leben verfolgen im Rückblick, nehmen Sie nicht nur wahr, wie Sie wach waren, sondern Sie wissen auch, daß sich wie schwarze Flecken in den Lebenslauf hineinstellen die Schlafzustände. Deshalb ist es doch richtig, daß Sie im Schlafe von sich nichts wissen, aber beim Überblick über die ganze Bewußtseinsfläche, möchte ich sagen, stellen sich die Schlafzustände als schwarze Flecken hinein. Der Mensch täuscht sich, wenn er glaubt, daß er von seinem Willen etwas anderes weiß, als was er vom Schlaf weiß. Man weiß im Bewußtsein vom Vorstellungsleben, und hinein in das Vorstellungsleben schieben sich schwarze Flecken: das sind die Willensimpulse. Aber der Mensch erlebt die Willensimpulse so wenig, wie er die Schlafzustände erlebt.
[ 5 ] Nun war für das ältere, das vorchristliche Bewußtsein, die Dunkelheit des Willens nicht so groß, wie sie heute ist. Der Mensch schlief mit Bezug auf seinen Willen nicht so stark; der instinktive Wille wirkte, er war durchleuchtet vom Vorstellungsleben. Die Vorstellungen waren dadurch nicht solche bloße Spiegelbilder, wie sie heute sind. Heute sind sie Spiegelbilder. So daß der Mensch auf einer Seite das Vorstellungsleben hat, das eigentlich Spiegelbild der Wirklichkeit ist, und eine Art durch das bewußte Leben hindurchgehenden Schlafzustands: das Willensleben.
[ 6 ] Ich sagte, es drückt sich auch im Objektiven das aus, was in der Seelenverfassung des Menschen so enthalten ist, wie ich es angedeutet habe. Nehmen wir zwei extreme Erscheinungen, die ja nur, ich möchte sagen, wie Pole sind. Ähnlich diesen polarischen Erscheinungen stellt sich das übrige Menschenleben, insoweit es von menschlicher Seelenverfassung beeinflußt ist, dar. Die eine polarische Erscheinung sind heute jene Anschauungen, die sich ausbilden namentlich in den sogenannten Geheimgesellschaften der englisch sprechenden Bevölkerung. Was die andern Bevölkerungen der Erde an Geheimgesellschaften haben, freimaurerische oder ähnliche, das ist alles abhängig von der ursprünglichen Begründung dieser Gesellschaften innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung. Das ist die eine polarische Erscheinung. Die andere polarische Erscheinung ist dasjenige, was sich in der sogenannten christlichen Kirche ausdrückt, insofern diese sogenannte christliche Kirche Rituales und Dogmatisches hat.
[ 7 ] Das sind die beiden Extreme, die polarischen Erscheinungen. Aber ähnlich sind andere Erscheinungen, zum Beispiel ist ähnlich den Geheimgesellschafts-Anschauungen der englisch sprechenden Bevölkerung alles, was wir moderne Wissenschaft nennen. Dessen ist sich nur die Menschheit wenig bewußt, daß das, was moderne Wissenschaft ist, wesentlich ähnlich ist — ich sage nicht beeinflußt, aber ähnlich, denn die Dinge entwickeln sich aus verschiedenen Wurzeln heraus, und die Bäume werden dann ähnlich —, den Anschauungen, die in den Geheimgesellschaften der englisch sprechenden Bevölkerung leben. Ebenso ist es mit vielem in den populären Weltanschauungen. Heute streben ähnlich viele derjenigen Menschen, die nicht nach irgendwelchen wissenschaftlichen Weltanschauungen ihr Denken richten. Von den wissenschaftlichen Anschauungen ist nur die Philosophie, innerlich gesehen, heute noch sehr abhängig von der Anschauung der katholischen Kirche. Selbst die Gliederung des Menschen in Leib und Seele — ich habe das oft gesagt —, die heute die Philosophen für vorurteilslose Wissenschaft halten, ist nichts anderes als das Ergebnis des achten ökumenischen Konzils von Konstantinopel, so daß «vorurteilslose» Philosophie eigentlich nichts anderes ist als die weitere Ausführung eines Konzilsbeschlusses. Für denjenigen, der die Dinge nicht so ansieht, wie sie von den Universitäten den Menschen heute vorgemalt werden, sondern der sich auf die Tatsachen wirklich einläßt, ist Philosophie, gerade insofern sie diesen Dualismus von Leib und Seele ausbildet, insofern sie nicht baut auf die wirklich der Tatsache entsprechende Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist — der Geist ist ja abgeschafft worden von der katholischen Kirche auf dem genannten Konzil —, nichts anderes als ein abstrakter Aberglaube, der sich auf dieses Konzil stützt, unbewußt natürlich. Nun können Sie diese beiden polarischen Erscheinungen abgeschwächt finden. Wie in der gemäßigten Zone die Nordpolkälte abgeschwächt ist, ein Stück nordwärts oder südwärts vom Äquator das Äquatoriale und in Australien der Südpol abgeschwächt ist, so können Sie das in der Wissenschaft, in der populären Weltanschauung abgeschwächt finden. Aber man kann, wenn man die Extreme ins Auge faßt, sich die Dinge gerade besonders klarmachen. Die Geheimgesellschafts-Anschauung der englisch sprechenden Bevölkerung rechnet eben ganz besonders, indem sie zu dem aufschaut, was sie dem ganzen Weltgeschehen als zugrunde liegend betrachtet, mit dem sogenannten Architekten der Welten, dem großen Baumeister der Welten. Sie versinnlichen sich durch allerlei Symbole, durch allerlei Riten die Art und Weise, wie die großen Architekten aller Welten innerhalb des Weltgeschehens wirken. Man erkennt nur nicht, wie in der modernen Wissenschaft diese Anschauung weiter spukt. Sie spukt aber weiter. Das ist eine Anschauung, welche ganz dahin tendiert, das bloße Spiegelbild der Welt ins Auge zu fassen, dasjenige, was nur Spiegelung einer Wirklichkeit ist.
[ 8 ] Da haben Sie also das eine Extrem, das nur rechnet mit den Spiegelungen der Wirklichkeit, das im Grunde genommen, wenn es dogmatische Weltanschauung wird, ganz außerhalb der Wirklichkeit lebt. Daher auch kann so viel Unfug getrieben werden mit diesen Dingen; daher können sehr ernst gemeinte oder ernst ausposaunte Riten und Symbole zur Maskerade oder zu einer bloßen Renommisterei werden. Man hat es eben zu tun mit dem, was zwar im Bewußtsein des Menschen diesem Menschen heute wohltut; es ist ihm Sensation, weil es gerade mit dem heutigen Bewußtsein rechnet, mit demjenigen Bewußtsein, das eben Spiegelbild ist der Wirklichkeit, das Spiegelbild der Wirklichkeit enthält.
[ 9 ] Das andere Extrem ist dasjenige, was die Kirche bietet. Es unterscheidet sich wirklich radikal von dem, was der Weltanschauungsnerv dieser Geheimgesellschafts-Anschauung ist. Was die christliche Kirche bietet, das rechnet mit dem andern Pol, mit dem Willenspol, mit denjenigen Impulsen im Menschen, die nur wie der Schlaf in der Nacht hereinkommen in das Bewußtsein, das rechnet zwar mit einer Wirklichkeit, aber mit einer Wirklichkeit, die verschlafen wird. Daher auch die eigentümliche Entwickelung dieser christlichen Kirchen. Die eigentümliche Entwickelung dieser christlichen Kirchen besteht darinnen, daß sie allmählich die ganz anders gearteten Begriffe alter Zeiten aufgelöst haben in den sogenannten Glaubensbegriff. Und wer weiß, wie sich die Bekenner fast aller christlichen Anschauungen immer wieder von dem Wissen abwenden und zu dem Glauben hinwenden, der wird in diesem Glaubensbegriff, in dieser Glaubensvorstellung etwas fühlen vom Schlaf. Daher die Sehnsucht, ja sich nicht mit dem klaren Bewußtsein durchleuchten zu lassen dasjenige, was da aus solchen Regionen, in denen auch der Schlaf sich vollzieht, herein will in die menschlichen Seelen. In älteren Jahrhunderten ist daher dasjenige, was ich charakterisiert habe als Inhalt der alten Gnosis, abgestumpft worden in den ganz abstrakten Dogmen, die nun nicht begriffen, sondern nur angenommen werden sollen. Und im Protestantismus ist abgeschwächt worden das Wissen zum bloßen Glauben, zu einem bloßen subjektiven Fürwahrhalten, das seine besondere Eigentümlichkeit darin sieht, eben gerade auf dasjenige zu bauen, was nicht bewiesen werden kann, wo die Wissenschaft nicht mitzureden hat und so weiter. Da haben Sie die beiden Extreme, die sich in der menschlichen Seelenverfassung herausgebildet haben, auf die objektiven Tatsachen verteilt.
[ 10 ] Nun kann man die Frage aufwerfen: Was liegt eigentlich diesem Spalten des menschlichen Willens- und Vorstellungswesens, der beiden Pole, in das Vorstellungsleben, das nur Spiegelbild geworden ist, und in das in die unbewußten Regionen hinuntergedrängte Willensleben, das verschlafen wird, was liegt denn dem eigentlich zugrunde? Dem liegt zugrunde, daß sich heraufringt im Menschenwerden in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit der Impuls der Freiheit. Auch die Freiheit ist ein Entwickelungsprodukt. Die älteren Zeiten waren nicht dazu angetan, innerhalb der Menschheit schon den wirklichen Freiheitsimpuls zu entwickeln.
[ 11 ] Die Zeit, in der wir leben, ist eben auf der einen Seite so zu charakterisieren, wie ich vorher getan habe: Die Geister der Persönlichkeit treten an die Stelle der Geister der Form. Subjektiv geht einher mit _ dieser äußeren objektiven Entwickelungstatsache das Herausringen des Freiheitsimpulses aus der menschlichen Seele. Wie auch die Ereignisse äußerlich sich abspielen mögen, was auch noch alles chaotisch geschehen mag, dasjenige, was da ringt schon in diesem Geschehen in der Gegenwart und der nächsten Zukunft entgegen, das ist, daß der Mensch gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in dem wir seit dem 15. Jahrhundert drinnen leben, sich zum Darleben des Freiheitsimpulses durchringt. Verständnis des Freiheitsimpulses, das ist dasjenige, was gesucht wird von der modernen Menschheit und immer mehr gesucht werden wird.
[ 12 ] Aber diese Freiheit, sie kann nur als ein Impuls sich aus der menschlichen Seele herausringen, wenn diese menschliche Seele dazu die Möglichkeit hat. In älteren Zeiten war die Freiheit in ihrem vollen Umfange nicht möglich aus dem einfachen Grunde, weil vor dem Zeitalter der Bewußtseinsseele in jeder Beziehung das Instinktive im Menschen gewirkt hat. Wenn der Mensch in sein Bewußtsein nur dasjenige aufnehmen kann, was im Grunde genommen zwar aus einer Wirklichkeit, aber einer instinktiv bewußten Wirklichkeit, in sein Bewußtsein heraufspielt, kann er nicht frei sein. Die Naturwissenschaft rechnet heute noch immer mit der Unfreiheit, mit der innerlichen Notwendigkeit, weil sie diese Tatsache nicht kennt, daß in unserem Bewußtsein, wie es sich heute entwickelt, in dem Bewußtsein, das wir gerade durch die Naturwissenschaft ausbilden können — die naturwissenschaftlichen Begriffe zeigen dieses Spiegelbildbewußtsein sogar im stärksten Maße —, keine realen Impulse leben; da lebt nichts, was etwa nur heraufstößt aus unserer eigenen körperlichen oder seelischen oder geistigen Realität. In unserem Bewußtsein, besonders wenn wir rein ausbilden das, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» genannt habe das reine Denken, da lebt im Spiegelbild allerdings die Wirklichkeit, aber eben im Spiegelbild. Sobald Sie in einer Wirklichkeit drinnenstehen, sind Sie durch die Wirklichkeit bedrängt, denn die Wirklichkeit ist etwas, und wenn sie noch so schwach auf Sie wirkt, sie ist ein Element der Notwendigkeit, sie bedrängt Sie, Sie müssen ihr folgen. Wenn aber ein Spiegelbild auf Ihre Seele wirkt: ein Spiegelbild enthält keine Aktivität, enthält nichts von Kraft. Ein Spiegelbild ist eben ein bloßes Bild, das drängt die Seele nicht, das zwingt die Seele nicht. In dem Zeitalter, in dem das Bewußtsein dahin tendiert, Spiegelbilder zu haben, in dem Zeitalter kann sich zugleich der Impuls der Freiheit ausbilden. Durch alles übrige würde der Mensch gedrängt, etwas zu tun. Wenn er in solchen bewußten Vorstellungen lebt, die Bilder sind und nur Bilder sind, die nur eine Wirklichkeit abspiegeln, nicht eine Wirklichkeit sind, kann ihn keine Wirklichkeit bedrängen. In diesem Zeitalter kann er seinen Impuls der Freiheit ausbilden. Das ist die geheimnisvolle Tatsache, die hinter dem Leben der Gegenwart steht. Daß die Menschen dazu gekommen sind, in diesem Zeitalter Materialisten zu werden, hängt damit zusammen, daß die Menschen fühlen: in dem Innenleben, das sie da anschauen, lebt nichts Wirkliches, da leben bloß Bilder. Und das andere wird natürlich nur innerhalb der Sinneswelt gesucht. Das ist wahr, man kann innerhalb des menschlichen Inneren keine Wirklichkeit finden, weder eine geistige noch eine physische; man kann nur Bilder finden. Das war nicht immer so, es ist eben in diesem Zeitalter so. Daher ist unser Zeitalter geeignet, den Materialismus auszubilden, weil es ein Unsinn geworden ist, zu sagen: Ich denke, also bin ich. — Man müßte sagen: Ich denke, also bin ich nicht! — Das heißt, meine Gedanken sind nur Bilder. Indem ich mich als denkend ergreife, bin ich nicht, sondern ich bin eben nur Bild. Aber dieses Bildsein ist dasjenige, was in mir die Möglichkeit der Freiheitsentwickelung gibt.
[ 13 ] Das ist wiederum eine Tatsache, welche sich für denjenigen, der, ich möchte sagen, nach gewissen Leitmotiven das Leben überschaut, ja auch äußerlich durch die Erscheinungen schon offenbart. Gründlich zeigt sich die Wahrheit dieser Tatsache erst dann, wenn man wieder eingeht auf die Initiationswissenschaft, die wirkliche Geisteswissenschaft. Da müssen Sie nur die Tatsache ins Auge fassen, daß die Menschen eigentlich, insofern sie heute denkerisch oder wissenschaftlich tätig sind, im Grunde sehr stark von den ererbten Begriffen einer älteren Zeit leben.
[ 14 ] Diese Tatsache zeigt sich ganz besonders auffallend wiederum bei der einen polarischen Erscheinung. Nehmen Sie die Geheimgesellschafts-Anschauungen der englisch sprechenden Bevölkerung, wie sie sich ausgebreitet haben über die übrige Erdenbevölkerung, so werden Sie finden, wie innerhalb dieser Geheimgesellschaften mit einer gewissen Vorliebe das Alte betont wird. Je mehr man betonen kann auf diesem Gebiete, daß irgendein Ritus, irgendein Dogma alt ist, desto mehr — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — leckt man sich die Finger ab vor Wollust. Und wenn jemand irgendwie die Menschen besonders gefangennehmen will mit irgendeiner solchen Geheimwissenschaft, so kündet er sie mindestens als eine rosenkreuzerische oder gar ägyptische an. Aber alt, irgend etwas Altes muß sie sein. Und das entspricht so ziemlich auch der Tatsache, daß in diesen Gesellschaften eigentlich unmittelbar gegenwärtig erarbeitetes Wissen nicht gepflegt wird, möchte ich sagen. Gewiß wird manches auch unmittelbar erforscht, wenn auch nach den Regeln alter, antiquierter Geisteswissenschaft. Aber gegen so etwas, wie es hier getrieben wird, gegen unmittelbar aus den Impulsen der Gegenwart heraus erarbeitete Geisteswissenschaft, gegen so etwas wendet man sich mit aller Macht von dieser Seite aus. Da ist es also einfach die Tradition dieser extremen Erscheinungen. Aber wer diese heutige Naturwissenschaft nicht gedankenlos betrachtet, sondern sie innerlich erfassen kann hinsichtlich ihrer Vorstellungsweise, der weiß, daß alle die Begriffe, mit denen die Naturwissenschaft arbeitet, alle Ideen sogar — nicht die einzelnen Naturgesetze, aber die Formen der Naturgesetze —, wenn man den Goetheanismus ausnimmt, der eine ganz neue Erscheinung ist, aber die gebräuchliche, triviale Naturwissenschaft, im Grunde genommen vererbte Begriffe sind. Die Experimente enthalten Neues, die Beobachtungen enthalten Neues, die Begriffe sind nirgends neu, die sind vererbt. Aber wenn man nun die eine oderandere dieser Richtungen aufmerksam macht auf die Wirklichkeit, dann werden sie fürchterlich zornig, richtig zornig werden sie. Denn diesen Ursprung werden sie verleugnen.
[ 15 ] Woher rührt denn eigentlich das sich aufgeklärtest dünkende moderne Denken her? Es ist nur ein Kind einer alten Religion. Gewiß, die religiösen Vorstellungen hat man abgeworfen: an den Zeus, an den Jahve glauben die Leute nicht mehr — mancher auch nicht an den Christus. Aber die Art, wie gedacht worden ist in den Zeiten, als man an Zeus, an Jahve, an Ormuzd, Osiris geglaubt hat, die Art des menschlichen Denkens ist geblieben. Man wendet sie heute auf Sauerstoff, Wasserstoff, auf Elektronen, Ionen oder auf Hertzsche Wellen an — das Objekt macht es nicht aus —: die Art des Denkens ist dieselbe. Erst durch die Geisteswissenschaft kann neues Denken verwendet werden für die übersinnliche Welt und auch für die sinnliche Welt. Und einen elementaren Anfang für die Naturwissenschaft, wie ich öfter erwähnt habe, hat Goethe mit seiner Morphologie gemacht, die deshalb auch bekämpft wird von den antiquierten Anschauungen. Auch mit seiner Physik hat Goethe einen Anfang gemacht. Aber die Fruchtbarkeit dieses Anfanges wird heute noch wenig eingesehen.
[ 16 ] Also man arbeitet mit dem, was geblieben ist. Und das ist auch schließlich begreiflich; denn in einem Zeitalter, wo das Bewußtsein nicht ausgefüllt wird von Wirklichkeitselementen, sondern nur von Spiegelbildern, kann das Bewußtsein selber auch zu keinem besonderen Inhalt kommen, wenn es nur auf sich angewiesen ist als gewöhnliches alltägliches Bewußtsein.
[ 17 ] Und wiederum die religiöse Vorstellungsart, wie wurde sie gewonnen? Nun, das ist ja eine kindische Vorstellung, wenn man glaubt, die alten "Theologen hätten — wie es etwa die heutigen Philosophen mit ihren vererbten Vorstellungen machen — ausspekuliert die Dinge des Alten Testamentes oder die neueren Theologen hätten ausspekuliert die Dinge des Neuen Testamentes. Das ist eine kindische Vorstellungsart. Dasjenige, was in diesem Alten und Neuen Testamente und auch in den Religionsbüchern der verschiedenen Völker figuriert, das geht zurück auf übersinnliche Anschauungen, aber eben nur auf zuletzt alte übersinnliche Anschauungen. Das wurde geoffenbart aus übersinnlicher Erkenntnis heraus. Und indem man genommen hat aus der übersinnlichen Welt die Darstellungen, hat man mitgenommen die Denkformen, so daß heute der brave Zoologe, der brave Kliniker, ohne daß er sich dessen bewußt ist, mit den Denkformen, den Vorstellungsarten arbeitet, welche der Visionär des Alten und des Neuen Testamentes sich auf seine Art erarbeitet hat. Und aus den Visionen heraus, die der Visionär sich erarbeitet hat, hat er auch die Vorstellungsart gebildet. Das ist etwas, was heute die Leute natürlich ärgert, wenn man ihnen sagt: Und wenn ihr auch Zoologen, Physiologen seid, ihr bearbeitet gewiß ein anderes Feld, aber ihr arbeitet mit den Denkformen, die aus den Visionen der alten Propheten oder den Visionen der Evangelisten stammen. — Denn dasjenige, was im Laufe der letzten vier Jahrhunderte seit dem Heraufkommen des Kopernikanismus und Galileismus so erarbeitet worden ist an wirklichen Vorstellungen, an Vorstellungsformen gar, an gewissen Denkarten, das ist noch sehr wenig. Und gerade das wird als Grundlage verwendet, um durch wirkliche anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die übersinnlichen Erkenntniswege wiederum zu finden. Daher habe ich schon in den achtziger Jahren in meinen Einleitungsschriften zu Goethes Morphologie scharf darauf hingewiesen und es gesperrt drucken lassen, daß ich Goethe anzuschauen habe als den Kopernikus und Kepler der organischen Welt, um den Weg anzudeuten, der gerade hinführt in die übersinnlichen Gebiete hinein, aber ausgeht von dem guten Boden, der auf diese Weise elementar geschaffen worden ist. Also von dem alten Visionären, das heißt dem alten atavistischen, übersinnlichen Anschauen gehen die Vorstellungsarten aus, die heute noch immer in den Menschenköpfen spuken. In dieser ganzen Entwickelung des menschlichen Bewußtseins sind eben die alten Schöpfer, die Geister der Form tätig. Sie offenbarten sich dem übersinnlich entwickelten Bewußtsein. Für denjenigen, der in dem neuen Geistesleben drinnensteht, offenbaren sich jetzt nicht mehr diese Geister, sondern die Geister der Persönlichkeit.
[ 18 ] Sie können mich nun fragen: Was ist da für ein Unterschied? Dieser Unterschied zeigt sich eben innerhalb der Initiationswissenschaft. Deshalb steht der moderne Geisteswissenschafter noch sehr fremd gegenüber dem Allgemeinbewußtsein, selbst dem allgemeinen Wissenschaftsbewußtsein, weil dieses Wissenschaftsbewußtsein nur ein wenig in sich glimmend hat den Galileismus, Kopernikanismus, Goetheanismus, ganz elementar, aber allgemein noch beherrscht wird von der Denkungsweise der alten Visionäre. Das ist das Eigentümliche dieser Geister der Form, welche die alten Visionen gegeben haben, daß sie belebt haben im Menschen die Vorstellungen, die in den alten Religionen tätig waren, die auch im Christentum bis heute tätig waren. Das ist das Eigentümliche, daß, indem sich offenbarten diese Geister der Form, die man Schöpfer nannte, sie sich zunächst offenbarten durch Imaginationen, Imaginationen, die unwillkürlich im Menschen entstehen. Das war die nächste Offenbarungsart dieser Geister der Form. Und aus solchen Imaginationen sind die Vorstellungen aller alten Religionen entstanden. Sie wissen, das Imaginieren ist die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, dann kommt die Inspiration, und dann kommt die Intuition. Aber von der Imagination gingen aus alle diejenigen, die im alten Sinne zu übersinnlicher Erkenntnis kommen wollten, denn sie mußten den Weg zu diesen Geistern der Form finden.
[ 19 ] Nun findet man heute den Weg zu den Geistern der Persönlichkeit. Da ist nun ein gewaltiger Unterschied. Denn diese Geister der Persönlichkeit geben dem, der zu ihnen dringen will, nicht Imaginationen, sondern er muß sich die Imaginationen selber erarbeiten, er muß den Geistern der . Persönlichkeit entgegenkommen. Den Geistern der Form brauchte man nicht entgegenzukommen. Da konnte man, wie man es nennen mag, ein gottbegnadeter Mensch sein: dann gaben einem die Geister der Form in visionärer Art ihre Imaginationen. Diesen Weg suchen heute noch viele, denn er ist bequemer, aus dem Grunde, weil er heute nur noch pathologisch erreichbar ist. Der Mensch hat sich entwickelt, und das, was in alten Zeiten psychologisch war, ist heute pathologisch. Alles Visionäre und dasjenige, was auf unwillkürlichen Imaginationen beruht, ist heute pathologisch und drückt heute den Menschen unter sein Niveau herunter. Was heute vom Menschen gefordert wird, der zur Initiationswissenschaft oder eigentlich zur Initiationsanschauung vordringen will, das ist, daß er ganz bewußt seine Imaginationen ausbildet; denn die Geister der Persönlichkeit geben ihm keine Imaginationen, er muß sie ihnen entgegentragen. Dagegen findet ein anderes heute noch statt. Wenn Sie gültige Imaginationen ausbilden, wenn Sie sich gültige Imaginationen erarbeiten, dann treffen Sie auf Ihrem übersinnlichen Erkenntnisweg mit den Geistern der Persönlichkeit zusammen und Sie spüren die Kraft, welche Ihnen diese Imaginationen bewahrheiten, sie Ihnen zur Objektivität machen will.
[ 20 ] Im Elementarsten wird in der Regel der Gang beim Geistesforscher heute so sein, daß er versucht, sich die Imaginationen aus den tüchtigsten, besten Erkenntnissen des modernen Wissens zu gewinnen. Deshalb habe ich immer darauf hingewiesen, daß die moderne Naturwissenschaft die beste Vorbereitung ist auch für die Geistesforschung. Denn sie gibt die Möglichkeit, zu fruchtbaren Bildvorstellungen aufzusteigen, besonders wenn man sie im Goetheschen Sinne betreibt. Aber selbstverständlich kann man sich Bilder machen, die bloß phantastische sind; man kann alles mögliche Zeug zusammenflicken zu irgendwelchen willkürlichen Imaginationen. Diese Imaginationen, die man sich macht, die müssen erst verifiziert werden, indem einem die Geister der Persönlichkeit entgegenkommen mit Inspirationen und Intuitionen. Und Inspirationen und Intuitionen bekommt man schon von den Geistern der Persönlichkeit. Man weiß ganz genau: Du stehst in Verbindung mit denjenigen Geistern, die sich aus grauer Geistestiefe der heutigen Menschheit enthüllen, aber sie bleiben für dich unfruchtbar, wenn du ihnen nicht eine Sprache entgegenbringst. — Denn diese Geister behalten die Imaginationen für sich. Die Geister der Form setzten die Imaginationen vor den übersinnlich erkennenden Menschen hin, die Geister der Persönlichkeit behalten die Imaginationen für sich, und man muß sich mit ihnen verständigen, so wie man sich auch mit dem Menschen verständigen muß, indem man zwar Gedanken sich machen muß, die er auch hat, aber die Gedanken, die er hat, müssen dutch gegenseitigen Verkehr von ihm auf einen andern und von einem andern auf ihn übergehen. So müßte man in einem freien Verkehr mit den Geistern der Persönlichkeit verkehren. Das ganze innere Gefüge des geistigen Lebens ändert sich. Jenes Unwillkürliche, welches den alten Offenbarungen zugrunde lag, das mündet selbst ein in einen gewissen Impuls, der in freier Aktivität erlebt wird. Derjenige, der nicht an der Oberfläche des Weltgeschehens schwimmen will, sondern sich einlassen will auf dasjenige, was wirklich sich vollziehen kann, der verfolgt heute dieses Weltgeschehen in der Weise, daß er sich bewußt wird — vielleicht zuerst durch ganz an der Oberfläche Liegendes —, daß sich ein neuer Weltenplan realisieren will, daß gewissermaßen hinter dem äußerlich verfolgbaren Geschehen geistig sich etwas vollziehen will. Das ist dasjenige, was man, ich möchte sagen, spüren kann aus dem Weltgeschehen heraus, aber es bleibt bei sehr vagen Vorstellungen.
[ 21 ] Insbesondere auf dem Gebiete des sozialen Lebens kann mancher das Gefühl haben, es will sich etwas realisieren, es will etwas geschehen, aber man muß, wenn man verstehen soll, was geschehen will, diesem Geschehenwollen entgegentragen dasjenige, was man sich nur selber erarbeiten kann. Was ich Ihnen als eine Art — aber nur eine Art, weil es nicht Programm, sondern Wirklichkeit ist — notwendiger sozialer Impulse vorgetragen habe, ist auf diese Weise gewonnen. Deshalb kann ich immer sagen: Es ist nicht etwas Ausgedachtes, auch nicht etwas aus irgendeinem Ideal heraus — was man heute Ideal nennt — Gebildetes, sondern es ist dasjenige, was sich verwirklichen will und sich auch verwirklichen wird, nur in Begriffe gefaßt. Aber man kann es nicht in Begriffe fassen, wenn man sich nicht die Möglichkeit zuerst erarbeitet, zu Bildern zu kommen, die dann verifiziert werden, bewahrheitet, erhärtet werden von den Geistern der Persönlichkeit, die den neuen Weltenplan spinnen.
[ 22 ] Diese Entwickelung der neueren Zeit fordert schon von uns, daß wir uns einlassen können darauf, alles Antiquierte abzustreifen, auch alles in der landläufigen Wissenschaft Antiquierte abzustreifen und wirklich in die neuen Denkformen uns hineinzufinden, damit wir innerhalb dieser neuen Denkformen nicht zu antiquierten Visionen kommen, sondern zu mit vollem Willen aufgebauten Imaginationen, die wir dann entgegenhalten dem objektiven geistigen Weltgeschehen und von ihm verifiziert bekommen. Das ist ein so radikaler Unterschied gegenüber allem früheren übersinnlichen Erkennen, daß sich die zahlreich vorhandenen, auf früheres übersinnliches Erkennen stützenden Menschen mit Händen und Füßen sträuben gegen diese absolute Umwandlung alles übersinnlichen Erkennens. Denn es ist etwas verlangt von Menschen, die Übersinnliches erkennen wollen, was radikal, ursprünglich und elementar ist, was zu den Quellen vordringen will und was Abrechnung halten will und muß mit alldem, was nut — bewußt oder unbewußt — antiquiert ist. Daher wird so wenig Wert gelegt innerhalb derjenigen Geisteswissenschaft, die hier vorgetragen wird, auf all das Überlieferte. Dieses Überlieferte ist gewiß ein Ehrwürdiges, aber wir stehen halt einmal an dem Wendepunkt der Menschheitsentwickelung, wo wir in bezug auf solche Sachen gründlich erkennen müssen, daß das Überlieferte sich ausgelebt hat und daß Neues erworben werden muß. Daher kann innerhalb einer wirklich mit den heutigen Verhältnissen rechnenden Geisteswissenschaft nicht die Rede sein von dem alten Glauben, noch kann die Rede sein von der Hinlenkung zum sogenannten Baumeister aller Welten. Denn beides gehört eben nur dem äußeren Bewußtsein an. Kommt man zu demjenigen Bewußtsein, das außerhalb des Leibes und außerhalb des Lebenslaufes erworben wird, das wirklich im Geistigen drinnensteht, dann fließen Wille und Vorstellung wieder zusammen zu einer Realität. Und dasjenige, was nur Architektur ist, das heißt nur Form, was leblose Formen, leblose Symbole sind, das erhält innerliches Leben. Und dasjenige, was finsterer bloßer Glaube ist, das wird Wissen, konkretes sich wandelndes Wissen. Beides vereinigt sich, beides wird etwas Lebendiges. Das ist dasjenige, was von der Menschheit erlebt werden muß. Die alten Symbole, die alten Riten, sie müssen als antiquiert empfunden werden, die ganze alte Denkweise muß als antiquiert empfunden werden. Denn dasjenige, was da starre Formen sind, muß Leben empfangen.
[ 23 ] Denken Sie nur, wieviel heute noch gearbeitet wird mit antiquierten Begriffen! Gewiß, es kann auf mancherlei Gebieten noch Nützliches damit geleistet werden. Aber die Menschheit würde in das Erstarren hineinkommen, in das Gelähmtwerden, das Vertrocknetwerden, wenn nicht dasjenige, was antiquiert ist, einem andern weichen würde, das innerliches Leben enthält. Es kann nicht mehr fortgearbeitet werden unter dem Symbolum der bloßen Weltarchitektur in starrer Form, in überlieferten Symbolen, in überlieferten Dogmen, sondern dasjenige, was den Menschen mit der Welt zusammenbringen soll, muß ein unmittelbar Lebendiges werden.
[ 24 ] Auch im Beginn der christlichen Entwickelung war das zum Beispiel mit dem Christentum selbst noch nicht so, daß ein Lebendiges da zugrunde liegt. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, daß gerade die ersten Beschreiber des Christentums gearbeitet haben aus der alten ägyptisch-chaldäischen Wissenschaft heraus. Selbst die Daten sind natürlich nicht historisch festgestellt. Es sind zum Beispiel astrologisch berechnet die Daten, die die Feste feststellen, Geburts- und Todesjahr des Christus Jesus sind astrologisch berechnet, die ganze Apokalypse beruht auf Astrologie. In alten Zeiten war diese lebendig, aber sie ist heute tot, selbstverständlich eine bloße Rechnerei. Sie wird erst dann wiederum lebendig, wenn die Dinge lebendig wiederum erfaßt werden, wenn also zum Beispiel nicht aus den Sternen etwa berechnet wird das Geburtsjahr des Christus Jesus, sondern wenn es geschaut wird mit jenem Schauen, das auf die geschilderte Weise heute errungen werden kann. Da beleben sich die Dinge. Leben ist heute nicht, wenn berechnet wird, ob der eine Stern zum andern in Opposition, in Konjunktion und so weiter steht, sondern wenn lebendig erlebt wird, was diese Oppositionen sind, wenn das innerlich erfaßt wird, nicht in äußerer Mathematik. Damit soll gegen diese äußere Mathematik nichts Besonderes eingewendet werden. Sie kann natürlich auch über manches Licht, allerdings über manches auch Dunkelheit verbreiten, aber sie ist nicht dasjenige, was im Schoß des wirklich heute Notwendigen für die Menschheit liegt. In der alten Weise können die Dinge auch nicht fortgepflanzt werden; sie würden eben nur Vertrocknetes, die Menschheitsentwickelung Lähmendes geben. Aber es spricht natürlich bei der Beurteilung solcher Sachen beim heutigen Menschen immer mit, daß durch die Aneignung jener Vorstellungsart man nicht selber übersinnlicher Erkenner zu sein braucht — der gesunde Menschenverstand macht durchaus das Erkennen der Geisteswissenschaft möglich —, daß aber diese Denkungsweise nur auf unbequeme Art erworben werden kann, während man sich sehr bequem die alten Überlieferungen, die alten Methoden aneignen kann und selbstverständlich noch bequemer an die Kirchendogmen glauben kann.
[ 25 ] Nun liegt aber die Tatsache vor, die wir jetzt öfter von verschiedenen Gesichtspunkten aus behandelt haben: Dieser Umschwung, der sich in der menschlichen Seelenverfassung vollzieht, bedeutet auf einer Seite das Herausstrahlen der Offenbarung der Geister der Persönlichkeit; innerlich bedeutet er das Loslösen des Impulses der Freiheit aus den 'Tiefen der Seelen heraus, das sich in alldem spiegelt, was so dringend jetzt als die großen Menschheitsforderungen vor die Menschen hintritt. Man versteht auch die sozialen Forderungen nur, wenn man diese Entwickelung der menschlichen Seelenverfassung ins Auge nehmen kann. Erinnern Sie sich an eine Bemerkung, die ich gestern gemacht habe: daß die Menschen heute — höchstens, sagte ich — anfangen, ihr wirkliches Ich zu empfinden, indem sie mit andern Menschen in Berührung kommen. Der alte Mensch kannte das «Erkenne dich selbst» in der äußeren Welt. Für das übersinnliche Erkennen ist das anders, aber in der äußeren Welt, in der Welt, in der wir zwischen Geburt und Tod leben und mit dem gewöhnlichen Bewußtsein leben, hatte der Mensch der alten Zeiten, wenn er von seinem Ich reden wollte, etwas Wirkliches. Der neuere Mensch hat nur das Spiegelbild des wahren Ich, er hat etwas hereinstrahlend von dem wahren Ich, gerade wenn er mit andern Menschen in Berührung kommt; der andere Mensch, der mit ihm karmisch oder sonst irgendwie verbunden ist, der gibt ihm eigentlich etwas Reales. Wenn man es radikal ausdrücken möchte — es ist ein Charakteristikon für die Menschen der heutigen Zeit —: Wir sind innerlich hohl mit Bezug auf die Realität unseres Ich. Wir sind alle innerlich hohl, und wir müßten uns das eigentlich gestehen. Wenn wir wirklich aufrichtig und ehrlich Lebensrückblick halten, so finden wir, um wieviel wichtiger die Einflüsse sind, die die andern Menschen auf uns gehabt haben, als das, was wir uns so angeblich selbst erobert haben. Der heutige Mensch erwirbt sich außerordentlich wenig selbst, wenn er nicht Wissen aus übersinnlichen Quellen erwirbt. Auf äußeren Wegen er braucht dazu nicht hellsichtig zu sein — wird der Mensch heute zur Sozialität hin gezwungen, weil er eigentlich nur real in dem andern ist, in dem Verhältnis zu dem andern. Und das wird gegen den sechsten nachatlantischen Zeitraum, der seine heutigen embryonalen Impulse gerade in Rußland hat, so stark werden, daß es dann als ein Axiom gelten wird: Kein Glück eines einzelnen Menschen ist möglich ohne das Glück der Gesamtheit, so wie ein einzelnes Organ im Menschen nicht funktionieren kann, ohne daß eigentlich das Ganze funktioniert. — Das wird man später als ein Axiom ansehen einfach durch die Bewußtseinstatsache. Wir sind noch lange nicht da — also Sie können sich, bitte, noch beruhigen, können noch lange Ihr persönliches Glück als etwas betrachten, was möglich ist, wenn auch dieses persönliche Glück aufgebaut ist auf so und so viel Unglück —, aber das ist die Richtungslinie, die Richtungsströmung, in der sich die Menschheit entwickeln wird. Das ist einfach so, wie man heute, wenn man sich erkältet hat, husten muß. So wie das unangenehm ist, so wird es unangenehme Seelenzustände erwecken in einigen Jahrtausenden, wenn man irgend etwas als einzelner Mensch von Glück in der Welt haben will, ohne daß die andern es auch haben. Dieses Durchorganisieren der Menschheit liegt in der menschlichen Entwickelung, und das rumort heute in den sozialen Forderungen herum. Das ist eben der Weg, den die menschliche Seelenverfassung macht.
[ 26 ] In früheren Zeiten konnte der Mensch in sich hineinschauen, konnte noch etwas Reales finden auch in dem Leben, das er zwischen Geburt und Tod lebt. Heute ist eigentlich der Materialismus für dieses Leben zwischen Geburt und Tod, wenn wir nur auf den Menschen im Äußeren hinschauen, nicht unberechtigt, denn innerhalb desjenigen, was zwischen Geburt und Tod im Menschen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein verfolgt wird, hat man es nur mit materiellen Tatsachen zu tun. Die übersinnlichen Tatsachen liegen zugrunde; aber ich habe gestern gesagt: diese übersinnlichen Tatsachen machen bald nach der Geburt halt und lassen das Leben des Menschen materiell ablaufen bis zu seinem Tode, wo sich wiederum das Übersinnliche aus ihm herausringt. Es ist nicht eine bloße Scharlatanerie, daß die heutige Naturforschung materialistisch ist, sondern es ist ein instinktives Rechnen mit dem, was heute im Menschen eigentlich das Gegebene ist. Nur sieht man nicht hinaus über das Leben zwischen Geburt und Tod. Sobald man hinaussieht, ist selbstverständlich die Naturforschung am Ende. Der Mensch muß einmal untertauchen in dies bloß materielle Leben, damit er sich unabhängig von diesem materiellen Leben das Geistige erwerben kann. Und so ist einfach zum Verständnis desjenigen, was in den drängendsten Forderungen unserer Zeit pulsiert, notwendig, daß man hineinblickt in diesen Umschwung der menschlichen Seelenverhältnisse. Man kann ihn nicht beobachten, wenn man ihn nicht durch die Initiationswissenschaft beobachten will.
