Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Der Goetheanismus
ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke
Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft
GA 188

4 Januar 1919, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Es ist vielleicht bedeutungsvoll, gerade anläßlich solcher Betrachtungen, wie wir sie nun pflegen, zurückzuschauen auf manches, was in früheren Zeiten mit dieser oder jener geistigen Strömung zusammenhing. Denn Sie haben ja gesehen: es handelt sich darum, daß die geistigen Ereignisse, die der physischen Welt zugrunde liegen, in der Gegenwart es selbst notwendig machen, daß der Mensch gewissermaßen zu einer Neueinstellung komme mit Bezug auf die ganze Auffassung seines Verhältnisses zur Welt und zu der übrigen Menschheit. Wir haben ja schon gestern in dieser Beziehung auf manches hingewiesen, haben darauf hingewiesen, wie manches neu verstanden werden muß, was, scheinbar gut begründet, von da oder dort in das Geistesleben der Menschheit hereinleuchtet. Sie müssen sich ja klar darüber sein, daß, wenn mit Impulsen, die in solcher Art begründet sind, ernst gemacht wird, sich dann — so wie heute nun einmal der Verlauf des Lebens ist — gegen diesen Ernst und gegen diese Impulse überhaupt der Widerstand erhebt, der Widerstand des Hasses, der Widerstand des Neides, der Widerstand der Furcht, der aus der Kleinlichkeit der Menschen kommt, und so weiter. Nur das gründliche Verständnis der Dinge kann über die vielen Hindernisse hinweghelfen, denen der Bekenner eines solchen geistigen Umschwunges ausgesetzt ist. Denn dieses gründliche Verständnis ist ja geeignet, der Seele auch Stärke zu geben, so daß diese Seele manchem gewachsen ist, was gerade gegen die ernstesten Bestrebungen im Weltengetriebe immer sich geltend gemacht hat. Und so wollen wir denn heute das gestern Gesagte durch manches andere noch ergänzen.

[ 2 ] Ich habe gestern darauf hingewiesen, wie man durchaus — gerade wenn man auf geisteswissenschaftlichem Boden steht — objektiv sein kann gegen alle andern Geistesströmungen, wie man durchaus andere Geistesströmungen nicht zu verkennen braucht. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich gesagt, daß mit Bezug auf gewisse Punkte die Vertreter des katholischen Klerus bei manchen gegenwärtigen außerkirchlichen philosophischen, theologischen Auseinandersetzungen durch ihre Schulung den Nichtkatholiken überlegen sind. Gerade jetzt leben wir in einer Zeit, in der jeder, der mit Weltanschauungsfragen ernst machen will, sich mit solchen Dingen auseinandersetzen sollte. Sowohl die Weltanschauungsströmungen wie auch die sozialen Strömungen der Gegenwart fordern dieses. Die Versuchungen, die gerade von gut geschulter Seite ausgehen, könnten nämlich zuweilen groß werden, und es könnte das, was da vorgebracht wird, dann nicht durchschaut werden, nicht erkannt werden in seiner eigentlichen Bedeutungslosigkeit gegenüber den größeren Forderungen der Gegenwart, wenn man sich nicht auf eine ganz gründliche Betrachtung einläßt. Die Versuchungen, den Einwendungen gut geschulter Gegner geisteswissenschaftlicher Bestrebungen zu verfallen, sie sind in der Tat nicht gering in der Gegenwart. Allerdings, wenn die Menschen genügend Unterscheidungsvermögen hätten, wenn sie sich bestreben würden, einzugehen auf die Tatsache der Begründetheit, der breiten Begründetheit dieser Geisteswissenschaft, so würden sie solchen Versuchungen wenig ausgesetzt sein. Aber solches Unterscheidungsvermögen ist ja nur selten. Was als Geisteswissenschaft sich in die Weltenströmung einfügen will, so wie wir das auffassen, das erklärt ja mancherlei Angriffe, und erklärt auch Angriffe gerade von dem Gesichtspunkt des katholischen Bekenntnisses zum Beispiel. Aber notwendig ist es schon, sich mit solchen Dingen zu befassen aus dem Grunde, weil in dem Chaos, das hereinbrechen wird, und das leider die Menschen viel zu wenig würdigen, viel zu wenig beachten, weil in diesem Chaos auch mancherlei, was von katholischen Bekenntnisinhalten ausgeht, verwirrend stehen wird.

[ 3 ] Nun möchte ich Sie heute bekanntmachen mit der Richtung des Urteiles, das so ein richtiger katholischer Bekenner gegen das eine oder andere in der Geisteswissenschaft schon vorbringen kann, wenn er voraussetzen kann, daß er unverständige Leser oder Zuhörer findet. Einer der gebräuchlichsten Einwände gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft ist ja der, dal sie Pantheismus sei. Einer der Haupteinwände, die zum Beispiel gemacht wurden in den Aufsätzen des Jesuiten Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», ist der, daß diese Geisteswissenschaft Pantheismus sei.

[ 4 ] Sie wissen, ich habe über diesen Punkt öfter gesprochen; Sie wissen, wie ich charakterisiert habe, daß gerade der banale Pantheismus, der so viele Kreise in der Gegenwart beherrscht, im Ernste nur überwunden werden kann durch das Eintreten in die konkrete geistige Welt, von der die Geisteswissenschaft spricht. Natürlich ist es auf solcher Seite, von der die genannten Einwände kommen, nicht beabsichtigt, der wirklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen, vielmehr ist es ihr Bestreben, mit Berechnung alles dessen, was als Vorurteile innerhalb einer gewissen Bekenntnisanhängerschaft lebt, solche Dinge vorzubringen, die eine gewisse Suggestions- und hypnotisierende Wirkung haben. Pantheismus wäre ja die Anschauung, daß in alledem, was sich als Natur ausbreitet, was sich überhaupt als Erscheinungswelt ausbreitet, das Göttliche lebe, daß gewissermaßen die Natur selber als eine unmittelbare Offenbarung des Göttlichen anzusehen sei. Gerade gegen diesen verwaschenen Pantheismus, der nur immer davon spricht, es breite sich die Erscheinungswelt aus und hinter ihr sei Geist, Geist, Geist, habe ich mich immer gewandt. Ich habe immer darauf aufmerksam gemacht, wie dies das gleiche ist, wie wenn jemand auf dem physischen Plan nicht eingehen wollte darauf, daß da Tulpen und Rosen und Lilien sind, sondern nur Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen! — Geisteswissenschaft geht eben auf die einzelnen konkreten geistigen Wesenheiten ein, spricht nicht in pantheistischer Weise im allgemeinen vom Geiste. Ein anderes Charakteristikon des Pantheismus ist dieses, daß man sagt: Der Pantheismus will die äußere Naturwelt nicht trennen von dem Göttlich-Geistigen, er will beide miteinander vermischen. — Nun, man muß schon Jesuit sein, um sich den Anschein zu geben, daß man den Glauben hat, da, wo so gesprochen wird von der konkreten Stellung der in sich selber individualisierten, in sich selber persönlich und überpersönlich bestehenden Wesenheiten der höheren Hierarchien, könne von einer Vermischung dieser ganzen Welt der Hierarchien mit der äußeren Natur die Rede sein. Wer wirklich denken kann, wird mit dem Vorwurf des Pantheismus gegenüber einer solchen Charakteristik der Hierarchienwelt und ihrer einzelnen Wesenheiten gegenüber der Natur überhaupt nichts anfangen können.

[ 5 ] Bleibt noch das einzige, was nun in jenen Aufsätzen in den «Stimmen der Zeit» besonders hervorgehoben wird, daß davon gesprochen wird — was in der katholischen Kirche als häretisch gelten soll — innerhalb meiner Geisteswissenschaft, daß in der Seele des Menschen das Göttliche lebt, daß die Seele des Menschen selber ein Tropfen in dem Meere des Göttlichen ist. Solche und ähnliche Aussprüche werden da zusammengestellt, und die werden hingestellt als Ketzereien innerhalb des katholischen Bekenntnisses.

[ 6 ] Also es wird darauf hingewiesen, wie die Lehre, daß in der Seele unmittelbar ein Göttliches leben soll, ketzerisch und zu verdammen sei. Ein vernünftiger Mensch könnte gewiß sagen: Es ist nicht notwendig, daß du mich erst aufmerksam machst auf solche Torheiten. — Aber darauf kommt es nicht an; darum handelt es sich nicht. Sondern es muß sich darum handeln, daß diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daß diese Dinge da, wo man täuschen will, eine ganz gewaltige Rolle spielen werden, und daß man schon aufmerksam sein muß auf diese Dinge. Sie hängen aber mit noch anderem zusammen. Und nun wollen wir einmal absehen von dem oder jenem wirklich gemachten Angriffe und uns einmal jemanden vor die Seele führen, der entweder im Jesuitismus lebend, stumpf gemacht ist in bezug auf das eigene Nachdenken, oder der bewußt darinnen lebt, das heißt, der also weiß, daß er für sich selber ja über die Dinge nicht nachzudenken braucht, sondern daß er nur im Sinne des offiziell anerkannten Bekenntnisses die Gläubigen zu beurteilen hat, sei es so oder so; und führen wir uns einmal vor Augen, wie die Auseinandersetzungen eines solchen Menschen gegenüber dem geisteswissenschaftlichen Wege selbst beschaffen sein können. Ich sage Ihnen da also nichts anderes als — die Durchschnittsmeinung möchte ich nicht sagen, weil Meinung da nicht richtig am Platze ist — die Durchschnittsaussage eines offiziellen Vertreters der römisch-katholischen Kirche gegenüber dem Wege der Geisteswissenschaft, wie er von einem Bekenner von heute gegangen wird.

[ 7 ] Der würde etwa sagen: Ja, auf solchem Wege, wie er von der Geisteswissenschaft zur Erringung der übersinnlichen Einsichten anempfohlen wird, auf solchem Wege darf der katholische Christ nicht gehen. Denn alle Kirchenväter und Kirchenlehrer — so wird der jetzige Kleriker etwa sagen — verdammen einen solchen Weg. Ein solcher Weg führt ja dazu, daß der Mensch in sich besondere Fähigkeiten hervorrufen soll, um in die übersinnliche Welt hinaufzukommen. Das aber ist ketzerisch, das darf überhaupt nicht angestrebt werden. Alles, was angestrebt werden darf von einem rechtgläubigen Katholiken, ist das, was die Kirchenlehrer als die «rechtmäßige Beschauung» gelten lassen. Diese rechtmäßige Beschauung, die läßt ja der gegenwärtige römisch abgestempelte Kleriker gelten. Was versteht er darunter?

[ 8 ] Sie werden sich einen Begriff machen können von dem, was er darunter versteht, wenn Sie unterscheiden zwischen zweierlei Gaben, die im Sinne der rechtgläubigen katholischen Kirche der Mensch, der gläubige Katholik haben kann. Die eine von den Gaben sind die sogenannten Gratiae gratis datae, die übernatürlichen Gnadengaben, könnte man sagen, die Charismen. Die andern Gaben sind diejenigen, welche man nennen kann die allgemein-menschlichen Gaben. Die außerordentlichen Gaben, die Charismen, sind als eine besondere Gnadengabe außerordentlichen Menschen verliehen, dürfen aber auch nicht angestrebt werden, so befiehlt die Kirche. Als Beispiel würde etwa angeführt werden die Jungfrau von Orleans. Dagegen darf angestrebt werden eine gewisse Erhöhung des allgemeinen Seelenlebens, die aber den Menschen nicht zu außerordentlichen Fähigkeiten bringt, sondern nu: zu einer Steigerung der allgemeinen menschlichen Fähigkeiten. Eine solche Steigerung der allgemeinen menschlichen Fähigkeiten bewirkt jedoch, daß jeder Mensch — so sagt die heutige römisch-katholische Kirche — in die Lage kommen kann, von dem Heiligen Geiste durchdrungen zu werden.

[ 9 ] Also sagen wir so: Der gewöhnliche Sterbliche denkt etwas, oder fühlt etwas, oder tut etwas. Er ist nach dem Gebote der Kirche, nach dem Gebote des Staates verpflichtet, diese Dinge so und so zu tun; er kann sich bemühen, mit seinem gewöhnlichen sterblichen Nachdenken seine Handlung kirchengemäß, staatsgemäß — das heißt ja dann im Sinne der Kirche gottesgemäß — auszuüben. Aber er kann auch bemerken, wenn er sonst ordentlich ist als katholischer Christ, daß der Heilige Geist öfter eingreift in sein Handeln, Denken, Fühlen, und daß er dann gewisse Tugenden, die ihm sonst Schwierigkeiten machen, leichter ausführt, weil der Heilige Geist in ihm wirkt. Das darf aber nicht etwa so angestrebt werden, als wollte der Mensch über den gewöhnlichen Status des menschlichen Strebens hinausgehen und besondere Fähigkeiten entwickeln, um in die übersinnliche Welt einzudringen. Alles solches Streben ist verwerflich.

[ 10 ] Nun, damit habe ich Ihnen charakterisiert, was ein richtig abgestempelter römisch-katholischer Kleriker einwenden würde gegen dasjenige, was zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht. Er würde sagen: Da sind besondere Fähigkeiten angestrebt, die ihn in den Stand setzen sollen, sich mit der geistigen Welt in einer gewissen Weise zu vereinigen. Das darf er aber nicht. Er darf nur rein passiv sich verhalten, bis er bemerkt, daß in sein Gemüt herein die Impulse des Heiligen Geistes kommen und nicht eine qualitative Änderung seines Verhaltens bewirken, sondern nur eine Steigerung, gewissermaßen eine Erleichterung im Tugendhaftsein, eine Erleichterung in den andern Fähigkeiten, die der Mensch auf dem äußeren physischen Plane ausübt.

[ 11 ] Das können Sie heute nicht nur gegen unsere Geisteswissenschaft, sondern Sie können das lesen gegen alle Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, daß der Mensch anstreben will, aus sich heraus einen solchen Menschen zu erzeugen, der eine geistige Welt um sich herum ebenso erblickt, wie der physische Mensch mit seinen physischen Sinnen eine physische Welt um sich herum erblickt. Das ist auch allen denjenigen geläufig, die da glauben, auf dem ganz festen Boden des von Rom aus diktierten christlichen Glaubens zu stehen. Und im weitesten Umkreise wird derjenige heute als ein Ketzer angesehen, der anders über diese Dinge denkt, als ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Man muß sich, wenn man so etwas bespricht, immer klarmachen, daß diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daß diese Dinge auf Millionen von Menschen heute noch immer einen ungeheuren Einfluß haben. Man muß nicht so egoistisch sein, zu meinen, weil man selbst mit diesen Dingen glaubt fertig zu sein — aber auch nur glaubt fertig zu sein —, brauche man sich nicht darum zu kümmern. Das gerade ist der große Schaden der Gegenwart, namentlich auch mit Bezug auf die soziale Bewegung, daß die Menschen so egoistisch sind, daß sie nur immer auf die Bedürfnisse der eigenen Seele sehen und nicht hinblicken wollen auf das, was Mensch mit Mensch verbindet, auf das, was durch Millionen und Millionen von Menschen als treibender Impuls geht, und was dann, wenn es zur rechten Zeit hervorbricht, dies oder jenes überfluten kann, was in dieser oder jener Form so auftritt, wie jetzt eben die Dinge auftreten in der Welt. Es ist heute notwendig, auch über die Quellen dieser Dinge und über die notwendige Stellung zu diesen Dingen sich aufzukläten.

[ 12 ] Nun berufen sich in der Regel die in Rom abgestempelten Kleriker auf die Kirchenlehrer. Sie gehen zurück auf die Kirchenlehrer früherer Jahrhunderte und leiten aus deren Aussagen das ab, wovon sie glauben, daß es übereinstimme mit dem, was ich Ihnen eben charakterisiert habe. Nun kann ich Ihnen ja natürlich nicht stundenlange Vorlesungen halten über die Lehre der Kirchenlehrer, aber ich möchte Sie doch auf einiges in dieser Richtung aufmerksam machen, namentlich darauf, welche Stellung der Mensch des Bewußtseinszeitalters, das mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, zu diesen Dingen einnehmen kann.

[ 13 ] Erstens also müssen wir ins Auge fassen, daß der Weg in die geistige Welt, wie ihn die Geisteswissenschaft meint, für ketzerisch gehalten wird. Das sagen die heute rechtmäßig römisch abgestempelten Kleriker. Zweitens müssen wir beachten, daß der Vorwurf erhoben wird, Geisteswissenschaft spreche davon, daß der Mensch des Göttlichen teilhaftig werden könne in seiner eigenen Seele, und das sei ketzerisch, wie wiederum die in Rom abgestempelten Kleriker des Katholizismus heute sagen.

[ 14 ] Wollen wir einmal genauer ansehen, was ein äußerlich — aber nicht innerlich, wie wir gleich nachher sehen werden — sehr anerkannter Kirchenlehrer, äußerlich sehr auch von Rom anerkannter Kirchenlehrer, über so etwas sagt, wie die Beschauung, von der ich Ihnen ja einiges Charakteristische vorhin angeführt habe. Johannes vom Kreuz spricht zum Beispiel über dasjenige, was Beschauung werden soll für den rechtmäßigen, christlich-katholischen Gläubigen, der durch diese Beschauung über den bloßen, allgemeinen Kirchenglauben hinauskommen soll zu einer Art höherer Anschauung von dem Göttlichen, das die Welt durchpulst. Das erlaubt auch heute die katholische Kirche, daß durch Beschauung der Mensch hinausgelangt über das, was nur allgemeiner Glaube ist. Aber sie verbietet, daß der Mensch hinausgelange zu übersinnlichen Fähigkeiten, Fähigkeiten, die in die übersinnliche Welt so hineinführen, wie die äußeren Sinne in die Sinnenwelt hineinführen. Nun sagt der heilige Johannes vom Kreuz: Die Zeit ist gekommen — er meint die Zeit der Beschauung —, wo das Nachdenken und die Betrachtung, welche die Seele vorher mit ihren eigenen Kräften vornahm, nachgerade aufhören und sich die Seele der vormaligen Genüsse und fühlbaren Freuden beraubt sieht.

[ 15 ] Also diesen Zustand gibt der heilige Johannes vom Kreuz zu, daß man schweigen läßt das gewöhnliche Nachdenken, wodurch man sich auseinandersetzt mit den Dingen des physischen Planes, die man durch die Sinne wahrnimmt und durch den Verstand begreift; daß man sich enthält also der gewöhnlichen Betrachtung, welche die Seele mit ihren eigenen Kräften vornimmt, daß auch die Genüsse, welche die Seele in solchen Betrachtungen und in solchem Verhältnis zur äußeren Natur hat, aufhören. Das gibt er zu.

[ 16 ] Zu einem Zustand der Dürre und "Trockenheit verurteilt — sagt er dann weiter —, kann die Seele nicht mehr Erwägungen mit ihrem Verstande anstellen. — Also indem man die Sinne verschließt, indem man den Verstand stillstehen läßt — das fordert er als Herbeiführung zur Beschauung —, kommt man mit der Seele in eine Art Dürre und Trokkenheit. Dadurch kommt man eben zu jener Teilhaftigkeit mit dem göttlichen Wesen, die der heilige Johannes vom Kreuz für erlaubt hält. Also wenn die Seele nicht mehr Erwägungen mit ihrem Verstande anstellt, noch auch eine sinnliche Stütze findet, da bereichern sich nicht mehr die Sinne; den Nutzen hat der Geist, ohne daß er etwas von den Sinnen empfängt. Daraus ergibt sich, daß in diesem Zustande Gott der Haupthandelnde ist.

[ 17 ] Also fassen Sie die Sache genau auf. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Der Mensch kann das Nachdenken einstellen, die Aufnahme von äußeren Wahrnehmungen durch die Sinne auch einstellen, die Seele kann passiv werden, die Seele tut von sich selbst aus nichts mehr. Dadurch wird Gott in der Seele der Haupthandelnde. Er selber unterweist die Seele und gibt ihr eine eingegossene Erkenntnis mit. Er schenkt ihr in der Beschauung ganz geistige Güter, die Erkenntnis und Liebe Gottes zumal, ohne daß die Seele sich im Nachdenken übt oder andere Übungen vornimmt, die sie nicht mehr wie vordem verrichten kann.

[ 18 ] Nehmen Sie diese Worte eines auch heute in Rom als rechtmäßig anerkannten Kirchenvaters, des sogar heilig gesprochenen Johannes vom Kreuz, nehmen Sie diese Worte und stellen Sie sie gegenüber dem Vorwurf des Pantheismus, der gerade neulich gegen Geisteswissenschaft erhoben worden ist, weil Geisteswissenschaft davon spreche, daß zum Beispiel das Seelenleben sich wie ein Tropfen verhalte im Meere der Göttlichkeit, also selbst göttlichen Wesens sei, was nach den heute predigenden und gläubigen Klerikern ketzerisch ist. Aber der heilige Johannes vom Kreuz beschreibt die Möglichkeit, zu einem passiven Zustand der Seele zu kommen, wo das Nachdenken und das Sinnenwahrnehmen ausgeschlossen ist, und wo Gott in der Seele der Haupthandelnde ist, wo Gott, nach den Worten des Johannes vom Kreuz, der Seele in der Beschauung ganz geistige Güter schenkt, wo er selber die Seele unterweist und ihr eine eingegossene Erkenntnis mitteilt.

[ 19 ] Nun frage ich Sie: Was sollen diese Worte für einen Sinn haben, wenn man jetzt behauptet, daß die menschliche Seele niemals in einen realen Zusammenhang mit dem göttlichen Wesen gebracht werden soll? Was soll es für einen Sinn haben, wenn Johannes vom Kreuz sagt: Gott ist in der Seele der Haupthandelnde — und es doch ketzerisch sein soll, davon zu sprechen, daß des Menschen Seele mit Gott in einen unmittelbaren wissentlichen Zusammenhang gebracht werden soll? — Wenn man sagt, die Seele verhalte sich zu dem GesamtGöttlich-Geistigen wie der Tropfen im Meere, der gleicher Wesenheit ist mit dem gesamten Meereswasser, eben ein Tropfen aus dem Meere ist — dürfte das als unerlaubter Pantheismus aufgefaßt werden, wenn Wahrheit waltete, wenn doch gleichzeitig anerkannt wird, daß ein rechtmäßiger Kirchenvater, der heilige Johannes vom Kreuz, die Möglichkeit zugibt, daß Gott der Haupthandelnde in der menschlichen Seele wird! Dieses Faktum müssen Sie sich vor die Seele rükken, um zu erkennen, wie weit heute Wahrheit in den offiziellen Strömungen waltet: daß man sich gleichzeitig beruft auf solche Lehrer wie den heiligen Johannes vom Kreuz, der ja wahrhaftig mit noch viel deutlicheren Worten, nämlich um populär zu den Menschen zu sprechen, einen «Pantheismus» lehrt — wenn man das Pantheismus nennen will — als die Geisteswissenschaft. Aber diese hält man für ketzerisch, und was tut man? Man läßt den heiligen Johannes vom Kreuz als maßgebenden Kirchenvater gelten, und betrügt die Leute, indem man ihnen sagt: Der Pantheismus ist nicht erlaubt. — Das heißt aber doch: Niemand darf behaupten, es sei ketzerisch, wenn man sagt, Gott sei in der Seele unmittelbar anwesend, so daß die menschliche Seele das wissen kann.

[ 20 ] Nein, heute sollen die Leute nicht gedankenlos sein; sie dürfen nicht gedankenlos sein, wenn nicht noch größeres Unglück über die Menschheit hereinbrechen soll. Heute sollen sich die Menschen bewußt vorhalten können, daß eine solche Entstellung der Wahrheit offiziell durch die Welt geleitet werden kann.

[ 21 ] Und ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz ist: Die inneren Güter, die diese schweigende Beschauung der Seele eindrückt, ihr selbst unbewußt, sind unschätzbar. Kurz, sie sind nichts anderes als die überaus geheimnisvollen und ungemein zarten Salbungen des Heiligen Geistes, der, da er Gott ist, als Gott handelt: Der Heilige Geist handelt als Gott in der Seele unmittelbar — sagt der heilige Johannes vom Kreuz; das ist katholisch gewesen zur Zeit des Johannes vom Kreuz, das heißt, vor dem Beginn des Bewußtseinszeitalters — und wirkt und überflutet insgeheim die Seele mit Reichtümern und Gaben und Gnaden in einem Maß, daß es nicht zu beschreiben ist. — In der Beschauung — das ist ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz — ist man empfangend. — Und ein anderer Satz des heiligen Johannes ist der folgende: In der Beschauung ist es Gott, der da wirkt — in der Seele drinnen nämlich.

[ 22 ] Und nun frage ich Sie: Was soll es nun heißen, wenn irgendeiner von denjenigen, die heute über die Ketzerei schreiben, sagt, es sei ketzerisch, zu behaupten, Gott sei wesenseins mit der menschlichen Seele!

[ 23 ] So liegen eben die Dinge. Aber so schläfrig sind die Menschen, daß sie heute gar nicht darauf achten, wie gewirtschaftet wird mit der Wahrheit. Daß eine so furchtbare Katastrophe in die Welt hereingekommen ist, beruht aber letzten Endes doch darauf, daß man sich so wenig um dasjenige kümmert, was als Wahrheit durch die Welt geleitet wird. Darauf beruht es auch, daß die Wahrheit so gehaßt werden kann, wie sie heute noch immer von gewissen Leuten gehaßt wird.

[ 24 ] Insbesondere bemüht sich heute der in Rom abgestempelte Kleriker immer wieder und wiederum zu betonen, daß kein Unterschied herrschen sollte zwischen den gewöhnlichen Fähigkeiten, wie sie der Gläubige im Glauben entwickelt, und jener Steigerung des Glaubens, die in der Beschauung zum Ausdrucke kommt. Es soll kein Unterschied bestehen oder höchstens ein Gradunterschied, denn wenn ein wirklicher Unterschied angestrebt werde, so sei das ketzerisch. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt aber: Der Unterschied besteht darin, daß man beim Glauben nur dunkel sieht, in der seelischen Anschauung ihn — er meint Gott — aber unverhüllt schaut. — Das war dazumal katholisch, als der heilige Johannes vom Kreuz vor der Entstehung des Zeitalters der Bewußtseinsseele die Dinge niedergeschrieben hat. Aber was heute von diesen Dingen als Katholizismus herrscht, das ist der Schatten von dem, das ist nicht mehr das Licht. Eigentlich sehr schön für die damalige Zeit beschreibt Johannes vom Kreuz den mystischen Erkenntnisweg, den Weg ins Übersinnliche hinein, indem er sagt: Die enge Pforte, das ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurchzugehen, muß die Seele sich von sich selbst frei machen und losschälen. — Für die damalige Zeit ist das so gesprochen, wie man heute nicht von Rom aus, aber in der Geisteswissenschaft spricht. Die Geisteswissenschaft ist die wirkliche Fortsetzung solcher edler Bestrebungen in die geistige Welt hinaus, wie sie bei Johannes vom Kreuz auftreten. Nur ist sie die Fortsetzung eben für die heutige Zeit. Sie rechnet mit dem Fortschritt der Menschheit.

[ 25 ] Die enge Pforte ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurchzugehen, muß die Seele sich von sich selbst frei machen und losschälen. Und indem sie alsdann den Glauben, der mit den Sinnen nichts zu schaffen hat, sich zum Führer nimmt, wandelt sie auf dem engen Weg der zweiten Nacht zu der Nacht der Geister. Und sehr schön beschreibt der heilige Johannes vom Kreuz diese Vereinigung mit dem Göttlich-Geistigen: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele nämlich und der göttliche Wille, gleichförmig werden.

[ 26 ] Man kann nicht deutlicher ausdrücken, daß ein göttlicher Wille da ist, der durch die Welt waltet, und ein Eigenwille der Seele, und beide ineinander aufgehen in der Beschauung. Das soll aber heute ketzerisch sein. Die Wahrheit würde man ehrlich vertreten, wenn man sagen würde: Der heilige Johannes vom Kreuz ist heute kein Heiliger mehr, sondern er ist ein Ketzer. — Das würde, wenn er seine Behauptungen aufrechterhalten wollte, der römische Kleriker verpflichtet sein zu sagen.

[ 27 ] Also der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele nämlich und der göttliche Wille, gleichförmig werden —, das heißt, wenn in dem einen nichts ist, was dem andern widerstrebt. Nun aber, auf dem Gebiete der rechtmäßigen römisch-katholischen Klerikerschaft ist man sehr darauf aus, den bloßen sogenannten Gläubigen und auch den niederen Klerikern den Weg zur eigenen Erkenntnis zu versperren. Daher weist man heute, obwohl man eigentlich solche Leute wie den Johannes vom Kreuz verleugnet, doch immer wieder und wiederum auf solche Menschen hin wie Johannes vom Kreuz. Man weist darauf hin, daß Johannes vom Kreuz ja nur dann erlaubt hätte, daß man sich der Beschauung zuwendet, wenn den Menschen drei Zeichen dazu auffordern.

[ 28 ] Das erste Zeichen, durch das die Seele sich aufgefordert fühlen könnte, sich der Beschauung, also der mystischen Beschauung zuzuwenden, das wäre die Unfähigkeit, zu betrachten und sich der Einbildungskraft zu bedienen, der Widerwille gegen die äußere Betrachtung. Also wenn die Seele Widerwillen empfindet gegen die Aufnahme der Sinneswahrnehmung und gegen das Nachdenken, so ist der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich passiv hingeben darf dem Willen Gottes.

[ 29 ] Das zweite Zeichen wäre die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen äußeren und inneren Eindrücken zu beschäftigen. Also das erste, daß man müde geworden ist, das zweite, daß man keine Lust mehr hat. Das dritte innere Zeichen wäre die Empfindung der innersten Freude, die die Seele hat mit dem Alleinsein — also nicht mit dem Sinneswahrnehmen und Nachdenken — und mit der bloßen Aufmerksamkeit auf das Göttliche.

[ 30 ] Nun, Sie werden nicht mit Verständnis lesen können, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, wenn Sie nicht, allerdings abgestimmt auf unsere Zeit, sich sagen werden: Mit jenen drei Zeichen kann ich erst recht vollständig einverstanden sein. — Es ist gar nichts einzuwenden gegen diese drei Zeichen. Man muß ihnen nur Verständnis im Sinne der unmittelbaren Gegenwart entgegenbringen. Betrachten wir einmal diese drei Zeichen, die also der heilige Johannes vom Kreuz als diejenigen Zeichen betrachtet, auf die hin die Seele sich der mystischen Beschauung zuwenden darf, also sich hinwenden darf zum Wege in die geistige, übersinnliche Welt hinein.

[ 31 ] Das erste Zeichen wäre Unfähigkeit, zu betrachten und sich der Einbildungskraft zu bedienen, ein Widerwille gegen die Betrachtung. Wir müssen bedenken, diese Worte sind geschrieben in der Zeit, als das Bewußtseinszeitalter noch nicht angebrochen war. Nun bricht das Bewußtseinszeitalter über die Menschheit herein, nun kommen die Betrachtungen des Menschen über die Natur, so wie sie die neuere Naturwissenschaft darbietet. Man muß doch wirklich rechnen mit der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Man muß damit rechnen, daß der heilige Johannes vom Kreuz nicht Menschen um sich hatte, die durchzogen und durchtränkt waren von denjenigen Vorstellungen, die heute aus der Naturwissenschaft überall hinträufeln. Der heilige Johannes vom Kreuz hatte nur Menschen um sich, die gläubig in die katholische Kirche gingen, die ihre Weltanschauung von dem Glauben empfingen, der gepredigt wurde von den Kanzeln der katholischen Kirche. Zu denen mußte man anders sprechen als zu Menschen des 20. Jahrhunderts, welche durchtränkt sind von naturwissenschaftlichen Anschauungen. Was heißt denn das eigentlich: durchtränkt von naturwissenschaftlichen Anschauungen? Alle Menschen sind es heute, ob sie es zugeben oder nicht, bis zum letzten Bauern in die letzte Hütte hinein, wenn er nicht gerade ein Analphabet ist; und selbst Analphabeten sind heute schon in ihren Denkformen von naturwissenschaftlichen Vorstellungen durchdrungen. Wer aber heute die Welt anschaut, wie man sie nach dem Sinn der heutigen Welt anschauen muß, der muß — weil die naturwissenschaftlichen Vorstellungen ihm nur über das Tote berichten — zu der Einsicht kommen, wenn er ein lebendiges Erkenntnisbedürfnis hat, daß diese naturwissenschaftlichen Betrachtungen ihn unfähig machen, bei ihnen stehenzubleiben. Es tritt genau das ein, was der heilige Johannes vom Kreuz im ersten Zeichen beschreibt. Durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart selbst ist dieses Zeichen erfüllt. Dazumal, als er schrieb, war es bei einigen erfüllt, heute ist es bei allen erfüllt, die überhaupt anfangen zu denken. Diesen Unterschied muß man in Betracht ziehen. Würde der heilige Johannes vom Kreuz heute schreiben, dann würde er sagen: Gewiß, dazumal mußte denjenigen Menschen, die sich unfähig fühlten, äußerlich die Dinge zu betrachten und die Einbildungskraft in Bewegung zu setzen, die mystische Beschauung empfohlen werden. Heute sind alle, die nur den unfruchtbaren naturwissenschaftlichen Vorstellungen hingegeben sind, in einem bestimmten Zeitpunkt unfähig, nur diesen unfruchtbaren naturwissenschaftlichen Vorstellungen sich hinzugeben, namentlich dann, wenn sie Sehnsucht haben in ihrer Seele, überhaupt einen Weg zum GöttlichGeistigen zu finden. Der heilige Johannes vom Kreuz sprach zu einigen wenigen Kandidaten; heute sind die Kandidaten alle denkenden Menschen. Das bedeutet gerade den Fortschritt der Menschheit. Also es wird gerade heute das erfüllt, was der heilige Johannes vom Kreuz von dem Zeichen dann als erfüllt annimmt, wenn der im naturwissenschaftlichen Zeitalter lebende Mensch nun gerade jenen Drang fühlt.

[ 32 ] Das zweite ist die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen äußeren oder inneren Einbildungen zu beschäftigen. In dem Augenblicke, wo die Naturwissenschaft nicht anders kann, als dem Menschen nur eine Betrachtung geben, eine Anschauung darüber, wie er sich aus der Tierheit herauf entwickelt hat, da entsteht doch wahrhaftig in der Seele die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, bloß das zu betrachten, was in der äußeren Welt die Sinne offenbaren! Die offenbaren eben, daß der Mensch von der Tierheit abstammt; da hat man keine Lust mehr. Da wendet man sich dann, weil die Zeit eingetreten ist dazumal nur für einige, jetzt für alle denkenden Menschen —, gerade im Sinne des Johannes vom Kreuz zu dem, was: Entwickelungsanschauung ist, nämlich zu dem Weg in die geistige Welt hinein.

[ 33 ] Das dritte ist das Erleben der Freude in der Empfindung, im Innersten der Seele, im Alleinsein in der Aufmerksamkeit auf Gott. Nun, diese innigste Freude wird ganz gewiß jeder empfinden, der in diesem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur diejenigen Begriffe aufgenommen hat, welche die Naturwissenschaft ihm bietet, sobald er den Weg finden kann in die übersinnliche Welt hinein.

[ 34 ] Wiederum stehen wir vor der Tatsache, vor der bedeutsamen Tatsache, daß gerade neuere Geisteswissenschaft so recht das erfüllt, was für seine Zeit in seinem Sinne solch ein Mensch wie Johannes vom Kreuz forderte. Nur schreitet der Strom der Entwickelung weiter, und heute nimmt sich die Erfüllung anders aus, als sie sich dazumal ausgenommen hat. Es kommt etwas anderes noch dazu. Wer heute hineinschaut mit ehrlichem Wahrheitssinn in die Menschheitsentwikkelung, der sagt sich: Weil wir eingetreten sind in das naturwissenschaftliche Zeitalter, muß der Sinn für übersinnliche Erkenntnis in den Menschen wachgehalten werden. Es werden einfach solche Forderungen wie die des Johannes vom Kreuz erfüllt, wenn der Mensch heute den Weg betritt, der vorgezeichnet wird zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Betritt er aber heute diesen Weg, dann offenbart sich ihm nicht das, was sich in jener Zeit geoffenbart hat, als der heilige Johannes vom Kreuz geschrieben hat, sondern es offenbart sich dem Menschen das, was heute im Wege der Menschenentwickelung liegt. Und da kann man dann nicht mehr so sprechen, wie bloß im Sinne des positivistischen Christentums der heilige Johannes vom Kreuz gesprochen hat. Denn es liegt die ernste Tatsache vor, auf die wir gestern und schon öfter hingewiesen haben: daß heute der Mensch entweder unbewußt oder bewußt in einer gewissen Beziehung an dem Hüter der Schwelle vorbeikommt. Da lernt er erkennen, wie er nicht nur von einem Einheitsgotte, sondern wie er von den göttlichen Hierarchien sprechen muß. Da lernt er erkennen, wie er das Ahrimanische und Luziferische kontrastieren muß mit den göttlichen Hierarchien. Aber wie die katholische Kirche bis zum Jahre 1822 die Menschen abhalten wollte, an den Kopernikanismus zu glauben, so will sie heute die Menschen abhalten, in die wirklich von der Zeit notwendig geforderten übersinnlichen Erkenntnisse einzutreten. Warum? Weil sie nicht will, daß die Menschen aufmerksam werden auf das, was aus geistigen Höhen in die Menschheitsentwickelung hineinströmen will.

[ 35 ] Gewiß, es mag auch einige geben und es gibt einige, die in gewissem Sinne ehrlich das Folgende sagen: Der Mensch ist ja heute wirklich nicht vorbereitet, mit seiner Seele unmittelbar dem entgegenzutreten, was aus der geistigen Welt hereinkommt; das gereicht ihm nur zum Unheil. Er kann dann, wenn er vor den Hüter der Schwelle hintritt, Täuschung nicht von Wirklichkeit unterscheiden. Also machen wir ihm möglichst graulich davor, selber sich auf den Weg des Geistigen zu begeben, damit er nicht gefährdet werde. — Es mag solche Leute geben, sie rechnen nicht mit den Notwendigkeiten der Zeit, sie rechnen mit einer eingeschränkten, bornierten Vorstellung, aber sie können vielleicht ehrlich sein. Aber die Mehrzahl derer, die solche Dinge sagen, wie: daß man sich heute nicht auf den Weg der übersinnlichen Erkentnisse begeben dürfe —, die meinen die Dinge nicht so. Von den verschiedensten Seiten wird aus einem gewissen Angstgefühl gegen die Wahrheit das Hereinfluten dieser Wahrheit zurückgehalten. Dieses Angstgefühl, das haben weithin ausgedehnte Kirchenbekenntnisse in ihren offiziellen Vertretern; das haben aber auch gewisse maurerische und ähnliche Gesellschaften. Ich habe von einem andern Gesichtspunkte schon darauf aufmerksam gemacht. Auch da gibt es innerhalb dieser Gesellschaften einige Leute, die ja von ihrem Gesichtspunkte aus ehrlich sind; aber die Kraft, mit der sie den Fortschritt der Menschheit aufhalten, die ist furchtbar stark. Da liegt nämlich das Folgende vor. .Da sind Leute, besonders in den Hochgradorden, die sagen: Der Mensch ist in der Regel nicht recht reif dafür, daß ihm die geistige Welt unmittelbar vorgeführt wird, daher halte man ihn von dem unmittelbaren Eintritt in die geistige Welt zurück, man lasse ihn nicht eintreten, man lasse ihn nur herankommen an die Ausübung der in gewissen alten Ritualien vorgeschriebenen Zeremonien. Man verweise ihn an allerlei Symbole, die ihn nicht unmittelbar in die geistige Welt einführen, nur symbolisch die Sache vorführen, aber auch da womöglich an Symbole, die ein recht großes Alter haben. — Ich habe Ihnen ja gesagt, daß in dieser Beziehung gewisse maurerische Orden, nun sagen wir, es im Gegensatze mit dem Lieblingsimpuls der meisten Damen halten. Die meisten Damen sind nämlich gerne jung, die meisten maurerischen Gesellschaften sind gerne so alt wie möglich! Da weist man möglichst auf ein uraltes Ritual hin oder auf uralte Traditionen. Nicht immer, obwohl sehr häufig, ist das unwahrhaft gemeint; aber es ist manchmal schon ehrlich gemeint, wenn man sagt: Die Ritualien, die uralt sind, können, wenn sie heute vor den Menschen vollzogen werden, sie nicht mehr gefährden, denn sie sind abgebraucht, sie sind erstarrt, sie sind nur noch die Schatten dessen, was sie gewesen sind. Und außerdem haben ja die Menschenseelen so lange mit diesen Ritualien gelebt beziehungsweise mit den Symbolen und mit dem, was sie darstellen; sie haben sich daran gewöhnt: sie werden nicht mehr schockiert von dem Eindruck einer unmittelbar erlebten Wahrheit. Mache man die Leute mit recht Altem bekannt, was nur noch seinem Schatten nach vorhanden ist, dann werden sie weniger gefährdet.

[ 36 ] Alle diese Dinge mögen ja vertreten werden, aber sie müssen abfallen vor der Notwendigkeit, die heute durch die Zeitenwende geht. Das Unheil, das kommen würde, wenn der Mensch die hereinbrechende geistige Flutwelle zurückstoßen würde, das würde größer sein als alles übrige Unheil. Die wirkliche Pflicht gegenüber allen Geistern der Welt, die mit der Menschheitsentwickelung zusammenhängen, ist die, den Menschen bekanntzumachen mit dem, was doch heute sich unbedingt im Unterbewußten, einfach durch die heutigen Weltgesetze, in der Seele eines jeden Menschen vollzieht. Im Zeitalter der Bewußtseinsseele das heraufzurufen ins Bewußtsein, das ist eine Notwendigkeit. Und auch mit Bezug auf das, was heute so gewaltig als soziale Forderungen auftritt, ist es notwendig, daß man heute kennenlernt, was eigentlich in den Menschenseelen vorhanden ist. Denn äußerlich wird das Dasein immer maskenhafter, immer bloß phänomenaler. Es ist durchaus die Möglichkeit vorhanden, daß man heute in seiner Seele so erlebt, daß man vorbeigeht an dem Hüter der Schwelle, aber durch den Materialismus der Zeit das Bewußtsein davon zurückdrängt. Aber was man zurückdrängt, was nicht bewußt wird, das ist doch deshalb nicht etwa nicht da; es ist trotzdem da. Irgendein Mensch geht hindurch durch den Hüter der Schwelle — aber durch die Zeitbildung drängt er das zurück. Das, als was es sich dann darstellt, das kann etwas ganz anderes sein. Es können die Taten Lenins sein, es können die Taten irgendeines Spartakusmenschen sein. Darauf muß man aufmerksam sein in der Gegenwart, daß wir in dem Zeitalter angekommen sind, wo durch die Täuschungsimpulse des Materialismus in einer die Menschheit in schlimmster Weise gefährdenden Art Durchgänge durch gewisse geistige Impulse sich äußerlich maskieren können.

[ 37 ] Ernst ist die Zeit. Aber allem Ernst wird wirklich Rechnung getragen, wenn man bloß den ehrlichen Willen hat, mit seinem gesunden Menschenverstand auf die Interpretation dessen einzugehen, was durch eine wirkliche Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann aus der geistigen Welt. Davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.