Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188
4 January 1919, Dornach
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Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Es ist vielleicht bedeutungsvoll, gerade anläßlich solcher Betrachtungen, wie wir sie nun pflegen, zurückzuschauen auf manches, was in früheren Zeiten mit dieser oder jener geistigen Strömung zusammenhing. Denn Sie haben ja gesehen: es handelt sich darum, daß die geistigen Ereignisse, die der physischen Welt zugrunde liegen, in der Gegenwart es selbst notwendig machen, daß der Mensch gewissermaßen zu einer Neueinstellung komme mit Bezug auf die ganze Auffassung seines Verhältnisses zur Welt und zu der übrigen Menschheit. Wir haben ja schon gestern in dieser Beziehung auf manches hingewiesen, haben darauf hingewiesen, wie manches neu verstanden werden muß, was, scheinbar gut begründet, von da oder dort in das Geistesleben der Menschheit hereinleuchtet. Sie müssen sich ja klar darüber sein, daß, wenn mit Impulsen, die in solcher Art begründet sind, ernst gemacht wird, sich dann — so wie heute nun einmal der Verlauf des Lebens ist — gegen diesen Ernst und gegen diese Impulse überhaupt der Widerstand erhebt, der Widerstand des Hasses, der Widerstand des Neides, der Widerstand der Furcht, der aus der Kleinlichkeit der Menschen kommt, und so weiter. Nur das gründliche Verständnis der Dinge kann über die vielen Hindernisse hinweghelfen, denen der Bekenner eines solchen geistigen Umschwunges ausgesetzt ist. Denn dieses gründliche Verständnis ist ja geeignet, der Seele auch Stärke zu geben, so daß diese Seele manchem gewachsen ist, was gerade gegen die ernstesten Bestrebungen im Weltengetriebe immer sich geltend gemacht hat. Und so wollen wir denn heute das gestern Gesagte durch manches andere noch ergänzen.
[ 1 ] It may be meaningful, especially in the context of reflections such as those we are now engaging in, to look back at some of the things associated with this or that spiritual movement in earlier times. For as you have seen, the point is that the spiritual events underlying the physical world make it necessary in the present for human beings, so to speak, to adopt a new perspective with regard to their entire conception of their relationship to the world and to the rest of humanity. We already pointed out a number of things in this regard yesterday; we pointed out how many things must be understood anew—things that, seemingly well-founded, shine into the spiritual life of humanity from here and there. You must be clear about the fact that when impulses grounded in this way are taken seriously, then—as is simply the course of life today—resistance arises against this seriousness and against these impulses in general: the resistance of hatred, the resistance of envy, the resistance of fear stemming from human pettiness, and so on. Only a thorough understanding of these matters can help one overcome the many obstacles faced by those who profess such a spiritual transformation. For this thorough understanding is indeed capable of giving strength to the soul, so that this soul is a match for many of the forces that have always asserted themselves against the most earnest endeavors in the workings of the world. And so today we shall supplement what was said yesterday with a number of other points.
[ 2 ] Ich habe gestern darauf hingewiesen, wie man durchaus — gerade wenn man auf geisteswissenschaftlichem Boden steht — objektiv sein kann gegen alle andern Geistesströmungen, wie man durchaus andere Geistesströmungen nicht zu verkennen braucht. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich gesagt, daß mit Bezug auf gewisse Punkte die Vertreter des katholischen Klerus bei manchen gegenwärtigen außerkirchlichen philosophischen, theologischen Auseinandersetzungen durch ihre Schulung den Nichtkatholiken überlegen sind. Gerade jetzt leben wir in einer Zeit, in der jeder, der mit Weltanschauungsfragen ernst machen will, sich mit solchen Dingen auseinandersetzen sollte. Sowohl die Weltanschauungsströmungen wie auch die sozialen Strömungen der Gegenwart fordern dieses. Die Versuchungen, die gerade von gut geschulter Seite ausgehen, könnten nämlich zuweilen groß werden, und es könnte das, was da vorgebracht wird, dann nicht durchschaut werden, nicht erkannt werden in seiner eigentlichen Bedeutungslosigkeit gegenüber den größeren Forderungen der Gegenwart, wenn man sich nicht auf eine ganz gründliche Betrachtung einläßt. Die Versuchungen, den Einwendungen gut geschulter Gegner geisteswissenschaftlicher Bestrebungen zu verfallen, sie sind in der Tat nicht gering in der Gegenwart. Allerdings, wenn die Menschen genügend Unterscheidungsvermögen hätten, wenn sie sich bestreben würden, einzugehen auf die Tatsache der Begründetheit, der breiten Begründetheit dieser Geisteswissenschaft, so würden sie solchen Versuchungen wenig ausgesetzt sein. Aber solches Unterscheidungsvermögen ist ja nur selten. Was als Geisteswissenschaft sich in die Weltenströmung einfügen will, so wie wir das auffassen, das erklärt ja mancherlei Angriffe, und erklärt auch Angriffe gerade von dem Gesichtspunkt des katholischen Bekenntnisses zum Beispiel. Aber notwendig ist es schon, sich mit solchen Dingen zu befassen aus dem Grunde, weil in dem Chaos, das hereinbrechen wird, und das leider die Menschen viel zu wenig würdigen, viel zu wenig beachten, weil in diesem Chaos auch mancherlei, was von katholischen Bekenntnisinhalten ausgeht, verwirrend stehen wird.
[ 2 ] Yesterday I pointed out how one can certainly—especially when standing on the ground of the humanities—be objective toward all other intellectual currents, and how one need not misjudge other intellectual currents. From this perspective, I said that, with regard to certain points, representatives of the Catholic clergy are, by virtue of their training, superior to non-Catholics in some current philosophical and theological debates taking place outside the Church. We are living in a time when anyone who wants to take questions of worldview seriously should grapple with such matters. Both the current ideological and social trends demand this. The temptations, which often come from well-educated quarters, can indeed become significant at times, and what is put forward might then fail to be seen through—fail to be recognized for its actual insignificance in the face of the greater demands of the present—if one does not engage in a thoroughly rigorous examination. The temptations to succumb to the objections raised by well-educated opponents of spiritual scientific endeavors are, in fact, not insignificant today. However, if people possessed sufficient discernment, if they strove to engage with the fact of the well-foundedness—the broad well-foundedness—of this spiritual science, they would be less exposed to such temptations. But such discernment is, after all, rare. The fact that spiritual science, as we understand it, seeks to integrate itself into the flow of world events explains many kinds of attacks—including those arising specifically from the perspective of the Catholic faith, for example. But it is indeed necessary to grapple with such matters, for the reason that in the chaos that is about to break out—and which, unfortunately, people appreciate far too little and pay far too little attention to—in this chaos, many things stemming from the tenets of the Catholic faith will also appear confusing.
[ 3 ] Nun möchte ich Sie heute bekanntmachen mit der Richtung des Urteiles, das so ein richtiger katholischer Bekenner gegen das eine oder andere in der Geisteswissenschaft schon vorbringen kann, wenn er voraussetzen kann, daß er unverständige Leser oder Zuhörer findet. Einer der gebräuchlichsten Einwände gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft ist ja der, dal sie Pantheismus sei. Einer der Haupteinwände, die zum Beispiel gemacht wurden in den Aufsätzen des Jesuiten Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», ist der, daß diese Geisteswissenschaft Pantheismus sei.
[ 3 ] Today I would like to introduce you to the general thrust of the argument that a true Catholic believer might already raise against certain aspects of spiritual science, assuming he is addressing an uninformed audience. One of the most common objections to the spiritual science referred to here is, of course, that it is pantheism. One of the main objections raised, for example, in the essays by the Jesuit Zimmermann in Stimmen der Zeit is that this spiritual science is pantheism.
[ 4 ] Sie wissen, ich habe über diesen Punkt öfter gesprochen; Sie wissen, wie ich charakterisiert habe, daß gerade der banale Pantheismus, der so viele Kreise in der Gegenwart beherrscht, im Ernste nur überwunden werden kann durch das Eintreten in die konkrete geistige Welt, von der die Geisteswissenschaft spricht. Natürlich ist es auf solcher Seite, von der die genannten Einwände kommen, nicht beabsichtigt, der wirklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen, vielmehr ist es ihr Bestreben, mit Berechnung alles dessen, was als Vorurteile innerhalb einer gewissen Bekenntnisanhängerschaft lebt, solche Dinge vorzubringen, die eine gewisse Suggestions- und hypnotisierende Wirkung haben. Pantheismus wäre ja die Anschauung, daß in alledem, was sich als Natur ausbreitet, was sich überhaupt als Erscheinungswelt ausbreitet, das Göttliche lebe, daß gewissermaßen die Natur selber als eine unmittelbare Offenbarung des Göttlichen anzusehen sei. Gerade gegen diesen verwaschenen Pantheismus, der nur immer davon spricht, es breite sich die Erscheinungswelt aus und hinter ihr sei Geist, Geist, Geist, habe ich mich immer gewandt. Ich habe immer darauf aufmerksam gemacht, wie dies das gleiche ist, wie wenn jemand auf dem physischen Plan nicht eingehen wollte darauf, daß da Tulpen und Rosen und Lilien sind, sondern nur Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen! — Geisteswissenschaft geht eben auf die einzelnen konkreten geistigen Wesenheiten ein, spricht nicht in pantheistischer Weise im allgemeinen vom Geiste. Ein anderes Charakteristikon des Pantheismus ist dieses, daß man sagt: Der Pantheismus will die äußere Naturwelt nicht trennen von dem Göttlich-Geistigen, er will beide miteinander vermischen. — Nun, man muß schon Jesuit sein, um sich den Anschein zu geben, daß man den Glauben hat, da, wo so gesprochen wird von der konkreten Stellung der in sich selber individualisierten, in sich selber persönlich und überpersönlich bestehenden Wesenheiten der höheren Hierarchien, könne von einer Vermischung dieser ganzen Welt der Hierarchien mit der äußeren Natur die Rede sein. Wer wirklich denken kann, wird mit dem Vorwurf des Pantheismus gegenüber einer solchen Charakteristik der Hierarchienwelt und ihrer einzelnen Wesenheiten gegenüber der Natur überhaupt nichts anfangen können.
[ 4 ] You know I have spoken about this point on several occasions; you know how I have characterized the fact that it is precisely this banal pantheism, which dominates so many circles today, that can seriously be overcome only by entering the concrete spiritual world of which spiritual science speaks. Of course, those from whom the aforementioned objections come have no intention of getting to the bottom of the real truth; rather, their aim is to deliberately bring forward, drawing on all the prejudices that persist within a certain religious community, those ideas that have a certain suggestive and hypnotic effect. Pantheism, after all, would be the view that the divine lives in everything that unfolds as nature—in everything that unfolds as the world of phenomena—and that, in a sense, nature itself is to be regarded as a direct revelation of the divine. It is precisely against this vague form of pantheism—which speaks only of the world of phenomena spreading out, with spirit, spirit, spirit lying behind it—that I have always taken a stand. I have always pointed out that this is the same as if, on the physical plane, someone were to refuse to acknowledge that there are tulips, roses, and lilies, but only plants, plants, plants! — Spiritual science, however, deals precisely with individual, concrete spiritual beings; it does not speak of the Spirit in general in a pantheistic manner. Another characteristic of pantheism is that it is said: Pantheism does not wish to separate the external natural world from the divine-spiritual; it wishes to blend the two together. — Well, one would have to be a Jesuit to give the impression that one believes that, when speaking in this way about the concrete position of the entities of the higher hierarchies—which are individualized in themselves and exist in themselves as both personal and supra-personal—there could be any question of a blending of this entire world of hierarchies with external nature. Anyone who is truly capable of thinking will find the accusation of pantheism, when leveled against such a characterization of the world of hierarchies and its individual entities in relation to nature, completely unfounded.
[ 5 ] Bleibt noch das einzige, was nun in jenen Aufsätzen in den «Stimmen der Zeit» besonders hervorgehoben wird, daß davon gesprochen wird — was in der katholischen Kirche als häretisch gelten soll — innerhalb meiner Geisteswissenschaft, daß in der Seele des Menschen das Göttliche lebt, daß die Seele des Menschen selber ein Tropfen in dem Meere des Göttlichen ist. Solche und ähnliche Aussprüche werden da zusammengestellt, und die werden hingestellt als Ketzereien innerhalb des katholischen Bekenntnisses.
[ 5 ] There remains only one thing that is particularly emphasized in those essays in Stimmen der Zeit: that it is said—which is supposed to be considered heretical within the Catholic Church—within my spiritual science, that the Divine lives in the human soul, that the human soul itself is a drop in the ocean of the Divine. Such and similar statements are compiled there and presented as heresies within the Catholic creed.
[ 6 ] Also es wird darauf hingewiesen, wie die Lehre, daß in der Seele unmittelbar ein Göttliches leben soll, ketzerisch und zu verdammen sei. Ein vernünftiger Mensch könnte gewiß sagen: Es ist nicht notwendig, daß du mich erst aufmerksam machst auf solche Torheiten. — Aber darauf kommt es nicht an; darum handelt es sich nicht. Sondern es muß sich darum handeln, daß diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daß diese Dinge da, wo man täuschen will, eine ganz gewaltige Rolle spielen werden, und daß man schon aufmerksam sein muß auf diese Dinge. Sie hängen aber mit noch anderem zusammen. Und nun wollen wir einmal absehen von dem oder jenem wirklich gemachten Angriffe und uns einmal jemanden vor die Seele führen, der entweder im Jesuitismus lebend, stumpf gemacht ist in bezug auf das eigene Nachdenken, oder der bewußt darinnen lebt, das heißt, der also weiß, daß er für sich selber ja über die Dinge nicht nachzudenken braucht, sondern daß er nur im Sinne des offiziell anerkannten Bekenntnisses die Gläubigen zu beurteilen hat, sei es so oder so; und führen wir uns einmal vor Augen, wie die Auseinandersetzungen eines solchen Menschen gegenüber dem geisteswissenschaftlichen Wege selbst beschaffen sein können. Ich sage Ihnen da also nichts anderes als — die Durchschnittsmeinung möchte ich nicht sagen, weil Meinung da nicht richtig am Platze ist — die Durchschnittsaussage eines offiziellen Vertreters der römisch-katholischen Kirche gegenüber dem Wege der Geisteswissenschaft, wie er von einem Bekenner von heute gegangen wird.
[ 6 ] So it is pointed out that the doctrine that something divine is said to dwell directly within the soul is heretical and to be condemned. A reasonable person might certainly say: It is not necessary for you to first draw my attention to such follies. — But that is not the point; that is not what this is about. Rather, the point is that these things play a real role in the world, that these things will play an enormous role wherever people seek to deceive, and that one must indeed be vigilant about them. But they are connected to other things as well. And now let us set aside this or that actual attack for a moment and imagine someone who is either living in Jesuitism—numbed in regard to his own thinking—or who consciously lives within it, that is, who knows that he need not think about these things for himself, but that he must judge the faithful solely in accordance with the officially recognized creed, be it one way or the other; and let us consider how the arguments of such a person against the path of spiritual science might be structured. So I am telling you nothing other than—I would not call it the average opinion, because “opinion” is not really the right term here—the typical stance of an official representative of the Roman Catholic Church toward the path of spiritual science, as it is pursued by a believer today.
[ 7 ] Der würde etwa sagen: Ja, auf solchem Wege, wie er von der Geisteswissenschaft zur Erringung der übersinnlichen Einsichten anempfohlen wird, auf solchem Wege darf der katholische Christ nicht gehen. Denn alle Kirchenväter und Kirchenlehrer — so wird der jetzige Kleriker etwa sagen — verdammen einen solchen Weg. Ein solcher Weg führt ja dazu, daß der Mensch in sich besondere Fähigkeiten hervorrufen soll, um in die übersinnliche Welt hinaufzukommen. Das aber ist ketzerisch, das darf überhaupt nicht angestrebt werden. Alles, was angestrebt werden darf von einem rechtgläubigen Katholiken, ist das, was die Kirchenlehrer als die «rechtmäßige Beschauung» gelten lassen. Diese rechtmäßige Beschauung, die läßt ja der gegenwärtige römisch abgestempelte Kleriker gelten. Was versteht er darunter?
[ 7 ] He might say something like this: Yes, a Catholic Christian must not follow the path recommended by spiritual science for attaining supersensible insights. For all the Church Fathers and Doctors of the Church—as the present-day cleric might say—condemn such a path. Such a path, after all, leads to the idea that a person must awaken special abilities within themselves in order to ascend into the supersensible world. But that is heretical; it must not be sought after at all. All that a orthodox Catholic may strive for is what the Doctors of the Church recognize as “legitimate contemplation.” This legitimate contemplation is, after all, what the present Roman-approved clergyman acknowledges. What does he mean by this?
[ 8 ] Sie werden sich einen Begriff machen können von dem, was er darunter versteht, wenn Sie unterscheiden zwischen zweierlei Gaben, die im Sinne der rechtgläubigen katholischen Kirche der Mensch, der gläubige Katholik haben kann. Die eine von den Gaben sind die sogenannten Gratiae gratis datae, die übernatürlichen Gnadengaben, könnte man sagen, die Charismen. Die andern Gaben sind diejenigen, welche man nennen kann die allgemein-menschlichen Gaben. Die außerordentlichen Gaben, die Charismen, sind als eine besondere Gnadengabe außerordentlichen Menschen verliehen, dürfen aber auch nicht angestrebt werden, so befiehlt die Kirche. Als Beispiel würde etwa angeführt werden die Jungfrau von Orleans. Dagegen darf angestrebt werden eine gewisse Erhöhung des allgemeinen Seelenlebens, die aber den Menschen nicht zu außerordentlichen Fähigkeiten bringt, sondern nu: zu einer Steigerung der allgemeinen menschlichen Fähigkeiten. Eine solche Steigerung der allgemeinen menschlichen Fähigkeiten bewirkt jedoch, daß jeder Mensch — so sagt die heutige römisch-katholische Kirche — in die Lage kommen kann, von dem Heiligen Geiste durchdrungen zu werden.
[ 8 ] You will be able to understand what he means by this if you distinguish between the two kinds of gifts that, according to the orthodox Catholic Church, a person—a devout Catholic—can possess. One type of gift is the so-called gratiae gratis datae, the supernatural gifts of grace—what one might call charisms. The other gifts are those that can be called general human gifts. The extraordinary gifts, the charisms, are bestowed as a special gift of grace upon extraordinary individuals; however, the Church commands that they must not be sought after. The Virgin of Orleans, for example, would be cited as such a case. On the other hand, one may strive for a certain elevation of one’s general spiritual life, which, however, does not endow a person with extraordinary abilities, but rather leads to an enhancement of general human abilities. Such an enhancement of general human abilities, however, means that every person—as the Roman Catholic Church teaches today—can be enabled to be filled with the Holy Spirit.
[ 9 ] Also sagen wir so: Der gewöhnliche Sterbliche denkt etwas, oder fühlt etwas, oder tut etwas. Er ist nach dem Gebote der Kirche, nach dem Gebote des Staates verpflichtet, diese Dinge so und so zu tun; er kann sich bemühen, mit seinem gewöhnlichen sterblichen Nachdenken seine Handlung kirchengemäß, staatsgemäß — das heißt ja dann im Sinne der Kirche gottesgemäß — auszuüben. Aber er kann auch bemerken, wenn er sonst ordentlich ist als katholischer Christ, daß der Heilige Geist öfter eingreift in sein Handeln, Denken, Fühlen, und daß er dann gewisse Tugenden, die ihm sonst Schwierigkeiten machen, leichter ausführt, weil der Heilige Geist in ihm wirkt. Das darf aber nicht etwa so angestrebt werden, als wollte der Mensch über den gewöhnlichen Status des menschlichen Strebens hinausgehen und besondere Fähigkeiten entwickeln, um in die übersinnliche Welt einzudringen. Alles solches Streben ist verwerflich.
[ 9 ] So let’s put it this way: The ordinary mortal thinks something, or feels something, or does something. He is obligated by the commandments of the Church and by the commandments of the state to do these things in a certain way; he can strive, through his ordinary human reasoning, to act in accordance with the Church and the state—which, in the Church’s view, means in accordance with God. But he may also notice—if he is otherwise a proper Catholic Christian—that the Holy Spirit frequently intervenes in his actions, thoughts, and feelings, and that he then practices certain virtues, which otherwise cause him difficulty, more easily because the Holy Spirit is at work within him. However, this must not be sought after as if a person were trying to transcend the ordinary state of human striving and develop special abilities in order to penetrate the supernatural world. Any such striving is reprehensible.
[ 10 ] Nun, damit habe ich Ihnen charakterisiert, was ein richtig abgestempelter römisch-katholischer Kleriker einwenden würde gegen dasjenige, was zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht. Er würde sagen: Da sind besondere Fähigkeiten angestrebt, die ihn in den Stand setzen sollen, sich mit der geistigen Welt in einer gewissen Weise zu vereinigen. Das darf er aber nicht. Er darf nur rein passiv sich verhalten, bis er bemerkt, daß in sein Gemüt herein die Impulse des Heiligen Geistes kommen und nicht eine qualitative Änderung seines Verhaltens bewirken, sondern nur eine Steigerung, gewissermaßen eine Erleichterung im Tugendhaftsein, eine Erleichterung in den andern Fähigkeiten, die der Mensch auf dem äußeren physischen Plane ausübt.
[ 10 ] Well, with that I have described to you what a true Roman Catholic clergyman would object to regarding what is written, for example, in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. He would say: The book seeks to develop special abilities that are intended to enable him to unite with the spiritual world in a certain way. But he must not do that. He may only remain purely passive until he notices that the impulses of the Holy Spirit are entering his mind—impulses that do not bring about a qualitative change in his behavior, but rather an enhancement, a sort of ease in virtue, and an ease in the other abilities that a person exercises on the outer physical plane.
[ 11 ] Das können Sie heute nicht nur gegen unsere Geisteswissenschaft, sondern Sie können das lesen gegen alle Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, daß der Mensch anstreben will, aus sich heraus einen solchen Menschen zu erzeugen, der eine geistige Welt um sich herum ebenso erblickt, wie der physische Mensch mit seinen physischen Sinnen eine physische Welt um sich herum erblickt. Das ist auch allen denjenigen geläufig, die da glauben, auf dem ganz festen Boden des von Rom aus diktierten christlichen Glaubens zu stehen. Und im weitesten Umkreise wird derjenige heute als ein Ketzer angesehen, der anders über diese Dinge denkt, als ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Man muß sich, wenn man so etwas bespricht, immer klarmachen, daß diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daß diese Dinge auf Millionen von Menschen heute noch immer einen ungeheuren Einfluß haben. Man muß nicht so egoistisch sein, zu meinen, weil man selbst mit diesen Dingen glaubt fertig zu sein — aber auch nur glaubt fertig zu sein —, brauche man sich nicht darum zu kümmern. Das gerade ist der große Schaden der Gegenwart, namentlich auch mit Bezug auf die soziale Bewegung, daß die Menschen so egoistisch sind, daß sie nur immer auf die Bedürfnisse der eigenen Seele sehen und nicht hinblicken wollen auf das, was Mensch mit Mensch verbindet, auf das, was durch Millionen und Millionen von Menschen als treibender Impuls geht, und was dann, wenn es zur rechten Zeit hervorbricht, dies oder jenes überfluten kann, was in dieser oder jener Form so auftritt, wie jetzt eben die Dinge auftreten in der Welt. Es ist heute notwendig, auch über die Quellen dieser Dinge und über die notwendige Stellung zu diesen Dingen sich aufzukläten.
[ 11 ] You can read this today not only in relation to our spiritual science, but also in relation to all endeavors that amount to the human being striving to create, from within himself, a human being who perceives a spiritual world around him just as the physical human being perceives a physical world around him with his physical senses. This is also familiar to all those who believe they stand on the very firm ground of the Christian faith dictated by Rome. And in the broadest sense, anyone who thinks differently about these matters than I have just described is regarded today as a heretic. When discussing such matters, one must always bear in mind that these things play a real role in the world, that they still exert an immense influence on millions of people today. One must not be so selfish as to think that, simply because one believes one has come to terms with these things—or even merely believes one has—one need not concern oneself with them. That is precisely the great harm of the present age—especially with regard to the social movement—that people are so selfish that they look only to the needs of their own souls and do not want to look at what connects human being to human being, at what runs as a driving impulse through millions and millions of people, and which, when it bursts forth at the right time, can sweep away this or that, whatever appears in this or that form—just as things are now unfolding in the world. Today it is necessary to educate ourselves about the sources of these things and about the necessary stance toward them.
[ 12 ] Nun berufen sich in der Regel die in Rom abgestempelten Kleriker auf die Kirchenlehrer. Sie gehen zurück auf die Kirchenlehrer früherer Jahrhunderte und leiten aus deren Aussagen das ab, wovon sie glauben, daß es übereinstimme mit dem, was ich Ihnen eben charakterisiert habe. Nun kann ich Ihnen ja natürlich nicht stundenlange Vorlesungen halten über die Lehre der Kirchenlehrer, aber ich möchte Sie doch auf einiges in dieser Richtung aufmerksam machen, namentlich darauf, welche Stellung der Mensch des Bewußtseinszeitalters, das mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, zu diesen Dingen einnehmen kann.
[ 12 ] Now, as a rule, the clergy in Rome refer to the Church Fathers. They look back to the Church Fathers of earlier centuries and deduce from their statements what they believe to be consistent with what I have just described to you. Of course, I cannot give you hours-long lectures on the teachings of the Church Fathers, but I would like to draw your attention to a few points in this regard, namely, what position a person of the Age of Consciousness—which began in the 15th century—can take on these matters.
[ 13 ] Erstens also müssen wir ins Auge fassen, daß der Weg in die geistige Welt, wie ihn die Geisteswissenschaft meint, für ketzerisch gehalten wird. Das sagen die heute rechtmäßig römisch abgestempelten Kleriker. Zweitens müssen wir beachten, daß der Vorwurf erhoben wird, Geisteswissenschaft spreche davon, daß der Mensch des Göttlichen teilhaftig werden könne in seiner eigenen Seele, und das sei ketzerisch, wie wiederum die in Rom abgestempelten Kleriker des Katholizismus heute sagen.
[ 13 ] First, then, we must face the fact that the path to the spiritual world, as understood by spiritual science, is considered heretical. This is what the clergy—who today bear the official seal of Rome—say. Second, we must note that the accusation is made that spiritual science teaches that human beings can partake of the divine within their own souls, and that this is heretical—as the clergy of Catholicism, who are recognized by Rome, say today.
[ 14 ] Wollen wir einmal genauer ansehen, was ein äußerlich — aber nicht innerlich, wie wir gleich nachher sehen werden — sehr anerkannter Kirchenlehrer, äußerlich sehr auch von Rom anerkannter Kirchenlehrer, über so etwas sagt, wie die Beschauung, von der ich Ihnen ja einiges Charakteristische vorhin angeführt habe. Johannes vom Kreuz spricht zum Beispiel über dasjenige, was Beschauung werden soll für den rechtmäßigen, christlich-katholischen Gläubigen, der durch diese Beschauung über den bloßen, allgemeinen Kirchenglauben hinauskommen soll zu einer Art höherer Anschauung von dem Göttlichen, das die Welt durchpulst. Das erlaubt auch heute die katholische Kirche, daß durch Beschauung der Mensch hinausgelangt über das, was nur allgemeiner Glaube ist. Aber sie verbietet, daß der Mensch hinausgelange zu übersinnlichen Fähigkeiten, Fähigkeiten, die in die übersinnliche Welt so hineinführen, wie die äußeren Sinne in die Sinnenwelt hineinführen. Nun sagt der heilige Johannes vom Kreuz: Die Zeit ist gekommen — er meint die Zeit der Beschauung —, wo das Nachdenken und die Betrachtung, welche die Seele vorher mit ihren eigenen Kräften vornahm, nachgerade aufhören und sich die Seele der vormaligen Genüsse und fühlbaren Freuden beraubt sieht.
[ 14 ] Let us take a closer look at what a Church Father—who is highly regarded outwardly, though not inwardly, as we shall see shortly, and who is also outwardly highly recognized by Rome—has to say about such a thing as contemplation, some characteristic aspects of which I mentioned to you earlier. John of the Cross, for example, speaks of what contemplation should be for the true Christian-Catholic believer, who, through this contemplation, is to move beyond mere, general church faith to a kind of higher perception of the Divine that pulses through the world. Even today, the Catholic Church permits that, through contemplation, a person may go beyond what is merely general faith. But it forbids a person from attaining supersensory abilities—abilities that lead into the supersensory world in the same way that the external senses lead into the sensory world. Now St. John of the Cross says: The time has come—he means the time of contemplation—when the reflection and contemplation that the soul previously engaged in with its own powers are gradually coming to an end, and the soul finds itself deprived of its former pleasures and tangible joys.
[ 15 ] Also diesen Zustand gibt der heilige Johannes vom Kreuz zu, daß man schweigen läßt das gewöhnliche Nachdenken, wodurch man sich auseinandersetzt mit den Dingen des physischen Planes, die man durch die Sinne wahrnimmt und durch den Verstand begreift; daß man sich enthält also der gewöhnlichen Betrachtung, welche die Seele mit ihren eigenen Kräften vornimmt, daß auch die Genüsse, welche die Seele in solchen Betrachtungen und in solchem Verhältnis zur äußeren Natur hat, aufhören. Das gibt er zu.
[ 15 ] Thus, St. John of the Cross describes this state as one in which one silences ordinary thought—the kind through which one engages with the things of the physical realm that are perceived by the senses and understood by the intellect; that one refrains, in other words, from ordinary contemplation, which the soul undertakes with its own powers, so that even the pleasures the soul derives from such contemplations and from its relationship to external nature cease. He acknowledges this.
[ 16 ] Zu einem Zustand der Dürre und "Trockenheit verurteilt — sagt er dann weiter —, kann die Seele nicht mehr Erwägungen mit ihrem Verstande anstellen. — Also indem man die Sinne verschließt, indem man den Verstand stillstehen läßt — das fordert er als Herbeiführung zur Beschauung —, kommt man mit der Seele in eine Art Dürre und Trokkenheit. Dadurch kommt man eben zu jener Teilhaftigkeit mit dem göttlichen Wesen, die der heilige Johannes vom Kreuz für erlaubt hält. Also wenn die Seele nicht mehr Erwägungen mit ihrem Verstande anstellt, noch auch eine sinnliche Stütze findet, da bereichern sich nicht mehr die Sinne; den Nutzen hat der Geist, ohne daß er etwas von den Sinnen empfängt. Daraus ergibt sich, daß in diesem Zustande Gott der Haupthandelnde ist.
[ 16 ] "Condemned to a state of aridity and ‘dryness’—he goes on to say—the soul can no longer engage in rational reflection. — Thus, by closing off the senses and allowing the intellect to come to a standstill—which he prescribes as a means of attaining contemplation—one enters, with the soul, into a kind of aridity and dryness. Through this, one attains precisely that participation in the divine essence that St. John of the Cross considers permissible. Thus, when the soul no longer engages in reflection with its intellect, nor finds any sensory support, the senses are no longer enriched; the spirit benefits without receiving anything from the senses. It follows from this that in this state, God is the principal agent.
[ 17 ] Also fassen Sie die Sache genau auf. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Der Mensch kann das Nachdenken einstellen, die Aufnahme von äußeren Wahrnehmungen durch die Sinne auch einstellen, die Seele kann passiv werden, die Seele tut von sich selbst aus nichts mehr. Dadurch wird Gott in der Seele der Haupthandelnde. Er selber unterweist die Seele und gibt ihr eine eingegossene Erkenntnis mit. Er schenkt ihr in der Beschauung ganz geistige Güter, die Erkenntnis und Liebe Gottes zumal, ohne daß die Seele sich im Nachdenken übt oder andere Übungen vornimmt, die sie nicht mehr wie vordem verrichten kann.
[ 17 ] So understand this clearly. St. John of the Cross says: A person can cease to think, can also cease to take in external perceptions through the senses; the soul can become passive; the soul no longer does anything of its own accord. Through this, God becomes the principal agent in the soul. He Himself instructs the soul and imparts to it an infused knowledge. In contemplation, He bestows upon it entirely spiritual gifts—especially the knowledge and love of God—without the soul having to engage in reflection or perform other exercises that it can no longer carry out as before.
[ 18 ] Nehmen Sie diese Worte eines auch heute in Rom als rechtmäßig anerkannten Kirchenvaters, des sogar heilig gesprochenen Johannes vom Kreuz, nehmen Sie diese Worte und stellen Sie sie gegenüber dem Vorwurf des Pantheismus, der gerade neulich gegen Geisteswissenschaft erhoben worden ist, weil Geisteswissenschaft davon spreche, daß zum Beispiel das Seelenleben sich wie ein Tropfen verhalte im Meere der Göttlichkeit, also selbst göttlichen Wesens sei, was nach den heute predigenden und gläubigen Klerikern ketzerisch ist. Aber der heilige Johannes vom Kreuz beschreibt die Möglichkeit, zu einem passiven Zustand der Seele zu kommen, wo das Nachdenken und das Sinnenwahrnehmen ausgeschlossen ist, und wo Gott in der Seele der Haupthandelnde ist, wo Gott, nach den Worten des Johannes vom Kreuz, der Seele in der Beschauung ganz geistige Güter schenkt, wo er selber die Seele unterweist und ihr eine eingegossene Erkenntnis mitteilt.
[ 18 ] Take these words from a Church Father who is still recognized as legitimate in Rome today—John of the Cross, who has even been canonized— take these words and contrast them with the accusation of pantheism that was recently leveled against spiritual science, on the grounds that spiritual science speaks, for example, of the soul’s life behaving like a drop in the ocean of divinity—and thus being of a divine nature itself—which, according to the clergy who preach and believe today, is heretical. But St. John of the Cross describes the possibility of attaining a passive state of the soul, in which thinking and sensory perception are excluded, and in which God is the principal agent within the soul; where, in the words of St. John of the Cross, God bestows entirely spiritual gifts upon the soul in contemplation, where He Himself instructs the soul and imparts to it an infused knowledge.
[ 19 ] Nun frage ich Sie: Was sollen diese Worte für einen Sinn haben, wenn man jetzt behauptet, daß die menschliche Seele niemals in einen realen Zusammenhang mit dem göttlichen Wesen gebracht werden soll? Was soll es für einen Sinn haben, wenn Johannes vom Kreuz sagt: Gott ist in der Seele der Haupthandelnde — und es doch ketzerisch sein soll, davon zu sprechen, daß des Menschen Seele mit Gott in einen unmittelbaren wissentlichen Zusammenhang gebracht werden soll? — Wenn man sagt, die Seele verhalte sich zu dem GesamtGöttlich-Geistigen wie der Tropfen im Meere, der gleicher Wesenheit ist mit dem gesamten Meereswasser, eben ein Tropfen aus dem Meere ist — dürfte das als unerlaubter Pantheismus aufgefaßt werden, wenn Wahrheit waltete, wenn doch gleichzeitig anerkannt wird, daß ein rechtmäßiger Kirchenvater, der heilige Johannes vom Kreuz, die Möglichkeit zugibt, daß Gott der Haupthandelnde in der menschlichen Seele wird! Dieses Faktum müssen Sie sich vor die Seele rükken, um zu erkennen, wie weit heute Wahrheit in den offiziellen Strömungen waltet: daß man sich gleichzeitig beruft auf solche Lehrer wie den heiligen Johannes vom Kreuz, der ja wahrhaftig mit noch viel deutlicheren Worten, nämlich um populär zu den Menschen zu sprechen, einen «Pantheismus» lehrt — wenn man das Pantheismus nennen will — als die Geisteswissenschaft. Aber diese hält man für ketzerisch, und was tut man? Man läßt den heiligen Johannes vom Kreuz als maßgebenden Kirchenvater gelten, und betrügt die Leute, indem man ihnen sagt: Der Pantheismus ist nicht erlaubt. — Das heißt aber doch: Niemand darf behaupten, es sei ketzerisch, wenn man sagt, Gott sei in der Seele unmittelbar anwesend, so daß die menschliche Seele das wissen kann.
[ 19 ] Now I ask you: What meaning can these words possibly have if one now claims that the human soul should never be brought into a real connection with the divine being? What meaning can it possibly have when John of the Cross says: God is the principal agent in the soul—and yet it is supposed to be heretical to speak of the human soul being brought into a direct, conscious relationship with God? —If one says that the soul relates to the totality of the divine-spiritual realm like a drop in the ocean, which is of the same essence as all the water of the ocean—indeed, is simply a drop from the ocean— — might this be regarded as impermissible pantheism if truth prevailed, when at the same time it is acknowledged that a legitimate Church Father, Saint John of the Cross, admits the possibility that God becomes the principal agent in the human soul! You must bring this fact to the forefront of your soul in order to recognize how far truth prevails today in official currents of thought: that one simultaneously appeals to teachers such as St. John of the Cross, who—in order to speak to people in a way they can understand—truly teaches a “pantheism”—if one wishes to call it that—in much clearer terms than spiritual science does. But the latter is considered heretical, and what do they do? They accept St. John of the Cross as an authoritative Church Father, and deceive people by telling them: Pantheism is not permitted. — But that means: No one may claim it is heretical to say that God is directly present in the soul, so that the human soul can know this.
[ 20 ] Nein, heute sollen die Leute nicht gedankenlos sein; sie dürfen nicht gedankenlos sein, wenn nicht noch größeres Unglück über die Menschheit hereinbrechen soll. Heute sollen sich die Menschen bewußt vorhalten können, daß eine solche Entstellung der Wahrheit offiziell durch die Welt geleitet werden kann.
[ 20 ] No, people today must not be thoughtless; they must not be thoughtless, lest even greater misfortune befall humanity. Today, people must be able to consciously bear in mind that such a distortion of the truth can be officially propagated throughout the world.
[ 21 ] Und ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz ist: Die inneren Güter, die diese schweigende Beschauung der Seele eindrückt, ihr selbst unbewußt, sind unschätzbar. Kurz, sie sind nichts anderes als die überaus geheimnisvollen und ungemein zarten Salbungen des Heiligen Geistes, der, da er Gott ist, als Gott handelt: Der Heilige Geist handelt als Gott in der Seele unmittelbar — sagt der heilige Johannes vom Kreuz; das ist katholisch gewesen zur Zeit des Johannes vom Kreuz, das heißt, vor dem Beginn des Bewußtseinszeitalters — und wirkt und überflutet insgeheim die Seele mit Reichtümern und Gaben und Gnaden in einem Maß, daß es nicht zu beschreiben ist. — In der Beschauung — das ist ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz — ist man empfangend. — Und ein anderer Satz des heiligen Johannes ist der folgende: In der Beschauung ist es Gott, der da wirkt — in der Seele drinnen nämlich.
[ 21 ] And here is another saying of St. John of the Cross: The inner gifts that this silent contemplation instills in the soul—unbeknownst even to the soul itself—are priceless. In short, they are nothing other than the exceedingly mysterious and exceedingly tender anointings of the Holy Spirit, who, since He is God, acts as God: “The Holy Spirit acts as God directly within the soul,” says St. John of the Cross; this was the Catholic teaching in St. John of the Cross’s time—that is, before the dawn of the age of consciousness—and He works and secretly floods the soul with riches, gifts, and graces to such an extent that it is beyond description. — In contemplation—this is another saying of St. John of the Cross—one is receptive. — And another statement by St. John is the following: In contemplation, it is God who is at work—namely, within the soul.
[ 22 ] Und nun frage ich Sie: Was soll es nun heißen, wenn irgendeiner von denjenigen, die heute über die Ketzerei schreiben, sagt, es sei ketzerisch, zu behaupten, Gott sei wesenseins mit der menschlichen Seele!
[ 22 ] And now I ask you: What does it mean when any of those who write about heresy today say that it is heretical to claim that God is of the same essence as the human soul!
[ 23 ] So liegen eben die Dinge. Aber so schläfrig sind die Menschen, daß sie heute gar nicht darauf achten, wie gewirtschaftet wird mit der Wahrheit. Daß eine so furchtbare Katastrophe in die Welt hereingekommen ist, beruht aber letzten Endes doch darauf, daß man sich so wenig um dasjenige kümmert, was als Wahrheit durch die Welt geleitet wird. Darauf beruht es auch, daß die Wahrheit so gehaßt werden kann, wie sie heute noch immer von gewissen Leuten gehaßt wird.
[ 23 ] That is simply the way things are. But people are so complacent that they pay no attention at all today to how the truth is being handled. Ultimately, however, the fact that such a terrible catastrophe has befallen the world is due to the fact that people care so little about what is presented as truth throughout the world. This is also the reason why the truth can be hated as much as it still is by certain people today.
[ 24 ] Insbesondere bemüht sich heute der in Rom abgestempelte Kleriker immer wieder und wiederum zu betonen, daß kein Unterschied herrschen sollte zwischen den gewöhnlichen Fähigkeiten, wie sie der Gläubige im Glauben entwickelt, und jener Steigerung des Glaubens, die in der Beschauung zum Ausdrucke kommt. Es soll kein Unterschied bestehen oder höchstens ein Gradunterschied, denn wenn ein wirklicher Unterschied angestrebt werde, so sei das ketzerisch. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt aber: Der Unterschied besteht darin, daß man beim Glauben nur dunkel sieht, in der seelischen Anschauung ihn — er meint Gott — aber unverhüllt schaut. — Das war dazumal katholisch, als der heilige Johannes vom Kreuz vor der Entstehung des Zeitalters der Bewußtseinsseele die Dinge niedergeschrieben hat. Aber was heute von diesen Dingen als Katholizismus herrscht, das ist der Schatten von dem, das ist nicht mehr das Licht. Eigentlich sehr schön für die damalige Zeit beschreibt Johannes vom Kreuz den mystischen Erkenntnisweg, den Weg ins Übersinnliche hinein, indem er sagt: Die enge Pforte, das ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurchzugehen, muß die Seele sich von sich selbst frei machen und losschälen. — Für die damalige Zeit ist das so gesprochen, wie man heute nicht von Rom aus, aber in der Geisteswissenschaft spricht. Die Geisteswissenschaft ist die wirkliche Fortsetzung solcher edler Bestrebungen in die geistige Welt hinaus, wie sie bei Johannes vom Kreuz auftreten. Nur ist sie die Fortsetzung eben für die heutige Zeit. Sie rechnet mit dem Fortschritt der Menschheit.
[ 24 ] In particular, the cleric who has been “stamped” in Rome strives again and again to emphasize that there should be no difference between the ordinary faculties that the believer develops through faith and that deepening of faith which finds expression in contemplation. There should be no difference—or at most a difference of degree—for if a real difference were sought, that would be heretical. St. John of the Cross, however, says: The difference lies in the fact that in faith one sees only dimly, whereas in spiritual contemplation one sees Him—he means God—unveiled. — That was Catholic back then, when St. John of the Cross wrote these things down before the dawn of the age of the conscious soul. But what prevails today as Catholicism in these matters is merely a shadow of that; it is no longer the light. In a way that was actually very beautiful for that time, John of the Cross describes the mystical path of knowledge—the path into the supersensible—by saying: “The narrow gate is the night of the senses.” To pass through it, the soul must free itself from itself and peel itself away. — For that time, this was expressed in a way that is not spoken of today from Rome, but is spoken of in spiritual science. Spiritual science is the true continuation of such noble aspirations into the spiritual world as found in the writings of John of the Cross. It is, however, a continuation specifically for the present day. It takes into account the progress of humanity.
[ 25 ] Die enge Pforte ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurchzugehen, muß die Seele sich von sich selbst frei machen und losschälen. Und indem sie alsdann den Glauben, der mit den Sinnen nichts zu schaffen hat, sich zum Führer nimmt, wandelt sie auf dem engen Weg der zweiten Nacht zu der Nacht der Geister. Und sehr schön beschreibt der heilige Johannes vom Kreuz diese Vereinigung mit dem Göttlich-Geistigen: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele nämlich und der göttliche Wille, gleichförmig werden.
[ 25 ] The narrow gate is the night of the senses. To pass through it, the soul must free itself from itself and detach itself. And by then taking faith—which has nothing to do with the senses—as its guide, it walks along the narrow path of the second night toward the night of the spirits. And St. John of the Cross describes this union with the Divine-Spiritual very beautifully: The union is accomplished when the two wills—namely, that of the soul and the divine will—become one.
[ 26 ] Man kann nicht deutlicher ausdrücken, daß ein göttlicher Wille da ist, der durch die Welt waltet, und ein Eigenwille der Seele, und beide ineinander aufgehen in der Beschauung. Das soll aber heute ketzerisch sein. Die Wahrheit würde man ehrlich vertreten, wenn man sagen würde: Der heilige Johannes vom Kreuz ist heute kein Heiliger mehr, sondern er ist ein Ketzer. — Das würde, wenn er seine Behauptungen aufrechterhalten wollte, der römische Kleriker verpflichtet sein zu sagen.
[ 26 ] One cannot express more clearly that there is a divine will that governs the world, and a will of the soul, and that both merge into one another in contemplation. But today, that is considered heretical. One would be honestly upholding the truth if one were to say: St. John of the Cross is no longer a saint today, but rather a heretic. — That is what the Roman cleric would be obliged to say if he wished to maintain his assertions.
[ 27 ] Also der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele nämlich und der göttliche Wille, gleichförmig werden —, das heißt, wenn in dem einen nichts ist, was dem andern widerstrebt. Nun aber, auf dem Gebiete der rechtmäßigen römisch-katholischen Klerikerschaft ist man sehr darauf aus, den bloßen sogenannten Gläubigen und auch den niederen Klerikern den Weg zur eigenen Erkenntnis zu versperren. Daher weist man heute, obwohl man eigentlich solche Leute wie den Johannes vom Kreuz verleugnet, doch immer wieder und wiederum auf solche Menschen hin wie Johannes vom Kreuz. Man weist darauf hin, daß Johannes vom Kreuz ja nur dann erlaubt hätte, daß man sich der Beschauung zuwendet, wenn den Menschen drei Zeichen dazu auffordern.
[ 27 ] Thus, St. John of the Cross says: Union is achieved when the two wills—namely, that of the soul and the divine will—become one—that is, when there is nothing in one that resists the other. Now, however, within the ranks of the legitimate Roman Catholic clergy, there is a strong tendency to block the path to personal knowledge for mere so-called believers and also for the lower clergy. Therefore, although such people as John of the Cross are actually rejected, reference is made again and again to people like John of the Cross. It is pointed out that John of the Cross would have permitted one to turn to contemplation only when three signs called a person to do so.
[ 28 ] Das erste Zeichen, durch das die Seele sich aufgefordert fühlen könnte, sich der Beschauung, also der mystischen Beschauung zuzuwenden, das wäre die Unfähigkeit, zu betrachten und sich der Einbildungskraft zu bedienen, der Widerwille gegen die äußere Betrachtung. Also wenn die Seele Widerwillen empfindet gegen die Aufnahme der Sinneswahrnehmung und gegen das Nachdenken, so ist der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich passiv hingeben darf dem Willen Gottes.
[ 28 ] The first sign by which the soul might feel called to turn toward contemplation—that is, mystical contemplation—would be the inability to contemplate and to make use of the imagination, as well as a reluctance toward external contemplation. Thus, when the soul feels a reluctance toward sensory perception and toward reflection, the time has come for it to surrender passively to the will of God.
[ 29 ] Das zweite Zeichen wäre die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen äußeren und inneren Eindrücken zu beschäftigen. Also das erste, daß man müde geworden ist, das zweite, daß man keine Lust mehr hat. Das dritte innere Zeichen wäre die Empfindung der innersten Freude, die die Seele hat mit dem Alleinsein — also nicht mit dem Sinneswahrnehmen und Nachdenken — und mit der bloßen Aufmerksamkeit auf das Göttliche.
[ 29 ] The second sign would be the realization that one no longer feels like engaging the imagination of the senses with specific external and internal impressions. So the first is that one has grown weary; the second is that one no longer feels like it. The third inner sign would be the sensation of the deepest joy that the soul experiences in being alone—that is, not through sensory perception or reflection—but through mere attention to the Divine.
[ 30 ] Nun, Sie werden nicht mit Verständnis lesen können, was in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, wenn Sie nicht, allerdings abgestimmt auf unsere Zeit, sich sagen werden: Mit jenen drei Zeichen kann ich erst recht vollständig einverstanden sein. — Es ist gar nichts einzuwenden gegen diese drei Zeichen. Man muß ihnen nur Verständnis im Sinne der unmittelbaren Gegenwart entgegenbringen. Betrachten wir einmal diese drei Zeichen, die also der heilige Johannes vom Kreuz als diejenigen Zeichen betrachtet, auf die hin die Seele sich der mystischen Beschauung zuwenden darf, also sich hinwenden darf zum Wege in die geistige, übersinnliche Welt hinein.
[ 30 ] Well, you will not be able to read with understanding what is written in the book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds unless you say to yourself—albeit in a way suited to our times—that you can fully agree with those three signs. — There is absolutely nothing to object to in these three signs. One must simply approach them with an understanding suited to the present day. Let us consider these three signs, which St. John of the Cross regards as the signs upon which the soul may turn toward mystical contemplation—that is, toward the path into the spiritual, supersensory world.
[ 31 ] Das erste Zeichen wäre Unfähigkeit, zu betrachten und sich der Einbildungskraft zu bedienen, ein Widerwille gegen die Betrachtung. Wir müssen bedenken, diese Worte sind geschrieben in der Zeit, als das Bewußtseinszeitalter noch nicht angebrochen war. Nun bricht das Bewußtseinszeitalter über die Menschheit herein, nun kommen die Betrachtungen des Menschen über die Natur, so wie sie die neuere Naturwissenschaft darbietet. Man muß doch wirklich rechnen mit der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Man muß damit rechnen, daß der heilige Johannes vom Kreuz nicht Menschen um sich hatte, die durchzogen und durchtränkt waren von denjenigen Vorstellungen, die heute aus der Naturwissenschaft überall hinträufeln. Der heilige Johannes vom Kreuz hatte nur Menschen um sich, die gläubig in die katholische Kirche gingen, die ihre Weltanschauung von dem Glauben empfingen, der gepredigt wurde von den Kanzeln der katholischen Kirche. Zu denen mußte man anders sprechen als zu Menschen des 20. Jahrhunderts, welche durchtränkt sind von naturwissenschaftlichen Anschauungen. Was heißt denn das eigentlich: durchtränkt von naturwissenschaftlichen Anschauungen? Alle Menschen sind es heute, ob sie es zugeben oder nicht, bis zum letzten Bauern in die letzte Hütte hinein, wenn er nicht gerade ein Analphabet ist; und selbst Analphabeten sind heute schon in ihren Denkformen von naturwissenschaftlichen Vorstellungen durchdrungen. Wer aber heute die Welt anschaut, wie man sie nach dem Sinn der heutigen Welt anschauen muß, der muß — weil die naturwissenschaftlichen Vorstellungen ihm nur über das Tote berichten — zu der Einsicht kommen, wenn er ein lebendiges Erkenntnisbedürfnis hat, daß diese naturwissenschaftlichen Betrachtungen ihn unfähig machen, bei ihnen stehenzubleiben. Es tritt genau das ein, was der heilige Johannes vom Kreuz im ersten Zeichen beschreibt. Durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart selbst ist dieses Zeichen erfüllt. Dazumal, als er schrieb, war es bei einigen erfüllt, heute ist es bei allen erfüllt, die überhaupt anfangen zu denken. Diesen Unterschied muß man in Betracht ziehen. Würde der heilige Johannes vom Kreuz heute schreiben, dann würde er sagen: Gewiß, dazumal mußte denjenigen Menschen, die sich unfähig fühlten, äußerlich die Dinge zu betrachten und die Einbildungskraft in Bewegung zu setzen, die mystische Beschauung empfohlen werden. Heute sind alle, die nur den unfruchtbaren naturwissenschaftlichen Vorstellungen hingegeben sind, in einem bestimmten Zeitpunkt unfähig, nur diesen unfruchtbaren naturwissenschaftlichen Vorstellungen sich hinzugeben, namentlich dann, wenn sie Sehnsucht haben in ihrer Seele, überhaupt einen Weg zum GöttlichGeistigen zu finden. Der heilige Johannes vom Kreuz sprach zu einigen wenigen Kandidaten; heute sind die Kandidaten alle denkenden Menschen. Das bedeutet gerade den Fortschritt der Menschheit. Also es wird gerade heute das erfüllt, was der heilige Johannes vom Kreuz von dem Zeichen dann als erfüllt annimmt, wenn der im naturwissenschaftlichen Zeitalter lebende Mensch nun gerade jenen Drang fühlt.
[ 31 ] The first sign would be an inability to contemplate and to make use of the imagination—a reluctance to contemplate. We must bear in mind that these words were written at a time when the Age of Consciousness had not yet dawned. Now the Age of Consciousness is dawning upon humanity; now people are beginning to contemplate nature as presented by modern science. One must truly take into account the historical development of humanity. One must recognize that St. John of the Cross was not surrounded by people who were permeated and imbued with the ideas that today are trickling in from science everywhere. St. John of the Cross was surrounded only by people who attended the Catholic Church as believers, who derived their worldview from the faith preached from the pulpits of the Catholic Church. One had to speak to them differently than to people of the 20th century, who are steeped in scientific views. What does that actually mean: steeped in scientific ideas? Everyone is today, whether they admit it or not, right down to the last farmer in the remotest hut, unless he happens to be illiterate; and even illiterate people today have their ways of thinking permeated by scientific ideas. But anyone who looks at the world today—as one must according to the spirit of the modern world—must—because scientific concepts tell him only of the dead—come to the realization, if he has a living need for knowledge, that these scientific observations render him incapable of remaining content with them. Exactly what St. John of the Cross describes in the first sign occurs. This sign is fulfilled by the very nature of scientific thinking itself. Back when he wrote, it was fulfilled in some; today it is fulfilled in everyone who even begins to think. One must take this difference into account. If St. John of the Cross were writing today, he would say: Certainly, back then, mystical contemplation had to be recommended to those people who felt unable to observe things externally and to set their imagination in motion. Today, all those who are devoted solely to barren scientific concepts are, at a certain point, incapable of devoting themselves solely to these barren scientific concepts—especially when they feel a longing in their souls to find a path to the divine-spiritual at all. St. John of the Cross spoke to a select few candidates; today, the candidates are all thinking human beings. This is precisely what constitutes the progress of humanity. Thus, it is precisely today that what St. John of the Cross regarded as the fulfillment of the sign is being fulfilled—namely, when people living in the age of natural science now feel precisely that urge.
[ 32 ] Das zweite ist die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen äußeren oder inneren Einbildungen zu beschäftigen. In dem Augenblicke, wo die Naturwissenschaft nicht anders kann, als dem Menschen nur eine Betrachtung geben, eine Anschauung darüber, wie er sich aus der Tierheit herauf entwickelt hat, da entsteht doch wahrhaftig in der Seele die Wahrnehmung, daß man keine Lust mehr hat, bloß das zu betrachten, was in der äußeren Welt die Sinne offenbaren! Die offenbaren eben, daß der Mensch von der Tierheit abstammt; da hat man keine Lust mehr. Da wendet man sich dann, weil die Zeit eingetreten ist dazumal nur für einige, jetzt für alle denkenden Menschen —, gerade im Sinne des Johannes vom Kreuz zu dem, was: Entwickelungsanschauung ist, nämlich zu dem Weg in die geistige Welt hinein.
[ 32 ] The second is the realization that one no longer feels any desire to engage the imagination of the senses with specific external or internal images. At the very moment when natural science can do nothing other than offer humanity merely an observation, a glimpse of how it has evolved from the animal realm, a realization truly arises in the soul that one no longer has any desire to merely contemplate what the senses reveal in the external world! For the senses reveal that human beings are descended from the animal realm; one no longer has any desire for that. Then, because the time has come—once only for a few, now for all thinking human beings—one turns, precisely in the spirit of John of the Cross, toward what is known as the “view of evolution,” namely, the path into the spiritual world.
[ 33 ] Das dritte ist das Erleben der Freude in der Empfindung, im Innersten der Seele, im Alleinsein in der Aufmerksamkeit auf Gott. Nun, diese innigste Freude wird ganz gewiß jeder empfinden, der in diesem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur diejenigen Begriffe aufgenommen hat, welche die Naturwissenschaft ihm bietet, sobald er den Weg finden kann in die übersinnliche Welt hinein.
[ 33 ] The third is the experience of joy in one’s innermost being, in the very depths of the soul, in solitude while focusing one’s attention on God. Now, this most intimate joy will most certainly be felt by anyone who, in this age of natural science, has embraced only those concepts that natural science offers him, as soon as he can find his way into the supersensible world.
[ 34 ] Wiederum stehen wir vor der Tatsache, vor der bedeutsamen Tatsache, daß gerade neuere Geisteswissenschaft so recht das erfüllt, was für seine Zeit in seinem Sinne solch ein Mensch wie Johannes vom Kreuz forderte. Nur schreitet der Strom der Entwickelung weiter, und heute nimmt sich die Erfüllung anders aus, als sie sich dazumal ausgenommen hat. Es kommt etwas anderes noch dazu. Wer heute hineinschaut mit ehrlichem Wahrheitssinn in die Menschheitsentwikkelung, der sagt sich: Weil wir eingetreten sind in das naturwissenschaftliche Zeitalter, muß der Sinn für übersinnliche Erkenntnis in den Menschen wachgehalten werden. Es werden einfach solche Forderungen wie die des Johannes vom Kreuz erfüllt, wenn der Mensch heute den Weg betritt, der vorgezeichnet wird zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Betritt er aber heute diesen Weg, dann offenbart sich ihm nicht das, was sich in jener Zeit geoffenbart hat, als der heilige Johannes vom Kreuz geschrieben hat, sondern es offenbart sich dem Menschen das, was heute im Wege der Menschenentwickelung liegt. Und da kann man dann nicht mehr so sprechen, wie bloß im Sinne des positivistischen Christentums der heilige Johannes vom Kreuz gesprochen hat. Denn es liegt die ernste Tatsache vor, auf die wir gestern und schon öfter hingewiesen haben: daß heute der Mensch entweder unbewußt oder bewußt in einer gewissen Beziehung an dem Hüter der Schwelle vorbeikommt. Da lernt er erkennen, wie er nicht nur von einem Einheitsgotte, sondern wie er von den göttlichen Hierarchien sprechen muß. Da lernt er erkennen, wie er das Ahrimanische und Luziferische kontrastieren muß mit den göttlichen Hierarchien. Aber wie die katholische Kirche bis zum Jahre 1822 die Menschen abhalten wollte, an den Kopernikanismus zu glauben, so will sie heute die Menschen abhalten, in die wirklich von der Zeit notwendig geforderten übersinnlichen Erkenntnisse einzutreten. Warum? Weil sie nicht will, daß die Menschen aufmerksam werden auf das, was aus geistigen Höhen in die Menschheitsentwickelung hineinströmen will.
[ 34 ] Once again, we are faced with the fact—the significant fact—that modern spiritual science, in particular, truly fulfills what a man like John of the Cross called for in his own time and in his own way. But the tide of development continues to flow, and today this fulfillment takes on a different form than it did back then. There is something else to consider as well. Anyone who looks today at human development with an honest sense of truth will say to themselves: Because we have entered the age of natural science, the sense for supersensible knowledge must be kept alive in human beings. Demands such as those of St. John of the Cross are simply fulfilled when a person today embarks on the path outlined, for example, in How to Attain Knowledge of the Higher Worlds. But if a person embarks on this path today, what is revealed to them is not what was revealed in the time when St. John of the Cross was writing, but rather what lies along the path of human development today. And then one can no longer speak in the same way that St. John of the Cross spoke, merely in the sense of positivist Christianity. For there is the serious fact to which we referred yesterday and on many previous occasions: that today a person, either unconsciously or consciously, passes by the Guardian of the Threshold in a certain sense. There they come to realize that they must speak not only of a God of unity, but also of the divine hierarchies. There they come to realize that they must contrast the Ahrimanic and Luciferic forces with the divine hierarchies. But just as the Catholic Church sought to prevent people from believing in Copernicanism until the year 1822, so today it seeks to prevent people from entering into the supersensible insights that are truly required by the times. Why? Because it does not want people to become aware of what seeks to flow down from spiritual heights into the development of humanity.
[ 35 ] Gewiß, es mag auch einige geben und es gibt einige, die in gewissem Sinne ehrlich das Folgende sagen: Der Mensch ist ja heute wirklich nicht vorbereitet, mit seiner Seele unmittelbar dem entgegenzutreten, was aus der geistigen Welt hereinkommt; das gereicht ihm nur zum Unheil. Er kann dann, wenn er vor den Hüter der Schwelle hintritt, Täuschung nicht von Wirklichkeit unterscheiden. Also machen wir ihm möglichst graulich davor, selber sich auf den Weg des Geistigen zu begeben, damit er nicht gefährdet werde. — Es mag solche Leute geben, sie rechnen nicht mit den Notwendigkeiten der Zeit, sie rechnen mit einer eingeschränkten, bornierten Vorstellung, aber sie können vielleicht ehrlich sein. Aber die Mehrzahl derer, die solche Dinge sagen, wie: daß man sich heute nicht auf den Weg der übersinnlichen Erkentnisse begeben dürfe —, die meinen die Dinge nicht so. Von den verschiedensten Seiten wird aus einem gewissen Angstgefühl gegen die Wahrheit das Hereinfluten dieser Wahrheit zurückgehalten. Dieses Angstgefühl, das haben weithin ausgedehnte Kirchenbekenntnisse in ihren offiziellen Vertretern; das haben aber auch gewisse maurerische und ähnliche Gesellschaften. Ich habe von einem andern Gesichtspunkte schon darauf aufmerksam gemacht. Auch da gibt es innerhalb dieser Gesellschaften einige Leute, die ja von ihrem Gesichtspunkte aus ehrlich sind; aber die Kraft, mit der sie den Fortschritt der Menschheit aufhalten, die ist furchtbar stark. Da liegt nämlich das Folgende vor. .Da sind Leute, besonders in den Hochgradorden, die sagen: Der Mensch ist in der Regel nicht recht reif dafür, daß ihm die geistige Welt unmittelbar vorgeführt wird, daher halte man ihn von dem unmittelbaren Eintritt in die geistige Welt zurück, man lasse ihn nicht eintreten, man lasse ihn nur herankommen an die Ausübung der in gewissen alten Ritualien vorgeschriebenen Zeremonien. Man verweise ihn an allerlei Symbole, die ihn nicht unmittelbar in die geistige Welt einführen, nur symbolisch die Sache vorführen, aber auch da womöglich an Symbole, die ein recht großes Alter haben. — Ich habe Ihnen ja gesagt, daß in dieser Beziehung gewisse maurerische Orden, nun sagen wir, es im Gegensatze mit dem Lieblingsimpuls der meisten Damen halten. Die meisten Damen sind nämlich gerne jung, die meisten maurerischen Gesellschaften sind gerne so alt wie möglich! Da weist man möglichst auf ein uraltes Ritual hin oder auf uralte Traditionen. Nicht immer, obwohl sehr häufig, ist das unwahrhaft gemeint; aber es ist manchmal schon ehrlich gemeint, wenn man sagt: Die Ritualien, die uralt sind, können, wenn sie heute vor den Menschen vollzogen werden, sie nicht mehr gefährden, denn sie sind abgebraucht, sie sind erstarrt, sie sind nur noch die Schatten dessen, was sie gewesen sind. Und außerdem haben ja die Menschenseelen so lange mit diesen Ritualien gelebt beziehungsweise mit den Symbolen und mit dem, was sie darstellen; sie haben sich daran gewöhnt: sie werden nicht mehr schockiert von dem Eindruck einer unmittelbar erlebten Wahrheit. Mache man die Leute mit recht Altem bekannt, was nur noch seinem Schatten nach vorhanden ist, dann werden sie weniger gefährdet.
[ 35 ] Certainly, there may be some—and there are some—who, in a certain sense, honestly say the following: People today are truly not prepared to confront directly, with their souls, what comes from the spiritual world; it would only lead to their ruin. When they stand before the Guardian of the Threshold, they cannot distinguish illusion from reality. So we make it as daunting as possible for them to set out on the spiritual path themselves, so that they will not be endangered. — There may be such people; they do not take into account the necessities of the times; they rely on a limited, narrow-minded conception, but they may perhaps be sincere. But the majority of those who say things like: “One must not set out on the path of supersensible knowledge today”—they do not really mean it that way. From all sorts of quarters, a certain fear of the truth is holding back the influx of this truth. This sense of fear is found in the official representatives of widely established church denominations; but it is also found in certain Masonic and similar societies. I have already drawn attention to this from another perspective. There, too, within these societies, there are some people who are, from their own point of view, sincere; but the force with which they hinder the progress of humanity is terribly strong. The situation is as follows: There are people, especially in the higher-degree orders, who say: Human beings are generally not yet mature enough to be directly introduced to the spiritual world; therefore, one should hold them back from direct entry into the spiritual world, not allow them to enter, but only permit them to approach the performance of the ceremonies prescribed in certain ancient rituals. They should be directed toward all sorts of symbols that do not introduce them directly into the spiritual world, but merely illustrate the matter symbolically—and even then, preferably symbols that are quite ancient. — I have already told you that, in this regard, certain Masonic orders, let’s say, take a stance contrary to the favorite impulse of most ladies. Most ladies, you see, like to be young, while most Masonic societies like to be as old as possible! They point, as much as possible, to an ancient ritual or to ancient traditions. This is not always—though very often—meant insincerely; but it is sometimes genuinely meant when one says: Rituals that are ancient can no longer endanger people when performed before them today, for they have been worn out, they have become rigid, they are now merely shadows of what they once were. Moreover, human souls have lived with these rituals—or rather, with the symbols and what they represent—for so long; they have grown accustomed to them: they are no longer shocked by the impression of a truth experienced directly. If one introduces people to something truly ancient that now exists only as a shadow of its former self, they are less at risk.
[ 36 ] Alle diese Dinge mögen ja vertreten werden, aber sie müssen abfallen vor der Notwendigkeit, die heute durch die Zeitenwende geht. Das Unheil, das kommen würde, wenn der Mensch die hereinbrechende geistige Flutwelle zurückstoßen würde, das würde größer sein als alles übrige Unheil. Die wirkliche Pflicht gegenüber allen Geistern der Welt, die mit der Menschheitsentwickelung zusammenhängen, ist die, den Menschen bekanntzumachen mit dem, was doch heute sich unbedingt im Unterbewußten, einfach durch die heutigen Weltgesetze, in der Seele eines jeden Menschen vollzieht. Im Zeitalter der Bewußtseinsseele das heraufzurufen ins Bewußtsein, das ist eine Notwendigkeit. Und auch mit Bezug auf das, was heute so gewaltig als soziale Forderungen auftritt, ist es notwendig, daß man heute kennenlernt, was eigentlich in den Menschenseelen vorhanden ist. Denn äußerlich wird das Dasein immer maskenhafter, immer bloß phänomenaler. Es ist durchaus die Möglichkeit vorhanden, daß man heute in seiner Seele so erlebt, daß man vorbeigeht an dem Hüter der Schwelle, aber durch den Materialismus der Zeit das Bewußtsein davon zurückdrängt. Aber was man zurückdrängt, was nicht bewußt wird, das ist doch deshalb nicht etwa nicht da; es ist trotzdem da. Irgendein Mensch geht hindurch durch den Hüter der Schwelle — aber durch die Zeitbildung drängt er das zurück. Das, als was es sich dann darstellt, das kann etwas ganz anderes sein. Es können die Taten Lenins sein, es können die Taten irgendeines Spartakusmenschen sein. Darauf muß man aufmerksam sein in der Gegenwart, daß wir in dem Zeitalter angekommen sind, wo durch die Täuschungsimpulse des Materialismus in einer die Menschheit in schlimmster Weise gefährdenden Art Durchgänge durch gewisse geistige Impulse sich äußerlich maskieren können.
[ 36 ] All these things may well be advocated, but they must give way to the necessity that is sweeping through this turning point in history. The calamity that would ensue if humanity were to resist the oncoming spiritual tidal wave would be greater than any other calamity. The true duty toward all the spirits of the world connected with human development is to make people aware of what is, after all, taking place today in the unconscious of every human soul—simply as a result of the current laws of the world. In the Age of the Consciousness Soul, bringing this into consciousness is a necessity. And also with regard to what today appears so powerfully as social demands, it is necessary to come to know what actually exists within human souls. For outwardly, existence is becoming ever more masked, ever more merely phenomenal. It is entirely possible that people today experience in their souls that they pass by the Guardian of the Threshold, but repress the awareness of this due to the materialism of the age. But what is repressed, what does not become conscious, is not for that reason any less present; it is there nonetheless. A person may pass through the Guardian of the Threshold—but because of the spirit of the age, they repress this experience. What then presents itself may be something entirely different. It could be the deeds of Lenin; it could be the deeds of any Spartacus member. We must be mindful of this in the present: we have arrived at an age in which, due to the deceptive impulses of materialism, certain spiritual impulses can mask themselves outwardly in a way that poses the gravest danger to humanity.
[ 37 ] Ernst ist die Zeit. Aber allem Ernst wird wirklich Rechnung getragen, wenn man bloß den ehrlichen Willen hat, mit seinem gesunden Menschenverstand auf die Interpretation dessen einzugehen, was durch eine wirkliche Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann aus der geistigen Welt. Davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.
[ 37 ] This is a serious matter. But true seriousness is only truly taken into account when one has the sincere willingness to use one’s common sense to engage with the interpretation of what a genuine spiritual science can draw from the spiritual world. We will continue to discuss this tomorrow.
