Der Goetheanismus
ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke
Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft
GA 188
12 Januar 1919, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Was ich gestern bemerklich machen wollte, das ist, von der einen Seite angesehen, daß der eigentliche Inhalt, der tiefere Inhalt des ChristusImpulses, der durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist, sich nicht mit einem Male, auch nicht in der relativ langen Zeit, in der es nunmehr schon ein Christentum gibt, der Menschheit ganz mitgeteilt hat, sondern daß in alle Zukunft hin immer mehr und mehr von dem Inhalt des Christus-Impulses der Menschheit sich mitteilen will; daß mit anderen Worten tief wahr ist das Wort des Christus Jesus: «Ich bin bei euch alle Tage durch die Zeitenwende hindurch.» Und nicht untätig meinte der Christus unter den Menschen zu sein, sondern tätig sich offenbarend, eingehend in ihre Seelen, aufmunternd die Seelen, stärkend die Seelen; so daß, wenn diese Seelen dasjenige wissen, was in ihnen vorgeht, sie den Weg finden, die Verbindung finden können mit dem Christus, sich stark innerhalb ihres Erdenringens fühlen können.
[ 2 ] Zu alldem aber ist es notwendig, gerade für diese unsere Zeit des Bewußtseinszeitalters, soweit es heute schon der Fall sein kann — und wie gesagt, der Inhalt wird immer klarer und reicher erfließen für die Menschheit —, sich heute schon klarzumachen, was denn eigentlich zu der Offenbarung des Christus-Impulses gehört. Um in diesem Punkte richtig zu verstehen, muß man erst durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß das Menschengeschlecht wirklich sich im Laufe der Erdenzeiten entwickelt hat, verändert hat. Diese Veränderung, man kann sie am besten so charakterisieren, daß man sagt: Wenn man zurückblickt in sehr, sehr alte Erdenzeiten, weit zurückliegend vor dem Mysterium von Golgatha, da findet man, genauer zugesehen, die Leiblichkeit des Menschen noch geistiger, als sie heute ist. Und diese Leiblichkeit des Menschen war es, die aufsteigen ließ jene Visionen, welche atavistischem Hellsehen die übersinnliche Welt in einer gewissen Weise offenbarten. Aber diese Fähigkeit, diese Kraft, in atavistischem Hellsehen sich bekanntzumachen mit der geistigen Welt, ging nach und nach der Menschheit verloren. Und gerade zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha hereinbrach, war eben eine Krisis. Da war die Krisis hereingebrochen, die da zeigte, daß die Leiblichkeit des Menschen am stärksten in ihrer Kraft abgenommen hatte mit Bezug auf die Offenbarung des Geistigen.
[ 3 ] Nun mußte von jenem Zeitpunkte, von jener Krisis an, eine der Abschwächung der Leibeskraft entsprechende Verstärkung des SeelischGeistigen, der seelisch-geistigen Kraft eintreten. Aber hier im Erdenkörper müssen wir mit dem Werkzeuge unseres Leibes rechnen. Der Mensch wäre einfach nicht fähig gewesen, die Verstärkung seines Seelisch-Geistigen, die notwendig wurde mit dem Herabdämmern der Leibeskraft, zu erwerben, wenn ihm nicht Hilfe geworden wäre aus einer Region, die nicht die Erdenregion ist, sondern die außerirdisch ist, wenn nicht etwas von außerhalb der Erde auf die Erde hereingekommen wäre: eben der Christus-Impuls. Der Mensch wäre zu schwach gewesen, selbst vorzurücken.
[ 4 ] Das aber zeigt sich ganz besonders, wenn man ins Auge faßt das alte Mysterienwesen. Wozu war denn dieses Mysterienwesen eigentlich? Im Ganzen kann man sagen: Die große und breite Masse unserer Vorfahren — das heißt von uns selbst, denn wir selbst waren in unserem vorigen Leben eben die Menschen, die wir unsere Vorfahren nennen —, war in sehr, sehr alten Zeiten mit einem viel dumpferen Bewußtsein behaftet als heute. Sie waren mehr instinktive Wesen. Und jene Menschen hätten sich in diesem instinktiven Wesen nicht hineinfinden können in eine Erkenntnis, die doch aber zum Heil des Menschen, zu seinem Aufrechterhalten, zu seinem werdenden Kraftbewußtsein nötig ist. Da konnten dann gewisse, durch ihr Karma dazu berufene Persönlichkeiten, die eben in die Mysterien eingeweiht wurden, den andern, die mehr ein Instinktleben führten, die Wahrheiten verkündigen, die man die Heilswahrheiten nennen kann. Aber diese Verkündigung war in den alten Zeiten nur möglich aus einer gewissen Konstitution des menschlichen Organismus, des menschlichen Wesens heraus, die heute nicht mehr vorhanden ist. Die Mysterienzeremonien, die Mysterienverrichtungen durch die verschiedenen Grade hindurch bestanden darinnen, daß der Mensch wirklich in den Mysterien ein anderer wurde. Das kann man sich heute nicht mehr gut vorstellen, weil es durch solche äußeren Verrichtungen — ich habe sie neulich für die ägyptischen Mysterien geschildert — heute in solchem Grade nicht möglich ist. Die Menschennatur wurde durch Erzeugung von gewissen Emotionen, von gewissen inneren Seelenerlebnissen, wirklich so umgestaltet, daß sich in völligem Bewußtsein das Geistige loslöste. Aber man bereitete zuerst den Zögling der Mysterien so vor, daß dieses Geistige sich nicht in solch chaotischem Zustande loslöste wie heute im Schlafe, sondern daß der Mensch im Geistigen wirklich wahrnehmen konnte. Das war das große Erlebnis, welches die Mysterienschüler durchmachten, daß sie nach ihrer Einweihung so wußten von der geistigen Welt, wie der Mensch durch seine Augen und Ohren von der physisch-sinnlichen Welt weiß. Dann konnten sie verkündigen, was sie von dieser geistigen Welt wußten.
[ 5 ] Aber die Zeit rückte heran, in der die Menschennatur nicht mehr durch jene Verrichtungen, welche die der alten Mysterien waren, in dieser Weise so ohne weiteres umgestaltet werden konnte. Der Mensch änderte sich eben im Verlaufe der Geschichte. Es mußte etwas anderes kommen, und das andere, was da kam, war eben, daß eigentlich dasjenige, was auf einer gewissen Stufe der Mensch im Mysterium er lebte, die innere Auferstehung, als historische Tatsache auf Golgatha _ sich abspielte. Nun war also das ein geschichtliches Ereignis geworden. Ein Mensch, Jesus — denn als äußerlich herumgehender Mensch war er eben der Mensch Jesus —, war durch das Mysterium von Golgatha gegangen. Diejenigen, die seine intimen Schüler warten, wußten aber, daß er nach einer gewissen Zeit unter ihnen lebendig erschienen ist — die Art wollen wir heute nicht prüfen —, daß also die Auferstehung eine Wahrheit ist.
[ 6 ] So kann man sagen: Es war einmal innerhalb des Laufes dieser Menschheitsentwickelung da die Tatsache, daß an einem Orte der Erde sich das zugetragen hat, daß durch die Kraft eines Außerirdischen, des Christus-Impulses, ein Mensch den Tod überwunden hatte, so daß die Überwindung des Todes unter den Erfahrungen, unter den Erlebnissen des Erdendaseins selber sein konnte. Damit aber war etwas geschehen in der geschichtlichen Menschheitsentwickelung, was gerade für den Verstand unbegreiflich ist, der sich jetzt besonders entwickeln sollte, der im Fortschritt der Menschen lag. Denn für den menschlichen Verstand ist das nicht begreiflich, daß ein Mensch stirbt, begraben wird und aufersteht. Zum Heile der Erdenentwickelung war daher etwas notwendig, mußte etwas im physischen Gange dieser Erdenentwickelung geschehen, was für den Verstand, der gerade gut _ anzuwenden ist in bezug auf das Naturdasein, unbegreiflich ist. Und eigentlich ist es ehrlich, zuzugeben, daß je weiter die Menschen in der Entwickelung dieses Verstandes vorrücken — und die Entwickelung im Bewußtseinszeitalter ist ja vorzugsweise die Entwickelung des Intellektuellen —, desto unbegreiflicher das Ereignis von Golgatha für den zunächst auf die äußere Natur gerichteten Verstand werden muß. So daß} man sagen kann: Derjenige, der nur sich bewußt ist der Handhabung des gewöhnlichen Verstandes, wie er auf das Naturdasein gerichtet ist, der muß sich ehrlicherweise nach und nach gestehen: er begreift das Mysterium von Golgatha nicht. Aber er muß sich einen Ruck geben, weil er es dennoch begreifen muß. Das ist das Wesentliche, sich einen Ruck geben zu können, über den gesunden Menschenverstand einfach hinauszudenken. Das ist das Wesentliche, das ist etwas, was als Notwendiges eintreten muß, sich diesen Ruck zu geben, um etwas scheinbar gerade für die höchste menschliche Kraft Unverständliches dennoch verstehen zu lernen.
[ 7 ] Je mehr die intellektuelle Entwickelung vorschreitet, von der die Blüte der Wissenschaft abhängt, desto mehr mußte für diese intellektuelle Entwickelung zurücktreten das Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Aus diesem Grunde war es auch, daß es nicht die gebildeten Hebräer, nicht die gebildeten Griechen, nicht die gebildeten Römer waren, die zunächst gewissermaßen wie historisch auserlesen waren zu dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha, in der Art, wie ich Ihnen das Mysterium von Golgatha auseinandergesetzt habe; die haben es umgesetzt in andere Vorstellungen, wie ich gestern ausgeführt habe, sondern es waren die primitiv gebildeten Barbaren des Nordens, welche in ihre primitv gebildeten Seelen hereinnahmen den Christus, der zu ihnen kam, so wie er zu dem Jesus von Nazareth gekommen ist. Man kann schon in dem Sinne, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe, sagen: Der Christus kam zunächst im Ereignis von Golgatha zu dem Menschen Jesus von Nazareth. Da wurde zunächst die Menschheit hingewiesen — die Menschheit der Hebräer, die Menschheit der Griechen, die Menschheit der Römer — auf das Wichtigste, was im Erdendasein geschah. Dann aber kam der Christus noch einmal, vereinte sich mit den Menschen, die den Norden, den Osten Europas bevölkerten, die keine solche Bildung hatten wie die Hebräer, wie die Griechen, wie die Römer. Da vereinigte er sich nicht mit einem einzelnen Menschen, da vereinigte er sich mit den Volksseelen dieser Volksstämme. Aber wir haben gestern auch betonen müssen: Diese Volksstämme entwickelten sich nach und nach. Sie mußten gewissermaßen auf einer fünften Stufe nachholen dasjenige, was auf einer vierten Stufe durchgemacht hatten die hebräisch-griechisch-lateinischen Völker. Und wir haben ja gestern betont, daß erst im Zeitalter Goethes das Zeitalter Platos mit Bezug auf eine spätere Stufe erreicht worden war. Mit Goetheanismus selber war für die fünfte nachatlantische Zeit der Platonismus des Griechentums, der für die vierte nachatlantische Zeit da war, wiedergekommen. Doch noch war man nicht so weit im Goetheanismus, daß man etwa schon der ganzen neuen Gestaltung der Auffassung des Mysteriums von Golgatha gegenüberstand, sondern, wie ich gestern sagte, in der Erwartung davon.
[ 8 ] Diese Stimmung der neueren Menschheit gegenüber dem Mysterium von Golgatha, sie kann man insbesondere richtig studieren, wenn man die Persönlichkeit, aber jetzt die Geist-Seelenpersönlichkeit Goethes wirklich richtig versteht. Die Frage ist eine durch und durch geisteswissenschaftliche: Wo stehen Goethe und diejenigen, die zu ihm gehören, verschiedene Geister, die mit ihm in Verbindung waren, wo steht der Goetheanismus an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert mit Bezug auf die Menschheitsentwickelung, mit Bezug auf die Auffassung des Christus-Impulses? — Man könnte zunächst darauf hinblicken: Wie steht er eigentlich äußerlich drinnen in der europäischen Entwickelung, dieser Goetheanismus?
[ 9 ] Da wird es gut sein, sich etwas zurückzurufen, was ich jetzt, die Jahre unserer katastrophalen Zeit hindurch, öfter zu Ihnen gesprochen habe, da wird es gut sein, sich zurückzurufen die Antwort auf die Frage: Woher kommen eigentlich die europäischen Peripheriekulturen mit ihrem amerikanischen Nachwuchs? — Wir dürfen nicht vergessen: Wer unbefangen den Blick auf diese europäischen Peripheriekulturen hinrichtet, der weiß, daß die Kultur Englands, Frankreichs, Italiens, des Balkans, so weit er vorwärtsgeschritten ist, dahinter aber sogar die Kultur des europäischen Ostens, ausgestrahlt ist von Europas Mitte; sie sind alle ausgestrahlt. Es wäre natürlich ein furchtbares Vorurteil, zu glauben, daß dasjenige, was heute italienische Kultur ist, etwas anderes ist als das, was von der Mitte Europas nach Italien ausgestrahlt ist, nur überzogen von dem lateinischen Wesen, das in der Sprache und in der äußeren Form geblieben ist. Es wäre ein furchtbares Vorurteil, zu glauben, daß die englische Kultur etwas anderes ist als dasjenige, was von Europas Mitte ausgestrahlt ist und eigentlich erst eingefaßt ist, auch wiederum durch Sprache und dergleichen, in anderes Wesen, sogar viel weniger als das italienische oder das französische Wesen. Aber alles dasjenige, was Frankreich, England, Italien, ja auch in vieler Beziehung was der europäische Osten ist, das ist ausgestrahlt aus Europas Mitte. Und in dieser Mitte ist dann zurückgeblieben dasjenige, was eben sich jetzt ergeben hat, nachdem die Kulturen ausgestrahlt sind, was geblieben ist als der Schoß, aus dem sich herausentwickelt hat der Goetheanismus. Wir stehen heute in der ohne Emotion hinzunehmenden Tatsache, daß dasjenige, was ausgestrahlt ist in die Peripherie, mit aller Macht daran arbeitet, zu vernichten, auch geistig-seelisch zu vernichten dasjenige, wovon es, als in Europas Mitte befindlich, ausgestrahlt ist. Es wird einmal die Welt dieses ungeheuerste Phänomen des Menschheitsgeschehens in einer ganz andern Weise ansehen als in unserer Gegenwart, wo sich diese Welt anschickt, vierzehn Gedankenleichen des Westens als Götzenbilder anzubeten. Es wird einstmals die Menschheit verstehen, daß dasjenige geschah, was man nennen kann das absolute Vernichtenwollen desjenigen, was ausgestrahlt ist nach allen Seiten. Die Tragik dieser Tatsache wird sich selbstverständlich erfüllen.
[ 10 ] Denn in der Richtung dieser Tatsache liegt es, daß in einem weiteren Entwickelungsschritte für Europa dasjenige erscheint, was — mit Ausnahme der letzten Jahrzehnte, wo man sagen kann, daß eben andere Kräfte gewaltet haben — sich angebahnt und durch die Jahrhunderte entwickelt hat dadurch, daß von Europas Mitte überallhin ausstrahlten auch die persönlichen Züge derjenigen, welche die Kulturen nach den verschiedensten Seiten ausbilden. Oh, über diesen Punkt ist heute die Menschheit so wenig geneigt, ein unbefangenes Urteil sich zu bilden! Ich darf sagen, ich selbst stand ja in innigem Zusammenhange mit der Arbeit meines alten Freundes Karl Julius Schröer, als er damals die letzten Spuren, die zu finden waren, um der Sache eine vollständig gesicherte wissenschaftliche Basis zu geben, der verschiedenen Dialekte, der verschiedenen Sprachen, der verschiedenen Wesen der Volksteile studierte, die als die deutschen Volksteile Nordungarns, Siebenbürgens und sonst der verschiedenen Gegenden Österreichs zu betrachten sind. Wer da betrachtet alles das, was sich an die anspruchslosen Wörterbücher und Grammatiken der Zipser Deutschen, der Siebenbürgener Sachsen in den Schröerschen Studien anknüpfte, die ich in persönlichem Anteil mit ihm, als einem damaligen Erforscher der Ausbreitung der mitteleuropäischen Kultur, der er war, besprechen durfte, der darf sagen, daß Schröer noch zusammenhängt mit einem Wissen, das leider heute im Trubel, im Sturm der Ereignisse gar nicht mehr berücksichtigt wird. Aber man sehe hin auf dieses Ungarn, wo nämlich eine rein magyarische Kultur eingerichtet werden sollte im Laufe der letzten Jahrzehnte, seit dem Jahre 1867, man sehe hin, nicht mit politischer Unwahrheit und politischer Verblendung, politischem Haß, man sehe hin der Wahrheit gemäß: Dann wird man entdecken, daß in die Gegenden, die nachher als die Länder des Magyarentums magyarisiert werden sollten, eingezogen sind Menschen vom Rhein her als die Siebenbürgener Sachsen, Menschen von weiter westlich als die Zipser Deutschen, Menschen aus dem heutigen Schwaben als die Banater Deutschen. Das alles ist das Ferment, welches die Grundlage bildet für die magyarische Kultur, über die nur hinübergegossen ist dasjenige, was dann im Grunde genommen sehr spät erst sich gebildet hat als magyarische Kultur. Aber auf dem Grunde dieser magyarischen Kultur ist — wenn auch nicht in das, was durch die Sprache ausdrückbar ist, aber in die Gefühle, in die Empfindungen, in das ganze Volkstum — immer eingeflossen dasjenige, was durch Jahrhunderte aus Europas Mitte dahin gekommen ist.
[ 11 ] So staunenswert dieses ist: für alle Peripheriegegenden Europas könnten Sie, wenn Sie nur die Gesamtgeschichte Europas nehmen, dasselbe studieren. Im Osten kam die slawische Welle entgegen dem, was von der Mitte ausgestrahlt ist, überzog das, was von der Mitte ausgestrahlt ist, mit der slawischen Welle; vom Westen kam die romanische Welle. Und durch eine tragische Verkettung, die aber eine innere geschichtliche Notwendigkeit hat, wandte sich dann die Peripherie gegen dasjenige, was in der Mitte im Schoß übriggeblieben ist; wandte sich so, daß aus diesem Wenden eine Tatsache ganz klar ist — das mag geglaubt werden oder nicht, darüber mag leicht gespottet oder gehöhnt werden oder nicht: Dasjenige, was zurückgeblieben ist in Europas Mitte, dasjenige, was aus dem Goetheanismus herausgewachsen ist, geistig-seelisch aufgefaßt in seiner Wirklichkeit und in seiner Wahrheit, das findet heute in der besten Durchschnittserkenntnis der Peripherie eben kein Verständnis noch. Und von dem könnte man sagen: Überall wird, bis in die amerikanischen Gegenden hinüber, von der eigentlichen Substanz des mitteleuropäischen Wesens so gesprochen, als ob man eben keine Ahnung davon hätte. Man kann keine Ahnung davon haben. Aber die Weltgeschichte wird das zutage fördern. Das ist dasjenige, was einem in gewissem Sinne eine Kraft geben kann, an dem festhalten zu können.
[ 12 ] Gewiß, ich habe Ihnen am Silvesterabend hier ein Bild vorgeführt, das errechnet ist von einem Menschen, der gut rechnen kann, über die zukünftigen Verhältnisse Mitteleuropas. Nicht anders als so werden sie sein, wenn sich alles dasjenige erfüllt, wenn sich auch nur ein Teil von dem erfüllt, was die Peripherieländer wollen. Aber dieses Mitteleuropa, dessen Vernichtung beschlossen ist in bezug auf das äußere Dasein, dessen Vernichtung sich ja wahrscheinlich auch zunächst für die nächsten Jahre und Jahrzehnte erfüllen wird — denn so ist es beschlossen im Rate der Peripheriemächte —, das hatte in seinem Schoße die letzte Ausgestaltung dessen, was wir gestern charakterisiert haben; das hatte in seinem Schoße die letzte Ausgestaltung desjenigen, was dennoch wichtig ist als ein Ferment für die Menschheitsentwickelung. Es muß einfließen, es muß einfach diese Entwickelung sich fortsetzen, die ich Ihnen für das Magyarentum charakterisiert habe. Dieses Ausstrahlen wird sich schon fortsetzen.
[ 13 ] Nur wird begriffen werden müssen, gerade in Mitteleuropa, dasjenige, was allerdings in den letzten Jahrzehnten wenig in Mitteleuropa begriffen worden ist: begriffen wird werden müssen etwas von der Art, wie es in den Intentionen liegt der Dreigliederung des sozialen Wesens, so wie ich sie Ihnen angeführt habe. Gerade Mitteleuropa wird dazu berufen sein, diese Dreigliedrigkeit zu begreifen. Und vielleicht, wenn dieses Mitteleuropa keinen äußeren Staat hat, wenn dieses Mitteleuropa im Chaos zu leben tragisch genötigt ist, dann erst wird man anfangen zu begreifen, daß überwunden werden müssen alte Anschauungen, für die jetzt die Peripherie Europas kämpft, weil diese alten Anschauungen auch von der Peripherie Europas nicht werden aufrechterhalten werden können. Der alte Staatsbegriff wird schwinden; er wird der Dreiteilung Platz machen. Und auch in dieses äußere Leben wird einziehen müssen dasjenige, was der Goetheanismus ist. Ob man es so nennt oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Das Wesentliche ist, daß in Goethes Weltanschauung der Vorblick liegt auf dasjenige, was einfach auch in bezug auf die äußere soziale Gestaltung der Menschheit klarwerden muß. Aber dies alles kann man nur durchschauen, wenn man sich Mühe gibt, diesen Repräsentanten, diesen völligsten Repräsentanten des deutschen Wesens, Goethe, zu verstehen, der daher ein so völliger Repräsentant des deutschen Wesens ist, weil er so ohne allen nationalen Chauvinismus oder etwas ist, was nur an nationalen Chauvinismus oder an Nationalismus, wie man das heute auffaßt, erinnert. Man muß diesen Repräsentanten der neueren Zeit, diesen modernsten Menschen, zu gleicher Zeit diesen in seinem Wesen für die Geisteskultur fruchtbarsten Menschen, ihn muß man zu erfassen versuchen. In der Erfassung Goethes kann man nicht sagen, daß die Menschheit eigentlich besonders weit ist. Goethe fühlte sich selber innerhalb seiner Umgebung als ein Einsamer. Und wenn auch Goethe eine von denjenigen Persönlichkeiten war, solche Umgangsformen zu entwickeln — auch solche, wenn ich so sagen darf, Umgangsgeschicklichkeit und Umgangsgrazie zu entwickeln —, daß ein mögliches Verhältnis zu dieser Umgebung sich einstellte: der eigentliche Goethe, der in dem Inneren dieses in Weimar lebenden, später äußerlich als dicker Geheimrat mit dem Doppelkinn auftretenden Menschen, der innere Mensch, der in diesem dicken Geheimrat mit dem Doppelkinn lebte, der fühlte sich einsam. Und einsam in einer gewissen Beziehung ist er heute noch immer. Einsam ist er aus einem ganz bestimmten Grunde, und einsam mußte er sich fühlen. Solch ein Gefühl seiner Kultureinsamkeit, seines Nichtverstandenseins lag vielleicht zugrunde, als er in späteren Jahren das merkwürdige Wort aussprach: Die Deutschen werden vielleicht in einem Jahrhundert anders sein, als sie jetzt sind, sie werden vielleicht dann aus Gelehrten Menschen geworden sein.
[ 14 ] Der Ausspruch muß einen wirklich in tiefster Seele berühren. Denn, sehen Sie, als nach dem Tode des letzten Goethe-Enkels in Weimar das Goethe- und Schiller-Archiv und die Goethe-Gesellschaft begründet wurden, da wurde dieses begründet durch eine Versammlung von Menschen — wahrhaftig, ich will es im besten Sinne des Wortes sagen —, durch eine Versammlung von Gelehrten. Der Goethe-Dienst wurde dazumal eingerichtet von Menschen, von Persönlichkeiten, die wahrhaftig noch nicht aus Gelehrten Menschen geworden waren. Ja, man kann noch weiter gehen. Sie wissen, wie sehr ich Herman Grimm, den Kunsthistoriker, den feinen Essayisten verehre, und ich habe aus dieser Verehrung nie einen Hehl gemacht und Ihnen in verschiedener Weise über die Verehrung, die ich Herman Grimm entgegenbringe, gesprochen. Ich habe Ihnen auch unbedingt gestanden, daß ich in dem Buche, das von Herman Grimm über Goethe herrührt, das Beste sehe, was in biographischer, monographischer Weise über: Goethe geschrieben worden ist. Aber nun nehmen Sie dieses Buch von Herman Grimm: Aus einer gewissen menschlichen Liebe und aus einem Weltblicke heraus ist es geschrieben; aber suchen Sie sich ein Bild von der Goethe-Gestalt zu machen, die dann vor Ihnen steht, wenn Sie dieses Buch auf sich haben wirken lassen! Wie ist diese Goethe-Gestalt? Ein Gespenst ist sie doch, ein Gespenst, nicht der lebende Goethe! Man kann das Gefühl nicht losbekommen, wenn man diese Dinge ernst und würdig nimmt. Herman Grimm, würde er heute Goethe begegnen, oder wäre er zu seinen Lebzeiten Goethe begegnet, er würde, weil er in der Tradition, die sich auf Goethe aufgebaut hat, innigste Goethe-Verehrung aufgenommen hat, jederzeit bereit gewesen sein, zu sagen: Goethe ist prädestiniert dazu, der geistige König nicht nur Mitteleuropas, sondern der ganzen Menschheit zu werden. — Ja, Herman Grimm würde auch, wenn es auf ihn angekommen wäre, alles getan haben, um als Herold zu dienen, wenn es sich darum gehandelt hätte, Goethe zum König der Erdenbildung zu machen. Aber das andere Gefühl bekommt man nicht los: Wenn Herman Grimm nun angefangen hätte, mit Goethe etwa reden zu wollen oder Goethe mit Herman Grimm: Herman Grimm würde kaum Verständnis gefunden haben für das Innerste des Goetheschen Wesens. Denn was er in seinem Buche schildert, ist ganz gewiß das Beste, was er von Goethe gewußt hat, aber nichts anderes als der Schatten, den Goethe auf seine ganze Umgebung warf, der Eindruck, den er auf seine Zeit warf. Da ist nichts, aber auch gar nicht das geringste von dem, was in der Goethe-Seele lebte; ein Gespenst aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts, nicht dasjenige, was in Goethes Tiefen lebte.
[ 15 ] Das ist eine merkwürdige Erscheinung, die muß man sich nur in allem Ernste und in aller Würde vor die Seele halten. Und blickt man jetzt von diesem — nicht Goetheanismus, sondern von dieser GoetheAnhängerschaft, die wahrhaftig auch hundert Jahre nach Goethe sehr viel mehr gelehrt als menschlich ist —, blickt man davon zurück auf Goethe selbst, dann erblickt man unter dem mancherlei Großen, unter dem mancherlei Grandiosen, das bei Goethe einem entgegentritt, vor allen Dingen eines. Nehmen Sie «Die Geheimnisse», die vor kurzem hier durch Frau Dr. Steiner rezitiert worden sind, nehmen Sie das Pandora-, das Prometheus-Fragment, nehmen Sie anderes, nehmen Sie den Umstand, daß «Die Natürliche Tochter» nur den ersten Teil einer Trilogie enthält, die nicht vollendet worden ist, nehmen Sie den Umstand, daß in diesem Fragment ein Größtes, das in Goethe lebte, sich ausdrückte: so haben Sie die merkwürdige, die ganz merkwürdige Tatsache, daß dann, wenn Goethe den Anlauf nahm, ein Größtes auszudrücken, er nicht zu Ende kam, weil er ehrlich genug war, nicht äußerlich, wie es ja auch Dichter, Künstler so machen, die Sache abzurunden, zu vollenden, sondern aufzuhören, wenn die innere Quellkraft versiegte. Daher so viel Unvollendetes. Aber die Sache geht doch noch weiter. Die Sache geht so weit, daß man sagen kann: Der «Faust» ist zwar in äußerlicher Beziehung abgeschlossen, aber wieviel ist im «Faust» innerlich morsch, wieviel ist im «Faust», was so ist, wie die Gestalt des Mephistopheles selber! — Lesen Sie, was ich über den Faust, über die Gestalt des Mephistopheles in dem kleinen Goethe-Büchelchen dargestellt habe, das vor kurzem erschienen ist, wo ich davon spreche, wie Goethe in Mephistopheles eine Gestalt hingestellt hat, die es eigentlich gar nicht gibt, indem die zwei Gestalten, Luzifer und Ahriman, durcheinandergeflossen sind und chaotisch durcheinanderwirbeln. Und im Laufe dieser Woche werden Sie hier dargestellt finden die letzten Szenen vor dem Auftreten der Helena, vor dem Beginn des dritten Aktes im zweiten Teile des «Faust»: etwas, was Goethe in hohen Jahren vollendet hat, etwas, was auf der einen Seite grandios, tief, gewaltig ist, auf der andern Seite aber, trotzdem es äußerlich fertig ist, innerlich ganz unfertig ist, überall Ansätze enthält von demjenigen, was in Goethes Sehnsuchten lag, in seine Seele aber nicht herein wollte. Sieht man «Faust» an auf seine menschgemäße Größe, so hat man ein gigantisches Werk vor sich, sieht man ihn an im Hinblick auf die Größe, die in ihm leben würde, wenn Goethe das alles hätte in seiner Zeit schon herausbringen können, was in seiner Seele selbst lag, so hat man ein morsches, brüchiges Werk vor sich, das überall in sich unvollendet ist.
[ 16 ] Das ist vielleicht das kraftvollste Testament, das Goethe seinen Nachfahren hinterlassen hat, daß sie nicht nur sich zu ihm bekennen sollen wie ein Gelehrter heute, oder selbst wie ein Mensch, der gebildet ist in einer gewissen Weise. Das ist leicht, aber so leicht hat uns Goethe unsere Stellung zu ihm nicht gemacht. Goethe muß als ein Lebendiger unter uns leben und weiter gefühlt und weiter gedacht werden. Das wichtigste im Goetheanismus steht nicht bei Goethe, weil Goethe innerhalb seiner Zeit nicht in der Lage war, es aus dem Geistigen in seine Seele hereinzubringen, weil überall nur die Ansätze dazu da sind. Goethe fordert von uns, daß wir mit ihm arbeiten, mit ihm denken, mit ihm fühlen, daß wir seine Aufgabe, so wie wenn er überall hinter uns stünde und uns auf die Schulter klopfte und Rat erteilte, weiterführen. In diesem Sinne ist das ganze 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein, man kann sagen, von Goethe abgefallen. Und die Aufgabe unserer Zeit ist, den Weg zu Goethe wieder zurückzufinden. Im Grunde genommen ist dem wirklichen Goetheanismus nichts fremder als die gesamte äußere Erdenkultur vom Ende des 19. Jahrhunderts oder gar vom 20. Jahrhundert, mit Ausnahme von einigem Geistigen, was getrieben worden ist. Der Weg muß durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu Goethe zurückgefunden werden.
[ 17 ] Das kann nur der verstehen, der recht auf die Frage einzugehen in der Lage ist: Wo stand eigentlich in Wirklichkeit Goethe? — Sie haben von Goethe das ehrlichste Menschheitsgeständnis — ich habe es gestern charakterisiert —, daß er eigentlich vom Heidentum ausging, wie es auch dem Platonismus seines Zeitalters entsprach. Der Knabe errichtet sich einen heidnischen Naturaltar. Der Mann Goethe empfängt dann die stärksten Einflüsse nicht von dem traditionell überkommenen christlichen Kirchentum, das ihm im Grunde immer fremd geblieben ist, denn seine Weltanschauung ist die Weltanschauung der Erwartung gegenüber der neuen Auffassung des Mysteriums von Golzatha. Diejenigen, die sich im alten traditionellen Sinne in bequemer Weise zu dem christlichen Kirchenglauben bekannten, oder selbst innerhalb dieses christlichen Kirchenglaubens allerlei bloß äußerliche Reformen durchführen wollten, sie waren ihm wahrhaftig nicht innerlich geistigseelisch verwandt. Er fühlte eigentlich immer so wie damals, da er es aussprach, als er mit zwei scheinbar guten Christen, mit Zavaier und Basedow eine Reise machte, mit zwei Menschen, die auf einem zwar fortgeschrittenen, aber doch alten Kirchenchristentum standen: «Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten.» So fühlte er sich eigentlich, wenn er zwischen zwei Menschen in seinem Zeitalter war. Denn er sprach es ja auch aus: er war gegenüber den Christen, die in seiner Umgebung waren, stets der dezidierte Nichtchrist, gerade weil er die Menschheit vorbereiten sollte zu der erwartungsvollen Christus-Stimmung.
[ 18 ] Und so sehen wir, daß auf seine Geisteskultur drei Menschen in einer merkwürdigen Weise den allergrößten Einfluß haben. Diese drei Menschen sind eigentlich durchaus Menschen, die in gewisser Weise Weltkinder sind. Gewöhnliche christliche Prediger würden für Goethe nicht gelegen gekommen sein. Die drei Persönlichkeiten, die auf ihn den größten Einfluß genommen haben, sind ja: Erstens Shakespeare; warum hat Shakespeare einen so maßgebenden Einfluß auf Goethe genommen? Einfach aus dem Grunde, weil Goethe darauf ausging, eine Brücke zu bauen von dem Menschlichen zu dem Übermenschlichen, nicht aus einer abstrakten Regelhaftigkeit, nicht aus einer durchlässigen Intellektualität heraus, sondern aus dem Menschlichen selbst heraus. Goethe brauchte das Festhalten an dem Menschlichen, um innerhalb des Menschlichen den Übergang zu finden vom Menschlichen zum Übermenschlichen. So sehen wir Goethe ringen, auszugestalten, zu formen das Menschliche, wie es Shakespeare bis zu einem gewissen Grade getan hat, aus dem Menschlichen herauszuarbeiten. Beobachten Sie doch, wie Goethe in die Hand nimmt «Die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand», dessen Selbstbiographie; wie er, möglichst wenig verändernd, diese Geschichte dramatisiert, die erste Gestalt seines «Götz von Berlichingen» bildet; wie er dann eine zweite Gestalt, schon mehr umgestaltet, schon mehr geformt, daraus bildet, dann eine dritte Gestalt. Goethe sucht in einer Weise seine ehrlichen eigenen Wege, indem er anknüpft an Shakespeares Menschlichkeit, aber aus dieser Menschlichkeit die Übermenschlichkeit herausgestalten will.
[ 19 ] Das kann er erst, als er auf seiner Italienreise — man lese seine Briefe — aus dem ihm Verwandten, aus den griechischen Kunstwerken glaubt erkennen zu können, wie die Griechen nach denselben Intentionen, göttlichen Intentionen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt. Er brauchte seinen wahren Weg, seinen individuellen, persönlich durchgemachten wahren Weg. Er konnte nicht an dasjenige glauben, was ihm seine Umgebung sagte; er mußte seinen Weg finden.
[ 20 ] Der zweite Geist, der auf ihn einen ungeheueren Einfluß genommen hat, war ganz gewiß ein dezidierter Nichtchrist, nämlich Spinoza. In Spinoza hatte er die Möglichkeit, das Göttliche so zu finden, wie der Mensch dieses Göttliche findet, wenn er den Weg sich bahnen will aus dem Menschlichen ins Übermenschliche. Spinozas Gedanken sind im Grunde genommen die letzte Ausprägung, für das Zeitalter der Intellektualität, des alten hebräischen Sich-Gott-Näherns. Spinozas Gedanken stehen als solche dem Christus-Impuls ganz ferne. Aber Spinozas Gedanken sind so, daß die menschliche Seele in ihnen gewissermaßen die Fäden findet, um sich an ihnen zu halten, wenn sie jenen Weg sucht: Da drinnen im menschlichen Inneren, da ist mein Wesen; von diesem menschlichen Wesen suche ich zum Übermenschlichen weiterzudringen. — Diesen Weg, den er verfolgen konnte, den er nicht bloß sich vorpredigen lassen mußte, den er verfolgen konnte, indem er Spinoza verfolgte, diesen Weg betrachtete Goethe in gewissem Sinne in einem gewissen Lebensalter als den seinigen.
[ 21 ] Und der dritte Geist, der auf ihn den größten Einfluß nahm, war Linné, der Botaniker. Warum Linné? Linné aus dem Grunde, weil Goethe nicht wollte irgendeine andere botanische Wissenschaft haben, eine andere Wissenschaft von den Lebewesen als eine solche, welche die Lebewesen einfach so, wie es Linné getan hat, nebeneinander hinstellt in der Reihe. Alles abstrakte Denken, das allerlei Gedanken herausfindet über Pflanzenklassen, Pflanzengattungen und so weiter, das war Goethe nicht verwandt. Ihm war es darum zu tun, in Linné einen Menschen auf sich wirken zu lassen, der die Dinge nebeneinander stellte. Denn Goethe wollte von einem höheren Standpunkte aus als diejenigen, die in abstrakter Weise die Pflanzen betrachten, das, was Linné gewissenhaft nebeneinander gestellt hat als Pflanzenformen, in seiner Art verfolgen, so wie der Geist waltet dutch dieses Nebeneinanderstellen.
[ 22 ] Gerade diese drei Geister, die im Grunde genommen Goethe dasjenige geben konnten, was nun nicht in seinem innersten Lebenszentrum war, sondern was er von außen bekommen mußte, gerade diese Geister sind es, die den stärksten Einfluß auf ihn gehabt haben. Goethe selber hatte nichts Shakespearisches, denn als er auf die Höhe seiner Kunst kam, schuf er seine «Natürliche Tochter», die wahrhaftig nichts von Shakespeares Kunst hat, sondern nach einer ganz andern Seite hin strebt; aber er konnte dieses sein innerstes Wesen nur dadurch entwickeln, daß er an Shakespeare sich heranbildete. Goethes Weltanschauung hat nichts von einem abstrakten Spinozismus, aber das, was Goethe in seinem Innersten hatte als seinen Weg zu Gott, konnte er nur an Spinoza gewinnen. Goethes Morphologie hat nichts von dem Nebeneinanderstellen der organischen Wesen wie bei Linné, aber Goethe brauchte es, bei Linn& nehmen zu können, was er selbst nicht hatte. Und dasjenige, was er dazu zu geben hatte, war neu.
[ 23 ] Und so wuchs denn Goethe heran, wuchs hinein in seine Vierzigerjahre, herangebildet an Shakespeare, Linné und Spinoza, durchgegangen durch die Anschauungen der Kunst, die sich ihm in Italien geboten hat, wo er gegenüber den Kunstwerken sprach: «Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» Und wie es seiner Zeit gemäß war, ging in ihm in einer stark unbewußten Weise, aber auch bis zu einem gewissen Grade bewußten Weise, das vor sich, was man nennen kann seinen Vorübergang an dem Hüter der Schwelle. Und nun vergleichen Sie, wenn Sie sein Vorübergehen an dem Hüter im Beginne der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts ins Auge fassen, Worte, die wie.die Anbetungsworte an die Isis im alten Ägypten klingen, in diesem Ihnen eben durch Frau Dr. Steiner vorgetragenen Prosahymnus «Die Natur», wo Goethe noch ganz heidnisch fühlt, mit demjenigen, was Ihnen entgegentritt in einer gewaltigen Imagination im «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie»: dann haben Sie den Goetheschen Weg aus dem Heidentum heraus in das Christentum. Aber da steht in Bildern dasjenige, was dann Goethe nach seinem Durchgang durch den Schwellenort war, nach seinem Vorbeigang an dem Hüter der Schwelle; das steht in Bildern da, die er selber intellektuell gedankenmäßig den Leuten nicht zergliedern konnte, die aber doch gewaltige Bilder sind. Wozu ist man genötigt, wenn man den Goethe verstehen will, der das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» geschrieben hat? Vergleichen Sie das, was in dem schon angeführten Goethe-Büchlein steht über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie»: Solcher Tatsache steht man gegenüber, wenn man eben darauf hinblickt, daß Goethe dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» als eine gewaltige Imagination geschaffen hat nach seinem Vorübergang bei dem Hüter der Schwelle.
[ 24 ] Dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das ist entsprungen aus der verwandelten Seele, nachdem diese Seele überwunden hat das heidnische Empfinden, wie es sich noch ausspricht in dem Prosahymnus: Natur, wir sind von ihr umgeben und umschlungen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen... Auch das Unnatürliche ist Natur... Alles ist ihr Leben, und der Tod nur ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben — und so weiter, diese heidnische Isis-Stimmung, sie verwandelt sich in die tiefen, jetzt nicht mit dem Verstande zu fassenden Wahrheiten, die in den gewaltigen Imaginationen des «Märchens von der grünen Schlange und der schönen Lilie» liegen, wo Goethe geradezu hinstellt, wie alles dasjenige, was der Mensch durch äußere empirische Wissenschaft finden kann, nur zu dem Irrlichtelieren der Irrlichter führen kann; wie aber dasjenige, was der Mensch in seinem Innersten entwickeln muß, ihn dazu führt, seine Seelenkräfte so auszubilden, daß ihm Vorbild sein kann die sich hinopfernde Schlange, die ihr eigenes Wesen hinopfert dem Entwickelungsgange der Menschheit, damit die Brücke gebaut werden kann zwischen den zwei Reichen des Sinnlichen und des Übersinnlichen, zwischen denen sich erhebt der Tempel, der neue Tempel, durch den man die Empfindung haben kann von dem übersinnlichen Reiche.
[ 25 ] Gewiß, in diesem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ist nicht von dem Christus die Rede. Aber ebensowenig wie der Christus verlangte von einem guten Anhänger, daß er immer nur sagte: Herr, Herr! —, ebensowenig ist derjenige nur ein guter Christ, der immer sagt: Christus, Christus! — Die Art, wie die Bilder gefaßt sind, die Art, wie die Menschenseele in ihrer Verwandlung gedacht ist in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», die Folge der Gedanken, die Kraft der Gedanken, die ist christlich, die ist der neue Weg zu Christus. Denn warum? Es gab schon zu Goethes Zeiten viele Interpretationen dieses Märchens; seither sind auch noch viele dazugekommen. Wir hatten versucht, in dieses Märchen hineinzuleuchten vom Standpunkte der Geisteswissenschaft. Ich darf hier, in diesem Kreise darf es ja ausgesprochen werden, über dieses Märchen sprechen. Es war am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als mir — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — zuerst der Knopf über dieses Märchen aufgegangen ist. Niemals habe ich wiederum den Weg verlassen, der immer weiter und weiter führen soll zum Verständnis Goethes an der Hand dieser gewaltigen Imaginationen, die in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ausgeführt sind. Man darf sagen: Der Verstand, der uns ganz gut leitet, um naturwissenschaftliche Wahrheiten zu finden, der Verstand, der uns ganz gut leitet, um die äußere Naturanschauung gerade in ihrer Blüte in Gemäßheit der heutigen Zeit und ihrer Verhältnisse zu gewinnen, dieser Verstand versagt vollständig, wenn man dieses Märchen begreifen will. Da ist notwendig, daß man sich seinen Verstand befruchten läßt von den Vorstellungen der Geisteswissenschaft. Da haben Sie umgesetzt in unsere Zeit und ihre Verhältnisse dasselbe, was der ganzen Menschheit notwendig ist für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha.
[ 26 ] Für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha muß der Verstand erst ausgebildet werden. Er muß sich einen Ruck geben. Für das Verständnis der äußeren Natur braucht er diesen Ruck nicht. Immer unmöglicher ist es geworden sowohl der lateinischen wie der germanischen Kultur — der lateinischen Kultur, weil sie zu stark in der Dekadenz, der germanischen Kultur, weil sie nicht bis zu dieser Entwickelung noch aufgestiegen ist —, aus der bloßen Intellektualität heraus die Seele so weit zu schulen, daß sie den neuen Weg zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha finden kann. Wenn Sie aber die Möglichkeit in sich entwickeln, die Seelenkräfte so umzugestalten, daß Sie anfangen, als eine naturgemäße innere Sprache den Übergang zu der Bildhaftigkeit, nach der Goethe gestrebt hat, zu finden, dann schulen Sie Ihre Seelenkräfte so, daß Sie den Weg zu der neuen Erfassung des Mysteriums von Golgatha finden. Das ist dasjenige, worauf es ankommt.
[ 27 ] Goethe ist nicht nur wichtig durch das, was er hervorgebracht hat, Goethe ist wichtig vor allen Dingen durch dasjenige, was er aus unserer Seele macht, wenn wir uns ganz hingebungsvoll in sein innerstes Wesen vertiefen. Dann kann die Menschheit nach und nach auch bewußt jenen Weg finden vorbei an dem Hüter der Schwelle, den Goethe noch zum guten Glück unbewußt gegangen ist, daher er gerade diejenigen Werke nicht vollenden konnte, in denen er sich am tiefsten aussprechen wollte. Ein Flimmern und Schimmern von Bewußtem und Unbewußtem, von Erreichbarem und Unerreichbarem lebte gerade in Goethes Seele. Wenn wir so etwas wie die «Geheimnisse» auf uns wirken lassen, wenn wir so etwas auf uns wirken lassen wie die «Pandora», wie alle diejenigen Dinge, die Goethe nicht vollendet hat, dann haben wir das Gefühl: In dieser Nichtvollendung liegt etwas, was sich loslösen muß in der Seele der Nachfahren Goethes, und was als großes Geistgebilde vollendet werden muß.
[ 28 ] Goethe war einsam. In bezug auf das, was Goethe wirklich war, war Goethe einsam, einsam in seiner Entwickelung. Der Goetheanismus hat viel Verborgenes. Aber wenn auch das 19. Jahrhundert noch nicht erfüllt hat, daß aus Gelehrten Menschen geworden sind, während Goethe aus der Gelehrsamkeit zu einer menschlichen Weltauffassung sich durchgerungen hat, so muß gerade die Entwickelung mit Hilfe des Goethe-Impulses vorwärtsschreiten. Ich habe gestern gesagt und heute wiederholt: Die Kraft, die mit dem Mysterium von Golgatha verbunden ist, sie hat sich einmal in einer wenig bekannten Provinz des Römischen Reiches mit dem einen Menschen Jesus von Nazareth verbunden, dann mit den Volksseelen Mitteleuropas. Aber sie ist dann ins Innere gegangen. Und aus dem, was da in Mitteleuropa im Inneren webte, sind hervorgegangen solche Leistungen wie die Goethes und des ganzen Goetheanismus. Aber gerade das 19. Jahrhundert hat viel dazu getan, um den Goetheanismus im Grabe ruhen zu lassen. Auf allen Gebieten hat das 19. Jahrhundert alles getan, um den Goetheanismus im Grabe ruhen zu lassen.
[ 29 ] Diejenigen Gelehrten, die am Ende der achtziger Jahre in Weimar die Goethe-Gesellschaft gegründet haben, sie haben sich viel eher zu Totengräbern des Goetheanismus geeignet als dazu, irgend etwas von diesem Goetheanismus aufzuerwecken. Die Zeit ist ganz gewiß für das äußere Leben nicht da, in welcher der Goetheanismus schon leben kann. Das hängt zusammen mit dem, was wir jetzt vielfach besprochen haben: mit der geisteswissenschaftlichen Erneuerung der Menschenseelen. Mag über dieses Europa, welches jetzt in einem gewissen Sinn seinen Selbstmord verüben will, was immer kommen: das Grab, welches vor allen Dingen in erster Linie die Gedankenlosigkeit der modernen Kultur gräbt, dieses Grab wird doch auch ein Grab sein, aus dem etwas aufersteht. Ich habe schon darauf hingedeutet: Mit den mitteleuropäischen Volksseelen hat sich verbunden der ChristusGeist; im Schoße dieser Volksseelen ist der Goetheanismus entstanden. Es wird eine Auferstehung kommen, eine Auferstehung, die man sich nicht politisch vorstellen soll, eine Auferstehung, die ganz anders aussehen wird, aber eine Auferstehung wird es sein. Der Goetheanismus lebt nicht, der Goetheanismus ruht noch im Grabe für die äußere Kultur. Der Goetheanismus muß aber auferstehen.
[ 30 ] Es sei auch dafür ein Zeichen der Bau, den wir versucht haben, hier auf diesem Hügel zu errichten, daß wir uns ehrlich vornehmen, so mutig, als es in der Gegenwart notwendig ist, uns vornehmen, den Goetheanismus zur Auferstehung zu bringen. Dazu müssen wir allerdings den Mut haben, jenen Goetheanismus, der sich bisher so genannt hat, in seiner ungoethischen Weise zu verstehen und zu durchschauen und an Goethes Wesen selbst heranzutreten. Wir müssen ebenso lernen, Goethes Geist zu bejahen, wie ihn das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts verleugnet haben, verleugnet haben auf allen möglichen Gebieten. Dann wird zusammenhängen der Weg der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, der im absoluten Sinne zu gewinnen ist, mit dem historischen Weg der Wiederauferweckung des Goetheanismus, aber auch mit dem Impuls, der aus dieser Auferweckung des Goetheanismus kommen kann, zu dem neuen Verständnis des Mysteriums von Golgatha, zu dem richtigen ChristusVerständnis, wie es für unsere Zeit notwendig ist. Den Wegweiser zu dem der Menschheit notwendigen Christentum der Zukunft wird unsere Zeit vielleicht gerade in dem dezidierten Nichtchristen Goethe finden, der so wie der Christus selber verlangt hat, daß man nicht immer sage: Herr, Herr — sondern seinen Geist in seinem Herzen und in seinem Gemüte trage; der als Goetheanismus nicht immer spricht: Christ, Christus, der aber um so mehr von dem, was als Realität in die Menschheit vom Mysterium von Golgatha ausgeflossen ist, im Herzen bewahrt, damit dieses Herz das abstrakte und intellektualistische Wissen, das Naturwissen der Gegenwart allmählich umwandele in dasjenige, durch welches man hineinschaut in die übersinnlichen Welten, um dem Menschen Kraft zu geben für eine tiefere Erkenntnis der Welt und für eine menschenwürdige Gestaltung der sozialen Struktur. Davon wollen wir dann ein nächstes Mal weiter sprechen.
