Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188
12 January 1919, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Was ich gestern bemerklich machen wollte, das ist, von der einen Seite angesehen, daß der eigentliche Inhalt, der tiefere Inhalt des ChristusImpulses, der durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommen ist, sich nicht mit einem Male, auch nicht in der relativ langen Zeit, in der es nunmehr schon ein Christentum gibt, der Menschheit ganz mitgeteilt hat, sondern daß in alle Zukunft hin immer mehr und mehr von dem Inhalt des Christus-Impulses der Menschheit sich mitteilen will; daß mit anderen Worten tief wahr ist das Wort des Christus Jesus: «Ich bin bei euch alle Tage durch die Zeitenwende hindurch.» Und nicht untätig meinte der Christus unter den Menschen zu sein, sondern tätig sich offenbarend, eingehend in ihre Seelen, aufmunternd die Seelen, stärkend die Seelen; so daß, wenn diese Seelen dasjenige wissen, was in ihnen vorgeht, sie den Weg finden, die Verbindung finden können mit dem Christus, sich stark innerhalb ihres Erdenringens fühlen können.
[ 1 ] What I wanted to point out yesterday is that, viewed from one perspective, the actual content—the deeper content—of the Christ impulse, which came into the world through the Mystery of Golgotha, has not been fully revealed to humanity all at once, nor even over the relatively long period of time that Christianity has now existed, has been fully communicated to humanity; but that, far into the future, more and more of the content of the Christ impulse will seek to be communicated to humanity; that, in other words, the words of Christ Jesus are profoundly true: “I am with you always, even to the end of the age.” And Christ did not mean to be idle among human beings, but to reveal Himself actively, entering into their souls, encouraging their souls, strengthening their souls; so that when these souls know what is taking place within them, they may find the way, may find connection with Christ, and may feel strong within their earthly struggles.
[ 2 ] Zu alldem aber ist es notwendig, gerade für diese unsere Zeit des Bewußtseinszeitalters, soweit es heute schon der Fall sein kann — und wie gesagt, der Inhalt wird immer klarer und reicher erfließen für die Menschheit —, sich heute schon klarzumachen, was denn eigentlich zu der Offenbarung des Christus-Impulses gehört. Um in diesem Punkte richtig zu verstehen, muß man erst durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß das Menschengeschlecht wirklich sich im Laufe der Erdenzeiten entwickelt hat, verändert hat. Diese Veränderung, man kann sie am besten so charakterisieren, daß man sagt: Wenn man zurückblickt in sehr, sehr alte Erdenzeiten, weit zurückliegend vor dem Mysterium von Golgatha, da findet man, genauer zugesehen, die Leiblichkeit des Menschen noch geistiger, als sie heute ist. Und diese Leiblichkeit des Menschen war es, die aufsteigen ließ jene Visionen, welche atavistischem Hellsehen die übersinnliche Welt in einer gewissen Weise offenbarten. Aber diese Fähigkeit, diese Kraft, in atavistischem Hellsehen sich bekanntzumachen mit der geistigen Welt, ging nach und nach der Menschheit verloren. Und gerade zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha hereinbrach, war eben eine Krisis. Da war die Krisis hereingebrochen, die da zeigte, daß die Leiblichkeit des Menschen am stärksten in ihrer Kraft abgenommen hatte mit Bezug auf die Offenbarung des Geistigen.
[ 2 ] In addition to all this, however, it is necessary—especially in our present Age of Consciousness, to the extent that this is already the case today—and as I have said, the content will flow ever more clearly and richly to humanity—to realize even now what actually belongs to the revelation of the Christ impulse. To understand this point correctly, one must first be imbued with the realization that the human race has truly developed and changed over the course of Earth’s history. This change can best be characterized by saying: If one looks back to very, very ancient earthly times, long before the Mystery of Golgotha, one finds—upon closer inspection—that the physical nature of human beings was even more spiritual than it is today. And it was this physical nature of human beings that gave rise to those visions which, through atavistic clairvoyance, revealed the supersensible world in a certain way. But this ability, this power to become acquainted with the spiritual world through atavistic clairvoyance was gradually lost to humanity. And precisely at the time when the Mystery of Golgotha dawned, a crisis had arisen. A crisis had broken out that revealed that the physical nature of human beings had most significantly diminished in its power with regard to the revelation of the spiritual.
[ 3 ] Nun mußte von jenem Zeitpunkte, von jener Krisis an, eine der Abschwächung der Leibeskraft entsprechende Verstärkung des SeelischGeistigen, der seelisch-geistigen Kraft eintreten. Aber hier im Erdenkörper müssen wir mit dem Werkzeuge unseres Leibes rechnen. Der Mensch wäre einfach nicht fähig gewesen, die Verstärkung seines Seelisch-Geistigen, die notwendig wurde mit dem Herabdämmern der Leibeskraft, zu erwerben, wenn ihm nicht Hilfe geworden wäre aus einer Region, die nicht die Erdenregion ist, sondern die außerirdisch ist, wenn nicht etwas von außerhalb der Erde auf die Erde hereingekommen wäre: eben der Christus-Impuls. Der Mensch wäre zu schwach gewesen, selbst vorzurücken.
[ 3 ] From that point on, from that crisis onward, there had to be a strengthening of the soul-spiritual, of the soul-spiritual power, corresponding to the weakening of physical strength. But here in the earthly body, we must rely on the instruments of our body. Human beings simply would not have been capable of attaining the strengthening of their soul-spiritual nature—which became necessary as physical strength began to wane—had they not received help from a region that is not the earthly region but is extraterrestrial; had something not come to Earth from outside the Earth: namely, the Christ impulse. Humanity would have been too weak to advance on its own.
[ 4 ] Das aber zeigt sich ganz besonders, wenn man ins Auge faßt das alte Mysterienwesen. Wozu war denn dieses Mysterienwesen eigentlich? Im Ganzen kann man sagen: Die große und breite Masse unserer Vorfahren — das heißt von uns selbst, denn wir selbst waren in unserem vorigen Leben eben die Menschen, die wir unsere Vorfahren nennen —, war in sehr, sehr alten Zeiten mit einem viel dumpferen Bewußtsein behaftet als heute. Sie waren mehr instinktive Wesen. Und jene Menschen hätten sich in diesem instinktiven Wesen nicht hineinfinden können in eine Erkenntnis, die doch aber zum Heil des Menschen, zu seinem Aufrechterhalten, zu seinem werdenden Kraftbewußtsein nötig ist. Da konnten dann gewisse, durch ihr Karma dazu berufene Persönlichkeiten, die eben in die Mysterien eingeweiht wurden, den andern, die mehr ein Instinktleben führten, die Wahrheiten verkündigen, die man die Heilswahrheiten nennen kann. Aber diese Verkündigung war in den alten Zeiten nur möglich aus einer gewissen Konstitution des menschlichen Organismus, des menschlichen Wesens heraus, die heute nicht mehr vorhanden ist. Die Mysterienzeremonien, die Mysterienverrichtungen durch die verschiedenen Grade hindurch bestanden darinnen, daß der Mensch wirklich in den Mysterien ein anderer wurde. Das kann man sich heute nicht mehr gut vorstellen, weil es durch solche äußeren Verrichtungen — ich habe sie neulich für die ägyptischen Mysterien geschildert — heute in solchem Grade nicht möglich ist. Die Menschennatur wurde durch Erzeugung von gewissen Emotionen, von gewissen inneren Seelenerlebnissen, wirklich so umgestaltet, daß sich in völligem Bewußtsein das Geistige loslöste. Aber man bereitete zuerst den Zögling der Mysterien so vor, daß dieses Geistige sich nicht in solch chaotischem Zustande loslöste wie heute im Schlafe, sondern daß der Mensch im Geistigen wirklich wahrnehmen konnte. Das war das große Erlebnis, welches die Mysterienschüler durchmachten, daß sie nach ihrer Einweihung so wußten von der geistigen Welt, wie der Mensch durch seine Augen und Ohren von der physisch-sinnlichen Welt weiß. Dann konnten sie verkündigen, was sie von dieser geistigen Welt wußten.
[ 4 ] But this becomes particularly evident when one considers the ancient mystery traditions. What, then, was the purpose of this mystery tradition? On the whole, one can say: The vast majority of our ancestors—that is, ourselves, for in our previous lives we were precisely the people we call our ancestors—were, in very, very ancient times, endowed with a much more dulled consciousness than we have today. They were more instinctive beings. And those people, in their instinctive nature, would not have been able to find their way to a knowledge that is, after all, necessary for the salvation of humanity, for its preservation, and for the development of its consciousness of power. Thus, certain individuals—called to this task by their karma and initiated into the Mysteries—were able to proclaim to the others, who led a more instinctive life, the truths that can be called the truths of salvation. But in ancient times, this proclamation was possible only through a certain constitution of the human organism, of the human being, which no longer exists today. The mystery ceremonies—the rites performed through the various degrees—consisted in the fact that the human being truly became a different person within the mysteries. It is difficult to imagine this today, because such external rites—which I recently described in connection with the Egyptian mysteries—are no longer possible to that extent. Human nature was truly transformed through the evocation of certain emotions and certain inner soul experiences, so that the spiritual realm was released in full consciousness. But first, the initiate was prepared in such a way that this spiritual realm was not released in a chaotic state, as it is today during sleep, but rather so that the person could truly perceive the spiritual realm. This was the great experience that the Mystery students underwent: that after their initiation, they knew the spiritual world just as a person knows the physical-sensory world through their eyes and ears. Then they were able to proclaim what they knew of this spiritual world.
[ 5 ] Aber die Zeit rückte heran, in der die Menschennatur nicht mehr durch jene Verrichtungen, welche die der alten Mysterien waren, in dieser Weise so ohne weiteres umgestaltet werden konnte. Der Mensch änderte sich eben im Verlaufe der Geschichte. Es mußte etwas anderes kommen, und das andere, was da kam, war eben, daß eigentlich dasjenige, was auf einer gewissen Stufe der Mensch im Mysterium er lebte, die innere Auferstehung, als historische Tatsache auf Golgatha _ sich abspielte. Nun war also das ein geschichtliches Ereignis geworden. Ein Mensch, Jesus — denn als äußerlich herumgehender Mensch war er eben der Mensch Jesus —, war durch das Mysterium von Golgatha gegangen. Diejenigen, die seine intimen Schüler warten, wußten aber, daß er nach einer gewissen Zeit unter ihnen lebendig erschienen ist — die Art wollen wir heute nicht prüfen —, daß also die Auferstehung eine Wahrheit ist.
[ 5 ] But the time was drawing near when human nature could no longer be transformed so readily in this way through the rites that had been part of the ancient mysteries. Human beings simply changed in the course of history. Something else had to come, and what did come was precisely that what human beings had experienced in the mystery at a certain stage—the inner resurrection—actually took place as a historical fact on Golgotha. So this had now become a historical event. A human being, Jesus—for as a human being walking among people, he was simply the human being Jesus—had passed through the Mystery of Golgotha. Those who were his intimate disciples, however, knew that after a certain time he had appeared alive among them—we will not examine the manner of this today—and thus that the Resurrection is a truth.
[ 6 ] So kann man sagen: Es war einmal innerhalb des Laufes dieser Menschheitsentwickelung da die Tatsache, daß an einem Orte der Erde sich das zugetragen hat, daß durch die Kraft eines Außerirdischen, des Christus-Impulses, ein Mensch den Tod überwunden hatte, so daß die Überwindung des Todes unter den Erfahrungen, unter den Erlebnissen des Erdendaseins selber sein konnte. Damit aber war etwas geschehen in der geschichtlichen Menschheitsentwickelung, was gerade für den Verstand unbegreiflich ist, der sich jetzt besonders entwickeln sollte, der im Fortschritt der Menschen lag. Denn für den menschlichen Verstand ist das nicht begreiflich, daß ein Mensch stirbt, begraben wird und aufersteht. Zum Heile der Erdenentwickelung war daher etwas notwendig, mußte etwas im physischen Gange dieser Erdenentwickelung geschehen, was für den Verstand, der gerade gut _ anzuwenden ist in bezug auf das Naturdasein, unbegreiflich ist. Und eigentlich ist es ehrlich, zuzugeben, daß je weiter die Menschen in der Entwickelung dieses Verstandes vorrücken — und die Entwickelung im Bewußtseinszeitalter ist ja vorzugsweise die Entwickelung des Intellektuellen —, desto unbegreiflicher das Ereignis von Golgatha für den zunächst auf die äußere Natur gerichteten Verstand werden muß. So daß} man sagen kann: Derjenige, der nur sich bewußt ist der Handhabung des gewöhnlichen Verstandes, wie er auf das Naturdasein gerichtet ist, der muß sich ehrlicherweise nach und nach gestehen: er begreift das Mysterium von Golgatha nicht. Aber er muß sich einen Ruck geben, weil er es dennoch begreifen muß. Das ist das Wesentliche, sich einen Ruck geben zu können, über den gesunden Menschenverstand einfach hinauszudenken. Das ist das Wesentliche, das ist etwas, was als Notwendiges eintreten muß, sich diesen Ruck zu geben, um etwas scheinbar gerade für die höchste menschliche Kraft Unverständliches dennoch verstehen zu lernen.
[ 6 ] So one might say: Once, in the course of human evolution, there was an event that took place in one place on Earth—namely, that through the power of an extraterrestrial being, the Christ impulse, a human being had overcome death, so that the overcoming of death could become part of the experiences and events of earthly existence itself. But with this, something had happened in the historical development of humanity that is incomprehensible precisely to the intellect—the very intellect that was now to develop further, which lay at the heart of human progress. For the human intellect cannot comprehend that a human being dies, is buried, and rises again. For the sake of Earth’s evolution, therefore, something was necessary; something had to happen in the physical course of this earthly evolution that is incomprehensible to the intellect—which is particularly well-suited to understanding natural existence. And in fact, it is honest to admit that the further human beings advance in the development of this intellect—and development in the Age of Consciousness is, after all, primarily the development of the intellectual—the more incomprehensible the event of Golgotha must become to the intellect, which is initially directed toward external nature. So that} one can say: Anyone who is aware only of the use of ordinary reason, as it is directed toward the natural world, must honestly admit to himself, little by little, that he does not comprehend the mystery of Golgotha. But they must make an effort, because they must understand it nonetheless. That is the essential point: being able to make an effort to think beyond common sense. That is the essential point; it is something that must necessarily occur—making this effort to learn to understand something that seems incomprehensible even to the highest human power.
[ 7 ] Je mehr die intellektuelle Entwickelung vorschreitet, von der die Blüte der Wissenschaft abhängt, desto mehr mußte für diese intellektuelle Entwickelung zurücktreten das Verständnis für das Mysterium von Golgatha. Aus diesem Grunde war es auch, daß es nicht die gebildeten Hebräer, nicht die gebildeten Griechen, nicht die gebildeten Römer waren, die zunächst gewissermaßen wie historisch auserlesen waren zu dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha, in der Art, wie ich Ihnen das Mysterium von Golgatha auseinandergesetzt habe; die haben es umgesetzt in andere Vorstellungen, wie ich gestern ausgeführt habe, sondern es waren die primitiv gebildeten Barbaren des Nordens, welche in ihre primitv gebildeten Seelen hereinnahmen den Christus, der zu ihnen kam, so wie er zu dem Jesus von Nazareth gekommen ist. Man kann schon in dem Sinne, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe, sagen: Der Christus kam zunächst im Ereignis von Golgatha zu dem Menschen Jesus von Nazareth. Da wurde zunächst die Menschheit hingewiesen — die Menschheit der Hebräer, die Menschheit der Griechen, die Menschheit der Römer — auf das Wichtigste, was im Erdendasein geschah. Dann aber kam der Christus noch einmal, vereinte sich mit den Menschen, die den Norden, den Osten Europas bevölkerten, die keine solche Bildung hatten wie die Hebräer, wie die Griechen, wie die Römer. Da vereinigte er sich nicht mit einem einzelnen Menschen, da vereinigte er sich mit den Volksseelen dieser Volksstämme. Aber wir haben gestern auch betonen müssen: Diese Volksstämme entwickelten sich nach und nach. Sie mußten gewissermaßen auf einer fünften Stufe nachholen dasjenige, was auf einer vierten Stufe durchgemacht hatten die hebräisch-griechisch-lateinischen Völker. Und wir haben ja gestern betont, daß erst im Zeitalter Goethes das Zeitalter Platos mit Bezug auf eine spätere Stufe erreicht worden war. Mit Goetheanismus selber war für die fünfte nachatlantische Zeit der Platonismus des Griechentums, der für die vierte nachatlantische Zeit da war, wiedergekommen. Doch noch war man nicht so weit im Goetheanismus, daß man etwa schon der ganzen neuen Gestaltung der Auffassung des Mysteriums von Golgatha gegenüberstand, sondern, wie ich gestern sagte, in der Erwartung davon.
[ 7 ] The more intellectual development progresses—on which the flourishing of science depends—the more the understanding of the mystery of Golgotha had to give way to this intellectual development. For this reason, it was not the educated Hebrews, nor the educated Greeks, nor the educated Romans who were, so to speak, historically chosen to understand the Mystery of Golgotha in the way I have explained it to you; they translated it into other concepts, as I explained yesterday; rather, it was the primitively educated barbarians of the North who took into their primitively educated souls the Christ who came to them, just as he came to Jesus of Nazareth. One can indeed say, in the sense I explained yesterday: Christ first came to the human being Jesus of Nazareth in the event of Golgotha. There, humanity—the Hebrews, the Greeks, the Romans—was first made aware of the most important thing that happened in earthly existence. But then Christ came again, uniting Himself with the people who inhabited the north and east of Europe, who did not have the same level of civilization as the Hebrews, the Greeks, or the Romans. There He did not unite with an individual human being; there He united with the national souls of these tribes. But we also had to emphasize yesterday: These tribes developed gradually. In a sense, they had to make up for on a fifth stage what the Hebrew-Greek-Latin peoples had gone through on a fourth stage. And as we emphasized yesterday, it was not until the age of Goethe that the age of Plato had been reached in relation to a later stage. With Goetheanism itself, the Platonism of Greek culture—which had been present during the fourth post-Atlantean epoch—had returned for the fifth post-Atlantean epoch. Yet Goetheanism had not yet progressed to the point where it was already confronting the entire new formulation of the understanding of the Mystery of Golgotha; rather, as I said yesterday, it was still in anticipation of it.
[ 8 ] Diese Stimmung der neueren Menschheit gegenüber dem Mysterium von Golgatha, sie kann man insbesondere richtig studieren, wenn man die Persönlichkeit, aber jetzt die Geist-Seelenpersönlichkeit Goethes wirklich richtig versteht. Die Frage ist eine durch und durch geisteswissenschaftliche: Wo stehen Goethe und diejenigen, die zu ihm gehören, verschiedene Geister, die mit ihm in Verbindung waren, wo steht der Goetheanismus an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert mit Bezug auf die Menschheitsentwickelung, mit Bezug auf die Auffassung des Christus-Impulses? — Man könnte zunächst darauf hinblicken: Wie steht er eigentlich äußerlich drinnen in der europäischen Entwickelung, dieser Goetheanismus?
[ 8 ] This attitude of modern humanity toward the Mystery of Golgotha can be properly studied, in particular, when one truly understands Goethe’s personality—specifically, his spirit-soul personality. The question is one that is thoroughly spiritual-scientific: Where do Goethe and those associated with him—the various spirits who were connected to him—stand? Where does Goetheanism stand at the turn of the 18th to the 19th century in relation to human development and in relation to the understanding of the Christ impulse? — One might first consider: How does this Goetheanism actually fit, outwardly, into European development?
[ 9 ] Da wird es gut sein, sich etwas zurückzurufen, was ich jetzt, die Jahre unserer katastrophalen Zeit hindurch, öfter zu Ihnen gesprochen habe, da wird es gut sein, sich zurückzurufen die Antwort auf die Frage: Woher kommen eigentlich die europäischen Peripheriekulturen mit ihrem amerikanischen Nachwuchs? — Wir dürfen nicht vergessen: Wer unbefangen den Blick auf diese europäischen Peripheriekulturen hinrichtet, der weiß, daß die Kultur Englands, Frankreichs, Italiens, des Balkans, so weit er vorwärtsgeschritten ist, dahinter aber sogar die Kultur des europäischen Ostens, ausgestrahlt ist von Europas Mitte; sie sind alle ausgestrahlt. Es wäre natürlich ein furchtbares Vorurteil, zu glauben, daß dasjenige, was heute italienische Kultur ist, etwas anderes ist als das, was von der Mitte Europas nach Italien ausgestrahlt ist, nur überzogen von dem lateinischen Wesen, das in der Sprache und in der äußeren Form geblieben ist. Es wäre ein furchtbares Vorurteil, zu glauben, daß die englische Kultur etwas anderes ist als dasjenige, was von Europas Mitte ausgestrahlt ist und eigentlich erst eingefaßt ist, auch wiederum durch Sprache und dergleichen, in anderes Wesen, sogar viel weniger als das italienische oder das französische Wesen. Aber alles dasjenige, was Frankreich, England, Italien, ja auch in vieler Beziehung was der europäische Osten ist, das ist ausgestrahlt aus Europas Mitte. Und in dieser Mitte ist dann zurückgeblieben dasjenige, was eben sich jetzt ergeben hat, nachdem die Kulturen ausgestrahlt sind, was geblieben ist als der Schoß, aus dem sich herausentwickelt hat der Goetheanismus. Wir stehen heute in der ohne Emotion hinzunehmenden Tatsache, daß dasjenige, was ausgestrahlt ist in die Peripherie, mit aller Macht daran arbeitet, zu vernichten, auch geistig-seelisch zu vernichten dasjenige, wovon es, als in Europas Mitte befindlich, ausgestrahlt ist. Es wird einmal die Welt dieses ungeheuerste Phänomen des Menschheitsgeschehens in einer ganz andern Weise ansehen als in unserer Gegenwart, wo sich diese Welt anschickt, vierzehn Gedankenleichen des Westens als Götzenbilder anzubeten. Es wird einstmals die Menschheit verstehen, daß dasjenige geschah, was man nennen kann das absolute Vernichtenwollen desjenigen, was ausgestrahlt ist nach allen Seiten. Die Tragik dieser Tatsache wird sich selbstverständlich erfüllen.
[ 9 ] It would be good to recall something I have often said to you throughout these years of our catastrophic times; it would be good to recall the answer to the question: Where, in fact, do these European peripheral cultures—with their American offshoots—come from? — We must not forget: Anyone who takes an unbiased look at these European peripheral cultures knows that the cultures of England, France, Italy, and the Balkans—as far as they have advanced—and even, behind them, the culture of Eastern Europe, radiate from the center of Europe; they all radiate from there. It would, of course, be a terrible prejudice to believe that what is today Italian culture is anything other than what has radiated from the center of Europe to Italy, merely overlaid with the Latin essence that has remained in the language and in outward form. It would be a terrible prejudice to believe that English culture is anything other than what has radiated from the center of Europe and has actually only been framed—again through language and the like—into a different essence, one even much less pronounced than the Italian or French essence. But everything that constitutes France, England, Italy—and indeed, in many respects, Eastern Europe—has radiated from the center of Europe. And in this center has remained that which has now come into being, after the cultures have radiated outward—that which has remained as the womb from which Goetheanism has developed. We are faced today with the fact—which must be accepted without emotion—that what has radiated out to the periphery is working with all its might to destroy, even spiritually and psychologically, that from which it itself radiated out while situated at the heart of Europe. One day, the world will view this most monstrous phenomenon in human history in a completely different light than it does in our present time, when the world is preparing to worship fourteen intellectual corpses of the West as idols. Humanity will one day understand that what took place was what might be called the absolute will to destroy that which has radiated out in all directions. The tragedy of this fact will, of course, come to pass.
[ 10 ] Denn in der Richtung dieser Tatsache liegt es, daß in einem weiteren Entwickelungsschritte für Europa dasjenige erscheint, was — mit Ausnahme der letzten Jahrzehnte, wo man sagen kann, daß eben andere Kräfte gewaltet haben — sich angebahnt und durch die Jahrhunderte entwickelt hat dadurch, daß von Europas Mitte überallhin ausstrahlten auch die persönlichen Züge derjenigen, welche die Kulturen nach den verschiedensten Seiten ausbilden. Oh, über diesen Punkt ist heute die Menschheit so wenig geneigt, ein unbefangenes Urteil sich zu bilden! Ich darf sagen, ich selbst stand ja in innigem Zusammenhange mit der Arbeit meines alten Freundes Karl Julius Schröer, als er damals die letzten Spuren, die zu finden waren, um der Sache eine vollständig gesicherte wissenschaftliche Basis zu geben, der verschiedenen Dialekte, der verschiedenen Sprachen, der verschiedenen Wesen der Volksteile studierte, die als die deutschen Volksteile Nordungarns, Siebenbürgens und sonst der verschiedenen Gegenden Österreichs zu betrachten sind. Wer da betrachtet alles das, was sich an die anspruchslosen Wörterbücher und Grammatiken der Zipser Deutschen, der Siebenbürgener Sachsen in den Schröerschen Studien anknüpfte, die ich in persönlichem Anteil mit ihm, als einem damaligen Erforscher der Ausbreitung der mitteleuropäischen Kultur, der er war, besprechen durfte, der darf sagen, daß Schröer noch zusammenhängt mit einem Wissen, das leider heute im Trubel, im Sturm der Ereignisse gar nicht mehr berücksichtigt wird. Aber man sehe hin auf dieses Ungarn, wo nämlich eine rein magyarische Kultur eingerichtet werden sollte im Laufe der letzten Jahrzehnte, seit dem Jahre 1867, man sehe hin, nicht mit politischer Unwahrheit und politischer Verblendung, politischem Haß, man sehe hin der Wahrheit gemäß: Dann wird man entdecken, daß in die Gegenden, die nachher als die Länder des Magyarentums magyarisiert werden sollten, eingezogen sind Menschen vom Rhein her als die Siebenbürgener Sachsen, Menschen von weiter westlich als die Zipser Deutschen, Menschen aus dem heutigen Schwaben als die Banater Deutschen. Das alles ist das Ferment, welches die Grundlage bildet für die magyarische Kultur, über die nur hinübergegossen ist dasjenige, was dann im Grunde genommen sehr spät erst sich gebildet hat als magyarische Kultur. Aber auf dem Grunde dieser magyarischen Kultur ist — wenn auch nicht in das, was durch die Sprache ausdrückbar ist, aber in die Gefühle, in die Empfindungen, in das ganze Volkstum — immer eingeflossen dasjenige, was durch Jahrhunderte aus Europas Mitte dahin gekommen ist.
[ 10 ] For it is in the light of this fact that, in a further stage of Europe’s development, what is emerging—with the exception of the last few decades, when one can say that other forces have been at work—is something that has been taking shape and developing over the centuries through the fact that, from the heart of Europe, the personal traits of those who shaped cultures in the most diverse ways also radiated out in all directions. Oh, how little inclined humanity is today to form an unbiased judgment on this point! I may say, I myself was closely involved in the work of my old friend Karl Julius Schröer when he was studying the last remaining traces—which could be found to provide a fully established scientific basis for the matter—of the various dialects, the various languages, and the distinct characteristics of the ethnic groups that are to be regarded as the German-speaking communities of Northern Hungary, Transylvania, and other regions of Austria. Anyone who considers all that relates to the unpretentious dictionaries and grammars of the Spiš Germans, and the Transylvanian Saxons—which built upon Schröer’s studies, which I had the privilege of discussing with him personally, as he was then a researcher into the spread of Central European culture—may say that Schröer is still connected to a body of knowledge that, unfortunately, is no longer taken into account today amid the turmoil and storm of events. But let us look at this Hungary, where a purely Magyar culture was to be established over the course of the last few decades, since the year 1867; let us look at it—not through the lens of political falsehood, political delusion, or political hatred—but in accordance with the truth: Then one will discover that the regions which were later to be Magyarized as the lands of Magyar culture were settled by people from the Rhine region—such as the Transylvanian Saxons—people from further west—such as the Spiš Germans—and people from what is now Swabia—such as the Banat Germans. All of this is the ferment that forms the foundation of Magyar culture; over this was merely poured that which, in essence, only very late in the process came to be known as Magyar culture. But at the very foundation of this Magyar culture—even if not in what can be expressed through language, but in the feelings, the sensibilities, and the entire national character—there has always been an infusion of what has flowed there from the heart of Europe over the centuries.
[ 11 ] So staunenswert dieses ist: für alle Peripheriegegenden Europas könnten Sie, wenn Sie nur die Gesamtgeschichte Europas nehmen, dasselbe studieren. Im Osten kam die slawische Welle entgegen dem, was von der Mitte ausgestrahlt ist, überzog das, was von der Mitte ausgestrahlt ist, mit der slawischen Welle; vom Westen kam die romanische Welle. Und durch eine tragische Verkettung, die aber eine innere geschichtliche Notwendigkeit hat, wandte sich dann die Peripherie gegen dasjenige, was in der Mitte im Schoß übriggeblieben ist; wandte sich so, daß aus diesem Wenden eine Tatsache ganz klar ist — das mag geglaubt werden oder nicht, darüber mag leicht gespottet oder gehöhnt werden oder nicht: Dasjenige, was zurückgeblieben ist in Europas Mitte, dasjenige, was aus dem Goetheanismus herausgewachsen ist, geistig-seelisch aufgefaßt in seiner Wirklichkeit und in seiner Wahrheit, das findet heute in der besten Durchschnittserkenntnis der Peripherie eben kein Verständnis noch. Und von dem könnte man sagen: Überall wird, bis in die amerikanischen Gegenden hinüber, von der eigentlichen Substanz des mitteleuropäischen Wesens so gesprochen, als ob man eben keine Ahnung davon hätte. Man kann keine Ahnung davon haben. Aber die Weltgeschichte wird das zutage fördern. Das ist dasjenige, was einem in gewissem Sinne eine Kraft geben kann, an dem festhalten zu können.
[ 11 ] As astonishing as this is: you could study the same phenomenon for all of Europe’s peripheral regions if you simply considered the overall history of Europe. In the East, the Slavic wave—contrary to what radiated from the center—swept over what had radiated from the center, covering it with the Slavic wave; from the West came the Romance wave. And through a tragic chain of events—which, however, has an inner historical necessity—the periphery then turned against that which remained in the bosom of the center; it turned in such a way that one fact emerges quite clearly from this turning—whether one believes it or not, whether one is quick to mock or scoff at it or not: That which has remained in the heart of Europe—that which has grown out of Goetheanism, understood in its reality and truth in a spiritual and soulful sense—still finds no understanding whatsoever today, even in the most average understanding of the periphery. And one could say of this: Everywhere, even as far as the American regions, people speak of the very substance of the Central European essence as if they had no idea what it is. One cannot have any idea of it. But world history will bring this to light. This is what, in a certain sense, can give one the strength to hold fast to it.
[ 12 ] Gewiß, ich habe Ihnen am Silvesterabend hier ein Bild vorgeführt, das errechnet ist von einem Menschen, der gut rechnen kann, über die zukünftigen Verhältnisse Mitteleuropas. Nicht anders als so werden sie sein, wenn sich alles dasjenige erfüllt, wenn sich auch nur ein Teil von dem erfüllt, was die Peripherieländer wollen. Aber dieses Mitteleuropa, dessen Vernichtung beschlossen ist in bezug auf das äußere Dasein, dessen Vernichtung sich ja wahrscheinlich auch zunächst für die nächsten Jahre und Jahrzehnte erfüllen wird — denn so ist es beschlossen im Rate der Peripheriemächte —, das hatte in seinem Schoße die letzte Ausgestaltung dessen, was wir gestern charakterisiert haben; das hatte in seinem Schoße die letzte Ausgestaltung desjenigen, was dennoch wichtig ist als ein Ferment für die Menschheitsentwickelung. Es muß einfließen, es muß einfach diese Entwickelung sich fortsetzen, die ich Ihnen für das Magyarentum charakterisiert habe. Dieses Ausstrahlen wird sich schon fortsetzen.
[ 12 ] Certainly, on New Year’s Eve I presented you here with a picture—calculated by someone skilled in mathematics—of the future conditions in Central Europe. That is exactly how things will be if all of that comes to pass, or even if only part of what the peripheral countries want comes to pass. But this Central Europe, whose destruction has been decreed in terms of its external existence—a destruction that will likely come to pass in the coming years and decades, for so it has been decided by the council of the peripheral powers—held within its bosom the final manifestation of what we characterized yesterday; it held within its bosom the final manifestation of that which is nonetheless important as a catalyst for human development. It must flow in; this development—which I have described to you in relation to the Magyar people—must simply continue. This radiating influence will certainly continue.
[ 13 ] Nur wird begriffen werden müssen, gerade in Mitteleuropa, dasjenige, was allerdings in den letzten Jahrzehnten wenig in Mitteleuropa begriffen worden ist: begriffen wird werden müssen etwas von der Art, wie es in den Intentionen liegt der Dreigliederung des sozialen Wesens, so wie ich sie Ihnen angeführt habe. Gerade Mitteleuropa wird dazu berufen sein, diese Dreigliedrigkeit zu begreifen. Und vielleicht, wenn dieses Mitteleuropa keinen äußeren Staat hat, wenn dieses Mitteleuropa im Chaos zu leben tragisch genötigt ist, dann erst wird man anfangen zu begreifen, daß überwunden werden müssen alte Anschauungen, für die jetzt die Peripherie Europas kämpft, weil diese alten Anschauungen auch von der Peripherie Europas nicht werden aufrechterhalten werden können. Der alte Staatsbegriff wird schwinden; er wird der Dreiteilung Platz machen. Und auch in dieses äußere Leben wird einziehen müssen dasjenige, was der Goetheanismus ist. Ob man es so nennt oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Das Wesentliche ist, daß in Goethes Weltanschauung der Vorblick liegt auf dasjenige, was einfach auch in bezug auf die äußere soziale Gestaltung der Menschheit klarwerden muß. Aber dies alles kann man nur durchschauen, wenn man sich Mühe gibt, diesen Repräsentanten, diesen völligsten Repräsentanten des deutschen Wesens, Goethe, zu verstehen, der daher ein so völliger Repräsentant des deutschen Wesens ist, weil er so ohne allen nationalen Chauvinismus oder etwas ist, was nur an nationalen Chauvinismus oder an Nationalismus, wie man das heute auffaßt, erinnert. Man muß diesen Repräsentanten der neueren Zeit, diesen modernsten Menschen, zu gleicher Zeit diesen in seinem Wesen für die Geisteskultur fruchtbarsten Menschen, ihn muß man zu erfassen versuchen. In der Erfassung Goethes kann man nicht sagen, daß die Menschheit eigentlich besonders weit ist. Goethe fühlte sich selber innerhalb seiner Umgebung als ein Einsamer. Und wenn auch Goethe eine von denjenigen Persönlichkeiten war, solche Umgangsformen zu entwickeln — auch solche, wenn ich so sagen darf, Umgangsgeschicklichkeit und Umgangsgrazie zu entwickeln —, daß ein mögliches Verhältnis zu dieser Umgebung sich einstellte: der eigentliche Goethe, der in dem Inneren dieses in Weimar lebenden, später äußerlich als dicker Geheimrat mit dem Doppelkinn auftretenden Menschen, der innere Mensch, der in diesem dicken Geheimrat mit dem Doppelkinn lebte, der fühlte sich einsam. Und einsam in einer gewissen Beziehung ist er heute noch immer. Einsam ist er aus einem ganz bestimmten Grunde, und einsam mußte er sich fühlen. Solch ein Gefühl seiner Kultureinsamkeit, seines Nichtverstandenseins lag vielleicht zugrunde, als er in späteren Jahren das merkwürdige Wort aussprach: Die Deutschen werden vielleicht in einem Jahrhundert anders sein, als sie jetzt sind, sie werden vielleicht dann aus Gelehrten Menschen geworden sein.
[ 13 ] However, it will be necessary—especially in Central Europe—to understand something that has, admittedly, been little understood there in recent decades: it will be necessary to grasp something of the nature of the intentions underlying the threefold social order, as I have outlined it to you. Central Europe, in particular, will be called upon to understand this threefold structure. And perhaps, if this Central Europe has no external state, if this Central Europe is tragically compelled to live in chaos, only then will people begin to realize that old views—for which the periphery of Europe is now fighting—must be overcome, because even the periphery of Europe will not be able to sustain these old views. The old concept of the state will fade away; it will give way to the threefold social order. And what Goetheanism represents will also have to find its way into this external life. Whether one calls it that or not is entirely irrelevant. What matters is that Goethe’s worldview offers a glimpse into what must simply become clear, even with regard to the external social organization of humanity. But one can only grasp all this if one makes an effort to understand this representative—this most complete representative of the German essence—Goethe, who is such a complete representative of the German essence precisely because he is entirely free of national chauvinism or anything that merely recalls national chauvinism or nationalism, as it is understood today. One must try to grasp this representative of the modern era, this most modern of men, who is at the same time the person most fruitful in his essence for spiritual culture. When it comes to understanding Goethe, one cannot say that humanity has actually made much progress. Goethe himself felt like a loner within his own circle. And even though Goethe was one of those personalities capable of developing such social skills—including, if I may say so, social skill and grace—that a possible relationship with his surroundings might develop: the true Goethe, the inner being living within this man in Weimar—who later appeared outwardly as a stout Privy Councilor with a double chin—the inner person who lived within that stout Privy Councilor with the double chin—he felt lonely. And in a certain sense, he is still lonely today. He is lonely for a very specific reason, and he had to feel lonely. Such a feeling of cultural isolation, of not being understood, may have been at the root of it when, in his later years, he uttered those remarkable words: “The Germans may be different in a century than they are now; they may then have become a people of scholars.”
[ 14 ] Der Ausspruch muß einen wirklich in tiefster Seele berühren. Denn, sehen Sie, als nach dem Tode des letzten Goethe-Enkels in Weimar das Goethe- und Schiller-Archiv und die Goethe-Gesellschaft begründet wurden, da wurde dieses begründet durch eine Versammlung von Menschen — wahrhaftig, ich will es im besten Sinne des Wortes sagen —, durch eine Versammlung von Gelehrten. Der Goethe-Dienst wurde dazumal eingerichtet von Menschen, von Persönlichkeiten, die wahrhaftig noch nicht aus Gelehrten Menschen geworden waren. Ja, man kann noch weiter gehen. Sie wissen, wie sehr ich Herman Grimm, den Kunsthistoriker, den feinen Essayisten verehre, und ich habe aus dieser Verehrung nie einen Hehl gemacht und Ihnen in verschiedener Weise über die Verehrung, die ich Herman Grimm entgegenbringe, gesprochen. Ich habe Ihnen auch unbedingt gestanden, daß ich in dem Buche, das von Herman Grimm über Goethe herrührt, das Beste sehe, was in biographischer, monographischer Weise über: Goethe geschrieben worden ist. Aber nun nehmen Sie dieses Buch von Herman Grimm: Aus einer gewissen menschlichen Liebe und aus einem Weltblicke heraus ist es geschrieben; aber suchen Sie sich ein Bild von der Goethe-Gestalt zu machen, die dann vor Ihnen steht, wenn Sie dieses Buch auf sich haben wirken lassen! Wie ist diese Goethe-Gestalt? Ein Gespenst ist sie doch, ein Gespenst, nicht der lebende Goethe! Man kann das Gefühl nicht losbekommen, wenn man diese Dinge ernst und würdig nimmt. Herman Grimm, würde er heute Goethe begegnen, oder wäre er zu seinen Lebzeiten Goethe begegnet, er würde, weil er in der Tradition, die sich auf Goethe aufgebaut hat, innigste Goethe-Verehrung aufgenommen hat, jederzeit bereit gewesen sein, zu sagen: Goethe ist prädestiniert dazu, der geistige König nicht nur Mitteleuropas, sondern der ganzen Menschheit zu werden. — Ja, Herman Grimm würde auch, wenn es auf ihn angekommen wäre, alles getan haben, um als Herold zu dienen, wenn es sich darum gehandelt hätte, Goethe zum König der Erdenbildung zu machen. Aber das andere Gefühl bekommt man nicht los: Wenn Herman Grimm nun angefangen hätte, mit Goethe etwa reden zu wollen oder Goethe mit Herman Grimm: Herman Grimm würde kaum Verständnis gefunden haben für das Innerste des Goetheschen Wesens. Denn was er in seinem Buche schildert, ist ganz gewiß das Beste, was er von Goethe gewußt hat, aber nichts anderes als der Schatten, den Goethe auf seine ganze Umgebung warf, der Eindruck, den er auf seine Zeit warf. Da ist nichts, aber auch gar nicht das geringste von dem, was in der Goethe-Seele lebte; ein Gespenst aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts, nicht dasjenige, was in Goethes Tiefen lebte.
[ 14 ] This saying must truly touch one’s very soul. For, you see, when the Goethe and Schiller Archive and the Goethe Society were founded in Weimar following the death of Goethe’s last grandson, they were established by a gathering of people—truly, I mean this in the best sense of the word—by a gathering of scholars. The Goethe Society was established at that time by people, by individuals who, in truth, had not yet become mere scholars. Yes, one can go even further. You know how much I admire Herman Grimm, the art historian and the refined essayist, and I have never made a secret of this admiration; I have spoken to you in various ways about the admiration I have for Herman Grimm. I have also frankly admitted to you that I consider the book on Goethe written by Herman Grimm to be the finest work ever written about Goethe in a biographical or monographic sense. But now take this book by Herman Grimm: It is written out of a certain human affection and from a particular worldview; but try to form a picture of the figure of Goethe that stands before you once you have allowed this book to take effect upon you! What is this figure of Goethe like? It is, after all, a specter—a specter, not the living Goethe! One cannot shake this feeling if one takes these things seriously and with due respect. Herman Grimm—if he were to meet Goethe today, or had he met Goethe during his lifetime—would, because he had absorbed the deepest reverence for Goethe within the tradition built upon him, have been ready at any time to say: Goethe is predestined to become the spiritual king not only of Central Europe but of all humanity. — Yes, Herman Grimm would also, had it been up to him, have done everything to serve as a herald if the aim had been to make Goethe the king of earthly culture. But one cannot shake off the other feeling: If Herman Grimm had now begun to want to speak with Goethe, or Goethe with Herman Grimm, Herman Grimm would hardly have found understanding for the innermost essence of Goethe’s being. For what he describes in his book is certainly the best he knew of Goethe, but nothing more than the shadow Goethe cast upon his entire surroundings, the impression he made on his time. There is nothing—not even the slightest trace—of what lived in Goethe’s soul; a specter from the 18th and 19th centuries, not that which lived in the depths of Goethe’s being.
[ 15 ] Das ist eine merkwürdige Erscheinung, die muß man sich nur in allem Ernste und in aller Würde vor die Seele halten. Und blickt man jetzt von diesem — nicht Goetheanismus, sondern von dieser GoetheAnhängerschaft, die wahrhaftig auch hundert Jahre nach Goethe sehr viel mehr gelehrt als menschlich ist —, blickt man davon zurück auf Goethe selbst, dann erblickt man unter dem mancherlei Großen, unter dem mancherlei Grandiosen, das bei Goethe einem entgegentritt, vor allen Dingen eines. Nehmen Sie «Die Geheimnisse», die vor kurzem hier durch Frau Dr. Steiner rezitiert worden sind, nehmen Sie das Pandora-, das Prometheus-Fragment, nehmen Sie anderes, nehmen Sie den Umstand, daß «Die Natürliche Tochter» nur den ersten Teil einer Trilogie enthält, die nicht vollendet worden ist, nehmen Sie den Umstand, daß in diesem Fragment ein Größtes, das in Goethe lebte, sich ausdrückte: so haben Sie die merkwürdige, die ganz merkwürdige Tatsache, daß dann, wenn Goethe den Anlauf nahm, ein Größtes auszudrücken, er nicht zu Ende kam, weil er ehrlich genug war, nicht äußerlich, wie es ja auch Dichter, Künstler so machen, die Sache abzurunden, zu vollenden, sondern aufzuhören, wenn die innere Quellkraft versiegte. Daher so viel Unvollendetes. Aber die Sache geht doch noch weiter. Die Sache geht so weit, daß man sagen kann: Der «Faust» ist zwar in äußerlicher Beziehung abgeschlossen, aber wieviel ist im «Faust» innerlich morsch, wieviel ist im «Faust», was so ist, wie die Gestalt des Mephistopheles selber! — Lesen Sie, was ich über den Faust, über die Gestalt des Mephistopheles in dem kleinen Goethe-Büchelchen dargestellt habe, das vor kurzem erschienen ist, wo ich davon spreche, wie Goethe in Mephistopheles eine Gestalt hingestellt hat, die es eigentlich gar nicht gibt, indem die zwei Gestalten, Luzifer und Ahriman, durcheinandergeflossen sind und chaotisch durcheinanderwirbeln. Und im Laufe dieser Woche werden Sie hier dargestellt finden die letzten Szenen vor dem Auftreten der Helena, vor dem Beginn des dritten Aktes im zweiten Teile des «Faust»: etwas, was Goethe in hohen Jahren vollendet hat, etwas, was auf der einen Seite grandios, tief, gewaltig ist, auf der andern Seite aber, trotzdem es äußerlich fertig ist, innerlich ganz unfertig ist, überall Ansätze enthält von demjenigen, was in Goethes Sehnsuchten lag, in seine Seele aber nicht herein wollte. Sieht man «Faust» an auf seine menschgemäße Größe, so hat man ein gigantisches Werk vor sich, sieht man ihn an im Hinblick auf die Größe, die in ihm leben würde, wenn Goethe das alles hätte in seiner Zeit schon herausbringen können, was in seiner Seele selbst lag, so hat man ein morsches, brüchiges Werk vor sich, das überall in sich unvollendet ist.
[ 15 ] This is a curious phenomenon; one must simply hold it before one’s soul with all seriousness and dignity. And if one now looks back from this—not Goetheanism, but from this Goethean following, which, even a hundred years after Goethe, is truly far more scholarly than human—if one looks back from this to Goethe himself, then among the many great things, among the many magnificent things that one encounters in Goethe, one sees one thing above all else. Take The Mysteries, which were recently recited here by Dr. Steiner; take the Pandora and Prometheus fragments; take other works; take the fact that “The Natural Daughter” contains only the first part of a trilogy that was never completed, take the fact that in this fragment something of the greatest magnitude that lived within Goethe found expression: and you have the remarkable, the truly remarkable fact that whenever Goethe set out to express something of the greatest magnitude, he did not finish, because he was honest enough not to round off or complete the work outwardly—as poets and artists so often do—but to stop when the inner wellspring of creative power ran dry. Hence so much that remains unfinished. But the matter goes even further. It goes so far that one can say: “Faust” is indeed complete in an external sense, but how much of “Faust” is internally rotten, how much of “Faust” is just like the figure of Mephistopheles himself! — Read what I have written about Faust, about the figure of Mephistopheles, in the little book on Goethe that was recently published, where I discuss how Goethe created in Mephistopheles a figure that does not actually exist, in that the two figures, Lucifer and Ahriman, have merged and are chaotically swirling together. And over the course of this week, you will find presented here the final scenes before Helena’s entrance, before the beginning of the third act in the second part of Faust: something that Goethe completed in his later years, something that is, on the one hand, grandiose, profound, and mighty, but on the other hand—despite being outwardly finished—is entirely unfinished internally, containing everywhere hints of what lay in Goethe’s longings but refused to enter his soul. If one considers Faust in terms of its human scale, one has a gigantic work before one; if one considers it in terms of the greatness that would live within it had Goethe been able, in his time, to bring forth all that lay within his own soul, one has a rotten, brittle work before one, one that is incomplete in every respect.
[ 16 ] Das ist vielleicht das kraftvollste Testament, das Goethe seinen Nachfahren hinterlassen hat, daß sie nicht nur sich zu ihm bekennen sollen wie ein Gelehrter heute, oder selbst wie ein Mensch, der gebildet ist in einer gewissen Weise. Das ist leicht, aber so leicht hat uns Goethe unsere Stellung zu ihm nicht gemacht. Goethe muß als ein Lebendiger unter uns leben und weiter gefühlt und weiter gedacht werden. Das wichtigste im Goetheanismus steht nicht bei Goethe, weil Goethe innerhalb seiner Zeit nicht in der Lage war, es aus dem Geistigen in seine Seele hereinzubringen, weil überall nur die Ansätze dazu da sind. Goethe fordert von uns, daß wir mit ihm arbeiten, mit ihm denken, mit ihm fühlen, daß wir seine Aufgabe, so wie wenn er überall hinter uns stünde und uns auf die Schulter klopfte und Rat erteilte, weiterführen. In diesem Sinne ist das ganze 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein, man kann sagen, von Goethe abgefallen. Und die Aufgabe unserer Zeit ist, den Weg zu Goethe wieder zurückzufinden. Im Grunde genommen ist dem wirklichen Goetheanismus nichts fremder als die gesamte äußere Erdenkultur vom Ende des 19. Jahrhunderts oder gar vom 20. Jahrhundert, mit Ausnahme von einigem Geistigen, was getrieben worden ist. Der Weg muß durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu Goethe zurückgefunden werden.
[ 16 ] This is perhaps the most powerful testament Goethe left to his descendants: that they should not merely profess their allegiance to him as a scholar does today, or even as a person who is educated in a certain way. That is easy, but Goethe did not make our relationship to him that simple. Goethe must live among us as a living presence and continue to be felt and thought of. The most important aspect of Goetheanism does not lie with Goethe himself, because Goethe was not able, within his own time, to bring it from the spiritual realm into his soul—for only the beginnings of it are present everywhere. Goethe demands of us that we work with him, think with him, feel with him—that we carry on his task as if he were standing behind us everywhere, patting us on the shoulder and offering advice. In this sense, the entire 19th century—and right up to our own time—has, one might say, strayed from Goethe. And the task of our time is to find our way back to Goethe. Fundamentally, nothing is more alien to true Goetheanism than the entire external earthly culture of the late 19th century—or even of the 20th century—with the exception of certain spiritual endeavors that have been undertaken. The path back to Goethe must be found through anthroposophically oriented spiritual science.
[ 17 ] Das kann nur der verstehen, der recht auf die Frage einzugehen in der Lage ist: Wo stand eigentlich in Wirklichkeit Goethe? — Sie haben von Goethe das ehrlichste Menschheitsgeständnis — ich habe es gestern charakterisiert —, daß er eigentlich vom Heidentum ausging, wie es auch dem Platonismus seines Zeitalters entsprach. Der Knabe errichtet sich einen heidnischen Naturaltar. Der Mann Goethe empfängt dann die stärksten Einflüsse nicht von dem traditionell überkommenen christlichen Kirchentum, das ihm im Grunde immer fremd geblieben ist, denn seine Weltanschauung ist die Weltanschauung der Erwartung gegenüber der neuen Auffassung des Mysteriums von Golzatha. Diejenigen, die sich im alten traditionellen Sinne in bequemer Weise zu dem christlichen Kirchenglauben bekannten, oder selbst innerhalb dieses christlichen Kirchenglaubens allerlei bloß äußerliche Reformen durchführen wollten, sie waren ihm wahrhaftig nicht innerlich geistigseelisch verwandt. Er fühlte eigentlich immer so wie damals, da er es aussprach, als er mit zwei scheinbar guten Christen, mit Zavaier und Basedow eine Reise machte, mit zwei Menschen, die auf einem zwar fortgeschrittenen, aber doch alten Kirchenchristentum standen: «Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten.» So fühlte er sich eigentlich, wenn er zwischen zwei Menschen in seinem Zeitalter war. Denn er sprach es ja auch aus: er war gegenüber den Christen, die in seiner Umgebung waren, stets der dezidierte Nichtchrist, gerade weil er die Menschheit vorbereiten sollte zu der erwartungsvollen Christus-Stimmung.
[ 17 ] Only those who are truly capable of addressing the question can understand this: Where did Goethe actually stand in reality? — You have the most honest confession of humanity from Goethe—I characterized it yesterday—that he actually drew from paganism, as was also in keeping with the Platonism of his era. As a boy, he erected a pagan altar to nature. As an adult, Goethe was then most strongly influenced not by the traditional Christian church, which had essentially always remained alien to him, for his worldview was one of anticipation in the face of the new conception of the Mystery of Golgotha. Those who, in the old traditional sense, comfortably professed the Christian church faith, or who even within this Christian church faith sought to carry out all manner of merely superficial reforms, were truly not kindred to him in spirit and soul. He actually always felt the way he did back then, when he put it into words during a journey with two seemingly good Christians, Zavaier and Basedow—two people who adhered to a form of Christianity that was advanced, yet still rooted in the old church tradition: “Prophet on the right, prophet on the left, the child of the world in the middle.” That was actually how he felt whenever he found himself between two people of his own generation. For he had indeed stated it: he was always the staunch non-Christian in the eyes of the Christians around him, precisely because he was meant to prepare humanity for the expectant Christ-spirit.
[ 18 ] Und so sehen wir, daß auf seine Geisteskultur drei Menschen in einer merkwürdigen Weise den allergrößten Einfluß haben. Diese drei Menschen sind eigentlich durchaus Menschen, die in gewisser Weise Weltkinder sind. Gewöhnliche christliche Prediger würden für Goethe nicht gelegen gekommen sein. Die drei Persönlichkeiten, die auf ihn den größten Einfluß genommen haben, sind ja: Erstens Shakespeare; warum hat Shakespeare einen so maßgebenden Einfluß auf Goethe genommen? Einfach aus dem Grunde, weil Goethe darauf ausging, eine Brücke zu bauen von dem Menschlichen zu dem Übermenschlichen, nicht aus einer abstrakten Regelhaftigkeit, nicht aus einer durchlässigen Intellektualität heraus, sondern aus dem Menschlichen selbst heraus. Goethe brauchte das Festhalten an dem Menschlichen, um innerhalb des Menschlichen den Übergang zu finden vom Menschlichen zum Übermenschlichen. So sehen wir Goethe ringen, auszugestalten, zu formen das Menschliche, wie es Shakespeare bis zu einem gewissen Grade getan hat, aus dem Menschlichen herauszuarbeiten. Beobachten Sie doch, wie Goethe in die Hand nimmt «Die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand», dessen Selbstbiographie; wie er, möglichst wenig verändernd, diese Geschichte dramatisiert, die erste Gestalt seines «Götz von Berlichingen» bildet; wie er dann eine zweite Gestalt, schon mehr umgestaltet, schon mehr geformt, daraus bildet, dann eine dritte Gestalt. Goethe sucht in einer Weise seine ehrlichen eigenen Wege, indem er anknüpft an Shakespeares Menschlichkeit, aber aus dieser Menschlichkeit die Übermenschlichkeit herausgestalten will.
[ 18 ] And so we see that three people have had the greatest influence on his intellectual development in a remarkable way. These three people are, in fact, individuals who, in a certain sense, are children of the world. Ordinary Christian preachers would not have been a good fit for Goethe. The three figures who exerted the greatest influence on him are, after all: First, Shakespeare; why did Shakespeare have such a decisive influence on Goethe? Simply because Goethe sought to build a bridge from the human to the superhuman—not from abstract regularity, not from a detached intellectualism, but from the human itself. Goethe needed to hold fast to the human in order to find, within the human, the transition from the human to the superhuman. Thus we see Goethe struggling to develop and shape the human—as Shakespeare had done to a certain extent—to work it out from within the human itself. Just observe how Goethe takes up The Story of Gottfried von Berlichingen with the Iron Hand, his autobiography; how, altering it as little as possible, he dramatizes this story, forming the first version of his Götz von Berlichingen; how he then creates a second version from it, already more transformed, already more shaped, and then a third version. Goethe seeks his own honest paths in a way that builds upon Shakespeare’s humanity, yet aims to shape superhuman qualities out of that humanity.
[ 19 ] Das kann er erst, als er auf seiner Italienreise — man lese seine Briefe — aus dem ihm Verwandten, aus den griechischen Kunstwerken glaubt erkennen zu können, wie die Griechen nach denselben Intentionen, göttlichen Intentionen verfuhren, nach welchen die Natur selbst verfährt. Er brauchte seinen wahren Weg, seinen individuellen, persönlich durchgemachten wahren Weg. Er konnte nicht an dasjenige glauben, was ihm seine Umgebung sagte; er mußte seinen Weg finden.
[ 19 ] He was only able to do this when, during his trip to Italy—as can be seen in his letters—he believed he could discern, from the Greek works of art that were familiar to him, how the Greeks acted according to the same intentions—divine intentions—that govern nature itself. He needed his own true path, his individual, personally experienced true path. He could not believe what those around him told him; he had to find his own way.
[ 20 ] Der zweite Geist, der auf ihn einen ungeheueren Einfluß genommen hat, war ganz gewiß ein dezidierter Nichtchrist, nämlich Spinoza. In Spinoza hatte er die Möglichkeit, das Göttliche so zu finden, wie der Mensch dieses Göttliche findet, wenn er den Weg sich bahnen will aus dem Menschlichen ins Übermenschliche. Spinozas Gedanken sind im Grunde genommen die letzte Ausprägung, für das Zeitalter der Intellektualität, des alten hebräischen Sich-Gott-Näherns. Spinozas Gedanken stehen als solche dem Christus-Impuls ganz ferne. Aber Spinozas Gedanken sind so, daß die menschliche Seele in ihnen gewissermaßen die Fäden findet, um sich an ihnen zu halten, wenn sie jenen Weg sucht: Da drinnen im menschlichen Inneren, da ist mein Wesen; von diesem menschlichen Wesen suche ich zum Übermenschlichen weiterzudringen. — Diesen Weg, den er verfolgen konnte, den er nicht bloß sich vorpredigen lassen mußte, den er verfolgen konnte, indem er Spinoza verfolgte, diesen Weg betrachtete Goethe in gewissem Sinne in einem gewissen Lebensalter als den seinigen.
[ 20 ] The second thinker who exerted an immense influence on him was undoubtedly a staunch non-Christian, namely Spinoza. In Spinoza, he found the possibility of discovering the divine in the same way that a human being discovers it when seeking to forge a path from the human to the superhuman. Spinoza’s ideas are, in essence, the ultimate expression—for the age of intellectualism—of the ancient Hebrew approach to God. As such, Spinoza’s ideas stand quite far removed from the Christ impulse. But Spinoza’s ideas are such that the human soul finds in them, as it were, the threads to hold onto as it seeks that path: There, deep within the human interior, lies my essence; from this human essence, I seek to penetrate further toward the superhuman. — This path, which he was able to pursue—which he did not merely have to have preached to him, but which he was able to pursue by following Spinoza—Goethe regarded, in a certain sense and at a certain stage of his life, as his own.
[ 21 ] Und der dritte Geist, der auf ihn den größten Einfluß nahm, war Linné, der Botaniker. Warum Linné? Linné aus dem Grunde, weil Goethe nicht wollte irgendeine andere botanische Wissenschaft haben, eine andere Wissenschaft von den Lebewesen als eine solche, welche die Lebewesen einfach so, wie es Linné getan hat, nebeneinander hinstellt in der Reihe. Alles abstrakte Denken, das allerlei Gedanken herausfindet über Pflanzenklassen, Pflanzengattungen und so weiter, das war Goethe nicht verwandt. Ihm war es darum zu tun, in Linné einen Menschen auf sich wirken zu lassen, der die Dinge nebeneinander stellte. Denn Goethe wollte von einem höheren Standpunkte aus als diejenigen, die in abstrakter Weise die Pflanzen betrachten, das, was Linné gewissenhaft nebeneinander gestellt hat als Pflanzenformen, in seiner Art verfolgen, so wie der Geist waltet dutch dieses Nebeneinanderstellen.
[ 21 ] And the third figure who had the greatest influence on him was Linnaeus, the botanist. Why Linnaeus? Linnaeus, for the simple reason that Goethe did not want any other kind of botanical science—any other science of living beings—than one that simply arranges living beings side by side in a series, just as Linnaeus did. All abstract thinking that devises all sorts of ideas about plant classes, plant genera, and so on—that was not Goethe’s way. His concern was to allow Linnaeus—a man who arranged things side by side—to influence him. For Goethe wanted, from a higher vantage point than those who view plants in an abstract manner, to trace in his own way what Linnaeus had conscientiously arranged side by side as plant forms, just as the spirit reigns through this juxtaposition.
[ 22 ] Gerade diese drei Geister, die im Grunde genommen Goethe dasjenige geben konnten, was nun nicht in seinem innersten Lebenszentrum war, sondern was er von außen bekommen mußte, gerade diese Geister sind es, die den stärksten Einfluß auf ihn gehabt haben. Goethe selber hatte nichts Shakespearisches, denn als er auf die Höhe seiner Kunst kam, schuf er seine «Natürliche Tochter», die wahrhaftig nichts von Shakespeares Kunst hat, sondern nach einer ganz andern Seite hin strebt; aber er konnte dieses sein innerstes Wesen nur dadurch entwickeln, daß er an Shakespeare sich heranbildete. Goethes Weltanschauung hat nichts von einem abstrakten Spinozismus, aber das, was Goethe in seinem Innersten hatte als seinen Weg zu Gott, konnte er nur an Spinoza gewinnen. Goethes Morphologie hat nichts von dem Nebeneinanderstellen der organischen Wesen wie bei Linné, aber Goethe brauchte es, bei Linn& nehmen zu können, was er selbst nicht hatte. Und dasjenige, was er dazu zu geben hatte, war neu.
[ 22 ] It was precisely these three spirits—who, in essence, were able to give Goethe that which was not at the very core of his being but which he had to receive from outside—that had the strongest influence on him. Goethe himself had nothing Shakespearean about him, for when he reached the height of his art, he created his Natural Daughter, which truly has nothing of Shakespeare’s art but strives toward an entirely different direction; yet he could develop this innermost essence of his only by modeling himself on Shakespeare. Goethe’s worldview has nothing of abstract Spinozism, but what Goethe held in his innermost being as his path to God, he could only gain from Spinoza. Goethe’s morphology has nothing of the juxtaposition of organic beings as found in Linnaeus, but Goethe needed to be able to take from Linnaeus what he himself lacked. And what he had to contribute to it was new.
[ 23 ] Und so wuchs denn Goethe heran, wuchs hinein in seine Vierzigerjahre, herangebildet an Shakespeare, Linné und Spinoza, durchgegangen durch die Anschauungen der Kunst, die sich ihm in Italien geboten hat, wo er gegenüber den Kunstwerken sprach: «Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» Und wie es seiner Zeit gemäß war, ging in ihm in einer stark unbewußten Weise, aber auch bis zu einem gewissen Grade bewußten Weise, das vor sich, was man nennen kann seinen Vorübergang an dem Hüter der Schwelle. Und nun vergleichen Sie, wenn Sie sein Vorübergehen an dem Hüter im Beginne der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts ins Auge fassen, Worte, die wie.die Anbetungsworte an die Isis im alten Ägypten klingen, in diesem Ihnen eben durch Frau Dr. Steiner vorgetragenen Prosahymnus «Die Natur», wo Goethe noch ganz heidnisch fühlt, mit demjenigen, was Ihnen entgegentritt in einer gewaltigen Imagination im «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie»: dann haben Sie den Goetheschen Weg aus dem Heidentum heraus in das Christentum. Aber da steht in Bildern dasjenige, was dann Goethe nach seinem Durchgang durch den Schwellenort war, nach seinem Vorbeigang an dem Hüter der Schwelle; das steht in Bildern da, die er selber intellektuell gedankenmäßig den Leuten nicht zergliedern konnte, die aber doch gewaltige Bilder sind. Wozu ist man genötigt, wenn man den Goethe verstehen will, der das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» geschrieben hat? Vergleichen Sie das, was in dem schon angeführten Goethe-Büchlein steht über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie»: Solcher Tatsache steht man gegenüber, wenn man eben darauf hinblickt, daß Goethe dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» als eine gewaltige Imagination geschaffen hat nach seinem Vorübergang bei dem Hüter der Schwelle.
[ 23 ] And so Goethe grew up, entering his forties, shaped by Shakespeare, Linnaeus, and Spinoza, and imbued with the artistic perspectives that presented themselves to him in Italy, where, looking at the works of art, he said: “There is necessity; there is God.” And as was typical of his time, what might be called his passage past the Guardian of the Threshold took place within him in a largely unconscious manner, yet also, to a certain extent, in a conscious one. And now, when you consider his passage past the Guardian at the beginning of the 1790s, compare words that sound like the words of worship to Isis in ancient Egypt, in that prose hymn “Nature” just recited to you by Dr. Steiner—where Goethe still feels entirely pagan—with what confronts you in a powerful imagination in the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”: then you have Goethe’s path out of paganism and into Christianity. But there, expressed in images, is what Goethe became after his passage through the threshold place, after his passing by the guardian of the threshold; it is expressed in images that he himself could not intellectually dissect for people, yet which are powerful images nonetheless. What must one do if one wishes to understand Goethe, who wrote the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”? Compare what is written in the aforementioned little book by Goethe about the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”: One is confronted with this very fact when one considers that Goethe created this “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” as a powerful work of the imagination after his passage past the Guardian of the Threshold.
[ 24 ] Dieses «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», das ist entsprungen aus der verwandelten Seele, nachdem diese Seele überwunden hat das heidnische Empfinden, wie es sich noch ausspricht in dem Prosahymnus: Natur, wir sind von ihr umgeben und umschlungen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen... Auch das Unnatürliche ist Natur... Alles ist ihr Leben, und der Tod nur ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben — und so weiter, diese heidnische Isis-Stimmung, sie verwandelt sich in die tiefen, jetzt nicht mit dem Verstande zu fassenden Wahrheiten, die in den gewaltigen Imaginationen des «Märchens von der grünen Schlange und der schönen Lilie» liegen, wo Goethe geradezu hinstellt, wie alles dasjenige, was der Mensch durch äußere empirische Wissenschaft finden kann, nur zu dem Irrlichtelieren der Irrlichter führen kann; wie aber dasjenige, was der Mensch in seinem Innersten entwickeln muß, ihn dazu führt, seine Seelenkräfte so auszubilden, daß ihm Vorbild sein kann die sich hinopfernde Schlange, die ihr eigenes Wesen hinopfert dem Entwickelungsgange der Menschheit, damit die Brücke gebaut werden kann zwischen den zwei Reichen des Sinnlichen und des Übersinnlichen, zwischen denen sich erhebt der Tempel, der neue Tempel, durch den man die Empfindung haben kann von dem übersinnlichen Reiche.
[ 24 ] This “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” sprang from the transformed soul, after that soul had overcome the pagan sensibility, as it is still expressed in the prose hymn: Nature—we are surrounded and embraced by her. Uninvited and without warning, she draws us into the circle of her dance and carries us along until we are weary and slip from her embrace... Even the unnatural is nature... Everything is her life, and death is merely her stratagem for having abundant life—and so on; this pagan Isis-like mood transforms into the profound, truths that cannot yet be grasped by the intellect, which lie in the mighty imaginings of the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” where Goethe makes it abundantly clear how everything that man can discover through external empirical science can lead only to the will-o’-the-wisp-like flickering of will-o’-the-wisps; but how that which man must develop in his innermost being leads him to develop his soul forces in such a way that the self-sacrificing serpent—which sacrifices its own being to the course of human development so that a bridge may be built between the two realms of the sensible and the supersensible, between which rises the temple, the new temple, through which one can gain a sense of the supersensible realm—can serve as his model.
[ 25 ] Gewiß, in diesem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ist nicht von dem Christus die Rede. Aber ebensowenig wie der Christus verlangte von einem guten Anhänger, daß er immer nur sagte: Herr, Herr! —, ebensowenig ist derjenige nur ein guter Christ, der immer sagt: Christus, Christus! — Die Art, wie die Bilder gefaßt sind, die Art, wie die Menschenseele in ihrer Verwandlung gedacht ist in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», die Folge der Gedanken, die Kraft der Gedanken, die ist christlich, die ist der neue Weg zu Christus. Denn warum? Es gab schon zu Goethes Zeiten viele Interpretationen dieses Märchens; seither sind auch noch viele dazugekommen. Wir hatten versucht, in dieses Märchen hineinzuleuchten vom Standpunkte der Geisteswissenschaft. Ich darf hier, in diesem Kreise darf es ja ausgesprochen werden, über dieses Märchen sprechen. Es war am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als mir — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — zuerst der Knopf über dieses Märchen aufgegangen ist. Niemals habe ich wiederum den Weg verlassen, der immer weiter und weiter führen soll zum Verständnis Goethes an der Hand dieser gewaltigen Imaginationen, die in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ausgeführt sind. Man darf sagen: Der Verstand, der uns ganz gut leitet, um naturwissenschaftliche Wahrheiten zu finden, der Verstand, der uns ganz gut leitet, um die äußere Naturanschauung gerade in ihrer Blüte in Gemäßheit der heutigen Zeit und ihrer Verhältnisse zu gewinnen, dieser Verstand versagt vollständig, wenn man dieses Märchen begreifen will. Da ist notwendig, daß man sich seinen Verstand befruchten läßt von den Vorstellungen der Geisteswissenschaft. Da haben Sie umgesetzt in unsere Zeit und ihre Verhältnisse dasselbe, was der ganzen Menschheit notwendig ist für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha.
[ 25 ] Certainly, this “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” does not speak of Christ. But just as Christ did not demand that a good follower simply say, “Lord, Lord!” all the time, — nor is someone who constantly says, “Christ, Christ!” merely a good Christian. — The way the images are conceived, the way the human soul is conceived in its transformation in the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” the sequence of thoughts, the power of the thoughts—that is Christian; that is the new path to Christ. Why is that? There were already many interpretations of this fairy tale in Goethe’s time; since then, many more have been added. We had attempted to shed light on this fairy tale from the standpoint of spiritual science. I may speak here—in this circle, it may indeed be said—about this fairy tale. It was at the end of the 1880s, when—if I may put it in simple terms—the meaning of this fairy tale first dawned on me. I have never since strayed from the path that is meant to lead ever further and further toward an understanding of Goethe through these powerful images set forth in “The Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” One might say: The intellect that guides us quite well in discovering scientific truths, the intellect that guides us quite well in gaining an outward view of nature—especially in its full bloom—in harmony with the present age and its circumstances—this very intellect fails completely when one seeks to comprehend this fairy tale. It is therefore necessary to allow one’s intellect to be enriched by the concepts of spiritual science. Here you have translated into our time and its circumstances the very thing that is necessary for all of humanity to understand the Mystery of Golgotha.
[ 26 ] Für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha muß der Verstand erst ausgebildet werden. Er muß sich einen Ruck geben. Für das Verständnis der äußeren Natur braucht er diesen Ruck nicht. Immer unmöglicher ist es geworden sowohl der lateinischen wie der germanischen Kultur — der lateinischen Kultur, weil sie zu stark in der Dekadenz, der germanischen Kultur, weil sie nicht bis zu dieser Entwickelung noch aufgestiegen ist —, aus der bloßen Intellektualität heraus die Seele so weit zu schulen, daß sie den neuen Weg zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha finden kann. Wenn Sie aber die Möglichkeit in sich entwickeln, die Seelenkräfte so umzugestalten, daß Sie anfangen, als eine naturgemäße innere Sprache den Übergang zu der Bildhaftigkeit, nach der Goethe gestrebt hat, zu finden, dann schulen Sie Ihre Seelenkräfte so, daß Sie den Weg zu der neuen Erfassung des Mysteriums von Golgatha finden. Das ist dasjenige, worauf es ankommt.
[ 26 ] To understand the mystery of Golgotha, the mind must first be trained. It must give itself a jolt. It does not need this jolt to understand the external world. It has become increasingly impossible for both Latin and Germanic cultures—the Latin culture because it is too deeply entrenched in decadence, and the Germanic culture because it has not yet risen to this level of development—to train the soul through mere intellectuality to the point where it can find the new path to understanding the mystery of Golgotha. But if you develop within yourselves the ability to transform your soul forces in such a way that you begin to find, as a natural inner language, the transition to the imagery that Goethe strove for, then you are training your soul forces to find the path to a new grasp of the Mystery of Golgotha. That is what matters most.
[ 27 ] Goethe ist nicht nur wichtig durch das, was er hervorgebracht hat, Goethe ist wichtig vor allen Dingen durch dasjenige, was er aus unserer Seele macht, wenn wir uns ganz hingebungsvoll in sein innerstes Wesen vertiefen. Dann kann die Menschheit nach und nach auch bewußt jenen Weg finden vorbei an dem Hüter der Schwelle, den Goethe noch zum guten Glück unbewußt gegangen ist, daher er gerade diejenigen Werke nicht vollenden konnte, in denen er sich am tiefsten aussprechen wollte. Ein Flimmern und Schimmern von Bewußtem und Unbewußtem, von Erreichbarem und Unerreichbarem lebte gerade in Goethes Seele. Wenn wir so etwas wie die «Geheimnisse» auf uns wirken lassen, wenn wir so etwas auf uns wirken lassen wie die «Pandora», wie alle diejenigen Dinge, die Goethe nicht vollendet hat, dann haben wir das Gefühl: In dieser Nichtvollendung liegt etwas, was sich loslösen muß in der Seele der Nachfahren Goethes, und was als großes Geistgebilde vollendet werden muß.
[ 27 ] Goethe is important not only because of what he produced; above all, Goethe is important because of what he does to our soul when we immerse ourselves wholeheartedly in his innermost being. Then humanity can gradually and consciously find that path past the Guardian of the Threshold—a path that Goethe, fortunately, walked unconsciously, which is why he was unable to complete precisely those works in which he most deeply wished to express himself. A flickering and shimmering interplay of the conscious and the unconscious, of the attainable and the unattainable, lived within Goethe’s soul. When we allow something like the “Secrets” to take effect upon us, when we allow something like “Pandora” to take effect upon us—all those things that Goethe did not complete—then we have the feeling: In this incompleteness lies something that must be released in the souls of Goethe’s descendants, and that must be completed as a great spiritual creation.
[ 28 ] Goethe war einsam. In bezug auf das, was Goethe wirklich war, war Goethe einsam, einsam in seiner Entwickelung. Der Goetheanismus hat viel Verborgenes. Aber wenn auch das 19. Jahrhundert noch nicht erfüllt hat, daß aus Gelehrten Menschen geworden sind, während Goethe aus der Gelehrsamkeit zu einer menschlichen Weltauffassung sich durchgerungen hat, so muß gerade die Entwickelung mit Hilfe des Goethe-Impulses vorwärtsschreiten. Ich habe gestern gesagt und heute wiederholt: Die Kraft, die mit dem Mysterium von Golgatha verbunden ist, sie hat sich einmal in einer wenig bekannten Provinz des Römischen Reiches mit dem einen Menschen Jesus von Nazareth verbunden, dann mit den Volksseelen Mitteleuropas. Aber sie ist dann ins Innere gegangen. Und aus dem, was da in Mitteleuropa im Inneren webte, sind hervorgegangen solche Leistungen wie die Goethes und des ganzen Goetheanismus. Aber gerade das 19. Jahrhundert hat viel dazu getan, um den Goetheanismus im Grabe ruhen zu lassen. Auf allen Gebieten hat das 19. Jahrhundert alles getan, um den Goetheanismus im Grabe ruhen zu lassen.
[ 28 ] Goethe was lonely. In terms of who Goethe truly was, he was lonely—lonely in his development. Goetheanism has much that is hidden. But even if the 19th century has not yet achieved the transformation of scholars into human beings—whereas Goethe struggled his way from scholarship to a human view of the world—it is precisely this development that must move forward with the help of the Goethean impulse. I said yesterday and have repeated today: The power connected with the Mystery of Golgotha once united itself with the one human being, Jesus of Nazareth, in a little-known province of the Roman Empire, and then with the national souls of Central Europe. But it then turned inward. And from what was weaving within Central Europe emerged such achievements as those of Goethe and the entire Goethean movement. But the nineteenth century, in particular, did much to consign the Goethean movement to the grave. In every field, the nineteenth century did everything it could to consign the Goethean movement to the grave.
[ 29 ] Diejenigen Gelehrten, die am Ende der achtziger Jahre in Weimar die Goethe-Gesellschaft gegründet haben, sie haben sich viel eher zu Totengräbern des Goetheanismus geeignet als dazu, irgend etwas von diesem Goetheanismus aufzuerwecken. Die Zeit ist ganz gewiß für das äußere Leben nicht da, in welcher der Goetheanismus schon leben kann. Das hängt zusammen mit dem, was wir jetzt vielfach besprochen haben: mit der geisteswissenschaftlichen Erneuerung der Menschenseelen. Mag über dieses Europa, welches jetzt in einem gewissen Sinn seinen Selbstmord verüben will, was immer kommen: das Grab, welches vor allen Dingen in erster Linie die Gedankenlosigkeit der modernen Kultur gräbt, dieses Grab wird doch auch ein Grab sein, aus dem etwas aufersteht. Ich habe schon darauf hingedeutet: Mit den mitteleuropäischen Volksseelen hat sich verbunden der ChristusGeist; im Schoße dieser Volksseelen ist der Goetheanismus entstanden. Es wird eine Auferstehung kommen, eine Auferstehung, die man sich nicht politisch vorstellen soll, eine Auferstehung, die ganz anders aussehen wird, aber eine Auferstehung wird es sein. Der Goetheanismus lebt nicht, der Goetheanismus ruht noch im Grabe für die äußere Kultur. Der Goetheanismus muß aber auferstehen.
[ 29 ] The scholars who founded the Goethe Society in Weimar at the end of the 1880s were far more suited to being the gravediggers of Goetheanism than to reviving anything of it. The time has certainly not yet come for Goetheanism to take root in outward life. This is connected to what we have discussed at length: the renewal of human souls through the spiritual sciences. Whatever may come to pass in this Europe, which now, in a certain sense, seeks to commit suicide: the grave that is being dug—above all and first and foremost by the thoughtlessness of modern culture—will nevertheless also be a grave from which something will rise again. I have already alluded to this: the Christ Spirit has united itself with the souls of the Central European peoples; Goetheanism arose in the bosom of these national souls. A resurrection will come—a resurrection that should not be conceived of in political terms, a resurrection that will look entirely different, but it will be a resurrection nonetheless. Goetheanism is not alive; Goetheanism still lies in the grave of external culture. But Goetheanism must rise again.
[ 30 ] Es sei auch dafür ein Zeichen der Bau, den wir versucht haben, hier auf diesem Hügel zu errichten, daß wir uns ehrlich vornehmen, so mutig, als es in der Gegenwart notwendig ist, uns vornehmen, den Goetheanismus zur Auferstehung zu bringen. Dazu müssen wir allerdings den Mut haben, jenen Goetheanismus, der sich bisher so genannt hat, in seiner ungoethischen Weise zu verstehen und zu durchschauen und an Goethes Wesen selbst heranzutreten. Wir müssen ebenso lernen, Goethes Geist zu bejahen, wie ihn das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts verleugnet haben, verleugnet haben auf allen möglichen Gebieten. Dann wird zusammenhängen der Weg der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, der im absoluten Sinne zu gewinnen ist, mit dem historischen Weg der Wiederauferweckung des Goetheanismus, aber auch mit dem Impuls, der aus dieser Auferweckung des Goetheanismus kommen kann, zu dem neuen Verständnis des Mysteriums von Golgatha, zu dem richtigen ChristusVerständnis, wie es für unsere Zeit notwendig ist. Den Wegweiser zu dem der Menschheit notwendigen Christentum der Zukunft wird unsere Zeit vielleicht gerade in dem dezidierten Nichtchristen Goethe finden, der so wie der Christus selber verlangt hat, daß man nicht immer sage: Herr, Herr — sondern seinen Geist in seinem Herzen und in seinem Gemüte trage; der als Goetheanismus nicht immer spricht: Christ, Christus, der aber um so mehr von dem, was als Realität in die Menschheit vom Mysterium von Golgatha ausgeflossen ist, im Herzen bewahrt, damit dieses Herz das abstrakte und intellektualistische Wissen, das Naturwissen der Gegenwart allmählich umwandele in dasjenige, durch welches man hineinschaut in die übersinnlichen Welten, um dem Menschen Kraft zu geben für eine tiefere Erkenntnis der Welt und für eine menschenwürdige Gestaltung der sozialen Struktur. Davon wollen wir dann ein nächstes Mal weiter sprechen.
[ 30 ] Let the building we have attempted to erect here on this hill also serve as a sign that we are sincerely resolved—as courageously as the present moment requires—to bring Goetheanism back to life. To do this, however, we must have the courage to understand and see through that Goetheanism—which has hitherto called itself by that name—in its un-Goethian manner, and to approach Goethe’s very essence. We must also learn to affirm Goethe’s spirit, just as the late 19th and early 20th centuries denied it—denied it in every possible sphere. Then the path of spiritual-scientific knowledge—which must be attained in the absolute sense—will be connected not only with the historical path of the revival of Goetheanism, but also with the impulse that can arise from this revival of Goetheanism, leading to a new understanding of the Mystery of Golgotha and to the correct understanding of Christ as is necessary for our time. Our age may find the guidepost to the Christianity of the future—which humanity needs—precisely in Goethe, the decidedly non-Christian, who, just as Christ himself demanded, insisted that one should not always say, “Lord, Lord”—but rather carry his spirit in one’s heart and in one’s mind; who, as Goetheanism, does not constantly speak of “Christian” or “Christ,” but who all the more preserves in his heart that which has flowed into humanity as reality from the Mystery of Golgotha, in his heart, so that this heart may gradually transform the abstract and intellectual knowledge—the natural science of the present—into that through which one looks into the supersensible worlds, in order to give human beings the strength for a deeper understanding of the world and for a socially just structure. We will speak further about this next time.
