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The Rudolf Steiner Archive

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Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188

11 January 1919, Dornach

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Wenn man die Bedeutung geisteswissenschaftlichen Eindringens in die Welt für die Gegenwart ins Auge fassen will, so darf man nicht außer acht lassen, daß dieses Eindringen, wie wir aus den verschiedensten Betrachtungen, die wir angestellt haben, ja schon entnehmen können, mit sich bringen wird eine wesentliche Erhöhung der menschlichen Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Und man kann sagen, wer nicht nur mit dem gewöhnlichen, vernünftigen Nachdenken, sondern mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Gemüte sich vereinigt mit den Erkenntnissen der geisteswissenschaftlichen Forschung, der wird sich, wenn er irgendwie zusammenhängt mit der neueren Kultur, die Frage doch immer wieder aufwerfen müssen: Wie steht der durch geisteswissenschaftliches Erkennen in einem gewissen Sinne verwandelte Mensch zu dem Mysterium von Golgatha? — Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus unseren Blick auf dieses wichtigste Menschheitsereignis geworfen. Wir wollen heute versuchen, auf dieses Menschheitsereignis hinzublicken so, daß wir uns bestreben werden, die Strömung, die ausgeht von diesem Mysterium, bis in die neueste Zeit herein zu verfolgen. Daran kann in einem gewissen Sinne erwiesen werden die Fruchtbarkeit geisteswissenschaftlichen Erkennens, daß es diesem gelingt, oder wenigstens gelingen kann, in einem ähnlichen Sinne das Weltengeschehen, das Menschheitsgeschehen bis in die Gegenwart herein geistig zu begreifen, während eigentlich sonst gewöhnlich die menschliche Betrachtung vor einer Durchgeistigung der neuesten Geschichte zurückschreckt.

[ 1 ] If one wishes to consider the significance of the penetration of spiritual science into the world for the present day, one must not overlook the fact that this penetration—as we can already gather from the various considerations we have made—will bring about a substantial deepening of the human understanding of the Mystery of Golgotha. And one can say that anyone who unites not only with ordinary, rational thought but with their whole soul, with their whole being, with the insights of spiritual scientific research—such a person, if they are in any way connected to modern culture, will inevitably have to ask themselves again and again: How does a human being, transformed in a certain sense by spiritual scientific knowledge, relate to the Mystery of Golgotha? — We have cast our gaze upon this most important event in human history from a wide variety of perspectives. Today we will attempt to look at this event in such a way that we will strive to trace the current emanating from this Mystery right up to the present day. In a certain sense, the fruitfulness of spiritual scientific knowledge can be demonstrated by the fact that it succeeds—or at least can succeed—in spiritually comprehending world events and the history of humanity up to the present in a similar way, whereas human observation otherwise usually shies away from spiritualizing recent history.

[ 2 ] Wenn man das Mysterium von Golgatha ins Auge faßt, so wird man vor allen Dingen darauf hingewiesen, daß dieses Mysterium von Golgatha nicht begriffen, nicht verstanden werden kann, wenn man nur ausgehen will von einer materiellen Betrachtung des Weltgeschehens. Man kommt nur dann zu einem wirklichen Verständnisse des Mysteriums von Golgatha, wenn man den Versuch macht, ein geistiges Ereignis geistig aufzufassen. Gewiß, Sie können sagen: Das Mysterium von Golgatha ist doch ein physisches Ereignis der physischen Welt, wie andere historische Ereignisse. — Allein ich habe Ihnen erst neulich angedeutet: Die Wissenschaft der Gegenwart, wenn sie ehrlich ist, kann das nicht sagen. Sie kann nicht die Evangelien in demselben Sinn als historische Urkunden anerkennen wie andere historische Urkunden, und sie kann die paar historischen Notizen, die es außer den Evangelien gibt über das Mysterium von Golgatha, die höchst anfechtbar sind, auch nicht in dem Sinne wie historische Urkunden hinnehmen, so wie etwa die historischen Nachrichten über Sokrates oder Alexander den Großen oder über Julius Cäsar oder über den Kaiser Augustus und dergleichen. Das ist es gerade — wir haben es öfter betont —, was das besondere Verhältnis der Geisteswissenschaft zu dem Mysterium von Golgatha ausmacht, daß diese Geisteswissenschaft das Mysterium von Golgatha als eine Realität hinstellen wird in dem Augenblicke, wenn alle andern Methoden der Menschheit und alle andern Wege der Menschheit versagen werden, an das Mysterium von Golgatha als einer Realität heranzukommen. Denn das Mysterium von Golgatha muß als ein geistiges Ereignis geistig aufgefaßt werden. Nur durch das geistige Auffassen des Mysteriums von Golgatha kommt man auch an die äußere Wirklichkeit dieses Mysteriums von Golgatha heran.

[ 2 ] When one contemplates the Mystery of Golgotha, one is struck above all by the fact that this Mystery of Golgotha cannot be grasped or understood if one seeks to approach it solely from a material perspective on world events. One can only arrive at a true understanding of the Mystery of Golgotha by attempting to grasp a spiritual event in a spiritual way. Of course, you might say: The Mystery of Golgotha is, after all, a physical event in the physical world, just like other historical events. — Yet I hinted to you just the other day: Modern science, if it is honest, cannot say that. It cannot recognize the Gospels as historical documents in the same sense as other historical documents, nor can it accept the few historical notes that exist outside the Gospels regarding the Mystery of Golgotha—which are highly questionable—as historical documents in the same sense as, for example, the historical accounts of Socrates or Alexander the Great or Julius Caesar or Emperor Augustus and the like. This is precisely—as we have often emphasized—what constitutes the special relationship of spiritual science to the Mystery of Golgotha: that spiritual science will present the Mystery of Golgotha as a reality at the very moment when all other human methods and all other human paths fail to approach the Mystery of Golgotha as a reality. For the Mystery of Golgotha, as a spiritual event, must be understood spiritually. Only through a spiritual understanding of the Mystery of Golgotha can one also approach the outer reality of this Mystery of Golgotha.

[ 3 ] Was ist das Wichtigste in dem Mysterium von Golgatha? Es ist nicht anders, trotz aller sogenannten liberalisierenden Theologie des Protestantismus: Das Wichtigste an dem Mysterium von Golgatha ist der Auferstehungsgedanke. Und wahr bleibt doch der Paulinische Ausspruch: «Und wäre der Christus nicht auferstanden, so wäre unsere Predigt eitel, und eitel auch euer Glaube.» Das heißt: Notwendig ist zum Christentum, zum wahren, wirklichen Christentum, die Möglichkeit, einzusehen, daß der Christus Jesus durch den Tod gegangen ist und diesen Tod dadurch besiegt hat, daß er nach einer gewissen Zeit lebendig wiederum mit der Erdenentwickelung sich verbunden hat. Das aber gehört selbstverständlich in bezug auf seine innere Gesetzmäßigkeit nur geistigen Welten an.

[ 3 ] What is the most important aspect of the Mystery of Golgotha? Despite all the so-called “liberal” theology of Protestantism, the answer remains the same: The most important aspect of the Mystery of Golgotha is the idea of the Resurrection. And yet the Pauline saying remains true: “And if Christ has not been raised, then our preaching is in vain, and your faith is also in vain.” This means: Essential to Christianity—to true, genuine Christianity—is the ability to recognize that Christ Jesus passed through death and thereby conquered that death by reconnecting, after a certain time, with the development of the Earth while still alive. But this, of course, belongs solely to the spiritual worlds in terms of its inner laws.

[ 4 ] Nun habe ich Sie auch auf etwas anderes hingewiesen, was, wenn es vom bloßen Vernunftsstandpunkt ehrlich ins Auge gefaßt wird, geradezu einem das Herz zersprengen könnte, weil es einen jener Widersprüche darstellt, die es im Leben immer geben muß und die die Logik immer wegräumen möchte: Der Christus ist getötet worden. Das unschuldigste über die Erde gegangene Wesen ist getötet worden durch Menschenschuld! — Man kann auf diese Menschenschuld hinblicken und sie so ansehen, wie man Menschenschuld, so große menschliche Schuld ansieht. Das ist die eine Seite der Sache. Dann aber muß man zu der andern Seite der Sache blicken und sich sagen: Und wenn der Christus nicht hingerichtet worden wäre, wenn der Christus nicht durch den Tod gegangen wäre, so könnte es im wahren Sinne kein Christentum geben. Das heißt, die größte Schuld der Menschen war notwendig dazu, daß der größte Segen in die Erdenentwickelung hineingekommen ist, daß die Erdenentwickelung ihren Sinn bekommen hat. Man könnte geradezu paradox davon sprechen: Wenn die Menschen damals nicht jene Schuld, jene größte Schuld auf sich geladen hätten, wäre der Sinn der Erde nicht erfüllt. — Und man bezeichnet dadurch eben einen jener großen, radikalen Widersprüche, die das Leben gibt und die die Logik immer aus der Welt schaffen will. Denn worauf geht die Logik aus? Die Logik geht darauf aus, wenn sie irgendwo einen Widerspruch findet, ihn zu beseitigen. Aber die Logik weiß heute noch nicht, was sie damit tut: Die Logik selber tötet für das menschliche Auffassen mit dem Hinwegräumen des Widerspruches das Leben. Und daher kommt der Mensch zu keiner lebendigen Auffassung, wenn er bloß mit abstrakter Logik diese Auffassung gestalten will. Deswegen kommt der Mensch nur zu einer Auffassung des Lebendigen, wenn er über die Logik hinaufsteigen will zu Imagination, Inspiration und Intuition.

[ 4 ] Now I have also pointed out something else to you which, if honestly considered from a purely rational standpoint, could literally break one’s heart, because it represents one of those contradictions that must always exist in life and that logic always seeks to eliminate: Christ has been killed. The most innocent being who ever walked the earth was killed because of human guilt! — One can look at this human guilt and view it as one views human guilt—such great human guilt. That is one side of the matter. But then one must look at the other side of the matter and say to oneself: And if Christ had not been executed, if Christ had not passed through death, there could be no Christianity in the true sense. That is to say, humanity’s greatest guilt was necessary for the greatest blessing to enter into the development of the Earth, for the development of the Earth to find its meaning. One could speak of this in almost paradoxical terms: If humanity had not incurred that guilt—that greatest of sins—back then, the purpose of the Earth would not have been fulfilled. — And this points precisely to one of those great, radical contradictions that life presents and that logic always seeks to eliminate. For what is the aim of logic? Logic aims, whenever it finds a contradiction, to eliminate it. But logic still does not know today what it is doing: by removing the contradiction, logic itself kills life as human beings perceive it. And that is why human beings cannot arrive at a living understanding if they seek to shape that understanding solely through abstract logic. That is why human beings can only arrive at an understanding of the living when they seek to rise above logic to imagination, inspiration, and intuition.

[ 5 ] Äußerlich gesehen stellt sich das Mysterium von Golgatha so dar, daß in einem gewissen Zeitpunkt in einer wenig genannten Provinz des Römischen Weltreiches der Mensch Jesus geboren wird, dreißig Jahre hindurch auf die Weise, wie wir das öfters besprochen haben, lebt, dann durchgeistigt wird von dem Christus, als Christus Jesus drei weitere Jahre lebt, im dritten Jahre durch den Tod geht und aufersteht. Zunächst bleibt dieses Ereignis unberücksichtigt im weiten Römischen Reiche. Durch die Jahrhunderte hindurch wirkt dieses Ereignis so, daß es die Kultur der zivilisierten Welt ganz und gar nicht nur umgestaltet, sondern völlig erneuert. Das ist zunächst die Außenseite. In die Innenseite dringt man ein, wenn man versucht, sich klarzumachen, wie aus dem Judentum heraus und mitten innerhalb der heidnischen Welt dieses Mysterium von Golgatha entstanden ist. Das Judentum hat in seiner Religionsauflassung etwas, was radikal verschieden ist von aller heidnischen Religionsauffassung. Man kann geradezu sagen: Judentum und Heidentum nehmen sich aus wie die zwei Pole einer Religionsauffassung überhaupt.

[ 5 ] Outwardly, the Mystery of Golgotha presents itself as follows: at a certain point in time, in a little-known province of the Roman Empire, the man Jesus is born; he lives for thirty years in the manner we have often discussed; then he is spiritualized by the Christ, lives as Christ Jesus for three more years, and in the third year passes through death and is resurrected. At first, this event goes unnoticed throughout the vast Roman Empire. Over the centuries, however, this event has had such an effect that it has not merely transformed the culture of the civilized world, but has completely renewed it. That is the outward aspect. One penetrates to the inner aspect when one tries to understand how this mystery of Golgotha arose out of Judaism and in the very midst of the pagan world. Judaism’s conception of religion has something that is radically different from every pagan conception of religion. One might even say: Judaism and paganism appear to be the two poles of any conception of religion whatsoever.

[ 6 ] Sehen wir zunächst deshalb auf das Heidentum hin. Alles Heidentum — ob nun das, was ich sagen will, bei dem Heidentum mehr oder weniger kaschiert ist oder nicht — geht doch davon aus, das GöttlichGeistige aus der Natur heraus irgendwie für die menschliche Anschauung zu gewinnen. Heidnische Religion ist im wesentlichen zugleich Naturanschauung. Mehr oder weniger unbewußt liegt immer das zugrunde, daß der Heide hinschaut auf die Natur, daß er fühlt: aus dem Werden und Weben der Naturerscheinungen steigt auch der Mensch auf; daß er sich verwandt fühlt als Mensch in seinem ganzen Dasein, in seinem ganzen Werden mit dem, was in der Natur da ist und in der Natur wird. Und dann versucht der Heide gewissermaßen als die Krönung dessen, was er als Naturanschauung gewinnen kann, dasjenige mit seiner Seele zu ergreifen, was göttlich-geistig in dieser Natur lebt. In alten Zeiten sehen wir dieses dadurch, daß der Mensch in die Lage kommt, aus seiner eigenen leiblichen Natur heraus das Göttlich-Geistige in Visionen, in atavistischem Hellsehen zu ergreifen. In dem hochgebildeten Griechentum sehen wir, wie der Mensch versucht, das Göttlich-Geistige im reinen Denken zu ergreifen. Aber überall sehen wir, wie der Mensch, indem er Heide ist, sich einen geraden Weg zu bahnen versucht von der Betrachtung der Natur aufwärtssteigend zu der Krönung des Naturgebäudes in der Anschauung des Göttlich-Geistigen innerhalb der Natur. |

[ 6 ] Let us therefore first turn our attention to paganism. All paganism—whether or not what I am about to say is more or less concealed within it—is based on the premise of somehow extracting the divine-spiritual from nature for human perception. Pagan religion is, in essence, also a view of nature. More or less unconsciously, it is always based on the fact that the pagan observes nature and feels that human beings, too, arise from the becoming and interweaving of natural phenomena; that, as a human being, he feels connected in his entire existence, in his entire becoming, to what is present in nature and what comes into being within it. And then, as a sort of culmination of what he can grasp as a view of nature, the pagan attempts to grasp with his soul that which is divine-spiritual and lives within this nature. In ancient times, we see this in the fact that human beings were able to grasp the divine-spiritual—out of their own physical nature—through visions and atavistic clairvoyance. In highly cultured Greek civilization, we see how human beings attempt to grasp the divine-spiritual through pure thought. But everywhere we see how human beings, by being pagans, try to forge a direct path upward from the contemplation of nature to the crowning achievement of the edifice of nature: the perception of the divine-spiritual within nature. |

[ 7 ] Eine solche Anschauung — und das bemerkt man auch, wenn man gründlich, ich kann ja die Dinge heute nur skizzieren, auf das Wesen alles Heidentums eingeht — kann nicht kommen zu einer völligen Erfassung der moralischen Impulse des Menschengeschlechtes. Denn wenn man noch so sehr aus der Natur heraus versucht, den göttlich-geistigen Impuls zu erkennen, es bleibt dieser göttlich-geistige Impuls ohne moralische Ingredienz. In der hochgebildeten heidnischen Religion der Griechen sehen wir, wie die Götter eigentlich nicht gerade viel moralische Impulse in sich enthalten.

[ 7 ] Such a view—and this becomes apparent when one delves thoroughly into the essence of all paganism (though I can only sketch these things out today)—cannot fully grasp the moral impulses of the human race. For no matter how much one tries to recognize the divine-spiritual impulse from nature itself, this divine-spiritual impulse remains devoid of moral content. In the highly cultivated pagan religion of the Greeks, we see that the gods do not, in fact, contain very many moral impulses.

[ 8 ] Radikal polarisch entgegengesetzt — natürlich, alles drückt sich äußerlich mehr oder weniger maskiert aus, indem das Wesentliche in diese oder jene Verwandlung sich einkleidet, aber im wesentlichen ist es eben möglich, zu sagen: Radikal polarisch entgegengesetzt drückt sich die Sache im Judentum aus. — Das Judentum könnte genannt werden, wenn man sich trivial aussprechen wollte, die eigentliche Entdeckung des moralischen Impulses im Menschenwerden. Das ist das Charakteristische der alten jüdischen Religion, daß der Jahveimpuls im wesentlichen die Menschheit so durchwebt und durchwellt, daß sein Weben und Wesen Moralisches auch in die Menschheitsentwickelung hineinbringt. Damit entstand aber gerade für die jüdische Religionsauffassung eine Schwierigkeit, welche die heidnische Religionsauffassung nicht hatte. Diese Schwierigkeit lag darinnen, daß das Judentum nicht in die Lage kam, zu der Natur ein verständnisvolles Verhältnis zu gewinnen. Der Gott Jahve durchwellt und durchwebt das Menschenleben. Aber wenn nun der Mensch auf den den Menschen zur Geburt bringenden Jahvegott hinblickt, der nun auch die Sünden bestraft und die guten Taten belohnt im Laufe des Lebens, und dann wegblickt von dem Jahvegott zu den Naturereignissen, in die ja auch der Mensch auf dieser Erde eingesponnen ist, dann besteht zweifellos eine Unmöglichkeit, die Naturereignisse in Einklang zu bringen mit dem Wirken des Jahvegottes. Das ganze Tragische dieses Nicht-in-Einklangbringen-Könnens der Naturereignisse mit dem Impuls des Jahvegottes drückt sich ja aus in der großen, gewaltigen Tragödie des Buches Hiob, wo wir besonders darauf hingewiesen werden, wie rein im Naturlauf der Gerechte leiden kann, ins Elend kommen kann, und wie er im Widerspruch mit dem, was die Natur bringt, an die Gerechtigkeit seines Jahveimpulses zu glauben hat. Aber der ganze Grundton, dieser tief-tragische Grundton des Buches Hiob, der, ich möchte sagen, gegenüber der Natur weltenfremd hereinklingt in die menschliche Seele, er zeigt uns an, welche Schwierigkeit besteht zwischen einer reinen Auffassung desjenigen, was die Jahvewesenheit eigentlich ist, und einem unbefangenen Hinblicken auf das, was sich als der Lauf der natürlichen Ereignisse, in die der Mensch eingesponnen ist, vor dem menschlichen Blick und vor dem menschlichen Leben hauptsächlich darstellt. Und doch, dieser Jahvegott, dieser Jahveimpuls, was ist er denn anders für die wirklichen Versteher des Alten Testaments als das innerste Wesen, das in der menschlichen Seele selbst webt? Wozu wird die althebräische Auffassung getrieben dadurch, daß sie so polarisch entgegengesetzt der im Heidentum stark hervortretenden Naturanschauung entgegengestellt ist?

[ 8 ] Radically and polar opposites—of course, everything expresses itself outwardly in a more or less veiled way, as the essential takes on this or that form, but in essence it is indeed possible to say: The matter is expressed in Judaism as radically and polar opposites. — Judaism could be called, to put it simply, the true discovery of the moral impulse in the process of becoming human. This is the defining characteristic of the ancient Jewish religion: that the impulse of Yahweh essentially interweaves and permeates humanity in such a way that its weaving and essence bring morality into the development of humanity as well. This, however, gave rise to a difficulty specifically for the Jewish conception of religion, one that the pagan conception of religion did not face. This difficulty lay in the fact that Judaism was unable to develop an understanding relationship with nature. The God Yahweh permeates and weaves through human life. But when a person looks upon the God Yahweh who brings humans into being—who also punishes sins and rewards good deeds throughout the course of life—and then turns their gaze away from the God Yahweh to the natural phenomena, into which human beings on this earth are also woven, there is undoubtedly an impossibility of reconciling these natural phenomena with the workings of the God Yahweh. The entire tragedy of this inability to reconcile natural phenomena with the impulse of the God of Yahweh is expressed in the great, overwhelming tragedy of the Book of Job, where we are particularly reminded of how, in the course of nature, the righteous can suffer, can fall into misery, and how, in contradiction to what nature brings, he must believe in the righteousness of his impulse from Yahweh. But the entire underlying tone—this deeply tragic underlying tone of the Book of Job, which, I would say, sounds utterly alien to nature as it enters the human soul—it reveals to us the difficulty that exists between a pure understanding of what the Yahweh presence actually is and an unbiased view of what primarily presents itself to human sight and human life as the course of natural events in which human beings are entangled. And yet, for those who truly understand the Old Testament, what is this God of Yahweh, this impulse of Yahweh, other than the innermost essence that weaves itself within the human soul itself? To what end is the ancient Hebrew conception driven by the fact that it stands in such polar opposition to the view of nature that is so strongly emphasized in paganism?

[ 9 ] Es wird die althebräische Auffassung dadurch mit Notwendigkeit hingetrieben zu der Anschauung eines Wesens, das an der menschlichen Natur, so wie diese menschliche Natur einmal in der Gegenwart des Erdendaseins ist, außer dem Jahveimpuls seinen Anteil hatte: Paradiesesschlange, Luzifer, Satan, ein Wesen, das dem Gotte entgegensteht, dem Jahvegotte, muß Anteil haben an dem, wie der Mensch innerhalb des Erdendaseins geworden ist. Der Bekenner des Alten Testamentes muß den Jahvegott als den innersten Impuls, an den er seine Verehrung, zu dem er seine Ergebung hinrichtet, ansehen; allein er ist nicht imstande, diesem Jahveimpuls den alleinigen Anteil an dem Zustandekommen des Menschen zuzuschreiben. Er muß dem, was dann im Mittelalter Teufel genannt wird, einen wesentlichen Anteil an dem Menschen zuschreiben. Und es ist doch nur Dilettantismus — wenn man auch glaubt, daß es furchtbar gelehrt ist —, wenn dieser Gegensatz zwischen dem Jahvegotte und dem Teufel, der alten Schlange, so hingestellt wird, als ob es derselbe Gegensatz wäre wie etwa zwischen Ormuzd und Ahriman in der persischen Religion. Die persische Religion ist in ihrem Grundwesen doch heidnischer Natur, und Ormuzd und Ahriman stehen sich so gegenüber, daß man zu ihrem Wesen aufsteigen kann in der Weltanschauung, wenn man von der Naturanschauung aufsteigt. Auch der ganze Prozeß des Weltenkampfes, den sich die persische Religion aus dem Kampfe zwischen Ormuzd und Ahriman vorstellt, auch der ist ein solcher Prozeß, wie ihn die andern heidnischen Religionen in ihre Religionsvorstellungen aufgenommen haben. Dasjenige aber, was als Gegensatz gedacht wird im Alten Testamente zwischen dem Jahveimpuls und dem Impuls des Satans, wie er im Buche Hiob auftritt, das ist ein moralischer Gegensatz, und die ganze Schilderung dieses Gegensatzes ist durch und durch durchsetzt mit moralischen Noten in Buch Hiob. Da wird in der Tat hingewiesen auf ein geistiges Reich, in dem Gutes und Böses ist, das etwas anderes ist als das Naturreich. Und man kann sagen: Zur Zeit, als in der Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha herannahte, war die Menschheit dazu gelangt, mit diesen beiden Hauptströmungen, mit dem heidnischen Weg nach dem Göttlichen und dem jüdischen Weg nach dem Göttlichen, nicht fertigzuwerden. Beide aber waren aufs Höchste ausgebildet. Denn man darf nicht vergessen, man muß immer wieder daran erinnern: Eine solche feine Geistigkeit, eine solche Höhe des menschlichen Vorstellungslebens, wie sie im griechischen Heidentum sich entwickelt hatte, die ist eben einzig in der menschlichen Entwickelung. Die ist auch nicht wieder erreicht seither, war auch vorher nicht da. Und umgekehrt: Ein solches durch die Naturereignisse unbeirrtes Festhalten an dem moralischen Jahveimpuls, wie es im Buche Hiob dargestellt ist, das ist auch einzig, das ist auch sonst nicht zu finden. Das Buch Hiob ist schon eines der Wunderwerke der menschlichen Entwickelung, gerade nach dieser Richtung hin.

[ 9 ] This necessarily drives the ancient Hebrew conception toward the view of a being that, apart from the Yahweh impulse, had a share in human nature as it once existed in the context of earthly existence: The serpent of Paradise, Lucifer, Satan—a being who opposes God, the God of Yahweh—must have a part in how humanity came to be within earthly existence. The believer in the Old Testament must regard the God of Yahweh as the innermost impulse to whom he directs his worship and submission; yet he is unable to attribute to this impulse of Yahweh the sole responsibility for the coming into being of humankind. He must attribute a substantial part of humankind’s origin to what came to be called the Devil in the Middle Ages. And yet it is nothing but dilettantism—even if one believes it to be terribly erudite—to present this contrast between the God Yahweh and the Devil, the ancient serpent, as if it were the same contrast as, for example, that between Ormuzd and Ahriman in the Persian religion. The Persian religion is, in its very essence, of a pagan nature, and Ormuzd and Ahriman stand in such opposition to one another that one can ascend to their essence in the worldview by rising from the view of nature. The entire process of the cosmic struggle, which Persian religion conceives as the struggle between Ormuzd and Ahriman, is likewise a process of the kind that other pagan religions have incorporated into their religious conceptions. But what is conceived as a contrast in the Old Testament between the impulse of Yahweh and the impulse of Satan, as it appears in the Book of Job, is a moral contrast, and the entire depiction of this contrast is thoroughly permeated with moral overtones in the Book of Job. There is indeed a reference there to a spiritual realm in which good and evil exist, a realm that is distinct from the natural realm. And one can say: At the time when the Mystery of Golgotha was approaching in the course of human development, humanity had reached a point where it could no longer cope with these two main currents—the pagan path toward the divine and the Jewish path toward the divine. Both, however, had reached their highest level of development. For we must not forget—and we must remind ourselves of this again and again—that such a refined spirituality, such a height of human imaginative life as had developed in Greek paganism, is truly unique in human evolution. It has not been attained again since then, nor did it exist before. And conversely: such an unwavering adherence to the moral impulse of Yahweh—unshaken by natural events—as depicted in the Book of Job, is also unique; it cannot be found anywhere else. The Book of Job is indeed one of the marvels of human development, precisely in this regard.

[ 10 ] Die Menschheit war gewissermaßen in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha herannahte, in einer Sackgasse angelangt. Sie konnte nicht weiter. Sie hatte begriffen, oder zu begreifen versucht, auf der einen Seite die Natur im alten Sinne, auf der andern Seite die moralische Welt im alten Sinne. Sie konnte nicht weiter. Beides war, äußerlich ausgestaltet, in der menschlichen Anschauung zu einem höchsten Gipfel gelangt, aber man konnte nicht weiter. Es ist nun wirklich so, daß die Weltenentwickelung in Gegensätzen erfolgt. Sie rückt nicht einfach so vor, so bequem, wie es sich die moderne Entwickelungslehre denkt, daß so eine aufsteigende geradlinige Entwickelung stattfindet. Diese moderne Entwickelungslehre denkt sich: Erst das Einfache, dann geradlinig aufsteigend das Folgende und so weiter. So ist diese Entwickelung nicht, sondern dieser Entwickelung liegt eine andere zugrunde, indem gewisse Entwickelungsimpulse zu einem Höchsten kommen, aber gleichzeitig mit diesen zu einem Höchsten kommenden Impulsen entwickeln sich andere, die zu einem Tiefsten kommen. Immer laufen zwei Strömungen: die eine kommt zur höchsten äußeren Entfaltung, und indem gerade die eine zur höchsten äußeren Entfaltung kommt, kommt die andere zur höchsten inneren Entfaltung. Und in derselben Zeit, in welcher auf der einen Seite die Menschen dazu gekommen sind, eine gewisse Höhe zu erreichen in bezug auf die heidnische Auflassung, auf der andern Seite eine gewisse Höhe zu erreichen in bezug auf die jüdische Auffassung, war dasjenige, was sich im Innern der Erdenmenschheit entwickelte, nicht anders zu erreichen als durch ein solches Ereignis, das — wenn es äußerlich sich gleichsam abspielte wie ein Weltsymbol — selber geschichtlich geschah.

[ 10 ] In a sense, as the Mystery of Golgotha drew near, humanity had reached a dead end. It could go no further. It had understood—or had attempted to understand—on the one hand, nature in the old sense, and on the other, the moral world in the old sense. It could go no further. Both, in their outward form, had reached the highest peak in human perception, but it was impossible to proceed any further. The fact is that the development of the world proceeds through opposites. It does not simply advance in a straightforward, linear manner, as modern evolutionary theory comfortably assumes. This modern theory of evolution imagines it this way: first the simple, then the next stage rising in a straight line, and so on. But evolution is not like that; rather, it is based on a different principle, in which certain evolutionary impulses reach a highest point, but at the same time as these impulses reach their highest point, other impulses develop that reach a lowest point. There are always two currents at work: one reaches its highest external expression, and precisely as one reaches its highest external expression, the other reaches its highest internal expression. And at the very same time that, on the one hand, humanity had reached a certain height with regard to pagan abandonment and, on the other hand, had reached a certain height with regard to the Jewish conception, what was developing within the human race on Earth could not be achieved except through such an event, which—even though it unfolded outwardly, as it were, as a world symbol—itself took place historically.

[ 11 ] So konnte es nur der Tod des Geistes sein, der der Erde den Sinn gibt. Höchstes Leben, wie dieses Leben im Lauf des Altertums sich entwickelte, zu seinem Gipfel gebracht, bedeutete zu gleicher Zeit innerlich spirituell die Notwendigkeit des Todes. Nur aus dem Tode konnte dann neues Leben hervorgehen. Dieser Tod auf Golgatha ist daher der notwendig größte Gegensatz zu dem üppigen Leben, das die Weltanschauung erlangt hat im Griechentum und Judentum in dieser Zeit.

[ 11 ] Thus, it could only be the death of the spirit that gives meaning to the earth. Supreme life—as this life developed throughout antiquity and reached its zenith—simultaneously implied, on an inner, spiritual level, the necessity of death. Only from death could new life then emerge. This death on Golgotha is therefore the necessary and greatest contrast to the exuberant life that the worldview had attained in Greek and Jewish culture at that time.

[ 12 ] Gewiß, man kann die Sache von den verschiedensten Gesichtspunkten darstellen. Wir haben das auch schon getan. Aber man kann auch zum Beispiel folgendes sagen. Man kann sagen: Alle alten Weltanschauungen, die ja doch alle mehr oder weniger fußten auf atavistischem Hellsehen, die erst im Griechentum zu dem reinen Gedanken vorgerückt waren, alle diese alten Weltanschauungen waren daraufhin angelegt, endlich den Menschen hier auf der Erde zu finden. Und das ist schon — namentlich im Griechentum, in einer andern Weise im Judentum — gerade zur Zeit des Mysteriums von Golgatha geschehen. Geht man zurück in die noch früheren Zeiten, so findet man: Der Mensch ist gewissermaßen mit dem, was er über sich selbst denkt, näher dem Göttlichen. Er ist noch nicht mit seiner Auffassung zu sich selbst herangekommen. In der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha geschah, war der Mensch mit seiner eigenen Auffassung zu sich selbst herangekommen. Da tritt denn, wenn so etwas geschieht, eines jener Ereignisse ein, wo ein Geschehen gewissermaßen durch seine eigene Kraft in sein Gegenteil umschlägt.

[ 12 ] Certainly, one can present the matter from a wide variety of perspectives. We have already done so. But one can also say, for example, the following. One can say: All the ancient worldviews—which were, after all, more or less based on atavistic clairvoyance and had only advanced to pure thought in Greek civilization—all these ancient worldviews were designed to finally find the human being here on Earth. And this is precisely what happened—particularly in Greek civilization, and in a different way in Judaism—at the very time of the Mystery of Golgotha. If we go back to even earlier times, we find that human beings are, in a sense, closer to the divine through what they think of themselves. They had not yet arrived at a conception of themselves. At the time of the Mystery of Golgotha, human beings had arrived at a conception of themselves. When something like this happens, one of those events occurs in which a process, as it were, turns into its opposite through its own power.

[ 13 ] Wenn Sie ein Pendel ansehen, welches nach links und rechts ausschlägt, so werden Sie folgendes finden — ich habe das Bild öfter gebraucht: Indem dieses Pendel hierher ausschlägt (es wird gezeichnet), fällt es durch die Schwerkraft wieder zurück bis hierher, und indem es hier heruntergesunken ist durch die Schwerkraft, kann in diesem Augenblicke, weil der Faden direkt entgegengesetzt ist der Richtung der Schwerkraft, die Schwerkraft nicht wirken. Aber das Pendel bleibt nicht still stehen. Warum? Weil durch das Herunterfallen, wie man in der Physik sich ausdrückt — es ist spirituell nicht richtig, aber man kann das Wort ja anwenden —, das Pendel so viel Beharrungskraft in sich aufgenommen hat, daß es durch diese eigene Beharrungskraft nach der andern Seite ausschlägt. Diese Beharrungskraft ist aber in dem Momente erschöpft, Null geworden, wo das Pendel links so weit ausgeschlagen hat, als es rechts ausgeschlagen hat. Die Bewegung nach links wird durch die eigene Beharrungskraft des Pendels bewirkt, erschöpft sich aber. Das ist überhaupt ein allgemeines Gesetz der Vorgänge in der Welt, daß etwas geschieht, und im Geschehen vernichtet sich der Impuls des Geschehens. So aber, in dem Augenblicke, in welchem heidnische und jüdische Kultur auf einem Höhepunkt angelangt waren, war die Kraft, durch die sie sich bis dahin gebracht haben, erschöpft, auf einem Nullpunkt angekommen. Und es bedurfte eines neuen Impulses, der in die Welt hereinkam, um die Entwickelung weiter zu lenken. Und dieser Impuls war der Christus, für den die Hülle des Jesus vorbereitet war in der Weise, wie wir das kennen.

[ 13 ] If you look at a pendulum swinging back and forth, you will observe the following—I have used this illustration many times: As this pendulum swings this way (it is drawn), it falls back to this point due to gravity, and as it has fallen here due to gravity, at that very moment—because the string is directly opposite the direction of gravity—gravity cannot act. But the pendulum does not come to a standstill. Why? Because, as they say in physics—though it is not spiritually correct, one can still use the term—the pendulum has absorbed so much inertia during its fall that it swings to the other side due to this very inertia. However, this inertia is exhausted—reduced to zero—at the moment when the pendulum has swung as far to the left as it did to the right. The movement to the left is caused by the pendulum’s own inertia, but it exhausts itself. This is, in fact, a general law governing processes in the world: something happens, and in the course of that event, the impulse behind it is destroyed. Thus, at the very moment when pagan and Jewish cultures had reached a pinnacle, the force that had brought them this far was exhausted, having reached a point of zero. And a new impulse was needed, one that entered the world to guide development further. And this impulse was the Christ, for whom the vessel of Jesus had been prepared in the way we know it.

[ 14 ] So kann man sagen: Wenn ein Mensch ganz hätte durchschauen können zur Zeit, in der unsere Zeitrechnung das Jahr Null setzt, was eigentlich innerlich in der Menschheit vorgeht, so hätte er sagen müssen: Die Menschheit trifft in diesem Zeitpunkt das tragische Schicksal, daß die Kräfte, die ihr gegeben worden sind beim Ausgange der Erdenentwickelung, in der Zeit, in welcher wir angekommen sind, zwar diese Menschheit zur höchsten Entfaltung gebracht haben in bezug auf ihre innere Seelenverfassung, aber sich zugleich erschöpft haben. Es trifft sie der Tod der Menschheitskultur, die im Sinne jener Impulse verlief, welche die Alten wie eine Erbschaft der Menschheit am Ausgangspunkt der Erdenentwickelung empfangen haben. — Dann konnte einer, der das Geschick der Menschheit so empfunden hätte, aufblicken zu dem Berge Golgatha und das äußere geschichtliche Symbolum sehen, den sterbenden Jesusleib, den sterbenden Repräsentanten der Menschheit, und konnte aus der Auferstehung die Hoffnung gewinnen, daß ein neuer Impuls die Menschheit nicht verlassen wird auf der Erde, sondern sie weiterführen wird; aber ein Impuls, der nicht hervorgehen konnte aus dem, was bis dahin die Erde hat den Menschen geben können. Das heißt, die Menschheit mußte aufsehen zu etwas, was die Erde nicht geben konnte, indem sie auf Golgatha hinsah und auf Golgatha die Möglichkeit einer Weiterentwickelung der Menschheit von Golgatha aus empfand. Aufsehen zu etwas, was in die Erdenentwickelung als ein neuer Einschlag hereinkam, das mußte derjenige, oder hätte derjenige müssen, der die Dinge der Menschheitsentwickelung innerlich in dem damaligen Zeitpunkt durchschaut hätte. Das war vor sich gegangen, und das war die Bedeutung desjenigen, was vor sich gegangen war. Ob man nun mehr oder weniger so oder so dieses Ereignis aufgefaßt hat, das ist Sache der äußeren Geschichte. Das für das Christentum Wesentliche ist, daß dies geschehen ist und dies als objektive Tatsache sich abgespielt hat. Christentum ist nicht eine Lehre, Christentum ist die Anschauung dieses in der Erdenentwickelung sich abspielenden objektiven Ereignisses.

[ 14 ] One might say, then: If a person had been able to fully comprehend, at the time our calendar designates as the year zero, what was actually taking place within humanity, he would have had to say: At this point in time, humanity faces the tragic fate that the forces given to it at the end of Earth’s evolution—forces that, by the time we have reached, have indeed brought humanity to its highest development in terms of its inner spiritual constitution—have at the same time been exhausted. Humanity is struck by the death of its culture, which unfolded in accordance with those impulses that the ancients received as a legacy of humanity at the starting point of Earth’s evolution. — Then someone who had perceived the fate of humanity in this way could look up to the mountain of Golgotha and see the outward historical symbol—the dying body of Jesus, the dying representative of humanity—and could draw hope from the Resurrection that a new impulse would not abandon humanity on Earth, but would lead it forward; but an impulse that could not arise from what the Earth had been able to give humanity up to that point. That is to say, humanity had to look up to something the Earth could not provide, by gazing upon Golgotha and sensing there the possibility of humanity’s further development from Golgotha onward. To look up to something that entered into the Earth’s evolution as a new turning point—that is what the person who had, or should have, inwardly grasped the course of human evolution at that time would have had to do. That is what had taken place, and that was the significance of what had occurred. Whether people interpreted this event more or less in one way or another is a matter of external history. What is essential for Christianity is that this happened and that it unfolded as an objective fact. Christianity is not a doctrine; Christianity is the perception of this objective event unfolding in the course of Earth’s development.

[ 15 ] Und nun sehen wir, wie diese Anschauung vom Christentum sich merkwürdig ausbreitet. Von einem andern Gesichtspunkte habe ich neulich ja dieselbe Tatsache entwickelt. Heute wollen wir nur das betrachten, wie über die Länder des Judentums, des griechischen Heidentums, des römischen Heidentums hin die Anschauung von dem Christus-Impuls, der in die Erdenentwickelung hereingekommen ist, sich ausbreitet. Man kann nicht umhin, wenn man unbefangen die geschichtliche Entwickelung betrachtet, sich doch zu sagen: Ja, so recht innerlich Wurzel gefaßt hat das Christentum ganz gewiß nicht im Judentum, abet, trotzdem sogar die Evangelien aus Griechentum heraus geschrieben sind, auch nicht im Griechentum, und erst recht nicht im Römertum des Römischen Weltreiches. Sie brauchen nur den Katholizismus, der ja das Übriggebliebene jenes Christentums ist, das aus dem Römischen Weltreiche sich herausentwickelt hat, zu nehmen und brauchen von diesem römischen Katholizismus nur zu nehmen das allerdings in seiner Art große und gewaltige Meßopfer, so werden Sie sehen, welche eigentümliche Bedeutung zugrunde liegt gerade der Ausbreitung der christlichen Auffassung durch das alte Römische Weltreich.

[ 15 ] And now we see how this view of Christianity is spreading in a remarkable way. I recently discussed the same fact from a different perspective. Today we will simply consider how the concept of the Christ impulse—which entered into the Earth’s evolution—is spreading across the lands of Judaism, Greek paganism, and Roman paganism. If one looks at historical development with an open mind, one cannot help but say to oneself: Yes, Christianity certainly did not take root in Judaism in any truly profound way; nor, even though the Gospels were written from within Greek culture, did it take root in Greek culture; and certainly not in the Roman culture of the Roman Empire. You need only take Catholicism—which is, after all, what remains of that Christianity that developed out of the Roman Empire—and consider, within this Roman Catholicism, the Mass, which is indeed, in its own way, a grand and mighty sacrifice, and you will see what peculiar significance underlies precisely the spread of the Christian worldview through the ancient Roman Empire.

[ 16 ] Was ist denn im Grunde genommen die Messe? Die Messe und auch andere Zeremonien der katholischen Kirche sind in ihrer Grandiosität, ihrer unvergleichlichen Größe eben doch entnommen den alten heidnischen Mysterien. Und sobald Sie auf das Ritual des Katholizismus hinschauen und es richtig verstehen, so haben Sie in diesem Ritual eine Wiedergabe des Weges der Einweihung in den alten heidnischen Mysterien. Die Hauptteile der Messe: Verkündigung, Opferung, Wandelung, Kommunion, stellen dar den Weg des Einzuweihenden aus den alten heidnischen Mysterien. In die Form des alten heidnischen Mysteriums mußte eingekleidet werden der Christus-Impuls, um sich zu verbreiten durch die Gegenden des Römischen Weltreiches. Und wie dasjenige, was durchlebt worden ist in der Anschauung des Christus Jesus, sich dargestellt hat denen, die vertraut waren mit den Ergebnissen der Initiation in den alten heidnischen Mysterien, das können Sie ja in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» nachlesen. Da ist dargestellt, wie auf Golgatha auf den Schauplatz der Weltgeschichte hinausgestellt worden ist dasjenige, was sonst in den geheimnisvollen Tiefen der Mysterieneinweihung als einzelnes menschliches Erlebnis auf einem andern Plane sich immer dargestellt hat. Und so sehen wir, daß eingetaucht wird in heidnisches Ritual das Geheimnis des Christentums in der Ausbreitung über die gebildeten Länder des vierten nachatlantischen Zeitraums, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen. Da lebt dasjenige, was man als Idee von dem Christus-Impuls hat, im Ritual weiter, da lebt es im Meßopfer weiter. Im Grunde genommen lebt es heute noch immer so im Meßopfer im Katholizismus weiter. Denn ein richtiger Katholik ist derjenige, der den Christus Jesus in seinem ganzen Geheimnis empfindet, wenn am Altare emporgehoben wird die Hostie, das sich in den Leib des Christus verwandelnde Brot. In dieser rituellen Handlung empfindet der wirkliche Katholik, der die heidnische Form des Christentums empfindet, dasjenige, was er empfinden soll. Da ist nicht ein unmittelbares Verhältnis zu dem Christus Jesus, da ist ein Verhältnis, daß gesucht wird, an den Menschen heranzudringen durch die Form des heidnischen Rituals.

[ 16 ] What, after all, is the Mass? The Mass, as well as other ceremonies of the Catholic Church, derive their grandeur and incomparable magnificence from the ancient pagan mysteries. And as soon as you look at the ritual of Catholicism and understand it correctly, you will see in this ritual a reenactment of the path of initiation in the ancient pagan mysteries. The main parts of the Mass—the Proclamation, the Sacrifice, the Consecration, and Communion—represent the path of the initiate from the ancient pagan mysteries. The Christ impulse had to be clothed in the form of the ancient pagan mystery in order to spread throughout the regions of the Roman Empire. And you can read in my book Christianity as a Mystical Fact how what was experienced in the vision of Christ Jesus presented itself to those who were familiar with the results of initiation into the ancient pagan mysteries. There it is described how, on Golgotha, that which had otherwise always manifested itself in the mysterious depths of mystery initiation—as an individual human experience on another plane—was brought forth onto the stage of world history. And so we see that, as Christianity spread across the civilized lands of the fourth post-Atlantean epoch—which we call the Greco-Latin period—the mystery of Christianity became embedded in pagan ritual. There, what we hold as the idea of the Christ impulse lives on in the ritual; there it lives on in the Mass. Essentially, it still lives on today in this way within the Mass in Catholicism. For a true Catholic is one who perceives Christ Jesus in all his mystery when the Host—the bread transformed into the Body of Christ—is raised at the altar. In this ritual act, the true Catholic—who perceives the pagan form of Christianity—feels what he is meant to feel. There is no direct relationship to Christ Jesus here; rather, there is a relationship that seeks to reach people through the form of the pagan ritual.

[ 17 ] In einer ganz andern, intim menschlichen Weise tritt das Christentum doch erst auf, indem es von den zivilisierten Ländern des Südens, die es eingetaucht haben in das Heidentum oder in das Judentum, zu den nordischen Barbaren kommt. Diese nordischen Barbaren sind deshalb auch zunächst so dem Christentum sich gegenüberstellend, daß sie dieses Christentum in einer viel primitiveren Form aufnehmen. Und durch eine lange Zeit hindurch sind ja diese nordischen Barbaren Arianer, das heißt, sie lassen sich nicht ein auf die komplizierten Vorstellungen, die im heidnischen Ritual einfach verkörpert sind, sondern sie stellen sich doch mehr oder weniger den Christus Jesus vor als eine Art Idealmenschen, als einen gesteigerten, ins Göttliche emporgehobenen, idealisierten Menschen, als den ersten Bruder der Menschheit, aber doch als den Bruder der Menschheit. Die Frage interessiert sie nicht so sehr, wie zu irgendeinem unbekannten Gotte der Christus steht; die Frage interessiert sie dagegen außerordentlich, wie die menschliche Natur zu der Christus-Natur steht, welches Verhältnis unmittelbar das menschliche Herz, das menschliche Gemüt zu dem Idealmenschen Christus Jesus haben kann. Und mit den Anschauungen über die äußerliche, menschliche, gesellschaftliche Struktur verbindet sich dieses. Der Christus wird ein besonderer König, ein besonderer Volksführer. Wie man sich vorgestellt hat, daß man folgt dem Führer, zu dem man Vertrauen hat, so will man folgen dem Christus Jesus als dem besonders erlauchten Führer. Da tritt etwas ein, was man nennen könnte das Suchen eines persönlichen Verhältnisses zu dem Christus Jesus, im Gegensatz zu dem komplizierten, nur im realisierten imaginativen Bilde des Rituals ausdrückbaren Verhältnisse, das man im Süden gewonnen hat.

[ 17 ] Christianity, however, first emerges in a completely different, deeply human way when it spreads from the civilized countries of the South—which had been steeped in paganism or Judaism—to the Nordic barbarians. These Nordic barbarians are therefore initially so opposed to Christianity that they embrace it in a much more primitive form. And for a long time, these Nordic barbarians were Arians; that is to say, they did not engage with the complex concepts simply embodied in pagan ritual, but rather imagined Jesus Christ more or less as a kind of ideal human being—as a heightened, deified, idealized human being, as the first brother of humanity, yet still as the brother of humanity. They are not particularly interested in how Christ relates to some unknown god; what interests them immensely, however, is how human nature relates to the nature of Christ—what direct relationship the human heart and mind can have with the ideal human being, Jesus Christ. And this is connected to their views on the external, human, social structure. Christ becomes a special king, a special leader of the people. Just as people have imagined following a leader in whom they have trust, so they wish to follow Christ Jesus as the particularly illustrious leader. This gives rise to what one might call the search for a personal relationship with Christ Jesus, in contrast to the complex relationship—expressible only in the realized, imaginative image of the ritual—that was developed in the South.

[ 18 ] Wodurch geschieht dieses? Ja, diese barbarischen Völkerschaften, zu denen da das Christentum im Norden dringt, die sind der Keim desjenigen, was später auftreten soll in der menschlichen Entwickelung als der fünfte nachatlantische Zeitraum. Sie sind nur in der Zeit, als die Menschen des vierten nachatlantischen Zeitraums verhältnismäßig schon auf einer Höhe angekommen waren, noch nicht einmal recht Mensch geworden. Sie nehmen noch in eine primitive menschliche Wesenheit herein dasjenige auf, was in eine hochentwickelte Menschheit herein nur in Form der realisierten Imaginationen des Rituals kommen kann. In die Barbarenherzen und Barbarengemüter herein wird dasjenige aufgenommen in einer intimen, persönlichen Weise, was im Überschlagen der menschlichen Natur in hohe Geistigkeit im Süden doch nur in verheidnischter Form aufgenommen worden ist.

[ 18 ] How does this come about? Indeed, these barbaric peoples, among whom Christianity is making inroads in the North, are the seed of what will later emerge in human evolution as the fifth post-Atlantean epoch. At a time when the people of the fourth post-Atlantean epoch had already reached a relatively high level of development, they had not yet even truly become human. They still absorb into their primitive human nature that which can enter a highly developed humanity only in the form of the realized imaginations of ritual. What, in the southern regions, was absorbed only in a paganized form during the transformation of human nature into high spirituality is taken up in an intimate, personal way by the hearts and minds of the barbarians.

[ 19 ] Und so sehen wir, daß in einer ganz verschiedenen Weise der Keim des Christus-Impulses in die südlichen Herzen und in die Herzen der nordischen Barbaren fällt. Diese nordischen Barbarenherzen sind weit weniger reif als die Herzen der Völker des Südens, und in ihre Unreife hinein senkt sich der Christus-Impuls. Die merkwürdige Tatsache liegt vor, daß im ganzen Süden durch das christianisierte Judentum, dutch das christianisierte Griechentum, durch das christianisierte Römertum sich das Christentum so einlebt, daß sich vor den ChristusImpuls, der an die Menschheit herannaht, die Christus-Vorstellung setzt, die man in der Weise ausgestaltet, wie man sie nach den alten Seelenerlebnissen hat ausgestalten können. Denn diese alten Menschen hatten ein bedeutendes Seelenleben, ein in einem gewissen Sinne grandios ausgebildetes Seelenleben. Die nordischen Barbaren hatten ein primitives, einfaches Seelenleben, das an das Allernächste nur gewöhnt war, an die allernächsten Verhältnisse persönlicher Art zwischen Mensch und Mensch. Und in diese nächsten Verhältnisse herein strömte der Christus-Impuls. Diese Menschen hatten gar keine Vorstellung einer wissenschaftlichen Erkenntnis, wie sie bei den Griechen ausgebildet war, einer politischen Anschauung über eine Staatsstruktur, wie sie bei den Römern ausgebildet war. Das gab es bei den nördlichen Barbaren nicht. Ihr Vorstellungsleben in der Seele war, man möchte sagen, frei. Sie konnten nicht viel denken. Sie konnten jagen, sie konnten kriegführen, sie konnten ein bißchen Ackerbau, sie ‚konnten auch anderes — Sie brauchen das ja nur über die alten nordischen Barbaren nachzulesen —; aber irgendeine entwickelte Wissenschaft bildeten sie nicht aus. Vor den Christus-Impuls trat keine Vorstellung; der konnte selbst als Christus-Impuls zu den Leuten kommen. Daher kann man sagen: Zu den südlichen Menschen kam der Christus so, daß er haltmachen mußte vor dem Vorstellungsleben, das sie ihm entgegenbrachten. Diese südlichen Menschen stellten ein Tor auf: Durch das mußt du erst kommen —, sagten sie dem Christus. Dieses Tor war noch dasjenige, das gezimmert war aus den alten, überlieferten Vorstellungen. Die nordischen Barbaren hatten kein solches Tor; ganz weit offen war der Einlaß, der Christus-Impuls kam selbst da herein. Zwischen dem Volk oder den Völkern, die da als nordische Barbaren sich auslebten, zu denen der Christus kam, und dem Jesus selber, zu dem als einzelner Mensch der Christus kam, ist nur ein gradueller Unterschied. In Palästina kam der Christus zu dem einzelnen Menschen Jesus. Dann breitete sich der Impuls aus über die südlichen Länder. Da war überall das Tor des Vorstellungslebens da, da konnte ‘ er nicht so hinein, wie er in den Menschen Jesus hinein konnte. Wie zu den nördlichen Barbaren der Christus-Impuls kam, da konnte er allerdings nicht zu den einzelnen Menschen überall hinein — die waren keine Jesusse —, aber in die Völkerseelen konnte er hinein; die nahmen ihn als Christus in einer gewissen Beziehung auf. Und ein ähnlicher Prozeß spielte sich ab zwischen den Volksseelen und dem Christus wie zwischen dem Jesus und dem Christus.

[ 19 ] And so we see that the seed of the Christ impulse takes root in quite different ways in the hearts of the southerners and in the hearts of the Nordic barbarians. These Nordic barbarian hearts are far less mature than the hearts of the peoples of the South, and the Christ impulse sinks into their immaturity. The remarkable fact is that throughout the South—through Christianized Judaism, Christianized Hellenism, and Christianized Roman culture—Christianity takes root in such a way that, before the Christ impulse approaches humanity, the concept of Christ is established, shaped in the manner that was possible based on the ancient spiritual experiences. For these ancient people had a significant inner life, an inner life that was, in a certain sense, magnificently developed. The Nordic barbarians, on the other hand, had a primitive, simple inner life that was accustomed only to the immediate surroundings, to the most immediate personal relationships between human beings. And into these immediate relationships the Christ impulse poured. These people had no conception whatsoever of scientific knowledge as it had developed among the Greeks, nor of a political view of state structure as it had developed among the Romans. Such things did not exist among the northern barbarians. Their imaginative life in the soul was, one might say, free. They could not think much. They could hunt, they could wage war, they could practice a little agriculture, they could do other things as well—you need only read about the ancient Nordic barbarians—but they did not develop any kind of advanced science. No preconceived notion stood in the way of the Christ impulse; it could come to the people directly as the Christ impulse. Therefore, one can say: The Christ came to the southern peoples in such a way that he had to pause before the life of the imagination they presented to him. These southern peoples erected a gate: “You must first pass through this,” they said to the Christ. This gate was still the one built from the old, traditional conceptions. The Nordic barbarians had no such gate; the entrance was wide open, and the Christ impulse entered there of its own accord. There is only a gradual difference between the people—or peoples—who lived out their lives as Nordic barbarians, to whom the Christ came, and Jesus himself, to whom the Christ came as an individual human being. In Palestine, the Christ came to the individual human being, Jesus. Then the impulse spread throughout the southern lands. There, the gateway of the life of the imagination was present everywhere; he could not enter there in the same way that he could enter into the human being Jesus. Just as the Christ impulse came to the northern barbarians, it could not, of course, enter every individual human being everywhere—they were not “Jesuses”—but it could enter the souls of the peoples; they received him as the Christ in a certain sense. And a similar process took place between the souls of the peoples and the Christ as between Jesus and the Christ.

[ 20 ] Das ist das innere Geheimnis dieser Wanderung des Christentums durch die südlichen Länder zu den nördlichen Barbaren. Aber sie waren wirklich nicht sehr weit, diese nördlichen Barbaren. Und wenn auch der Christus unmittelbar hinein konnte, so sah es nicht sehr vornehm in den Wohnungen aus, die er da betreten konnte. Primitive, primitivste Vorstellungen waren da. Ich möchte sagen: Wie unter der Decke der Weltenentwickelung enfaltete sich erst dasjenige, was schon hoch ausgebildet im Süden war, aber auf einer vorhergehenden Stufe. Was hoch ausgebildet war im Süden auf der vierten nachatlantischen Kulturstufe, der griechisch-lateinischen, das war noch ganz embryonal im Norden und wartete bis später. So daß man sagen kann: Wir haben die vierte nachatlantische Kulturstufe und haben die fünfte nachatlantische Kulturstufe. Wir wissen: die vierte nachatlantische Kulturstufe, 747 vor dem Ereignis von Golgatha, geht bis zum Jahre 1413, und dann geht es weiter; wir leben jetzt in der fünften nachatlantischen Kulturstufe. Wenn man irgendeinen Punkt der vierten nachatlantischen Kulturstufe nimmt, sagen wir einen Punkt im 5. Jahrhundert vor dem Ereignis von Golgatha, so war die Entwickelung in den griechisch-lateinischen Ländern vorgeschritten, bei den nordischen Barbaren sehr zurück. Die wartete erst auf die spätere Entfaltung, da kam derselbe Punkt erst viel später. Das heißt, im Norden war man, wenn auch auf einer höheren Stufe, auf demselben Punkt, auf dem man im Süden früher war, erst viel später. Das ist wichtig, daß man so etwas ins Auge faßt. Denn nur durch solches Ins-Auge-Fassen kommt man darauf, wie sich die innere Entwickelung, die innere Entfaltung des menschlichen Lebens über die Erde hin gestaltet.

[ 20 ] This is the inner secret of Christianity’s journey through the southern lands to the northern barbarians. But these northern barbarians were really not very far away. And even though Christ was able to enter their midst directly, the dwellings he found there did not look very refined. The ideas there were primitive, the most primitive of all. I would like to say: It was only under the canopy of world evolution that what was already highly developed in the South—albeit at a previous stage—began to unfold. What was highly developed in the South during the fourth post-Atlantean cultural epoch, the Greco-Latin one, was still entirely embryonic in the North and had to wait until later. So one can say: We have the fourth post-Atlantean cultural stage and we have the fifth post-Atlantean cultural stage. We know that the fourth post-Atlantean cultural stage, beginning in 747 B.C.E., extends until the year 1413, and then it continues; we are now living in the fifth post-Atlantean cultural stage. If one takes any point in the fourth post-Atlantean cultural epoch—say, a point in the 5th century before the Event of Golgotha—development had advanced in the Greco-Latin countries, while it lagged far behind among the Nordic barbarians. They had to wait for later unfolding; that same point did not arrive there until much later. This means that in the North, although at a higher stage, people reached the same point that the South had reached earlier only much later. It is important to take such a perspective into account. For it is only by taking such a perspective that one can understand how the inner development, the inner unfolding of human life, takes shape across the Earth.

[ 21 ] Man bedenke nur, wie hoch diese griechisch-lateinische Kultur war in der Zeit, als in dieser griechisch-lateinischen Kultur der große Mensch — man kann ihn nicht einen Philosophen bloß nennen —, Plato aufstand, Plato mit seinem Hinaufwenden des menschlichen Gemütes zu den Ideen. Das sind nicht die abstrakten Ideen, von denen der heutige Mensch faselt, das sind Geistwesen selber, zu denen Plato aufschaut, indem er von Ideen spricht. Derjenige, der Plato wirklich kennt, weiß, auf welcher Höhe diese alte griechisch-lateinische Kultur der vierten nachatlantischen Kulturperiode stand. In der Zeit, als hervorragte aus dem Griechentum der große Plato, da mußte die nordische Barbarenkultur noch vieles durchmachen, bis sie ihrerseits aus ihrem eigenen Fleisch und Blut heraus, wenn auch jetzt für die fünfte nachatlantische Zeit, dasselbe hervorbrachte, wie es aus dem Griechentum hervorgebracht worden war, als Plato da war.

[ 21 ] Just consider how exalted this Greco-Latin culture was at the time when, within that very culture, the great man—one cannot simply call him a philosopher—Plato emerged, Plato with his turning of the human mind toward the Ideas. These are not the abstract ideas that people today ramble on about; these are spiritual beings themselves, to whom Plato looks up when he speaks of Ideas. Anyone who truly knows Plato understands the heights to which this ancient Greco-Latin culture had risen during the fourth post-Atlantean cultural epoch. At the time when the great Plato stood out from Greek civilization, the Nordic barbarian culture still had much to go through before it, in turn, could produce from its own flesh and blood—albeit now for the fifth post-Atlantean epoch—the very same thing that had been produced by Greek civilization when Plato was there.

[ 22 ] Und wann erst hatte die nordische Barbarennatur aus ihrem eigenen Fleisch und Blut heraus sich zu einer solchen Höhe emporgearbeitet, auf der in einer früheren Zeitepoche Plato schon stand? Das war zur Zeit Goethes. Das, was Platonismus im Griechentum ist, das ist Goetheanismus für den fünften nachatlantischen Zeitraum. Wieviel Jahre verfließen denn in einem Kulturzeitraum? Sie wissen, wenn Sie die 1413 nehmen nach dem Mysterium von Golgatha, und die 747 vorher, so gibt das einen Kulturzeitraum; das sind 2160, etwas über 2000 Jahre. Das ist ungefähr auch die Zeit, die verfließt zwischen Plato und Goethe; ein Kulturzeitraum, nur hinausgeschoben, liegt zwischen beiden.

[ 22 ] And when, exactly, had the Nordic barbaric nature, from its own flesh and blood, worked its way up to such a height that Plato had already reached in an earlier epoch? That was in Goethe’s time. What Platonism is to Greek civilization, Goetheanism is to the fifth post-Atlantean epoch. How many years, then, elapse in a cultural epoch? You know that if you take the 1,413 years following the Mystery of Golgotha and the 747 years preceding it, that makes one cultural epoch; that is 2,160, a little over 2,000 years. That is also roughly the time that elapsed between Plato and Goethe; a cultural epoch, merely shifted forward, lies between the two.

[ 23 ] Und indem wir auf Plato blicken, tritt uns eines bei Plato hervor, was grandios herausleuchtet aus der übrigen antiken Kultur. Es tritt uns bei Plato das entgegen, was in dem Worte liegt, wo Platos Philosophie zur religiösen Weihe sich erhebt, wo er sagt: Gott ist das Gute-, wo er eine Ahnung bekommt davon, daß verbunden werden muß die ideengemäße Naturanschauung mit der moralischen Weltenordnung: das Göttliche ist das Gute. Und damit tritt für das Griechentum die Erwartung des Christentums ein.

[ 23 ] And as we look to Plato, one thing stands out in his work that shines magnificently above the rest of ancient culture. What we encounter in Plato is encapsulated in the words where his philosophy rises to a religious consecration, where he says: “God is the Good”—where he gains an inkling that the idealistic view of nature must be united with the moral order of the world: the divine is the Good. And with this, the anticipation of Christianity dawns upon the Greek world.

[ 24 ] Damit aber wäre in der nordischen Welt mit Goethe auf eine Erwartung hingedeutet, auf eine Erwartung einer Erneuerung des Christentums. Wer könnte auch Goethe innerlich anders anschauen als so, daß in ihm eine Erwartung liegt einer Erneuerung der Auffassung des Mysteriums von Golgatha! Der Knabe Goethe, der siebenjährige, steht noch wie ein Heide vor der Natur, wiederholt sein Griechentum. Er nimmt ein Notenpult, legt darauf allerlei Steine und Felsarten als Repräsentanten der Naturvorgänge, zündet oben ein Räucherkerzchen an unmittelbar an dem Sonnenlichte, das er durch ein Brennglas auffängt, um dem großen Gotte der Natur ein Opfer darzubringen. Rein heidnische Naturverehrung; darinnen lebt nichts von einem Christus Jesus. Darinnen lebt der Gott, der in der Natur angeschaut werden kann. Und Goethe ist bis zum innersten Wesen hinein intim ehrlich. Er bekennt sich nicht äußerlich zu irgendeiner Gottheit, zu irgendeinem Göttlichen, mit dem er sich nicht innerlich ehrlich verbinden kann. Annehmen diejenige Gottesvorstellung, die ihm ein Priester sagt, das kann er nicht; lernen äußerlich dasjenige, was nicht ihm aus der innersten Seele quillt, das kann er nicht. So quillt noch 1780 aus seinem Inneren hervor sein Prosahymnus an die Natur, jener wunderbare Prosahymnus an die Natur, der da beginnt: Natur, wir sind von ihr umgeben und umschlungen. Ungewarnt und ungebeten nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entsinken... Alles ist Natur. Wir gehören ihr an; sie treibt sich mit uns fort. Auch das Unnatürlichste ist Natur. Die größte Philisterei hat etwas von ihrem Genie. Sie hat mich hineingestellt, sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihr Verdienst, alles ihre Schuld.

[ 24 ] This, however, would point to an expectation in the Nordic world—an expectation of a renewal of Christianity—as embodied in Goethe. Who could view Goethe inwardly in any other way than to see in him an expectation of a renewal of the understanding of the mystery of Golgotha! The boy Goethe, at the age of seven, still stands before nature like a pagan, reenacting his Hellenism. He takes a music stand, places all manner of stones and rock formations on it as representatives of natural processes, and lights a small incense candle directly in the sunlight he has focused through a magnifying glass, in order to offer a sacrifice to the great God of Nature. Purely pagan worship of nature; there is nothing of Christ Jesus in it. In it lives the God who can be beheld in nature. And Goethe is intimately honest right down to his innermost being. He does not outwardly profess faith in any deity, in anything divine, with which he cannot connect honestly from within. He cannot accept the concept of God that a priest tells him; he cannot outwardly learn what does not spring from his innermost soul. Thus, as late as 1780, his prose hymn to nature welled up from within him—that wonderful prose hymn to nature that begins: “Nature, we are surrounded and embraced by her. Unwarned and uninvited, she draws us into the circle of her dance and carries us along with her until we are weary and sink into her arms... Everything is nature.” We belong to her; she carries us along with her. Even the most unnatural is nature. The greatest philistinism has something of her genius. She has placed me within it; she will not hate her work. Everything is her merit, everything her fault.

[ 25 ] Intim aus dem Innersten heraus quillt diese Anschauung selber, weil Goethe sie so ehrlich sucht, wie er sie als Repräsentant seiner Stufe der Menschheit suchen muß, in der nichts Christliches liegt. Im ganzen Prosahymnus «Die Natur» finden Sie eine wunderbare Hinneigung zum Gotte, fast noch wie beim siebenjährigen Knaben, der sich seinen heidnischen Altar richtet aus Naturprodukten, aber nichts Christliches. Denn Goethe steht als ehrlicher Repräsentant in dem fünften nachatlantischen Zeitraum drinnen, der für ihn der Zeitraum der Erwartung ist. Daß es aber beim Heidnischen nicht bleiben kann, das drückt sich bei Goethe auf der einen Seite dadurch aus, daß er auch wissenschaftlich zu seiner grandiosen Naturanschauung kommt, die sich in seiner Morphologie, in seiner Farbenlehre ausdrückt; es drückt sich auf der andern Seite aber auch aus dadurch, daß er über diese Naturanschauung, über dieses Heidentum hinausgehen muß. Und nehmen Sie von diesem Gesichtspunkte den innersten Impuls des «Faust», nehmen Sie von diesem Gesichtspunkte aus namentlich dasjenige, was Goethe hineingeheimnißt hat in das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», von jener Wiedergeburt des Menschen, die sich ausdrückt in diesem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» und versuchen Sie dann nicht, oberflächlich zu bleiben, sondern heranzudringen an dasjenige, was in Goethes Sinn lebte, dann kommt Ihnen der Gedanke: Hier lebt in einer Menschenseele ein neuer Christus-Impuls, ein neuer Impuls der Menschheitsverwandlung, wie er durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, ein Streben nach einer neuen Auffassung dieses Mysteriums von Golgatha. Denn es atmet das ganze «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» Erwartungsstimmung.

[ 25 ] This perspective springs intimately from the very depths of his being, because Goethe seeks it with such sincerity—as he must, as a representative of his stage of humanity, in which there is nothing Christian. Throughout the entire prose hymn “Nature,” you will find a wonderful inclination toward God, almost like that of a seven-year-old boy who sets up his pagan altar from natural materials, but with nothing Christian about it. For Goethe stands as an honest representative within the fifth post-Atlantean epoch, which for him is the epoch of expectation. But the fact that he cannot remain with the pagan is expressed in Goethe, on the one hand, by the fact that he also arrives at his magnificent view of nature through scientific means, which finds expression in his morphology and his theory of colors; on the other hand, however, it is also expressed by the fact that he must go beyond this view of nature, beyond this paganism. And from this perspective, consider the innermost impulse of Faust; from this perspective, consider in particular what Goethe has enshrined in the “Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” that rebirth of the human being expressed in this “Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”—and then try not to remain superficial, but to penetrate to what lived in Goethe’s mind—then the thought will occur to you: Here, within a human soul, lives a new Christ impulse, a new impulse for the transformation of humanity, as it came about through the Mystery of Golgotha—a striving toward a new understanding of this Mystery of Golgotha. For the entire “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily” is imbued with a spirit of anticipation.

[ 26 ] Da wo Plato im Griechentum steht, da steht Goethe innerhalb des fünften nachatlantischen Zeitraums. Die Frage: Wo steht Goethe? —, die führt uns dazu, zu sagen: Wie Plato mit seiner Definition des Göttlichen als des Guten hinwies für die Auffassung des vierten nachatlantischen Zeitraums auf das Mysterium von Golgatha, so wies Goethe mit den Aussprüchen, die herausklingen aus dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» hin zu einer erneuerten Auffassung des Mysteriums von Golgatha, die da kommen muß. Das ist die Antwort auf die Frage: Wo steht Goethe?

[ 26 ] Just as Plato occupies a certain place in Greek culture, so does Goethe within the fifth post-Atlantean epoch. The question: “Where does Goethe stand?” leads us to say: Just as Plato, with his definition of the divine as the good, pointed to the Mystery of Golgotha for the understanding of the fourth post-Atlantean epoch, so Goethe, with the sayings that resound from the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” pointed toward a renewed understanding of the Mystery of Golgotha that must yet come. That is the answer to the question: Where does Goethe stand?

[ 27 ] Wie kann man bis in die neuesten Tage herein sich das Menschheitsgeschehen durchgeistigt vorstellen? Die äußere geschichtliche Auffassung, die nur so hintereinander aufzählt die Menschen und die Vorgänge, die sagt eigentlich gar nichts, was wirklich innerlich den Menschen ergreifen könnte. Sieht man aber auf das Innerliche des Geschehens, sieht man, wie in demselben Punkt des fünften nachatlantischen Zeitraums, in dem für den vierten Plato stand, nun Goethe steht, dann enthüllt sich einem die geistige Welle, die durch die Welt west bis in die neuesten Tage herein. In den neuesten Tagen wird gewöhnlich für die gegenwärtige Menschheit die Geschichte recht ungeistig in ihrer Auffassung. Goetheanismus ist zugleich Erwartungsstimmung einer Neuauffassung des Mysteriums von Golgatha.

[ 27 ] How can one conceive of human history in a spiritualized way, right up to the present day? The external, historical view, which merely lists people and events one after another, actually says nothing that could truly touch people inwardly. But if one looks at the inner essence of these events, one sees how, at the very same point in the fifth post-Atlantean epoch where Plato stood for the fourth, Goethe now stands; then the spiritual wave that has swept through the Western world right up to the present day is revealed. In the present day, history is generally viewed in a rather unspiritual way by contemporary humanity. Goetheanism is at the same time a mood of anticipation for a new understanding of the Mystery of Golgotha.

[ 28 ] Anders kommt man nicht zu einem Verständnisse desjenigen, was um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert geschehen ist, als dadurch, daß man in dieser Weise versucht hineinzudringen in das Innere des Menschheitsgeschehens. Es kann jemand manche erhebenden Vorstellungen hervorrufen in Menschenherzen, wenn er heute zu erneuern versucht gewisse Empfindungen, die erregt wurden im alten Heidentum, sagen wir, wenn hinaufgeschaut wurde zu der Vorstellung der großen Isis des Ägyptertums. Aber gewiß auch zur Zeit Platos haben die Vorstellungen über die ägyptische Isis als der Impuls, der durch alle Natur waltet, den Menschen entgegengeklungen. Hören wir heute über die Isis, hören wir über die Isis, ohne uns mit aller Macht zu erneuern das, was Menschen in jener Zeit empfunden haben, so bleibt es bei den Worten. Wenn man ehrlich ist, bleibt es bei den Worten. Wenn man sich nicht an Wortklängen berauscht, bleibt es bei den Worten; es ergreift nicht das Herz. Was kann der moderne Mensch tun, wenn er dieselben Vorstellungen erwecken will in seinem Inneren, die im Altertum erweckt worden sind im menschlichen Herzen, wenn von der Isis gesprochen wurde? Der moderne Mensch kann den Prosahymnus Goethes über die Natur auf sich wirken lassen. Es wird da so zur modernen Menschheit gesprochen, wie zur alten Menschheit gesprochen worden ist, wenn von der Isis gesprochen wurde. Da klingt ‚auch unmittelbar das aus den geheimnisvollen Tiefen des Weltenalls heraus, was herausgeklungen hat, wenn zum alten Menschen von der Isis gesprochen worden ist. |

[ 28 ] There is no other way to gain an understanding of what happened at the turn of the 18th to the 19th century than by attempting, in this way, to penetrate to the heart of human history. One can evoke certain uplifting ideas in people’s hearts today by attempting to revive certain feelings that were stirred in ancient paganism—for example, when people looked up to the image of the great Isis of Egyptian culture. But certainly, even in Plato’s time, the ideas about the Egyptian Isis—as the impulse that reigns throughout all of nature—resonated with people. When we hear about Isis today, if we do not strive with all our might to revive what people felt in that era, it remains merely words. To be honest, it remains merely words. If one does not let oneself be intoxicated by the sounds of the words, it remains merely words; it does not touch the heart. What can modern man do if he wishes to awaken within himself the same ideas that were awakened in the human heart in antiquity when Isis was spoken of? Modern man can allow Goethe’s prose hymn on nature to take effect upon him. There, modern humanity is addressed in the same way that ancient humanity was addressed when Isis was spoken of. There, “what resounded from the mysterious depths of the universe when Isis was spoken of to the people of antiquity” also resounds directly. |

[ 29 ] Und bedenken wir einmal, wie wir Unrecht tun, Unrecht der Weltenentwickelung und Unrecht unserem eigenen Herzen, wenn wir nicht so hören wollen, wenn wir lieber uns rein äußerlich versetzen wollen, weil das einen alten Nimbus hat, in die Art und Weise, wie über die Isis gesprochen worden ist von den alten Menschen. Wenn von den alten Menschen von der Isis gesprochen wurde, klang aus alldem heraus ein uralt heiliges Geheimnis. Und die Sprache unserer Zeit darf von demselben Geheimnis sprechen, wahrhaftig und wirklich so tief, wie von der ägyptischen Priesterlippe es kam, wenn über die Isis gesungen worden ist. Wir dürfen nicht verkennen, wenn Tiefe waltet im neuen Geistesleben. Dann werden wir uns auch wiederum so recht als Menschen fühlen, wenn wir nicht prosaisch in unserer Empfindung werden, wenn das Heilige zu uns in der Weise tönt, wie es aus dem neueren Impuls der geschichtlichen Entwickelung heraustönen will. Und dann, wenn wir uns, ich möchte sagen, heidnisch vorbereiten an so etwas, wie der Prosahymnus es ist, dann werden wir mit all jenen Weiterungen der Seele, die uns da überkommen können, mit allen Vertiefungen der Seele, die da im Inneren sich uns erlebbar machen, mit allen Erhebungen der Seele, die uns empfindbar werden, in so etwas vertiefen, wie in manche «Faust»-Szenen oder in das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», wo wir die erwartungsvolle Stimmung einer neuen Auffassung des Mysteriums von Golgatha bei dem modernsten aller Menschen ausgesprochen finden.

[ 29 ] And let us consider how we do wrong—wrong to the development of the world and wrong to our own hearts—when we refuse to listen in this way, when we prefer to adopt, purely on the surface because it carries an ancient aura, the manner in which the ancients spoke of Isis. When the ancients spoke of Isis, an ancient, sacred mystery resounded from all of it. And the language of our time may speak of that same mystery—truly and genuinely as deeply as it came from the lips of the Egyptian priests when they sang of Isis. We must not fail to recognize when depth reigns in the new spiritual life. Then we will once again truly feel like human beings, provided we do not become prosaic in our sensibilities, provided the sacred resounds within us in the way it seeks to resound from the newer impulse of historical development. And then, when we prepare ourselves—I would say, in a pagan sense—for something like the prose hymn, then we will immerse ourselves in all those expansions of the soul that may come over us, in all the deepening of the soul that becomes tangible within us, in all the exaltations of the soul that we come to feel, we will immerse ourselves in something akin to certain scenes from Faust or the “Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” where we find, expressed in the most modern of all human beings, the expectant mood of a new understanding of the Mystery of Golgotha.

[ 30 ] Das ist etwas, was ich Ihnen andeuten wollte über ein Finden Goethes und des Goetheanismus, nicht nur so, wie das oftmals gemacht wird, dieses Finden, sondern über ein Finden, das den GoetheGeist eben findet im ganzen Gang der Menschheitsentwickelung zum Verständnisse der unmittelbaren Gegenwart, zum Erkraften jener Impulse, die wir brauchen, wenn wir uns so recht hineinstellen wollen in die Gegenwart und in die nächste Zukunft, in die wir uns nicht schlafend, wie ich oftmals betonte, sondern wachend hineinzustellen haben, wenn wir uns nicht versündigen wollen an dem Gang der Menschheitsentwickelung. Davon dann morgen weiter.

[ 30 ] This is something I wanted to suggest to you regarding a “rediscovery” of Goethe and Goetheanism—not merely in the way this is often done, but rather a rediscovery that finds the spirit of Goethe in the entire course of human development, leading to an understanding of the immediate present, to draw strength from those impulses we need if we truly wish to position ourselves within the present and the near future—into which, as I have often emphasized, we must step not in a state of slumber but with full awareness, if we do not wish to fall short of the course of human development. More on this tomorrow.